Angesehen - Predigt zu Lukas 1,39-47 von Kathrin Oxen

Angesehen - Predigt zu Lukas 1,39-47 von Kathrin Oxen
1,39-47

Elisabeth hatte die Hoffnung ja schon aufgegeben. Sie wusste, dass es so bleiben würde mit den mitleidigen Blicken und dem Getuschel. Und sie kannte die mehr oder weniger diskreten Nachfragen. Die Frage blieb ja sowieso immer die gleiche über die Jahre, nur die Zeitform wechselte. Zu Beginn hieß es: „Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht?“ Und als die Jahre vergingen, eines nach dem anderen, da fragten sie irgendwann: „Wolltet ihr nicht oder konntet ihr nicht?“
Die Antwort war in ihrem Fall immer schmerzhaft eindeutig. Natürlich wollen wir, aber es soll wohl nicht sein. Natürlich wollten wir, aber es sollte wohl nicht sein. Für uns gibt es keine Zukunft, bloß das bisschen Gegenwart und irgendwann sehr viel Vergangenheit. So ist das, ohne ein Kind.

Als ein Engel zu Maria kommt, kündigt er ihr an, dass sie ein Kind erwarten wird. Er hat ihr auch von Elisabeth erzählt. Eine Verwandte von Maria, ihre Cousine, deren Schicksal immer mal wieder zum Gesprächsthema wurde in der Familie.
Elisabeth und Zacharias, nein, da gibt es nichts Neues. Die werden wohl keine Kinder mehr bekommen. Ja, schade ist das. Nun sind sie ja aber auch schon viel zu alt dafür.
Aber der Engel sagt etwas anderes. Er sagt: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Und er sagt auch: Elisabeth ist schwanger, man sieht es schon, sie ist im sechsten Monat.

Und da ist Maria losgelaufen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Und auch, um nicht immerzu an das andere denken zu müssen, was der Engel gesagt hat und an das sie selbst lieber noch nicht so viel denken mochte. Dass auch sie, Maria, ein Kind bekommen würde, Gott weiß, wie. Unmöglich, genauso unmöglich wie bei Elisabeth. Sie ahnt schon jetzt, was auf sie zukommen wird. Mitleidige Blicke, Getuschel, leises Kopfschütteln.
Und dann ist sie bei Elisabeth. Sie sieht ihr ins Gesicht, in das faltige Gesicht einer Großmutter. Und sie sieht Elisabeths Bauch. Das Kind bewegt sich schon, sagt Elisabeth. Unmöglich. Aber nicht bei Gott.

Elisabeth und Maria begegnen sich. Zwei Frauen, die das Allerschlimmste kennen. Eine kinderlose Frau zu sein, das war ja das Allerschlimmste, was einem passieren konnte, damals. Und das andere Allerschlimmste, was einem passieren konnte, damals, war ein uneheliches Kind zu bekommen. Die eine hatte es schon hinter sich, eine Vergangenheit, ein ganzes Leben voller Enttäuschung und Leere. Die andere hat es erst noch vor sich, eine Zukunft voller Ungewissheit und Fragen.

Aber als sie zusammenkommen, da ist es, als träten sie alle aus dem Schatten der Vergangenheit zu ihnen beiden. Alle diese Frauen aus der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. All die Frauen, die auch das Allerschlimmste kennen, die mitleidigen Blicke, das Getuschel, das leise Kopfschütteln.
Sara ist da, Abrahams Frau. Auch sie hat noch ein Kind bekommen zur Unzeit, nach endlosen Jahren ohne Hoffnung. Weiße Haare, ein faltiges Gesicht und ein schwangerer Bauch.
Hanna ist da, auch sie lange kinderlos, mit ihren Tränen und inständigen Gebeten und dem Gesicht voller Scham und Schmerz, die Mutter des Propheten Samuel.
Und Ruth und Naomi sind da, die junge Frau und die alte, nach Israel gekommen als Asylantinnen ohne eine Zukunft und später durch ein Kind eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David.
So geht es zu bei Gott. Unmöglich ist da nichts. Das wissen die beiden Frauen, als sie sich begrüßen, die alte und die junge. Elisabeth und Maria.

Und alle diese Frauen sind in dem Lied, das Maria anstimmt nach dieser Begegnung. Sie singt es allein. Aber eigentlich ist es ein Chor. Der Chor der Frauen, die das Allerschlimmste kennen. Und dieser Chor singt:

Unsere Seele erhebt den Herrn, und unser Geist freut sich Gottes, unseres Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Mägde angesehen.
Siehe, von nun an werden uns selig preisen alle Kindeskinder.

Gut, dass Maria dieses Lied singt. Gut, dass wir sie hören können, denn zu sehen ist sie kaum noch hinter all den Schleiern, die die Zeit um sie gewoben hat. Maria sieht nicht mehr aus wie eine, die das Allerschlimmste kennt.
Auf den Altären in vielen Kirchen trägt sie Kleider aus prächtigen kostbaren Stoffen, mit edlem Faltenwurf. Blau-golden ihr Gewand, sie selbst vor goldenem Hintergrund, wie in einem Schatzkästchen, das sich jederzeit schließen ließe, um sie vor unseren Blicken zu verbergen.
Wir halten Abstand und heben ein bisschen den Kopf, um sie sehen zu können. Das Gegenteil von Niedrigkeit. Sie ist ja ganz abgehoben von den Niederungen des Alltags. Ihr Gesicht bleibt ewig glatt und makellos, auch noch als sie ihren toten Sohn im Schoß hält. Selbst ihr Schmerz ist schon zum Kunstwerk geworden, in den Bildern und Figuren von ihr, in der Musik. Aber eigentlich sieht sie anders aus, Maria, und auch Elisabeth. Und wir sehen sie an.

Elisabeth, die hat einen beigen Mantel an und einen Pullover vom Kleiderstand auf dem Wochenmarkt. Sie hat eine billige Dauerwelle und eine kleine Wohnung, weil für mehr ihre Rente nicht reicht. Elisabeth und ihr Mann sitzen am Abendbrottisch und da ist Margarine und Streichwurst und dünner Tee und wenig Worte. Der Tag ist immer gleich und die Woche auch, weil selten mal Besuch kommt, denn die Kinder sind weit weg und haben ihr eigenes Leben. Die müssen auch sehen, wie sie über die Runden kommen. Das bisschen Gegenwart und viel Vergangenheit.

Und Maria, die ist eine von den Müttern, die ihren Kinderwagen durch die Fußgängerzonen schieben und die zu enge T-Shirts anhaben in grellen Farben. Zu zweit oder zu dritt gehen sie, mit so einer Art trotzigem Stolz. Eine von diesen Müttern, die noch Mädchen sind. Ihre Schwangerschaft hat wohl eher Befürchtungen als Freude ausgelöst. Ein Vater ist meistens nicht so richtig dabei. Man sieht ihnen hinterher und fragt sich, ob das wirklich sein musste und welche Zukunft außer Hartz IV sie jetzt eigentlich vor sich haben. Sie sind ja selbst fast noch Kinder.

Solche Elisabeths, solche Marias, das sind die Menschen, die Gott ansieht. Man kann das nicht nur übersehen, sondern leicht auch überhören, gerade durch die Schönheit der Musik, mit der Marias Lied, das Magnificat, so oft vertont worden ist. Aber da singt keine ansehnliche junge Frau mit Glanz noch in der Stimme. Da singt ein ganz junges jüdisches Mädchen aus der Unterschicht ihrer Zeit.
Aber dieses Mädchen ohne Ansehen singt mit der Kraft all der Frauen, die erfahren haben, dass Gott sie ansieht. Sie singt mit der dünnen alten Stimme Saras. Sie singt mit den Worten der gedemütigten Hanna und sie singt mit der Hoffnung der Asylantin Ruth auf eine Heimat. Sie singt mit der Zuversicht einer alten, armen Frau mit dem Namen Naomi.

Maria singt mit den Stimmen derer, die ohne Ansehen sind. Sie singt für die Elisabeths und die Marias unserer Zeit. Denn die kennen noch ein anderes Allerschlimmstes: Gar nicht mehr gesehen und wahrgenommen zu werden.
Die alten Frauen und ihre Männer, die zurechtkommen müssen mit dem, was am Ende ihres Lebens herauskommt an Rente und mit dem, was für das Leben dann noch übrigbleibt. Die Teenagermütter aus sozial schwierigen Verhältnissen. Und all die anderen Menschen ohne Ansehen, Frauen und Männer, ohne die Möglichkeit und am Ende auch ohne die Motivation, noch ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Maria singt ihr Lied für die Menschen ohne Ansehen. Und sie singt dieses Lied gegen die Menschen mit Ansehen. Auch das möchte man vielleicht lieber überhören.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Armen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Es ist, als wäre Maria ganz schnell bekleidet worden in Gold und Glanz und hoch emporgehoben, bis in den Himmel, damit man das nicht mehr hören muss. Damit man ihr Lied vergessen kann, jedenfalls seinen Text.

