Ist Heilung möglich?- Predigt zu Markus 9,14-27 von Norbert Stahl
Liebe Gemeinde,
ein Satz aus dieser Heilungsgeschichte treibt mich besonders um. Die steile Aussage Jesu: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ – Ist das wirklich so einfach?
In den Sommerferien besuchten meine Frau und ich in der Nähe von Frankfurt unsere Freundin Sabine. Sie betreibt dort seit einigen Jahren ein christliches Café. Wir hatten uns länger nicht gesehen. So gab es einiges Neues zu berichten. Kaum hatten meine Frau und ich an einem der kleinen Tische Platz genommen und unsere Bestellung aufgegeben, da setzte sich Sabine auch schon zu uns. Sogleich begann sie übersprudelnd zu erzählen. Früher gehörte sie einmal zur Landeskirche. Vor kurzem, so berichtete sie nun, hatte sie sich einer freien Gemeinde angeschlossen. Einer mit stark charismatischer Prägung, in der Heilungsgottesdienste eine wichtige Rolle spielen. Sabine erzählte begeistert von den Gottesdiensten. Beinahe jeden beinahe Sonntag gäbe es die. Sie selbst sei von einem Schulterleiden befreit worden. Jemand anderes von einer schweren Organerkrankung usw. Es sei eigentlich alles ganz einfach, man müsse die Bibel nur beim Wort nehmen. Wirklich beim Wort nehmen. Insbesondere die Stellen, die von Heilung sprechen und dann diese Stellen und Verheißungen ganz für sich in Anspruch nehmen, so als sei die Heilung im Grunde schon passiert – oder so ähnlich. Jedenfalls würden erstaunliche Dinge in dieser Gemeinde passieren. Es sprudelte dermaßen aus Sabine heraus, dass meine Frau und ich zunächst kaum dazwischenkamen. Nur nach und nach gelang es uns. Ich erzählte Sabine die Geschichte von Matthias.
Ich lernte ihn und seine Familie in meinen Jahren auf der Ostalb kennen. Matthias hatte eine ähnliche geistliche Biographie wie Sabine. Wie sie war er lange Landeskirchler gewesen, sogar Kirchengemeinderat. Irgendwann muss ihm die Landeskirche aber zu ungeistlich geworden sein, vielleicht waren ihm auch die Ortspfarrer zu liberal gewesen. Jedenfalls beteiligte er sich an einer Gemeindeneugründung. Die sollte auf jeden Fall geistlicher und moderner sein, als jene, die er vor Ort erlebt hatte. Die Neugründung hatte schnell einigen Erfolg und guten Zuspruch. Die Gottesdienste waren voll, die neuen Lieder wurden von einer Band begleitet, vor der Predigt gab es ein Anspiel. In der Kinder- und Jugendarbeit wurde viel getan. Bis heute hat diese Gemeinde einen guten Zulauf. Dann ereignete sich das Unerwartete. Bei Matthias wurde ein schweres Krebsleiden diagnostiziert. Man kann sich vorstellen, dass in seiner neuen Gemeinde viel für ihn gebetet wurde. Dass viele Gemeindeglieder fest an seine Heilung glaubten. Trotzdem: nach langem, schwerem Leiden ist Matthias verstorben. Ein herber Schlag für alle, die ihn kannten. Was war hier passiert?! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!
Hier war fest geglaubt und intensiv gebetet worden – und nun das! Meine Frau und ich haben noch einige Zeit mit Sabine diskutiert.
Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt – ist das wirklich so einfach? Man muss die Verheißung nur ergreifen, nur fest genug glauben, dann klappt das mit der Heilung? Eigentlich lehrt ja schon das Beispiel von Matthias etwas anderes. In seiner neuen Gemeinde war ja fest geglaubt, intensiv gebetet und alles von Gott erwartet worden. Vielleicht mehr noch, als das in seiner früheren landeskirchlichen Gemeinde der Fall gewesen wäre. Aber nicht einmal unter diesen Umständen konnte er geheilt werden.
In der Logik von Sabine müsste ich nun fragen: Hat da jemand zu wenig fest vertraut? Matthias selbst oder vielleicht sein Pastor? Oder vielleicht beide? Hat vielleicht einer von beiden zu wenig auf die eine Karte des Glaubens gesetzt? War da vielleicht doch noch ein leiser Zweifel am erhofften Ergebnis und hat es deshalb nicht funktioniert? Mir widerstreben all diese Überlegungen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass jemand über die Heilungsgeschichte von heute Morgen gesagt hat, sie sei ein Predigttext „mit Risiken und Nebenwirkungen“.(Michael Werner in a&b 17/2017, 10-16) Ich finde das sehr treffend. Die Geschichte von der Heilung des kranken Jungen hat einerseits das Potential zu helfen. Sie kann Hoffnung spenden, sie kann dazu beitragen, dass ein kranker Mensch sich nicht aufgibt, dass sein Lebenswille gestärkt wird, dass ihn die Barmherzigkeit, mit der sich Jesus dem kranken Jungen zuwendet guttut: Auch mich lässt Jesus in meinem Leiden nicht allein. Auch mir wendet sich Jesus zu. So kann die Geschichte wirken, wie ein gutes Medikament. Aber wir wissen auch: Gerade die hochwirksamen Medikamente haben oft unerwünschte Nebenwirkungen. Manchmal sogar solche, die wiederum gefährlich werden können für den Kranken. Markus 9 – eine Heilungsgeschichte mit Risiken und Nebenwirkungen.
