'Great deal' in gefährlicher Zeit - Predigt zu Jeremia 31,31-34 von Bernd Vogel
Ein ‚Deal‘ ist ein ‚Geschäft‘, das zwei Vertragspartner miteinander machen. Sie schließen einen Vertrag. ‚Dealing‘ [with] ist die Handlungsweise, das Verfahren, um zum Ergebnis zu kommen, zur Erledigung eines Vorhabens. Warum also nicht Weltpolitik betreiben mithilfe von ‚deals‘?
Unter dem Blickwinkel von ‚America first!‘ muss ‚deal‘ allerdings als ein Ausdruck für imperialistische Machenschaften gelten zum einseitigen Vorteil, als ein Vertrag mit egoistischem Hintersinn, etwas Unsauberes. Das ist eine Deformation dessen, was einmal mit ‚deal‘ gemeint war. Trumps Rede vom ‚deal‘ zeigt an, dass Amerika dabei ist, die Geschäftsgrundlagen der Weltpolitik infrage zu stellen und dabei ganz nebenbei seinen eigenen Mythos, seinen eigenen ‚Spirit‘ aufzukündigen; denn am Anfang der Vereinigten Staaten von Amerika stand der Gedanke des ‚Deals‘, den angeblich Gott mit diesem neuen Volk abgeschlossen hat, präzise: der ‚Bund‘, den Gott mit ihm geschnitten hatte. Und das kam so: Die vor 350 Jahren eingereisten Europäer, die frommen ‚Covenanters‘ aus England und Schottland, die Rebellen gegen die britische Krone, die Eroberer gegen die indigenen Völker, die Sklavenbesitzer und Ausbeuter der Natur, die Kämpfer für Menschenrechte und Freiheit, hielten sich zugute, ‚God’s own country‘ zu sein, als demokratisch verfasste Gesellschaft ein neues ‚gelobtes Land‘ tief im Westen. Das hieß für die meisten, sich persönlich und als Gemeinschaft als Bündnispartner Gottes zu verstehen. Gott hatte mit ihnen einen ‚Bund‘ geschlossen. Menschenrechte, Demokratie, freier Handel und persönliche Frömmigkeit gehörten von nun an zum Zentrum der amerikanischen Ideologie. Wir sind Zeugen dessen, dass dieses Konstrukt erodiert und zerfällt. Was wird daraus werden?
In den alten Kulturen des Nahen Ostens vor mehr als 4000 Jahren wurden wichtige Verträge von einem blutigen Ritual begleitet. Damit bekräftigten die Vertragspartner, dass es ihnen tödlich ernst war mit einer wechselseitigen vollkommenen Verpflichtung auf die Einhaltung des Vertrages. Sie zerteilten Opfertiere und legten sie auf zwei Seiten eines in der Mitte geteilten Opfertisches. Dann schritten die Beteiligten zwischen den Teilen durch. Sie gelobten ihren Beitrag zur Einhaltung des Vertrages und verfluchten sich selbst mit Bezug auf die zerteilten Tiere für den Fall, dass sie untreu würden. So wurde ein ‚Bund‘ ‚geschnitten‘.
Das ist die Geschichte des Bundes Gottes mit Abraham. Irgendwann zur Zeit des Königs David mögen erste Züge der Geschichte Abrahams und Sarajs aufgeschrieben worden sein. Wahrscheinlich stammt die Fassung der Erzählung, wie wir sie kennen, aber aus der Zeit unmittelbar vor dem Babylonischen Exil oder danach. Davor wurden die Erzählungen an Lagerfeuern mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.
Saraj, die ‚Fürstin‘, wurde wider Erwarten im hohen Alter noch Mutter; und Abram nach Jahren von Zweifeln erst erschütterter, dann gestärkter Hoffnung im hohen Alter noch der Vater des Isaak, nachdem er zuvor schon durch Sarajs Magd Hagar, Vater des Ismael geworden war. ‚Abraham‘ als Vater des Volkes der Juden und als Vater des Volkes der Araber. Abram stammte aus Ur in Chaldäa, aus der Gegend, in die 2000 Jahre später ein Teil des Volkes Israel in die ‚babylonische Gefangenschaft‘ deportiert werden sollte.
Von Ur in Chaldäa zog der Vater Abrahams Terach samt Familie 500 Kilometer nördlich nach Haran in das heutige Grenzgebiet zwischen Türkei und Syrien. Dort lebte die Sippe als Halbnomaden außerhalb und innerhalb der Stadtmauern von Haran. Sie verehrten viele Gottheiten, Fruchtbarkeitsgötter und -Göttinnen und vor allem den Mondgott. Der Mond stand ihnen nachts am Himmel vor Augen. Er wurde kleiner, verschwand, kam wieder zum Vorschein, wurde voll und beherrschte die nächtliche Steppe. So hätte es weitergehen können, Jahrhunderte lang weiter. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das Aufblühen, die Vollblüte und das Verdorren der Vegetation. Die Menschen im Rhythmus der Natur, der aufgehende und untergehende Mond im Jahreslauf. Nichts Schlechtes daran! Abraham und Saraj als Urahnen der ökologischen Bewegung. Respekt vor den astralen Kräften, den Gesetzen der Natur. Nur konsumieren, was die Natur hergibt, im Respekt vor den Tieren, sie schützend gegen Gefahren, im wohlverstandenen Interesse auch für sich selbst: Die Tiere zu schützen gegen Wüstenfuchs und Feinde hieß ja, die eigene Lebensgrundlage zu sichern.
Eines Tages aber, so erzählte man sich später in den Sippen des vorköniglichen Israel, sei dieser Abraham – so musste es seinen Zeitgenossen erschienen sein – auf Abwege geraten. Jedenfalls war eine merkwürdige Idee in ihn gefahren. Dieses Auf- und Ab, Werden und Vergehen, dieses Mitschwingen im Rhythmus der Natur war ihm mit einem Mal nicht genug. Es sprach nicht zu seinen tieferen Sehnsüchten. Es überzeugte ihn nicht mehr. Es machte ihm keine Hoffnung auf Zukunft und auf Sinn. Eine Zeit lang da sein und dann sterben wie seine Tiere. Etwas Lebensfreude, viel Mühe, Kampf ums Dasein und am Ende vergessen von denen, die nach dir kommen? Soll das das Leben eines Menschen sein?
