Hiobs dritte Antwort an Elifas - Predigt zu Hiob 23 von Manfred Wussow
Hiobs dritte Antwort an Elifas
1 Hiob antwortete und sprach:
2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss.
3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte!
4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen
5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.
6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich.
7 Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!
8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht.
9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht.
10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold.
11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab
12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.
13 Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will.
14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn.
15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm.
16 Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat;
17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.[1]
Predigt
Hiob liegt im Krankenhaus
Hiob liegt im Krankenhaus.
Hiob liegt im Krankenhaus? Was hat er denn?
Sein Herz will nicht mehr.
Ach Gott.
Ein Gedicht von Robert Gernhardt trägt diese Überschrift: Hiob im Diakonissenkrankenhaus.
Und Hiob heißt – Robert Gernhardt.
Er ist schwer krank.
Seine Diagnose verheißt nichts Gutes.
Sein Leben hängt an einem seidenen Faden.
Jetzt arbeitet sich Robert Gernhardt an Gott ab.
Als Dichter fehlen ihm auch nicht die Worte.
Vielleicht ist ein Diakonissenkrankenhaus – es hört sich sehr fromm an – dafür der richtige Ort.
Vorleser:
Ihr habt mir tags von Gott erzählt,
nachts hat mich euer Gott gequält.
Ihr habt laut eures Gotts gedacht,
mich hat er stumm zur Sau gemacht.
Ihr habt gesagt, daß Gott mich braucht –
braucht Gott wen, den er nächtens schlaucht?
Ihr habt erklärt, daß Gott mich liebt –
liebt Gott den, dem er Saures gibt?[2]
Vorwürfe sind es. Wie Hammerschläge. Eins bis vier:
Ihr habt mir erzählt, tags …
ihr habt gedacht, laut …
ihr habt gesagt,
ihr habt erklärt.
Ihr! Die Diakonissen? Die Glaubenden? Wir?
Euer Gott hat mich gequält, nachts …
er hat mich stumm zur Sau gemacht –
braucht Gott wen, den er nächtens schlaucht?
Liebt Gott den, dem er Saures gibt?
Euer Gott!
Robert Gernhardt hat viele Gedichte geschrieben. Viele von ihnen karikierten auch Kirchenlieder, sie irritierten, sie provozierten. Aber sie boten dem Dichter sprachlich auch eine neue Heimat.
Sein Gedicht „Hiob im Diakonissenkrankenhaus“ entstand 1996/97 nach einer Herzoperation des Autors. Geboren 1937, starb er nach einer schweren Krebserkrankung 2006. Seine letzten 10 Lebensjahre standen unter keinem guten Stern.
Wie heißt es auch noch einmal gleich in dem Gedicht? Ihr habt mir erzählt …
Hiob klagt - an
Die feinen Spitzen in diesem Gedicht von Robert Gernhardt sind nicht jedermanns Sache. Kritiker, fromme Kritiker, meinten, es sei gotteslästerlich, ein solches Gedicht zu schreiben. Ihr! Euer Gott! Lauter Vorwürfe, Anklagen. Gegen Gott. Aber ich kenne Menschen, die ihre Leidensgeschichte in diesem Gedicht gespiegelt sehen, ohne es zu kennen. Gequält, verstummt sind viele Menschen.
Hiob wird ihnen zum Gefährten in schweren Tagen und endlosen Nächten.
Hiob – hinter dem sich Robert Gernhardt versteckt - war ein Mensch, den wir aus dem Alten Testament, der hebräischen Bibel kennen. Er konnte erfolgreich auf sein Lebenswerk zurückschauen, bis ihm alles, aber auch wirklich alles genommen wurde: die wirtschaftliche Basis, die Kinder und ihre Familien, am Ende auch die Gesundheit. Hiob ist ein Häufchen Elend! Künstler haben ihn gemalt: er sitzt in der Asche, im Dreck. Tief gesunken, also. Nur etwas ist Hiob nicht genommen: der Glaube. Den lässt er sich auch nicht nehmen! Ob seine Frau schimpft oder nicht, ob seine Freunde zu großen Reden ausholen oder nicht: Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen – der Name des Herrn sei gelobt!
Aber der Widerspruch, die Einrede lässt nicht auf sich warten.
Hiobs Freund Elifas holt zu einer großen Rede aus – davon hat er noch mehr in petto:
Vorleser:
Ist Gott nicht hoch wie der Himmel?
Sieh die Sterne an, wie hoch sie sind!
Du sprichst zwar:
„Was weiß Gott? Sollte er durchs Gewölk hindurch richten können…“ (Hiob 22,12f.)
So vertrage dich nun mit Gott und mache Frieden;
daraus wird dir viel Gutes kommen.
Nimm doch Weisung an von seinem Munde und fasse seine Worte in dein Herz.“ (Hiob 22,21f.)
Auf gut deutsch: Frag nicht weiter. Gib auf, den Dingen auf den Grund zu gehen. Gib dich zufrieden. Hör auf zu fragen, hör auf, dich zu wehren.
Aber was sind das für Worte, Elifas, die in’s Herz gefasst werden könnten? Die Hiob in sein Herz nehmen könnte? Welche Weisung kommt denn aus dem Munde Gottes?
Lose Enden liegen herum.
Dass Elifas gut reden kann, merkt man. Dass Elifas aucht gut reden hat, ahnen wir. Dass Elifas sich auch gerne reden hört, entgeht uns auch nicht. Kunstvoll und klug sind seine Gedanken schon. Nur:
Elifas kann Hiob nicht trösten, er kann ihn nicht einmal verstehen. Er kann ihn nur mit Worten zuschütten.
Jetzt rückt Hiob Gott auf die Pelle.
Einen anderen Weg gibt es nicht, lieber Elifas!
Vorleser:
Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich.
Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold.
Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.
Hiob macht sich auf die Suche. Er muss Gott finden. Er muss ihm sein Anliegen vorbringen. Er muss ihn – zur Rechenschaft ziehen! Trifft er ihn, wird er Recht bekommen! Ganz sicher! Ich habe nicht verdient, was mit mir geschehen ist! Gott wird mir das zugeben! Er ist gerecht!
In Hiob drehen sich die Gedanken. Es ist wie ein Selbstgespräch - das wir hören sollen. Wohin soll ich jetzt gehen? Nach Norden? Süden? Osten? Westen? Bis an das Ende der Erde? Bis an die Grenzen des Himmels?
Aber meine Füße tragen mich nicht. Sie tun weh, sie schmerzen, wenn ich sitze. Der Kopf - leer. Meine Seele - eingefroren. Es geht nicht mehr weiter. Mit mir. Jeden Tag – immer dasselbe. Ich sitze hier in meinem Elend. Ich habe kein Zu-Hause mehr. Wie ein Fremder bin ich geworden. Ein Fremder im eigenen Leben.
Doch, doch: Er, Gott, kennt mich. Er sieht mich. Wie ein geputztes Goldstück bin ich in seinen Augen. Verbergen muss ich vor ihm nichts. ER, er kommt aus dem Norden. Aus dem Süden. Aus dem Osten. Aus dem Westen. Er wird mich finden. Hier. Wo ich doch mit meinen Augen alle Himmelsrichtungen abtaste. Am Morgen und am Abend. Mit dem Aufgang der Sonne und dem Leuchten der Sterne.
