„Hilf dir selbst?“ – Predigt zu Lukas 23,33-49 von Tom Mindemann
Lk 23,33-49
Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.
Jesus – eine Trauerrede
Liebe Gemeinde,
an diesem Freitag ist Jesus von Nazareth im Alter von etwa 30 Jahren durch den Tod aus unserer Mitte genommen worden.
Mit ihm verloren wir einen Bruder und Freund, einen Lehrer, ein Idol. An ihm konnte man ablesen, wie es ginge: Mensch zu sein und Ebenbild Gottes.
Schon immer im Leben hat sich Jesus zuallererst für die anderen und ihr Heil interessiert und engagiert. Der Ehrentitel „Heiland, Christus“ ist ihm gewissermaßen schon in die Wiege gelegt worden.
Gerne erinnern wir uns alle Jahre wieder an die wundersamen Umstände seiner Geburt. Damals waren es Hirten, die als erstes davon erfuhren. „Dieses Kind muss jemand ganz Besonderes sein.“
Schon früh fühlte er sich in besonderer Weise Gott verbunden, den er liebevoll „Vater“ nannte.
Seine Jugend verbrachte Jesus größtenteils in Nazareth, bevor er in Kapernaum und verschiedenen anderen Städten Galiläas lebte und wirkte. Zuletzt hatte er eine Reise durch Samarien bis nach Jerusalem unternommen. Inzwischen durch seine Reden und seine Heilungen zu einer Berühmtheit geworden, bereitete man ihm in Jerusalem einen großartigen Empfang. Schaulustige säumten die Straßen und begrüßten ihn, winkend mit Palmwedeln, und rufend: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herren!“
Unvergessen bleibt sein Gebet, in dem er Gott für uns alle als „Unser Vater“ anspricht.
Unvergessen auch seine Worte über Brot und Wein als „Mein Leib, mein Blut“, die bis heute mit seiner Nähe verbunden sind und über die sich bis heute dennoch die Geister scheiden.
Wer außer Jesus selbst hätte vorhersehen können, dass sich das Schicksal so schnell wenden würde?
Wer außer Jesus selbst hätte, hätte das Schicksal wenden können, dass doch so vorhersehbar war?
Zuletzt ging alles ganz schnell. Jesus brachte mit einer fragwürdigen Aktion im Tempel die Oberen in Politik und Religion gegen sich auf. Er wurde in einer nächtlichen Polizeiaktion verhaftet. Und in dem kurzen Prozess, den man ihm machte, schwand sein Rückhalt im Volk so schnell, wie er vorher groß gewesen ist.
Jesus wurde hingerichtet als Verbrecher unter Verbrechern. Die letzten Stunden müssen ein Martyrium gewesen sein. Die bei ihm waren, zumindest aus der Ferne, berichten von Hohn und Spott und körperlichen Qualen.
Nichts Tröstendes gibt es da noch über ihn zu sagen.
Es starb nicht schnell, nicht schmerzlos. Er ist nicht „eingeschlafen“, wie man sagt. Nicht in den Armen seiner Mutter. Nicht zu Hause. Nicht alt und lebenssatt. Nicht in Frieden.
Tröstend aber, was er sagte: Noch am Kreuz hat er für seine Peiniger gebetet, dass Gott ihnen vergeben möge.
Auch angesichts des Todes hat er einem seiner Mitverurteilten den Blick auf das Paradies geöffnet.
Gegen fünfzehn Uhr ist Jesus verstorben, mit den Worten aus dem alten Abendgebet von Psalm 31, Vers sechs auf den Lippen: Ich befehle meinen Geist in deine Hände.
Er wird uns immer in Erinnerung bleiben, mehr noch als mit den Worten des Hauptmanns auf Golgatha: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen.(Lk 23,47)
Hilf dir selbst!
Trauerreden greifen zu kurz, wenn sie nur von Trauer reden, wenn ihnen die Perspektive fehlt.
Was bleibt vom Leben, wenn Sterben als Scheitern gilt und der Tod als Ende?
Dann bleibt nur:
Hilf dir selbst.
Steig herab vom Kreuz.
Steh auf vom Boden.
Nimm dein Leben in die Hand.
Sei deines Glückes Schmied.
Zeig Fleiß in der Schule und Opferbereitschaft bei der Arbeitssuche.
Quäl dich beim Sport für deine Gesundheit und dein Wohlbefinden.
Manage deine Zeit, um alle Erwartungen erfüllen zu können in Beruf und Familie.
Und mach eine gute Figur dabei.
Übe dich in Gelassenheit, wenn doch einmal die Kräfte schwinden.
Trag es mit Fassung und Würde, und fall dabei keinem zur Last.
Hilf dir selbst!
Das ist das Credo der Starken.
Das ist der Spott von oben, gegenüber denen die nicht stark sind.
Dreimal haben sie Jesus so verspottet, der am Kreuz hing, und dem nicht mehr zu helfen war.
Hilf dir selbst!
Das ist aber vielleicht auch der verzweifelte Ruf derer, die auf Wunder bauen, weil sie glauben, dann richtig glauben zu können.
Vielleicht hätte Judas gerne so gerufen, damit Jesus im Garten Gethsemane den Soldaten endlich zeigen würde, wer hier der Herr ist.
Vielleicht hätte Petrus so gerufen, wenn er sich getraut hätte, als der Hahn krähte.
Vielleicht formten auch die Bekannten Jesu und die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren bis Golgatha, lautlos mit ihren Lippen: „Hilf dir selbst“, in der Hoffnung, dass sie keiner bemerkte.
Was wäre wenn?
Angenommen, Jesus hätte sich selbst gerettet.
Angenommen, er hätte die Fesseln zerrissen – bei Lukas steht nichts von Nägeln.
Angenommen, er wäre vom Kreuz gestiegen.
Nicht in Finsternis, sondern mit Blitz und Donner beispielsweise, und großem Ungewitter.
Und er hätte sie besiegt, die ihm ans Leben wollten oder auch einfach nur ratlos und hilflos und heillos zurückgelassen.
Was wäre denn dann? Was wäre denn dann gewonnen?
Dann würde doch, wer an ihn glaubt, glauben, er könne sich selbst retten, wenn er nur fest genug glaubte, wenn er nur fest genug an den Fesseln zerrte, wenn er nur fest genug am Kreuz rüttelte.
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Mt 16,26)
Wenn Jesus vom Kreuz gestiegen wäre, dann hätte er uns mit dem Kreuz zurückgelassen.
Hilf dir selbst?
Jesus – mit
Der Engel sprach: Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. (Lk 2,10)
Den Heiland, Christus, den Herrn in der Stadt Davids.
Und er machte in die Windeln.
Johannes taufte mit Wasser. Aber der nach ihm kam, war stärker als er und er schien es nicht wert, IHM die Schuhe zu tragen. ER würde mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Und doch sagte er zu Johannes: „Lass es jetzt geschehen“.
Jesus sagte: Das ist mein Leib. Das ist mein Blut. Nehmt hin und esst. Und er tauchte selber seinen Bissen mit ihnen in die Schüssel.
Er hing am Kreuz und starb seit Stunden und betete die alten Worte: Ich befehle meinen Geist in deine Hände. (Lk 23,46)
Gestorben für
Hilf dir selbst?
Die Oberen und die anderen Spötter begriffen nicht: Für Jesus ging es nicht darum, sich selbst zu retten.
Auch für alle anderen war es schwer, das zu sehen, das anzusehen, das einzusehen.
Und doch: Ist es für die Soldaten nicht sogar ein Geschenk des Himmels gewesen, gerade den Richtigen, weil den Falschen, hingerichtet zu haben? Wer sonst hätte für sie gebetet? Vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23,34)
Kann nicht auch der Tod den Blick auf das Leben eröffnen? Und Gott im Sterben erkennbar werden?
Der römische Hauptmann pries Gott. Er erkannte Gottes Willen in Jesu Worten und Taten, in seinem Handeln und seiner Haltung, in seinem Leben und Sterben: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! (Lk 23,47)
Kann nicht sogar ein „zu Spät“ für Gott zur richtigen Zeit kommen?
Die, die riefen: „Kreuzige, kreuzige ihn!“, kamen mit, um das Spektakel zu sehen. Und sie wurden gewahr, was geschah und verstummten, als andere spotteten. Sie schlugen sich an ihre Brust, als er starb. Gott, sei uns
ündern gnädig.
Jesu Tod hat ihnen den Weg zur Umkehr frei gemacht.
Gestorben und…
Jesus ist gestorben.
Niemand kann sich selber retten.
Jeder Mensch – jede Frau und jeder Mann und auch ich –ist auf Hilfe und Rettung und Heil angewiesen. Das ist die Botschaft von Karfreitag.
Niemand muss sich selber retten.
Jeder Mensch – jede Frau und jeder Mann – und auch ich.
Denn es kommt Hilfe und Rettung und Heil. Das ist die Botschaft Übermorgen.
Und so greifen Trauerreden vielleicht doch nicht zu kurz.
Erzählungen von Trost im Leben und im Sterben.
Erzählungen, die Tod und Auferstehung nicht in einem Atemzug nennen. Weil nun mal die Welt den Atem anhält, wenn einer stirbt.
Erzählungen die aber den Blick wagen, durch Risse im Vorhang, durch Wolkendecken und ins Paradies.
Die offen bleiben dafür, dass der Himmel sich öffnet und eine Stimme spricht.
So sehr hat Gott die Welt geliebt.
Gott rettet uns nicht vorbei an Leben und Tod.
Er liebt uns. Und weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur kann uns scheiden. (Röm 8,38f)
Das ist unser Trost.
Amen.
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Karfreitag für uns heute - Predigt zu Lukas 23,33-49 von Werner Grimm
Liebe Gemeinde,
vor einigen Jahren erlag ich einer seltsamen Täuschung und es ist noch nicht vergessen. Mein Blick fiel auf eines der großen Werbeplakate. Die Augen sahen zuerst nur undeutlich. Ich meinte die Linien eines bleistiftgezeichneten großen Herzes zu erkennen und darüber steht: „Ich pflege dich.“ Das berührte mich sehr. Wie schön, fand ich, und dachte an den einen oder anderen gebrechlichen Menschen in großen Nöten des Leibes und der Seele, auch an mein eigenes Alter und was kommen könnte. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, da verspricht mir jemand: Ich will gut zu dir sein, liebevoll und respektvoll mit deinem Körper umgehen, wenn Du auf beständige Hilfe angewiesen und wenn du für die Gesellschaft nur noch ein Kostenfaktor bist. Es ist also doch nicht alles hart, gnadenlos und schlecht auf dieser Welt. Wie ich nun aber dem Plakat näher trete, sehe ich plötzlich Klartext: Die Linien des Herzes beschreiben in Wirklichkeit eine Flugroute, und das Versprechen heißt: „Ich fliege dich!“ – für 29 Euro nach Mallorca. Also doch wieder nur auf die Fun-Urlauber gezielt. Ich knurre. Am nächsten Tag erzählt mir doch zufällig ein Fahrgast in der U-Bahn, als wir am besagten Plakat vorbeifahren, also er habe von weitem und im ersten Augenblick gelesen: „Ich kriege dich!“ und er habe sich schon überlegt, wer ihm denn nun schon wieder den neuesten Schrei eines Handys andrehen und das Geld aus der Tasche ziehen will.
Ich pflege dich. Ich fliege dich. Ich kriege dich. Eben diese Welt, in der solche Versprechen höchste Aufmerksamkeit bekommen, weil sie typisch menschliche Sehnsüchte und Ängste ansprechen (um sie oft genug auszubeuten) – eben diese Welt hat Jesus ans Kreuz gebracht. Aber genau in diesem Tod des einen Liebenden gründet eine Hoffnung, die unzählig viele Menschen betrifft: Dass es bei dieser Welt von Sünde und Tod nicht bleiben werde, so lautet die Botschaft der Apostel Jesu Christi. Sie zu bedenken, dafür ist der Karfreitag ein gesetzlich geschützter Feiertag.
Er war einmal der Höchste im Leben der Evangelischen – mit Fasten in allen Häusern, mit einer Funkstille im Radio um 15 Uhr, mit einem erschütterten Bewusstsein schwarzgekleideter Kirchgänger: „Nun, Herr, was du geduldet, ist alles meine Last“. Die meisten Theologen bringen solches nur noch verschämt über die Lippen und viele Leute sagen: Das brauch ich nicht. Für mich hätte er nicht sterben müssen. Ich hätte es mir verbeten.