„Niemand will in die Tiefe sehen, wo Armut, Schmach, Not, Jammer und Angst ist, davon wendet jedermann die Augen ab. Und wo solche Leute sind, davon läuft jedermann weg, da fliehet, da scheuet, da verlässt man sie und denkt niemand daran, ihnen zu helfen, beizustehen und zu machen, daß sie auch etwas sind. Sie müssen so in der Tiefe und niedrigen, verachteten Masse bleiben.“ (Luther, Auslegung des Magnificats)

Niemand will in die Tiefe sehen. Ich auch nicht. Ich sehe sie auf meinen täglichen Wegen. Sie bringen wie ich ihre Kinder in den Kindergarten. Anders als ich haben sie keine Eile, weil nichts auf sie wartet, weil sie nirgendwo hin müssen, weil sie nirgends gebraucht werden. Menschen ohne Bildung und Ausbildung, ohne realistische Chance auf einen Arbeitsplatz. Menschen, die keine Perspektive für ihr Leben entwickeln können, die nichts mehr aus sich machen können oder wollen, die anfangen, auch äußerlich unansehnlich zu werden. Ich lebe mit ihnen, jeden Tag und begegne ihnen niemals. Die vielzitierte Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm, in Menschen von Ansehen und Menschen ohne Ansehen, das ist meine Wirklichkeit.

Gott gibt denen eine Stimme, die sonst keiner mehr hört. Und lässt sie singen gegen alle Regeln der Welt. Denn bei Gott ist nichts unmöglich. Das ist die Erfahrung von Sara, von Hanna und Ruth und Naomi. Das haben Elisabeth und Maria am eigenen Leib erfahren.
Und durch sie kommt diese Geschichte Gottes mit seinen Menschen auch zu uns, durch Jesus von Nazareth, geboren von einem jüdischen Mädchen am Rand der damals bekannten Welt. So entfaltet sich in Marias Lied die Verheißung Gottes für all die Menschen ohne Ansehen.
Und diese Musik kommt zu Elisabeth und ihrem Mann am Abendbrottisch, zu den Mädchenmüttern in der Fußgängerzone und zu uns heute morgen. Die Hoffnung kommt zu Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise die Hoffnung aufgegeben haben, dass es immer nur nach den Regeln der Welt geht. Sie kommt auch zu mir. Maria singt. Ich höre ihr Lied. Ich höre die Hoffnung in ihrer Stimme:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

Und jetzt sehe ich sie. Ich sehe eine junge Frau in anderen Umständen. Ich sehe das neue Leben. Sie trägt es noch verborgen in sich. Ich höre ihr Lied. Und ich sehe die Welt in anderen Umständen.
Amen.

 

 

 

 

Perikope
02.07.2017
1,39-47

Safeword „Finde mich“ – Predigt zu Lukas 15,1-10 von Markus Kreis

Safeword „Finde mich“ – Predigt zu Lukas 15,1-10 von Markus Kreis
15,1-10

Ich bin ein Star - holt mich hier raus! Das Safeword der Teilnehmer im Dschungelcamp, liebe Gemeinde. Was Dschungelcamp heißt, versteht fast jeder. Aber was bedeutet der Begriff Safeword?
Ein Safeword gibt es im Kampfsport. Zum Beispiel beim Judo. Wer da dreimal schnell hintereinander mit der Innenseite der Hand auf die Matte haut, der spricht ein Safeword aus. Wer im Judo so abklopft, der äußert: Ich gebe den Kampf auf. Und befreit sich so schnell aus einem Hebel oder einem Würgegriff oder Ähnlichem. Damit steht er als Verlierer fest. Und doch zugleich als irgendwie gerettet. Vielleicht vor dem eigenen Ehrgeiz? Dreimal flach auf die Matte schlagen - ein stummes Safeword.
Es gibt auch gesprochene Safewords. Genauer gesagt: Es gibt Kämpfe, in denen einer ein Safeword ausspricht und nicht nur per Geste anzeigt. Damit ist dann ein Konflikt sofort beendet. „Ich bin ein Star - holt mich hier raus!“, das ist so ein Safeword. Es beendet einen Wettstreit im Dschungelcamp. Einer der Teilnehmer sagt es. Und befreit sich aus einer misslichen Lage. Damit macht er sich allerdings zum Verlierer. Was aber kaschiert wird durch den Vordersatz: Ich bin ein Star. Eigentlich könnte der Satz genau so gut heißen: Ich bin ein Loser - holt mich hier raus!

Ist ein Safeword eine Bitte oder ein Befehl? Im Kampfsport und Wettstreit ist das klar. Es gilt wie ein Befehl. Und wer dem Befehl nicht gehorcht, der nimmt sich selbst aus dem Spiel. Da mag man noch so klar der Sieger sein: Ein Sieger, der das Safeword missachtet, der macht sich zum Verlierer.
Wenn Regeln und Kontrolle fehlen, dann sieht das anders aus. In Kämpfen ohne Schiedsrichter wird das Safeword zur Bitte. Es wirkt nicht wie ein Befehl. Das Ergehen des Sprechers liegt in der Hand des Hörers. Immer wieder werden Soldaten trotz erhobener Hände erschossen. Oder Verdächtige, nach denen die Polizei fahndet. Oder Opfer, die von Verbrechern mit der Waffe bedroht werden. Der Ruf „Hände hoch!“ befiehlt, ein Safeword auszusprechen.    

Richtet sich ein Safeword immer an ein Gegenüber? Oder kann es keinen Hörer haben außer seinem Sprecher? Kann es auch ein Monolog sein? Nur zu sich selbst gesprochen? In einem inneren Kampf sozusagen. Kann man sich selbst ein Gegner sein? Einen inneren Streit auskämpfen? Und diesen mit einem Safeword beenden?
Im Dschungelcamp ficht mancher Teilnehmer diesen Kampf. Hin und her gerissen zwischen Ekel und Hunger. Zwischen Scham und Lust am Posen. Zwischen Durchhalten und Aufgeben. Zwischen der Hoffnung, geliebt zu werden, selbst wenn man aufgibt. Und der Furcht, den Fans nicht alles gegeben und deshalb sie verloren zu haben.
In diesem Kampf ein Safeword zu sagen, das heißt: sich als Verlierer zu outen. Vor sich selbst. Sich selbst als Loser zu befinden. Verlierer, weil und indem man seine Bedürfnisse ohne Ekel stillt. Verlierer, weil und indem man auf sein Schamgefühl hört. Loser, weil und indem man ablässt und nicht weiter kämpft. Loser, weil und indem man meint, deshalb nicht mehr liebenswert zu sein.

Heutzutage wird jeder zum Star - und wenn es nur für 15 Minuten ist. So kämpft es in uns, weil wir diese 15 Minuten Ruhm schon genossen haben. Oder weil wir sie noch unbedingt genießen wollen. Es kränkt uns, wenn wir uns in diesem Zwist der Gefühle als Loser zeigen und nicht als Star. Und vielleicht befinden wir uns öfter als Loser als uns lieb ist.
Wir sehnen uns danach, geliebt zu werden. Trotz und mit all unseren Schwächen und Fehlern. Wir wollen unbedingt als liebenswert wie ein Star befunden werden, was immer wir gerade getan haben. Nichts fürchten wir mehr, als keine Liebe zu finden. Ich bin ein Star - holt mich hier raus! Der Dschungelcamper, der das sagt, der meint eigentlich: Ich bin ein Loser - liebt mich trotzdem!          

Ein wahrer Star kennt und spricht nur ein Okayword. Der bedient in einem Kampf den Totmannschalter - komme, was da wolle. Der Totmannschalter ist ihnen bekannt? Ein Zugführer zum Beispiel muss alle paar Sekunden für kurze Zeit einen Schalter runter drücken. Nur dann fährt der Zug weiter. Wird der Schalter nicht mehr gedrückt, weil der Zugführer ohnmächtig geworden ist, dann stoppt der Zug sofort. Mitten auf offener Strecke. Ein echter Star zieht ohne Stopp dahin.  
Ein wahrer Star kennt kein Safeword. Der kennt und spricht nur ein Okayword. Der würgt unerfüllte Bedürfnisse hinunter. Der gibt die Rampensau und übertüncht seine Schamgefühle. Der macht weiter und lässt nicht nach. Der ist Optimist in jeder Lage und fürchtet keine Verachtung, noch Tod noch Teufel.
Ja, das gibt es auch. Auch uns dürfte im Leben schon manches Okayword über die Lippen gekommen sein. Aber so richtig wissen wir das nie: Ob in uns ein Okayword oder ein Safeword das Sagen bekommt. Deshalb sehnen wir uns danach, geliebt zu werden. Trotz und mit all unseren Schwächen und Fehlern. Wir wollen unbedingt als liebenswert befunden werden. Was immer wir gerade getan haben. Nichts fürchten wir mehr, als angesichts unserer Fehler keine Liebe zu finden.
Wie gut, dass Gott uns sein Okayword gibt. Wie schön, dass da die Geschichte vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen gilt. Wir müssen nicht auf offener Strecke im Nirgendwo stecken bleiben. Gott sucht und findet uns. Befindet uns als liebenswert. Mögen wir uns auch noch so sehr als Loser vorkommen.
Gott rettet die, die sich in den Umständen ihres Lebens als Loser eingenistet haben. Er rettet die, welche sagen: Finde mich, auch wenn ich ein Loser bin. Liebe mich angesichts meiner Schwächen.

Wer sucht, der findet, das ist selbstverständlich, liebe Gemeinde. Nicht selbstverständlich ist, dass einer das findet, was er sucht. Wer hat schon mal bei Google eine Suchanfrage eingegeben? Um was ging es dabei? Und wie lautete das Ergebnis? Zu viele Treffer? Wie viele falsche Treffer? Gab es einen Volltreffer? Und woran lag das? Stimmte etwas mit der Eingabe nicht? Ist etwa falsch gesucht worden? Oder war da alles richtig? Wie bei Gott, der das Verlorene sucht. Die, die sich angesichts ihres Tuns nicht als liebenswert befinden. Gott sucht das Richtige, Gott sucht Verlorenes.

