Beten - Geistesblitze des Mutes - Predigt zu Joh 16,23b-28.33 von Uwe Habenicht
Predigttext kann als Lesung gelesen werden oder zu Beginn der Predigt. Ich empfehle die verkürzte Variante, also: Johannes 16, 23b-28.33
Liebe Kirchgängerinnen und Kirchgänger,
wisst Ihr eigentlich, wie mutig ihr seid?
Es braucht schon eine gehörige Portion Mut, um am heutigen Sonntag „Rogate - Betet“ in den Gottesdienst zu gehen. In den Gottesdiensten nach Ostern wird ja gejubelt und gejodelt zu Jubilate – Jubelt. Gesungen und musiziert zu Kantate – Singt. Bis Pfingsten wird die österliche Freunde in vollen Zügen ausgekostet und gefeiert. An diesem Sonntag „Rogate – Betet“ ist es allerdings anders.
Dass im Gottesdienst öffentlich und gemeinsam gebetet wird, das wissen alle, die zum Gottesdienst kommen – und das wissen auch die, die nicht kommen. Aber am 5. Sonntag nach Ostern wird nicht nur gemeinsam gebetet, sondern darüber gesprochen, was es heisst zu beten. Und dafür, so meine ich, braucht es ziemlich viel Mut. Im stillen Kämmerlein, ungesehen für sich zu beten, das ist das eine. Am Sonntag in der Kirche die Hände zu falten, still zu werden und mitzubeten, das andere. Aber um über das Beten öffentlich nachzudenken, dazu braucht es wirklich Mut. Denn Beten ist irgendwie ein verschämtes Thema, über das wir nicht so gern sprechen. Beten wird als peinlich empfunden. Denn im Beten zeigen wir etwas von uns und unserer Frömmigkeit – und das ist mit Scheu und Scham verbunden. Ich erinnere mich noch gut, an die Gesichter unserer Kinder als sie noch kleiner waren, wenn andere Kinder bei uns zum Essen waren. Ich sehe noch die sorgenvollen Blicke und die Unruhe der Kinder kurz vor dem Beginn des Essens. Hoffentlich sprechen die Eltern jetzt nicht noch ein Tischgebet.
Ich freue mich sehr, dass Ihr heute trotzdem zum Gottesdienst gekommen seid, obwohl über das Beten gesprochen wird. Oder schaut Ihr vorher gar nicht nach, worum es im Gottesdienst gehen wird und seid ganz unbekümmert einfach so gekommen, unwissend und ahnungslos sozusagen?
Wie dem auch sei. Ihr seid hier und wir stellen uns dem Beten, dieser so besonderen religiösen Praxis, die uns auf jeden Fall nicht kalt lässt, sondern in die eine oder andere Richtung bewegt. Beten hat immer etwas leidenschaftliches. Mit kaltem Herzen und kühlem Kopf lässt sich nicht beten. Beim Beten sind wir ganz dabei oder wir beten gar nicht. Ohne innere Beteiligung läuft beim Beten nichts.
Ein junger Mönch wendet sich an Antonius, einen alten und erfahrenen Mönch, und spricht zu ihm: "Antonius, bete für mich!"
Antonius erwidert: "Weder ich habe Erbarmen mit dir, noch Gott, wenn du dich nicht selbst anstrengst und Gott bittest." (Weisung der Väter. Apophtegmata patrum, hrgss. von Bonifaz Miller, S. 18)
Ganz schön hart, was der junge Mönch da von Antonius zu hören bekommt. Kein bisschen Mitgefühl oder Solidarität unter Mönchen. Statt dessen eine gehörige Lektion in Sachen Beten, die sich gewaschen hat:
„Weder ich habe Erbarmen mit dir, noch Gott, wenn du dich nicht selbst anstrengst und Gott bittest.“
Der junge Mönch wird mit hängenden Schultern von dannen gegangen sein so wie wir mit hängenden Schultern davon gehen, wenn wir wissen: jetzt wartet harte Arbeit auf uns. Der junge Mönch weiß: Vor der Anstrengung des Betens kann ich mich nicht drücken.
Beten ist anstrengende Arbeit des Christenmenschen. Martin Luther sagte: „Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also so soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten.“ (WA TR,6, Nr. 6751, 162,35f)
Offenbar ist das Beten etwas, bei dem wir uns nicht vertreten lassen können, das wir nicht auf andere abwälzen können, wie kochen und backen, einkaufen und Rasen mähen: Kannst du das nicht für mich machen?
Nicht andere Mitchristen, nicht Freunde, nicht einmal die KI kann für uns beten, so dass wir es nicht mehr müssen. Beim Beten sind wir selbst ganz und gar, mit Haut und Haar, mit Herz- und Pulsschlag gefragt, weil es um uns geht. Weil es in einer so intensiven Art und Weise um uns geht, dass es unsere Worte, unser Seufzen, ja sogar unsere Sprachlosigkeit vor Gott braucht. Auch wenn wir vor Gott kein einziges Wort herausbringen, braucht es unser Schweigen.
Für mein Gebet kann nur ich mich an Gott wenden von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Was geschieht im Gebet, dass es ohne unsere ganze innere Beteiligung nicht geht?
Paul fährt sich nervös durch die Haare, blickt auf die Uhr und zur Tür, durch die gleich der Chef kommen wird. Um 11 Uhr sollte Paul beim Chef erscheinen, ohne genau zu wissen, worum es geht. „Bitte nicht – bitte nicht“, murmelt Paul leise vor sich hin. Da öffnet sich die Tür.
Petra spielt mir ihrer Enkelin auf dem Spielplatz. Lustig geht es zu und immer und immer wieder und wieder will die Kleine rutschen. "Setz dich schon mal nach oben, ich hole noch eben deine Trinkflasche, sagt Petra und wendet sich ab." Da hört sie schon, wie die Kleine von der Rutsche gefallen ist. Einen Moment lang ist es ganz still. Dann schreit sie aus Leibeskräften. „Puh“ macht Petra, als sie die Kleine tröstet, die sich zum Glück nichts getan hat.
Hanna sitzt mit ihrer Freundin im Café und erzählt ihr von den Sorgen, die sie plagen, dass einfach alles zu viel ist: Die Arbeit, die Kinder, die Schule. Die beiden schweigen. Dann sagt Hanna: Aber was hilfts: „Es muss ja.“
Martin steigt aus dem Zug und setzt seinen Rucksack auf. Endlich geht es los. Er hat es geschafft, sich einen Tag frei zu nehmen, um wandern gehen zu können. Er hebt den Blick und sieht die Berglandschaft vor sich: „Wahnsinn“, sagt er, „so unglaublich schön.“
Was geschieht hier mit Paul, Petra, Hanna, und Martin im Büro des Chefs, auf dem Spielplatz, im Café und auf dem Bahnsteig?
Vier Alltagssitutationen, die uns wahrscheinlich ziemlich vertraut sind.
Bitte nicht!
Puh!
Es muss ja!
Wahnsinn, so unglaublich schön!
Vier unterschiedliche ganz kurze Reaktionen auf das, was den einzelnen widerfährt:
Die Anspannung vor einem Gespräch, das große Konsequenzen haben könnte.
Die Erleichterung, dass nochmal alles gut gegangen ist.
Die Klage über das, was einfach zu viel ist.
Und das erfreute Staunen über so viel Schönheit.
Vier kurze Gebete, in denen etwas erbeten wird, gedankt wird, geklagt und gelobt wird.