Statt dieses vielleicht nicht immer üppige, aber halbwegs sichere und in Traditionen fest gefügte Leben weiter zu leben, damit zufrieden zu sein, eine Zeit lang auf der Welt zu sein, Kinder zu zeugen und zu gebären, Enkelkinder zu erleben, wenn’s gut lief, und dann sich zu den ‚Vätern' und Müttern zu ‚legen‘, hatte Abram eine seltsame Eingebung: Er hörte eine Stimme von nicht näher zu lokalisierender Überzeugung und Stärke, die ihm auftrug, sein Vaterhaus zu verlassen und mit seiner Frau Saraj zusammen ganz woanders ein völlig anderes Leben zu führen. Möglicherweise spielte eine Rolle, dass er philosophisch nachdachte über die vergänglich wiederkehrenden Erscheinungen des Mondgottes und über einen unaussprechlichen Anfang von allem, was überhaupt ‚ist‘. Vielleicht aber sind das spätere Reflexionen, eingetragen in das einfachere Leben eines Halbnomaden, ein oder zwei Jahrtausend zurück.
Wie dem sei, ist das Ende von diesem über Generationen weiter erzählten ‚Lied‘, nachzulesen in 1. Mose 15. Da geht es um einen ganz eigenartigen ‚Deal‘, ein ‚Bündnis‘, den niemand anderes als der Herr des Himmels mit ihnen, Abram mit Saraj, machte: Abram bereitete ein eindrucksvolles Opfer vor. Er zerteilte eine dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder in zwei Stücke und legte auf jede Seite noch je eine Taube dazu. „Als nun die Sonne untergegangen und es finster geworden war, siehe, da war ein rauchender Ofen, und eine brennende Fackel fuhr zwischen den Stücken hin. „An dem Tage schloss [schnitt!] der HERR einen Bund mit Abram und sprach: Deinen Nachkommen gebe ich dies Land …“ (1. Mose 15, 17 f.).
Gott allein geht zwischen den Fleischbergen hin und her als ein rauchender Ofen und eine brennende Fackel. Die Leser und Hörerinnen der Erzählung wussten etwas damit zu verbinden: Tagsüber war es die Wolkensäule, nachts die Feuersäule, die dem Volk in der Wüste den Weg wies. So auch hier: Feuer als Symbol der Gegenwart Gottes. Verzehrende Leidenschaft, Kraft der Transformation, Bild von Wärme und Energie. Und hier gibt Gott gibt ein einseitiges Versprechen ohne Gegenleistung zu fordern! Abraham muss nicht mit der Gefahr, sein Leben zu verwirken, für den Bund einstehen. Abraham darf einfach nur EMPFANGEN und es sich gut sein lassen in Hoffnung und Würde und Menschlichkeit gegenüber allen Menschen. In ihm sollen ‚gesegnet‘ sein alle Völker und Generationen auf Erden, heißt es in 1. Mose 12. In Abraham und Saraj segnet Gott bereits alle Menschen, alle Völker, Kulturen, Religionen. Die Juden sind und bleiben das von Gott auserwählte Volk; aber sie haben einen Auftrag: Segen zu sein. Einfach, weil sie da sind. Und auch darum, weil sie vom Willen Gottes etwas erfahren haben und etwas aus Erfahrung wissen, das sie zu leben und weiterzugeben haben: Die Tora, Gottes Weisung für ein gutes Leben der Menschen auf der Erde.
Nach Mose und der Landnahme kamen die Könige in Israel und Juda. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Israel versuchte mitzumischen, sich Vorteile zu verschaffen oder auch nur, zu überleben zwischen den Großmächten. Vor Jahrtausenden schon wie heute. Propheten kamen und gingen. Sie prangerten soziales Unrecht an. Sie mahnten zum Frieden. Sie versuchten, im Namen Gottes die Könige, die Priester, die Gelehrten und das Volk aufhorchen zu lassen auf Gottes Weisung in der Tora. Kriege wurden geführt und am Ende verloren. Der letzte König aus dem Hause Davids namens Zedekia wird von der babylonischen Großmacht im Jahre 586 v. Chr. gefangen genommen, geblendet, seine Söhne vor seinen Augen ermordet, der Tempel zerstört, die Stadt Jerusalem verwüstet, die Priester, Lehrer und die Oberschicht in die Sümpfe rund um die Flüsse Babylons deportiert. Denen, die überlebt haben, gilt das Wort Jeremias:
31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken (Jeremia 31,31-34).
Dieser Text wird im christlichen Gottesdienst zu Heiligabend gelesen. Das hat seinen Sinn und sein Problem; denn was da steht, meinte zur Zeit des Jeremia nicht den Messias Jesus im Stall zu Bethlehem, sondern Gottes neuen ‚Bund‘ mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda, ausdrücklich diesen beiden, dem lange untergegangen Nordreich und dem gerade eben zerstörten Königreich Juda samt Jerusalem.
Christen lesen diese Verheißung heute – nach Jahrhunderten eines offenen und eines versteckten Antisemitismus mit furchtbaren Folgen – als ein Wort des jüdischen Propheten Jeremia an sein Volk. Über den Juden Jesus haben auch wir, Christen und andere, Zugang zu dieser Prophezeiung. Das eine nicht ohne das andere.
Jeremia, Prophet aus einem Priestergeschlecht, kennt sich aus mit all den Riten und Bräuchen im Tempel zu Jerusalem. Seine Zuhörer und Zuhöreinen, die, die seine Briefe und Botschaften lesen konnten und anderen vorlasen, staunten nicht schlecht, was der Priester-Nachkomme da zum Besten gab: Jeremia bezieht sich auf den Mose-Bund, den, den Gott am Sinai mit Mose geschlossen hatte. Dieser Bund, sagt Jeremia, ist von Seiten des Volkes aus zerbrochen. Er ist aufgelöst, nicht mehr gültig. Letztendlich hat er nicht funktioniert. Der Untergang im Jahr 586 ist das geschichtlich gewordene schreckliche Gericht, das sich Israel selbst zugezogen hat.
Ist damit das Bündnis Gottes mit Israel ein für alle Mal vorbei, nur noch Schall und Rauch der Geschichte? Das war die Frage des Jeremia. Seine Auffassung war: Bei bestem Willen könnte niemand, der bei Verstand und einigermaßen gerecht in seinem Urteil ist, behaupten, Israel habe weiterhin ein Anrecht auf Gottes Erwählung und Beistand, auf seinen besonderen Auftrag in der Welt, für die Welt ein Segen zu sein. Das Gegenteil ist doch offensichtlich. Die Rede des Jeremia war unerträglich für seine Zeitgenossen. Die Spur des Menschen Jeremia verliert sich irgendwo auf einem Deportationszug nach Ägypten. Seine Worte leuchten bis heute.
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Die Verblendung, der kaum verhüllte Rassenhass zwischen Juden und Arabern, die Ausnutzung dieser vielfältig fragmentierten gesellschaftlichen Lagen im Nahen Osten durch die Interessen von Nationalstaaten wie den USA, Russland, Iran und Saudi-Arabien … all das wirkt sich als ein ‚Gericht‘ aus, das die Beteiligten, ihre Führer und Verantwortlichen, über sich selbst verhängen. Was aber folgt daraus, kann daraus werden?
„Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
Von rechts und von links wird auch in Deutschland Israel attackiert, verwünscht. Alte Schuldkomplexe aus der Vor-Vorgänger-Generation spielen, systemisch gesehen, eine Rolle. Und Sündenbock-Mechanismen: Israel trägt angeblich die ganze die Schuld an der Misere in Nahost, stellvertretend für alle am Konflikt unmittelbar oder mittelbar Beteiligten. Bei manchen Christen gibt es immer noch einen erklecklichen Rest jenes wahnsinnigen und geschichtsträchtigen Gedankens, ‚die Juden‘ hätten ‚unseren‘ ‚Herrn‘ ans Kreuz genagelt. Eine Geschichte mit vielen Anfängen und vielen losen Enden.
Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Es ist nötig, dass sich niemand mehr zum Lehrer über die anderen aufschwingt, meint aufschwingen zu müssen, weil alle Menschen, jede und jeder auf eigene Art, erkennen werden, dass sie einen neuen Geist, einen ‚Spirit‘ brauchen und dass dieser Geist auch schon kommt. Das ist so gewiss, wie es überhaupt noch Sinn hat, an ‚Gott‘ zu glauben, einem Gott zu vertrauen, obwohl das Wort ‚Gott‘, Allah, Elohim-Adonaj bis zur Unkenntlichkeit in den Dreck getreten ist. Allein das Erschrecken darüber wäre für die Menschheit ein Quantensprung, wie er damals vor 2500 Jahren geschah, als die Erzähler der alten Geschichten Israels zum ersten Mal auf die Idee verfielen, es könnte ‚ihr‘ Gott auch der Gott der Anderen sein, es könnte Gott Gott sein für die ganze Welt, alle Völker, alle Geschöpfe, alle Kinder Gottes, es könnte dieser Gott nicht mehr verehrt werden gegen die Götter der Anderen, sondern nur noch als Gott für alle Menschen aller Völker.
… sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Diesen Text, gewöhnlich am Heiligen Abend gelesen, lesen wir in Vorwegnahme von Pfingsten. Veni, creator spiritus!
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Umsonst? - Predigt zu Jeremia 9, 22-23 von Susanne Ehrhardt-Rein
„So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“
I. Bei einer Fortbildung vor einigen Jahren bekam ich, zusammen mit einigen Kolleginnen, folgende Aufgabe: Was sind deine wichtigsten Stärken? Notiere mindestens 40 davon! Das war unerwartet schwer. Bei 20 wusste ich nichts mehr aufzuschreiben. Es wäre mir leichter gefallen, die Stärken einer der Kolleginnen aufzuzählen. Es war nicht nur schwer, weil mir nicht genug einfiel – es war auch unangenehm. Sogar peinlich. Noch peinlicher, den anderen die eigene „Liste meiner Stärken“ vorzulesen. Das gehört sich doch nicht, das ist doch Angeberei. So dachten die meisten in unserer Gruppe. Wie oft erfülle ich die Ansprüche nicht, die an mich gestellt werden, wie oft bleiben Aufgaben unerledigt, Lösungen unvollständig, Termine nicht eingehalten. Eigentlich ein Wunder, dass ich überhaupt etwas zustande bekomme. Solche Gedanken hatte nicht nur ich. Wir merkten: Wir sind geprägt von dem Anspruch, bescheiden zu bleiben. Man lobt sich doch nicht selbst! Die Kehrseite dieser Bescheidenheit: Wir trauen uns zu wenig zu, packen Dinge nicht an, die wir doch ändern sollten. Und letztlich wollen wir eben doch gelobt werden und geschätzt für unsere Leistungen: von Eltern oder Vorgesetzten, von Freunden und Familienmitgliedern.
Im krassen Gegensatz zu dieser Erfahrung steht die Kultur der Selbstdarstellung. Ein Blick in die Zeitung oder in facebook genügt. Wer ist der Stärkste, die Klügste, der Schönste, die Reichste? Wer hier nicht laut genug „Ich“ schreit, wird gar nicht wahrgenommen. Selbst wenn wir uns in dieser Öffentlichkeit gar nicht bewegen – wir sind auch von dieser Kultur geprägt. Spätestens bei der Bewerbung um die nächste Stelle oder um eine Beförderung, als Kandidatin für ein Amt oder Vertreter in einem Gremium: Da muss gesagt werden, was ich gut kann, worin ich gut bin, was ich erreichen will.
Zwischen Minderwertigkeitsgefühl und maßloser Selbstüberschätzung - was kann ich eigentlich wirklich? Was kann ich bewirken in der Welt – in meiner unmittelbaren Umgebung und im Zusammenleben in der Familie, bei der Arbeit, in der Kirche? Und spiele ich überhaupt eine Rolle in den großen Zusammenhängen, wenn es um politische Entscheidungen geht, um Frieden und Umwelt und Gerechtigkeit? Bin ich nicht zu schwach, zu unbedeutend? Welchen Wert haben meine Fähigkeiten, meine Begabungen, mein Dasein in dieser Welt?
II. Der Prophet Jeremia erzählt von solchen Ohnmachtserfahrungen. Er ist ein Prophet des Untergangs. Er erlebt Krieg und Zerstörung, politische Dummheit und maßlose Gewalt. Er beschreibt das alles mit unbestechlichem Blick: Was geschehen ist, muss angesehen und ausgesprochen werden. Die verbrannten Häuser und die vergewaltigten Frauen. Die geschleiften Stadtmauern Jerusalems und die Leichen, die in den Straßen liegen.
Wenn ich im Buch des Propheten Jeremias lese, graust mir. So wie bei den Erzählungen und Bildern der Kriege späterer Zeiten. Eine alte Frau erzählt mir, wie sie das Ende des zweiten Weltkrieges in Göttingen erlebte: hungrig, auf der Flucht vor Tieffliegern, im Luftschutzbunker. Bilder, die sich eingebrannt haben, die ein Leben lang bedrohlich geblieben sind. Ein Beispiel von unzähligen. Eine Erfahrung, die Menschen täglich machen, heute wie vor 73 Jahren, wie zur Zeit Jeremias.
Der Prophet sieht solche Bilder, erlebt solche Gräuel, und er sagt, was er sieht. Er mutet uns zu, genau wie er hinzusehen: In die Geschichte und in unsere Welt heute. Er mutet uns zu, seine Worte auf uns zu beziehen: Diese Erfahrungen sind nicht so weit weg, wie es uns oft scheint. Krieg und Gewalt betreffen uns hier, in Mitteleuropa, heute zwar meistens nicht unmittelbar – darüber können wir froh sein. Aber wir sind Teil der großen Zusammenhänge. Es ist eine Zumutung, sich das klar zu machen. Der Prophet Jeremias konfrontiert uns genau damit: Seht hin, auch wenn das Leiden weit weg zu sein scheint. Duckt euch nicht weg, auch wenn ihr meint, ihr könnt gar nichts tun.
