Sicher wohnen in chaotischen Zeiten - Predigt zu Jeremia 23,5-9 von Traugott Jähnichen

Sicher wohnen in chaotischen Zeiten - Predigt zu Jeremia 23,5-9 von Traugott Jähnichen
23,5-9

Liebe Universitätsgemeinde,

irgendwann hielt er die Ungewissheit nicht aus, die Angst, ob sie ihn auch holen und verhaften, wie einige seiner Freunde. Ob sie ihn vermutlich foltern oder sogar töten würden? Dabei hatte er, Talal, eigentlich nicht viel gemacht. Er hatte sich an drei oder vier Demonstrationen beteiligt und ein Flugblatt mit verfasst, damals vor ungefähr dreieinhalb Jahren in Aleppo, als er studiert hat. Später hat er ganz in der Nähe in einer Baumschule eines Freundes gearbeitet, es scheint ihm nun alles eine Ewigkeit her zu sein. Zudem konnte man an Hand seines Passes seine christliche Identität erkennen. Weniger auf Grund des Namens, aber sein Geburtsort, ein Dorf, in dem fast nur Christen wohnen, machte dies deutlich. Da in der Nähe islamistische Milizen operierten, drohte ihm auch hier Gefahr. Er wollte weder den Sicherheitsbehörden von Assad noch diesen Milizen in die Hände fallen. So entschloss er sich zur Flucht. Schweren Herzens ließ er seine Mutter und die Familie seiner Schwester im Dorf zurück. Vielleicht wird er ihnen in Zukunft helfen können, aber in Syrien zu bleiben, das war ihm nicht mehr möglich. Er konnte kaum noch schlafen, jedes ungewohnte Geräusch in der Nacht schreckte ihn auf, die Angst legte sich auf ihn wie eine schwere Last.

Seine Geschichte erzählte mir Talal Ende des letzten Semesters, Anfang Juli, in meiner Sprechstunde. Man hat ihn zu mir als einem Vertrauensdozenten der Hans-Böckler-Stiftung geschickt, um ein Gutachten über seine Studierfähigkeit zu erstellen. Obwohl er schon ein knappes Jahr in Deutschland war und auch gut deutsch spricht, wollte er keinen Asylantrag stellen. Ein Asylantrag – vermutlich wäre er anerkannt worden – hätte es ihm jedoch unmöglich gemacht, in absehbarer Zeit zu einem Besuch nach Syrien zurückzukehren. Er hätte seine Mutter und die Familie der Schwester kaum wiedersehen können. Mit einem Studentenvisum in Deutschland zu studieren, das war nun sein Traum. Optimal wäre es, eines der begehrten Stipendien für geflüchtete Studenten zu erhalten. Er könnte sich dann ganz auf sein Studium konzentrieren, etwas Geld zurücklegen, um seine Familie zu unterstützen – und sie idealerweise im nächsten Jahr besuchen. Auf meine erstaunte Nachfrage erklärte er mir, dass es möglich sei, als Besucher nach Syrien zurückzukehren. Als Student mit einem syrischen Pass und einem Visum als Student in Deutschland könnte er die Kontrollen wohl ganz gut passieren, ein gewisses Risiko sei natürlich dabei, aber er wolle es versuchen.

Sicher zu wohnen, das ist für die meisten Menschen in Syrien kaum vorstellbar, für viele völlig unmöglich, wie es die dramatischen Bilder und Nachrichten aus Aleppo gerade in den letzten Tagen und Wochen uns eindrücklich zeigen. Sicher zu wohnen, das ist für die Menschen dort wie ein Traum, eine Utopie.

Zur Zeit des Propheten Jeremia war es im Königreich Juda in vielerlei Hinsicht ähnlich. Immer wieder zogen die Truppen der Babylonier heran, nahmen Städte und Dörfer ein und zerstörten sie. Jerusalem wurde zunächst nicht erobert, das dauerte noch einige Zeit. Zwischenzeitlich waren auch die Ägypter mit ihm Spiel. Sollte und konnte man sich auf sie als Schutzmacht verlassen? So dachten und hofften viele in Jerusalem. Zudem war Jerusalem der Berg Zion, er stand unter dem Schutz Gottes, war uneinnehmbar und sicher. Nur Jeremia, der Störenfried, und ein paar andere, die ihre Hand schützend über ihn hielten, sie sagten immer wieder den Untergang Jerusalems an.

Sicher zu wohnen, das war in jenen Zeiten in Jerusalem nicht denkbar. Was blieb?
Als Baruch, der Schreiber der Prophetenworte des Jeremia, um ein Trostwort von Gott bat, erhielt er nur die Zusage, dass er mit dem nackten Leben davonkommen würde, nicht mehr und nicht weniger.
Sicher zu wohnen, das klang für die Menschen zur Zeit des Jeremia wie eine Utopie, wie eine Hoffnung für eine ferne Zukunft, wenn alles noch einmal ganz anders werden würde. Durch einen neuen König in der Tradition Davids, ein „Spross Davids“, wie es in der Übersetzung Luthers heißt.

Sicher zu wohnen – wenn ich an Talal und die Menschen in Aleppo und in weiten Teilen Syriens denke oder an die Zeitgenossen des Jeremia, dann können wir nur dankbar sein dafür, dass und wie sicher wie wohnen. Aber auch bei uns gibt es Menschen, deren Denken und Fühlen von Unsicherheit bestimmt ist, die Angst haben und meinen, nicht sicher wohnen zu können. Wir können das leicht als ein Luxusproblem ansehen, verglichen mit dem, was andere Menschen durchmachen müssen. Verglichen mit der Situation zur Zeit des Propheten Jeremia oder dem, was in Syrien, im Irak oder in einigen Gebieten in Afrika tagtäglich an Gewalt und Unrecht geschieht.

Ich wohne in einem Stadtteil, in dem relativ viele ältere Menschen wohnen, die meisten sind wohl Rentner. Immer wieder, wenn ich mit unseren Hunden spazieren gehe, sprechen mich einige an und erklären, dass sie froh sind, dass wir die Hunde haben, dass man die sieht und manchmal auch hört. Die Hunde sollten ruhig etwas öfter bellen, weil dies wahrscheinlich am besten Einbrecher abschrecken könnte. Einbrüche sind in unserer Straße noch nicht vorgekommen, aber ein paar Straßen weiter, da ist es schon passiert, und die Angst, dass es auch in unserer Straße vorkommen kann, ist für viele sehr real.
Sicher zu wohnen – bei uns ein Luxusproblem? Ja, sicherlich, aber immerhin doch auch ein Problem. Auch hier in Bochum, wie der Kollege Thomas Feltes, ein Jurist und Kriminologe, in einer Langzeitstudie gerade wieder empirisch festgestellt hat. Noch nie hatten in Bochum so viele Menschen die Angst, Opfer einer Straftat zu werden, einer Körperverletzung oder eines Einbruchs, wie gegenwärtig. Und noch nie haben sich die Menschen hier in Bochum so sehr davor zu schützen versucht, noch nie gab es so viele Türen- und Fenstersicherungen, noch nie so viele Versuche, sich selbst zu schützen. Rund ein Viertel der Befragten sagte, dass sie sich mit Elektroschockern oder Pfeffersprays zur Verteidigung gewappnet haben.

Sicher zu wohnen, das ist offensichtlich ein Grundbedürfnis von uns Menschen, ein Bedürfnis in einem ganz elementaren, wortwörtlichen Sinn. Sicherheit als Schutz vor Bedrohungen. Aber natürlich gibt es darüber hinaus viele weitere Sicherheitsbedürfnisse: Die Hoffnung auf einen guten, vor allem einen sicheren Arbeitsplatz, verlässliche Verbindungen zu anderen Menschen, in der Familie und im Freundeskreis, in der Beziehung. Weil wir wissen, wie verletzlich wir sind, ist Sicherheit ein hohes Gut. Von der eigenen Wohnung über den Arbeitsplatz und die soziale Sicherheit bis hin zu den persönlichen Beziehungen. Sicherheit ist zu einem Grundwert geworden, und es ist nicht gut, wenn wir in der Kirche dieses Bedürfnis nicht ernst nehmen. Es oberflächlich zu relativeren versuchen, weil es ja eine letzte Sicherheit nicht geben kann, weil Sicherheit – wie es etwas Dietrich Bonhoeffer gesagt – kein Weg zum Frieden, kein Weg zu einem guten Leben sein könnte. Der Prophet Jeremia hat das anders gesehen. Das Ziel, sicher zu wohnen, ist ihm wichtig, ist Ausdruck der Hoffnung auf eine künftige, bessere Zeit.

Doch wie kann es dazu kommen, dass wir sicher wohnen? Ist das nur eine Utopie oder theologisch gesprochen: eine Hoffnung für das Reich Gottes? Was muss geschehen, damit wir sicher wohnen können?

Da muss einer kommen – der Ordnung schafft? Das ist die Parole, die wir immer lauter und immer häufiger hören, bei uns und anderswo. Ordnung schaffen in dieser komplizierten Welt, in der es schwer fällt, sich zu Recht zu finden. Der Ruf nach Ordnung, er findet immer mehr Gehör. Und das Versprechen, endlich Ordnung zu schaffen, wird geradezu sehnsüchtig erwartet und aufgenommen, viel mehr, als wir – Studierende und Lehrende an einer Universität – es uns vorstellen können und wollen. Wir sind irritiert, wenn in der Welt „dort draußen“ so viele diesem Ruf folgen und sich mit dieser Parole Mehrheiten gewinnen lassen.

Es muss einer kommen – das ist auch die Botschaft des Jeremia. „Es soll einer kommen, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Dann wird Juda geholfen werden und dann wird Israel sicher wohnen.“ (Jer 23,5f)
Recht und Gerechtigkeit sind der Weg, um einen Zustand herbeizuführen, dass man sicher wohnen kann. Nur dort, wo das Recht geachtet wird, wo alle Menschen zu ihrem Recht kommen können – nur dort kann ein sicheres Leben für alle entstehen. Verlässliches Recht für alle: für Arme wie für Reiche, für Einheimische wie für Fremde – das ist die Perspektive, die Jeremia seinen Zeitgenossen als Zukunftshoffnung aufgezeigt hat. Die Regeln des Rechts einzuhalten, das Recht durchzusetzen – das sind die grundsätzlichen Standards, die Jeremia „wohl regieren“ nennt. Wir sprechen heute von „good governance“, das ist die Bedingung für Frieden und Entwicklung, für eine gute Wohlfahrt, die allen nützt.

Über die Geltung des Rechts hinaus geht die Suche nach Gerechtigkeit: die Versuche, das Recht immer wieder zu verbessern, es weiter zu entwickeln, um dort Verlässlichkeit zu schaffen, wo das Recht nicht mehr oder noch nicht richtig greift.
Bundesfinanzminister Schäuble hat auf der diesjährigen EKD-Synode vor vierzehn Tagen in Magdeburg das Grußwort für die Bundesregierung gesprochen. Dabei sagte er sinngemäß: der Staat sei für Recht und Gerechtigkeit zuständig und die Kirche für die Barmherzigkeit. Diese Aussage rief unmittelbare Reaktionen, Räuspern und leise gesprochene Worte des Unwillens hervor. Beides schiedlich-friedlich trennen, das Recht beim Staat, die Barmherzigkeit bei der Kirche?
Auch das Recht und die Gerechtigkeit können und sollen sich immer wieder an der Barmherzigkeit orientieren und dadurch zu einer besseren Gerechtigkeit, zu einem besseren Recht werden. So hat es Jesus immer wieder eingeschärft, wenn er seine Jünger zur besseren Gerechtigkeit aufgerufen hat: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“, heißt es in der Bergpredigt (Mt 5,20).
„Besser“, nicht ganz anders. Die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer ist keineswegs schlecht, aber sie kann besser gemacht werden. Der Komparativ ist hier das Entscheidende. Einen Schritt weiter gehen zu mehr Recht und Gerechtigkeit, wie es dem Willen Gottes entspricht.

Wenn wir als christliche Kirche den Text des Jeremia im Advent aufnehmen und damit auf Christus beziehen, dann ist er derjenige, der kommen soll, der gekommen ist, der wohl regiert und der Recht und Gerechtigkeit übt. Der uns überhaupt erst zeigt, was Recht und Gerechtigkeit bedeuten können.
Recht und Gerechtigkeit im Sinn Jesu üben, das kann heißen: Barmherzigkeit über das Recht zu stellen. Nicht den ersten Stein zur Verurteilung zu werfen.
Das kann heißen: sich durch die Not eines Menschen in seinen Routinen unterbrechen zu lassen, auf den in Not Geratenen zuzugehen, ihm wieder aufzuhelfen, wie es der barmherzige Samariter getan hat.
Recht und Gerechtigkeit müssen geübt, eingeübt werden, immer wieder neu. Und sie können und sollen sich durch die Barmherzigkeit anregen lassen. Insofern ist eine einfache Gegenüberstellung von Recht und Gerechtigkeit einerseits und Barmherzigkeit andererseits zu einfach. Es ist nicht statisch nebeneinander zu stellen. Die Praxis und die Lehre Jesu zeigen hier eine andere, eine bessere Perspektive auf. Und weil er derjenige ist, auf den Jeremia letztlich hingewiesen hat, der kommen soll, um Recht und Gerechtigkeit zu üben, ist er derjenige, der uns zeigt, wie es möglich ist, dass Menschen sicher wohnen.

