Im Namen Jesu: Steh auf. Geh. Durch die schöne Pforte. – Predigt zu Apostelgeschichte 3,1-10 von Markus Nietzke

Im Namen Jesu: Steh auf. Geh. Durch die schöne Pforte. – Predigt zu Apostelgeschichte 3,1-10 von Markus Nietzke
3,1-10

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.

Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.  Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

I. Der Mann an der „schöne“ Pforte des Tempels

Schön schattig ist es hier: Zur Zeit des Abendopfers im Tempel steht die Sonne bereits im Westen und der Tempel wirft lange Schatten gen Osten. Warm und heiß ist es trotzdem. Aber: Was will man mehr. Wenigstens kein Regen, kein eisiger Ostwind. Etwas über vierzig Jahre ist er alt (Apg 4, 22), und stiert vor sich hin. Er sitzt da, weil er selbst nicht hin gehen kann; er ist gelähmt. Er sitzt da, weil es ihm verwehrt ist durchs ‚Schöne Tor‘ in den Tempel zu gehen um zu beten. Ganz nah dran, und doch es ist unendlich weit bis auf die andere Seite. Unerreichbar. Er weiß: Wer hier durchkommt, durch dieses Tor, will auf die andere Seite, dahin, wo es schön ist. Wenn die Sonne am Vormittag im richtigen Winkel steht und auf das große Tor scheint, bekommt das Tor ein gewisses Leuchten. Da glänzt das aufgetragene Mineralgemisch, die Gold- und Silberplatten flimmern auf den beiden Torflügeln, je 25 Meter hoch und 10 Meter breit. Aber erst muss man durch dieses Tor hineingehen, ehe das wirklich Schöne, der heilige Bereich im Tempel, betreten werden kann. Der Tempel, den der König Herodes der Große zu einem Prachtbau erweitert hat.

Jeden Tag aufs Neue wird der Gelähmte am Morgen hin getragen und am Abend abgeholt. Nicht ohne Absicht! Er sammelt tagsüber, nein, er bittet, nein, noch präziser, er fleht um Almosen, um eine kleine, winzige Gabe von denen, die froh, munter, gesund und voller Hoffnung in den Augen durchs Tor schreiten. Sehnsuchtsort Gottes Haus, dieser Tempel. Endlich da! Und die deswegen vielleicht etwas mehr Mitgefühl für arme Schlucker haben könnten anstatt unachtsam weiterzugehen.

II. Ein Ort der Begegnung.

Dieses Tor ist immer schon ein Ort der Begegnung gewesen. Weil er dort bald an die 40 Jahre im Schatten sitzt, weiß der Gelähmte ganz genau: Wer hier durchkommt, will dahin, wo es schön ist. Jeden Tag aufs Neue, kommen sie, die Menschen. Von der Arbeit, aus den Häusern und Wohnungen in der Stadt Jerusalem, zum Beten und Opfern. Wieder andere haben einen Urlaub und eine Reise nach Jerusalem gebucht und freuen sich. Reisen und Urlaub bedeutet: Ausspannen, Berge, eine Städtetour, eine Besichtigung - die Geschmäcker sind halt verschieden – eben, eine Reise nach Jerusalem. Warum auch nicht.

Jeden Tag aufs Neue, unzählige Menschen sind es gewesen, die er im Laufe der langen Jahre dort sitzt. Ungeahnte Begegnungen hat es hier gegeben. Jede Menge, so, dass einzelne, ganz besondere Begegnungen an diesem schönen Tor kaum mehr erinnert werden:

Ein junges Paar mit zwei Turteltauben in einem Käfig und einem neugeborenen Kind – etwas unsicher, ob sie hier wirklich richtig sind – offenbar eben doch nicht aus der Stadt. Ein hochbetagter Priester eilt herbei, begleitet von einer nicht minder hochbetagten Prophetin; voller Freude nimmt er das kleine Kind auf den Arm, tanzt und singt: „Herr, ich habe Frieden gefunden, jetzt kann ich sterben, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“! (Lk 2,22ff.).

Eine Witwe tastet sich langsam den Weg mit ihrem Gehstock durch die Schar der aufgeregten Beter und spendet still und heimlich ihr allerletztes Geld in einen der dreizehn trompetenartig-geformte Opferstöcke (Mk 12,41-44). 

In einer Ecke haben sich plötzlich aufgebrachte Männer mit Steinen in den Händen um eine eingeschüchterte Frau aufgebaut, die Männer haben Böses vor. Aber etwas hält sie davon ab. Es sitzt ein junger Mann mit besonderer Autorität in der Mitte des Kreises und schreibt etwas in den Sand (Joh. 8) und sagt: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“

Das alles spielt sich ab, draußen vor dem Tor, das man „die Schöne Pforte“ nennt. So viele, dass einzelne, besondere Begegnungen kaum mehr erinnert werden. So nah dran, und doch unerreichbar, der Ort, wo es schön sein muss. Ob es je zu einer besonderen Begegnung für ihn, den über vierzig-jährigen Gelähmten kommen kann?

III. Die besondere Begegnung und ihre Folgen

Auch dieser Tag hatte so begonnen. Jetzt war es 15.00 Uhr, die Nachmittagsgebetszeit und der Gelähmte raffte sich auf und rief wie gewohnt: „Ein Almosen!“ - „Eine kleine, winzige Gabe.“

3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. 4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! 7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, 8 er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. 9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. 10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

IV.

Wir staunen über diese besondere Begegnung und das Heilungswunder, wenn es uns nicht sogar sehr fremd vorkommt. Da sagt Petrus: „Gold und Silber hab ich nicht...“. Wir halten kurz inne. Wie? Kein Geld? Kein bisschen Geld für wohltätige Zwecke? Für die Diakonie? Das ist doch eigenartig! Es folgt eine Überraschung: Petrus hat etwas ganz anderes, von ganz anderer Qualität, ganz, ganz anderer Natur. Im Namen Jesu kann er den Gelähmten am Arm packen, hochziehen und auf die Füße stellen. Im Namen Jesu handelt er, weil Jesus auch über seinen Tod und seine Auferstehung hinaus kraftvoll wirksam ist.

Das Zeichen ist nicht alles, so erstaunlich das klingt. Schier unbegreiflich ist diese Heilung für unsere Vernunft. Es lässt sich nicht einfach erklären. Es lässt sich auch für uns wunder-süchtige Menschen nicht wiederholen, auch wenn wir es noch so gerne hätten. Auch wenn die Sehnsucht nach solchen Heilungswundern in unserer Zeit so groß ist, dass sie nur ansatzweise mit Worten oder in Bildern beschrieben werden kann. Es lässt sich auch nicht bestreiten, dass es Wunder gibt. Dieses Wunder, dieses Zeichen weist auf etwas anderes hin: Diese Sache nämlich, dass die Herrschaft Gottes und sein Wirken ausgemalt werden. Was wir ein Wunder nennen, ist ein Hinweis, ein Signal für das eigentliche Wunder aller Wunder, über das sich nur noch die allerwenigsten Menschen wirklich wundern. Gott ist da. Gott hat sich nicht zurückgezogen, hat weder diese Welt noch jede und jeden Einzelnen von uns vergessen. Gott ist am Werk. Gott wirkt das Wunder. Gott zeigt dadurch seine Liebe an. Insbesondere in, mit und durch Jesus Christus.

V. Völlig losgelöst von der Erde…

Das spielt sich auch schon damals ab, draußen vor dem Tor, das man „die Schöne Pforte“ nennt. So viele Begegnungen, dass einzelne, besondere Begegnungen kaum mehr erinnert werden. So nah dran, und doch unerreichbar, der Ort, wo es schön sein muss. Gut 40 Jahre. Eine sehr, sehr lange Zeit. Aber jetzt ist es soweit: Die gewohnte Ordnung verändert sich. Wer was ist und wohin er darf – das ist jetzt komplett anders. Hier gilt jetzt: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Kor 5,17). Der Gelähmte, nein, jetzt muss es heißen, der ehemals Gelähmte, der jubelt und singt, lacht und springt, erkundet den ganzen Tempelbereich und kann nicht aufhören, zu rufen „Halleluja!“ Die schöne Pforte vor dem Tempel tut sich ihm auf. Er darf eintreten, er wird ins Haus Gottes eingeführt. Er ist nicht mehr draußen vor dem Tor. Er ist jetzt am Sehnsuchtsort angekommen: Hier ist Gottes Haus.

VI. Vor Gottes Angesicht

Hier im Haus Gottes, werde ich angesehen. Hier im Haus Gottes, wirst Du angesehen. Hier, vor Gottes Angesicht, hier, in seinem Haus, gilt diese Ermutigung: „Steh auf!“ Der Blick für Heiliges, Allerheiligstes wird hier frei. Steh du auf, aus deinem Alltag, deinen Sorgen und Nöten, steh auf und lass dir im Haus Gottes zusagen: Gott ist da. Kennt dich. Wirkt durch Jesus Christus, hier, jetzt und heute. Kennt auch dich und hat dich lieb! Kennt auch Dich und hat dich lieb!

 

Genutzt habe ich für die Predigt:

Beyer, Hermann W: Die Apostelgeschichte. NTD 5. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1947.

Dalman, Gustaf: Arbeit und Sitte in Israel. Band I, Jahreslauf und Tageslauf II, Greifswald, 1928

Hillebold, Lars: 12. Sonntag nach Trinitatis, DtPfBl 7/2018

Roloff, Jürgen: Apostelgeschichte. NTD 5, Berlin: EVA, 1988

Strack-Billbeck, Kommentar zum Neuen Testament II, München: Beck, 1924

Perikope

Wo Gott seine Hand im Spiel hat - Predigt zu Apg 8, 26-39 von Rudolf Rengstorf

Wo Gott seine Hand im Spiel hat - Predigt zu Apg 8, 26-39 von Rudolf Rengstorf
8, 26-39

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wie eine Kalendergeschichte kommt sie daher, eine Geschichte im Sonntagskleid, auf dem kein Stäubchen liegt. Nichts ist dem Zufall überlassen - alles läuft wie am Schnürchen. Gott selbst führt die Regie: bietet am Anfang gleich einen Engel auf, um Philippus in Marsch zu setzen. Später spricht Gott Philippus sogar direkt an. Er sorgt dafür, dass Philippus aufmerksam wird auf den Mann aus dem Morgenland, der bei seiner Lektüre der hebräischen Bibel an einer Stelle angelangt ist, an die ein Christ sofort anknüpfen kann. Schließlich ist selbst in der Wüste plötzlich Wasser da, als es für die Taufe benötigt wird. Und unmittelbar nach dem erfolgreichen Einsatz wird Philippus aus dem Geschehen herausgenommen und an eine andere Stelle gesetzt. Der richtige Mann zum richtigen Augenblick zur richtigen Stelle.

Was sollen wir anfangen mit einer so märchenhaften Geschichte? Wir, die Gott nicht mit Engeln und Erfolgen nach Philippus-Art verwöhnt. Das hat Gott damals auch nicht getan. Die Christen der Anfangszeit, die hier auf Goldgrund erscheinen, hatten ihre Tage nicht anders zu bestehen als wir:  im Durcheinander des Lebens mit unzulänglichen Mitteln, die nie genau das zustandebringen, was man eigentlich will und mit denen man am Anfang auch nie so richtig weiß, was am Ende denn wohl herauskommt. Aber am Ende hat sich dann manches eben doch so entwickelt, dass etwas ganz Erstaunliches herausgekommen ist: Menschen, die sich immer ängstlich aus dem Wege gegangen sind, kommen am Ende gut miteinander zurecht und können sogar lachen über das, was sie auf Abstand gehalten hat.; Arme Teufel, an denen Hopfen und Malz verloren schien, kamen wieder auf die Beine und kriegten ihr Leben in den Griff. Geizhälse, die sich bisher an Geld und Gut festgekrallt hatten, erwiesen sich plötzlich als großherzige Spender. Ist da nicht Gottes Geist am Werk gewesen?

Philippus war einer der Diakone, die die Apostel eingesetzt und damit beauftragt hatten, sich um die Notleidenden in den jungen christlichen Gemeinden zu kümmern. Philippus hatte an der Küste in Gaza zu tun und war nun auf dem Weg in die hochgelegene Stadt Jerusalem... Da kam ihm eine prächtige Staatskarosse entgegen mit einem ganzen Tross von Menschen und Tieren. Eine bedeutende Persönlichkeit musste da unterwegs sein. Ehrerbietig trat Philippus zur Seite, wollte von der Vorhut des Zuges aber doch wissen, wer da kam und wohin die Reise ging. Der Herr Finanzminister ihrer Majestät der Königin von Äthiopien - so wurde ihm gesagt - war zum Tempel in Jerusalem gekommen und befand sich jetzt auf der Heimreise. Himmel, anderthalb tausend Meilen lagen noch vor ihm! Was mochte ihn bewogen haben, sich auf diese wochenlange Reise zu machen?

Aber Moment mal, Finanzminister einer Königin? Dann musste das doch ein Eunuch sein. Denn ein hohes Staatsamt durften bei ausländischen Königinnen nur Männer bekleiden, die sich ihre Männlichkeit hatten nehmen lassen, um mögliche Intimitäten und Kompromittierungen von vornherein auszuschließen. Was mag das für ein Mann sein, fragte sich Philippus, und ging ganz nah an den Wagen heran, um sich den Mann näher anzusehen Und da saß er, wie man sie sich vorstellte die Eunuchen: fettleibig, über und über mit Schmuck behangen, und mit einer Fistelstimme. Mit der las der Mann laut vor sich hin. Ihm war die Gebrochenheit seiner Person anzusehen und anzuhören. Auf der einen Seite eine glanzvolle Karriere: Bis ins Zentrum der Macht hinein war er gelangt. Geld spielte keine Rolle, es gab keinen Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Auf der anderen Seite verstümmelt bis in den Kern seiner Person hinein. Warum war dieser Mann zum Tempel gekommen, was hatte er dort erwartet? Vielleicht hatte er von der Barmherzigkeit des Gottes Israels gehört, der ein Herz hat für gebrochene Menschen. Doch verschnittenen Männern war nach jüdischem Gesetz der Tempel verschlossen. Er war noch nicht einmal in die für Heiden erlaubte Vorhöfe gelangt. Der Mann musste wieder umkehren. Und selbst die großen Apostel waren nicht frei davon.