Gott sucht nicht nur das Richtige, Gott sucht richtig. Und findet deshalb. Das kennen wir Menschen auch anders. Wer da klopft, dem wird aufgetan, heißt es. Wir wissen: Der zweite Halbsatz hat es in sich! Oder wie verstehen Sie denn den Halbsatz „dem wird aufgetan“? Was ist das Verschlossene, das sich einem öffnet?
Ist das ein Mitmensch hinter einer Tür, der dem Anklopfenden entgegenkommt? Oder ist das eine Einsicht des Klopfers, die ihm plötzlich in den Sinn kommt. Eine Idee, die ihm bis zu diesem Zeitpunkt fremd war, verschlossen? Wie zum Beispiel der Gedanke, selbst falsch zu liegen. Zu irren über sich selbst, zum Beispiel über das eigene Verloren sein. Oder zu irren über andere, zum Beispiel über deren Verloren sein. 
Wer Kontakt sucht, kriegt Antworten. Manchmal eine gute, manchmal eine wenig erfreuliche. Manchmal eine wahre und manchmal eine Falschauskunft. Oder gar eine Lüge. Und keine Antwort ist halt auch eine Antwort. Und über all den verschiedenen Antworten kann einem ein Licht aufgehen. Ein Licht über den, zu dem man Kontakt sucht. Manchmal auch neue Einsichten über sich selbst. Wer im Internet Freundschaftsportale oder Whats-App nutzt, der kennt das. Der hat manch anderen besser kennengelernt. Und manchmal auch sich selbst.   

Gott kennt sich schon längst, von je her. Der braucht sich nicht mehr kennen zu lernen. Er kennt auch uns, seine Menschen. Mit ihren abweisenden Antworten. Ihm muss dazu kein Licht mehr aufgehen. Nur noch uns. Wir müssen erkennen: Er findet uns. Und wir müssen uns finden lassen. Das heißt: Auch wenn wir uns angesichts unseres Tuns nicht als liebenswert befinden, sagen wir uns doch einfach Gottes Okayword. Sprechen wir es als unser Safeword aus.
Fragen wir also Gott: Wie findest Du mich eigentlich so? Dann wird er meinen, anfangs stumm, dann zusehends deutlicher: „Ich finde dich eigentlich gut. Ohne Einschränkung liebenswert. Wer und wie immer Du auch bist und seist.“ Und wir werden uns geliebt fühlen. Was immer wir getan und erlebt haben. Amen.

Perikope
02.07.2017
15,1-10

Bob Dylan - eine Geschichte vom Suchen des Verlorenen - Predigt zu Lukas 15,1-7 von Frank Fuchs

Bob Dylan - eine Geschichte vom Suchen des Verlorenen - Predigt zu Lukas 15,1-7 von Frank Fuchs
15,1-7

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Lk 15,1-7)

Liebe Gemeinde,
der amerikanische Sänger und Liedermacher Bob Dylan hatte die besondere Gabe, verlorenen Menschen nachzuspüren. Dies war sicherlich mit ein Grund dafür, dass er zahlreiche Preise erhielt. Zuletzt wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.
In dem Gleichnis vom verlorenen Schaf kehren sich die Verhältnisse um. Der Hirte lässt seine Herde zurück und geht dem verlorenen Schaf nach. Voller Freude ist er darüber, dass er es gefunden hat.
Dass sich die Verhältnisse umkehren, darum geht es auch in Bob Dylans Lied „The times there are a changing“. Es entstand 1964 inmitten einer unruhigen Zeit für die Vereinigten Staaten von Amerika. In diesem Jahr griffen die USA aktiv in den Vietnamkrieg ein. In demselben Jahr hatte die Bürgerrechtsbewegung für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung einen großen Erfolg gefeiert. Die Rassentrennung in den USA wurde offiziell aufgehoben. Doch bis wirklich alle Ungerechtigkeiten beseitigt waren, war es noch ein langer Weg. Die Aussage, dass sich die Zeiten ändern, entsprach dem Lebensgefühl einer neuen Generation. Das Lied erinnert auch an das Leben Dylans in dieser Zeit: „Der wandernde Sänger steht als Prophet an der Straßenecke, fordert die Passanten zum Stehenbleiben auf und verkündet die unmittelbar bevorstehende Zeitenwende.“ (Heinrich Detering, S.38)
In dieser Zeit war Bob Dylan Sprachrohr und Aushängeschild der Bürgerrechtsbewegung. Im Jahr zuvor hatte er sich an dem Marsch auf Washington beteiligt, der medial weltweit ausgestrahlt hat. Dort hat Bob Dylan ein eigenes Lied selbst gesungen. Sein Lied „Blowing in the wind“ wurde von Peter, Paul & Mary gesungen.
Die Zeiten änderten sich. Für die Geschichte der USA war es so etwas wie eine Zeitenwende, dass nun weiße und schwarze Bevölkerung dieselben Rechte haben sollten. Denn zuvor gab es zum Beispiel noch getrennte Sitzplätze in Bussen und Bahnen und viele weitere Bestimmungen, die die schwarze Bevölkerung diskriminiert haben. Die Sehnsucht nach einer Zeitenwende bestand auch darin, dass der Vietnamkrieg enden sollte und eine Zeit des Friedens für die Vereinigten Staaten von Amerika anbrechen sollte.
Bob Dylan war mit seiner Lyrik und seinen Liedern das perfekte Sprachrohr dieser Bewegung. Eindringlich konnte er das Unrecht, das die schwarze Bevölkerung erlitt, beim Namen nennen. Dem Gefühl der Verlorenheit dieser Menschen in der US-amerikanischen Gesellschaft gab er eine Sprache. Ganz besonders eindrucksvoll gelang ihm das in dem Lied „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, in dem er den Mord an der schwarzen Haushälterin und die milde Bestrafung des weißen Täters anklagt. Sein Gefühl für Gerechtigkeit zeichnet ihn ganz sicher aus und hat zu seinem Ruhm beigetragen. „Was aus meiner Musik herauskommt“, sagte er einmal, „ist der Ruf zur Handlung“. (Detering S.35)
Es gehört zu den Brüchen in seinem Leben, dass er es nicht aushielt, auf eine Rolle festgelegt zu werden. Bei der Verleihung einer Auszeichnung für sein Engagement für die Bürgerrechtsbewegung kam es kurze Zeit später zum Eklat. Er würdigte nicht die Veranstalter, sondern wehrte sich gegen sie, indem er sich schroff gegen die Vereinnahmung seiner Kunst für politische Zwecke wandte. Es zeigt sich: Im Hintergrund seines Handelns stand immer sein Ziel, er selbst sein zu dürfen. Auf dem Hintergrund solcher Ereignisse ist vielleicht leichter zu verstehen, warum er den Nobelpreis nicht persönlich entgegennahm. Oder auch warum er bei Konzerten nicht zum Publikum redet, wie ich ihn selbst einmal beim Konzert in Aschaffenburg erlebt habe.
Bob Dylan hatte schon in jungen Jahren großen Erfolg mit seiner Art, seine Liedtexte zu gestalten und musikalisch umzusetzen. Das, was ihm an Stoffen und Melodien begegnet ist, hat er immer recht frei verwendet, wie einer seiner Biographen schreibt. Wenig hat er sich darum geschert, auf seine Quellen hinzuweisen. Wie er sich bei anderen Autoren bedient hat, so ist er auch mit biblischen Motiven umgegangen. Er hat sie aufgegriffen und verwandelt – wie eben mit Gospelmotiven, dem Auszug aus Ägypten.
Sein Leben war auch von Misserfolgen und Krisen geprägt. Es gab Alben, die beim Publikum nicht ankamen. Und privat wurde seine Lebenskrise darin offenbar, dass 1977 seine Ehe mit Sara Lownds auseinanderging und ihm das Sorgerecht für die vier gemeinsamen Kinder entzogen wurde.
Sicherlich suchte er in all dem Schweren in seinem Leben nach Halt. Er fand es, in dem er sich ganz bewusst dem Christentum zuwendete. Als Auslöser gilt, dass ihm ein Fan statt Blumen ein Kreuz auf die Bühne warf. In einem Hotelzimmer erlebte er den Gekreuzigten wie damals Paulus – als etwas Reales. Dylan ließ sich taufen. Er will nun mehr darüber wissen, was ihm widerfahren ist, und besucht eine Bibelschule. Er studiert die Bibel intensiv und will von nun an ganz bewusst als Christ leben. Einmal sagte er: „Ich wollte lernen, das bewusst zu tun, was ich vorher unbewusst tat.“ Er selbst, der verloren war in seinem Leben, vernebelt durch Drogen und zu keiner festen Bindung fähig, musste sich nun selbst finden lassen.
Drei Alben sind Ende der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre ganz mit christlichen Themen besetzt. Die Lieder brachten ihm eher begrenzten Erfolg, natürlich auch Ablehnung ein. Mit dem dritten Album war der Tiefpunkt seiner öffentlichen Anerkennung und den Verkaufszahlen erreicht. In dem Lied „I believe in you“ auf dem ersten dieser drei Alben singt Dylan daher, dass er am Glauben festhält, auch wenn Menschen ihn dafür ablehnen sollten oder es ihm Nachteile bringen sollte. In dieser Phase wird er sogar zum Verkündiger des Glaubens in seinen Liedern. Wenn er sich auch später wieder weltlichen Themen in seinen Liedern zugewandt hat, so hat er sich doch auch nie von dieser für ihn so wichtigen Phase – ja sogar vielleicht rettenden - losgesagt.
In dieser besonders bewusst christlichen Phase Bob Dylans war ich selbst ein junger Mensch. Als Jugendlicher begegnete mir Dylan als einer, der sucht und Fragen stellt in seinen Texten, der aber auch Antworten findet. Mich hat er beeindruckt, weil er ein Mensch ist, der den Menschen, der verloren ist, dem keiner mehr glaubt und der sich in den Dornen der Gesellschaft verfangen hat, aufsucht. Den schwarzen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter, der wohl zu Unrecht wegen Mordes im Gefängnis saß, hat er aufgesucht. Mit dem Lied „Hurricane“ hat er ihm eine Stimme gegeben. Auf die Initiative Dylans hin wurde er später entlassen.
Nun wurde das Lebenswerk eines Menschen mit dem Literaturnobelpreis geehrt, der den Mut hatte, anderen Menschen, die verloren sind, wie ein guter Hirte nachzugehen. Und in der Verlorenheit seines Lebens hat er sich auch selbst finden lassen. Es passt allerdings zu ihm, wenn er sich auch darauf nicht festlegen lässt. Deshalb war er auch nicht auf all die Auszeichnungen bedacht, die ihm zuteilwurden, auch nicht den Literaturnobelpreis. Er wollte einfach er selbst bleiben. Als Superstar ist das schwer genug. Eigentlich wollte er auch gar kein Vorbild für andere sein. Sein Beispiel zeigt aber, dass es sich lohnt, anderen Menschen, die verloren sind, nachzugehen – und sich vom guten Hirten finden zu lassen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Die biographischen Daten wurden im Wesentlichen dem Buch „Bob Dylan“ von Heinrich Detering entnommen, Stuttgart 20066. Daraus wurde zitiert.

