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Konfi Impuls Die Familie Jesu: Markus 3,(20.21.)31-35 von Christina Hirt
Die Familie Jesu: Markus 3,(20.21.)31-35
Gedanken zum Text
Die Familie hat für Jugendliche weiterhin einen hohen Stellenwert. Hier findet eine große Mehrheit von ihnen den nötigen Rückhalt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mehr als 90 Prozent der Jungen und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Dieser Wert hat seit 2002 stetig zugenommen. (Presseinformation Shell-Jugendstudie 2015)
Wichtig ist mir für die Predigt: Jesus stößt seine Familienangehörigen zwar vor den Kopf, aber er schickt sie nicht weg. Er lädt sie eher dazu ein, von „draußen“ nach „drinnen“ zu kommen.
Im Kern geht es ihm um deine neue Definition von Zugehörigkeit, die nicht über Blutsverwandtschaft definiert wird. Erleben unsere Jugendlichen neben ihrer leiblichen Familie auch noch andere familienähnliche Beziehungen? Können Sie sich Jesus als Bruder und Gott als Vater vorstellen? Und die Gemeindemitglieder als Geschwister?
Jesus lehnt die Familie nicht grundsätzlich ab. Aber die kurze Episode zwischen Jesus und seiner Familie zeigt doch: die leibliche Familie ist nicht alles. Es gibt andere Beziehungen, die tragen (können).
Neben der Familienthematik spielt auch die grundsätzliche Erfahrung mit hinein: Wer sich zu Jesus hält/ wer nach Gottes Willen fragt, der muss unter Umständen Konflikte mit nahestehenden Menschen (Angehörige, Freunde) in Kauf nehmen.
Dazu ein Filmtipp: Die Konfirmation
Ein Jugendlicher lässt sich ohne Wissen seiner Eltern taufen. Er geht – gegen alle Widerstände – seinen Weg bis zur Konfirmation.
http://www.daserste.de/unterhaltung/film/freitag-im-ersten/sendung/die-…
Der Film ist auf der ARD Mediathek verfügbar bis 16.09.2017.
Gestaltungsmöglichkeiten für den Gottesdienst:
Die Gottesdienstbesucher können in einer Stillephase dazu eingeladen werden, Familienangehörige in Gedanken „herzuholen“.
Füreinander beten:
Jede/r schreibt (anonym oder mit Namen) ein Gebetsanliegen auf einen Zettel. Die Zettel werden eingesammelt, gemischt und anschließend wieder verteilt: Nun kann jede/r in der kommenden Woche für ein konkretes Anliegen beten und ist so geschwisterlich mit jemand anderem verbunden.
Antworten von Jugendlichen zum Thema Familie
Wer gehört zu meiner Familie? Die, die man sehr wertschätzt und die man gerne in seiner Nähe hat. Eltern, Geschwister, Großeltern, Verwandte. Alle Leute, die mir nahestehen.
Was verbindet uns? Dass man alles teilen kann. Dass man miteinander reden kann. Dass man sich vertraut, dass man sich von Geburt an kennt. Spaß und Freundlichkeit und Respekt.
Wozu brauchen wir Familie? Um geliebt zu werden. Für Geborgenheit und Sicherheit. Weil ich mit ihnen alles besprechen kann. Ich kann mich auf die Familie verlassen. Um zu wissen, dass man ein Zuhause hat, wo man immer zurückkehren kann. Weil jemand für dich sorgt.
Was schätzt du an deiner Familie? Alles, wie sie mich geprägt haben. Dass ich akzeptiert werde wie ich bin. Dass ich mich verbunden fühlen kann. Dass wir uns alle respektieren.
Was nervt und ist anstrengend? Dass dumme Geschwätz. Wenn man viele kleine Geschwister hat und alle machen, was sie wollen. Dass man viel tun muss. Wenn man mir alles zweimal sagt und meistens lange, unnötige Diskussionen entstehen. Wenn niemand zuhört und wenn man sich nicht aussprechen lässt.
