"Halt dich an deiner Liebe fest" - Predigt zu 1.Korinther 13,1-13 von Elke Markmann

"Halt dich an deiner Liebe fest" - Predigt zu 1.Korinther 13,1-13 von Elke Markmann
13,1-13

Liebe Liebende und Geliebte,

diese Anrede ist uns relativ fremd. Und doch benutzt Paulus in seinen Briefen genau diese Anrede. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom spricht er die Gemeinde dort an mit: „An alle Geliebten Gottes […] in Rom.“ (Röm 1,7)
Auch andere Briefe sprechen immer wieder von der Liebe. Paulus lobt Gemeinden wegen ihrer großen Liebe. Er empfiehlt ihnen seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die oft seine Briefe überbringen. Dabei spricht er immer wieder von der Liebe.
Im Brief an die Gemeinde in Korinth steht das sogenannte „Hohelied der Liebe“, das wir vorhin gemeinsam gesprochen haben.
Hören wir noch einmal auf dieses Loblied der Liebe aus dem Brief an die Gemeinde in Korinth:

Wenn ich wie ein Mensch rede oder wie ein Engel und bin ohne Liebe, bin ich ein schepperndes Blech und eine gellende Zimbel. Und wenn ich die Gabe habe, die Zeichen der Zeit zu deuten, und alles Verborgene weiß und alle Erkenntnis habe und alles Vertrauen, so dass ich Berge versetzen kann, und bin ohne Liebe, dann bin ich nichts. Und wenn ich alles, was ich kann und habe, für andere aufwende und mein Leben aufs Spiel setze selbst unter der Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu enden, und bin ohne Liebe, hat alles keinen Sinn. Die Liebe hat einen langen Atem und sie ist zuverlässig, sie ist nicht eifersüchtig, sie spielt sich nicht auf, um andere zu beherrschen. Sie handelt nicht respektlos anderen gegenüber und sie ist nicht egoistisch, sie wird nicht jähzornig und nachtragend. Wo Unrecht geschieht, freut sie sich nicht, vielmehr freut sie sich mit anderen an der Wahrheit. Sie ist fähig zu schweigen und zu vertrauen, sie hofft mit Ausdauer und Widerstandskraft. Die Liebe gibt niemals auf. Prophetische Gaben werden aufhören, geistgewirktes Reden wird zu Ende gehen, Erkenntnis wird ein Ende finden. Wir erkennen nur Bruchstücke, und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt. Wenn aber die Vollkommenheit kommt, dann hört die Zerrissenheit auf. Als ich ein Kind war, redete und dachte ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich erwachsen wurde, ließ ich zurück, was kindlich war. Wir sehen vorläufig nur ein rätselhaftes Spiegelbild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Heute erkenne ich bruchstückhaft, dann aber werde ich erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin. Jetzt aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, diesen drei Geschenken. Und die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe. (1.Kor 13,1-13, Bibel in gerechter Sprache)

Ich denke, diese Zeilen sind sehr bekannt. Bei Trauungen werden sie zumindest teilweise gelesen. Mancher Trauspruch ist aus diesem Teil des Briefes zitiert.
Paulus betont, wie wichtig die Liebe in unserem Leben ist.
Er spricht hier nicht – zumindest nicht nur – von der körperlichen und erotischen Liebe zwischen zwei Menschen. Ihm geht es um die Liebe der Menschen zu Gott und untereinander. Die Liebe der Menschen untereinander entspringt der Liebe Gottes zu den Menschen. Ein vielfältiges und vielseitiges Hin und Her der Liebe zwischen Gott und Menschen also.
Für Paulus war die Liebe ganz klar das grundlegende Gefühl, die grundlegende Antriebskraft für das Miteinander in den Gemeinden, für das Miteinander der Menschen. Dass Gott uns Menschen liebt, war selbstverständlich für ihn.

Jetzt aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, diesen drei Geschenken. Und die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe. (1.Kor 13,13)

Nun, spätestens jetzt stellt sich mir die Frage: Ist das denn wirklich immer Liebe? Kann ich wirklich sagen, dass ich die Gemeinde liebe? Dass ich meine Kollegin liebe? Oder die Menschen in den unterschiedlichen Gruppen? Ist das wirklich Liebe? Ist das nicht eher Akzeptanz, Sympathie, Zuneigung, Nähe oder ähnliches?

Paulus spricht und schreibt griechisch. Er spricht von der Liebe mit dem Wort „Agape“. Die griechische Sprache unterscheidet zwei verschiedene Arten der Liebe: „Agape“ und „Eros“. Die deutsche Sprache kennt diese Unterscheidung auch. Wir unterscheiden im Deutschen zwischen der erotischen Liebe und der Zuneigung. Auch wir unterscheiden zwischen Agape und Eros.
„Agape“ hat aber einen ganz anderen Klang als „Liebe“. Agape verstehen wir als eine mildtätige und helfende Zuneigung oder Hinwendung. Allerdings wird Agape in den biblischen Texten immer wieder mit „Liebe“, nicht mit „Zuneigung“ übersetzt. Ich denke, dass „Agape“ auch viel mehr ist als mildtätige und helfende Zuneigung oder Hinwendung. „Agape“ ist ein großes und starkes Gefühl. Es ist ein Gefühl, das größer ist als Vertrauen und Hoffnung. Darum ist das Wort Zuneigung auch viel zu schwach.

Wie können wir diese Liebe dann verstehen? Was unterscheidet sie von der Liebe im Sinne von „Eros“ einerseits und von mildtätiger und helfender Zuneigung oder Hinwendung andererseits? Fangen wir noch einmal anders an.

(Solo oder Einspielung des Liedes „Halt´ dich an deiner Liebe fest“ von der Band „Ton, Steine, Scherben“)

Wenn niemand bei dir ist, du denkst dass keiner dich sucht
Und du hast die Reise ins Jenseits, vielleicht schon gebucht


All die Lügen, geben dir den Rest
Halt dich an deiner Liebe fest
Halt dich an deiner Liebe fest

Wenn der Frühling kommt und deine Seele brennt
Du wachst nachts auf aus deinen Träumen
Aber da ist niemand der bei dir pennt
Wenn der auf den du wartest, dich sitzen lässt
Halt dich an deiner Liebe fest
Halt dich an deiner Liebe fest

Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht
Und du bist so müde weil du nicht mehr weißt, wie's weiter geht
Wenn dein kaltes Bett, dich nicht schlafen lässt
Halt dich an deiner Liebe fest
Halt dich an deiner Liebe fest

Halt dich fest
Halt dich fest ... (an deiner Liebe...)
Halt dich fest ...

Dieses Lied sang Rio Reiser mit seiner Band Ton, Steine, Scherben zum ersten Mal 1975. Der Text stand im September vorher genau so wörtlich als letzter Eintrag in Rio Reisers Tagebuch.

Halt dich an deiner Liebe fest! – Von welcher Liebe ist hier die Rede?

Rio Reise war ein gläubiger Mensch.
Es geht um das grundlegende und lebenswichtige Gefühl der Liebe. Die Liebe zu Gott, zu den Menschen, die Liebe zu sich selbst.
Selbst, wenn wir uns völlig verlassen und einsam fühlen, sollen wir an der Liebe festhalten, so singt es Rio Reiser. Liebe ist das Gefühl, das überlebenswichtig ist. Liebe ist das höchste Gebot. Wir haben es vorhin in der Lesung gehört.

Du sollst den Lebendigen, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken, und deine Nächsten wie dich selbst. (Mt 22,37.39) 

Liebe in diesem Sinne ist nicht so etwas Schwaches wie „Zuneigung“ oder „Hinwendung“ oder „gern haben“. Es geht um viel mehr. Es geht um grundlegendes Akzeptieren. Wenn ich liebe, bin ich offen für den oder die andere. Wie in der Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, wie bei der erotischen Liebe, geht es darum, einander so anzunehmen, wie man ist. In Trauzeremonien versprechen sich die Partnerinnen und Partner heute nicht mehr: „Ich will dich lieben, bis der Tod uns scheidet.“ Vielmehr wird gesagt – so oder ähnlich: „Ich will Dich aus Gottes Hand annehmen als einen kostbaren und einmaligen Menschen. Ich will dich lieben und achten mit Deinen Eigenheiten. Deine Schwächen möchte ich annehmen und Deine Stärken fördern. Wann immer Du mich brauchst, will ich für dich da sein und Freude und Schmerz mit dir teilen. Ich will mit dir durch gute und schlechte Tage gehen.“
Diese Liebe entspricht der Liebe, von der Paulus spricht. Einander lieben und achten. Die Schwächen annehmen und die Stärken fördern, Freude und Schmerz teilen, einander in guten und schlechten Tagen begleiten.

Viele Schwierigkeiten und Missverständnisse, die es mit der Liebe gibt, entspringen der Tatsache, dass Liebe sich nicht vergleichen lässt. Liebt der eine mehr als die andere? Müssen wir Liebe überhaupt so messen und vergleichen?
Es ist schwer, sie so zu akzeptieren, wie sie uns entgegen gebracht wird. Werde ich geliebt, habe ich das Gefühl, ich müsste diese Liebe auf gleiche Art erwidern – umso schwieriger, wenn ich meine, das nicht zu können. Wie gehen wir mit solchen Unterschieden um? Wer das Mehr an Liebe des anderen Menschen akzeptieren und annehmen kann, kann sich glücklich schätzen.

Wer sich mehr mit dieser Frage auseinander setzen möchte, kann gut einmal den Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung lesen. 2016 wurde dieses Buch veröffentlicht. Es ist der Briefwechsel zweier Freundinnen, die es geschafft haben, die sehr unterschiedliche Art der Liebe zwischen sich stehen lassen zu können. Sie haben ihre Freundschaft gepflegt und sich vor keiner schwierigen Frage und Unterschiedlichkeit gescheut. Es gab allerdings genau um das Thema „Liebe“ eine Art Meinungsverschiedenheit oder Streit.
Louise Hartung lebte in Berlin, war ursprünglich Sängerin, verlor aber unter den Nazis ihren Beruf. Nach dem Krieg arbeitete sie im Jugendamt in Berlin. Dort entdeckte sie auch „Pippi Langstrumpf“. Sie lud die Verfasserin Astrid Lindgren zu einem Berlinbesuch ein. Aus dieser ersten Begegnung erwuchs eine tiefe Freundschaft.
Louise Hartung beschreibt ihre Gefühle so:
„Als ich Dich sah, Astrid, wusste ich schon […] mit absoluter Gewissheit, dass ich dich nie nie mehr verlieren möchte, dass jede Form der Beziehung zu Dir mir recht wäre, wenn sie nur dahin führt, dass Du aus meinem Leben nicht mehr herausgehst. […] Dass es Dir gelungen ist, ohne dein Wollen mein Gefühlsleben so ausschließlich auszufüllen, kann nur daran liegen, dass bei aller Verschiedenheit eine tiefe Wesensverwandtschaft besteht, wie ich sie so noch nie empfunden habe, und daher auch dieses fast unerklärliche Vertrauen.“
Astrid Lindgren hat zunächst Probleme, mit dieser starken Liebe umzugehen. Sie unterscheidet zwischen Freundschaft und Liebe. Genau das tut Louise Hartung nicht.
Sie finden aber schließlich ein Gleichgewicht in ihrer Freundschaft, schreiben sich intensive und sehr offene Briefe, machen gemeinsam Urlaub und teilen viele Leidenschaften und Gedanken.
Wer gute Lektüre über das Thema „Liebe“ sucht, sollte diese Briefe dringend lesen.

Jetzt aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, diesen drei Geschenken. Und die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe. (1.Kor 13,13)

Einander lieben und achten. Die Schwächen annehmen und die Stärken fördern, Freude und Schmerz teilen, einander in guten und schlechten Tagen begleiten.

Du sollst den Lebendigen, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken, und deine Nächsten wie dich selbst. (Mt 22,37.39)

Das ist „Agape“. Das ist die Liebe, die Gemeinden und Gemeinschaften, Freundschaften und Liebespaare zusammen hält.
Und die Liebe Gottes, der uns liebt von Anbeginn der Zeit, bleibe bei uns und stärke uns im Lieben und Leben. Amen.