III. „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“
Es ist eben nicht weit her mit unserer Weisheit und Stärke. Und unser Reichtum ist eher Grund zur Scham als Grund zum Selbstlob. Jeremia stellt menschliche Weisheit und Stärke radikal infrage. Er sieht im Streben nach materiellem Reichtum einen Grund für Krieg und Gewalt. Er ist einer der Ohnmächtigen, über die die Geschichte hinwegfegt. Das Jeremiabuch erzählt seine Lebensgeschichte als Spiegelbild der Geschichte des Gottesvolkes: Er soll Unheil verkündigen und gleichzeitig Hoffnung predigen. Er sieht unmäßige Gewalttaten und wird selbst mit dem Tod bedroht. Einsam und ohne Familie lebt er am Rande der Gesellschaft. Sein Reden bleibt erfolglos, er kommt ins Gefängnis, wird gefoltert, am Ende deportiert und getötet. Ohnmacht und Entsetzen sind der Lohn seiner Treue zu Gott und seinem Auftrag. Hat Jeremia umsonst gelebt?
IV. „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“
Jeremia zeigt uns die Grenzen menschlicher Weisheit und Stärke, die Grenzen unseres Reichtums. Es ist nicht weit her damit – außer, dass wir uns für kurze Zeit in Sicherheit wiegen: „Ein Glück, dass es uns nicht getroffen hat!“ Jeremia schreckt uns auf aus solcher trügerischen Sicherheit. Und er fragt: Woher kommt eure Weisheit? Worin wurzelt eure Stärke? Woher habt ihr euren Reichtum? Und was fangt ihr damit an? Seht auf das, was in der Welt passiert – und seht auf Gott. Eure Weisheit ist dumm ohne seine Barmherzigkeit. Eure Stärke ist brüchig ohne sein Recht. Euer Reichtum tötet ohne seine Gerechtigkeit.
So reden Radikale. Jeremia ist ein Radikaler. Er ist ein radikaler Verfechter des Anspruches Gottes auf seine Menschen. Gottes Barmherzigkeit, sein Recht und seine Gerechtigkeit bleiben nicht verborgen. Gott will damit wirken in der Welt. Und er will uns dafür in Anspruch nehmen. Wie er das tut, erzählt uns das Matthäusevangelium im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg: Keiner arbeitet hier umsonst. Gott nimmt uns in Anspruch mit dem, was wir haben und was wir können. Auch die, die erst spät anfangen, auch die, die nur wenig Kraft haben: alle haben ihre Aufgabe, alle können etwas tun. Alle erleben Gottes Barmherzigkeit. Seine Gerechtigkeit rechnet nicht wie wir. Gott gibt, was er versprochen hat.
V. Worauf gründet unsere Weisheit? Was macht uns stark? Woran sind wir reich?
Jeremia fordert uns auf: Erkennt, dass alles, was ihr habt und könnt, von Gott kommt. Durch eure Fähigkeiten und Stärken will er in der Welt wirken. Durch eure Weisheit soll seine Barmherzigkeit erkennbar werde. Eure Stärke soll Gottes Recht zeigen. Euer Reichtum soll Gottes Gerechtigkeit dienen.
Wir könnten versuchen, die Übung, von der ich am Anfang erzählte, unter diesem Anspruch noch einmal zu machen: Zehn Weisheiten und Einsichten, die uns einleuchten. Zehn Fähigkeiten, die wir wirklich gut können. Zehn Dinge, an denen wir reich sind. Das alles ist kein Grund zum Selbstlob – es sind Güter aus Gottes Güte. Stellen wir sie unter seine Barmherzigkeit, unter sein Recht und seine Gerechtigkeit. Gott will wirken durch das, was er uns zutraut. Nichts ist umsonst.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als all unser Denken und Tun, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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21.10.2018 - 21. So. nach Trinitatis
29.07.2018 - 9. So. nach Trinitatis
03.06.2018 - 1. So. nach Trinitatis
Konfi-Impuls zu Jeremia 9,22-23 von Christina Hirt
HALLELUJA!
1. Loben und gelobt werden
Menschen loben und möchten gelobt werden. Mit dem Lob drücken wir Anerkennung und Wertschätzung aus. Auch Eigenlob stinkt nicht zwangsläufig. Es zeigt doch, dass jemand eine positive Einstellung zu seinen Fähigkeiten hat.
In der Gruppe erzählen lassen: „Das hast du gut gemacht!“ Wann hast du diesen Satz gehört – in welchem Zusammenhang? Worauf bist du stolz?
Warst du auch schon einmal auf einen anderen Menschen stolz? Was hat er / sie getan?
2. Rühmen und berühmt sein
Ruhm ist gesteigertes Lob. Berühmtheiten stechen aus der Masse heraus.
Im Gespräch sammeln:
Wer ist berühmt? Wofür? Warum ist es erstrebenswert, berühmt zu sein?
Kann man Ruhm und Berühmtheit auch wieder verlieren? Wodurch? Welche negativen Seiten von Berühmtheit kennt ihr?
Spiel im KU:
Ja-Nein-Spiel. Ein Freiwilliger verlässt kurz den Raum. Die anderen überlegen sich den Namen einer Berühmtheit. Dann wird der Freiwillige zurückgeholt und soll durch Fragen erraten, welche berühmte Person sich die anderen ausgedacht haben. Auf die Fragen kann nur mit ja oder nein geantwortet werden.
Aktion für den Gottesdienst:
Die Konfirmanden überlegen sich Beschreibungen zu drei oder vier berühmten Personen (ohne Namensnennung). Im Gottesdienst werden die Personen vorgestellt. Errät die Gemeinde, um wen es sich handelt?
Schön wäre, wenn die Konfis auch erzählen können, was sie an diesen Personen so beeindruckt.
3. Halleluja – Gott rühmen
Ideen zur kreativen Annäherung
Konfis entwerfen eine Erklärung zur Bedeutung des Wortes: „Halleluja“ und lesen sie sich gegenseitig vor. Daran schließt sich eine kurze Info zur Bedeutung von HALLAL in seinen verschiedenen Variationen an. Auf diesem Hintergrund wird Jeremia 9,22-23 gemeinsam gelesen.
Im anschließenden Gespräch klären: Warum ist es besser, dass sich einer für seine Gotteserkenntnis rühmt als für seine eigene Weisheit, Stärke und seinen Reichtum?