Hiob soll aus Uz sein, einem längst untergegangenen Nest im Orient. Hier gab es viele Himmelskundige, die in den Sternen zu lesen verstanden. Für die die Nacht ein aufgeschlagenes Buch war. Aber Hiob flüchtet sich zu Gott. Die große Kulisse: der weite Himmel, die vier Himmelsrichtungen. Irgendwo dazwischen: Uz. Und Hiob.
Vorleser:
Hiob sagt:
Gott ließ mein Herz verzagen,
der Allmächtige hat mich in Schrecken versetzt.
Dennoch verstumme ich nicht vor der Finsternis,
vor seinem Angesicht, das Dunkelheit bedeckt.
Trotzig sprudelt es aus Hiob heraus: Ich verstumme nicht! Weder vor der Finsternis, noch vor Gottes Angesicht, das mit Dunkelheit bedeckt ist. Ich lasse mir das Wort nicht nehmen! Niemals.
Nicht zu verstummen, ist der Anfang einer neuen, großen Hoffnungsrede! Die Klage wird sich an neue Töne gewöhnen. Am Ende sehe ich im Dunkel Gottes Angesicht. Ich werde von ihm angesehen! Ich bin bei ihm angesehen!
Finsternis ist mehr als die Nacht, die einen geruhsamen Schlaf verspricht. Wenn alles ruhig wird, sogar der Lärm des Tages verebbt. Finsternis ist ein Ungeheuer, das sich durch die Seele frisst, Träume okkupiert und jedem Tag Angst in die Wiege legt. Finsternis hat keine Ohren. Sie merkt nicht, wenn ein Mensch verstummt.
Ich verstumme nicht, sagt Hiob.
Strippenzieher
Hiob weiß aber nicht alles! Womöglich ist das auch ganz gut. Wenn wir alles wüssten – o Gott! Hiob weiß nicht, dass im Himmel über ihn geredet wird. Mehr oder weniger beiläufig, Zufällig? Vielleicht auch zufällig. In der Geschichte, die von Hiob erzählt wird, spielt eine geheimnisvolle Figur eine merkwürdige Rolle. Es ist der Satan, der Diabolos, auf Deutsch: Der Verwirrer, der alles durcheinander bringt. Scheinbar hat er freien Zugang bei Gott, spielt auch im Himmel gekonnt seine Rolle. Die Überraschung ist groß. DER hier?
Hören wir doch einmal in die Unterredung hinein:
„Ach Gott, du weißt doch, warum Hiob ein so frommer Mann ist? Nein? Du hast es immer gut mit ihm gemeint, ihm alles gelingen lassen, ihn reichlich gesegnet. Kein Wunder, dass der glaubt und es gut mit dir meint, Gott! Verlass dich nur nicht darauf! Ich kenne die Menschen. Ich kenne sie besser als du! Wenn Hiob alles verliert, was ihm lieb und wert ist – du wirst sehen: Er wird sich von dir abwenden. Seine Zuneigung wirst du verlieren. So sicher wie das Amen in der Kirche.“
Gott widerspricht ihm zwar, ein wenig halbherzig, wie ich finde, lässt es dann aber laufen. Dann mach mal! Eine große Probe wird jetzt über die Bühne gehen. Die Probe, ob – Glaube zerbrechlich ist. Ob Glaube gebrochen werden kann. Hauptdarsteller: Hiob. Auf ein Plakat verzichtet der Böse. Er ist sich sicher, dass diese Geschichte genug Zuschauer haben wird.
Es passiert, was alle – im Himmel und auf Erden – längst ahnen: Der Verwirrer aller Herzen, Entschuldigung, auch des Herzens Gottes, bekommt freie Hand:
die reiche Ernte Hiobs wird vernichtet – alles auf natürlichem Weg. Überfälle. Gleich mehrere. –
Die Kinder Hiobs kommen bei einer Naturkatastriphe um – alles auf natürlichem Weg. Ein Unwetter richtet es. –
Hiob wird krank – alles auf natürlichem Weg. Wer weiß, wo er sich angesteckt hat. ..
Also, alles erklärlich – und alles erzählbar. In der Zeitung reicht es allerdings nur für ein paar Zeilen. Mehr nicht. Am Ende geht die Nachricht unter. Es gibt zu viele Horrorgeschichten, zu viele! … Dass im Himmel die Strippen gezogen werden, wer kann sich das denken? Dass Hiobs Glaube auf die Probe gestellt wird – mit höchster Billigung – mag keiner glauben. Hiob auch nicht. Eine Lebensprobe mit so viel Unheil! Mit so viel Leid!
Diese kleine Szene, die im Himmel spielt (und die der orientalische Geschichtenerzähler kunstvoll auszuschmücken vermag), ist unheimlich. Was, wenn hinter jeder Leidensgeschichte Strippen gezogen werden? Willkürlich, maßlos und eiskalt. Mir kommt das Wort „Schicksal“ in den Sinn. Etwas nicht mehr in der Hand zu haben – etwas Schlimmeres ist kaum vorstellbar. Solche Proben mögen zu dem Bösen passen, aber doch nicht zu Gott. Ihn rufe ich doch an! Ihn bitte ich! Ihm möchte ich vertrauen – und alles Gute von ihm erwarten.
Gott, was ist bei dir los?
Unerwartet
Wer jetzt glaubt, dass es keine weitere Steigerung geben könnte, wird enttäuscht. Die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung.
Hiob aus dem sagenhaften Uz, von dem nicht ein Stein mehr zu finden ist, weiß nichts von der Heimtücke, die sich im Himmel abspielt – und er darf es nicht wissen. Sonst könnte die Geschichte nicht aufgehen. Hiob widerlegt, was ihm unterstellt wurde: Nur aus Berechnung zu glauben. Sein Glaube ist ungetrübt, unangefochten und rein. Wir spüren geradezu, was Glaube ist: Glaube ist ein trotziges Festhalten an Gott, ein mutiges Dennoch.
Dennoch verstumme ich nicht vor der Finsternis,
vor seinem Angesicht, das Dunkelheit bedeckt.
Hiob lässt sich nicht kleinmachen, nicht beirren. Nicht der leiseste Zweifel wird laut. Ein großes Staunen breitet sich aus. Wohl auch im Himmel. Einer hat verloren: Der „Verwirrer“ aller Herzen. Wir können ihn auch ruhig Satan nennen. An ihn glauben müssen wir nicht, doch die Kunst, Zweifel zu säen, beherrschen viele Gestalten.
Wer setzt ihn, sie ins Unrecht? Wer widerspricht ihnen? Interessanterweise nicht Gott – es ist Hiob, ein Mensch!
Eigentlich will Hiob Gott aufsuchen und ihn zur Rede stellen. Er will sein – Recht! Hiob breitet gar die vier Himmelsrichtungen vor sich aus – und Gott war immer schon bei ihm. Hiob lässt Gott Gott sein. Für sich. Trotz Tod und Teufel. Gegen Tod und Teufel.
Damit hat der Satan, der die Menschen angeblich so gut kennt (und das für sich zu nutzen weiß), nicht gerechnet. Seine Prognose, Hiob würde auch noch den letzten Rest seines Glaubens verlieren, verhallt im Himmel – und auf Erden. Dabei hat er alles aufgefahren, was er auffahren konnte – die volle Ladung Böses.
Die merkwürdige Geschichte, die sich im Himmel vor dem Thron Gottes abspielt, löst im Leben Hiobs keine Gotteskrise aus. Hiob weiß Gott sogar in seiner Nähe. Er, der den Himmel ausmisst, glaubt an - Hiob. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen: ER glaubt an mich. Die vier Himmelsrichtungen werden das bezeugen! Davon wird man erzählen, darüber staunen. Im Norden und Süden, Osten und Westen.