Philippus aber wendet sich nicht kopfschüttelnd oder achselzuckend ab, sondern bleibt ganz nah dran an dem Mann, hört, was er liest, wie er sich abmüht mit einer Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja, von dem sich der Mann offenbar eine Buchrolle gekauft hatte, um nicht ganz mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Er liest über den geheimnisvollen Gottesknecht, der sich wehr- und widerspruchslos seinen Mördern überlässt, denen, die ihn aller Ehre und Würde berauben. Wie sollte der Mann in der Staatskarosse das verstehen?

Und so spricht Philippus ihn an: „Brauchst du Hilfe, Herr?“ Der Mann ist daran gewöhnt, dass man ihm voller Scheu und Ehrerbietung begegnet. Hier aber läuft ihm einer über den Weg, der seine Ratlosigkeit und seine Suche nach Gott wahrnimmt, der sich offenbar auskennt mit dem Gott der Juden und ihn, den heidnischen Verschnittenen, dennoch nicht zurückweist. „Ja komm, steig ein, setz dich zu mir, und erkläre mir, von wem hier die Rede ist und was das soll.“

Für die Wächter geheiligter Ordnungen mag es weiterhin Schranken und Tabus geben. Dieser Bote Jesu Christi aber kennt keine Berührungsängste, weil sein Herr es ist, von dem da geschrieben steht. Sein Herr, der nicht nur aus der Distanz heraus verkündigt, sondern der durch Nähe und Zuwendung bezeugt werden will. Durch Menschen, die eine Strecke mitfahren auf dem Wagen des Lebens, Bis der andere merkt: Ich bin miteinbezogen in die Geschichte des Gottes, der sich klein macht, so niedrig und gering, dass er in unseren geheimsten Schwächen und Ängsten bei uns ist und uns hinausführt ins Weite.

In der Taufe wird uns das auf den Leib geschrieben: Du gehörst zu dem, der dem Leid nicht aus dem Weg gegangen ist, und dir wird Leiden auch nicht erspart bleiben. Aber ins Leben Gottes ist er gedrungen, und dich nimmt er mit! Keine Frage, das will der Kämmerer sich zueigen machen. Zu diesem Herrn gehörig ist er nun kundig und frei. Da braucht er keinen Philippus mehr, und Gebrauchsanweisungen, wie man denn nun mit der Taufe zu leben hat, erst recht nicht. Bedenkenträger hätten hier viel auszusetzen.: Man könne doch nicht nach so kurzer Zeit taufen. Und man könne den Mann doch nicht in eine heidnische Umgebung entlassen, ohne ihm die Adresse der nächsten christlichen Gemeinde mitzugeben oder ihm das Versprechen abzunehmen, regelmäßig zurückzukommen und sich fortbilden zu lassen. Aber Christus braucht Menschen wie Philippus, die dem, was sie in Gottes Namen sagen und leben, auch etwas zutrauen.

Die beiden in der Kutsche – für mich sind sie ein Bild für die christliche Gemeinde. In Ihr treffen Schicksal und Auftrag aufeinander und zwar so, dass wir uns mal auf der einen und dann wieder auf der anderen Seite befinden. Wer dazu gehört, ist immer mal wieder darauf angewiesen, dass ein anderer aufspringt, bis Not beseitigt ist und Klarheit einzieht. Und wer dazu gehört, muss darauf gefasst sein, Vorbehalte und Bedenken hintanzustellen, wo Menschen – aus welchen Gründen auch immer – auf Hilfe und Verständnis angewiesen sind. In beiden Fällen hat Gott seine Hand im Spiel.

Amen.

Perikope

Unsere Lebensstraße fröhlich ziehen? - Predigt zu Apg 8, 26-39 von Prof. Dr. Axel Dennecke

Unsere Lebensstraße fröhlich ziehen? - Predigt zu Apg 8, 26-39 von Prof. Dr. Axel Dennecke
8, 26-39

1. Die Straße seines Lebens fröhlich ziehen!

„Er aber zog seine Straße fröhlich“, heißt es mutig und programmatisch zugleich von einem Finanzminister aus dem ferner Äthiopien. Zuvor wurde er – mir nichts, dir nichts -- von Philippus an einem Bach – sie kamen ganz zufällig da vorbei -- getauft. Ja, was ist denn das? Die erste Taufe, von der ausführlich in der Bibel berichtet wurde – und so ganz anders als bei uns die Taufen ablaufen. Kein ordentliches Taufbekenntnis (erst in späteren Schriften dogmatisch korrekt hinzugefügt) – kein liturgisches Gottesdienstgeschehen, keine Paten, keine anschließende Familienfeier, kein nachgezogener Taufunterricht in der Konfirmandenzeit, nichts von alledem, was wir heute von der Taufe kennen. Einfach so. „Sieh, da ist Wasser. Was hinderts, dass ich mich taufen lasse?“ Nichts hindert den Philippus daran. Er tauft einfach. Und ab sofort ist der hohe Finanzminister aus Äthiopien ein getaufter Christ. Einfach so. „Und er zog seine Straße fröhlich“. Wir hören nichts mehr von ihm in der Bibel. Also, ob er im Glauben standhaft blieb, ob er im fernen Äthiopien eine Gemeinde fand, in der er zu Hause sein sonnte. Wie er überhaupt seinen neuen christlichen Glauben lebte? Nix da, bleibt alles im Dunkel. Doch „er zog seine Straße fröhlich“.

2. Die Straße unseres Lebens fröhlich ziehen?

Manchmal frage ich mich, wie denn das bei uns ist mit unserer Taufe, die wir als mehr oder weniger gute Christen irgendwann einmal empfangen haben? Ziehen wir unsere Straße fröhlich durch unser Leben? Was auch immer kommen mag, was das Leben auch immer bringen mag, macht nichts, wir ziehen unsere Straße fröhlich, so oder so ? Hat die Taufe solch eine Wirkung bei uns? Es wäre wirklich schön, wenn es so wäre. Doch manchmal frage ich mich, ob das nicht nur ein schöner Traum ist, zu schön um wirklich wahr zu sein? Oder?

3. Eine unwirkliche Geschichte. Wirklich?

Es ist fast schon eine unwirkliche Geschichte, die da erzählt wird von der ersten Taufe der Christenheit. Alles ist phantastisch irreal. Ein Finanzminister aus Äthiopien pilgert als Judenfreund nach Jerusalem, um anzubeten und da vielleicht – vielleicht!. – den rechten Glauben zu finden. Schon das ist ungewöhnlich. Aber nun ja, nicht ganz unvorstellbar bei der Verbreitung des Judentums in der damaligen Welt. Und Jerusalem war schon damals eine religiöse Hochburg. Schmelztiegel von allerlei religiösen Impulsen. Da will der Finanzminister also hin, will ein bibeltreuer Jude werden, wie immer das auch aussehen mag. Er ist nun schon auf der Heimreise Ob er in Jerusalem das fand, was er suchte, wissen wir nicht. Es heißt nur, dass der in der (hebräischen) Bibel liest, natürlich eine ganz zentrale Stelle, Jes. 53, eines der sogenannten Gottesknechtslieder, die der christliche Glaube auf Jesus hin deutet. Und er versteht – wen wundert das? – nichts, versteht nur Bahnhof, dieser Finanzminister. Es muss in seinem Kopf wie in einem Brummkreisel vorgehen, alles dreht sich, man könnte schwindlig werden. Religiöse Erleuchtung aus Jerusalem? Eher religiöse Verwirrung. Der arme Kerl.

Doch da ist Philippus zur Stelle. Ein Engel hat ihn dazu beauftragt, heißt es am Anfang. Also – so übersetze ich mal in der Psychologen-Sprache unserer Zeit – eine innere Stimme, die ihn halb bewusst, halb unbewusst auf den Weg nach Gaza schickt (ach Gaza denke ich, gerade Gaza, wo die Leute dort heute ganz andere Sorgen als eine theologische Diskussion über Jes. 53 haben). Dort kreuzen sich die Wege dieser beiden Menschen, des hohen Finanzministers und des angehenden Apostels und Tauflehrer Philippus. Die Wege kreuzen sich, es kommt zu einer Begegnung mit all den grandiosen Folgen, die dann in geballter Form kurz beschrieben sind. Also:

a. Jes. 53, das Gottesknechtslied

b. „Ich verstehe nix“

c. Kannst du mir da helfen?

d. Natürlich, ich kann es. Eine Predigt von Christus.

 „Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte das Evangelium von Jesus“. Wie er es predigte, erfahren wir nicht. Nur, dass er es tat. Und es muss wohl eine umwerfende, ja revolutionäre Kraft für und in dem hohen Finanzminister ausgelöst haben. Sein Leben muss sich – kann man nur mutmaßen, aber anders ist es nicht vorstellbar, was da geschieht – um und um gekehrt, auf den Kopf, nein besser, erst jetzt endlich auf die Füße gestellt haben. „Er wurde bekehrt zu unserem Herren Jesus“ sagen fromme Pietisten zu diesem Geschehen. In ihm kam es zu einem entscheidenden „inneren Durchbruch“ sagen uns die Psychologen. Wie bei Saulus-Paulus bei Damaskus, „Das Alte ist vergangen, siehe alle ist neu geworden“ und weiter bei Paulus „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“. So etwas Ähnliches muss bei dem Finanzminister passiert sein. Nicht genau bei wie Paulus theologisch sauber reflektiert, in der Sache aber sehr ähnlich. So dann auch seine spontane Reaktion „Siehe da ist Wasser, was hinderts, dass ich mich taufen lasse?“

Und nun das Besondere, das für uns heute Überraschende. Nichts hindert, rein gar nichts. Kein ordentliches Taufbekenntnis, keine Katechismusfragen. Es reicht aus, dass der Finanzminister es einfach will. Und Philippus tauft ihn am Wasser: Und ab sofort ist der Finanzminister ein Christ. Einfach so. Punkt, Ende, Aus. Das war‘s, Und so soll es bei jeder Taufe (es ist ja die erste Taufe, von der in der Bibel berichtet wird, also ein exemplarisches Vorbild aller Taufen) zugehen. Geht es so zu bei uns?

„Und er zog seine Straße fröhlich“, also so an die 1000 Km weiter bis nach Äthiopien, südlich von Ägypten, fast schon im tiefsten und heißesten Afrika, ganz weit weg von der normal christlichen Zivilisation.

 „Und er zog seine Straße fröhlich“.


4. Die Straße seines Lebens fröhlich ziehen! Ja, wirklich!

Ja, darauf kommt es an: Die Straße seines Lebens fröhlich zu ziehen. Dazu dient die christliche Taufe. Denn ganz unabhängig von allen dogmatische Quisquilien über die Taufe ist die Taufe – Dogmatik hin, Dogmatik her – ihrem Wesen nach eine innere Verbindung mit Gott. Ich sage nicht nur: eine äußere. Das ist sie auch. Ein äußeres Zeichen, dass man zu Gott gehören will. Äußerlich. Aber Taufe ist noch mehr. Das äußere Zeichne einer inneren Verbindung zu Gott. Ich und Gott, Gott und ich sind nicht mehr voneinander zu trennen. Das steht fest, Im Stammbuch jedes Täuflings heute wird durch ein kirchliches Siegel amtlich dokumentiert und vermeldet, dass Gott und der Täufling zusammen gehören. Nicht weil der Täufling so toll ist, sondern weil Gott so „toll“ ist, sich mit dem Menschen, mit jedem Menschen, verbinden zu wollen. Das ist christliche Ur-Überzeugung, dokumentiert in der Ur-Kunde von der Taufe des hohen Finanzministerns aus dem fernen, uns allen allzu fernen Äthiopien. Ein fernes Dokument selbst im Neuen Testament ein fernes Dokument, doch es gilt für alle. Bis heute! Bis zu diesem Augenblick.

“Und er zog seine Straße fröhlich“, dieser hohe Finanzbeamter aus dem fernen weithin heidnischen Äthiopien. Ich glaube ihm und ich glaube an ihn. Ich glaube, dass er seine Fröhlichkeit behalten hat. Er ganz allein, mitten in der allzu heidnischen Umwelt seiner Zeit. Warum glaube ich das? Weil ich der Kraft der Taufe – Gott soll da selbst real dabei sein, so bekennen wir lauthals, doch glauben wir‘s auch? – zutraue, dass sie uns fähig macht, die Straße unseres Lebens – wie auch immer mit Sackgassen und Irrwegen sie aussehen mag – fröhlich zu ziehen. Dennoch! Trotz alledem! Trotz all der Misserfolge, die wir uns immer wieder selbst zufügen., also die wir im Laufe unseres Lebens tapfer angehäuft haben. Trotz all der Verleugnungen Gottes, der Verzweiflung an Gott, des Verlustes an Gottvertrauen, das uns plagt, das wir uns selbst zuzuschreiben haben. Trotz alledem? Trotz alledem!

Und so kann ich am Ende nur ganz einfach und schlicht uns alle, uns Christen, Halb-Christen, Vielleicht- noch-Christen, na ja, vermeintlichen Nicht-Christen -- freundlich darauf hinweisen, dass die innere Beziehung zu Gott ganz unabhängig von dogmatischen Verordnungen der Kirche einfach für jeden Einzelnen von uns objektiv möglich ist. Objektiv, sage ich. Weil keine Kirche welche auch immer, Bestimmungen darüber erlassen kann, erlassen darf, wie diese unmittelbare Beziehung zu Gott aussehen mag.

