Dämonendämmerung - Predigt zu Lukas 11,14-23 von Dr. Jürgen Kaiser
Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.
Starr saß er da. Der Blick bohrte sich in die Erde. Sie wollten, dass er etwas sagt. „Hör auf, hat doch keinen Zwecke!“, ging einer dazwischen. „Früher hat der geredet wie ein Wasserfall. Aber seit Monaten nichts mehr. Kein einziges Wort!“ Er hörte es, aber der Mund blieb zu. Die Erinnerungen trampelten auf die Synapsen. Es tat weh. Die Gedanken rasten in seinem Kopf. Aber er konnte sie nicht rauslassen. Sie stießen heftig von innen gegen den Mund. Die Lippen krampften sich zusammen. Wenn jetzt jemand mit Gewalt seinen Mund aufreißen würde, käme ein Schrei heraus, der würde die Schallmauer durchbrechen und den Himmel bersten lassen. Der Stumme würde nicht mehr aufhören zu schreien, nie mehr. Er würde bis in alle Ewigkeit schreien. Wenn Himmel und Erde vergangen sind, würde er immer noch dasitzen und schreien. Die Stimmbänder würden bluten und sein Schrei einen neuen Urknall auslösen. Gibt es neue Welten ohne die Erinnerung an das, was war? Aber er schrie nicht. Die Lippen blieben verschlossen. Der Blick erreichte Grabestiefe. Himmel und Erde wurden alt und älter. Die Erde verströmte den Duft des Moders. Den Himmel sah er schon lange nicht mehr.
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Früher hießen die Dämonen Belzebub oder Legion. Heute heißen sie posttraumatische Belastungsstörung oder Psychose, Borderline oder Neurose. Vielen hockt ein kleiner Dämon im Nacken, einigen ein großer. Glücklich schätzen können sich die, bei denen er klein bleibt. Bei denen man die Ticks und die Macken nur hin und wieder merkt, die gut über die Runden kommen, im Alltag den Schein wahren und nur hinter verschlossenen Türen mit ihrem Dämon raufen. Der sie dann zu komischen Bewegungen stachelt oder zu krampfigen Zuckungen oder zu Schluchzen und zu Tränen. Es gibt Menschen, die lachen den ganzen Tag und wenn der Mensch neben ihnen im Bett sein Gute-Nacht-Gebet spricht, heulen sie heimlich das Kissen voll. Wir haben alle unsere kleinen Dämonen im Nacken. Manche aber haben mächtige Dämonen in der Seele, die ihnen den Mund verschließen oder die Psyche zerfetzen.
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Am Ende klärt sich alles auf. Jesus kommt und die Dämonen trollen sich. Lahme gehen, Blinde sehen, Stumme reden. Menschen werden wieder Menschen. Was sie erstarren ließ, was sie wegsehen ließ, was sie verstummen ließ, wird verbannt. Jesus kommt und die Plagen gehen. Am Ende klärt sich alles auf. Es ist eine Frage der Macht. Was böse Macht über uns gewonnen hat, kann nur durch eine stärkere Macht gebannt werden. Mit Jesus kommt die stärkste Macht, die Macht Gottes. Sie vertreibt die Dämonen. Das Reich Satans ist in sich gespalten. Es ist geschwächt, es kollabiert. Dann ist das Reich Gottes nahe.
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So lässt sich die Wirklichkeit in der Sprache biblischer Mythologie beschreiben. Wir haben heute eine andere Sprache. Doch die Wirklichkeit hat immer noch ihre dunklen Seiten. So oder so - am Ende ist es immer noch eine Frage der Macht. Man kann die Dämonen durch Beelzebul austreiben. Der größere Dämon verjagt den kleineren. Konfrontation ist eine Therapiemethode. Die Patienten werden mit dem konfrontiert, was sie geschreckt hat. Wer Angst vor Spinnen hat, kann lernen, eine Vogelspinne zu streicheln, um die Angst zu verlieren. Wer Höhenangst hat, kann nach Paris ziehen und jeden Sonnabend auf den Eiffelturm klettern. Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung konfrontiert der Therapeut den Patienten behutsam mit dem Ereignis, das das Trauma ausgelöst hat. Man sucht bewusst und kontrolliert die Begegnung mit dem größten Schrecken, damit sich die kleineren vertrollen. Den Dämon durch Beelzebul austreiben. Entscheidend ist die Kontrolle. Die Kunst des Therapeuten ist es, Beelzebul zu meistern. In der Hand des Therapeuten ist die unberechenbare Tyrannei des Traumas gebändigt. Der Patient muss dem Therapeuten vertrauen, er muss ihm zutrauen, Macht über den Schrecken zu haben. Es ist eine Frage der Macht, aber auch des Vertrauens.
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Am Ende klärt sich alles auf. Es ist eine Frage der Macht. In der Kirche haben wir die Machtfrage aus dem Blick verloren. Zu lange wurde die Kirche nur als Machtfaktor wahrgenommen. Das scheint uns immer noch peinlich zu sein. Also blicken wir lieber aufs Kreuz und reden von der Ohnmacht Gottes und davon, dass Gott sich mit der Erfahrung des Scheiterns solidarisiert. Das ist eine wichtige Einsicht. Aber das ist nicht das letzte Ende. Die Erfahrung unserer Ohnmacht soll nicht der Abschiedsgruß Gottes gewesen sein. Nach dem Kreuz kommt das leere Grab. Der Tod ist weg! Gott hat ihn besiegt. Die Machtfrage ist geklärt. Der Sohn Gottes lebt. Wir werden nicht vergeblich davon träumen, dass auch uns eines jüngsten Tages und durch den Tod hindurch ein Leben blüht, in dem alles geklärt sein wird.
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"Es war ein Kampf. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, sagt Karolina. Der Marienanhänger blitzt in der Sonne Krakaus. Ich zitterte. Am ganzen Körper. Ich konnte nicht mehr sprechen. Wenn ich was sagen wollte, fühlte es sich an, als ob ich ersticke." Karolina begab sich in die Behandlung eines Exorzisten. Es gibt in Polen etwa 130 Exorzisten. Priester, die mit bischöflicher Erlaubnis den Teufel austreiben dürfen. Und eine Plattform im Internet. Man kann den Exorzisten im Internet buchen. Exorzismus boomt in Polen. Natürlich ist das auch in Polen nicht unumstritten, selbst in der polnischen Kirche nicht.Der beliebteste Exorzist in Polen kommt aus Uganda. "Alles was nicht von Gott ist, verlässt uns jetzt. Auch Krebs. Jesus hat uns nicht mit Krebs oder Kreislaufschwierigkeiten geschaffen. Und in dieser göttlichen Freude werden die Krüppel wieder laufen, die Blinden sehen, die Knochen tanzen vor Freude!", ruft John Bashobora 20.000 Anhängern zu.1
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Jesus hat die Dämonen ausgetrieben. Im Anbruch des Reiches Gottes werden Menschen geheilt. Lahme gehen, Blinde sehen, Stumme reden. Davon erzählt die Bibel. Kann man sich diese Macht in Jesu Namen zueigen machen? Exorzisten versuchen es. Sie meinen, man könne sich die von Jesus ausgehende Macht durch den Vollzug bestimmter Rituale aneignen und sie handhaben. Aber das ist ein Irrtum. Die Dämonen werden nicht durch exorzistische Praktiken vertrieben, auch wenn der Priester 7, 12 oder 99-mal den Namen Jesu nennt. Sie werden vertrieben, weil ihre Macht in der Nähe des Reiches Gottes gebrochen ist. Menschen werden geheilt, weil die Macht des Todes vom Allmächtigen gebannt wurde. Die Urkraft Satans schwächelt. Denn der allmächtige Gott hat Jesus Christus von den Toten auferweckt. An Ostern fiel die Entscheidung zugunsten des Lebens. An Ostern hat die Aufklärung begonnen. Alles Zwielichtige kam ans helle Licht und wir erkannten: Es war ein Nichts.