Der Satan, der in dieser Geschichte seine Rolle spielen will, verliert gerade alles: Seine Macht, Zweifel zu säen. Seine Menschenkenntnis, auf die er so stolz ist. Seine Sicht auf die Dinge, die er über Menschen ausschüttet. Schließlich: Gott kann er nicht weiter in Beschlag nehmen. Er entpuppt sich als das, was er ist - und immer schon war: ein Lügner. Das beste Beispiel, heute: Hiob. Er hält an seinem Vertrauen zu Gott einfach fest. Dabei ist Hiobs Leid nicht einmal vorbei, seine Fragen nicht geklärt, seine Freunde nicht zufrieden. Seine Frau auch nicht.
So ganz nebenbei merken wir, dass Gott – Hiob braucht. Und unseren Glauben braucht er auch. Um das zu sein, was er ist: unser Gott, treu in allem, was er sagt und tut.
Vorleser:
Gott ließ mein Herz verzagen,
der Allmächtige hat mich in Schrecken versetzt.
Dennoch verstumme ich nicht vor der Finsternis,
vor seinem Angesicht, das Dunkelheit bedeckt.
Wer hätte das gedacht: Nicht Gott wird sich vor Hiob rechtfertigen – Hiob rechtfertigt Gott! Indem er an ihm hängt.
Ob es Liebe ist? Es ist Liebe!
Das Schweigen hat ein Ende.
Hiob und sein Freund Gernhardt
Robert Gernhardt, der Worte liebte, prägte und immer neu zusammensetze, fand im Krankenhaus einen Freund: Hiob. Die Geschichte eines Menschen, der auf die Probe gestellt, seine Stärke findet. Viele Menschen haben an dieser Geschichte mitgeschrieben und ihre Leiden, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel eintragen können. Satz für Satz ein Abenteuer.
Hiob hat die Fragen, die Robert Gernhardt stellte, gekannt:
Nachts hat er mich gequält,
mich hat er stumm zur Sau gemacht …
Robert Gernhardt bin ich dankbar, dass er, stellvertretend für so viele andere Menschen, ein Gespräch mit Hiob geführt hat - und uns daran Anteil nehmen lässt.
Wohl in so mancher Nacht, wenn der Tag nicht kommen will, kommt Hiob an das Bett.
Wie ein Freund, der die Lebensgeschichte versteht, der zwischen den Zeilen liest, der auch das Schweigen aushält.
Hiob hat viele Freunde gefunden.
In Krankenhäusern und Altenheimen,
in Lebenskrisen und an Lebenswendepunkten,
in Bildern und Liedern.
„Gott braucht den, den er nächtens schlaucht,
Gott liebt den, dem er Saures gibt!“
In so mancher Enge, die den Himmel klein machte, haben Menschen ihren Glauben entdeckt,
nicht verloren.
„Er aber kennt meinen Weg gut…“ (V. 10)
Sagte Hiob.
Vorleser:
„Aus der Finsternis wird Tag.
Tau fällt, um das Land zu schmücken.
Sonne steigt und Lerchenschlag
meinen Morgen zu beglücken.
Lobgesang durchströmt die Welt.
Du hast mich ins Licht gestellt“[3]
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
[1] Für Hintergründe und Annäherungen:
https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe1/11-nach-trinitatis-hiob-23
[2] https://www.planetlyrik.de/lyrikkalender/robert-gernhardts-gedicht-hiob-im-diakonissenkrankenhaus/ (31.07.2025)
[3] EG 383,3
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Zur „gottesdienstlichen Gemeinde“ gehören viele ältere und kranke Menschen, und wenn es nicht die „gottesdienstliche“ ist, dann sind es Menschen in der Kurklinik, im Krankenhaus und im Altenheim. Aber auch in vielen Häusern, in denen Menschen ihr Leid klagen. An die Angehörigen, die „Warum“ fragen oder zu diesen Fragen nichts zu sagen wissen, denke ich auch. Hiob gilt als Dulder … er ist alles andere als das! Mit ihm den eigenen Glauben wieder zu entdecken, gibt dem Predigttext noch einen zusätzlichen Reiz.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der Text – und das Buch Hiob insgesamt – ist spannungsreich, sprachlich kunstvoll und theologisch ein „weisheitliches“ Wunderwerk. Ich wollte mich einfügen. Die Predigt gibt Auskunft darüber, welchen Weg ich versucht habe. Beflügelt? Das Wort ist mir zu groß. Aber ich kenne viele Menschen, die Ähnlichkeiten mit Hiob haben (oder gewinnen könnten). Dass hier auch die größten theol. Fragen aus allen Ecken lugen, fesselt mich weiter.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Dass der Glaube den Teufel Lügen straft, ist eine Herausforderung, den Glauben biografisch zu verorten (hier: Hiob) und gleichzeitig ein Vertrauen zu denken (und auszuhalten),
das die dunklen Seiten Gottes annimmt. Hiob will von Gott eine Rechtfertigung, rechtfertigt ihn dann aber, bevor er seine Fragen überhaupt anbringen kann. Diese „Argumentationsstruktur“ möchte ich auch an anderen Stellen und Lebenswendepunkten sehen und sichtbar machen. Eine schöne Schnittstelle zwischen syst. und prakt. Theologie
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Da möchte ich nur „Danke“ sagen! So manche Anmerkung hat mir geholfen, meine Gedanken besser zu verstehen und auszurichten. Meine Erst-Leserin hat die Rückfragen der Gemeinde vorweggenommen und – nebenbei – meine Predigtpraxis beobachtet (was ich mit Schmunzeln registrierte). Schade, dass es solche Gespräche (und wenn nur in Umrissen) zu selten oder eigentlich gar nicht gibt. Einen lieben Gruß an dieser Stelle an Frau A. Bräunlich-Comtesse!
Link zur Online-Bibel
31.08.2025 - 11. Sonntag nach Trinitatis
Sieben Tage, sieben Nächte - Predigt zu Hiob 2,1-13 von Manfred Wussow
1 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den Herrn traten, dass auch der Satan mit ihnen kam und vor den Herrn trat. 2 Da sprach der Herr zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. 3 Der Herr sprach zu dem Satan: Hast du acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben. 4 Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben. 5 Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen! 6 Der Herr sprach zu dem Satan: Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben! 7 Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des Herrn und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel. 8 Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche. 9 Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb! 10 Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.11 Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie wurden eins, dass sie kämen, ihn zu beklagen und zu trösten. 12 Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt 13 und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.
Schweigen
Sie kennen die drei bestimmt nicht! Ihre Namen tauchen auch sonst nie auf: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Elifas ist in der Reihe wohl der Älteste, Bildad in den mittleren Lebensjahren und Zofar der Jüngste. Junger Vogel, heißt er. Wenn man seinen Namen wörtlich übersetzt. Hiobs Freunde kommen auch von weit her, sie bringen die große Welt mit – oder: die große Welt macht sich auf, das Leid eines Menschen mitzutragen. Hiob ist nur noch ein Häufchen Elend. Nichts ist ihm geblieben. Die Asche, auf die er hockt, riecht nach verbranntem Leben.
Sieben Tage, sieben Nächte werden die Freunde auf dem Erdboden verbringen, sieben Tage, sieben Nächte – schweigen. Das Leid ist so groß, dass alle Worte schwinden. Von der Vergangenheit reden, macht in der Situation traurig und verzagt, was ist, lässt sich nur beklagen, was kommt, kennt noch keine Worte.