Karfreitag – was bedeutet er uns? Wir hören heute auf den Evangelisten Lukas. Wie hat er vom Sterben Jesu erzählt?
Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land[1] bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles. (Lk 23,33-49)
Der eine von den beiden, die mit am Kreuz hängen, schmerzgepeinigt, den Tod vor Augen, – der ein wird zynisch – das einzige, womit er sich ein bisschen Luft verschaffen kann, seine in Anführungszeichen ‚Bewältigungsstrategie‘. Noch einmal zu verletzen, noch einmal über einen Menschen Hohn und Spott zu gießen: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! (Lk 23,39) Der letzte Rest von Überlegenheit, den er genießt, der letzte Triumph!
Und der andere neben Jesus? Da ist kein Zynismus. Auch jetzt noch, mitten im grauenvollen Scheitern aller Lebenspläne, ist er ernsthaft bemüht, dies und das vor Gott noch in Ordnung zu bringen – mit seiner immer noch intakten Liebesfähigkeit will er den anderen vor einem fluchenden und trostlosen Sterben bewahren. Er gehört nicht zu den Skrupellosen, nicht zu denen, denen nichts mehr heilig ist. Er ist sich seiner Schuld wohl bewusst. Vielleicht sogar, dass seine Schuldgefühle größer sind als seine objektive Schuld. Wahrscheinlich hatte er das Beste gewollt, als er sich den jüdischen Freiheitskämpfern anschloss. Als er die Schuldscheine der verarmten Landsleute zerreißen half und die Römer, die unrechtmäßigen Herren und Besatzer, „hinausdolchen“ wollte. Vielleicht war er zu naiv, falls er gemeint haben sollte, man könne als Untergrundkämpfer für die gerechte Sache im Gewissen unverletzt bleiben. Jetzt hängt er direkt neben Jesus und es zeigt sich noch einmal, dass er im Grunde ein Beziehungsmensch ist, ein Liebe-Suchender. Dass er den Gedanken einfach nicht aushalten kann, im Sterben dem Vergessen anheimzufallen, nichts weiter als – heute würden wir sagen – eine gelöschte Datei im PC der Weltgeschichte zu sein. Und er klammert sich mit einer wahnwitzigen Hoffnung an den, der da neben ihm hängt und dessen Geheimnis er zu spüren scheint: „Jesus, denk doch an mich, gedenke meiner, wenn du in dein Reich, zu deiner Königsherrschaft kommst.“[2] (Lk 23,42)
Die unter dem Druck der Schmerzen gewiss spontan-unbewusste Wortwahl des Sterbenden lässt in seine Vorstellungswelt tief blicken: Auch die Welt jenseits des Todes stellt er sich als eine monarchisch regierte Welt vor, mit einer hierarchischen Rangordnung. Auch da bräuchte es wohl gute Beziehungen. Auch da würde für den Einzelnen vieles davon abhängen, ob er, etwa bei einem Machtwechsel, auf der richtigen Seite steht. Könnte es in einem Königreich Jesu ganz unten in einem hinteren Winkel vielleicht auch für ihn, den Verbrecher, noch ein Plätzchen geben? Jesus antwortet auf die Bitte nicht mit einem einfachen „Ja“, sondern mit einem „Ja, aber“: Nicht in eine neuerliche von Herrschaft, Rangordnung und Ellbogenkämpfe geprägte Welt, nicht in ein ‚Reich‘ werden wir sterben. Selbst dem Tode nahe, mit dem „Blick nach drüben“[3] schon, korrigiert Jesus das Bild: Der da neben ihm und mit ihm am Kreuz stirbt, soll an einen Garten denken, in dem es keine Kämpfe und keine Herren und keine Untertanen geben wird. Sondern die Früchte des ewigen Lebens sind für alle gleich und in Fülle da, so wie es Gottes Plan für Adam und Eva immer schon war. Und dann wird ein Mensch ganz bei dem anderen sein. Also: „Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“
Paul Gerhardt hat an den Schluss seines Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ eine Liedstrophe gestellt, die man auch im Sinne des von Lukas geschilderten Bildwechsels mitsprechen und mitsingen kann: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod/, und lass mich sehn dein Bilde / in deiner Kreuzesnot. / Da will ich nach dir blicken …“ (eg 85,10)
Das Bild, das Jesus zuletzt eröffnet, ist nicht mehr das eines Königsthrons Gottes, sondern ein Garten. Ein Bild mit „Leitstern“-Charakter: Heute schon, schon auf dem irdischen Weg, lassen die wahren Jüngerinnen und Jünger Jesu mehr und mehr ab vom „Ich über dir“ und bewegen sich auf ein „Du mit mir“ zu. Spürbar fließt es in ihre „Beweg-Gründe“ ein. Denn sie sehen Jesu Bild in seiner Todesnot und es beginnt, sie zu verwandeln.
Liebe Gemeinde, das Geheimnis von Golgatha endgültig im Griff – das haben wir auch mit der Karfreitagserzählung des Lukas nicht. Kein Theologe wird es je umfassend darlegen können. Es bleibt da immer ein Rest. Einem Geheimnis kann man sich immer wieder nur ehrfürchtig annähern, kann bestenfalls Zeugnis davon ablegen, wie es für einen selbst Bedeutung erlangte.
Darum müsste jetzt jede und jeder für sich selbst in sich gehen, in der Tiefe des Gedächtnisses suchen nach der ureigenen Karfreitagserfahrung. Es hieße, sich zu erinnern an jene erschütterndsten Stunden unseres Lebens, in denen Jesus am Kreuz uns der Allernächste war. Sich zurück- und hineinzuversetzen in eine solche Stunde und die Worte des sterbenden Jesus noch einmal wie das erste Mal zu hören, als sie uns buchstäblich unter die Haut gingen.
Die Wahrheit des Karfreitags, dass es von Gott her so und nicht anders geschehen musste – logisch aufweisen wird das nie jemand können, so sehr wir immer wieder diese Wahrheit suchen. Deshalb berühre ich das Golgatha-Geheimnis nur, wenn ich es abschließend zu den eingangs gehörten Sätzen aus unserer Welt in Beziehung setze.
Ich pflege dich. Ja, liebevolle Pflege des hinfälligen Leibes gehört zu den Grundzügen gelebten Christentums, seitdem Jesus sich mit den Kranken, Verletzten, Versehrten identifiziert hat und seitdem er selbst auf Golgatha die Not letzter Blöße erlitten hat.
Ich kriege dich. Nein. Kein Mensch hat ein Verfügungsrecht über einen anderen Menschen. Und nicht einmal in einer glückenden Liebespartnerschaft, mag es wirkliche Nähe dort geben, kann ein Mensch je ganz des anderen sein. Und selbst in der Gewalt der Gewalttäter kommt für den Gefolterten der „dritte Tag“. Denn ein Mensch ist Gottes, seines Schöpfers. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. (Lk 23,46)
Ich fliege dich. Jein. Ja, aber anders. Denn: Was ist der Tod? Die Väter und Mütter unseres Glaubens umschrieben das Geheimnis mit einem „Engele flieg“: Die Engel tragen dich in Abrahams Schoß. Oder in einem anderen Bild: Wenn du an deinem Todestag im ganz anderen, unendlich fernen Land aussteigen wirst, dann wird Jesus da sein. Du bei ihm, am selben Tag, im Paradies. Amen.
[1] Eine fatale Fehlübersetzung Luthers! Griechisches gä ( = hebräisches ärätz) meint hier nicht das Land (Israel), sondern zweifellos, entsprechend der prophetischen Tradition vom Tag des HERRN und Weltgericht bei Joel und Amos, die Erde, die mit dem Himmel zusammen den Kosmos / das Universum bildet. Am Kreuz Jesu findet das Weltgericht statt, nicht ein Zorngericht über die Juden!
[2] So ähnlich hatten schon einmal zwei ihren Meister gefragt: Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus: „Meister, wir wollen, daß du für uns tust, um was wir dich bitten werden.Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner königlichen Herrlichkeit.“ Und Jesus hatte diesen aus Machtphantasien geborenen Wunsch energisch zurückgewiesen. Er komme aus einem hierarchischen Denken, wie es in der Welt die Gewalt der Herrschenden gegen ihre Untertanen befeuere. Dagegen verstehe sich der Jünger Jesu als „Diakon“ seines Mitmenschen! (Mk 10,38ff)
[3] Titel eines Büchleins von Eckhart Wiesenhütter (1976), der m.W. als erster sein sog. „Sterbeerlebnis“ gleichermaßen nüchtern wie berührend geschildert hat.
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Das Kreuz als Zeichen von Gottes Liebe - Predigt zu Lukas 23,33-49 von Jasper Burmester
Liebe Gemeinde,
der Evangelist Lukas beschreibt das Sterben Jesu am Kreuz: Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie an die Stätte kamen, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Linken und einen zur Rechten. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die mit ihm am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du der Christus? Hilf dir selber und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, da du doch in der gleichen Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen, dieser da aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! Und als alles Volk, was dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen alles.
Liebe Gemeinde,
es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz. Aber es ist überhaupt nichts Neues, dieses Kreuz mit dem Kreuz. Das war von Anbeginn eine schwer verdauliche Provokation, dass die Christen ausgerechnet ein Kreuz, ein Hinrichtungsinstrument, ein Todessymbol, zu ihrem Zeichen gewählt haben. Gerade die Erniedrigung, die mit diesem Sterben verbundene, macht es uns so schwer, darin eine göttliche Offenbarung zu sehen. Der Spott der Oberen bei der Hinrichtung und auch die verzweifelte Provokation des mitgekreuzigten Verbrechers „Bist du der Christus? Hilf dir selber und uns!“ (Lk 23,39) entstammen diesem Zweifel: Wie kann es sein, dass der Allmächtige so ohnmächtig ist?
Schon der Apostel Paulus hatte in Korinth größte Mühe, das Kreuz als Zeichen der Christen zu verdeutlichen und nannte es ein Zeichen, dass den gläubigen Juden ein Ärgernis sei und den philosophisch geschulten Griechen eine unnütze Torheit.
Wofür aber steht das Kreuz? Es ist ein Zeichen der Solidarität Gottes mit den Leidenden dieser Welt, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Für die leidenden Kinder, Frauen, Männer, Alten wie Jungen in Syrien und Mali und in den Favelas von Rio, auf den Müllhalden von Manila und im Dschungel bei den kongolesischen Kindersoldaten, in der U-Bahn von St. Petersburg, unter Hamburgs Brücken und auch in Volksdorfer Häusern erleidet Gott selbst das, was Menschen Menschen antun, worunter Menschen in ihrer Sterblichkeit leiden.
Und überall, wo wir ein Kreuz erblicken, erinnert uns dieses Zeichen daran, dass Menschen heute, in diesem Augenblick, das einander antun, das erleiden, was Gott in Christus auf Golgatha erlitten hat. Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr an mir getan, und was ihr dort unterlassen habt, das habt ihr an mir unterlassen. (Mt 25,40) Die Solidarität Jesu mit denen, die in dieser Welt an dieser Welt und vor allem aneinander leiden, hat ihre größte Dichte im Kreuz. Und darin ruft er eben auch uns zur Solidarität mit denen im Leid. Wir können nicht mehr einfach wegschauen, wenn wir das Kreuz als unser Zeichen wählen. Ich sehe wohl die Gefahr des Abstumpfens angesichts so vieler durch die Medien frei Haus gelieferter Schreckensbilder - und doch hoffe ich auf die leidensüberwindende Kraft einer Liebe, die ihre Motivation und Kraft aus der Solidarität Gottes mit den Leidenden schöpft.
Denn das Kreuz ist auch Zeichen eines liebenden Lebens. Jesu Leben bestand darin, im Namen Gottes Menschen ihre Freiheit und Würde wiederzugeben: Den seelisch und auch körperlich Kranken die Gesundheit, den Schuldigen und Beladenen Vergebung, den Ausgesonderten und Ungeliebten Gemeinschaft. Jesus feierte mit den Armen - den in jeder Hinsicht Bedürftigen - seines Volkes die Gegenwart Gottes: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann, man wird nicht sagen: Hier ist es, oder: dort ist es, denn das Reich Gottes ist mitten unter euch. (Lk 17,21) Das predigte er und das lebte er mit denen, die wenig genug hatten, um für die Botschaft offen zu sein. Dabei provozierte er unvermeidlich die Inhaber der politischen Macht und die Besitzer der religiösen Wahrheit. Dieser Auseinandersetzung wich Jesus an keiner Stelle aus, er vertrat die grenzenlose Liebe Gottes auch seinen Gegnern gegenüber. Im Augenblick seiner größten Schwachheit - im Garten Gethsemane, nicht auf Golgatha - verriet er diese Liebe Gottes nicht. Er widerrief nicht, woraus und wofür er lebte. Seine Liebe und Barmherzigkeit galt denen, die ihn verhöhnten und töteten. Und sie galt dem Mitgekreuzigten, dem er sagte: Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein. (Lk 23,43) Unbedingte Liebe, wie Jesus sie lebte, ist niemals neutral, niemals unparteiisch, niemals lau. Sie führt in einen solchen Tod.