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Am Ende klärt sich alles auf. Es ist eine Frage der Macht. Heute ist der Anfang vom Ende des Kirchenjahres. Am Ende des Kirchenjahres zieht Klarheit auf. Das Zwielicht der Welt klärt sich zur Eindeutigkeit des Reiches Gottes. Aufklärung. Dämonendämmerung. Gott klärt. In den letzten drei Sonntagen des Kirchenjahres geht es um die Macht Gottes. Es geht um das, was übrig geblieben ist aus dem Kirchenjahr, was außerhalb unserer Macht liegt, um das, was wir trotz aller Macht, die uns von Gott durch einen Berge versetzenden Glauben, durch eine die Zeiten überschreitende Hoffnung und durch eine alle Feindschaft überwindende Liebe gegeben ist, nicht vermögen. Glaube, Hoffnung, Liebe machen mutig, stark und fröhlich, aber nicht allmächtig. Es bleibt etwas übrig, das über unsere Macht geht. Das klärt Gott am Ende.
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Am Ende klärt sich alles auf. An Ostern hat die Aufklärung begonnen. Mit der Auferweckung Jesu von den Toten wurde der Macht des Todes der Todesstoß versetzt. Seither ist das Reich Gottes im Anbruch. Die Dämonen werden entmachtet. Ihre Fratzen schrecken nicht mehr. Sie ruhen in der Mottenkiste einer untergegangenen Welt. Von dort dürfen sie kommen, um an Halloween die Kinder zu bespaßen und im Nachtprogramm die Eltern am Fernseher zu gruseln. Luthers Glauben ist uns auch ohne die Angst vor dem Teufel tröstlich und nützlich, und wer besessen ist, geht zum Therapeuten.
Immer noch wirken Mächte, Gewalten und Energien, die schwer zu beherrschen sind, auf uns Menschen. Aber im Licht der seit Ostern initiierten Aufklärung ersetzen wir magische Methoden durch wissenschaftliche, unkontrollierbare durch immer besser kontrollierte und beherrschbare Methoden. Was Jesus damals konnte, das können heute auch wir: Heilen. Dass wir immer besser lernen, mit den destruktiven Kräften umzugehen, sie zu bannen oder in konstruktive Kräfte umzukehren und wunde Seelen zu heilen, das sind die Zeichen des Reiches Gottes, das im Anbruch ist. Auch wenn die Heilung nicht im Namen Jesu Christi geschieht, ist es eine Heilung durch Gott. Auch eine Therapie durch einen Therapeuten ohne Taufe und Bekenntnis ist eine Wirkung von Gottes kommendem Reich. Es ist schon lange im Anbruch. Und es ist noch lange nicht vollendet. Aber die Ängste kriegen wir immer besser in den Griff. Es ist am Ende eine Frage der Macht, aber auch eine Frage des Vertrauens. Luther ist mit seinen Teufelsängsten nicht zum Exorzisten gegangen, sondern hat sie durch seinen Glauben in den Griff gekriegt. Der Fürst dieser Welt ist schon gerichtet. Man muss sich das nur mit einem Wörtlein sagen und schon klärt sich alles Zwielichtige zur Herrlichkeit Gottes. „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’: ein Wörtlein kann ihn fällen.“ (Luther , EG 362,3)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
1 I Zu Exorzismus in Polen vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/exorzismus-in-polen-auf-teufel-komm-raus.1076.de.html?dram:article_id=395511; von dort auch die Zitate.
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Heilig Abend - Predigt zu Lukas 2,1-19 von Dr. Jürgen Kaiser
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Sie aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Es pochte heftig. Lange schon hatte es nicht mehr so heftig gepocht. Die Worte stießen an die Wände der Herzkammern. Sie kollidierten gegeneinander. Jedes Mal fühlte sie einen kleinen Schlag. Dieses Laufen der Worte in ihrem Herzen. „Freude“ rannte gegen „Heiland“, „Christus“ stieß mit „Furcht“ zusammen, „verkündigen“ krachte gegen „widerfahren“, die „Stadt Davids“ prallte gegen die „Höhe“ und der „Friede“ stürzte auf die „Erde“. Eine Unordnung, ein Chaos der Worte - sie konnte sich nicht beruhigen. Sie hörte noch „Wohlgefallen“ und wäre dann fast in Ohnmacht gefallen, hätte sie nicht in diesem Moment nach Josef gegriffen und tief durchgeatmet. Es was alles zu viel, die Reise nach Bethlehem in ihrem Zustand, die vergebliche Suche nach einer Bleibe, die Geburt im Stall und die Hirten mit ihren wirren Worten, die sie sich nun zu Herzen nahm. Sie hatte sich aufgerichtet als sie kamen. Sie hatte gehört, was sie sagten, es bewegte sie - verstanden hat sie es nicht. Jetzt waren die Worte in ihr gefangen. Sie konnten nicht raus. Gerne hätte sie das eine oder andere Wort freigelassen, es in Josefs Ohr geschickt und mit ihm darüber gesprochen. Sie blickte ihn an. Er saß da und stierte durch ein Loch im Dach. Er zählte Sterne. Als sie ihn am Rockzipfel griff, um nicht zu fallen, schreckte er kurz auf, blickte sie an und reiste dann wieder durch das Loch in seinen Himmel, ohne ein Wort zu hinterlassen oder eines von den Worte aus ihrem Herzen mitzunehmen.
Sie lauschte wieder auf das Lärmen dieser Worte in ihr. Noch andere drängten sich hinein, ältere, auch ganz alte und feierten in ihrem weiten Herzen eine wilde Party. Eines hieß Immanuel, ein anderes gab Zeichen, eines drang mit lautem Jubel und fetter Beute ein. Es kamen welche, die wollten ihre Stiefel nicht ausziehen und den Mantel anbehalten, an dem Blut hing. Rohe Eindringlinge aus alten Zeiten, als der Feind noch Assur hieß und Babylon. Kurz darauf machten es sich Wunder-Rat und Gott-Held, Ewig-Vater und Fried-Fürst gemütlich – die Kerle kannte sich - und führten sich in ihrem Herzen auf wie Könige. Einige brachten Tiere mit. Wölfe an der Leine und Lämmer auf der Schulter, Panther ohne Leine und ein Böcklein im Schlepptau. Eine trug ihren Säugling auf dem Arm. Er spielte mit einer Otter. Sie betrachtete die bunte Gesellschaft. Ein Zirkus machte bei ihr Station. Aber es war kein Zirkus, es war Zion. Es war nicht Zauber, es war Zebaoth. Das alles waren seine Scharen, seine Söhne, seine Töchter. Maria wurde neugierig. Sie richtete sich auf, fasste sich ein Herz und erhob die Stimme: „Meine lieben Gäste, seid mir willkommen! Von weit her seid ihr gereist, um mich heimzusuchen in meinem Herzen. Ich weiß noch nicht, wie mir geschieht, doch ich danke es euch. Euer Besuch bewegt mich sehr. Es ist nun meines Herzens Wunsch, dass ihr euch einander bekannt macht. Werdet miteinander vertraut, der Heiland mit dem Friedefürst, der Gott-Held mit dem Christus und Immanuel stelle sich dem Ewig-Vater vor. Sucht euch ein Plätzchen und redet miteinander, teilt mit, woher ihr kommt und wohin ihr zieht. Und mischt euch, die Jungen mit den Alten, der alte Isai mit den himmlischen Heerscharen und die alte Weisheit mit der jungen Erkenntnis. Dann will auch ich euch kennen lernen, will erfahren, was ihr zu sagen habt, ihr großen Worte und berühmten Namen. So werde ich eines Tages verstehen, was mich jetzt so bewegt.“ Josef blickte sie entgeistert an: „Was sagst du?“ Maria setzte sich. Sie schaute kurz zu Josef und wendete dann ihren Blick zur Krippe. Sie fing an, ein Lied zu summen. Ein Willkommenslied für ihre Gäste. Dieses Lied, liebe Gemeinde, wollen auch wir nun singen:
1. Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir,
ja er kommt, der Friedefürst.
Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!
2. Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ewig Reich,
Hosianna in der Höh!
Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!
3. Hosianna, Davids Sohn,
sei gegrüßet, König mild!
Ewig steht dein Friedensthron,
du, des ewgen Vaters Kind.