Stellen wir uns die Szene doch einmal vor! Auch wenn die „sieben Tage“ und „sieben Nächte“ nicht wörtlich zu nehmen sind, es ist eine gemeinsame Zeit. Dabei können auch „sieben Tage“ und „sieben Nächte“ eine Ewigkeit sein. Wie eine Zeit, die kein Ende nimmt – oder, auch: eine gefüllte Zeit mit eigenem Glück. Einmal wird man darüber reden können, jetzt aber sind Deutungen und Vertröstungen nur bitter. Doch ein riesiges Vertrauen schält sich aus dem Schweigen heraus. Wir sind bei dir. Wir stehen zu dir. Du bist nicht alleine.
Im Himmel aber werden Zweifel gesät. Eine dubiose Figur taucht auf, die keinen Namen hat. Satan? Das ist doch der, der alles verwirrt. Hiob glaube und vertraue ja doch nur, weil es Gott gut mit ihm gemeint habe. Mit Reichtum, großer Familie, strotzender Gesundheit. Erfolg, Glück in Hülle und Fülle. Wenn ihm das alles genommen wird – du wirst sehen, Gott: Du bist dann weg! Mach dir keine falschen Hoffnungen! Hiob ist so wie die anderen! Und ganz unverhohlen dazu: Du, Gott, hast dir den Glauben von Hiob auch nur erkauft. Du bist – käuflich!
Hiob weiß nichts davon. Die Freunde auch nicht.
Hiobsbotschaft
Entschuldigung, ich habe gar nicht gefragt, ob Sie Hiob kennen. So richtig viel wissen wir von ihm nicht. Er ist als der große Dulder in die Geschichte eingegangen. Was ihm widerfährt, was ihm auch Stück für Stück zugetragen wird, wird „Hiobsbotschaft“ genannt. Nicht, dass es so etwas nicht vor ihm auch schon gegeben hat – aber mit Hiob haben die Hiobsbotschaften einen Namen bekommen.
Bei ihm ging es Schlag auf Schlag. Eine Hiobsbotschaft folgte der nächsten. Erst ging sein Vieh unter – sein Reichtum. Dann kommen die Kinder um – seine Zukunft. Und schließlich wird seine Haut von Geschwüren gefressen – es geht ihm ans Fell. Noch mehr geht nicht. Die letzte Steigerung wäre der Tod. Aber angesichts dieses Übermaßes an Leid wäre der Tod Erlösung. Nur – die wird nicht gewährt.
Hiob muss dadurch.
Hiobsbotschaften kommen aus heiterem Himmel. Dann ist das Leben nicht mehr wie vorher. Es ist, als ob die Erde nachgibt, der Himmel gar über einem Menschen zusammenfällt. Nichts ist mehr in Ordnung. Es ist, als ob die Schöpfung zurückgenommen wird.
Manchmal erzählen mir Menschen von Hiobsbotschaften.
Ein Arztbesuch. Harmlos. Eigentlich. Aber die Diagnose lautet: Krebs. Wie vom Donner gerührt. Die Zeit bleibt stehen.
Eine Hiobsbotschaft.
Die Arbeit macht Freude. Die Familie freut sich. 1.000 Stellen sollen gestrichen werden. Dann kommt die Kündigung. Ein paar Zeilen. Floskeln.
Eine Hiobsbotschaft.
Zwei Menschen, die sich liebten, haben sich auseinandergelebt. Sie konnten nicht darüber reden. Das Schweigen half nicht. Dann kam die Trennung. Gefühlt wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Eine Hiobsbotschaft.
Angst vergreift sich zuallererst an den Herzen der Menschen. Und gelegentlich kommt die Wut dazu. Eine stille Wut. Eine Wut, die sich nach innen kehrt. Manchmal igeln sich Menschen dann ein. Sie möchten keinen Rat und auch keinen Trost. Sie möchten mit sich alleine sein. Manchmal aber möchten Menschen einfach in den Arm genommen werden, ohne etwas sagen, etwas hören zu müssen. Zusammen still zu sein, ist eine Kunst. Dann wärmt die Nähe.
Eine andere Hiobsbotschaft jährt sich gerade. Vor einem Jahr wurde die Ukraine quasi über Nacht überfallen. Nach einem öffentlichen Ringen. Alte Sicherheiten – und alte Täuschungen – sind auseinander gefallen. Blöcke türmen sich jetzt auf. Feindbilder werden geputzt. Unendlich viele Menschen sterben, viele sind geflohen, viele verlieren alles. Wenn es doch nur eine Hiobsbotschaft gäbe! Aber – die eine gebiert immer neue.
Eine Hiobsbotschaft ist noch ganz frisch. Eine? Im Stundentakt vermehrte sie sich. Die Erde bebte in der Türkei und in Syrien. Häuser fielen in sich zusammen und begruben Menschen im Schutt. Fassungslos sprechen Menschen auch von Schuld. Und von Schuldigen. In den Opferzahlen verschwinden Gesichter und Geschichten. Was sagen schon Zahlen? Dreißigtausend, Vierzigtausend, Fünfzigtausend? Was heißt, kein Zuhause mehr zu haben? Was heißt, vergessen zu werden?
In der öffentlichen Wahrnehmung müssen Hiobsbotschaften sich mit dem Sekundentakt begnügen.
In den Nachrichtensendungen auch. Danach geraten die schlimmsten Szenen und entsetzlichsten Geschichten sogar ins Hintertreffen. Es gibt zu viele. Jeden Tag.
Manchmal höre ich nicht mehr zu.
Aber ist das nicht auch eine – Hiobsbotschaft?
Der siebte Tag
Sich mit einer Situation abzufinden, das Schicksalhafte anzunehmen und das Unerklärliche zu akzeptieren, kann keinem Menschen auferlegt werden. Hiob wird mit seinen Freunden noch große Dispute darüber führen. Das heben wir uns für eine andere Gelegenheit auf.
Dass Schweigen sehr böse werden kann – oder auch böse enden, haben Menschen oft schon leidvoll erlebt. Als sie Nähe suchten, bekamen sie Distanz, als sie auf Verstehen hofften, schlug ihnen Desinteresse entgegen. Wenn Abstände entstehen, über die keine Brücke führt, gibt es keinen Weg. Die, der – da. Ich – hier. In diesem Schweigen gehen Menschen unter. Ich müsste schreien! Aufstehen!
Der Hiob in der Asche ist nicht alleine. Er geht nicht unter. Seine Freunde sind schweigend im Gespräch mit ihm vertieft. Was sie verbindet, braucht keine Worte. Eine große Ruhe stellt sich ein. Gedanken klären sich, Ängste werden abgewogen und neue Perspektiven tun sich auf. Schweigen erweist sich als Offenbarung. Im Schweigen hat sich Gott selbst offenbart. Da verstummte der Sturm. Da verebbte das Feuer. Und Gott ging den Menschen voraus.
Übrigens: Wenn von sieben Tagen und sieben Nächten die Rede ist, ist der siebte Tag Schabbat. Der Tag der Ruhe. Die Anspannung fällt ab. Ein tiefes Durchatmen. Am siebten Tag ruhte Gott und schaute auf sein Werk. Auf seine Schöpfung. Auf die Menschen. Jetzt wächst in dem Schweigen ein neuer Weg. Ein neuer Anfang. Eine neue Schöpfung.