„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“? Macht dieser Satz angesichts der beschriebenen Gefahren überhaupt Sinn? Der Schlüssel könnte darin liegen, dass Jesus diesen Satz gar nicht zu dem Vater des kranken Jungen sagt. Der Vater bezieht die Worte Jesu zwar gleich auf sich, aber ich glaube, darin liegt zumindest teilweise ein Missverständnis. Lesen wir noch einmal genau! Der Vater bittet Jesus:
„Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst, wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“(9,22f)
Genau genommen spricht Jesus hier über sich selbst. Er beschreibt sich selbst als denjenigen, der wahrhaft glaubt. Also als jemand, der glaubt ohne jeden Zweifel; als einen, der sein ganzes Vertrauen ohne irgendeinen Vorbehalt in seinen himmlischen Vater setzt, der alles von ihm erhofft, erwartet, erbittet – in großer Gewissheit, auf einzigartige Weise mit Gottes Kraft verbunden zu sein. Für mich ist klar: So kann kein Mensch glauben. So hat nur Jesus geglaubt. Die Jünger beschreibt Markus immer wieder als solche, die das Wesentliche gerade nicht verstehen, die manches Mal sogar in Angst und Schrecken verfallen statt in Lob und Anbetung. Zwar werden auch von den Jüngern Wunder berichtet. Im Markusevangelium allerdings – soweit ich sehe – nur an einer einzigen Stelle, fast beiläufig. Stattdessen betont Markus immer wieder den großen Abstand zwischen Jesus und seinen Jüngern. An vielen Stellen beschreibt er ihr Unverständnis – obwohl sie doch viel näher an Jesus dran waren als alle anderen. Um wieviel mehr hätten sie es eigentlich besser wissen und besser tun können. Wunder vermochten sie allenfalls punktuell zu wirken. Keineswegs in dem Ausmaß und mit einer solchen Verlässlichkeit, wie das Jesus möglich war. Die Geschichte von der Heilung des Jungen beginnt nicht zufällig gerade mit der Diskussion über das Unvermögen der Jünger. Der Vater sagt zu Jesus:
„Meister, ich habe einen Sohn, der hat einen sprachlosen Geist. Ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, aber sie konnten’s nicht.“
Das Risiko der Geschichte von der Heilung des kranken Jungen – um noch einmal auf Risiken und Nebenwirkungen zu sprechen zu kommen – das Risiko besteht darin, genau diesen Abstand, der zwischen Jesus und uns Menschen besteht zu übersehen oder zu überspielen. Die Geschichte von heute Morgen macht sehr deutlich, dass es diesen Abstand gibt. Jenen Abstand, der auch in dem herausgeschrienen Bittruf des Vaters zum Ausdruck kommt: „Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Über diesen Ausruf kommt kein Glaubender hinaus. Und sei er der Pastor einer charismatischen Gemeinde.
Ich glaube sehr wohl, liebe Gemeinde, dass es Sinn macht um Heilung zu beten. Ich glaube auch, dass es unter Gebet zu erstaunlichen Heilungen kommen kann. Aber wo und wann es passiert, das bleibt letzten Endes unverfügbar. Immer wieder schmerzlich unverfügbar. Kein Mensch kann von sich behaupten, Heilungen in einem solchen Ausmaß und mit einer solchen Verlässlichkeit wie Jesus selbst hinzubekommen. Das sind leicht nachvollziehbare Wünsche und Phantasien. Unheilbare chronische Leiden und lebensbedrohliche akute Erkrankungen sind schwer zu ertragen. Zu allererst für die Betroffenen, oftmals auch für ihre Angehörigen und Freunde. Es ist so verständlich, dass wir uns einen leichteren Weg wünschen. Auch einen, der uns vor langwierigen und belastenden Therapien bewahren könnte. Aber so einfach ist es nicht. „Die Jünger vermochtens nicht.“ – das ist auch unsere Erfahrung. Auch wir vermögen es nicht. Allenfalls hier und dort einmal, ohne aber sagen zu können, wieso es manchmal klappt und so oft auch nicht.
