Konfi-Impuls zu Markus 12,41-44
Konfi-Impuls zum Sonntag Okuli: Markus 12,41-44
Es geht an diesem Sonntag der „Augen“ um das Sehen, das Wahrnehmen. Dazu gehört das Sehen auf Gott ebenso wie die sensible Wahrnehmung meines Mitmenschen. Genau das tut Jesus in dieser Szene im Tempel. Die Witwe gibt von außen betrachtet wenig, aber im Horizont ihres „Vermögens“ gesehen sehr viel – nämlich ihr ganzes Leben (Mk 12,44).
Daraus könnte sich folgende Möglichkeit zur Vorbereitung des Gottesdienstes in der Konfirmanden-Gruppe ergeben:
Gemeinsam wird überlegt: Wen bewundere ich? Warum gerade diese Person? Vermutlich werden zuerst Stars genannt und die „kirchlichen Heiligen“ aus dem Religionsunterricht, von denen Konfirmanden*innen annehmen, dass Pfarrer*innen davon gerne hören. Vielleicht kommen schon hier Menschen zur Sprache, die nicht im Rampenlicht stehen (Eltern und Großeltern, Schulhausmeister oder Busfahrerin mit offenem Ohr für Jugendliche …). Wenn solche Personen in dieser Gesprächsphase noch nicht erwähnt werden, kann man in einer zweiten Runde gezielt danach fragen: Gibt es auch Menschen, die keine Stars sind und die trotzdem Wichtiges tun? Aus den Beiträgen der Konfirmanden*innen wird für den Gottesdienst eine Präsentation erstellt, die zur biblischen Geschichte hinführt. Am Ende der Predigt steht ein Beitrag der Konfirmanden-Gruppe: „Auf diese Menschen möchte ich achten …“.
Eine weitere Möglichkeit, die Perikope in den Kontext der Konfirmandenarbeit einzubringen, wäre: Jesus richtet seinen Blick auf eine Frau, die am Rande des gottesdienstlichen Geschehens steht. Oft fühlen sich auch Konfis so, als ob sie nicht „richtig“ dazugehören. Das erkennt man häufig an ihren Sitzplätzen in der Kirche, aber auch an anderen „Abständen“ zur Gottesdienstgemeinde. Dabei bringen sie sich an vielen Punkten im Konfirmanden-Jahr in das Leben der Gemeinde ein - trotz des engen Zeitkorsetts, in das viele von ihnen eingezwängt sind. Das wird aber meist von Kirchengemeinderat und der sog. „Kerngemeinde“ für selbstverständlich genommen (oft habe ich von Kirchengemeinderäten den Satz gehört: „Bei uns haben die Konfirmanden schon immer den Gemeindebrief verteilt, die Kirche geputzt, beim Seniorennachmittag Kaffee ausgeschenkt …“). Der Predigttext könnte dazu anregen, diese praktische Gemeindearbeit der Jugendlichen zu sehen und wertzuschätzen. Vielleicht durch eine Vorstellung ihrer Gemeindepraktika oder einfach durch ein Gespräch darüber im Kirchengemeinderat verbunden mit einem Dank im Konfirmationsgottesdienst. Hilfreich sind dabei die Denkwerkstattkarten des ejw (http://www.ejwue.de/arbeitsbereiche/ejw-denkwerkstatt/konfiarbeit) – insbesondere die „Einstiegskarte“ Nr. 5 (Seriennummer 6.1.6), die Konfis und die „übrige“ Gottesdienstgemeinde zeigt und das mit konkreten Impulsfragen verbindet.
Ulrich Erhardt, Evangelisches Pfarramt Niederstotzingen , ulrich.erhardt@elkw.de
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Wer gibt, kann selig werden! – Predigt zu Markus 12,41-44 von Lucie Panzer
Geben ist seliger als Nehmen! Mit dem Satz kann man sich motivieren, Gutes zu tun. Man kann damit sich und andere auch unter Druck setzen. Geben ist seliger als Nehmen! Wer gibt, ist besser als der, der nimmt. Also: Gib! Auf keinen Fall solltest du darauf angewiesen sein, zu nehmen.
Das Sprichwort kommt aus der Bibel. Jesus hat das gesagt und Paulus begründet damit, wie er sich verhält. In jeder Gemeinde, in die er als Missionar gekommen ist, hat er selber für seinen Lebensunterhalt gearbeitet. Niemand sollte ihm nachsagen, er hätte das nur für Geld getan und die anderen ausgenommen. Ich habe euch gegeben, was ich hatte, sagt er damit. Genommen habe ich nichts. Geben ist seliger als Nehmen!
Sind die also die besseren Menschen, die geben statt zu nehmen? Und die besten die, die am meisten geben? Die - so wie Paulus - sich aufopfern für die anderen und nichts dafür haben wollen? So könnte man das Sprichwort ja verstehen. Selig – fast schon ein Heiliger ist jeder und jede, die Opfer bringen. Erst recht, wenn es einem richtig schwer fällt, was man tut. Wenn man also nicht nur ein paar Euro irgendwo in einen Spendenkorb wirft, sondern so spendet, dass es richtig weh tut. Oder Aufgaben übernimmt, die sonst keiner machen will. Das macht selig. Selig klingt ja zunächst einmal, als ob man dafür in den Himmel kommt.
Generationen von Frauen haben sich damit schön geredet, dass sie alles für die Familie getan haben und sich aufgeopfert und kaum einen Dank dafür bekommen haben. Geben ist seliger als Nehmen! Ein Satz, mit dem man die Opferbereitschaft erhöhen und den Menschen das Geld aus der Tasche ziehen kann. Denn wer möchte nicht gern als ein guter Mensch dastehen!
Ich glaube, Jesus sieht das anders. Er schaut genau hin. Es wird folgende Geschichte von ihm erzählt, sie könnte so etwas wie ein Kommentar sein zu diesem Sprichwort vom Geben und Nehmen.
Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Mk 12,41-44)
Zuerst einmal sieht Jesus die Reichen, die Wohlhabenden, würde ich lieber sagen. Bei den Reichen denkt man zu leicht bloß an die, die eine Yacht auf dem Mittelmeer haben, Millionen auf dem Konto und Wohnungen in St Moritz, Berlin, New York und Florida. Den Wohlhabenden also sieht Jesus zu. Die geben viel. Viele Wohlhabende geben viel. Das ist das erste, was Jesus sieht. Und das ist bis heute so. Gott sei Dank. Viele Wohlhabende engagieren sich großzügig als Stifter und Spender. Man muss da nicht nur an Bill Gates denken und an Mark Zuckerberg. Gut verdienende Fußballspieler stecken viel Geld in Projekte für bedürftige Kinder. Ein Fabrikant für Dübel und Schrauben errichtet eine Kunsthalle. In vielen Gemeinden gibt es Kirchenstiftungen, ohne die manche Gotteshäuser gar nicht erhalten werden könnten. Da kann man sich auch mit kleinen Beiträgen beteiligen.
Viele Wohlhabende engagieren sich für das Allgemeinwohl. Manchmal ganz im Stillen, aber oft steht es auch in der Zeitung, oder im Fernsehen wird darüber berichtet. Gutes tun ist gut für das Image. Und man kann es von der Steuer absetzen. Das ist überhaupt nicht ehrenrührig. Damals im Tempel war es genauso. Die Wohlhabenden sagten den Tempeldienern, was sie in die Opferstöcke einwarfen. Und das wurde dann laut ausgerufen. Tue Gutes und rede darüber. Warum nicht. Vielleicht spornt das andere an.
Natürlich geben sie von ihrem Überfluss, die Wohlhabenden. Jesus weiß das und sieht das. Aber deshalb ist es ja nicht weniger wert! Vieles könnte nicht passieren ohne Fördervereine und Stiftungen, in denen sich Wohlhabende engagieren. Gut, dass es sie gibt, wahrscheinlich noch viel mehr, als öffentlich bekannt ist.
Für Jesus ist das anscheinend selbstverständlich, dass Menschen das tun. Die Starken können mehr schultern als die Schwachen, die Leistungsfähigen mehr als die Leistungsempfänger. Das Steuersystem funktioniert so und die Krankenkassen – und das ist gut so. Was ich habe, das habe ich bekommen. Ich habe auch dafür gearbeitet, gewiss: Aber das kann ich ja nur, weil ich gesund bin, Begabungen habe, eine gute Ausbildung, Talent, Fleiß, Disziplin. Gaben, die nicht jeder hat und nicht jede. Was ich habe, das habe ich geschenkt bekommen. Wer viel bekommen hat, der kann auch viel geben. So sieht Jesus das.
Und das ist genau genommen kein Opfer. Nichts, das den Wohlhabenden schwer fallen müsste. Denn: Geben macht selig! Selig – im griechischen ist das das Wort für „glücklich“. Geben macht glücklich. Wer gerne schenkt, kann das spüren. Die Freude, die mein Geschenk auslöst – die freut einen gewissermaßen zurück. Ich bin glücklich, wenn ich sehe, wie sich der andere freut. Wie es ihm gut tut, was ich für ihn getan habe. Und solche Freude ist nicht nur ein gutes Gefühl. Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer sagt: Anderen zu helfen, ein ehrenamtliches Engagement für andere zum Beispiel, macht nicht nur glücklich, das macht sogar gesund. Der Einsatz für andere kann nämlich vorbeugen gegen Krankheiten wie Bluthochdruck, erhöhten Blutzucker oder zu hohe Blutfette. Sich für andere einzusetzen führt zu höherer Lebensqualität. Vielleicht muss man also eigentlich sagen: Wer glücklich werden will, der sollte für andere sorgen. Geben ist seliger als Nehmen. Geben macht glücklich. Und es muss ja nicht immer Geld sein, das man gibt. Man kann auch anderen zuhören, die Enkelkinder betreuen und so die Kinder entlasten, sich beim Seniorenkaffee einbringen, beim Besuchsdienst, oder mit Flüchtlingskindern Deutsch lernen. Es gibt viele Möglichkeiten. Und eigentlich alle, die sich irgendwo engagieren, sagen: Es tut mir gut, dass ich das kann. Geben macht selig!
Eigentlich komisch, dass es auch das andere gibt: Wohlhabende, die nichts geben wollen. Dass sie es nicht können, kann man ja nicht sagen. Ich habe mir erarbeitet was ich habe, sagen sie. Wieso sollen jetzt andere auf meine Kosten leben? Ich bin doch nicht Schuld, dass es anderen nicht so gut geht wie mir. Und ich kann mich nicht um das Elend der ganzen Welt kümmern. Außerdem: Wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich muss vorsorgen, wer weiß, ob es mir morgen noch so gut geht wie heute. Dann fangen die Sorgen an. Die Sorgen um den eigenen Wohlstand. Wie kann ich mein Geld anlegen, dass es nicht an Wert verliert? Es gibt kaum noch Zinsen, Immobilien sind überteuert. Was also tun? Manche bringen ihr Geld in die Schweiz. Da kann ich es zwar nicht nutzen. Es ist sozusagen totes Kapital. Aber ich habe es! Bloß: Freuen kann man sich meistens nicht so richtig über das, was man hat. Wohlstand kann unruhig machen, wenn man ihn für sich behält. Geben dagegen macht selig.
Soviel zu den vielen Reichen, denen Jesus zuschaut, wie sie viel geben.
Aber dann kommt eine arme Witwe. Eine Frau, die eigentlich nichts geben kann. Sie hat nur das allernötigste. Solche Frauen verstecken sich in der Regel. Solche Männer meistens auch. Sie schämen sich, weil sie nichts haben. Wohlstand gilt als Zeichen der eigenen Tüchtigkeit. Wer nichts hat - war der oder die etwa zu bequem? Oder faul? Nicht clever genug? Wer nichts hat, hält sich möglichst im Hintergrund. Es soll ja keiner merken, wie es mir geht. Wer nichts hat, kann sich nicht beteiligen am Leben. Hat kein Geld für Urlaub, kein Geld für modische Kleidung, kein Geld für neue Zähne. Die Kinder können nicht in einen Sportverein, können nicht mithalten mit den anderen und ihren teuren Turnschuhen und den Smartphones. Wer nichts hat, tröstet sich mit billigem Fastfood, das ist ungesund und macht dick. Die Armen sind häufiger auch noch krank, weil sie sich aufgegeben haben und keine Vorsorge betreiben können. Man sieht es ihnen an, dass sie arm sind.
Die Witwe, die Jesus beobachtet, die ist anders. Sie will sich beteiligen. Sie will auch selig werden. Sie will spüren, wie gut das tut, wenn man für andere etwas gibt. Deshalb gibt sie, was sie kann: Zwei Scherflein. Das ist, was sie für einen Tag zum Leben bräuchte. Die Bibel erzählt: Das ist alles, was sie hat. Aber sie will beteiligt sein. Sie zeigt mit ihrer Spende: Dieser Tempel ist auch mein Tempel. Nicht bloß der Tempel der Wohlhabenden. Ich trage auch dazu bei, dass er unterhalten werden kann. (Was in den Gotteskasten eingelegt wurde war eine Art Kirchensteuer. Zu einem Teil für die Unterhaltung des Tempels und die Bezahlung der Priester und Angestellten. Ein anderer Teil war für die Armenfürsorge.) Es ist wenig, was sie beiträgt, aber sie trägt etwas bei. Sie hält sich nicht raus. Ihre Armut hat sie nicht passiv gemacht. Vielleicht ist sie sogar ein bisschen stolz, dass sie auch etwas geben kann. Ein bisschen glücklich. Selig eben.
Aber, sagen Sie jetzt vielleicht: Ist das nicht schlicht leichtsinnig und leichtfertig, was sie tut? Wie kann sie alles weggeben, was sie hat? Morgen wird sie womöglich betteln müssen – und für den Tempel haben ihre zwei Scherflein eigentlich doch gar nichts gebracht. Solche Sorgen macht die Frau sich anscheinend nicht. Sie denkt offensichtlich nicht an morgen. Die Sorgen um das Morgen sind es ja, die das Herz eng machen und geizig. Ich habe nichts abzugeben, ich muss sehen, wie ich selber durchkomme. So reden alle, die sich Sorgen machen. Und viele sehen gar nicht, wie gut es ihnen eigentlich geht. Sehen nur ihre Sorgen – und haben nichts übrig für die Hilfsbedürftigen. Kein Geld. Kein Mitgefühl. Keine Zeit.