Glaubensbekenntnis
Die Geschichte von Hiob hat den Weg in die Bibel geschafft. Ein umfangreiches Buch ist daraus geworden. Das Buch Hiob. Mit den Fragen, die uns immer noch umtreiben und immer wieder neu: Warum es Leiden gibt? Warum Ungerechtigkeit? Warum einen ungerechten Gott? Warum – Hiobsbotschaften?
Hiobs Frau spricht aus, was der Zweifelsäer längst erwartet und mit bestechender Logik vorgebracht hat: Jetzt hast du nichts mehr, lieber Hiob – lass es gut sein, schwör ab, fluche Gott, stirb! Es gibt nichts, was dich hält. Es gibt nichts, was uns hält. Wir sind am Ende!
Und Hiobs antwortet:
„Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“
Es ist ein Satz. Kein Wort ist zu viel. Man hört den Atem.
Hiob klagt nicht darüber, was ihm genommen wurde, was verloren ging, was ihn geschlagen hat. Hiob fragt auch nicht: Warum?
Hiob schaut auf Gott. Wir ihm empfangen wir Gutes. Von Anfang an. Er ist die Quelle des Lebens. Schöpfer der Welt. Fels in der Brandung. Burg im Gebirge. Licht der Welt.
Hiob überrascht uns mit seinem Glaubensbekenntnis. In der Situation. Er hockt in der Asche. Von Kopf bis Fuß ist er gezeichnet. Aber seinen Glauben hat er nicht verloren, er hat ihn sich auch nicht nehmen lassen, er wird von ihm getragen. Wir könnten sogar Dankbarkeit heraushören, aber das ist vielleicht doch zu gewagt.
Dass Gott Hiobs Bekenntnis hört, wird nicht erzählt – dass es der geheimnisvolle Gegenspieler wenigstens zur Kenntnis nimmt, auch nicht. Wir aber hören es! Es ist für unsere Ohren! Wir haben Gutes empfangen! Das Leben – und Gottes Treue!
Paulus wird viele Jahrhunderte später in seinem Brief an die Gemeinde in Rom auf Hiob Bezug nehmen: Wer hat Gott etwas gegeben, das er es ihm vergelten müsste? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! (Röm. 11,35f.)
Hiobs Botschaft
In einer langen Geschichte, die hier nicht nacherzählt werden kann, ist mit den Hiobsbotschaften die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes gestellt. Das große Wort heißt: Theodizee. Nach dem Erdbeben von Lissabon, 1755, wurde die Warum-Frage öffentlich diskutiert. Zum ersten Mal gab es durch die damals aufbrechenden Medien eine große, fast weltweite Anteilnahme. Warum geht eine so große und bedeutende Stadt unter? Was haben die Menschen denn getan? Warum gibt es überhaupt so viel Ungerechtigkeit in der Welt? Warum keine Barmherzigkeit?
Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama mögen zwar schweigen, aber sie – sie sehen. Ausdrücklich, eindrücklich weiß die Geschichte davon zu erzählen. Die Freunde sehen das große Leid. Sie sehen aber auch den Glauben. Die Freunde teilen sieben Tage und Nächte mit Hiob. Sie teilen mit ihm auch sein Vertrauen. Mit ihren Augen heben sie Hiob aus dem Staub, tragen ihn aus der Asche. Hiob wird gesehen. Hiob wird wahrgenommen. Was der Zweifelsäer mit Gott besprochen hat, wissen die Freunde nicht. Sie können es nicht einmal ahnen. Nur: Das letzte Wort bekommt das Leiden nicht.
Den Hiobsbotschaften gesellt sich Hiobs Botschaft zu: Ich halte mich an Gott fest, ich lasse mich von ihm halten, mit ihm gehe ich in ein neues Leben.
Dieser Glaube kann in einem Schweigen wachsen und schließt dann neue Worte auf.
Sie kennen die drei jetzt! Ihre Namen können nicht vergessen werden: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Hiobs Freunde kommen von weit her, sie bringen die große Welt mit – oder: die große Welt macht sich auf, das Leid eines Menschen mitzutragen. Hiob ist kein Häufchen Elend. Der Glaube trägt ihn. Die Asche, auf die er hockt, riecht nach neuem Leben.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Ich sehe Menschen vor mir, die mit ihrem Schicksal, mit ihrem Leben hadern. Und ich sehe Menschen vor mir, die mit der Warum-Frage kämpfen, aber Frieden finden. Hiob ist ein besonderer Gesprächspartner, auch in der Stille. Wenn seine Freunde dazu kommen, wird der Gottesdienst komplett.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Hiob! Beflügelt hat mich u.a., dass die Predigt Station auf einem Weg ist – vom Psalm über das Kyrie bis hin zu den Fürbitten und dem gemeinsamen Abendmahl. Insofern wird Hiob Gast in einem großen Programm und Gesprächspartner Jesu auch. Dass nur die Predigt veröffentlicht wird, ist ein Manko.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Mehr Hiob! Das Buch ist eine Fundgrube, seelsorgerlich, literarisch, philosophisch und theologisch. Selbst säkulare Zeitgenossen können sich mit Hiob gut auseinandersetzen und vielleicht Gott entdecken. Wenn nicht, tauchen sie in eine große Geschichte ein, die ihre Spuren auch in der Weltliteratur hinterlassen hat.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Mein Coach (oder Coachin) hat kluge Fragen gestellt. Das „stille“ Gespräch mit ihr hat der Predigt gut getan. Jede Leserin, jeder Leser, begibt sich ohnehin auf eine eigene Reise.
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Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! - Predigt zu Hiob 19,19-27 von Andreas Pawlas
Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.
Liebe Gemeinde!
Das kennen wir doch, dass wir Klagen hören - gerade in der jetzigen von der Pandemie geprägten Zeit. Und wer unter uns könnte nicht einstimmen, etwa in die Klage darüber, dass wir uns mit unseren Lieben nur im kleinen Kreis treffen und uns nicht umarmen dürfen, oder dass wir nicht in die Museen können, oder auch dass die Cafés geschlossen sind. Oder bestimmt auch, dass der Betrieb mit üblen Gewinn-Einbußen kämpft. Sicherlich weiß jeder von uns genug, was hier noch an aussprechbaren und unaussprechlichen Klagen hinzuzufügen wäre. Aber, in welch einer Not muss sich ein Mensch befinden, um so zu klagen und zu schreien, wie wir es hier von Hiob hören!
Wo wir heute und unter uns solche oder vergleichbare Nöte antreffen? Nein, meist stoßen wir nicht direkt darauf. Denn meist sind doch diese Nöte vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen. Nein, wir kommen nicht ohne weiteres hinein, etwa auf die Intensivstationen oder in die Sterbezimmer zu Haus. Oder wer lässt uns anteilnehmen an seinem Überlebenskampf während durchwachter und durchweinter Nächte im eigenen Schlafzimmer?
Aber vor allem, wer kann dann, wenn sich das Fieber-Karussell nur zu schnell dreht, wenn alles im Leben drunter und drüber geht und wenn kein Vertrauter mehr Zugang zu mir hat, noch so bildhafte Worte finden, wie Hiob? Bleibt da meist nicht nur ein Aufschreien, ein Stöhnen, ein Wimmern? Wie oft habe ich solche Klänge mitgenommen von meinen Besuchen bei Schwerverletzten oder Sterbenden in Krankenzimmern oder auf Intensivstationen. Aber sicherlich kommt es auch gar nicht auf die Macht der Formulierungen an, wenn es derart um das nackte Leben, und um das Sterben und Vergehen geht, wie bei Hiob.
