Lichtspiele - Predigt zu Johannes 8,12-16 von Wolfgang Vögele

Lichtspiele - Predigt zu Johannes 8,12-16 von Wolfgang Vögele
8,12-16

Vorbemerkung: Es ist möglich, diese Predigt einfach als Text zu übernehmen. Aber es kann auch hilfreich sein, mit Hilfe eines Blattes oder einer Projektion einige Bilder zu zeigen. Diese habe ich unter folgender Adresse zusammengestellt: https://wolfgangvoegele.wordpress.com/2016/12/20/lichtspiele-predigt-und-fotos

Man kann sie von dort herunterladen. Alle gezeigten Bilder sind gemeinfrei und dürfen übernommen werden.

 

Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe. Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. Wenn ich aber richte, so ist mein Richten wahr, denn ich bin's nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat. (Joh 8,12-16)

Liebe Schwestern und Brüder,
nicht zufällig fällt das Weihnachtsfest in die Zeit kurz nach der Wintersonnenwende. Das Morgengrauen beginnt nach dem Frühstück und die Nacht bricht vor dem Abendessen herein. Die Menschen sehnen sich nach Licht. Die Spaziergänger genießen die Nachmittagssonne im verlassenen Park. Die Kinder freuen sich über das warme Kerzenlicht des Adventskranzes im Wohnzimmer. Wer den Hund ausführt, der staunt über den bunten Lichterkranz am Tannenbaum in Nachbars Vorgarten.

In der winterlichen Dunkelheit von Weihnachten wird der geboren, der als erwachsener Prediger von sich sagen wird: „Ich bin das Licht.“ Und das Licht klärt auf. Die hilfsbedürftigen Menschen, die sich orientieren wollen, brauchen Licht, das Schatten wirft, beleuchtet, aufklärt, die Dinge in besondere Farben taucht. Ein Philosoph hat das Licht so gepriesen: „Das Licht […] ist Verschwendung ohne Schwund. Licht schafft Raum, Distanz, Orientierbarkeit, angstloses Schauen, es ist Geschenk, das nicht fordert, Erleuchtung, die ohne Gewalt zu bezwingen vermag.“ [1] Ohne Licht keine verständnisvolle Aufklärung und keine gewaltfreie Erleuchtung. Trotzdem kann niemand das Licht mit Händen greifen.
Deswegen habe ich mir als Kind den Jesus, der von sich sagt, er sei das Licht, immer wie die amerikanische Freiheitsstatue vorgestellt: eine riesige Figur in einer Art Talar, mit einer Fackel in der Hand. Diese Fackel streckt die Figur in die Höhe. Ich bin das Licht.
Die Statue auf Liberty Island vor dem New Yorker Hafen stellt nicht Jesus, sondern die Freiheitsgöttin dar. Der offizielle Titel lautet: „Die Freiheit erleuchtet die Welt.“ Und als solche erblickten die Auswanderer aus Bremerhaven, Le Havre und Southampton als erstes diese Statue, wenn sie aus Europa in der Neuen Welt ankamen. Die Statue stellte ihnen die frohe Botschaft einer neuen, wahren Demokratie, von Menschenrechten und Gleichheit vor Augen. Die Freiheitsgöttin – ein Geschenk der Franzosen an die Amerikaner – ist mit der Marianne verwandt, die auf den Barrikaden der Französischen Revolution gegen Absolutismus und Unterdrückung gekämpft hat. Die Fackel der Freiheitsstatue leuchtet in den politischen Raum. Es bleibt abzuwarten, ob der Traum der Freiheit sich weiter bewährt, wenn Mitte Januar der Milliardär seinen Eid als neuer amerikanischer Präsident ablegt. Denn die Freiheitsgöttin mit der erhobenen Fackel – wenn sie ihren Namen verdient – leuchtet für Verantwortung, Respekt und Würde. Sie stellt Populismus, Lüge und Machtgier in den Schatten.
Die aufrechte Freiheit mit der Fackel ist eine von vielen Göttinnen. Darin liegt ein Unterschied zu Jesus, der das Licht ist. Ich bin das Licht der Welt, sagt Jesus. Und er meint: Ich bin das einzige Licht. Aber er sagt auch: Der Vater und ich gehören zusammen. Nichts kann uns trennen. Jesu Vater ist der, der das Licht am Anfang der Schöpfung allererst geschaffen hat. „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“ (Gen 1,3-5) Gott ist das Licht und gleichzeitig schafft er das Licht.

Jesus und der Vater sind eins und gleichzeitig schickt dieser Vater seinen Sohn auf die Erde. In jenes kleine Israel, damit die Menschen zum Glauben kommen. In Jesus Christus fällt ein neues Licht auf die Erde. Man kann nun großformatige Unterscheidungen treffen: Vom Licht der Welt und vom Licht des Glaubens sprechen und daraus entwickeln, was die Theologen eine „Lichterlehre“ genannt haben. Für Johannes, den Philosophen unter den Evangelisten, gehört beides zusammen. Alles Licht kommt von einem Ursprung und der liegt in Gott, dem Vater. Er ist der einzige Gott – im Gegensatz zum übervölkerten Götterhimmel der Antike und des heutigen Pluralismus.

Mit den antiken Göttern ist die Freiheitsstatue auf der New Yorker Hafeninsel verwandt. Denn sie trägt nicht nur eine Fackel. Auf den Kopf hat ihr der Bildhauer eine Strahlenkrone gesetzt – in der Antike das wichtigste Attribut des Sonnengottes Helios. Sieben Strahlen symbolisieren sieben Kontinente, sieben Weltmeere und sieben Tage, an denen die Sonne scheint. Nach antiker Vorstellung sieht die Sonne alles und darum weiß sie auch alles. Sie kennt die Verbrechen, die Morde und Untaten, die die Menschen am liebsten verbergen wollen. Das Licht der Sonne leuchtet überall hin. Es klärt auch alles auf, was die Menschen am liebsten im Dunkeln behalten würden. Das Licht der Sonne sorgt dafür, dass sich die Menschen frei und ohne Angst vor Angriffen aus dem Hinterhalt bewegen können. Deswegen wurde dem Sonnengott in Rom größte Verehrung zuteil.
Und Jesus sagt nun: Ich bin das Licht. Dieser Jesus des Johannesevangeliums nimmt es mit dem antiken Sonnengott und der Freiheitsgöttin auf. Johannes stellt ihn auf Augenhöhe mit dem Licht der Sonne und dem Licht der Freiheit.
Weihnachten ist ein Fest des Lichtes. Es fällt in die Tage nach der Wintersonnenwende und es fällt genauso in die Tage nach dem Fest des römischen Sonnengottes, des Sol invictus.
Die Krippe wird zum kleinen leuchtenden Punkt in der Dunkelheit. Das haben die Maler und Künstler besonders gut wahrgenommen, weil sie die Bibel mit ihren vielen Verweisen auf das Licht genau lasen. Was sie im Text an Lichtbildern gesehen hatten, konnten sie in Bilder umsetzen. Spätestens mit dem Maler Rembrandt van Rijn haben sich Krippenbilder etabliert, die ganz wunderbar leuchteten. Josef, der Ochse und der Esel, die anbetenden Hirten, die von der Weide herübergekommen waren, standen im Halbschatten oder ganz in der Dunkelheit. Rembrandt malte die Krippenszene so, dass er mit einer Lichtquelle auskam. Es war das Besondere, dass dieses warme, gnädige Licht von der Krippe mit dem Baby selbst auszugehen schien. Auf diese Weise verwandelte Rembrandt Theologie in Malerei. Er machte deutlich, was es heißt, wenn schon von diesem kleinen schlafenden Baby, das noch gar nicht sprechen oder krabbeln kann, zu sagen ist: Das ist das Licht der Welt, von dem das Heil für die Menschen kommt.
Weihnachten kehrt die Lichtverhältnisse von oben nach unten um. Mit der Geburt des kleinen Babys wechseln die Perspektive und die Orientierung. Der Mensch, der sich verloren hat, versucht, sich zu orientieren. Ursprünglich hieß das: Der verirrte Mensch blickt nach Osten, wo die Sonne aufgeht. Danach kann er die Himmelsrichtungen bestimmen und einen Weg aus seiner Verlassenheit finden.
Der Christus, der von sich sagt „Ich bin das Licht der Welt“, spielt eine neue Orientierung ein. Wer ihm glaubt und sich verirrt hat, der blickt nicht mehr nach Osten, sondern der blickt auf die Krippe, auf das Baby, von dem das Licht kommt. Von der Krippe geht ein Licht aus, das auf Lebenswelt und Alltag eine völlig neue Perspektive wirft. Alle anderen Lichtquellen – das kommende Feuerwerk an Silvester, die Scheinwerfer der Aufklärung, das Abblendlicht des Populismus, die Wunderkerzen der Unterhaltung – treten demgegenüber zurück.
Rembrandt hat das Licht, das von der Krippe ausgeht, warm und zurückhaltend gemalt. Von diesem Licht holt sich niemand einen Sonnenbrand. Es ist möglich, dieses warme, beinahe unscheinbare Licht in die Gegenwart von Weihnachten hinein zu holen. Jede Bienenwachskerze, jedes billige Teelicht aus Stearin vermittelt etwas von diesem lebendigen Licht der Krippe, das sich von der Kälte von LED-Leuchten, Neonröhren der Krankenhaus-Säle und Xenon-Scheinwerfern aufblendender Autos grundlegend unterscheidet.

Jesus sagt: Ich bin das Licht. Schon das Kind in der Krippe ist das Licht. Und genau diese Lichtquelle hilft den glaubenden Menschen, die Dinge und die Wirklichkeit in einem – im wahren Sinn des Wortes – anderen Licht zu sehen. Das klingt so ungeheuer aufwendig, dabei leuchtet die Krippe mit geringer Lichtstärke. Und das hat zu tun mit Würde, Respekt, Annahme, Hilfe, Barmherzigkeit und Rücksicht. Denn all das drängt sich im Blick auf das kleine Kind in der Krippe gerade zu auf. Jeder, der selbst einmal Vater oder Mutter war, weiß, dass solch ein Baby vorsichtig und liebevoll behandelt werden muss. Wenn man so will wäre das die Politik und die Ethik der Weihnachtsbeleuchtung: im anderen Menschen ein klein wenig von dem schutzlosen Kind zu sehen, das er oder sie kurz nach der Geburt einmal war. Wem dieses neue Licht zu idyllisch und zu naiv ist, der sei daran erinnert, dass das unbeleuchtete und unaufgeklärte Verständnis von Politik als reinem Kampf unterschiedlicher Interessen, von Politik als bestmöglicher Marketing-Täuschung der Wähler, von Politik als Überleben der Stärksten und am meisten Angepassten auch nicht viel weiter geführt hat, wie uns viele Erfahrungen gerade des letzten Jahres gelehrt haben.

Jesus sagt: Ich bin das Licht. Das soll die Menschen nicht zur Naivität verführen. Der Glaube an die Gnade des unscheinbaren Kindes überbietet die Vernunft nicht, sondern arbeitet mit ihr zusammen. Das Licht des Glaubens bricht sich in ein Spektrum mit drei Farben. Zuallererst lenkt es den Blick auf den Gott, der die Welt erschaffen hat und der sie in Jesus erlösen will. Gott kommt den zweifelnden Glaubenden entgegen. Zum zweiten wird der Blick auf das Unscheinbare gelenkt. Das lernen wir an Weihnachten: Das kleine Kind in der Krippe verdient mehr Aufmerksamkeit als jeder Politiker, jeder Unterhaltungsstar, jeder A-, B- und C-Prominente. Batterien von Scheinwerfern und Blitzlichtern lenken in der Regel den Blick von Fans, Gaffern und Begeisterten in die Irre. Gott ist nicht im Scheinwerferkegel der Aufmerksamkeit, sondern im Licht des Kerzenscheins zu treffen. Drittens: Das Licht des Glaubens, von dem Jesus spricht, löscht andere Lichter nicht aus, sondern es verstärkt sie noch: besonders das Licht der Vernunft, das die Politik so nötig hat. Besonders das Licht der Barmherzigkeit, das diese Gesellschaft, in der Hilfe benötigt wird, erst lebenswert macht.