Was dürfen Kinder von ihren Eltern erwarten? Dass geholfen wir, wenn man Hilfe braucht. Aufmerksamkeit, Liebe, Zuneigung, Stolz. Und nicht die ganze Zeit sagen, wer besser ist von uns. Geliebt zu werden und wenn sie sich freuen bei tollen Leistungen.
Was dürfen Eltern von ihren Kindern erwarten? Dass man das macht, was gesagt wird. Dass sie selbständig werden, Vertrauen. Dass sie sich auch anstrengen und nicht alles abverlangen. Regeln befolgen. Dass die Kinder nicht so viele Probleme machen.
Der ideale Bruder, die ideale Schwester wäre so: So wie sie sind. Vielleicht manchmal das Gehirn einschalten. Es wäre doof, eine perfekte Schwester zu haben, den Perfektion in der Familie zieht einen auf, der eine wird mehr geschätzt, der andere nicht.
Gibt es für dich eine andere Gruppe/ Gemeinschaft, in der du dich „zu Hause“ fühlst? Spielcommunity, unter Freunden, Jugendfeuerwehr. Bei Leuten, mit denen man Gemeinsamkeiten hat – man fühlt sich gut, dazu zu gehören.
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Das letzte Ma(h)l - Predigt zu Markus 14,17-26 von Stephanie Höhner
wieder einma(h)l…
Das Fladenbrot knackt knusprig im Ofen. Der Weißwein ist kaltgestellt. Auf dem Tisch Schälchen mit Hummus, Joghurt, Oliven. Dazu Chips und Weingummi – alles da für einen langen Abend.
Ich zünde die Kerzen an. Im Hintergrund läuft meine Lieblingsband: Alternativ-Rock – noch leise. Es wird an diesem Abend lauter werden.
Es ist mein letzter Freitagabend in Heidelberg. Nach drei Jahren Studium dort heißt es mal wieder: Abschiednehmen. Mal wieder Kisten packen. Mal wieder ein letztes Mal im Lieblingscafé, ein letztes Mal auf die Tram Nummer fünf warten. Ein letztes Mal beim Bäcker nebenan die Brezen kaufen.
Ich kenne das schon, diese letzten Male. Es gab schon einige davon. Und obwohl ich erlebt habe, dass es danach weiter geht, habe ich immer wieder Angst davor. Ein dumpfer Schmerz im Bauch – der bleibt auch an diesem Abend bis zum Schluss.
Es war ein langer Abend. Die Schälchen sind leer, die leeren Weinflaschen stehen auf dem Tisch, die Kerzen sind abgebrannt.
Wir haben uns Geschichten erzählt, als ob wir schon uralt wären. Wir haben viel gelacht, über die Trinkregeln in der Bibliothek, über Sturzregen bei der Fahrradtour und Semesterpartys. Es kam uns vor wie im Rausch. Ein Leben im Rausch.
Ich bringe meine letzten Gäste zur Tür. Wir umarmen uns ein letztes Mal. Morgen werde ich die letzten Kisten packen, Sonntag den Mietwagen abholen. Und dann ist es vorbei, mein Leben hier in Heidelberg. Ein Leben nicht immer im Rausch, aber manchmal.
Was davon bleibt: Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse, feiern und lernen. Und gute Freunde.
Abends an der Tür ist der dumpfe Schmerz im Bauch wieder stärker.
das letzte ma(h)l
Das Fladenbrot duftet. Als er es bricht, knackt es knusprig. Es ist noch warm. Sie reichen sich Hummus, Oliven und Joghurt in kleinen Schälchen weiter. Alle tauchen ihr Brot ein. Es schmeckt wunderbar.
Doch etwas ist anders als sonst. Er wirkt so ernst und angespannt. Sonst ist er beim Abendessen immer ausgelassen, genießt die Köstlichkeiten, die man ihm bereitstellt. Lacht und schwatzt mit ihnen.
Aber heute ist etwas anders. Hanna spürt es. Das macht sie unruhig. Und auch bei den anderen merkt sie eine Veränderung. Auch sie wirken angespannt.
Und dann nimmt er das Brot, dankt, bricht es und gibt es ihnen und sagt: „Das ist mein Leib.“
Die Gespräche verstummen. Hanna stellt ihren Becher ab. Sie versteht nicht, was das bedeuten soll.
