Eine Wutrede: Jesus widerspricht aus Zorn und aus Liebe – Predigt zu Johannes 5, 39 – 47 von Paul Geiß

Eine Wutrede: Jesus widerspricht aus Zorn und aus Liebe – Predigt zu Johannes 5, 39 – 47 von Paul Geiß

Jesus spricht:

Ihr (Juden) sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind's, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. Ich nehme nicht Ehre von Menschen an; aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.

Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Meint nicht, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

 

Liebe Gemeinde,

Jesus verteidigt sich gegen seine jüdischen Widersacher, da spricht ein enttäuschter, ja zorniger Jesus:

Ihr meint, ihr hättet als auserwähltes Volk das ewige Leben, aber nur ich kann Euch das wahre Leben geben!

Ich rede von Gott, meinem Vater und ihr akzeptiert das nicht.

Wenn andere sich rühmen und sich in den Mittelpunkt stellen, dann glaubt ihr denen und ehrt sie, aber Gott ehrt ihr nicht, Gottes Liebe habt Ihr nicht in Euch.

Sogar Mose hatte mich im Sinn, wenn er von Heilswirken eines künftigen Heilsbringers spricht, aber auch der interessiert Euch nicht.

Mose wird Euch vor Gott anklagen, ich halte mich da raus.

 

Was war geschehen?

Jesus hat am Teich Bethesda am heiligen Sabbat einem Menschen geholfen, er war 38 Jahre lang krank gewesen. Jesus hat ihn geheilt. Und dann hat er sein Bett selbst getragen, die orthodoxen Juden fanden das furchtbar: Du darfst am Sabbat nichts tragen, nichts arbeiten, Deine Frau darf nicht mal kochen, höchstens vierhundert Schritte tun von zu Hause aus und musst den Tag in frommer Betrachtung verbringen.

Religiöse Fanatiker hat es zu allen Zeiten gegeben und die Zehn Gebote sagen das an keiner Stelle, das sagen nur die immer enger werdenden  Auslegungen und Ergänzungen der Gebote Gottes im Prozess der Entstehung und Verschriftlichung in der Zeit nach der Vertreibung der Israeliten aus dem Stammland.

Ein jüdischer Rabbiner sagte uns vor der Klagemauer in Jerusalem: Ihr Christen habt es gut, Ihr müsst nur die wenigen Gebote halten, die für Noah nach der Sintflut galten, die noachitischen Gebote, das sind sieben Regeln.

Wir frommen Juden müssen die Tora halten, die in den fünf Büchern Mose aufgeschrieben ist.“

In der Thora sind insgesamt 613 Ge- und Verbote („Mizwot“) enthalten, die das Gerüst für religiös korrektes Verhalten bilden. Sie enthält 248 Gebote - so viele, wie der Körper Knochen hat, und 365 Verbote - so viele, wie das Jahr Tage hat. (Artikel Tora in: religion.orf.at/lexikon/stories/2556888/) Orthodoxe Juden sollen streng danach leben.

Regeln waren zum Beispiel die detaillierten Sabbatgebote. In unserer Gemeinde konnten sich die Alten, die die jüdische Gemeinde vor der Zerstörung im Dritten Reich noch gekannt haben, an den Schabbesbalken erinnern, den sogenannten Eruv, der vor dem Dorf angebracht war: Bis dahin durften die jüdischen Mitbürger am Sabbat spazieren gehen, ein Schritt mehr war schon zu viel und widersprach Gottes Gebot nach der engen Auslegung der Orthodoxie.

In Israel wird am Sabbat in streng religiösen Haushalten der Wechselstrom, der Arbeit bedeutet, auf Gleichstrom umgeschaltet, der das am vorherigen Tag vorgekochte Essen auf geringer Stufe warmhält, damit man am Sabbat nicht kochen muss. Für die Hausmänner und Hausfrauen sicher eine Erleichterung, als strenges Gebot aber eine Eingrenzung. Und Jesus hat sogar in den anderen Evangelien die Gültigkeit des Sabbatgebotes zu Gunsten des Menschen in Frage gestellt mit der einfachen Formulierung: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Damals hatten die Jünger aus Hunger Ähren vom Feld gesammelt, um etwas zu essen.