Ich bin das Licht der Welt, sagt Jesus von Nazareth. Als Kind in der Krippe konnte er das noch nicht aussprechen – das Baby konnte sich nur schreiend zu Wort melden. Gott war Mensch geworden und benötigte selbst die Aufmerksamkeit seiner Eltern. Ich bin das Licht der Welt. Das sagt der erwachsene Jesus. Er ist Licht, weil Gott selbst als Licht vorzustellen ist. Der italienische Dichter Dante Alighieri wusste das schon im 14. Jahrhundert. Im dritten Teil seines Hauptwerkes, der „Göttlichen Komödie“ wird der Dichter ins Paradies geleitet, wo die Engel, die Heiligen, die Apostel, berühmte Theologe leben. Nur die Päpste, die die Politik wichtiger als den Glauben nahmen, blieben für Dante ausgeschlossen. Je näher der Dichter im Paradies Gott kommt, desto mehr verwandelt sich alles ins Immaterielle. Gott ist Licht, er ist die erste und wichtigste Lichtquelle, in die niemand hineinblicken kann, weil sie dem Betrachter die Augen blenden würde. Auch Dante, der Dichter im Paradies, muss die Augen niederschlagen. Gott ist Licht. Dieses Licht ist für Menschen nicht mehr zu fassen.
In Jesus Christus, im Kind in der Krippe, in diesem predigenden, heilenden und barmherzigen Menschen ist Gott Gestalt geworden. Und das wirft auf die ganze Welt ein neues Licht. Ein Licht des Glaubens, ein Licht der Barmherzigkeit und ein Licht der Gnade.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alles, was wir uns denken und vorstellen können, bewahre eure Herzen und Sinne erleuchtet in Jesus Christus. Amen.

 

 

 

[1] Hans Blumenberg, Licht als Metapher der Wahrheit. Im Vorfeld der philosophischen Begriffsbildung (1959), in: Ders., Ästhetische und metaphorologische Schriften, hg. von Anselm Haverkamp, Frankfurt/M. 2001, 139-171, hier: 140.

Perikope
26.12.2016
8,12-16

Da kann ja jeder kommen - Predigt zu Johannes 8,12-16 von Christian Stasch

Da kann ja jeder kommen - Predigt zu Johannes 8,12-16 von Christian Stasch
8,12-16

Liebe Gemeinde,
unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt vorbei, fragt ihn, was er verloren habe und der Mann antwortet: „Meinen Schlüssel.“ Nun suchen beide. Und suchen und suchen. Völlig erfolglos. Schließlich will der Polizist wissen: „Sind Sie sich auch ganz sicher, dass Sie ihn genau hier verloren haben?“ „Nee, nee, nicht hier, da hinten, aber das ist es viel zu dunkel.“

Na, ein Lichtblick täte ihm ganz gut.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jes 9,1) Diese Worte aus der Bibel Israels wurden dann später auf Jesus übertragen: Ich bin das Licht der Welt. (Joh 8,12a)
Ein hoher Anspruch.

Ich bin…. – ja, wer bin ICH denn? Weiß ich´s?

Ich bin Krankenschwester und Werder-Bremen-Fan, ich bin Mutter und Tochter, ich bin Ehefrau und Kegelschwester, Gartenfreundin und Nachbarin, könntest du sagen. Du bist nicht eines, du bist vieles.

Ich bin Beamter und 96-Fan, ich bin Ehemann und Bruder, ich bin Schwiegersohn und Klavier-Dilettant, ADAC-Mitglied und Weißweintrinker, könnte ich sagen. Ich bin nicht eines, ich bin vieles.

Ich bin das Brot und die Tür, ich bin der gute Hirte und der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin der Weinstock, die Auferstehung und ich bin das Licht der Welt – heißt es über Jesus. Er ist, jedenfalls laut Johannesevangelium, nicht eines, er ist vieles.

Das weihnachtlichste unter diesen verschiedenen Jesus-Bildern ist sicherlich: Licht der Welt. So ist es ja auch in Jesu Geburtsgeschichte hinein komponiert: Mit dem Stern über Bethlehem. Mit den Hirten des Nachts auf dem Felde, und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. (Lk 2,9a)

Und wir weihnachtlichen Menschen ziehen einen Lichtbogen von damals bis heute. Mit unseren Kerzen (die mild leuchten, duften und sich verzehren), unserem Weihnachtsbaum (über den wir lange diskutiert haben und der auch in diesem Jahr „so schön ist wie noch nie“), mit all der Beleuchtung innen und außen an unseren Häusern, mit Sternen aus Annaberg und Herrenhut. Freuen uns am weihnachtlichen Glanz, auch noch am zweiten Feiertag. Und deshalb auch unsere lichtvollen Weihnachtslieder: „Das Blümelein so kleine das duftet uns so süß, mit seinem hellen Scheine vertreibt´s die Finsternis.“ (eg 30,2)

Aber ganz so einfach das nicht. Es erhebt sich Widerspruch. Ich bin das Licht der Welt. Mhm – da kann ja jeder kommen. Das Johannesevangelium überspringt Geburt und Kindheit und blendet sich gleich dreißig Jahre später ein, beim erwachsenen Jesus, der auf viel Skepsis stößt. Er ist gerade im Gespräch und die Gespräche sind hier oft harkelig und holperig und voller Missverständnisse. Die Gesprächspartner haben eine Lust daran, sehr kritisch nachzufragen, manchmal sogar Jesus hinters Licht zu führen.

Ich bin das Licht der Welt, sagt er. Mhm – da kann ja jeder kommen, antworten sie sinngemäß. „Das sagst du von dir selber. Aber: Kann es denn noch jemand bezeugen?“ Jesus bietet als weiteren Zeugen keinen geringeren als Gott im Himmel auf. „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30) Aber dieser Hinweis auf die Doppelspitze führt in diesem Gespräch auch nicht so recht weiter. Wir können uns daher wieder ausblenden.

Und können hinüberblenden ein paar Verse zurück. Da wird beschrieben, wie Jesus zu einer Menschengruppe kommt. Jeder der Leute hat einen Stein in der Hand, gerichtet auf eine Frau in der Mitte. Die Männer sagen – nicht besonders leise – : „Beim Ehebruch erwischt, das Gesetz sagt Todesurteil, Steinigung. Was sagst du dazu, Jesus?“ Und Jesus sagt erstmal gar nichts. Erstmal etwas herunterkommen. Dann zeichnet er mit dem Finger in den Sand. Und schließlich legt er die Reihenfolge fest: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. (Joh 7b) Stille. Nach und nach werden die Steine nicht geworfen, sondern auf dem Boden abgelegt.
Diese Frau könnte auch gut bezeugen: Jesus, Licht der Welt. Ein Lichtblick im Leben. Das ist allerdings eine Lebenserfahrung, und kein hieb- und stichfestes, glasklares Argument. Es ist eine Glaubensaussage und kein Beweis.

Jesus – Licht und Lichtblick der Welt. Mhm – da kann ja jeder kommen. Die Skepsis von damals hat sich nicht in Luft aufgelöst. Der Widerspruch ist geblieben. Und der Zweifel ist nach wie vor Geschwisterkind des Glaubens – auch bei uns. Denn wir feiern Weihnachten ja nicht als Erlöste, sondern als Sehnsüchtige. Als solche, die sich nicht freuen am Stern über der Krippe zu Bethlehem, sondern auch nach Frieden in der Welt dürsten, nach wärmenden Friedenslichtern.

Es geschah aber zu der Zeit, da Assad Machthaber in Syrien war. Da begab es sich, dass in Syrien die Lichter ausgingen. Man kann das sehen auf Satellitenbildern. Seit dem Beginn des Syrienkrieges 2011 sind über 80 % der Lichter ausgegangen. Weil Gebäude, Straßen und Stromleitungen zerstört sind, bleibt nachts alles dunkel. Und auch kalt. Die Menschen sind der absoluten Dunkelheit ausgeliefert, so wie wir es uns in Deutschland kaum noch vorstellen können. Wenn dort jemand nachts medizinisch behandelt werden muss, wird zum Teil die Handy-Beleuchtung verwendet, um überhaupt etwas zu sehen.

Christus: Licht der Welt.

Aber – es geschah zu der Zeit, da Erdogan Machthaber in der Türkei war. Da begab es sich, dass ein Verbot erlassen wurde. Weihnachten – jauchzet? Freuet euch? Nicht bei uns! Ja, wenn man im Schulunterricht etwas davon zu hören bekäme. Hat der türkische Staat Angst davor, dass Weihnachten thematisiert wird von einigen deutschen Lehrern an der Istanbuler Schule? Sind die Machthaber so unentspannt, dass sie wegen so etwas einschreiten und sich abschotten?

Christus: Licht der Welt

Aber – es geschah zu der Zeit, da eine große Terrorangst in Deutschland um sich gegriffen hatte. Da begab es sich, dass die besinnlichen Lichter und die friedlichen Menschen eines Weihnachtmarktes das Ziel von Unfrieden durch einen LKW in Berlin wurden und die Furcht noch mehr ansteigen ließ. Und alle wieder merkten: Leben in einem freien Land und absolute Sicherheit, das kann man wohl nicht beides haben.
Stille Nacht, traurige Nacht, in Berlin.

In diesen rauen Zeiten singe ich Johann Sebastian Bachs Weihnachtsmelodie wie einen Protestsong gegen dunkle Mächte und wie ein Hoffnungslied: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.“ (eg 37,3)

Der Kern unseres Weihnachtsfestes lautet: Jesus. Licht der Welt.
Und das andere stimmt auch: Ja, da kann ja jeder kommen. Die Hirten kommen, die Weisen aus dem Morgenland kommen, die Ausgebooteten kommen, später kommen die Zöllner, die Fischer, Frauen, Kinder und Männer kommen, Verängstigte kommen, Zweifelnde kommen, Flüchtlinge kommen.

Da kann ja jeder kommen. Am Weihnachtsfest 2016. Jede und Jeder. Und wird im Licht verwandelt. Jesus behält das Licht nicht für sich, er sozialisiert es, er verschenkt es. Er sagt zu dir und zu mir: Ihr werdet das Licht des Lebens haben. (Joh 8,12b) Ja, mehr noch: Ihr seid das Licht der Welt. (Mt 5,14)
Also, wenn Sie sich hier umschauen: in der Bank neben Ihnen und auch vor und hinter Ihnen, und Sie selbst – lauter Lichter, lebendige Lichtblicke.

Dass Sie gesegnete Weihnachten haben und dass Sie im weihnachtlichen Licht Verlorenes wiederfinden, das wünsche ich Ihnen.
Amen.

Perikope
26.12.2016
8,12-16

Gott sitzt auch auf einem grünen Plastikstuhl - Predigt zu Johannes 3,16-21 von Stephanie Höhner

Gott sitzt auch auf einem grünen Plastikstuhl - Predigt zu Johannes 3,16-21 von Stephanie Höhner
3,16-21

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die vertrauen, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer ihm vertraut, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht vertraut, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. (Joh 3,16-21)

Osama wartet schon seit 7:23. Er kauert sich in den grünen Plastikstuhl. Neben ihm sitzt auch ein junger Mann. Daneben noch einer. Die ganze Reihe der grünen Plastikstühle ist besetzt mit jungen und älteren Männern. Sie alle warten schon seit Stunden hier. Manchmal wird einer aufgerufen, steht auf und verschwindet in einem der Büros.
Osama war auch gestern schon hier. Und vorgestern. Und letzte Woche auch.
Er wartet, dass auch er endlich in einem der Büros verschwinden kann.
Jetzt ist es 15:37. Er hat die Hoffnung aufgegeben. Er wird morgen wieder kommen. Und wieder warten, auf einem grünen Plastikstuhl.