Aus dem Alltag heraus das Alltägliche übersteigen und der inneren Spannung und Anspannung Luft machen im Bitten, Danken, Klagen und Loben. Das ist beten. Wenn das Fundament, das unseren Alltag trägt, Risse bekommt;
wenn der Boden, auf dem wir normalerweise fest stehen, beginnt zu wanken, dann beginnt unser Gebet. Dann wenden wir uns bewusst oder unbewusst, ausgesprochen oder unausgesprochen an die Mächte und Kräfte, von denen wir wissen, dass sie unser Lebensfundament und den Boden, auf dem wir stehen, tragen. Auf einmal blicken wir aufs Ganze.
Im Bitten, Danken, Klagen und Loben verlassen wir den von uns gehüteten und kontrollierten Einflussbereich. Wir verlassen unser Ich und wenden uns an das Du, das jenseits unseres Einflusses waltet und trägt und erhält. Im Beten gestehen wir uns ein, dass wir über uns hinaus müssen, weil die Situation, weil das, was wir erleben, mehr erfordert als wir vermögen. Im Gebet gestehen wir unsere Ohnmacht, unsere Hilflosigkeit; wir erkennen die Grenzen dessen, was wir tun können. Und darum ist beten so schwierig und voller Scham. Der Beter ist arm. Die Beterin ist hilflos.
Im Gebet zeigen wir, dass wir nichts mehr tun können. Uns sind im wahrsten Sinne des Wortes die Hände gebunden. Was uns bleibt ist die Hinwendung zu Gott, der über uns hinaus geht.
Bitte nicht!
Puh!
Es muss ja!
Wahnsinn, so unglaublich schön!
"Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei." So heißt es in den Abschiedsreden Jesu, die wir vorhin gehört haben.
Ihr dürft Euren himmlischen Vater bitten und er wird Euch geben, was euch fehlt. Jesus ermutigt uns zum Beten, damit unsere Lebensfreude aufblüht, sichtbar und spürbar wird.
Wenn ich es schaffe, meine Hände zu falten und meine Erschöpfung, meine Verzweiflung oder meine Angst vor Gott zu bringen – seufzend, klagend, bittend, wortlos, um Worte ringend – wie auch immer, beginnt in diesem Moment des Eingestehens etwas Neues. Ich verstecke das, was geschieht, nicht mehr vor mir und anderen. Ich bin bereit, mir selbst einzugestehen, wo ich stehe. Und von diesem Moment an kann vieles anders werden und sich wandeln. In solchen Momenten blicken wir auf das Gewebe des Lebens, auf die vielen Fäden, die mein Leben mit dem Leben im Ganzen verbinden. Wir wenden uns an den, der für dieses vielschichtige Ganze steht und als Muster dieses Gewebes erkennbar wird. Gott sieht und hört mich und ich höre auf, mir vorzumachen, ich könnte in meinem Leben und in meiner Welt alles alleine bestimmen und stemmen. Das tut weh und ist befreiend zu gleich, weil im Gebet unsere falschen Selbstbilder in sich zusammen fallen und es beginnt eine Lebensfreude, die aus dem Verwobensein mit anderen erwächst.
"Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei."
Beten ist vor allem mutig. Weil es mutig ist, zuzugeben, nicht alle Fäden des Lebens allein halten zu können. Deshalb schreiben wir diesen Mut dem Heiligen Geist zu. Kurze Gebet im Alltag wie
Bitte nicht!
Puh!
Es muss ja!
Wahnsinn, so unglaublich schön!
sind deshalb Geistesblitze. Mutige Geistesblitze.
Und vielleicht war es ja heute ein Geistesblitz, der Euch in diesen Gottesdienst geführt hat. Damit Ihr mutig bleibt im Bitten, Danken, Klagen und Loben. Und auch hin und wieder den Mut habt, über das Beten öffentlich nachzudenken.
"Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei."
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Der 5. Sonntag nach Ostern ist für die meisten Kirchgänger/innen kein besonderer Sonntag, so dass eher mit einem normalen Gottesdienstbesuch zu rechnen ist. Gerade deshalb versucht die Predigt, die Mitfeiernden in besondere Weise auf das aufmerksam zu machen, was ein Gottesdienstbesuch an diesem Sonntag bedeutet.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Das kleine Büchlein „Mild religiös“ von Kristian Fechtner bietet eine wunderbare kleine Phänomenologie des Betens, die ich aufnehme. Zugleich gibt es einen wunderbaren Aufsatz von E. Jüngel zum Beten: Was heisst beten? in: ders: Wertlose Wahrheit.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Beim Beten bekommt der Alltag Risse und es zeigt sich, was sonst eher verborgen bleibt: Das ganze Gewebe des Lebens. Diesen besonderen Augenblicken nachzugehen, hat mich sehr beschäftigt. Und wer genau hinschaut, sieht und hört wie viel gebetet wird.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Leider war ich diesmal mein eigener Coach. Ich hoffe, die Predigt hat dennoch ein paar gute Momente...
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"Esultate, jubelt, ihr Schäflein …" - Predigt zu Joh 10,11-21 von Jochen Riepe
I
Auch ein Wolf kann Kreide fressen und freundlich locken. Ihr aber, liebe Schwestern und Brüder, Ihr werdet Seine Stimme ‚in, mit und unter‘ den vielen erkennen. Denn in der Kraft seines Geistes sind eure Ohren geöffnet. Was ist die Gemeinde Jesu anderes als die Versammlung der ‚heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören‘ (M. Luther)!?
II
In Italien schwärmt man noch heute von ihm, dem florentinischen Opernsänger Mario del Monaco. Man erzählt, dieser Sänger habe selten richtig klar gesungen. Er schummelte wohl beim ‚Hohen C‘, er schluchzte, ja, er schrie. Aber der Klang seiner Stimme war mitreißend: ‚Esultate‘- ‚Erhebt euch! Jubelt!‘, so jubelte er selbst als siegreicher Feldherr Othello in Verdis Oper. Eine Stimme in einem – Leib, einem sichtbaren, fühlenden, verletzbaren Leib.
Nicht umsonst sagt man im Heimatland des ‚bel canto‘: ‚In voce veritas‘ – ‚In der Stimme liegt (die) Wahrheit‘. Sie verbindet den Sänger mit seinen Zuhörern, sie öffnet ihre Ohren, und aus einer Masse werden – Menschen aus Fleisch und Blut. So flüchtig sie ist, – eben noch ganz nah, nun ist sie verklungen –, das Herz hüpft schneller. Gewiss, Stimmen können uns auch ‚verfolgen‘, zum lästigen Ohrwurm werden oder wahnhafte und verrückte Befehle erteilen. Das ist ihr Doppelgesicht: Sie ziehen an, sie stoßen ab. Sie stellen Gemeinschaft her – oder verhindern sie.
III
Sie haben es schon bemerkt, liebe Gemeinde. An diesem Sonntag der Osterzeit führt uns das Evangelium auf ein buchstäblich ‚an-sprechendes‘ und hörendes Feld. ‚Ich bin der gute Hirte‘, verspricht Jesus in einem klangvollen Bildwort, ‚meine Schafe hören meine Stimme…' , um dann einen seine Jünger verstörenden, seinen Abschied ankündigenden Akzent zu setzen. Er wird ‚weggehen‘ (16,7), und das sei auch ‚gut‘ so: ‚Ich lasse mein Leben für die Schafe und ich gebe ihnen das ewige Leben‘.
