Vom Singen und vom Zagen - Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34 von Sören Schwesig

Vom Singen und vom Zagen - Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34 von Sören Schwesig
16,23-34

Liebe Brüder und Schwestern,

der Sonntag Kantate ist geprägt von Gotteslob und frohen Liedern. So haben wir heute Morgen schon miteinander gesungen: „Die beste Zeit im Jahr ist mein“ und „Lob Gott getrost mit Singen“. Es singt sich ja auch gut an so einem schönen frühsommerlichen Tag, in dieser hellen und freundlichen Kirche mit schöner Orgelbegleitung.

Ganz anders unsere heutige Predigtgeschichte. Sie erzählt von Paulus und Silas. Beide sind als Missionare für die Sache Gottes unterwegs. In unserer Geschichte singen auch die beiden. Aber sie sitzen dabei nicht auf bequemen Bänken, sondern im Gefängnis, in das man sie mit dem Vorwurf, sie würden Menschen aufwiegeln, geworfen hat. Alles andere als komfortabel damals in der Stadt Philippi. Ich lese Acta 16, 23-43:

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Der (…) warf sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber kam ein großes Erdbeben. Die Grundmauern des Gefängnisses wankten, alle Türen öffneten sich und von allen fielen die Fesseln ab. Als der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Gefängnistüren offen, wollte er sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief: Tu dir nichts an; wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht, stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie erzählten ihm und seinem ganzen Haus von Jesus Christus. Da nahm er sie zu sich in sein Haus und wusch ihre Wunden. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war. Als es aber Tag geworden war, sandten die Stadtrichter die Amtsdiener und ließen sagen: Laß diese Männer frei!

Es fällt schwer von dieser Geschichte einen Bezug herzustellen zu unserer Situation und unserem Singen heute Morgen. Denn das, was in dieser Geschichte zunächst passiert, ist düster, lässt einen eher verstummen, schnürt einem eher die Kehle zu, als dass man singen möchte. Was ist passiert?

Paulus und Silas erzählen den Menschen von Jesus Christus. Sie kommen dabei in viele Städte, finden hier und dort Anhänger und erleben hier und dort Gastfreundschaft von wohlwollenden Menschen. Aber nicht nur. In Philippi etwa begegnet man ihnen feindlich. Nicht deshalb, weil sie das Evangelium von Jesus Christus öffentlich verkündigen, sondern weil sie einem Menschen sein Geschäft verhagelt haben. Und das kam so:

Eine Sklavin hatte die Gabe wahrzusagen. Sehr lukrativ für ihren Besitzer. Wer über seine Zukunft erfahren wollte, konnte das – aber nur gegen einen gesalzenen Geldbetrag. Die Sklavin musste jederzeit ihre Gabe einsetzen, ob sie wollte oder nicht. Ein lukratives Geschäft.Als sie aber Paulus und Silas begegnete, spürte sie wohl den Geist, der von beiden ausging und folgte ihnen. Wahrscheinlich wünschte sie sich nichts inständiger, als das Ende ihrer Versklavung. Sie heftete sich an die Fersen der beiden, bis es Paulus zu viel wurde. Er drehte sich um „und sprach zu dem Geist in ihr: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst.“ Ab diesem Augenblick war ihre Gabe zu Weissagen verschüttet. Sie war frei. Befreit von ihrer menschenverachtenden Vermarktung. Aber damit war auch das einträgliche Geschäft ihres Herrn dahin.

Der war so empört über Paulus und Silas, dass er, um ihnen zu schaden, ein altes Klischee auspackte: „Diese bringen unsere Stadt in Aufruhr; und sie sind Juden.“ Ein interessantes Phänomen: Gibt es wirtschaftliche Einbußen, sucht man nach einem Schuldigen. Und da kommen einem die Juden als Sündenböcke gerade recht. Das Philippi des Jahres 50 nach Christus unterscheidet sich gar nicht so sehr vom Deutschland beispielsweise des Jahres 1938: „Die Juden sind unser Unglück.

Paulus und Silas werden misshandelt und ins Gefängnis geworfen, an Leib und Seele zutiefst verletzt, die Füße im Block. Sie haben keine Ahnung, ob sie je wieder diesem Kerker entkommen werden.

Ihre Situation erinnert mich an eine Geiselnahme von Europäern auf einer philippinischen Insel vor einigen Jahren. Ihre Lage war entsetzlich. Das Schlimmste, so berichtete nach der Befreiung eine Geisel – das schlimmste war zu erleben, wie allmählich Lebensmut und Lebenswillen schwinden.

In einem alttestamentlichen Psalm betet einer: „Gott, hilf mir, das Wasser geht mir bis zur Kehle. Ich habe mich müde geschrieen, mein Hals ist heiser. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du, Gott, legst mich in des Todes Staub.“ Vielleicht beten Paulus und Silas diese Worte um Mitternacht. Dann, wenn die Nacht am dunkelsten ist und der neue Tag noch in unendlicher Ferne liegt. Es ist eine Klage aus der Tiefe. Es spricht Verzweiflung aus diesem Singen, Schreien und Beten. Aber dieses Singen ist ein Beten. Da wendet sich jemand einer anderen Macht zu. Da klagt einer Gott an, der möge doch eingreifen.

Die Psalmen Israels bringen dieses Singen, Schreien, Beten auch aus tiefster Verzweiflung zum Ausdruck. Die Psalmen Israels haben Menschen durch die Jahrhunderte hindurch gebetet, weil die Angst ihnen nicht die Kehle zuschnüren und die Verzweiflung sie nicht zum Verstummen bringen sollte.Wenn ein Mensch aus der tiefsten Tiefe nach Gott ruft, ist das ein Aufbegehren gegen den Tod. Das Rufen nach Gott aus der Tiefe ist das „Dennoch“ des Glaubens. „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

Wer so klagt, spricht keinen Lobgesang. Das kann auch nicht sein. Es gibt eine Zeit der Klage und eine Zeit des Lobens. In unserer Erzählung aber wird aus dem Klagen sehr schnell ein Loben. Schauen wir den Ablauf der Ereignisse an: die Klage um Mitternacht, dann das plötzliche Erdbeben, die wundersame Befreiung aus dem Gefängnis und die Bekehrung des Gefängniswärters.

Auf engstem Raum beschreibt die Erzählung, wie das Singen und Beten in der Nacht der Verzweiflung eine Wende im Leben der beteiligten Menschen bewirkt hat. Durch das Singen haben Menschen Befreiung erfahren. Ganz unterschiedlich: Paulus und Silas werden ihre Ketten los und können das Gefängnis verlassen. Die anderen Gefangenen hören ihr Singen und schöpfen neuen Mut, der vielleicht schon erstorbene Lebenswille kam wieder.

Wie später bei Paul Schneider. Paul Schneider, der von den Nazis im KZ Buchenwald eingesperrte Pfarrer. Jede Nacht betete und sang er in seinem Bunker lauthals Lieder. Die anderen Mitgefangenen hörten das. Paul Schneider überlebte das KZ nicht. Aber viele der Mithäftlinge berichteten, das Schreien, Singen und Beten dieses mutigen Pfarrers habe sie damals am Leben erhalten. Auch das war ein Schreien, Singen und Beten gegen die Verzweiflung, ein Aufbegehren gegen den Tod.

Auch der Gefängniswärter in unserer Geschichte erlebt durch dieses Singen der Gefangenen um Mitternacht Befreiung - im übertragenen Sinne. Denn die singenden Gefangenen sind nicht geflohen, sondern blieben wo sie waren. „Tu dir nichts an“, sagt Paulus dem zu Tode erschrockenen Gefängnisaufseher. Bleib am Leben und komm zum Leben. Und Paulus erzählt ihm von Jesus Christus, der Menschen freimacht, so dass sich der Wärter taufen lässt.

Singen befreit – das ist die Botschaft dieser Geschichte von Paulus und Silas. Singen befreit, wenn es eine andere Macht ins Spiel bringt. Singen befreit, wenn es beides ist: Kyrie und Gloria, Ausdruck der Verzweiflung und Ausdruck der Errettung.

Keiner von uns hat wohl eine ähnliche Situation der Einkerkerung wie Paulus und Silas schon erlebt. Gott sei Dank sitzen wir auch nicht in einer Bambushütte im Urwald und sind einer Bande von Terroristen ausgeliefert. Aber jeder von uns kennt seine eigenen Gefängnisse und kann benennen, was uns manchmal die Kehle zuschnürt: Die Sorge um die Gesundheit und das Leben eines geliebten Menschen; die Trauer, die einfach nicht weichen mag; die Belastungen im Berufsleben, die nicht zu überblicken sind. Wir kennen unsere eigenen Gefängnisse: Angst, Sorge, Trauer.