Nur widerwillig packt Pia die Geschenke ein. Und nur widerwillig wird sie eine Stunde später ins Auto steigen und zu ihren Schwiegereltern fahren. Ex-Schwiegereltern, wenn sie es genau nimmt.
Pia weiß jetzt schon, wie es wieder werden wird. Sie werden alle am Tisch sitzen, lachen und reden. Über das Schulkonzert. Über die neuen Nachbarn. Und sie wird dabei sitzen und nichts sagen. Sie gehört nicht mehr dazu, seit sie vor zwei Jahren ausgezogen ist. Sie spürt die Vorwürfe in jedem Blick: „Du bist ja gegangen.“ „Wegen dir ist jetzt alles anders. Alles kompliziert.“
Pia zerknüllt den letzten Rest Papier. Sie wird trotzdem fahren und gute Miene machen.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3,16)

Osama wartet auf ein Urteil. Das Urteil vom Entscheider. Ob sein Antrag auf Asyl genehmigt wird. Ob er sich hier ein neues Leben mit seiner Frau aufbauen kann.
Osama wartet auf das Urteil, ob er einer der „guten Flüchtlinge“ ist. Asylwürdig. Weil er vor den Bomben in seiner Heimatstadt in Syrien flieht.
Nihad wartet auch auf ein Urteil. Auch er hat einen Asylantrag gestellt, zusammen mit seiner Frau. Sie stammt aus dem Kosovo. Nihad aus Bosnien. Zusammen können sie nicht in Bosnien leben. Seine Frau ist dort illegal. Ein gemeinsames Leben nicht möglich. Obwohl sie schon drei Kinder haben.
Nihads Chancen auf Bleiberecht stehen schlecht. Er ist nur „Wirtschaftsflüchtling“ aus einem sicheren Herkunftsland. Vermeidlich sicher.
Das Amt wird entscheiden, wer ein guter oder schlechter Flüchtling ist. Asylwürdig oder nicht.
Der Bundestag entscheidet, wo es sicher ist oder nicht.
Das Amt fällt sein Urteil. Der Staat fällt sein Urteil. Und schwierig ist es, das richtige Urteil zu fällen. Schwierig ist es, wenn Menschen über Menschen urteilen. Und doch ist es oft notwendig.

Und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. (Joh 3,19b)

Pia ist schuld. Das steht für ihre Familie fest. Sie ist gegangen. Hat Mann und beide Töchter alleine gelassen, um ein neues Leben zu beginnen. So denken die anderen. Sie fällen ihr Urteil.
Doch Pia hatte ihre Gründe. Sie liebten sich nicht mehr. Das zu erkennen tat auch Pia weh. Wegzugehen von ihren Töchtern, den Lebenstraum mit Mann und Haus zurück zu lassen. Jetzt jeden Morgen allein am Küchentisch zu sitzen.
Vorwürfe kommen nicht nur von ihren Eltern, Schwiegereltern und ihrem Ehemann. Sie kommen auch von Freunden, Kollegen und Nachbarn. Meistens unausgesprochen.

Osama sitzt in der Finsternis. Seine Heimat ist zerstört. Er musste alles zurücklassen: seine Freunde, seine Eltern. Er musste sein Studium aufgeben und das freie, ausgelassene Leben, das er mit Anfang zwanzig genossen hat. Bomben und Kriegstreiber haben ihm sein Leben genommen.

Nihad sitzt in der Finsternis. Er hat Angst vor der Abschiebung. In seiner Heimat kann er nicht mit Frau und Kindern zusammen leben. In Deutschland hat er kein Recht auf Asyl. Er sucht einen Platz im Leben.

Pia sitzt in der Finsternis. Die Liebe ihres Lebens ist gescheitert. Ihre Kinder sieht sie nur noch am Wochenende. Der Traum vom Familienleben zerplatzt. Sie gehört nicht mehr dazu. Bei ihren Freunden. Bei ihrer Familie. Auch wenn Pia mit am Tisch sitzt. Sie gehört nicht mehr dazu.

Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist. (Joh 3,19a)

Gott kommt in die Welt. An einem dunklen Ort. In den Stall in Bethlehem. Eine Behausung für Tiere, nicht für ein Neugeborenes.
Gott kommt in die Welt. An den Rand. Zu den Hirten. Rechtlose, arme Knechte. Menschen, die schon sehr lange im Dunkeln sitzen. Nicht nur bei ihrer Arbeit nachts auf dem Feld.
Gott kommt in die Welt. Als das Licht. Als Engel auf dem Feld. Sie erleuchten mit ihrer Klarheit die Nacht. Sie beleuchten die Hirten am Rand des Lebens.

Wieder geht ein Jahr zu Ende, in dem viel beleuchtet werden muss. Es kommt mir manchmal so vor, als ob die Welt nur noch in der Finsternis sitzt.
Im Bombenhagel in Syrien. In Berlin auf dem Weihnachtsmarkt. Auf grünen Plastikstühlen in der Asylbehörde und am Familientisch zu Weihnachten.
Die Welt sitzt im Dunkeln und wartet auf ihr Urteil. Eigentlich scheint es schon gefallen.
Es steht schon fest, wer ein „guter“ oder „schlechter“ Flüchtling ist.
Wer die „gute“ Kandidatin ist oder der „böse“ Kandidat.
Es steht schon fest, wer Schuld hat. Das Urteil ist schnell gefällt. Von uns Menschen im Dunkeln.

Ich sehne mich nach dem Licht. Das Licht, das alles offen legt. Das Klarheit bringt. Das das Dunkel überstrahlt.
Aber das nicht urteilt. Nicht sagt „gut oder böse“, „richtig oder falsch“.
Das Licht leuchtet alles an. Aber es urteilt nicht. Es gibt die Welt nicht verloren. Es gibt uns nicht verloren.

Gott schaut nicht in die Akten von Osama oder Nihad. Er sieht sie an als Menschen, die im Finstern sitzen. Er leuchtet in die Finsternis und verspricht: Ich will euch retten. Ich gebe euch nicht verloren.
Gott achtet nicht auf den Status der Hirten. Er sieht sie an als Menschen, die im Finstern sitzen. Er leuchtet in die Finsternis nachts auf dem Feld. Er sagt: Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude! (Lk 2,10b)
Gott schaut nicht auf unser Urteil, das wir treffen oder das über uns getroffen ist. Er sieht uns an als Menschen, die im Finstern sitzen und sich nach Licht sehnen. Er kommt in die Welt und verspricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! (Mt 28,20)
Gott spricht kein Urteil. Er spricht uns an.

Gott urteilt nicht über Menschen, nicht über die Welt, weil er sie liebt. Die Welt und uns Menschen. Darum kommt er selbst auf die Welt. An den Rand. In den Stall. Auf den grünen Plastikstuhl und an den Familientisch.
Gott sieht das Urteil von uns Menschen über einander und was es anrichten kann: Gutes wie Schlechtes. Doch er richtet sich nicht danach. Gott stellt sich zu uns. Zu uns, den Gerichteten. Zu uns, die Richtenden.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die ihm vertrauen, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16)

Es ist 15:42 Uhr. Osama zieht sich gerade die Jacke an, als der Aufruf „Nr.2304“ kommt. 2304 – das ist Osamas Nummer. Er darf endlich in einer der Bürotüren verschwinden. Das Warten hat ein Ende. Der Asylantrag rückt näher. Aber noch ist es nicht geschafft.

Pia sitzt vor ihrem halbvollen Teller. Sie hat wenig Appetit. Und noch weniger Spaß. Anders als alle anderen, die über den Racletteabend letzte Woche reden.
Pia sitzt stumm daneben. Sie war dazu nicht eingeladen. Sie will eigentlich am liebsten nach Hause. Doch sie reißt sich zusammen. Setzt ein Lächeln auf, auch wenn es ihr schwer fällt. Vielleicht wird es einmal wieder anders sein, denkt sie. Vielleicht kann auch ich einmal wieder mitreden. Irgendwann.

Wie schön wäre es, wenn Osama bleiben könnte.
Wie schön wäre es, wenn auch Nihad bleiben könnte.
Wie schön wäre es, wenn Pia mitreden könnte.
Wie schön wäre es, wenn es Licht auf der Welt wird. Wenn der Bombenhagel verstummt. Wenn die Tränen trocknen.
Ich sehne mich nach Licht. Ich will nicht verloren sein. Ich will nicht in der Finsternis bleiben.

Nihads Antrag wird abgelehnt. Zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern werden sie nachts abgeholt und zum Flughafen gebracht. Wie sie in Bosnien leben sollen, wissen sie nicht.
Osamas Antrag auf Asyl wird genehmigt. Er darf mit seiner Frau bleiben und hier ein neues Leben aufbauen.

Noch ist es finster in der Welt. Noch sitzen wir im Dunkeln.
Manchmal sehe ich ein Licht einfallen. Auf einen grünen Plastikstuhl. Am Familientisch. Und ich hoffe, auch bald im Flugzeug nach Bosnien.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die ihm vertrauen, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16)
Amen.

Perikope
24.12.2016
3,16-21

Predigt zu Johannes 16,5-15 von Johannes Neukirch

Predigt zu Johannes 16,5-15 von Johannes Neukirch
16,5-15

(Hinweis: Johannes 16,5-15 ist der von der Perikopenrevision vorgeschlagene Predigttext)

Jesus bereitet seine Jünger auf seinen Abschied vor und sagt:

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. 7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. 8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; 9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; 11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. 12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. 13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. 14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen. 15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liebe Gemeinde,

wie soll das bloß weitergehen? Viele Menschen haben sich in den letzten Wochen und Monaten diese Frage gestellt oder besser: haben diese Worte geseufzt, geklagt, laut geschrien. In diesen Tagen sind es besonders die Menschen in der Provinz Alberta in Kanada, die vor dem riesigen Waldbrand fliehen und ihre Häuser, ihr Hab und Gut zurücklassen müssen. Die Bewohner von Aleppo in Syrien, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen, viele Menschen in Äthiopien und Indien, die wegen einer Dürre nichts mehr zu essen haben und auf vertrocknete Felder schauen. Wie soll es bloß weitergehen? Wie sehen die nächsten Tage, Wochen, Jahre aus, was für eine Zukunft haben unsere Kinder?

Selbstverständlich gibt es diese Frage bei uns auch: Wie soll es weitergehen, wenn ich meine Arbeit verloren habe oder vielleicht unglücklich bin in meinem Beruf oder einfach das Geld nicht reicht? Wie überstehe ich die nächsten Jahre, wenn meine Partnerin oder mein Partner gestorben ist, wenn die Eltern pflegebedürftig geworden sind, wenn ich selbst krank geworden bin? Und für einen Schüler, der durch eine Prüfung gerasselt ist, kann diese Frage auch sehr bedrohlich sein. Ich denke, jede und jeder von uns hat solche Situationen schon selbst erlebt.

Diese Frage passt in die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, in der wir gerade sind. Jesus ist weg. Auf ihm lagen so viele Hoffnungen. Er war der Lehrer, er hat Wunder getan, Kranke geheilt, einige sogar von den Toten auferweckt.  Menschen sind ihm nachgefolgt und haben ihm vertraut. Er sollte ihnen ein besseres Leben ermöglichen, ihnen den Himmel nahe bringen, dafür sorgen, dass sie nach dem irdischen Leben ein ewiges Leben haben, dass das Paradies offen steht.

Nach dem Schock darüber, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, gab es ja erst einmal wieder Hoffnung. Er soll von den Toten auferstanden sein, erzählte man sich. Und der Auferstandene ist einer ganzen Reihe glaubwürdiger Menschen erschienen. Einer seiner Jünger, Thomas, durfte ihn sogar anfassen, weil er das nicht glauben konnte.

Dann aber ist er wieder gegangen, endgültig, „er fuhr auf gen Himmel“ heißt es bei Lukas, Himmelfahrt. Wie soll es nun ohne Jesus weitergehen, haben sich seine Anhängerinnen und Anhänger gefragt!

Jesus hat seine Jünger auf diesen Moment vorbereitet, davon erzählt unser Predigttext. Jesus redet mit ihnen über die Zeit, in der er nicht mehr da sein wird. Und er sagt dabei einen, wie ich finde, ganz erstaunlichen Satz: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“

„Es ist gut für euch, dass ich weggehe“ – ich kann mir vorstellen, dass die Jünger sehr irritiert und erstaunt waren, als sie das hörten. Was soll gut daran sein, wenn der große Lehrer, der Meister, der Retter weg ist? Und wie sollte es dann weitergehen – schließlich war kein Nachfolger von Jesus in Sicht! Er war in jeder Hinsicht einzigartig und unersetzbar. Auch wenn er immer wieder gesagt hatte, dass die Frauen und Männer um ihn herum auch große Dinge tun könnten, wenn sie glaubten. Aber in den Evangelien werden sie doch oft als ziemlich schwach im Glauben dargestellt.