Wenn Sie das nicht glauben und es als unbotmäßige Kritik an der real existierenden Kirche empfinden (ich vermute, einige empfinden es so), so verweise ich Sie am Ende auf den biblischen Text selbst. Den Autoren der Bibel im 1. Jahrhundert war das Verhalten des Philippus schon recht verdächtig. Man kann doch nicht so einfach, ohne die Ernsthaftigkeit des Taufbegehrens zu prüfen, an einem x- beliebigen Wasser so vor sich hin taufen. Geht doch nicht. Der potentielle Täufling muss doch ein ordentliches Bekenntnis ablegen, dogmatisch einigermaßen korrekt. Deswegen die späte Hinzufügung, die (zum Glück) nur als Anmerkung in der Bibel abgedruckt ist „Philippus aber sprach:. Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach. Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist“. Na ja, immerhin noch kein trinitarisches Bekenntnis. Deutlich ist aber dies: Ursprünglich wurde jeder (unabhängig von jeder Glaubensprüfung) getauft, der es wollte. Wer es begehrte. So war es. Und er konnte –frei von allen dogmatischen Wackersteinen – dann seine Straße fröhlich ziehen. So soll es sein, so soll es wieder werden. Dann aber kamen eben leider die „dogmatischen Wackersteine“, die im Laufe der Zeit immer schwerer wurden. Wen wundert‘s, dass wir alle unsere christliche Straße nicht mehr so fröhlich ziehen. Oder?

Ich plädiere – einseitig und urchristlich wie ich nun einmal bin – dafür, dass wir uns an Philippus halten, der einfach tauft, weil einer es will. Das reicht aus. Ich plädiere dafür, dass wir unseren christlichen Glauben nicht dogmatisch mit Wackersteinen belasten, sondern ihn fröhlich - wie verkorkst er auch immer nach außen aussehen mag - von innen her mit Gott gestalten. Gott setzt keine Vorbehalte, um an ihm zu glauben, er benutzt – neutestamentlich verbürgt – unseren klitzekleinen Senfkornglauben, um ihn von sich aus umzuwandeln in den Glauben, den ein jeder von uns braucht, um die Straße seines Lebens fröhlich ziehen zu können.

Das glaube ich, darauf vertraue ich.

Also: Alle ihr lieben Christen, Halb-Christen, Viertel-Christen, vermeintliche Gar-nicht-mehr-Christen, die ihr getauft seid auf den Namen Gottes, zieht die Straße eures Lebens fröhlich,

Besseres könnt ihr nicht tun. Und wenn ihr meint, ihr seid damit allein und einsam, denkt an den hohen Finanzminister aus Äthiopien. Er war ganz allein. Ganz allein im fernen afrikanischen Äthiopien, nahe am Äquator – und ich vertraue darauf: er zog die Straße seines Lebens weiter fröhlich, wie er Gott gefunden hatte.

 

 

Perikope

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8, 26-39 von Michael Nitzke

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8, 26-39 von Michael Nitzke
8,26-39

Liebe Gemeinde,

manche biblischen Geschichten sind wie ein alter Film. Man hat ihn ‚gefühlt‘ schon hundertmal gesehen, aber wenn ich mitbekomme, dass er auf irgendeinem Sender spätabends nochmal läuft dann, versuche ich, wach zu bleiben, um mich in die schöne alte Geschichte zu versenken.

Ich freue mich an den alten Erinnerungen. Da ist Philippus, ein Missionar und Diakon. Er verkündigt das Wort Gottes und setzt sich ein für die Armen in der Gemeinde. Und er muss wohl ein Sonderbeauftragter Gottes gewesen sein, denn der schickt ihn spontan in Situationen, wo seine Hilfe gebraucht wird.

Auf diese Weise kommt er an die Straße von Jerusalem nach Gaza, dort soll ein Wagen vorbeikommen, an den soll er sich halten. Mehr sagt sein Auftrag nicht aus. Da ist also Eigeninitiative gefragt. Und Philippus hatte zuvor schon Mut bewiesen. Und den braucht er auch jetzt, denn es begegnet ihm eine hochgestellte Persönlichkeit. Ein enger Mitarbeiter der Königin von Äthiopien. Er war der Herr über ihren ganzen Schatz. Diese hochgestellte Persönlichkeit kam nach Jerusalem, um Gott anzubeten. Wörtlich heißt das: „um niederzuknien“. Ein Repräsentant eines fremden Landes, will sich dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs unterordnen.

Kein Grund für Verwunderung: Zwischen Äthiopien und Israel bestanden deutliche Verbindungslinien. Stammte die Königin, der der Kämmerer diente, wirklich von König David ab, der Jerusalem gründete? Oder sind auf andere Weise Menschen nach Äthiopien gekommen, die an den Gott der zehn Gebote glaubten? Bis in die heutige Zeit finden sich Spuren des Judentums in diesem alten, stolzen afrikanischen Land. Und in mehreren Wellen hat der Staat Israel die Äthiopier, die sich als Juden empfanden mit Flugzeugen heimgeholt.

Ob Philippus von solchen alten Verbindungen eine Ahnung hatte, wissen wir nicht. Jedenfalls war Philippus mit Hilfe des Heiligen Geistes zur rechten Zeit am rechten Ort. Und er stellt dort einem richtigen Menschen die richtige Frage:1 „Verstehst Du auch, was Du da liest?“

Was versteht der Kämmerer nicht an den Worten des Propheten Jesaja? Dass ein Schaf ruhig zur Schlachtbank geht, und sich schweigend das Fell über die Ohren ziehen lässt? Oder dass am Ende doch alles gut wird, und dieses Schaf, das sein irdisches Leben verliert, mit himmlischem Leben belohnt wird?

Nein, das erscheint dem Äthiopier gar nicht so unwahrscheinlich. Er will viel lieber wissen, wem diese Prophezeiung gilt. Deshalb ist er dankbar für die Frage des Philippus. Er sieht sie nicht als Anmaßung, sondern als Angebot.

Philippus deutet den von Jesaja beschriebenen Gottesknecht als den Sohn Gottes, also auf Jesus Christus. In Jesus Christus laufen alle Linien zusammen, er hat sich selbst als Lamm Gottes gesehen, das sein Leben geben muss für andere. Und er hat sich als guter Hirte empfunden, der sein eigenes Leben riskiert, um keines dieser Schafe zu verlieren, die ihm anvertraut wurden.

Der Äthiopier saugt die Worte auf wie ein Schwamm. Er ist begeistert von der Erzählkunst des Philippus und spontan will er die Taufe empfangen, von der ihm Philippus erzählt haben muss.

Reicht die Begeisterung aus, um dieses Sakrament zu empfangen? Oder muss nach einem Glaubensbekenntnis gefragt werden? Neure Forschung ist da sehr offen und stellt den Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Stifter des Glaubens über die Übereinstimmung mit den Inhalten der Überlieferung.

Nein, es hindert nichts an seiner Taufe, und doch bin ich überzeugt, dass dieser Kämmerer aus Äthiopien diesen einen Satz sein Leben lang im Herzen getragen hat: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“

Nun versenke ich mich wieder in meinen alten Film am späten Abend und sehe förmlich vor dem inneren Auge, wie der hochgestellte Mann sich abermals erniedrigt, wie zuvor schon am Tempel in Jerusalem, nun aber an einem Tümpel auf dem Weg nach Gaza.

Er kniet nieder in der Wasserstelle, bis sich die Fluten über seinem Kopf schließen. Er wird untergetaucht, er wird getauft. Alles, was ihn belastet, wird von ihm abgewaschen. All der Schmutz, mit dem sich ein Mann in seiner Position befleckt haben wird, löst sich von seinem Körper, und damit wird auch seine Seele gereinigt. Und er kann gewiss sein: das, wovon der Kämmerer nun reingewaschen wurde, ist von Jesus Christus schon aufgenommen worden, als er sich bei seiner eigenen Taufe wieder aus den Fluten des Jordans erhob.

Und dann ging ihm wieder durch den Kopf, was er zuvor gelesen hatte, bevor Philippus in gefragt hatte. Und nun verstand er, was er da las: 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. (Jes 53)

Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? (Apg 8,34)

Die Frage des Kämmerers ist bis heute nicht geklärt. Aber wer glaubt, dass Jesus Christus sein Leben für uns gegeben hat, damit wir befreit leben können, der fühlt in seinem Herzen, dass die Vision des Jesaja durch Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi Wirklichkeit geworden ist.

Der Betrachter des abendlichen Films sieht den nachdenkenden Kämmerer aus Äthiopien, mehr lässt die Szene nicht erkennen. Philippus ist nicht mehr zu sehen. Der Herr hat ihn an einen anderen Ort versetzt, dort erfüllt er nun die Aufgaben seines Herrn. Wenn so etwas in der Bibel steht, dann fragen sich alle: „Wie kann so was gehen?“ Wenn ich in einer alten Raumschiff-Enterprise-Folge sehe, wie Bord-Ingenieur Scotty den Vulkanier Mr. Spock auf einen neu entdeckten Planeten beamt, dann zweifle ich nicht, dass das bald möglich sein wird. Denn in Fragen der Kommunikation sind wir ja längs weiter als diese Raumschiff-Besatzung aus den 70er Jahren. Also wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir das blitzschnelle Transferieren eines Körpers beherrschen.

Aber was bringt uns das? Vielleicht hat sich Philippus einfach nur beeilt, um von der Straße nach Gaza zu seinem neuen Ziel in Aschdod zu kommen. Die 25 Kilometer Luftlinie könnte er mit seinem missionarischen Elan alsbald bewältigt haben.

Der aufmerksame Film-Betrachter erkennt nun, dass sich die Gesichtszüge des Kämmerers zusehends aufhellen. Ja, er wird fröhlich. Ganz anders als er losgefahren ist. Um das wirklich zu würdigen, reicht nicht der Blick auf den alten Film, der vor dem inneren Auge läuft, sondern es ist das Hören auf die alten Sprachen notwendig.

Der Geist spricht zu Philippus: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens, die Straße ist öde. Da ist nichts los. In den alten Sprachen erinnert das Wort für öde an eine Wüste. Wüst und öde, war die Welt vor der Schöpfung. Also war da überhaupt nichts. Ziemlich traurig, also.

Zweitens das Ziel der Straße: Gaza. Heute ist so eine Reise kaum noch möglich. Eine bekannte Internet-Navigation sagt zu jeglicher Reise von Jerusalem nach Gaza: „Die Route von "Jerusalem, Israel" nach "Gaza" konnte nicht berechnet werden.“2 Die Grenzen sind zu allen Seiten dicht, und die politischen Gründe dafür sind offenkundig.

Damals hatte man beim Ortsnamen Gaza sicher andere Assoziationen. Beim Dienstauftrag an Philippus werden Jerusalem und Gaza in einem Atemzug genannt. Bei der Reise des Kämmerers ebenso. Das ist aber nur in der griechischen und der lateinischen Version erkennbar.

Bei Luther steht: „ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen,“

Statt des Wortes Schatzmeister steht im Lateinischen: „qui erat super omnes gazas eius“, „der war über allen ihren Schätzen“. Auch im Griechischen wird man in gleicher Weise an die Stadt Gaza erinnert, wenn es um einen Schatz geht. Das wäre heute so, als führe man auf der Straße von Leipzig nach Dresden, um in der Mitte des Weges, in der Stadt Oschatz, einen Schatz zu suchen. Heute mag das dort gelingen. Aber damals wurde die Straße von Jerusalem nach Gaza als öde beschrieben. Der Kämmerer musste diese Straße zurückfahren, und über Gaza hinaus zu seinen Schätzen, die er in Äthiopien hüten musste. Sicher erschien ihm diese Aufgabe nun genauso öde, wie die Straße, die durch die Wüste Judäas führt. In der Zusammenballung dieser Worte in der Ursprache wird das ganz deutlich. Die Schätze der Königin machen den Kämmerer nicht mehr glücklich, sie sind öde für ihn. Selbst wenn für ihn etwas abfällt, das bringt ihm nichts. Das ist einfach nur Wüste, als er nach Hause aufbricht.

Als er aber im Tümpel getauft wurde, und Philippus schon längst bei anderen Aufgaben war, da wird von diesem Kämmerer gesagt: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“ (Apg 8,39) Es war dieselbe Straße: die Straße, die öde war. Die zog er nun weiter, und er war nun dabei fröhlich.

Seine Taufe hat ihn verwandelt. Dieses Bad im Wasser des Tümpels war für ihn viel mehr als das Niederknieen am Tempel. Er war gekommen, um den Gott anzubeten, den die Vorfahren seiner Königin kennen gelernt hatten. Doch nun hat er erfahren, dass der Sohn dieses Gottes sein Leben verwandelt.

Sein vermeintlich reiches Leben, das aber doch nur öde war, wie die Reise nach Hause, das hat sich nun verändert. Er ist fröhlich geworden.

Es ist fast so, als hätte jemand für den alten Film einen neuen Schluss geschrieben. Leider gibt es keinen zweiten Teil von diesem Film. Wir wissen nicht, wie der Kämmerer sein Leben verändert hat. Aber wir können uns von seiner Fröhlichkeit anstecken lassen.

Seine Beschäftigung mit den Fragen des Glaubens hat ihn dazu geführt einen Gast aufzunehmen, der sich nicht scheute zu fragen: „verstehst Du auch, was Du da liest?“. Und als er begann zu verstehen, da wollte er ganz in diese Welt des Glaubens eintauchen. Er tauchte unter im Wasser der Taufe und er tauchte wieder auf und war ein fröhlicher Mensch. Auf diesem Weg der Fröhlichkeit dürfen wir ihm folgen und uns anstecken lassen von seiner Begeisterung.

So wollen wir uns vom Geist führen lassen wie Philippus, dass dieser Geist uns fröhlich mache, wie den Kämmerer aus Äthiopien.  Amen.

Anmerkungen:

1: Elberfelder Bibel mit Erklärungen. 5. Aufl. 2013 zu Apg 8,34.