Wenn wir selber in Leidenssituationen kommen - und die bleiben niemandem gänzlich und lebenslang erspart - , dann fragen wir uns: Welchen Sinn hat das, was ich erleide? Warum geschieht mir das?
Jesus Tod am Kreuz kann auch unserem Leid einen Sinn geben als Zeugnis eines liebevollen und engagierten Lebens. Und wenn wir uns seiner Nähe gewiss fühlen können, dann tröstet uns, dass nach diesem Leiden und durch dieses Leiden hindurch ein anderes, neues Leben beginnen wird – Ostern kommt, aber es kommt eben erst nach dem Karfreitag.
So ist das Kreuz auch Zeichen der Freiheit von Angst. Das klingt paradox, war doch das Kreuz als Hinrichtungsinstrument für aufständische Sklaven und besonders schlimme Verbrecher besonders gefürchtet. Römische Bürger wurden nie gekreuzigt. Sie empfanden schon das Zusehen oder die Erwähnung des Begriffes mit ihrer Bürgerwürde unvereinbar. Nicht hinsehen, es nicht wahrnehmen, nicht dran denken: Die menschlichen Strategien der Leidensvermeidung und -verdrängung sind keine Erfindung des Fernsehzeitalters, die gab es schon in der Antike. Lukas aber schildert uns die Kreuzigung Jesu in einer Weise, die die Brutalität dieses Geschehens sichtbar macht und dennoch ein Hinsehen, ein Wahrnehmen möglich macht. Denn hier wird das Kreuz zum Zeichen einer letzten Freiheit. Noch sterbend bleibt Jesus der Souverän, der freie Mensch, der sich die Freiheit nimmt, in Gottes Namen anderen Befreiung zuzusprechen: Befreiung von Schuld, Befreiung zu einer Lebenswende, Befreiung zur Hoffnung über das Sterben hinaus: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,43) Die Liebe ist auch mit einer Hinrichtung nicht zu töten, sie verwandelt das Kreuz in einen Lebensbaum.
Das Kreuz ist ein Zeichen der Versöhnung. Jesus betet für die, die seine Hinrichtung vollziehen, ja, die ihm auch noch die Würde zu nehmen suchen, indem sie seine Kleider unter sich verlosen, indem sie ihn verhöhnen, indem sie ihn besonders quälen. Dennoch: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! (Lk 23,34) Jesus verflucht seine Henker nicht, er hat noch die Kraft zur Sichtweise der Liebe: Dass auch die Henker Opfer sind, Opfer der Macht des Bösen. Wo das Tun nichts mehr mit dem Wissen zu tun hat, wo Menschen nicht wissen, nicht einmal wissen sollen, was sie tun, da können sie als Werkzeuge missbraucht werden. Sie können noch nicht einmal bedauern, was sie tun, denn sie dürfen es ja nicht wissen. Indem Jesus für die betet, die ihm solches antun, hält er bis an seinen Tod durch, wozu er da war: Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19,10) - und sei es der eigene Henker.
Können wir seine Bitte nachsprechen, so befreit Jesus auch uns: Von dem verzehrenden Hass allen gegenüber, die uns jeweils Unrecht getan haben. Das Wort der Vergebung ermöglicht einen radikal neuen Anfang: Wie bei jenem römischen Hauptmann oder Chefhenker, der nach Jesu Tod Gott preist und sagt: Wahrlich: Dieser Mensch ist ein Gerechter ist gewesen! (Lk 23,47) Diesem, einem Täter, wurde Jesus ebenso zum Erlöser wie dem neben ihm gekreuzigten Verbrecher, für den sterbend das Leben begann. Beide, der römische Hauptmann wie auch der Mitgekreuzigte, haben Gott erlebt als den, der mit uns einen Anfang macht, wenn wir uns am Ende sehen. So begann Ostern eigentlich schon unter dem Kreuz.
Das Kreuz ist ein Zeichen einer unzerstörbaren Beziehung zwischen Gott und uns Menschen. Auch in der schlimmsten Gottverlassenheit sind wir nicht von Gott verlassen, denn er selbst leidet mit uns, neben uns, für uns. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! (Lk 23,46) sind die letzten Worte, die der Evangelist Lukas den sterbenden Jesus sagen lässt.
Das Kreuz: Es erinnert uns bei jedem Betrachten, an welchem Punkt Himmel und Erde miteinander verwachsen und verbunden sind. Es weist uns in beide Richtungen: In der senkrechten weist es uns an Gott, den tiefsten Grund unseres Daseins und zugleich das Ziel, auf das hin wir leben.
In der waagerechten weist es uns an den Ort unseres eigenen Lebens inmitten der Welt und ruft zur Geschwisterlichkeit mit allen denen, die ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion, heute die Kreuze in unserer Zeit tragen.
Das Kreuz als sechsfaches Zeichen: Zeichen der Solidarität Gottes mit dem Leiden der Welt. Zeichen eines liebenden Lebens. Zeichen der Freiheit von Angst. Zeichen der Versöhnung. Zeichen unverbrüchlichen Vertrauens zwischen Gott und uns. Zeichen der bedingungslosen Verbundenheit Gottes mit dieser Welt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn, Amen.
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»Ganz Sein« - Predigt zu Lukas 10,38-42 von Michael Greßler
Jesus kam mit den Seinen in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lk 10,38-42)
I. Marta
Der Lammbraten ist saftig und braun. Gewürzt mit Rosmarin. Ein Meisterstück. Perfekt.
Die Brote außen knusprig und innen zart wie Watte.
Genau so muss das sein.
Das Obst steht schon bereit, Trauben und Feigen, frisch gewaschen, Wasserperlen glitzern darauf.
Dunkler Wein von den Hängen Judas duftet aus den steinernen Krügen. Sie hat den besten aus dem Keller geholt.
Marta ist stolz.
Jesus kommt ins Dorf. Da weiß sie sofort, was sie will.
Sie geht aus dem Haus und ruft: »Kommt herein!«
Die Nachbarn tuscheln: »Marta schon wieder! Benimmt sich, wie der Hausherr persönlich. Lädt einfach Fremde ein. Und wenn die dann da sind, dann wird sie sie auch noch bedienen! Also wirklich! Wie so ein Wirt in der Schenke.«
Und sie kichern: »Jaja, ihr wisst ja, was der Name bedeutet: Marta, ‚die Herrin’. So war sie ja schon immer. Die macht, was sie will.«
Marta weiß Bescheid. Sie sieht wie die anderen die Köpfe zusammenstecken.
Wie schon so oft. Weiß auch, was sie reden. Und es ist ihr egal.
Jetzt wird es eng im Haus. Dreizehn Männer, einige Frauen.
Marta in der Küche. Bereitet das Mahl. Für Jesus. Für die anderen.
Und es wird perfekt.
Sie zeigt, was sie kann. Macht, was sie will.
Sie ist ganz Marta. Eine Königin. Stark und stolz.
Jesus kam mit den Seinen in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. (Lk 10,38-40a)
II. Maria
Das Kissen ist weich.
Maria legt sich auf das Polster vor dem flachen Tisch.
Der steht in der Mitte. Rundherum liegen sie: Petrus, Johannes, Judas und die anderen.
Sie stützen den Kopf auf die linke Hand. Mit der rechten essen sie. Lammbraten mit Rosmarin, das knusprige Brot tauchen sie in gewürztes Olivenöl.
Greifen in die Schüssel mit den Feigen.
Setzen den Becher an und trinken Wein.
Es schmeckt wunderbar.
»Marta, du hast dich wieder selbst übertroffen«, sagt Petrus, als sie hereinkommt und nachschenkt.
Jesus greift zu. Er freut sich über das Mahl. Und über die Liebe, mit der es gemacht ist.
Maria liegt neben Jesus. Sie essen zusammen. Einfach so.
Maria kennt die Blicke der anderen. Das ist jedes Mal so. Sie sagen ja nichts, aber manchmal hat sie sie schon tuscheln hören. »Maria wieder! Als wäre sie ein Jünger! Legt sich einfach neben den Meister. Ist mit ihm. Lernt von ihm.«
Maria weiß das. Und es ist ihr egal.
Jesus kommt, und da weiß sie sofort, was sie will.
Legt sich zu ihm. Isst Brot und trinkt Wein.
Und sie hört. Hört Seine Stimme. Sein Wort. Jedes Wort wie ein Bissen Brot. Wie ein Schluck Wein. Jedes Wort ein Stück Leben.
Sie hört und hört und kann sich nicht satthören an seinen Worten.
Mit offenen Ohren und weitem Herzen.
Sie tut, was ihr wichtig ist. Macht, was sie will. Ist ganz Maria. Eine Königin.
III. Jesus
Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! (Lk 10,40)
Zwei Schwestern.
Zwei Königinnen.
Ganz Maria. Ganz Marta.
Ganz bei Jesus.
Zwei Schwestern.
Zwei Leben.
Ganze Leben.
Leben mit Jesus.
Zwei Herzen, die fühlen.
Ungleiche Schwestern.
Maria denkt die ganze Zeit: »Ach Marta. Leg dich doch auch hin. Komm, iss und trink, sieh und schmecke und höre, wie freundlich der Herr ist. Du machst und machst und tust und tust. Du machst das wunderbar – aber das Wichtigste verpasst du! Hör doch einfach mal hin! Diese Stimme. Diese Worte.«
Und Marta denkt: »Ach, Maria, immer dasselbe! Ich muss alles machen, und du hörst nur zu. Steh doch endlich auf! Du verpasst doch das Wichtigste! Tu endlich was! Kümmer dich! Um Jesus! Um die anderen.«
Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! (Lk 10,40)
Jesus merkt den Zorn. Kennt die Gedanken.
Weiß, was sie fühlen.
Wie sie ihn lieben.
Zwei Leben.
Beide ganz mit ihm.
Jesus schmeckt die Liebe in Martas Mahl, in Lammbraten, Trauben, Brot und Wein.
Er fühlt, wie Marta alles für ihn tut – mit jeder Faser ihres Lebens.
Er sieht die Liebe in Marias Augen. Spürt sie in ihrem Schweigen. Wenn sie zusammen sind bei Wein und Brot.
Er merkt, wie seine Worte sich in Marias Herz graben. Und tief in ihr Leben.
Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lk 10,42)
Eine hat gesprochen.
Einer antwortet er.
Gemeint hat er beide.
»Marta, Marta.« »Maria, Maria.«
»Lasst einander doch ganz. Ihr seid beide richtig, wie ihr seid.
Lasst der einen ihr Leben und der andere auch.
Ihr macht es so gut. Die eine wie die andere. Beide seid ihr ganz.
Ganz Maria und ganz Marta. Und beide ganz bei mir.
Nehmt das einander nicht weg.
IV. Ich und wir
Und Jesus kam mit den Seinen in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. (Lk 10,38f)
Und Jesus kommt.
Nach Camburg und Kleingestewitz, nach Heiligenkreuz und überall auf die Welt.
Und da sind wir.
Manchmal wie Maria.
Manchmal wie Marta.
Manchmal wie beide zugleich.
Oder ganz anders.
Wir sind, wie wir sind.
Tun, was wir können.
Und was wir wollen.
Jesus kommt und wir nehmen ihn auf. So, wie wir es können.
Jeder und jede von uns ganz. Mit dem ganzen Leben.
Lasst das einander.
So ist es gut.
Amen.
Lied: Herr, dein Wort, die edle Gabe (EG 198,1-2)
1. Herr, dein Wort, die edle Gabe,
diesen Schatz erhalte mir;
denn ich zieh es aller Habe
und dem größten reichtum für.
Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten,
worauf soll der Glaube ruhn?
Mir ist nicht um tausend Welten,
aber um dein Wort zu tun.
2. Halleluja, Ja und Amen!
Herr, du wollest auf mich sehn,
daß ich mög ijn deinem Namen
fest bei deinem Worte stehn.