Hosianna, Davids Sohn,
sei gegrüßet, König mild!
In seinem Kopf jagten die Gedanken. Ungestüm galoppierten sie ihm durchs Hirn. Er versuchte, sie zu zügeln, forschte nach einem, der Gott im Sattel hätte. Aber er bekam keinen seiner schnaubenden Gedanken zu fassen. Sie bäumten sich auf und stieben davon, ehe sie ihren Reiter offenbaren konnten. Er hob den schweren Kopf und visierte das Loch im Dach. Die Pupillen verengten sich. Er drückte das rechte Auge zusammen und nahm mit dem linken einen Stern aufs Korn. Er sah einen zweiten Stern. Er stutzte und öffnete beide Augen. Er sah einen dritten Stern. Er sah viele Sterne. Sein Blick erreichte die Tiefe der Welten. Sein Auge stürmte in Lichteseile an andere Ende des Firmaments. Es war Nacht, er aber sah das Glühen der Sonnen, es war finster, er aber sah das Funkeln der Galaxien. Da klärten sich die Gedanken in seinem Kopf. Und diese Klärung empfing er wie eine Offenbarung.
Wie klein erschien ihm jetzt die Sonne, die er kannte, wie winzig die Erde. Wie unbedeutend dieser Stall, wie nichtig wurde er sich selbst samt seiner Frau und dem Kind, drei Staubkörner im Weltenall. Was bedeutete ihr Dasein, was bedeutete selbst die Geburt seines Sohnes angesichts dieses Universums mit seinen Millionen Welten? Wenn er denn sein Sohn war! Ein letzter Zweifel störte seine Melancholie und nährte sie zugleich. Was ist der Mensch?
Er sah so viele Sonnen, er sah ihre Planeten um sie kreisen, er sah Lebewesen, die keiner auf Erden je gesehen hatte, Geschöpfe eines Gottes, der nie auf Erden war. Es gab so viele Welten. Wieso sollte Gott sich um das kleine Israel scheren, wieso im kleinen Bethlehem sich in einem Kind wiederfinden? Keiner seiner Gedanken wollte der Fährte nachgehen, die die Hirten mit ihren Worten gelegt hatten. Behaglich dagegen war ihm die Unendlichkeit vor seinem Auge. Sie gefiel ihm. Freude, feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Seid umschlungen, Millionen! Mit diesem Kuss der ganzen Welt entkam Josef der Enge des Stalles, den Mauern des Landes, dem Gott seiner Väter und seinen Gesetzen. Er sprang auf seine fliehenden Gedanken, gab ihnen die Sporen, packte die Tochter aus Elysium an der Hand und sprang mit ihr über den Graben, sprang hinter die Welt, ließ Räume und Zeiten dahinten, brach durch Schallmauern und schoss durch die Lichtjahre.
Er war schon längst nicht mehr bei sich, als Maria wankte und nach ihm griff. Sie schnappte tief nach Luft und fasste sich ans Herz. Er senkte den Kopf. Ihre Blicke trafen sich und trennten sich wieder. Er suchte sein Loch und ordnete die Gedanken im Kopf. Er wollte auch Maria mitnehmen auf die Himmelsreise, wollte sie mit den Reimen seiner himmlischen Empfindung einladen. Doch als er reden wollte, sagte ihm das Schweigen mehr zu. Was gab es noch zu sagen? Alle Poesie entwich aus dem Loch im Stall. War nicht jeder Gedanke bloß eine Schaltung seiner Synapsen? Waren nicht alle Gefühle bloß Effekte seiner Moleküle? War nicht alles in uns ein Ebenbild der unendlichen Welten da draußen? Jedes Gen eine Galaxie aus Atomen? Der vollkommene Kosmos, unendlich da oben und unendlich da drinnen. Ja Ebenbilder sind wir, Ebenbilder des Kosmos. Das machte ihn sprachlos. Jedes Wort störte diese Harmonie. Warum sollte Gott das Wort ergreifen? War es nötig? Wieso sollte nicht auch er es vorziehen, schweigend seine Kreise zu ziehen? Wie die Sterne und die Atome, wie die Galaxien und die Moleküle je auf ihrer Bahn. Die Hirten glaubten an Engel. Er aber empfand die Sterne in seinem Kopf. Sie waren kühl.
Da fing es doch noch an, in ihm zu reden. Ein alter Psalm, seiner Väter Lied, wollte nicht schweigen:
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (Ps 8,4f)
Josef sah in den Himmel und zählte die Sterne. Da wusste er: Nichts ist der Mensch. Warum sollte je ein Gott seiner gedenken? Die Melodie dieses Liedes ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Auch wir, liebe Gemeinde, wollen dieses Lied nun singen:
3. Wenn ich den Blick zu deinen Sternen wende
und zu dem Mond, den Werken deiner Hände -
was ist der Mensch, dass du, Herr, sein gedenkst,
des Menschen Kind, dass du ihm Liebe schenkst?
4. Und doch hast du am höchsten ihn gestellet,
ganz nah ihn deiner Gottheit zugesellet,
hast ihn gekrönt mit Hoheit und mit Pracht,
dass er beherrsche, was du hast gemacht. [EG 271]
Josef hatte gar nicht bemerkt, dass Maria aufgestanden war. Sie murmelte etwas vor sich hin. Er blickte sie entgeistert an und fragte: „Was sagst du?“ Maria setzte sich. Ihre Blicken suchten sich, sein Blick aus dem Kopf und ihr Blick aus dem Herzen. Aber sie fanden sich nicht. Maria sang: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem.“ Leise sang sie es in sich hinein.
Josef sang in sich hinein: „Wenn ich den Blick zu deinen Serne wende…“ und schloss leise an: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium!“ So besangen sie – leise zwar, doch nicht ohne Freude - ihre Töchter, Maria die Tochter aus Zion und Josef die Tochter aus Elysium. … Da schrie laut der Sohn aus der Krippe. Der Säugling tat, was Säuglinge tun, wenn sie Hunger haben. Maria vergaß die Worte in ihrem Herzen, Josef ließ ab von den Gedanken in seinem Kopf. Die Mutter musste zusehen, dass der Säugling das Trinken lernt und der Vater musste lernen, wie man die Windeln wickelt. Nachdem der Säugling gestillt und gewickelt wieder eingeschlafen war, trafen sich ihre Blicke. „Was hast du durch das Loch gesehen, Josef?“ – „Die Sterne.“ „Konnte Abraham die Sterne zählen, als der Herr ihn hieß, gen Himmel zu sehen und die Sterne zu zählen?“, fragte Maria. Und Josef wiederholte die Verheißung: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein! (Gen 15,35)
„Wir haben ein Kind bekommen“, sagte Maria. - „Gott hat Wort gehalten“, stellte Josef fest, und konnte gar nicht glauben, dass er das gesagt hatte, und fügt an, nun sehr bewegt: „Schwester, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“. Sie traten gemeinsam aus dem Stall, hoben ihre Köpfe und blickten in den Sternenhimmel.
„Wieso kümmert sich der Gott, der all dies geschaffen hat, um uns?“, fragte Josef. „Wieso kümmern wir uns um das Kind?“, fragte Maria. „Weil es schreit und es uns weh tut, wenn es schreit“, antwortete Josef. „Siehst du“, sagte Maria. „Weil wir schreien und zu ihm rufen und es ihm weh tut, wenn wir schreien, deshalb kümmert Gott sich um uns. Seine Ohren hören uns über Lichtjahre und durch Schallmauern. Von seinen Millionen Welten liegt ihm ausgerechnet unsere am Herzen.“ – „Woher weiß du das?“ wollte Josef wissen. „Die Worte in meinem Herzen haben begonnen, mir ihre alten Geschichten zu erzählen. Es war immer so, seit Anbeginn der Zeit: Wir riefen und Gott hörte. Erst, wenn wir nicht mehr rufen, erst, wenn auf dieser Erde keiner mehr schreit, wird er sich anderen Welten zuwenden.“ „Sollen wir uns das wünschen?“, fragte Josef. Das Kind wurde wach und fing wieder an zu schreien. Sie kehrten in den Stall zurück. Sie wussten, was zu tun war. Und sie freuten sich sehr.