Er reicht das Brot weiter, sie nehmen alle davon. Es knuspert bei jedem Brechen. Lauwarm liegt es in der Hand. Der Duft steigt in die Nase – eigentlich ein wohliges Gefühl. Es schmeckt köstlich. Doch da liegt dieser Satz in der Luft: „Das ist mein Leib.“
Sie erzählen von früher. Was sie schon alles zusammen erlebt haben. Hanna war nicht immer dabei, aber an ein paar Geschichten kann sie sich erinnern.
Als die Schüsseln leer sind und das Brot aufgegessen, nimmt er den großen Weinkelch, den besonders schönen mit den türkis-gelben Ornamenten. Er dankt, gibt ihn in die Runde und sie trinken alle daraus. Auch Hanna. Der Kelch ist schwer, liegt sperrig in der Hand mit seiner rauen Oberfläche. Der Wein ist süß und kühl. Sie möchte weiter trinken, aber Judas neben ihr möchte auch einen Schluck. Sie reicht den Kelch weiter. Jeder möchte daraus trinken.
das allerletzte mal…
Ihr Bett steht jetzt im Wohnzimmer. Daneben der Esstisch und Stühle. Wenn einer fehlt, wird ein alter Klappstuhl aus dem Keller dazu geholt. Immer ist jemand da. Freunde und Nachbarn. Sie liegt in ihrem Bett, die Augen nur wenig geöffnet. Sprechen kann sie nicht mehr. Aber jeder spürt: Sie ist dabei. Ihre Töchter sorgen für frischen Kaffee, ihr Mann legt Kekse nach. Und hält ihre Hand. Ihr letzter Halt.
An der Tür sind die Blicke noch scheu, verlegen, manchmal ängstlich. Es ist hier sehr still. Doch sobald sie das Wohnzimmer betreten, spüren sie Leben. Es duftet nach Kaffee und manchmal läuft auch Musik, leise im Hintergrund. Sie sitzen um ihr Bett, erzählen von früher oder vom Einkauf gerade im Supermarkt. Von der Hochzeit vor über dreißig Jahren, die Nachbarin den neusten Dorftratsch.
Sie hört uns zu, schwelgt in Erinnerungen wie wir und vielleicht muss sie auch mal schmunzeln.
Beim Abschied weiß jeder, dass es das letzte mal sein wird. Das allerletzte mal. Der Blick besonders tief, das Händedrücken besonders lang. Ein letztes mal. Ein allerletztes Mal.
das letzte Ma(h)l zusammen…
Als auch der Kelch leer ist, steht er auf. Er will noch einmal raus, beten auf dem Ölberg. Seine engsten Freunde gehen mit.
Hanna bleibt zurück am Tisch. Leere Teller und Becher. Sie blickt zur Tür. Ein letztes Mal sieht sie seinen Rücken, dann ist er gegangen. Ihr schwirrt der Kopf. Vielleicht vom Wein, vielleicht von seinen Worten. „Ich werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstock bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“
Es gibt also ein neues mal. Ein neues Mahl. Noch ist es nicht so weit.
was bleibt…
Als ich eine Woche später die Kisten in meiner neuen Wohnung in Münster auspacke, sind auch die Abschiedsgeschenke aus Heidelberg dabei. Und sofort sind die Bilder wieder da: vom letzten Abend mit meinen Freunden, von meinem Lieblingscafé und der Bibliothek. Ich höre unser Lachen und rieche das Fladenbrot. Ich bin froh, den Abschied gefeiert zu habe, auch wenn der dumpfe Schmerz im Bauch dabei war. Was bleibt: die Erinnerung – ein schönes Gefühl. Im neuen Zuhause und in mir lebt etwas von Heidelberg weiter.
Die Töchter und ihr Ehemann sitzen jetzt nur noch zu dritt am Esstisch. Ihr Bett ist abgeholt. Sie fehlt ihnen. Ein Schmerz legt sich über sie und den Raum. Daneben aber sind die Bilder der letzten Tagen: wie sie zusammen gelacht haben, wie sie noch einmal gesungen haben, wie sie erzählt haben. Das Haus war voller Leben. Trotz Abschied. Oder gerade deswegen. Sie sind froh, dass sie diese Tage zusammen erlebt haben.