Sicher zu wohnen, für allzu viele Menschen ist dies ein Traum, eine ferne Sehnsucht.
Sicher zu wohnen, das ist unter den Bedingungen dieser Welt mit der menschlichen Fehlbarkeit und Schuldverstrickung etwas, das wir nicht vollumfänglich verwirklichen können. Es bleibt eine Hoffnungsperspektive, letztlich die Hoffnung auf das Reich Gottes. Und doch kann bruchstückhaft und zeichenhaft immer wieder ein Licht dieser großen Hoffnungsperspektive auf unsere Wirklichkeit fallen.
Als im letzten Jahr Deutschland angesichts einer dramatischen Notsituation sehr viele Flüchtlinge aufgenommen hat, ohne in allen Details dies mit den EU-Nachbarn abzusprechen und ohne alles genau überprüfen zu können, da ist es gelungen, eine von der Barmherzigkeit inspirierte Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit aufzuzeigen und zu verwirklichen. Dass dies kein Dauerzustand sein kann, war und ist den meisten klar. Aber es war richtig und gut, in dieser Notsituation so zu handeln, wie es die Bundesregierung – und damit auch Wolfgang Schäuble – getan hat. Auf diese Weise ist in unserem Land – unterstützt durch enorm viel spontane Hilfsbereitschaft überall – etwas von dem verwirklicht worden, was Jeremia „wohl regieren“ genannt hat. Ein solches Handeln ist das, was dazu verhilft, damit Menschen sicher wohnen können. Und dies muss für alle gelten, denn nur wenn sich Menschen in ihren Sicherheitsbedürfnissen ernst genommen fühlen und in ihrem Gemeinwesen erleben, dass sie wohl regiert werden, können sie sich anderen zuwenden und ihnen helfen, sicher zu wohnen.

Übrigens, Talal hat ein Stipendium erhalten. Seit diesem Wintersemester studiert er an einer Universität in Norddeutschland. Ich hoffe, dass es ihm dort gut gehen wird und dass er sein Studium erfolgreich durchführen kann. Und vor allem, dass er auch seine Mutter und die Familie seiner Schwester unterstützen kann. Und vielleicht sogar im nächsten Jahr, wenn es nicht zu riskant ist, sie dort besuchen wird.

Sicher zu wohnen – das ist für Talal Realität geworden, dank des guten und großzügigen Rechts, das er hier bisher erfahren hat. Natürlich, es bleibt für ihn bedrängend, dass seine Angehörigen nicht sicher wohnen, dass er sich um sie sorgen muss. Und auch wir, in unserer relativ großen Sicherheit, sind beunruhigt und fühlen den Schmerz anderer, wenn wir von ihrer Not hören. Oft können wir nur hilflos an sie denken, für sie beten, und immer wieder Versuche starten, damit es auch für sie besser werden kann, um sicherer zu wohnen.

Sicher zu wohnen – das ist ein Grundbedürfnis von uns allen. Im Hören auf den Propheten Jeremia wissen wir, wies es gehen kann: Durch das Üben von Recht und Gerechtigkeit, immer wieder inspiriert von der Barmherzigkeit. Jesus hat dies gelebt und gelehrt, er ist der Garant der Hoffnung, sicher zu wohnen. „Seine Name ist: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.“(Jer 23,6) Amen.

 

Perikope
27.11.2016
23,5-9

Prophetisches Heimweh - Predigt zu Jeremia 23,5-9 von Matthias Storck

Prophetisches Heimweh - Predigt zu Jeremia 23,5-9 von Matthias Storck
23,5-9

Prophetisches Heimweh

Der jüdische Dichter Franz Werfel (1890-1945) hat dem Propheten Jeremia ein bewegendes Denkmal gesetzt. Am Schluss des Romanfragments „Jeremias – Höret die Stimme“ lässt er den verzweifelten Propheten durch die verkohlten Trümmer des Jerusalemer Tempels irren. Jeremia stolpert über rauchgeschwärzte Steinquader, schwelende Holzbalken und meterhohen Schutt. Nur eine Ahnung lenkt ihn dorthin, wo das Allerheiligste gewesen sein könnte. Aus der Asche klaubt er eine Scherbe. Drei Wörter in hebräischen Buchstaben sind lesbar geblieben: „Damit du lebst.“ Mehr ist nicht zu erkennen, aber auch nicht weniger. So rettet der Dichter seinem Propheten und damit seinem verbannten und verbrannten Volk behutsam und treffsicher den Glauben.

„Damit du den Tod überwindest, habe ich solches an dir getan“, antwortet Gott dem verstummten Propheten. Und mit der ganzen Last der Geschichte bekommen diese Worte ein besonderes Gewicht: „Damit Israel das Gericht überwinde, habe ich es gehalten. Aus meiner Hand strömt nur Leben, wie könntest du, der meiner Hand entströmt ist, sterben und vergeblich gewesen sein!?[...] Damit du mein seist, damit ich dein sei, hast du gelitten[...] Du schöpfst die Verheißung nicht aus.“

 

Ungläubig glauben

Ich las das Buch als Lehrling. Diese Sätze am Ende sind mir im Herzen stecken geblieben. Ich weiß nicht, wie oft ich zu diesem Romanschluss zurückgekehrt bin. An diesen spärlichen Worten habe ich gelernt, wie sehr der Glaube, auch mein eigener, an Bruchstücken und Lebensscherben hängt. Starke Bilder und klare Worte kommen immer wieder, werden tausendfach wiederholt, aber sie erreichen die Seele nicht. Doch irgendwann, unvermutet, entfachen sie im Herzen ein helles Feuer.

Ich habe damals ungläubig und trotzig angefangen, mich hinein zu glauben in die dürftige Kraft des Wortes.

Die Sehnsucht der prophetischen Verheißungen öffnet behutsam die Tür zum Advent. Manche Worte beginnen zu leuchten und versehen das Dunkel im Gemüt mit dem freundlichen Licht, das „allen in die Kindheit scheint“ (Ernst Bloch).

In solchen Worten schlägt der Glaube die Augen auf, um den ewigen Himmel über der Menschengeschichte kindlich anzustaunen.
Viel später werden genau diese Worte den König Herodes blenden und den Kaiser Augustus in den Schatten stellen. Immer von neuem werden diese alten, stumm geglaubten Worte die lärmende Angst und die lähmende Kälte vertreiben, wenn Menschen bangen Herzens und wider allen Augenscheins auf ihren verheißenen Erlöser warten. Immer von neuem werden solche Worte Engel wecken und Leitern an den offenen Himmel lehnen. Die frühe Christenheit wusste, was ihr geschah, als sie das Ende der Angst und damit die größten Hoffnungen ihrer Geschichte einer kleinen Handwerkerbraut aus dem Herzen buchstabierte und in den großen Horizont weltweiter Erwartung stellte.

 

Rückwärts lesen

Lange zuvor war jedes dieser Worte schon teuer bezahlt. Der Prophet Jeremia hat sich, wie es verschiedentlich berichtet wird, keine Freunde gemacht, als er seine geschichtsverdrossenen und verzweifelten Landsleute an ihre alten Verheißungen erinnerte.

Manche Hoffnungsworte brennen schlimmer als offene Wunden. Unermüdlich sammelte der Prophet deshalb die Bruchstücke der alten Hoffnung aus den Trümmern der Geschichte und erinnerte seine Zuhörer mit ihren eigenen Worten an ihre Zukunft.

„Die Wiederholung sättigt die Erinnerung mit Segen“, sagt der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855).

Nicht weniger als die ganze Gerechtigkeit und den wahren Frieden buchstabierte sich der Prophet gegen das Wüten der ganzen Welt zusammen. Der frische „Spross“ am alten Stamm hat starke Wurzeln. Sie reichen zurück bis auf David und seinen Stammvater Isai. So lehrt Jeremia seine Landsleute, nicht nur ihre Verzweiflung, sondern auch ihre Verheißungen rückwärts zu lesen. Er erinnert sie daran, dass ihr größter König aus allerkleinsten Verhältnissen stammt.

Da sie allzu sehr mit Naheliegendem befasst sind, mangelte es den meisten Zuhörern offensichtlich an Vorstellungskraft. Zu schnell war die Blüte der bewegenden politischen und kulturellen Aufbrüche unter Davids Königshaus verwelkt. Wechselnde Mächte wie Ägypten, Assur oder Babylon hatten das Israel immer wieder in alle Welt zerstreut. Die Nachkommen wurden Fremdlinge im eigenen Land und Glauben. Zuerst verloren sie ihren Trotz, zuletzt ihren Gott. Wer konnte und wollte da auf alte Versprechen bauen?
Der Prophet verheißt neben Frieden und Recht auch noch Heil und Sicherheit. Aber bisher versanken die kühnsten Hoffnungen regelmäßig in den rauchenden Trümmern Jerusalems. Kostbarer Glaube verlor sich in den Höllen der Deportation oder verstummte angesichts der Menschenverachtung der Sieger. Erhaben, aber wirkungslos mussten die Worte des Propheten vor diesem Hintergrund erscheinen. Was gab es noch zu reden vom herrlichen Reich Davids? Es war zerfallen. Was half die Erinnerung an vergangene Weisheit und Pracht? Die vertraute Welt war vergangen. Der Tempel lag verwüstet, der Glaube war erschüttert. Der Schmerz machte alle Reste zu einem fremden Märchen. Der stolze Spross am Stamm Davids war Brennholz geworden. Selbst die Tatsachen reichten nicht mehr für Träume.

Angesichts unendlicher Verteilungskriege und Machtkämpfe mochte den Bewohnern der gesamten Provinz noch manches Mal Hören und Sehen vergangen sein, wenn das Rad der Geschichte Jahrhundert um Jahrhundert über sie und ihre Sehnsucht hinweg rollte. Die Verheißungen blieben mühsam. Die Wiederholung schmerzte, aber sie bewahrte vor dem Vergessen. So beginnt alle Hoffnung.

Die Weltgeschichte legt freilich keine Besinnungspausen ein. Sie kennt keine Schwelle und kein Maß. Umso erstaunlicher ist es, dass die Prophetenworte nichts von ihrer Kraft verloren haben. Im Wechsel der Mächte und Gewalten behaupteten sie sich gegen alle Deutungsversuche. Und als in der Welt, der sie entstammten, kaum ein Stein auf dem anderen blieb, wurden die Worte selbst zur Heimat. Für viele waren die alten Verheißungen jahrhundertlang ein „portatives Vaterland“, wie Heinrich Heine (1797-1856) es treffend nannte.

 

Unten anfangen

Kindliche Freudensprünge halten sich fest im Gemüt. Sie ermuntern, ganz klein anzufangen. Der Spross, von dem der Prophet spricht, könnte im Prozess der Weltgeschichte kaum unscheinbarer sein. Darum gehört viel Mut dazu, an winzige Anfänge zu glauben und sie einzuüben. In irdischer Niedrigkeit erblickt auch Gottes Gerechtigkeit das Licht der Welt. Der Hirtenjunge David und der Zimmermannssohn Jesus kommen nicht umsonst beide aus dem gleichen Stamm und beide von ganz unten.

Den Betrachtenden springen deshalb bei genauem Hinsehen mit dem austreibenden Spross gleich alle erregenden Themen der Menschheitsgeschichte ins Gesicht. Im Licht solcher Bilder sehen die eigenen Herrschaftsverhältnisse oder Machtgewichte ganz schnell ganz anders aus, als das Welttheater es so gern vorgibt.

Im zwanzigsten Jahrhundert ließen sich viele Juden, besonders in der osteuropäischen Diaspora, von dem großen Treiben nicht beirren. Sie klammerten sich an das, was ihnen von den Verheißungen geblieben war. Sie gaben die Hoffnung nicht auf, eines Tages den Berg Zion doch noch mit eigenen Füßen zu betreten. Sie lernten ihre Hoffnungslektionen klein und geduldig in der Muttersprache ihrer Väter. „Nächstes Jahr in Jerusalem!“, lautete ihr Gruß. Einer der wenigen, die es geschafft haben, den Höllen zu entkommen und in Jerusalem zu sterben, war Saul Tschernichowski (1875-1943). Für den tapferen Sprung aus dem Heimweh in die Hoffnung fand er große, kindliche Worte. In einem seiner Lieder heißt es:

„Wir wolln schaffen, lieben, leben,
Wirklich im Gelobten Land!
Häuser baun, nicht in den Wolken,
Aber in den Wüstensand.“

So zeigt die Erinnerung an lebendiges Grün, dass die ältesten Hoffnungen der Bibel oft jünger sind als mancher, der sie mühsam buchstabiert. Was wären Ordnungen wert, die nicht im Wirrwarr widerstreitender Vielfalt immer von neuem die Spur einer Gerechtigkeit verfolgten, die weder nach dem „Hörensagen“, noch nach dem „Ansehen der Person“ entscheidet? Die Feststellung, dass sich bis heute Frieden und Gerechtigkeit nur in der Bibel küssen, zeigt, dass es harter Arbeit bedarf, damit die alten Verheißungen den jungen Hoffnungen nicht davonlaufen.