Die Frau mit den zwei Scherflein macht sich offenbar keine Sorgen. Oder vielleicht doch? Aber das Geben ist ihr wichtiger. Dass sie sich freuen kann, weil sie sich beteiligt hat an einer guten Sache.
Wie kann sie das? Wie kann man so sorglos leben? Ich weiß es nicht. Ich kann nur vermuten. Ich glaube, sie vertraut auf Gott. Er hat sie bisher versorgt. Nicht mit viel – aber immerhin hat es immer zum Leben gereicht. Sie hat erfahren, dass es immer gereicht hat. Vielleicht auch, dass zur rechten Zeit Hilfe kam. Wer geben kann, der kann auch Hilfe annehmen, glaube ich. Leichter als der, der immer meint: Ich brauche nichts und niemanden. Die arme Witwe kannte wahrscheinlich das Gefühl schon, dass man aus eigener Kraft nicht mehr weiter kann. Und doch ging es irgendwie. Vielleicht, weil zur rechten Zeit jemand da war, der geholfen hat. Diese Erfahrung haben die nicht, die immer für sich selber sorgen können. Die meinen, sie müssen immer für sich selber sorgen, weil es ja sonst niemand tut. Die deshalb alles, was übrig ist, auf die hohe Kante legen. Die deshalb nie Hilfe brauchen. Die auch keine Hilfe wollen. Die haben diese Erfahrung nicht: Wenn es darauf ankommt, wird mir Gott Hilfe schicken. Das ist ja eigentlich traurig. Wo die Menschen für sich selber sorgen können, da gibt es keine Hilfe für die Bedürftigen. Aber auch kein Vertrauen in die Zukunft. Menschen sind eigenartig…
Die arme Witwe, die Jesus beobachtet, die ist anders. Sie gibt, weil sie etwas geben kann. Und weil sie mithelfen möchte, dass das soziale Gefüge ihrer Welt intakt bleibt. Dass es Hilfe gibt, wo Hilfe gebraucht wird.
Ob ich nun wirklich den Armen raten will, alles herzugeben? Die arme Witwe von damals als Vorbild?
Nein, das will ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass Jesus das wollte. Er hat ja auch nicht gesagt, die arme Frau sei der bessere Mensch und die Wohlhabenden irgendwie schlecht, weil sie nicht mehr geben. Er hat beobachtet. Und darauf hingewiesen, was selig macht.
Ich nehme die Frau deshalb zuerst einmal als Vorbild für mich. Ich bin nicht arm. Wahrscheinlich näher bei den Wohlhabenden dort im Tempel als bei der armen Witwe. Aber von der Frau lerne ich: Geben tut gut. Geben macht Freude. Geben macht stolz. Wer geben kann, kann sich aufrichten. Und es muss ja nicht Geld sein. Ich kann auch Zeit geben, Mitgefühl, Fürsorge, Arbeitskraft. Wer gibt, kann wahrscheinlich auch leichter nehmen, wenn es nötig ist.
Das alles lerne ich von jeder armen Witwe. Und vielleicht finden auch Sie sich wieder in dieser Geschichte. Mehr bei ihr – oder mehr bei den Wohlhabenden. Jesus sieht beide.
Amen
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Die Zweigroschenpredigt – Predigt zu Markus 12,41-44 von Jürgen Kaiser
Für einen Pfarrer / eine Pfarrerin und zwei Älteste
Pfr.: Liebe Gemeinde,
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Art. 1 des Grundgesetzes. Bevor die Würde des Menschen aber geachtet und geschützt werden kann, muss sie erst entdeckt werden. Denn die Würde ist nichts, was man dem Menschen ansähe, wie die Farbe der Haut oder der Haare. Sie ist ziemlich unscheinbar. Darum muss sie sichtbar gemacht werden.
Um Würde zu entdecken, stellt Jesus sich neben den Opferstock im Tempel. Er beobachtet die Menschen, er untersucht, wie viel sie dort hineingeben. (Die Entdeckung der Würde hat erstaunlicherweise etwas mit Geld zu tun.) Er sieht viele Reiche, die viel Geld geben, und er sieht eine Witwe, die dort nur zwei Groschen hineinlegt. Und dann hält er seinen Jüngern eine Zweigroschenpredigt: „Amen ich sage euch….“
Und der Jesus, der hat Augen
und die trägt er im Gesicht
und die Witwe, die hat Würde
doch die Würde sieht man nicht.
Herr A: Entschuldigen Sie bitte, es ist normalerweise nicht meine Art, die Predigt zu unterbrechen. Doch bevor Ihre Predigt zum plakativen Plagiat mutiert, wollte ich sagen, dass ich mich freue, dass Sie auch mal über das Geld predigen. Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist A, ich gehöre dem Gemeindekirchenrat an und arbeite im Finanzausschuss mit, wo wir viel über das Geld reden.
Allerdings komme ich mir dort wie in der Schmuddelecke der Gemeinde vor. Über die Nächstenliebe und das Helfen, über tolle soziale Projekte reden alle gern. Aber wie das Geld reinkommen soll, das man dazu braucht, darüber redet man nicht gern. Denn eines ist doch mal klar: Auch in der Kirche fällt das Geld nicht vom Himmel. Was die Kollekte im Opferstock betrifft, von der Sie geredet haben, hätte ich nämlich einen Vorschlag zu machen.
Pfr.: Ich verstehe Sie gut, Herr A. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Gemeinde, fühlen sich aber nicht genug gewürdigt. Ich verspreche Ihnen: Wir laden auch Sie wieder zu unserem Dankeschönabend für die Ehrenamtlichen ein.
Können wir Ihre Vorschläge nächste Woche im Finanzausschuss beraten?
Herr A: Wie immer: Wenn es spannend wird, vertagen wir es in den Finanzausschuss.
Frau B: Also wenn man heute mitdiskutieren darf, dann will ich mich auch einschalten. Ich bin Frau B., ich bin zwar nicht im Finanzausschuss, aber ich arbeite auch im Gemeindekirchenrat mit und muss, wenn ich Dienst habe, den Leuten am Ausgang die Büchse hinhalten. Ich finde das ja interessant, dass Jesus sich da hinsetzt und genau guckt, was die Leute da reinwerfen. Wenn ich da hinten die Büchse halte, gebe ich mir große Mühe, nicht hinzusehen. Wir wollen nämlich nicht den Eindruck vermitteln, als würden wir kontrollieren wollen, was der Einzelne gibt. Niemand soll befürchten müssen, einen tadelnden Blick zu bekommen, wenn er nur zwei Groschen reinlegt.
Herr A: Liebe Frau B, Sie haben es ja richtig erkannt: Jesus schaut hin! Er registriert sehr wohl, dass die Reichen viel geben und die Armen weniger. Das ist bei uns nicht anders und wir sollten es zur Kenntnis nehmen.
Mein Vorschlag wäre deshalb, dass wir uns auf die konzentrieren, die genug Geld haben. Wenn wir gezielt an die Reichen herantreten, werden wir unsere Einnahmesituation viel effizienter verbessern als wenn wir weiterhin blind alle abkassieren.
Was nicht viel bringt, ist dieses Kleingeldsammeln im Gottesdienst. Aber es macht viel Arbeit. Die Ältesten müssen in den Gottesdienst kommen, am Ausgang die Büchsen halten, dann das viele Kleingeld zählen. Es muss jemand zur Bank bringen, es muss an die Landeskirche überwiesen werden. Wie viele Menschen sind damit beschäftigt, die 47,23 € vom Sonntag zu sammeln, zu zählen, zu buchen und zu überweisen? Ein enormer personeller Aufwand für nur geringe Einnahmen. Die Kirche muss effizienter werden.
Deshalb hier mein Vorschlag: Wir sammeln keine Kollekte mehr, wir verzichten auf all das Kleingeld und treten mit gezielten Kampagnen an die Vermögenden heran. Damit entlasten wir gleichzeitig die, die ohnehin kaum genug zum Leben haben. Die sollen bitte ihr Geld behalten. Ehrlich gesagt habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich sehe, wie manche älteren Leute ihre Kollekte einwerfen und ich weiß doch genau, dass bei denen ihre kleine Rente hinten und vorne nicht reicht. Wir können doch die nicht bitten, für Hilfsbedürftige zu spenden, die selbst hilfsbedürftig sind. Das macht keinen Sinn!
Pfr.: Die arme Witwe im Tempel hat übrigens nicht für andere ihr Geld gegeben, sondern für den Tempel. Das Geld, das dort in großen Sammelkästen eingelegt wurde, war für die Unterhaltung des Gebäudes bestimmt.[1] Das Geld bekamen notleidende Steine, nicht notleidende Menschen. Jesus scheint keine Einwände gehabt zu haben, dass die arme Witwe ihr letztes Geld für die Schönheit des Tempels gibt.
Herr A: Wie der „Peterspfennig“ zur Zeit der Reformation. Gilt jetzt doch wieder: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“? Wird zum 500. Reformationsjubiläum auch der Tetzel wieder gewürdigt?
Pfr.: Die Seele der Witwe springt erst einmal nicht in den Himmel, sondern macht auf Erden Sprünge, zu den anderen hin. Jesus hat ja nicht Gott auf diese Frau aufmerksam gemacht, sondern er hat sie seinen Jüngern gezeigt. Gott kennt die Frau, er weiß um ihren Glauben. Aber wir müssen Augen für ihren Glauben bekommen. Wir haben ja nur Augen für die großen Sachen. Doch manchmal kann man an zwei Groschen eine reiche Seele erkennen.
Herr A: Also, dass diese arme Frau nicht für soziale Projekte sondern für die Gebäudeunterhaltung spendet, macht die Sache ja nicht besser. Ich bleibe dabei: Lasst uns das Kleingeldsammeln in der Kirche abschaffen! Finanziell gesehen bringt das ohnehin nichts.
Frau B: Nein, da bin ich nicht für! Wir haben schon immer Kollekte gesammelt und das soll so bleiben. Auch die Armen wollen die Möglichkeit haben, etwas zu geben, selbst wenn es nur Kleingeld ist.
Ich erinnere mich an eine ältere Frau in der Gemeinde – sie ist mittlerweile verstorben - der haben wir aus unserem Diakonat regelmäßig was gegeben. Doch dann haben wir erfahren, dass sie dieses Geld gar nicht für sich selbst braucht. Für ihren eigenen Lebensunterhalt reichte die kleine Rente. Sie nahm unser Geld, um es ihren Enkeln und Urenkeln zu schenken. Wir haben dann diskutiert, ob wir ihr unter diesen Umständen die Zuwendung von der Gemeinde weiter gewähren sollen. Einige waren dagegen. Aber wir haben weiter gezahlt, denn wir haben uns gedacht: Auch das gehört zu einem würdigen Leben, dass man den Enkeln etwas gibt.
Pfr.: Ihr habt dieser Frau ihre Würde gelassen. Anderen etwas geben zu können, andere einladen, bewirten oder beschenken zu können, das gehört auch zur Würde eines Menschen. Wer immer nur nimmt, verliert seine Würde und wird sich irgendwann selbst nicht mehr leiden können. Jesus hat die Würde der armen Witwe entdeckt. Obwohl sie selbst nichts hat, gibt sie.
Herr A: Was ist eigentlich mit der Würde der Reichen? Haben die keine Würde?
Pfr.: Herr A, Sie sind heute hartnäckig!
Herr A: Ihr redet immer nur von der Würde der armen Frau. Vergesst nicht, dass die Kirche vor allem vom Geld der Reichen lebt. Die tragen erheblich zum Kirchensteueraufkommen bei. Die Armen zahlen gar keine Kirchensteuer.
Frau B: Gerade deshalb müssen sie die Möglichkeit haben, auch etwas zu geben – und seien es auch nur zwei Groschen.
Pfr.: Frau B, warum hat die arme Witwe ihr letztes Geld für die Unterhaltung des Tempels gegeben? Was glauben Sie?
Frau B: Ich glaube, sie will Gott etwas zurückgeben. Die Armen haben zwar ein schwereres Leben als die Reichen. Aber vielleicht sind die Armen dankbarer. Die Reichen glauben, dass sie Anspruch auf ein gutes Leben haben; sie denken, dass sie es sich verdient haben. Die Armen können das nicht denken. Daher fällt es ihnen leichter zu glauben, dass ihr Leben ein Geschenk ist. Und wer von Gott beschenkt wurde, will Gott auch etwas zurückgeben.
Herr A: Ach Frau B, das klingt sehr sozialromantisch! Es gibt auch genug dankbare Reiche und genug undankbare Arme.
Frau B: Ja, das ist sicher so. Trotzdem bin ich dagegen, das Sammeln der Kollekte einzustellen.
Pfr.: Ich auch. Zwei zu eins, Herr A.
Herr A: Wir haben doch hier keine Sitzung der Finanzkommission.
Pfr.: Sie waren dagegen, Ihren Antrag zu vertagen. Jetzt haben wir abgestimmt.
Frau B: Ich sammele am Ausgang. Und Sie zählen heute! Damit Sie nicht so viel Kleingeld zählen müssen, können Sie ja einen Schein reinlegen. Ich werde das genau beobachten.
Pfr.: Das, liebe Gemeinde, das war unsere Zweigroschenpredigt.
Und der Jesus, der hat Augen
und die trägt er im Gesicht
und die Witwe, die hat Würde
und die Würde ist im Licht.
Amen.
[1] So nach F.-W. Marquardt, Lasset uns mit Jesus ziehen, 202. Nach J. Gnilka, EKK II/2, 176, waren die Gelder für die Brandopfer bestimmt.
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Tuppence – Predigt zu Markus 12,41-44 von Martin M. Penzoldt
Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Mk 12,41-44)
Liebe Gemeinde,
gestern kam meine Schwester vorbei und als ich ihr den Predigttext erzählte, sagte sie lapidar: „Dazu muss man nichts weiter sagen. Das ist in sich klar. Jedes weitere Wort kann nur schaden.“
Klingt ja wie vom Luther, dachte ich: „Tritt fest auf, mach´s Maul auf, hör bald auf.“ Ja, kann ich dann nur noch sagen – und AMEN.
Es sei denn, wir klären das noch mit dem „Scherflein“.