Für die Familie und die Freunde war es ein allerletztes Mal hier, in dieser Welt. Von ihr bleiben die Erinnerungen, das Gefühl, bis zum Schluss bei ihr gewesen zu sein. Das tröstet sie.
Und es bleibt die Hoffnung auf ´s Neue. Jenseits dieser Welt. Auf ein neues Mal.
Hanna hat ihn nicht mehr wieder gesehen. Ihr letzter Blick auf seinen Rücken und seine Worte im Ohr – das ist ihr geblieben. Und die Erinnerung an das letzte Mahl.
Sie holt das frische Fladenbrot aus dem Ofen. Warm liegt es in ihrer Hand. Der Duft steigt in die Nase – ein wohliges Gefühl. Als sie es bricht, knuspert es. Hanna hat die Bilder vom letzten Ma(h)l vor Augen und seine Worte im Ohr: „Das ist mein Leib.“ „Das ist mein Blut des Bundes.“ „Ich werde von Neuem davon trinken im Reich Gottes.“
Es gibt also ein neues Mal. Ein neues Mahl. Nach dem Abschied. Noch ist es nicht so weit.
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Verschwenderische Liebe - Predigt zu Markus 14,3-9 von Christiane Quincke
I.
Verschwenderische Liebe.
Die Scherben liegen noch auf dem Boden. Dazwischen die Reste vom Fisch und Brotkrümel. Überall Tropfen von Nardenöl. Sie schimmern und duften. Ein schwerer Geruch und zugleich ganz leicht. Vermischt sich mit dem Fisch und dem Wein und dem Schweiß.
In den Wandteppichen hängen noch die Stimmen, die zornigen und die lauten, die leisen und die sanften auch.
Simon bückt sich und sammelt die Scherben auf. Das Öl, das an ihnen hängt, wischt er behutsam ab und verteilt es auf seiner Haut. Da wo die Narben besonders dick sind und weh tun. Er lächelt, als er an die Frau denkt.
II. Markus 14,3-9
Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl,und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.
III.
Simon, der Aussätzige, berührt seine Narben. Der Geruch vom Nardenöl erfüllt noch den Raum. Und er hofft, dass er möglichst lange da bleibt. Denn er tut seinen Narben gut, auch den Narben auf seiner Seele. Es war mutig von der Frau, einfach so hineinzutreten in die Männerrunde. Simon kannte sie nicht und die anderen kannten sie auch nicht. Aber als sie eintrat, verstummten sie auf einmal. Was will sie hier? Merkt sie nicht, dass sie stört? Und alle Blicke waren auf sie gerichtet. Sie wusste, was sie wollte - wohin sie wollte. Keiner traute sich, sie aufzuhalten. Sie sprach kein Wort. Nur das Zerbrechen des Öl-Gefäßes war zu hören. Und der Duft verströmte sich.
IV.
Liebe ist verschwenderisch.
Der liebende Duft.
Duftende Berührung.
Alles ganz nah.
Mit ungewisser Zukunft.
Die Frau trat zu ihm. Sie, die Unbekannte, die Liebende.
Sie salbt ihn, Jesus, zum König. Wie einst Samuel den David salbte.
Jesus, der Gesalbte, der Messias, der König. Der auf einem Esel in Jerusalem einzog. Er war gefeiert und bejubelt worden. Hatte berührt und wurde berührt.
Im Tempel trat er sehr unköniglich aber handfest auf.
Die arme Witwe bewunderte er.
Er ließ sich von der blutflüssigen Frau anfassen.
Die todgeweihte Tochter des Jairus nahm er an die Hand.
Der Gesalbte. Der verschwenderisch Liebende.
V.
Seine Verschwendung ist anstößig.
Was bringt die Rettung der kleinen Tochter von Jairus für die Toten der Welt?
Und das kleine Opfer der Witwe, wenn der Reiche nichts gibt? Wo bleibt der Ertrag?