Ich kann oft im Leben weghören oder über-, nicht hinhören, aber im Prinzip kann ich meine Ohren nicht verschließen. Hier spricht jemand aus einer innigen Beziehung des einander Kennens. Ein Ruf! Ein Heute (Hebr 3,15)! Er weiß deinen und meinen Namen, und du kennst ihn, und er wird seine Lebendigkeit dir zugutekommen lassen. Ja, der Evangelist steigert diese Zusage. Daran erkennst du ihn als den ‚guten Hirten‘, dass er ein ‚Leibbürge‘ (E. Levinas) ist, sich dir verbindet und nicht Reißaus nimmt, wenn der Dieb kommt. Jesus, der auf dem Weg zum Kreuz ist, er steht für seine ‚Freunde‘ (15, 13) ein und wird sie mit dem schöpferischen Atem seines Lebens behauchen.
IV
Ich kann die Ohren nicht verschließen, auch wenn mit den Jahren mein Hörvermögen nachlässt und ich immer mehr um ein ‚hörendes Herz‘ (1.Kön.3, 12) bitte: Die Worte Jesu treten nahe, verwickeln, lassen ‚rätseln‘ (V.6) – ‚sie verstanden aber nicht, was er ihnen damit sagte‘. Seine Rede geht tief ins Herz und scheidet die, die mit ihr konfrontiert werden. Verletzt sie eine Grenze? Geht sie zu weit? Das 10. Kapitel des Johannesevangeliums stellt die sog. Hirtenrede in einen konfliktreichen Zusammenhang. Jesu Zeugnis über sich selbst findet Glauben, ja, aber er findet auch Skepsis, Widerspruch, ‚Ent-setzen‘. Im Anspruchsraum seiner Rede gibt es gegenseitiges Erkennen, aber auch aggressives Unverständnis angesichts dieser ‚Anmaßung‘: ‚Er hat einen bösen Geist und ist von Sinnen. Was hört ihr ihm zu?‘, so heißt es im Kreis der Hörer, die vielleicht weghören wollen und eben darum besonders gut zuhören.
Eine Stimme ist einzigartig, so einzigartig wie das Gesicht eines Menschen. Sie ist so individuell, daß wir trotz aller Imitationskünste niemals die Stimme eines anderen in ihrem Tonfall, in ihrem Timbre, in Wärme und Kälte, ‚die Musik hinter den Worten‘ (F. Nietzsche) nachahmen können… Aber, so fragen manche: Könnte nicht eine Stimme verstellt, sozusagen von innen besetzt sein, ‚eine hohle und nichtige Geisterstimme‘, und der ‚Wolf‘ (Mt 7,15) aus ihm sprechen? ‚Macht auf ihr lieben Kinder, hier ist euer Mütterlein…‘ . Man muss schon sehr geübt sein mit den Ohren des Leibes und denen des Herzens, ein Bauchgefühl gleichsam für Unter- und Zwischentöne entwickelt haben.
V
Auch ein Wolf kann zum Krämer gehen, Kreide fressen und freundlich säuseln. Mit dem Grimmschen Märchen ist uns Schäfchen ja eine gründliche Hörübung in geistlicher Urteilskraft und Vorsicht, ja, ein tiefes Misstrauen angeraten. Immer fragen: Was will der mit seinen ‚cremigen‘ Worten von Dir? Welches Begehren spricht aus ihm? Die Parolen der Werbung, die Narrative der Politiker – ‚Wahlkampfversprechen‘ könnte das Unwort des Jahres werden – und leider auch unser kirchliches Reden bestätigen oft genug den Verdacht: Es geht um Stimmenfang, um Überreden und ‚Ver-Führen‘.
Wir nach Leben, Trost, Geborgenheit, eben nach Gott Verlangenden sind stets Umworbene, und oft machen wir dicht, weil wir spüren: Kein Kontakt. Dieser Redner ‚kennt‘ uns nicht und will uns auch nicht kennenlernen. Er will keine Nähe, denn Nähe macht verletzlich. Jesu Rede, dieses liebkosende, Schutz ‚in allen Nöten‘ versprechende Wort, bringt die Problematik auf den Punkt. Wie das Gesicht kann sich auch die Stimme maskieren.
Gute Hirten – schlechte Hirten. Bereits im Alten Testament wird um das Kriterium gerungen: ‚Weh den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben‘ (Ez 34, 2). Wie kann man die Stimmen, wie kann man die Geister scheiden? Die Propheten waren skeptisch: Jetzt, da Menschen versagt haben, wird Gott selbst ihr Hirte sein und seine Schafe zurückfordern.
VI
Ich denke noch einmal an den Bericht über den florentinischen Heldentenor. ‚In voce veritas‘, sagt man in Italien. Eine Stimme zeigt das ‚Gewisse Etwas‘, dieses schwer zu beschreibende Besondere an, was einem Menschen Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit gibt – Wärme und Kraft, etwas Eigenes, was doch verbindet. Mario del Monaco sang angeblich niemals klar, er schluchzte, er schummelte in den Höhenlagen. Dennoch hörten ihm die Menschen zu, ergriffen, verzaubert, ‚verwandelt‘, wohl weil sie spürten: Seine Stimme gibt den Worten einen Leib, verletzbar, verwundbar; sie ist Begegnung, Appell, und gerade das Unvollkommene, das Poröse, ihre ‚Wunden‘ beziehen uns mit ein und lassen uns teilhaben an dieser Musik und formen in diesem Augenblick einen ‚Herden- Körper‘. Auch wenn alte Platten mit ihren Kratzern bei den Jungen wieder begehrt sind, die CD- und DVD- und Streaming-Kultur sucht den technisch und ästhetisch perfekten Gesang. Das weiß man gewiss auch in Italien zu schätzen, aber wichtiger scheint dort für viele zu sein: Dieser bebende, sich hingebende, vibrierende, ja, ‚freimütige‘ (Joh 7,13) Gesangskörper, der sich den Zuhörern schenkt. Auch der Teufel, der ‚Vater der Lüge‘ (8,44) kann fehlerlos, perfekt ‚vor-singen‘ und singt doch eisig kalt – Worte ohne Musik, Worte ohne Liebe. Ein lebendiger, leibhaftiger Mensch aber trägt nicht einfach vor. Auch auf die Gefahr hin, sich bloßzustellen, beschimpft oder verjagt zu werden: Er ist Gesang, er ist seine Arie, sein Lied, sein Ton und wird mit ihm eins: ‚Esultate‘- ‚Jubelt‘. Bei einem ‚concerto all’aperto‘ auf den Plätzen oder in den Arenen Italiens kann man es immer wieder erleben.
VII
‚Meine Schafe hören meine Stimme‘ – ‚In der Stimme liegt Wahrheit‘. An diesem Sonntag der Osterzeit führt uns das Evangelium auf ein ‚an-sprechendes‘ Feld. Die Ohren sind geöffnet, und gerade, indem wir hinhören, uns ‚gehorsam‘ einüben in das sensible, die Unter- und Zwischentöne wahrnehmende Hören, treten wir in eine spannende, anspannende Situation: Beruhigung und Geborgenheit, Streit und ‚Wachheit‘, Entsetzen und Faszination umgeben uns gleichermaßen. Johannes wirbt um Glauben an Jesus, den Hirten, der die Seinen ruft und sich zugleich von ihnen verabschiedet. Der ‚nahe‘ ist und bleibt und doch auch ‚fern‘ (Jer 23,23).