Diese Geschichte heißt nach der Überschrift in der Lutherbibel: „Das Scherflein der Witwe“. Und jeder weiß, was ein Scherflein ist und was es heißt, sein Scherflein beizutragen. Oder doch nicht?
Es kam ein Mann zu seinem Pfarrer, nahm ihn bei Seite und sagte: „Das Scherflein der Witwe habe ich noch übrig.“ Da meinte der Pfarrer: „So viel möchte ich von Ihnen gar nicht haben.“
Das ist eben der Clou der Geschichte: Ein Scherflein ist eine sehr kleine Gabe, es sind zwar nur zwei kleine Münzen, zwei halbe Pfennige, aber für die, die wenig hat, sind sie eben alles, was sie hat.
Das Scherflein der Witwe bedeutet: Diese Frau gibt ihr Alles!
Es scheint wenig. Aber es ist zugleich mehr als alle Scheine, die andere von ihrem Überfluss abgeben und einlegen.
I. Die Gabe – Ökonomie
Unter Anleitung von seiner Nanny Mary Poppins gibt Michael alles, was er gespart hat - einen tuppence (two pence) - der alten Vogelfrau für ein Säckchen Vogelfutter, woraufhin sein Banker-Vater ihm vorwirft, wie er sich damit an Aktien für weltweite Gleisbauten und Staudämme hätte beteiligen können. Ist es nicht falsch, das wenige auch noch zu geben?
Es ergeben sich jetzt zwei Möglichkeiten: Wer nur vom Überfluss abgibt, könnte man sagen, der teilt sein Herz zwischen dem Vertrauen auf Gott und dem Vertrauen auf die eigene Kraft.
Wer auch den letzten Rest gibt, vertraut sich ganz Gott an.
Das ist leicht zu verstehen, da hat meine Schwester recht, aber es ist schwer – eigentlich unmöglich – das nachzumachen. Und gerade dabei, heißt es, schaut Jesus genau hin. Jesus setzte sich nun in die Nähe des Opferkastens im Tempel und beobachtete die Leute, die ihre Gaben einwarfen. Er will den Menschen, die ihm folgen, etwas zeigen.
Noch einmal: Wenn Bill Gates in den letzten Jahren drei Milliarden Dollar Ausschüttung an Aktiengewinn gespendet hat, dann sind das auch für ihn keine Peanuts. Aber überfließende Gelder.
Wenn mir eine arme Rentnerin aus der Gemeinde zehn Euro zusteckt und bedauert, dass sie mir nicht mehr geben kann, dann gibt sie dies vom Lebensnotwendigen ab. Weil diese Geldopfer nicht vor aller Augen geschehen, weil das richtige Geben oft im Verborgenen bleibt, darum setzt sich Jesus gegenüber den Opferkasten und schaut genau zu. Er zeigt die beiden Möglichkeiten, die wir haben, mit unseren Mitteln umzugehen:
1. Wenn ich an Mitteln etwas übrig habe, dann gebe ich.
2. Wenn ich etwas habe, dann gebe ich.
Im ersten Augenblick hört sich der Unterschied nicht so groß an, darum lassen wir uns das literarisch verdeutlichen und merken bald, dass die beiden Möglichkeiten meilenweit auseinander sind.
Der russischen Schriftstellers Iwan Turgenjew erzählt: „Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für die Erziehung von Kindern, für die Heilung von Kranken und den Unterhalt von Greisen spendet, dann erregt das meinen Beifall und rührt mich. Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung nicht die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie zu unterdrücken, die eine kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm. `Nehmen wir Katja zu uns´, meinte die alte Frau, `dann geht unser letzter Groschen drauf – dann langt‘s nicht mehr zum Salz für die Suppe…´ `Nun… dann essen wir sie eben ungesalzen´, gab ihr der Bauer, ihr Mann, zur Antwort.“
Und Turgenjew schließt seine Erinnerungen ab mit den Worten: „Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern.“
II. Die Gewissensfrage – Ethik
Geben und wieviel oder Nichtgeben ist eine Gewissenssache. Ich hatte eine Patientin, die hat sich gequält mit der Frage, ob sie einer Frau auf der Bank vor dem Supermarkt nicht doch hätte etwas geben sollen. Das ist uns nicht fremd. Was macht man angesichts der überwältigenden und von den Massenmedien plakativ ins Haus gelieferten Not der Welt? Da fühlt man sich schon herausgefordert oder aber belästigt, jedenfalls mit schlechtem Gewissen zurückgelassen. Und jetzt kommt auch noch Jesus. Jesus, der uns auf die Finger sieht.
„Ich komme jeden Tag an vier bis fünf Bettlern vorbei“, schreibt eine ratsuchende Frau, „meistens den gleichen, die mich flehend ansehen. Ich kann aber nicht allen etwas geben, schon gar nicht jedes Mal. Aber ich ertrage die enttäuschten Blicke schwer. Nur: wer ist der Bedürftigste? Und wird dieser dann nicht jedes Mal etwas erwarten? Ich quäle mich ständig herum, mit der Folge, dass ich keinem etwas gebe. Was wäre richtig?“
Was sollen wir sagen? Es ist zunächst gut, dass sich jemand überhaupt noch ansprechen lässt. Diese moralische Achtsamkeit ist für den Einzelfall sinnvoll. Sie stößt jedoch bei vielen Bittenden an ihre Grenzen. Da muss man die spontanen moralischen Gefühle mit Vernunft abgleichen. Es wird schlicht zu umfangreich. Man ist ja nicht Albert Schweitzer oder der Heilige Martin. Dass man dann doch lieber niemandem gibt, ist häufig der Ausweg. Es gibt ja Gründe auf diese Weise nicht helfen zu wollen.
Es kann auch zu Abwehr führen, wenn wir zu sehr angegangen werden.
Eine weitere Erzählung: Noch einmal Baron Rothschild, er empfängt einen Bettler. Triefäugig und abgerissen erzählt der seine schreckliche Leidensgeschichte. Der Reiche hört zu, Mitleid stiehlt sich in sein Gesicht. Mit Tränen in den Augen klingelt der Baron seinem Diener. Der Arme hoffte auf ein gutes Almosen, aber der Reiche sagt: „Schmeiß ihn hinaus, er bricht mir das Herz!“
Es geht ans Herz, es geht um das Herz. Eigentlich will man auch geben und tut es dann nicht und die Bettler wollen bekommen und bekommen nichts.
Was sagt ein Ethiker dazu? Kant hat gesagt, die Pflicht, Wohltaten zu erweisen, ist unvollkommen ( = nicht zwingend), man kann ihr ja nur im begrenzten Maße nachkommen. „Also ist“, schreibt Kant „diese Pflicht nur eine mögliche; sie hat Spielraum, mehr oder weniger hierin zu tun, ohne dass sich die Grenzen davon bestimmt angeben lassen.“ (Metaphysik der Sitten 2.Teil VIII, 2. Fremde Glückseligkeit)
In einer Schrift zur Erziehung sagt er dann deutlich: Man solle nicht „das Herz der Kinder weich machen, dass es von dem Schicksale des anderen angesteckt werde, als vielmehr wacker.“ (Pädagogik, Hg. Natorp, Akademie Ausgabe Band IX, S. 490)
Man braucht bei der Wohltätigkeit eine „wackere“ Vernunft. Andernfalls läuft man Gefahr, sich zu verausgaben oder alles abzublocken.
Also soll man überlegen, wie und wieviel man geben will, auch spontan. Aber nicht so tun, als würde man die Welt damit retten, wacker zu bleiben.
Man kann auch mal über die Pflicht hinaus handeln. Am Abend vor der ersten schriftlichen Examens-Klausur traf ich auf einen Mann meines Alters vor meiner Haustür: Ein Kellner, in Schwarz gekleidet, aber im Regen ohne Mantel und ohne Schuhe. Er tat mir leid, ich fragte, was los sei. Er sei unvermittelt von seiner Freundin hinausgeworfen worden, sagte er, er wisse nicht, wohin. Da ich das gut verstehen konnte, nahm ich ihn die Nacht auf. Er schlief schnarchend auf einer Matratze in meiner Studentenbude.
Am nächsten Tag gab ich ihm alte Schuhe von mir und Frühstücksgeld, ging hochgemut zum Examen und schrieb eine glatte Eins. Ich war wie in Drachenblut getaucht. Mir hätte nichts passieren können. Aber es war doch eine absolute Ausnahmehandlung. Man kann es anderen nicht empfehlen.
III. Aber es geht um das Ganze – Religion.
Soviel zur Ethik. Das klingt alles nicht gerade nach Jesus. Es geht bei Jesus auch nicht um Ethik.
Steht am Ende dieser Episode etwa der Satz: Gehe hin und tue desgleichen? Sind wir etwa diese Witwe? Nein. Was will uns Jesus denn dann sagen?
Es gibt Situationen da geht es um´s Ganze. Es gibt Entscheidungen im Leben, die kann man nicht mit halbem Herzen treffen. Es geht nicht es nicht um ein Stück Kuchen, da geht es um die Bäckerei, es geht nicht um Almosen, es geht um das Herz.
Die Geschichte vom Scherflein der Witwe steht im Markusevangelium am Ende des Berichts vom Wirken Jesu. Es folgt die Passion. Jesus selbst wird jetzt alles geben, was er hat, was er ist. Seine Liebe zu den Menschen wird ihm das Leben kosten. Und so ist die Tat der Witwe nicht zuerst Vorbild für unser Tun, sondern Gleichnis für die eigene Selbsthingabe von Jesus. Uns zu gute. Es zerreißt ihm das Herz. Das will er den Jüngern zeigen. Er beschämt uns nicht, er beschenkt uns.
Wenn wir gleich gemeinsam Abendmahl feiern, - diese einzigartige Liebeserklärung Gottes an uns – begegnen wir in besonders sinnlicher und spürbarer Weise dieser vorbehaltlosen Liebe Gottes.
Wir sind eingeladen, im Gedenken an Jesu Leben und Sterben, Gottes Liebe und unseres Glaubens gewisser zu werden. Und um den gemeinsamen Tisch, im Teilen von Wort, Brot und Wein wird sie für uns heute Morgen lebendige Gegenwart.
Jesus hat in einzigartiger Weise die Liebe Gottes gelebt im Umgang mit den Menschen, die ihm begegnet sind. Er hat gezeigt, dass Gottes Liebe vorbehaltlos allen Menschen galt. Er hat soziale und religiöse Grenzen überschritten und Konventionen und Traditionen um der Menschen willen durchbrochen. Er hat sich aus Liebe zu den Menschen mit den religiösen und politischen Autoritäten angelegt und ist diesen Weg im Vertrauen auf Gottes Liebe konsequent bis zum bitteren Ende in Treue gegangen.
Jetzt ist die Predigt doch wieder etwas länger geworden. Und wer seinen Platz in dieser Geschichte immer noch sucht, der findet ihn gleich im ersten Vers. Es wäre nicht das Schlechteste, wenn es von uns heißen könnte: „Und viele Reiche legten viel ein.“ Amen.
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Gelassen wirken! – Predigt zu Markus 4,26-29 von Stefan Kläs
Liebe Gemeinde,
der Personalchef des großen Unternehmens setzte sein schönstes Haifischgrinsen auf und sagte zur Bewerberin: „Sehr schön, Ihr Lebenslauf, ganz ausgezeichnetes Profil. Jetzt haben wir viel über Ihre Stärken erfahren. Verraten Sie uns doch bitte zum Schluss noch etwas über Ihre Schwächen.“
Ohne mit der Wimper zu zucken und hoch professionell antwortete die Bewerberin mit einem nicht minder raubtierhaften Lächeln: „Es ist ganz furchtbar mit mir. Ich bin so ungeduldig.“
Die Frage nach den eigenen Stärken und Schwächen ist eine Standardsituation im Bewerbungsgespräch. Vielleicht haben Sie auch schon einmal so geantwortet wie die Bewerberin. Falls ja, ist das wirklich keine Schande. Denn in Bewerbungssituationen werden Konventionen abgefragt. Da geht es um die Frage: Passt derjenige zu uns?
Doch genau das ist ja so spannend. Warum ist die Ungeduld eine so unverfängliche Schwäche? Ja, mehr noch: Eigentlich ist es doch ganz schön kokett, Ungeduld als Schwäche auszugeben. Denn unter der Hand ist allen klar: Ungeduld gilt eigentlich als Stärke. Die Bewerberin ist dynamisch, macht ihr Ding und drängt nach vorne.
Was sagt es über uns als Gesellschaft, wenn Ungeduld eigentlich als Tugend gilt?
Der Mann im Gleichnis, von dem Jesus erzählt, hätte möglicherweise bei unserem Personalchef schlechte Karten gehabt. Jesus lehrte die Menschen in Gleichnissen. In kurzen Geschichten, die Situationen aus dem Alltag aufgreifen, öffnete Jesus den Menschen die Augen dafür, wie Gott unter uns wirkt.
Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da. (Mk 4,26-29)
Der Sämann tut, was seine Aufgabe ist: er sät den Acker ein. Danach schläft er. Er setzt sich also nicht an den Ackerrand und schaut ungeduldig alle zwei Minuten nach, ob der Samen schon aufgegangen ist, sondern er schläft. Der Sämann lebt und wirkt im Rhythmus von Nacht und Tag.
In der Bibel ist oft von Nacht und Tag die Rede. In der Schöpfungsgeschichte wird erzählt: Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. (Gen 1,5) Der Tag beginnt mit dem Abend und der Nacht. Dort, in der Ruhe und im Schlaf, werden die Voraussetzungen für fruchtbares Wirken am Tag geschaffen.
So auch bei dem Sämann im Gleichnis. Er schläft und steht auf im Rhythmus von Nacht und Tag.
Und siehe da, in diesem Rhythmus von Nacht und Tag, in diesem Rhythmus von Tun und Lassen stellt sich der Erfolg seines Handelns ein: Der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. (Mk 4,27b)
Er weiß nicht wie? Der Sämann weiß nicht, wie die Saat wächst?