Aber warum nur hat denn das Gottesvolk damals alle diese herzzerreissenden Klagen festgehalten und für uns Heutige weiter überliefert? Sicherlich, es kann hilfreich sein, sich in einer Gemeinschaft der Klagenden zu wissen, manchen kann es wirklich stärken, sich gemeinsam all diesem Leid und der Verzweiflung ausgesetzt zu sehen. Macht das nicht auch viel von dem Hilfreichen in einer Selbsthilfegruppe aus?
Sollte das Gottesvolk wirklich deshalb alle diese Klagen festgehalten haben, um uns Heutige in eine Selbsthilfegruppe der Klagenden mit einzubeziehen? Jedoch haben Selbsthilfegruppen meist zu Intensivstationen oder Sterbezimmern keinen Zugang. Darum ist die Botschaft der heutigen Zeit: Die tiefe Verzweiflung und die schwarze Ausweglosigkeit trifft uns meist allein - mutterseelen allein.
Wer mich da noch hört? Wem ich da noch etwas bedeute?
Ich bin fest davon überzeugt, dass das Gottesvolk alle diese Klagen Hiobs für uns Heutige festgehalten hat, weil in diesen Verzweiflungsschreien Hiobs ein Bekenntnis steckt. Es ist das Bekenntnis: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Und daran glaube ich fest, dass wir dieses Bekenntnis über Zeiten und Räume hinweg für uns gelten lassen dürfen:
So manches Mal hatte ich schwere Beerdigungen auf unserem Friedhof zu halten. Und dann ging es die altbekannte Strecke aus der Kapelle heraus bis zur Grabstelle. Aus dem Trauerzug hinter mir konnte ich dann meist noch so manches Schluchzen hören. Und allen stand noch bevor, wie sich der Sarg dann in die dunkle Erde senken würde, wobei Sekunden zu Ewigkeiten würden, und wo dann die Erdwürfe auf den Sarg diesen deprimierend dumpfen Klang ergeben würden, bevor dann alles vorbei wäre.
Aber vorher, ja vorher hatten wir auf diesem Weg von der Kapelle zur Grabstelle am Grab meines Vorvorgängers vorbei zu kommen Und dort, genau dort, da stand diese Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“.
Und für mich bedeutete das: Ich atme durch! Und still danke ich diesem alten Pastor in meiner Seele, dass er die Gestaltung seines Grabsteins in dieser Weise verfügt hatte! Ja, so oft habe ich diese Inschrift als verständnisvollen hilfreichen Gruß von ihm verstanden, der mich ermutigte und mir Kraft gab, um Gottes willen auch dem schlimmsten Elend beizustehen. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“.
Denn so tief sich auch die Verzweiflung ausbreiten will, so beklemmend und lähmend sich auch die Ausweglosigkeit auf unseren ganzen Leib legen und uns den Atem nehmen will, um Gottes willen darf ich noch anderes denken. Ich darf noch anderes fühlen, nämlich: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“.
Es ist diese Gewissheit, ja diese Ostergewissheit „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, die uns schon heute, an diesen Sonntag in der Passionzeit, mit auf unseren eigenen Lebensweg mitgegeben werden darf.
Nein, die Passion ist nicht alles. Gewiss, die Leidenszeit gehört mit zu unserer Weltenzeit. Aber sie wird bedacht und tief ernst genommen, weil am Ende das Kreuz steht, das Kreuz der Beendigung des Leidens, das Kreuz als Weg zu Auferstehung und Leben: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“.
Wenn auch ich in meinem Leben und Leiden nicht mehr in der Lage sein sollte, klar denken zu können, und wenn mir es auch Schläuche und Masken wären, die meinen einzigen Lebenshorizont bildeten und es mir unmöglich machen sollten, noch Worte zu meinen Lieben zu sagen, mit jedem Atemzug könnte ich dennoch hauchen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“.
Und wenn mir meine Haut auch noch so zerschlagen ist, wenn ich keine Kraft mehr haben sollte, mich irgendwie zu regen, so will ich doch fest daran glauben, dass ich auch ohne mein Fleisch und seine Kraft Gott sehen werde. Ich selbst und kein Fremder. Ich will fest daran glauben, weil Jesus Christus an mich glaubt, weil Christus in seiner Passion für Dich und mich den Weg des Leidens zur Auferstehung gegangen ist, damit Du und ich genauso auferstehen wie er. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Gott sei Dank!
Amen
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Es ist eine Vorstadt-Gemeinde versammelt, Alt und Jung sind beieinander. Kinder sind zuerst beim Gottesdienst dabei, dann aber kommt nach dem Evangelium der Auszug der Kinder zum parallelen Kindergottesdienst.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Das eigene Erleben mit dem Hiob-Wort „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ auf dem Friedhof.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die Bitte und die Hoffnung, mich auch im eigenen Vergehen derart über dieses Hiob-Wort auf Christus verlassen zu können.
4.Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
ch habe gern Anregung des Predigtcoaches zu Vermeidung von Doppelungen und zur thematischen Konzentration aufgenommen.
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17.11.2019 - Vorletzter So. des Kirchenjahres
01.09.2019 - 11. So. nach Trinitatis
November mit Gott - Predigt zu Hiob 14,1-6 von Karoline Läger-Reinbold
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war, und der da kommt.
Liebe Gemeinde,
da ist sie wieder, die Novemberdepression. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt – ein Text wie ein Seufzen. Auch längst vergangene Trauer wird unvermittelt wieder wach, legt sich leise wie ein Schleier auf die Haut, macht wieder rau, was doch schon geglättet war. Mit schneller Geste fahren wir darüber, wischen weg, polieren, setzen Glanzlichter auf. Ungeduldig möchte ich vertreiben, was tief im Innern schon entschieden ist: das Eingeständnis der Vergänglichkeit und der unsichtbaren Grenzen, unter denen wir leiden. Glücklich die Momente, in denen das alles von uns abfällt, in denen wir unbelastet gehen können. Glücklich die Zeiten, in denen es uns gut geht und wir das Leben genießen können. Selten sind sie von Dauer. Da gibt es Phasen melancholischer Verstimmung, die gehören zum Leben einfach dazu. Und leider gibt es manchmal auch die Zeiten tiefer Depression und echter Krise, in denen wir Hilfe brauchen und Unterstützung.
Die Bibel erzählt die Geschichte von Hiob, einem frommen Mann. Er war rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Gott hatte ihn gesegnet mit sieben Söhnen und drei Töchtern, mit einem großen Bestand an Vieh und also sehr großem Reichtum. Hiob war ein gemachter Mann, dem es gut ging. Er war dankbar und glaubte an Gott.