Und seine Verschwendung wird noch anstößiger. Er setzt sich aus. Setzt sein Leben aus. Verschwendet seine Liebe an Menschen, die ihn töten wollen und dies auch tun. Er verhandelt nicht mit den Obersten, er erreicht keinen Kompromiss.
Stattdessen teilt er Brot und Wein mit seinen Freunden und Freundinnen.
Er hätte doch auch einen Pakt mit Pilatus schließen können, ihm vormachen können, dass keine Gefahr von ihm ausgeht. Vielleicht hätte Pilatus ihn nicht gekreuzigt und Jesus hätte noch mehr Menschen erreicht. Vielleicht?
Aber stattdessen geht er ans Kreuz mit seiner verschwenderischen Liebe. Verströmt sie an die neben ihm. Und wird sterben - mit ihr.
VI.
Liebe ist verschwenderisch.
Kostbares Öl auf seinem Kopf. Öl, das man hätte gut verkaufen können. Es macht ihn zum Gesalbten. Zum König. Zum Sterbenden.
Als Sterbender bleibt er der Gesalbte, der König.
Der wahre König muss seine Liebe verschwenden. Er kann sie nicht für sich behalten und nutzbringend einsetzen.
So wie das Öl von seinen Haaren tropfen muss und sich auf dem Boden verteilt. Tropfen bildet. Scherben hinterlässt. Und die anderen verstört.
Die Frau, die Namenlose, kümmert sich nicht darum. Sie tut, was ansteht. Nimmt vorweg, was kommen wird. Sie zeigt, wer Jesus ist. Der Gesalbte. Der verschwenderisch Liebende.
VII.
Simon bückt sich und sammelt die Scherben auf. Das Öl, das an ihnen hängt, wischt er behutsam ab und verteilt es auf seiner Haut. Da wo die Narben besonders dick sind und wehtun. Er lächelt, als er an die Frau denkt.
Liebe strömt den Kopf hinab und tropft auf den Boden. Sie bringt eine dampfende Hühnersuppe für die erkältete Pfarrerin. Stundenlang hat sie sie gekocht für die Kranke.
Verschwenderische Liebe fährt 600 Kilometer durch die Bundesrepublik, um dabei zu sein, wenn die Tochter ihr Abschlusszeugnis bekommt.
Sie demonstriert in Stuttgart gegen die Abschiebungen nach Afghanistan und spricht stundenlang mit einem, der nur noch im völkischen Denken das Heil für die Zukunft sieht.
Sie betet für dich und umarmt dich, wenn du selber keine Kraft hast zum Lieben.
Liebe ist so verschwenderisch, dass ihre Tropfen noch reichen für deine Narben, die auf der Haut und auf der Seele. Ihr Duft vermischt sich mit den Gerüchen deines Lebens.
Verschwenderisch bis zum Tod.
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Eine Geschichte, die duftet - Predigt zu Markus 14,3-9 von Henning Kiene
Es gibt Momente im Leben, da könnte alles zusammenpassen. Die richtigen Menschen sind eingeladen, sie kommen am passenden Ort zusammen, es gibt genug Stoff für Gespräche und gutes Essen brutzelt auf dem Herd. Gleich geht es los. Da liegt die Atmosphäre eines guten Abends in der Luft.
Ein schöner Abend ist wie ein Urlaub, er bleibt aber immer auch ein Geschenk. Ein Essen unter Freunden kann man planen. Unverfügbar ist das Flair von Festen und Feiern. Auch das, was zwischen dem Palmsonntag und dem Osterwochenende passiert, ist schwer vorauszuplanen. Unsere Großeltern sprachen von der „Stillen Woche“. Tod und Auferstehung, Angst und Mut, Verzagen und Hoffen, die Suche nach Gott und dieses Staunen über neue Entdeckungen passen in diese Woche von Palmarum bis Ostern. Alles könnte sich gut zusammenfügen.
Könnte, tut es nicht so schnell. Noch ist alles am Anfang.