Natürlich weiß er es. Gerade weil er ein guter Sämann ist, weiß er, dass Wachsen und Gedeihen nicht in seiner Hand liegen. Er muss säen und dann – und das ist nicht weniger wichtig – die Saat in Ruhe lassen. Auf dem Weg vom Samenkorn zur Frucht gibt es eine Fülle von Entwicklungsschritten. Da läuft ein Prozess ab, aus dem der Sämann sich heraushält, wo er die Finger rauslässt und sagt: „Davon will ich gar nichts wissen. Mir reicht, dass ich weiß: Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. (Mk 4,28)“
Der Sämann weiß und respektiert: Es gibt Dinge, die kann ich anstoßen, doch dann laufen sie ohne mein Zutun ab. Von selbst, automatisch, autonom entwickelt sich die Frucht. Der Sämann könnte ihre Entwicklung höchstens stören, wenn er zur falschen Zeit nachschaut, kontrolliert und fördert.
Dazu gehört auch: Der Wachstumsprozess läuft in bestimmten Schritten ab, die weder vertauscht noch verkürzt werden können. Halm, Ähre, Weizen. Es gehört zur Geduld des Sämanns, dass er weiß: Wenn ich heute den Samen in die Erde stecke, dann bekomme ich nicht morgen schon die volle Ähre. Wachstum braucht Zeit.
Finger weg, heißt also das Erfolgsrezept des Sämanns und – genau hinschauen. Denn neben dem Wechsel von Tun und Lassen braucht es auch ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Timing ist wichtig. Es kommt der Moment, wenn die Frucht reif ist. Und dann gibt der Sämann den Startschuss für die Ernte.
Wer eben noch den Eindruck hatte: Diesen Mann bringt nichts aus der Ruhe in seinem Rhythmus von Nacht und Tag, der reibt sich jetzt verwundert die Augen, denn er schickt „alsbald die Sichel; denn die Ernte ist da.“ (Mk 4,29b)
Zum richtigen Zeitpunkt also verliert der Sämann keine Zeit, sondern handelt entschieden und schnell.
Der Mensch, von dem Jesus im Gleichnis erzählt, weiß also genau, was er tut. Geduld und Augenmaß, Erfahrung und Gelassenheit, Aufmerksamkeit und Entschiedenheit steuern ihn, sein Tun und Lassen, und vor allem die unerschütterliche Hoffnung: Die Saat geht auf. Sie geht auf jeden Fall auf!
Jesus erzählte diese Geschichte vom Sämann als Gleichnis für das Reich Gottes. Er öffnet uns die Augen dafür, wie Gott unter uns wirkt. Immer wieder ist dies geschehen, dass Menschen plötzlich eine Ahnung davon bekommen, wie Gottes Reich unter uns wächst.
Der schwäbische Pfarrer Johann Christoph Blumhardt begleitete Anfang der 1840er Jahre eine junge Frau aus seiner Gemeinde in der Seelsorge. Sie wurde von unerklärlichen Beschwerden geplagt, litt an Krämpfen und hörte Stimmen. Heute würden wir vielleicht sagen: Sie hatte eine psychosomatische Krankheit. An Weihnachten 1843 wurde sie geheilt. Nach einer krisenhaften Zuspitzung, von Blumhardt in seinem Bericht an den Oberkirchenrat in Stuttgart als „Geisterkampf“ bezeichnet, rief die junge Frau aus: „Jesus ist Sieger.“
Die Nachricht von ihrer Heilung verbreitete sich rasch und führte zu einer wahrhaften Erweckungsbewegung in dem kleinen schwäbischen Ort Möttlingen. Blumhardt wurde geradezu überrannt von Hilfesuchenden, die er schon bald nicht mehr alle in seinem Pfarrhaus empfangen konnte. Der Oberkirchenrat in Stuttgart, die zuständige Kirchenleitung, beobachtete sein Wirken ohnehin skeptisch. Blumhardt wurde der Rat erteilt, sich doch bitte mehr um die Predigt zu kümmern und mit diesen Heilungen aufzuhören.
Doch der dachte gar nicht daran, im Gegenteil. Blumhardt zog von Möttlingen nach Bad Boll und kaufte dort das heruntergekommene Kurhaus, das er zum Seelsorgezentrum ausbaute. Dieses Haus zog Gäste aus ganz Europa an und wurde zu einem Ort, an dem Menschen ganzheitlich Hilfe erfuhren.
An der Fassade des Kurhauses stehen bis heute zwei Buchstaben: W und P für Wilhelm I., König von Württemberg, den Gründer des Kurhauses und seine Frau Pauline. Blumhardt selbst übersetzte diese Buchstaben anders: W für warten und P für pressieren, also schwäbisch für ‚sich beeilen‘.
Warten und Pressieren, das entspricht dem, was auch der Sämann tut: Zur rechten Zeit handeln und dann den Dingen wieder ihren Lauf lassen. Blumhardt wusste: Das Reich Gottes hängt nicht von uns ab. Wir können es mit unserem Handeln nicht herbeizwingen. Aber wenn es kommt, wenn Gottes Gegenwart unter uns erkennbar wird, dann ergeben sich Chancen zum Handeln, die es zu nutzen gilt.
Dann können Menschen gesund werden an Leib und Seele und positive Entwicklungen aller Art in Gang gesetzt werden.
Warten und Pressieren, zur rechten Zeit etwas tun und lassen - das ist wie Einatmen und Ausatmen, im Rhythmus bleiben, den Dingen ihren Lauf lassen und dann doch auch den entscheidenden Impuls geben.
Gelassen wirken, das ist eine Lebenskunst, die wir im Reich Gottes lernen können und die sich doch auf alle lebendigen Prozesse übertragen lässt.
Haben Sie beispielsweise schon einmal versucht, ein Kind großzuziehen? Dann werden Sie sicherlich festgestellt haben, dass das gar nicht geht. Sie können an den Armen und den Beinen ziehen, wie Sie wollen, das Kind wächst nicht schneller. Sie könnten es auch auf den Kopf stellen und auf die Schwerkraft hoffen, das einzige, was Sie erreichten, wäre, dass die Kleinen vor lauter Lachen einen Schluckauf bekämen. Aber schneller wachsen tun sie dadurch nicht, großziehen lassen sie sich nämlich nicht.
Wenn Sie irgendwo Verantwortung für Menschen haben, beispielsweise in einem Unternehmen, dann werden Sie wissen: Von Zeit zu Zeit kann es durchaus angemessen sein, sich mal bei den Mitarbeitenden zu erkundigen, was die so machen. Ob es allen gut geht, ob noch alle bei der Arbeit sind, ob die Ziele klar sind. Wenn Sie allerdings alle fünf Minuten auftauchen und kontrollieren, dann setzen Sie allenfalls sehr kreative Prozesse in Gang, mit denen ihre Mitarbeitenden sich der Kontrolle entziehen, aber schneller und besser wird deren Arbeit dadurch ganz sicher nicht.
Und wenn Sie an sich selbst denken, dann fällt Ihnen vielleicht auch so einiges ein, was Sie schon vor langer Zeit ändern wollten. Die Zeit der guten Vorsätze ist Mitte Februar eigentlich schon längst vorbei, aber bestimmte Themen bleiben uns ja trotzdem über das Jahr treu: mehr Bewegung, gesündere Ernährung, weniger Stress.
Auch hier gilt: Nachhaltige Veränderung zum Guten geschieht nicht über Nacht. Auch mit uns selbst brauchen wir vor allem immer wieder Geduld und Achtsamkeit, um dann doch zur rechten einen ersten Schritt in die richtige Richtung zu gehen.
Liebe Gemeinde, was sagt es über uns als Gesellschaft, wenn Ungeduld eigentlich als Tugend gilt?
Wenn ein amerikanischer Präsident von manchen sogar für seine Tatkraft gerühmt wird angesichts einer Flut von Dekreten, von denen die meisten wohl keinen Bestand haben werden?
Mir scheint, wir haben das Leben halbiert. Wir haben aus Nacht und Tag einen immerwährenden Tag gemacht, geben der Aktivität in jeglicher Form einen Vorzug vor Kontemplation und Verweilen.
Damit haben wir manches erreicht und anderes verloren. Verloren haben viele Menschen heute die Fähigkeit, sich wirklich zu erholen. Wirklich einmal herauszutreten aus der inneren Tretmühle und den Kopf freizubekommen für das, was im Leben wirklich zählt und was uns trägt, auch wenn wir einmal keine Spitzenleistung erbringen.
Da kommt die Geschichte vom Menschen, der Samen auf das Land wirft, gerade recht. Von ihm können wir lernen, dass zum Leben beides gehört: Arbeit und Ruhe, Geduld und gelassene Aufmerksamkeit für das, was geschieht. Den Dingen ihren Lauf lassen und eingreifen, damit wir gelassen wirken können!
Vor allem aber brauchen wir die Hoffnung, dass Entscheidendes immer wieder von Gott her geschieht, auch ohne unser Zutun. Dass wir leben dürfen in einer Welt und von einer Welt, die uns freundlich entgegenkommt.
Gott sei Dank! Amen.
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Sich auf den Weg machen Predigt über Markus 4,26-29 von Monika Waldeck
Spazierengehen soll ein Unterrichtsfach an der Universität sein?
Ich habe es erst nicht geglaubt, als ich es neulich in der Zeitung las. Im Lokalteil.1
Und ja, es stimmt. Das, was viele von uns in ihrer Freizeit tun, um mal frische Luft zu schnappen, sich ein bisschen zu bewegen, den Gedanken nachzuhängen, Tiere zu beobachten oder einen schönen Ausblick zu genießen, das ist ein Unterrichtsfach an der Uni in Kassel.
Lucius Burckhardt, Soziologe und Professor für Landschaftsplanung, fand in den achtziger Jahren, dass seine Studenten nicht länger nur am Schreibtisch sitzen sollten. Die zukünftigen Gestalter von Städten und Landschaften sollten direkte Erfahrungen mit ihrem Studienobjekt sammeln. Um sich eine Gegend zu erschließen, so entschied er, muss man sich in ihr bewegen. Also rein in die Wanderschuhe und raus ins Freie.
Die Studenten fanden schnell heraus: In langsamer Bewegung zeigen sich Räume in der Natur überraschend anders als am Reißbrett oder beim Durchfahren mit dem Auto oder gar dem Überfliegen mit dem Flugzeug.
Erstaunlich, denn man denkt oft, man kenne alles in seiner täglichen Umgebung. Wirklich Neues gebe es nur in fremden Gegenden.
Aber wir Spaziergänger haben meist noch nie darüber nachgedacht. Wir suchen zwar immerzu nach Entdeckungen, die das Leben interessanter machen, suchen nach Anderem und Neuem, das uns hilft, dem Alltagstrott zu entkommen. Aber wir vermuten nicht, es auf einem Spaziergang in die nähere Umgebung zu finden. Eher auf einer Reise an unbekannte Orte.
Also rein in die Reiseklamotten und raus in ferne Länder. Das Geschäft mit dem Tourismus boomt. Und dann findet man sich in einer All-inclusive-Hotelanlage wieder und alles ist wie hier: Die Unterhaltung, die Speisekarte, die Leute und Deutsch wird auch überall gesprochen. Nur den Ort zu wechseln ist also keine Garantie für eine Entfernung vom Alltag.
Anders sein, neu sehen - das ist besonders über Verlangsamung möglich, meinte Professor Burckhardt. Das Andere beginnt vor der Haustüre.
Wer meint, er hätte daheim alles gesehen und müsse darum weit weg reisen, um sich zu finden, der irrt. Unser oberflächlicher Blick sieht nur nicht, was um uns herum geschieht. Und so erfindet der Professor die „Spaziergangswissenschaft“, die „Promenadologie“.Und die wird eben in Kassel gelehrt.
Durch langsames Wandern kann ich eine Landschaft erfahren. „Reflexive Spaziergänge“ nannte Burckhardt das.
Ich erlebe mit allen Sinnen, was da los ist. Wohin schaue ich, wenn ich gehe? Wie fühlt sich die Luft an, wie der Belag unter meinen Füßen? Höre ich einen kleinen Bach neben dem Fußweg oder rauscht da eine Autobahn durch?
Kann der Blick ins Weite gehen, vielleicht auf eine Bergkette oder eine große Wiese? Stehen da Häuser, die den Blick anziehen?
Was bedeutet es, wenn ich durch Brachland gehe, in dem vielleicht eine Industrie ihre Spuren hinterlassen hat?
Ist die Landschaft schön? Warum? Warum nicht?
Wie riecht es hier auf der Wiese und dort, wo der Busbahnhof beginnt?
Wie sind die Bilder, die ich sehe, geprägt durch innere Bewertungen und weniger durch Erleben? Was sehe ich heute neu oder anders als gestern?
Vielleicht lohnt sich ein solcher Blick beim nächsten Spaziergang.
Dazu braucht man Zeit. Sonst begreift man nicht, was man sieht.
1802 meinte der Schriftsteller Johann Gottfried Seume, einer, der in seinem Leben viel gewandert ist: „Vieles würde bessergehen, wenn man mehr ginge.“ Und da kannte man noch keine Autos und Flugzeuge.
Das heißt, ein tieferes Verständnis des Lebens entsteht da, wo ein Mensch die Langsamkeit entdeckt.
Und nun hören wir den biblischen Text für heute:
„Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre." (Mk 4,26-28)
Es könnte sein, dass der Schriftsteller, der Professor und Jesus sich was zu erzählen hätten. Sie teilen nämlich ein Geheimnis, das einer Erfahrung entspringt, die wir in unseren Breitengraden immer mehr vernachlässigen. Es ist das Vertrauen darauf, dass Langsamkeit, dass Wahrnehmen und Geschehen-lassen nicht nur Zeit schenken, sondern „Frucht bringen“, im wahrsten Sinne des Wortes.
Das ist das Gegenteil von dem, was heute gewöhnlich Anerkennung erzeugt und als zielführend betrachtet wird. Das Leben auf der Überholspur in der Arbeit, in der Partnerschaft, in der Kindererziehung, im Urlaub und sinnfällig: im Straßenverkehr. Wartezeit ist vergeudete Zeit. Zeit ist Geld.
Der Bauer im Gleichnis weiß, dass er sich Zeit nehmen muss, um rechtzeitig zu säen. Und dass er sich Zeit nehmen muss, wenn er gesät hat. Die Halme wachsen von allein.
In dem Bild Jesu: Das eine gehört zu unseren Aufgaben und das andere in den Bereich Gottes.
Gottes Reich kommt von allein und wir wissen nicht wie. Es ist gut, das zu unterscheiden. Auch wenn es so aussieht, als sei die Ernte ein Erfolg des Bauern. Das Eigentliche, das Wachsen und Fruchtbringen bewirkt Gott.