Laß mich eifrig sein beflissen,
dir zu dienen früh und spat
und zugleich zu deinen Füßen
sitzen, wie Maria tat.
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„Eins aber ist not: Mehr Maria sein…“ - Predigt zu Lukas 10,38-42 von Martina Janßen
I.
Morgen ist der große Gottesdienst. Wir wollen einladende Kirche sein. Das macht Freude, aber auch Mühe. Stühle aufstellen, alles noch einmal durchgehen: Schnittchen, Kaffee, Dekoration. Es ist 19.00 Uhr. Zwei Stunden Dienstbesprechung liegen hinter mir. Jetzt noch schnell die Predigt schreiben. Welcher Text war noch mal dran? Ich bin müde, meine Gedanken schweifen ab. Kriegt Frau B. das wirklich mit der neuen Kaffeemaschine hin? Haben wir alle Reserviert-Schilder angebracht? Ach, einen Kuchen muss ich ja auch noch backen… Ich sitze vor meinem Laptop. Worum geht es noch mal inhaltlich im Gottesdienst morgen? Mein Kopf ist leer. Vielleicht einfach eine Predigt aus dem Internet rausziehen?
Es gibt Tage, da erschlägt mich das Praktische, das Sich-Kümmern und Sich-Sorgen. Da bin ich nur noch Marta – und wünsche mir nichts mehr als Maria zu sein! Aber so leicht ist das nicht. Was würden die anderen denken, wenn ich das Servierten-Falten und das Kuchenbacken ihnen überlassen und sagen würde: „Ich lese lieber in der Bibel und denke über Gottes Wort nach.“? Und das als Frau. Männliche Kollegen haben es da vielleicht leichter… Wer versteht mich da schon?
II.
Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Eine tolle Geschichte – gerade für eine gestresste und von den praktischen Herausforderungen des Lebens erschlagene Pastorin! Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lk 10,42) Jesus hat ein Herz für Maria und das, was sie tut: Hören auf das Wort! Endlich einer, der mich versteht! Denken und Hören statt Backen und Stühle-Rücken. Endlich fühle ich mich als Theologin ernst genommen! Danke, Lukas, danke, Jesus! Jetzt konzentriere ich mich ganz auf die Theologie - das ist ja auch das wirklich wichtige und „der gute Teil“ - und lass die anderen Marta sein.
Obwohl - ganz wohl ist mir dabei auch nicht. Denn ich freue mich ja auch, wenn ich nach dem Gottesdienst einen Kaffee bekomme und in ein saftiges Stück Kuchen beißen kann. Und ich weiß, dass das nicht mir allein so geht. Der Mensch lebt nicht vom Wort allein, er braucht auch Brot und saftigen Kuchen. Ganz so einfach ist es wohl doch nicht. Ohne die Martas wäre es doch alles recht trocken und auch Maria bliebe hungrig.
III.
Maria und Martha, die ungleichen Schwestern. Wie oft hat man sie gegeneinander ausgespielt! Marta steht in der Tradition für die vita activa, das aktive, tätige Leben. Nicht umsonst ist sie Schutzheilige der Kellner und Hausfrauen. Maria dagegen symbolisiert die vita contemplativa, die mystische Schau, das Hände in den Schoß legen und die Gedanken in die Höhe heben. Da kann sich der vergeistigte Theologe mit vielleicht zwei linken Händen wiederfinden. Maria und Marta – das sind zwei unterschiedliche Arten zu arbeiten und zu leben. Wie gut könnten sich die beiden ungleichen Schwestern gegenseitig stützen und ergänzen. Was könnte ihnen nicht alles zusammen gelingen, wenn sie an einem Strang ziehen würden. Doch oft gibt es Streit und Konkurrenz zwischen den beiden Schwestern. Wie oft werden Denken und Tun gegeneinander ausgespielt. Wer ist wertvoller? Der Meister in der Werkstatt oder der frisch gebackene Master aus der Uni? Da gibt es Ressentiments auf beiden Seiten. Was ist besser? An Autos schrauben oder Texte weben? Brötchen backen oder Worte drechseln? Beton mischen oder an Reden feilen? Auf was und wen kommt es an? Hand oder Kopf? Handwerker oder Wortwerker? Blaumann oder Gelehrtentalar? Maria oder Marta?
Das ist die falsche Frage. Nur zusammen sind die beiden Schwestern stark, können sich Bälle zuspielen und unschlagbar sein. Meister und Master – wie schön wäre es, wenn beide sich gegenseitig wertschätzen und achten würden, wenn es ein Gleichgewicht gäbe und das Gefühl: Unterschiedliche Gaben, ein Geist!
Und doch - oft zieht Marta den Kürzeren. Man merkt das nicht zuletzt an der Bezahlung. Das ist nicht neu, das war schon in der Geschichte unserer Kirche so. Das theologische Denken und Verwalten der Sakramente – und damit der Stand der Kleriker – waren bis zur Reformation viel höher angesehen als die tätige Arbeit der Hausfrau und des Handwerkers. Dabei hat doch beides seinen Wert, wie Luther klarstellt. „Wenn du die geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehrt, die Schüssel wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt.“ Das ist doch was. Die Arbeit der Hausmagd, Martas Arbeit, ist nicht nur nützlich, nötig und wertvoll, sondern gottgefällig und nichts weniger als Gottesdienst. Wenn das keine Wertschätzung ist! Soweit so gut. Aber ist das, was Maria tut, nicht doch mehr wert? Sagt Jesus nicht selbst, dass Maria, die Hörerin mit den Händen im Schoß, den guten Teil erwählt hat?
IV.
Wer so denkt, hat zu wenig nachgedacht - und Lukas nicht genau genug gelesen. Lukas geht es nicht um die Polarisierung zwischen Hören und Tun. Es geht ihm schon gar nicht um das Abwerten des tätigen Dienstes, ganz im Gegenteil: Wie in kaum einem anderen Evangelium spielt bei ihm die Diakonie, der tätige Dienst für andere, eine große Rolle. Für Lukas ist das Hören nicht vom Tun zu trennen. Allein die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die Lukas direkt vor der Geschichte von Maria und Marta erzählt, zeigt das. Da sieht man, wie das Hören auf Gottes Wort in die Tat umgesetzt wird. Und doch - wird denn in unserer Geschichte Marta nicht ermahnt, weil sie so ganz auf ihre Hausarbeit sieht und darin aufgeht? Ergreift Jesus nicht Partei für Maria, die die Hände in den Schoß legt und die Ohren spitzt, wenn Jesus redet? Schon, aber Marta wird nicht ermahnt, weil sie hauswirtschaftet, sondern weil sie dem eine so hohe Bedeutung beimisst. Das ist ein entscheidender Unterschied! Zurückgewiesen wird nicht, dass Marta sich nach Hausfrauen Art um das leibliche Wohl von Jesus kümmert, zurückgewiesen wird ihre übertriebene Betriebsamkeit. „Marta machte sich viel zu schaffen.“ Zu viel zu schaffen. Eine solche übermäßige Sorge soll nicht sein, denn sie kann den Blick auf das verstellen, worauf es ankommt: Das Hören auf das Wort. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. (Lk 10,39b) Das könnte Marta von ihrer Schwester Maria lernen.
V.
Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe! (Lk 10,41b) Ich kann aber auch Marta verstehen. Ich will doch auch, dass alles gelingt. Ich will doch auch Kuchen und dass die Technik funktioniert und die Stehtische nicht im Weg stehen! Und das ist gut so. Aber manchmal habe ich in unserer Kirche das Gefühl, dass Maria immer weniger Raum und Recht hat. Wie oft erschöpfen wir uns in Betriebsamkeit und vergessen, was eigentlich wichtig ist und worauf es wirklich ankommt – sei es beim Festgottesdienst oder bei der Hochzeitsvorbereitung. Im Hamsterrad drehen wir uns nur tagein, tagaus um das Praktische, um Verwaltung und Organisation. Ein bisschen leiden wir vielleicht schon am „Marta-Syndrom“, einer übertriebenen Betriebsamkeit.
Marta aber machte sich viel zu schaffen. (Lk 10,40a) Zuviel Aktionismus kann blind machen und den Blick auf das verstellen, was auch wichtig ist. Müssen wir uns immer so sorgen, ob die Handzettel auf Hochglanzniveau und perfekt gestaltet sind, die Power-Point-Präsentation optimal ins Licht gesetzt ist und die Häppchen raffiniert genug aussehen? Wenn ich immer mit den neusten Trends mithalten will, fehlt mir manchmal die Zeit zum Innehalten.
Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe! (Lk 10,41b)
Immer wenn ich mich zu sehr um all die praktischen Dinge sorge, gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Kirche lebt nicht von Perfektion und Organisation allein. Denn wenn ich alles perfekt managen, planen und ausführen würde, wenn ich rund um die Uhr arbeiten und mit einem Großevent nach dem anderen in der Zeitung stehen würde, und hätte Gottes Wort nicht, wäre ich nichts. Es braucht Gottes Wort.
Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lk 10,42)
Wie wäre es, von Maria zu lernen? Weniger ist manchmal mehr. Wie wäre es mit weniger Schaffen, Sorge und Stress und mehr Stille und Staunen? Weniger Management und mehr Meditation? Weniger Hetzen und mehr Hören? Etwas weniger Marta und mehr Maria sein: Mehr Raum und Zeit für Gottes Wort.
ich nehme mir zeit
eine halbe stunde zeit
eine halbe stunde
der stille zu gott
dem die stunden
gehören
die halben
und die ganzen
den versuch ich
zu hören
ihn versuch ich
anzurufen
fast reut mich
die zeit
ich halt sie nicht aus
dein übermaß an ewigkeit
macht
die zeit mir
lang
(Rudolf Bohren, in: Verstehen durch Stille. Loccum-Brevier, 22003, S. 29)
Amen
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Kein Lohn nirgends. Aber Himmel die Fülle - Predigt zu Lukas 17,7-10 von Martin Penzoldt
Liebe Gemeinde,
Jesus konfirmiert seine Jünger, im Blick auf eine kommende Zeit der Verführungen, durch ein Gleichnis.
Es steht im Lukasevangelium Kapitel 17:
Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. (Lk 17,7-10)
I. Harte Worte und eine Szene aus einer fremden Welt
Das sind harte Worte und eine Szene aus einer fremden Welt. Wie Jesus diese Sklavenwelt als Beispiel anführt – korrekt ist das nicht. Keine Kritik an solchen Verhältnissen. Es wird nicht räsoniert. Es wird als gegeben und selbstverständlich angeführt und akzeptiert. Ja, diese armseligen Knechtskreaturen haben hier sogar Vorbildcharakter!
Aber langsam. Es kann insgesamt keine Rede davon sein, dass Jesus die bestehenden Verhältnisse sanktioniert hat. Im Gegenteil. Nur geht es hier nicht darum.
Jesus stellt seinen Jüngern drei rhetorische Fragen:
Ob der Knecht wohl nach langer harter Tagesarbeit endlich Pause hat und bei der Heimkunft am Abend Essen und Trinken bekommt? Nein, das sei ferne, muss die Antwort lauten.
Zweitens: Ob er denn etwa erst noch das Essen für den Herrn bereiten soll? Jawohl! Hacken zusammen und Schürze umgebunden!
Drittens: Ob ein Knecht erwarten kann, dass die ihm aufgetragene Arbeit anerkannt, er gelobt und ihm gedankt wird? Mitnichten.
Dieses Gleichnis steht nur im Lukasevangelium, ist archaisch und ob es uns passt oder nicht: echte Jesusüberlieferung.
Heutzutage würde man es vielleicht aus Feinfühligkeit aus der Bibel oder wenigstens aus der Predigtordnung getilgt haben, denn es passt so gar nicht in unsere Welt der Personenwürde und schon gar nicht der Bemühung um eine korrekte Sprache. Menschen in solchen niederschmetternden Beschäftigungsverhältnissen geben kaum ein gutes Beispiel – weder der Herr noch der Knecht.
II. Übertragung in das Verhältnis von Mensch und Auto
Vielleicht dient eine Übertragung in das Verhältnis von Mensch und Auto?
Vielleicht würde das Gleichnis in einer künftigen Bibelrevision der „Allerbesten Nachricht für den Konfirmanden in mir“ so klingen:
Ja ihr Lieben, würde Jesus dann sagen, ein jeder von euch ist doch schon einmal mit einem Auto gefahren. Wenn man nun den Blinker setzt, dann blinkt das Auto rechts oder links, ganz so wie man will. Wird man dann das Lenkrad streicheln und zum Auto sagen: Ei, ei, das hast du aber brav gemacht?