Handauflegung, Salbung und persönliches Gebet sind uns als Christen dennoch aufgegeben. Es ist schön, dass sich auch landeskirchliche Gottesdienste gibt, die Handauflegung, Salbung und persönliches Gebet beinhalten. In der Leonhardskirche in Stuttgart z.B. hat ein Team einen sensiblen Weg gefunden, all diese Dinge anzubieten. Mehrmals im Jahr. Die Gottesdienste heißen allerdings nicht Heilungsgottesdienste sondern Heilsame Gottesdienste für Leib und Seele. Das signalisiert: Mit Heilungsversprechen ist man hier vorsichtig. Vor kurzem war ich mal wieder dort. Die Lieder, die Salbung, das Handauflegen, der persönliche Zuspruch haben mir gut getan. Das Ganze hatte für mich tatsächlich etwas Heilsames. Und das ist auch etwas wert. Das ist auch hilfreich.
Und der Friede Gottes…
Amen.
Vorschlag zur Liturgie
Eingangslied: EG 437,1-4
Psalm 63 (EG 729)
Wochenlied: EG 346,1-3
Predigtlied: EG 369,1.2.7
Schlusslied: EG 171,1-4 oder EG 565,1.4.5
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Vom Leben nach dem Willen Gottes und der familia Dei - Predigt zu Markus 3,31-35 von Lars Charbonnier
„Nur ein Streifen Silberpapier, weiter nichts. Aber das Mädchen mit dem Diamanten im Nasenflügel hatte ihn berührt, und er roch immer noch nach Pfefferminze. Tauber faltete ihn auseinander, bis er ein glänzendes Rechteck ergab, voller knittriger Linien. Sein Zeigefinger zitterte über die Silberbeschichtung, als versuche er, die geheime Botschaft der Linien zu entschlüsseln. Vorsichtig schob er das Papier in die Tasche seines grauen Regenmantels.Seine Augen glitten über den vertrauten Heimweg, ohne sich irgendwo festzuhalten. Was er sah, lag Minuten zurück: Das Mädchen wickelt das Kaugummi aus, wirft das Papier achtlos auf den Bahnsteig, während sie den weichen Streifen in den Mund schiebt. Sie umfasst den Hals des hochgewachsenen, blonden Jungen, bedeckt mit ihren schlanken Händen die kleine Narbe an seinem Nacken. Sie sehen sich in die Augen, versunken in ihrer eigenen Welt, während ihr Kiefer mechanisch vor und zurück mahlt. Sie küssen sich, kurz erst und spielerisch, wie zur Probe; dann noch einmal, sehr lange. Sie holt Luft, lächelt, während er wie benommen dasteht, ein wenig verwirrt und überaus glücklich. Und dann kaut er, kaut ihr Kaugummi, während sie ihm lachend zuwinkt und in der S-Bahn verschwindet.“1
Unscheinbar ist diese Szene. Die wenigsten werden sie überhaupt wahrgenommen haben. Wie so vieles, das passiert, neben uns, um uns herum, vor und nach uns. Unscheinbar ist diese Szene, und doch enthält sie alles, was das Leben schön machen kann: Überraschung und Sinnlichkeit, Zuwendung und Zärtlichkeit, Liebe und Kraft, die sich übertragen, überfließen, sich verschwenden an alle, die sie sehen wollen, die sie spüren wollen. Es sind nicht immer die großen Ereignisse, die besonderen Erfahrungen, die unser menschliches Leben prägen. Ganz oft sind es diese kleinen Begebenheiten mitten im Alltag, die uns berühren, anrühren, in Schwingung versetzen, Verbundenheit fühlen lassen. So, wie Tauber.
„Tauber schloss die Tür der kleinen Wohnung auf, holte das Silberpapier aus der Manteltasche und glättete es mit Daumen und Zeigefinger. Auf dem dritten Regalboden von unten, zwischen dem Schnuller und dem roten Spielzeugauto, fand er einen geeigneten Platz. Das rote Spielzeugauto. Ganz vertieft hatte der kleine Junge damit gespielt, in der Sandkiste auf dem Spielplatz der Wohnsiedlung. Tauber hatte ihn von seinem Fenster aus beobachtet. Selbst auf diese Entfernung hatte er das Vibrieren der Lippen zu erkennen geglaubt, wenn der Junge „Brumm, brumm!“ machte. Dann war der Mann mit dem Bart gekommen. Der Junge hatte aufgeblickt. Einen Moment hatte er geblinzelt, verwirrt, verunsichert. Er war aufgesprungen, auf den Mann zugelaufen, hatte seine Oberschenkel umarmt, und der Mann hatte ihn hochgehoben und gedrückt und in die Luft geworfen und wieder gedrückt. Sie waren gegangen, und das rote Spielzeugauto war zurückgeblieben. Tauber wärmte sich an der Erinnerung wie an einem Kohleofen im Winter, und es tat weh, wie Wärme eiskalten Händen wehtut.“
Von Resonanz spricht der Soziologe Hartmut Rosa2 in seinem faszinierenden Buch einer Soziologie der Weltbeziehung und erklärt damit das Zentrale unserer menschlichen Welt in einer für mich sehr überzeugenden Weise. Es geht für Rosa darum, dass wir Menschen beziehungsweise leben, also in guten, in förderlichen, überhaupt in Beziehungen leben zu uns selbst, unseren Mitmenschen und zur Welt und am Ende darin auch zu Gott. Denn wo das gelingt, sind wesentliche Bedürfnisse des Menschen erfüllt: Dort, wo ich in Resonanz lebe, fühle ich mich zugehörig. Dort, wo ich in Resonanz lebe, entwickle ich Vertrauen. Dort, wo ich in Resonanz lebe, wird mir etwas wichtig. Das kann zeitlich nur ganz kurz sein, wie bei Tauber am Bahnsteig, es kann aber auch länger dauern. Manchmal ein Leben lang, so wie bei Verwandten, in Partnerschaften, in Eltern-Kind-Beziehungen, in Freundschaften, in Verbundenheit zu Orten und Dingen. Zwei wesentliche Faktoren im Einfluss auf das je individuelle Erleben der eigenen Beziehungen zur und in der Welt beschreibt Rosa: Es kommt darauf an, was ich mitbringe, und es kommt darauf an, welche Haltung ich einübe. Und das hängt stark ab von den Erfahrungen, die ich im Leben mache. Wenn es drauf ankommt, ist das zweite wichtiger als das erste.