Durch Paulus und Silas sollen wir heute zum Singen ermutigt werden. Mag es auch ein klagender Gesang sein. Wichtig ist: Gott hört uns. Das allein ist wichtig. Gott hört uns. Und was uns Christen versprochen ist, ist dieses: Dass unser Schreien, Singen und Beten aus der Verzweiflung heraus einmal aufgehoben sein wird in einem Lobgesang, der Gott besingt als den, der uns von allen Gefängnissen und Qualen befreit hat.

Möge Gott alle Klage dieser Welt hören. Und möge er unsere Klage in einen Lobgesang wandeln, vielleicht nicht heute und auch noch nicht morgen. Aber einmal wollen wir den Lobgesang anstimmen und unserem Gott danken dafür, dass er uns befreit hat. Dann wird es hoffentlich auch einmal von uns heißen: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihre Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“

Amen.

Perikope

Sie lobten Gott um Mitternacht! - Predigt zu Apostelgeschichte 16, 23-34 von Kirstin Müller

Sie lobten Gott um Mitternacht! - Predigt zu Apostelgeschichte 16, 23-34 von Kirstin Müller
16,23-34

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder! -  Kantate ist der lateinische Lobliedname (Psalm 98,1) dieses Sonntags. Singt der EW‘GEN ein neues Lied, denn sie tut Wunder! Wirkt der alte Lobgesang neu, wenn der Gottesname weit(er) gedacht und ausgesprochen wird? (Für alle, die keine Vorbehalte gegen „Gendersprech“ haben.) Ich nehme die Überschrift des Sonntags als Leitmotiv und frage: Wie lässt sich ein altes Lied, ein Psalmengesang neu singen? Braucht es immer einen veränderten Text? Eine andere Melodie? Oder hängt es auch davon ab, wann und wo es gesungen/angestimmt wird?  So schaue ich auch auf (Tages)zeiten in Apg 16,23-34 und erweitere den Perikopenblick auf das gesamte Kapitel 16.

Singet ein neues Lied. Was macht ein Lied neu? Ein Text, eine Melodie, ein Rhythmus? Oder kann auch ein altes Lied neu klingen und wirken, je nachdem, wann und wo es angestimmt wird?

Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Um Mitternacht stimmten die beiden Apostel Lobgesänge an. Um die Zeit, in der im Dunkel der Nacht ein neuer Tag anbricht. Sehr wahrscheinlich sind es vertraute Lieder, denn: Paulus und Silas sind eingesperrt, liegen nackt und geschlagen im dunkelsten Teil eines Gefängnisses. Die Füße in Ketten gelegt.

Gut, dann Lieder zu haben. Gemeinsam singen zu können. Auswendig. Wie sonst?! Sich ins Vertraute schmiegen zu können. Linderung in Zeiten der Not.

Stark, in solch einer Situation Gott loben zu können. Hymnen anzustimmen: Ich lobe meinen Gott, von ganzem Herzen (EG 272)

Lassen Sie das Bild einen Moment auf und in sich wirken: Im Dunkel der Nacht sitzen zwei Männer im fremden Land im Gefängnis, angekettet, wahrscheinlich vor Schmerz und Kälte zitternd und singen – so gut es in dieser Situation geht: Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen, erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinem Namen…... Ich freue mich und bin fröhlich, HERR in Dir, Halleluja!

Das Bild entfaltet Kraft, oder? Mitten in der Nacht, wenn alles finster ist, wenn Schmerz und Kälte besonders spürbar sind und ich nichts dagegen tun kann, wenn ich festsitze, wenn andere über mein Wohlergehen bestimmen, wenn mir um Trost bang ist und ich gar nicht weiß, was kommt, dann ein Halleluja anzustimmen, von der Freude an Gott zu singen…

Ich weiß gar nicht, ob mir das in den Sinn käme, ob ich das könnte. Mir wären wahrscheinlich Heulen, Zähneklappern und Klagen näher.

Paulus und Silas hingegen können das, Lobgesänge anstimmen. Und die Apostelgeschichte erzählt, dass das tatsächlich Kraft entfaltet.

Lassen Sie uns aber zunächst einmal schauen, wie und warum die beiden im Gefängnis gelandet sind.

Paulus und Silas, zwei, die losgezogen und ausgesandt sind, um neue Gemeinden im Glauben zu stärken. Sie haben große Teile von Syrien und der heutigen Türkei (damals hießen die Gegenden noch Zilicien, Galatien, Mysien) durchwandert, sind ans Mittelmeer gelangt, haben ein Boot bestiegen, um dann über Samothrake auf die andere Seite des Ägäischen Meeres zu fahren. So erreichen sie Philippi, damals eine römische Kolonie in Makedonien, Griechenland. Mit freudigen Ohren gehört, klingt das nach einer tollen Urlaubstour. Mit politisch wachen Ohren gehört nach einer gefährlichen Fluchtroute.

Tatsächlich betreten beide in Philippi Neuland. Hier im 16. Kapitel der Apostelgeschichte wird erzählt, wie das Evangelium nach Europa kommt. Es ist also eine Anfangsgeschichte.

Was tun Paulus und Silas im Neuland? Sie halten nach Vertrautem Ausschau.

Am Sabbat suchen und finden sie einen Gebetsplatz vor dem Stadttor am Fluss. Der neue Christusglaube breitet sich im Umfeld von Synagogen und jüdischen Glaubensgemeinschaften aus.  Sie treffen auf Frauen und finden Gehör, denn was sie ihnen sagen, tut ihre Herzen auf. Schon bei dieser ersten Begegnung begeistern Paulus und Silas die gottesfürchtige Lydia derart, dass sie sich taufen lässt, gemeinsam mit allen, die zu ihrem Haushalt gehörten. Paulus und Silas sind schnell angekommen, angenommen, aufgenommen. Sie erfahren von Lydia Anerkennung und Gastfreundschaft. Sie nötigt beide, bei ihr zu wohnen. Eigentlich ist alles gut, mehr als gut im Neuland.

Paulus und Silas erregen Aufsehen.

Während sie durch die Straßen der Stadt gehen, folgt ihnen eine Sklavin, die wahrsagen kann, einen Wahrsagegeist hat, wie es heißt. Sie schreit unablässig: Diese Menschen stehen im Dienst des HÖCHSTEN, sie verkündigen Euch den Weg des Heils.(16,17) Das stimmt. Diese Sklavin, deren Namen wir nicht erfahren, erkennt Paulus und Silas als Glaubensverkündiger. Sie macht das öffentlich bekannt. Mehr noch:  Sie schreit es ins Neuland hinein. Viele Tage lang geht das so. Immer rennt sie hinter ihnen her und schreit. Wie oft, wie lange, wie laut darf das, was stimmt, die Wahrheit also, ausgesprochen werden ohne zu verstören? Immer wieder: Diese Menschen stehen im Dienst des HÖCHSTEN, sie verkündigen Euch den Weg des Heils. Irgendwann hält Paulus es nicht mehr aus: Schluss jetzt! Sei bitte endlich still!

Wie es Jesus getan hat, wie es die Jünger taten, gebietet er dem Geist, aus ihr auszufahren.  Das wirkt. Der Geist fährt tatsächlich aus. So schafft Paulus sie sich und Silas vom Leibe. Aber nun kann sie gar nicht mehr wahrsagen, vielleicht gar nicht mehr reden. Plötzlich ist sie, die Unfreie, wert- und nutzlos. Denn ihr Wahrsagen hat ihren Herren Geld eingebracht. Diese sind (zu Recht) erbost. So geht das nicht, wenn hier welche vorbeikommen und derart in unser Leben eingreifen, so dass sich alles ändert. Das sind Juden, wir sind Römer. Unsere Sitten vertragen sich nicht. Da muss mal ordnend eingegriffen werden. Schon ist Volk auf dem Plan, dass die Herren kräftig unterstützt, schon finden sich Paulus und Silas vor dem Stadtrichter wieder. Der Weg des Heils braucht mehr, als nur in den Straßen ausgerufen zu werden. Braucht noch einen anderen Ort, eine andere Zeit, einen anderen Klang. So erzählt es die Apostelgeschichte jedenfalls.

 

Jetzt wird es sogar gefährlich. Gerade noch angenommen und gastfreundlich aufgenommen, wendet sich nun das Blatt: angeklagt und eingesperrt. Es ist, als würde die Unfreiheit übergehen, von ihr, der vom Wahrsagegeist befreiten, aber immer noch unfreien Sklavin, auf die Apostel selbst. Der Weg des Heils schafft Unruhe bei den Aposteln und auf den Straßen. Er stellt die Ordnung in Frage. Das bleibt selten ohne Folgen.Was tun?