 

Hinweise zur Liturgie

 

Lieder:
Du bist da (Lebensweise Nr. 53)

Du bist mein Zufluchtsort (Lebensweisen Nr. 56)

Wo Menschen sich vergessen (Lebensweisen Nr 85)

Verleih uns Frieden gnädiglich (Nagel, Lebensweisen Nr. 79)

Nach dem Gottesdienst wird eine Segnung Liebender angeboten. Im Altarraum kommen liebende Einzelne, Paare oder Familien, Freundinnen, etc. und lassen sich von der Pfarrerin Segen zusprechen.

 

Quellen:
Infos von der Homepage http://www.n-tv.de/leute/buecher/Was-Rio-Reiser-kaputt-machte-article18064096.html

Astrid Lindgren. Louise Hartung: Ich habe auch gelebt! – Briefe einer Freundschaft. Berlin 2016.

 

Perikope
14.02.2017
13,1-13

Sehnsucht nach dem Paradies – Predigt zu 1. Korinther 13,8-13 von Anja Lochner

Sehnsucht nach dem Paradies – Predigt zu 1. Korinther 13,8-13 von Anja Lochner
13, 8-13

Liebe Gemeinde,

Es ist überwältigend! schwärmt einer, der hier Urlaub macht. Seit vielen Jahren schon. Und jedes Jahr wieder ist es so: überwältigend. Der erste Blick aufs Meer. Bis zum Horizont direkt in den Himmel hinein. Und dann: die Schuhe ausziehen! Mit nackten Füßen an den Flutsaum laufen, rennen!, an die Grenze zwischen Wasser und Land, zwischen festem Grund unter den Füßen und blauer Unendlichkeit.

Mama guck mal – das Meer! Ferienkinder werfen den allerersten Blick. Eigene Kindheitserinnerung wird wach an sommerlanges Buddeln am Strand. Tunnel, Burgen, Murmelbahnen. Zeit-und selbstvergessen.

Ein Theologe des 19.Jh. – Friedrich Schleiermacher war sein Name – hat den Blick auf Meer für den Grund aller Religion gehalten. Tatsächlich kommt manchem am Meer Gott nahe. Vielleicht weil seit Beginn der Zeiten sein Geist über den Wassern schwebt.

(Schauen Sie mal auf Seite 1 Ihrer Bibel nach.)

Stell dir vor, dir bleibt nur noch wenig Zeit zum Leben, sagt eine, was würdest du unbedingt noch tun. – Dies und das zählt sie auf und: noch einmal das Meer sehen.

Urlaubsträume sind oft Meeresträume. Im Urlaub suchen wir das Weite – und was ist weiter als das Meer? Der Mensch wird still angesichts des Unendlichen. Dort das ewige Kommen und Gehen - und hier das eigene kleine Leben.

Wenn ich sehe das Meer... deiner Finger Werk, Sterne, Sonne, Mond ... was ist schon der Mensch, dass du seiner gedenkst – fragt ein alter Psalm. Und er gibt selbst die Antwort: keine Sorge – Gott gedenkt ja seiner Menschen, Gott weiß, er nimmt sich seiner Menschenkinder an, sie liegen ihm am Herzen.

Das Meer verwandelt. Den härtesten Kerl in einen Romantiker. Sonnenuntergänge sind die größten Attraktionen hier – manchmal gibt es sogar Applaus! Beifall für das großartige Schauspiel am Meer. Und für ihren Regisseur.

Corinna Masekowsky:

Erich Fried hat einmal geschrieben:

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen

nur Meer

Nur Meer

(Erich Fried)

 

Pastorin Anja Lochner:

Wenn man ans Meer kommt... soll man zu schweigen beginnen... und aufhören zu sollen und nichts mehr wollen wollen ...nur Meer, schreibt Erich Fried.

– es sind seltene glückliche Momente, in denen das gelingt.

Wenn ich ans Meer komme,

denk ich vielleicht schon wieder: ich hätte doch lieber in den Süden fahren sollen, womöglich regnet‘s morgen, wer weiß.

Denk ich vielleicht schon wieder: was sind zwei Wochen… hier müsste man sich eine Wohnung leisten können, aber wer kann das schon.

Denk ich vielleicht schon wieder: an die Kollegin gestern im Job und merke den Ärger noch immer in mir.

So ist das mit dem Paradies – es gibt so Augenblicke. Glücksmomente und nichts mehr wollen wollen. Doch kaum haben wir einen zu fassen, entwischt er uns schon wieder.

Oder wir machen ihn selbst kaputt.

Wenn die Saison zu Ende ist im Urlaubsparadies, sammeln wir, was so liegen blieb und angeschwemmt wurde - 10 Kubikmeter Plastik allein im Naturschutzgebiet am Sylter Ellenbogen. Kaum haben wir einen Zipfel zu fassen, machen wir ihn selbst kaputt.

Der Apostel Paulus schreibt von Bruchstücken. Die Zipfel, die Glücksmomente, die Lieblingsorte. Lauter Bruchstücke. Teile.

Und stets sind wir auf der Suche - und irgendwie auch süchtig, sehnsüchtig - nach dem Ganzen.

Ähnlich dem kleinen Häwelmann. Kennen Sie ihn? Theodor Storm hat die Geschichte aufgeschrieben. Der kleine Häwelmann will nicht schlafen. Er will in seinem kleinen Rollenbett lieber gefahren werden. Aber es reicht ihm nicht. Er schreit immer nur „mehr!“… „mehr...!“ Hoch hinaus will er in seinem Rollbettchen. Nicht genug kann er bekommen. Fliegt er über die Stadt, will er zum Wald, will er zum Mond und den Sternen … und immer noch: mehr, mehr! Hat er einen Zipfel zu fassen, will er das Ganze. Erlebt er einen wunderbaren Augenblick - statt ihn zu genießen,- verlangt er: verweile doch, du bist so schön. Das Glück soll ewig dauern. Und ist gewiss noch zu steigern.

Die Schmetterlinge im Bauch der Verliebten. Mehr, mehr. Nochmal, nochmal!

Paradiesisch soll das Leben sein. Perfekt. Die perfekte Liebe. Der perfekte Job. Der perfekte Körper. Gesund und schön.

Jenseits von Eden lockt noch immer die Schlange, die einst Adam und Eva im Paradies verführte. Vertraue mir… ich zeige dir, wie du vollkommen wirst. Du musst dich nicht mit Bruchstücken zufrieden geben. Ich zeige dir das Ganze, das vollkommene Glück.

Und so suchen wir unser Heil: im Urlaub auf Sylt. Und wehe es regnet! Wehe, es gibt Streit! Oder der Tisch im Lieblingsrestaurant ist besetzt. Wehe, wir stoßen auf Flüchtlinge hier im Urlaubsparadies.

Wir suchen unser Heil in Heilsversprechen. Du musst deinen BMI erreichen. Deinen ganz persönlichen Body-Mass-Index. Dann wirst du dich wohlfühlen in deinem Körper. Dann wirst du lange glücklich und gesund und begehrt leben.

Oder: lebe vegan. Und du kannst wahlweise dich selbst oder die Welt retten. Tatsächlich versprechen manche vegane Vereinigungen, dass der Körper nicht älter, sondern jünger wird!

Wir jagen dem idealen Körper, der optimalen Partnerschaft, dem vollkommenen Urlaub nach – doch das erstrebte Ziel ist nicht zu erreichen. Denn da geht mit Sicherheit immer noch was. Immer noch besser. Noch mehr. Noch perfekter. Eine gnadenlose Jagd..

Fulbert Steffenski schrieb einmal: Es gibt Leiden, das durch überhöhte Erwartung entsteht, durch die Erwartung, dass die eigene Ehe vollkommen sei; dass der Partner einen vollkommen erfülle; dass der Beruf einen vollkommen ausfülle; dass die Erziehung der Kinder vollkommen gelingt. So ist das Leben nicht. Die meisten Ehen gelingen halb, und das ist viel. Meistens ist man nur ein halber guter Vater, eine halbe gute Lehrerin, ein halber glücklicher Mensch, und das ist viel. Gegen den Totalitätsterror möchte ich die gelungene Halbheit loben, Die Süße und die Schönheit des Leben liegt im begrenzten Glück, im begrenzten Gelingen, in der begrenzten Ausgefülltheit. Hier ist uns nicht versprochen alles zu sein

Wie hat Paulus gesagt?

Jutta Ringele:

als ich ein Kind war,

redete ich wie ein Kind.

Ich urteilte wie ein Kind

und dachte wie ein Kind.

Als erwachsen geworden war,

legte ich alles Kindliche ab.

Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke.

Aber dann werde ich vollständig erkennen,

so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt.

Pastorin Anja Lochner:

Wir haben einen gnädigen Gott! Er hat uns erschaffen wie wir sind: begabt und begrenzt. Und vor allem geliebt! Hör auf zu jagen, sagt er. Hör auf, so gnadenlos zu sein mit dir selbst und der Welt.

Schau, was alles da ist. …. Auch wenn sicher was fehlt, etliches besser sein könnte, Schau auf das, was du bist, was dir anvertraut ist, was du kannst.

Wir können die Welt nicht in ein Paradies (zurück)verwandeln, aber wir können sie lieben und achten und vieles zum Guten wandeln, sie kein Paradies, aber doch eine Heimat sein lassen für viele.

Wir können nicht die vollkommene Liebe leben, werden uns immer wieder auch streiten, verletzen, auf die Nerven gehen. Aber wir können zu lieben versuchen, einer den anderen und auch uns selbst.

Diese Welt ist nicht das Paradies und wir werden es auf Erden auch nicht finden, es sei denn die Not und das Elend der anderen, die mit uns auf dieser selben Erde leben, sind uns gleichgültig.

Aber wir können auf paradiesische Bruchstücke stoßen, und sie sind Teile eines größeren, eines großartigen Ganzen.

Wenn man ans Meer kommt… und wenn der Sonnenuntergang so schön ist. . Wenn wir Liebe erleben. Wenn das Flüchtlingsmädchen in der Schule meiner Tochter wieder lachen gelernt hat. Lauter Bruchstücke, wie die Spiegelstücke in einem Kaleidoskop.

Jutta Ringele:

Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke.

Aber dann werde ich vollständig erkennen,

so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt.

Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei.

Doch am größten von ihnen ist die Liebe.

Pastorin Anja Lochner:

Jetzt nur Bruchstücke, sagt Paulus, aber dann. Dann am Ende die Liebe ganz und gar. Sie ist, was bleibt. Sie ist, worauf alles ankommt.

Jetzt Bruchstücke, Hinweise , Vorgeschmack aufs Kommende. Dann ist Gott alles in allem.

Das Beste liegt vor uns, es kommt zum Schluss. Gott hält es für uns parat. Versprochen.

Amen

Perikope
28.08.2016
13, 8-13

Das mit dem Menschenfischen – Predigt zu 1. Korither 1,18-25 von Kathrin Oxen

Das mit dem Menschenfischen – Predigt zu 1. Korither 1,18-25 von Kathrin Oxen
1,18-25

Ich kenne einen, der es macht. Das mit dem Menschenfischen. Er heißt Klaus Vogel und er ist Kapitän auf großer Fahrt. Er steuerte viele Jahre lang große Containerschiffe über die Weltmeere. Er weiß, dass nach dem internationalen Seerecht alle Schiffe dazu verpflichtet sind, Schiffbrüchige außerhalb der 12-Meilen-Zone zu retten. Er hat erlebt, dass das nicht immer geschieht, wenn ein Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs ist. Und wenn die Schiffbrüchigen in einem vollgestopften Schlauchboot sitzen und schwarze Haut haben.
Eines Tages hat er bei seiner Reederei gekündigt und zusammen mit anderen eine Hilfsorganisation gegründet. Sie heißt SOS Méditerranée. Ihr Ziel: mit einem eigenen Schiff im Mittelmeer Flüchtlinge retten. Seit Februar ist die Aquarius vor der libyschen Küste unterwegs. Klaus Vogel sagt, er hätte nicht damit gerechnet, wie schlecht es den Menschen geht, die gerettet werden. Sie waren jahrelang unterwegs. Sie sind misshandelt worden. Fast alle Frauen wurden vergewaltigt. Niemand von ihnen hat auch nur eine Vorstellung davon, was es heißt, auf das Meer hinaus zu fahren. Und man setzt sie in Boote, die höchstens ein bis zwei Tage durchhalten können, bevor sie sinken. Die Aquarius hat bis jetzt fast 2000 Menschen gerettet. An Bord wurde auch schon ein Baby geboren.
Klaus Vogel hat alles zurückgelassen am Ufer seines bisherigen Lebens. Er fischt jetzt Ertrinkende aus dem Mittelmeer. Jesus hat das so wörtlich nicht gemeint, als er vom Menschenfischen gesprochen hat. Aber er muss so etwas gemeint haben, als er sagte: Folge mir nach!