„In der Nacht lag er lange wach, sah immer wieder das junge Paar auf dem Bahnsteig, empfand die Wärme und Fröhlichkeit und Traurigkeit dieses magischen Augenblicks. Wenn er nicht aufpasste, stahlen sich Bilder dazwischen von roten Lippen und lachenden Augen und kleinen Händen. Bilder, die auf seiner Seele brannten wie Alkohol auf offenem Fleisch.In dieser Nacht hatte er einen beunruhigenden Traum. Das Kaugummipapier spiegelte sein graues Gesicht, verschwommen und zerknittert. Nach einer Weile löste sich das Spiegelbild auf, verschwand einfach, und mit ihm die Hand, die das Papier hielt. Es schaukelte zu Boden wie ein Herbstblatt, landete unbeachtet zwischen den Füßen vieler Menschen, bis es zertreten war, nur noch Unrat am Straßenrand.Tauber wusste, was der Traum bedeutete, obwohl er sich den ganzen Morgen gegen die Erkenntnis gewehrt hatte. Zu groß war seine Furcht, dass sie ihn auslachen oder gleich in eine Anstalt für alte Leute einliefern würden, die irgendwelchen Müll in ihren Regalen sammelten. Fremde Menschen. In seiner Wohnung. Er sah schon ihr schlecht überspieltes Erschrecken, wie sie ihm zuhörten, hin und wieder nickten und dabei ihre Blicke vor Scham in den Teppich bohrten. Aber er wusste, es gab keinen anderen Weg, wenn er das Einzige bewahren wollte, das er in all den langen, leeren Jahren geschaffen hatte.“
Resonanz erlebe ich auf mindestens zwei Weisen: Ich kann sie passiv erfahren oder aktiv gestalten. Ich kann mich hineingeben in diese Welt und alles, was sie mir ermöglicht. Und ich kann diese Welt gestalten, sie mir aneignen, auf mich beziehen, ihre Aufmerksamkeit auf mich richten. Dafür brauche ich Mut, Zuversicht, Vertrauen. Und zaghaft geht es oft los...
„Er begann also mit der alten Frau Schneider. Sie war immer so nett zu ihm, das musste reichen. Er traf sie, als sie mit zwei Plastiktüten von Aldi nach Hause kam, trug ihre Tüten die Treppe hinauf. Er hatte das noch nie getan, also schöpfte sie Verdacht. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, als er sie fragte, ob er ihr etwas zeigen dürfe. „Was denn?“ „Es ist nur ... eine Sammlung.“
Da musste sie lachen. „Doch nicht etwa eine Briefmarkensammlung? Mein Herbert hat Briefmarken gesammelt, wissen Sie. So haben wir uns kennengelernt. Er hat gefragt, ob er mir seine Briefmarkensammlung zeigen dürfte. Und er hat das wirklich so gemeint.“ Sie lächelte, und die junge, anmutige Frau, die noch immer unter all der überschüssigen Haut steckte, lugte aus ihren Augen.
Er führte sie in seine Wohnung. Einen Moment lang standen sie vor dem Regal und wussten beide nicht, was sie sagen sollten. Dann fasste sich Tauber ein Herz und begann zu erzählen. Erst, als der tiefgefrorene Fisch in der Aldi-Tüte in ihrer Wohnung längst aufgetaut war, schloss er: „Das ist sie nun also, meine Sammlung.“ Er zwang sich, sie anzusehen.