 

„Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein“

Es soll uns freuen, aber niemals genügen, wenn ein Mensch lernt, sich mit seinesgleichen zu vertragen. Und wenn es den Frieden, der aufs Ganze geht, erst ganz zuletzt gibt, soll uns das bei unserem Einsatz für eine friedliche Welt nicht aus der Fassung bringen. Wenn die Gerechtigkeit in unseren Breiten nur mit geeichter Waage und einer Binde vor den Augen zu haben ist, soll uns selbst das nicht beirren. Zu allen Zeiten lebten die Menschen schon zwischen den Zeilen.

Aber wir übersehen den Anfang nicht, einen schwachen Spross in einer mit Macht überfüllten Welt.
So eine Geschichte hört nicht auf, wenn ein paar Hungrigen der Tisch gedeckt ist. Sie ist nicht am Ziel, wenn einige Gefangene freigekommen sind oder ein Internierungslager aufgelöst wird.
Es ist nicht nichts, wenn die Folter verboten ist, aber es ist noch lange nicht alles.
Der Zweig wird wachsen. Aber auch das ist nicht selbstverständlich.

Im Jahr 1980 schrieb der Liedermacher Wolf Biermann seiner Tochter Marie ein Willkommenslied an die Wiege. „Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein“, lautete die erste Zeile. Gemeint war eine Hoffnung, die nur schwer gedeihen konnte, weil in der Mitte Europas „Waffenwälder“ (anstelle der Engel) die Wiegen der Neugeborenen umstellten.

Niemand konnte damals wissen und kaum einer wagte noch zu hoffen, dass diese Waffen, die quer durch das geteilte Deutschland mit Atomsprengköpfen aufeinander zielten, eines Tages verschrottet würden. Man musste schon sehr „verrückt“ sein, um es zu glauben.

Als das dann geschah und der „Eiserne Vorhang“ zerriss, haben wir in Ost und West eine ebenso freudige wie hoffnungsvolle Lektion bekommen. Wir haben staunend gelernt, dass Gott seine Verheißungen mitten in unserer Welt und vor aller Augen erfüllen kann, solange wir nicht aufhören, ihn tatkräftig beim Wort zu nehmen.

Perikope
27.11.2016
23,5-9

Es kommt die Zeit... - Konfi-Impuls zu Jeremia 23,5-8 von Christina Hirt

Es kommt die Zeit... - Konfi-Impuls zu Jeremia 23,5-8 von Christina Hirt
23,5-8

Es kommt die Zeit…
Welche Zeit erwarten wir denn? Wer den Gottesdienst im Konfirmandenunterricht vorbereitet, kann mit den Jugendlichen einen Blick in die Zukunft wagen und ihre Antworten auf folgende Fragen vortragen lassen:

Wie stellst du dir deine persönliche Zukunft vor?

Was wird deiner Meinung nach eher eintreffen:
Die Umwelt wird weiter zerstört – die Umwelt wird besser geschützt.
Terror und Kriege nehmen zu – Die Menschen schaffen es, friedlicher miteinander zu leben.
Die Menschen werden häufiger krank sein – Die Menschen werden gesünder leben
Es wird mehr Hungersnöte geben – Es wird weniger Hunger in der Welt geben

Es kommt die Zeit…
Eine schöne Bilder-Zusammenstellung von Umfrageergebnissen unter Passanten in Mainz findet sich bei: http://360grad-mainz.de/erwartungen-zukunft

Es kommt die Zeit…
…in der das Wünschen wieder hilft. Die „Toten Hosen“ haben dieses Lied mit ironischem Unterton schon vor einigen Jahren veröffentlicht. Die Aussagen des Liedes lassen sich gut mit dem Predigttext verbinden, denn es geht darin nicht nur um die eigene Zukunftserwartung, sondern vor allem um die Frage, ob denn Gott seine Hand mit im Spiel hat und Dinge zum Guten wenden wird oder wenden kann.
Was bei den Toten Hosen wie das „Glaubensbekenntnis von Zweiflern“ klingt, hat bei Jeremia den Ton von Gewissheit und begründeter Hoffnung. Diese Hoffnung stark zu machen, ohne den Glauben zu einem Wunschkonzert von Träumern zu machen, ist wohl die schöne aber auch herausfordernde Aufgabe an diesem Adventssonntag.

Ich glaube, dass die Welt sich noch mal ändern wird
und dann Gut über Böse siegt,
dass irgendjemand uns auf unseren Wegen lenkt
und unser Schicksal in die Hände nimmt.
Ja, ich glaube an die Ewigkeit
und dass jeder jedem mal vergibt.
Alle werden wieder voreinander gleich,
jeder kriegt, was er verdient.
Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft…
(Die Toten Hosen, den kompletten Text findet man unter:
http://www.dietotenhosen.de/diskographie/musik/die-90er/1993/wuensch-dir-was)

Perikope
27.11.2016
23,5-8

Es kommt die Zeit... - Konfi-Impuls zu Jeremia 23,5-8 von Christina Hirt

Es kommt die Zeit... - Konfi-Impuls zu Jeremia 23,5-8 von Christina Hirt
23,5-8

Es kommt die Zeit…
Welche Zeit erwarten wir denn? Wer den Gottesdienst im Konfirmandenunterricht vorbereitet, kann mit den Jugendlichen einen Blick in die Zukunft wagen und ihre Antworten auf folgende Fragen vortragen lassen:

Wie stellst du dir deine persönliche Zukunft vor?

Was wird deiner Meinung nach eher eintreffen:
Die Umwelt wird weiter zerstört – die Umwelt wird besser geschützt.
Terror und Kriege nehmen zu – Die Menschen schaffen es, friedlicher miteinander zu leben.
Die Menschen werden häufiger krank sein – Die Menschen werden gesünder leben
Es wird mehr Hungersnöte geben – Es wird weniger Hunger in der Welt geben

Es kommt die Zeit…
Eine schöne Bilder-Zusammenstellung von Umfrageergebnissen unter Passanten in Mainz findet sich bei: http://360grad-mainz.de/erwartungen-zukunft

Es kommt die Zeit…
…in der das Wünschen wieder hilft. Die „Toten Hosen“ haben dieses Lied mit ironischem Unterton schon vor einigen Jahren veröffentlicht. Die Aussagen des Liedes lassen sich gut mit dem Predigttext verbinden, denn es geht darin nicht nur um die eigene Zukunftserwartung, sondern vor allem um die Frage, ob denn Gott seine Hand mit im Spiel hat und Dinge zum Guten wenden wird oder wenden kann.
Was bei den Toten Hosen wie das „Glaubensbekenntnis von Zweiflern“ klingt, hat bei Jeremia den Ton von Gewissheit und begründeter Hoffnung. Diese Hoffnung stark zu machen, ohne den Glauben zu einem Wunschkonzert von Träumern zu machen, ist wohl die schöne aber auch herausfordernde Aufgabe an diesem Adventssonntag.

Ich glaube, dass die Welt sich noch mal ändern wird
und dann Gut über Böse siegt,
dass irgendjemand uns auf unseren Wegen lenkt
und unser Schicksal in die Hände nimmt.
Ja, ich glaube an die Ewigkeit
und dass jeder jedem mal vergibt.
Alle werden wieder voreinander gleich,
jeder kriegt, was er verdient.
Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft…
(Die Toten Hosen, den kompletten Text findet man unter:
http://www.dietotenhosen.de/diskographie/musik/die-90er/1993/wuensch-dir-was)

Christina Hirt

Gott ist verschwunden!?

Pfarrer Karsten Böhm:

Gott ist verschwunden! Tatsächlich?

Selbst bei Hermann van Veen ist er ja nicht wirklich verschwunden und weg, sondern aus der Kirche gerannt und sitzt nun auf der Bank in der Sonne.

Zum Glück haben aber einige Gemeinden längst durchgelüftet und ich kann mir vorstellen, dass sich Gott inzwischen in vielen Kirchen wieder ganz wohl fühlen würde.

Und doch hat es der Glaube heute eher schwer.

Es gibt beides gleichzeitig: eine große Gleichgültigkeit Gott gegenüber, aber auch eine große Sehnsucht nach Gott.

Wie kann man heute Gott erleben und finden? Warum sollte ich Gott überhaupt suchen?

Fragen über Fragen.

Wir in der Andreasgemeinde sind es gewohnt, Fragen zu stellen. Und als Prediger Fragen gestellt zu bekommen, auch direkt im Gottesdienst.

Wenn Sie also eine Frage zu meiner Predigt haben, schicken Sie mir diese an: fernsehgottesdienst@andreasgemeinde.de

Ich versuche dann Ihre Fragen nach der Predigt im “Nachgefragt“ zu beantworten.

Wie kann man Gott also finden, ihn erleben?

Das Wichtigste: Gott suchen, ihn erleben – das können nur Sie selbst – das kann Ihnen niemand abnehmen.

Man kann das dann so machen wie es der berühmte Mathematiker Blaise Pascal vorgeschlagen hat. Er hat die Suche nach Gott mit einer Art Wette verglichen. Und hat vorgeschlagen, einfach mal darauf zu setzen, dass es Gott gibt.

Ob es Gott gibt, kann man nämlich nur herausbekommen, wenn man sich einmal darauf einlässt. Und Pascal meinte: Wenn man das tut, kann man eigentlich nicht verlieren.

Denn selbst wenn man Gott letztlich nicht findet. Ja, dann hat zwar man nichts gewonnen, aber auch nichts verloren.

Wenn Sie aber Gott begegnen, dann haben Sie sehr sehr viel gewonnen. So wie es zwei Menschen aus unserer Gemeinde erlebt haben:

Statement 1

Video-Zuspieler

Ich bin Silja Calac. Ich bin 46 Jahre alt. Ich bin in der Schweiz geboren. Danach habe ich in Paris studiert, hab dort geheiratet und bin dann über Singapur und München hier in Eschborn gelandet. Vor drei, vier Jahren ist mein Mann dann gegangen. Dann war ich erstmal alleine, hab aber – obgleich ich das eigentlich nicht wollte – sehr schnell jemand kennen gelernt und der lebt eben in Eschborn. Bei mir gab es in der Erziehung keinen Gott. Ich wurde nicht getauft. Meine Eltern haben mir das nicht beigebracht. Ich bin als Kind nicht in die Kirche gegangen. Ich wusste, dass es etwas gab, was mir gefehlt hat.

Hab dann auch sehr viele unschöne Seiten der Kirche kennen gelernt. Das war so heuchlerische Kirche. ich als Nichtgetaufte war da immer ausgeschlossen. Und dann kam eben mein Partner und hat gesagt: „So jetzt gehen wir am Sonntag in den Gottesdienst.“ Ah, das war dann was ganz anderes. So kannte ich Christentum überhaupt nicht. Und das war toll. Das hat mich so mitgenommen. Die Menschen hier die leben das wirklich, was sie sagen. Das hat mich dann wirklich überzeugt. Und jetzt werde ich mich taufen lassen. Ich hab etwas ganz Wichtiges gefunden. Das macht mich extrem glücklich.

Pfarrer Karsten Böhm:

Silja, ich habe da noch eine Frage. Komm doch mal. Du redest davon, dass Gott dich glücklich macht. Ist im Glauben aber tatsächlich immer alles heile Segen, Sonnenschein und gut?

Silja Calac-Schneider:

Nein, natürlich nicht. Das Tolle am Glauben ist, dass mich Gott trägt, er mir beisteht, wenn im Leben gerade auch nicht alles rund läuft, eben kein Sonnenschein herrscht. Mit Gott muss ich nicht immer glücklich sein.

Pfarrer Karsten Böhm:

Vielen Dank.

Christian hat andere Erfahrungen gemacht.

Video – Zuspieler

Also mein Name ist Christian Badenhop. 48 Jahre werde ich im Juni. Ich komme aus dem Hotelfach, arbeite heute für ein touristisches Unternehmen, hab zwei Kinder, verheiratet, seit acht Jahren in Niederhöchstadt. Ich begeistere mich für Hard-Rock, Punk-Rock und Fußball. Aber meine Leidenschaft gilt eigentlich seit Jahren auch durch die Andreasgemeinde gesteuert dass ich Theater spiele wie in meiner Jugend. Komm aus Norddeutschland ursprünglich, wo man nicht unbedingt erzkonservativ jeden Sonntag in die Kirche geht. Sondern (ich bin) so großgeworden, dass das zwar irgendwo schon eine Rolle gespielt hat, aber man keine Entwicklungsschritte in Richtung Kirche gemacht hat. Dann bin ich, als ich Mitte 20 war, aus der Kirche ausgetreten. Bis vor sieben Jahren mein Vater nach ner langen Krebskrankheit gestorben ist und gerade sein Tod mir so das Gefühl gegeben hat: Ja, es ist eigentlich ganz schlimm, wenn man eigentlich keinen Halt hat. Und das hat sich dahingehend entwickelt, dass ich dann gesagt hab: „Okay, ich tret wieder ein.“ Vorher hab ich geglaubt, mich könnte gar nichts mehr in Richtung Kirche berühren.

Und das Gegenteil ist der Fall. Hier hab ich die Gelegenheit, nicht zu müssen, um diese Erfahrung zu machen. Aber ich kann. Und ohne nach links und rechts gucken zu müssen, wer das viel besser oder anders macht: ich finde meinen Weg alleine. Wie weit der geht: keine Ahnung. Ich glaub, das ist viel wichtiger als links und rechts zu gucken.