Es wäre gut, wenn ihm Gottesdienst ein Lied bzw. Lieder von Bob Dylan erklingen würden.
Passend wäre auch das Gesangbuchlied „We shall overcome“, Hessen-Nassau 636

 

Perikope
02.07.2017
15,1-7

Gott findet uns - Predigt zu Lukas 15,1-10 von Christiane Borchers

Gott findet uns - Predigt zu Lukas 15,1-10 von Christiane Borchers
15,1-10

Liebe Gemeinde,
die kleine Mona liegt im Bett und will nicht einschlafen. Sie schluchzt, obwohl ihre Mutter bei ihr am Bett sitzt und ihr gute Nacht sagt. „Mama, wo ist Buffi?“, fragt Mona jämmerlich und ist todunglücklich. Buffi ist Monas Teddybär, ohne Buffi im Arm kann sie nicht einschlafen. „Ja, wo ist Buffi denn nur“, überlegt ihre Mutter und guckt sich im Kinderzimmer um. Ihr Blick wandert über das Regal, auf dem die Spielsachen ihrer Tochter aufbewahrt sind. Sorgfältig gleiten ihre Augen suchend über jedes einzelne Bord. Der Teddybär ist nicht dabei. „Warte ein klein wenig“, tröstet sie ihre kleine Tochter „Mama findet Buffi“. Sie erhebt sich vom Bettrand, geht suchend im Kinderzimmer umher. Im Regal ist der Teddy nicht, vielleicht in der Kommode oder im Schrank? Sie zieht die Schubladen der Kommode auf, durchstöbert den Schrank. Der Teddy bleibt verschwunden. Mona liegt still und friedlich in ihrem Bettchen, vertraut vollkommen der Mutter. Die Mutter wird ihren Buffi schon finden. Die Mutter sucht weiter, nimmt die Kissen auf der Kinderbank hoch. Auch hier ist der Teddy nicht. Vielleicht hat sie Buffi mit Monas T-Shirt und der Hose bedeckt, als sie ihre Tochter für die Nacht fertig gemacht hat. Sie sieht unter der Kleidung nach. Nein, auch hier ist Buffi nicht zu finden. Mona wird unruhig. „Mama, wo ist Buffi?“ fragt sie kläglich. „Ich weiß es nicht, mein Schatz, Mama muss weitersuchen“. Endlich entdeckt sie den verlorenen Teddy. Er lugt hinter dem Vorhang am Fenster hervor. „Hier ist dein Buffi“, sagt die Mutter freudestrahlend, greift nach dem Teddy und legt ihn ihrer Tochter in den Arm. Mona lächelt überglücklich. Liebevoll streicht ihre Mutter ihr über den Kopf „Schlaf gut, mein Liebling“ und verlässt das Kinderzimmer. Glücklich und zufrieden schläft Mona ein.

„Vom Suchen, finden und sich freuen“ erzählen die beiden Gleichnisse, die Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten vor Augen stellt. Es hat sich herumgesprochen, dass Jesus Sünder annimmt und mit ihnen isst. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die zu ihm gekommen sind, dulden das nicht. Ihrer Meinung nach verstößt Jesus mit seinem Verhalten gegen die Gesetze der Tora. Jesus stellt die Tora nicht in Frage, er hinterfragt das Bild, das sie von Gott haben.  

Im ersten Gleichnis geht es um einen Hirten, der eines von seinen hundert Schafen verloren hat. Der Hirte macht sich auf die Suche, scheut keine Mühe und sucht solange, bis er es findet. Als er es gefunden hat, nimmt er es auf die Schulter und trägt es nach Hause zu den anderen neunundneunzig Schafen. Die Herde ist wieder komplett. Die Freude des Hirten ist groß. Erfreut läuft er zu seinen Freunden und Nachbarn. Sie sollen sich mit ihm freuen, dass er sein verlorenes Schaf wieder gefunden hat.

Im zweiten Gleichnis erzählt Jesus von einer Frau, die eine Drachme verloren hat. Eifrig sucht sie das Geldstück. Als sie es in ihrem dunklen fensterlosen Haus nicht finden kann, zündet sie ein Licht an, leuchtet jede dunkle Stelle aus, nimmt einen Besen zur Hand und fegt in allen Ecken. Endlich hört sie ein Klirren, die Münze kommt zum Vorschein. Beglückt nimmt sie die wieder gefundene Drachme in die Hand, teilt ihre Freude mit ihren Freundinnen und Nachbarinnen.

Wer etwas wiederfindet, hat zuvor etwas verloren. Dem Finden geht ein Verlust voraus. Der Hirte hat ein Schaf verloren, die Frau eine Drachme. Das Schaf ist dem Hirten wichtig. Er lässt für das eine Schaf neunundneunzig andere zurück. Die Drachme ist der Frau wertvoll, sie setzt viel Energie dafür ein, dass sie diese eine Drachme wiederfindet. Warum ist dem Hirten das eine Schaf so wichtig? Warum der Frau die eine Drachme?
Das eine Schaf vermehrt kaum den Gesamtwert der Herde. Vielleicht möchte der Hirte nicht, dass ihm auch nur eines fehlt. Vielleicht gehört er noch zu den Hirten, die jedes einzelne Schaf kennen und eine Beziehung zu ihren Tieren haben. Solch ein Hirte ist unglücklich, wenn auch nur eines verloren geht. Solch ein Hirte ist in Sorge. Was kann dem Tier nicht alles passieren? Getrennt von der Herde wird es nicht überleben. Wilde Tiere werden es reißen, wenn er es nicht rechtzeitig findet. Womöglich hängt es in einer Felsspalte fest, kann sich aus eigener Kraft nicht befreien. Ein guter Hirte leidet mit, wenn auch nur einem einzigen Tier etwas zustößt.
Und wie ist es mit der einen Drachme? Der materielle Wert einer Drachme schwankte in der Antike. Stand die Drachme gut, ließ sich mit fünf Drachmen ein Ochse erwerben. Drohte eine Inflation, verlor die Drachme an Wert. Im alten Orient kann eine Drachme auch ein Teil der Mitgift oder des Brautschmuckes einer Frau sein. Der Frau ist die eine Drachme wichtig, sonst würde sie nicht so akribisch mit großem Aufwand suchen. Selbst wenn der materielle Wert der Drachme gering sein sollte, hat er ideelle Bedeutung. Das ist wie mit dem Teddybär des kleinen Mädchens, das ohne sein Kuscheltier nicht einschlafen mag. Der Teddybär hat keine Bedeutung, weil er materiell einen großen Wert darstellt. Der Teddybär hat Bedeutung, weil er dem Kind am Herzen liegt.