Verärgert, beleidigt und empört waren die Pharisäer und Schriftgelehrten aber nicht nur, weil Jesus den Menschen am Sabbat geheilt hat, sondern auch, weil er von sich behauptet hat, Gott sei sein Vater. „Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag“, sagte er „und ich wirke auch“ (Joh. 5, 17).

Das brachte sie so in Rage wie die Mohammed – Karikaturen vor Jahren fanatische muslimische Gläubige, die dann wegen Lästerung des Propheten zur Todesstrafe gegenüber dem Karikaturisten aufgerufen haben. Auch die frommen angeblich rechtgläubigen Pharisäer trachteten von da an Jesus nach dem Leben.

Gotteslästerung soll auch heute noch in muslimischen Staaten, die nach dem Recht der Scharia gestaltet werden, mit Tod durch Steinigung bestraft werden, eine grausame Konsequenz, die keineswegs gottgefällig ist.

Gerade vor kurzem erst durfte eine pakistanische Christin auf Beschluss des pakistanischen Verfassungsgerichtes ausreisen. Sie war durch falsche Anschuldigungen in den Verdacht geraten, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Sie saß deshalb schon seit 8 Jahren im Gefängnis mit der Androhung der Todesstrafe.

Nach den Anfeindungen der Juden verteidigt sich Jesus, seine Verteidigungsrede gipfelt in dem Zornesausbruch, der unserer Predigt zu Grunde liegt.

Gibt es Anlässe auch in unserem Leben, die uns zu solchen Verteidigungsreden berechtigen?

Ich erinnere mich an die Erzählung eines Kollegen auf einer Tagung. Er hatte seiner dreißigjährigen Tochter gegenüber kritische Töne angeschlagen über ihre Beziehung, ihren Beruf und ihre Art, ihr Leben zu gestalten. Es muss wohl ein ziemlicher Rundumschlag gewesen sein, den er gewagt hatte. Die Tochter hat nur geantwortet: Vater, das ist mein Leben und ich bin erwachsen. Von da an gingen sie getrennte Wege und ich hoffe nur, sie haben sich wieder versöhnt.

Jesus riskiert also mit dieser Wutrede, dass sich die Fronten verhärten, dass sich Menschen, die er überzeugen will, von ihm abwenden.

Auf der anderen Seite wollen wir uns doch einmal genauer ansehen, was Jesus da sagt, von dem er zutiefst überzeugt ist:

Nur ich kann Euch das wahre Leben geben, wenn Ihr mir folgt, mir glaubt und bei mir bleibt!

Gott ist mein Vater, ich habe eine besondere Beziehung zu ihm, ihr könnt mir vertrauen.

Gott weiß, welcher Wert einem Menschen zuzumessen ist, ein Mensch selbst muss sich wirklich nicht in den Vordergrund spielen.

Befragt doch mal Eure Tradition, Eure Geschichte mit Mose, sie weist auf mich hin!

Das klingt ziemlich gewagt, denn die jüdischen Gelehrten sehen das ja gerade anders.

Wenn Jesus so etwas sagt, muss er von seiner Bedeutung wirklich überzeugt sein. Das erhebt ihn für uns gerade jetzt nach Pfingsten und nach dem Trinitatis-Sonntag auf eine ganz besondere Stufe:

Jesus definiert sich nach dem Johannesevangelium als gleichrangig mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Er tut Wunder im Namen Gottes, er heilt, vermehrt Brot und Wein, redet den Jüngerinnen und Jüngern Mut zu, ist mit seinem Weg zum Kreuz und mit seiner Auferstehung ein Wegweiser und Heilsbringer ungeahnten Ausmaßes: mit seinen Heilstaten und den durch ihn vermittelten Gnadengaben in Taufe und Abendmahl ist er Teil der besonderen Beziehung zu Gott, Gott und Mensch zugleich.