Nicht so sehr, was Jesus gesagt hat, seine weisen und klugen Reden, sind für den Evangelisten wohl das Entscheidende, sondern dass er ruft, sich uns zuwendet, ja, aussetzt, seine Hörer ‚herzlich‘ einbezieht und bei Namen nennt, ohne sie zu beschlagnahmen: ‚Die Stimme gibt dem Namen Fleisch, befreit das Wort vom Tod‘ (M. Serres). ‚Maria‘, wird der Christus-Sieger am Ostermorgen rufen, und sie antwortet: ‚Rabbuni' (20, 16). Ja, die Musik hinter den Worten‘: Ob ein Ruf zum Leben führt, ob er ‚gut‘ für mich ist, ob ich ihm ‚gleichfalls mit freudigen Schritten‘ (J.S. Bach) folge, entscheidet sich daran, wie einer seine Rede ‚bricht‘, seine Wunden zeigt (20, 27) und mir Raum zu meiner Antwort lässt. Im ‚Königtum‘ (18, 37) des guten Hirten sind die Seinen nicht gefangen, sondern Freigelassene, Freigegebene im Geist in der Bindung geschwisterlicher Liebe: ‚Geh hin zu meinen Brüdern…‘ (20, 17). ‚Ich gebe euch den Lebensatem. Ich nehme euch nicht in Haft.‘
VIII
Heute spricht man von ‚Schwarmintelligenz‘ – gemeinsam ist man schlauer. Es ist die Klugheit, besser die geistliche Urteilskraft derer, die auch ohne eine zentrale Befehlsinstanz spüren und wissen, was zu tun ist. Die Herde Gottes ist fähig, in geschwisterlicher Beratung im Hören auf sein Wort, ohne Schere im Kopf, ohne Angst vor einem ‚Wahrheitsministerium‘ oder einer ‚Meldestelle‘, mündig zu urteilen. Wir erfahren dieses Wunder in der Gemeinde vor Ort immer wieder: Ihr, wir ‚heiligen Gläubigen und Schäflein‘, wir werden Seine Stimme in, mit und unter den vielen heraushören. Denn er spricht ‚in der Wüste‘ (1,23) - menschlich, schutzlos, frei: Esultate – Erhebt euch, ihr Schäflein – ‚heute‘.
Keiner kann Jesu Stimme ersetzen oder nachahmen. Jedes Schäflein darf seine je eigene Stimme erheben, schluchzend, jauchzend, lachend und weinend, in den Höhenlagen oder Tiefen auch `mal geschummelt, am besten mit einem fröhlichen Osterlied: ‚Auf, auf mein Herz, mit Freuden / nimm wahr, was heut‘ geschieht‘.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Der Sonntag Misericordias Domini gehört zur sog. österlichen Freudenzeit: ‚Esultate, Jubelt‘ -‚Auf, auf, mein Herz mit Freuden‘ (eg 112 ). Seine Lieder und Lesungen bezeugen die Auferstehung Jesu mit Hilfe des vertrauten Bild- bzw. Ich-bin-Wortes Jesu: ‚Ich bin der gute Hirte‘. Die Predigt möchte die nicht zuletzt musikalisch gehobene Stimmung im Durchschreiten einer im Johannesevangelium markanten Dissonanz bewähren.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Die homiletische Herausforderung (und das Abenteuer) bestand für mich darum darin, zu versuchen, die beliebte, ‚bekannte-allzubekannte‘ Hirten-Metapher in den konflikthaften Kontext von Joh 10 zu stellen: Auf Jesu Stimme, auf seinen Anspruch als Person, reagieren die Jünger mit Unverständnis. Die Zuhörer sind gespalten, durch seine Gegner wird Jesus sogar dämonisiert. Ich versuche, diesen Kontext zu berücksichtigen mit dem (Märchen-) Motiv der verstellten Stimme.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Stimmen, oft medial verstärkt, dringen viele auf uns ein. Sie (ebenso wie die ‚Geister‘) unterscheiden zu können, bedarf es der viel beschworenen ‚geistlichen Urteilskraft‘. Ist es ‚eine hohle und nichtige Geisterstimme, die aus uns selber kommt‘ (Th. Mann), oder die ‚viva vox euangelii‘? Daß gerade die ‚gebrochene‘ Stimme eines Sängers helfen kann, hier ein Kriterium für den Prediger und die Gemeinde zumindest zu erahnen, gar zu finden, zeigt für mich das Beispiel Mario del Monacos.
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04.05.2025 - Misericordias Domini
Tiefer sehen - Predigt zu Joh 20,11-18 von Barbara Bockentin
(Der Predigttext geht als Evangeliumslesung der Predigt voraus.)
Ein anderer Blick
Die letzten Wochen gucke ich sehr regelmäßig die Serie „Madam Secretary“. In ihr geht es um eine amerikanische Außenministerin. Der rein politische Blick auf die Weltlage ist ihr fremd. Bevor sie in ihr Amt kam, war sie beim CIA – auch in Auslandseinsätzen, zum Beispiel im Irak. Im Grunde ist das Muster in jeder Folge sehr ähnlich. Wer auf Spannung und Action setzt, wird wahrscheinlich rasch gelangweilt sein.
Ich schalte immer wieder wegen der weiblichen Hauptfigur, Elisabeth McCord ein. Sie gibt nicht auf. Gönnt sich einen zweiten Blick. Auch dann, wenn die Zeit drängt. Sie will Hintergründe verstehen. Diskutiert mit ihrem Mitarbeiterstab. Setzt den einfachen Lösungsversuchen – selbst des Präsidenten – ihre Beharrlichkeit, ihr Vertrauen, dass es auch anders geht, entgegen. Dabei ist sie keine Heldin. Hat ihre dunklen Seiten. Versagt. Trotz allem hakt sie nach. Ist auch zu unkonventionellen Lösungen bereit.
Ein zweiter Blick mit der Hoffnung auf Antwort
Da steht Mariam. Sie weiß, dass ein zweiter Blick nötig ist. Deshalb gibt sie sich nicht mit dem ersten zufrieden. Sie geht dabei ins volle Risiko. Rechnet sogar mit einer Enttäuschung. Anders als die zwei Männer, die rasch umkehren, widersteht sie diesem Impuls.
Beim ersten Mal ist sie auch rasch umgekehrt. Hat den anderen von ihrer Entdeckung erzählt. Zwei von ihnen kommen mit ihr. Sie laufen, rennen zum Grab. Die Männer wenden sich um, als sie sehen, dass das Grab leer ist.
Mariam bleibt. Sie streckt den Kopf in die Grabeshöhle. Wird eins mit dem Dunkel. Tränen verschleiern ihren Blick. Kaum auszuhalten, was sie befürchtet, nun mit eigenen Augen zu sehen. Wenn der Leichnam nicht mehr da ist, kann sie ihn nicht ein letztes Mal berühren.
Dann ein zweiter Blick – mit ihm sieht sie mehr. Hört sogar. Zwei schemenhafte Wesen nimmt sie wahr. Lässt sich für einen kurzen Moment ein. Gibt sich ihrer Verzweiflung, ihrer Trauer hin. Erst als sie ausgesprochen hat, was sie befürchtet, dreht sie sich um. Lässt das Dunkel der Grabeshöhle hinter sich.
Doch die Frage bleibt: »Sie haben meinen Herrn weggenommen. Und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!« Bewegt sie weiter. Die Hoffnung auf eine Antwort ist nicht geschwunden. Sie bleibt groß. Eine unverhoffte Begegnung. Eine andere als eben noch in der Grabeshöhle. Wieder fragt sie: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, dann sage mir, wo du ihn hingelegt hast. Ich will ihn zurückholen!« Sie bleibt hartnäckig. Will sich nicht abspeisen lassen.