Ich kenne einen, der es macht. Ein Mensch wie Klaus Vogel rettet nicht „nur“ Flüchtlinge vor dem Ertrinken. Er rettet auch meine Hoffnung auf eine andere Welt als die Welt, in der wir gerade leben. Eine Welt, in der am liebsten alle Länder Inseln wären wie Großbritannien und ablegen wollen und sich losmachen von einer gemeinsamen Verantwortung und von gemeinsamen Werten. Eine Welt, in der aus einem Land ganz ohne Küste, aus Österreich, allen Ernstes Vorschläge kommen, dass die Flüchtlinge doch auf irgendeine Insel gebracht werden sollen. Was dann weiter mit ihnen passieren soll, hat leider niemand gesagt. Denn:

Nicht umsonst heißt es in der Schrift:
»Die Klugen werde ich an ihrer Klugheit scheitern lassen;
die Weisheit derer, die als weise gelten, werde ich zunichte machen.«
Wie steht es denn mit ihnen, den Klugen, den Gebildeten, den Vordenkern unserer Welt?

Ich habe genug von der Klugheit dieser Welt. Mir geht es so, wie es der Schriftsteller Navid Kermani sagt. Er hat bei der Trauerfeier für Rupert Neudeck gesprochen, für den anderen großen Menschenfischer, den Gründer von Cap Anamur.
Ich will „nicht die Mitleidlosigkeit aushalten, denn sie entspricht mir überhaupt nicht, weder den Anlagen, die Gott mir mitgegeben hat, noch der Fürsorge, die ich durch meine Eltern erfahren habe und schon gar nicht der Zivilisation, in der ich aufgewachsen bin. Das Mitgefühl ist der natürliche, der menschliche Impuls, nicht die Gnadenlosigkeit.“ (Navid Kermani im SPIEGEL 25/2016)

Ich habe genug von der Klugheit dieser Welt und von den Bildern im Fernsehen, die mir die Tränen in die Augen treiben. Ich weine aus Mitleid. Und aus Ohnmacht über die Gnadenlosigkeit in der europäischen Politik. Aus Wut über die Herzlosigkeit und Dummheit all der Menschen, die Leuten nachlaufen und Leute wählen, die sagen, dass es am besten ist, wenn man sich das Mitleid abgewöhnt und gnadenlos wird.

Ich war gestern im Freibad mit meinen Kindern und da waren eine ganze Menge junge Männer aus Syrien, die hatten genauso viel Spaß auf der Wasserrutsche wie mein Sohn. Und ich habe gedacht: Es ist vielleicht das erste Mal für sie, dass sie so etwas erleben: Wasser und Sonne - und keine Angst mehr haben. Und in unserer Stadt sehe ich Kinder, die ganz bestimmt nicht in Sachsen-Anhalt geboren sind und die fahren so ein bisschen mit ihrem Fahrrad herum an einem Sommerabend, wie Kinder es gerne machen, meine Kinder auch. Und die Häuser um sie herum sind heil und es fallen keine Bomben. Und sie sind hier und in Sicherheit. Ich weiß nicht, warum ich ihnen nicht gönnen sollte, was ich mir selbst doch auch wünsche, für mich und für meine Kinder. Ich habe wirklich genug von der Klugheit der Welt.
Hat Gott die Klugheit dieser Welt nicht als Torheit entlarvt?
Denn obwohl sich Gottes Weisheit in der ganzen Schöpfung zeigt,
hat ihn die Welt mit ihrer Weisheit nicht erkannt.
Deshalb hat er beschlossen, eine scheinbar unsinnige Botschaft verkünden zu lassen, um die zu retten, die daran glauben.
Die Juden wollen Wunder sehen, die Griechen fordern kluge Argumente.
Wir jedoch verkünden Christus, den gekreuzigten Messias.
Für die Juden ist diese Botschaft eine Gotteslästerung
und für die anderen Völker völliger Unsinn.
Für die hingegen, die Gott berufen hat, Juden wie Nichtjuden,
erweist sich Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Ich habe genug von der Klugheit der Welt und vor allem von den Menschen, die angeblich auch noch das christliche Abendland verteidigen wollen. „Das Christentum, auf das sie sich manchmal berufen, hat sie die Gnadenlosigkeit nicht gelehrt. Wenn die deutsche oder die abendländische oder überhaupt irgendeine Kultur etwas lehrt, dann ist er der Großmut und die Gastfreundschaft.“ (Navid Kermani)
Ja, es könnte sein, dass der Großmut und die Gastfreundschaft irgendwann einmal jeden von uns etwas kostet. Ich habe bis jetzt aber noch keinen einzigen Cent unfreiwillig für all die Flüchtlinge bezahlen müssen, die jetzt bei uns sind. Was Deutschland im vergangenen Jahr getan hat, als die Grenzen offen waren, das war für die anderen Völker Europas offenbar völliger Unsinn. Für mich war es das Zeichen einer Kraft und einer Weisheit, die zu Gott gehören.

Mit der Botschaft vom Kreuz ist es nämlich so:
In den Augen derer, die verloren gehen, ist sie etwas völlig Unsinniges;
für uns aber, die wir gerettet werden, ist sie der Inbegriff von Gottes Kraft.

Ich kenne noch einen, der es gemacht hat. Gott ist nichts Besseres eingefallen, als sich an ein Kreuz nageln zu lassen, damit die Welt auf ihn aufmerksam wird. Und die Botschaft vom Kreuz steht jetzt in der Welt. Gott selbst hängt da, am Rande der Stadt, gefoltert, nackt und verrenkt, erstickt und verdurstet. Und alle schauen dabei zu. Oder schauen lieber weg, was man ja auch wirklich verstehen kann. Nein, haben sie schon zu Paulus in Korinth gesagt, so haben wir uns das mit Gott nicht vorgestellt. Das ist doch kein Gott, da am Kreuz. Das ist nur schrecklich und abstoßend.

Ich kenne einen, der es trotzdem so gemacht hat. Ich glaube: Was wir da am Kreuz sehen, das ist Liebe, in ihrer äußersten Form. Wir denken Liebe zuerst oft als das, was sich zwischen zwei Menschen abspielt. Und auch dabei geht es um Hingabe. Wer weiß das nicht? Liebe ist so, sie riskiert doch immer, dass sie nicht verstanden und nicht angenommen wird.
Und zu jeder großen Liebe gehört eine Hingabe, die mehr tut als das, was noch vernünftig oder überhaupt vernünftig wäre. Dass man sterben könnte für den anderen, das wird meistens im Überschwang der Gefühle gesagt. Aber das das tatsächlich mehr ist als nur romantische Worte, dass das wirklich passieren kann, weiß jeder, der schon einmal in die Tiefen der Liebe geraten ist:
In einer sehr großen Liebe zwischen zwei Menschen kann das so sein. Es ist in der Liebe zu dem eigenen Kind. Auch on der Hilflosigkeit an einem Krankenbett und am Sarg eines geliebten Menschen. Da gibt man etwas von seinem eigenen Leben her um der Liebe willen. Da würde man etwas von seinem eigenen Leben geben für den anderen.

Gott ist nichts anderes eingefallen, damit wir auf ihn aufmerksam werden, als uns diese Liebe und Hingabe zu zeigen. In Jesus ist sie lebendig geworden. Ein Mensch, der nicht für sich, sondern nur für andere gelebt hat. Familie und Besitz waren ihm völlig egal. So konsequent war er in seiner Liebe, dass er denen, die ihn geschlagen haben, noch die andere Wange hingehalten hat.
Sein Weg endete am Rand der Stadt, geschlagen und gekreuzigt, nackt, erstickt, verdurstet. Und Gott war in diesem Menschen. Ach, schon damals in Korinth wollten sie Gott nicht in einem solchen Menschen erkennen. Und heute auch nicht. Denn die Botschaft vom Kreuz ist Hingabe und ein Leben, das man für andere lebt.
Ich habe genug von der Klugheit der Welt. Ich will mir mein Mitleid nicht abgewöhnen müssen und meine Tränen verstecken. Und ich glaube: Gott ist in all den Menschen, die zu uns kommen als Fremde, an den Rand unserer Städte, hungrig und durstig, nackt und krank, gefoltert und gefangen. Und deswegen brauche ich Menschen wie Klaus Vogel und Rupert Neudeck. In ihnen erkenne ich die radikale Liebe und Hingabe Jesu wieder. Navid Kermani sagt über sie: „Es brauchte zu allen Zeiten einzelne Menschen, die alles geben, die so vielen Menschen helfen wie es eben nur geht, ohne zu fragen, was für sie selbst übrig bleibt.

Ich weiß nicht genau, wie Klaus Vogel es im Moment mit seinem Lebensunterhalt macht. Er geht einen Weg, den ich nicht gehen kann, weil ich so gebunden bin durch meine Familie und durch Besitz. Aber er tut, was ich am liebsten auch tun würde.
Es ist wichtig für mich, dass ich wenigstens einen kenne, der es macht.
Damit ich nicht verrückt werde an dieser Welt.
Damit ich mit gerettet werde.

Mit der Botschaft vom Kreuz ist es nämlich so:
In den Augen derer, die verloren gehen, ist sie etwas völlig Unsinniges;
für uns aber, die wir gerettet werden, ist sie der Inbegriff von Gottes Kraft.

Amen.

Perikope
26.06.2016
1,18-25

Inszenierte Paradoxie – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Christoph Maier

Inszenierte Paradoxie – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Christoph Maier
1,18-25

Liebe Gemeinde,
ein ganz und gar außergewöhnliches Wort. Ein Bibelwort wie ein Tornado. Paulus saugt die Worte auf, wirbelt sie herum, dass einem schwindlig wird. Dann spuckt er sie wieder aus, und sie setzt sich neu zusammen:
Weisheit der Weisen, Torheit Gottes, Skandal ist Gotteskraft, Schwachheit ist Stärke, Ärgernis ist Weisheit Gottes. „Die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind und die Ohnmacht Gottes stellt alle menschliche Stärke in den Schatten!“ (V. 25, Menge-Bibel)
Die Gelehrsamkeit der Gelehrten – zugrunde gerichtet.
Der Verstand der Verständigen – zunichte gemacht
.“ (Jes 29,14, eigene Übersetzung und Verknappung aus dem Griechischen)

Was ist das für ein Wort, das uns heute Morgen beschäftigt. Es ist: „das Wort vom Kreuz“ (V. 18).
Das Wort vom Kreuz verkündigt den Messias als gekreuzigten.
Sprengstoff der Extremismus zerfetzt. Ey, was bist du? Gott? – Du Opfer!
Messias – der große Endzeitherrscher und König, hingerichtet von Römern.
Weisheit der Welt: Gott ist Tot. Das Ende der Religion.

Das Wort vom Kreuz aber lebt.
Das Wort vom Kreuz hält meine Welt offen für die hereinbrechende Gotteskraft.