Schafft uns diese Männer vom Leibe! Die Menge will das, die Herren wollen das . Und die Stadtrichter bestimmen: Nackt ausziehen, mit Stöcken schlagen, in Ketten legen, einsperren. Wächter, verwahr sie gut! Ganz schön drastisch, so für Ordnung zu sorgen. Aber wirksam. Ruhe kehrt ein in der Stadt. Erst einmal. Der Tag vergeht. Die Nacht kommt. Mitternacht wird. Silas, bist Du wach? Es ist Zeit zu beten.

In Ordnung. Lass uns singen. In Ordnung. Ich lobe meinen Gott… Sie singen. Und die Mitgefangenen hören sie.

Am unfreiesten Ort – in der dunkelsten Stunde des Tages, tief im innersten Teil eines Gefängnisses fangen daraufhin die Fundamente an zu wackeln. Türen gehen auf – Fesseln fallen ab. Großes tut sich hier. Merkt das denn niemand? Der Wächter der alten Ordnung schrickt aus dem Schlaf hoch. Springt aus dem Bett  und sieht: Die Gefängnistüren sind auf. Dann sind ja alle Gefangenen weg. Ich habe versagt. Hilfe! Er zückt sein Schwert, um sich das Leben zu nehmen. Was für eine heftige Reaktion! Wie soll das Schwert helfen? Hilfe kommt anders. Tu Dir nichts an, denn wir sind alle hier! So ruft ihn Paulus aus der Gefängnisdunkelheit.

Wie, die sind alle noch da? Der Wächter schnappt sich eine Fackel. Mit ihr bringt er erstes Licht in die neue Situation, den neuen Tag, die neue Ordnung. Er sieht, die sind tatsächlich noch da. Alle, die den mitternächtlichen Lobgesang gesungen und gehört haben. Das ist wirklich ein Wunder. Den wackelnden Fundamenten und geöffneten Türen ebenbürtig.

Was hält sie? Sie müssen offenbar nicht fort, weil der unfreie Ort ein freier geworden ist.

Und noch einmal geht etwas über: Wie die Unfreiheit der Sklavin auf Paulus und Silas übergegangen ist, geht nun die frisch gewonnene Freiheit auf den Wächter über. Bestürzt und zitternd zunächst, wird er immer mehr zum Akteur im Neuen. Er selbst führt die Gefangenen aus dem Gefängnis ins Freie! Von ihnen erbittet er Hilfe! Was muss ich tun, um gerettet zu werden? Glaube an Jesus, den Herrn, so wird dir geholfen und den Menschen in deinem Haus.

Und der Gefängniswächter wird zum Pfleger, der die Wunden der Gefangenen wäscht. Er wird zum Täufling, der begierig die neue Lehre aufsaugt. Er wird zum Gastgeber, der die fremden Exsträflinge zum Essen einlädt. Er sorgt am kommenden Tag dafür, dass sie freigelassen und rehabilitiert werden. Er sorgt dafür, dass Paulus und Silas am Ende in Frieden weiterziehen können. Viel passiert nach dem mitternächtlichen Lobgesang. Gewaltig ist seine Wirkung. Dinge ordnen sich neu. Menschen verändern sich. Freiheit entsteht. Gottvertrauen ist machtvoll, so erzählt es die Apostelgeschichte.

Es ist gut zu hören, was durch Gottvertrauen alles ging und geht, damals, als der Christusglaube mit Paulus und Silas nach Europa kam; heute, mit Blick auf meinen eigenen Lebensweg, bei gewöhnlichen Alltagsgängen, bei freudigen Reisetouren, auf gefährlichen Fluchtrouten. Gottvertrauen schadet nie.

Wie neu höre ich heute, dass Gottvertrauen nicht Antwort auf erfahrene Rettung ist, sondern der Anfang davon. Als Paulus und Silas elend gefangen um Mitternacht ihr Gotteslob anstimmen, da wissen sie noch nicht, was kommen wird. Auch der Wächter weiß noch nicht, was kommen wird, wie sein Leben (und das  derjenigen, die zu seinem Haus gehören) nun weitergeht. Und doch ist da Freude, im Gotteslob und in der Reaktion des Wächters:

Und der Wächter freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. Ich lobe meinen Gott, ich freue mich und bin fröhlich, HERR in Dir, Halleluja.

Im Gotteslob teilt sich Freude mit. Eine Freude, die Kraft hat, Dinge zu verändern, neu zu machen. Eine Freude, die ich mir von alten Liedern „ausleihen“ kann, wenn in mir gerade gar nicht froh zumute ist. Eine Freude, die mich ermutigt einzustimmen, auch wenn ich unsicher und ängstlich bin. Eine Freude, die mich bestärkt, meine Hoffnung nicht zu klein werden zu lassen.

Das  Gotteslob, gesungen oder gesprochen, ist nicht Antwort auf erfahrene Rettung und Hilfe, sondern der Anfang davon. Sich das bewusst zu machen, kann Dinge neu ordnen, der Freude unverhofft Raum verschaffen und neue Sicht- und Lebensweisen eröffnen. So werden alte Lieder neu. Und wir.

Perikope

„Wir sind alle da!“ - Konfirmation Predigt zu Apostelgeschichte 16,23 von Martin Schewe

„Wir sind alle da!“ - Konfirmation Predigt zu Apostelgeschichte 16,23 von Martin Schewe
16,23-34
Konfirmationspredigt zu Apostelgeschichte 16,23-34

In der Apostelgeschichte im Neuen Testament wird erzählt, wie der Apostel Paulus und sein Reisegefährte Silas in Philippi verhaftet und eingesperrt werden.

„Nachdem man ihnen viele Schläge gegeben hatte, warf man sie ins Gefängnis und trug dem Gefängniswärter auf, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Auf diesen Befehl hin führte der sie in den innersten Teil des Gefängnisses und legte ihnen die Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas zu Gott und stimmten Lobgesänge an, und die anderen Gefangenen hörten zu. Da gab es auf einmal ein starkes Erdbeben, und die Grundmauern des Gefängnisses wankten; unversehens öffneten sich alle Türen, und allen Gefangenen fielen die Fesseln ab. Der Gefängniswärter fuhr aus dem Schlaf auf, und als er sah, dass die Türen des Gefängnisses offen standen, zog er sein Schwert und wollte sich das Leben nehmen, da er meinte, die Gefangenen seien entflohen. Paulus aber rief mit lauter Stimme: Tu dir nichts an, wir sind alle da! Jener verlangte nach Licht, stürzte sich ins Innere und warf sich, am ganzen Leib zitternd, Paulus und Silas zu Füßen. Er führte sie ins Freie und sagte: Große Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden? Sie sprachen: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus. Und sie verkündigten ihm und allen, die zu seiner Familie gehörten, das Wort des Herrn. Und er nahm sie noch zur gleichen Nachtstunde bei sich auf und wusch ihre Wunden und ließ sich und alle seine Angehörigen unverzüglich taufen. Dann führte er sie in seine Wohnung, ließ den Tisch bereiten und freute sich mit seinem ganzen Haus, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.“

(1) Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, die Geschichte des Gefängniswärters aus der Bibel ist eure Geschichte. Ihr seid natürlich keine Gefängniswärter, und ich habe keine Ahnung, ob gerade das euer Traumberuf ist. Es geht mich auch nichts an. Eure Berufswünsche sind eure Sache. Ich kann euch allenfalls raten, euch eine Tätigkeit zu suchen, die nicht nur krisenfest ist und regelmäßig bezahlt wird, sondern euch vor allem erfüllt. Aber das habt ihr vermutlich ohnehin vor. Zum Glück könnt ihr euch mit eurer Entscheidung noch ein bisschen Zeit lassen. Auf den Beruf des Gefängniswärters aus der Bibel kommt es also im Moment nicht an, sondern darauf, was euch jetzt schon mit ihm verbindet. Seine Geschichte handelt davon, warum ihr heute konfirmiert werdet und Max getauft. Um die Geschichte besser zu verstehen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Vorgeschichte.

Paulus und Silas reisen als Missionare durch das Römische Reich. Sie wollen das Evangelium von Jesus Christus unter die Leute bringen und gelangen dabei in die Stadt Philippi in Makedonien. Dort entsteht die erste christliche Gemeinde Europas. In Philippi gibt es eine Frau, die von einem Geist besessen ist, einem Dämon, der wahrsagen kann. Die Frau ist Sklavin und bringt ihren Herren eine Menge Geld ein. Denn was sie wahrsagt, oder vielmehr der Dämon, der in ihr wohnt, stimmt tatsächlich – auch als sie hinter Paulus und Silas herläuft und immerfort schreit: „Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes!“ So geht es vier Tage lang. Dann platzt Paulus der Kragen. Eine derartige Reklame ist ihm nicht recht. Er befiehlt dem Dämon, die Frau zu verlassen, und der Dämon gehorcht. Die Besitzer der Sklavin sehen sich um ihre Einkünfte gebracht. Sie zeigen Paulus und Silas bei den Behörden der Stadt an und beschuldigen die beiden, die öffentliche Ordnung zu stören und unrömische Sitten zu verbreiten. Paulus und Silas werden festgenommen, öffentlich verprügelt und ins Gefängnis geworfen.