“Mariam“ – Der Klang seiner Stimme. Die sie so oft gehört hat. Die sich an viele andere wandte. Die sie meinte. Die Stimme, die Geschichten erzählte von Gott, von Liebe, von einer neuen Welt, von anderen Möglichkeiten. Die Stimme, die sanft sein konnte oder sehr energisch. Die Stimme, die ihr eine ganze Welt geöffnet hatte.
Sie erkennt ihn. „Rabbuni“ Wiedererkennen, Zärtlichkeit, Trauer, Unglauben, Freude – all das schwingt zwischen ihnen. Die Hartnäckigkeit Mariam, ihr Nicht-aufgeben-können – ist an ein Ziel gekommen. Sie ist belohnt worden.
Nur ein kurzer Moment, der jäh endet. Sie kann diesen Moment des Wiedererkennens, des Wiedersehens nicht auskosten. Merkt, dass sich etwas geändert hat. Sie findet eine andere Ausdrucksweise für die Freude, die sie festhalten will. Sie singt, hüpft. Redet vor sich hin. Um sich selbst immer wieder zu vergewissern. Um die Worte zu üben, die sie gleich den anderen sagen wird. Immer wieder dieselben Sätze, dieselbe Melodie.
Weil sie nicht aufgegeben hat. Weil sie einen zweiten, tieferen Blick riskiert hat, hat sie sehen und hören können, was den anderen verborgen geblieben ist. Ihre Trauer hat sich so in Freude verwandelt.
Ein zweiter Blick. Offen, bereit für Unerwartetes.
Deshalb schaue ich weiter „Madam Secretary“, weil ich hoffe, dass die weibliche Hauptfigur Elisabeth McCord daran festhält, Hintergründe verstehen zu wollen. Deshalb feiere ich Ostern, weil es ohne die Hartnäckigkeit für Mariam ganz anders geworden wäre. Mich ermutigt es.
Meine Aufgabe für die Osterzeit: Gib dich nicht mit dem ersten Blick zufrieden. Geh noch einmal zurück. Schaue genauer. Schaue tiefer.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Ich bemerke, dass viele Menschen dem Glauben schenken, was sie lesen, hören oder auf verschiedenen Kanälen sehen, ohne unbedingt zu recherchieren, ob denn alles stimmt, was da an Informationen mitgeliefert wird. Ich denke, dass es sich fast immer lohnt, tiefer zu bohren, am Ball zu bleiben.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Mich hat der Mut von Mariam (Maria von Magdala) beeindruckt. Ihrem Impuls, nicht aufzugeben, dem wollte ich nachgehen.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Es lohnt sich, genauer hinzusehen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die Unterstützung, die ich bei meiner Coach durch ihre positive Resonanz fand, hat es mir leicht gemacht, zu verstehen, wo eine Überarbeitung für mein Anliegen hilfreich ist. Dafür bin ich sehr dankbar.
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Christus stirbt und ist doch Sieger über den Tod - Predigt zu Joh 19,16b-30 von Andreas Schwarz
(Lesung geht der Predigt voraus)
Immer wieder darf ich Gespräche mit Trauernden führen, um eine Beerdigung vorzubereiten. In einer Stunde wird ein Leben beschrieben, das gerade zu Ende gegangen ist. Schöne Erinnerungen kommen ans Tageslicht, aber eben auch der tiefe Schmerz, dass das alles nun vorbei ist. Oft genug wird die Frage nach dem Warum gestellt, warum jetzt schon, warum so früh? Der Verlust bestimmt die Gefühle. Viele Tränen fließen bei den Gesprächen.
Da fällt es mir auf, wenn es einmal ganz anders ist. Vor Kurzem war eine solche Situation gar nicht traurig. Ein Bild des gerade Verstorben stand auf dem Tisch, sodass wir beide, die Witwe und ich, es sehen konnten.
Jetzt ist er bei uns und gar nicht gestorben, sagte sie.
Wir wissen doch, wie der Weg ist. Es überrascht uns nicht. Zu keiner Zeit haben wir eine Ahnung, wann und wie es zu Ende geht. Aber dass es kommt, wussten wir. Und glauben an die Zukunft, die Christus uns schenkt.
Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn.
So hat es Paulus einmal in einem Brief an die Gemeinde in Philippi geschrieben. Es geht gar nicht darum, jetzt gerne sterben zu wollen. Sondern um die ewige Zukunft als grundlegenden Inhalt unseres christlichen Glaubens. Das ist unsere Hoffnung in all dem Elend und Leid, in dem Sterben, das so oft unvermittelt und plötzlich Leben beendet.
Worin wir uns sicher alle einig sind ist: Ich möchte leben.
Wenn ich krank werde, steht das auf einmal in Frage.
Und wenn ich sterbe, habe ich verloren.
Mein Leben hat verloren.
Der Tod hat gesiegt.
Er siegt so furchtbar oft.
Ihr erleidet das in euren Familien.
Wir erleben das in unserer Gemeinde.
Der Tod ist aktiv und offenbar gewinnt er immer wieder.
Ganz offenbar im sinnlosen Morden und Sterben.
Wenn einer mit seinem Auto in die Besucher eines Weihnachtsmarktes rast und Menschen in den Tod reißt, wie im Dezember in Magdeburg.
Oder in eine Menschenmenge, die am Rosenmontag in Mannheim auf den Straßen unterwegs war.
Der Tod siegt in den Krankenhäusern und in Kriegsgebieten.
Er siegt in Massen, wenn die Erde bebt wie diese Tage in Südostasien – und Tausende sterben.
Ich gehe davon aus, dass alle Opfer gerne noch gelebt hätten.
Aber sie haben verloren.
Ihr Leben hat verloren.
Bei ihnen hat der Tod gewonnen.
Und er tut es, immer und immer wieder.
Auf unterschiedlichste Arten und Weisen.
Durch Mord, in Kriegen bewusst in Kauf genommen oder gewollt, durch Unfälle. Durch Krankheit.
Manchmal können wir ihn ein wenig hinauszögern, wenn er sich schon einmal angemeldet hat. Aber er wird wiederkommen und dann doch gewinnen.
Die Spannung zwischen dem Bibelvers, dass Sterben ein Gewinn sei, und unserem menschlichen Wunsch nach Leben bleibt bestehen.
Heute kommt sie an einen besonderen Tiefpunkt, an dem sie zu zerreißen droht.
Karfreitag.
Jesus stirbt.
Gottes Sohn verliert den Kampf gegen den Tod.
Seine Freundinnen trauern. Seine Freunde sicher auch, aber die haben sich fast alle zurückgezogen aus Angst, dass es ihnen gehen könnte wie ihrem Herrn und Meister.
Der Karfreitag ist ein Tag der Trauer, die liturgische Farbe ist schwarz, die Farbe des Todes. Aller Glanz und alles Licht des Lebens verlöschen.
Der, der sich so für das Leben anderer eingesetzt hatte, der Kranken und Ausgestoßenen neue Lebensperspektiven geschenkt hatte, der Tote wieder zum Leben erweckt hatte, der stirbt nun selbst.
Gewaltsam. Ausgestoßen. Erniedrigt.
Wie ein Verbrecher bestraft.
Dieser Tag ist im Kirchenjahr fest verankert, bekannt und vertraut. Es werden alle dieses Ereignis kennen.
Alle vier Evangelisten berichten auch ausführlich und sehr ähnlich davon.
Matthäus, Markus und Lukas erzählen so.
Bloß bei Johannes ist vieles anders.
Oft sind es Kleinigkeiten, die er abweichend berichtet.
Aber genau die machen deutlich, dass Johannes das Leiden und Sterben bis zu seinem Tod Jesu nicht nur erzählt. Er deutet es theologisch.