 

Ich erlebe so viele Menschen, die sich abmühen, sich selbst zu optimieren, sich selbst zu verwirklichen und sich selbst im Kreis ihres Berufes, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Selbsteinschätzung einen Namen zu machen.

Sich einen Namen machen, das tut mit Vehemenz, Lügen und rücksichtslosem Umgang mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern mancher Politiker gerade vor Wahlen.

Sich Reichtum verschaffen, das tun rücksichtslose Menschen, die ihr ererbtes, erworbenes Vermögen dazu einsetzen, um koste es, was es wolle, immer reicher zu werden.

Die Liebe zu Gott und die Verankerung in einer Beziehung zu dem dreieinigen Gott jenseits unserer Welt, das halten viele Menschen für unnötig, sie haben ihre eigenen Anforderungen an sich selbst und geraten in Depressionen, wenn sie sie nicht erfüllen oder ihre Ziele nicht erreichen. Jesus ist darüber traurig und zornig.

Er besteht darauf:

Ja merken denn die Menschen nicht, dass sie sich überfordern mit ihren selbstgesetzten Geboten und Auslegungen, seien sie jüdisch, moslemisch oder meinetwegen auch in dem achtfachen Pfad des Buddhismus begründet, einem Buddhismus der fordert, sich in der rechten Erkenntnis und der rechten Gesinnung, in der rechten Rede, im rechten Handeln und im rechten Lebenswandel, im rechten Streben, in der rechten Achtsamkeit und im rechten Versenken ständig zu üben, um am Ende ein Bodhisattva zu werden, der in die Erlösung, ins Nirwana, in das Nichts eingehen kann.

(Artikel: Die vier edlen Wahrheiten – Der Kern der buddhistischen Lehre in: religion.orf.at/lexikon/stories/2568089/)

Dabei ist kaum wirklich definiert ist, was „recht“ ist. Und was „recht“ ist, widerspricht sich oft, wenn wir im Nachhinein unsere Entscheidungen überdenken.

Er besteht darauf:

Merkt Ihr denn nicht,  dass nur die Liebe zu Gott, zu Euren Mitmenschen und zu Euch selbst in diesen drei Beziehungsformen den Sinn des Lebens ausmacht?

 

Jesus ist über so viel Widerstand von seitens der jüdischen Gelehrten enttäuscht. Er will seine Jünger ermuntern, mit ihm zu leben, in seine Nachfolge zu treten, sich auf ihn zu verlassen, auf ihn, der Gott Vater nennt und seinen Jüngerinnen und Jüngern den Tröster, den Heiligen Geist verspricht, der eine ständige innere Anleitung sein kann auf dem Weg zu wahren Gottesliebe und zur Menschenliebe.

In der Nachfolge Jesu können wir das zu üben versuchen auf der Basis der Vergebung, die uns im Gottesdienst und in der Teilnahme am Sakrament des Abendmahls zugesprochen wird. Ich kann jeden Sonntag, jede Woche neu damit anfangen, ich darf mich immer wieder in der Liturgie ernsthaft der Bitte zum Kyrie – Herr, erbarme Dich – stellen und wieder beginnen aus dem Gloria – dem „Ehre sei Gott in der Höhe“ – zu leben. Deshalb sind diese Elemente in der Eingangsliturgie so wichtig.

 

So will Jesu denen, die ihn verurteilen und den Leistungspropheten heute, widersprechen, er will uns aufrütteln zum Glauben, zur Liebe, zur Nachfolge und zur Hoffnung auf die endgültige Erlösung der ganzen Welt in der Vollendung am Ende der Zeit, wenn Jesus in aller Herrlichkeit wiederkommen will, wie es uns verheißen ist.

Gewaltige Worte, aber nichts weniger empfiehlt uns Jesus in seinem Ärger über seine Widersacher und in seiner Liebe zu den Menschen, die ihm nachfolgen wollen, seinen Jüngerinnen und Jüngern aller Zeiten, so auch uns heute.

 

AMEN