Sie stand nur da, schluckte ein-, zweimal, fasste sich ans Auge, als sei ihr ein Insekt hineingeflogen. Dann ging sie, wortlos.“
Da ist es passiert: Der Satz ist gesagt. Die Berührung ist gemacht. Die Email verschickt. Der Termin vereinbart. Und die volle Wucht des Risikos steht im Raum: Wie kommt das an? Hat sich der Mut gelohnt? War es wirklich richtig? Ist das nicht doch alles zu ungewöhnlich, zu anders, so gegen den gesunden Menschenverstand? Einem Fremden helfen? Einer Unbekannten Zuwendung schenken? Einen Kranken pflegen? Einer Bettelnden geben? Tun, was dran ist, jetzt gerade, gegen jede Tradition und Konvention?
„Wenige Minuten später befreite die Türglocke Tauber von seiner Enttäuschung. Frau Schneider hielt einen vergilbten Briefumschlag in beiden Händen. „Ein Liebesbrief. Der erste von meinem Herbert. Er hat eine französische Sondermarke, sehen Sie? Obwohl der Brief in Kaufbeuren abgestempelt ist. Die bei der Post haben es nicht gemerkt!“ Sie lächelte. „Das war dann immer ein Spiel zwischen uns: Er schrieb mir Briefe mit Marken aus Marokko oder Bolivien oder Neuseeland. Ein paar Mal habe ich Nachporto zahlen müssen, aber meistens nicht, und dann haben wir uns immer gefreut.“ Eine kurze Pause entstand. „Ich dachte, vielleicht, für Ihre Sammlung ...“
Es gab nichts, was sich in diesem Moment zu sagen gelohnt hatte. Tauber nahm den Brief mit zitternden Händen und legte ihn neben das rote Spielzeugauto. Er sah ihre Freude, und ehe er es verhindern konnte, zogen sich auch seine Mundwinkel nach oben. Es war ein ungewohntes Gefühl.“
Aus dem Zweifel wird Gewissheit. Ja, es war richtig. Ja, das Wagnis hat sich gelohnt. Ja, eine Beziehung ist entstanden. Und die Welt zeigt ein neues, ein anderes Gesicht.
„Ein paar Tage später klingelte Frau Henke aus dem dritten Stock. Frau Schneider hatte ihr von Taubers Sammlung erzählt, genau wie Herrn Breitkamm. So fing es an.
Immer häufiger ertönte Taubers elektronischer Gong, der so lange unbenutzt gewesen war. Die meisten wollten nur mal gucken und gingen rasch wieder. Manche grinsten, manche lachten, manche machten Witze, manche klopften Tauber auf die Schulter. Doch manchmal hörte auch jemand einfach nur zu. Und verstand. Einige von diesen kamen zweimal, und beim zweiten Mal brachten sie selbst etwas mit: unscheinbare kleine Dinge, nur Müll in den Augen vieler. Sie lächelten, wenn sie ihre eigenen Geschichten vom Glück erzählten. Und manchmal lächelte Tauber mit.“
Menschen kommen zusammen und erzählen. Sie erzählen ihre Geschichte, wie sie waren, wer sie sind. Was sie geprägt hat an Zeit und Umwelt, was sie entschieden haben, welche Schicksalsschläge sie erlitten, welches Glück sie ergriffen hat. Und im Erzählen wächst Verbundenheit. Im Erzählen wird das Glück geteilt und vermehrt. Alles schwingt zusammen. Und Herzen werden weit und Seelen atmen Erlösung.
„An einem Dienstag im Mai, draußen herrschte Schmetterlingsluft, fühlte er sich stark genug. Er holte den Pappkarton hervor, der all die Jahre ganz hinten in der Abstellkammer auf diesen Tag gewartet hatte. Das war noch übrig von seinem eigenen Glück: ein Fotoalbum. Eine Mappe, darin Geburtsurkunden, Schreiben von der Versicherung, das Familienstammbuch. Ein Hase aus abgegriffenem Plüsch. Und das Foto, das Sophie mit den Zwillingen zeigte, ein Picknick am See, in der Woche vor dem Unfall.
Lange saß Tauber auf dem Boden, zwischen Eimer und Staubsauger, und hielt sich mit beiden Händen an dem schmalen Silberrahmen fest. Endlich stand er auf und stellte das Bild in seine Sammlung.“
An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen! Dieser Vers des 1. Johannesbriefes könnte eine Überschrift sein für alle prägenden Texte dieses Sonntags: Den Wochenspruch wie das Evangelium und auch den Predigttext. Sie alle antworten auf die Frage, woran denn zu erkennen ist, das ein Mensch nach dem Willen Gottes lebt. Sie alle zeigen auf, dass die Gemeinschaft derer, die nach dem Willen Gottes leben, trägt und hält, mehr noch als alle Beziehungen und Lebensmuster, die wir sonst so kennen. Wer so lebt, kennt Erlösung. Wer so lebt, spürt Heil. Wer so lebt, fragt danach, wem er Nächster werden kann. Wer so lebt, fragt danach, welchem der Geringsten sie Gutes tun kann. Wer so lebt, lebt im engen Netz seiner wahren Familie. Und das ist weniger skandalös oder anstößig als vielmehr Konsequenz einer Theologie, die in ihrer Mitte von Erlösung und Heil spricht und die Beziehung, die Resonanzverhältnisse als ihr wesentliches Mittel und Ziel versteht.
Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
1 Die Geschichte, die diese Predigt durchzieht, trägt den Titel „Taubers Sammlung“, Quelle: Karl Olsberg, Ein Streifen Silberpapier. Geschichten vom Glück, Frankfurt a.M., 2005.
2 Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.
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29.10.2017 - 20. Sonntag nach Trinitatis
22.10.2017 - 19. Sonntag nach Trinitatis
15.10.2017 - 18. Sonntag nach Trinitatis
08.10.2017 - 17. Sonntag nach Trinitatis
17.09.2017 - 14. Sonntag nach Trinitatis
10.09.2017 - 13. Sonntag nach Trinitatis
Konfi Impuls Die Familie Jesu: Markus 3,(20.21.)31-35 von Christina Hirt
Die Familie Jesu: Markus 3,(20.21.)31-35
Gedanken zum Text
Die Familie hat für Jugendliche weiterhin einen hohen Stellenwert. Hier findet eine große Mehrheit von ihnen den nötigen Rückhalt auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mehr als 90 Prozent der Jungen und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Dieser Wert hat seit 2002 stetig zugenommen. (Presseinformation Shell-Jugendstudie 2015)
Wichtig ist mir für die Predigt: Jesus stößt seine Familienangehörigen zwar vor den Kopf, aber er schickt sie nicht weg. Er lädt sie eher dazu ein, von „draußen“ nach „drinnen“ zu kommen.
Im Kern geht es ihm um deine neue Definition von Zugehörigkeit, die nicht über Blutsverwandtschaft definiert wird. Erleben unsere Jugendlichen neben ihrer leiblichen Familie auch noch andere familienähnliche Beziehungen? Können Sie sich Jesus als Bruder und Gott als Vater vorstellen? Und die Gemeindemitglieder als Geschwister?
Jesus lehnt die Familie nicht grundsätzlich ab. Aber die kurze Episode zwischen Jesus und seiner Familie zeigt doch: die leibliche Familie ist nicht alles. Es gibt andere Beziehungen, die tragen (können).
Neben der Familienthematik spielt auch die grundsätzliche Erfahrung mit hinein: Wer sich zu Jesus hält/ wer nach Gottes Willen fragt, der muss unter Umständen Konflikte mit nahestehenden Menschen (Angehörige, Freunde) in Kauf nehmen.
Dazu ein Filmtipp: Die Konfirmation
Ein Jugendlicher lässt sich ohne Wissen seiner Eltern taufen. Er geht – gegen alle Widerstände – seinen Weg bis zur Konfirmation.
http://www.daserste.de/unterhaltung/film/freitag-im-ersten/sendung/die-…
Der Film ist auf der ARD Mediathek verfügbar bis 16.09.2017.
Gestaltungsmöglichkeiten für den Gottesdienst:
Die Gottesdienstbesucher können in einer Stillephase dazu eingeladen werden, Familienangehörige in Gedanken „herzuholen“.
Füreinander beten:
Jede/r schreibt (anonym oder mit Namen) ein Gebetsanliegen auf einen Zettel. Die Zettel werden eingesammelt, gemischt und anschließend wieder verteilt: Nun kann jede/r in der kommenden Woche für ein konkretes Anliegen beten und ist so geschwisterlich mit jemand anderem verbunden.
Antworten von Jugendlichen zum Thema Familie
Wer gehört zu meiner Familie? Die, die man sehr wertschätzt und die man gerne in seiner Nähe hat. Eltern, Geschwister, Großeltern, Verwandte. Alle Leute, die mir nahestehen.
Was verbindet uns? Dass man alles teilen kann. Dass man miteinander reden kann. Dass man sich vertraut, dass man sich von Geburt an kennt. Spaß und Freundlichkeit und Respekt.
Wozu brauchen wir Familie? Um geliebt zu werden. Für Geborgenheit und Sicherheit. Weil ich mit ihnen alles besprechen kann. Ich kann mich auf die Familie verlassen. Um zu wissen, dass man ein Zuhause hat, wo man immer zurückkehren kann. Weil jemand für dich sorgt.
Was schätzt du an deiner Familie? Alles, wie sie mich geprägt haben. Dass ich akzeptiert werde wie ich bin. Dass ich mich verbunden fühlen kann. Dass wir uns alle respektieren.
Was nervt und ist anstrengend? Dass dumme Geschwätz. Wenn man viele kleine Geschwister hat und alle machen, was sie wollen. Dass man viel tun muss. Wenn man mir alles zweimal sagt und meistens lange, unnötige Diskussionen entstehen. Wenn niemand zuhört und wenn man sich nicht aussprechen lässt.