Später werden sich die Richter bei ihnen entschuldigen müssen. Paulus und Silas besitzen das römische Bürgerrecht und hätten darum nicht geschlagen werden dürfen. Doch so weit ist es noch nicht. Einstweilen kommt der Gefängniswärter ins Spiel. Er sorgt dafür, dass die Häftlinge nicht entkommen können, lässt Paulus und Silas in den tiefsten Keller des Gefängnisses bringen und ihre Füße in den Block schließen. Dann legt sich der Gefängniswärter ins Bett. Dort verschläft er den ersten Höhepunkt seiner Geschichte. „Um Mitternacht aber“, geht die Erzählung nämlich weiter, „beteten Paulus und Silas zu Gott und stimmten Lobgesänge an, und die anderen Gefangenen hörten zu.“

(2) Wir wollten herausfinden, warum ihr getauft seid und heute konfirmiert werdet. Weil Paulus und Silas um Mitternacht singen, lautet die erste Antwort, die uns die Geschichte des Gefängniswärters gibt. Sie singen, obwohl sie verprügelt wurden und im Gefängnis sitzen. Ihre Wunden schmerzen; sie sind gefesselt; und was aus Paulus und Silas wird, ist völlig unklar. Dennoch loben sie Gott. Zu ihm gehören sie. Auf Gott können sie sich verlassen – sogar jetzt. Deshalb singen sie, dass es durchs ganze Gefängnis schallt. Nicht, dass man sich nicht beklagen darf, wenn es einem schlecht geht. Paulus und Silas hätten allen Grund, sich zu beklagen. Ich an ihrer Stelle würde den Mut verlieren. Paulus und Silas sind sich sicher: Gott lässt sie nicht im Stich. Darum geht es bei eurer Taufe und Konfirmation: dass Gott bei euch ist, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, was auch geschieht.

Diesen Teil der Erzählung verschläft der Gefängniswärter. Aber er schläft nicht mehr lange. Nachdem Paulus und Silas ihr Loblied angestimmt haben, passiert der nächste Höhepunkt der Geschichte. Ein Erdbeben erschüttert die Mauern des Gefängnisses. Die Türen öffnen sich. Den Häftlingen fallen die Fesseln ab. Ein Wunder. Wieder geht es um eure Taufe und Konfirmation. Gott schickt nicht bei jeder Taufe und jeder Konfirmation ein Erdbeben. Aber er tut jedes Mal ein Wunder. In der Erzählung aus der Bibel befreit er die Gefangenen. Das Wunder, das Gott für euch tut, ist genauso groß und fröhlich. Gott verspricht euch, dass er viel mit euch vorhat. Er wartet nicht, bis ihr etwas für ihn tut. Gottes Versprechen gilt immer schon. Das ist das Zweite, was wir aus der Geschichte des Gefängniswärters erfahren: dass ihr von Gott etwas zu erwarten habt.

Der Gefängniswärter selbst weiß noch nichts von seinem Glück. Im Gegenteil. Als ihn das Erdbeben weckt und die Gefängnistore offen stehen, erschrickt der Gefängniswärter zu Tode – im wahrsten Sinn des Wortes. Er nimmt an, die Häftlinge sind geflohen, und zieht sein Schwert, um sich das Leben zu nehmen. So gehört es sich für einen römischen Offizier. Wenn er seine Pflicht verletzt hat, muss er Selbstmord begehen. Bevor es dazu kommt, geschieht noch eine Überraschung, die dritte nach dem Loblied, das Paulus und Silas singen, und dem Erdbeben. Die dritte Überraschung steckt in den Worten, mit denen Paulus den Gefängniswärter daran hindert, sich umzubringen. „Tu dir nichts an“, ruft Paulus, „wir sind alle da!“

Er meint damit, der Gefängniswärter kann beruhigt sein, denn seine Gefangenen sind nicht fortgelaufen. Zugleich wendet sich Paulus an euch Konfirmandinnen und Konfirmanden und redet über die Kirche, zu der ihr seit eurer Taufe gehört und deren erwachsene Mitglieder ihr heute werdet. Der Satz „Wir sind alle da“ gilt auch für die Kirche, die „Gemeinschaft der Heiligen“, wie sie im Glaubensbekenntnis genannt wird, das wir gleich sprechen werden. Die Heiligen, von denen im Glaubensbekenntnis die Rede ist, sind wir – alle, die getauft sind. Jede und jeder von uns ist heilig, weil wir Gott am Herzen liegen, und gehört mit den anderen zusammen, die ihm genauso am Herzen liegen. Ihr müsst nicht für euch allein glauben und die Antworten auf eure Fragen und Zweifel nicht auf eigene Faust suchen. Die anderen können euch dabei helfen, und umgekehrt könnt ihr ihnen beim Glauben helfen. Zusammen glauben wir besser. Darum gibt es die Kirche, und darum ist es wichtig, dass Paulus in der Erzählung sagt: „Wir sind alle da.“

(3) Falls ihr bisher noch skeptisch seid, ob die Geschichte des Gefängniswärters eure Geschichte ist, obwohl ihr keine Gefängniswärter seid, und ob sie wirklich von eurer Taufe und Konfirmation handelt, wird euch der Schluss der Erzählung überzeugen. Zum Schluss wird auch der Gefängniswärter getauft. Außerdem erhält er Konfirmandenunterricht. Sein Konfirmandenunterricht ist zwar viel kürzer als bei euch. Er dauert nur eine einzige Nacht, aber eine besonders dramatische Nacht. Das genügt in diesem Fall.

Paulus hat den Gefängniswärter davon abgehalten, sich in sein Schwert zu stürzen, und gerufen: „Wir sind alle da!“ Darauf lässt sich der Gefängniswärter ein Licht bringen und vergewissert sich, dass Paulus und Silas tatsächlich noch da sind, wirft sich vor ihnen nieder und fragt: „Große Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ Was er eigentlich wissen möchte, ist: „Wie soll ich die ganze Sache bloß meinen Vorgesetzten erklären?“ Paulus und Silas jedoch verstehen die Frage anders, viel grundsätzlicher. Sie antworten: „Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ Darin besteht der Konfirmandenunterricht, den der Gefängniswärter erhält. Paulus und Silas erzählen ihm seine eigene Geschichte, wer dahinter steckt und was sie zu bedeuten hat, also das, was wir schon gehört haben, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: dass Gott bei euch ist, dass er viel mit euch vorhat und dass ihr damit nicht allein steht, sondern heute zu erwachsenen Mitgliedern der Kirche werdet.

„Glaube an Jesus, den Herrn“, sagen Paulus und Silas, denn so ist Gott für uns da. In dem Menschen Jesus Christus kommt er zu uns, stirbt als ein Mensch und ersteht wieder auf, damit wir mit ihm leben. Spätestens jetzt merkt ihr, dass es nicht darauf ankommt, welchen Beruf einer ausübt, damit die Geschichte aus der Bibel von ihm handelt, und dass Gott kein Erdbeben schicken muss, um etwas für euch zu tun. Ihr alle habt eure eigenen Pläne und Träume vom Leben. Jede und jeder von euch wird sie auf andere Weise verwirklichen als alle anderen, und ich wünsche euch dabei Erfolg und Glück. Dass Gottes Liebe euch begleitet, ist noch mehr; immer noch mehr, als wir planen, träumen und wünschen können. Lasst euch überraschen.

(4) Der Rest ist rasch erzählt. Der Gefängniswärter holt Paulus und Silas in sein Haus, versorgt ihre Wunden und lässt sich und seine Familie noch in derselben Nacht taufen. Dann lädt er Paulus und Silas zum Essen ein und feiert ein Fest. Das empfehle ich euch auch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Feiert ein Fest und freut euch.