2: www.google.de/maps/dir/Jerusalem,+Israel/Gaza/ (22.6.2018)

 

 

 

 

 

 

Perikope

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8,26-39 von Michael Nitzke

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8,26-39 von Michael Nitzke
8,26-39

6. Sonntag nach Trinitatis

8.7.2018

Apg 8,26-39

Ein ödes Leben wird fröhlich

 

26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!

30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.

32 Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen."

34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?

35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. 36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?

37 Vers 37 findet sich nur in einigen Handschriften: "Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist."

38 Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

 

Liebe Gemeinde,

manche biblischen Geschichten sind wie ein alter Film. Man hat ihn ‚gefühlt‘ schon hundertmal gesehen, aber wenn ich mitbekomme, dass er auf irgendeinem Sender spätabends nochmal läuft dann, versuche ich, wach zu bleiben, um mich in die schöne alte Geschichte zu versenken.

Ich freue mich an den alten Erinnerungen. Da ist Philippus, ein Missionar und Diakon. Er verkündigt das Wort Gottes und setzt sich ein für die Armen in der Gemeinde. Und er muss wohl ein Sonderbeauftragter Gottes gewesen sein, denn der schickt ihn spontan in Situationen, wo seine Hilfe gebraucht wird.

Auf diese Weise kommt er an die Straße von Jerusalem nach Gaza, dort soll ein Wagen vorbeikommen, an den soll er sich halten. Mehr sagt sein Auftrag nicht aus. Da ist also Eigeninitiative gefragt. Und Philippus hatte zuvor schon Mut bewiesen. Und den braucht er auch jetzt, denn es begegnet ihm eine hochgestellte Persönlichkeit. Ein enger Mitarbeiter der Königin von Äthiopien. Er war der Herr über ihren ganzen Schatz. Diese hochgestellte Persönlichkeit kam nach Jerusalem, um Gott anzubeten. Wörtlich heißt das: „um niederzuknien“. Ein Repräsentant eines fremden Landes, will sich dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs unterordnen.

Kein Grund für Verwunderung: Zwischen Äthiopien und Israel bestanden deutliche Verbindungslinien. Stammte die Königin, der der Kämmerer diente, wirklich von König David ab, der Jerusalem gründete? Oder sind auf andere Weise Menschen nach Äthiopien gekommen, die an den Gott der zehn Gebote glaubten? Bis in die heutige Zeit finden sich Spuren des Judentums in diesem alten, stolzen afrikanischen Land. Und in mehreren Wellen hat der Staat Israel die Äthiopier, die sich als Juden empfanden mit Flugzeugen heimgeholt.

Ob Philippus von solchen alten Verbindungen eine Ahnung hatte, wissen wir nicht. Jedenfalls war Philippus mit Hilfe des Heiligen Geistes zur rechten Zeit am rechten Ort. Und er stellt dort einem richtigen Menschen die richtige Frage:1 „Verstehst Du auch, was Du da liest?“

Was versteht der Kämmerer nicht an den Worten des Propheten Jesaja? Dass ein Schaf ruhig zur Schlachtbank geht, und sich schweigend das Fell über die Ohren ziehen lässt? Oder dass am Ende doch alles gut wird, und dieses Schaf, das sein irdisches Leben verliert, mit himmlischem Leben belohnt wird?

Nein, das erscheint dem Äthiopier gar nicht so unwahrscheinlich. Er will viel lieber wissen, wem diese Prophezeiung gilt. Deshalb ist er dankbar für die Frage des Philippus. Er sieht sie nicht als Anmaßung, sondern als Angebot.

Philippus deutet den von Jesaja beschriebenen Gottesknecht als den Sohn Gottes, also auf Jesus Christus. In Jesus Christus laufen alle Linien zusammen, er hat sich selbst als Lamm Gottes gesehen, das sein Leben geben muss für andere. Und er hat sich als guter Hirte empfunden, der sein eigenes Leben riskiert, um keines dieser Schafe zu verlieren, die ihm anvertraut wurden.

Der Äthiopier saugt die Worte auf wie ein Schwamm. Er ist begeistert von der Erzählkunst des Philippus und spontan will er die Taufe empfangen, von der ihm Philippus erzählt haben muss.

Reicht die Begeisterung aus, um dieses Sakrament zu empfangen? Oder muss nach einem Glaubensbekenntnis gefragt werden? Neure Forschung ist da sehr offen und stellt den Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Stifter des Glaubens über die Übereinstimmung mit den Inhalten der Überlieferung.

Nein, es hindert nichts an seiner Taufe, und doch bin ich überzeugt, dass dieser Kämmerer aus Äthiopien diesen einen Satz sein Leben lang im Herzen getragen hat: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“

Nun versenke ich mich wieder in meinen alten Film am späten Abend und sehe förmlich vor dem inneren Auge, wie der hochgestellte Mann sich abermals erniedrigt, wie zuvor schon am Tempel in Jerusalem, nun aber an einem Tümpel auf dem Weg nach Gaza.

Er kniet nieder in der Wasserstelle, bis sich die Fluten über seinem Kopf schließen. Er wird untergetaucht, er wird getauft. Alles, was ihn belastet, wird von ihm abgewaschen. All der Schmutz, mit dem sich ein Mann in seiner Position befleckt haben wird, löst sich von seinem Körper, und damit wird auch seine Seele gereinigt. Und er kann gewiss sein: das, wovon der Kämmerer nun reingewaschen wurde, ist von Jesus Christus schon aufgenommen worden, als er sich bei seiner eigenen Taufe wieder aus den Fluten des Jordans erhob.

Und dann ging ihm wieder durch den Kopf, was er zuvor gelesen hatte, bevor Philippus in gefragt hatte. Und nun verstand er, was er da las: 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. (Jes 53)

Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? (Apg 8,34)

Die Frage des Kämmerers ist bis heute nicht geklärt. Aber wer glaubt, dass Jesus Christus sein Leben für uns gegeben hat, damit wir befreit leben können, der fühlt in seinem Herzen, dass die Vision des Jesaja durch Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi Wirklichkeit geworden ist.

Der Betrachter des abendlichen Films sieht den nachdenkenden Kämmerer aus Äthiopien, mehr lässt die Szene nicht erkennen. Philippus ist nicht mehr zu sehen. Der Herr hat ihn an einen anderen Ort versetzt, dort erfüllt er nun die Aufgaben seines Herrn. Wenn so etwas in der Bibel steht, dann fragen sich alle: „Wie kann so was gehen?“ Wenn ich in einer alten Raumschiff-Enterprise-Folge sehe, wie Bord-Ingenieur Scotty den Vulkanier Mr. Spock auf einen neu entdeckten Planeten beamt, dann zweifle ich nicht, dass das bald möglich sein wird. Denn in Fragen der Kommunikation sind wir ja längs weiter als diese Raumschiff-Besatzung aus den 70er Jahren. Also wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir das blitzschnelle Transferieren eines Körpers beherrschen.

Aber was bringt uns das? Vielleicht hat sich Philippus einfach nur beeilt, um von der Straße nach Gaza zu seinem neuen Ziel in Aschdod zu kommen. Die 25 Kilometer Luftlinie könnte er mit seinem missionarischen Elan alsbald bewältigt haben.

Der aufmerksame Film-Betrachter erkennt nun, dass sich die Gesichtszüge des Kämmerers zusehends aufhellen. Ja, er wird fröhlich. Ganz anders als er losgefahren ist. Um das wirklich zu würdigen, reicht nicht der Blick auf den alten Film, der vor dem inneren Auge läuft, sondern es ist das Hören auf die alten Sprachen notwendig.

Der Geist spricht zu Philippus: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens, die Straße ist öde. Da ist nichts los. In den alten Sprachen erinnert das Wort für öde an eine Wüste. Wüst und öde, war die Welt vor der Schöpfung. Also war da überhaupt nichts. Ziemlich traurig, also.

Zweitens das Ziel der Straße: Gaza. Heute ist so eine Reise kaum noch möglich. Eine bekannte Internet-Navigation sagt zu jeglicher Reise von Jerusalem nach Gaza: „Die Route von "Jerusalem, Israel" nach "Gaza" konnte nicht berechnet werden.“2 Die Grenzen sind zu allen Seiten dicht, und die politischen Gründe dafür sind offenkundig.

Damals hatte man beim Ortsnamen Gaza sicher andere Assoziationen. Beim Dienstauftrag an Philippus werden Jerusalem und Gaza in einem Atemzug genannt. Bei der Reise des Kämmerers ebenso. Das ist aber nur in der griechischen und der lateinischen Version erkennbar.

Bei Luther steht: „ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen,“

Statt des Wortes Schatzmeister steht im Lateinischen: „qui erat super omnes gazas eius“, „der war über allen ihren Schätzen“. Auch im Griechischen wird man in gleicher Weise an die Stadt Gaza erinnert, wenn es um einen Schatz geht. Das wäre heute so, als führe man auf der Straße von Leipzig nach Dresden, um in der Mitte des Weges, in der Stadt Oschatz, einen Schatz zu suchen. Heute mag das dort gelingen. Aber damals wurde die Straße von Jerusalem nach Gaza als öde beschrieben. Der Kämmerer musste diese Straße zurückfahren, und über Gaza hinaus zu seinen Schätzen, die er in Äthiopien hüten musste. Sicher erschien ihm diese Aufgabe nun genauso öde, wie die Straße, die durch die Wüste Judäas führt. In der Zusammenballung dieser Worte in der Ursprache wird das ganz deutlich. Die Schätze der Königin machen den Kämmerer nicht mehr glücklich, sie sind öde für ihn. Selbst wenn für ihn etwas abfällt, das bringt ihm nichts. Das ist einfach nur Wüste, als er nach Hause aufbricht.

Als er aber im Tümpel getauft wurde, und Philippus schon längst bei anderen Aufgaben war, da wird von diesem Kämmerer gesagt: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“ (Apg 8,39) Es war dieselbe Straße: die Straße, die öde war. Die zog er nun weiter, und er war nun dabei fröhlich.

Seine Taufe hat ihn verwandelt. Dieses Bad im Wasser des Tümpels war für ihn viel mehr als das Niederknieen am Tempel. Er war gekommen, um den Gott anzubeten, den die Vorfahren seiner Königin kennen gelernt hatten. Doch nun hat er erfahren, dass der Sohn dieses Gottes sein Leben verwandelt.

Sein vermeintlich reiches Leben, das aber doch nur öde war, wie die Reise nach Hause, das hat sich nun verändert. Er ist fröhlich geworden.

Es ist fast so, als hätte jemand für den alten Film einen neuen Schluss geschrieben. Leider gibt es keinen zweiten Teil von diesem Film. Wir wissen nicht, wie der Kämmerer sein Leben verändert hat. Aber wir können uns von seiner Fröhlichkeit anstecken lassen.

Seine Beschäftigung mit den Fragen des Glaubens hat ihn dazu geführt einen Gast aufzunehmen, der sich nicht scheute zu fragen: „verstehst Du auch, was Du da liest?“. Und als er begann zu verstehen, da wollte er ganz in diese Welt des Glaubens eintauchen. Er tauchte unter im Wasser der Taufe und er tauchte wieder auf und war ein fröhlicher Mensch. Auf diesem Weg der Fröhlichkeit dürfen wir ihm folgen und uns anstecken lassen von seiner Begeisterung.

So wollen wir uns vom Geist führen lassen wie Philippus, dass dieser Geist uns fröhlich mache, wie den Kämmerer aus Äthiopien.  Amen.

Anmerkungen:

1: Elberfelder Bibel mit Erklärungen. 5. Aufl. 2013 zu Apg 8,34.

2: www.google.de/maps/dir/Jerusalem,+Israel/Gaza/ (22.6.2018)


 

 

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8,26-39 von Michael Nitzke

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8,26-39 von Michael Nitzke
8,26-39

6. Sonntag nach Trinitatis

8.7.2018

Apg 8,26-39

Ein ödes Leben wird fröhlich

 

26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!

30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.

32 Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen."

34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?

35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. 36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?

37 Vers 37 findet sich nur in einigen Handschriften: "Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist."

38 Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

 

Liebe Gemeinde,

manche biblischen Geschichten sind wie ein alter Film. Man hat ihn ‚gefühlt‘ schon hundertmal gesehen, aber wenn ich mitbekomme, dass er auf irgendeinem Sender spätabends nochmal läuft dann, versuche ich, wach zu bleiben, um mich in die schöne alte Geschichte zu versenken.

Ich freue mich an den alten Erinnerungen. Da ist Philippus, ein Missionar und Diakon. Er verkündigt das Wort Gottes und setzt sich ein für die Armen in der Gemeinde. Und er muss wohl ein Sonderbeauftragter Gottes gewesen sein, denn der schickt ihn spontan in Situationen, wo seine Hilfe gebraucht wird.

Auf diese Weise kommt er an die Straße von Jerusalem nach Gaza, dort soll ein Wagen vorbeikommen, an den soll er sich halten. Mehr sagt sein Auftrag nicht aus. Da ist also Eigeninitiative gefragt. Und Philippus hatte zuvor schon Mut bewiesen. Und den braucht er auch jetzt, denn es begegnet ihm eine hochgestellte Persönlichkeit. Ein enger Mitarbeiter der Königin von Äthiopien. Er war der Herr über ihren ganzen Schatz. Diese hochgestellte Persönlichkeit kam nach Jerusalem, um Gott anzubeten. Wörtlich heißt das: „um niederzuknien“. Ein Repräsentant eines fremden Landes, will sich dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs unterordnen.

Kein Grund für Verwunderung: Zwischen Äthiopien und Israel bestanden deutliche Verbindungslinien. Stammte die Königin, der der Kämmerer diente, wirklich von König David ab, der Jerusalem gründete? Oder sind auf andere Weise Menschen nach Äthiopien gekommen, die an den Gott der zehn Gebote glaubten? Bis in die heutige Zeit finden sich Spuren des Judentums in diesem alten, stolzen afrikanischen Land. Und in mehreren Wellen hat der Staat Israel die Äthiopier, die sich als Juden empfanden mit Flugzeugen heimgeholt.