Sein Evangelium hat so etwas wie einen goldenen Faden, der immer wieder aufleuchtet. Jesus kommt auf diese Erde, in sein Eigentum, und er hat einen Weg vor sich. Er ist unterwegs, Menschen zu Kindern Gottes zu machen, zu Erben des Lebens, das nicht mehr bedroht und gefährdet ist, sondern in die ewige Zukunft reicht. Das ist das Ziel seines Weges, das ihn ans Kreuz bringt.
Da stirbt nicht nur ein besonderer Mensch einen grausamen Tod.
Er stirbt so, wie alle Menschen sterben.
Aber er stirbt anders.
Was Johannes erzählt, ist außergewöhnlich.
Sie nahmen Jesus aber, und er trug selber das Kreuz und ging.
Die Frage, ob er nach den Schlägen und der Folter körperlich noch in der Lage war, sein Kreuz zu tragen, interessiert Johannes nicht.
Jesus trägt das Kreuz und geht.
Er ist aktiv, er handelt.
Mögen andere Menschen ihre Macht ausüben und öffentlich zeigen, er ist und bleibt der, der handelt.
Natürlich wird es überdeckt vom dem, was geschieht und für alle sichtbar ist. Da stirbt einer, der gescheitert ist. Da hat einer viel getan und geredet, aber nun hat er doch verloren. Ziemlich übel sogar.
Aber gegen all solchen Augenschein bleibt er souverän.
Er trägt sein Kreuz. Niemand muss es für ihn tun oder ihm dabei helfen.
Er geht. Er wird nicht getragen, gezogen oder geschoben.
Er geht selbständig zum Ort seines Todes.
Und dann wird er mit zwei anderen gekreuzigt, einer links von ihm, einer rechts, er in der Mitte. Wie bei einer Siegerehrung. In der Mitte ist der Gewinner, der die Goldmedaille erhält. Die mittlere Stufe ist höher als die anderen.
Ein solches Bild entsteht vor Augen, wenn Johannes erzählt.
Und dann diese Inschrift an seinem Kreuz in den drei wichtigen Sprachen, hebräisch, latein und griechisch, sodass es jeder lesen kann: Jesus von Nazareth, der König der Juden.
Da wird Pilatus zu einem ungewollten Zeugen der Herrschaft Jesu. Das ist ein echtes Bekenntnis.
Gegen alle Kritik, die natürlich kommt. ‚Du musst das ändern, Pilatus. Da darf nicht stehen, dass er der König der Juden ist, sondern dass er es von sich behauptet hat.‘ Aber Pilatus reagiert knapp und deutlich: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
So denken und reden Menschen ja immer wieder.
Ich habe mein Urteil über andere und das bleibt.
Ich lasse mich nicht bewegen.
Und dann sind Leute festgelegt und festgeschrieben.
Bürgergeldempfänger sind faul.
Muslime sind kriminell.
Flüchtlinge sind Schmarotzer.
Johannes erzählt auch von solchen Leuten, als eine Frau beim Ehebruch erwischt wird und gesteinigt werden soll.
Sie bringen sie zu Jesus und fragen nach seinem Urteil, das für sie aber ja klar ist. Die Frau ist festgelegt auf ihr gescheitertes Leben.
Jesus schreibt in den Sand.
Und auf einmal gehen alle Ankläger weg.
Menschliche Urteile und Festschreibungen enden bei ihm.
Die Frau ist frei und darf leben.
Wieder hat jemand etwas geschrieben.
Und welcher Einwand auch immer, welcher Protest sich da erhebt.
Jesus sagt: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Wenn er deinen Namen ins Buch des Lebens geschrieben hat, dann steht der da.
Bis zum Schluss.
Bis zum bitteren Ende, bis zum Tod.
Für die Ewigkeit.
Niemand ändert das.
Niemand löscht den aus.
Was immer einer tut.
Wie wenig sich jemand wert fühlt,
was immer andere ihm vorwerfen.
Was immer dagegen spricht an eigenen Taten, an persönlichen Befürchtungen, an fremden Einwänden: Der Name steht im Buch des Lebens.
Und da bleibt er.
Denn was Jesus geschrieben hat, das hat er geschrieben.
Ein für allemal.
Die Zuwendung zu den Menschen und seine Fürsorge enden im brutalen Leiden am Kreuz nicht.
Sie sind und bleiben ihm wichtig, die Menschen, die an seiner Seite waren, denen er an der Seite war. Seine Familie, seine Freunde. Sie liegen ihm bis zuletzt am Herzen, und sogar darüber hinaus.
Ihr Wohlergehen hat er im Blick, sogar in den letzten Minuten seines Lebens.
"Frau, siehe, das ist dein Sohn", sagt er zu seiner Mutter.
"Siehe, das ist deine Mutter", sagt er zu dem Jünger, den er liebhatte.
Er ordnet ihr künftiges Leben, bindet sie aneinander und sorgt sich darum, dass es für sie gut weitergehen kann, wenn er nicht mehr da ist.
Das Gespräch mit der Witwe kommt mir wieder in den Sinn. Wie sie mir erzählt, ihr Mann habe alles vorbereitet.
Ein Brief für den Pfarrer zur Traueransprache.
Ein Brief für die Kantorin zur Musik für den Gottesdienst.
Und alle nötigen Informationen für sie, für die Finanzen, für die Wohnung.
Alles überlegt, geklärt, aufgeschrieben.
Damit es für sie gehen kann, wenn er nicht mehr da ist – wo er sich doch um all das immer gekümmert hatte.
Nicht immer geht es so hilfreich. Oft denken Menschen nicht frühzeitig daran, und auf dem Sterbebett ist es dann zu spät. Sie wollen gerne alles noch regeln, aber können nicht mehr. Da reichen die Kräfte nicht mehr. Die werden gebraucht für die letzten Momente auf dieser Erde.
Jesus bleibt souverän und handelt, als ältester Sohn seiner Mutter, als Meister seiner Jünger. Bis zum allerletzten Moment.
Und selbst der ist besonders.
Die letzten Worte, die Johannes aus dem Mund Jesu bezeugt sind: Es ist vollbracht.
Sein Weg ist zu Ende ist und er hat zum Ziel gebracht, worum es ging.
Es klingt wie die Bestätigung seines Auftrages, wie die Bekräftigung seines Sieges, was Jesus in dem Moment ausspricht, als er sein Leben abgibt.
Das ist es dann auch, was Johannes mehr als die anderen Evangelisten ausdrückt: Hier beendet einer das Werk, zu dem er angetreten war, siegreich.
Das wirkt unverständlich. Denn im Moment des Sterbens von einem Sieg zu reden, ist ja wohl abwegig. Wer stirbt, hat verloren.
So denken Menschen und so leben sie auch. Dass sie an den Tod nicht denken wollen, ihn so gut es geht, verdrängen und hinausschieben wollen. Mit Fitnessprogrammen und Schönheitsoperationen, mit Medikamenten und Crémes, bloß das Altern aufzuhalten und wegzuschieben.
Wofür?
Am Ende ist es nicht zu halten, der Tod ist nicht zu besiegen. Jedenfalls nicht von uns.
Aber Johannes sagt etwas anderes: der hier stirbt, hat gewonnen.
Der hat seinen Auftrag erfüllt, zu dem Gott ihn zu uns Menschen gesandt hat.
Nicht nur ist sein Leiden am Kreuz vorbei. Er hat es überstanden.
Sondern die Unausweichlichkeit und Endgültigkeit des Todes über das Leben sind gebrochen.
Jesus erringt den ersten und grundsätzlichen Sieg des Lebens über den Tod.