((Es kann deutlich werden:
a) Gotteserkenntnis ist in der Bibel niemals ein kühles, objektives Wissen über Gott und die Welt. Gott zu erkennen führt zu einer Lebensführung, die dem Wesen Gottes entspricht und in dem Liebe, Gerechtigkeit und Treue wichtig sind.
b) Gott rühmen bewahrt davor, selbstherrlich zu werden. Wer Gott lobt, weiß, wem er seine Fähigkeiten und Möglichkeiten verdankt.
c) Gott rühmen und anbeten ist ein Element im Gebet und im Gottesdienst, das hilft, ganz von sich wegzusehen, um ganz bei Gott zu sein = Auf Gott stolz sein.
Vertiefung im KU bzw. für den Gottesdienst
Wenn Zeit ist, kann im KU auch die Biographie eines Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden, der mit seinem Leben Gott „berühmt“ gemacht hat, bzw. die sich in beeindruckender Weise für Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit eingesetzt hat.))
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Seht, es kommt die Zeit! - Predigt zu Jeremia 23,5-9
In der Woche vor dem ersten Advent krame ich – alle Jahre wieder – in der Weihnachtskiste. Irgendwo muss doch der Rohling für den Adventskranz sein. Irgendwo müssen auch die vier Kerzenhalter liegen. Und der Engel. In diesem Jahr habe ich es tatsächlich geschafft, rechtzeitig ein paar Zweige um den alten Rohling zu binden. Mein Adventskranz! Zugegeben: Er sieht nicht ganz so toll aus wie diejenigen, die es zu kaufen gibt. Aber er ist selbstgemacht. Das hat ja seinen eigenen Wert. Es hat Zeiten gegeben, da haben die Kinder mit gebunden, da sah er noch struppiger aus. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen der Rohling einfach unauffindbar war. Da mussten ein paar Zweige auf einem Teller genügen. Oder ein schnell noch besorgtes Gesteck. Manchmal ist der erste Advent ganz und gar verstrichen ohne Tannengrün und Kerzenschein. Es war einfach noch nicht die Zeit.
In diesem Jahr bin ich ganz gut vorbereitet. Die erste Kerze kann brennen. Es liegt sogar schon ein Stern bereit. Nur den Engel habe ich noch nicht wiedergefunden.
Advent heißt, sich vorzubereiten auf das, was kommt.
In den Wohnungen und Häusern. In den Straßen und auf den Märkten.
Im Bewusstsein und im Herzen.
Dabei ist das, was kommt, keine Kleinigkeit.
„Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde, kommt, dass Friede werde.“ (eg 18)
Gott kommt auf die Erde. Frieden wird.
Das ist keine Kleinigkeit.
Das ist eine große Hoffnung. Und Erwartung.
Das feiern wir an Weihnachten. Alle Jahre wieder.
Darauf bereiten wir uns vor.
Gott kommt auf die Erde. Friede wird. Das wünsche ich mir. Ja!
Aber erwarte ich Frieden wirklich? Glaube ich, dass Frieden tatsächlich passiert? Real wird? Ich meine in diesem Jahr. 2016. Also jetzt.
Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.
Ein Teil von mir will ganz und gar weihnachtlich sein und mit großen leuchtenden Augen glauben, dass das genau so möglich ist und sein wird: Christus wird geboren. Gott kommt zur Welt. Friede wird sein. Gott ist groß und mit Gottes Hilfe ist nichts unmöglich.
Ein anderer Teil von mir hockt matt vor dem Adventskranz, schaut auf die Kerze und seufzt: Ach, das wird doch wieder nichts mit dem Frieden. In Syrien nicht. Und in der Ukraine nicht. In Afghanistan nicht. Und in Mali nicht. Der Frieden ist eine schöne Hoffnung, aber es wird ihn nie auf Erden geben. Den derzeitigen politischen Machthabern (und wenigen Machthaberinnen) traue ich den Frieden nicht wirklich zu. Ich befürchte sogar, dass die Zeiten rauer werden. Dass gesellschaftliche Konflikte härter ausgetragen werden. Auch hier bei uns. Dass es immer schwieriger wird, miteinander gut und auskömmlich zu leben.
„STOPP“, höre ich da eine Stimme rufen.
„Mach so nicht weiter. Lass Dich unterbrechen.“
Wer spricht?
Der Engel aus der Weihnachtskiste, den ich bisher noch nicht wiedergefunden habe?
STOPP. Mach so nicht weiter. Lass Dich unterbrechen.
Das ist die Sprechweise der Propheten in der Bibel. Die Sprechweise derer, die sich besonders um Gottes WORT kümmern. Von alters her. Durch viele Generationen hindurch wird durch die Propheten das Gotteswort weitererzählt und laut in der Welt in ihrer jeweiligen Zeit ausgesprochen:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. (Jer 23,5)
Seht, es geht auch anders. Es kann in der Zeit – in jeder Zeit, die kommt – etwas Gerechtes sprießen und heranwachsen.
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will.
Jeremia spricht hier. „Gott erhöht“ bedeutet sein Name.
Wen Gott erhöht hat, der kann weit gucken. Und Jeremia guckt weit. In die Zukunft.
In die Zeit, in der ein Spross zum Leben erwachen wird, der Gottes Gerechtigkeit ins Leben bringen kann. Dieser zukünftige Spross hat eine Wurzel in der Vergangenheit des Propheten. Denn ganz am Anfang, im ersten Kapitel des Buches, das seinen Namen trägt, sieht Jeremia einen Mandelzweig. Gott beruft ihn damit zum Wächter. Ruft ihn zu besonderer Wachsamkeit. Der Mandelbaum nämlich treibt frühe Blüten schon dann, wenn alle anderen Gewächse noch Winterruhe halten.
Jeremia, wecke die anderen auf, damit sie es nicht verschlafen, selbst Blüten zu treiben – so lässt sich der Auftrag Gottes an Jeremia verstehen.
Und Jeremia spricht, um die Sehnsucht nach Recht und Gerechtigkeit im Land wachzuhalten, damals wie heute:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. (Jer 23,5f)
Die alte Friedenshoffnung Israels und Judas war ein König, der kommt wie einst König David, um das Volk groß zu machen. Allen wird geholfen. Alle können sicher wohnen. Die christliche Friedenshoffnung knüpft daran an. Sie sieht Christus als königliches Gotteskind, in dem Gerechtigkeit zur Welt kommt. Daraus sprießt Frieden. Allen wird geholfen. Alle können sicher wohnen.
So wird es sein.