Manche Dinge müssen reifen, sonst werden sie nichts.
Der moderne Mensch - besonders, wenn er an den Schalthebeln der Macht sitzt - fragt: Wieviel Zeit habe ich investiert, wieviel Geld hat das gekostet, wie kann das schneller gehen? Denn das bringt Gewinn.
Wir vermessen die Welt und denken, wir hätten sie begriffen.
Entgegen dieser einseitigen Sicht der Wirklichkeit wirkt Gott im Verborgenen. Die angemessene Haltung dazu ist wahrnehmen und staunen.
Staunen heißt: sich überraschen zu lassen, mit Wundern zu rechnen. Was Gott tut, entzieht sich unserem Zugriff.
„Nacht und Tag; der Same geht auf und wächst – und er weiß nicht, wie.“ (Mk 4,27)
Das Gleichnis macht nicht die menschliche Arbeit schlecht, sondern weist ihr einen Rahmen zu.
Es ist gut, etwas zur rechten Zeit zu tun. Aber unsere Mühe hat ihre Grenze.
Wir Menschen haben Grenzen. Zum Wunder des Lebens, zum Wunder der Natur haben wir nichts beigetragen. Wir dürfen sie gestalten, aber mit ihr, nicht gegen sie.
Darum ging es Lucius Burckhardt, denn es ist etwas Anderes, in einer Landschaft zu sein, sie wahrzunehmen, sie zu bestaunen und zu erleben, welches Geschenk wir an ihr haben, als sie am Reißbrett zu durchschneiden und zu formen und unseren manchmal sehr kurzsichtigen Zwecken unterzuordnen. Im langsamen Spazieren kann man sich dem Geheimnis annähern. Im hastigen Durcheilen entgeht einem das Wichtigste.
Könnte man nicht sagen, dass das ganze Leben ein Einüben in die Zeit Gottes sein sollte, ein Spaziergang, der uns entdecken lässt, was Gott mit uns zu tun hat, was er von uns will?
Wenn Jesus in diesem Zusammenhang vom Gottesreich redet, dann geht es ihm aber noch um mehr. Er erwartet, dass ein besseres, neues Leben beginnt, in dem Raum und Zeit einen anderen Stellenwert haben als jetzt.
Mich spricht dieses Gleichnis an, weil sich in ihm die Hoffnung, die Christen teilen, ausdrückt. Das Reich Gottes wird kommen, Friede wird sein, Gerechtigkeit und alle Lebewesen werden Gottes Schutz genießen. Der Tod wird nicht mehr sein.
Und dieses Gottesreich kommt von allein.
So entlastet das Gleichnis den, der meint, aller Erfolg hinge allein von seinem Mühen ab.
Es entlastet den, der sich in einem schmerzhaften Konflikt befindet und meint, alles müsse schnell wieder gut sein.
Es nimmt den Druck von den Schultern und gibt Luft zum Atmen.
Und dann - im Vertrauen auf Gottes selbstwachsendes Reich - hat es Sinn, dass wir uns aktiv, aber auch mit Selbstbegrenzung für diese Welt einsetzen, in der viele Menschen und andere Geschöpfe immer noch so unglaublich leiden.
Worte, Geschichten und Symbole der Bibel wollen dieses Vertrauen bekräftigen. Nicht zuletzt darum sind wir heute hier und feiern Gottesdienst.
1„Spazierengehen als Bestandteil der Planung“, Hessisch-Niedersächsische Allgemeine vom 13.01.2017
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Predigt zu Markus 16,1-8 von Axel Denecke
1.
Ja, was ist denn das? Haben Sie noch die Evangeliums-Lesung, unseren heutigen Predigttext, von fern im Ohr? Da gehen die Frauen zum Grab, um den Leichnam Jesu zu salben. Totengedenken, wie es sich gehört, damals wie heute. Und dann dies: Ein Jüngling im weißen Gewand steht auf einmal vor Ihnen. „Und sie entsetzten sich“. Der Jüngling bemerkt es und sagt: „Entsetzt euch nicht!“. Und dennoch bleibt’s bei dem Entsetzen. Denn es heißt am Schluss: „Sie flohen vom Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemanden etwas, denn sie fürchteten sich“.
Also, was ist denn das? Können Sie das verstehen? Da machen die Frauen eine umwerfende Erfahrung, die ihr Leben ganz und gar umkrempelt. Jesus, den sie lieben, ist nicht tot, er lebt, lebt unter ihnen, sie hören sie, so erfahren sie. Ostern – Auferstehung – Auferweckung – Osterjubel. „Christ ist erstanden von der Marter alle, des soll’n wir alle froh sein“. Ja, sollten wir. Sollten sie. Doch sie entsetzen sich, sie fliehen mit Zittern und Zagen, denn sie fürchten sich.
Nochmals: Was ist denn das? Können Sie das verstehen? Wenn ich mich in ihre Lage zurück versetze (so gut ich es nach 2000 Jahren und nach 50 Jahren Predigt über diesen Text noch kann), so kann ich es am Ende doch verstehen. Ja, ich verstehe diese Frauen, die sich entsetzen angesichts des Ostergeschehens – die mit Zittern und Zagen fliehen vor diesem Ereignis – sich fürchten bis in ihr Innerstes hinein vor diesem Ostergeschehen. Wollen es am Ende niemanden weiter sagen – dies Ostergeschehen. das wir ja alle kennen.
Es ist verrückt. Doch ich kann es verstehen. Und was Ostern für uns eigentlich bedeutet – Ostern nicht als ein fernes Geschehen damals, sondern als ein Geschehen heute in uns, in einem jeden von uns – das können wir wohl nur verstehen, innerlich verstehen, wenn wir uns darüber entsetzen, wenn wir zittern und zagen, wenn wir fliehen, es niemanden sagen wollen und es dann doch tun - so wie ich jetzt hier.
Ostern krempelt alles in unserem Leben um,. Alles wird neu, das Unterste wird nach oben gekehrt, der Tod ist nicht mehr, ist mir schnuppe, ein dummer Spießgeselle, spießig und altmodisch. Deshalb gibt’s ja auch in der Kirche das berühmte „Osterlachen“. Und in einem Osterlied heißt es daher: „Der Tod ist zum Spott geworden“. Doch so schnell scheint’s bei den Frauen, bei uns nicht zu gehen. Lachen, spotten und dem Tod die Nase zeigen, ach ja, das kann ich erst, nachdem ich m ich vorher vor ihm entsetzt habe, geflohen bin in Zittern und Zagen, mich vor den allem fürchte, abgrundtief fürchte.
2.
„Du sollst Gott fürchten und lieben“ sagt Luther nicht umsonst in der Erklärung der Gebote. Früher habe ich das „Gott fürchten“ nie so richtig verstanden, dachte immer, Gott muss ich nicht fürchten es reicht aus, wenn ich ihn liebe: Doch reicht das aus? Trägt das durch?
Als Moses –so wird es berichtet – Gott leibhaft und ganz direkt begegnet, verhüllt er sein Haupt, kann ihn nicht ins Angesicht sehen, ist zu viel für ihn. Später heißt es dann einmal, Gott sei ihm liebevoll entgegen gekommen, indem er ihn aus einer Felsspalte seinen Rücken sehen ließ. Bloß den Rücken Gottes, so wie zwischen den Fingern gelugt, aus einer Felsspalte heraus (2. Mose 33,22). Gott ganz sehen und ertragen, das geht nicht. Für Moses nicht, für uns nicht. Die Frauen entsetzen sich, sie fliehen, sie zittern, sie fürchten sich.
„Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Hebr.10,32 ) heißt es daher auch im Hebräerbrief. Ja, schrecklich ist’s, dem lebendigen Gott wirklich zu begegnen. Dem lebendigen Gott. Über Gott fein in Ruhe nachzudenken, theoretisch zu erwägen, ob es ihn gibt, wenn ja, wie er handelt, wenn nein, warum er nicht handelt – das ist das eine. Das ist alles andere als schrecklich. Kann man fein vom Schreibtisch aus tun oder in einem erlauchten Debattierclub. Interessante Theorien kann man da aufstellen „über“ Gott, über ihn schlau sinnieren. Kostet höchstes Gedankenschmalz. Ist aber alles andere als schrecklich, kann sogar ergötzlich sein.
Doch dann dem lebendigen Gott wirklich begegnen, ihn direkt und konkret erfahren in seinem Leben, tatsächlich „in seine Hände zu fallen“, ganz unvermutet, hab’s ja gar nicht so direkt gewollt, das kann schon schrecklich sein. Und wenn Moses sein greises Haupt dabei verhüllt und seine Schuhe ausgezogen hat, so ist das noch eine vergleichsweise harmlose Reaktion darauf. Gott so ganz lebendig ist nicht zu ertragen, na, ich bin vorsichtig: ist nur schwer zu ertragen. Gott so lebendig.
3.
Und das meint ja Ostern. Jesus lebt, Gott lebt. Gott ist wirklich lebendig unter uns – jetzt und hier. Gott, keine bloße Idee unseres Verstandes, sondern Gott – auferstanden mitten hinein in unser Leben, in mein Leben. „Der Herr ist auferstanden, ja er ist wahrhaftig auferstanden“ haben daher die Alten, unsere Vorfahren, voll Verwunderung, Begreieterung und wohl auch Entsetzen und Furcht gesagt. Denn was bedeutet es, wenn ich Gott wirklich begegne in meinem Leben, direkt und unmittelbar (auch wenn ich wie Moses nur seinen Rücken sehen kann, sehen darf), was bedeutet es? Mein ganzes bisheriges Leben wird in Frage gestellt, wird um und um gekrempelt, alles wird auf einmal anders und neu, so wie es der Paulus sagen kann, als ihm Gott wirklich begegnet (damals bei Damaskus oder wo auch immer, viermal berichtet in der Bibel. So wichtig ist das wohl) „Ist jemand in Christus, so ist er ein neuer Mensch. Alles Alte ist vergangen. Siehe, alles ist neu geworden“. Das ist die Oster-Erfahrung des Paulus. Und ich denke, er hat es auch mit Furcht und Zittern gesagt. Er ist ja –so berichten alle- auch zu nächst geflohen aus Damaskus, nachdem er dort dem lebendigen Gott begegnet ist. Ja, schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Für Paulus, für Moses – und eben da am Grab auch für die Frauen, völlig unvorbereitet wie sie dafür waren.
4.
Also, ich kann die Reaktion der Frauen gut, ja sehr gut verstehen. Ihre Reaktion ist echt, sie ist wahr, sie ist nicht eine fromme Erfindung eines späteren Schreibers. So geht’s zu, wenn man mit Gott unvermutet direkt in Verbindung gerät. Denn diese Frauen wollten ja am Grab nix weiter als einen letzten Liebesdienst für den toten Jesus tun. Macht man so, ist gute Sitte, den Leichnam nochmals salben, letzte Ehrerbietung … und dann ist alles aus, aus und vorbei. Schön war’s mit ihm: Doch das war einmal.
Und nun: Nichts wahr einmal. Nun geht alles los, geht erst richtig los. „Die Sache Jesu geht weiter“, hat ein kluger Mann in einfachen Worten gesagt, was Ostern und Auferstehung für uns bedeutet. „Die Sache Jesu geht weiter“. Sie geht jetzt erst richtig los. Das Hören die Frauen und sie entsetzen sich, mit Furcht und Zittern fliehen sie. Was soll nur daraus werden? Kriegen wir es hin? Können wir die Sache Jesu wirklich weiter treiben, redlich und wahrhaftig, so wie er es tat? Wäre es nicht Besser, es wäre alles aus und wieder so normal und alttäglich wie vorher? Doch Nein, Jesus lässt sie nicht los, er lebt – in welcher Weise auch immer. Lebt für sie und in ihnen, lässt sie nicht mehr los, kommen nicht mehr los von ihm. Ja, „schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“. Genau das haben die Frauen am Grab erfahren – das Grab, leer oder nicht ganz leer oder wie auch immer, ist völlig egal. Die Sache Jesu soll weiter gehen. Und sie ist ja auch weitergegangen bis heute – irgendwie, meist krumm und schief, wir Menschen sind nun mal so, aber sie ist weiter gegangen. „Der Herr ist auferstanden in unser Leben, ja, er ist wahrhaftig auferstanden“.
„Des soll’n wir alle froh sein – Christ will unser Trost sein“ Ja? Oder bleibt’s bei der Furcht, dem Entsetzen, mit Zittern und Zagen und die Flucht vor dem allem? Manchmal denke ich –lebenserfahren wie ich inzwischen bin – bei den meisten bleibt’s bei der Flucht. Kann ich verstehen, ist ja auch nicht einfach. Die Jünger damals flohen vom Kreuz, Petrus als allererster, die Frauen fliehen vom leeren Grab – und kommen dann doch zurück, denn die Sache Jesu lässt sie nicht los, kommen nicht los von ihm. Das ist’s. Vielleicht kommen wir auch nicht los von ihm, trotz alledem, deshalb sind wir ja heute morgen in der Kirche – oder?
5.