Nun, es ist weitergegangen, liebe Gemeinde, sonst wären wir nicht hier in diesem Gottesdienst beieinander. Aber es ist nach wie vor, ganz nüchtern betrachtet, ein großes Wunder, dass sich aus dieser kleinen Schar, deren Anführer plötzlich weg war, die Christenheit von heute, also die mehr als zwei Milliarden Christinnen und Christen weltweit entwickelt hat.

Nächsten Sonntag feiern wir Pfingsten, da wird erklärt, wie dieser Übergang möglich wurde. Der Übergang von Anhängern des Jesus zur ersten Gemeinde, die Menschen getauft hat und zu einer Massenbewegung wurde.

Pfingsten erzählt, wie es weiterging, wie der Heilige Geist zu der Versammlung kam, wie sie alle begeistert waren und sich der Glaube an Jesus Christus ausgebreitet hat. Das geschah tatsächlich erst, als Jesus fort war, nach der Himmelfahrt. Und eben dieser Jesus hatte vorher gesagt: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn, so weiter, „wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster (also der Heilige Geist) nicht zu euch!“ Die große Gemeinschaft der Christen haben wir also dem Heiligen Geist zu verdanken.

Was ist das für ein Geist? Jesus sagte, dass der „Geist der Wahrheit“ kommen wird. Das meint: der Heilige Geist erfindet nichts Neues, sondern gibt die Wahrheit weiter. Jesus erklärt das so: Der Heilige Geist wird „nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen“. Und er fügt hinzu, dass der Geist der Wahrheit nur das verkündigen und weitergeben wird, was vom Vater kommt.

Jesus hatte immer schon gesagt, dass er genau das verkündigt, was er von seinem Vater hat. Das wird nun sozusagen vom Heiligen Geist übernommen. Wir können auch sagen: Der Heilige Geist vervielfältigt, was Jesus bzw. sein Vater sagt.  Er bringt das Wort des Vaters zu uns, macht es lebendig und kraftvoll in unseren Herzen und Seelen. Er bringt die Liebe des Vaters zu uns und lässt uns darauf vertrauen, dass wir Gottes geliebte Kinder sind. Paulus schreibt im Epheserbrief, wie wir vorhin in der Lesung gehört haben: Der himmlische Vater gibt uns Kraft, „stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“

Der Heilige Geist, der Tröster, der uns Kraft bringt – der hält durch die Jahrtausende alles zusammen, der wirkt seit dem Pfingstwunder und bringt uns auch heute weiter. Er lässt uns wieder hoffen, Mut fassen und glauben. Lasst uns beten, dass er kräftig weht. Amen.

 

Perikope
08.05.2016
16,5-15

22.11.2015, Weimar: "Niemand soll allein sein"

22.11.2015, Weimar: "Niemand soll allein sein"
14,1-6

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

Es war vor vier Jahren als wir zum ersten Mal an das frische Grab unseres Freundes getreten sind. Wir haben geschwiegen.

Wir waren zu dritt. Ich war froh, dass ich nicht allein war.

Jeder suchte sich eine Aufgabe. Einer zupfte etwas Unkraut. Eine sorgte dafür, dass unser Blumenstrauß an der richtigen Stelle lag. Ich sagte: „Das hätte ihm gefallen. Das wir zusammen hier sind.“ Und dann begannen wir zu erzählen, über unsere gemeinsame Zeit, wie es war.

Heute erinnern wir uns an Menschen, die uns auf unserem Weg vorausgegangen sind. Das  ist oft schwer. Deswegen tun  wir es gemeinsam.

Die Bibel sagt: Keiner ist allein unterwegs. Gott ist mit auf dem Weg. Wie ein Hirte. Der Herr ist mein Hirte. Ich sehe: Der Weg öffnet sich. Es geht leicht. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Vieles ist gelungen. Meine Erinnerung verbindet sich mit meinem Dank für gute gemeinsame Zeit.

Manchmal ging die Kraft aus. Da waren Durststrecken. Aber dann war es ein gutes Gefühl: Es war neue Kraft da - für Leib und Seele, für - Körper und Geist. Stärkung. Da waren Zweifel. Bin ich auf rechter Straße, auf dem richtigen Weg?

Brauche ich eine Kurskorrektur oder gar einen Richtungswechsel?

Der  Weg wurde auch eng, zu eng und finster, zu finster. Das hat viele Gesichter. Einer sagt: „Meine Mutter ist schon lange für mich gestorben“.  Einer sagt: „Ich bin krank, unheilbar krank. Ich werde sterben. Lasst mich nicht allein.“ Angst kann sein wie ein Dickicht in dem man stecken bleibt. Eine sagt: „Im vergangenen Jahr ist mein Mann verstorben.“ Und sie fragt sich: Wie komme ich da durch?

Eng und ganz finster fühlt es sich an, wenn wir an den schrecklichen Terror denken, dem so viele Unschuldige zum Opfer gefallen sind. In Paris, in Beirut, in Bamako.

Oft gelangen wir an die Grenzen des Helfens, aber wir brauchen Hilfe an der Grenze.

Und wir können einander beistehen. „Wir sind eins!“ hieß es nach den Anschlägen von Paris.

Damit wir unseren Blick weit machen – Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal. Fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir dein Stecke und Stab trösten mich.

Dass das möglich ist, haben wir eben gehört: ob im Krankenhaus, im Hospiz. - Wie auf unserem Bild. Es wurde für ein totes Kind des Weimarer  Herzogpaares gemacht. Ein Engel und ein Kind unterwegs.

Scheinbar - wie an einer Grenze nimmt der Engel ein kleines Kind bei der Hand. Er legt ihm seinen Mantel um. Mantel heißt in der latainischen Sprache „pallium“. Nun sind beide geschützt. Keiner ist allein. Ob es den Eltern geholfen hat?  Ob Luise und Carl August - die Eltern - beides gespürt haben: die große  Traurigkeit und eine tiefe Geborgenheit?

Unser Bild zeigt: Einer hält die Hand, die ich loslassen muss. Einer hat einen schützenden Mantel, wenn ich nicht mehr kann. Einer legt den schützenden Mantel um, das pallium. Wenn es wenig Chance auf Heilung gibt, muss es doch eine große Bereitschaft zur Hilfe geben. Es ist wichtig, dass der Bundestag gerade mehr Geld für  Palliativmedizin zur Verfügung stellte. Palliativmedizin kann an der Grenze helfen. „Palliativ“ da steckt wieder das Wort „pallium“-Mantel drinnen. Genau übersetzt könnte  man sagen Schutzmantelmedizin -  Medizin an der Grenze. Menschen an der Grenze brauchen Schutz und Unterstützung. Hier sieht es aus als führt der Engel das Kind geborgen über die Grenze  auf eine andere Seite.

Über die Zeiten hinweg erklingen die Worte aus dem Johannesevangelium: „Christus spricht: Ich gehe hin, unter die Himmel, und sorge dafür, dass ihr eine Heimat habt, dort, ein Zuhause.“

Heute  am Totensonntag reden wir über menschliches Sterben, über Abschied und Tod.  Aber heute werden wir  nicht nur zurückschauen auf den Weg. Wir weiten den Blick nach vorn – Ewigkeitssonntag.

Also lesen wir weiter in unserem Psalm und schreiten über die Grenze in ein neues Land – ein Heimatland.  Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst meine trockene Haut mit Öl und wenn ich durstig bin schenkst du mir voll ein. Komm „Wir setzen uns an den Tisch der  Sehnsucht der nie leer wird“. Sagt einer.

Die Angst schwindet. Rilke schreibt:

„Wenn etwas uns fortgenommen wird, womit wir tief und wunderbar zusammenhängen, so ist viel von uns selber mit fortgenommen. Gott aber will, dass wir uns wieder finden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz.“

Gott will, dass wir uns wieder finden. Wo? Wo ist diese andere Heimat dieses Zuhause?

Eine sagt: „Ich komme auch heute, nach fast zwei Jahren gern ins Hospiz. Es gehört nun zu unserem Leben, wie zum Beispiel der Kindergarten oder die Schule der Kinder. Die Zeit mit dem Hospiz hat mir persönlich die Angst vor dem Sterben genommen.“

Eine sagt:  „Es muss kein Haus sein. Es gibt ein Hospiz im Herzen, nicht in Mauern! Gesucht und gebraucht wird eine Haltung, die die sterbenden Menschen und ihre Angehörigen gleichermaßen anspricht. Ihnen Raum, Selbstverständlichkeit und Schutz anbietet.“

Und dann berichtet die Pastorin: „Ich konnte sie wenige Stunden vor ihrem Tod ein letztes Mal im Krankenhaus besuchen. Es war der Ostermorgen. So las ich ihr das Osterevangelium vor.
Zum Schluss heißt es da: „Fürchtet euch nicht.“

Gott aber will, dass wir uns wieder finden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz.“ Wiederfinden. Unser Psalm spricht davon, dass Gutes und Barmherzigkeit doch kein Ende haben und wir bleiben können im Hause des Herrn. Jesus sagt: Ich sorge dafür, dass ihr eine Heimat habt, dort, ein Zuhause.

Ich denke gern an meinen Freund. Ich vermisse ihn auch. Ich denke an gemeinsame Zeit. Sie war zu kurz. Stimmt das: Gott aber will, dass wir uns wieder finden. Jesus sagt:  Ich sorge dafür, dass ihr eine Heimat habt, dort, ein Zuhause.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Perikope
22.11.2015
14,1-6

Predigt zu Johannes 5,24-29 von Heinz Behrends

Predigt zu Johannes 5,24-29 von Heinz Behrends
5,24-29

„Mach’s gut, Helmut, und grüß Loki“,  jemand hat seinen Abschiedsgruß für Helmut Schmidt auf einen Zettel geschrieben und den vielen Grüßen im Jägerzaun vor Schmidts Haus in Hamburg-Langenhorn hinzugefügt, dazu eine Menthol-Zigarette.
Mich bewegt die kleine Szene, nicht nur mich, die Presse hat mit Überschriften von diesem Gruß berichtet. Tröstlich heute an dem Sonntag, an dem wir unserer Toten gedenken. Was für eine erwärmende Jenseitsvorstellung vermittelt der Grüßende! Helmut wird auch in der anderen Welt leben, seine geliebte Menthol-Zigarette rauchen und vor allem, er wird seine Frau Loki wiedersehen, von der er sich nach ihrem Tod vor 5 Jahren so schmerzlich verabschieden musste. Helmut Schmidt lebt weiter bei Gott. Dieser Urtyp eines Protestanten, der als Politiker und Deuter der Weltpolitik vom Ethos Freiheit, Verantwortung und Schuld gelebt hat. Und der mit zunehmendem Alter immer mehr seine Zweifel an Gott ausgesprochen hat. Ein protestantischer Atheist, ein frommer Agnostiker, sagen einige über ihn, der sich nach 68 Ehejahren im Hamburger Michel wie ein gebrochener Mann von Loki verabschiedet und noch einmal eine neue Beziehung eingeht. Morgen wird er im Michel, dem berühmten Gotteshaus seiner Heimatstadt, auf einer großen Trauerfeier geehrt und verabschiedet. „Mach’s gut, Helmut, und grüß Loki“. Manche sagen mit humorvollem Augenzwinkern“ „Nun wird er da oben Gott die Welt erklären“.
Mich berührt das. Steckt doch hinter allem das Bild eines liebevollen Lebens bei Gott nach unserem Tod.
Wer wünscht sich das nicht heute, ewiges Leben und Wiedersehen unserer Liebsten.
Es ist ein Trost für alle, die heute unter uns im Gottesdienst sind, im letzten Jahr einen vertrauten Menschen verloren haben und Ihrer heute gedenken. Es gibt ein ewiges Leben, ja, ein Wiedersehen.
Viele sagen mir aber auch, es interessiere sie nicht, was nach dem Tode sei. Die Reaktion auf den Tod eines Menschen wie Helmut Schmidt oder eines Geliebten scheint das zu widerlegen.