Das neue, das ewige Leben der Auferstehung siegt.
Weil Jesus am Kreuz stirbt.
Nicht der Verbrecher erhält seine gerechte Strafe, sondern: Es ist vollbracht.
Jesus kann sterben. Mit dem Leben vor Augen.
Wer an ihn glaubt, kann sterben, mit Jesus Christus vor Augen.
Was für eine Aussicht, wenn wir das könnten.
Unsere Zukunft ist das Leben.
Geschenkt, nicht erkauft oder erkämpft, was wir gerne so krampfhaft festhalten wollen und sichern. Dagegen öffnet uns Johannes den Blick, nicht festhalten wollen, was nicht festzuhalten ist. Aber das Geschenk annehmen, dass Jesus uns macht.
Es ist vollbracht. Für uns und unser Leben. Gott sei Dank. Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
An Karfreitag ist der Gottesdienst gut besucht, sehr gemischt, weil viele Ältere da sein werden, aus gelebter Frömmigkeit und Tradition. Darunter Menschen, die sich mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen oder in der Nähe Verluste erlitten haben. Dazu kommen die Konfirmanden, die liturgische Teile des Gottesdienstes übernehmen, auch sie kennen den Verlust von Verwandten, Großeltern z.B. Ich erwarte erfahrungsgemäß eine sehr offene und wache Gemeinde, die bewusst da ist und zuhört. Das erleichtert sowohl die Vorarbeit, als auch den Gottesdienst selbst.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Mehrere Aspekte spielen eine Rolle; einmal der sehr besondere, prominente Kasus und die Tatsache, dass grundsätzlich alle in der Gemeinde einen Zugang dazu haben. Dann der musikalische Zugang über die Johannespassion von J. S. Bach, auch wenn ich die formulierten Hinweise und Bezüge in der Predigt auf Empfehlung des Coaches gestrichen habe. Aber beim Lesen des Bibeltextes habe ich immer wieder Melodien im Kopf gehabt.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Es ist eher die Herausforderung an eigene Lebensgestaltung im Glauben. Das bei allen Niederlagen, die Tod zufügt, von Johannes siegreich erzählt wird. Das führt nicht zur Bagatellisierung oder Verniedlichung, aber zu einer anderen Einordnung. Die Zukunft deutlicher als Hoffnung und Kraft für die Gegenwart zu entdecken und zu pflegen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Wie schon angesprochen unter dem Schlagwort: kill your darlings die Herausnahme aller Hinweise auf die Johannespassion von Bach, auch wenn sie mir persönlich wichtig und hilfreich war. Bilder, die mir etwas sagen, aber der Gemeinde evtl. weniger rausnehmen und aktueller am Leben dran sein. Das habe ich verstanden und zu beherzigen versucht.
Link zur Online-Bibel
Die Treue hört niemals auf - Predigt zu Joh 18,28-19,5 von Anne-Kathrin Kruse
Der Predigttext wird im Verlauf des Gottesdienstes gelesen.
I. Trauer und Schmerz
Jeden Tag geht Anna auf den Friedhof.
Ordnet die Blumen auf seinem Grab,
richtet das Foto wieder auf – _
von Frantz, ihrem Verlobten.
Sitzt dort auf der Bank,
in sich versunken, unnahbar,
mit starrem Blick auf das Kreuz.
Hier ruht Frantz Hoffmeister, geboren… gestorben...
Ihr Frantz liegt nicht in diesem Grab.
Im letzten Kriegsjahr wurde er verscharrt
in einem der Massengräber nahe Verdun.
Nur sein Medaillon ist ihr geblieben.
Das Rauschen der Blätter im Frühlingswind – sie hört es nicht.
Eines Tages beobachtet Anna,
wie ein junger Mann am Grab von Frantz steht.
Ganz in Schwarz, mit dem Hut in der Hand.
In sich versunken, unnahbar,
legt er Blumen auf sein Grab.
Steht dort mit starrem Blick auf das Kreuz.
Tag für Tag.
Adrien heißt er.
Franzose - der Erbfeind…
Zwei junge Männer –
Freunde mitten in diesem mörderischen Krieg?
Die Eltern von Frantz Hoffmeister sind in ihrer Trauer um den Sohn
bitter geworden.
Jeder Franzose ist für mich der Mörder meines Sohnes.
Ja, Sie haben recht, antwortet Adrien.
Ich war auch Soldat und ich bin ein Mörder.
II. Ohne Schuld – angeklagt
„Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach:
Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen?
Sie antworteten und sprachen zu ihm:
Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.
Da sprach Pilatus zu ihnen:
So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz.
Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten.“
Ein Mensch steht vor Gericht, ein Jude.
Angeklagt von den jüdischen Oberpriestern des Tempels:
Wieder so ein Aufrührer,
der das ohnehin schon gebeutelte jüdische Volk
unter den lauernden Augen der römischen Besatzer
in Gefahr bringt.
Den Römern reicht der leiseste Vorwand,
um noch grausamer zuzuschlagen.
Und dann nennt er sich „Gottes Sohn“
und verstößt damit gegen das höchste jüdische Gebot,
nämlich: dass es nur einen Gott gibt, den Gott Israels.
Darin war er nicht der Erste und Einzige.
Sich „Sohn Gottes“ nennen zu lassen,
erfüllte im Römischen Reich aber den Tatbestand des Hochverrats:
Einer „wie Gott“ zu sein, durfte nur einer für sich beanspruchen:
der Kaiser des Römischen Reiches.
Kreuzigen ist die römische Methode,
mit solchen Rebellen abzurechnen.
Was am Ende zur Anklage führte –
heute ist das nicht mehr nachvollziehbar.
Klar ist nur: Nicht die jüdischen Verantwortlichen sind schuld an Jesu Tod.
Dazu hatten sie gar kein Recht und keine Möglichkeiten.
III. Ohne Anklage – schuldig
Anna gelingt es, Vertrauen zu schaffen
und den jungen Franzosen Adrien in das Elternhaus von Frantz einzuführen.
Woher kennen Sie Frantz?
Wie war es, als Sie ihn das letzte Mal gesehen haben?
War er glücklich?
Denken Sie noch an ihn? – Wie könnte ich ihn vergessen…?!
Adrien beginnt zu erzählen.
Wie sie sich vor dem Krieg in Paris kennengelernt haben,
wie sie im Louvre die Bilder von Edouard Manet bewundert haben,
besonders eines – mit dem Titel: Der Selbstmörder.
Wie Adrien, der begabte Geiger, Frantz beim Violinspiel korrigiert hat,
behutsam, liebevoll, mit zarter Hand.
Es ist, als wäre Frantz wieder nach Hause gekommen…,
sagt die Mutter.
Auch Anna blüht auf.
Schließlich möchte Vater Hoffmeister die Violine seines Sohnes
Adrien gar zum Geschenk machen.
Das Liebste, was er hatte.
Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen.
Aber Adrien wehrt ab.
Er hält es nicht mehr aus.
Anna gegenüber bricht die Wahrheit aus ihm heraus:
Ich war es, der Frantz getötet hat
In einem Schützengraben hatten sie sich
mit ihren Gewehren gegenübergestanden.
Wenn er wenigstens geschossen hätte,
aber sein Gewehr war nicht geladen.
Die unerträgliche Schuld am Tod von Frantz
hat ihn dazu getrieben,
die Familie Hoffmeister aufzusuchen und um Vergebung zu bitten.
Ich habe gelogen, weil es uns allen guttat.
Anna wendet sich verletzt von ihm ab.