Amen.
1. Wie herrlich gibst du, Herr, dich zu erkennen,
schufst alles, deinen Namen uns zu nennen:
Der Himmel ruft ihn aus mit hellem Schall,
das Erdenrund erklingt im Widerhall.
2. Verborgen hast du dich den klugen Weisen
und lässest die Unmündigen dich preisen.
Den Leugner widerlegt des Säuglings Mund;
der Kinder Lallen tut dich, Vater, kund. [271]
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Eine bessere Welt muss man selber machen - Predigt zu Lukas 18,28-30 von Dr. Martina Janßen
I. Heute findet die Bundestagswahl statt. In den Wochen zuvor prägte Wahlwerbung das Straßenbild -von hipp bis solide, zwischen psychedelischem Farbenspiel und smartem Schwarz-Weiß, überall vertraute Gesichter seriös-souverän in Szene gesetzt. Das gehört dazu. Ich lasse all die Slogans auf mich wirken.
„Zukunft kann man wollen. Oder machen" (Die Grünen)
„Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ (CDU)
„Sozial, gerecht, für alle“ (Die Linke)
„Für eine starke Wirtschaft und sichere Arbeit“ (CDU)
„Mit Mut für eine weltoffene Gesellschaft“ (Die Grünen)
„Denken wir neu“ (FDP)
„Zeit für mehr Gerechtigkeit (SPD)
„Zeig Stärke“ (Die Linke)
„Die Zukunft braucht Ideen und einen, der sie umsetzt“ (SPD)
„Ungeduld ist auch eine Tugend“ (FDP)
So in etwa klingt die Botschaft der Straße in diesen Tagen. Finde ich gut. Ja, da kann ich überall zustimmen. Zukunft, Sicherheit, Gerechtigkeit, Weltoffenheit. Das sind die Zutaten für ein Land, in dem ich gut und gerne leben will und kann. Und nicht nur ich, sondern alle. Auch der Weg dahin überzeugt mich: Mut, Stärke, Ideen und die nötige Portion Ungeduld, damit es auch bald so wird, wie es sein soll. Das klingt großartig – und alles, was ich dafür tun muss, ist heute zwei Kreuze zu machen. Das ist kein wirklich schlechter Deal, oder? Doch es bleiben ja Fragen: Halten die alle, was sie versprechen? Was versprechen die eigentlich genau? Beim ersten Lesen könnte ich bei vielem mein Kreuz machen, wenn es dann allerdings auf den zweiten Blick konkreter wird, scheiden sich die Geister. Und das ist gut so. Nur so funktioniert Demokratie.
II. Wem folge ich? Wem glaube ich? Das sind die Fragen der letzten Wochen. Ich stelle mir vor, auch Jesus stünde zur Wahl, wäre eines von den vielen Gesichtern, die mir von den Laternenmasten und Stellwänden entgegenlächeln. Wäre Jesus fotogen? Hätte er das Zeug zum smarten Posterboy? Wäre seine Partei reich genug Geld für große Wahlplakate? Gäbe es auch Kugelschreiber? Vor allem aber frage ich mich: Mit welchem Slogan würde Jesus werben? Ich blättere in der Bibel. Wie ist das, wenn man Jesus folgt? Da findet sich schon einiges, das nach Slogan klingt. „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach“ (Lk 9, 23). „Verkauf alles, was du hast, verteil das Geld an die Armen (…); dann komm und folge mir nach“(Lk 18, 22)! „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein (Lk 14,26)“. „Lass die Toten ihre Toten begraben. Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes (Lk 9,60.62).“
Nein, Jesus! – ruft der Wahlkampfmanager in mir – so doch nicht! So wird das nichts! Die Leute geben dir ihr Kreuz, weil sie ihrs ja gerade loswerden wollen. Die wollen nicht Haus und Hof und Familie oder gar ihr eigenes Leben verlieren, sondern Gerechtigkeit, Wohlstand und Sicherheit gewinnen! Du darfst doch nichts fordern, du musst versprechen, verheißen, verführen, mit einer frohen Botschaft locken. Und wenn sie sich nachher als Fake News erweist: egal! Nichts verlangen, sondern versprechen, verheißen - und wenn es dann nach der Wahl doch anders kommt: vertrösten! Wer soll dich denn wählen, wenn du von ihm mehr als zwei Kreuze auf dem Wahlschein forderst? „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich.“ Ach, Jesus, die wollen ihr Kreuz loswerden und loslegen mit der Selbstverwirklichung, nicht ihr Kreuz tragen und sich verleugnen! So wird das nichts. Ich geb’s zu. Mit der 5%-Hürde würde es bei Jesus schwierig werden. Nachfolge Jesu ist kein Zuckerschlecken. Damit nimmt man kaum einen für sich ein. Menschen ticken anders. Was springt für mich dabei raus? Geht die Rechnung auf? So zu denken, ist menschlich. Allzu menschlich. So menschlich dachten damals vielleicht auch die Jünger Jesu.
Predigttext Lk 18,28-30: Da sagte Petrus: Du weißt, wir haben unser Eigentum verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Jeder, der um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen hat, wird dafür schon in dieser Zeit das Vielfache erhalten und in der kommenden Welt das ewige Leben.
III. Denken wir neu! Loslassen und abgeben kann reich machen. Sein Leben in Gottes Hand geben, sich ganz Gott überlassen und von sich selber ablassen – wie befreiend, wie bereichernd kann das sein! Das ist ja im Grunde auch der Kern von Martin Luthers reformatorischer Erkenntnis. Sich nicht auf seine Kraft, sein Geld, seine guten Werke, seine Leistung, sich nicht auf sich selbst verlassen, sondern Gott machen und sich von ihm beschenken lassen. Dann kommt es – das ewige Leben in der kommenden Welt. Ganz leicht und wie von selbst…
Loslassen und abgeben kann reich machen. Das ist nicht nur was fürs Himmelreich. Das ist was auch für hier und jetzt. Wenn ich etwas gebe von meiner Zeit, meiner Kraft, meinem Geld, werde ich nicht schwächer und ärmer. Im Gegenteil: Ich gewinne etwas. Das merk ich nicht erst im Himmel. „Jeder wird schon in dieser Zeit das Vielfache erhalten.“ Der Volksmund kennt das: „Geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Die Bibel auch: „Geben ist seliger denn nehmen.“ Es gibt eine erstaunliche Studie von Forschern an der Universität Zürich. Verhaltens- und Neuroökonomen haben herausgefunden: Menschen, die großzügig sind und sich um ihre Mitmenschen kümmern, sind glücklicher. Geben, loslassen, teilen erzeugt ein wohliges Gefühl, einen „warm glow“. Anders gesagt: Altruismus stimuliert das Gehirn und setzt Glückshormone frei. Und noch etwas haben die Forscher herausgefunden. Es muss nicht die große Selbstaufopferung und Selbstverleugnung sein, ein bisschen von sich einzubringen und zu geben, ist auch schon gut. Man muss es nicht machen wie Jesu Jünger, die alles verlassen, alles aufgeben, nicht zurückschauen. Nachfolge Jesu geht nicht nur radikal. Das geht auch als Bürger in der Welt. Aber ein bisschen darf man sich schon anstecken lassen von dem Feuer des Anfangs: Ein bisschen von meinem Besitz den anderen geben, sich ein bisschen für das einsetzen, was einem wichtig ist, ein bisschen das Kreuz auf sich nehmen, damit es für andere leichter wird. Einfach nicht immer auf die Habenseite der Kosten-Nutzen-Rechnung schauen, sondern leben, geben. Nicht fragen: „Was bringt mir das?“, sondern sich einbringen. Ich bin mir sicher: Eh man sich versieht kommt der „warm glow“. „Jeder wird schon in dieser Zeit das Vielfache erhalten.“
Jetzt mag so mancher denken: Klingt wie Wahlwerbung. Hohe Worte. Aber was bedeutet das konkret? Das Große wächst im Kleinen. Wie das Samenkorn, das reiche Frucht bringt. Es müssen keine Heldentaten oder die totale Selbstaufgabe sein. Es reicht z.B. schon einfach beim Kirchenkaffee mitzuhelfen. Etwas Zeit und Energie abzugeben und damit Gemeinschaft für viele zu ermöglichen. Das Große wächst im Kleinen, liebevoll handgestrickt bahnt sich Zukunft ihren Weg. Für ein Land und eine Kirche, in der wir alle gut und gerne leben, braucht es nicht nur Leuchtfeuer, Hochglanzevents und Strategiepapiere, es braucht dich und mich hier und jetzt. Es braucht Ideen und uns alle, die sie umsetzen.