„Die Sache Jesu geht weiter“. Was ist diese Sache und wie geht sie weiter? Der weiße Jüngling am Grab da (wer auch immer es war) gibt einen ganz konkreten Hinweis. Der sagt zu den Frauen (also auch zu uns): „Jesus ist nicht hier… Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er euch voran gehen wird nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen“. Nach Galiläa, hören die Frauen. Auf nach Galiläa. Was heißt das? Der Auferstandene ist nicht irgendwo in Jerusalem zu bestaunen, im Tempel, neben dem Grab, vor den ehrfürchtigen Palästen des Herodes und des Pilatus, vor der Grabeskirche, der Dormitio, in der via Dolorosa, wo jedes Jahr die großen Prozessionen statt finden. Dort nicht. Wenn ihr von der Metropole Jerusalem aus stur nach oben starrt, um ein Erweckungserlebnis zu haben, da wird nichts geschehen. In Jerusalem war Jesus ja auch nur ganz kurz am Ende seines Lebens, eben zu seiner Passion. Nur die war in Jerusalem. Alles andere passierte in Galiläa, da war seine Heimat, seine ärmliche Heimat, in und um Nazareth,. Kana, auf dem Lande, in Kapernaum, am See Genezareth, im galiäischen Hochland, lieblich und karg zugleich. Dort passierte alles. „Auf nach Galiläa“ das heißt also: Zurück zu den Anfängen, wo alles begann mit ihm.. Erinnert euch daran, wie Jesus, der irdische Jesus leibhaft mit euch gelebt hat, gegessen, getrunken, gelacht, geweint, getanzt, gestaunt, gepredigt, gebetet, wie er große Dinge an euch tat, wie er euch Gott als seine himmlischen Vater nahe gebracht hat, wie ihr gelernt habt, dass Gott tatsächlich euer Vater ist, „Vater unser, und dann weiter: „Geheiligt werde dein Name“, hat er euch sagt und weiter: „Dein Reich komme, dein Willen geschehe“, also sein Reich und sein Wille, nicht unser Reich und unser Wille. Und im Leben Jesu ist das Reich Gottes und der Wille Gottes real präsent gewesen. Erinnert euch daran. „Dies tut zu meinem Gedächtnis“. Ja erinnert euch, wie er euch im Tiefste bewegte, wie er euer Herz umkrempelte. „Auf nach Galiläa“, zurück dahin, wo alles begann, jungfräulich begann, und dann geht es weiter, die Sache Jesu geht weiter – in der Erinnerung an das gemeinsame Erleben in Galiläa. Das hören die Frauen und sie haben’s dann wohl auch –nach einigen Schrecksekunden- den Jüngern und Petrus weiter gesagt. So damals.
6.
Und wir heute? Wir sind im Grunde in der gleichen Situation. Wir kommen Ostern traditionell (oder meinetwegen auch nicht) in die Kirche, so wie die Frauen zum Grab kommen, mit frommen Spezereien und frommen Wünschen, um uns an Jesus erinnern zu lassen. Ostern, nun ja, dann doch in die Kirche, sagen wir Frommen, sagen es auch ganz zu Recht. Und was hören wir da? Natürlich das Vertraute, das wir schon kennen und das wir uns alle immer wieder zurauen. „Der Herr ist auferstanden, ja, er ist wahrhaftig auferstanden“. Schön. Doch glauben wir’s auch wirklich? Was wäre denn, wenn das wirklich wahr wäre? Jetzt! Heute! Hier! Was wäre dann? „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ ??? ???
Wir hören heute wie die Frauen damals: „Jesus ist nicht hier…. Geht aber hin und sagt allen, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen“. Wir nach Galiläa? Wie denn das? Da ist er zu sehen und zu finden? Sollen wir etwa nach Gailäa reisen und auf die Reise nach Jerusalem verzichten? Ja, sage ich, ja. Wie kommen wir nach Gailäa? Zwei Wege gibt’s dahin. Man kann natürlich ganz äußerlich direkt dahin reisen und die alten Stätten besichtigen, habe ich selbst oftmals getan. Da geht einem schon etwas, nein viel, nein sogar alles auf. Einer hat mal gesagt: „Die Landschaft in Galiläa ist das 5. Evangelium“. Kann man also machen: auf nach Galiläa. Doch nicht jeder kann es, ist für manche zu anstrengend und zu äußerlich. Es gibt noch einen zweiten Weg, den ich uns hier empfehle. Man kann als die Berichte von Jesus aus Galiläa, die uns die Evangelisten erzählen, lesen und ernst nehmen und in das eigenen leben übertragen. Also, wie er mit Frauen und Kindern umging, wie er mit Ausländern und Flüchtlingen umging, Asylbewerber sagen wir heute, wie er mit Sündern und Randexistenzen umging (muss die heute nicht aufzählen, geht mal in die Stadt hinter den Bahnhof), wie er Gott seinen Vater nannte, wie er alle Menschen um ihn herum speiste und mit Brot und Wein beschenkte, wie er alle Gebote Israels im Doppelgebot der Liebe zusammen hasst (Gott leiben von ganzem Herzen – und den Nächsten wie sich selbst), wie der die wunderbaren Gleichnisse von Gott erzählte, er, der barmherzige Samariter - er, der verlorene und wieder gefundene Sohn (er war tot und siehe, er lebt), Jesus erzählt immer von sich, wie er seinen Jüngern, also uns, die Gleichnisse vom Himmelreich nahe brachte, die selbstwachsende Saat, das vierfache Ackerfeld – ach , les doch einfach die Bibel. Da ist alles drin. Die Sache Jesu geht ja weiter. Er lebt und will weiter leben unter uns, sogar in uns.
Jesu Sozialprogramm von Gott, der ein offenes Ohr für jeden Menschen hat, gerade und besonders für den, der weit weg ist von ihm, der krank und alt und bekümmert und verzweifelt und beächtet und, ach ja, schon hab tot ist, wie der Mann im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ich könnte und müsste jetzt das ganze Markus-Evangelium vorlesen. Keine Angst, tue ich nicht. –- Wir kennen es ja. Doch kennen wir es wirklich? Ich frage nur.
Die Sache Jesus geht weiter, heute, hier, jetzt. Unter uns. In unserem Galiläa. Dort, nur dort werden wir ihn sehen und finden. Wenn wir uns auf den weg machen nach Galiläa, unserem Galiläa. Und wer dort angekommen ist, der nimmt Flüchtlinge auf und sagt mutig: „Wir schaffen das“ und wir schaffen es wirklich. Nur die, die ent-geistert in Jerusalem stehen bleiben und auf ein Wunder hoffen, gen Himmel starrend die schaffen es nicht. Doch wir schaffen es, denn wir gehen ja nach Galiläa –wie der Jüngling im weißen Gewand uns empfohlen hat. Oder?
7.
„Der Herr ist auferstanden, ja er ist wahrhaftig auferstanden“: Ist er doch – oder? –- „Die Sache Jesu geht weiter – heute“: Geht’s sie doch – oder? Ist zwar sehr anstrengend, denn: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ Ja, ist es – und schön und lebenskräftig zugleich. Die Frauen gingen zum Grab, aus guter alter Gewohnheit. Und alles wurde in ihnen auf einmal um und um gekrempelt. Und sie entsetzten sich, sie fliehe, sie zittern und zagen und sagen’s zunächst nicht weiter, denn sie fürchten sich. Doch dann sagen sie es doch weiter, ihre Furcht zerfliegt, ihre Schrecken verwandelt sich in Segen. Sie gehen nach Galiläa und zu den furchtsamen Jüngern. Und alles beginnt, beginnt von vorn, beginnt erst jetzt richtig, „Die Sache Jesu geht weiter“. So damals, so heute. Wir alle brauchen es, das die Sache Jesu weiter geht. Das ist Ostern, ressurectio now. Auferstehung hier und jetzt. Und wenn nicht jetzt und hier und heute, wann denn dann?
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Ehescheidung verboten? - Predigt zu Markus 10,2-16 von Margot Runge
Ehescheidung verboten?
Liebe Gemeinde,
für wieviel Bitterkeit hat dieser Bibelabschnitt nicht schon gesorgt! Eigentlich war es nur ein einziger Vers, der herausgepickt wurde: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.
Bei den Katholischen gilt die Ehe als Sakrament und als unauflöslich. Auch treue Gemeindemitglieder, die neu geheiratet haben, müssen bis heute in der Bank sitzenbleiben, wenn alle anderen nach vorn zur Eucharistie gehen.
Bei unserer Gemeindereise auf die Insel Malta haben wir 2008 erlebt, was es bedeutet, wenn Ehescheidung verboten ist. Denn viele Paare trennen sich trotzdem und leben in einer neuen Beziehung, oftmals jahrzehntelang. Aber eben nicht legal. Die neue Partnerin muß bei Familienfeiern am Katzentisch sitzen, wenn sie überhaupt eingeladen ist. Der langjährige Lebensgefährte bekommt im Krankenhaus keine Auskunft. Die Frau, die ihren zweiten Partner jahrelang gepflegt hat, geht beim Erbe leer aus.
Inzwischen ist nach einem Volksentscheid in Malta seit vier Jahren auch im vorletzten Land Europas die Ehescheidung erlaubt. Weltweit ist sie nur noch in zwei Ländern verboten, im Vatikanstaat und auf den Philippinen.
Die Evangelischen haben von Anfang an für Aufsehen gesorgt, wenn sie anders mit Ehe und Familie umgegangen sind. Daß Pfarrer, Mönche und Nonnen heiraten durften, war damals eine Revolution. Noch mehr: Luther selbst hat einer Dreierbeziehung den Weg geebnet. Ein Ehemann wollte die Beziehung zu seiner Geliebten legalisieren und befragte den Reformator Martin Bucer. Bucer, Melanchthon und Luther berieten sich lange. Schließlich gaben sie den Weg für die Menage á trois frei, Bucer und Melanchthon nahmen sogar an der Hochzeit teil. Freilich, es drehte sich um hochgestellte Personen: Landgraf Philipp von Hessen, seine Frau Christine von Sachsen und die Geliebte Margarethe von der Saale. Die Reformatoren wollten Philipp als Beschützer der Reformation nicht verlieren. Die Reformatoren als Wegbereiter von Polyarmorie?
Aber auch die evangelischen Kirchen haben es Geschiedenen über Jahrhunderte schwer gemacht. Sie haben gesetzliche Lockerungen bekämpft und dazu beigetragen, daß Geschiedene schief angesehen wurden. Doch inzwischen haben sie sich der Lebenswirklichkeit geöffnet. Auf unseren gepolsterten Kirchenbänken rücken alle bequem nebeneinander und es spielt keine Rolle, in welchen Lebensverhältnissen jemand lebt.
Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Dieser Satz wurde zum Gesetz oder eher zum Verbot, zum Schlag-Wort. Ein einziger Satz aus einem Gespräch, dessen konkreten Anlaß wir nicht kennen. Darf ein Mann sich scheiden lassen? Darf er seine Frau wegschicken? Darf er sie sitzen lassen, aus einer Laune heraus, ohne Versorgung, quasi als Freifahrtschein in die Armut? Hätte sie auch die Trennung gewollt – davon abgesehen, daß nur der Mann einen Scheidebrief beantragen kann, die Frau nicht. Und was bedeutet „was Gott zusammengefügt hat“? Woran läßt sich erkennen, daß Gott verbindet – und nicht nur ein Rechtsakt? So und noch mehr könnten wir fragen.
Jedenfalls: dieser eine Satz übertönt alles andere an diesem Gespräch. Da fällt auch nicht mehr auf, was Jesus sonst gesagt und gelebt hat in puncto Partnerschaft und Beziehung.
Er selbst ist nie eine Ehe eingegangen. Selbst mit Ende 20 war er noch nicht verheiratet. Aber er war vielen Menschen nah, Männern wie Frauen. Er hat seinen Freund_innen die Füße gewaschen. Ein Mann – der Überlieferung nach Johannes - war sein Lieblingsjünger und hat beim letzten Mahl an seiner Brust gelegen und hat seine Haut gespürt. Jesus hat die Hände der Frau nicht zurückgewiesen, die ihn zum Messias gesalbt hat. Er hat die Tränen gespürt, die eine Frau zu seinen Füßen weinte, und sich von ihren Haaren abtrocknen lassen.
Er hat nie viel von Familienleben gehalten, jedenfalls nicht für sich selbst, hat stattdessen Geschwister und Mutter weggeschickt. Das beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Die Seinen haben ihn für verrückt erklärt: Er ist von Sinnen (Mk 3,21). Er hat Menschen dazu bewogen, ihr Zuhause zu verlassen und sich selbst unumstößlichen Familienpflichten einfach zu entziehen: Laß die Toten ihre Toten begraben. Aber er hat von einer neuen Art von Familie gesprochen jenseits von leiblicher Abstammung oder traditioneller Zugehörigkeit. Gottes neue Welt schenkt uns eine Familie, die sich nicht auf Verwandschaftsbeziehungen gründet. Ihr seid meine Freundinnen, ihr seid meine Freunde, sagt Jesus.
Noch am Kreuz hängend begründet Jesus eine solche neue Familie. Das ist dein Sohn, sagt er zu Maria. Das ist deine Mutter, weist er Johannes zu ihr. Sterbend hinterläßt er ein neues Mutter-Sohn-Paar, eine Adoptivfamilie, die den Trennungsschmerz des Todes zu tragen vermag und Karfreitag und Ostern verbindet.
Familie ist, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, heißt es. Familienstrukturen sind im Wandel. Die Familiensynode der katholischen Kirche in Rom ist eine deutliche Reaktion darauf. Über diese und andere Bibelstellen wird in diesen Wochen heiß gestritten. Sie werden zum Zankapfel genauso wie die Menschen, um die es geht.
Evangelium heißt frohe Botschaft. Macht dieser Predigttext froh? Oder hat er über viele Jahrhunderte hinweg nicht eher dazu gedient, die Menschen auf eine bestimmte Lebensweise und Moral festzulegen, genauso wie von den Kanzeln die Treue zur Obrigkeit gepredigt wurde und in Kriegszeiten die Pflicht, für König und Vaterland das Leben zu geben?
Kann dieser Abschnitt den Menschen heute tatsächlich das Herz frei und leicht machen und neue Wege aufzeigen? Oder ist er nicht gerade für die, deren Beziehung in einer Krise steckt, eine Last, die es ihnen noch schwerer macht? Und was soll er denen erzählen, die einer zerbrochenen Liebe nachtrauern, oder den vielen, die schon lange verwitwet sind? Das sind schließlich die meisten in unseren Gottesdiensten.
In der neuen Leseordnung, die 2019 eingeführt wird, bleibt der Abschnitt Predigttext. Aber er wird erweitert um die Begebenheit, die sich unmittelbar daran anschließt, um die Geschichte von der Segnung der Kinder. Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn sie gehören zu Gottes Reich, sagt Jesus. Nur wer Gottes Reich wie ein Kind aufnimmt, wird dort hineingelangen. (Mk 10, 14-16, Bibel in gerechter Sprache) Er umarmt sie und segnet sie.
Die Kinder gehören dazu. Es geht nicht nur um die Erwachsenen, sondern auch um das Wohl der Kinder und um ihre Bedürfnisse nach Schutz, Zuwendung und Nähe. Jesus segnet sie und stellt sie in den Mittelpunkt.