In tiefer Verzweiflung erkennt Adrien,
dass es keine Hoffnung auf Vergebung für ihn gibt,
und kehrt zurück nach Paris.
Was ist Wahrheit?
IV. Gelitten. Unter Pontius Pilatus gekreuzigt.
„Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?
Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden
und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“
Der Evangelist Johannes beschreibt Pilatus mit dickem Weichzeichner:
Als einen maßvollen Richter, der die richtigen Fragen stellt.
Als einen, der Jesus für einen harmlosen Querulanten hält.
Andere Quellen beschreiben Pilatus als brutalen,
kaltschnäuzigen und grausamen Gewaltherrscher.
Ein Autokrat, für den kein Gesetz zu gelten scheint –
wie aktueller er kaum sein kann…
Mit Aufrührern macht er gleich kurzen Prozess oder gar keinen.
Ausgerechnet an seinen Namen erinnern Christinnen und Christen regelmäßig
in ihrem Glaubensbekenntnis: Gelitten. Unter Pontius Pilatus gekreuzigt.
„Was ist schon Wahrheit!“
Ihn interessiert die Frage nicht.
Der Schreibtischtäter mit der weißen Weste
fällt das Todesurteil und lässt es vollstrecken,
aus Lust an der Gewalt,
aus politischem Kalkül,
zur Abschreckung
oder einfach, um diesen lästigen Juden loszuwerden.
Und macht sie alle miteinander lächerlich,
die jüdischen Ankläger, den Juden Jesus, den Gott Israels.
Wahr ist: mit der Schilderung dieses Prozesses in den Evangelien
nahm die katastrophale judenfeindliche Wirkungsgeschichte
ihren Anfang und dauert bis heute an.
Der Evangelist Johannes wollte in der innerjüdischen Auseinandersetzung
um den „Messias“ die Position der Jesus-Jünger stark machen.
Die Schläge, die Jesus trafen, der qualvolle Tod am Kreuz –
sie stehen für die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden
bis hin zum 7. Oktober 2023 und darüber hinaus.
Kann es sein, dass wir unsere dunklen Seiten
in unser Bild von Juden einschreiben?
Kann es sein, dass Jesus deshalb immer wieder gekreuzigt wird?
V. Noch einmal: Was ist Wahrheit?
Ebenso wenig, wie der willkürliche Despot Pilatus
ein Freund theoretischer Gedankenspiele war,
so wenig war Jesus ein griechischer Philosoph -
als jüdischer Schriftgelehrter und Prediger in der Provinz Judäa
spricht und denkt er auf aramäisch.
Was die Griechen unter „Wahrheit“ verstehen, heißt bei ihm „Gemeinschaftstreue“.
Das ist die Treue dieses unschuldigen Königs der Juden:
„Ich soll die Treue Gottes und seiner Weisung, der Tora, bezeugen.
Wer aus der Treue ist, der hört meine Stimme.“
Dieser Jesus ist ein wahrer „König der Juden“, wie ihn seine Bibel beschreibt:
glaubwürdig und treu gegenüber Gott und seinen Geboten in der Tora,
der für Recht und Gerechtigkeit eintritt.
In Treue steht er für sein jüdisches Volk ein.
Hält die Würde der Menschen hoch, auch derer aus den anderen Völkern,
hat eine besondere Liebe für die, die verfolgt und gedemütigt werden.
Auf ihn ist Verlass, im Leben wie im Tod.
V. Die Treue hört niemals auf
„Frantz“ – ein Film gegen den Krieg.
Darüber, wie die Toten das Leben derer überschatten, die sie liebten.
Wie Überlebende sich nach dem Tod sehnen, weil sie schuldig geworden sind.
Und der Krieg in den Köpfen nicht aufhört.
Wo das Leben nur noch in der Vergangenheit farbig,
die Gegenwart dagegen schwarz – weiß – grau erscheint.
Und doch bahnt sich das Leben zurück in die Zukunft, gibt ihr Farbe.
Ein Film über Lüge und Wahrheit, über Treue und Liebe.
Nach schweren Kämpfen gelingt es Anna, Adrien zu verzeihen.
Dieser französische Soldat ist bis nach Deutschland gekommen,
um um Vergebung zu bitten. Gewähren Sie sie ihm,
so wie Jesus Christus seinen Peinigern vergeben hat.
rät ihr der Pfarrer.
Bei einem Wiedersehen mit Adrien in Paris begreift sie,
dass es in seiner Welt der Schuld
keinen Raum für eine gemeinsame Zukunft gibt.
Durch Adrien konnte sie Frieden machen mit dem Tod ihres Verlobten Frantz
und sich wieder dem Leben zuwenden.
Die Narben bleiben – die Liebe kann Leid und Schuld nicht einfach zudecken.
Und doch gibt es ein Aufstehen aus der Vergangenheit, Neuanfang, Zukunft.
Anna bleibt in Frankreich.
Den Eltern von Frantz verschweigt sie die Wahrheit darüber,
dass Adrien ihren Sohn getötet hat.
In ihren Briefen erzählt sie Geschichten von einem glücklichen Leben mit Adrien in Paris.
In der Regel verurteilt Gott die Lüge, hatte der Pfarrer gesagt,
aber hinter Ihrem Schweigen verbirgt sich eine reine Absicht,
die den Verstoß entschuldigt…
Was würde die Wahrheit bewirken?
Noch mehr Schmerz, noch mehr Tränen…
Wahrheit kann Schuldige kalt und gnadenlos lebenslänglich verurteilen.
Liebe kann sich blumigen Illusionen hingeben.
Die Treue verbindet beide und öffnet Zukunft, neues Leben.
Die Treue zu Gott und den Menschen erfindet wundervolle Geschichten
von Freundschaft unter Erbfeinden,
von gemeinsamem Leben über Grenzen hinweg.
Ja, sie lässt sich dafür demütigen und schlagen und umbringen.
Sie lässt sich begraben und kommt wieder ans Licht.
Am Ende geht Anna in den Louvre,
zu Edouard Manet‘s Bild „Der Selbstmörder“.
Denn: Es gibt mir die Lust zum Leben.
Am Ende hört sie es wieder –
das Rauschen der Blätter im Frühlingswind.
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Eine Großstadtgemeinde mit hohem Akademiker-Anteil. Die Aufführung der Johannespassion von J.S.Bach, der der Predigttext zugrunde liegt, steht bevor. Und es ist auffällig, wie wenig Interesse an den Folgen dieser wunderbaren Musik und ihrer vergifteten Botschaft besteht.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Schon lange hat mich der Film „Frantz“ fasziniert und beschäftigt im Blick auf die Frage, was „Wahrheit“ ist, wo sie verletzt und wo sie heilsam wirken kann. Dass sie jedenfalls nie nur akademisch behandelt werden kann, vielmehr dazu führt, für sich selbst Rechenschaft abzulegen - gerade auch im christlich-jüdischen Kontext.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Nach wie vor finde ich es in Übersetzung und dann auch in jüdischer Auslegung spannend, der biblischen Bedeutungsvielfalt zentraler Begriffe nachzugehen und dadurch auf ganz neue Zugänge zu stoßen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Herzlichen Dank an meine Predigtcoach für ihre präzise Wahrnehmung und ihre sehr hilfreichen konkreten Anregungen! Sie hat mich in dem Wagnis bestärkt, den Predigttext mit dem Plot des Films zu verweben, und Vorschläge dazu gemacht, die historischen Anmerkungen zum Text auf der Meta-Ebene zu straffen. Wertvolle Anregungen verdanke ich auch der Predigt zum Text von Susanne Ehrhardt-Rein.