Pfarrer Karsten Böhm:

Christian, komm doch bitte mal. Du sagst, dass du bei uns in der Andreasgemeinde nichts musstest, aber viel konntest und in dieser Freiheit Gott näher gekommen bist. Das klingt so, als ob du auch ganz andere Erfahrungen gemacht hast. Stimmt das?

Christian Badenhop:

Ja, für mich hatte Glaube lange etwas mit etwas aktiv machen zu müssen zu tun. Du musst dies, du darfst jenes nicht. Erst als es hieß: Komm wie du bist und mache dich mit deinen Fragen in deinem Tempo auf deinen Weg und sei Teil der Gemeinde bei all Deinen Bedenken, habe ich mich wieder dem Thema geöffnet. Was und wie man glaubt, bleibt doch letztendlich jedem selbst überlassen. Aber ja, man fühlt sich hier vor allem gut aufgenommen.

Predigt Teil 2

Pfarrer Karsten Böhm:

Christian, das freut mich sehr. Denn wir als Andreasgemeinde verstehen genau darin unsere Aufgabe:

Räume zu schaffen, in denen sich Menschen auf die Suche nach Gott machen können. Gelegenheiten zu ermöglichen, in denen Menschen Gott finden können.

Daher feiern wir auch seit über 20 Jahren monatlich unseren GoSpecial.

Also, vielen Dank, Christian.

(Herr Badenhop geht ab. Pfarrer Böhm geht zum Stehtisch).

Pfarrer Karsten Böhm:

Denn ich bin überzeugt:

Wenn Sie nach Gott suchen, dann sind Sie schon auf dem Weg zu ihm.

Wenn Sie nach Gott fragen, sind Sie schon mit ihm in Kontakt.

Wenn Sie nach Gott rufen, bauen Sie schon eine Beziehung zu ihm auf.

Wenn Sie sich auf die Suche begeben, dann tun Sie dies aber bitte mit großer Freiheit und Gelassenheit so wie Christian.

Sie müssen Gott nicht suchen, aber Sie dürfen. Niemand muss, aber jeder kann. Und wir erleben hier, dass diese Freiheit Menschen hilft, Gott zu finden, ihm zu begegnen!

Machen Sie es ähnlich wie Christian. Gehen Sie Ihren persönlichen Weg ohne ständig nach links und rechts zu schauen. Zu fragen, wer macht es anders, wer macht es besser oder weniger gut.

Dazu möchte ich Ihnen hier in Niederhöchstadt und an den Bildschirmen Mut machen.

Um Gott zu finden, ihm zu begegnen gibt es nämlich nicht den einen Weg, sondern die Wege zu Gott sind so unterschiedlich wie wir Menschen unterschiedlich sind.

Wenn wir, die Kirche, Ihnen helfen können, Gott zu begegnen, dann freut mich das.

Aber bitte befreien Sie sich von dem Druck, etwas zu müssen, etwas Spezielles tun zu müssen, um Gott zu finden. Machen Sie lieber Ihre eigenen authentischen Erfahrungen. Lassen Sie sich bei Ihrer Suche auch Ihre Fragen und Zweifel nicht ausreden oder wegargumentieren.

Und bleiben Sie bei Ihrer Suche gelassen, damit Sie sich überraschen lassen können wie Silja!

Gott wird sich von Ihnen finden lassen auf Ihrem Weg, auf die Art, wie Sie es brauchen, wie Sie ihm begegnen können.

Denn in der Bibel verspricht Gott:

„Wenn Ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen!“ (Jeremia 29,13)

Das ist kein frommer Wunsch, sondern Gottes festes Versprechen, seine Zusage.

„Wenn Ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen!“

Wer sucht, der findet.

Wer Gott sucht, der wird ihn finden, denn Gott ist nicht verschwunden.

Davon bin ich überzeugt, denn genau dies haben zahlreiche Menschen erlebt. Wer sucht, der findet.

Daher: Überzeugen Sie sich selbst, ob Gott verschwunden ist oder ob es ihn gibt. Probieren Sie es aus, ob Gott sich finden lässt. Wetten Sie wie Pascal gewettet hat, denn was haben Sie zu verlieren? Nichts. Und wenn Sie Gott finden, dann haben Sie so wie Silja und Christian unendlich viel für ihr Leben gewonnen!

Wie Sie Gott finden können?

Wie gesagt – da gibt es ganz unterschiedliche Wege. Da gibt es nicht den einen, richtigen Weg.

Aber es gibt gute Erfahrungen, die viele Menschen gemacht haben, Hinweise, wie andere Menschen Gott gefunden haben und vielleicht hilft es Ihnen, so Gott auch auf die Spur zu kommen.

Beten Sie beispielsweise doch einmal oder wiedermal zu Gott. Setzten Sie sich auf eine Bank und reden Sie mit ihm wie mit einem guten Freund. Erzählen Sie ihm, was Sie beschäftigt, was Sie ärgert, wo Sie vielleicht Hilfe brauchen. Gott hört Ihr Gebet und antwortet darauf. Manche sagen: Gott ist ganz nahe, er ist immer nur ein Gebet weit entfernt.

Oder lesen Sie einmal in der Bibel. Vielleicht bleiben Sie dann im Neuen Testament an einer Aussage Jesu hängen, die Sie beschäftigt, die Sie herausfordert. Vielleicht spricht eine biblische Geschichte genau von Ihnen und Ihrem Leben. Wir Christen erleben, dass Gott uns immer wieder in der Bibel begegnet.

Oder besuchen Sie doch wiedermal einen Gottesdienst mit der Erwartung, Gott dort zu begegnen. Ich vermute: Ein Lied wird Sie bewegen, ein Gebet berühren, ein Satz der Predigt Sie ansprechen. Denn in einem Gottesdienst möchte Gott Ihnen nahe kommen.

Noch eine gute Nachricht zum Schluss – vielleicht die schönste Nachricht überhaupt:

Wenn Sie aufgehört haben nach Gott zu suchen. Zu oft in Ihrem Leben von Gott und Kirche enttäuscht wurden. Oder warum auch immer keine Lust haben, sich auf die Suche nach Gott zu machen. Dann dürfen Sie wissen, dass Gott nie aufhören wird, nach Ihnen zu suchen! Gott hat so große Sehnsucht nach Ihnen, dass er den Himmel verlassen hat und in Jesus Christus Mensch wurde, um Ihnen nahe zu kommen. Gott ist auch auf der Suche nach Ihnen.

Mein Wunsch für Sie: Wetten Sie auf Gott und machen Sie sich auf die Suche, vielleicht zum ersten Mal, vielleicht wieder einmal.

Wer Gott sucht, kommt ihm schon nahe. Und beim Suchen sowie beim Finden braucht es keine Voraussetzungen. Man muss es wagen. Wer sucht, der findet - so wie Silja und Christian es erlebt haben.

Und wenn Sie zum Suchen nicht die Kraft haben, dann lassen Sie sich von Gott finden.

Ich wünsche mir für Sie persönlich, dass Sie sich dann auf eine Bank setzen können und Gott neben Ihnen Platz nimmt, den Arm um Sie legt, mit Ihnen gemeinsam in die Sonne blinzelt und Sie gemeinsam das Leben genießen – denn Gott möchte, dass Ihr Leben gelingt! Amen.

Perikope
03.04.2016
29,13

Predigt zu Jeremia 31,15-17 von Hans Joachim Schliep

Predigt zu Jeremia 31,15-17 von Hans Joachim Schliep
31,15-17

[15] So spricht Jhwh:
»Horch! Ein Wehklagen in Rama:
   Bitterliches Weinen!
Rachel weint um ihre Kinder,
   weigert sich, sich trösten zu lassen
   wegen  ihrer Kinder - ach, keines ist mehr.« 
[16] So spricht Jhwh:
»Versage deiner Stimme das Weinen,
   verwehre deinen Augen die Tränen,
denn es wird dir Lohn für deine Arbeit,
   Spruch Jhwhs:
deine Kinder kehren zurück aus Feindesland.
[17] Da ist Hoffnung für deine Zukunft, 
   Spruch Jhwhs:
die Kinder kehren zurück in ihre Heimat.«

[Eigene Übertragung; siehe Anm. unten.]

Liebe Gemeinde!

»Immer / dort wo Kinder sterben / werden Stein und Stern / und so viele Träume / heimatlos«. Mit diesen Worten erinnert Nelly Sachs in ihrem Gedicht ›Fahrt ins Staublose‹ an die Kinder, die der organisierten Inhumanität Nazi-Deutschlands zum Opfer gefallen sind. Sie gelten - Gott sei’s geklagt - heute noch, wenn Kinder vernachlässigt, verprügelt, vergewaltigt werden, verheizt als Kindersoldaten, verbraucht als billige Arbeitskräfte in Steinbrüchen, Bergwerken, Fabriken. Und wieviele Kinder ertrinken im Mittelmeer, ›mare nostrum‹, Europas derzeit größtem Massengrab?!

In welcher Todesgefahr Jesus, das Kind von Maria und Josef, von Anfang an war, davon haben wir heute gehört in der biblischen Geschichte vom ›Kindermord zu Bethlehem‹ (Mt 2,13-18). In der wird an Rachels Weinen und Wehklagen in Rama erinnert. Mag die Geschichte historisch zweifelhaft sein, unzweifelhaft spricht aus ihr die schockierende Wahrheit: Durch Menschenschuld sterben Kinder, bevor sie wirklich leben können. Wo Kinder fehlen, fehlt das Erleben von Anfänglichkeit. Ohne Anfänglichkeit aber gibt es keine Freiheit. Denn frei ist, wer etwas anfangen kann. Mit der Preisgabe von Kindern verachtet die Menschheit ihre Gegenwart, bevor sie sich ihre Zukunft verbaut.

Davor bewahre uns der Himmel!

Dem Himmel sei Dank, es gibt den ›Tag der unschuldigen Kinder‹!

   Seit dem 6. Jahrhundert begeht ihn die Christenheit - wenige Tage nach dem Fest der erbärmlichen Geburt Jesu im ärmlichen Stall. Von Region zu Region und je nach christlicher Tradition unterschiedlich. Im Bayerischen soll es den ›Fetzertag‹ geben, an dem Kinder Späße machen wie zum 1. April. Die am 28. Dezember übliche Wahl eines ›Kinderbischofs‹ wurde im Mittelalter auf den ›Nikolaustag‹ vorverlegt. Im Grunde geht es, vom Kind in der Krippe angestoßen, um Kinder als die verletzlichsten, schutzbedürftigsten Menschenwesen: »Stein und Stern und Träume» sollen wieder eine Heimat haben. Statt dorthin verbannt, sollen sie herausgeholt werden aus dem Exil, aus dem Feindesland, aus der unerreichbaren Ferne. Im lauten Wehklagen und bitteren Weinen wird diese Ferne erreicht, näher herangeholt: »Horch! Ein Wehklagen in Rama: Bitterliches Weinen! Rachel weint um ihre Kinder, weigert sich, sich trösten zu lassen wegen  ihrer Kinder - ach, keines ist mehr.«

▷ Orgel: Melodie EG 50

   Wer ist diese Rachel, diese „Stimme“ in Rama? Nach 1. Mose 29 bis 35 eine der biblischen Erzmütter: Eine hübsche Hirtin, ihr Name: „Mutterschaf“. Jakobs erste Liebe und zweite Frau. Trotz ihrer Eifersucht hilft sie ihrer älteren Schwester, damit Jakob erst morgens merkt, statt mit ihr hat er mit Lea die Hochzeitsnacht verbracht. Doch den jahrelangen Gebärwettstreit mit Lea verliert sie. Rachel: schön, begehrenswert, aber lange Zeit kinderlos. Eine Gotteskämpferin wie Jakob: ständig geht sie Gott um Kindersegen an, doch sie muss sich zunächst mit dem einen Sohn Josef begnügen. Wenn es um den Segen geht, eine Trickserin wie ihr Mann: Beim heimlichen Wegzug stiehlt sie Vater Laban dessen Hausgötter und verhindert mit Hinweis auf ihr Frausein jedes Nachforschen. Doch unüberlegt verflucht Jakob die Person, die Laban bestohlen hat. Deshalb machen Teile der jüdischen Tradition ihn für Rachels Tod verantwortlich: Sie stirbt unter der Geburt ihres zweiten Sohnes Benjamin - in der Wüste, bei Rama, nahe Bethlehem.