Was dürfen Kinder von ihren Eltern erwarten? Dass geholfen wir, wenn man Hilfe braucht. Aufmerksamkeit, Liebe, Zuneigung, Stolz. Und nicht die ganze Zeit sagen, wer besser ist von uns. Geliebt zu werden und wenn sie sich freuen bei tollen Leistungen.
Was dürfen Eltern von ihren Kindern erwarten? Dass man das macht, was gesagt wird. Dass sie selbständig werden, Vertrauen. Dass sie sich auch anstrengen und nicht alles abverlangen. Regeln befolgen. Dass die Kinder nicht so viele Probleme machen.
Der ideale Bruder, die ideale Schwester wäre so: So wie sie sind. Vielleicht manchmal das Gehirn einschalten. Es wäre doof, eine perfekte Schwester zu haben, den Perfektion in der Familie zieht einen auf, der eine wird mehr geschätzt, der andere nicht.
Gibt es für dich eine andere Gruppe/ Gemeinschaft, in der du dich „zu Hause“ fühlst? Spielcommunity, unter Freunden, Jugendfeuerwehr. Bei Leuten, mit denen man Gemeinsamkeiten hat – man fühlt sich gut, dazu zu gehören.
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Das letzte Ma(h)l - Predigt zu Markus 14,17-26 von Stephanie Höhner
wieder einma(h)l…
Das Fladenbrot knackt knusprig im Ofen. Der Weißwein ist kaltgestellt. Auf dem Tisch Schälchen mit Hummus, Joghurt, Oliven. Dazu Chips und Weingummi – alles da für einen langen Abend.
Ich zünde die Kerzen an. Im Hintergrund läuft meine Lieblingsband: Alternativ-Rock – noch leise. Es wird an diesem Abend lauter werden.
Es ist mein letzter Freitagabend in Heidelberg. Nach drei Jahren Studium dort heißt es mal wieder: Abschiednehmen. Mal wieder Kisten packen. Mal wieder ein letztes Mal im Lieblingscafé, ein letztes Mal auf die Tram Nummer fünf warten. Ein letztes Mal beim Bäcker nebenan die Brezen kaufen.
Ich kenne das schon, diese letzten Male. Es gab schon einige davon. Und obwohl ich erlebt habe, dass es danach weiter geht, habe ich immer wieder Angst davor. Ein dumpfer Schmerz im Bauch – der bleibt auch an diesem Abend bis zum Schluss.
Es war ein langer Abend. Die Schälchen sind leer, die leeren Weinflaschen stehen auf dem Tisch, die Kerzen sind abgebrannt.
Wir haben uns Geschichten erzählt, als ob wir schon uralt wären. Wir haben viel gelacht, über die Trinkregeln in der Bibliothek, über Sturzregen bei der Fahrradtour und Semesterpartys. Es kam uns vor wie im Rausch. Ein Leben im Rausch.
Ich bringe meine letzten Gäste zur Tür. Wir umarmen uns ein letztes Mal. Morgen werde ich die letzten Kisten packen, Sonntag den Mietwagen abholen. Und dann ist es vorbei, mein Leben hier in Heidelberg. Ein Leben nicht immer im Rausch, aber manchmal.
Was davon bleibt: Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse, feiern und lernen. Und gute Freunde.
Abends an der Tür ist der dumpfe Schmerz im Bauch wieder stärker.
das letzte ma(h)l
Das Fladenbrot duftet. Als er es bricht, knackt es knusprig. Es ist noch warm. Sie reichen sich Hummus, Oliven und Joghurt in kleinen Schälchen weiter. Alle tauchen ihr Brot ein. Es schmeckt wunderbar.
Doch etwas ist anders als sonst. Er wirkt so ernst und angespannt. Sonst ist er beim Abendessen immer ausgelassen, genießt die Köstlichkeiten, die man ihm bereitstellt. Lacht und schwatzt mit ihnen.
Aber heute ist etwas anders. Hanna spürt es. Das macht sie unruhig. Und auch bei den anderen merkt sie eine Veränderung. Auch sie wirken angespannt.
Und dann nimmt er das Brot, dankt, bricht es und gibt es ihnen und sagt: „Das ist mein Leib.“
Die Gespräche verstummen. Hanna stellt ihren Becher ab. Sie versteht nicht, was das bedeuten soll.
Er reicht das Brot weiter, sie nehmen alle davon. Es knuspert bei jedem Brechen. Lauwarm liegt es in der Hand. Der Duft steigt in die Nase – eigentlich ein wohliges Gefühl. Es schmeckt köstlich. Doch da liegt dieser Satz in der Luft: „Das ist mein Leib.“
Sie erzählen von früher. Was sie schon alles zusammen erlebt haben. Hanna war nicht immer dabei, aber an ein paar Geschichten kann sie sich erinnern.