IV. Was das konkret bedeutet, wird auch heute klar. Man kann viel über das politische System schimpfen. „Ich geh doch eh leer aus. Bringt doch nichts. Die halten ja eh nicht, was sie versprechen.“ Tja, können sie vielleicht auch nicht immer. Es ist immer leicht, mit dem Finger auf die da oben zu zeigen und zu sagen: „Wir haben euch gewählt, damit ihr dieses Land stärker, sicherer, gerechter und zukunftsfähiger und mein Leben besser macht – und jetzt: Kommt alles anders, kommt nix voran. Ihr seid schuld!“ Das geht nicht auf. Um Deutschland stark, gerecht und weltoffen zu machen, reicht es nicht, alle vier Jahre zwei Kreuze zu machen und andere machen zu lassen. Da muss man schon mitmachen, etwas geben und ein Stück sich selbst hineingeben. Zeig Stärke für das, was dir wichtig ist! Eine bessere Welt kann man nicht delegieren. Die muss man selber machen. Das fängt übrigens mit dem Wählen heute an. Sie müssen weder ihre Familie verlassen noch ihrem Besitz anderen überlassen oder gar ihr Leben lassen, sondern einfach nur zwei Kreuze machen. Dafür bekommen Sie zwar nicht den Himmel auf Erden – und glauben Sie bloß keinem anderem als Jesus, der Ihnen das verspricht! -, aber Sie sorgen dafür, dass Demokratie eine Zukunft hat. Wählen darf man nicht nur wollen. Das muss man machen. Heute.
Amen
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19.11.2017 - Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr
12.11.2017 - Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
24.09.2017 - 15. Sonntag nach Trinitatis
Angesehen - Predigt zu Lukas 1,39-47 von Kathrin Oxen
Elisabeth hatte die Hoffnung ja schon aufgegeben. Sie wusste, dass es so bleiben würde mit den mitleidigen Blicken und dem Getuschel. Und sie kannte die mehr oder weniger diskreten Nachfragen. Die Frage blieb ja sowieso immer die gleiche über die Jahre, nur die Zeitform wechselte. Zu Beginn hieß es: „Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht?“ Und als die Jahre vergingen, eines nach dem anderen, da fragten sie irgendwann: „Wolltet ihr nicht oder konntet ihr nicht?“
Die Antwort war in ihrem Fall immer schmerzhaft eindeutig. Natürlich wollen wir, aber es soll wohl nicht sein. Natürlich wollten wir, aber es sollte wohl nicht sein. Für uns gibt es keine Zukunft, bloß das bisschen Gegenwart und irgendwann sehr viel Vergangenheit. So ist das, ohne ein Kind.
Als ein Engel zu Maria kommt, kündigt er ihr an, dass sie ein Kind erwarten wird. Er hat ihr auch von Elisabeth erzählt. Eine Verwandte von Maria, ihre Cousine, deren Schicksal immer mal wieder zum Gesprächsthema wurde in der Familie.
Elisabeth und Zacharias, nein, da gibt es nichts Neues. Die werden wohl keine Kinder mehr bekommen. Ja, schade ist das. Nun sind sie ja aber auch schon viel zu alt dafür.
Aber der Engel sagt etwas anderes. Er sagt: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Und er sagt auch: Elisabeth ist schwanger, man sieht es schon, sie ist im sechsten Monat.
Und da ist Maria losgelaufen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Und auch, um nicht immerzu an das andere denken zu müssen, was der Engel gesagt hat und an das sie selbst lieber noch nicht so viel denken mochte. Dass auch sie, Maria, ein Kind bekommen würde, Gott weiß, wie. Unmöglich, genauso unmöglich wie bei Elisabeth. Sie ahnt schon jetzt, was auf sie zukommen wird. Mitleidige Blicke, Getuschel, leises Kopfschütteln.
Und dann ist sie bei Elisabeth. Sie sieht ihr ins Gesicht, in das faltige Gesicht einer Großmutter. Und sie sieht Elisabeths Bauch. Das Kind bewegt sich schon, sagt Elisabeth. Unmöglich. Aber nicht bei Gott.
Elisabeth und Maria begegnen sich. Zwei Frauen, die das Allerschlimmste kennen. Eine kinderlose Frau zu sein, das war ja das Allerschlimmste, was einem passieren konnte, damals. Und das andere Allerschlimmste, was einem passieren konnte, damals, war ein uneheliches Kind zu bekommen. Die eine hatte es schon hinter sich, eine Vergangenheit, ein ganzes Leben voller Enttäuschung und Leere. Die andere hat es erst noch vor sich, eine Zukunft voller Ungewissheit und Fragen.
Aber als sie zusammenkommen, da ist es, als träten sie alle aus dem Schatten der Vergangenheit zu ihnen beiden. Alle diese Frauen aus der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. All die Frauen, die auch das Allerschlimmste kennen, die mitleidigen Blicke, das Getuschel, das leise Kopfschütteln.
Sara ist da, Abrahams Frau. Auch sie hat noch ein Kind bekommen zur Unzeit, nach endlosen Jahren ohne Hoffnung. Weiße Haare, ein faltiges Gesicht und ein schwangerer Bauch.
Hanna ist da, auch sie lange kinderlos, mit ihren Tränen und inständigen Gebeten und dem Gesicht voller Scham und Schmerz, die Mutter des Propheten Samuel.
Und Ruth und Naomi sind da, die junge Frau und die alte, nach Israel gekommen als Asylantinnen ohne eine Zukunft und später durch ein Kind eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David.
So geht es zu bei Gott. Unmöglich ist da nichts. Das wissen die beiden Frauen, als sie sich begrüßen, die alte und die junge. Elisabeth und Maria.
Und alle diese Frauen sind in dem Lied, das Maria anstimmt nach dieser Begegnung. Sie singt es allein. Aber eigentlich ist es ein Chor. Der Chor der Frauen, die das Allerschlimmste kennen. Und dieser Chor singt:
Unsere Seele erhebt den Herrn, und unser Geist freut sich Gottes, unseres Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Mägde angesehen.
Siehe, von nun an werden uns selig preisen alle Kindeskinder.
Gut, dass Maria dieses Lied singt. Gut, dass wir sie hören können, denn zu sehen ist sie kaum noch hinter all den Schleiern, die die Zeit um sie gewoben hat. Maria sieht nicht mehr aus wie eine, die das Allerschlimmste kennt.
Auf den Altären in vielen Kirchen trägt sie Kleider aus prächtigen kostbaren Stoffen, mit edlem Faltenwurf. Blau-golden ihr Gewand, sie selbst vor goldenem Hintergrund, wie in einem Schatzkästchen, das sich jederzeit schließen ließe, um sie vor unseren Blicken zu verbergen.
Wir halten Abstand und heben ein bisschen den Kopf, um sie sehen zu können. Das Gegenteil von Niedrigkeit. Sie ist ja ganz abgehoben von den Niederungen des Alltags. Ihr Gesicht bleibt ewig glatt und makellos, auch noch als sie ihren toten Sohn im Schoß hält. Selbst ihr Schmerz ist schon zum Kunstwerk geworden, in den Bildern und Figuren von ihr, in der Musik. Aber eigentlich sieht sie anders aus, Maria, und auch Elisabeth. Und wir sehen sie an.