Am Anfang war das Wort. Das Wort vom Kreuz.
... und das Wort war bei Gott und Gott selbst war das Wort (Joh 1,1)– und wir haben seine Herrlichkeit gesehen als des hingerichteten Verlierers voller Ohnmacht in grausamer Unbarmherzigkeit.

Das Wort vom Kreuz – ist uns das noch annähernd ein Ärgernis, ein Skandalon oder zumindest eine unsinnige Botschaft? Haben wir uns nicht längst daran gewöhnt an den Gekreuzigten. Über jedem Altartisch thront er, mal mit mal ohne Heiligenschein, der herrliche Gekreuzigte. Der Un-Sinn wurde zum Glaubensmaßstab überhöht, der Verachtete zum Märtyrerhelden gekrönt. Der Skandal in Erlösungslehre verwandelt – Bücherregale füllend! „Wozu Jesus am Kreuz gestorben ist“ – den Un-Sinn mit Sinn überfrachtete und überdeckt. Doch das Wort vom Kreuz ist Dynamit – ist Gotteskraft. Das Wort vom Kreuz ist Sprengstoff, der Extremismus zerfetzt. Damals wie heute. Ein gekreuzigter Messias - unvorstellbar.

Doch Paulus hält daran fest: keine Gotteskraft ohne Skandalon! Das heißt aber auch: keine Weisheit Gottes ohne nachempfundenen Unsinn!

Paulus inszeniert den Widerspruch in sich, den stummen Schrei, die schwarze Sonne, die ehemalige Zukunft, das offene Geheimnis, den gekreuzigten Messias.
Ein Paradox. Wie lässt sich ein Paradox verkündigen?
Aufgelöst in Weltenweisheit mit vielen Erklärungen, die klug genug erscheinen, um den Widerspruch vergessen zu machen. Aufgelöst als Unsinn, der Spannung beraubt weil für nicht relevant erklärt.

„Wir aber predigen den gekreuzigten Christus als Gotteskraft und Gottes Weisheit.“

Das Wort vom Kreuz – paradoxe Dynamis – Gotteskraft.
Das Wort vom Kreuz. Verdichteter kein-Sinn explodiert zu neuem Leben.

Simon Petrus war ein erfahrener Fischer. Von der Sinnlosigkeit dieser Aktion musste man ihn nicht überzeugen: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“ – und jedes Kind weiß, das wird bei Tag nicht besser. „Aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Und dann? Verdichteter kein-Sinn explodiert zu neuem Leben. Die „Netze begannen zu reißen und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“

Das war so ein Wort – so ein Wagniswort. So ein Wort vom Kreuz. Das Wort vom Kreuz hält meine Welt offen für die hereinbrechende Gotteskraft.

Der Evangelist Johannes erzählt diese Geschichte des Wagniswortes nicht zu Beginn des Evangeliums, wo Lukas die Geschichte platziert. Bei Johannes ist es eine späte Jüngerberufung des Petrus. Ganz zu Ende, als nicht nur die Hoffnung auf den Fang einer Nacht enttäuscht war, sondern als die Hoffnung auf den Messias den Retter und Erlöser enttäuscht war, da spielt unser Evangeliumstext nach Johannes. Petrus begegnet dem Auferstandenen. Paradoxe Dynamis – Gotteskraft.

Sie waren wirklich überzeugt davon, dass es keinen Sinn mehr macht. Zu oft wurde die Liebe enttäuscht. Immer wieder standen Sie sich mit den gleichen blöden Eigenschaften gegenseitig im Weg. Nach aller Weltenweisheit wäre eine Trennung, der einzig logische Schritt gewesen. „Wir sind am Ende – es hat keinen Sinn mehr.“
Wer sagt den beiden, dass Verdichteter kein-Sinn zu neuem Leben explodieren kann? Wer schafft Vertrauen für das Wagniswort? Wer glaubt an Auferstehung?
Das Wort vom Kreuz hält meine Welt offen für die hereinbrechende Gotteskraft.
Und Jesus sagt: Werft eure Netze noch einmal aus – versucht einander noch einmal zu gewinnen.

Es macht keinen Sinn mehr etwas zu sagen. Die Zeit der großen Bilder ist vorbei. Die elenden Zustände des wilden Flüchtlingscamps in Idomeni geräumt und bereinigt. Der Empörungssturm über das Gerede vom Schießbefehl für deutsche Grenzer hat sich längst gelegt. Währenddessen wird an der syrisch-türkischen Grenze tatsächlich auf Flüchtlinge geschossen. Hat es da noch Sinn auf eine gerechtere Welt zu hoffen, gar auf Frieden?
Selbst wenn all unsere Werte gekreuzigt würden und der Realpolitik geopfert würden, die Botschaft vom gekreuzigten Messias schreit genau dort lauter denn je: Werft die Netze noch einmal aus. Gebt die Hoffnung nicht auf. Euer Einsatz wird Frucht tragen.
Das Wort vom Kreuz hält meine Welt offen für die hereinbrechende Gotteskraft, die alles verändern kann.

Jemand muss die Stimme erheben und das Wort sagen.

Amen

Perikope
26.06.2016
1,18-25

Von der Schwachheit Gottes – Predigt zu 1. Korinther 1,18-31 von Christina Costanza

Von der Schwachheit Gottes – Predigt zu 1. Korinther 1,18-31 von Christina Costanza
1,18-31

I Kein ganz normaler Weihnachtsbrief

Rundbrief von den Mayfields aus Portland, USA, Weihnachten 2015. Vor genau einem halben Jahr also.
Einer dieser üblichen Rundbriefe. Ganz oben das Foto von vier Menschen, zwei kleinen und zwei großen. Mutter mit Baby im Arm, daneben der Vater, der fürsorglich den Arm um die beiden legt, davor die fünfjährige Tochter, fröhlich grinsend. Auch die Eltern schauen lächelnd in die Kamera.
Im Brief steht, was das Jahr so gebracht hat für diese vier Menschen.
Und da wird es ungewöhnlich.
Der Brief beginnt mit den Worten (ich übersetze aus dem Englischen): „Hallo! Grüße von den Mayfields. Das war das härteste Jahr, das wir jemals hatten, und wir haben uns noch nicht erholt!“
Und wo in den meisten Weihnachtsrundbriefen erzählt wird, was Gutes geschehen ist im vergangenen Jahr, oder doch zumindest Normales (Einschulung eines Kindes, Flötenkonzerte, Stress bei der Arbeit, aber es wird schon besser, Erinnerungen an den Sommerurlaub oder Ähnliches), schreibt D.L. Mayfield, die Mutter, was hart war im letzten Jahr.

Ich bewundere ihre Ehrlichkeit. Wie sie nichts beschönigt. Offen schreibt und sich verwundet zeigt: Von der traumatischen Geburt der jüngeren Tochter und dem anschließenden Krankenhausaufenthalt, vom Umzug in eine andere Stadt weit weg von Freunden und Verwandten, in ein überfülltes, lautes, verschmutztes Mietshaus. Sie schreibt von den Versuchen ihres Mannes, genügend Geld für die Familie zu verdienen, von der Angewiesenheit auf Lebensmittelgutscheine. Von der Depression, an der sie selber erkrankt, so dass sie kaum noch ihrem eigenen Beruf – D.L. Mayfield ist Schriftstellerin – nachgehen kann, und das Versorgen der beiden kleinen Mädchen zur großen Anstrengung wird. D.L. Mayfield schreibt von Angst und Schwäche, von Verzweiflung und Einsamkeit. Acht Monate im „Überlebensmodus“, wie sie es selber nennt. Es geht nur noch ums Überleben, ums irgendwie Durchkommen. „Wir haben nicht die Energie Euch vorzumachen, dass es uns gut geht – denn es geht uns nicht gut.“

 

II Das Wort vom Kreuz...

(aus 1 Kor 1,18-31; Abschnitt wird als Ganzer als Epistel gelesen)
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.
Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.
Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;
und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

Worte aus einem anderen Rundbrief, fast zweitausend Jahre alt. Paulus schreibt an die Christen in Korinth, was für ihn das Wichtigste an seinem Glauben ist. Was ihn tröstet und was ihm Kraft gibt. Das will er teilen, mit den Menschen in Korinth, und ich lese es, als hätte er an mich geschrieben, an die Mayfields und an alle, die sich einmal verloren gefühlt haben, ganz und gar.
Diesen Verlorenen kommt der nahe, der sich selber aufgibt. Der seine Macht und seine Kraft preisgibt.
Das Wort vom Kreuz erzählt eine Geschichte der Erniedrigung und Schwäche. Das Besondere: Gott selber wird schwach. Gibt das Gotteskind Jesus in dunkelster Stunde preis. Lässt zu, dass das Gotteskind zum Folteropfer wird. Schlimmere Schmerzen, größere Angst kaum vorstellbar. Die, die ihn verhöhnen, haben recht: Da greift kein allmächtiger Gott ein. Gott ist schwach.

 

III ... ist eine Torheit

„Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Überhöhung [im Original: Hypostasierung] des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir genießen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen. (...)
Meine Tochter früher in der Kirche zu wissen, wo sie als Grundschülerin gelegentlich die Fürbitte las, weil sie so gut lesen konnte (...), meine Tochter unterm Kreuz zu wissen, war unangenehm.“
So schreibt Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller. Ein Muslim, der sich den christlichen Glauben anschaut, wie er ihn erlebt als ein Mitmensch – und er staunt über diesen Glauben, über seine Schönheit, seine Kraft. Und gerade deshalb schreibt er, was er ablehnt am Kreuz. Kermanis Worte sind wie ein Weckruf für mich, die ich Kreuze so gewohnt bin, dass ich sie am Wegesrand, an der Wand des Klassenzimmers, an der Halskette einer Frau kaum noch wahrnehme:
Auf was wir hier vorne schauen, das Kreuz, es ist ein Folterinstrument. Mit ihm wurden Menschen getötet, unter schlimmsten Qualen. Es als „unangenehm“ zu bezeichnen, das eigene Kind unterm Kreuz zu wissen, in einer Kirche oder einer Schule, ist noch zurückhaltend. Manchmal habe ich ihn gesehen, den Schrecken in den Augen meiner Kinder, als sie ein Kreuz mit totem Jesus anschauten. Und beim Blick in ihre Augen etwas von der Tiefe dessen geahnt, was auf Golgatha wirklich geschehen ist: Ein Mensch wie ich und wie mein Kind wurde hingerichtet, blutig, hat geschrien, ist verendet.
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit...“
Navid Kermani versteht Paulus gut. Er weiß, dass das Kreuz allem widerspricht, was Menschen sich von Gott erhoffen, und dass es allem widerspricht, was sie von Gott wissen können. Ist ein Gott, der schwach wird, überhaupt noch ein Gott? Ist Gott selber am Kreuz gestorben, so dass er keinen mehr retten kann? Hat er das, was er so gut geschaffen hat, aufgegeben an diesem dunkelsten aller Tage?

 

IV Menschwerdung

Es gibt in dem Weihnachtsrundbrief von D.L. Mayfield kein Happy End. Vielleicht sagen die Mayfields mittlerweile, nach diesem ersten halben Jahr 2016: Es geht bergauf. Das Baby schläft durch, immerhin Schlaf. Die Medikamente gegen die Depression wirken. Die Fünfjährige schließt erste Freundschaften am neuen Ort, und es gibt ein paar nette Nachbarn. Wahrscheinlich aber werden die Vier es noch eine Zeitlang schwer haben.
Sie werden es schwer haben – und inmitten all dieser Schwere und Traurigkeit, inmitten all ihrer Verlorenheit ist Gott. Ein kurzer Satz nur im Brief weist darauf hin, dass D.L. Mayfield das glaubt. Sie schreibt:
„Dieses harte Jahr war das Jahr, in dem ich Jesus erkannte – als meinen geschlagenen, verletzten Bruder. Und ich merke, wie er niemals meine Seite verließ.“
Mit diesen Worten, Worten vom Kreuz, wird der Rundbrief zum Weihnachtsrundbrief. Nicht, weil er im Dezember geschrieben wurde. Sondern weil er davon erzählt, wie ein Mensch Gott noch in der größten Traurigkeit spürt. Nicht als den mächtigen Schöpfer, der alles gut macht, nicht als den starken Retter, der Unheil wendet. Sondern als den, der gerade dann spürbar wird, wenn alles verloren ist. Wie ein Licht, obwohl es dunkel ist. Wie ein Lächeln unter Tränen. Wie eine Kraft in größter Schwäche.
Auch Navid Kermani kennt diese Kraft, die vom Kreuz ausgeht. Eine Zeitlang hat er selber auf seinem Schreibtisch ein Kreuz stehen, von einem Bildhauer aus Stahl geformt, und er empfindet, „wie es erst den Tisch, dann den Raum verwandelt“. Dieses Kreuz, es ist für ihn deshalb „so voller Segen“, weil es für die Menschwerdung Gottes steht.