Die Tür am Eingang fliegt auf. Eine Frau tritt ein. Alle Blicke richten sich auf sie „Kennst du die?“, flüstert jemand. „Nein, du? Kennst du sie?“, die Rückfrage ist kaum zu überhören. Jedes geflüsterte Wort wird von der Stille verstärkt. Keiner erwartet eine Frau. Niemand kennt diese Frau. Alle Augen folgen ihr. Sie durchquert den Raum. Merkt die denn nicht, dass sie stört? Ihr Schritt ist fest und sicher. Eine Unbekannte in einer Männerrunde, „mutig“, raunt einer, „hier so einfach reinzukommen.“ „Die stört uns“, jeder kann das spüren. Das müsste diese Frau doch selber merken.
Es gibt Momente im Leben, da läuft etwas anders, als ursprünglich gedacht. Stellen Sie sich vor: Wir feiern Gottesdienst, die Tür geht auf, jemand geht mit sicherem Schritt durch den Mittelgang, mitten durch unsere Kirche, in Richtung Altar. Der Atem stockt. „Was tun?“ Panik, Unruhe, „Stopp“, will jemand rufen. Tut nur niemand. Vor Schreck erstarrt sitzen alle da. Was passiert nun?
Auf dem Tisch dampft das heiße Essen aus den Schüsseln. Alle haben sich genommen. Die Teller sind gefüllt. Jemand setzt die Weinkaraffe mit einem lauten Geräusch auf der Tischplatte ab. Das Gespräch, eben noch in vollem Gang, ist stecken geblieben. Selbst das laute Lachen, das aus der hinteren Ecke kam und durch den ganzen Raum drang, ist wie abgeschnitten. Alle Augen blicken in dieselbe Richtung, folgen der Frau.
Jede solcher Störungen gleicht der anderen. Die einen finden so etwas spannend. Wie geht es nun weiter? Andere sehen betroffen zu Boden. Schade um all die Mühe, die hier aufgewendet wurde. Viele sind enttäuscht: Das hätte ein gutes Fest werden können. Nun kommt es anders. Schade für die Gastgeber, keine gute Sache.
In diesen wenigen Motiven tauchen Erinnerungen an Vergleichbares auf. Andere Geschichten melden sich als Erinnerung an: Irritation, Störung, Überraschung, Spannung. Wie löst sich so ein Moment auf, wie geht es weiter?
Die Frau, niemand weiß ihren Namen, unterbricht die Männerrunde. „Unerhört,“ meint eine tiefe Männerstimme. Dieser Moment zeichnet etwas vom Evangelium vor: In der gleichen Weise, in der diese Frau in die Männergesellschaft hineinplatzt, unterbricht die Bibel manch routinierten Ablauf. Er platzt in diese Welt voller Tod hinein und lässt sich nicht zum Schweigen bringen.
Kaum jemand kann die Bilder von den Kindern in Aleppo ertragen, diese angsterfüllten Augen machen stumm. Jetzt lassen sich auch die Leichen nicht mehr ausblenden, die in St. Petersburg auf dem U-Bahnsteig lagen. Und doch beginnt der Frühling, üppig ist er, Hoffnung will sich ausbreiten. Das Erschrecken wächst, besetzt tiefer liegende Schichten, greift die Seele an. Angst macht Wortkarg. Angst verzögert die Reaktion. Die Gespräche, die sich eben leichtzüngig an der Oberfläche bewegten, verstummen. Auch in den Gedanken ziehen dunkle Bilder auf.
„Nicht unterkriegen lassen“, denkt jemand.
Wenn sich Leid meldet, erhebt sich an anderer Stelle eine Stimme, die behutsam von Gott spricht. Häufig stellt sie zart die Frage „Warum?“ und unterbricht die Stille. Jemand singt leise „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ und beginnt zu beten. Das klingt wie die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, sie fleht leise: „Herr“, „Herr,“ „Herr“. Wie eine Erwartung, die lauter wird und immer drängender sucht und fragt. Gott ist nicht mal eben vergessen. Es gibt eine Suche, die bleibt lange Zeit vage. Die kennt seinen Namen noch nicht. Wer weiß schon, dass es Gott ist, der in dem Fragen und Suchen umkreist wird? Wer die losen Enden, die herumliegen, wieder zusammen bekommen will, sollte sich nicht zu schnell mit irgendwelchen Thesen zu Frieden geben. Wer etwas glauben möchte, hofft auf Trost. Wenn von dem christlichen Glauben eine erste Botschaft ausgeht, die tief in die Menschenseele hineinwirkt, dann ist es die Hoffnung, die die Bibel formuliert. An Hoffnung herrscht kein Mangel. Hoffnung gibt es nur im Überfluss. Ihr folgen die Blicke der Menschen, die sich nicht als Christinnen und Christen bezeichnen. Wohin die Hoffnung wohl geht? Es ist spannend, ob sie wirkt.