Also ist es gut, unsere Glaubenszeugnisse in der Bibel zu befragen.
Die Bibel spricht von Tod und Ewigkeit in verschiedenen Texten und Bildern, die sich ergänzen, aber  auch miteinander streiten. So kann ich Sie heute als Prediger bis zum Tor eines Gartens führen, einen Blick hinein wagen, weiter nicht. Aber das ist schon viel.
Ich habe Paulus als Führer bis ans Tor. Die Toten werden auferstehen beim Klang der Posaune, dann werden die Lebenden dazu kommen, dann werden wir alle mit Christus entrückt werden in den Himmel (1.Thess 4). Später wagt er ein anderes Bild: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und auferstehen ein geistlicher Leib“ (1. Kor 15). Wir werden also auferstehen, aber in einer Gestalt, die nicht vergleichbar ist mit unserem jetzigen menschlichen Körper. Wir sterben und dann wird Gott selber uns neu erschaffen.

Auch der Evangelist Johannes lässt sich nicht auf ein Bild festlegen. „Wer glaubt dem, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht“, sagt er. Also kein Gericht am Ende der Zeit, sondern heute entscheide ich selber darüber, indem ich an Christus glaube oder nicht. Das ist sehr sympathisch. Keine Jenseitsvorstellungen, kein Vertrösten auf Später. Nein, jetzt entscheide ich selber über mein Leben. Ich habe das selber in der Hand. Klingt gut für den modernen Menschen, der alles selbst bestimmen will. Allerdings bekomme ich ewiges Leben nur durch meine Beziehung zu Christus, wenn ich glaube, er ist der Gesandte Gottes. Was wird aus Helmut Schmidt, der gesagt hat, „Ich glaube nicht, dass Gott seinen Sohn geschickt hat“. Er verstehe das Reden der Kirche von Trinität und der Betonung von Christus nicht. Wird Gott in sein Herz schauen und würdigen, dass er beeindruckend Bach-Choräle auf der Orgel spielen konnte, dass er den frommen Dichter Matthias Claudius seinen Lebensbegleiter nennt? Der Weltpolitiker hält sich an den frommen Familienvater aus Wandsbek. Wird Gott ihn würdigen? Gott wird es wissen. Die Lebenden richten selber durch ihren Glauben über ihr Leben. Das gilt auch für die Toten. Sie werden die vertraute Stimme Christi wiedererkennen. Also, wir sind mit ihm bei Gott. Gut aufgehoben.
Das sehe ich, wenn ich in den Garten schaue.
Aber es hat schon damals den Lesern des Johannes-Evangeliums nicht genügt. Denn eine Frage hat sie gequält: Ist denn am Ende für alle alles gut? Und sie haben im Johannes-Evangelium hinzugefügt „ Es kommt die Stunde, es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes“.  Es gibt böse Menschen. Sie werden gerichtet werden. Beruhigt mich das heute nach den Anschlägen vom letzten Wochenende in Paris? Es muss doch eine Gerechtigkeit geben. Menschen rufen „Allah ist groß“ und erschießen Menschen, die den letzten warmen Novemberabend vor den Cafés genießen oder ihre Lieblingsmusik hören. Sie versuchen, ein Chaos anzurichten, wo Menschen sich am Fußball erfreuen. Anschließend sprengen sie sich in die Luft und meinen, etwas Gutes getan zu haben. Wir sind fassungslos, ratlos und ungläubig, wenn wir die ritualisierten Betroffenheitsformeln hören, die großen Worte der Politiker, alle ernst gemeint, aber am Ende hilflos. Gewalt ist ein Erfolgsmodell. Darum umso mehr: Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, werden die Mörder es einmal vor einem Gericht verantworten müssen. Wenn es kein Gericht gäbe, dann wäre doch alles egal auf dieser Welt. Dann könnte doch jeder ungestraft tun und lassen, was er will. Das mag ich nicht denken.
Jesus selbst bestätigt ja im Evangelium von heute aus Matth 25, dass in dem Garten ein Richtertisch aufgebaut ist. „Was Ihr nicht getan habt einem meiner geringsten Brüder! .. Sie werden hingehen zur ewigen Strafe“. Muss ich mein Bild von dem Blick durch die Gartenpforte aufgeben und von der Hölle reden? Nein, Hölle erleben wir schon auf Erden, in Syrien, in Afghanistan, im Jemen, auf den Fluchtwegen der Flüchtenden, in den Hirnen der Schlepper, in den Drogengeschäften in Mexiko.
Jetzt bin ich schnell bei den anderen, den offensichtlich bösen Menschen. Gott wird sie richten, ich muss Gott sei Dank nicht der Richter sein.
„ER wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. Das glaube ich.

Und ich? Gehöre ich zu den Guten? Ich sehe meinen Kleinglauben, der sich seines Glaubens an Christus nicht immer sicher ist.
Und erwarte ein Gericht. Und das ist gut so.
Denn wir haben ein Recht darauf –so mein theologischer Lehrer Fulbert Steffensky- einmal unverhüllt vor dem Antlitz Gottes zu stehen, wo und wie auch immer – das weiß nur Gott“, sagt er. Ich möchte am Ende erkennen, wer ich bin und was ich war. Ja, es ist eine Frage der Würde, dass ich vor Gott und mir selber nicht versteckt bleibe. Wir entgehen unserem Schmerz über uns selbst nicht, wenn wir unser Ungenügen, unsere eigene Bosheit erkennen, sagt er. Ich habe mein Leben gelebt mit Gelingen und mit Mühen und mit Versagen. Ich will, dass Gott das noch einmal anschaut, wenn ich nackt vor ihm stehe. Es kommt ja immer darauf an, vor wem ich nackt da stehe. „Er kennt unseres Herzens Grund“, so Psalm 44.

Ich schließe dieses schwere Kapitel, was nach meinem Tod ist und nach dem Tod meiner Liebsten und meiner Feinde:
Es gibt ein Leben bei Gott. Es gibt ein Gericht. Ich werde in einer anderen Gestalt bei Gott leben. Ich habe dafür heute Bilder, einen Blick durch das Gartentor. Wir werden nicht wieder geboren werden und auf die Erde zurückkehren. Wir  werden bei ihm sein und er bei uns.

Helmut Schmidt wusste sich durch Matthias Claudius getröstet. Ich auch. Darum am Ende mit einem seiner schönsten Gedichte ein letzter Blick durchs Gartentor:

Der Mensch

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret,
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr,;
erbauet und zerstöret;
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Väter nieder,
und er kömmt nimmer wieder.
 

Perikope
22.11.2015
5,24-29

Predigt zu Johannes 5,24-29 von Jochen Arnold

Predigt zu Johannes 5,24-29 von Jochen Arnold
5,24-29

Predigt zu Joh 5,24-29

Liebe Gemeinde,

dem Philosophen Immanuel Kant werden vier große Fragen zugeschrieben, die er sich und der Menschheit gestellt hat: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen?  Was ist der Mensch?

Ich möchte heute „nur“ die dritte Frage bearbeiten, deren Antwort – wie der Philosoph meint – die Religion geben soll: Was kann ich hoffen? Worauf dürfen wir hoffen?

Viele von Ihnen wird diese Frage heute besonders umtreiben, weil Sie im letzten Jahr einen lieben Menschen verloren haben.  Wo ist er jetzt? Geht es ihm gut? Oder anders: Wird es ihm dereinst gut gehen!? Werden wir uns wiedersehen? Bei Gott?

Diese Fragen bekommen angesichts der schrecklichen Ereignisse in Paris letzten Freitag noch einmal eine ganz andere Dramatik. Viele haben zu mir gesagt: Uns alle hätte es treffen können. Der Terror ist mitten unter uns. Wir leben nicht auf „sicheren Seite“ des Erdballs… Nicht nur kranke und alte Menschen, wir alle sind mitten im Leben vom Tod „umfangen“. Martin Luther dichtet im Anschluss an einen mittelalterliche Antiphon:

Mitten wir im Leben sind / mit dem Tod umfangen.
Wer ist’s der uns Hilfe bringt, / dass wir Gnad erlangen?
Mitten in dem Tod anficht / uns der Hölle Rachen.
Wer will uns aus solcher Not/ frei und ledig machen?

Hören wir nun auf Worte aus dem Johannesevangelium im 5. Kapitel. Jesus sagt:

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.  25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. 26 Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; 27 und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden  29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

I Wer glaubt, ist „schon durch“

Ich bin froh, liebe Mitchristen, dass Jesus kein zweideutiger Orakelprophet ist.  Keiner, der mal so, dann wieder so redet, unberechenbar, wie ein Aal. Nein, gerade dann, wenn es ans Eingemachte – um Tod und Ewigkeit - geht, dann redet er nicht um den heißen Brei  herum, sondern macht klare Ansagen: Amen, ich sage euch. Das was jetzt kommt, ist bestimmt wahr, darauf könnt ihr euch verlassen. Manches lässt uns in dieser Rede Jesu zusammenzucken. Sie fordert uns heraus, lässt aber auch neue Hoffnung entstehen, ja vielleicht sogar süßen Trost aufleuchten.

Hören wir eine kurze Geschichte!

Ein Angeklagter, nennen wir ihn Rolf P, sitzt in Untersuchungshaft. Seit Wochen fiebert er dem Tag der Verhandlung entgegen. Es steht viel auf dem Spiel. Er weiß, er ist nicht unschuldig. Alkohol am Steuer, Fahrerflucht und sogar eine schwere Körperverletzung werden ihm zur Last gelegt… Die Nächte waren furchtbar. Die beklemmende Frage: Was tue ich, wenn ich verurteilt werde? Was ist dann mit meiner Ehe, mit meiner Familie? Suizidgedanken machen sich breit. (Sein Anwalt hatte zwar ein Gnadengesuch eingereicht, aber er wagt kaum, an einen Erfolg zu glauben.)  Am frühen Morgen des Verhandlungstages bekommt er jedoch eine Nachricht: Die Sitzung ist abgesetzt, das Verfahren ist beendet. Freispruch.  Rolf kann es kaum fassen vor Glück. Schuldig und doch frei.

Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der kommt nicht in das Gericht….

Ich meine, liebe Schwestern und Brüder, dass uns allen dieses Wort gesagt ist. Wer an Jesus glaubt, muss  sich vor nichts fürchten.  Er sagt:

Hab keine Angst! Ich bin die Auferstehung in Person, ich stehe auch für dich und dein Leben ein. Ich erhebe am letzten Tag meine Stimme für dich. Neues, ewiges Leben ist dir versprochen, du darfst direkt durchgehen zu Gott. Deine Schuld ist durchgestrichen, das Gericht ist „gecancelt“.

Gibt es etwas Größeres und Schöneres? Also eine erste kräftige Antwort auf Kants Frage: Christen glauben und hoffen, dass

alle, die an Christus glauben, geglaubt haben oder glauben werden, schon jetzt freigesprochen sind. Sie leben. Ihre Beziehung zu ihm trägt sie durch, wenn das große Buch aufgeschlagen wird… Sie bleiben lebendig in dieser Beziehung auch über den Tod hinaus. Ein großes Wort an alle, die auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft sind.

Gemeinsames Lied: EG 66,4 und 8

Jesus ist kommen, der Fürste des Lebens, / sein Tod verschlinget den ewigen Tod. /Gibt uns ach höret’s doch ja nicht vergebens, /ewiges Leben, der freundliche Gott. /Glaubt ihm, so macht er ein Ende des Bebens. /Jesus ist kommen der Fürste des Lebens.

II Gericht der Werke

Ein Ende des Bebens – für die, die an ihn glauben… Welche eine Perspektive! Damit ist nun freilich nicht gesagt, dass es gar kein Gericht mehr geben wird.

Verstehe ich Johannes recht, dann gibt es ein letztes Forum. Im Gericht der Werke werden alle (Nichtglaubenden)  zur Rechenschaft gezogen.  Hier kommt die Wahrheit ans Licht. Alle,  die unterdrückt, ausgebeutet, vergewaltigt oder misshandelt worden sind, bekommen Recht, ihre Seelen werden heil.  Auch diejenigen, die Kranke besucht und Flüchtlingen geholfen haben, sei gesagt: Gott sieht es. Es ist nicht umsonst geschehen. Umgekehrt: Auch die Täter müssen sich verantworten. Die Greuel kommen ans Licht. Ohne diese Zurechtbringung wird es keinen Frieden, keine Ewigkeit geben.

Was ist dann mit den Tätern? Mit denen, die Millionen veruntreut oder gelogen und getötet haben? Die Kinder missbraucht oder Flugzeuge abgeschossen haben? Wo werden sie sein? Haben auch sie, wenn alles auf den Tisch kommt, eine Chance? Oder haben sie ein für allemal verspielt? Gibt es womöglich doch eine Versöhnung von Tätern und Opfern!?