Wer auf die Suche geht, hat etwas verloren. Es gibt Verluste, die sind nicht schwerwiegend, sie sind einfach nur ärgerlich. Es gibt aber auch Verluste, die lösen großen Schmerz aus. Da ist Brigitte, eine Frau aus unseren Tagen. Brigitte hat ihren Mann verloren. Nicht, dass er gestorben ist, nein, er hat sie verlassen. Sie hat es lange Zeit nicht glauben wollen. Nach fast dreißigjähriger Ehe möchte Manfred die Ehe mit ihr nicht mehr führen. Sie ist fassungslos und verletzt. Es reißt ihr den Boden unter den Füßen weg. Sie und Manfred haben sich gemeinsam ihr Leben aufgebaut, haben Kinder, haben sich etwas geschaffen. Wie werden die Kinder die Nachricht aufnehmen? Was soll sie ihrer Schwester sagen, was ihren Arbeitskolleginnen und Kollegen, was ihren Verwandten und ihrem Bekanntenkreis? Brigitte ist verstört und völlig aus der Bahn geworfen. Es zerreißt ihr das Herz. Manfred will sie verlassen. Ihre Gedanken überschlagen sich, lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Wovon soll sie leben? Ihr kleines Gehalt wird nicht ausreichen. Was wird mit dem Haus? Muss sie jetzt ausziehen? Wo soll sie wohnen? Sie fühlt sich wie abgeschnitten von ihren Wurzeln. Wo soll sie hin? Brigitte hätte nie geglaubt, dass sie je in eine solche Situation kommen könnte. Ihre Ehe ist ihr ein stabiles Fundament gewesen. Es hat die eine oder andere Schwierigkeit gegeben, das will sie nicht leugnen. Aber sie hat selbst nie das Gefühl gehabt, dass ihre Ehe gefährdet ist. „Hat er eine andere?“, ist ihr erster Gedanke gewesen, als Manfred ihr gesagt hat, dass er mit ihr nicht mehr zusammen sein will. „Nein, ich habe keine andere“, hat er ihr glaubhaft versichert. Schlagartig sei ihm klar geworden, dass er nicht so weiter leben wolle wie bisher. Er bräuchte einen Neuanfang. Neuanfang, das kann Brigitte nachvollziehen, das will sie auch. Wenn sie zurück denkt, so muss sie sich eingestehen, dass die letzten Jahre nicht harmonisch waren. Sie möchte auch einen Neuanfang, aber mit ihm und nicht ohne ihn.
Brigitte wendet ihre ganze Kraft auf, um ihren Mann zu bewegen, sich auf einen gemeinsamen Neuanfang einzulassen. „Es gibt immer Möglichkeiten“, versucht sie ihn zu überzeugen: „du musst nur wollen.“ „Nein“, hat Manfred gesagt „ich sehe keinen Sinn darin.“ Brigitte kennt ihren Mann. Er ist konsequent. Bei ihr kann es sein, dass sie es sich bei genauerer Betrachtung noch einmal etwas anders überlegt. Aber Manfred macht das nicht. Mit der Zeit merkt Brigitte, dass sie verloren hat. Ihre Bemühungen sind gescheitert. Sie hat ihn nicht zurück gewinnen können. Brigitte fühlt sich verlassen und allein. Sie fühlt sich wie das verloren gegangene Schaf oder wie die Drachme, die auf dem Boden liegt.

Es gibt Geschichten vom Verloren-Haben und vom Verloren-Sein. Nicht jeder Kraftaufwand führt zum Erfolg. Nicht immer ist am Ende Freude über Verlorenes, das wieder gefunden worden ist. Nicht immer wird am Ende alles gut. In den beiden Gleichnissen vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme gibt es ein Happy-End. Die beiden Gleichnisse gehen deswegen gut aus, weil Gott selbst der Hirte ist, der die Seinen nicht im Stich lässt. Gott selbst ist die Hausfrau, die unermüdlich sucht und nicht aufgibt, bis sie die Drachme wiederfindet. Worauf sollen wir bauen, wenn unsere Bindungen sich auflösen? Wo sollen wir hin, wenn wir schutzlos umherirren? Wem können wir vertrauen, wenn wir am Boden liegen? Doch wohl auf Gott und seiner Hilfe.

Gott lässt von den Seinen nicht. Wir gehören zu ihm. Wenn wir verloren gehen, geht er uns nach. Er sucht solange, bis er uns findet. Gott gibt uns nicht auf, auch wenn wir uns aufgegeben haben. Wie der Hirte sich das verlorene und womöglich verletzte Schaf auf die Schulter legt und es nach Hause trägt, so trägt Gott uns, wenn wir verletzt sind. Wie die Frau jede Ecke ausleuchtet und die Drachme findet, so überlässt Gott uns nicht der Dunkelheit. Wie die Frau die Drachme aufhebt, so hebt Gott uns auf, wenn wir am Boden liegen. Gott kommt, um das Verlorene zu suchen und das Verletzte zu verbinden, so wie Jesus, der gesagt hat: „Ich bin gekommen, das Verlorene zu suchen und das Verirrte zurück zu bringen.“ (vgl. Lk 19,10)

Manche Pharisäer und Schriftgelehrte verurteilen Jesus. „Er nimmt die Sünder an und isst mit ihnen“ werfen sie ihm vor. Haben sie denn nicht verstanden, dass er ihnen ihre Bemühungen, nach Gottes Geboten zu leben, nicht klein redet? Haben sie nicht verstanden, dass er doch nur möchte, dass sie nicht auf andere Menschen herabblicken, die das nicht so erfolgreich praktizieren wie sie? „Ihr habt es doch gar nicht nötig, euch über andere zu erheben“. Gott hat neunneunzig Gerechte eben so lieb wie einen, der verloren war und wieder gefunden ist. Das eine Schaf bedarf in der Not Gottes besonderer Hilfe, die neunundneunzig kommen im Moment ohne ihn aus. Sie bleiben ja nicht ganz ohne Schutz. Die treuen Hirtenhunde passen auf sie auf.
Mit der Frau im Gleichnis verhält es sich ähnlich. Die verlorene Drachme braucht zwar nicht wie das Schaf ihre Hilfe. Aber wenn sie die eine Drachme nicht findet, könnte sie den Ochsen nicht kaufen oder wäre der Brautschmuck nicht komplett.

Getragen vom guten Hirten, blicken wir getrost auf einen neuen Tag. In der Gewissheit, dass Gott uns sucht, wenn wir verloren gehen, schlafen wir beruhigt am Abend ein, so wie Mona, als sie ihren Teddy im Arm hält. Und auch Brigitte darf sich der Obhut Gottes anvertrauen. Ihr Leben geht weiter. Sie darf sich Gottes Hilfe sicher sein. Gott führt alles zu einem guten Ziel. Am Ende wird Freude sein. Amen.     

Perikope
02.07.2017
15,1-10

Ein Freund, ein guter Freund – Predigt zu Lukas 11,5-13 von Andreas Schwarz

Ein Freund, ein guter Freund – Predigt zu Lukas 11,5-13 von Andreas Schwarz
11,5-13

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;

denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 

Im Johannesevangelium 15,14 sagt Jesus zu seinen Jüngern:

Ihr seid meine Freunde.

 

Und in dem alten deutschen schwarz-weiß-Film singen die drei von der Tankstelle:

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.
Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn auch die ganze Welt zusammen fällt.
Ein Freund, ein guter Freund, das ist der größte Schatz, den es gibt.
Sonnige Welt! Wonnige Welt! Hast uns für immer zusammengestellt! Liebe vergeht, Liebe verweht, Freundschaft alleine besteht! Ein Freund, ein guter Freund,
das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund,
auch wenn auch die ganze Welt zusammen fällt. Ein Freund, ein guter Freund,
das ist der größte Schatz, den es gibt.

 

Wie arm, wenn du keinen Freund hast.

 

Schüler nennen solche Leute: MoF – Mensch ohne Freunde. Wie grausam.

Wo doch jeder Freunde braucht. Neben dem Ehepartner. Neben der Familie. Einen Freund, mit dem man fröhlich ist und feiert. Dem man zuhört, wenn er sich aussprechen möchte. Dem man Ratschläge gibt, wenn er sie braucht. Der einem hilft, wenn man es alleine gerade nicht schafft. Den man einfach mal anruft, wenn einem danach ist. Von dem man vielleicht lange nichts hört, aber der am Geburtstag doch an einen denkt. Mit dem man so manches Schöne erlebt hat. Mit dem man manches Traurige durchgestanden hat. Der treu ist und zuverlässig. Auf den man sich verlassen kann. Der einen zu verstehen versucht und nicht verurteilt. Bei dem man so sein darf, wie man ist, wo man sich nicht verstellen muss.

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.
Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn auch die ganze Welt zusammen fällt.
Ein Freund, ein guter Freund, das ist der größte Schatz, den's gibt.
 