Bemerkenswert finde ich, dass Jeremia zwar in einer alten Traditionen steht und daran anknüpft, sich aber berufen weiß, den Frieden zu erträumen als ein Friede, der von Gott auf mich zukommt. Ihn aus der kommenden Zeit heraus zu ersehnen. Es kann sein, dass er selbst ihn gar nicht erleben wird, dass er erst für kommende Generationen erfahrbar sein wird. Aber in seiner Erwartung ist dieser Friede, die Gerechtigkeit Gottes jetzt schon eine reale Größe.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“, sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und heimgebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen. (Jer 23,7-9)
Für Jeremia ist es ein Anliegen, sich getrost zu erinnern, sich aber nicht zurückzusehnen. Sondern auf das, was kommt, zu bauen. Im Kommenden Gott zu erwarten. Gott wird einsammeln, die verstreut sind. Die sichere Lebensorte verloren haben. Gott wird sie nicht verloren geben. Gott schafft Gerechtigkeit. Und findet Hüterinnen und Hüter, die helfen und dafür sorgen, dass Menschen sicher wohnen können.
Der Spross wird sich aufwecken lassen. Blüten und Blätter treiben. Mehr und mehr.
Seht, diese Zeit kommt!
Können wir, wollen wir uns in dieser großen adventlichen Erwartung von Gottes Frieden und Gerechtigkeit auf Erden einrichten? Finden wir darin ein Stück Boden, um zu bleiben? Finden wir darin Halt genug, um sie uns konkret in unserer Zeit vorzustellen? In diesem Jahr. 2016.
Was braucht es, um sicher wohnen zu können?
Um sicher wohnen zu können braucht es ein Dach über dem Kopf. Wohnraum, den sich Menschen leisten können. Friedliche Nachbarinnen und Nachbarn. Ausreichend Nahrung. Schutz vor Gefahren und den Unbillen der Natur. Ein rechtliches Umfeld mit Eigentumsregelungen.
Ist das alles gegeben in meinem Umfeld? Wenn ich mich aufmerksam umschaue?
Was fehlt noch? Was sollte anders werden? Wozu brauche ich Hilfe? Wo kann ich helfen?
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.
Dieses Prophetenwort von Jeremia will gehört werden. Als Anbruch einer neuen Zeit. Aus der Gott auf uns zukommt. Es will die Zeit, in der Frieden unmöglich ist, unterbrechen. Und eine neue Zeit beginnen lassen. In der Gottes Gerechtigkeit wirklich ist. Und Frieden kommt.
Mein diesjähriger Adventskranz ist nur ein ganz gewöhnlicher. Mit Kerzen und Stern. Und bisher ohne Engel. Vielleicht aber fehlt der Engel gar nicht wirklich. Sondern lässt Platz. Platz für das, was noch aussteht und kommen will. Vielleicht sollte ich gar nicht weiter nach ihm suchen, sondern lieber aufmerksam sein für das, was ich erwarte. Worauf ich hoffe. Und diese Erwartung putzen, diese Hoffnung pflegen. Ab heute soll jede Kerze auf meinem Adventskranz dafür leuchten, dass Recht und Gerechtigkeit aufblühen wollen. Und selbst wenn ich nur matt darauf schaue, will ich nicht aufhören zu erwarten, dass die Zukunft ein sicheres Zuhause bereithält. Und Menschen, die helfen. Und Recht, dass Leben schützt. Von Gott her ist das möglich.
Das erste Wort im Buch des Propheten Jeremia heißt „Worte“. Das letzte Wort heißt „Leben“. Zusammengenommen also Worte zum Leben. Lebensworte wollen es sein, die er spricht. Lebensworte können sie sein auch für mich. Heute. 2016.
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird – der HERR ist unsere Gerechtigkeit. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“, sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und heimgebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen. (Jer 23,5-9)
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Sicher wohnen in chaotischen Zeiten - Predigt zu Jeremia 23,5-9 von Traugott Jähnichen
Liebe Universitätsgemeinde,
irgendwann hielt er die Ungewissheit nicht aus, die Angst, ob sie ihn auch holen und verhaften, wie einige seiner Freunde. Ob sie ihn vermutlich foltern oder sogar töten würden? Dabei hatte er, Talal, eigentlich nicht viel gemacht. Er hatte sich an drei oder vier Demonstrationen beteiligt und ein Flugblatt mit verfasst, damals vor ungefähr dreieinhalb Jahren in Aleppo, als er studiert hat. Später hat er ganz in der Nähe in einer Baumschule eines Freundes gearbeitet, es scheint ihm nun alles eine Ewigkeit her zu sein. Zudem konnte man an Hand seines Passes seine christliche Identität erkennen. Weniger auf Grund des Namens, aber sein Geburtsort, ein Dorf, in dem fast nur Christen wohnen, machte dies deutlich. Da in der Nähe islamistische Milizen operierten, drohte ihm auch hier Gefahr. Er wollte weder den Sicherheitsbehörden von Assad noch diesen Milizen in die Hände fallen. So entschloss er sich zur Flucht. Schweren Herzens ließ er seine Mutter und die Familie seiner Schwester im Dorf zurück. Vielleicht wird er ihnen in Zukunft helfen können, aber in Syrien zu bleiben, das war ihm nicht mehr möglich. Er konnte kaum noch schlafen, jedes ungewohnte Geräusch in der Nacht schreckte ihn auf, die Angst legte sich auf ihn wie eine schwere Last.
Seine Geschichte erzählte mir Talal Ende des letzten Semesters, Anfang Juli, in meiner Sprechstunde. Man hat ihn zu mir als einem Vertrauensdozenten der Hans-Böckler-Stiftung geschickt, um ein Gutachten über seine Studierfähigkeit zu erstellen. Obwohl er schon ein knappes Jahr in Deutschland war und auch gut deutsch spricht, wollte er keinen Asylantrag stellen. Ein Asylantrag – vermutlich wäre er anerkannt worden – hätte es ihm jedoch unmöglich gemacht, in absehbarer Zeit zu einem Besuch nach Syrien zurückzukehren. Er hätte seine Mutter und die Familie der Schwester kaum wiedersehen können. Mit einem Studentenvisum in Deutschland zu studieren, das war nun sein Traum. Optimal wäre es, eines der begehrten Stipendien für geflüchtete Studenten zu erhalten. Er könnte sich dann ganz auf sein Studium konzentrieren, etwas Geld zurücklegen, um seine Familie zu unterstützen – und sie idealerweise im nächsten Jahr besuchen. Auf meine erstaunte Nachfrage erklärte er mir, dass es möglich sei, als Besucher nach Syrien zurückzukehren. Als Student mit einem syrischen Pass und einem Visum als Student in Deutschland könnte er die Kontrollen wohl ganz gut passieren, ein gewisses Risiko sei natürlich dabei, aber er wolle es versuchen.
Sicher zu wohnen, das ist für die meisten Menschen in Syrien kaum vorstellbar, für viele völlig unmöglich, wie es die dramatischen Bilder und Nachrichten aus Aleppo gerade in den letzten Tagen und Wochen uns eindrücklich zeigen. Sicher zu wohnen, das ist für die Menschen dort wie ein Traum, eine Utopie.