Perikope

Singen gegen die Angst. Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34 von Margot Runge

Singen gegen die Angst. Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34 von Margot Runge
16, 23-24

Im Keller ist es duster, da wohnt ein alter Schuster, wurde bei uns früher gesungen. Vielleicht war es bei Ihnen etwas anderes. Jedenfalls: Singen vertreibt die Angst. Wenn die Kinder in den Keller gehen, singen sie.
Dunkle, unheimliche Keller gibt es bei uns kaum noch. Die Häuser heutzutage sind modern und aufgeräumt und sehen leider ziemlich gleich aus. Angst haben wir trotzdem. Und Angsträume gibt es genügend in der Welt: Gefängnisse und Folterkeller, in denen die Seelen der Menschen zerbrochen werden. Manchen Angsträumen sieht man nicht an, dass sie welche sind. Die Schule kann dazu werden, neuerdings auch das Internet. Auf manche Straßen trauen sich Frauen abends nicht. Ganze Stadtviertel können tabu sein für Leute mit einer Hautfarbe oder Gesinnung, die andere als unpassend betrachten. Selbst das Zuhause kann zerbrechen, bietet nicht Geborgenheit und Sicherheit, sondern ist ein Ort für Bedrohung und Streit. Die eigene Wohnung ist der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder.
Singen gegen die Angst. Hilft das?

In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Paulus und Silas, zusammengeschlagen, gefoltert, angekettet, Gott zu loben beginnen. In den römischen Gefängnissen ging es keineswegs lustig zu. Ohne Rechtsbeistand, waren sie schutzlos der Gewalt von Wärtern (und Mitgefangenen?) ausgeliefert. Als Spießgesellen eines hingerichteten Staatsfeindes, denn als solcher galt Jesus, hatten sie allen Grund zur Angst. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie, heißt es.
Zu Mitternacht, da ist die Dunkelheit am tiefsten, die Angst am ausweglosesten. Bis Mitternacht hat es vielleicht auch gedauert, dass sie die Augen aufschlagen und ihre blutigen Glieder überhaupt wieder rühren können.

Ein Lied hinter Gefängnismauern, das ist ein Hoffnungszeichen, ein Zeichen dafür, daß Menschen sich nicht brechen lassen. Es ist ein Hoffnungszeichen für alle anderen. Und die anderen in der Dunkelheit hören es. Tatsächlich geht ein Aufstand durch das Gefängnis, es wird bis in die Grundmauern erschüttert und erregt. Ein Erdbeben läßt die Mauern fallen, die Fesseln zerspringen, die Gefangenen sind frei, ein Wunder. Das ist im Grunde eine Ostergeschichte. Sie geht noch weiter. Die Gefangenen lassen den Wärter nicht im Stich und bewahren ihn vor Strafe. Der Wärter bekehrt sich, wechselt auf die Seite derer, die er bewachen soll, solidarisiert sich mit ihnen. Vor allem aber wagen Paulus und Silas es, den Stadtrichtern die Stirn zu bieten. Sie fordern trotzig und mutig Gerechtigkeit. Tatsächlich werden sie rehabilitiert und verlassen erhobenen Hauptes die Stadt.
Singen gegen die Angst zieht Kreise.

Gut, wer in solcher Situation ein Lied weiß. Es kann den Schreck in Worte fassen, kann Trübsal vertreiben und ein Schutzmantel sein vor Hoffnungslosigkeit und Resignation. Ein Lied kann mutig machen, widerspenstig, kann den Unterdrückern eine Nase drehen. Eine Melodie, frech dahingepfiffen, kann den Gleichschritt von marschierenden Stiefeln durcheinanderbringen und eine ganze Armee ins Stolpern bringen. Eine Strophe zur rechten Zeit kann die Massen aus Lethargie wecken, das Volk wie ein Sturmwind aufwirbeln, zum Signal für Veränderung werden.

„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder – böse Menschen haben keine Lieder“ heißt es, in Anlehnung an Johann Gottfried Seume (1804). Stimmt das wirklich? Auch die Nazis hatten Lieder und sie haben bewusst dafür gesorgt, dass sich mit den Melodien die Worte in den Köpfen festsetzten und bis zum Lebensende aufgerufen werden konnten. Diktatoren aller Zeiten haben Jubellieder und –sänger bestellt. Soldaten stürzten sich mit Marschgesängen ins Gemetzel. Und bis heute verbreiten Rapper Homophobie und Frauenfeindlichkeit, Fußballchöre machen die gegnerische Mannschaft nieder. Lieder sprechen unsere Gefühle an und rühren tiefere Schichten in uns an, deshalb sind sie so wirkungsvoll und auch gefährlich. Mit der Musik verbinden sich die Worte und ihre Botschaft.
Welche Lieder also stecken in uns? Was lehren wir unsere Kinder? An welche Lieder werden unsere Kinder oder Enkel sich einmal erinnern, welche Lieder werden sie später einmal singen?
Von Dietrich Bonhoeffer wird erzählt, wie er sich im Gefängnis unter den Nazis mit Gesangbuchliedern und Bibelversen beschäftigt hat. Er konnte sie auswendig – und jetzt waren sie sein Schatz. Die Bibel berichtet, womit Maria ihr ungeborenes Kind in den Schlaf wiegte, als sie schwanger war: ein aufrührerisches, trotziges Lied von ihrer Hoffnung, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Maria singt davon, wie bei Gott die Mächtigen gestürzt und die Hungernden satt werden. Sie singt von einer neuen, anderen Welt, in der die Armen auf dem Thron sitzen und Gerechtigkeit regiert.

Ob Paulus und Silas im Gefängnis ein solches Lied angestimmt haben, als sie um Mitternacht mit zerschlagenen Gliedern langsam aus der Ohnmacht aufgewacht sind? Lobgesänge auf Wohlstand, Fortschritt und Erfolg, wie wir sie heute überall hören, wären ihnen wohl kaum in den Sinn gekommen und sie hätten die Mauern des Gefängnisses nicht zum Wanken gebracht.
Unsere Singegewohnheiten haben sich in den letzten 50 Jahren radikal geändert. Wir singen nicht mehr, wir lassen singen, auf CD und im Fernsehen. Doch die Kinder genießen es, wenn Eltern oder Großeltern abends am Bett sitzen. Oft singen sie mit Begeisterung. Sie freuen sich über Lieder voll Hoffnung, Witz und Lebensfreude. Und sie können Lieder gut gebrauchen, die die Angst vertreiben, wenn sie in den Keller müssen oder plötzlich vor Angsträumen stehen, den Angsträumen ihrer Seele oder den realen.
Mögen wir unseren Kindern Lieder mitgeben, die wie Brot sind, von denen sie zehren können und mit denen sie die Zukunft gestalten können. Mögen sie ihre eigene Melodie finden, einen neuen Rhythmus, in Gottes Namen.

 

Liedvorschlag:
Wir singen für den Frieden, wir singen für die Welt,
wir singen für die Müden, die keine Hoffnung hält.
Wir singen für die Leisen, für die kein Wort sich regt,
die Wahrheit wird erweisen, dass Gottes Hand sie trägt.

2. Wir hoffen für das Leben, wir hoffen für die Zeit,
für die, die nicht erleben, dass Menschlichkeit befreit.
Wir hoffen für die Zarten, für die mit dünner Haut,
dass sie mit uns erwarten, wie Gott sie unterbaut.

3. Wir singen für die Liebe, wir singen für den Mut,
damit auch wir uns üben und unsere Hand auch tut,
was das Gewissen spiegelt, was der Verstand uns sagt.
Hilf uns, die Welt zu bauen, wie Jesus es gewagt.
Text: nach Peter Spangenberg. Melodie: Befiehl du deine Wege

Perikope
29.04.2018
16, 23-24

„Christenmensch – Draußen, im Herzen“ – Predigt zu Apostelgeschichte 16,14-15 von Friederike Erichsen-Wendt

„Christenmensch – Draußen, im Herzen“ – Predigt zu Apostelgeschichte 16,14-15 von Friederike Erichsen-Wendt
16,14-15

Auch eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurfärberin aus Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; ihr tat der Herr das Herz auf, und sie ließ sich auf die Worte des Paulus ein. Nachdem sie sich samt ihrem Haus hatte taufen lassen, bat sie: Wenn ihr überzeugt seid, dass ich glaube, so kommt in mein Haus hinein und bleibt da. Und sie bestand darauf. (Apg 16,14f)

A Europa wird christlich
I Unser Bild und was es nicht sieht

Wenn ich die Geschichte erzählen sollte, wie es kam, dass Europa christlich wurde - dann fällt mir Karl der Große ein, der als Begründer des christlichen Abendlandes gilt.
Und natürlich würde ich erstmal nicht sagen, dass dafür 4500 Menschen starben.
Dann fällt mir Bonifatius ein, der als Missionar durch unsere Lande zog.
Und ich würde natürlich erstmal nicht sagen, dass auch dafür viele starben.
Und die frühen Mönche fallen mir ein, und unser Bild ihrer tiefen Spiritualität, ihrer Verbundenheit mit den Dingen, und ihre Gelehrsamkeit.
Und ich erzählte von der Bewunderung für die, die so entschieden alles aufgaben, um etwas am christlichen Glauben zu leben. Und sage natürlich erstmal nicht, dass viele auch einfach nicht die Wahl hatten.