   Die Erzmutter Rachel wünschte sich nichts sehnlicher als Kinder. Sie starb, als sie ihre letzte „Lebenskraft“ ihrem Kind schenkte. So wurde sie zur Erinnerungsfigur für das ganze Volk Israel, mehr als Sara, Rebekka und andere Frauen eine „Heldin zum Anfassen“ (Christine Ritter). Der Name ›Rachel‹ hat in der jüdischen Tradition Spuren hinterlassen: als Fürsprecherin für alle Nachkommen in Nöten und Gefahren, als prophetische Stimme, als Stimme des zur Toratreue mahnenden und ermutigenden Geistes Gottes selbst. Noch heute ist Rachels Grab bei Rama die meistbesuchte Pilgerstätte im Heiligen Land, vor allem für Frauen, die um Kinder bitten. Zudem gehört Rachels Klage zu den Texten zu ›Rosh ha-Schanah‹, dem jüdischen Neujahrsfest: ein neues Jahr, ein neues Beginnen, Anfänglichkeit pur. So wird ihre Stimme immer noch gehört. Im Blick auf das Exil, in das Israel immer wieder gerät, und die Shoa wird Rachels Klagelied zum poetisch-politischen Totengesang. Auch in der modernen säkularen Lyrik Israels, z. B. bei Rachel Bluwstein und Dahlia Ravikovitch, spielt Rachel eine wichtige Rolle als spezifisch weibliche Identifikationsfigur, subversiv und tragisch. Stefan Zweig rückt Rachel sogar in die Nähe von Hiob: „Rachel rechtet mit Gott“. Thomas Mann schildert in „Joseph und seine Brüder“, wie Rachel ebenso listig wie geduldig auf ihren geliebten Jakob wartet, aber einen schmerzvollen Tod am Wegesrand erleiden muss, weil Jakobs Leidenschaft für Gott größer war als die für seine Frau.

   Dabei gilt Rama als der Ort, an dem sich die gesamte judäische Oberschicht mit vielen anderen aus dem Volk Israel zum erzwungenen Wegzug ins Exil sammeln musste, als Jerusalem erobert und im Jahr 587 v. Chr. von den Babyloniern der Tempel zerstört wurde. Israels Kinder sind Rachels Verwandte, Freunde, Nachbarn, ihr eigenes Volk im Exil - um sie weint Rachel bitterlich, ihnen gilt ihr Wehklagen zu Gott. So finden in Rachels Trauer Menschen jüdischen Glaubens ihre eigene wieder. Gleichermaßen erhoffen sie sich Rettung durch Rachels mutiges Eintreten, hinter dem sie Gottes Geist selbst wahrnehmen.

▷ Orgel: Melodie EG 50

   Rachel: voller Liebe, List und Leidenschaft für das Leben. Warum weigert sie sich, sich trösten zu lassen? Weil der schnelle Trost ganz und gar unangebracht ist. Denn der gewaltsame Verlust von Menschen, erst recht der von Kindern muss bleibend beunruhigen. Gerade im Weinen über ihren Verlust bleibt die Erinnerung bewahrt an das, was Kinder bedeuten: neues Beginnen, offene Möglichkeiten. Rachels Weigerung hat darum noch eine andere Seite als die unstillbarer Trauer. Sie ist Widerstand. „Mir reicht’s!“ Zuallererst muss ja auch das Ende von Gemeinheit und Gewalt, von Verachtung und Vernichtung verlangt werden. Mit ihren Tränen pro-testiert Rachel für das Leben. Mit ihrer widerständigen, ja widerborstigen Weigerung bietet sie dem Tod die Stirn statt des Nackens. So kehrt sie um zu Gott, zum Leben selbst, zu der Segenskraft, die noch in unseren Verdrehtheiten und Versehrtheiten, Beschädigungen und Begrenzungen waltet. Vor keinem anderen als Gott schüttet sie ja auch ihr Herz aus. Indem sie zu Ende sprechen will, was nicht das letzte Wort behalten soll, vernimmt sie eine große Verheißung: So spricht Jhwh: »Versage deiner Stimme das Weinen, verwehre deinen Augen die Tränen, denn es wird dir Lohn für deine Arbeit, Spruch Jhwhs: deine Kinder kehren zurück aus Feindesland.«

 War jetzt schon mit dieser Verheißung zu rechnen? Unverkennbar ist ja der Bruch zwischen Vers 15, der von Rachels Untröstlichkeit handelt, und Vers 16, der die Rückkehr der Betrauerten ankündigt und vorher die Trauernde unvermittelt, ja geradezu barsch dazu auffordert, das Klagelied und den Tränenfluss zu beenden. Der Bruch ist unvermeidbar. Denn aus menschlicher Sicht ist die Verheißung etwas derart anderes, dass sie sich vom Klagelied deutlich und eindeutig unterscheiden muss. So stehen ja auch unsere Gefühle bisweilen gegeneinander, gibt es in unserem Leben unauflösbare Widersprüche. Es ist wie mit dem Schmerz: Ich beklage ihn und verlange sein sofortiges Ende - doch gerade so gehört er zu mir, zu meinem verletzlichen Selbst, ohne ihn, den ich unbedingt und unverzüglich loswerden möchte, wäre ich nicht, der ich bin. In ähnlich widersprüchlicher Weise ist Rachels Trauergesang mit Gottes Lebensverheißung verbunden. So wirkt Gott in der weinenden Rachel - und sie kann auf Gottes andere Stimme achten. Dafür gibt uns der kurze Text Jeremia 31,15-17 drei Anhaltspunkte:                                               

   Zunächst handelt es sich um den Teil eines Gedichts, um Poesie also. In der Erzählung kommt es, damit sie verständlich bleibt, auf einen einigermaßen geradlinigen Handlungsverlauf an. Im Gedicht darf sich alles reiben, hart aufeinander treffen, sich widersprechen. Sodann wird das gesamte Gedicht durch ein zweimaliges So spricht Jhwh und ein zweimaliges Spruch Jhwhs, den Ausdrücken für das allgemeine Gotteswort und für die prophetische Gottesrede, zusammengehalten. Auch Rachels Klagelied, ihr Weinen, ja selbst ihre Weigerung, Ruhe zu geben, sind hier mehr als der Ausdruck menschlicher Befindlichkeit, sondern eingebettet in Gottes Wort! Rachels Geschrei - Gott ist es recht! Gott ist ihr gerade darin unendlich nahe! Das gehört zum Unsagbaren zwischen Gott und Mensch, zum Geheimnis des Glaubens.

   Schließlich wird hier eine Verheißung ohne Vorbedingung ausgesprochen: als sei das kommende Befreiende schon in dem noch zu Beklagenden enthalten, als müsse das neue Leben nur aus dem Tod erweckt werden. Sonst im Prophetenbuch Jeremia folgt die Rückkehr der Verbannten der Umkehr des Volkes. Hier ist es anders. Hier geht allein die Verheißung voraus, sie trägt die Klage, die Trauer, das Weinen - die Umkehr beginnt. Indem sie Rückkehr in die Heimat verspricht, ermöglicht sie Umkehr zu dem, dem wir Hoffnung auf Zukunft verdanken. Ja, auch in Rachels Klage ist Gott gegenwärtig. Deshalb bedeutet der Bruch keine Zurechtweisung. Umso kraftvoller jedoch fordert der Stimmenwechsel zwischen Vers 15 und Vers 16 zu einem neuen Wahrnehmen auf: Weil Rachel im Recht und Gott schon ganz bei ihr ist, gibt es noch ein anderes Wort für sie. Hat sie darauf schon gewartet? Jedenfalls soll sie es jetzt hören: »Da ist Hoffnung für deine Zukunft, Spruch Jhwhs: die Kinder kehren zurück in ihre Heimat.« Gottes schlechthin unvergleichliches Wort. Das Wort, das wir uns nicht selbst sagen können. Das Versprechen der Rückkehr aus dem Exil, eines vorbehaltlosen, restlosen Neubeginns. Ein solches Wort erheischt, damit der Anfang nicht verpasst wird, eine unbedingte, ungeteilte Aufmerksamkeit. Und verhindert, sich an den eigenen Tränen zu verschlucken, in der Trauer keinen Weg mehr finden zu können.

   Trauern ist mehr, als im Abschied zu verharren und den Verlust zu beklagen. Es bedeutet zugleich, im Gedenken an die Toten und so in ihrer Gegenwart zu leben. Wo Gott, in dem auch die Toten aufgehoben sind, in uns lebendig ist, sind sie wie in einer zweiten Gegenwart bei uns, in der „Gemeinschaft der Lebenden und der Toten“. Dann blicken wir gemeinsam in jene Zukunft, in der Gott alle Tränen abwischen und der Tod nicht mehr sein wird (OffJoh 21,4). In diesem Sinn war Rachels bitterliches Weinen, war schon ihre Arbeit beim Aufwachsen und bei der Geburt der Kinder alles andere als umsonst. Es ist immer richtig, sich vor Gott für neues Leben einzusetzen - und für gefährdete, bedrohte Menschen, auf der Seite der Opfer zu stehen, statt die Verbrechen der Täter stillschweigend hinzunehmen. Zwar erfüllt Gott nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen (Dietrich Bonhoeffer). So wollen auch wir zu Ende sprechen, was nicht das letzte Wort haben darf. Zugleich rechnen wir damit, dass Gott uns ins Wort fällt. Im Licht der Verheißung, dürfen wir alles anders, im Ende den Anfang sehen.

▷ Orgel: Melodie EG 50

  Heute erweist Rachel uns wieder einen wichtigen Dienst. An ihr erkennen wir, wie zu unserem Menschsein das „untröstlich Ungetröstete“ (Andrea Peschke) gehört. Wir sind nämlich ›pathische Existenzen‹. Zwar wollen ›Transhumanisten‹ unsere biologische Ausstattung so verbessern, dass wir bis zu 1.500 (!) Jahre alt werden können. Solcher und anderer Glücksversprechen unserer Zeit zum Trotz: Wir bleiben verwundbar und sterblich, verletzlich und hinfällig. Doch in dieser Welt voller Sieger - wer achtet da schon unserer Verwundbarkeit? Wir selbst scheuen uns davor - und tragen unsere Wunden lieber innen. Dagegen legt ein Wehklagen - wie das der Rachel - die verborgenen Wunden offen und vertraut sie Gottes Erbarmen an.

   Für das ›Pathische‹ unserer Existenz steht unverwechselbar Jesus Christus, vom Beginn bis zum Ende seines Lebens. Am Anfang der Stall - am Ende der Galgen. Jesus stellte sich immer wieder an die Seite weinender, bedrängter Frauen. Kraft seiner eigenen Wunden und Schmerzen, kraft seines Rufes: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?!, mit dem er am Kreuz auf Golgatha den großen jüdischen Klagepsalm 22 betete, ist Gott uns auch im Leiden und Sterben nah. Seither geht der Sinn unseres Lebens über die bloße Intaktheit unserer Sinne hinaus. Kontrollverlust ist kein Würdeverlust. Wir dürfen einander „zur Last“ fallen. Wir brauchen uns weder zu optimieren noch zu perfektionieren. Auch die Kinder, die Jesus segnete, waren einfach nur Kinder, die die Welt entdecken, die das Anfangenkönnen erproben und in der Welt Platz und Heimat finden wollten.

   Mut machte in den Adventstagen diese Meldung: Den Friedensnobelpreis 2014 erhielt die erst 17-jährige Kinderrechtlerin Malala Yousafzai aus Pakistan, auf die ein Taliban-Trupp einen Mordanschlag verübt hatte. In ihrer bewegenden Dankesrede sagte Malala: „Soweit ich weiß, bin ich einfach nur eine engagierte und sture Person, die eine gute Ausbildung für alle Kinder, gleiche Rechte für Frauen und Frieden in jeder Ecke der Welt sehen will.“ Und scherzhaft fügte sie hinzu, sie streite noch mit ihren jüngeren Brüdern: „Ich will, dass überall Frieden ist, aber meine Brüder und ich arbeiten noch daran.“ Malalas 60-jähriger indischer Mitpreisträger Kailah Satyarthi hat es, ähnlich wie Nelly Sachs, in seiner Dankesrede auf den Punkt gebracht: „Es gibt keine größere Gewalt, als unseren Kindern ihre Träume zu verwehren.“ Und denken wir an die junge Frau Tuğçe Albayrak, die zu Tode geprügelt wurde, als sie zwei andere junge Frauen vor Übergriffen in Schutz nahm.

Diese Gewalt hat ihr Recht verloren. Aber sie hat noch Macht. Deshalb steht uns eine Zeit des Weinens bevor. Lassen Sie es mich persönlich sagen: Das jetzt vergehende Jahr 2014 empfinde ich als Schlüsseljahr für die nächsten 100 Jahre. Vor zwei Wochen sind wir bei der Klimaschutzkonferenz in Lima wieder nur bei einem Minimalkonsens gelandet. Die Energiewende wird nur mit halber Kraft in Angriff genommen. Die Endlagersuche brauchte mehr Unterstützung. Wie sollen wir denn unserer wichtigsten Aufgabe gerecht werden, unserer Langfristverantwortung, unseren Nachkommen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen?! »Da ist Hoffnung für deine Zukunft, Spruch Jhwhs: die Kinder kehren zurück in ihre Heimat.« Warum tun wir soviel gegen Gottes Verheißung?! So wenig wir sie erfüllen können, so sehr sollen wir uns an ihr orientieren, statt ihr im Weg zu stehen! Noch etwas macht mir große Sorge: Der Ukraine-Konflikt, vor allem aber der IS-Terror im Nahen Osten lässt mich vermuten, dass wir eine jahrzehntelange Friedlosigkeit und Unsicherheit vor uns haben. Schon mit unseren bisherigen Mitteln ließen sich die Nester des Hasses nicht befrieden, die Brandsätze der Brutalität nicht löschen. Hat die Politik des Westens das alles mitverursacht? Wer von einer „Islamisierung des Abendlands“ schwafelt, baut einen Popanz auf. Dafür gibt es weder einen Grund noch ist dieser Irrweg von Vorurteil und Furcht ein Weg für Christen. Der christliche Weg ist, Menschen, vor allem Kindern neue Heimat zu geben, wenn ihre alte Heimat ihnen zur Fremde gemacht wurde. Das wird, keine Frage, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen bei uns zur Folge haben. Unsere Lebensformen werden zerbrechlicher als je zuvor. Umso mehr brauchen wir die Kräfte, die uns von Jesus Christus, dem gekreuzigten Gott, her zuwachsen.