Erwachsene übernehmen Verantwortung füreinander und für Kinder, für Ältere, für Menschen außerhalb ihrer Beziehung. Die Gemeinschaft von Menschen greift über ein Paar hinaus. Wenn zwei miteinander leben, strahlt das aus. Und umgekehrt wird die Beziehung reicher durch Offenheit und durch das, was von außen hineinströmen kann.
Jesus will, daß wir gern beieinander sind und daß unseren Beziehungen Gutes entströmt. Gerechtigkeit, Trost, Mut, Geradlinigkeit. Wenn wir glücklich sind und Glück verbreiten, strömt Segen durch uns hindurch und Gott segnet die Menschen durch uns. Amen
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Nur wer richtig hört, wird leben - Predigt zu Markus 10,2-12 von Peter Schuchardt
Nur wer richtig hört, wird leben
Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist eine der wunderbarsten Erfahrungen, mit einem lieben Menschen das Leben teilen zu können. Einen Partner, einen Partnerin zu finden, mit der du gemeinsam durch das Leben gehen kannst. Es ist eine der großen Erfahrungen des Lebens, sich zu verlieben und zu merken, der andere mag mich auch. Ihr, liebe Konfirmanden, ahnt wohl schon, was da auf euch wartet –oder habt vielleicht schon das erste Mal diese Schmetterlinge im Bauch gespürt. Es ist immer wieder etwas ganz besonders, wenn zwei Menschen hier in unserer Kirche „Ja“ zueinander sagen. Und es ist einfach schön und bewegend, wenn Paare nach 50, 60 Jahren wieder in unsere Kirche kommen, um das Fest ihrer Goldenen oder Diamantenen Hochzeit feiern zu können. Oft sagen gerade diese Paare: „ Ja, wir hatten auch Schwierigkeiten, wir haben auch Schweres erlebt. Aber wir haben es miteinander erlebt und gemeinsam getragen. Und das hat uns noch enger zusammengebracht.“ Das Miteinander in der Partnerschaft, in der Ehe, davon erzählen uns unendlich viele Lieder im Radio, das zeigen uns so viele Filme im Fernsehen und im Kino. Für viele Menschen ist die Familie, ist die Ehe, die Partnerschaft der große Halt im Leben, der Ort, wo sie sich zuhause fühlen. Wir sind heute von der großen romantischen Liebe geprägt. Es mag sein, früher gab es mehr Ehen, die aus Zweckmäßigkeit gegründet wurden. Aber oft hat sich da dann die tiefe Liebe zueinander entwickelt. Menschen suchen einander, gehören zusammen, weil in ihnen das Gefühl ist: Erst mit dir an meiner Seite bin ich ein ganzer Mensch, erst bei dir darf ich sein, wie ich bin. Das war auch schon in der Zeit der Bibel so. Ein ganzes Buch im Alten Testament, das Hohelied Salomos, erzählt uns von der Liebe und dem Verliebtsein zweier junger Menschen und von dem Glück, beieinander zu sein. Ich weiß natürlich: Es gibt unter manchem Dach Streit und Kummer, Enttäuschung und Schuld. Paare gehen wieder auseinander und trennen sich, Ehen werden geschieden. Menschen, die sich doch ewige Liebe geschworen haben, verletzen und piesacken einander bis aufs Blut. Aber das ist doch niemals der erste Gedanke, wenn zwei Menschen zusammen kommen: „Wie wird es sein, wenn wir uns wieder trennen? Wie kriegen wir das dann rechtlich und finanziell sauber hin?“ Wenn dieser Gedanke wach wird, schon am Beginn einer Beziehung, dann sollte man lieber gleich die Finger davon lassen. Dann läuft da von Anfang an etwas verkehrt. Dann ist es nicht das, was es sein soll und kann. So viel Schönes und Tiefes steckt in einer Ehe. Das soll und darf man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Denn es geht um gemeinsame Träume, gemeinsames Leben um das gegenseitige tiefe Vertrauen.
In unserem heutigen Predigttext geht es auch um die Ehe. Noch mehr aber erzählt er uns vom Hören auf Gottes Wort. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert.“ – Mit diesem Wort vor Augen hören wir das Gespräch, das Jesus mit einigen Pharisäern führt. Die kommen auf ihn zu und möchten mit ihm reden. Zumindest tun sie so. Denn in Wahrheit wollen sie Jesus mit Worten eine Falle stellen. Denn er ist ihnen unheimlich und verdächtig. Wie der von Gott redet! So als ob er ihm, dem einzigen und Höchsten, ganz nahe ist. Seine Worte haben eine große Kraft, sie treffen die Menschen bis in das Innerste. Im Herzen spüren sie, wie diese Worte wirken. Darum kommen die Menschen in Scharen zu ihm, um ihn zu hören und um mit ihm zu reden. Die Pharisäer reihen sich ein in die Menschen, die zu Jesus wollen. Und nun endlich, nach langem Warten, dürfen sie mit ihm sprechen. Welche Frage haben sie mitgebracht? Möchten sie endlich das wissen, was sie schon lange auf dem Herzen haben? Fragen sie nach Gott, seiner Liebe und Barmherzigkeit, fragen sie danach, wie wir das tun können, was Gott von uns will? Habt ihr so eine Herzensfrage, liebe Schwestern und Brüder, etwas, was auf eurem Herzen brennt und heraus will? Die Pharisäer tun alles das nicht. Sie haben keine Herzensfrage, sie haben nur eine Fangfrage. Sie möchten das Gespräch mit Jesus nutzen, um ihn zu Fall zu bringen, damit sie den anderen sagen können: „Seht her, eurer toller Jesus! Wir stellen ihm eine einfache Frage, und er versagt so dermaßen! Wie könnt ihr dem nur nachlaufen! Hört doch lieber wieder auf uns.“ Ich kenne das auch, dass Menschen ein Gespräch missbrauchen. Sie täuschen eine Nähe vor, um dann den anderen fertig zu machen, um ihm einen Fehler nachzuweisen. Das ist fies und hinterhältig. Mit so einer Frage kommen sie nun zu Jesus: „Ist es einem Mann erlaubt, sich von seiner Frau zu scheiden?“ Das ist eine große Frage damals. Denn natürlich gibt es auch damals Streit, Unbarmherzigkeit und Schuld zwischen Eheleuten. Wie stellt Jesus sich nun dazu? Wie steht er zu dem Gesetz Gottes? Sagt Jesus nun ja, dann ist er nicht anders und nicht besser als die Pharisäer selbst. Sagt er nein, dann stellt er sich gegen Mose und das Gesetz Gottes. Immer wieder versuchen die Pharisäer Jesus so aufs Glatteis zu führen (denkt an die Frage nach, ob man Steuern an den Kaiser zahlen soll, denkt an die Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll). Jesus antwortet nun aber nicht einfach mit ja oder nein, er antwortet mit einer Gegenfrage: „Was für eine Vorschrift hat Mose euch denn gegeben?“ „Mose hat erlaubt, einen Scheidebrief aufzusetzen, eine Scheidungsurkunde. Dann kann der Mann die Frau fortschicken.“ Das, was die Pharisäer antworten, ist völlig richtig. Es gibt diese Möglichkeit. Der Mann (und nur der Mann kann das) trennt sich von seiner Frau und stellt darüber ein Schreiben aus. Dann muss sie gehen. Sie darf dann wiederum eine Ehe eingehen. Ja, das stimmt, antwortet Jesus. Aber das ist doch kein Freibrief für eine Trennung. Das Ganze hat Mose euch doch nur erlaubt, weil ihr so voller Hartherzigkeit seid. Wie könnt ihr denn, wenn ihr mir eine Frage stellt, eine Frage nach der Scheidung stellen! Das kann doch nicht sein! Die Scheidung ist doch nicht das, worum es geht. Die Scheidung ist nur ein trauriger und manchmal unabwendbarer Schluss einer langen Entwicklung. Aber die Ehe ist doch ganz anders gemeint. Wenn ihr bei der Ehe gleich an Scheidung denkt, dann habt ihr nichts davon verstanden, was Gott will, wie Gott das Zusammenleben von Mann und Frau, von zwei Menschen will. Gott hat Mann und Frau füreinander geschaffen. Er möchte, dass sie in der Ehe eins sind, wie ein Körper untrennbar miteinander verbunden. So kostbar ist der eine für den anderen, dass er ohne ihn gar nicht mehr leben kann. Das, was vorher war, die alten Familienbindungen, die sind dann nicht mehr wichtig. Wichtig ist, dass die beiden ungestört und miteinander verbunden ihr Leben leben können.“ Das ist das, was Gott möchte. Das ist sein Wort, auf das ihr hören sollt. Ihr aber fangt an und sucht nach Möglichkeiten für die Scheidung und ob es juristisch in Ordnung ist. Damit aber nehmt ihr Gottes Wort nicht ernst. Ihr nehmt Gott nicht bei seinem Wort. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert. Habt ihr euer Herz offen für Gottes Wort? Oder sucht ihr nur euren eigenen Vorteil? Sucht ihr nach dem, was nur euch allein nützt? Der andere, mit dem ihr zusammenlebt, sollt euch so kostbar sein, weil er in Gottes Augen kostbar ist. Und eure Beziehung zueinander sollte euch so kostbar sein, weil sie in Gottes Augen so kostbar ist. Das meint Jesus, wenn er sagt: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen.
Noch einmal: Ja, es gibt Situationen, da mag eine Trennung zweier Menschen das Beste für alle zu sein. Aber das darf niemals leichtfertig geschehen. Die Verletzungen, die auf dem Weg einer Trennung geschehen, sind oftmals sehr groß und tief. Manch einer von euch weiß davon, hat es selbst erlebt, bei den Eltern oder bei Freunden. Aber im Hören auf das Wort unseres Gottes öffnet sich ein anderer Weg: Gebt nicht so schnell auf. Bemüht euch um einander. Wenn es schwer werden sollte – und das wird es wohl in jeder Partnerschaft einmal: Geht trotz allem liebevoll und voller Achtung miteinander um. Wenn ihr gemeinsam durch die schweren Zeiten geht, werdet ihr die Tiefe des Lebens und der Liebe erfahren. Und ihr werdet die Tiefe von Gottes Wort erfahren.
Denn über das Miteinander in einer Ehe hinaus geht es Jesus doch vor allem um dies: In allem, was ihr tut, was ihr sagt, was ihr denkt, sei es in eurer Ehe, sei es im Umgang mit euren Kindern, sei es bei der Gestaltung eures Lebens: Achtet auf das, was Gott sagt. Der möchte, dass ihr in allem die Kostbarkeit eures Lebens und des Lebens der Anderen achtet. Der möchte, dass ihr die Zeit ausnützt und sie nicht unnütz verstreichen lasst. Der möchte euch in allem tragen, stärken, trösten und zur Freude führen. Es ist euch schon längst gesagt, was gut für euch ist. Ihr wisst schon längst, was Gott von euch möchte. Wenn ihr seinem Wort folgt, werdet ihr die Fülle des Lebens erfahren. Und ihr werdet erleben: Sein Wort ist die beste Lebenshilfe, die es gibt. Oft drehen wir uns in unserem Leben nur um uns selbst und suchen unseren eigenen Vorteil. Gottes Wort aber lenkt unseren Blick von unserem selbstsüchtigen Ich hin zu dem Nächsten und zu Gott. Erst in dieser Weite sehen wie, wie reich Gott uns beschenkt. Das gilt für das Zusammenleben in der Partnerschaft, in der Ehe, das gilt darüber hinaus für unser ganzes Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen. So schenke uns Gott immer wieder ein offenes Ohr und ein offenes Herz, damit wir hören, was er uns sagen will. So wird unser Leben an Fülle und Tiefe gewinnen. So werden wir wirklich leben: Im Hören auf ihn, unsern Herrn. Amen
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Fürs Leben gern ein Paar - Predigt zu Markus 10,2-12 von Martin M. Penzoldt
Fürs Leben gern ein Paar
Liebe Gemeinde, diese Worte kennen wir gut:
„Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“
Bei jeder Trauung werden sie ausgesprochen.
Es sind gewichtige Worte des Zuspruchs, der Aufgabe und der Hoffnung
für einen gemeinsamen Weg, dessen Verlauf niemand kennt.
Aber sie haben auch einen strikten, einen bindenden Charakter:
Ehe ist eine Lebensgemeinschaft „auf Lebenszeit“.
So steht es sogar im Bürgerlichen Gesetzbuch. (§ 1353 Abs. 1 Satz 1 BGB)
1.Aufgalopp
Aber im Gesetz steht auch, dass eine zerrüttete Ehe geschieden werden kann.
Schon die Bibel kennt Scheidungen. Jesus betont aber den ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes und den Bruch, den jede Scheidung bedeutet.
Die Kirchen nehmen das ernst. Aber ziehen verschiedene Schlüsse daraus.
Die evangelische und die orthodoxe Kirche lassen erneute Heiraten zu.
Die Katholische Kirche nimmt Jesus - wie sonst nirgends - wortwörtlich
und lässt erste Ehen in hochnotpeinlichen Prozessen für ungültig erklären,
bevor sie in eine weitere Eheschließung einwilligt.
So wird unter kundigen Ökumenikern in späten Abendrunden gescherzt:
„Wann darf ein Katholik zum zweiten Mal heiraten?
Wenn er seine Frau umbringt!“
Ein Priester darf nämlich einen reuigen Mörder von seiner Sünde lossprechen.
Katholiken, die zum zweiten Mal heiraten, dürfen nicht einmal beichten.
Kein Wunder, dass in Rom Beratungsbedarf herrscht.
Parturiunt montes. Es kreist der Berg…
Ob freilich die Denkschriften der EKD zur Ehe ihrerseits substanzielle Aussagen und Lebensnähe vereinen, darüber ließe sich ebenso trefflich streiten.
Also langsam!
2.Erlösung aus Prägungen
Wir hören heute dieses Streitgespräch Jesu mit dem Wissen
- und vielleicht mit der eigenen Erfahrung - ,
dass Ehen in großer Zahl geschieden werden, Beziehungen zerbrechen,
dass Frauen wie auch Männer ihre Ehe nicht mehr aushalten
und die Scheidung einreichen,
und, dass manche Ehe erhebliches zerstörerisches Potential enthält
auch wenn sie äußerlich weiter besteht.
Krisen in der Beziehung und ihr völliger Kollaps sind häufig.