Machen wir uns zunächst deutlich, was bei Johannes über sie gesagt und NICHT über sie gesagt wird.

Der Menschensohn Christus ruft in seiner schöpferischen Kraft alle Menschen aus dem Tod ins Leben, keiner bleibt seinem Machtwort, seiner Wirkung entzogen. Die Vorstellung, dass die Welt oder alle Menschen in ein Nichts gehen, ist damit ausgeschlossen. Wir erfahren auch nichts über einen Zwischenzustand, z.B. über ein reinigendes Fegefeuer, das davor gewesen wäre. Auch über zeitliche Strafen im Leben hier und jetzt erfahren wir nichts. Und zuletzt – dies mag überraschen – steht hier  nichts von einer ewigen Verdammnis (im Gegensatz zu Matthäus 25).

Ich denke: Was ein Mensch an Gutem und Bösem in seinem Leben getan hat, wird zur Sprache kommen. Nichts geht verloren. Keine gute Tat, die Menschen an anderen öffentlich oder im Verborgenen getan haben, wird bei Gott vergessen sein, auch nicht die guten Taten derer, die „Böses getan haben“. Ich frage uns überhaupt: Gibt es denn eine Trennlinie zwischen Menschen, die Gutes und Böses tun? Wer möchte sich anmaßen, diese Trennlinie zu ziehen!?  Ich bekenne klar: Diese Trennlinie kann nur Gott ziehen. Und selbst mit diesem Wissen fällt es mir schwer zu glauben, dass die Werke in diesem Gericht das einzige Kriterium sind, wonach das Urteil gefällt wird.

Worauf können wir hoffen, fragt uns Kant?

Liebe Gemeinde, ich setze meine Hoffnung auch für diese Situation nur auf einen, auf Christus selbst.

Der Richter – sagt Johannes - ist der Menschensohn,  der von sich sagt, dass er ein guter Hirte ist. Einer, der sein Leben für die Schafe gibt, für alle Schafe. Für alle Menschen gibt er sich dahin, nicht für einige wenige.  Und ist uns allen vorausgegangen. In seines Vaters Haus hält er viele Wohnungen bereit, ja auch für Schafe, die  zu einem „anderen“ Stall (Joh 10,17),also z.B. einer anderen Religion, gehören.

Ich gebe zu. Wir begeben uns damit in den Bereich der Spekulation. Was hier anklingt, ist in gewisser Weise „Zukunftsmusik“. Aber eben kein Angstszenario mit Drachen, Höllenrachen und Zähneklappen. Alle Menschen begegnen am Ende dem, der am Morgen der Schöpfung dabei war und der die Nacht des Kreuzes ausgehalten hat. Dem, der nicht im Grab geblieben ist, sondern unvergängliches Leben ans Licht gebracht hat. Das gibt uns Hoffnung auch für unsere Verstorbenen, von denen wir ja alle nicht genau wissen, was sie in ihrem Leben Gutes oder Böses getan und wie stark sie geglaubt haben. Hoffnung aber auch für die Menschen anderer Religionen, die zu Lebzeiten nicht an Jesus geglaubt haben oder glauben konnten und doch in ihrem Herzen „fromm“ waren.

Nochmals: Unsere Toten stehen im Gericht keiner grauen Eminenz oder einem grässlichen Sensenmann gegenüber.  Der Mensch gewordene Gott, dessen inneres Wesen Güte ist es. Auch den Kämpfern der IS, auch den Schergen der KZs, auch den Vergewaltigern . Alle hören sie seine Stimme. Werden sie ihm dann glauben? Dürfen dann auch sie mit ihm „durchgehen“?

Ich habe die Hoffnung, liebe Gemeinde, dass  dann auch harte Herzen durch sein wahrhaftiges und liebendes Wort überwältigt werden….

III.  Aufstehen jetzt

Doch lasst uns zuletzt der Gegenwart ins Auge sehen. Die Pointe der Verkündigung Jesu im Johannes-Evangelium besteht darin, dass das Leben hier und jetzt beginnt und dass die Macht des Todes schon jetzt ein Ende hat.

Menschen, die total isoliert waren,  bekommen durch den Glauben neue Perspektiven. Sie werden frei, wie Rolf in unserer Geschichte.  Wer diese Befreiung erfährt, entdeckt die Gesichter und Hände der Anderen: Denn Jesus ruft uns in eine Gemeinschaft. Christsein ist eben nicht Privatsache für ein paar fromme Eigenbrötler. Es wird zusammen gelebt und gegessen, gebetet und gesungen. Gemeinsam kommen wir ans Ziel.

Wo wir heute seine Stimme hören, bleiben wir nicht bei uns allein, auch nicht nur in einer frommen Gruppe, sondern treten heraus ins Licht seiner Welt: Jesus  ist nicht nur Weg und Tür zum Vater, sondern auch Licht und Leben für diese noch immer existierende Welt mit all ihren schönen und schrecklichen Seiten.

Mit ihm  können wir uns gemeinsam dem Leben in die Arme und dem Tod entgegen werfen. Darum lasst uns gegen  Gewalt und Terror eintreten in diesen Tagen.  Voller Hoffnung, dass über alle Grenzen menschlichen Lebens hinweg „sein“ Friede schon da ist.

In dieser Hoffnungskraft zerbrechen die  Ketten des Todes. Was im Angesicht des Grauens von Paris kaum vorstellbar scheint, ist wahr. Seit Ostern haben sich die Dinge gedreht. Der leibliche Tod – das ist kein Zynismus – kann uns nicht alles nehmen.

Lasst uns singend aufstehen und glaubend hoffen und alles auf eine Karte setzen: auf den, der  Tod und Hölle in Schach hält, bis Gott alles in allem sein wird.

Jörg Zink hat einmal gedichtet:
An Ostern, o Tod, war das Weltgericht
Wir lachen dir frei in dein Angstgesicht.
Wir lachen dich an, du bedrohst uns nicht.

Wir folgen dem Christus, der mit uns zieht.
Stehn auf, wo der Tod und sein Werk geschieht.
Im Aufstand erklingt unser Osterlied.

Gemeinsam singen (LebensWeisen 35,3-4)

 

Perikope
22.11.2015
5,24-29

„Ganz ungetröstet bin ich nicht“ - Predigt zu Johannes 5,24-29 von Ruth Conrad

„Ganz ungetröstet bin ich nicht“ - Predigt zu Johannes 5,24-29 von Ruth Conrad
5,24-29

„Ganz ungetröstet bin ich nicht“

In diesem Gottesdienst denken wir an unsere Toten, an die Menschen, die wir im letzten Jahr verloren haben. Ein Text aus dem Johannesevangelium will uns trösten in unserer Trauer. Ich lese Johannes 5, die Verse 24-29:

Jesus spricht: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. (25) Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. (26) Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; (27) und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. (28) Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden (29) und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Der Tod,
liebe Gemeinde,
der Tod ist für uns, die wir zurückbleiben,
ein großes Erschrecken.
Eine tiefgehende Erschütterung.
Einem Erdbeben gleich fräst er sich durch unser Leben.
Ein naher Mensch geht weg und wir bleiben zurück.
Wir sehen ihn leiden,
sehen sein Ringen mit dem Tod,
erleben, wie er schwächer und schwächer wird,
wie er dem Leben entgleitet und wir müssen es zulassen.
Müssen ihn weggehen lassen.
Wir werden gezwungen, ihn loszulassen.
Ihn freizugeben.
Und wir werden nicht gefragt.
Manchmal dürfen wir nicht einmal Abschied nehmen.
Dann, wenn der Tod wie ein Wegelagerer ins Leben fällt.
Plötzlich, unerwartet, ohne Vorwarnung.
So wie letzte Woche in Paris.
Und wir – , wir bleiben zurück.
Allein.
Vertrieben aus unseren bisherigen Gewissheiten.
Unser Lebenshaus wirkt seltsam verwaist.
So viele Räume stehen leer.
So viel Vertrautes funktioniert nicht mehr.
Die zwei gleichen Tassen beim Frühstück, ja, die aus dem letzten Sommerurlaub, sie wirken so deplatziert.
Und wer macht jetzt morgens das Müsli?
Wer holt die Zeitung hoch?
Wer bringt den Müll runter und hängt die Wäsche auf?
Der gemeinsame Kleiderschrank ist plötzlich völlig überdimensioniert und die Ferienwohnung viel zu teuer für nur eine Person.
Der Tod vertreibt uns aus unseren Gewohnheiten, aus unserem Alltag.
Er zwingt uns in neue Rollen und neue Gewohnheiten.
Wir müssen uns neu finden: Wer sind wir? Wie wollen wir jetzt leben? Wie können wir jetzt leben? Halten unsere Freunde und Verwandte unsere Trauer und unseren Schmerz aus? Oder müssen wir weitere Verluste ertragen?
Manchmal tauchen auch dunkle Erinnerungen auf.
In die Trauer mischt sich Schmerz.
Wie gerne würden wir manch böses Wort zurückholen, abfällige Gesten rückgängig machen und gäben viel darum, wir hätten nicht so oft gestritten, nicht so viel gearbeitet, sondern mehr gefeiert, mehr gemeinsame Zeit verbracht.
Uns dämmert: Manchmal waren wir ungerecht. Hatten so wenig Verständnis und Zeit für unsere nächsten Menschen, für ihre Eigenheiten, ihre Geschichte.
Im Tod beginnt eine Frau zu verstehen, dass ihr Mann die vielen Stunden der Zurückgezogenheit im Hobbykeller, an denen sie immer rumgemäkelt hatte, dass er sie für seinen Seelenfrieden gebraucht hat. Dass er deshalb oft zwischen ihr und der Tochter oft ausgleichen konnte, wo sie eher in den Konflikt ging.
Im Tod beginnt der Sohn zu verstehen, warum der Vater ihn als Kind so unverhältnismäßig streng behandelt hat. Plötzlich vermag er die Seelengeister zu sehen, die den Vater gejagt haben. Er findet Behandlungsunterlagen einer schlimmen Depression. Die Strenge war eine Überlebensstrategie.  
Manchmal müssen wir im Tod die Weggegangen neu sehen lernen.
Wir erfahren Dinge, die wir nicht unbedingt wissen wollten und die unsere gemeinsame Geschichte umdeuten.

Ob wir uns neu sehen oder den anderen:
Im Tod erfahren wir neue Wahrheiten.
Verborgenes kann zu Tage treten.
Plötzlich spüren wir in uns eine Liebe, von der wir nicht wussten, dass sie noch so lebendig ist.
Plötzlich nehmen wir eine Fremde war, die uns erschrecken lässt.Ja,
liebe Gemeinde,
der Tod ist für uns, die wir zurückbleiben,
ein großes Erschrecken.
Eine tiefgehende Erschütterung.
Ein Erdbeben.
Jesus spricht davon, dass der Tod einem „Gericht“ gleicht.
Verborgenes, Unbekanntes wird offenbar und lässt sich nicht länger leugnen.
Wir können nicht entrinnen.
Wir werden nicht nach unserer Zustimmung gefragt.
Es hat etwas Endgültiges.
Ja, der Tod ist für uns, die wir zurückbleiben, ein Erschrecken.
Er gleicht einem Gericht.Gott sei Dank aber,
liebe Gemeinde,
Gott sei Dank,
ist das nicht das Einzige und vor allem nicht das Letzte, was Jesus über den Tod sagt.
Im Glauben, sagt Jesus, im Glauben ist der Tod immer auch ein Hindurchgehen durch das Gericht des Todes. Ein Hindurchgehen zum Leben. Zum ewigen Leben. Weil der Glaube um das Unverlierbare und um die Ewigkeit der Liebe weiß.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.
Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben.