Oder wenn es draußen kalt ist und die Klimaautomatik reagiert, die Abstandswarnung, die Müdigkeitserkennung oder die Gangautomatik: alles läuft und schaltet aus sich heraus – automatisch. Keiner käme auf die Idee, sich bei seinem Auto zu bedanken.
Benzin und Wartung bekommt das Auto natürlich, aber immer nachgeordnet, wenn für alles andere gesorgt wurde.
Kurzum: Beim Auto funktioniert das Gleichnis. Es tut was man will. Aus.
III. „Das mag ein Wechsel sein“ (eg 27,5)
Aber nun lässt uns Jesus den Platz hinterm Steuer wechseln – und plötzlich sind wir der Knecht, bzw. das Auto. „So auch ihr“!
Jetzt sieht die Sache schon völlig anders aus. Was uns gerade so selbstverständlich erschienen ist, wirkt erneut so erschreckend wie in Jesus ursprünglichen Worten: Wir sollen die sein, die gesteuert werden, die folgen müssen, arbeiten und schuften, Mühsal ertragen und Kilometer runterreißen – und müssen dann noch dem Fahrer mit allem Komfort zu Diensten sein? Die Pointe sitzt. Im Original damals wie im Bild vom Auto heute.
Aber das kann doch gar nicht gemeint sein. So haben wir nicht gewettet. So wollen wir doch nicht leben. Oder?
Doch. Wenn wir das Auto wären, dann wäre das in Ordnung. Denn wenn das Auto etwas von sich selbst wüsste, dann, dass es von Menschen geschaffen und gemacht wurde, und nur durch sie seine Existenz und sein Funktionieren hat. Es ist so sehr bis ins letzte Schräubchen Werk seines Meisters, dass es gar nicht anders denken kann, als dass es ihm samt allem Stahl, Kunststoff und Gummi gehört und auf ihn angewiesen ist vom Werk über die Werkstätte bis zum Schrottplatz.
Anders hat damals auch ein Knecht kaum denken können. Er war verdingt, eine Sache, seinem Herrn hörig wie ein Besitz, ein Mittel für des Herren Zwecke und ganz seinem Dienst ergeben. Sein Dienst geschieht gewissermaßen ganz automatisch.
IV. Automatisch – von selbst
Wenn Jesus uns mit dieser Sklavennatur in Beziehung setzt, dann nur um seine Pointe in dem Gleichnis kraftvoll zu machen: Es gibt Dinge, die wir widerwillig tun, mit angezogener Bremse. Und es gibt Dinge, die wir aus uns heraus tun, weil sie uns entsprechen. Zu den Dingen, die wir aus uns heraus tun, zählt für Jesus ganz selbstverständlich die Verehrung des einen Gottes, das Halten seiner Gebote und die Erwartung seines Kommens.
Da wir nun ganz und gar Gottes Werk sind, er uns erschaffen hat und wir aus seinem Atem leben, ist es keine Fremdbestimmung, ihm so ganz und gar zuzugehören. Als Christen glauben wir das und verstehen uns so. Aber wir müssen es erst noch tief in unserem Inneren begreifen, erfahren, wie wir bis in jede unserer Zellen Teil von Gottes großer Welt sind.
Dazu gehört auch, dass wir das zum Ausdruck bringen – durch Dienst.
Durch den Gottesdienst zum Beispiel, der ja nicht umsonst so heißt. Gott zu dienen sind wir hier. Und wir dienen hier Gott, indem wir ihn loben.
Wenn man das Alte Testament daraufhin querliest, wozu denn der Mensch auf Erden ist, dann zeigt es sich, dass er zum Lobpreis Gottes lebt, als sein Resonanzraum geschaffen ist.
Mit Musik und Gesang und Orgelklang sind wir also auf dem richtigen Weg.
Gesten aber sind im „Protestantismus des aufrechten Ganges“ verkümmert. So gerade noch werden die Hände lässig gefaltet. Den Kopf zu neigen vor Kreuz und Altar, gilt manchem schon als katholisch. Aber es ist doch eine treffende Geste, die ausdrückt, dass wir eben allein in Hinsicht auf Gott so angewiesen, so ohnmächtig, so zugehörig, so absolut und schlechthinnig abhängig sind, dass wir im Gebet und im Gedanken an ihn den Kopf senken.
Aber – und das gehört dazu – sonst vor niemandem!
Die Drastik mit der uns Jesus an diesen Punkt führt, will bewirken, dass wir auch zuinnerst erfahren und fühlen, was wir wissen und glauben: unsere absolute Abhängigkeit von Gott. Die gesammelte christliche Religiosität zielt auf diesen Punkt: Gerade, wenn der Knecht erschöpft ist, wenn er selbst der Versorgung bedarf, dann kommt es darauf an, wen er an erster Stelle setzt: sich oder seinen Herrn? Die Fixierung auf sich und die Grenzen des eigenen Könnens lösen sich nur durch Gottes Verheißung und Kraft, durch das Kommen seines Reiches.
Jesus führt seine Jünger durch Wege, Worte und Taten an die Grenze ihrer Selbstaufgabe: ihm mehr zu trauen als der eigenen Rückversicherung. Mehr kann der auf Erden wandelnde Gottessohn nicht tun.
Ob sie ihre Ängste zurücklassen und den Sprung wagen und ihm folgen und dem Himmelreich entgegenziehen, das entscheidet sich im tiefsten Inneren ihrer Gotteszugehörigkeit, der Seele. Jesus zwingt sie nicht. Er droht ihnen nicht. Aber er nimmt ihnen die Angst um sich und lehrt sie Gott im Letzten zu vertrauen, weil sie sonst nicht bestehen. Weil sie aus eigener Kraft den Verführern und Leiden nicht gewachsen sind.
Jesus warnt die Jünger vor Zeiten der Bedrängnis und der Täuschungen. Uns künden heute die Worte „postfaktische Zeiten“, „fake news“, und „alternative facts“ von schweren Verwerfungen. Dass man sich wappnen müsse.
Das stehen Menschen nicht durch, wenn sie nicht innerlich frei werden.
Innengeleitet müssen sie sein. In Freiheit versetzt. Nur Gott getreu. „Christus in mir“, wie Paulus gelegentlich sagt.
„Ich in dir / du in mir, / laß mich ganz entschwinden, /
dich nur sehn und finden.“ (eg 165,5)
Jesus setzt einen fröhlichen Wechsel in Gang. So werden Menschen dienen können, ohne ihre Würde zu verlieren. Von sich aus. Automatisch. Wie ER selbst. „So auch ihr.“
Frei von dem Blick auf Zustimmung oder Kritik von außen. Nicht außengleitet, sondern aus sich, facere quod in se est (Martin Luther, De homine, 27), daher auch nicht mehr angewiesen auf Lob noch Tadel wie die Kinder, sondern Erwachsene, die ihrem Gewissen folgen.
Zu lange ist die Welle der Manipulation über uns her geschwappt: Anerkennung ersehnen wir uns im Übermaß. Lob – und möglichst keinen Tadel, Likes bei Twitter, „Freunde“ bei Facebook, alles auf Zucker, nur noch Einsen im Schulzeugnis, die zu nichts taugen und gerichtsfest-verlogene Elogen im Arbeitszeugnis, auf die keiner was gibt.
Ständig wird gelobt und anerkannt und bedankt und „gewertschwätzt“.
Eine Runde Lobhudelei gehört zum Gruppenritual. Aber wer lobt, der hat zuvor geurteilt, über den anderen geurteilt und stellt sich damit über ihn: „Brav, brav, lob, lob.“
Er zerstört damit, was er respektieren sollte: die innere Freiheit.
Wer aus sich heraus handelt, soll angefixt werden, nach Lob zu gieren, abhängig zu werden, manipulierbar, lenkbar. Lob zerstört die innere Motivation und ersetzt sie durch Fremdsteuerung, durch Zuckerbrot und Peitsche.
V Kein Lohn nirgends. Aber Himmel die Fülle.
Und wenn die Jünger in allem frei geworden sind und damit ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit getan haben, erwartet sie dann Dank und ewiger Lohn?
Der Wunsch ist plausibel und wird von den angesehenen Pharisäern damals und alle Zeiten hindurch und auf allen Wegen immer wieder vorgebracht.
Nur Jesus wieder: Wer dem Gottesreich entgegengeht, erwarte keinen Lohn!
Religion ist kein Tauschgeschäft von halbwegs guten Taten gegen göttliche Huld und Gnade. Sie ist tiefster Ausdruck der Zugehörigkeit der Menschen zu Gott. Basta.
Es bedarf keiner Umgarnung der Gottheit, Opfer und heiliger Gelübde. No frills. Alles was einer tut, geschieht um seiner selbst willen, ist entweder in sich gut oder eben nicht, aber will und hat kein Anrecht auf himmlischen Lohn. Auch weil solches Schielen nach Belohnung die gute Tat korrumpiert. Wer sich von äußerem Lob und Tadel frei gemacht hat, kann auch den Schritt gehen und auf die letzte innere Verteidigung verzichten, nämlich ganz auf sich selbst bauen zu wollen und durch eigene Kraft den Himmel aller Himmel aufzutun.
Denn auch „wenn du nun aus lauter guten Werken beständest bis auf die Fersen, so wärst du trotzdem nicht rechtschaffen und gäbest Gott darum noch keine Ehre und erfülltest also das allererste Gebot nicht“. (Martin Luther, Freiheit, 1520)
Luthers Argument ist nicht, dass es an Quantität, sondern an Qualität fehlt: wir können uns angesichts der Ewigkeit unserer Taten nicht gewiss sein. Vor Gott also gilt kein „facere quod in se“. Darum verschärft Luther das Verdikt Jesu, wir seien „armseligen Knechte“ durch den Ausdruck „unnütze Knechte.“ Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche erläutern: „…unnütz meint hier unzureichend, weil niemand so sehr Gott fürchtet, so sehr liebt und ihm so sehr glaubt, wie es nötig ist ... Jedem muß deutlich sein, daß an dieser Stelle das Vertrauen auf unsere eigene Leistung verdammt wird". (Apologie der C. A. Art. IV, 334 ff).
Man höre: Alle Glocken der reformatorischen Rechtfertigungslehre werden in diesem Gleichnis geläutet. Aber wo bleibt das Evangelium?
VI. Herr und Knecht
Das Evangelium heißt ganz schlicht, dass sich der Herr, Jesus, für uns zum Knecht gemacht hat, damit wir die Freiheit haben, als Herren unsererseits in Pflicht genommen zu werden.
Zusammengefasst: „Domini sumus, ergo Domini sumus“: Wir sind des Herren, darum sind wir Herren.
Nur wenig geringer geschaffen als Gott ist der Mensch (Ps 8,6), ein kleiner Schöpfer (Thomas von Aquin), Krone der Schöpfung (Gen 1).
Wir sind Söhne und Töchter Gottes und haben Anteil am Reich und leben davon, das Gottes Reich in Jesus bereits gekommen ist (Lk 17,20f.).
Unsere Freiheit aber hat ihre Qualität darin, dass wir mit Haut und Haaren unserem Schöpfer und Erlöser gehören und uns in seinen Dienst nehmen lassen.
Wie war das gleich? „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (Martin Luther, Freiheit, 1520) Amen.
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„Jeder kann großartig sein, weil jeder dienen kann.“ - Predigt zu Lukas 17,7-10 von Wolfgang Grosse
Jesus spricht:
Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe;und danach sollst du essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. (Lk 17,7-10, Lutherbibel 2017)
Ich erinnere mich noch gut:
Mein Vater ging immer zum Dienst. Nicht zur Arbeit. Nicht zum Job. Er ging zum Dienst. Ohne zu Murren.
Morgens um halb acht verließ er das Haus. Nachmittags um Vier war Dienstschluss. Als ich älter war, holte ich ihn manchmal mit dem Fahrrad ab.
Mein Vater war Beamter. Im Amt. Finanzamt, um genau zu sein. Er hatte einen Dienstherrn – sein Vorgesetzter oder noch eine Etage höher – und diente sozusagen dem Staat.
Wir redeten von seiner Arbeit nie als „Beruf“ oder – wie es neudeutsch mittlerweile heißt – als „Job“. Mein Vater ging zum „Dienst“.
Auch heute noch redet man von „Dienst“. Der öffentliche, der diplomatische, der militärische Dienst, der mittlere und der gehobene Dienst.