II Europa wird christlich – wie es die Apostelgeschichte sieht
Die Apostelgeschichte erzählt erst einmal, wie weite Landstriche Asiens nicht christlich geworden sind. Bei Paulus haben die meisten ja erstmal das Bild eines überzeugten, wenngleich gebrochenen Eiferers für das Christentum, eines klugen Theologen und umtriebigen Netzwerker, der immer und überall seinen christlichen Kontakte hat – und hier: Wochen-, vermutlich eher monatelang durchzieht er mit seinen Begleitern ganze Landstriche, ohne irgendeinen Erfolg für den christlichen Glauben zu erzielen. Von strategischer Planung keine Spur, oder eben keine, die zum Erfolg führt. Das Evangelium tut eben, was es will.

III Die unwirtliche Welt: Meer und mehr, Nichts und Rand und sein Klischee
Und dann ist da das Meer. Und Paulus und die Seinen trauen den Geschichten mehr als dem, was man sehen kann.
Rege Handelsbeziehungen gibt es zwar zwischen Asien und Europa. Mit wirklich allem, was der Andere nicht hat, wird gehandelt. Das Meer verbindet.
Für Paulus hingehen ist es eine riesige, eigentlich unüberwindliche Hürde. Eine Gegenwelt. Eine Übermacht. Ort von Mächten, die sich nicht berechnen lassen.
„Komm und hilf uns!“
Ein schlichter Hilferuf, dazu noch im Traum, lässt Paulus losfahren. Dann doch. Das riesige Meer und so wenige Worte. Tage, vielleicht Wochen wird die Überfahrt gedauert haben.

Die Anfangsgeschichten der christlichen Kirche haben ihren Ort in abweisenden Umwelten und einfachen Sätzen, von denen wir gar nicht mal sagen können, wie wirklich sie eigentlich sind.

So dann auch in Philippi. In der Stadt lässt sich keine Synagoge finden. Im jüdischen Gotteshaus pflegte Paulus in fremden Städten Kontakte zu knüpfen, zu lehren und zu predigen. Irgendeiner wird ihm den Hinweis gegeben haben, wo sich die Gottesfürchtigen treffen – Sympathisanten des jüdischen Glaubens. Draußen, vor der Stadt. Wo das Recht nicht gilt.
Draußen, am Fluss. Wo Du ans Meer erinnert wirst.
Draußen, wo die Dinge geschehen, die in der geordneten Welt der Stadt keinen Platz haben.
Das Christentum wurzelt in einer Kultur derer, die in der geordneten Welt am Rande sitzen. Das ist ein Teil unserer Glaubenstradition.

Und natürlich könnte ich jetzt erzählen, was man dann immer so sagt:Dass der Verfasser der Apostelgeschichte die Armen ins Licht des Evangeliums stellt und die Frauen und die Fremden.
Und dass er vermutlich deshalb kaum anders konnte, als die Geschichte so zu erzählen, wie er sie erzählt.

IV Frau übers Meer, mit Träumen und Namen und Wurzeln
Von einer Frau, die übers Meer kam.
Aus Thyatira - dorther, wo Paulus gerade vergeblich war. Und auch sie brachte ihre Träume mit, vielleicht von einem, der sagte: Komm, hier ist Hilfe. Komm, hier ist Arbeit. Komm, hier ist ein besseres Leben.
Sie bringt ihre Träume mit. Und ihren Namen, Lydia, nach der Gegend, in der sie aufwuchs. So machten das die Armen: Vergiss nicht, wo Deine Wurzeln sind. Immer wirst Du ja hören, wie Du beim Namen gerufen bist.
Und sie bringt ihre Kenntnisse im Färben mit. Das Wissen einer fremden Kultur. Eine Arbeit, die stinkt und schmutzig ist, schlecht bezahlt und verachtet.
Eine Arbeit, die den klaren Fluss blutrot färbt. Damit will wirklich keiner was zu tun haben. Diese Dinge gibt es immer, womit wirklich niemand zu schaffen haben will.

V Unwirtliches verbindet
Auch deshalb haben sie miteinander zu tun, die dies tun. Sie leben und arbeiten zusammen. Sie streiten. Und manchmal wissen sie auch zu viel übereinander.
Sie ertragen einander. Sie teilen, was sie haben und die schmerzenden Knie.
Und sie erzählen sich, dass das, was ist, nicht alles ist. Dass einer aus dem Osten kommen wird, der Gerechtigkeit bringen wird. Davon singen sie. Mindestens am Schabbat. Wenn die Welt zur Ruhe kommt.
Wenn auch Deine Welt zur Ruhe kommt.
Wenn die Sonne den Fluss zum Glänzen bringt und alle Last leichter wird.
Sie singen.

VI Teilen verbindet
Auch, als die Fremden kommen. Männer, die nach nichts von all dem fragen. Paulus und seine Gefährten, die ihre Hände zum Gebet erheben wie sie. Die die Stille teilen. Und das Gebet. Und Wein und Fisch und Brote und die davon erzählen, dass da etwas ist, was noch nicht ist. Und sich doch zeigt: in geöffneten Herzen und geachteten Worten.

B Die christliche Gemeinde
I Geschichte nach Zahlen
Wenn ich die Geschichte erzählen sollte, wie in unseren Gemeinden christlicher Glaube weitergegeben wird, dann fielen mir die doch immer noch vergleichsweise hohen Zahlen in den Statistiken unserer Kirchengemeinden ein:
die alles in allem 250 Gottesdienste pro Jahr, die unsere Gemeinden feiern, an die hohe Konfirmationsquote und an die „Kirche der Freiheit“ und die „Bezeugung des Evangeliums“, die demokratische Kultur unserer Kirche und dass es doch immer zuerst Pfarrerinnen und Pfarrer sind, die im öffentlichen Leben gefragt werden, wenn ein zuverlässiges Gegenüber in umstrittenen Fragen gesucht wird.

II Unvernünftiges
Und dann gibt es doch auch und vor allem die vielen Geschichten, wo nicht Christliches ist, wo es doch besser wäre, es sei so.
Wo Menschen unvernünftigerweise den Glauben ablehnen, weil sie die Vernunft für unkorrumpierbar halten.
Wo Menschen eben ignorieren, dass sie nicht alles selbst geschaffen haben und auch nicht ewig leben werden.

Und man muss ja nicht einmal Leute wie Paulus in den Kirchengemeinden haben,
um zu erleben, dass es lange Durststrecken im Leben mit dem christlichen Glauben gibt.
Wie sehenden Auges Argumente und Überzeugungen zurücktreten, weil sie sich verbergen wie Gott verborgen ist. Und längst nicht alles christlich ist, was sich so nennt.
Das Evangelium tut, was es will.

III Meer
Und dann ist da das Meer. Scheinbar unüberwindliche Grenzen in fremde Welten anderer Ansichten, anderer Kulturen, anderer Sprachen und anderer Lebensweisen.
Da muss Dir erst einer im Traum erscheinen und sagen: „Komm und hilf uns!“
Und es kann Tage und Wochen dauern, bis Du da wirklich ankommst. Und bis Du den Ort findest, wo jemand betet, Stille aushält, und Lieder singt.
Und wann die Sonne die Angesichter zum Glänzen bringt und alle Last leichter wird.
Und Ihr erzählt, dass das, was ist, nicht alles ist. Dass einer kommen wird, der Gerechtigkeit bringt.

C Ich bin getauft. Ich habe einen Namen. Dort sollt Ihr bleiben
Lydia lässt sich taufen. Und all die Ihren.
Einer kommt über das Meer und bis an ihren Fluss. Legt ihr die Hände auf und tauft sie in den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Im Wasser, das in seiner Klarheit vom Ruhen der Arbeit zeugt, vom Ruhen der Welt, und der Muße in Dir.
Und im Sonnenlicht etwas vom Himmel spiegelt.
Lydia, die Christin. Ein Name für das Woher und ein Name für das Wohin.
Ein aufgetanes Herz voller Risse, Hände voller blutroter Spuren, Haut, von einem Leben vor der Stadt gezeichnet.
Kommt. Bleibt da. Sagt sie.
Genau hier ist der Ort des christlichen Glaubens. Kein kleines Nebenbei-Ereignis jenseits der großen strategischen Missionen des Paulus, seinen Aufträgen, den eigenen, und denen, von denen er sagt, der Herr selbst habe sie ihm gegeben.
Sondern: Erkennt an, dass ich an den Herrn glaube.
Wer mit dem Herzen bekennt, dass Jesus Christus der Herr ist, hört Paulus sich selbst sagen, und denkt an seine eigene Geschichte: damals, vor Damaskus, vor der Stadt, vom Pferd gefallen.