Das Essen auf dem Tisch kühlt immer weiter ab. In einer Weinkaraffe surrt eine Fliege. Die Männer ziehen die Luft schnuppernd durch die Nase. „Nardenöl“, sagt einer der Männer,
„Teuer“, fügt er an. Staunen, Überraschung, eine Wohltat für alle, der Duft hat etwas Beruhigendes, das spüren sie. „Extrem teuer“, sagt einer laut, „zu wertvoll, alles auf einmal auszuschütten“, „eine Schubkarre voller Geld. Schade, soviel Geld wegzuwerfen.“ Die Stimmung beginnt zu kippen. „Das verdient hier niemand!“, es wird lauter. Ein Keil droht die Runde auseinandertreiben.
Wenn die Stimmung umschlagen könnte, dann verabschieden sich die ersten Gäste ganz schnell, „Ich muss nun schon nach Hause. Danke und tschüss.“ Sie nennen noch irgendwelche Gründe und schon fällt die Tür ins Schloss. Doch noch blieben alle sitzen auf ihren Plätzen, starren auf die Frau, wollen wissen, wie es weitergeht. Ist schließlich auch interessant: Eben wurde noch gejubelt, jetzt ist der Grund zum Jubel schon vergessen. Gerade war er noch ein Superstar, bald ist er ein No-Name. Das „Hosianna“, das die Leute anstimmen, hat einen ungleichen Bruder, der heißt „Kreuzige ihn“.
Es dauert weniger als eine Minute und der süße, voll aromatische Duft erfüllt den letzten Winkel des Raums. Der Duft verdrängt das Gemisch aus Küchenduft, frischem Wein und leichten Gesprächen. Er ist so würzig, dass den Kopfschüttlern und denjenigen, die noch länger von Geldverschwendung reden wollen, die Freude am Sticheln vergeht. Ihr Nörgelkonzept gerät aus dem Takt, der Duft, diese plötzliche Fülle an Zuwendung, schiebt sich über ihre miese Stimmung. Es zieht eine Erkenntnis auf, die sagt: Gott scheut die Verschwendung nicht. Das würde sie auch betreffen. Ein Überschwang an Hoffnung ist mehr, als sie je erwartet hätten. So kühn wie die Frau erreicht der Glaube sein Ziel.
Dieses Nardenöl bringt in Erinnerung: Wird das Fläschchen mit dem Öl erst einmal geöffnet, breitet der Duft sich unwiderruflich aus. Ist die Hoffnung erst einmal aktiviert, dann ist die Suche nach einem Erlebnis mit Gott nicht mehr zu bremsen. Das allein schöpft schon aus einer ungeahnten Fülle. Der Gott, für den Jesus steht, spart nicht. Er verschwendet sich. Grundlos aus der Sicht der Menschen, denen er begegnet, im Überfluss, für den er auch kritisiert wird.
Gott ist ein anderes Wort für Großzügigkeit. Er verschwendet sich schon in dem Moment, bevor jemand nach ihm fragt. Vielleicht liegt allein in der Suche nach Gott ein erstes, vorläufiges Finden. Wie so ein Nardenöl: Den Duft Gottes bekommt man, ist er erst einmal freigesetzt, aus dem Leben nicht mehr heraus. Er erinnert an diesen Überschwang, bleibt ein Zeichen und weist über den Moment hinaus.
Die, die eben noch hofften, diese Störung ginge bald vorüber, die gerne wieder von dem Essen genommen hätten, - schade, die großen Schüsseln sind jetzt wirklich nicht warm - merken, dass hier etwas anders läuft. Sie atmen tief durch. Nehmen den üppigen, süßen Duft in sich auf, lassen die dunkle Duftnote auf die Sinne wirken und spüren: Diese Verschwendung gilt ihnen. Das stand nicht auf ihrem Plan für diesen Abend.