Jesus Worte – das sind Worte jener tiefen Wahrheit über uns Menschen, dass wir alle, Tote und Lebende, geborgen sind in der ewigen Gnade Gottes.
Jesus Worte – das sind Worte jener tiefen Liebe zu uns Menschen, die sich selbst in den Tod gegeben hat, um uns in eben dieser Erschütterung nahe zu sein und um uns zur Auferstehung zu begleiten.
Jesu Worte – das sind Worte jener tiefen Hoffnung für uns Menschen, dass am Ende der Tage Gott ein Taschentuch in die Hand nimmt und alle Tränen von unseren Augen abwischen wird, alle Traurigkeit und Schmerz aufheben wird, seine Hand auf unsere gebeugten Schultern legen wird und sagen: Siehe, ich mache alles neu. Es ist gut.
Jesu Worte – das sind Worte jenes tiefen Glaubens, dass das Leben nicht mit dem Tod und nicht mit dem Gericht endet, sondern am Ende eingeht zu Gott und darin neu wird – ewiges Leben.
Jesu Worte – sie verbinden uns mit Gott, mit der Ewigkeit seiner Liebe und so verbinden sie auch uns und unsere Verstorben miteinander.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.
Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben.


Manchmal,
liebe Gemeinde,
manchmal beginnen wir zu spüren:
Nicht nur die Toten gehen hindurch zum Leben.
Auch wir, die wir zurückbleiben, fühlen uns in unserem Schmerz und mitten in aller Erschütterung mit dieser Ewigkeit des Lebens und der Unvergänglichkeit dieser Liebe verbunden.
In einer schlaflosen Nacht, in der die Erinnerung uns übermannt und der Schmerz uns aufzuzehren droht, da steigt in uns ein stummes Gebet auf. Wir spüren: Gerade jetzt sind wir „in Rufweite zu Gott“ (Norbert Hummelt).
In schweren Tagen, wenn die Einsamkeit in unser Leben einzuziehen droht, da machen wir die Erfahrung: Wir sind „von guten Mächten wunderbar geborgen“ (Dietrich Bonhoeffer).
Und die guten Mächte haben ein ganz menschliches Gesicht:
Die Nachbarin, die ein nettes Kaffeekränzchen ins Leben ruft. Jeden Mittwoch, gleicher Ort, gleiche Torte. Eine neue Gewohnheit. Sie tut gut. Sie lenkt ab. Sie heitert auf.
Der Kollege, der einem eine Dauerkarte fürs Stadion besorgt. Jeden Samstag, gleicher Ort, gleiches Leiden mit dem eigenen Verein. Eine neue Gewohnheit. Sie tut gut. Sie lenkt ab. Sie aktiviert.
Die Nichte, die zum Studium in eine ferne Stadt zieht, lädt ein: Komm doch her, mach‘ eine Reise. Hier gibt es viel zu sehen. Es tut gut. Es lenkt ab. Man kommt in Bewegung.
Und manchmal sind es auch die kleinen Dinge des Alltags, in denen uns der Trost der Ewigkeit, der Trost Gottes berührt:
Ein prächtiger Sonnenuntergang,
das Blühen des Rosenstrauches,
das stille Flackern einer Kerze,
der Duft von frischen Äpfeln.
So hat es der Dichter Johannes Kühn einmal formuliert:
„Totenlieder summend bin ich wach,
Äpfel duften im Zimmer.
Ganz ungetröstet bin ich nicht“.

Der Tod,
liebe Gemeinde,
der Tod ist ein großes Erschrecken.
Eine tiefgehende Erschütterung.
Einem Erdbeben gleich fräst er sich durch unser Leben.
Unser bisheriges Leben, seine Gewohnheiten und all das Vertraute – es gerät auf den Prüfstand. Gleich einem Gericht.
Doch das ist nicht das Letzte.
Denn wir und unsere Verstorbenen, wir gehen hindurch, durch den Tod, durch das große Erschrecken, durch das Gericht. Wir hören die Stimme Jesu, seine Worte und fühlen uns verbunden mit der Unvergänglichkeit der Liebe Gottes.
Wir spüren:
Hier ist der Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt.
Wenn wir zum Tode erschrecken – ganz ungetröstet sind wir nicht.
In dieser Zuversicht stärke uns Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Amen
 

Literatur:
Norbert Hummelt, Totentanz. Gedichte, Darmstadt: Luchterhand 2007, 9f. („Allerheiligen“).
Johannes Kühn, Ganz ungetröstet bin ich nicht. Gedichte. Hg. v. Irmgard und Benno Rech, München: Carl Hanser, 2007, 61 („Herbstbild“)

 

Perikope
22.11.2015
5,24-29

Leben aus dem Hören - Predigt zu Johannes 5,24-29 von Klaus Pantle

Leben aus dem Hören - Predigt zu Johannes 5,24-29 von Klaus Pantle
5,24-29

Leben aus dem Hören

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. 26 Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; 27 und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist.

28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden 29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

„Möge uns der Tod lebendig finden und das Leben uns nicht tot.“ Dieser Graffiti-Slogan bringt auf den Punkt, wovon Jesus hier redet: 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Es geht nicht um mein Weiterleben nach dem Tod. Es geht um mein Leben hier und jetzt. Lebe ich hier und jetzt ein lebendiges oder ein totes Leben? Was Jesus hier pointiert zum Ausdruck bringt, das führt er der Geschichte, die er unmittelbar davor erzählt, aus (5, 1-18). Zu dem Gelähmten, der schon 38 Jahre lang am Teich Bethesda lebendig tot herumliegt und alle Hoffnung hat fahren lassen, weil er es nie ohne Hilfe zu rettenden Wasser schaffen würde, sagt Jesus einfach: „Steh auf und nimm dein Bett und geh!“ (5, 8). Diese Geschichte erzählt von einer Auferweckung mitten im Leben aus einer selbstzerstörerischen Situation, in der der Leidende nur um sich selbst und sein Leiden kreist. Und sie erzählt zugleich von einer Befreiung aus der tödlichen Macht eines Konkurrenzsystems, das den Hilflosen keine Chance lässt. „Es ist eine Auferweckung gegen alle Wahrscheinlichkeit, die Eröffnung einer Beziehung, die das Leben zum Leben macht“ (Hans-Martin Gutmann).

An einem Tag, an dem wir unserer Verstorbenen gedenken, ist das nicht schwer zu begreifen. Denn wenn wir auf das Leben derjenigen, die von uns gegangen sind blicken und auf unser Leben mit ihnen, dann sehen wir das Schöne und das Gelungene und das Erfüllte darin. Aber eben auch das Misslungene und das Vergebliche und das Verpasste. An dem Vergangenen können wir nichts mehr ändern. Aber für die Gegenwart und für die Zeit, die uns bleibt, können wir aus Jesu Worten lernen. Sie können uns helfen, unseren Blick dafür zu schärfen, wie wir hier und jetzt und in den Tagen, die kommen sinnvoll leben und miteinander gut umgehen können.

In einer neulich veröffentlichten Untersuchung wurde festgestellt, dass die Hälfte aller alten Menschen den Zeithorizont der ihnen noch verbleibenden Jahre falsch einschätzt. Ein Drittel der Betagten unterschätzen die Zeit, die ihnen noch bleibt. Das verleitet sie dazu, dass sie sich in der Konsequenz selbst von manchen noch offenen Lebensmöglichkeiten abschneiden. Andere, Jüngere, tun das im Umgang mit ihnen auch, wenn sie zu viel über deren Ende und das danach sinnieren, anstatt mit ihnen geistesgegenwärtig zu leben.

Auf die ihm eigene sarkastische Art thematisiert der serbisch-jüdische Schriftsteller David Albahari, der selbst schon lange mit einer schweren Krankheit lebt, diesen Zusammenhang immer wieder. In kurzen Miniaturen wie der folgenden hält er sich selbst und anderen einen Spiegel vor:

„Der Mann, der jahrelang Angst hatte, sein linker Arm würde gelähmt, und der eines Tages einen Schlaganfall bekam, wodurch er tatsächlich gelähmt blieb, kommt seitdem nicht von dem Gedanken los, dass ihm das nur deswegen zustieß, weil er sich jahrelang vorstellte, es würde ihm eines Tages zustoßen.“

„Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich.“ (Ludwig Wittgenstein). Es geht um das Ewige im Jetzt. Die Toten sind wir selbst, wenn wir gefangen bleiben in unserer Lebens- oder Zukunftsangst. Tote sind wir, wenn wir uns fesseln lassen an das, was war, wenn wir zu sehr um uns selbst kreisen und die Zeit, die uns bleibt, nicht auskaufen. Das gilt für die Zeit, die uns für uns selbst bleibt genauso wie für die Zeit, die uns miteinander geschenkt ist. Unser Körper stirbt ab, wenn ihm belebende Beziehungen zu anderen Menschen fehlen. Unser Geist erlahmt und unsere Seele erkaltet, wenn unser Kontakt zur Quelle ewigen Lebens gestört ist.

Jesus sagt: 25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. 26 Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; 27 und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist.

Entscheidend ist, was ich höre. Entscheidend ist, auf wen ich höre und worauf ich höre.

„Wörter können alles. Die können schikanieren und die können schonen und die können einen besetzen und die können einen leerräumen“ (Herta Müller).

Wir leben in einer Welt des andauernden öffentlichen Erregungszustandes und des permanenten Geplappers. Die Wirklichkeit wird zugetextet. Gefühle und Erfahrungen, Fragen und Ratlosigkeit, Trauer, Schmerz- und Glückserfahrungen werden überspült von seichtem, sinnfreiem oder unappetitlichen Geschwätz. Man muss nicht alles sagen, was man meint, „doch wohl noch sagen zu dürfen“. Man braucht sich das auch nicht anzuhören. Gelegentlich ist es besser, alle Kanäle abzustellen, in sich zu gehen und die Stille zu suchen. Aus der Stille heraus kann ich wieder neu hören. Entscheidend ist, dass ich gut höre und genau hinhöre: dass ich höre auf das, was Sinn gibt – Sinn für mich und Sinn für andere.

Ob ich scheitere in meinem Leben oder ob mir etwas gelingt, das habe ich nicht immer selbst in der Hand. Aber gelegentlich hängt es davon ab, worauf ich höre. „Tot oder lebendig“ – ich bin, worauf ich höre. „Ewiges Leben“, Sinn-erfülltes Leben wird finden, wer auf die Stimme des Sohnes Gottes hört, sagt Jesus. Denn: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und alles in Fülle haben sollen“ (Johannes 10, 10). Die an mich glauben, sollen, „nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3, 16), weil Gott sie und ihre Welt liebt, weil er sie vorbehaltlos und bedingungslos liebt. Deshalb können sie frei leben, hier und jetzt, in seiner ewigen Gegenwart. Im Hören auf seine Stimme lösen sich alle ichbezogenen Gefühle und Gedanken auf. Druck und Zwang verschwinden. Ich werde frei und leer -  um von ihm erfüllt zu werden, von seinem Geist, von seiner Energie, von seiner Fülle, von unerschöpflicher Lebenskraft. „Wer Ohren hat, der höre“ (Matthäus 11,15). Im Hören auf ihn öffnet sich eine andere Welt als unsere dauererregte Welt der Geschwätzigkeit und des Ressentiments, des Konkurrenzdrucks und des Leistungszwangs. Im Hören auf ihn öffnet sich die Welt der Freundlichkeit Gottes und der Zärtlichkeit Jesu. Im Hören auf ihn öffnet sich eine andere Welt als die der Gewalt und des Todes. Im Hören auf ihn öffnet sich die Welt des Unerhörten.

28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden 29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Hinter den Tod kommen wir mit unserem Denken nicht. Dazu braucht es Bilder, unerhörte Sprachbilder, die unseren irdischen Horizont aufzureißen. Unser Verstand kann dieses Unerhörte nicht durchdringen. Wir können Jesu Sprachbilder nur hören und darüber staunen.

Was wir begreifen ist unsere böse und gewalttätige Lebenswirklichkeit. Das Morden in Paris, die Bürgerkriege im Nahen und Mittleren Osten und die dadurch ausgelösten Fluchtbewegungen sind erschütternd. All das wird hier nicht ausgeblendet. Was wir hören, ist, dass all das zu Gottes Wirklichkeit in eine Relation gestellt wird. Diejenigen, die über Leichen gehen, werden nicht das letzte Wort behalten, sagt diese Stimme: Gott wird das letzte Wort behalten.