 

V Gott will im Dunkel wohnen

Eben darum geht es im Wort vom Kreuz: Gott gibt Menschen Kraft, indem er selber Mensch wird, selber schwach. Er geht so tief in seine Welt ein, dass sein Gottsein, seine Macht verborgen ist. Aber gerade deshalb ist seine Schwachheit stärker als alles andere. Weil er, Gott, dabei ist in allem, was Menschen geschehen kann. Nichts kann mich trennen von ihm.

„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.“ Die Melodie dieses Weihnachtsliedes klingt in meinen Ohren mit, wenn ich das Wort vom Kreuz höre. Auf der Höhe des Jahres, kurz nach dem Johannistag – der Kehrseite des Weihnachtsfestes – bringt es einen weihnachtlichen Ton in den Sommer. Das Wort vom Kreuz erzählt vom Höhepunkt der Weihnachtsgeschichte, der nicht im Engelchor oder dem Jubel der Hirten erklingt. Sondern im Schrei des am Kreuz Gestorbenen.

Gott ist Mensch geworden und so schwach, wie Menschen es sind. Kein Gott im Himmel, sondern auf der Erde. Aber eben deshalb einer, der dabei ist. Mein geschlagener, verletzter Bruder. Keine Minute wird er von meiner Seite weichen.

Amen.

 

 

Zitate aus:

Perikope
26.06.2016
1,18-31

Aufkreuzende Chancen oder Gottes gutes Feedback – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Markus Kreis

Aufkreuzende Chancen oder Gottes gutes Feedback – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Markus Kreis
1,18-25

Gottes Feedback ist nicht nur ein bisschen gut. Gottes Feedback ist absolut gut. Da mag der Bibeltext dem Wort Gottes auch anderes nachsagen: Vorwürfe, wie naiv oder null Effekt. Gottes Feedback ist nicht nur teilweise nicht schlecht. Es ist kein bisschen schlecht. Gottes Feedback ist absolut gut.

Es kommt auf den Standpunkt an, auf die Perspektive. Menschen sagen Gott und seinem Wort vom Kreuz in der Tat nicht nur Gutes nach. Auch weniger Gutes wird von ihm gesagt: Null Effekt und naiv, so lauten die Vorwürfe der vornehmeren Sorte. Es finden sich noch Üblere.

Vom menschlichen Feedback ist im Bibeltext aber nur nebensächlich die Rede. Das ist hier zweitrangig, unser Feedback. Paulus redet von Gottes Feedback an uns. Paulus meint das Feedback, das uns der Schöpfer und wahre König der Welt gibt. In seinem Wort vom Kreuz.

Gott gewährt uns Feedback. Ein befremdlicher Gedanke? Jesaja (55,10-11) kannte ihn schon.
10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen,
11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Gott gibt uns wieder und wieder Feedback. Aber es dringt nicht unbedingt zu uns durch.

Gott gibt uns sein gutes Feedback. Er schenkt unserem Wollen und Bitten Gehör. Aber das nehmen wir nicht unbedingt wahr. Übrigens weiß er auch um unser geheimes Wollen und Bitten. Genauer gesagt: Nicht nur um unser Wollen und Bitten, das wir vor anderen verbergen. Sondern er kennt auch unser Wollen und Bitten, das für unsere eigenen Augen verdeckt ist. Für das wir blind sind. Dieses Gehör nehmen wir erst recht nicht unbedingt wahr.

Umso weniger merken wir, dass Gott nicht nur zuhört, sondern mehr tut. Umso weniger merken wir, dass er uns zuhört und beispringt. Dass er zu unserem Wollen und Bitten das Vollbringen beisteuert. Das sich Erfüllen. Gott motiviert uns, festigt Willen und Tatkraft. Oder er motiviert Mitmenschen, unseren Anliegen zum Recht zu verhelfen. Unsere guten Wünsche wahr werden zu lassen.

Sünde heißt: Gottes gutes Feedback nicht wahrhaben. Absichtlich oder unabsichtlich. Mit Begründung und Vorsatz oder spontan, intuitiv. Wie auch immer, Sünde heißt: Nicht wahrhaben wollen, dass Gott all unser Wollen und Bitten kennt. Auch das, was wir vor anderen geheim halten. Und unser Wollen und Bitten, das uns selbst verborgen ist. Hat Gott all das im Kreuz Jesu doch selbst kennen gelernt.

Sünde heißt: Nicht wahrhaben wollen, dass Gott uns im Kreuz beispringt. Dass er durch Vergebung dort unser Wollen und Bitten erneuert. Dass er dort durch Vergebung erneuertes Wollen und Bitten zum Ziel führt.

Sünde heißt: Nicht auf Gottes Feedback achten. Sich vom Feedback anderer Größen leiten lassen. Die Neunmalklugen und Nerds hören nur noch auf Zahlenwerke und Verträge. Erniedrigte auf Lautredner, die sie zu übergroßer Stärke aufpumpen. Niedergeschlagene auf  vermeintliche Vorbilder, die Dunkles schön reden.
So kann alles beim Alten bleiben. Nach außen stark, aber in Wahrheit schwach. Dann bleibt einem die Angst erspart, die mit allem Neuen daher kommt.

Zahlenwerke und Verträge belächeln das Wort vom Kreuz als naiv. Meist hinter vorgehaltener Hand. Oder der Glaube wird hinweg erklärt, als überflüssig bezeugt. Gottes Wort wahrhaben wollen, das ist dann nur noch mentales Training. Selbstkonditionierung. Was man sich lange genug einredet, wird irgendwann wahr. Und hilfreich. Wenn zum Beispiel eine neue Situation gerade zur Einbildung passt.

Schönredner und Lautsprecher übertönen das Wort vom Kreuz. Überdecken stumme Not mit einem Wortteppich, so dass sie sich nicht in Wahrheit äußern kann. Spielen sich mit Worthülsen zur Stärke auf. Der Zuhörer soll sich am besten wie Prinz William fühlen. Und nicht wie dessen Charity-Empfänger.

Oder die Schönredner und Lautsprecher verstecken sich hinter Gottes Kreuz. Noch raffinierter. Kennt man ja schon über 2000 Jahre lang.

2000 Jahre lang bestimmt Gottes Feedback an Menschen deren Leben. Seit 2000 Jahren wirkt Gottes Wort vom Kreuz im Wollen und Bitten der Menschen. Und viele, die mit diesem Wort unterwegs sind, erleben dabei das oder ähnliches:
Ein Unglück über den endlosen Weiten des Ozeans. Einer von der Crew oder ein Passagier strandet auf einer menschenleeren, unzugänglichen Insel. Dort harrt er seiner Rettung.

Wird nach ihm gesucht werden? Wird die Aufsicht erwägen, dass einer noch lebt? Nach diesem Vorfall? Letzte Gedanken flackern auf. Flimmern, Ohnmachtsanfall. Erst geistig, dann auch körperlich. Knockout der Nerven und dann der Blutgefäße.

Wenn er Glück hat, wacht er wieder auf. Im Hospital. Und lebt. Wenn er noch mehr Glück hat, sogar ohne bleibende Schäden. Oder der Gestrandete sitzt auf seinem Eiland und wartet. Stunde um Stunde, Tag um Tag, länger und länger. Vielleicht hat er leider Recht mit seiner Ahnung. Die Leiter der Aufsicht haben abgewinkt: Suche sinnlos. Jedenfalls taucht nichts am Horizont auf. Kein Flugzeug, kein Schiff. Warten auf die selige Ohnmacht.

Oder der Gestrandete sitzt auf seinem Eiland und wartet. Stunde um Stunde, Tag um Tag, länger und länger. Nichts. Und wieder nichts - oder doch? Da am Horizont! Da tut sich etwas! Ein Flugzeug? Ein Schiff? Augen, Ohren und Pobacken zusammen gekniffen. Da bewegt sich doch was! Schält sich eine Gestalt aus dem Blau von Himmel und Wasser heraus? Ein Flugzeug? Ein Flugzeug! Und es steuert im Himmel auf ihn zu. Düst über das Eiland. Hat der Pilot ihn gesehen? Der Pilot hat ihn gesehen. Oder...?

Oder der Gestrandete sitzt auf seinem Eiland und wartet. Stunde um Stunde, Tag um Tag, länger und länger. Nichts. Und wieder nichts - oder doch? Da am Horizont! Da tut sich etwas! Ein Flugzeug? Ein Schiff? Augen, Ohren und Pobacken zusammen gekniffen. Da bewegt sich doch was! Bildet sich eine Gestalt aus dem Blau von Himmel und Wasser heraus? Ein Flugzeug? Ein Flugzeug! Und es steuert im Himmel auf ihn zu. Düst über das Eiland. Hat der Pilot ihn gesehen? Der Pilot hat ihn gesehen. Er fliegt so langsam als möglich über ihn hinweg. Wackelt zum Handshake mit den Flügelspitzen. Wird er für Hilfe sorgen?

Oder der Gestrandete sitzt auf seiner Insel und wartet. Stunde um Stunde, Tag um Tag, länger und länger. Nichts. Und wieder nichts - oder doch? Da am Horizont! Da tut sich etwas! Ein Flugzeug? Ein Schiff? Augen, Ohren und Pobacken zusammen gekniffen. Da bewegt sich doch was! Schält sich eine Gestalt aus dem Blau von Himmel und Wasser heraus?

Ein Schiff, ein Schiff. Es nimmt Kurs auf diese Insel. Lässt ein Beiboot zu Wasser, das seine Retter anlandet. Entkräftet von Hunger zeigt er durch hilflose Gesten seinen Verbleib an. Halb irre vor Trinkwassermangel wird er aufgenommen. Dahin dämmernd nimmt er auf der Liege wahr, wie ein Arzt ihn untersucht, eine Nadel in seiner Vene platziert. Wird er bleibende Schäden behalten? Schließlich Ohnmacht, der Stream stockt, Filmriss.

In Not geraten, ob unverschuldet oder ohne Not: Wenn ein Vorhaben, ein Leben durchkreuzt wird, ist jeder Mensch wie ein Gestrandeter. Er wartet auf ein Ende.

Es gibt Gestrandete, die warten auf ein Ende ohne Hoffnung. Wenn sie je von Gottes Wort am Kreuz gehört haben, es kommt ihnen jetzt nicht in den Sinn. Gottes Feedback dringt nicht zu ihnen. Sie rechnen nicht damit, dass irgendein höheres Walten ihr Bitten in der Not erhört. Und ihnen beispringt. Selbst dann nicht, wenn sie aus ihrer Notlage gerettet worden sind, ohne dass sie es mitgekriegt haben. Absolut unempfänglich für Gottes gutes Feedback.

Es gibt Gestrandete, die warten auf ein Ende in Hoffnung. Sie haben von Gottes Wort am Kreuz gehört. Und es kommt ihnen jetzt in den Sinn. Ihnen drängt sich auf, dass Gott Feedback gewährt. Sie rechnen damit, dass er ihr Bitten in der Not erhört. Und ihnen beispringt. Doch mit dem Vergehen der Zeit geht ihr Glaube zu Grunde. Erst hoffen sie nicht mehr auf Rettung, dann nicht mehr auf Gottes Gehör für ihre Not. Kein Gegenüber, kein Handshake.