Da traust du dich sogar, nachts anzurufen, selbst mitten in der Nacht hinzugehen und ihn um einen dringenden Gefallen zu bitten. Das wird der vielleicht nicht gut finden. Müde ist er und womöglich ein bisschen unfreundlich, aber das verstehst du sicher. Vielleicht denkt er sich – oder sagt es auch – wenn ich dir nicht helfe, wirst du keine Ruhe geben. Also helfe ich dir, damit ich meine Ruhe kriege. Bei Tag besehen tut das nicht so gut und wirft kein so schönes Licht auf eine Freundschaft. Aber bei Nacht besehen, wo man nicht so klar denken kann, wo man sich um den nötigen Schlaf der Kinder sorgt, da empfindet man schon mal so. Freude werden es nicht nachtragen. Für den Moment sind sie zufrieden, das bekommen zu haben, was sie gerade brauchen. Wir ungelegen und mürrisch auch immer: Der Freund wird dich nicht im Regen stehen lassen, er wird dich nicht wegschicken, ohne geholfen zu haben. Du würdest es doch genau so tun, für deinen Freund, für deine Freundin. Um einen Gefallen bitten, weil ihr befreundet seid. Einen Gefallen tun, weil ihr befreundet seid. Das kennt ihr alle, ihr habt Freunde, ihr seid Freunde. Ihr seid meine Freunde, sagt Jesus. Und sie erleben es, was es heißt, mit Jesus befreundet zu sein.„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen.“ Sie haben erlebt, wie gut es ihnen tut, ihn als Freund zu haben. Der für Brot gesorgt hat, als Menschen hungrig waren. Der den Sturm gestillt hat, als sie im Boot auf dem See um ihr Leben gebangt haben. Der Kranke geheilt hat, Traurige getröstet, Schuldige befreit, Verzweifelte aufgerichtet, Tote auferweckt. Weil sie ihn gebeten haben. Bittet, so wird euch gegeben; Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. Ich höre das nicht als mathematische Gleichung. Ich höre das als Einladung. Ihr wisst doch, wie unverkrampft und offen Freunde miteinander umgehen. Das tut ihr doch alle selbst. Da kann man auch die verrücktesten Dinge ansprechen. Im schlimmsten Fall lacht man gemeinsam drüber. Aber was mir auf der Seele liegt, kann ich sagen. Nicht, weil ich weiß, ich kriege es, sondern weil er mein Freund ist. Ihr pflegt ein gutes Verhältnis mit Freunden, traut euch vieles zu sagen, zu fragen, zu bitten. Selbst mitten in der Nacht anzurufen, oder an der Tür zu klingeln. Und Jesus sagt: ihr seid meine Freunde. Er wirbt darum, alle Scheu abzulegen. Traut euch, bittet, sucht, klopft an, seid unverschämt. Ich nehme es euch nicht übel. Ihr geht mir nicht auf die Nerven. Niemals. Ich bin euer Freund. Sagt es mir, jedes Mal, wenn ihr Angst habt; wenn ihr traurig seid, wenn verzweifelt seid, wenn ihr euch ärgert. Bittet, so wird euch gegeben; Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. In der Familie macht ihr gute Erfahrungen, von Anfang an. Euer Kind schreit mitten in der Nacht; die Mutter stillt es – im doppelten Sinn; der Vater trägt es auf dem Arm. Ihr bringt eurem Kind, was es braucht, Milch, Brei, später feste Nahrung; was immer es braucht, um wachsen zu können, um gesund zu bleiben. Niemand von euch kommt auf die Idee, sein Kind zu quälen, ihm das vorzuenthalten, was es braucht, ihm wehzutun. Niemand.

Obwohl wir alle so sind, wie wir sind; Obwohl wir einander enttäuschen, obwohl wir an unseren Ansprüchen scheitern, obwohl wir Fehler machen im Umgang miteinander, obwohl wir einander hintergehen und verletzen, obwohl wir Freundschaften und Beziehungen belasten. Obwohl wir ungerecht sind, manchmal launisch oder mürrisch mit unseren Kindern. Wir wollen das Gute für sie und tun, was wir können. Aber es gelingt nicht immer.

Bittet, so wird euch gegeben; Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.

Es ist unser Vater im Himmel, der gibt, was wir zum Leben brauchen; der sich von uns finden lässt, damit wir wissen, wen wir bitten und wem wir vertrauen; der uns die Tür öffnet, damit unser Leben niemals in einer Sackgasse endet, sondern immer nach vorn offen bleibt, für das Leben; damit niemand sagen, er habe keinen Freund, er sei niemandem wichtig, niemand frage nach ihm, niemand vermisse ihn. Er öffnet uns die Tür der Liebe und der Zukunft. Er schenkt uns seinen Heiligen Geist. Damit wir glauben können, hoffen und lieben. Ihr seid meine Freunde, sagt Jesus. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Perikope
21.05.2017
11,5-13

Mit dem Beten geht das so .... – Predigt zu Lukas 11,5-13 von Katharina Wiefel-Jenner

Mit dem Beten geht das so .... – Predigt zu Lukas 11,5-13 von Katharina Wiefel-Jenner
11,5-13

Und es sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten!  Und Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 

Rogate! Betet!

Mit dem Beten geht das so – sagt Jesus: Betet so wie der Freund, der Gott zum Nachbarn hat.

Beten wir!

Beten wir also so: Verlassen wir uns einfach auf die gute Nachbarschaft zu Gott. Auch mitten in der Nacht, wenn es anklopft und wir nicht weiterschlafen können. Wenn es nicht hilft, die Decke über den Kopf zu ziehen. Wenn es nicht hilft, darauf zu warten, dass es vorbei geht. Wenn es weiter klopft und klopft und uns wach hält. Wenn lange vor Sonnenaufgang die nächtliche Ruhe dahin ist und wir leise vom nächtlichen Lager aufstehen. Hoffentlich mache ich keinen Lärm. Hoffentlich werden die Kinder nicht wach. Hoffentlich bleibt noch ein bisschen Schlaf. Ich muss doch morgen früh raus und habe einen anstrengenden Tag vor mir.
Rogate! Betet! Beten wir also so wie der Freund, der in guter Nachbarschaft mit Gott lebt. Der zögert nicht. Der geht einfach davon aus, dass sich sein Nachbar wie ein echter Freund verhält. Gehen wir einfach davon aus, dass unser Gott wie unser bester Freund handeln wird. Vertrauen wir Gott. Beten wir einfach, mitten in der Nacht, wann immer es nötig ist. Was auch immer uns bedrängt, anklopft, den Schlaf hindert.

So geht das mit dem Beten – sagt Jesus!

 

Beten wir!

Beten wir auch so wie der Freund, der mitten in der Nacht für seinen Freund zu Gott geht, weil der ihn braucht. Er verlässt sich in der Not einfach auf die gute Nachbarschaft zu Gott.

Beten wir also so für die Freunde, die mitten in der Nacht zu uns kommen. Für die, die erst ankommen, wenn schon alle Türen verschlossen sind. Für die, deren Reise mühsam und voller Hindernisse war. Für die Müden und Erschöpften und für die Hungrigen. Wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind und ihr Weg noch weit ist, brauchen sie einen Ort der Ruhe. Beten wir für sie, wie der Freund, dessen Nachbar Gott ist. Bitten wir für sie bei Gott, denn sie vertrauen uns. Klopfen wir bei Gott an, damit wir ihnen Brot geben können. Klagen wir Gott ihr Leid, damit wir sie trösten können. Fragen wir Gott, wie es weitergehen soll, denn sie sind zu müde und erschöpft dazu. Mitten in der Nacht sind sie auf uns angewiesen. Wir haben Gott als Nachbarn. Wir können Gott für sie bitten. Wir können bei Gott für sie Hilfe suchen. Wir können für sie anklopfen. Von wem, wenn nicht von uns, sollen sie es erwarten. Beten wir so wie der Freund. Er verlässt sich einfach darauf, dass Gott wie ein guter Nachbar ist und der auch für die Reisenden da ist. Der ein offenes Herz und Brot hat.

So geht das mit dem Beten – sagt Jesus.

 

Rogate! Betet!

Und noch eines sagt Jesus: Betet so wie Kinder.

Beten wir also wie die Kinder, die alles von ihren Eltern erwarten, was sie zum Leben brauchen. Alles empfangen sie und alles erwarten sie von den Eltern. Niemand anderes könnte ihnen geben, was sie zum Leben nötig haben. Niemand anderes weiß besser, was ihren Hunger stillt, niemand kann ihnen die Welt besser erklären. Auf sie verlassen sie sich, um zu bekommen, was das Herz erwärmt und was die Tränen trocknet. Alles empfangen sie von ihnen: sogar das Leuchten der Sterne, das Lachen mit Freunden, den Ball zum Spielen und auch das Marmeladenbrot. Sie empfangen es und wenn sie darum bitten, dann wissen die Eltern schon längst, was sie brauchen.

Beten wir wie die Kinder, die sicher sind, dass sie Brot und Fisch bekommen. Beten wir zu Gott so wie Kinder, die wissen, dass ihre Eltern ihnen nie schaden und die absolut sicher sind, dass die Eltern es gut meinen. Beten wir zu Gott so wie die Kinder, die alles von ihren Eltern erwarten und weil sie wissen, dass sie alles für ihre Eltern sind.

Beten wir so. Gott ist uns Vater und Mutter. Von ihm empfangen wir Leben und Liebe, Brot und Wein. Wir sind diese Kinder und wir können alles von Gott erbitten, das Brot und den Wein, sein Wort und den Frieden. So geht das mit dem Beten – sagt Jesus.

 

Beten wir!

Aber wie geht das wirklich, Jesus!?

Manches Mal sind die Nächte lang. Manches Mal fehlt der Mut, in die Dunkelheit hinauszutreten. Manches Mal ist der Weg mitten in der Nacht weit. Selbst wenn Gott ganz nah ist, sogar näher als der hilfsbereiteste Nachbar und auch näher als die beste Freundin. Manches Mal empfangen wir zwar das nötige Brot, aber für das Herz wäre der ersehnte Ball wichtiger gewesen. Schlimmer noch: Manches Mal können wir den Freund nicht trösten und wissen genauso wenig wie die Reisenden den Weg.

Beten – wie geht das, Jesus? Wenn die Angst bleibt? Wenn die Schmerzen quälen? Wenn die Tränen nicht trocknen? Wenn die Ratlosigkeit wächst?

Jesus? Jesus!

 

Herr, lehre uns beten! (Lk11,5b)

Mit dem Beten geht das so – sagt Jesus:

Betet wie Jüngerinnen und Jünger. Ihr seid Gottes Kinder, aber ihr seid nicht unmündig. Betet wie Erwachsene. Der Glaube ist kein Ammenmärchen, keine Fabel oder Illusion. Der Glaube ist eine große Kraft und jedes Gebet hat Anteil an dieser Kraft. Sogar dann, wenn es der Glaube schwer hat, steckt in jedem Gebet genügend von dieser Kraft Gottes, die den Glauben wieder stark macht.