Christen lassen sich taufen. Tragen Namen, die bezeugen, dass das, was ist, nicht alles ist. Dass einer kommen wird, der Gerechtigkeit bringt.
Folgen Gewissheiten, die sich einstellen, als spräche jemand im Traum zu mir.
Gehen herüber oder bleiben.
Erkennen die Glaubensgeschichte der Anderen an.

Kehrvers: Anfängliches Christentum
Damit fängt es an.
Das Christentum in Europa
Der Glaube in unseren Gemeinden.
Die Gewissheit in meiner eigenen Geschichte.
Davon singen wir.
Mindestens in den Gottesdiensten in unseren Kirchen. Wenn die Sonne das Leben zum Glänzen bringt und alle Last leichter wird.
Wir singen und erzählen davon. Vertrauten und Fremden. Menschen, die beten und solchen, die sich danach sehnen, beten zu können. Die die Stille teilen. Und das gesprochene Wort. Und Wein und Fisch und Brote.
Die wir davon erzählen, dass da etwas ist, was noch nicht ist. Stärker als das Leben, das uns aufgetragen ist und dauernder als die Namen, derer wir uns erinnern.
Amen.

 

Perikope
19.02.2017
16,14-15

„Er zog aber seine Straße fröhlich" - Lesepredigt zu Apostelgeschichte 8,26-39 von Peter Bukowski anlässlich der Einführung der neuen Lutherbibel

„Er zog aber seine Straße fröhlich" - Lesepredigt zu Apostelgeschichte 8,26-39 von Peter Bukowski anlässlich der Einführung der neuen Lutherbibel
8,26-39

„Er zog aber seine Straße fröhlich" - darauf läuft's für den Kämmerer hinaus. Das ist die Frucht jener Wendung zum Glauben, dass er seinen Weg fröhlich fortsetzt. Etwas Besseres hätte ihm nicht geschehen können. Etwas Besseres kann einem Menschen überhaupt nicht geschehen, als dass es von ihm heißt: Er zieht seine Straße fröhlich.

Fröhlich, das meint mehr als ein kurzlebiges Stimmungshoch. Fröhlich, das greift tiefer als das Gefühl, das wir mit guter Laune bezeichnen. Fröhlich, so nennen wir den Menschen, der innerlich zur Ruhe gekommen ist, der heitere Gelassenheit ausstrahlt. Am besten umschreibt es vielleicht das Wort „zufrieden“: dass also einer zu seinem Frieden findet.

Solche Fröhlichkeit, solche Zufriedenheit bewährt sich gerade in Situationen, in denen zu Freude, zu überschwänglichem Glücksgefühl kein Anlass besteht.
Der Apostel Paulus konnte gerade in Zeiten äußerster Bedrohung von Fröhlichkeit reden. Aus dem Gefängnis heraus schreibt er den Philippern in jenem Tonfall. Sein Brief ist geradezu ein Plädoyer der Fröhlichkeit. Und wer von Ihnen je einem Menschen begegnet ist, der solche Fröhlichkeit, solche innere Zufriedenheit ausstrahlt, der wird erfahren haben: Fröhliche Menschen sind für ihre Umgebung etwas Kostbares.

Dass es sich hier tatsächlich um ein ganz besonderes Gut des Menschen handelt, hält die griechische Sprache bis heute fest: Aus dem Wort für "sich freuen" (chairein) ist die gängigste Form der Begrüßung gebildet: „chaire, chairete!“ – so begrüßt man sich, so prostet man sich auch zu und wünscht sich eben damit das Beste, was Menschen einander wünschen können: Fröhlichkeit. Zufriedenheit.
Vom Kämmerer hörten wir nun am Ende: „Er zog aber seine Straße fröhlich."Fast möchten wir den Mann darum beneiden, denn das gehört ja eben auch zur Fröhlichkeit: Man kann sie nicht machen, vor allem: Man kann sie sich nicht selbst verschaffen. Für Genuss kann man etwas tun. Gute Stimmung kann man erzeugen. Ein paar schöne Stunden kann man sich allenfalls mit Geld erkaufen. Aber Fröhlichkeit, Zufriedenheit? Fast sieht es so aus, als rücke sie immer ferner, je mehr man danach strebt.
Das mag uns gerade am Leben des Kämmerers deutlich werden, bevor es jene entscheidende Wendung nimmt: Er hat schon viel gemacht in seinem Leben, ja, wir können sagen: Er hat aus seinem Leben durchaus etwas gemacht. Bis zum Finanzminister der mächtigen Königin von Äthiopien hat er es gebracht. Möglicherweise hat er für diesen enormen gesellschaftlichen Aufstieg allerdings einen (unmenschlich) hohen Preis bezahlt. Im griechischen Text wird er „eunuchos“ genannt. Das kann einfach die Bezeichnung seines Titels sein, das kann aber auch wörtlich gemeint sein. Denn bisweilen mussten sich im alten Ägypten und Äthiopien die höchsten Beamten kastrieren lassen, um dem königlichen Hause nicht als Männer gefährlich werden zu können. Wir hätten dann eine besonders krasse Erinnerung daran, welchen Preis Menschen zu zahlen bereit sind, wenn es darum geht, die Spitze der Karriereleiter zu erklimmen.

Wie dem auch sei: Je länger, je mehr scheint dem Kämmerer sein Leben als Erfolgsmensch und sein Karrieredasein nicht genügt zu haben. Wir erinnern uns an das Jesuswort:
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" (Mt 16,26).
Für seine Seele will der Kämmerer etwas tun. Darum wendet er sich – was läge auch näher? – der Religion zu. Dabei scheut er weder Kosten noch Mühen. Er betreibt, wie's eben seine Art ist, auch diese Sache energisch und im großen Stil. 3000 Kilometer Pilgerfahrt nach Jerusalem legt er zurück. Und doch -–da, wo unsere Geschichte einsetzt, sehen wir ihn gleichsam unverrichteter Dinge zurückkehren: Er sitzt auf seinem Reisewagen, er liest in einem Buch der Bibel (wie gesagt, kaufen konnte er sich ja alles), er liest – und versteht doch nichts.

Ja, liebe Gemeinde, dass sich einem die Schrift öffnet, dass sie das Herz anrührt, so dass man zum Glauben findet und damit zu eben jener fröhlichen Zufriedenheit, das kann man nicht machen. Da ist selbst unser mächtiger Finanzminister aus dem Kabinett der Kandake am Ende seiner Möglichkeiten.
Und doch findet er schließlich, was er gesucht hat. Es wird später von ihm heißen:
„Er zog aber seine Straße fröhlich."
Und wie es eben doch noch zu jener Wendung kommt, das erzählt unsere Geschichte. Sie lässt uns teilhaben an den Stationen, die diese Wendung markieren. Und offensichtlich sollen wir sie zur Kenntnis nehmen, weil es keine beliebigen, keine zufälligen, sondern für den Weg zum Glauben notwendige Stationen sind.

 

1. Da kommt es erstens zu einer Begegnung.
Philippus kreuzt seinen Weg und spricht den Kämmerer an: „Verstehst du auch, was du liest?" (Apg 8,30)
Der Weg zum Glauben, der lebendige Kontakt zur Bibel sind kein Ein-Mann-Unternehmen. Da bedarf es der Ansprache, da braucht's den anderen, die Gemeinde. Allein hat sich der Kämmerer lange genug geplagt. Und das hätte noch lange so weitergehen können, aber jetzt tritt jemand an seine Seite und spricht ihn an, sagt: „Hör mal, verstehst du auch, was du liest, oder soll ich dir vielleicht helfen?"
Wer weiß, wie viele Menschen sich plagen, sich nutzlos abplagen, nur, weil niemand auf
die Idee kommt, sich ihnen zuzuwenden, sie anzusprechen und sich ihnen als Begleitung
und Hilfe anzubieten. Wer weiß, vielleicht wartet einer schon die ganze Zeit auf dich?

 

2. Dazu gehört nun andererseits auch vom Suchenden selbst der Mut, um Hilfe zu bitten. Wir hörten: „Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen." (Apg 8,31)
Können wir das? Tun wir das: uns ehrlich einzugestehen, wo wir auf uns alleine gestellt am Ende sind, und dann den Mut aufzubringen, jemanden um Hilfe zu bitten, zu sagen: „Setz´ dich mal mit mir zusammen" – selbst auf die Gefahr hin, eine Absage zu bekommen?
Ich glaube, vielen unter uns fällt das Erste, also das Helfen, noch leichter als das Zweite, das Um-Hilfe-Bitten. Und doch ist es so: Man mag es als Einzelkämpfer vielleicht bis zum Finanzminister bringen, zur Fröhlichkeit des Glaubens bringt man es allein schwerlich.
 