Wer möchte sich überhaupt in diesem Bereich etwas sagen lassen?
Zumal von der Kirche, evangelisch - oder gar katholisch? Nein, danke.
Natürlich erinnern die Kirchenleitungen
immer mal wieder an die Bedeutung der Ehe.
Lassen wir aber ruhig einmal die Bischöfe
mit ihrer Wertschätzung zur christlichen Ehe allein
und überlegen uns, was man eigentlich einem Paar –
außer Worten der Einfühlung und des Trostes - sagen könnte,
das man gut kennt und das auseinanderzudriften beginnt.
Was könnte ein Paar umstimmen, seine Beziehung aufrecht zu erhalten?
Was könnte Paare aus verhängnisvollen Prägungen befreien?
Ich möchte ein paar Gründe vorschlagen.
Damit gelangen wir nicht so weit zurück wie Jesus,
so dass wir sagen dürften:
es wäre die Schöpfungsordnung vor Mose wieder in Sicht.
Wenn freilich die Wirklichkeit des Scheiterns nicht ausgeklammert wird,
kann das das Freiheits- und Entlastungspotential der Ehe entfaltet werden.
Wir reden im Bewusstsein, dass es Brüche in unserer Existenz gibt,
die auch da wo wir die alte Ordnung verlassen, nicht ins Nichts führen,
sondern zum Eingeständnis der Zerbrechlichkeit aller Ordnungen
und zu der Hoffnung, dass sich Gott erneut seinen Menschen zuwendet.
Vor Gott und in der Gemeinde gilt kein Ansehen der Person.
Im Glauben kann man auch mit seinen Brüchen leben.
Aber muss es zwangsläufig immer dazu kommen?
Wir versuchen ein Wort für den Fortbestand einer Ehe einzulegen:
Gegen des „Herzens Härtigkeit“ und gegen den geheimen Wunsch
sein Leben mit dem Anfangszauber einer neuen Liebe zu befeuern,
aber auch gegen Resignation und flaue Müdigkeit.
3a.Kochtopf
Das bekannteste Argument stammt in heutiger Lesart
von Erich Fromm in seinem Buch "Die Kunst der Liebe".
Fromm schreibt, es wäre in der Beziehung eines Paars so,
dass manche rasche Gefühlsaufwallung vergeht,
aber der Rahmen ihrer Beziehung stabilisierend wirkt.
Also im Bild gesagt,
dass das liebende Paare oft wie ein heißer Topf sind,
den man auf einen kalten Herd stellt und der rasch an Hitze verliert,
während Paare mit stabilem Umfeld auch bei Kühle des Gemüts
eine langsame Entwicklung zur Wärme und Glut nehmen,
wie eben ein kalter Wassertopf von einem Herd dauerhaft warm gehalten wird.
Mit anderen Worten: Nach dem anfänglichen Drang,
sich durch seinen Partner bestätigen zu lassen,
was für ein toller Hecht man ist, wie attraktiv sie ist,
und dem Verschmelzungsvorgang,
zu dem es ein paar Grad erhöhter Liebestemperatur bedarf,
kommt ein langer gemeinsamer Weg,
auf dem die Eheleute sich einander anverwandeln.
Statt dann bei einer Beziehung immer gebannt auf den Gefühlspegel zu starren,
der doch nur die Folge einer Gesamtwärme ist,
sollte man sehen, ob der Herd funktioniert, ob der Rahmen stimmt,
ob jeder zu sich kommt, Platz für sich hat,
seinen Rückzugsraum, die Bestätigung,
das gute Gefühl eine Aufgabe zu haben, die zu ihm passt.
Oft ist der Tod im Topf, weil der Rahmen nicht stimmt.
Als Außenstehender hat man vielleicht den besseren Blick dafür.
Die Qualität einer Beziehung ist nicht definiert
durch die Tiefe der Liebesgefühle,
sondern dadurch was sie für Rollen bereithält:
ob man gebraucht wird oder Hilfe zulassen kann
und ob man über diese Zuschreibung Zufriedenheit gewinnt.
Man braucht einander, ist sich Stütze, übernimmt gemeinsame Aufgaben.
Das währt solange bis das Haus gebaut ist und die Kinder halbwegs flügge sind.
Das ist mit allen Einschränkungen an Selbstverwirklichung und Selbstfindung: ein Stück Stabilität. Entlastung. Freiheitsraum.
Das ist nicht wenig. Aber ist das nicht zu wenig?
Wollte man nicht mehr vom Leben?
Lockt da nicht die Möglichkeit die Biographie noch einmal ganz anders zu schreiben und am liebsten von vorne zu beginnen:
mit der erhöhter Ausgangstemperatur und besserem Wissen? (M. Frisch, Biographie ein Spiel)
3b. Ein fallender Ziegelstein
Deshalb ein zweiter Hinweis.
In einem seiner frühen Meisterwerke als Kriminalautor
hat der Amerikaner Dashiell Hammett von einem Detektiv erzählt,
der die Aufgabe hat, einen seit Jahren verschollenen Ehemann aufzuspüren.
Durch einen Zufall gelingt das auch und das Ergebnis ist frappierend:
Da lebt ein Mann in gutsituierter Situation,
mit geräumigen Haus und gepflegte Limousine, netten Kindern
und einer fürsorglich-sportlichen und blonden Frau,
zwei Vereine und Golf.
Eines Tages, auf dem Heimweg von seiner Arbeit, als er auf die Straße tritt,
löst sich ein Ziegelstein vom Dach, fällt knapp an ihm vorbei
und zerschellt auf dem Bordstein. Es hätte sein Tod sein können.
Alles wäre sinnlos gewesen, was er sich aufgebaut hatte.
So verlässt er tief bewegt, aber geordnet und ohne es böse zu meinen,
sein Zuhause und lässt sich in einem anderen Bundesstaat nieder.
Er findet eine Arbeit, eine Frau, kauft ein Auto, hat Kinder,
baut ein Haus und geht Golf spielen.
Die neue Frau ist fürsorglich-sportlich und blond,
die Kinder sind nett. Das Leben geht weiter wie zuvor.
Was soll das heißen?
Es soll heißen: keine Ehefrau und kein Ehemann kann uns
den Sinn unseres Lebens garantieren und
vor der Frage des Todes und des Älterwerdens eine Antwort sein.
Die Frage nach der Einmaligkeit meines Lebens und der verstreichenden Zeit
ist eine Frage an mich selber und ich muss sie auch selber beantworten.
Wo immer ich wohne und mit wem ich lebe:
Ich werde diese Fragen überall mit hinnehmen.
Eine neue Partnerschaft ist oft nur ein Trugbild,
denn ich bringe mich mit und damit die alten Probleme.
Oft geschieht eine Trennung, weil sich einer nicht wandeln möchte,
weil er Angst hat vor dem Ablauf des Lebens, vor dem ablaufenden Leben.
Er möchte nur immer, dass der andere sich wandelt.
Das ist des Herzens Härtigkeit, von der Jesus spricht.
3c. Philemon und Baucis
Das dritte ist ein Bild: Philemon und Baucis.
Das Bild einer alten Ehe. Gemeinsam sitzen sie auf der Bank.
Irgendwann wird eins sterben und das andere wird ihm alsbald folgen.
Alles haben sie überstanden, ihre Zänkereien, seine Untreue –
seine Nörgeleien und ihre Depressionen.
Es war nichts ideal an ihrer Ehe und sie haben viel füreinander aufgegeben.
Ja, auch ungerecht war es, denn sie hat mehr aufgegeben, damals.
Ihre Töchter haben das dann nicht mehr getan.
Aber nun ihre Enkelinnen und auch ihre Enkel,
die schauen auf dieses Bild der Alten auf der Bank
und wünschen sich auch einmal ihr Leben so gemeinsam zu bestehen.
Sie haben dabei auch ihre eigenen Eltern vor Augen,
deren Regale voll stehen mit den Selbsthilfebüchern:
"Die offene Ehe", "Spielarten und Spielregeln der Liebe" Willi`s "Zweierbeziehung", "Beim nächsten Mann wird alles anders", "Der Märchenprinz", "Einübung in die Partnerschaft durch Kommunikation und Verhaltenstherapie", "Männer lassen lieben", aber auch „Lasst die Männer in Ruhe“. „Männer sind vom Mars, Frauen sind vom Venus.“
Danach kam die Literatur über Unterhaltszahlung und Patchworkfamilien.
Diese Eltern können geläufig über komplementäre
und partnerschaftliche Paarbeziehungen parlieren und
bei Ausbruch offenen Zorns in aller Kühle sagen:
"Jetzt spüre ich ganz besonders intensiv, wie wütend du bist."
Die Enkel aber spürten, wie dünn die Oberfläche der Umgangskultur wird,
wenn es im Zuge einer ehelichen Auseinandersetzung
um Gefühle von Schuld, Angst, Eifersucht und Hass geht.
In der Ehe ist jeder, der Klügste und der Unwissendste ein nackter Mensch,
der wild um sich schlagen und der genauso tief verletzt werden kann.
In ihren jungen Jahren sind die Enkel schon sehr altklug.
Wenn sie dann selbst zum Traualtar kommen,
dann rührt sich auch in ihnen das Bild wieder
von Philemon und Baucis.
Und sie versprechen es sich sehr ernsthaft,
nämlich "Ja" zusagen, zueinander, für ein ganzes Leben
und da schwingt sich dieses alte hohe Wort empor:
„Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“
und steht lautlos über der ganzen Feier.
Und dieses Wort heißt nicht Liebe allein,
sondern verlässliche Liebe: Treue. Utopie der Treue.
4.Fürs Leben gern ein Paar
Die Grundaussage christlichen Glaubens zur Ehe ist,
dass der Glaube Mut macht zur Treue und
die Möglichkeit menschlicher Untreue nicht als das Maß
für die Ehe anerkennen kann.
Die offene Frage Jesu, von der Schöpfung her an uns, lautet so:
"Ist es wirklich ein Gesetz, dass wir von Begierde zu Begierde hasten?
Kann man denn nicht dabei bleiben, die Frau, die man erwählt hat,
eine Landschaft, in der man lebt,
Verse, die man auswendig weiß, zu lieben und zu begehren?
Bei einem, der treu ist, sind die neuen Begierden den alten verwandt,
und die alten Begierden erlöschen nicht." (Georges Roditi)
Ist es so? Man kann hier nur fragen.
Dreimal habe ich angesetzt zu fragen: nicht nur nach Gefühlen,
sondern nach der nach der gegenseitigen Angewiesenheit,
dem gemeinsamen Rahmen. Man kann fragen,
ob die Ehe nicht mit der Suche nach dem Sinn meines Lebens überfrachtet wird, die sie nicht lösen kann und nicht lösen soll
und man kann fragen,
ob dieses alte Ideal der Treue nicht viel moderner ist als der breitgetretene Kommunikations-Quark, in den jede Generation erneut ihre Nase begräbt?
Also m u s s man nicht auch nachfragen als Freund den Freund,
als Freundin die Freundin?
M u s s man nicht, so wie es Jesus tat, sagen,
dass es zwar immer Scheidungen geben wird,
aber das sie nur Statistiken sind und so wenig Aussagekraft haben
wie Kinder und Erwachsene, die jährlich als Verkehrstote in der Statistik erscheinen und doch keine Zahlen sind, sondern Menschen,
deren Leben auch hätte anders verlaufen können?
Jesus betont den Bruch, den das Ende der Ehe bedeutet.
Anders aber als die sauertöpfischen Moralisten und Steinewerfer,
liegt für ihn in der Anerkenntnis des Bruchs und
in der existentiellen Notwendigkeit von Reue
auch die Chance auf Gottes Vergebung
und die Möglichkeit eines neuen Anfangs.
Aufgabe von uns als Christen ist es allein,
von der Ehe her zu denken und nicht von ihrem Scheitern her,
ein Vorurteil für die Ehe zu haben,
so wie Jesus es hatte,
jenseits aller möglichen Klugheiten der Ehe- und Scheidungsliteratur
daran zu erinnern, wie sehr Mann und Frau,
Menschen überhaupt, aufeinander verwiesen sind,
wie sehr sie im Grund zusammengehören,
wie stark das Urbild ihrer Partnerschaft und Liebesgemeinschaft ist.
Sie sind ein Fleisch. Deutlicher kann man es nicht sagen.
Gehört die Einehe auch zu den Werten, die wir jetzt ansprechen müssen,
damit es nicht wie in den Banlieus um Paris zur Duldung
verschiedener Eheformen kommt, die sozial desaströs wirkten? (Aufstände2005)
Wer hätte nicht einmal gesehen
wie ein altes Ehepaar geht und spricht,
wie sich ihr Gang angenähert hat und die Weise zu sprechen,
wie ähnlich ihr Blick wurde und oft sogar das Gesicht:
sie sind ein Fleisch.
Es ist schön das zu sehen und zu beobachten,
es gibt den Dingen dieser Welt eine Selbstverständlichkeit zurück,
die sie lange entbehrt hat,
sie ist ein Bild von dem Verhältnis von Mann und Frau,
wie es einst war und wie es wieder werden soll,
ein Glanz vom ersten Schöpfungslicht.
5.Brechungen
Ein Licht aber, das in seinen vielen Brechungen
die vielen einschließt, die anderen Pfaden folgen.
Es gibt vielerlei Beziehung höchster Würde und Dignität;
Stellungen, Aufgaben und Ämter, die adeln.
Die Ehe ist nur eine von vielen Ordnungen,
die alle eine vorläufige Bedeutung haben.
Sie ist kein Allheilmittel und kein höchstes Gut.
Man muss nicht heiraten, hat Paulus gesagt.
Die Ehe mindert und potentiert die Gefährlichkeit des Lebens.
Auf die Frage, ob sie angesichts ihres cholerische Ehemannes
Winston Churchill nicht öfters an Scheidung denken würde,
hat Mrs. Clementine Churchill mit biblischer Wucht erklärt:
„An Scheidung habe ich nie gedacht. Aber an Mord!“
Shakespeare wiederum stand die Szene vor Augen,
darin ein Delinquent vom Galgen erlöst werden konnte,
wenn eine Frau aus der Menge ihn heiraten wollte
und lässt ihn so souverän wie maliziös sagen:
„Gut gehängt ist besser als schlecht verheiratet.“ (Was ihr wollt I,5)
Fürwahr! AMEN.