Es gibt Diensthabende, Dienstwechsel.
Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft.
In Kirchens gibt es den Pfarr-, Orgel-, Küster- und Lektorendienst und wir reden „vom Dienst am Nächsten“.
Man ist in Diensten oder nimmt eine Maschine in Dienst.
Manchmal versagen einem die Beine den Dienst.
Im Winter leistet ein warmer Mantel gute Dienste.
Und wer verzichtet schon gerne freiwillig auf seinen Verdienst?
Es gibt ihn noch, den Begriff „Dienst“, aber er ist doch irgendwie aus der Mode gekommen.
Vom „Dienen“ reden wir natürlich noch viel weniger.
„Dienen“ hat einen bitteren Beigeschmack, erinnert an die Dienstmagd und den Diener früherer Zeiten in Herrschaftshäusern, an „Knicks“ und „Diener“ machen, an Pflichten und Abhängigkeiten, an Unterdrückung und Ausbeutung, an Sklaverei und Knechtschaft.
Damit wollen wir ja nichts mehr zu tun haben. Das liegt längst hinter uns.
Aber seien wir ehrlich: Hat sich so viel geändert zur heutigen Arbeitswelt?
Abhängigkeiten sind geblieben. Dienstgeber und Dienstnehmer, die „Oben“ und die „Unten“ ebenso. Nur wir nennen es nicht mehr so. Man redet von gutem Miteinander, von Teamspirit, von Anerkennung und gegenseitiger Wertschätzung, man analysiert, entwirft Strukturpläne und Qualitätsmodelle. Mitarbeitermotivation ist das Zauberwort.
Doch nicht selten steht dabei der Verdacht im Raume: Es geht um Leistungssteigerung im Sinne des Unternehmens. Und letztendlich doch nicht um den einzelnen Menschen. Der Trend zum Zweit- oder Dritt-Job ist ungebrochen. Kein Auskommen mit dem Einkommen.
Mein Vater ging immer zum Dienst. Nicht zur Arbeit. Nicht zum Job. Er ging zum Dienst. Ohne zu Murren.
Jesus spricht:
Wer von euch ist Vorgesetzter und hat Angestellte, die tagtäglich für euch arbeiten, und sagt zu ihnen, wenn sie mit der Arbeit fertig sind: Kommt gleich her, wir wollen zusammen Essen gehen? Wird der Vorgesetzte nicht vielmehr zu den Angestellten sagen: Hier ist noch dringend etwas zu erledigen, beeilt euch, Überstunden gibt es nicht. Das muss noch heute erledigt werden, erst danach ist Feierabend! Dankt dieser Vorgesetzte etwa den Angestellten, dass sie getan haben, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze, ökonomische Humanmasse; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. (Lk 17,7-10)
Man muss dreimal schlucken und doch treffen diese Sätze mitten ins Herz.
Sie tun weh, weil sie den Finger in die Wunde legen, weil sie genau das beschreiben, was in einer sich wandelnden, scheinbar immer kapitalistischeren Arbeitswelt für viele Menschen schon Realität ist. Trotz aller Arbeitszeitregelungen. 38-Stundenwoche, Frankreich angeblich schon seit Jahren 35 Stunden, und im gleichen Atemzug: die Ausnahmeregelungen für verkaufsoffene Sonntage nehmen zu, unbezahlte Überstunden sind die Regel, von Mobbing am Arbeitsplatz ganz zu schweigen.
Jesus spricht … - diese Worte aber schmerzen noch viel mehr, weil eben Jesus sie sagt.
Jesus.
Er, der sich für die Unterdrückten einsetzt.
Er, der die Ausgebeuteten sieht.
Er, der sich der Ausgestoßenen annimmt.
Er, der die Armen an seinen Tisch lädt.
Er, der die Unglücklichen tröstet.
Er, der Gerechtigkeit predigt.
Er, der eine bessere Zukunft verspricht.
Er, der im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Anm.: Sonntagsevangelium) eine ganz andere, himmlische Ordnung verkündet. Denn das Reich Gottes ist nahe.
Jesus.
Er spricht diese Sätze. Und hält einen Spiegel vor.
Den Jüngern.
Uns.
Dem System.
In aller Radikalität.
Die Jünger kennen dieses System nur zu gut. Nicht nur von den Römern. Sie kommen alle – mal mehr mal weniger – daher. Fischer, Zöllner, Handwerker, vielleicht nicht gerade „reich“ zu nennen, aber mit Beruf und Verdienst, vielleicht sogar mit Knechten oder Angestellten.
Sie sind seinem Ruf gefolgt, haben alles verlassen, hinter sich gelassen, haben sich in den Dienst gestellt. Und merken trotzdem immer wieder: wir scheitern an Jesu Auftrag.
Da gibt es Rangstreit unter den Jüngern und es wird debattiert, wer zur Rechten Gottes sitzen darf.
Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist …
Alles?
Es ist nicht einfach, nein, es ist in unserer Welt fast unmöglich, Jesu Ruf in all seiner Radikalität zu folgen. Wenige Menschen schaffen das. Ziehen sich aus allem heraus. Mönche und Nonnen vielleicht. Aber selbst sie sind letztendlich nicht aus der Welt.
Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. (Lk 9,23)
Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz.
Und dem Dienst.
Wir wissen es, Jesus weiß es: wir sind unnütze Knechte.
Gerade deshalb reicht er uns die Hand.
Er geht mit uns. Nicht wir mit ihm.
Wir mögen uns noch so sehr um unseren Dienst bemühen: Er dient uns schon längst.
Mit aller Hingabe. In aller Güte. In aller Freiheit.
Er sieht unsere arbeitsmüden Augen und Hände.
Er bereitet das Mahl.
Er lädt uns an seinen Tisch.
Er dankt uns für unser unvollkommenes Dienen.
Er stärkt unsere erschlafften Kräfte.
Er macht uns immer wieder Mut.
Im Vertrauen auf Gott und in der Hoffnung auf sein nahes Reich geht er mit uns, um weiter zu arbeiten, um weiter zu dienen, um die Welt zu verwandeln, damit Gerechtigkeit werde. Durch Dienen verändert sich die Welt.
„Jeder kann großartig sein, weil jeder dienen kann.“ (Martin Luther King)
Amen.
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"Mensch Gott!"
Votum Joshua
Ich habe das Wort Syrien gehört.
Syrien in der Weihnachtsgeschichte.
Heute denke ich bei Syrien an Terror, Krieg und den IS. Und das da, wo die Geschichte von Jesus angefangen hat. Damals war kein Krieg, aber auch schwere Zeit. Jesus' erstes Bett war eine Futterkrippe. Kein sicheres Zuhause.
So wie bei vielen Kindern heute.
Votum Tess
Die Klarheit des Herrn. Wenn ich die Augen zumache, kann ich mir besser vorstellen, wie sich das angefühlt hat bei den Hirten: die Klarheit! Gott ist jetzt ganz nah. Das ist auch mein Weihnachtsgefühl. Ich atme ein und atme aus und denke: Ey, heute ist Weihnachten!
Wie schön: Die Nachricht kommt zuerst zu den Hirten. Zu einfachen Leuten. Das find' ich toll: Die frohe Botschaft ist für jeden da!
Votum Annika
Die Engel sagen: Fürchtet Euch nicht! Das gehört zu jedem Krippenspiel. Das versteht jedes Kind. Ich fühle mich bei diesen Worten gleich behütet und sicher. Vor den Engeln oder auch vor Gott muss man keine Angst haben. Diese alten Worte brauche ich an Weihnachten. Und auch sonst. Daran kann ich mich orientieren. Fürchtet euch nicht!
Votum Jessica
Die Hirten breiteten die Worte aus. Es gibt Worte, die mich jeden Tag wieder glücklich machen. Und andere machen mich nachdenklich oder traurig. Es gibt aber auch Worte, die treffen mitten ins Herz. So wie bei den Hirten. Seit dieser Nacht haben sich die Worte verbreitet. Bis zu uns. Von diesem besonderen Menschen. Der ist mir wichtig. In ihm wird Gott sichtbar.
Votum Jonathan
Maria nahm die Worte in ihr Herz auf. Maria hat sich darüber gefreut, was die Hirten über Kind gesagt haben. Ich finde, die Leute machen sich zu wenig Komplimente. Jede Mutter oder Vater freut sich doch, wenn sie etwas Gutes über ihr Kind zu hören bekommen, oder nicht? Wie wär's, wenn sich die Leute gerade heute an Weihnachten mehr gute Sachen sagen! Das ist wie ein Geschenk. Das größte Geschenk geben wir heute weiter; Die gute Botschaft von dem Kind, das geboren ist. Damit sich viele darüber freuen.
Predigt Kirchenpräsident Dr. Volker Jung in der ARD Christvesper 24.12. 2016
Die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns.
Liebe Gemeinde!
Die Weihnachtsgeschichte ist für mich eine wunderbare Geschichte. Gerade in Zeiten wie diesen. Wir stehen unter dem Eindruck des Anschlags von Berlin. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von der Geburt dieses Kindes Jesus und staunt über das Wunder des Lebens. Gleichzeitig spürt man in der Weihnachtsgeschichte, wie bedroht das Leben ist – damals und heute.
In vielen Familien ist in diesem Jahr ein Kind geboren. Jetzt feiern sie das erste Weihnachten mit ihm. Und sie sind berührt davon: Ein Kind ist ein großes Geschenk. Das hat Jonathan eben gesagt. Das gilt für das Jesuskind und für jedes Kind. Das Leben ist ein Wunder. Niemand kann es sich selbst geben.
Aber auch dafür steht die Weihnachtsgeschichte: Das Leben ist von Anfang an bedroht und gefährdet. Jesus wird geboren in einem besetzten Land. Seine Eltern müssen dem Befehl des Kaisers aus Rom folgen. Der Befehl führt sie nach Bethlehem – damals ein unbedeutender Ort am Rande der Weltgeschichte. Als sie ein Quartier für die Nacht suchen, finden sie erst mal keins. Kein Raum in der Herberge. Alles voll. Dann wenigstens eine Futterkrippe für das neu geborene Kind.
Und heute? Niemand kann Bedrohungen und Gefahren ausweichen. Vom Anfang bis zum Ende nicht. Niemand kann entscheiden, in Europa, in Asien, in Afrika oder sonst wo auf der Welt geboren zu werden. Niemand kann sich aussuchen, ob er im Schatten oder auf der Sonnenseite lebt, ob in Not oder in guten Verhältnissen. Für niemanden gibt es letzte Sicherheit, wo auch immer wir sind, ob auf einem Weihnachtsmarkt wie am vergangenen Montag in Berlin oder daheim im Wohnzimmer.
Joshua hat eben gesagt, wie die Weihnachtsgeschichte auf ihn wirkt. Da heißt es "Das geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war." Wie Joshua horche ich auf bei dem Wort Syrien. "Syrien in der Weihnachtsgeschichte." Es ist furchtbar, dass es nicht gelingt, den Krieg zu beenden. Sinnlose Gewalt. Bomben, Terror, Angst und Tod. Viele Menschen leiden – in Aleppo und an anderen Orten. Alte und Junge, Väter und Mütter und Kinder, immer wieder Kinder. Beim Blick in die Krippe von Bethlehem muss ich auch an diese Kinder denken. Und daran, dass das Jesuskind Schutz gefunden hat in seinen ersten Stunden. Aber Jesus wird sterben: Dreißig Jahre später, hingerichtet an einem Kreuz - durch menschliche Gewalt.
Jedes Menschenleben ist ein Geschenk. Und: Jedes Menschenleben ist vom Tod bedroht. So kann es sein, dass Angst nach Menschen greift. Oder das Gefühl, allein zu sein, ganz auf sich selbst geworfen, hin- und hergerissen zwischen Tag und Nacht. Und am Ende bleibt die dunkle Nacht? Viele Menschen erleben das – nicht nur in den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt. Oder auf der Flucht. Viele erleben das auch, wenn sie jemanden verloren haben und einsam sind. Einsam in dunkler Nacht. Oder wenn sie krank sind und um ihr Leben kämpfen. Wenn sie wissen, dass sie dem Tod entgegengehen. Vor einiger Zeit hat mir ein Freund geschrieben: "Mir war Weihnachten noch nie so nah wie in diesem Jahr." Er hatte wenige Wochen vorher von Ärzten gesagt bekommen, dass er unheilbar erkrankt ist. Aber es ist nicht nur dunkel um ihn. Sondern er spürt auch: In dieser Nacht, an Weihnachten, hat sich der Himmel geöffnet. Davon erzählt die Weihnachtsgeschichte. Die Klarheit des Herrn, so heißt es, leuchtete um die Hirten. Sie sind erschrocken. Es ist etwas geschehen, das sie nicht begreifen konnten. Sie fürchten sich. Und dann hören sie Worte, die mitten ins Herz treffen, wie Jessi gesagt hat. Worte des Engels: "Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr." Und: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens."