Beten wir also wie die Jüngerinnen und Jünger. Wenn der Weg voller Gefahren ist, beten wir um Mut. Wenn die Tränen fließen, bitten wir um Trost. Wenn wir den Hunger sehen, ringen wir mit Gott um einen Plan für die Gerechtigkeit. Wenn wir müde und traurig werden, bitten wir Gott um Zuversicht. Wenn sich die Lüge breit macht, bestehen wir bei Gott darauf, dass die Wahrheit Kraft hat. Wenn der Hass um sich greift, bitten wir um Frieden.

So geht das mit dem Beten – sagt Jesus.

Wenn ihr mich bittet „Herr, lehre uns beten!“ - dann hört meine Worte, teilt mein Brot, nehmt hin meinen heiligen Geist. Und wenn der Abend kommt, bleibe ich bei euch. Wenn der Weg schwer wird, gehe ich mit euch. Wenn alles in der Dunkelheit versinkt, macht mein Heiliger Geist alles neu.

So geht das mit dem Beten – sagt Jesus.

Dann beten wir also so: Komm, Heiliger Geist?

Ja, genau so betet: Komm, Heiliger Geist, mache uns und diese Welt neu?

Amen.

 

 

 

Perikope
21.05.2017
11,5-13

Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie je zuvor - Predigt zu Lukas 24,36-45 von Karl Friedrich Ulrichs

Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie je zuvor - Predigt zu Lukas 24,36-45 von Karl Friedrich Ulrichs
24,36-45

Da reden sie und reden. Sie reden wie wir reden, wenn wir etwas nicht verstehen, etwas nicht glauben können, wenn uns etwas verwirrt: Sie reden durcheinander, leidenschaftlich, fragend, zaghaft der eine, fast euphorisch der andere. Dass Jesus auferstanden sei. Und dass das nicht möglich sei. Da reden sie und reden, sie können nicht anders. Schweigen können sie nicht.

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!
Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

Da reden sie und reden. Und in ihre Worte klingt hinein sein Wort: „Friede sei mit euch!“ Das ist sein Wort: Friede, sein Wort, an dem er zu erkennen ist wie an seiner Stimme. Bevor unsere Ostermontagsgeschichte überhaupt richtig beginnt, ist das Wichtigste schon gesagt: Friede. Und es ist vom Wichtigsten gesagt. Von dem, der mitten unter uns tritt, wenn wir reden von ihm und seiner Auferstehung. Wenn man vom Teufel spricht, kommt er – das stimmt nicht, wahr ist: Wenn man vom Auferstandenen spricht, kommt er. In unsere Worte über den Auferstandenen mischen sich die Worte des Auferstandenen. Und dann ist er unter uns. Lebendig ist er bei uns. Seine Lebendigkeit zeigt sich an seinem Wort. Und sein Wort in seiner Lebendigkeit.

Die Freunde hören wohl, trauen aber ihren Augen nicht. Gehört haben sie Jesus, was sie aber sehen, kann er nicht sein – sondern ein Geist. Der Zweifel des Herzens trübt unsere Augen noch stärker, als er die Ohren trügt. Sie hören Jesu Gruß und seine vertraute Stimme und sehen ihn nicht. Einen Geist sehen sie, wo doch ein wahrer Mensch zu sehen ist. Angst nimmt Geister wahr, wo keine sind. Und dennoch ist es sehr vernünftig, dass sie sich erschrecken und einen Geist zu sehen meinen. Verrückt wäre es anzunehmen, der tote Jesus wäre wieder bei ihnen. Verrückt ist, was uns an Ostern zugemutet wird. Wir wollen das heute nicht ermäßigen und uns zu leicht machen. Denn wenn wir jetzt so reden über Jesus, über sein neues Leben – es könnte ja sein, dass er mitten unter uns tritt.

Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.
Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 

Der auferstandene Jesus kommt zu seinen Freunden. Er zeigt ihnen seine Hände. Er zeigt, was er getan hat, was er angefasst hat, wem er seine Hände aufgelegt hat zu Heilung und Segen, der gekrümmten Frau, dem toten Kind, wem er mit seinen Händen Brot und Wein und Gewissheit und Gemeinschaft gegeben hat. Dass das wahr ist, sehen sie an den Wunden seiner Hände.

Der auferstandene Jesus kommt zu seinen Freunden. Er zeigt ihnen seine Füße. Er zeigt ihnen die Wege, die er mit ihnen und sie mit ihm gegangen sind – in die Dörfer und Städte,  zu den Menschen am Rande und zum Maulbeerfeigenbaum, auf dem Zachäus saß. Und schließlich der lange Weg zu Fuß nach Jerusalem und die Wege dort nach Gethsemane ins Gebet und dann gefesselt zu denen mit Macht und Hass, am Ende die schweren Schritte nach Golgatha, dabei statt der zwölf Freunde zwei Kriminelle. Dass das wahr ist, sehen sie an den Wunden seiner Füße.

Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?
Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.
Und er nahm's und aß vor ihnen.

Seine Hände also und seine Füße mit den Wunden. Die müssen doch weh tun, entsetzlich weh! Hat Jesus denn keine Schmerzen? Und wenn er keine hat – ist es dann Jesus? Diese Fragen stellen sich die Freunde gar nicht – sie freuen sich. Wir können es ihnen nicht verdenken. Sie freuen sich so sehr, so ausschließlich, dass sie nicht glauben. Sie kommen einfach aus dem Staunen nicht heraus. Nicht glauben können vor Freude – Lukas macht es uns nicht leicht mit seiner Geschichte des auferstandenen Jesus. Und das ist auch ganz richtig so – es ist ja auch nicht leicht. Wir kommen aus dem Staunen ja auch nicht heraus. Je länger ich diese Geschichte lese, desto mehr staune ich. Was heißt eigentlich die überaus höfliche Frage „Habt ihr etwas zu essen?“ – Habt ihr zu essen? Seid ihr gut versorgt? Oder heißt diese Frage: Kann ich bitte etwas zu essen bekommen? Ich habe Hunger. Sie verstehen ihn richtig und stillen seinen Hunger. Sie geben ihm etwas, ein Stück gebratenen Fisch. Mit seiner Frage nach Essen macht Jesus seine Freunde zu Menschen, die etwas geben, die sich kümmern statt im eigenen Kummer zu verharren. Am Hunger wird er als leibhaftiger Mensch erkannt. Und indem er „vor ihnen“ isst, macht er sie zu Zeugen seines Lebens. Dass Jesus „vor ihnen“ isst, ist keine Demonstration, sondern ein Dienst. Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie zuvor. Er lässt uns teilhaben an seiner Auferstehung.

Eine alte Predigt über diese Geschichte habe ich gelesen, einen Satz nur, der in diese Geschichte hineingemogelt wurde. In einigen mittelalterlichen Handschriften wird Jesu Essen vor seinen Freunden weitergeschrieben: „… und die Reste gab ihnen.“ Übrigens haben – für die Feinschmecker unter uns – gerade diese Handschriften den Fisch noch mit Honig verfeinert. Es kann jedenfalls gar nicht anders gewesen sein: Der auferstandene Jesus schafft Gemeinschaft beim Essen wie zuvor. Er gibt, was er selbst empfängt. Und ich glaube wie die mittelalterlichen Mönche, die diesen Gedanken hineingeschrieben haben, Jesus will, dass auch wir Gemeinschaft haben beim Essen, im Kloster, in der Familie, in der Gemeinde, mit den Gästen, die in unsere Stadt kommen, wegen Luther die einen, wegen Gewalt und Armut die anderen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.
Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.

Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie zuvor. Aus Menschen, die durcheinander reden, werden Menschen, die zuhören. Vom gegenwärtigen Jesus lassen sie sich erinnern an seine Worte. Und die, die gerade noch redeten und redeten, die eben noch verschlossen waren im Reden und Zweifeln und in zweifelhafter Freude, sie werden offen für die Unglaublichkeiten der Heiligen Schrift – Sie wissen schon: das mit Abraham und dem Glauben, das mit Mose und der Freiheit und wie Beter um Gottes Ohr ringen und Propheten um seinen Mund und das mit Jesus, dem Heiland. Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie zuvor. Wenn wir die Schrift verstehen, dann nur, weil der auferstandene Jesus uns das Verständnis dafür geöffnet hat. Oder andersherum und weiter gedacht: Wenn wir die Schrift verstehen, erweist sich Jesus als der, der lebt. Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!
Amen.

Perikope
17.04.2017
24,36-45

Immer noch Ostern – Predigt zu Lukas 24,36-45 von Hans-Hermann Jantzen

Immer noch Ostern – Predigt zu Lukas 24,36-45 von Hans-Hermann Jantzen
24,,36-45

 

Liebe Gemeinde,
die Botschaft ist raus: „Christ ist erstanden!“ Am Ostermontag ist diese Nachricht eine Nachricht von gestern. Am Tag danach: Katerstimmung? Predigtkater?[1]
Aber noch ist Ostern. Ostern ist noch lange nicht vorbei. Ostern geschieht immer wieder und immer dort, wo Menschen sich für den Auferstandenen öffnen. Wo wir uns Herz, Sinn und Verstand öffnen lassen für das, was Gott mit uns und mit der Welt vorhat.
Darum feiern wir auch am Tag danach noch Ostern. Der Gottesdienst am Ostermon-tag ist mehr als ein Nachgesang. Wir singen fröhliche Danklieder, weil wir in der Gewissheit leben: Die Sache Jesu geht weiter.