3. Nun ist es allerdings ganz wichtig zu sehen, dass die Gemeinschaft, die zwischen dem
Kämmerer und Philippus entstanden ist, als solche noch nicht die Wendung zum Glauben stiftet. Ich betone das, weil in der Kirche bisweilen andere Stimmen laut werden. Sie sagen: Die Gemeinschaft, also die Hinwendung des einen zum andern, das ist das Entscheidende. Wenn wir uns in unserer Gemeinde nur wohlfühlen und gegenseitig akzeptiert fühlen, wenn in der Seelsorge der Ratsuchende nur genug menschliche Annahme erfährt, dann ist das der notwendigste, weil Not wendende Schritt.
Aber wie soll das angehen? Soll der Kämmerer allein durch die Begegnung mit Philippus zur Zufriedenheit, zur inneren Ruhe finden? Würde das die Begegnung nicht maßlos überfordern? Philippus kann doch nicht mit seiner Person dem andern „Trost im Leben und im Sterben“ (Heidelberger Katechismus, Frage 1) sein!
Nein, die Gemeinschaft der beiden – so wichtig sie ist – , diese Gemeinschaft braucht ihr Thema, unter dem sich beide finden können.
Dieses Thema erschließt sich im Gespräch der beiden. Aber es geht nicht darin auf, es bleibt selbständiges Thema, in dem beide ihre Geborgenheit finden.
Und dieses Thema, das, was dem Kämmerer schließlich zu Herzen geht und ihn zum Glauben führt, ist die Botschaft von der Zuwendung Gottes, so, wie sie vom Propheten bezeugt und in Jesus erschienen ist.
Wir hörten: Philippus setzt ein mit der Schriftstelle, die der Kämmerer gerade gelesen hat. Sie redet davon, wie Gott sich zu uns auf den Weg gemacht hat, wie er uns gerade dort sucht und findet, wo uns unser Leben unerträglich ist: im Leiden, in Schuldverstrickung, in einem Leben, das ständig überschattet ist von der Macht des Todes.
Und so weit reicht Gottes hingebungsvolle Liebe, dass er gerade dort, wo kein Mensch, am allerwenigsten wir selbst, uns noch helfen können, an unsere Stelle tritt, unsere Not mit uns teilt, um uns aus den Fängen der Schuld und des Todes zu befreien.
Mit dieser Botschaft aus der Bibel setzt Philippus ein, aber er geht dann weiter, und zwar so, dass er nicht bei allgemeinen Worten bleibt, sondern dem Kämmerer die gute Botschaft persönlich zuspricht. Es heißt: „Er fing mit diesem Wort aus der Schrift an."
Und dann: „Er predigte ihm das Evangelium von Jesus." (Apg 8,35)
Wir erfahren nicht mehr den Inhalt dieses weiterführenden Zeugnisses, aber wir mögen erahnen, was es für den Kämmerer bedeutet zu hören: "Du bist nicht verloren. Bei Gott brauchst Du's nicht so zu machen wie in Deinem bisherigen Leben. Da brauchst Du nicht immer und immer noch etwas zu machen, nicht angestrengt nach oben zu kraxeln. Bei ihm bist Du schon am Ziel, denn er hat sich zu Dir hinabgeneigt. Du bist sein geliebtes Kind. Auch mit all Deinen hässlichen Seiten, mit all Deiner Verkehrtheit, mit all Deiner Unrast. Du bist, hörst Du: Du bist ihm recht, Du bist von ihm gewollt. Bei ihm wird Deine Seele Ruhe finden. Dein Leben ist nicht der Sinnlosigkeit preisgegeben, nein, es ist geborgen in Gottes gütiger Liebe, mit der er Dich, gerade so, wie Du jetzt dran bist, meint."
Mag die menschliche Zuwendung des Philippus irgendwann an ihre Grenzen stoßen – und auch die innigste menschliche Beziehung hat solche Grenzen –, Gottes Zuwendung ist grenzenlos. Er hält Bund und Treue ewiglich, und darum ist er „Trost im Leben und im Sterben“.

 

4. Eine Station ist noch zu nennen, eine letzte, aber eine, die wir besonders gerne vergessen.
Der Kämmerer hätte das alles hören können, es hätte ihm im Augenblick des Hörens auch zu Herzen gehen und ihn innerlich beflügeln können – und dann? Was ist morgen? Was ist, wenn die Worte verklungen sind und ihn der Alltag wieder eingeholt hat?
Sicher, die Worte bleiben auch dann noch wahr, aber werden sie für den Kämmerer auch lebendig bleiben, wenn der Kontakt mit dieser Botschaft vorüber ist?
Der Kämmerer scheint das zu ahnen, darum tut er den letzten Schritt: Er zieht aus dem Gehörten die notwendige Konsequenz: „Siehe, da ist Wasser, was hindert's, dass ich mich taufen lasse?" (Apg 8,36)
Dieser Schritt besagt: Der Kämmerer will fortan den Kontakt zu Gott nicht mehr abreißen lassen. Er will, auch über die Entfernungen hinweg, Glied in der Gemeinschaft derer sein, die sich als Gottes geliebte Kinder glauben. Es genügt ihm nicht, das Evangelium einmal gehört zu haben, er will in Zukunft wieder und wieder hinhören. Er will jetzt in seinem Leben die Wirkung des Evangeliums erproben. Er will, wenn ich es einmal so sagen darf, in seinem weiteren Leben die Probe auf's Exempel machen.
Und ebenda, wo das Evangelium ihn so angesprochen hat, dass er bereit wird, Konsequenzen zu ziehen und sein Leben darauf einzustellen, da heißt es von ihm: „Er zog aber seine Straße fröhlich."

 

Nachwort:
Es könnte jetzt einer denken: „Gut, beim Kämmerer hat das geklappt, aber bei mir nicht. Ich finde nicht zum Glauben, ich komme nicht zur Ruhe, ich ziehe meine Straße nicht fröhlich." Und auf meine Nachfrage hin könnte er vielleicht sogar glaubhaft versichern: „Ja, ich hab's mit diesen Stationen versucht: Ich habe Menschen um Hilfe ersucht, es haben sich auch welche um mich gekümmert. Ich habe die Botschaft gehört, ich bin auch bereit, Konsequenzen zu ziehen – aber trotzdem: Bei mir will's und will's nicht klappen."
Wer jetzt so bei sich fragt, dem möchte ich noch einen Hinweis geben und einen Rat.
Der Hinweis steckt in der Geschichte selbst.
Die Ausleger haben nämlich darauf hingewiesen, dass es im Grunde genommen eine Wundergeschichte ist. Wunderbar ist sie, weil sie uns Einblick nehmen lässt, wie hier Gott im Hintergrund wirkt: Da unternimmt der Kämmerer diese lange und für ihn zunächst ergebnislose Reise nur, um auf dem Rückweg Philippus zu begegnen. Und er wäre in dieser Einsamkeit ganz gewiss niemandem begegnet, schon recht keinem Missionar, wenn nicht ein Bote Gottes Philippus an diese einsame Stelle gewiesen hätte – und zwar gerade zu dem Zeitpunkt, wo der Kämmerer die entscheidende Stelle aus Jesaja liest, und gerade an der Stelle, wo dann auch das Wasser für die Taufe zu finden ist!
Damit zeigt uns die Geschichte: So viel setzt Gott ins Werk, so kunstvoll verknüpft er die Lebensfäden, damit am Ende ein fröhlicher Mensch dabei herauskommt.
Und diese Mühe gibt er sich mit jedem von uns, also auch mit Dir, der Du jetzt so fragst.
Und daher mein Rat: Hab noch etwas Geduld. Vielleicht bist Du – um's mit der Geschichte zu sagen – noch auf der Hinreise. Vielleicht braucht's noch eine Zeit, bis Du am richtigen Punkt angelangt bist.
Vielleicht hat Gottes guter Geist aber auch schon den auf den Weg geschickt, der sich Dir zuwenden und Dir in Deiner Unruhe zur Seite stehen wird.
Versuch's deshalb nicht zu zwingen! Vor allem: Quäl Dich nicht selbst. Fordere keinen Glauben von Dir, zwing Dich nicht zur Fröhlichkeit. Lass Dich in Deinem Unglauben, lass Dich in Deiner unzufriedenen Hast einmal gewähren. Ich weiß, wovon ich rede, ich weiß selbst, wie schwer das ist, aber womöglich ist das für Dich der erste Schritt, um zur Ruhe zu finden. Und wir wollen füreinander, also auch für Dich, Gott um seinen guten Geist bitten, dass er bei uns einkehrt, in uns Glauben weckt und uns zum Frieden bringt, damit es endlich von jedem unter uns heißen kann: „Er zog aber seine Straße fröhlich." Amen.

Perikope
30.10.2016
8,26-39