Die Botschaft der Engel ist eine Botschaft gegen die Angst. Sie ist eine Botschaft gegen den Tod und für das Leben. Annika hat recht, wenn sie sagt: "Fürchtet euch nicht, das versteht jedes Kind." Aber den Zuspruch: "Fürchte dich nicht!" brauchen nicht nur Kinder.
So machen sich die Hirten auf, um zu sehen, was sie gehört haben. Sie gehen zum Stall in Bethlehem. Sie finden Maria und Josef und das Kind in der Krippe. Von den Engeln wissen sie: Es ist ein besonderes Kind, ein göttliches Kind.
Wir wissen mehr als die Hirten. Wir kennen die Botschaft des Kindes. Seine Botschaft von der Liebe Gottes. Sie gilt allen Menschen. Wo auch immer sie herkommen, wer auch immer sie sind.
Die Botschaft von Jesus ist: Du bist ein von Gott geliebter Mensch. Darum mache dich auf. Vertraue auf Gottes Liebe und teile sie mit anderen. Mit denen, die dir nah sind – deiner Familie, deinen Freunden. Und auch mit denen, die dir fremd sind. Fürchte dich nicht! Jesus redet sogar davon, dass wir unsere Feinde lieben sollen. Das ist schwer. Mir jedenfalls fällt es nicht leicht, einem Menschen mit Respekt zu begegnen, der mich auch nur mit Worten angreift. Und selbst in mancher Weihnachtsfeier finden manche Menschen in ihrer Familie nicht zueinander. Und es ist noch viel schwerer, wenn wir an die Konflikte und Kriege in der Welt denken.
Trotzdem: Das Kind in der Krippe hat eine besondere Botschaft. Es ist das Geheimnis dieses Kindes, dass Gott sich selbst mit menschlichem Leben verbunden hat – mit all seinen Seiten. So erzählt die Weihnachtsgeschichte: Gott ist kein ferner, unnahbarer Gott. Gott ist Mensch geworden. So ist Gott nah – Dir und mir und allen Menschen auf dieser Erde. Gott ist nah – in hellen und in dunklen Stunden. Gott ist nah, damit wir leben.
Für mich ist die Weihnachtgeschichte eine wunderbare Geschichte. Sie erzählt wunderbar von Gott– davon, wie Gott uns beschenkt mit Leben. Wie er uns beschenkt mit seiner Liebe. Das ist für mich das Weihnachtsgefühl. So wie Du, Tess, es vorhin gesagt hast. Das Gefühl: "Jetzt ist Gott mir nah".
Ich hoffe, dass die Weihnachtsbotschaft viele kranke und traurige Menschen an diesem Fest erreicht und ihnen Halt und Hoffnung gibt. Und auch alle, die zurzeit verunsichert sind und Angst haben. Fürchtet euch nicht!
Und ich hoffe: Die Botschaft vom Frieden auf Erden beschränkt sich nicht auf dieses Fest. Wir nehmen sie mit in unseren Alltag. Damit sie hineinleuchtet in die Dunkelheiten unseres Lebens und die dunklen Gegenden dieser Welt. Denn Not und Krieg sind nicht das, was Gott will. Gott will, dass wir leben – in Frieden miteinander leben. Deshalb ist Gott Mensch geworden.
So bewahre der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
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Gott sieht die kleinen Leute - Predigt zu Heiligabend von Margot Käßmann
Liebe Gemeinde,
schauen wir heute, am Heiligen Abend zuerst auf Maria.
"Ich bin gemeint" – das begreift Maria. Ich, eine junge Frau aus Nazareth, die überhaupt nicht herausragt gegenüber den anderen. Sie erschreckt geradezu. Nichts Besonderes hat sie geleistet, sie ist nicht außergewöhnlich klug oder fromm oder schön oder reich. Und doch erlebt sie: Gott hat Großes an mir getan. Und so singt sie ihr geradezu revolutionäres Lied:
"Mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. … Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen." (Lk 1,46ff.)
Das ist schon sehr beeindruckend, finde ich! Da klingt Maria so ganz anders als sie in den vielen Bildern gern dargestellt wird: Die sanftmütige junge Mutter, ganz und gar auf das Kind ausgerichtet. So wird sie gern gesehen: liebevoll, still und demütig, ergeben geradezu. Ihr Lied klingt da ganz anders, finde ich. Selbstbewusst kommt es daher: Gott erhebt die Niedrigen!
In unserer christlichen Tradition spielt Maria als die "Gottesmutter" oder auch "Gottesgebärerin" eine große Rolle. Viele Mütter der Welt identifizieren sich mit ihr, die unter so schwierigen Umständen gebären muss und ihr Kind schützen will. Die irritiert ist über den Jugendlichen, der im Tempel lehrt. Die um den Sohn ringt, wenn sie mit seinen Geschwistern vor der Türe steht und erduldet, wie Jesus ihr eine Abfuhr erteilt. Die bis zuletzt bei ihm bleibt und auch unter dem Kreuz mitleiden wird. Die Pietá, Maria mit dem toten Sohn im Arm, sie ist weltweit und durch die Jahrhunderte ein Sinnbild mütterlicher Liebe.
Der Reformator Martin Luther war ein großer – heute würden wir sagen "Fan" – Marias. In einer Auslegung zum Lobgesang der Maria, diesem besonderen, als Magnifikat bezeichneten Liedes schreibt er: "…die zarte Mutter Christi, sie lehrt uns mit dem Beispiel ihrer Erfahrung mit Worten, wie man Gott erkennen, lieben und loben soll. Denn weil sie mit fröhlichem regem Geist sich hier rühmt und Gott lobt, er habe sie angesehen, obwohl sie niedrig und nichts gewesen sei, muss man glauben, dass sie verachtete geringe Eltern gehabt hat." Es ist erstaunlich, wie Luther sich hier in Maria hinein fühlt. Er sieht ihre Selbsteinschätzung der Niedrigkeit als Verweis auf ihre soziale Herkunft. Umso beeindruckender, welche Wertschätzung Martin Luther ihr zukommen lässt. Vielleicht können wir das wieder entdecken am Vorabend des Reformationsjubiläumsjahres – auch als Zeichen der ökumenischen Verbundenheit.
Der Gott der kleinen Leute
Wenn wir die Weihnachtsgeschichte hören, können wir immer wieder nur staunen. Es ist wahrhaftig keine Elitetruppe, die hier versammelt ist! Bei jeder Castingshow wären sie wohl durchgefallen, da ist kein Kandidat für Deutschland sucht den Superstar zu finden. Stellen wir uns nur vor, Maria – sie entspricht wohl kaum der Norm einer Heidi-Klum-Auswahl. Und Josef – er wird in der Geschichte eher als Randfigur angesehen, nicht gerade der Gewinnertyp. Die Hirten – das wären heute sicher auch Menschen, die um ihre tägliche Existenz ringen müssen. Weil sie von Hartz-IV leben, weil sie bitter arm sind im Alter oder denken wir an die Mexikaner, die illegal in den USA arbeiten und die Donald Trump unbedingt abschieben will. Nein, Lichtgestalten der Kino Glamour Glitzerwelt sind unsere biblischen Weihnachtsprotagonisten nicht…
In der Geschichte des Christentums wird es so bleiben. Petrus ist ein ängstlicher Typ. Sobald Jesus verhaftet wird, leugnet er, ihn überhaupt gekannt zu haben. Und doch wird er einer der führenden Apostel. Maria Magdalena umgibt ein eher zweifelhafter Ruf. Und doch wird sie wegen ihrer Glaubenstreue in aller Welt und durch die Jahrhunderte erinnert. Paulus hat Christen brutal verfolgt. Und doch wird er, der mit körperlichen Einschränkungen leben muss, das Evangelium über das Mittelmeer nach Europa bringen.
Jesus erzählt in seinem Leben und seinen Gleichnissen von Gott als einem Gott der kleinen Leute. Niemand ist zu gering. Alle können etwas beitragen mit ihrem Gottvertrauen zum Reich Gottes. Das ist mir wichtig an meiner Religion. Jesus selbst war kein Kämpfer, der auf dem Pferd mit dem Schwert daherkam und siegte. Unbewaffnet reitet er auf einem Esel nach Jerusalem ein. Er wehrt sich nicht, als er verhaftet wird. Er lässt sich verspotten, leidet, stirbt elend am Kreuz. Der Gott der kleinen Leute, er ist selbst klein, elend. Und gerade deshalb weiß unser Gott etwas vom Leid des Lebens, des Alltags, von Schmerz und Trauer. Gerade deshalb können wir uns diesem Gott anvertrauen. Gott schickt nicht Leid. Gott weiß selbst um Leid und Kummer und gibt uns die Kraft, damit zu leben.
Ein Unternehmer fragte mich neulich: Heißt das denn, mit den Reichen und Erfolgreichen kann Gott nichts anfangen? Aber doch! Gott freut sich an den Menschen. Nur haben es die Reichen und Erfolgreichen wohl in der Tat schwerer. Wer erfolgreich ist und gut zurecht kommt, meint oft, dass er oder sie niemanden braucht. Das habe ich mir alles selbst zu verdanken! Da vertrauen Menschen eher auf Macht, Schönheit und Geld als auf Gott. Sie sehen sich gern als "Macher" ihres eigenen Lebens. Deshalb ist es so schwer für sie, ihr Vertrauen ganz auf Gott zu werfen. So schwer wie für ein Kamel oder ein dickes Tau durch ein Nadelöhr zu gelangen. Wenn sie aber frei werden von der Gier nach Mehr, von der Angst um den Besitz und den Blick auf die Menschen um sie herum werfen, Freude haben am Geben und Teilen, ihr Herz nicht an Dinge, sondern an Gott hängen, dann teilen sie die Freiheit der Kinder Gottes.
Aber müssen wir nun alle etwas tun, um unser Gottvertrauen geradezu zu beweisen? Das wäre doch ganz gegen Luthers Erkenntnis, dass allein der Glaube unser Leben rechtfertigt und nicht unsere Leistung. An der Weihnachtsgeschichte der Evangelisten Lukas und Matthäus können wir sehr schön ablesen, was Luther meint. Maria leistet nichts. Sie vertraut sich mit ihrer Schwangerschaft Gott an. Und gerade so wird sie zum Sinnbild von Gottvertrauen. Josef hat seine Zweifel mit Blick auf all die problematischen Umstände. Aber er fragt nicht viel, er steht seiner Frau bei, vertraut seiner Intuition, seinem Traum, und flieht vor dem mordenden Diktator Herodes nach Ägypten. Die Hirten haben nichts vorzuweisen. Aber sie vertrauen dieser Botschaft, die sie wie von Engeln zu hören meinen. Es wird nicht sofort alles besser für die Protagonisten. Kein Geldregen kommt über sie, ein Happy End ist nicht in Sicht. Und doch ändert sich ihr Lebensgefühl: Gott ist da. Gott ist mitten unter uns erfahrbar, das erleben sie. Ihr Leben macht Sinn. Sie sind angesehene Personen, weil Gott sie ansieht.
Du bist gemeint
In seiner Magnifikatauslegung schreibt Martin Luther auch: "Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat tun will". Niemand. Das heißt, nicht nur Maria ist gemeint. Auch Du bist gemeint. Wir alle. Gott traut ganz normalen Menschen etwas zu. Allen Menschen. Auch Dir und auch mir. Und wenn wir begreifen, wir sind gemeint, dann können wir einen Teil dazu beitragen, dass eine Spur gelegt wird vom Frieden Gottes schon in dieser Welt.
Gott spricht uns an, auch wenn wir nicht außergewöhnlich klug oder fromm oder schön oder reich sind. Kleine Menschen spielen eine Rolle! Eine junge Frau, ein Zimmermann, Hirten. Petrus, der Jesus verleugnet, und Maria Magdalena, die einen zweifelhaften Ruf hat. Du und ich. Uns allen traut Gott zu, etwas zu erzählen davon, was die Liebe und Zuwendung Gottes bedeutet. Das bleibt auch heute wahr.