Ob Philippus von solchen alten Verbindungen eine Ahnung hatte, wissen wir nicht. Jedenfalls war Philippus mit Hilfe des Heiligen Geistes zur rechten Zeit am rechten Ort. Und er stellt dort einem richtigen Menschen die richtige Frage:1 „Verstehst Du auch, was Du da liest?“

Was versteht der Kämmerer nicht an den Worten des Propheten Jesaja? Dass ein Schaf ruhig zur Schlachtbank geht, und sich schweigend das Fell über die Ohren ziehen lässt? Oder dass am Ende doch alles gut wird, und dieses Schaf, das sein irdisches Leben verliert, mit himmlischem Leben belohnt wird?

Nein, das erscheint dem Äthiopier gar nicht so unwahrscheinlich. Er will viel lieber wissen, wem diese Prophezeiung gilt. Deshalb ist er dankbar für die Frage des Philippus. Er sieht sie nicht als Anmaßung, sondern als Angebot.

Philippus deutet den von Jesaja beschriebenen Gottesknecht als den Sohn Gottes, also auf Jesus Christus. In Jesus Christus laufen alle Linien zusammen, er hat sich selbst als Lamm Gottes gesehen, das sein Leben geben muss für andere. Und er hat sich als guter Hirte empfunden, der sein eigenes Leben riskiert, um keines dieser Schafe zu verlieren, die ihm anvertraut wurden.

Der Äthiopier saugt die Worte auf wie ein Schwamm. Er ist begeistert von der Erzählkunst des Philippus und spontan will er die Taufe empfangen, von der ihm Philippus erzählt haben muss.

Reicht die Begeisterung aus, um dieses Sakrament zu empfangen? Oder muss nach einem Glaubensbekenntnis gefragt werden? Neure Forschung ist da sehr offen und stellt den Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Stifter des Glaubens über die Übereinstimmung mit den Inhalten der Überlieferung.

Nein, es hindert nichts an seiner Taufe, und doch bin ich überzeugt, dass dieser Kämmerer aus Äthiopien diesen einen Satz sein Leben lang im Herzen getragen hat: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“

Nun versenke ich mich wieder in meinen alten Film am späten Abend und sehe förmlich vor dem inneren Auge, wie der hochgestellte Mann sich abermals erniedrigt, wie zuvor schon am Tempel in Jerusalem, nun aber an einem Tümpel auf dem Weg nach Gaza.

Er kniet nieder in der Wasserstelle, bis sich die Fluten über seinem Kopf schließen. Er wird untergetaucht, er wird getauft. Alles, was ihn belastet, wird von ihm abgewaschen. All der Schmutz, mit dem sich ein Mann in seiner Position befleckt haben wird, löst sich von seinem Körper, und damit wird auch seine Seele gereinigt. Und er kann gewiss sein: das, wovon der Kämmerer nun reingewaschen wurde, ist von Jesus Christus schon aufgenommen worden, als er sich bei seiner eigenen Taufe wieder aus den Fluten des Jordans erhob.

Und dann ging ihm wieder durch den Kopf, was er zuvor gelesen hatte, bevor Philippus in gefragt hatte. Und nun verstand er, was er da las: 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. (Jes 53)

Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? (Apg 8,34)

Die Frage des Kämmerers ist bis heute nicht geklärt. Aber wer glaubt, dass Jesus Christus sein Leben für uns gegeben hat, damit wir befreit leben können, der fühlt in seinem Herzen, dass die Vision des Jesaja durch Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi Wirklichkeit geworden ist.

Der Betrachter des abendlichen Films sieht den nachdenkenden Kämmerer aus Äthiopien, mehr lässt die Szene nicht erkennen. Philippus ist nicht mehr zu sehen. Der Herr hat ihn an einen anderen Ort versetzt, dort erfüllt er nun die Aufgaben seines Herrn. Wenn so etwas in der Bibel steht, dann fragen sich alle: „Wie kann so was gehen?“ Wenn ich in einer alten Raumschiff-Enterprise-Folge sehe, wie Bord-Ingenieur Scotty den Vulkanier Mr. Spock auf einen neu entdeckten Planeten beamt, dann zweifle ich nicht, dass das bald möglich sein wird. Denn in Fragen der Kommunikation sind wir ja längs weiter als diese Raumschiff-Besatzung aus den 70er Jahren. Also wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir das blitzschnelle Transferieren eines Körpers beherrschen.

Aber was bringt uns das? Vielleicht hat sich Philippus einfach nur beeilt, um von der Straße nach Gaza zu seinem neuen Ziel in Aschdod zu kommen. Die 25 Kilometer Luftlinie könnte er mit seinem missionarischen Elan alsbald bewältigt haben.

Der aufmerksame Film-Betrachter erkennt nun, dass sich die Gesichtszüge des Kämmerers zusehends aufhellen. Ja, er wird fröhlich. Ganz anders als er losgefahren ist. Um das wirklich zu würdigen, reicht nicht der Blick auf den alten Film, der vor dem inneren Auge läuft, sondern es ist das Hören auf die alten Sprachen notwendig.

Der Geist spricht zu Philippus: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens, die Straße ist öde. Da ist nichts los. In den alten Sprachen erinnert das Wort für öde an eine Wüste. Wüst und öde, war die Welt vor der Schöpfung. Also war da überhaupt nichts. Ziemlich traurig, also.

Zweitens das Ziel der Straße: Gaza. Heute ist so eine Reise kaum noch möglich. Eine bekannte Internet-Navigation sagt zu jeglicher Reise von Jerusalem nach Gaza: „Die Route von "Jerusalem, Israel" nach "Gaza" konnte nicht berechnet werden.“2 Die Grenzen sind zu allen Seiten dicht, und die politischen Gründe dafür sind offenkundig.

Damals hatte man beim Ortsnamen Gaza sicher andere Assoziationen. Beim Dienstauftrag an Philippus werden Jerusalem und Gaza in einem Atemzug genannt. Bei der Reise des Kämmerers ebenso. Das ist aber nur in der griechischen und der lateinischen Version erkennbar.

Bei Luther steht: „ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen,“

Statt des Wortes Schatzmeister steht im Lateinischen: „qui erat super omnes gazas eius“, „der war über allen ihren Schätzen“. Auch im Griechischen wird man in gleicher Weise an die Stadt Gaza erinnert, wenn es um einen Schatz geht. Das wäre heute so, als führe man auf der Straße von Leipzig nach Dresden, um in der Mitte des Weges, in der Stadt Oschatz, einen Schatz zu suchen. Heute mag das dort gelingen. Aber damals wurde die Straße von Jerusalem nach Gaza als öde beschrieben. Der Kämmerer musste diese Straße zurückfahren, und über Gaza hinaus zu seinen Schätzen, die er in Äthiopien hüten musste. Sicher erschien ihm diese Aufgabe nun genauso öde, wie die Straße, die durch die Wüste Judäas führt. In der Zusammenballung dieser Worte in der Ursprache wird das ganz deutlich. Die Schätze der Königin machen den Kämmerer nicht mehr glücklich, sie sind öde für ihn. Selbst wenn für ihn etwas abfällt, das bringt ihm nichts. Das ist einfach nur Wüste, als er nach Hause aufbricht.

Als er aber im Tümpel getauft wurde, und Philippus schon längst bei anderen Aufgaben war, da wird von diesem Kämmerer gesagt: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“ (Apg 8,39) Es war dieselbe Straße: die Straße, die öde war. Die zog er nun weiter, und er war nun dabei fröhlich.

Seine Taufe hat ihn verwandelt. Dieses Bad im Wasser des Tümpels war für ihn viel mehr als das Niederknieen am Tempel. Er war gekommen, um den Gott anzubeten, den die Vorfahren seiner Königin kennen gelernt hatten. Doch nun hat er erfahren, dass der Sohn dieses Gottes sein Leben verwandelt.

Sein vermeintlich reiches Leben, das aber doch nur öde war, wie die Reise nach Hause, das hat sich nun verändert. Er ist fröhlich geworden.

Es ist fast so, als hätte jemand für den alten Film einen neuen Schluss geschrieben. Leider gibt es keinen zweiten Teil von diesem Film. Wir wissen nicht, wie der Kämmerer sein Leben verändert hat. Aber wir können uns von seiner Fröhlichkeit anstecken lassen.

Seine Beschäftigung mit den Fragen des Glaubens hat ihn dazu geführt einen Gast aufzunehmen, der sich nicht scheute zu fragen: „verstehst Du auch, was Du da liest?“. Und als er begann zu verstehen, da wollte er ganz in diese Welt des Glaubens eintauchen. Er tauchte unter im Wasser der Taufe und er tauchte wieder auf und war ein fröhlicher Mensch. Auf diesem Weg der Fröhlichkeit dürfen wir ihm folgen und uns anstecken lassen von seiner Begeisterung.

So wollen wir uns vom Geist führen lassen wie Philippus, dass dieser Geist uns fröhlich mache, wie den Kämmerer aus Äthiopien.  Amen.

Anmerkungen:

1: Elberfelder Bibel mit Erklärungen. 5. Aufl. 2013 zu Apg 8,34.

2: www.google.de/maps/dir/Jerusalem,+Israel/Gaza/ (22.6.2018)


 

 

Wo Gott seine Hand im Spiel hat - Predigt zu Apg 8,26-39 von Sup. i.R. Rudolf Rengstorf

Wo Gott seine Hand im Spiel hat - Predigt zu Apg 8,26-39 von Sup. i.R. Rudolf Rengstorf
8,26-39

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wie  eine  Kalendergeschichte kommt sie daher, eine  Geschichte im Sonntagskleid, auf dem kein Stäubchen  liegt. Nichts ist dem Zufall überlassen - alles verläuft wie am  Schnürchen.  Gott  selbst  führt die Regie: bietet am Anfang gleich einen  Engel  auf,  um Philippus in Marsch zu setzen, später spricht er ihn  sogar  selber  an und sorgt dafür, dass er mitbekommt, als der Mann aus dem Morgenland bei seiner Lektüre der hebräischen Bibel  an einer Stelle angelangt ist, an die ein Christ sofort anknüpfen kann. Schließlich ist selbst in der Wüste  plötzlich  Wasser  da, als es für die Taufe benötigt wird. Und unmittelbar  nach  dem  erfolgreichen Einsatz wird Philippus aus dem Geschehen  herausgenommen und an eine andere Stelle gesetzt. Der richtige Mann zum richtigen Augenblick zur richtigen  Stelle.

 

Was sollen wir anfangen mit einer  so märchenhaften  Geschichte? Wir,  die Gott nicht mit Engeln und Erfolgen nach Philippus-Art verwöhnt. Das hat Gott damals auch nicht getan. Die Christen der Anfangszeit, die hier auf Goldgrund erscheinen, hatten ihre Tage nicht anders zu bestehen als  wir:   im Durcheinander des Lebens mit unzulänglichen Mitteln, die nie genau das zustandebringen, was man eigentlich will und mit denen man am Anfang auch nie so richtig weiß, was am Ende denn wohl herauskommt.  Aber  am  Ende hat sich dann ,manches eben doch so entwickelt,  dass  etwas  ganz Erstaunliches herausgekommen ist: Menschen, die  sich immer ängstlich aus dem Wege gegangen sind, kommen am Ende gut miteinander zurecht und können sogar lachen über das, was sie auf Abstand gehalten hat.; Arme Teufel, an denen Hopfen und Malz verloren schien,   kamen wieder auf die Beine und kriegten ihr Leben in den Griff. Geizhälse,  die  sich  bisher an Geld und Gut festgekrallt hatten,  erwiesen sich plötzlich als großherzige Spender. Ist da nicht wirklich Gottes Geist am Werk gewesen?

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Ich will die Geschichte von Philippus und dem Kämmerer, dem Finanzminister aus  Äthiopien, so nacherzählen, dass erst im Nachhinein deutlich wird,  dass der Geist Gottes und Jesu Christi in ihr wirksam  war und sie auch mit uns  zu tun hat.

Philippus war einer der Diakone, die die Apostel eingesetzt und damit  beauftragt hatten,  sich um die Notleidenden in den jungen christlichen Gemeinden zu kümmern. Philippus hatte an der Küste in Gaza zu tun und war nun auf dem  Weg in die hochgelegene Stadt Jerusalem...  Da kam ihm eine prächtige Staatskarosse entgegen mit  einem ganzen Tross von Menschen und Tieren. Eine bedeutende Persönlichkeit  musste da unterwegs sein. Ehrerbietig trat Philippus zur Seite, wollte von der Vorhut des Zuges aber doch wissen, wer da kam und wohin die Reise ging. Der Herr Finanzminister ihrer Majestät der Königin von Äthiopien  -  so  wurde ihm gesagt - war zum Tempel in Jerusalem gekommen und befand sich jetzt auf der Heimreise. Himmel, anderthalb tausend Meilen lagen noch vor  ihm! Was mochte ihn bewogen haben, sich auf diese wochenlange Reise zu  machen? 

Aber  Moment mal, Finanzminister einer Königin? Dann musste das  doch ein Eunuch sein. Denn ein hohes Staatsamt durften bei ausländischen  Königinnen  nur  Männer  bekleiden, die sich ihre Männlichkeit hatten  wegoperieren  lassen, um mögliche Intimitäten und Kompromittierungen  von  vornherein auszuschließen. Was mag das für ein Mann sein, fragte sich Philippus, und ging ganz nah an den Wagen heran,.um sich den Mann näher anzusehen Und da saß  er, wie man sie sich vorstellte die Eunuchen: fettleibig, über und über mit Schmuck  behangen, und mit einer Fistelstimme. Mit der las  der Mann laut vor sich  hin.. Ihm war die Gebrochenheit seiner Person anzusehen und anzuhören. Auf der einen Seite eine glanzvolle Karriere: Bis ins Zentrum der  Macht hinein war er gelangt. Geld spielte keine Rolle, es gab keinen Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Auf der anderen Seite verstümmelt  bis  in den Kern seiner Person hinein. Warum war dieser Mann zum Tempel  gekommen, was hatte er dort  erwartet? Vielleicht hatte er von der Barmherzigkeit des Gottes Israels gehört, der  ein Herz hat für gebrochene Menschen.  Doch  verschnittenen Männern war nach jüdischem Gesetz der Tempel verschlossen. Er war noch nicht einmal  in die für Heiden erlaubte Vorhöfe gelangt. Der  Mann  musste  wieder umkehren wie so viele Leidensgenossen  mit  sexuellen Abnormitäten. Priester und Schriftgelehrte hatten sie abgewiesen, wie sie es vielerorts auch heute noch tun. Und  selbst  die großen Apostel waren nicht frei davon.