Elisabeth, die hat einen beigen Mantel an und einen Pullover vom Kleiderstand auf dem Wochenmarkt. Sie hat eine billige Dauerwelle und eine kleine Wohnung, weil für mehr ihre Rente nicht reicht. Elisabeth und ihr Mann sitzen am Abendbrottisch und da ist Margarine und Streichwurst und dünner Tee und wenig Worte. Der Tag ist immer gleich und die Woche auch, weil selten mal Besuch kommt, denn die Kinder sind weit weg und haben ihr eigenes Leben. Die müssen auch sehen, wie sie über die Runden kommen. Das bisschen Gegenwart und viel Vergangenheit.
Und Maria, die ist eine von den Müttern, die ihren Kinderwagen durch die Fußgängerzonen schieben und die zu enge T-Shirts anhaben in grellen Farben. Zu zweit oder zu dritt gehen sie, mit so einer Art trotzigem Stolz. Eine von diesen Müttern, die noch Mädchen sind. Ihre Schwangerschaft hat wohl eher Befürchtungen als Freude ausgelöst. Ein Vater ist meistens nicht so richtig dabei. Man sieht ihnen hinterher und fragt sich, ob das wirklich sein musste und welche Zukunft außer Hartz IV sie jetzt eigentlich vor sich haben. Sie sind ja selbst fast noch Kinder.
Solche Elisabeths, solche Marias, das sind die Menschen, die Gott ansieht. Man kann das nicht nur übersehen, sondern leicht auch überhören, gerade durch die Schönheit der Musik, mit der Marias Lied, das Magnificat, so oft vertont worden ist. Aber da singt keine ansehnliche junge Frau mit Glanz noch in der Stimme. Da singt ein ganz junges jüdisches Mädchen aus der Unterschicht ihrer Zeit.
Aber dieses Mädchen ohne Ansehen singt mit der Kraft all der Frauen, die erfahren haben, dass Gott sie ansieht. Sie singt mit der dünnen alten Stimme Saras. Sie singt mit den Worten der gedemütigten Hanna und sie singt mit der Hoffnung der Asylantin Ruth auf eine Heimat. Sie singt mit der Zuversicht einer alten, armen Frau mit dem Namen Naomi.
Maria singt mit den Stimmen derer, die ohne Ansehen sind. Sie singt für die Elisabeths und die Marias unserer Zeit. Denn die kennen noch ein anderes Allerschlimmstes: Gar nicht mehr gesehen und wahrgenommen zu werden.
Die alten Frauen und ihre Männer, die zurechtkommen müssen mit dem, was am Ende ihres Lebens herauskommt an Rente und mit dem, was für das Leben dann noch übrigbleibt. Die Teenagermütter aus sozial schwierigen Verhältnissen. Und all die anderen Menschen ohne Ansehen, Frauen und Männer, ohne die Möglichkeit und am Ende auch ohne die Motivation, noch ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Maria singt ihr Lied für die Menschen ohne Ansehen. Und sie singt dieses Lied gegen die Menschen mit Ansehen. Auch das möchte man vielleicht lieber überhören.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Armen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Es ist, als wäre Maria ganz schnell bekleidet worden in Gold und Glanz und hoch emporgehoben, bis in den Himmel, damit man das nicht mehr hören muss. Damit man ihr Lied vergessen kann, jedenfalls seinen Text.
„Niemand will in die Tiefe sehen, wo Armut, Schmach, Not, Jammer und Angst ist, davon wendet jedermann die Augen ab. Und wo solche Leute sind, davon läuft jedermann weg, da fliehet, da scheuet, da verlässt man sie und denkt niemand daran, ihnen zu helfen, beizustehen und zu machen, daß sie auch etwas sind. Sie müssen so in der Tiefe und niedrigen, verachteten Masse bleiben.“ (Luther, Auslegung des Magnificats)
Niemand will in die Tiefe sehen. Ich auch nicht. Ich sehe sie auf meinen täglichen Wegen. Sie bringen wie ich ihre Kinder in den Kindergarten. Anders als ich haben sie keine Eile, weil nichts auf sie wartet, weil sie nirgendwo hin müssen, weil sie nirgends gebraucht werden. Menschen ohne Bildung und Ausbildung, ohne realistische Chance auf einen Arbeitsplatz. Menschen, die keine Perspektive für ihr Leben entwickeln können, die nichts mehr aus sich machen können oder wollen, die anfangen, auch äußerlich unansehnlich zu werden. Ich lebe mit ihnen, jeden Tag und begegne ihnen niemals. Die vielzitierte Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm, in Menschen von Ansehen und Menschen ohne Ansehen, das ist meine Wirklichkeit.
Gott gibt denen eine Stimme, die sonst keiner mehr hört. Und lässt sie singen gegen alle Regeln der Welt. Denn bei Gott ist nichts unmöglich. Das ist die Erfahrung von Sara, von Hanna und Ruth und Naomi. Das haben Elisabeth und Maria am eigenen Leib erfahren.
Und durch sie kommt diese Geschichte Gottes mit seinen Menschen auch zu uns, durch Jesus von Nazareth, geboren von einem jüdischen Mädchen am Rand der damals bekannten Welt. So entfaltet sich in Marias Lied die Verheißung Gottes für all die Menschen ohne Ansehen.
Und diese Musik kommt zu Elisabeth und ihrem Mann am Abendbrottisch, zu den Mädchenmüttern in der Fußgängerzone und zu uns heute morgen. Die Hoffnung kommt zu Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise die Hoffnung aufgegeben haben, dass es immer nur nach den Regeln der Welt geht. Sie kommt auch zu mir. Maria singt. Ich höre ihr Lied. Ich höre die Hoffnung in ihrer Stimme:
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Und jetzt sehe ich sie. Ich sehe eine junge Frau in anderen Umständen. Ich sehe das neue Leben. Sie trägt es noch verborgen in sich. Ich höre ihr Lied. Und ich sehe die Welt in anderen Umständen.
Amen.
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Safeword „Finde mich“ – Predigt zu Lukas 15,1-10 von Markus Kreis
Ich bin ein Star - holt mich hier raus! Das Safeword der Teilnehmer im Dschungelcamp, liebe Gemeinde. Was Dschungelcamp heißt, versteht fast jeder. Aber was bedeutet der Begriff Safeword?
Ein Safeword gibt es im Kampfsport. Zum Beispiel beim Judo. Wer da dreimal schnell hintereinander mit der Innenseite der Hand auf die Matte haut, der spricht ein Safeword aus. Wer im Judo so abklopft, der äußert: Ich gebe den Kampf auf. Und befreit sich so schnell aus einem Hebel oder einem Würgegriff oder Ähnlichem. Damit steht er als Verlierer fest. Und doch zugleich als irgendwie gerettet. Vielleicht vor dem eigenen Ehrgeiz? Dreimal flach auf die Matte schlagen - ein stummes Safeword.
Es gibt auch gesprochene Safewords. Genauer gesagt: Es gibt Kämpfe, in denen einer ein Safeword ausspricht und nicht nur per Geste anzeigt. Damit ist dann ein Konflikt sofort beendet. „Ich bin ein Star - holt mich hier raus!“, das ist so ein Safeword. Es beendet einen Wettstreit im Dschungelcamp. Einer der Teilnehmer sagt es. Und befreit sich aus einer misslichen Lage. Damit macht er sich allerdings zum Verlierer. Was aber kaschiert wird durch den Vordersatz: Ich bin ein Star. Eigentlich könnte der Satz genau so gut heißen: Ich bin ein Loser - holt mich hier raus!
Ist ein Safeword eine Bitte oder ein Befehl? Im Kampfsport und Wettstreit ist das klar. Es gilt wie ein Befehl. Und wer dem Befehl nicht gehorcht, der nimmt sich selbst aus dem Spiel. Da mag man noch so klar der Sieger sein: Ein Sieger, der das Safeword missachtet, der macht sich zum Verlierer.
Wenn Regeln und Kontrolle fehlen, dann sieht das anders aus. In Kämpfen ohne Schiedsrichter wird das Safeword zur Bitte. Es wirkt nicht wie ein Befehl. Das Ergehen des Sprechers liegt in der Hand des Hörers. Immer wieder werden Soldaten trotz erhobener Hände erschossen. Oder Verdächtige, nach denen die Polizei fahndet. Oder Opfer, die von Verbrechern mit der Waffe bedroht werden. Der Ruf „Hände hoch!“ befiehlt, ein Safeword auszusprechen.