Doch dann wird dieser Glaube auf eine harte Probe gestellt. Hiob verliert sein Haus, seine Kinder und seinen Besitz. Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr so, wie es war. Das Unglück bricht über Hiob herein, und zwar im ganz großen Stil. Menschen, die so etwas erleben, sind traumatisiert. „Der Boden tat sich unter meinen Füßen auf“, sagt der Mann, der gerade vom Arzt seine Diagnose erfahren hat. Oder: „Ich habe gedacht: jetzt ist alles vorbei.“ So wird auch Hiob sich gefühlt haben, so wird er gedacht haben, als er seine Kleider zerreißt und sich das Haupthaar rasiert zum Zeichen seiner Trauer. Dann wirft er sich auf den Boden und ergibt sich seinem Los. Geradezu abgeklärt klingt es, wenn Hiob sagt: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt! (1,21)
Hiob steht so fest in seinem Glauben, dass er auch in großer Trauer und Leid noch ein Gotteslob sagen kann. Doch es kommt sogar noch dicker: Hiob wird krank. Sein ganzer Körper wird überzogen mit bösen Geschwüren, vom Kopf bis zu den Füßen ist er übersät mit schmerzhaftem, ekligem Ausschlag. Und selbst Hiobs Frau stellt seine Frömmigkeit nun infrage: Sage Gott ab und stirb, sagt sie ihm. Kein schöner Satz aus dem Mund eines liebenden Partners. Die Nerven liegen also blank. Das ruft die Freunde auf den Plan. Hiob bekommt Besuch von seinen drei besten Freunden, die ihn nicht wieder erkennen, wie er da so liegt. Erschüttert leisten sie ihm Gesellschaft, zerreißen ebenfalls ihre Gewänder, setzen sich zu Hiob auf den nackten Boden und sagen ganze sieben Tage erst einmal nichts. Wortlos bleiben sie da und halten aus mit ihm. Und dann, nachdem eine Woche vergangenen ist, da bricht es aus Hiob heraus, und er verflucht die Last seines Lebens: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! (3,3) Worte wie diese und noch viel mehr sprudeln aus der Tiefe seiner Seele hervor, ungefiltert und bitter, und er lässt es geschehen. Die Freunde versuchen zu trösten, doch es zeigt sich schnell, dass sie mit ihrer Weisheit am Ende sind. Hiob lässt sich nicht trösten, er hält fest an seiner Klage, und er streitet mit Gott. Der Hinweis des Elifas, des ersten Freundes, Hiob können vielleicht sein Leid selbst verschuldet haben durch sein Verhalten, wird energisch zurück gewiesen. Nein, Hiob hat sich nichts vorzuwerfen, er ist nicht Schuld an dem, was ihn getroffen hat. Und diese Feststellung ist wichtig, auch für uns Heutige: der Tun-Ergehens-Zusammenhang ist obsolet, er funktioniert nicht. Es mag einzelne, wenige Fälle geben, in denen Menschen selbst verschuldet in ihr Unglück laufen. Eine schwere Erkrankung, ein tragisches Schicksal, in der Regel sind sie weder hausgemacht und schon gar nicht als Strafe von Gott geschickt, sondern einfach geschehen. Und es ist keinem geholfen, wenn wir als Freunde oder Angehörige sagen: ach, hättest du doch nur… – besser aufgepasst oder gesünder gelebt oder intensiver gebetet. Oder noch schlimmer, die subtile Tour, Psychotherapie für Anfänger: guck doch mal genauer bei dir hin, was das bei dir ist, dass du dieses oder jenes Problem hat. Das wird ganz schnell zynisch und oft auch gefährlich. Solches Denken und Reden hilft keinem. Und Hiob hält zu Recht daran fest: dieses Leid, das mir widerfährt, ist zu groß und zu schwer, ich möchte lieber sterben und ich verstehe auch meinen Gott nicht mehr, der mich dies alles aushalten lässt. Der Mensch ist vergänglich, seine Tage sind gezählt, und am liebsten wäre mir, alles wäre vorbei und ich hätte endlich meine Ruhe.
Liebe Gemeinde, so geht es im Hiob-Buch immer wieder hin und her. Da sind die klugen und wohlmeinenden Reden der Freunde, die sich um Hiob sorgen und ihm helfen wollen, seine Lage zu verstehen oder doch zumindest zu ertragen. Und da sind die Klagen Hiobs, der seine Leidenserfahrung beschreibt. Ruhe wünscht er sich, keine schwatzhaften Ergüsse, die regen ihn nur auf. Ihr seid Lügentüncher und seid alle unnütze Ärzte, so beschimpft er die Freunde (13,4). Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben, sagt er (13,5). Und dann spricht Hiob sehr eindrücklich von der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und von der Kürze des Erdenglücks. Und ich muss sagen, diese authentischen, offenen Worte in der Bibel sind mir unendlich lieb. Die Echtheit und Unverstelltheit, mit der Hiob zu Gott spricht und mit ihm sogar streitet, ich empfinde sie als heilsam. Für mich sind sie eine starke Ermutigung zum Gespräch mit Gott, zum Gebet. An Gott kann ich mich wenden auch dann, wenn gar nichts mehr geht, wenn ich in Sack und Asche auf dem nackten Boden sitze, er ist für mich da, und ich muss mich nicht schämen, weder für meinen kläglichen Zustand noch für die unfrisierten Gedanken. Das Hiobbuch endet mit einer langen Rede, in der Gott den Hiob anredet. Eine Antwort will ich diese Rede nicht nennen. Sie ist vielmehr ein eindrucksvolles Zeugnis für Gottes Souveränität und Macht, ein Hinweis auf sein schöpferisches Handeln in Raum und Zeit. Sie ist ein Erweis göttlicher Nähe und Ausdruck seiner Stärke, und Hiob begreift und wird still. Hiob sagt: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen hast, ist dir zu schwer (42,2). Und Hiob erkennt: nachdem er lange selbst geklagt hat, um Gott besser zu verstehen, muss er auch lernen, auf ihn zu hören. Ich will dich fragen, lehre mich, sagt Hiob zu Gott (42,4). Ein bemerkenswerter Satz. Denn für unsere Klage, für unser Beten heißt das ja: bei allem Raum, den die Klage bekommt, bei allem Fragen und Nachdenken über das eigene Los, das Gebet hat immer diese beiden Aspekte, die eigene Rede und die Öffnung für Gottes Wort. Und so, wie Hiob am Ende dieser Auseinandersetzung mit Gott den Weg aus Leid und Verzweiflung heraus findet, so scheint es mir ein guter Versuch zu sein, auch die Novemberdepression einmal hinein zu nehmen in unsere Gespräche mit Gott. Die kleine melancholische Verstimmung wie auch das tiefe Leid, das uns trifft. Bei ihm können wir es zeigen, wie schwer wir daran tragen, an der Vergänglichkeit des Lebens und an unserer Verletzung. Denn in Gott sind wir aufgehoben und zuhause, und das gilt ganz unabhängig davon, wie sich das Leben gerade wieder zeigt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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Hiobs Botschaft - Predigt zu Hiob 14, 1-6 von Kathrin Oxen
Ihr habt mir tags von Gott erzählt, nachts hat mich euer Gott gequält. Ihr habt laut eures Gotts gedacht, mich hat er stumm zur Sau gemacht. Ihr habt gesagt, dass Gott mich braucht – Braucht Gott wen, den er nächstens schlaucht? Ihr habt erklärt, dass Gott mich liebt – Liebt Gott den, dem er Saures gibt?
Dunkle Tage, schwarzer Humor. Da spricht einer, der etwas weiß von den Novembertagen des Lebens. Der Vater in den letzten Kriegstagen gefallen, die Mutter mit den drei Kindern auf der Flucht aus der Heimat im Baltikum, der Tod der ersten Ehefrau, eine schwere Herzoperation, eine langwierige Krebserkrankung. Dichter versuchen, für alles Worte zu finden, sagt Robert Gernhardt, von dem dieses Gedicht stammt. Er hat Worte gefunden, in denen er auch angesichts seines Leidens erkennbar bleibt. Einer, der seinen Humor nicht verloren hat und noch seiner tödlichen Krankheit komische Seiten abgewinnen konnte.