Philippus  aber wendet sich nicht kopfschüttelnd oder achselzuckend ab, sondern  bleibt  ganz  nah dran an dem Mann, hört, was er liest, wie er sich abmüht mit einer Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja, von dem sich der Mann offenbar eine Buchrolle gekauft hatet, um nicht ganz mit leeren Händen  nach  Hause  zu  kommen.  Er liest über den geheimnisvollen Gottesknecht,  der sich wehr- und widerspruchslos seinen Mördern denen überlässt, die ihn  aller Ehre und Würde berauben. Wie sollte  der Mann in der Staatskarosse das verstehen?

Und  so spricht Philippus ihn an: „Brauchst du Hilfe, Herr?“ Der Mann ist daran gewöhnt, dass man ihm voller Scheu und Ehrerbietung begegnet. Hier aber läuft  ihm  einer über den Weg, der seine Ratlosigkeit und seine Suche nach  Gott wahrnimmt, der sich offenbar  auskennt mit dem Gott der Juden und ihn, den  heidnischen Verschnittenen dennoch nicht zurückweist.  „Ja komm, steig ein, setz dich zu  mir,  und  erkläre mir, von wem hier die Rede ist und was das soll.“

Für die Wächter geheiligter Ordnungen mag es  weiterhin  Schranken  und  Tabus geben. Dieser Bote Jesu Christi aber kennt  keine  Berührungsängste,  weil  sein Herr es ist, von dem da geschrieben  steht.  Sein Herr, der nicht nur aus der Distanz heraus verkündigt,  sondern  der  durch  Nähe und Zuwendung bezeugt werden will, Durch  Menschen,  die  eine Strecke mitfahren auf dem Wagen des Lebens, Bis  der  andere merkt: Ich bin miteinbezogen in die Geschichte des Gottes,  der  sich  klein  macht, so niedrig und gering, dass er in unseren

geheimsten  Schwächen  und  Ängsten bei uns ist und uns hinausführt ins Weite.

 In  der Taufe wird uns das auf den Leib geschrieben: Du gehörst zu  dem,  der  dem  Leid nicht aus dem Weg gegangen ist, und dir wird Leiden auch  nicht  erspart  bleiben. Aber ins Leben Gottes ist er gedrungen, und  dich nimmt er mit! Keine Frage, das will der Kämmerer sich zueigen machen. Zu diesem Herrn gehörig ist er nun kundig und  frei. Da braucht er keinen  Philippus  mehr,  und Gebrauchanweisungen, wie man denn nun mit der  Taufe  zu  leben hat, erst recht nicht. Bedenkenträger hätten hier viel  auszusetzen.: Man könne doch nicht nach so kurzer Zeit taufen. Und man könne  den Mann doch nicht in eine heidnische Umgebung entlassen, ohne ihm  die Adresse der nächsten christlichen Gemeinde mitzugeben oder ihm das Versprechen abzunehmen, regelmäßig zurückzukommen und sich fortbilden zu lassen.  Aber  Christus braucht Menschen wie Philippus, die dem, was siein Gottes Namen sagen und leben, auch etwas zutrauen.

 

Die beiden in der Kutsche – für mich sind sie ein Bild für die christliche Gemeinde. In Ihr treffen Schicksal und Auftrag aufeinander und zwar so, dass wir uns mal auf der einen und dann wieder auf der anderen Seite  befinden.  Wer dazu gehört, ist immer mal wieder darauf angewiesen, dass ein  anderer aufspringt, bis  Not beseitigt ist und Klarheit einzieht. Und wer dazu gehört, muss darauf gefasst sein, Vorbehalte  und Bedenken hintanzustellen, wo Menschen – aus welchen Gründen auch immer – auf Hilfe und Verständnis angewiesen sind. In beiden Fällen hat Gott seine Hand im Spiel.

Amen.

 

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8,26-39 von Michael Nitzke

Ein ödes Leben wird fröhlich - Predigt zu Apg 8,26-39 von Michael Nitzke
8,26-39

26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!

30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.

32 Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen."

34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?

35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. 36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?

37 Vers 37 findet sich nur in einigen Handschriften: "Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist."

38 Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

 

Liebe Gemeinde,

manche biblischen Geschichten sind wie ein alter Film. Man hat ihn ‚gefühlt‘ schon hundertmal gesehen, aber wenn ich mitbekomme, dass er auf irgendeinem Sender spätabends nochmal läuft dann, versuche ich, wach zu bleiben, um mich in die schöne alte Geschichte zu versenken.

Ich freue mich an den alten Erinnerungen. Da ist Philippus, ein Missionar und Diakon. Er verkündigt das Wort Gottes und setzt sich ein für die Armen in der Gemeinde. Und er muss wohl ein Sonderbeauftragter Gottes gewesen sein, denn der schickt ihn spontan in Situationen, wo seine Hilfe gebraucht wird.

Auf diese Weise kommt er an die Straße von Jerusalem nach Gaza, dort soll ein Wagen vorbeikommen, an den soll er sich halten. Mehr sagt sein Auftrag nicht aus. Da ist also Eigeninitiative gefragt. Und Philippus hatte zuvor schon Mut bewiesen. Und den braucht er auch jetzt, denn es begegnet ihm eine hochgestellte Persönlichkeit. Ein enger Mitarbeiter der Königin von Äthiopien. Er war der Herr über ihren ganzen Schatz. Diese hochgestellte Persönlichkeit kam nach Jerusalem, um Gott anzubeten. Wörtlich heißt das: „um niederzuknien“. Ein Repräsentant eines fremden Landes, will sich dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs unterordnen.

Kein Grund für Verwunderung: Zwischen Äthiopien und Israel bestanden deutliche Verbindungslinien. Stammte die Königin, der der Kämmerer diente, wirklich von König David ab, der Jerusalem gründete? Oder sind auf andere Weise Menschen nach Äthiopien gekommen, die an den Gott der zehn Gebote glaubten? Bis in die heutige Zeit finden sich Spuren des Judentums in diesem alten, stolzen afrikanischen Land. Und in mehreren Wellen hat der Staat Israel die Äthiopier, die sich als Juden empfanden mit Flugzeugen heimgeholt.

Ob Philippus von solchen alten Verbindungen eine Ahnung hatte, wissen wir nicht. Jedenfalls war Philippus mit Hilfe des Heiligen Geistes zur rechten Zeit am rechten Ort. Und er stellt dort einem richtigen Menschen die richtige Frage:1 „Verstehst Du auch, was Du da liest?“

Was versteht der Kämmerer nicht an den Worten des Propheten Jesaja? Dass ein Schaf ruhig zur Schlachtbank geht, und sich schweigend das Fell über die Ohren ziehen lässt? Oder dass am Ende doch alles gut wird, und dieses Schaf, das sein irdisches Leben verliert, mit himmlischem Leben belohnt wird?

Nein, das erscheint dem Äthiopier gar nicht so unwahrscheinlich. Er will viel lieber wissen, wem diese Prophezeiung gilt. Deshalb ist er dankbar für die Frage des Philippus. Er sieht sie nicht als Anmaßung, sondern als Angebot.

Philippus deutet den von Jesaja beschriebenen Gottesknecht als den Sohn Gottes, also auf Jesus Christus. In Jesus Christus laufen alle Linien zusammen, er hat sich selbst als Lamm Gottes gesehen, das sein Leben geben muss für andere. Und er hat sich als guter Hirte empfunden, der sein eigenes Leben riskiert, um keines dieser Schafe zu verlieren, die ihm anvertraut wurden.

Der Äthiopier saugt die Worte auf wie ein Schwamm. Er ist begeistert von der Erzählkunst des Philippus und spontan will er die Taufe empfangen, von der ihm Philippus erzählt haben muss.

Reicht die Begeisterung aus, um dieses Sakrament zu empfangen? Oder muss nach einem Glaubensbekenntnis gefragt werden? Neure Forschung ist da sehr offen und stellt den Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Stifter des Glaubens über die Übereinstimmung mit den Inhalten der Überlieferung.

Nein, es hindert nichts an seiner Taufe, und doch bin ich überzeugt, dass dieser Kämmerer aus Äthiopien diesen einen Satz sein Leben lang im Herzen getragen hat: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“

Nun versenke ich mich wieder in meinen alten Film am späten Abend und sehe förmlich vor dem inneren Auge, wie der hochgestellte Mann sich abermals erniedrigt, wie zuvor schon am Tempel in Jerusalem, nun aber an einem Tümpel auf dem Weg nach Gaza.

Er kniet nieder in der Wasserstelle, bis sich die Fluten über seinem Kopf schließen. Er wird untergetaucht, er wird getauft. Alles, was ihn belastet, wird von ihm abgewaschen. All der Schmutz, mit dem sich ein Mann in seiner Position befleckt haben wird, löst sich von seinem Körper, und damit wird auch seine Seele gereinigt. Und er kann gewiss sein: das, wovon der Kämmerer nun reingewaschen wurde, ist von Jesus Christus schon aufgenommen worden, als er sich bei seiner eigenen Taufe wieder aus den Fluten des Jordans erhob.

Und dann ging ihm wieder durch den Kopf, was er zuvor gelesen hatte, bevor Philippus in gefragt hatte. Und nun verstand er, was er da las: 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. (Jes 53)

Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? (Apg 8,34)

Die Frage des Kämmerers ist bis heute nicht geklärt. Aber wer glaubt, dass Jesus Christus sein Leben für uns gegeben hat, damit wir befreit leben können, der fühlt in seinem Herzen, dass die Vision des Jesaja durch Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi Wirklichkeit geworden ist.

Der Betrachter des abendlichen Films sieht den nachdenkenden Kämmerer aus Äthiopien, mehr lässt die Szene nicht erkennen. Philippus ist nicht mehr zu sehen. Der Herr hat ihn an einen anderen Ort versetzt, dort erfüllt er nun die Aufgaben seines Herrn. Wenn so etwas in der Bibel steht, dann fragen sich alle: „Wie kann so was gehen?“ Wenn ich in einer alten Raumschiff-Enterprise-Folge sehe, wie Bord-Ingenieur Scotty den Vulkanier Mr. Spock auf einen neu entdeckten Planeten beamt, dann zweifle ich nicht, dass das bald möglich sein wird. Denn in Fragen der Kommunikation sind wir ja längs weiter als diese Raumschiff-Besatzung aus den 70er Jahren. Also wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir das blitzschnelle Transferieren eines Körpers beherrschen.

Aber was bringt uns das? Vielleicht hat sich Philippus einfach nur beeilt, um von der Straße nach Gaza zu seinem neuen Ziel in Aschdod zu kommen. Die 25 Kilometer Luftlinie könnte er mit seinem missionarischen Elan alsbald bewältigt haben.

Der aufmerksame Film-Betrachter erkennt nun, dass sich die Gesichtszüge des Kämmerers zusehends aufhellen. Ja, er wird fröhlich. Ganz anders als er losgefahren ist. Um das wirklich zu würdigen, reicht nicht der Blick auf den alten Film, der vor dem inneren Auge läuft, sondern es ist das Hören auf die alten Sprachen notwendig.

Der Geist spricht zu Philippus: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens, die Straße ist öde. Da ist nichts los. In den alten Sprachen erinnert das Wort für öde an eine Wüste. Wüst und öde, war die Welt vor der Schöpfung. Also war da überhaupt nichts. Ziemlich traurig, also.

Zweitens das Ziel der Straße: Gaza. Heute ist so eine Reise kaum noch möglich. Eine bekannte Internet-Navigation sagt zu jeglicher Reise von Jerusalem nach Gaza: „Die Route von "Jerusalem, Israel" nach "Gaza" konnte nicht berechnet werden.“2 Die Grenzen sind zu allen Seiten dicht, und die politischen Gründe dafür sind offenkundig.

Damals hatte man beim Ortsnamen Gaza sicher andere Assoziationen. Beim Dienstauftrag an Philippus werden Jerusalem und Gaza in einem Atemzug genannt. Bei der Reise des Kämmerers ebenso. Das ist aber nur in der griechischen und der lateinischen Version erkennbar.

Bei Luther steht: „ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen,“

Statt des Wortes Schatzmeister steht im Lateinischen: „qui erat super omnes gazas eius“, „der war über allen ihren Schätzen“. Auch im Griechischen wird man in gleicher Weise an die Stadt Gaza erinnert, wenn es um einen Schatz geht. Das wäre heute so, als führe man auf der Straße von Leipzig nach Dresden, um in der Mitte des Weges, in der Stadt Oschatz, einen Schatz zu suchen. Heute mag das dort gelingen. Aber damals wurde die Straße von Jerusalem nach Gaza als öde beschrieben. Der Kämmerer musste diese Straße zurückfahren, und über Gaza hinaus zu seinen Schätzen, die er in Äthiopien hüten musste. Sicher erschien ihm diese Aufgabe nun genauso öde, wie die Straße, die durch die Wüste Judäas führt. In der Zusammenballung dieser Worte in der Ursprache wird das ganz deutlich. Die Schätze der Königin machen den Kämmerer nicht mehr glücklich, sie sind öde für ihn. Selbst wenn für ihn etwas abfällt, das bringt ihm nichts. Das ist einfach nur Wüste, als er nach Hause aufbricht.

Als er aber im Tümpel getauft wurde, und Philippus schon längst bei anderen Aufgaben war, da wird von diesem Kämmerer gesagt: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“ (Apg 8,39) Es war dieselbe Straße: die Straße, die öde war. Die zog er nun weiter, und er war nun dabei fröhlich.