Da macht ein Mensch die Erfahrung von Liebe und entdeckt: Mein Leben macht Sinn, ich bin gar kein Looser, nein, mir ist Sinn schon zugesagt. Ich schaffe das schon. Da nimmt eine Familie schlicht einen Flüchtling bei sich auf, ohne großes Trara, weil sie das als christliche Haltung ansehen. Und sie erleben Bereicherung, Glück an dieser Gemeinsamkeit. Ein Mann tritt für die Würde des Obdachlosen ein, der aus dem Laden gescheucht werden soll, und spürt an sich: Ja, das war gut, das fühlt sich richtig an. Eine Jugendliche verteidigt ihre dunkelhäutige Freundin, die in der Straßenbahn angepöbelt wird. Sie begreift: Unsere Verbindung ist stark, das Miteinander kann dem Hass etwas entgegen setzen. Immer dann ereignet sich etwas von dieser Barmherzigkeit Gottes mitten in unserer Wirklichkeit. Und immer dann sehen wir im Kleinen, was einst im Großen Gottes Zukunft bedeuten wird: Das Ende von Hass und Gewalt.
Zuletzt
Hier in der Schlosskirche steht heute eine Krippe, die in der Malschule hier in Wittenberg hergestellt wurde. Die Jugendlichen, die sie aus Ton geformt haben, stammen größtenteils aus nichtchristlichen Familien. Als sie die Weihnachtsgeschichte hörten, dachten sie daran, dass Jesus ja schon als Kind auf der Flucht war mit seinen Eltern. Und so haben sie ein kleines Flüchtlingsboot in die Krippe integriert. Ich finde das sehr anrührend und sehr passend. Nächstes Jahr werden wir bei der Weltausstellung Reformation ein solches Flüchtlingsboot im Schwanenteich in Wittenberg platzieren. Wir wollen zeigen: Reformation, Veränderung brauchen wir auch heute. Sie ist dringend geboten, denn unsere Welt schreit nach Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Die biblischen Geschichten, sie sind hochaktuell.
Gott übersieht sie nicht, die so genannten kleinen Leute. Nicht die Menschen, die in tiefster Angst über das Mittelmeer fliehen, die ertrinken, weil sie nicht schwimmen können. Nicht die Menschen, die nicht ein und aus wissen, weil das Geld so knapp ist und die Kinder doch so gern neue Schuhe hätten. Nicht die Menschen, die ganz still sind, weil die Rente so klein ist und sie sich kaum trauen, um Hilfe zu bitten, zur Tafel zu gehen, zu beschämend ist das.
Als ich vor einigen Jahren den Weihnachtsgottesdienst in der Marktkirche Hannover hielt und die Kirchenälteste mit der Lesung begann: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…" stöhnte neben mir ein etwa zehnjähriger Junge auf: "O Mann, die Story kenn ich schon!" Ich hab´ ihm zugeflüstert: "Und du wirst sie immer wieder hören im Leben, jetzt mit deinen Eltern, später vielleicht mit deiner Liebsten und deinen eigenen Kindern!"
Ja, für mich klingt die Weihnachtsgeschichte jedes Jahr neu. Weil sie lebendig werden, Maria und Josef, das Kind und die Hirten und die Weisen. Wir begegnen ihnen auf den Straßen von Wittenberg und Berlin, von Köln und München. Schauen wir hin! Sehen wir uns an. Und stehen wir einander bei.
Weihnachten meint nicht immer Glanz und Gloria wie es uns die Werbung vorgaukelt. Die Weihnachtsgeschichte selbst handelt von kleinen Leuten mit all ihren Sorgen und Konflikten. Und so wird es auch heute Abend Enttäuschung gegeben haben, auch Bitterkeit und Streit. Aber vielleicht hilft der Blick auf die Weihnachtsgeschichte selbst, dass wir das überwinden. Das Leben ist nicht perfekt, kein Leben ist das. Aber wenn wir uns Gott anvertrauen, dann bekommen wir einen gnädigeren Blick auf uns selbst. Und wir können freier auf die anderen blicken. Auch wenn heute Abend nicht alles gelungen ist, nicht alles harmonisch war: Gott ist da, mitten im Alltag, mitten in unseren Auseinandersetzungen und gerade auch da, wo eine Träne fließt.
Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten.
Amen.
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Glauben Sie an Engel? - Predigt zu Lukas 1,26-33(34-37)38 von Christiane Borchers
Liebe Gemeinde,
glauben Sie an Engel? Glauben Sie, dass ein Engel kommt und Ihrem Leben eine neue Per-spektive gibt? So wie Maria das erlebt hat?
Ursula wünscht sich eine neue Perspektive. Sie möchte, dass sie ihr Leben befreit führen kann. Ihre Tage verlaufen anstrengend, das geht schon Jahre so. Anstrengend sind sie, weil sie sich in ihrer jetzigen Rolle unwohl fühlt. Die wurde ihr unfreiwillig zugeschoben. Das ist nicht immer so gewesen. Ursula hat einen verantwortungsvollen Posten in einer großen Fir-ma bekleidet. Sie hat wichtige Entscheidungen getroffen, wesentliche Impulse gesetzt, der Firma ein Profil gegeben. Dann kam ein neuer Chef, jung und unerfahren, mit neuen Ideen. „Räumen Sie Ihren Schreibtisch“, hat er schon bald nach der Übernahme der Firma angeord-net, „ab morgen arbeiten Sie in der unteren Etage.“ Diese Mitteilung des Chefs wirft Ursula völlig aus der Bahn. „Warum“, will sie wissen. „Was habe ich falsch gemacht? Womit sind Sie nicht zufrieden?“ Ohne ihr eine Antwort zu geben, verlässt der Chef überstürzt das Büro. Eine unheilvolle Stille legt sich schwer über den Raum. Mechanisch fängt Ursula an, ihren Schreibtisch zu räumen. Sie fühlt sich innerlich leer, auf eine merkwürdige Weise unbeteiligt. Als wäre es nicht sie, die hier wegräumt. Die Situation kommt ihr unwirklich vor. Die Herunterstufung des Chefs löst bei Ursula eine tiefe Krise aus. Sie darf nur noch untergeordnete Tätigkeiten ausführen. Sie wird zwar nicht entlassen - dazu fehlen dem Chef die rechtlichen Möglichkeiten - aber sie trägt keine Verantwortung mehr, hat keine Aufgaben mehr, die sie erfüllen. Ursula kommt mit ihrer neuen Rolle nicht zurecht. Sie ist unglücklich, wird trübsinnig. Ihr Ansehen sinkt. Ihr Selbstbild gerät ins Wanken. Das Schlimmste ist das Mitleid, das manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr entgegen bringen. „Nimm es dir nicht so zu Herzen“, tröstet sie ihr Mann. „Du wirst weiterhin gut bezahlt. Wenn der neue Chef deine Fähigkeiten nicht nutzen will, ist er selbst schuld.“ Das sagt Ursula sich selber, aber es hilft nicht wirklich. Ursula steht auf dem Abstellgleis. Sie kann keine Fahrt aufnehmen. Sie ist zum Stillstand verurteilt. Sie ist ausgemustert und abgeschoben. Das kränkt und tut weh. Es kostet Ursula viel Kraft, mit dieser unerträglichen Situation täglich umzugehen.
„Silke“, klagt Ursula ihrer besten Freundin „zu Maria ist ein Engel gekommen und hat ihr gute Botschaft gebracht. Kann nicht auch ein Engel zu mir kommen und mir gute Botschaft bringen? Oder kommen Engel nur in der Bibel vor? Es ist doch Advent! Wir warten doch auf Christus, den Retter und Erlöser.“ Ihr Wunsch kommt ihr selbst kindlich vor. Aber Ursula möchte nicht an den Rand gedrängt und ausgebremst werden. Sie wartet, dass einer kommt und sie herausholt aus ihrer beschämenden Situation. Sie braucht einen Engel, der ihrem Leben eine neue Perspektive gibt.
Engel sind Gottes Boten. Sie sind Wesen zwischen Himmel und Erde. Sie stellen die Verbin-dung zwischen oben und unten her. Engel bringen Gottes Wort zu den Menschen. Engel kommen in der Bibel vor. Engel gehen auch heute zu Menschen, die in Not und Bedrängnis sind.
Wenn Engel in das Leben eines Menschen eintreten, kann das nicht nur Freude, sondern auch Furcht auslösen. Maria erschrickt, als Gabriel sie anspricht. Sie ist eine einfache Frau, sie ist es nicht gewohnt, dass sich ihr der Himmel öffnet. „Sei gegrüßt, du Begnadete! Gott ist mit dir.“ (Lk 1,28b) Maria kann die Situation nicht einordnen. Der Engel erklärt sich, nimmt ihr die Angst, teilt ihr mit, was Gott mit ihr vorhat. „Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Den sollst du den Namen Jesus geben. Er wird der Sohn des Höchsten sein und den Thron Davids erben. Er wird König sein über Israel in Ewigkeit, sein Reich wird kein Ende haben.“ (Lk 1,31-33) Große Worte an eine einfache Frau gerichtet. Maria soll den Heiland gebären - ist so etwas möglich?
Maria ist eine gläubige Frau. Sie wartet wie alle frommen Jüdinnen und Juden auf den Hei-land. Die großen Worte für den Heiland und seiner Herrschaft sind ihr vertraut: Sohn des Höchsten, Davids Thron, König, Reich in Ewigkeit. Sie kennt diese erhabenen Ehrenbezeich-nungen für den Sohn Gottes von den Propheten. Sie erinnern besonders an die Schriften des Propheten Jesaja: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ (Jes 9,5a) In der Synagoge werden die Schriften regelmäßig gele-sen. „Und er heißt: Wunder-Rat, Ewig-Gott, Friede-Fürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er es stärke und stützte durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit (Jes 9,5bf).“
Maria ist auserwählt, das Kind zu gebären, von dem so Großes gesagt wird. Das kann sie kaum glauben. Werden andere es glauben? „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“, besinnt sie sich. Letztlich vertraut sie der Botschaft des Engels, nimmt sie demütig an und spricht ehrfürchtig die Worte: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lk 1,38) Gabriel hat seine Aufgabe erfüllt und kehrt in den Himmel zurück.
Maria hat eine Botschaft aus dem Himmel vernommen, die keine Frau je vernommen hat und auch keine Frau wieder vernehmen wird. Gabriels Botschaft ist einmalig. Gott kommt in die Welt und wird geboren von einer Frau. Anders als durch weiblichen Schoß kann und will Gott nicht auf die Erde kommen.
Gott wird Mensch wie wir, geboren von einer Frau, sterblich wie wir.
Und doch ist Jesus anders als alle anderen Menschen. Er ist wie wir und zugleich der Heiland, der König auf dem Thron Davids. Sein Reich, sein Recht und seine Gerechtigkeit haben kein Ende bis in Ewigkeit. Jesus kommt mitten in der dunklen Nacht und erhellt die Finsternis. Zu den Mühseligen und Beladenen kommt er zuerst. Er bringt das Recht zu den Völkern, den glimmenden Docht löscht er nicht. Über denen, die im Dunklen wohnen, scheint es hell.
Maria ist die Frau, die auserwählt ist, Gott in die Welt zu bringen. Der Himmel bleibt nicht für sich. Gott teilt sich mit, überlässt Menschen nicht ihrem Schicksal.
Die im Dunkeln sitzen, erhalten ein Licht. Wer den Weg nicht weiß, bekommt eine helfende Hand, die ihn führt und leitet. Gott kommt, hilft, heilt, erleuchtet, tröstet. Menschen wie Ursula bleiben nicht in der Finsternis. Mit Weihnachten kommt ein Licht in die Welt, das auch ihr gilt. Es macht ihre Finsternis hell, schenkt Hoffnung und Perspektive.
Engel kommen auch heute noch und bringen Gottes frohe Botschaft auf die Erde. Gott spricht durch Menschen, die Trost geben, die helfen, unterstützen und ein verbindendes Wort finden. Gott sendet Menschen, die an unserer Seite stehen und uns nicht verlassen.
Glauben Sie an Engel, war meine Ausgangsfrage. Glauben Sie an Engel, die zu Ihnen kom-men und Ihnen eine neue Perspektive geben? Ich glaube daran. Engel kommen und bringen gute Botschaft. Sie richten auf und stärken, machen Mut und geben Hoffnung. Gott verbürgt sich dafür, dass sein Recht und seine Gerechtigkeit auf Erden Wirklichkeit werden und sein Reich kein Ende hat in Ewigkeit. Amen.