Es gibt Gestrandete, die warten auf ein Ende in Hoffnung. Sie haben von Gottes Wort am Kreuz gehört. Und es kommt jetzt wieder in ihren Sinn. Ihnen drängt sich auf, dass Gott ihnen sein Feedback gewährt. Sie rechnen damit, dass er ihr Bitten in der Not erhört. Und ihnen beispringt.

Mit dem Vergehen der Zeit geht ihr Glaube nicht zu Grunde. Sie rechnen nicht mehr auf Rettung. Aber immer noch auf Gottes Gehör für ihre Not. Gottes Wort vom Kreuz hält sie aufrecht. Obwohl ihre äußere Not nicht nach lässt. Gottes gutes Feedback verlässt nicht ihren Sinn. Ihr Wollen und Bitten findet ein gutes Gegenüber. Sie sind getrost. Auch wenn es ans Sterben geht.

Und es gibt Gestrandete, die warten in Hoffnung und werden gerettet. Sie haben von Gottes Wort am Kreuz gehört. Und es kommt jetzt wieder in ihren Sinn. Ihnen drängt sich auf, dass Gott ihnen sein Feedback gewährt. Sie rechnen damit, dass er ihr Bitten in der Not erhört. Und ihnen beispringt.

Mit dem Vergehen der Zeit geht ihr Glaube nicht zu Grunde. Er lebt auf. Sie rechnen neu und neu mit Rettung. Und nicht nur mit Gottes Gehör für ihre Not. Gottes Wort vom Kreuz hält sie aufrecht. Obwohl ihre äußere Not zunächst nicht nach lässt. Gottes gutes Feedback verlässt nicht ihren Sinn. Ihr Wollen und Bitten findet ein gutes Gegenüber. Und ihr körperliches Leiden findet Hilfe. Und oft Gesundung.

Das sind Erfahrungen mit Gottes Wort. Für Gestrandete ist das Wort vom Kreuz daher weder naiv noch ohne Effekt. Sie glauben, dass Gott Neues erschaffen kann. Neue Umstände und Situationen. Neue Gedanken, neue Gefühle, eine neue persönliche Verfassung. Denn Gott kennt Möglichkeiten, die uns verborgen sind. Sei es, dass wir sie vergessen haben. Oder übersehen. Sei es, dass wir nicht um sie wissen können. Schließlich werden sie neu von ihm erschaffen: die verborgenen Gelegenheiten, die den Weg kreuzen.

Einen „lucky Punch“ wie David. Einen Zufallstreffer wie den Schatz im Acker. Allerlei flüchtige Reisebekanntschaften mit langen Folgen. So wie sie Abraham oder Mose unterwegs begegnen. Der Heiligen Familie die drei Heiligen Könige, dem Philippus der Kämmerer aus dem Morgenland.

Dem tumben Petrus ein dicker Fischzug zur Unzeit. Dem raffinierten Saulus ein Blitzüberfall, sodass er zum Paulus geworden ist. Dem blinden Huhn Bartimäus ein göttliches Weizenkorn in der Erde. Gott gewährt gutes Feedback und gute Chancen. Zu jedem drängen sie hin. Amen.

Perikope
26.06.2016
1,18-25

Widerspruch! – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Wolfgang Vögele

Widerspruch! – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Wolfgang Vögele
1,18-25

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Liebe Gemeinde,
die Torheit lobt Paulus? Weisheit und Einsicht macht er lächerlich? Im Moment kann das im Angesicht von Flüchtlingselend, rechter Gewalt und Populismus niemand verstehen. Ach, ich würde mir im Moment das Gegenteil wünschen: eine überquellende riesige Schale voll Weisheit und Vernunft, die Gott aus dem Himmel wie ein Frostschutzmittel auf Politiker, Rechthaber und Meinungsverfechter auskippt. Ich wünsche mir, dass all die Schwätzer aus den Talkshows, die Lautsprecher und Spin doctors für ein paar Tage innehalten um nachzudenken, abzuwägen und Begründungen für die eigenen Forderungen zu finden. Erst dann sollen sie mit Einsicht, Verstand und Augenmaß das Gespräch fortsetzen. Nein, das Gespräch erst einmal beginnen, weil sie sich ja bisher überhaupt nicht zugehört haben. Wer redet, um Recht zu behalten, hat nicht verstanden, wozu ein Gespräch dienen soll: dem Zuhören, Antworten und Aufnehmen der anderen Meinung.

Von der Flüchtlingsfrage über die Zukunft der europäischen Einigung, die Zins- und Schuldenpolitik und die Folgen des Klimawandels bis zur Bekämpfung des Terrorismus wäre nichts so notwendig wie Einsicht, Verständnis, Nüchternheit, Gelassenheit und Klugheit. Nur diese zusammen stiften Vernunft und befähigen zur Politik. Kurz: Weisheit wäre nötig.
Wähler sollten kritisch sein gegenüber den neuen Parteien mit ihren alten, einfachen Lösungen, in den USA, in Frankreich und leider auch in der Bundesrepublik. Und auch die Gewählten brauchen Weisheit. Wenn die Kluft zwischen Versprechen vor der Wahl und Regierungshandeln nach der Wahl sich zu stark vergrößert, wenden sich die misstrauischen Wähler in Scharen von der Politik ab.

Im Moment scheinen die Volksverführer, die Wutbürger und die gerissenen Liebediener der öffentlichen Meinung an Zustimmung zu gewinnen. Politik gerät zum Spiel der schnellen Gefühle und der persönlichen Sympathien, wo sie doch vom Kalkül des Machbaren und Erreichbaren bestimmt sein sollte. Der unbezweifelbare Eindruck stellt sich ein, dass die Spielräume des Machbaren, Vernünftigen, des Kompromisses kleiner geworden sind. Schwierige und unübersichtliche Problemlagen wecken den Wunsch nach einfachen Lösungen und zu viele Politiker erliegen der Versuchung, im Wahlkampf solche Lösungen zu versprechen, die sie dann im gewählten Amt nicht einhalten können.

Paulus, so kann man einwenden, beabsichtigt nicht, der politischen Klugheit das Wasser abzugraben. Er interessiert sich viel stärker für die Weisheit auf dem Feld des Glaubens, wo sich Fragen von Erlösung und Verwerfung, Gottvertrauen und Unglaube entscheiden. Auf diesem Feld nimmt die Weisheit plötzlich eine ganz hässliche Gestalt an. Die hässliche Weisheit – das muss erklärt werden. Auch auf dem Feld des Glaubens helfen die einfachen Lösungen der Populisten nicht weiter.

Die Weisheit des Menschen ist eine Lebenskunst, die jeder erlernen muss. Wer sie erlangen will, übt sich ein in Klugheit und Gebrauch der Vernunft, um aus den Verhältnissen, in denen er sich wiederfindet, das Beste und Angemessene zu machen. Weisheit ist die Kunst des Erreichbaren, gebunden an menschliches Maß und Fürsorge. Sie beruht auf Überlegung und Mitgefühl, auf Übereinstimmung mit der wohl geordneten Schöpfung. Gleichermaßen lebt sie aus dem Mut, Wagnisse einzugehen und aus der Fähigkeit, sich für das Schöne, Wahre, Gute zu begeistern. Sie ist bestimmt vom Respekt für die Würde der anderen und vom Bewusstsein der eigenen Würde.

Solche Weisheit ist eine erwachsene Tugend. Sie lebt von der Stärke der eigenen Persönlichkeit, von der Kraft des Denkens und der Lebendigkeit der Gefühle. Ich bin überzeugt, dem würde Paulus nicht widersprechen. Und dennoch erreicht solche Weisheit irgendwann ihre Grenzen, besonders dann, wenn sie spürt, dass die Ordnung der Welt ins Wanken geraten ist, wenn sie soziale Ungleichheit spürt, wenn sie unbarmherzig auf Schwäche, Krankheit, Leiden und Tod trifft. Weder dem Schmerz noch dem Tod kann die Weisheit irgendeinen Sinn abgewinnen. Die weise Vernunft scheitert dann an den grausamen Verhältnissen der Welt, die plötzlich gar nicht mehr als gute Schöpfung Gottes erscheint.

Sie ist der Ort des Verkehrsunfalls, bei dem das kleine Mädchen seinen schweren inneren Verletzungen erliegt. Sie ist der Ort des plötzlich entdeckten Tumors im Körper eines älteren Menschen. Er wächst immer weiter und bildet Metastasen. Sie ist der Ort der Ungerechtigkeit, an dem Menschen übervorteilt und in die Flucht getrieben werden. Grauen und Schmerz hat die Weisheit irgendwann nichts mehr entgegenzusetzen. Wenn sie es mit den einfachen pauschalen Lösungen versucht, die in der Politik so beliebt sind, dann lachen alle diese Weisheit aus, wegen ihrer Banalität und Naivität.

Deswegen versucht Paulus gar nicht erst, auf diesem Weg die Weisheit aufzuwerten. Er entwickelt eine Alternative zu der menschlichen Weisheit, die an ihre Grenzen stößt. Für die Welt, die zwischen Ordnung und Chaos zerrissen ist, entwickelt er eine ganz kurze Formel: das Wort vom Kreuz. In dieser Formel liegt der Schlüssel zur Theologie des Paulus. Paulus zögert nicht, dieses Wort vom Kreuz eine Torheit zu nennen. Zur Weisheit der Welt und zur Weisheit der Menschen setzt sie sich in Widerspruch.

Mit dem Kreuz meint Paulus die von allen Evangelien einmütig berichtete Erzählung von der Hinrichtung Jesu. Der, den viele für den Messias Israels hielten, wurde gefangengenommen, verhört, gefoltert, gequält, verurteilt. Er musste den Tod am Kreuz erleiden, den grausamsten Widerspruch gegen alle Weisheit, Klugheit und Vernunft der Welt. Das Kreuz widerspricht der ganzen Welt. Aber es ist noch mehr. Es verrückt das Verhältnis von Gott und Welt, von Gott und den Menschen. Mit dem Kreuz drängen die Menschen den allmächtigen und barmherzigen Gott, aus dieser Welt heraus. Das Kreuz widerspricht der Weisheit der Menschen. Das Kreuz widerspricht dem Angebot Gottes, sich barmherzig für sie einzusetzen. Das Kreuz tötet nicht nur den Menschen aus Nazareth, es tötet auch den Glauben an Gott. Das Kreuz blamiert alle Weisheit der Welt, die fromme, die politische, die philosophische, die wissenschaftliche, die alltägliche Weisheit, bis auf die Knochen. Insofern entlarvt das Kreuz sämtliche Illusionen, die sich die Menschen über Glauben, Gottvertrauen und Erlösung gemacht haben.

Das Wort vom Kreuz verweist zurück auf die Geschichte, die sich auf dem Hügel Golgatha zugetragen hat. Es setzt voraus, dass die Christen in dieser Geschichte von Golgatha eine bestimmte Bedeutung finden, welche die Weisheit der Welt entlarvt. Und Paulus versteht drittens dieses Wort vom Kreuz als eine Kraft. Was ist damit gemeint?

Auf der Seite der Menschen ist das Kreuz ein Endpunkt. Sie haben dem Leben Jesu ein Ende gesetzt. Mehr Auslöschung als der Tod kann nicht sein. Auf der Seite Gottes bedeutet das Kreuz: Weiter lässt sich Gott nicht aus der Welt herausdrängen. Der Tod ist für die Menschen das Ende, für Gott markiert dieser Tod einen Neuanfang. Er findet sich mit dem Tod des Jesus von Nazareth nicht ab. Wobei in unserem Predigttext Paulus die Auferstehung von Ostern mit keinem einzigen Wort erwähnt. Das Kreuz ist der Widerspruch Gottes gegen den Tod. So paradox es klingen mag: Im Kreuz errichtet Gott ein Zeichen gegen den Tod. Das Instrument der Hinrichtung wird gleichzeitig zum Zeichen von Gottes Widerstand.