Als die Schüsseln leer sind und das Brot aufgegessen, nimmt er den großen Weinkelch, den besonders schönen mit den türkis-gelben Ornamenten. Er dankt, gibt ihn in die Runde und sie trinken alle daraus. Auch Hanna. Der Kelch ist schwer, liegt sperrig in der Hand mit seiner rauen Oberfläche. Der Wein ist süß und kühl. Sie möchte weiter trinken, aber Judas neben ihr möchte auch einen Schluck. Sie reicht den Kelch weiter. Jeder möchte daraus trinken.
das allerletzte mal…
Ihr Bett steht jetzt im Wohnzimmer. Daneben der Esstisch und Stühle. Wenn einer fehlt, wird ein alter Klappstuhl aus dem Keller dazu geholt. Immer ist jemand da. Freunde und Nachbarn. Sie liegt in ihrem Bett, die Augen nur wenig geöffnet. Sprechen kann sie nicht mehr. Aber jeder spürt: Sie ist dabei. Ihre Töchter sorgen für frischen Kaffee, ihr Mann legt Kekse nach. Und hält ihre Hand. Ihr letzter Halt.
An der Tür sind die Blicke noch scheu, verlegen, manchmal ängstlich. Es ist hier sehr still. Doch sobald sie das Wohnzimmer betreten, spüren sie Leben. Es duftet nach Kaffee und manchmal läuft auch Musik, leise im Hintergrund. Sie sitzen um ihr Bett, erzählen von früher oder vom Einkauf gerade im Supermarkt. Von der Hochzeit vor über dreißig Jahren, die Nachbarin den neusten Dorftratsch.
Sie hört uns zu, schwelgt in Erinnerungen wie wir und vielleicht muss sie auch mal schmunzeln.
Beim Abschied weiß jeder, dass es das letzte mal sein wird. Das allerletzte mal. Der Blick besonders tief, das Händedrücken besonders lang. Ein letztes mal. Ein allerletztes Mal.
das letzte Ma(h)l zusammen…
Als auch der Kelch leer ist, steht er auf. Er will noch einmal raus, beten auf dem Ölberg. Seine engsten Freunde gehen mit.
Hanna bleibt zurück am Tisch. Leere Teller und Becher. Sie blickt zur Tür. Ein letztes Mal sieht sie seinen Rücken, dann ist er gegangen. Ihr schwirrt der Kopf. Vielleicht vom Wein, vielleicht von seinen Worten. „Ich werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstock bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“
Es gibt also ein neues mal. Ein neues Mahl. Noch ist es nicht so weit.
was bleibt…
Als ich eine Woche später die Kisten in meiner neuen Wohnung in Münster auspacke, sind auch die Abschiedsgeschenke aus Heidelberg dabei. Und sofort sind die Bilder wieder da: vom letzten Abend mit meinen Freunden, von meinem Lieblingscafé und der Bibliothek. Ich höre unser Lachen und rieche das Fladenbrot. Ich bin froh, den Abschied gefeiert zu habe, auch wenn der dumpfe Schmerz im Bauch dabei war. Was bleibt: die Erinnerung – ein schönes Gefühl. Im neuen Zuhause und in mir lebt etwas von Heidelberg weiter.
Die Töchter und ihr Ehemann sitzen jetzt nur noch zu dritt am Esstisch. Ihr Bett ist abgeholt. Sie fehlt ihnen. Ein Schmerz legt sich über sie und den Raum. Daneben aber sind die Bilder der letzten Tagen: wie sie zusammen gelacht haben, wie sie noch einmal gesungen haben, wie sie erzählt haben. Das Haus war voller Leben. Trotz Abschied. Oder gerade deswegen. Sie sind froh, dass sie diese Tage zusammen erlebt haben.
Für die Familie und die Freunde war es ein allerletztes Mal hier, in dieser Welt. Von ihr bleiben die Erinnerungen, das Gefühl, bis zum Schluss bei ihr gewesen zu sein. Das tröstet sie.
Und es bleibt die Hoffnung auf ´s Neue. Jenseits dieser Welt. Auf ein neues Mal.
Hanna hat ihn nicht mehr wieder gesehen. Ihr letzter Blick auf seinen Rücken und seine Worte im Ohr – das ist ihr geblieben. Und die Erinnerung an das letzte Mahl.
Sie holt das frische Fladenbrot aus dem Ofen. Warm liegt es in ihrer Hand. Der Duft steigt in die Nase – ein wohliges Gefühl. Als sie es bricht, knuspert es. Hanna hat die Bilder vom letzten Ma(h)l vor Augen und seine Worte im Ohr: „Das ist mein Leib.“ „Das ist mein Blut des Bundes.“ „Ich werde von Neuem davon trinken im Reich Gottes.“
Es gibt also ein neues Mal. Ein neues Mahl. Nach dem Abschied. Noch ist es nicht so weit.