Eine Lösung ist noch zu entwickeln. Wir brauchen keine weitere ›Hominisierung der Welt‹, die Inbesitznahme von allem und jedem, sondern eine tiefere ›Humanisierung des Menschen‹. Sie beginnt damit, dass wir Kindern in die Augen blicken, ihrem Gespür fürs Anfangen folgen - und in den Augen der Kinder heute die Kinder morgen erkennen. Wer wollte dann garantieren, dass es keine Hoffnung, keine Zukunft gibt?! Im Licht der Verheißung Gottes, das aufging über Rachel, als sie weint um ihre Kinder, wird unser Mut stets eine Spur stärker sein als unsere Furcht. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. (Psalm 126,5) Weil wir über diese Welt hinaus hoffen, hoffen wir in sie hinein. Amen.

▷ Orgel und Gemeinde: „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit…“ - EG 50,1-5

. . . . . . . . . . . .

Anmerkungen:

1. Statt Jhwh bitte Adonaj lesen. Wer eine andere Übertragung als die obige des Predigt-Vf. verwenden will, dem sei die der ›Zürcher Bibel 2007‹ empfohlen, die ebenfalls versucht, die Gedichtform von Jer 31,15-22, dem 6. Gedicht im ›Trostbuch für Ephraim‹, erkennbar zu lassen.

2. Neben den einschlägigen Kommentaren sei verwiesen auf folg. Literatur: Anat Feinberg: Biblische Motive in der hebräischen Dichtung, Freiburger Rundbrief - Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung NF 2/2006, S. 104-110 [‹www.freiburger-rundbrief.de]; Siegfried Herrmann: Die prophetischen Heilserwartungen im Alten Testament, BWANT 85, Stuttgart 1965; Siegfried Herrmann: Jeremia. Der Prophet und das Buch, Darmstadt 1990; Sven Chr. Puissant: Rachel und das Gottesvolk. Ein Vergleich von Jer 31 mit den Genesistraditionen, Heidelberg 2006 [‹http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/6476/›]; Christine Ritter: Rachels Klage im antiken Judentum und frühen Christentum, Leiden u. a. 2003. Mit Chr. Ritter gehe ich davon aus, dass es in Jer 30+31 um die Exilierten aus dem Nordreich im 7. und die aus dem Südreich im 5. Jh. v. Chr. geht. Der Text dürfte aus nach-exilischer Zeit stammen. Der Ort Rama wird in 1. Mose 35,19 zwischen Jerusalem und Bethlehem (Efrata) lokalisiert, in Jer 31,15 dürfte eher angespielt werden auf 1. Sam 10,2, wonach Rachels Grab nördlich von Jerusalem an einer Wegmarke an der Grenze des Stammes Benjamin liegen soll.

3. Aus der Literatur des 20. Jh.s sei hingewiesen auf: Stefan Zweig: Rachel rechtet mit Gott, 3. Aufl., Frankfurt/M. 1990; Thomas Mann: Joseph und seine Brüder, 15. Aufl., Frankfurt/M. 1991

4. Für den Gottesdienst muss die Predigt gekürzt werden.

5. Für die Liturgie empfohlen wird das wenig bekannte Jochen-Klepper-Lied „Du Kind, zu dieser heil’gen Zeit…“ (EG 50,1-5), dessen Melodie einige Male zwischen den Predigtabschnitten von der Orgel gespielt und nach der Predigt von der Gemeinde gesungen werden könnte. Eine Liedpredigt zu EG 50 bei Hans Joachim Schliep: Mehr als meine Augen sehen - Kronsberger Predigten 3, Saarbrücken 2013, S. 86-91.

 

Perikope
28.12.2014
31,15-17

Predigt zu Jeremia 8, 4-7 von Christoph Hildebrandt-Ayasse

Predigt zu Jeremia 8, 4-7 von Christoph Hildebrandt-Ayasse
8,4-7

Schriftlesung: Lukas 15, 11-24 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Lied: EG 655 – Freunde, dass der Mandelzweig

4 (Jeremia,) sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?

5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.

6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.

7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

 

Liebe Gemeinde,

ordnen wir die Worte der Bibel, die wir gehört haben, zunächst einmal in ihren geschichtlichen Zusammenhang ein.  Jeremia, der Prophet, tritt etwa um das Jahr 626 v. Chr. auf. Es ist eine schwierige und unsichere Zeit. Die politische Großwetterlage zwingt die Regierung zu diplomatischen Winkelzügen. Sie schwankt zwischen Anbiederung an und Krieg gegen mächtige Staaten in der Nachbarschaft; immer auf der Suche nach einem eigenen, selbstbewussten Stand in unsicherer Zeit.

In dieser schwierigen Zeit wird Jeremia zum Propheten Gottes berufen. Er soll Gottes Sprachrohr sein. Den Menschen seines Landes und seiner Zeit soll er Gottes Wort sagen. Nicht seine eigenen Einschätzungen und politischen Analysen soll er seinen Zeitgenossen mitteilen. Nein, Gottes Wort soll er seinen Zeitgenossen sagen. Gott sagt ihm, was er ihnen auf den Kopf zu sagen soll. „Jeremia! Sprich zu ihnen: So spricht der Heilige…“

Und die Worte Gottes, die Jeremia übermitteln muss, sind leider keine erbaulichen oder beruhigenden oder tröstenden. Sie sind hart und reden von Untergang und Vertreibung. Jeremia wird für diese Worte Gottes gehasst, verstoßen, ins Gefängnis geworfen. Er wird zum Ziel von Mordanschlägen. Aber er muss Gottes Wort weitergeben.

Und Jeremia zerbricht schier an seinem Auftrag. Er distanziert sich nicht von dem, was um ihn herum geschieht. Er fühlt sich nicht überlegen als Verkündiger der göttlichen Wahrheit. Er weiß, er erlebt, er spürt: die harten Worte Gottes treffen auch mich; mich, der ich in diesem Land und unter diesen meinen Landsleuten lebe und diese schwierigen Zeiten miterlebe. Am Ende wird man auch ihn, mit einer letzten fliehenden Gruppe seines untergehenden Landes, nach Ägypten verschleppen. Dort verlieren sich seine Spuren.

Schon einige Zeit vorher waren wohlhabende Bürger vom übermächtigen Babylonien nach Babylon verschleppt worden. Jeremia schreibt ihnen einen Brief. Darin finden sich die bekannten Gottesworte: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.“

Gottes Wort soll, muss und kann an jedem Ort und zu jeder Zeit, in jeder Situation gehört und befolgt werden. Für andere Beten, das soll, muss und kann man an jedem Ort und zu jeder Zeit, in jeder Situation. Das dient zum Besten für das eigene Wohl; und auch zum Besten für das Gemeinwohl. Der Prophet wollte, ja er konnte sich an keinem Ort und zu keiner Zeit aus seiner Bürgerschaft und Zeitgenossenschaft heraushalten. Gottes strafendes Wort galt für seine Zeitgenossen; und auch ihm, dem Propheten des Wortes Gottes. Wie kein anderer Prophet litt Jeremia unter seinem Auftrag.

Aber warum muss es denn so kommen? Sehenden Auges rennen die Menschen immer wieder in ihr Verderben. Muss das so sein? Das fragt in unserem Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jeremia der Prophet; ja das fragt ein an seinen Menschen verzweifelter Gott selbst.

Von meinem Großvater wurde mir berichtet: Als ihm fanatisch erhitzte Nachbarn von dem Geschehen in der Reichsprogromnacht vor 75 Jahren berichteten, da soll er gesagt haben: „Die Juden sind Gottes Augapfel. Und wer ihn antastet, mit dem geht es nicht gut aus.“ Nein, er war kein aktiver Widerständler im 3. Reich. Zumindest hat er nie davon berichtet, was er getan hat und was nicht. Aber dass Gottes Wort gilt, zu jeder Zeit und an jedem Ort, davon war er als ostpreußischer Pietist überzeugt. Vielleicht fühlte er sich als ein Zeitgenosse, der würde mitleiden müssen, so wie Jeremia. Aufbegehren und protestieren, das kannte er als Kind des Kaiserreiches nicht.

Und meine Großmutter schlug, als der Russlandfeldzug begann, einfach ihren Atlas auf; blickte auf das riesige russische Reich und fragte sich ganz nüchtern: „Ja, wo wollen die denn hin? Was haben wir Deutschen denn da verloren?“ Einer ihrer Söhne kehrte von dort nicht mehr zurück.

Ganz einfacher Menschenverstand könnte schon vor der Katastrophe bewahren. Der Heilige - durch den Mund des Jeremia:  „Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“ Selbst die Vögel wissen, was natürlich richtig ist. Sie wissen, wann es Zeit ist, umzukehren. In kalten Landstrichen zu bleiben, würde sie umbringen. Man muss es ihnen nicht sagen. Wenn die Zeiten kalt und ungemütlich und gefährlich werden, dann verändern sie sich.

Umso mehr müssten wir Menschen etwas ändern, wenn die Zeiten kalt und ungemütlich und gefährlich werden. Aber da reagieren wir eher wie das Schlachtross, wie der Hengst, den Jeremia als Beispiel anführt. Dem Hengst, wie jedes Pferd eigentlich ein Fluchttier, kann der Mensch das: „Augen zu und durch“ antrainieren. „Der Mensch ist ein Reittier“, sagt Martin Luther. „Entweder er wird von Gott oder dem Teufel geritten.“ Es ist unsere Wahl, sagt Jeremia; sagt durch ihn der Ewige.

Es muss aber nicht so sein. Man kann den Reiter wechseln. Je früher, desto besser. „Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?“ Aber dazu muss man erst einmal erkennen, was einen da geritten hat. Wir haben in der Schriftlesung das Gleichnis vom Verlorenen Sohn gehört. Es ist eine wunderbare, ganz jüdische Auslegung unseres Heilandes Jesus Christus; eine Auslegung, eine Veranschaulichung der Worte des Predigttextes aus dem Buch des Propheten Jeremia: „So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?“

Also, alles ganz einfach?

Aber warum dann so furchtbare Verbrechen am Volk Gottes wie in der Reichsprogomnacht? Warum die grässlichen Morde, warum die abscheulichen Taten, die sofort danach folgten? Warum der Hass, warum die Lügen, die zum Totschlag führen? „Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan!“

Warum? Weil wir nicht innehalten. Nicht nachdenken. Nicht Gottes Wort zu Hilfe nehmen. Um Abstand zu gewinnen. Um uns zu verändern. Um neu hin zu hören. Um neu auf Gott zu hören. Um unsere vorschnellen Antworten einmal beiseite zu legen; oder unsere Gleichgültigkeit; oder unsere Überforderung: was soll man da ändern? Am Leid unserer Schwestern und Brüder in Syrien, in Ägypten; ja am Leid der Verfolgten, aus welchen Gründen auch immer.

Die Worte des Propheten Jeremia für den heutigen Volkstrauertag setzen uns ein Stopp-Zeichen. Zwar sind wir Zeitgenossen von Geschehnissen, die Opfer und Leid und Elend hervorbringen. Zwar sind wir mit da hinein verstrickt; zum Beispiel und ganz wörtlich: durch Strickwaren aus den Elendsfabriken der Armutsländer. Und vielleicht erfahren wir das Elend der Welt sogar persönlich am eigenen Leib oder am Grab eines Gefallenen oder am Schicksal eines Bekannten, einer Freundin irgendwo in der uns so klein gewordenen Welt.

Aber wir haben, so wie Jeremia, als Glaubende das Privileg inne zu halten. Und auf Gottes Wort zu hören; und niemanden durch den Geist und die Kraft Jesu Christi verloren zu geben. Und so ganz anders - und den Horizont erweiternd Zeitgenossen zu sein: mitleidend und mitdenkend und mitgestaltend in der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus.

Ich will, zum Schluss, noch einmal einen Blick auf den mitleidenden Propheten Jeremia lenken: als Prophet des Gerichtes Gottes durfte er doch auch ein Zeichen des Lebens und der Hoffnung schauen: einen blühenden Mandelzweig, ein Zeichen der Hoffnung.

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.“

1942 schreibt der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin diese Zeilen. Und wir wollen dieses Lied nachher miteinander singen. „Das Zeichen“ nennt er sein Gedicht. Er schreibt es, als sich die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häufen. Wenn Schalom Ben-Chorin, der 1935 aus Nazi-Deutschland floh, verzagt und hoffnungslos ist, tröstet ihn die leise Botschaft des Mandelbaums, das Zeichen, das Jeremia schauen durfte. Denn der Mandelbaum blüht, wenn ringsum noch alles kahl und ungemütlich und lebensfeindlich ist.