Seine Taufe hat ihn verwandelt. Dieses Bad im Wasser des Tümpels war für ihn viel mehr als das Niederknieen am Tempel. Er war gekommen, um den Gott anzubeten, den die Vorfahren seiner Königin kennen gelernt hatten. Doch nun hat er erfahren, dass der Sohn dieses Gottes sein Leben verwandelt.

Sein vermeintlich reiches Leben, das aber doch nur öde war, wie die Reise nach Hause, das hat sich nun verändert. Er ist fröhlich geworden.

Es ist fast so, als hätte jemand für den alten Film einen neuen Schluss geschrieben. Leider gibt es keinen zweiten Teil von diesem Film. Wir wissen nicht, wie der Kämmerer sein Leben verändert hat. Aber wir können uns von seiner Fröhlichkeit anstecken lassen.

Seine Beschäftigung mit den Fragen des Glaubens hat ihn dazu geführt einen Gast aufzunehmen, der sich nicht scheute zu fragen: „verstehst Du auch, was Du da liest?“. Und als er begann zu verstehen, da wollte er ganz in diese Welt des Glaubens eintauchen. Er tauchte unter im Wasser der Taufe und er tauchte wieder auf und war ein fröhlicher Mensch. Auf diesem Weg der Fröhlichkeit dürfen wir ihm folgen und uns anstecken lassen von seiner Begeisterung.

So wollen wir uns vom Geist führen lassen wie Philippus, dass dieser Geist uns fröhlich mache, wie den Kämmerer aus Äthiopien.  Amen.

Anmerkungen:

1: Elberfelder Bibel mit Erklärungen. 5. Aufl. 2013 zu Apg 8,34.

2: www.google.de/maps/dir/Jerusalem,+Israel/Gaza/ (22.6.2018)

Am Anfang war die Fülle – Predigt zu Apostelgeschichte 2,1-13 von Claudia Jahnel

Am Anfang war die Fülle – Predigt zu Apostelgeschichte 2,1-13 von Claudia Jahnel
2,1-13

Am Anfang war die Fülle!

Wie? – werden Sie jetzt vielleicht sagen – Am Anfang war das Wort! So heißt es doch richtig im Prolog des Johannes-Evangeliums: Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

Am Anfang war die Fülle! sage ich und lade Sie ein, heute mit mir über das Thema Fülle und Vielfalt nachzudenken; aber keine Angst, ich will Sie nicht wie Mephisto in Goethes Faust verführen, der ja bekanntlich spricht: Am Anfang war die Tat! Das nämlich meine ich nicht – im Gegenteil: am Anfang war die Fülle und ohne sie können wir nichts tun. Fülle kommt vor der Tat. Fülle ist ein Geschenk. Und: Fülle ist Vielfalt.

 

Pfingsten als Metapher für Fülle und Vielfalt

Das anstehende Pfingstfest ist DIE Metapher für Fülle und Vielfalt. Das Fest ist fester Bestandteil der christlich-abendländischen Kultur, aber seine Bedeutung ist vielen nicht mehr vertraut. Die Bilder, mit denen die Apostelgeschichte das Pfingstereignis beschreibt, erscheinen dem einen oder der anderen eher als Fantasieromane denn als christliche Symbole: Von „Feuerzungen“ und „großem Sturm“, von einem „gewaltigen Brausen“ ist die Rede. Und auf einmal sind die Menschen vom Heiligen Geist erfüllt und sprechen in verschiedenen Sprachen und verstehen sich trotzdem. 50 Tage nach Ostern, so die Apostelgeschichte, versammeln sich die Menschen aus aller Herren Länder zum jüdischen Wochenfest, also zu einer Art Erntedankfest, einem Fest des Dankes für Gottes reiche Gaben, für Fülle und Vielfalt. Inmitten des Sprachengewirrs fangen die Jesusanhänger, die sich nach dem Tod Jesu ängstlich versteckt gehalten hatten, auf einmal an zu predigen. Dabei geschieht etwas Wundervolles: Jeder und jede versteht, was sie sagen, in seiner/ihrer Sprache. Diese Jesusanhänger sind nicht sonderlich gebildet. Sie sind keine Akademiker. Sie haben kein Graecum, Hebraicum, Latinum, Deutschexamen oder sonst einen Sprachabschluss. Sie sind vielmehr vom Geist Gottes ergriffen und das verleiht ihnen die Fähigkeit, über alle Sprachbarrieren hinweg Menschen aller Nationen und Kulturen zu erreichen.

 

Pfingsten, ein Fest der Fülle der Bilder und Geräusche, dass wir Augen und Ohren aufsperren für die Zeichen und das Wehen, nein Brausen Gottes in der Welt. Ein Fest der Düfte auf dem jüdischen Wochenfest, der Ernte, der Speisen, der Gewürze. Ein Festschmaus für die Sinne, ein Fest der Fülle. Besonders aber ein Fest der vollkommenen Kommunikation: Jeder versteht jeden, obwohl jeder/jede so redet, wie ihm/ihr der Schnabel gewachsen ist. Die Zuschauer machen sich über sie lustig und halten sie für betrunken. Aber nein. Es ist eine wunderbare Kraft, die in ihnen steckt und ihnen die Angst nimmt, sodass sie sich nicht mehr vor ihren Problemen verkriechen. Sie verkünden: eine neue Zukunft und ein Leben in Fülle ist angebrochen.

Wenige Zeilen nach unserem Predigttext lesen wir die allererste Pfingstpredigt, die Rede des Apostels Petrus. Petrus erklärt den verwirrten Zuhörern, was es mit den seltsamen Dingen auf sich hat, die hier gerade vor ihren Augen und Ohren geschehen; dass Gott seinen Geist ausgießt auf die Menschen, und was dann mit ihnen passiert: „Eure Söhne und Eure Töchter werden Propheten sein. Eure jungen Leute werden Visionen haben; und Eure Alten werden Träume träumen“. Der Heilige Geist bringt eine Kraft, die die Gegenwart und die Zukunft zu Orten eines Lebens in Fülle macht.

 

Fülle heißt Vielfalt

Fülle heißt Vielfalt. Immer, immer Vielfalt – und nie die Reduktion, Homogenisierung, das Einstampfen von Unterschieden! Keine Eintönigkeit. Kein identitärer Zusammenschluss der einen und Ausschluss der anderen. Fülle ist Vielfalt: Alle behalten ja ihre Sprachen, sprechen kein Esperanto, bleiben verschieden, auch kulturell.

Die Apostelgeschichte wiederholt und bekräftigt, was wir in so vielen Geschichten im Alten wie im Neuen Testament finden, die in Fülle und Vielfalt schwelgen. Die Bibel beginnt gar mit einer Liturgie der Fülle und Vielfalt. Die Schöpfungsgeschichte ist ein Lobpreis der göttlichen Großzügigkeit und des göttlichen Erfindungsreichtums: Licht, Dunkel, Pflanzen, Tiere, Fische, Vögel, Menschen, Mann und Frau. Schon hier bekommen wir die Kraft der Ruach, des Geistes und Atems Gottes zu spüren, zu sehen, zu hören. Das erste Kapitel der Bibel erzählt, wie gut diese Fülle und Vielfalt sind, und wiederholt in einem fort: „Es ist gut, es ist gut, es ist sehr gut.“ Gott „segnet“, d.h.: er stattet mit Leben und Vitalität, mit seinem Atem und Geist aus – die Pflanzen, die Tiere, Fische, Vögel und Menschen. Und Gott der Schöpfer spricht die Worte: „Seid fruchtbar und mehret euch“! Alle haben in einer wahren Orgie von Fruchtbarkeit die überfließende Güte zu mehren, die sich aus dem Schöpfergeist Gottes ausgießt.

Israel feiert die Fülle der Vielfalt des Geistes Gottes. Psalm 104, das längste Schöpfungsgedicht, ist ein Kommentar zur Schöpfungsgeschichte: Der Psalmist überschaut hier die Schöpfung und benennt alles: Himmel und Erde, Wasser, Quellen und Ströme, Bäume und Vögel und Ziegen und Wein und Öl und Brot und Menschen und Löwen. So geht es über 23 Verse und endet im 24. Vers mit einem Ausdruck von Ehrfurcht und Lob für Gott und seine Schöpfung. Die Verse 27 und 28 sind so etwas Ähnliches wie ein Tischgebet: „Du gibst ihnen allen Speise zur rechten Zeit, du nährst jeden.“ Der Psalm endet damit, Gott als großen Atemspender darzustellen: „Wenn du deinen Atem gibst, wird die Welt leben; wenn du aufhörst zu atmen, wird die Welt sterben.“ Aber der Psalm stellt klar, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Gott ist ganz und gar verlässlich. Die Fruchtbarkeit und die Vielfalt der Welt sind gewährleistet.

 

Der Anfang des Knappheitsdenkens und die Reduktion der Vielfalt

Das Bewusstsein der Fülle und der Vielfalt dominiert das erste Buch der Bibel bis in Kapitel 47 hinein. In diesem Kapitel träumt der Pharao, dass eine Hungersnot im Land aufkommen wird. Daher lässt er die Nahrungsversorgung verwalten, kontrollieren und monopolisieren. Der Pharao führt letztlich das Prinzip des Mangels und der Knappheit in die Weltwirtschaft ein. Zum ersten Mal sagt jemand in der Bibel: „Es ist nicht genug. Lass uns alles bekommen.“ Und auf einmal ist sie da: die Monopolisierung der Fülle, die Beherrschung der Vielfalt. Auf einmal gibt es ein „Wir“ – eine privilegierte Gruppe, die am Monopol partizipiert und davon profitiert. Sie wollen genug bekommen ­– und nicht die anderen.

Wie es weitergeht, wissen Sie: Joseph verwaltet im Auftrag des Pharao das Monopol Ägyptens. Als die Ernte ausfällt und die Bauern kein Essen mehr haben, kommen sie zu Joseph, der im Auftrag Pharaos sagt: „Welche Rückversicherungen könnt ihr uns geben?“ Und sie geben ihr Land auf für Nahrung, und dann im nächsten Jahr geben sie auch noch das Vieh weg. Im dritten Jahr haben sie nur noch sich selbst als Pfand. Und so sind die Kinder Israels zu Sklaven geworden – durch eine ökonomische Transaktion quasi. Und so herrscht eine Gruppe über viele andere. Gleichzeitig wird die Vielfalt zur Differenz, zum Unterschied, zur Spaltung. Was uns unterscheidet wird wichtig, der Unterschied wird zu dem, was zählt. Eine Hierarchie wird eingeführt zwischen denen, die Macht und Sagen haben, und jenen, die weniger an Entscheidungen partizipieren. Das Gegenteil von Fülle und Vielfalt ist die Rede von Knappheit und Spaltung.

 

Doch die Geschichte geht weiter. Der Pharao wird noch gemeiner, brutaler und böser – so wie der Mythos des Mangels, der Knappheit, der Spaltung. Die Tatsache, dass er das Volk Israel nicht unter Kontrolle bringen kann, macht ihn so zornig, dass er Mose und Aaron zu sich bestellt und ihnen mitteilt: „Nehmt euer Volk und geht. Nehmt eure Schafe und Rinder und verlasst diesen Ort!“ Dann bittet der große König Ägyptens, der das Monopol über die regionalen Ressourcen besitzt, dass Mose und Aaron ihn segnen. Die Mächte des Mangels und der Spaltung geben gegenüber einer kleinen Gemeinschaft der Fülle zu: „Es ist klar, dass ihr die Zukunft seid. Legt uns daher eure machtvollen Hände auf und gebt uns Energie, bevor ihr uns verlasst.“ Der Text zeigt, dass die Macht der Zukunft nicht in den Händen derer liegt, die an den Mangel glauben und die Menschheit spalten. Sie liegt vielmehr in den Händen derer, die Gottes Fülle vertrauen.

Das ist es schließlich, was die Israeliten sogar in der Wüste erfahren ­– die Fülle Gottes: Gottes Liebe tropft vom Himmel in Gestalt von Brot. Brot als Symbol für ein freies Geschenk für jeden. Ein Geschenk der Fülle, für das die Israeliten nicht gearbeitet haben, das sie aber auch nicht kontrollieren – horten – können. Denn man kann Gottes Freigiebigkeit, das Geschenk seiner Fülle und Vielfalt, nicht einlagern.

Viele Geschichten der Bibel, die unsere Tradition und Kultur, unser Zusammenleben geprägt haben und prägen wollen, sind Geschichten, die von Fülle und Vielfalt sprechen.

 

 

Pfingsten: Fülle, Vielfalt, Zukunft

Die Geschichte von Pfingsten wiederholt und verstärkt dies und weitet die Fülle und Vielfalt noch auf andere Kulturen aus. Denn der Heilige Geist ermöglicht Kommunikation über die Grenzen hinweg – die sprachlichen und kulturellen ebenso wie die heutigen konfessionellen und religiösen. Die Zukunft liegt nicht, so der Geist von Pfingsten, in Monokulturalität oder im Glaube an Knappheit, der die Angst, zu kurz zu kommen, schürt. Der Heilige Geist eröffnet eine Zukunft, die von Vielfalt und Verständigung geprägt ist. Pfingsten ist ein „Idealbild von Globalisierung“ (Heribert Prantl): „Alle behalten ihre Eigenheiten, alle bleiben verschieden; es gibt aber ein gemeinsames Verständnis, einen gemeinsamen Geist, aus dem ein Wir-Gefühl entsteht.“ Pfingsten als Geburtsstunde der Kirche propagiert nicht die Uniformierung von Kultur, Glauben oder Konfession, sondern Verständigung in der Verschiedenheit.