Richtet sich ein Safeword immer an ein Gegenüber? Oder kann es keinen Hörer haben außer seinem Sprecher? Kann es auch ein Monolog sein? Nur zu sich selbst gesprochen? In einem inneren Kampf sozusagen. Kann man sich selbst ein Gegner sein? Einen inneren Streit auskämpfen? Und diesen mit einem Safeword beenden?
Im Dschungelcamp ficht mancher Teilnehmer diesen Kampf. Hin und her gerissen zwischen Ekel und Hunger. Zwischen Scham und Lust am Posen. Zwischen Durchhalten und Aufgeben. Zwischen der Hoffnung, geliebt zu werden, selbst wenn man aufgibt. Und der Furcht, den Fans nicht alles gegeben und deshalb sie verloren zu haben.
In diesem Kampf ein Safeword zu sagen, das heißt: sich als Verlierer zu outen. Vor sich selbst. Sich selbst als Loser zu befinden. Verlierer, weil und indem man seine Bedürfnisse ohne Ekel stillt. Verlierer, weil und indem man auf sein Schamgefühl hört. Loser, weil und indem man ablässt und nicht weiter kämpft. Loser, weil und indem man meint, deshalb nicht mehr liebenswert zu sein.
Heutzutage wird jeder zum Star - und wenn es nur für 15 Minuten ist. So kämpft es in uns, weil wir diese 15 Minuten Ruhm schon genossen haben. Oder weil wir sie noch unbedingt genießen wollen. Es kränkt uns, wenn wir uns in diesem Zwist der Gefühle als Loser zeigen und nicht als Star. Und vielleicht befinden wir uns öfter als Loser als uns lieb ist.
Wir sehnen uns danach, geliebt zu werden. Trotz und mit all unseren Schwächen und Fehlern. Wir wollen unbedingt als liebenswert wie ein Star befunden werden, was immer wir gerade getan haben. Nichts fürchten wir mehr, als keine Liebe zu finden. Ich bin ein Star - holt mich hier raus! Der Dschungelcamper, der das sagt, der meint eigentlich: Ich bin ein Loser - liebt mich trotzdem!
Ein wahrer Star kennt und spricht nur ein Okayword. Der bedient in einem Kampf den Totmannschalter - komme, was da wolle. Der Totmannschalter ist ihnen bekannt? Ein Zugführer zum Beispiel muss alle paar Sekunden für kurze Zeit einen Schalter runter drücken. Nur dann fährt der Zug weiter. Wird der Schalter nicht mehr gedrückt, weil der Zugführer ohnmächtig geworden ist, dann stoppt der Zug sofort. Mitten auf offener Strecke. Ein echter Star zieht ohne Stopp dahin.
Ein wahrer Star kennt kein Safeword. Der kennt und spricht nur ein Okayword. Der würgt unerfüllte Bedürfnisse hinunter. Der gibt die Rampensau und übertüncht seine Schamgefühle. Der macht weiter und lässt nicht nach. Der ist Optimist in jeder Lage und fürchtet keine Verachtung, noch Tod noch Teufel.
Ja, das gibt es auch. Auch uns dürfte im Leben schon manches Okayword über die Lippen gekommen sein. Aber so richtig wissen wir das nie: Ob in uns ein Okayword oder ein Safeword das Sagen bekommt. Deshalb sehnen wir uns danach, geliebt zu werden. Trotz und mit all unseren Schwächen und Fehlern. Wir wollen unbedingt als liebenswert befunden werden. Was immer wir gerade getan haben. Nichts fürchten wir mehr, als angesichts unserer Fehler keine Liebe zu finden.
Wie gut, dass Gott uns sein Okayword gibt. Wie schön, dass da die Geschichte vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen gilt. Wir müssen nicht auf offener Strecke im Nirgendwo stecken bleiben. Gott sucht und findet uns. Befindet uns als liebenswert. Mögen wir uns auch noch so sehr als Loser vorkommen.
Gott rettet die, die sich in den Umständen ihres Lebens als Loser eingenistet haben. Er rettet die, welche sagen: Finde mich, auch wenn ich ein Loser bin. Liebe mich angesichts meiner Schwächen.
Wer sucht, der findet, das ist selbstverständlich, liebe Gemeinde. Nicht selbstverständlich ist, dass einer das findet, was er sucht. Wer hat schon mal bei Google eine Suchanfrage eingegeben? Um was ging es dabei? Und wie lautete das Ergebnis? Zu viele Treffer? Wie viele falsche Treffer? Gab es einen Volltreffer? Und woran lag das? Stimmte etwas mit der Eingabe nicht? Ist etwa falsch gesucht worden? Oder war da alles richtig? Wie bei Gott, der das Verlorene sucht. Die, die sich angesichts ihres Tuns nicht als liebenswert befinden. Gott sucht das Richtige, Gott sucht Verlorenes.
Gott sucht nicht nur das Richtige, Gott sucht richtig. Und findet deshalb. Das kennen wir Menschen auch anders. Wer da klopft, dem wird aufgetan, heißt es. Wir wissen: Der zweite Halbsatz hat es in sich! Oder wie verstehen Sie denn den Halbsatz „dem wird aufgetan“? Was ist das Verschlossene, das sich einem öffnet?
Ist das ein Mitmensch hinter einer Tür, der dem Anklopfenden entgegenkommt? Oder ist das eine Einsicht des Klopfers, die ihm plötzlich in den Sinn kommt. Eine Idee, die ihm bis zu diesem Zeitpunkt fremd war, verschlossen? Wie zum Beispiel der Gedanke, selbst falsch zu liegen. Zu irren über sich selbst, zum Beispiel über das eigene Verloren sein. Oder zu irren über andere, zum Beispiel über deren Verloren sein.
Wer Kontakt sucht, kriegt Antworten. Manchmal eine gute, manchmal eine wenig erfreuliche. Manchmal eine wahre und manchmal eine Falschauskunft. Oder gar eine Lüge. Und keine Antwort ist halt auch eine Antwort. Und über all den verschiedenen Antworten kann einem ein Licht aufgehen. Ein Licht über den, zu dem man Kontakt sucht. Manchmal auch neue Einsichten über sich selbst. Wer im Internet Freundschaftsportale oder Whats-App nutzt, der kennt das. Der hat manch anderen besser kennengelernt. Und manchmal auch sich selbst.
Gott kennt sich schon längst, von je her. Der braucht sich nicht mehr kennen zu lernen. Er kennt auch uns, seine Menschen. Mit ihren abweisenden Antworten. Ihm muss dazu kein Licht mehr aufgehen. Nur noch uns. Wir müssen erkennen: Er findet uns. Und wir müssen uns finden lassen. Das heißt: Auch wenn wir uns angesichts unseres Tuns nicht als liebenswert befinden, sagen wir uns doch einfach Gottes Okayword. Sprechen wir es als unser Safeword aus.
Fragen wir also Gott: Wie findest Du mich eigentlich so? Dann wird er meinen, anfangs stumm, dann zusehends deutlicher: „Ich finde dich eigentlich gut. Ohne Einschränkung liebenswert. Wer und wie immer Du auch bist und seist.“ Und wir werden uns geliebt fühlen. Was immer wir getan und erlebt haben. Amen.
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Bob Dylan - eine Geschichte vom Suchen des Verlorenen - Predigt zu Lukas 15,1-7 von Frank Fuchs
Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Lk 15,1-7)
Liebe Gemeinde,
der amerikanische Sänger und Liedermacher Bob Dylan hatte die besondere Gabe, verlorenen Menschen nachzuspüren. Dies war sicherlich mit ein Grund dafür, dass er zahlreiche Preise erhielt. Zuletzt wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.
In dem Gleichnis vom verlorenen Schaf kehren sich die Verhältnisse um. Der Hirte lässt seine Herde zurück und geht dem verlorenen Schaf nach. Voller Freude ist er darüber, dass er es gefunden hat.