In Ihren Taschen, das wissen sie, tragen sie Geld mit sich, nicht viel, aber es ist genug. Einige bilden sich ein, das Gewicht der Münzen, die sie eingesteckt hatten, zu spüren. Sie denken an die Armen, die sie kennen. Sie meinen, dass sie nun wüssten, für wen man einige dieser Münzen gut anlegen könnte.
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Konfi Impuls zu Palmsonntag
Zur Bearbeitung der Geschichte der Salbung in Betanien setze ich bei den drei Leidensankündigungen Jesu an und frage die Konfirmandinnen und Konfirmanden, was die Jünger ihrer Meinung nach wohl darüber gedacht haben. Woher weiß Jesus das? Warum sagt er das? Ist er verrückt? Er wird doch einen Ausweg finden? Als Gefühle benennen sie Angst, Trauer, Hilflosigkeit, Orientierungslosigkeit. Umstritten ist die Frage, ob die Jünger wohl verstanden haben, was Jesus ihnen sagte. Am Anfang nicht, aber dann nach der Wiederholung schon. Und: Manche blicken’s halt und andere nicht – eine jugendliche Zusammenfassung des markinischen Messiasgeheimnisses?
In Anlehnung an die Methode des Bibliologes erkunden wir gemeinsam den Text und vermuten dabei unter den Gästen des Simon auch ein paar von den Jüngern. Immer wieder unterbrechen wir die Lektüre und versetzen uns in verschiedene Personen hinein:
Wie fühlt sich Simon, als Jesus in seinem Haus zu Gast ist?
Was denkt die Frau, als sie Jesus das Salböl über den Kopf gießt?
Wie ist das für die arme Magd im Haus von Simon, diese Verschwendung mitzuerleben?
Wie hört die Frau es, dass Jesus die Gäste zurechtweist und sie dagegen lobt; aber auch, dass sie ihn für ein Begräbnis gesalbt haben soll?
Immer wieder blitzen aus den Antworten der Neid und die Unsicherheit auf:
Neid auf die Frau, weil sie die Aufmerksamkeit von Jesus auf sich zieht und ihn so den anderen wegnimmt. Was erlaubt sie sich? Wieso darf sie das? Die Zeit mit ihm ist doch kostbar!
Neid steckt auch hinter der Frage: Warum bin ich nicht auf die Idee gekommen?
Hinter dem Zorn der Gäste gegen die Frau mit dem Salböl vermuten die Jugendlichen Unsicherheit: Warum macht sie das? Nimmt sie ihn uns weg? Warum lässt Jesus das zu? Ihm ist doch sonst so wichtig, dass man den Armen etwas gibt – und jetzt findet er eine solche Verschwendung gut? Was gilt denn nun?
Im Hintergrund klingen Erfahrungen der Jugendlichen an von Gruppen, die auseinanderbrechen, wenn ihre Identifikationsfigur nicht mehr da ist: Was passiert, wenn unser Anführer weg ist? Was wird dann aus uns?
Ist es denn nun Verschwendung oder nicht? Diese Frage ist für die Jugendlichen eigentlich nicht so wichtig. Zwei Schlussfolgerungen ziehen sie: Es ist nicht nur gut, den Armen etwas zu spenden, sondern auch den Menschen um einen herum (großzügig) seine Liebe zu zeigen. Und: Manchmal ist es gut, Dinge zu tun, die sich nicht „rechnen“. Bemerkenswerterweise fällt einem von ihnen dazu ein Beispiel aus der Kommunalpolitik ein: Wie beim neuen Eislinger Rathaus. Da haben auch viele gefragt: Muss das denn sein, dass es so teuer ist? Ist das nicht Verschwendung? Aber jetzt ist es da und alle finden es gut, dass die Stadt eine neue Mitte hat. Es ist halt mehr als nur ein Rathaus.
Miriam Guillet, Pfarrerin, Christuskirche Eislingen-Ottenbach
mit Gwendolin, Nina, Max und Maximilian