Amen

 

Perikope
17.11.2013
8,4-7

Predigt zu Jeremia 8, 5-7 von Christiane Borchers

Predigt zu Jeremia 8, 5-7 von Christiane Borchers
8,5-7

Liebe Gemeinde!
In meiner Kindheit gab es wohl kein Wohnzimmer, in dem nicht die Fotografien der gestorbenen oder vermissten Ehemänner und Söhne aus den vergangenen beiden Kriegen in Deutschland an den Wänden hingen. Alte Schwarzweißaufnahmen, fast wie aus einer anderen Welt, erinnern an glückliche Zeiten, die unwiederbringlich verloren sind. Diese Fotos sind heutzutage fast überall verschwunden. Aber ich habe sie noch gut in Erinnerung; sie hingen bei uns zu Hause, bei Verwandten und Nachbarn.
 
Volkstrauertag, inzwischen an manchen Orten lieber Friedenssonntag genannt, ist ein Gedenktag in Deutschland, der widersprüchliche Gefühle auslöst. Es werden Gedenkfeiern an Denkmälern gehalten, die an die Opfer der beiden Kriege erinnern, verbunden mit der Mahnung: Nie wieder Krieg! Junge Leute haben kaum einen Bezug zu diesem Gedenktag. Sie kennen die dunkle Geschichte unseres Volkes nur aus Erzählungen. Die Generation, die den letzten Krieg miterlebt hat, stirbt bald aus. Der Schatten, der seitdem über Deutschland liegt, ist aber damit noch nicht verschwunden. Die Verbrechen des Krieges und der damit verbundene Holocaust darf nicht dem Vergessen preisgegeben werden. Wer sich nicht erinnert, begeht dieselben Fehler. Es ist wichtig, die Erinnerung an Leid und Unrecht im Gedächtnis wachzuhalten, um der Opfer und um unserer selbst willen, damit wir menschlich werden und bleiben. Es geht nicht darum, die ältere Generation für schuldig zu erklären; es geht darum, aus der Geschichte zu lernen und den Frieden zu wahren. Trauer und Schuld zuzulassen, ist schwer. Aber ohne Aufarbeitung und Hinsehen, sich dessen bewusst zu werden, was geschehen ist und wie es zu solch schwerem Versagen und Verbrechen kam, geht es nicht. Wer sich nicht darüber im Klaren ist, was Unrecht ist, steht in Gefahr, in die Irre zu gehen und neues Unrecht zuzulassen. 

Umkehr ist das zentrale Thema des Propheten Jeremia, der das Volk Irsael ermahnt auf einem gottwohlgefälligen Weg zu bleiben. Juda und Jerusalem drohen der politische Untergang. Das mächtige Babylon mit seinen fremden Göttern und Machthabern erstarkt, Nordisrael ist bereits in die Hände der Feinde gefallen. In Juda und Jersusalem lebt nur noch ein Rest in Freiheit. Aber auch das Schicksal dieses Restes ist besiegelt, prophezeit Jeremia, wenn die Menschen nicht umkehren und ablassen von ihrem falschen Weg. Jeremia warnt vor der falschen Politik der Oberen; ihre Bündnispolitik ist verkehrt, sie wird sie in den Untergang führen. Jeremia klagt ebenfalls den falschen Gottesdienst an; sie dienen fremden Göttern und nicht dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott, der sie aus der Sklaverei befreit hat. "Siehst du nicht, was sie tun?" zürnt Gott Jeremia in der sogenannten Tempelrede (Kap 7). "Die Kinder lesen Holz, die Väter zünden das Feuer an und die Frauen kneten den Teig, dass sie der Himmelskönigin Kuchen backen und fremden Göttern spenden sie Trankopfer mir zum Verdruss (Jer 7,18).

Gott hat Jeremia gesandt, um das Volk zu warnen. Er wirbt um seine geliebten Menschenkinder, sie sollen ablassen von ihrem Irrweg. Sie laufen falschen Göttern nach, verbreiten Lügen, tun Böses und Unrecht. Das Schlimmste ist, dass ihnen ihre Bosheit noch nicht einmal Leid tut. Sie haben keine Einsicht und kein  Unrechtsbewusstsein. Was soll Gott mit diesem halsstarrigen Volk anfangen? Wie es zur Einsicht bringen und zur Umkehr  bewegen? In Bildern verdeutlich Jeremia ihnen ihre Situation.

Seine Worte haben höchste Autorität. "Sprich zu ihnen", redet Gott zu Jeremia "So spricht Gott: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gerne wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?" Die Bilder sind einfach und bestechend. Natürlich steht ein Mensch, der hingefallen ist, sofort wieder auf; es sei denn, er hat sich schwer verletzt, dass er sich nicht ohne fremde Hilfe wieder aufrichten kann. Der gesunde Menschenverstand und die Erfahrung lehren: Wenn jemand hinfällt, wird er automatisch versuchen, wiederaufzustehen. Das ist ganz natürlich. Ebenso natürlich ist es auch, dass ein Mensch, der die Orientierung verloren hat, sie wieder sucht. Das ist verständlich. Jeder Mensch hat den Wunsch, zurechtzukommen.  "Warum will denn mein Volk zu Jerusalem das nicht?", fragt Gott durch den Mund des Propheten, "Warum will es in die Irre gehen?" Das Volk zu Jerusalem, damit sind neben dem Volk in erster Linie die Oberen gemeint, die den Kurs der Stadt bestimmen. "Sie halten fest an Unwahrheiten", heißt es im hebräischen Text. Luther übersetzt: "Sie halten fest an falschem Gottesdienst." So verkehrt ist die Übersetzung Luthers nicht. Falscher Gottdienst und Unwahrheit bedingen sich hier an dieser Stelle. Lüge, Bosheit und falscher Gottesdienst gehen einher.

"Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemanden, dem seine Bosheit Leid täte und spräche: Was habe ich getan!", resümiert Jeremia. Vom falschen Gottesdienst würden wir heutzutage nicht reden, im Rahmen von Ökumene und großen Weltreligionen ist Deutschland von Toleranz geprägt. Aber wenn Jeremia Lügen und Uneinsichtigkeit und umrechtes Tun kritisiert, so ist das brandaktuell. Fassungslos wie Jeremia vor den Handlungsweisen seines Volkes, stehen wir vor dem Desaster, was uns geldgierige und rücksichtlose Bankmanager eingebrockt haben. Fassungslos und ohnmächtig blicken wir auf Entscheidungsträger, wie Geld für Panzer und Rüstungsindustrie ausgegeben wird, anstatt für den Aufbau von lebensfördernden Maßnahmen. Fassungslos sehen wir zu, wie Tonnen über Tonnen von guten Lebensmitteln vernichtet werden, damit der Preis gehalten wird, während ein großer Teil der Weltbevölkerung hungert. Fassungslos stehen wir vor Umweltzerstörung, vor  Ausbeutung der Tiere und der Natur. Umkehr von diesem falschen unrechten Weg ist die einzige Möglichkeit, wenn die Welt in Frieden leben will. Gerechtigkeit für die gesamte Schöpfung, zu der der Mensch, die Tiere und die Natur gehören, ist unabdingbar. Umkehr und Ablassen von bösen Taten führt ins Leben.

Angesichts des Volkstrauertages müssen wir uns heute selbstkritisch fragen, warum sich wieder rechtsradikale Gruppen bilden, kaum dass nur wenig mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg vergangen ist. Schon länger machen rechtsradikale Parolen die Runde, Hass und Terror gegen Ausländer werden geschürt. Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt? Schon lange können wir rechtsradikale Aktivitäten nicht mehr leichtfertig mit dem Argument abtun, es gäbe sie nur vereinzelt. Mit wenigen fing es auch im sogeannten Dritten Reich an. Wir müssen die rechtsradikale Szene ernstnehmen, begreifen, welche Bedrohung von ihr ausgeht und  Gegenmaßnahmen einleiten.

Es geschieht viel Unrecht, bei uns und weltweit gegenüber Menschen, Tieren und der Natur. Eins ist nicht schlimmer als das andere. Ein Unrecht kann nicht mit einem noch schlimmeren  Unrecht bagatellisiert werden. Unrecht bleibt Unrecht, Böses muss Böses genannt werden. Wo stehen wir heute zum gegenwärtigen Standpunkt? Was ist mit Menschlichkeit und Barmherzigkeit? Sind wir auf einem guten Weg oder gehen wir in die Irre? Nun ist es ja nicht so, dass es nur Böses gibt. Es gibt viele, die bemühen sich um ein gottwohlgefälliges Leben. Sie treten für Gerechtikgeit und Frieden ein, üben Nächstenliebe, stehen mit ihrer ganzen Lebensführung für ein respektvolles Miteinander ein.
Umkehr ist vonnöten, wo wir auf einem falschen Weg sind, der in die Finsternis, ins Verderben führt: persönlich, politisch und gesellschaftlich. Der erste Schritt ist die Einsicht: "Was habe ich  getan?" bzw.: "Was haben wir getan?" Umkehr fängt bei mir selber an. Umkehr hat mit Reue zu tun. Wer seine bösen Taten bereut, kann umkehren und einen neuen Anfang machen.

Der Gott Israels, der auch unser Gott ist, ist ein Gott des Lebens . Er hat keinen Gefallen an unserem  Untergang. Er wirbt um die Kinder Israels und um uns. Wir sollen uns nicht selbst von der Lebensquelle abschneiden und ins eigene Verderben rennen wie Schlachtrösser, die gegen ihre Natur, wild ins Gemetzel laufen. "Warum will denn dieses Volk in die Irre gehen?", klagt Jeremia. "Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt." Mit Pferden hat Israel schlechte Erfahrungen gemacht. Pferde spielen im alten Orient nur als Kriegspferde eine Rolle. Die Feinde, die Ägypter und die Assyrer, sind mit Pferden ausgestattet, während David noch auf Esel und Maultier ritt.

Der Prophet Jeremia verwendet das Bild von den durchgegangenen Hengsten, die ungestüm im wilden Lauf ins Kreigsgetümmel laufen. Von Natur aus flieht ein Pferd bei Gefahr, es ist ein Fluchttier. Schlachtrössern wurde der Instinkt abtrainiert, sie sollen der Gefahr entgegenlaufen. So wie diese aufgescheuchten und in Panik geratenen Pferde rennen die Menschen, die sich von Gott und seinen lebensspendenden Geboten abgewandt haben, in ihr Unglück. "Bleibt stehen", fordert Jeremia den wildgewordenen Haufen sinngemäß auf. "Kommt zur Besinnung und seht, wohin euer Lauf euch führt!"

Gibt es Rettung für diese wildgewordenen aufgescheuchten Rossnaturen? Wer oder was reitet dich? Diese Frage hat Martin Luther sein Leben lang umgetrieben. Ist es der lebendige Gott, der Leben stiftet, von dem du dich bestimmen lässt? Wenn nicht, wer oder was reitet dich dann? Im Bild gesprochen: der Teufel; oder bist du es selbst, der dich zu Tode reitet?  Dieser Höllenritt, dieser notorische Irrweg ist es, an dem Jeremia so furchtbar leidet. Es ist für ihn eine Qual, wenn Menschen sich von Gott abwenden und in die Irre laufen. Kehrt um! Kommt zur Einsicht und missachtet nicht so schändlich das Leben. Das ist  die Botschaft Gottes an uns, übermittelt durch den Mund des Propheten. Sogar Storch und Turteltaube, Kranich und Schwalbe wissen es besser. Sie kennen ihren naturgegebenen Rhythmus und halten ihn ein. Die Zugvögel kennen ihre Zeiten. Sie wissen, wann sie aufbrechen und wann sie wiederkehren müssen. Jeremia verwendet weisheitliche Erkenntnis und bezieht sich auf ein Naturgesetz. Storch, Turteltaube, Kranich und Schwalbe wissen ihre Zeiten, halten sie ein, aber Gottes Volk will Gottes Recht nicht wissen. Die Zugvögel werden uns als Vorbilder hingestellt.

Was die Tiere selbstverständlich tun, warum ist das für den Menschen so schwer? Warum richten sie sich nicht nach lebensspendenden Gesetzen! Wie ist das nur möglich, dass Menschen - ausgestattet mit Vernunft und Verstand - sich weigern, für das Leben zu kämpfen?! Auch hier   Fassungslosigkeit und Unverständnis des Propheten. Die Zugvögel jedenfalls am Himmel kennen ihre Gezeiten. Das Geheimnis der Zugvögel, umzukehren, liegt sowohl in ihrer Natur. Storch hat im Hebräischen die Bedeutung von treu, gütig, gnädig. Der Storch verweist durch seinen Namen auf  den treuen, gnädigen Gott, der zur Umkehr ruft und Güte walten lässt.