Am Kreuz wird sichtbar: Gott lässt sich nicht aus der Welt herausdrängen. Am Kreuz wird aber auch sichtbar: In dieser Welt ist Gott bei denen, die leiden, die Schmerzen haben, die stöhnen wegen der Ungerechtigkeit der Welt. Gott ist bei den Schwachen und Ohnmächtigen.
Das haben schon die mittelalterlichen Klostergründer gewusst, die sich besonders der Betreuung von Kranken verpflichtet hatten. Sie bestellten für die Säle, in denen die Kranken lagen, Altarbilder, welche neben anderem die Kreuzigungsszene auf Golgatha zeigten. Eines der berühmtesten Beispiele ist der Isenheimer Altar, den Matthias Grünewald für das Hospital des Antoniterklosters in Colmar im Elsass gemalt hat. Im Bild des Gekreuzigten sahen die Kranken den Gott, der mit den Schwachen und Leidenden litt. Sie sahen den mitleidenden und barmherzigen Jesus, nicht den übermächtigen Weltenrichter am Ende der Zeiten.

Für Paulus bedeutete das Kreuz einen Wendepunkt in der Geschichte Gottes mit den Menschen.Er hat versucht, diese theologische Erkenntnis in der Passage aus dem 1.Korintherbrief so deutlich und klar wie möglich zu formulieren. Für ihn war das Kreuz eine Umwertung aller Werte, ein Symbol, das die Welt, die Weisheit, die Vernunft, alles bisherige Wissen über Gott auf den Kopf stellte. Gott ist kein Triumphator mehr, kein allmächtiger, rauschebärtiger Vater im Himmel, kein Schicksalsbestimmer, kein selbstherrlicher Marionettenspieler, der die Menschen am Gängelband führen würde. Gott geht überhaupt nicht in einem der in schönen Farben gemalten Wunschbilder auf, die sich Menschen von ihm gemacht haben.

Gott ist stattdessen bei dem sterbenden, hingerichteten, ohnmächtigen Menschen Jesus von Nazareth. Und indem er ihm barmherzig beisteht, steht er auch allen anderen leidenden, ohnmächtigen Menschen bei. Das ist die große, die entscheidende theologische Erkenntnis des Paulus, der fundamentale erste kleine Schritt, mit dem er die Weisheit der Menschen vom Kopf auf die Füße stellt. Er richtet das Gedankengebäude der christlichen Theologie völlig neu aus und gibt Glauben und Vertrauen eine völlig neue Richtung.

Paulus sieht im Kreuz einen Wendepunkt für den Glauben. Danach stellt sich Gott ganz anders dar als vorher. Am Kreuz stirbt der allmächtige, alles beherrschende Gott. Das ist für alle, die an diesen Gott glauben, ein Stück klarer, nüchterner Aufklärung. Am Kreuz zerschellen unsere naiven Gottesbilder. Stattdessen, , zeigt sich am Kreuz der solidarische, tröstende, der schwache Gott. Das ist die Wende. Das ist ein Stück größtmöglicher Barmherzigkeit.

Und deswegen gilt es für Paulus, über das Kreuz zu reden, das heißt zu predigen. Denen, die das schräg finden, kommt das wie eine Torheit vor. Sie schieben, was die Theologie angeht, andere Ansprüche in den Vordergrund. Sie wollen Zeichen sehen und Beweise hören. Paulus aber genügt der gekreuzigte Christus. Ihm glaubt er. Denen, die ihm in diesem Glauben nachfolgen, ist das eine Kraft.

Was ist diese Kraft? Wie wirkt sie sich aus und in welche Richtung zielt sie? Paulus spricht von einer lebendigen dynamischen Kraft, nicht von einer statischen, unveränderlichen Einstellung.
Eine Einstellung fixiert die Haltung eines Menschen; sie kann helfen, aber in ihrer Starrheit auch behindern. Kräfte setzen einen Menschen in Bewegung. Er braucht physische Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit für seine Joggingrunde. Er braucht geistige Kraft in seinem Beruf oder bei der Lösung seiner Probleme. Er braucht geistliche Kräfte, um sein Leben zu bestehen. Diese geistliche Kraft nennen Christen auch Glauben. Sie entsteht nicht mit Hilfe von Ausdauer und Training, sie ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Sie entsteht aus der Zuversicht, dass dieser Gott Jesus am Kreuz nicht alleine lässt –  und mit ihm keinen Menschen in seinem Elend, seiner Furcht und seiner Todesangst.

Glauben und Vertrauen richten den Blick des Menschen auf das eigene Leben, auf die Erinnerung an alles erlebte Schöne, aber auch auf die Fehler der Vergangenheit, auf die Zukunft in Altwerden, in nicht vorhersehbarer Krankheit und auf das Sterben, dem kein Mensch entkommen kann. Das alles kann Angst machen. Aber wer glaubt, der lässt sich von diesen Ängsten nicht irremachen. Er traut nicht nur dem Allmächtigen, sondern auch dem schwachen Gott, der dem Christus am Kreuz beigestanden hat.

Pragmatische Lebensdeutung und Vernunft können das nicht nachvollziehen. Sie spüren die Kraft des Glaubens nicht und halten seine Einstellung für eine Torheit. Aber davon soll sich niemand, der diesem Gott glaubt, irre machen lassen. Paulus hat uns gezeigt: Gerade am Kreuz, dem schrecklichsten Zeichen des Zwangs und der Unbarmherzigkeit, zeigt sich der barmherzige, der überwindende Gott. Gerade am Kreuz zeigen sich Gottes Verheißungen. Und Paulus würde noch schärfer formulieren: Das Kreuz ist die Verheißung Gottes. Gott ist bei den Schwachen und Leidenden. Paulus zeigt einen Gott, der nicht triumphiert oder seine Allmacht ausspielt. Er zeigt einen schwachen, menschlichen Gott, dessen Torheit so klug ist, dass sie den Tod überwindet. Diesem Gott, nur diesem Gott vertrauen wir.

Und der Friede Gottes, welcher höher und weiter ist als alle Unvernunft, die Menschen sich ausgedacht haben, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Dr. Wolfgang Vögele, Erzbergerstr.98, 76133 Karlsruhe, wolfgangvoegele1@googlemail.com , www.wolfgangvoegele.wordpress.com


 

Perikope
26.06.2016
1,18-25

Der einzigartige Vater – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Jochen Riepe

Der einzigartige Vater – Predigt zu 1. Korinther 1,18-25 von Jochen Riepe
1,18-25

I
Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn…‘(Jer 9,22-23/2 Kor 10,17) – bevor du Ihn ansiehst, hat Er dich längst angesehen … Er, der am Kreuze starb.

II
Kinderstreit. ‚Mein Vater ist älter als deiner‘, sagt Julia. Darauf Britta keck: ‚Unser Auto ist viel größer als eures.‘ Julia: ‚Wir fliegen mit dem Flugzeug, Papa bezahlt alles‘. Britta kontert: ‚Wir fahren viel weiter…soooo weit‘. ‚Mein Vater kann einen Handstand, baut Häuser und kauft mir ein Eis‘… Julia versucht es wieder. Britta – nun fast schluchzend: ‚Mein Papa ist der beste auf der Welt …‘ – Hätten die so Hochgelobten gelauscht, so gewiss mit roten Ohren!

III
Was im Kinderwettbewerb komische oder tragikomische Züge trägt, das kann im Leben einer Gemeinde ziemlich dramatisch oder zerstörerisch ausfallen. Paulus hat von rivalisierenden ‚Parteiungen‘ in Korinth gehört, jener Gemeinde, die er selbst wohl gegründet hatte. Er hörte von Spannungen, ja in gewisser Weise auch von einem ‚Väter-Wettbewerb‘. Väter einer besonderen Art allerdings. ‚Ich gehöre zu Paulus, denn der hat mich getauft‘. ‚Ich gehöre zu Kephas , dem Jünger des Herrn‘. ‚Ich wurde von Apollos getauft‘, sagten die dritten, ‚einem ganz besonderen, weisen und lebensklugem Missionar und Prediger‘. So rühmte man in Korinth und bestand darauf: Zwischen dem Täufer und dem Täufling besteht eine tiefe Verbindung. Und man darf folgern –  denn in Korinth ging es ja menschlich zu - : Je höher der Täufer geschätzt wurde, je weiter oben er im ranking stand, desto höher stand oder fühlte sich zumindest der Täufling. So ganz fern ist uns das ja nicht: ‚Ich wurde noch von Pfarrer X konfirmiert. Er nannte uns seinen besten Jahrgang.‘

IV
Mancher hätte vielleicht den Rat gegeben, darüber hinweg zu sehen. So sind die Menschen. Aber der sensible Apostel witterte ein Problem. Ein persönliches Problem. Aber besonders eines der Gemeinde und ihrer Auf-Erbauung: Würde in diesem Prestigekampf um den besten Täufer diese in Christus geeinte, in sich so prekäre, so unterschiedliche Gemeinschaft nicht zerrissen werden und heillos in Streit, Machtgezerre und Bevormundung auseinanderbrechen? Alle Vertrauenspotentiale sozusagen verspielt?
In Christus geeint: Ohne ihn gäbe es keinen Täufer und keinen Täufling und beider Beziehung zueinander ist ja in Christus gegründet. Was ist im Vergleich mit ihm ein Täufer? Paulus spricht mit einem gewissen Achselzucken und erstaunlicher Lässigkeit, um seine eigene Taufpraxis zu relativieren: ‚Ja, ich weiß es zwar nicht mehr so genau, aber auch ich habe einige von euch getauft. Aber seid ihr deshalb auf meinen Namen getauft? Mag Apollos weise und klug und unter euch sehr geschätzt sein, ist er etwa für uns gekreuzigt worden? Am Kreuz auf Golgatha hat Gott die Klugheit der Welt, die Machtansprüche der Lehrer und Autoritäten zuschanden gemacht. In Christus, dem gekreuzigten Messias, ist alles menschliche Rühmen ausgeschlossen worden. Wir verkünden das Wort vom Kreuz, ‚eine Torheit denen, die verloren gehen; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft‘(V. 18). Aber eben das muss man immer neu lernen: Wie gerade das Kreuz eine Gemeinde formt und stabilisiert – eine Gemeinde und ihren ‚Apostel‘.

V
Mein Vater. Dein Vater. Was Julia und Britta auf ihre kindliche Weise vorspielen, ist ja ein bekanntes Ritual im Kampf um gesellschaftliches Ansehen: Ein potenter Vater macht auch mich mächtig. Selbstbehauptung durch Prestige. Zu wem gehöre ich? Wer schützt mich? Auf welcher Stufe der sozialen Rangordnung stehen meine Eltern, meine Schule, meine Lehrer? Mit der Marke der Stars, ihrem ‚label‘, haben Jugendliche im Rahmen der Kleiderordnung teil am ‚Größeren‘. Indem ich den Therapeuten rühme und den anderen abwerte, zeige ich meine gesellschaftliche Position an. Zu dem Arzt aber gehen nur arme Leute und was den Kindern der Welt recht ist, ist den Gotteskindern sozusagen billig. Paulus versucht, eben diese Normalität zu ‚brechen‘ und unseren Kampf um Anerkennung in die Perspektive des Gekreuzigten zu stellen.
Gewiss, auch der Apostel sieht das oder wird es im Verlauf der Auseinandersetzungen mit den Korinthern lernen: Menschen brauchen Anleitung, Vorbilder, zu denen sie aufsehen können, ja, vielleicht auch ‚weise Führer‘, die eine gewisse Anhänglichkeit zulassen und gestalten. Aber eben: Dieses ‚Dienst-Verhältnis‘ (1.Kor. 3,5) eines Täufers, Missionars, einer Seelsorgerin oder eines Pfarrers oder einer Gruppenleiterin darf nie ‚ungebrochen‘ und darin distanzlos werden oder gar Beziehungen für eigene Wünsche oder Machtansprüche ausnutzen. Ein Täufer dient darin, dass er einen jeden zu seiner Klage und Bitte, seiner Selbstbestimmung vor Gott im Namen Christi anleitet: ‚Zur Freiheit hat uns Christus befreit‘ (Gal 5,1-6).