Zur Zeit des Propheten Jeremia war es im Königreich Juda in vielerlei Hinsicht ähnlich. Immer wieder zogen die Truppen der Babylonier heran, nahmen Städte und Dörfer ein und zerstörten sie. Jerusalem wurde zunächst nicht erobert, das dauerte noch einige Zeit. Zwischenzeitlich waren auch die Ägypter mit ihm Spiel. Sollte und konnte man sich auf sie als Schutzmacht verlassen? So dachten und hofften viele in Jerusalem. Zudem war Jerusalem der Berg Zion, er stand unter dem Schutz Gottes, war uneinnehmbar und sicher. Nur Jeremia, der Störenfried, und ein paar andere, die ihre Hand schützend über ihn hielten, sie sagten immer wieder den Untergang Jerusalems an.
Sicher zu wohnen, das war in jenen Zeiten in Jerusalem nicht denkbar. Was blieb?
Als Baruch, der Schreiber der Prophetenworte des Jeremia, um ein Trostwort von Gott bat, erhielt er nur die Zusage, dass er mit dem nackten Leben davonkommen würde, nicht mehr und nicht weniger.
Sicher zu wohnen, das klang für die Menschen zur Zeit des Jeremia wie eine Utopie, wie eine Hoffnung für eine ferne Zukunft, wenn alles noch einmal ganz anders werden würde. Durch einen neuen König in der Tradition Davids, ein „Spross Davids“, wie es in der Übersetzung Luthers heißt.
Sicher zu wohnen – wenn ich an Talal und die Menschen in Aleppo und in weiten Teilen Syriens denke oder an die Zeitgenossen des Jeremia, dann können wir nur dankbar sein dafür, dass und wie sicher wie wohnen. Aber auch bei uns gibt es Menschen, deren Denken und Fühlen von Unsicherheit bestimmt ist, die Angst haben und meinen, nicht sicher wohnen zu können. Wir können das leicht als ein Luxusproblem ansehen, verglichen mit dem, was andere Menschen durchmachen müssen. Verglichen mit der Situation zur Zeit des Propheten Jeremia oder dem, was in Syrien, im Irak oder in einigen Gebieten in Afrika tagtäglich an Gewalt und Unrecht geschieht.
Ich wohne in einem Stadtteil, in dem relativ viele ältere Menschen wohnen, die meisten sind wohl Rentner. Immer wieder, wenn ich mit unseren Hunden spazieren gehe, sprechen mich einige an und erklären, dass sie froh sind, dass wir die Hunde haben, dass man die sieht und manchmal auch hört. Die Hunde sollten ruhig etwas öfter bellen, weil dies wahrscheinlich am besten Einbrecher abschrecken könnte. Einbrüche sind in unserer Straße noch nicht vorgekommen, aber ein paar Straßen weiter, da ist es schon passiert, und die Angst, dass es auch in unserer Straße vorkommen kann, ist für viele sehr real.
Sicher zu wohnen – bei uns ein Luxusproblem? Ja, sicherlich, aber immerhin doch auch ein Problem. Auch hier in Bochum, wie der Kollege Thomas Feltes, ein Jurist und Kriminologe, in einer Langzeitstudie gerade wieder empirisch festgestellt hat. Noch nie hatten in Bochum so viele Menschen die Angst, Opfer einer Straftat zu werden, einer Körperverletzung oder eines Einbruchs, wie gegenwärtig. Und noch nie haben sich die Menschen hier in Bochum so sehr davor zu schützen versucht, noch nie gab es so viele Türen- und Fenstersicherungen, noch nie so viele Versuche, sich selbst zu schützen. Rund ein Viertel der Befragten sagte, dass sie sich mit Elektroschockern oder Pfeffersprays zur Verteidigung gewappnet haben.
Sicher zu wohnen, das ist offensichtlich ein Grundbedürfnis von uns Menschen, ein Bedürfnis in einem ganz elementaren, wortwörtlichen Sinn. Sicherheit als Schutz vor Bedrohungen. Aber natürlich gibt es darüber hinaus viele weitere Sicherheitsbedürfnisse: Die Hoffnung auf einen guten, vor allem einen sicheren Arbeitsplatz, verlässliche Verbindungen zu anderen Menschen, in der Familie und im Freundeskreis, in der Beziehung. Weil wir wissen, wie verletzlich wir sind, ist Sicherheit ein hohes Gut. Von der eigenen Wohnung über den Arbeitsplatz und die soziale Sicherheit bis hin zu den persönlichen Beziehungen. Sicherheit ist zu einem Grundwert geworden, und es ist nicht gut, wenn wir in der Kirche dieses Bedürfnis nicht ernst nehmen. Es oberflächlich zu relativeren versuchen, weil es ja eine letzte Sicherheit nicht geben kann, weil Sicherheit – wie es etwas Dietrich Bonhoeffer gesagt – kein Weg zum Frieden, kein Weg zu einem guten Leben sein könnte. Der Prophet Jeremia hat das anders gesehen. Das Ziel, sicher zu wohnen, ist ihm wichtig, ist Ausdruck der Hoffnung auf eine künftige, bessere Zeit.
Doch wie kann es dazu kommen, dass wir sicher wohnen? Ist das nur eine Utopie oder theologisch gesprochen: eine Hoffnung für das Reich Gottes? Was muss geschehen, damit wir sicher wohnen können?
Da muss einer kommen – der Ordnung schafft? Das ist die Parole, die wir immer lauter und immer häufiger hören, bei uns und anderswo. Ordnung schaffen in dieser komplizierten Welt, in der es schwer fällt, sich zu Recht zu finden. Der Ruf nach Ordnung, er findet immer mehr Gehör. Und das Versprechen, endlich Ordnung zu schaffen, wird geradezu sehnsüchtig erwartet und aufgenommen, viel mehr, als wir – Studierende und Lehrende an einer Universität – es uns vorstellen können und wollen. Wir sind irritiert, wenn in der Welt „dort draußen“ so viele diesem Ruf folgen und sich mit dieser Parole Mehrheiten gewinnen lassen.
Es muss einer kommen – das ist auch die Botschaft des Jeremia. „Es soll einer kommen, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Dann wird Juda geholfen werden und dann wird Israel sicher wohnen.“ (Jer 23,5f)
Recht und Gerechtigkeit sind der Weg, um einen Zustand herbeizuführen, dass man sicher wohnen kann. Nur dort, wo das Recht geachtet wird, wo alle Menschen zu ihrem Recht kommen können – nur dort kann ein sicheres Leben für alle entstehen. Verlässliches Recht für alle: für Arme wie für Reiche, für Einheimische wie für Fremde – das ist die Perspektive, die Jeremia seinen Zeitgenossen als Zukunftshoffnung aufgezeigt hat. Die Regeln des Rechts einzuhalten, das Recht durchzusetzen – das sind die grundsätzlichen Standards, die Jeremia „wohl regieren“ nennt. Wir sprechen heute von „good governance“, das ist die Bedingung für Frieden und Entwicklung, für eine gute Wohlfahrt, die allen nützt.