Der enttäuschte Jeremia redet nicht nur von durchgegangenen Schlachtrössern, sondern auch vom Storch, dem Tier, das die prophetische Hoffnung auf Heil und Heilung für die gesamte Schöpfung versinnbildlicht. Am Ende aller Zeiten werden sich  Menschen, die sich wie wild gewordene Hengste in der Schlacht gebärden und sich von Gott abgewandt haben, verwandelt und neu geschaffen. Wie Störche werden sie sein, die ihre Gezeiten kennen und zu ihrem Schöpfer umkehren und heimkehren. An diesem Tag öffnet sich der Himmel und es wird Gericht gehalten. Der Retter wird kommen. Auf einem weißen Pferd wird er reiten und die große Umkehr einleiten. Das weiße Pferd ist eine Vision aus der Offenbarung über die Endzeit. Jeremia steht mit seinem Bild von den wilden Pferden neben der Kriegstradition in der apokalyptischen Offenbarung  der Endzeit. Der heutige Sonntag ist der Beginn der Buß- und Bettagswoche. Die Fragen im Kirchenjahr richten sich auf  Vergänglichkeit, Umkehr und Gericht. Der Volkstrauertag als Gedenktag der Einsicht und der Umkehr passt in diese Zeit. Einst müssen wir alle offenbar werden. Wir werden gefragt: Was hast du getan? Wir werden zur Rechenschaft gezogen. Gott hat uns das Leben zugedacht, Jesus Christus hat uns Weisung und Orientierung gegeben. Wir werden gemessen an dem, wie wir unseren Schwestern und Brüdern begegnet sind. Es hat immer wieder Menschen gegeben, die mahnen und warnen, jeglicher Zerstörung Einhalt zu gebieten und sich dem Leben zuwenden. Gottes gutes Gesetz ist uns ins Herz geschrieben. Jesus Christus hat uns gezeigt, was es heißt, menschlich zu leben. Lasst uns umkehren zum Leben. Amen. 

Perikope
17.11.2013
8,5-7

Kurzandacht zu Jeremia 8, 4-7 von Johannes Neukirch

Kurzandacht zu Jeremia 8, 4-7 von Johannes Neukirch
8,4-7

"Sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? 5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. 6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. 7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen."

Ist er sauer? Oder macht er sich nur Sorgen? Es ist ja manchmal schwierig, das auseinanderzuhalten. Eltern sagen gerne, "wir machen uns doch nur Sorgen um dich" wenn sie losschimpfen. Aber wie ist das bei Gott? Auf jeden Fall ist es für ihn ein völliges Rätsel, warum das Volk Israel – und das nehme ich nun mal stellvertretend für uns alle – warum wir also "das Recht des Herrn nicht wissen" wollen. Der Prophet Jeremia drückt das in Bildern aus, die wir heute noch genau so gut verstehen wie die Menschen vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren. Erstaunlich – bestimmte Verhaltensweisen scheinen sich nie zu ändern… "Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt".

Über den Propheten Jeremia lässt Gott ausrichten: Es ist gar nicht so schwer, den richtigen Weg zu gehen! Wenn der Storch, die Turteltaube, Kranich und Schwalbe innehalten können und wissen, wann es genug ist mit dem blinden Zorn – warum könnt ihr das dann nicht? Eigentlich – eigentlich! – ist es doch so: Wenn jemand fällt, steht er gerne wieder auf, und wenn jemand in die Irre geht, dann kehrt er doch gerne wieder um.

Ist das so? "Jeder ist fähig, einen anderen zu töten" behauptet der Biochemiker Hans Günter Gassen in seinem neuesten Buch. Es liege in unseren Genen und sei ein Teil unseres Verhaltens, das wir nicht loswerden können. Dass Menschen Böses tun, so Gassen, liege eben ganz einfach daran, wie sich die Menschen von der Steinzeit an entwickelt hätten. Das für den Überlebenskampf zuständige Stammhirn sei schuld. Eine Erziehung zum Guten verhindere nur das Schlimmste. Also doch: "Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt"?

Grundsätzlich sind sich Gassen und der Prophet einig: Menschen sind fähig, Böses zu tun und den falschen Weg zu gehen. In der Folge ist der Unterschied dann aber doch gewaltig: Gott lässt ausrichten, dass er im Blick auf uns doch noch Hoffnung hat! Wir können wieder aufstehen, wir können wieder zurechtkommen – wenn wir innehalten, wenn wir uns dessen bewusst werden, dass das Recht der Herrn – Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Güte – ein möglicher Weg für uns ist. Mit anderen Worten: Gott hat einen gnädigen Blick auf uns, er sieht ein großes Potenzial, wenn wir die Wahrheit reden, wenn uns die Bosheit leid wird und wenn wir reuig sagen: „Was hab ich doch getan!“

Niemand lässt sich gerne ermahnen. Aber Tausend Mal lieber lasse ich mich auf den erhobenen Zeigefinger Gottes ein als auf das ungnädige und unbarmherzige Menschenbild eines Biochemikers!

Perikope
17.11.2013
8,4-7

Umkehr ist Not wendig - Predigt zu Jeremia 8, 4-7 von Andreas Schwarz

Umkehr ist Not wendig - Predigt zu Jeremia 8, 4-7 von Andreas Schwarz
8,4-7

Umkehr ist Not wendig

4 Sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?
5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.
6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.
7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

Liebe Gemeinde,
Umkehr ist nötig.
Der Prophet tritt auf im Namen Gottes. Er sagt dem Volk, dass Umkehr notwendig ist, lebensnotwendig.
In der Umkehr allein liegt die Kraft, Not zu wenden.
Dass Not herrscht, daran besteht kein Zweifel. Das sehen und erleben alle.
Aber zur Umkehr muss gerufen werden, und zwar eindringlich. Das versteht sich scheinbar nicht von alleine. Warum eigentlich nicht? Die Lage ist doch für Alle offensichtlich.
Eindringlich, so berichten die Medien übereinstimmend, war das Votum des Vertreters der Philippinen auf dem Weltklimagipfel in Warschau vergangene Woche.
So kann es nicht weitergehen, war der Tenor seines Votums. Natürlich auf dem Hintergrund aktueller, dramatischer Erfahrungen in seinem Heimatland. Ein Tornado mit bisher nicht gekannter Geschwindigkeit hat Tod und Zerstörung angerichtet, dass Worte nicht ausreichen, das auch nur annähernd zu beschreiben.
Die Menschheit als Ganzes, die Summe aller Staaten dieser Erde sind zu einem veränderten Verhalten genötigt. Sonst werden Katastrophen dieser Art und Stärke zunehmen.
Über den Einfluss menschlichen Handelns auf solche Szenarien muss nicht ernsthaft diskutiert werden.
Das Problem ist, dass alle die Probleme sehen, aber viele eine Änderung nicht wollen.
Sie wäre aber nötig, notwendig, die Not vieler Menschen wendend. Eine Umkehr ist angesagt.
Eindringlich war das Votum des Vertreters der Philippinen, weil er nicht nur geredet hat, sondern seinen Worten Nachdruck verliehen hat. Er hat angekündigt, keine Nahrung mehr aufzunehmen, bis sich auf dem Weltklimagipfel wirklich etwas bewegt. Inzwischen haben sich ihm Mehrere angeschlossen.

Leider braucht es oft Katastrophen, damit Menschen anfangen, nachzudenken und eine Umkehr überhaupt in Erwägung zu ziehen.
Der amerikanische Journalist Weisman hat gerade ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel: ‚Der Countdown fürs Überleben läuft‘. Dabei beschäftigt er sich mit den Folgen der Überbevölkerung auf der Erde und was das für die Ressourcen bedeutet, vor allem, wenn es um Wasser und Nahrung geht. In einem Interview wurde ihm dazu auch die Frage gestellt:
Wir müssen also umdenken?
Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass die Wirtschaft permanent wachsen muss und dass konstantes Wachsen ein Zeichen von Gesundheit ist. Reichtum kann auch bedeuten, ein erfülltes Leben zu führen, Zeit zu haben, weniger zu arbeiten und nicht nur immer neue Sachen zu kaufen.

Umdenken als Impuls zur Umkehr, zu einem veränderten Verhalten.
‚Da ging er in sich‘ heißt es nach Luthers Übersetzung in Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der auch eine Katastrophe brauchte, um ins Nachdenken zu kommen. Solange das Geld ausreichte und der Magen gefüllt werden konnte, schien eine Umkehr gar nicht nötig.
Aber in der Gesellschaft von Schweinen sah das dann doch anders aus.
Solange alles gut geht, ist ein Umdenken nicht dran und eine Umkehr nicht nötig.
Aber wenn deutlich erkennbar ist, so kann es nicht weitergehen, dann muss doch etwas geschehen.
Wie kann jemand sehenden Auges einfach immer so weitermachen, wenn man doch sieht, wohin das führt?
Es kann doch nicht sein, ist die passende Aussage.
Kopfschütteln ist das angemessene Körperverhalten.
Weil es eine so augenscheinliche Diskrepanz gibt zwischen dem, was man erlebt, als Not erlebt, und den Konsequenzen, die man daraus zieht.
Die großen und weltweiten Probleme geben den Anschauungsunterricht für sehr grundlegendes, menschliches Verhalten. Im Kleinen lässt sich das nachbuchstabieren, wenn es ums Rauchen geht, um die Art und Weise der Ernährung, um den Mangel an Bewegung. Die Erfahrung, dass da etwas nicht stimmt, ist gar nicht zu leugnen, aber die praktischen und lebendigen Konsequenzen daraus ziehen, ist etwas ganz anderes.
Es kann doch nicht sein, ist die passende Aussage.
Kopfschütteln ist das angemessene Körperverhalten.

Die entscheidende, also die notwenige, die Not wendende Frage legt Gott dem Propheten in den Mund: Was habe ich doch getan?
Also gegen den natürlichen Reflex: wer ist schuld? Was haben andere verbockt – getreu dem uralten Sündeverschiebespiel, das mit Adam und Eva im Paradies begonnen hat. Die anderen und die Umstände sind schuld, ich nicht.
Diese Frage ‚wer ist schuld?‘ bewegt nichts, verändert nichts.
Ändern kann nur ich mich, wenn ich die Frage nicht auf das Volk Israel schiebe, zu dem Jeremia redet. Sondern sie an mich heranlasse: Was habe ich doch getan?
Mein Leben, mein Verhalten sind im Blick, wenn es um meine Gottesbeziehung und um die Beziehung zu meinen Mitmenschen geht.
Die Richtung ist falsch, sagt Jeremia im Auftrag Gottes. Also gar nicht so sehr dieses oder jenes einzelne falsche Verhalten, sondern die Grundausrichtung ist nicht richtig. Deswegen kommt es zu falschen Einzelentscheidungen.
Was leitet und bestimmt mich in meinem Leben, wonach richte ich mich aus, warum sage ich, was ich sage, warum sage ich es, wie ich es sage, warum tue ich, was ich tue? Diese Fragen für mich zuzulassen öffnet Antworten.
Die könnten lauten: Weil es mir persönlich nutzt. Weil ich davon überzeugt bin, Recht zu haben. Weil es mir Spaß macht. Weil die Andern sich irren und mich ärgern oder verletzen. Weil ich für Gottes Wort gerade keine Zeit habe, mir für das Gebet die Ruhe fehlt; weil ich mich um andere Dinge kümmern muss.
Falsche Richtung, sagt Gott, Lug und Trug, Bosheit.

Was habe ich doch getan?
Mich wie ein Hengst verhalten, der nur eine Richtung kennt: vorwärts, mit aller Macht, ohne Rücksicht auf Verluste. Dass da manch einer rechts oder links liegen bleibt, ist nicht nur unvermeidbar, sondern bewusst in Kauf genommen. Pferde in der Bibel sind fast ausnahmslos Kriegstiere. Das geht es nicht um Verständigung, um Einigung. Da geht es auch schon gar nicht um Umdenken oder gar Umkehr. Da geht’s nur mit vollem Tempo nach vorn, mit Scheuklappen. Da geht es ums Gewinnen, koste es, was es wolle.
Weil ich mich verrannt habe, geht viel kaputt, verloren. Das will ich nicht, das will niemand. Wenn ich merke, dass die Richtung nicht stimmt, möchte ich gern stehen bleiben, die Richtung ändern, umkehren.
Wie der verlorene  Sohn zurück zum Vater.
Die Botschaft, die Jeremia im Auftrag Gottes an das Volk richtet, ist sehr ernüchternd. Es gibt niemanden, dem sein Tun Leid täte und sie wissen auch alle nichts vom Recht des Herrn. Da ist keine Aussicht.
Bloß der Hinweis, dass selbst die Vögel ein Gespür dafür haben, wohin der Zug gehen muss, damit Leben möglich ist.

Ob uns die Vögel zum Evangelium werden können?
Dafür, eine Richtung im Leben zu haben, die gut ist. Die befreit und verbindet.
Befreit von den Scheuklappen des Schlachtrosses. Verbindet mit dem Wort des lebendigen Gottes. Das ermutigt, sich selbst kritisch zu sehen. Vielleicht habe ich doch nicht recht oder es ist gar nicht so wichtig zu wissen, wer Recht hat, sondern dass wir in einem gemeinsamen Zug sind. Wie die Vögel. Dahin, wo das Leben möglich ist.
Das Wort, das mir sagt, ich habe es nötig umzukehren, von mir selbst und meinen Behauptungen und Rechthaberein, die doch nur trennen. Hin zum Umdenken und Umkehren, was dem Leben mit Gott und dem Mitmenschen dient.
Barmherzigkeit. Liebe. Vergebung.
An Jesus Christus erleben wir das. Immer wieder. Unaufhörlich.
Darin liegt die Kraft zur Umkehr. Denn ich weiß durch Christus, warum und wohin. Zu ihm, zum Leben und damit auch zu den Andern.
Umkehr ist nötig. Tatsächlich.
Umkehr zum Leben. Amen.

 

Perikope
17.11.2013
8,4-7