Dass sich die Verhältnisse umkehren, darum geht es auch in Bob Dylans Lied „The times there are a changing“. Es entstand 1964 inmitten einer unruhigen Zeit für die Vereinigten Staaten von Amerika. In diesem Jahr griffen die USA aktiv in den Vietnamkrieg ein. In demselben Jahr hatte die Bürgerrechtsbewegung für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung einen großen Erfolg gefeiert. Die Rassentrennung in den USA wurde offiziell aufgehoben. Doch bis wirklich alle Ungerechtigkeiten beseitigt waren, war es noch ein langer Weg. Die Aussage, dass sich die Zeiten ändern, entsprach dem Lebensgefühl einer neuen Generation. Das Lied erinnert auch an das Leben Dylans in dieser Zeit: „Der wandernde Sänger steht als Prophet an der Straßenecke, fordert die Passanten zum Stehenbleiben auf und verkündet die unmittelbar bevorstehende Zeitenwende.“ (Heinrich Detering, S.38)
In dieser Zeit war Bob Dylan Sprachrohr und Aushängeschild der Bürgerrechtsbewegung. Im Jahr zuvor hatte er sich an dem Marsch auf Washington beteiligt, der medial weltweit ausgestrahlt hat. Dort hat Bob Dylan ein eigenes Lied selbst gesungen. Sein Lied „Blowing in the wind“ wurde von Peter, Paul & Mary gesungen.
Die Zeiten änderten sich. Für die Geschichte der USA war es so etwas wie eine Zeitenwende, dass nun weiße und schwarze Bevölkerung dieselben Rechte haben sollten. Denn zuvor gab es zum Beispiel noch getrennte Sitzplätze in Bussen und Bahnen und viele weitere Bestimmungen, die die schwarze Bevölkerung diskriminiert haben. Die Sehnsucht nach einer Zeitenwende bestand auch darin, dass der Vietnamkrieg enden sollte und eine Zeit des Friedens für die Vereinigten Staaten von Amerika anbrechen sollte.
Bob Dylan war mit seiner Lyrik und seinen Liedern das perfekte Sprachrohr dieser Bewegung. Eindringlich konnte er das Unrecht, das die schwarze Bevölkerung erlitt, beim Namen nennen. Dem Gefühl der Verlorenheit dieser Menschen in der US-amerikanischen Gesellschaft gab er eine Sprache. Ganz besonders eindrucksvoll gelang ihm das in dem Lied „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, in dem er den Mord an der schwarzen Haushälterin und die milde Bestrafung des weißen Täters anklagt. Sein Gefühl für Gerechtigkeit zeichnet ihn ganz sicher aus und hat zu seinem Ruhm beigetragen. „Was aus meiner Musik herauskommt“, sagte er einmal, „ist der Ruf zur Handlung“. (Detering S.35)
Es gehört zu den Brüchen in seinem Leben, dass er es nicht aushielt, auf eine Rolle festgelegt zu werden. Bei der Verleihung einer Auszeichnung für sein Engagement für die Bürgerrechtsbewegung kam es kurze Zeit später zum Eklat. Er würdigte nicht die Veranstalter, sondern wehrte sich gegen sie, indem er sich schroff gegen die Vereinnahmung seiner Kunst für politische Zwecke wandte. Es zeigt sich: Im Hintergrund seines Handelns stand immer sein Ziel, er selbst sein zu dürfen. Auf dem Hintergrund solcher Ereignisse ist vielleicht leichter zu verstehen, warum er den Nobelpreis nicht persönlich entgegennahm. Oder auch warum er bei Konzerten nicht zum Publikum redet, wie ich ihn selbst einmal beim Konzert in Aschaffenburg erlebt habe.
Bob Dylan hatte schon in jungen Jahren großen Erfolg mit seiner Art, seine Liedtexte zu gestalten und musikalisch umzusetzen. Das, was ihm an Stoffen und Melodien begegnet ist, hat er immer recht frei verwendet, wie einer seiner Biographen schreibt. Wenig hat er sich darum geschert, auf seine Quellen hinzuweisen. Wie er sich bei anderen Autoren bedient hat, so ist er auch mit biblischen Motiven umgegangen. Er hat sie aufgegriffen und verwandelt – wie eben mit Gospelmotiven, dem Auszug aus Ägypten.
Sein Leben war auch von Misserfolgen und Krisen geprägt. Es gab Alben, die beim Publikum nicht ankamen. Und privat wurde seine Lebenskrise darin offenbar, dass 1977 seine Ehe mit Sara Lownds auseinanderging und ihm das Sorgerecht für die vier gemeinsamen Kinder entzogen wurde.
Sicherlich suchte er in all dem Schweren in seinem Leben nach Halt. Er fand es, in dem er sich ganz bewusst dem Christentum zuwendete. Als Auslöser gilt, dass ihm ein Fan statt Blumen ein Kreuz auf die Bühne warf. In einem Hotelzimmer erlebte er den Gekreuzigten wie damals Paulus – als etwas Reales. Dylan ließ sich taufen. Er will nun mehr darüber wissen, was ihm widerfahren ist, und besucht eine Bibelschule. Er studiert die Bibel intensiv und will von nun an ganz bewusst als Christ leben. Einmal sagte er: „Ich wollte lernen, das bewusst zu tun, was ich vorher unbewusst tat.“ Er selbst, der verloren war in seinem Leben, vernebelt durch Drogen und zu keiner festen Bindung fähig, musste sich nun selbst finden lassen.
Drei Alben sind Ende der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre ganz mit christlichen Themen besetzt. Die Lieder brachten ihm eher begrenzten Erfolg, natürlich auch Ablehnung ein. Mit dem dritten Album war der Tiefpunkt seiner öffentlichen Anerkennung und den Verkaufszahlen erreicht. In dem Lied „I believe in you“ auf dem ersten dieser drei Alben singt Dylan daher, dass er am Glauben festhält, auch wenn Menschen ihn dafür ablehnen sollten oder es ihm Nachteile bringen sollte. In dieser Phase wird er sogar zum Verkündiger des Glaubens in seinen Liedern. Wenn er sich auch später wieder weltlichen Themen in seinen Liedern zugewandt hat, so hat er sich doch auch nie von dieser für ihn so wichtigen Phase – ja sogar vielleicht rettenden - losgesagt.
In dieser besonders bewusst christlichen Phase Bob Dylans war ich selbst ein junger Mensch. Als Jugendlicher begegnete mir Dylan als einer, der sucht und Fragen stellt in seinen Texten, der aber auch Antworten findet. Mich hat er beeindruckt, weil er ein Mensch ist, der den Menschen, der verloren ist, dem keiner mehr glaubt und der sich in den Dornen der Gesellschaft verfangen hat, aufsucht. Den schwarzen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter, der wohl zu Unrecht wegen Mordes im Gefängnis saß, hat er aufgesucht. Mit dem Lied „Hurricane“ hat er ihm eine Stimme gegeben. Auf die Initiative Dylans hin wurde er später entlassen.
Nun wurde das Lebenswerk eines Menschen mit dem Literaturnobelpreis geehrt, der den Mut hatte, anderen Menschen, die verloren sind, wie ein guter Hirte nachzugehen. Und in der Verlorenheit seines Lebens hat er sich auch selbst finden lassen. Es passt allerdings zu ihm, wenn er sich auch darauf nicht festlegen lässt. Deshalb war er auch nicht auf all die Auszeichnungen bedacht, die ihm zuteilwurden, auch nicht den Literaturnobelpreis. Er wollte einfach er selbst bleiben. Als Superstar ist das schwer genug. Eigentlich wollte er auch gar kein Vorbild für andere sein. Sein Beispiel zeigt aber, dass es sich lohnt, anderen Menschen, die verloren sind, nachzugehen – und sich vom guten Hirten finden zu lassen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Die biographischen Daten wurden im Wesentlichen dem Buch „Bob Dylan“ von Heinrich Detering entnommen, Stuttgart 20066. Daraus wurde zitiert.
Es wäre gut, wenn ihm Gottesdienst ein Lied bzw. Lieder von Bob Dylan erklingen würden.
Passend wäre auch das Gesangbuchlied „We shall overcome“, Hessen-Nassau 636