Über die Geltung des Rechts hinaus geht die Suche nach Gerechtigkeit: die Versuche, das Recht immer wieder zu verbessern, es weiter zu entwickeln, um dort Verlässlichkeit zu schaffen, wo das Recht nicht mehr oder noch nicht richtig greift.
Bundesfinanzminister Schäuble hat auf der diesjährigen EKD-Synode vor vierzehn Tagen in Magdeburg das Grußwort für die Bundesregierung gesprochen. Dabei sagte er sinngemäß: der Staat sei für Recht und Gerechtigkeit zuständig und die Kirche für die Barmherzigkeit. Diese Aussage rief unmittelbare Reaktionen, Räuspern und leise gesprochene Worte des Unwillens hervor. Beides schiedlich-friedlich trennen, das Recht beim Staat, die Barmherzigkeit bei der Kirche?
Auch das Recht und die Gerechtigkeit können und sollen sich immer wieder an der Barmherzigkeit orientieren und dadurch zu einer besseren Gerechtigkeit, zu einem besseren Recht werden. So hat es Jesus immer wieder eingeschärft, wenn er seine Jünger zur besseren Gerechtigkeit aufgerufen hat: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“, heißt es in der Bergpredigt (Mt 5,20).
„Besser“, nicht ganz anders. Die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer ist keineswegs schlecht, aber sie kann besser gemacht werden. Der Komparativ ist hier das Entscheidende. Einen Schritt weiter gehen zu mehr Recht und Gerechtigkeit, wie es dem Willen Gottes entspricht.
Wenn wir als christliche Kirche den Text des Jeremia im Advent aufnehmen und damit auf Christus beziehen, dann ist er derjenige, der kommen soll, der gekommen ist, der wohl regiert und der Recht und Gerechtigkeit übt. Der uns überhaupt erst zeigt, was Recht und Gerechtigkeit bedeuten können.
Recht und Gerechtigkeit im Sinn Jesu üben, das kann heißen: Barmherzigkeit über das Recht zu stellen. Nicht den ersten Stein zur Verurteilung zu werfen.
Das kann heißen: sich durch die Not eines Menschen in seinen Routinen unterbrechen zu lassen, auf den in Not Geratenen zuzugehen, ihm wieder aufzuhelfen, wie es der barmherzige Samariter getan hat.
Recht und Gerechtigkeit müssen geübt, eingeübt werden, immer wieder neu. Und sie können und sollen sich durch die Barmherzigkeit anregen lassen. Insofern ist eine einfache Gegenüberstellung von Recht und Gerechtigkeit einerseits und Barmherzigkeit andererseits zu einfach. Es ist nicht statisch nebeneinander zu stellen. Die Praxis und die Lehre Jesu zeigen hier eine andere, eine bessere Perspektive auf. Und weil er derjenige ist, auf den Jeremia letztlich hingewiesen hat, der kommen soll, um Recht und Gerechtigkeit zu üben, ist er derjenige, der uns zeigt, wie es möglich ist, dass Menschen sicher wohnen.
Sicher zu wohnen, für allzu viele Menschen ist dies ein Traum, eine ferne Sehnsucht.
Sicher zu wohnen, das ist unter den Bedingungen dieser Welt mit der menschlichen Fehlbarkeit und Schuldverstrickung etwas, das wir nicht vollumfänglich verwirklichen können. Es bleibt eine Hoffnungsperspektive, letztlich die Hoffnung auf das Reich Gottes. Und doch kann bruchstückhaft und zeichenhaft immer wieder ein Licht dieser großen Hoffnungsperspektive auf unsere Wirklichkeit fallen.
Als im letzten Jahr Deutschland angesichts einer dramatischen Notsituation sehr viele Flüchtlinge aufgenommen hat, ohne in allen Details dies mit den EU-Nachbarn abzusprechen und ohne alles genau überprüfen zu können, da ist es gelungen, eine von der Barmherzigkeit inspirierte Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit aufzuzeigen und zu verwirklichen. Dass dies kein Dauerzustand sein kann, war und ist den meisten klar. Aber es war richtig und gut, in dieser Notsituation so zu handeln, wie es die Bundesregierung – und damit auch Wolfgang Schäuble – getan hat. Auf diese Weise ist in unserem Land – unterstützt durch enorm viel spontane Hilfsbereitschaft überall – etwas von dem verwirklicht worden, was Jeremia „wohl regieren“ genannt hat. Ein solches Handeln ist das, was dazu verhilft, damit Menschen sicher wohnen können. Und dies muss für alle gelten, denn nur wenn sich Menschen in ihren Sicherheitsbedürfnissen ernst genommen fühlen und in ihrem Gemeinwesen erleben, dass sie wohl regiert werden, können sie sich anderen zuwenden und ihnen helfen, sicher zu wohnen.
Übrigens, Talal hat ein Stipendium erhalten. Seit diesem Wintersemester studiert er an einer Universität in Norddeutschland. Ich hoffe, dass es ihm dort gut gehen wird und dass er sein Studium erfolgreich durchführen kann. Und vor allem, dass er auch seine Mutter und die Familie seiner Schwester unterstützen kann. Und vielleicht sogar im nächsten Jahr, wenn es nicht zu riskant ist, sie dort besuchen wird.
Sicher zu wohnen – das ist für Talal Realität geworden, dank des guten und großzügigen Rechts, das er hier bisher erfahren hat. Natürlich, es bleibt für ihn bedrängend, dass seine Angehörigen nicht sicher wohnen, dass er sich um sie sorgen muss. Und auch wir, in unserer relativ großen Sicherheit, sind beunruhigt und fühlen den Schmerz anderer, wenn wir von ihrer Not hören. Oft können wir nur hilflos an sie denken, für sie beten, und immer wieder Versuche starten, damit es auch für sie besser werden kann, um sicherer zu wohnen.
Sicher zu wohnen – das ist ein Grundbedürfnis von uns allen. Im Hören auf den Propheten Jeremia wissen wir, wies es gehen kann: Durch das Üben von Recht und Gerechtigkeit, immer wieder inspiriert von der Barmherzigkeit. Jesus hat dies gelebt und gelehrt, er ist der Garant der Hoffnung, sicher zu wohnen. „Seine Name ist: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.“(Jer 23,6) Amen.