Auch wenn ich keine Vertreterin der dialektischen Theologie bin, muss ich feststellen: Diese Zukunftsvorstellung von Pfingsten hat einen gänzlich anderen Klang als jene in vielen Reden von Politikern und Wirtschaftsweisen oder in Stimmungsbarometern heute: dort sieht die Zukunft eher düster aus. Sie ist mehr eine Anti-Zukunft als eine Zukunft. Das Szenario der Katastrophen bricht kaum ab: Klima- und Umweltkatastrophe, Flüchtlingskatastrophe, Finanzkatastrophe durch Turbokapitalismus – auch auf dem Bildungsmarkt, denn ohne Drittmittel überleben wir nicht, daher auch Bildungskatastrophe, ganz zu schweigen von der religiös-fundamentalistischen Katastrophe.

Diese Dauerkatastrophe ist nicht gerade ermutigend. Sie nimmt den Glauben daran, etwas bewirken, etwas verändern zu können. Sie gibt den jungen Menschen, die laut Petrus zu Propheten und Visionären werden, und den Alten, die noch Träume haben, keinen Raum. Heutige Zukunftsszenarien rauben eher die Motivation, Zukunft – und vor allem Gegenwart – zu gestalten, denn wenn die Zukunft so negativ ist, ist sie auch nicht erstrebenswert. „Alternativlos“, so lautet das Attribut, mit dem manche Politiker heute die Strategien angesichts der bevorstehenden Katastrophen näher kennzeichnen: die Abschottung Europas vor zu vielen Flüchtlingen ist alternativlos. Die Bekämpfung des Islamismus ist alternativlos. Lediglich eine allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Autobahn hat m.W. noch keiner als „alternativlos“ bezeichnet.

Alternativlos – statt Umdenken. Alternativlos – statt neue Pfade entdecken, die zwar mit den Schlagworten „innovativ“ und „zukunftsfähig“ immer wieder heraufbeschworen werden. Aber mal ehrlich: so etwas Altbackenes, politisch wie wirtschaftlich Reguliertes und Floskelhaftes wie die Worte „innovativ“ oder „zukunftsfähig“ gibt es selten.

Das biblische Zeugnis zeigt, dass nicht Katastrophe, Knappheit, Alternativlosigkeit, Angst vor Anderem und Neuem unsere ersten Erfahrungen sind, sondern Fülle und Vielfalt. In philosophische Sprache und in ihre Philosophie der Natalität umgesetzt hat diesen Gedanken die jüdische Philosophin Hannah Arendt: Wir sind alle geboren und verdanken uns also nicht uns selbst, sondern einem unergründlichen Geheimnis. Die Tatsache der Natalität – des Geborenseins des Menschen ­– bedeutet, dass wir uns nicht uns selbst verdanken, sondern dass wir das Leben geschenkt bekommen haben. Und wie ich selbst geboren, also weder hergestellt noch bezahlt wurde, so kann ich auch nichts von dem, was mich umgibt und was ich zum Leben brauche, selbst machen. Die Fülle, aus der wir leben und wirtschaften, ist Geschenk. Ein einziger Spaziergang reicht aus, um zu erkennen, dass ich Teil einer großen Fülle und Vielfalt bin. Erfahrungen des Mangels und der Homogenisierung oder des Ausschlusses von Vielfalt kommen immer erst an zweiter Stelle.

Pfingsten erinnert und löckt zu so einer Spiritualität der Fülle, der Vielfalt, der Großzügigkeit, der grenzüberschreitenden Kommunikation, der Zukunftsoffenheit – und der Dankbarkeit gegenüber dem geschenkten Leben. Pfingsten bringt diese Fülle in einen nicht aufzulösenden Zusammenhang mit kultureller Vielfältigkeit. Die Gemeinschaft, die der Heilige Geist in dieser Geburtsstunde der Kirche schenkt, entsteht auf der Basis eines gemeinsamen Glaubens, jenseits von Nation, Familie, Ethnie, Klasse. Die Pfingstgeschichte, der Anfang der Kirche, verkündet letztlich eine Globalisierung, aber nicht eine Globalisierung, die die Welt uniformiert, gleichmacht, sondern eine Globalisierung der Verständigung in Vielfalt und Verschiedenheit.

Am Anfang waren Fülle und Vielfalt, und ohne sie können wir nichts tun. Amen

 

Mitverwendete Literatur:

Heribert Prantl, Zukunft muss menschenwert werden, nicht umgekehrt, http://www.sueddeutsche.de/politik/pfingsten-wunderwort-zukunft-1.24902…

Ders., In Europa ist Antipfingsten angebrochen,
http://www.sueddeutsche.de/politik/europa-anti-pfingsten-1.2992611

Perikope
20.05.2018
2,1-13

Vom Singen und vom Zagen - Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34 von Sören Schwesig

Vom Singen und vom Zagen - Predigt zu Apostelgeschichte 16,23-34 von Sören Schwesig
16,23-34

Liebe Brüder und Schwestern,

der Sonntag Kantate ist geprägt von Gotteslob und frohen Liedern. So haben wir heute Morgen schon miteinander gesungen: „Die beste Zeit im Jahr ist mein“ und „Lob Gott getrost mit Singen“. Es singt sich ja auch gut an so einem schönen frühsommerlichen Tag, in dieser hellen und freundlichen Kirche mit schöner Orgelbegleitung.

Ganz anders unsere heutige Predigtgeschichte. Sie erzählt von Paulus und Silas. Beide sind als Missionare für die Sache Gottes unterwegs. In unserer Geschichte singen auch die beiden. Aber sie sitzen dabei nicht auf bequemen Bänken, sondern im Gefängnis, in das man sie mit dem Vorwurf, sie würden Menschen aufwiegeln, geworfen hat. Alles andere als komfortabel damals in der Stadt Philippi. Ich lese Acta 16, 23-43:

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Der (…) warf sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber kam ein großes Erdbeben. Die Grundmauern des Gefängnisses wankten, alle Türen öffneten sich und von allen fielen die Fesseln ab. Als der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Gefängnistüren offen, wollte er sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief: Tu dir nichts an; wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht, stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie erzählten ihm und seinem ganzen Haus von Jesus Christus. Da nahm er sie zu sich in sein Haus und wusch ihre Wunden. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war. Als es aber Tag geworden war, sandten die Stadtrichter die Amtsdiener und ließen sagen: Laß diese Männer frei!

Es fällt schwer von dieser Geschichte einen Bezug herzustellen zu unserer Situation und unserem Singen heute Morgen. Denn das, was in dieser Geschichte zunächst passiert, ist düster, lässt einen eher verstummen, schnürt einem eher die Kehle zu, als dass man singen möchte. Was ist passiert?

Paulus und Silas erzählen den Menschen von Jesus Christus. Sie kommen dabei in viele Städte, finden hier und dort Anhänger und erleben hier und dort Gastfreundschaft von wohlwollenden Menschen. Aber nicht nur. In Philippi etwa begegnet man ihnen feindlich. Nicht deshalb, weil sie das Evangelium von Jesus Christus öffentlich verkündigen, sondern weil sie einem Menschen sein Geschäft verhagelt haben. Und das kam so:

Eine Sklavin hatte die Gabe wahrzusagen. Sehr lukrativ für ihren Besitzer. Wer über seine Zukunft erfahren wollte, konnte das – aber nur gegen einen gesalzenen Geldbetrag. Die Sklavin musste jederzeit ihre Gabe einsetzen, ob sie wollte oder nicht. Ein lukratives Geschäft.Als sie aber Paulus und Silas begegnete, spürte sie wohl den Geist, der von beiden ausging und folgte ihnen. Wahrscheinlich wünschte sie sich nichts inständiger, als das Ende ihrer Versklavung. Sie heftete sich an die Fersen der beiden, bis es Paulus zu viel wurde. Er drehte sich um „und sprach zu dem Geist in ihr: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst.“ Ab diesem Augenblick war ihre Gabe zu Weissagen verschüttet. Sie war frei. Befreit von ihrer menschenverachtenden Vermarktung. Aber damit war auch das einträgliche Geschäft ihres Herrn dahin.

Der war so empört über Paulus und Silas, dass er, um ihnen zu schaden, ein altes Klischee auspackte: „Diese bringen unsere Stadt in Aufruhr; und sie sind Juden.“ Ein interessantes Phänomen: Gibt es wirtschaftliche Einbußen, sucht man nach einem Schuldigen. Und da kommen einem die Juden als Sündenböcke gerade recht. Das Philippi des Jahres 50 nach Christus unterscheidet sich gar nicht so sehr vom Deutschland beispielsweise des Jahres 1938: „Die Juden sind unser Unglück.

Paulus und Silas werden misshandelt und ins Gefängnis geworfen, an Leib und Seele zutiefst verletzt, die Füße im Block. Sie haben keine Ahnung, ob sie je wieder diesem Kerker entkommen werden.

Ihre Situation erinnert mich an eine Geiselnahme von Europäern auf einer philippinischen Insel vor einigen Jahren. Ihre Lage war entsetzlich. Das Schlimmste, so berichtete nach der Befreiung eine Geisel – das schlimmste war zu erleben, wie allmählich Lebensmut und Lebenswillen schwinden.

In einem alttestamentlichen Psalm betet einer: „Gott, hilf mir, das Wasser geht mir bis zur Kehle. Ich habe mich müde geschrieen, mein Hals ist heiser. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du, Gott, legst mich in des Todes Staub.“ Vielleicht beten Paulus und Silas diese Worte um Mitternacht. Dann, wenn die Nacht am dunkelsten ist und der neue Tag noch in unendlicher Ferne liegt. Es ist eine Klage aus der Tiefe. Es spricht Verzweiflung aus diesem Singen, Schreien und Beten. Aber dieses Singen ist ein Beten. Da wendet sich jemand einer anderen Macht zu. Da klagt einer Gott an, der möge doch eingreifen.

Die Psalmen Israels bringen dieses Singen, Schreien, Beten auch aus tiefster Verzweiflung zum Ausdruck. Die Psalmen Israels haben Menschen durch die Jahrhunderte hindurch gebetet, weil die Angst ihnen nicht die Kehle zuschnüren und die Verzweiflung sie nicht zum Verstummen bringen sollte.Wenn ein Mensch aus der tiefsten Tiefe nach Gott ruft, ist das ein Aufbegehren gegen den Tod. Das Rufen nach Gott aus der Tiefe ist das „Dennoch“ des Glaubens. „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

Wer so klagt, spricht keinen Lobgesang. Das kann auch nicht sein. Es gibt eine Zeit der Klage und eine Zeit des Lobens. In unserer Erzählung aber wird aus dem Klagen sehr schnell ein Loben. Schauen wir den Ablauf der Ereignisse an: die Klage um Mitternacht, dann das plötzliche Erdbeben, die wundersame Befreiung aus dem Gefängnis und die Bekehrung des Gefängniswärters.

Auf engstem Raum beschreibt die Erzählung, wie das Singen und Beten in der Nacht der Verzweiflung eine Wende im Leben der beteiligten Menschen bewirkt hat. Durch das Singen haben Menschen Befreiung erfahren. Ganz unterschiedlich: Paulus und Silas werden ihre Ketten los und können das Gefängnis verlassen. Die anderen Gefangenen hören ihr Singen und schöpfen neuen Mut, der vielleicht schon erstorbene Lebenswille kam wieder.

Wie später bei Paul Schneider. Paul Schneider, der von den Nazis im KZ Buchenwald eingesperrte Pfarrer. Jede Nacht betete und sang er in seinem Bunker lauthals Lieder. Die anderen Mitgefangenen hörten das. Paul Schneider überlebte das KZ nicht. Aber viele der Mithäftlinge berichteten, das Schreien, Singen und Beten dieses mutigen Pfarrers habe sie damals am Leben erhalten. Auch das war ein Schreien, Singen und Beten gegen die Verzweiflung, ein Aufbegehren gegen den Tod.

Auch der Gefängniswärter in unserer Geschichte erlebt durch dieses Singen der Gefangenen um Mitternacht Befreiung - im übertragenen Sinne. Denn die singenden Gefangenen sind nicht geflohen, sondern blieben wo sie waren. „Tu dir nichts an“, sagt Paulus dem zu Tode erschrockenen Gefängnisaufseher. Bleib am Leben und komm zum Leben. Und Paulus erzählt ihm von Jesus Christus, der Menschen freimacht, so dass sich der Wärter taufen lässt.

Singen befreit – das ist die Botschaft dieser Geschichte von Paulus und Silas. Singen befreit, wenn es eine andere Macht ins Spiel bringt. Singen befreit, wenn es beides ist: Kyrie und Gloria, Ausdruck der Verzweiflung und Ausdruck der Errettung.

Keiner von uns hat wohl eine ähnliche Situation der Einkerkerung wie Paulus und Silas schon erlebt. Gott sei Dank sitzen wir auch nicht in einer Bambushütte im Urwald und sind einer Bande von Terroristen ausgeliefert. Aber jeder von uns kennt seine eigenen Gefängnisse und kann benennen, was uns manchmal die Kehle zuschnürt: Die Sorge um die Gesundheit und das Leben eines geliebten Menschen; die Trauer, die einfach nicht weichen mag; die Belastungen im Berufsleben, die nicht zu überblicken sind. Wir kennen unsere eigenen Gefängnisse: Angst, Sorge, Trauer.

Durch Paulus und Silas sollen wir heute zum Singen ermutigt werden. Mag es auch ein klagender Gesang sein. Wichtig ist: Gott hört uns. Das allein ist wichtig. Gott hört uns. Und was uns Christen versprochen ist, ist dieses: Dass unser Schreien, Singen und Beten aus der Verzweiflung heraus einmal aufgehoben sein wird in einem Lobgesang, der Gott besingt als den, der uns von allen Gefängnissen und Qualen befreit hat.

Möge Gott alle Klage dieser Welt hören. Und möge er unsere Klage in einen Lobgesang wandeln, vielleicht nicht heute und auch noch nicht morgen. Aber einmal wollen wir den Lobgesang anstimmen und unserem Gott danken dafür, dass er uns befreit hat. Dann wird es hoffentlich auch einmal von uns heißen: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihre Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“

Amen.

Perikope