Unerhörte Wörter, Worte der Hoffnung, nie gesehene Bilder der Rettung: Sie können wirken. Das weiß selbst ein Agnostiker wie Ludwig Wittgenstein: „Nehmen wir an, jemand machte das zu seiner Lebensregel: den Glauben an das Jüngste Gericht. Was immer er tut, es schwebt ihm dabei vor. Nun denn, wie können wir wissen, ob wir sagen sollen, er glaubt, dass das Jüngste Gericht stattfinden wird, oder er glaubt es nicht? Ihn zu fragen ist nicht genug. Er wird vermutlich sagen, dass er Beweise hat. Er hat jedoch vielmehr das, was man einen unerschütterlichen  Glauben nennt. Und der wird sich nicht beim Argumentieren oder beim Appell an die gewöhnliche Art von Gründen für den Glauben an die Richtigkeit von Annahmen zeigen sondern vielmehr dadurch, dass er sein ganzes Leben regelt.“

Darum geht es. Um nicht mehr und nicht weniger. Um die Haltung, die aus dem Hören solch unerhörter Worte folgt. Darum, dass sie unser Leben regeln. Es geht um die Gewissheit, die sich nicht aus Wissen und Erfahrung speist, sondern die aus diesem aus dem Hören geregelten Leben selbst Erfahrungen hervorbringt – Erfahrungen der Fülle.

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dessen Verdienste um die juristische Aufarbeitung der deutschen Verbrechen an den Juden jüngst in zwei Kinofilmen gewürdigt wurden, kämpfte in den 1950-iger und 60-iger Jahren um Aufklärung und Gerechtigkeit schon hier und jetzt. Er kämpfte darum, obwohl er isoliert war und bekämpft und bedroht wurde. Er, (gebürtiger Stuttgarter, Abiturient am hiesigen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium), Rückkehrer aus der Emigration nach dem 2. Weltkrieg, deutscher Jude, Schwuler, Sozialdemokrat, bezahlte dafür einen hohen Preis: den nahezu totaler sozialer Isolation und persönlicher Einsamkeit. Aber sein Kampf war erfolgreich. Auf sein Betrieben hin wurde Adolf Eichmann gefangen und begann im Jahre 1963 in Frankfurt der Auschwitz-Prozess. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1968 schrieb er: „Der praktisch tätige Mensch hält es mit dem Prinzip Hoffnung, mag er auch selbstkritisch sich mitunter des Gefühls nicht erwehren können, es könnte eine Lebenslüge sein.“ Und weiter: „Selbst wenn die Hoffnung tatsächlich eine Lebenslüge ist – ohne sie wäre die Unmenschlichkeit in der Welt nicht zu überwinden.“

Glaubende haben es hier vielleicht etwas leichter. Denn sie können sich im Vertrauen auf seine Stimme darauf verlassen, dass sie in einem überzeitlichen göttlichen Horizont existieren. Darin sind sie in allem Leben, Lieben, Leiden und Sterben aufgehoben. Gerade deshalb kann dieser Glaube, den Jesu Worte in uns auslöst, uns die Lebensenergie und die Lebenszuversicht geben, die wir brauchen, um ganz im Hier und Jetzt „ewig“ zu leben. Dieser Glaube gibt uns die Kraft, um in diesem Leben Haltung bewahren.

 

Perikope
22.11.2015
5,24-29

"Kein Goldenes Kalb hat je Sicherheit erzeugt" - Predigt zu Johannes 16,33 von Renke Brahms

"Kein Goldenes Kalb hat je Sicherheit erzeugt" - Predigt zu Johannes 16,33 von Renke Brahms
16,33

Liebe Gemeinde!

Die Welt scheint aus den Fugen geraten! So viele Meldungen und Bilder über Krieg und Gewalt, von vertriebenen und flüchtenden Menschen erreichen unsere Häuser und unsere Herzen. Die Sicherheiten scheinen zu zerbröckeln. Das Gefühl der Unsicherheit wächst

Ich stimme in das Gebet des Psalmbeters ein: "Herr, tu ein Zeichen, dass Du´s gut mit mir - mit uns - mit den Menschen - meinst." Ich stelle mir vor, wie viele Menschen auf ihre Weise so beten, so seufzen, so rufen und schreien. In verschiedenen Sprachen, ob zu Allah oder dem Gott der Bibel. Dieser Ruf, diese Sehnsucht nach Zeichen des Friedens eint sie alle.

Wie aber könnten sie aussehen - die Zeichen des Friedens - Zeichen einer gerechten Welt? Ich will jedenfalls nicht hereinfallen auf die Zeichen der Stärke, der Macht oder Gewalt. Kein Goldenes Kalb, keine Macht der Welt, keine Ideologie, keine Armee hat je Frieden gebracht. Und kein Zaun und keine Mauer haben je Sicherheit erzeugt.

Jesus wischt die Angst nicht weg

Ich bin froh und getröstet, dass ich dem glauben darf, der so kräftige Zeichen gesetzt hat für Gewaltlosigkeit und Versöhnung, für Nächstenliebe und Feindesliebe. Er nimmt mich mit, wenn ich zweifle, wenn ich ratlos bin oder mich ohnmächtig fühle.

Er gewinnt das Vertrauen der Skeptikerinnen und vermeintlichen Realisten  - so wie er Thomas gewonnen hat, der so oft fälschlicherweise der Ungläubige genannt wird.

Frieden ist das Ziel. Alles, was Jesus sagt und tut, hat das eine große Ziel des Friedens - des umfassenden Schalom Gottes. Der Mann aus Nazareth ist selbst das Zeichen des Friedens. Auf ihn zu hören, ihm zu folgen, an ihm sich zu orientieren, seinen Zeichen zu folgen, bringt uns dem Frieden näher.

Der erste Schritt auf dem Weg zum Frieden ist der realistische Blick auf die Welt, in der wir leben. "In der Welt habt ihr Angst." Ja, so ist es! Und Jesus wischt die Angst nicht weg.

Seid mutig, unverzagt, beherzt!

Allen Grund zur Angst haben die Menschen, die in diesen Tagen in Aleppo, Mossul, Donezk oder anderen Orten ausharren und nicht sicher sind, ob sie den nächsten Tag erleben. Allen Grund zur Angst haben die Frauen und Männer, die vor Gewalt fliehen, haben die Kinder, die nichts anderes erleben als Krieg. Angst haben die Menschen an den Küsten Libyens, wenn sie auf das nächste Boot warten, das sie nach Europa bringen soll.

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Schriftfuehrer der Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms

 

Müssen wir Angst haben, wenn diese Menschen zu uns kommen? Unser Land hat in der Geschichte schon weit größere Zahlen von Flüchtenden aufgenommen. Aber natürlich gibt es auch unter uns, in unseren Gemeinden Menschen, die Angst oder zumindest Sorge haben. Darüber muss wieder und wieder gesprochen werden - dafür muss auch Raum sein. Denen aber, die mit der Angst der Anderen ihr eigenes Süppchen der Fremdenfeindlichkeit und eines Rechtsextremismus kochen wollen, müssen wir kräftig widerstehen!

In der Welt habt ihr Angst. Aber .... Ich ärgere mich in der Regel über ein "Aber". Oft genug kommt es von den Bedenkenträgern, die sich gegen Veränderungen sperren. Ein solches "Aber" will ich nicht hören.

Bei Jesus ist es der Einspruch gegen eine Angst, die lähmt. "Aber seid getrost...!" Dieses "Aber" höre ich gerne. Was Martin Luther mit dem schönen Wort "getrost" übersetzt, kann auch heißen: "Lasst euch nicht lähmen von Angst! Seid mutig, unverzagt, beherzt!"

Bonhoeffer: "Friede muss gewagt werden."

Man möchte es denen zurufen, die auf ihren Wegen nach Europa sind. Verliert nicht den Mut! Ihr habt schon so viel gewagt!

Und man möchte es den Vielen zurufen, die sich für die Flüchtenden engagieren, ihre Portmonaies und ihre Häuser öffnen, in den Unterkünften helfen und sich in Behörden und Institutionen mühen, damit die Menschen menschenwürdig unterkommen. Danke! Und hört nicht auf! Verliert nicht den Mut!

Und man möchte es denen zurufen, die sich für den Frieden einsetzen - überall dort, wo sie verantwortlich sind: in Politik, Kirche und Zivilgesellschaft. Hört nicht auf! Verliert nicht den Mut! Seid beherzt!

Dietrich Bonhoeffer hat gesagt: "Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden."

Es gibt keinen Frieden auf dem Weg einer Sicherheit, die meint, sich in Europa abschotten zu müssen. Wer nur die eigene Sicherheit meint und nicht auch die der Flüchtlinge, wer nur um den eigenen Wohlstand fürchtet - der tanzt schon wieder kräftig um das Goldene Kalb.

Pathetischer Schmus oder naiver Leichtsinn?

Wer meint, den Frieden sichern zu können mit immer mehr und ausgefeilten Waffen, lässt sich blenden vom brüchigem Zeichen der Stärke und der Macht. Wie aber kann Frieden gewagt werden? Vielleicht müssen wir, um eine Antwort darauf zu finden, noch tiefer in die Botschaft Jesu eintauchen.

 "...aber seid getrost - seid mutig, seid zuversichtlich, seid beherzt - denn ich habe die Welt überwunden." Jesus sagt nicht: "Ich werde die Welt überwinden, irgendwann, vielleicht mit meinem Tod oder der Auferstehung." Er sagt: "Ich habe die Welt überwunden." Mit jedem Zeichen, das er tut, mit jedem Menschen, den er heilt, mit jedem Kind, dem er Brot zu essen gibt, mit jedem, der zweifelt und doch neues Gottvertrauen gewinnt - mit jedem dieser Menschen überwindet er die Welt.

Mit jeder Geste der Versöhnung, mit jedem Streit, den wir schlichten, mit jedem Menschen, dem wir Zuflucht geben, mit jedem Menschen, den wir vor dem Hungertod bewahren und mit jedem Menschen, den wir trösten, setzen wir Zeichen des Friedens und  überwinden wir die Welt der Gewalt, der Ungerechtigkeit und des Todes.

Und wer nun meint, dies sei nur pathetischer Schmus oder naiver Leichtsinn, muss sich die Frage gefallen lassen, wo wir denn wären ohne diese kleinen die Welt verändernden Schritte. Wo wären wir denn, wenn nicht die wenigen Menschen vor 30 Jahren in Erfurt und Leipzig angefangen hätten, für den Frieden zu beten. Daraus wurde eine friedliche und gewaltlose Revolution und die Mauer fiel. Wo wären wir denn, wenn sich nicht ehemalige Feinde nach dem Zweiten Weltkrieg die Hände gereicht und sich Völker versöhnt hätten. Und wo wären wir in Südafrika, in Ruanda - wenn nicht Menschen Frieden und Versöhnung gewagt hätten.

So leicht, so offen, so tragfähig wünsche ich mir meine Kirche

Und wo kämen wir denn hin, wenn es keine Vereinten Nationen gäbe, wenn es nicht möglich wäre, über nachhaltige Entwicklung und die Rettung des Klimas zu verhandeln und damit an die Wurzeln der Konflikte zu gehen und endlich, endlich die Ursachen zu bekämpfen - zugegeben mühsam ist es und oft noch nicht ausreichend.

Wir dürfen die kleinen Schritte nicht schmähen und uns ihrer nicht schämen. Glauben wir doch unserem eigenen Glauben und dem, der uns zuruft: Seid getrost, mutig, unverzagt, beherzt und wagt den Frieden! So überwinden wir die Welt.

Ein schönes Zeichen, liebe Gemeinde! Gottes offene Gesellschaft - nicht verborgen oder versteckt und geschlossen, sondern zugänglich für alle. Und ein tragfähiger Grund: Gottes Gegenwart und Glanz mitten unter uns.

So leicht, so offen, so tragfähig wünsche ich mir meine Kirche. So wünsche ich mir eine offene Gesellschaft, in der die verschiedensten Menschen in Frieden zusammenleben. So wünsche ich mir eine Welt, in der Frieden gewagt und Gewalt überwunden wird. So wünsche ich mir eine Welt, in der auf gewaltfreie Konfliktlösung gesetzt wird.

"Barmherziger Gott: Tu ein Zeichen an uns, dass du' s gut mit uns meinst! So beten wir zu dir voller Sehnsucht mit den Vielen auf dieser Erde. Und wir erkennen Zeichen deiner Güte und deines Friedens. Lass uns darauf achten und daraus Kraft schöpfen. Amen."

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Perikope
08.11.2015
16,33