VI
Wir aber predigen den gekreuzigten Christus…‘ (V. 23) Ich sagte es schon: Paulus ist selbst betroffen, hat sozusagen rote Ohren. Sein Name wurde im Zusammenhang des Väter-Wettbewerbs von Korinth ja mit genannt – auch er der ‚Vater der Gemeinde‘, plötzlich der Guru oder Anführer einer Gemeinde-Partei?! Man ahnt die Kränkung, man sieht aber auch, wie Paulus sie verarbeitet. Durch eine starke provokative Beschreibung seines Auftrags – in gewisser Weise durch eine theologisch riskante Flucht nach vorn. ‚Mag Kephas dem Herrn besonders nahe stehen, mag Apollos eine weise, ja: wirklich charismatische Erscheinung sein…und mag ich daneben blass und grau wirken, so will ich doch dies sagen: Nicht kluge Worte machen die Verkündigung aus, sondern die Gabe und die Fähigkeit, vom gekreuzigten Christus zu erzählen, sein Wort zu entfalten und zu verstehen, wie Gott in ihm ,dem Gefolterten und Gemarterten, uns gleich geworden ist. Die Weisheit der Welt, die Sätze der Wissenschaft, die Sprachspiele der Experten beschreiben und erklären und sichern euch die Welt. Wundertäter, Heiler, Mystagogen faszinieren euch. Sie gründen Vereine und Verehrungszirkel .Das Kreuz Christi aber erschreckt und tut weh und das Besondere seiner Gemeinde ist: Eben diesen Gottes-Schrecken lassen wir uns gefallen und verkündigen ihn. Wir erzählen ‚von der Kreuzigung und den Kreuzigungen, von der Gewalt im Alltag der Gesellschaft.‘*

VII
Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn …‘ (Jer 9,22-23/2 Kor 10,17) Bevor du Ihn ansiehst, hat Er dich längst angesehen … Er, der am Kreuze starb. Was für ein ‚Prestige‘, welches Ansehen gewinnt denn der, der sich von IHM angesehen weiß? Der erkennt, dass er erkannt wurde? Paulus wird die gesamte Korrespondenz mit den Korinthern dieser Frage widmen: Wie in Christus die Gemeinde eins wird, ohne dass ihre soziale Differenziertheit geleugnet wird und ohne dass die einen Machtansprüche gegenüber den anderen erheben. Er wird um Vertrauen zueinander werben, indem er Probleme und Streitsituationen durchspielt, Rücksicht und Selbstzurücknahme lehrt und schließlich das Hohe Lied der Liebe singt, jener Gottes-Macht, die die Gemeindewirklichkeit nicht verklärt, sondern sie schöpferisch zu gestalten erlaubt. Und: Er wird dies alles an sich selbst ‚demonstrieren‘: Das Wort vom Kreuz zeichnet ja den, der es ausrichtet. Jeder Verkündiger steht neben anderen. Alle stehen gewollt oder ungewollt im Wettbewerb. Julia und Britta mögen das und genießen den Streit der Autoritäten. Aber der ‚Vater‘, der Verkündiger selbst, sein Weg zur Selbstklärung, sein Leid, sein Risiko und sein Dank, sein Schutz und seine Vertrauenswürdigkeit liegen im Inhalt seiner Predigt: Christus, der Gekreuzigte.

VIII
So wie Er, der Gekreuzigte, uns ansieht, so wie Er mit Gottes Augen uns ansieht – gleichsam ohne den Schutzmantel unserer gesellschaftlichen Positionen, unserer Leistungen und Ängste-, so wie er uns erschreckt: ‚Sehet den Menschen!‘ (Joh 19,5), so dürfen wir im Erschrecken zugleich Gottes Solidarität und Liebe erblicken. Ja, diesen Menschen will Gott, sein Geschöpf. Dich will er und in seinen Blick gehüllt darfst du auf deine schwache Weise, ungeniert ob aller anderen Blicke, Gottes Kraft bezeugen – ‚in Furcht und mit Zittern‘ (1.Kor 2,3) und in ‚langmütiger und freundlicher Liebe‘(1.Kor 13,4).


*s. L. Schottroff , Der Erste Brief an die Gemeinde in Korinth (Theol. Kommentar zum NT Bd.7) , 2013, S.33
 

Perikope
26.06.2016
1,18-25

Predigt in leichter Sprache zu 1. Korinther 4,16b-21 von Christiane Neukirch

Predigt in leichter Sprache zu 1. Korinther 4,16b-21 von Christiane Neukirch
4,16-21

(Diese Predigt ist bestimmt für einen Gottesdienst in Gebärdensprache. Deshalb ist sie in leichter Sprache verfasst und kürzer als Predigten für hörende Gemeinden. Im Vortrag wird sie noch weiter vereinfacht.)

Paulus schreibt: Ihr sollt so werden wie ich bin! Deshalb habe ich euch Timotheus geschickt. Ich habe ihn lieb wie meinen Sohn, denn er ist treu mit Jesus Christus verbunden. Er wird euch erinnern: ich, Paulus, gehe alle meine Wege mit Jesus Christus. Genauso lehre ich auch überall in den Gemeinen. Aber einige Angeber haben behauptet: ich, Paulus, komme gar nicht?! Ich werde bald zu euch kommen, wenn Jesus Christus will. Und ich werde die Kraft bei euch kennenlernen – nicht die Worte von den Angebern. Denn was ist das Reich Gottes? Das Reich Gottes ist Kraft, nicht Wort! Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder in Liebe und Sanftmut?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater im Himmel und von Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Der Junge packt seine Schulsachen und läuft los. Er will den Bus noch bekommen. Er hat 10 Kilometer Weg bis zur Schule vor sich.

Früher ist er gelaufen. Jeden Tag. Morgens 10 Kilometer hin, nachmittags wieder zurück. Die Schule im Dorf kann er nicht besuchen. Da versteht er nichts. Denn er ist gehörlos. In der großen Stadt aber, da gibt es eine Schule für Kinder und Jugendliche wie ihn. Der Staat unterstützt diese Schule nicht. Menschen aus Deutschland und aus Finnland geben das Geld für die Schule. Die Schule liegt in Eritrea in der Stadt Keren und die evangelischen Gehörlosengemeinden aus Deutschland und Finnland geben das Geld für die Schule – und noch für zwei andere Gehörlosenschulen in Afrika.

So genau weiß der Junge das aber gar nicht. Gott sei Dank gibt es jetzt den Bus, einen VW-Bus. Er findet noch einen Platz und es geht los. Über Straßen und Feldwege, Löcher und Huckel, es rüttelt und schüttelt alle im Bus hin und her. Die Kinder sind fröhlich. Sie gehen gern zur Schule. Sie hoffen ganz fest: mit dem Lernen in der Schule wird es ihnen später im Leben besser gehen. Das ist nicht nur ihr Wunsch, aber auch nicht nur der Wunsch von ihren Eltern und den Lehrerinnen und Lehrern. Jede Woche bei der Andacht feiern sie wieder neu: Das will auch Gott, er hat alles Leben geschaffen! Gott hilft ihnen, Gott begleitet sie!

Der Junge kann sich noch gut erinnern an den Tag, als der Bus zum ersten Mal kam. So ein großes Geschenk!! Das Leben kann hart sein, das weiß der Junge von zuhause. Er sieht ja jeden Tag seine Eltern – sie sind so arm. Aber trotzdem und zur gleichen Zeit kann das Leben auch wunderbar sein – wenn Menschen anderen Menschen helfen. Sie müssen einander nicht persönlich kennen. Es ist genug, wenn sie wissen: da brauchen andere Menschen Hilfe. Der Junge hat ganz konkret erfahren: da gibt es im fernen Europa Menschen, die denken an ihn und die anderen gehörlosen Kinder und Jugendlichen in Eritrea; und die tun was. Die reden nicht nur.

Das Reich Gottes ist da – aber nicht in Worten, sondern in Kraft. So sagt es der Apostel Paulus in unserem Predigttext. Worte fliegen so viel durch die Luft – gesprochene, geflüsterte, gebrüllte Worte; gedruckte auf Papier oder im Internet, getwittert, gesimst, gefaxt, gemailt.. Worte Worte Worte. Worte von Angebern – wie die Angeber, die behauptet haben, Paulus kommt gar nicht zu der Gemeinde in Korinth! Worte, die verletzen und Verbindungen zerstören. Worte, die gar nicht wahr sind. Worte, die täuschen und verführen. Wahlkampf. Werbung. Du kannst mir viel erzählen! sagt einer zum andern. Er glaubt dem andern nicht. Worte und Taten müssen zusammenpassen! Dann erst können wir vertrauen.

In der Bibel lesen wir von Gottes Worten. Gottes Worte haben Dynamik, sind kraftvoll. Deshalb ist der Glaube an Gott genauso. Vom Glauben sprechen, mit Worten den Glauben bekennen, das ist gut. Das tun wir in fast jedem Gottesdienst. Gott gibt uns aber auch die Kraft etwas zu tun und nicht nur zu reden!

Ich weiß noch genau, wie ich in den Gebärdengemeinden zum ersten Mal den kleinen Pappbus als Sammelbüchse herumgegeben habe, für das Projekt „Schulbus für Keren“. Ich werde nie vergessen, mit welcher Offenheit und mit welchem Mitgefühl die Gemeinden die gehörlosen Kinder und Jugendlichen aus Eritrea und Tansania sofort ins Herz geschlossen haben. So viel Bereitschaft, zu helfen. So viel Verbundenheit zwischen ganz fremden Menschen. Plötzlich gehören wir zusammen, auch wenn uns 1000de Kilometer und sehr verschiedene Lebenssituationen trennen. Die Spenden sind mithineingeflossen in die Bezahlung für den Bus. Die Freude der Schulkinder ist auch unsere Freude geworden. Aus dieser Freude kommt wieder neue Kraft für das nächste Projekt: eine Solaranlage für die Schule in Keren – damit sie unabhängig von der staatlichen Stromversorgung arbeiten kann. Die klappt nämlich mal gut und mal gar nicht?!

In Vorträgen mit vielen Bildern erzählen uns die Mitarbeiter von der Gehörlosenmission, wie das Leben in den Schulen ist. Jedes Jahr gibt es Besuch – aus Deutschland fliegt eine Delegation nach Afrika oder aus Afrika kommen Gäste zu uns. Viele organisatorische Hindernisse gibt es dabei immer wieder. Aber davon lassen wir uns nicht entmutigen. Persönliche Begegnungen sind so wichtig, tun so gut!

Das Reich Gottes ist da – aber nicht in Worten, sondern in Kraft. Das Reich Gottes – das ist Gottes Kraft, die uns verbindet – mit Gott und miteinander! Hier und heute genauso wie in der Zeit des Apostels Paulus. Das Reich Gottes – das ist Gottes Kraft, die uns verbindet zu einer großen Gemeinde über alle Grenzen hinweg. Sie hilft uns, einander zu sehen und zu verstehen. Sie flößt uns Respekt und Liebe ein und macht uns barmherzig. Gottes Kraft – sie motiviert uns, immer wieder zu überlegen: wie können wir helfen, was können wir geben, was können wir tun? Und sie drängt uns dazu, das dann auch zu tun! Das kann ein Gebet sein, eine Spende, eine persönliche Begegnung... Dazu gehört aber auf jeden Fall auch immer wieder eine Pause, die ich mir nehme, weil ich wieder neue Kraft von Gott brauche.

Ihr sollt so werden wie ich bin – das schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth. Ich glaube, Paulus meint das so:

Streitet euch nicht mit vielen Worten, sondern sucht die Kraft Gottes, die euch stärkt und verbindet! Diese Kraft ist da! Schöpft daraus, nehmt sie euch, gebt euch dieser Kraft hin und handelt mit ihr!

So lasst uns leben, liebe Gemeinde!

Amen.

Perikope
29.05.2016
4,16-21