Ich lade Sie zu einem kleinen Osterspaziergang ein. Wir begleiten die beiden Jünger von Jerusalem nach Emmaus und zurück. Wir haben die Geschichte eben als Evangeliumslesung gehört. Behutsam hat der fremde Weggefährte sie aus ihrer Trauer und Verzweiflung herausgeholt. Zuerst erkennen sie ihn nicht, aber dann, als er das Brot bricht, gehen ihnen die Augen auf. Was macht’s, dass er so unvermittelt, wie er sich zu ihnen gesellt hat, auch wieder verschwindet. Noch am späten Abend eilen sie zurück nach Jerusalem. „Brannte nicht unser Herz…?“ (Lk 24,32) Und sie bringen ihren verängstigten Freunden die gute Nachricht: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ (Lk 24,34)

Das brennende Herz fragt nicht. Es singt und jubelt. Die Fragen kommen später. Und die Zweifel. Der Verstand schaltet sich ein. Kann so etwas überhaupt seien – Auferstehung? Ist da wirklich etwas dran? Oder ist alles nur Einbildung? Wunschdenken überhitzter Gemüter?
Solche Fragen haben schon die erste Gemeinde in Jerusalem umgetrieben. Lukas versucht, Antworten zu geben - in den Bildern seiner Zeit. Der Predigtabschnitt für heute folgt unmittelbar auf die Emmausgeschichte. Nun allerdings nicht mehr zart-poetisch, sondern ganz massiv. Hören Sie aus dem Lukasevangelium im 24. Kapitel.

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. (Lk 24,36-45)

Ich werde jetzt nicht in die Falle tappen, die evangelikale Fundamentalisten gern aufstellen: Da seht ihr es, Auferstehung des Fleisches! Keine Erscheinung, kein frommes geistliches Erleben, keine Vision…  Ganz real. Leiblich. Zum Anfassen. „Und die Bibel hat doch Recht.“
Ich bin überzeugt: damit würden wir dem Text Gewalt antun. Und wir würden vermutlich genau so in die Bredouille kommen wie jener Ordensgeneral der Jesuiten, zu dem eines Tages ein Archäologe kommt. In großer Aufregung erstattet er ihm Bericht über seine Ausgrabungen in Jerusalem: „Ich habe das Grab Jesu gefunden!“ „Das ist ja wunderbar“, sagt der General. „Ja, ja“, entgegnet der Archäologe bedrückt, „aber das Grab war nicht leer. Das Skelett Jesu lag darin.“ „Wie?“ ruft der Ordensgeneral erstaunt, „dann hat er also wirklich gelebt?“

Die Frage, ob die Auferstehung Jesu wörtlich, also physisch-körperlich zu verstehen ist, ist keine moderne Frage. Sie gehört schon ins erste Jahrhundert. Schon die erste Gemeinde hat damit gerungen. Kritiker und Spötter von außen setzten der Gemeinde zu: Was ist denn nun mit eurem Auferstandenen? Jesus war doch gar kein echter Mensch. Er hatte nur einen Scheinleib. Seine ganze Botschaft hat weder Hand noch Fuß.
Schweres Geschütz. Lukas hält dagegen. „Fasst mich an! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen!“ lässt er den Auferstandenen sagen. Drastischer geht es kaum. Und der Gipfel der Sehnsucht nach handfesten Beweisen: Jesus bittet um etwas zu essen und verspeist vor den Augen der Jünger einen Fisch. Keine Ostergeschichte der Bibel geht so weit.

Schauen wir noch einmal in den Text. Jesus tritt mitten unter die Jünger mit dem Friedensgruß: „Friede sei mit euch!“ Die Ähnlichkeit zur Geschichte vom ungläubigen Thomas (Joh 20,24ff.) ist augenfällig. Seit urchristlichen Zeiten ist dieser Gruß ein Zeichen für die Gegenwart des Auferstandenen. Erstaunlich, dass die Jünger trotzdem in Panik geraten. Sie denken: „Das kann nur ein Geist sein.“ Eine alte Handschrift spricht von einem Gespenst (griechisch: phantasma). Das trifft die Sache gut.

Der Auferstandene – nur ein Hirngespinst seiner Anhänger? Diesem spöttischen Vorwurf will Lukas den Wind aus den Segeln nehmen. Nein, der Auferstandene ist kein Hirngespinst. Seine Gegenwart ist real! Man kann sie erfahren. Man kann sie spüren. Im Hören auf sein Wort. Im gemeinsamen Singen und Beten. Man kann sie anfassen und schmecken. In der Mahlgemeinschaft. Die Botschaft des Jesus von Nazareth hat Hand und Fuß. Und sie wirkt über seinen Tod hinaus weiter.

Und der Fisch? Auch er taugt nicht als „physischer Beweis“ für die Realität des Auferstandenen. Seit es christliche Gemeinden gibt, ist der Fisch ein Erkennungszeichen der Christen. Die griechischen Anfangsbuchstaben von „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter oder Heiland“ ergeben das griechische Wort ICHTHYS, und das heißt auf Deutsch: Fisch. Der Fisch ist zum Zeichen der Tischgemeinschaft geworden. Bis heute. Wo immer sich Menschen in Jesu Namen versammeln und miteinander essen, ist der Auferstandene mitten unter ihnen gegenwärtig.

„Seht meine Hände und meine Füße. Fasst mich an…“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit Ihrem Osterglauben geht. Ich habe mich oft damit herumgeschlagen, wie diese massiven Sätze zu verstehen sind. Ich habe gelernt: Es tut meiner Osterfreude keinen Abbruch, wenn ich sie als metaphorische Rede, als Bildersprache deute. Statt mich daran wundzureiben, wie das nun genau passiert ist mit der Auferstehung, bin ich frei geworden, nach der Gegenwart des Auferstandenen in meinem Leben und in der Welt zu suchen. Und ich finde sie vielfach.

Ich erlebe sie da, wo ich mit unserem schwer behinderten Enkel lachen und spielen kann. Wenn er mich anstrahlt, wenn er mir mühsam die Buchstaben vorspricht, die er neu in der Schule gelernt hat. Dann wird mein Herz, das mir oft schwer war und mit Gott gehadert hat, leicht und froh.
Ich erlebe die Gegenwart des Auferstandenen, wo Schwestern und Pfleger, Krankenhausseelsorger oder Mitarbeiterinnen des Hospizbesuchsdienstes liebevoll und respektvoll mit schwerkranken und sterbenden Menschen umgehen. Wir haben das im letzten Sommer selber dankbar erlebt, als meine Schwiegermutter bei uns zu Hause sterben durfte.
Ich erlebe die Gegenwart des Auferstandenen, wo Menschen dagegen aufstehen, wenn andere wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion ausgegrenzt und verächtlich gemacht werden. Es ist für mich Ausdruck der Osterhoffnung, dass nach wie vor so viele Menschen beruflich oder ehrenamtlich den Geflüchteten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie stehen für eine offene Gesellschaft, getragen von Vertrauen, Toleranz und Dialog.
In einem neuen Osterlied hört sich das so an:

Manchmal feiern wir mitten im Tag
ein Fest der Auferstehung.
Stunden werden eingeschmolzen, und ein Glück ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Wort
ein Fest der Auferstehung.
Sätze werden aufgebrochen, und ein Lied ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Streit
ein Fest der Auferstehung.
Waffen werden umgeschmiedet, und ein Friede ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tun
ein Fest der Auferstehung.
Sperren werden übersprungen, und ein Geist ist da.
                                                                                                (Text: Alois Albrecht)

„Seht meine Hände und meine Füße…“ Ich begreife: Der Auferstandene bleibt der Gekreuzigte. Weil es Gott ernst ist, auch in meiner Angst, in meiner Schuld, in meiner Gottverlassenheit, an meiner Seite zu bleiben.
Aber der Gekreuzigte ist eben auch der Auferstandene! Der Tod behält nicht das letzte Wort. Gott sagt „ja und amen“ zu dem Weg Jesu ans Kreuz und erklärt ihn zum Weg ins Leben. Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind stärker als Hass, Gewalt und Tod. Das Böse kann nur mit Gutem überwunden werden.
Die Osterbotschaft „Der Herr ist auferstanden!“ – eine Nachricht von gestern? Ganz und gar nicht. Sie wirkt weiter. Sie berührt und verändert unser reales Leben. Sie ist existentiell, lebensentscheidend. Weil sie die Hoffnung beflügelt. Die Hoffnung auf Leben – mitten in einer todesvesessenen Welt.
Ich bin froh, dass heute immer noch Ostern ist und morgen und die kommenden Tage auch. Wo wir unser Herz sprechen lassen, da blüht das Leben auf. Auch da, wo wir auf den ersten Blick nur Tod und Verfall sehen.
„Ostern ist die härteste Währung der Hoffnung.“ hat Berthold Brecht einmal gesagt. Er hatte verstanden: Wenn wir nichts über den Augenschein hinaus hoffen, dann können wir gleich einpacken. An dieser Hoffnung möchte ich festhalten und mich von ihr beflügeln lassen.
Amen.

 

[1] Diesen Predigteinstieg verdanke ich Jutta Noetzel, Göttinger Predigtmeditationen 71, S.221.

Perikope
17.04.2017
24,,36-45