Dunkle Tage, schwarzer Humor und die Erinnerung an den Mann auf dem Aschenhaufen, an Hiob. Einer, der Saures bekommen hat, um es zurückhaltend zu formulieren. Die Schicksalsschläge, die ihn treffen, die sprichwörtlich gewordenen Hiobsbotschaften, die ihm mitgeteilt werden – gar nicht schlecht, das alles mit Humor zu betrachten, gerade in diesen Novembertagen mit ihrem dunklen Stakkato aus Gedenken und Erinnern, empfundener und verordneter Trauer, feuchtem Herbstlaub und früher Dunkelheit.
Ich allein bin entronnen, dass ich’s dir ansage (Hiob 1.15), der Refrain der Boten, die Hiob grotesk anmutende Schicksalsschläge mitteilen, erst den wirtschaftlichen Totalverlust an Rindern, Knechten, Schafen und Kamelen und dann den Tod seiner zehn Kinder.
Als der noch redete, kam ein anderer und sprach (Hiob 1,16) … Und am Ende sitzt Hiob auf dem Aschenhaufen, der von seinem Leben übrig geblieben ist und kratzt seine juckende Haut mit den Scherben seines Glücks. Und es kommt noch schlimmer, denn jetzt kommen die Freunde. Hiob fehlt es nicht an Menschen, die ihm nahe sein wollen, die Anteil nehmen an seinem Schicksal, die ihm zur Seite stehen, leider weniger mit Tat, sondern vor allem mit Rat.
Ihr habt mir tags von Gott erzählt, ihr habt laut eures Gotts gedacht, ihr habt gesagt, dass Gott mich braucht, ihr habt erklärt, das Gott mich liebt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.
Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben! (Hiob 12,2) Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben. (Hiob 13,5)
Der sarkastische Kommentar Hiobs zu all den Ratschlägen seiner Freunde spricht dafür, dass er auch dort auf dem Aschenhaufen seinen Humor noch nicht verloren hat. Noch findet er Worte. Nachts hat mich euer Gott gequält, mich hat er stumm zu Sau gemacht. Braucht Gott wen, den er nächstens schlaucht? Liebt Gott den, dem er Saures gibt? Das Bett ein Aschenhaufen. Da sitzt er, der Mensch, oder liegt, nackt oder im Schlafanzug und muss sich kratzen und kommt nicht hin und es hört nicht auf, sondern wird noch schlimmer. Dunkle Tage, schwarzer Humor und eine Frage: Wie gehört das zusammen, Leid und Gott?
Eine Frage, die ins Leben kommt, so sicher wie die Tatsache, dass im Herbst die Blätter fallen. Eine Frage, die am Ende des Lebens kommt, wenn es Herbst und Winter wird. Eine Frage, die sich noch viel drängender stellt, wenn die Jahreszeiten des Lebens durcheinandergeraten sind und es plötzlich Frost gibt im Frühling und Schnee im Juli. Keine Novemberfrage, sondern eine Lebensfrage.
Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. (Hiob 14, 1-6)
Dunkle Tage, schwarzer Humor. Hiob, der Mensch, der Gott bittet, ihn wenigstens jetzt in Ruhe zu lassen. Vergänglichkeit, Sterblichkeit, Leid und die Tatsache, dass er als Mensch all dem ausgesetzt ist - darüber will er gar nicht mehr verhandeln, das akzeptiert er. Aber dass all das auch noch etwas mit Gott zu tun haben soll – da liegt das wirkliche Problem, das ist die Lebensfrage.
Bitte, sieh mich nicht so an, wie ich hier sitze auf meinem Aschenhaufen, wie ich hier liege in meinem Bett. Die andern quälen sich nur mit ihrer Krankheit, aber ich quäle mich auch noch mit dir. Die anderen sagen, wenn ich tot bin, dann war’s das eben, dann ist Feierabend, und leben und sterben damit. Und ich quäle mich mit all den Fragen, was du vorhast mit mir, was noch auf mich zukommt, wenn alles von dir kommt. Bitte sieh mich nicht so an. Ich freu mich, wenn es endlich vorbei ist.
Dunkle Tage, schwarzer Humor und Hiobs Botschaft. Es trifft nicht zu, was viele denken: Wer glaubt, hätte es leichter und immer eine Antwort parat. Wer glaubt, sähe in allem immer einen Sinn. Das ist ja der gängige Vorwurf insbesondere der so kämpferischen neuen Atheisten: Wer glaubt, mache es sich irgendwie und unangemessen viel leichter und wähle einen weniger anspruchsvollen Weg der Bewältigung der großen Lebensfrage.
Leichter machen sie es sich, die „neuen Atheisten“ die auf Busse schreiben, es gäbe keinen Gott und man brauche sich keine Sorgen zu machen und könne das Leben genießen. „Amateurgegner“ hat Karl Barth sie genannt, all die Religionsspötter und Atheisten, „arglose, gemütliche Gesellen“ seien sie im Vergleich zu Hiob, der es mit Gott auf sehr ungemütliche Weise zu tun bekommen hat.
Hilft ihnen ihr Glaube? Ich bin das selbst schon gefragt worden, an den Novembertagen in meinem Leben, auf meinem eigenen Aschenhaufen sitzend. Mein Lächeln bei der Antwort war etwas schief. Ja, der Glaube hilft - und er macht alles noch viel schwerer. Das, was mir geschieht, mit Gott in Beziehung zu setzen, das ist eine überaus anspruchsvolle Lebenshaltung, im eigenen Leben und auch angesichts des Leids in der Welt. Wie mühen wir uns oft, Leid und Katastrophen mit Gott in Beziehung zu bringen, werden angefragt, sogar verantwortlich gemacht und reiben uns doch selbst bis zur Schmerzgrenze an diesen Erfahrungen.
Was Hiob erfährt, ist viel mehr als eine Auseinandersetzung mit Gott. Denn Auseinandersetzung, die unendlich ventilierte Frage, ob es Gott überhaupt gibt, das wäre ja schon die Distanz, nach der sich Hiob sehnt. Aber es ist die Nähe Gottes, die Hiob zusetzt. Noch nackt und krank und auf den traurigen Überresten seines Lebensentwurfes lässt Gott Hiob nicht in Ruhe. Die Bitte, Gott möge ihn doch einmal aus den Augen lassen, wird ihm nicht erfüllt. Ein Blick, auf der Haut zu spüren. Ein Gegenüber, das nicht aus dem Zimmer geht im Zorn, sondern gegenwärtig bleibt bis an die Grenze des Erträglichen.
Es gibt keine Distanz, sondern schmerzhafte Nähe. Hiob reibt sich an Gott. Sein Leid besteht nicht in all dem, was ihm widerfahren ist. Hiobs Leid im Leiden besteht darin, dass er all das mit Gott in Zusammenhang bringen muss. Blicke weg von mir, damit ich Ruhe habe, wie all die anderen, damit endlich Feierabend ist.
Dunkle Tage, schwarzer Humor. Und einer, der Worte findet und Gott entgegenschleudert. Bist du es, der mich nachts quält, machst du mich zur Sau, schlauchst mich, gibst mir Saures? Der Mensch, der sich an Gott reibt. Der Mensch, dem Gott so nah ist, dass es weh tut. Der Mensch, an dem zu sehen ist, dass Gottesnähe und Gottverlassenheit dasselbe sein können. Hiobs Botschaft.
Amen.