Mehr als entweder oder - Predigt zu Lukas 10,38-42 von Barbara Bockentin

Mehr als entweder oder - Predigt zu Lukas 10,38-42 von Barbara Bockentin
10,38-42

Die letzten Gäste waren gegangen. Sie blieb noch einen Moment in der geöffneten Haustür stehen. Dann wandte sie sich um und schloss die Tür hinter sich. Sie seufzte. Wie so manches Mal vorher, so fragte sie sich auch jetzt wieder, warum sie sich das immer wieder antat. All die Arbeit. Alle Planung. Sie selbst hatte nicht viel von dem Abend gehabt. Immer wieder war sie aufgesprungen, kaum dass sie selbst zum Essen gekommen war. Hatte nachgeholt, abgedeckt, anderes aufgedeckt. Sie machte das gern. Es machte ihr Spaß, vorher zu überlegen, was sie kochen konnte. Aber wenn der Tag da war, dann verfiel sie jedes Mal zusehends in Hektik. Und wenn die Gäste nach und nach eintrudelten, konnte sie das nicht ablegen, selbst wenn alles vorbereitet war. Den Besuch konnte sie nicht so richtig genießen. Sie guckte auf die Uhr. So spät schon. Aber ihr Bruder war ja immer lange auf. Da konnte sie auch jetzt noch anrufen.

Er schaute das Telefon an. Wieder so ein Gespräch mit seiner Schwester. Inzwischen gab es das in schöner Regelmäßigkeit. Und immer dieser vorwurfsvolle Unterton. Seit sein Vater allein lebte, ging das so. Immer wieder rief sie ihn an, um ihn „auf Stand“ zu bringen, wie sie es nannte. Er hatte eher das Gefühl, dass sie an sein Gewissen appellierte. Wann er denn mal wieder vorbeischauen würde. Bei ihrem Vater. Er hätte doch schon lange versprochen, mal nach dem Dach zu sehen. Mit Handwerkern könne er einfach besser und auch mit dem Vater. Der müsse manchmal zu seinem Glück gezwungen werden. Da wäre er, der einzige Sohn, einfach der bessere Ansprechpartner. Er hörte sich das alles immer wieder an. Aber dabei blieb es auch. Er äußerte Verständnis. Er versprach, mit dem Vater zu sprechen. Was immer seine Schwester wollte. Aber hinfahren, nein, dazu reichte seine Zeit nicht. Schließlich hatte seine Familie auch ein Anrecht auf ihn. Die Arbeitsbelastung wurde einfach nicht weniger. Er konnte sich nicht zerreißen. Ein andermal gerne.

Der folgende Tag war von vielen Terminen geprägt. Als er nach Hause kam, nahm ihn gleich seine Frau beiseite. Sie hatte mit Sophie, ihrer ältesten Tochter gesprochen. Er hörte noch, wie eine Tür knallte. Dann schauten sich die beiden ratlos an. Aus dem Kinderzimmer der Großen drang das wilde Schluchzen bis zu ihnen. „Ihr habt Nele ja doch viel lieber als mich.“ Dabei hatte sie das mit keinem Wort gesagt. Sicher, sie hatte sich lang und breit darüber ausgelassen, dass Sophie sich mehr anstrengen müsse. Wenn sie auf der Schule bleiben wolle, ginge es nicht anders als mit Fleiß. Als Nele in den Flur kam, fragte sie, was denn los wäre. Die Eltern zuckten mit den Schultern. Immer dasselbe eben. Sophie war einfach schwierig jetzt in diesem Alter. Da konnte schon beim kleinsten Wort aus einem eben noch fröhlichen Kind ein wütendes werden. Und immer wieder der Vorwurf, dass sie sie nicht lieb hätten. Der Vater ging und klopfte an ihre Tür.

Eins aber ist not. – Täglich gilt es viele Entscheidungen zu fällen. Manchmal blitzschnell, ohne viel Zeit zum Überlegen. Da kann es schnell passieren, dass man es hinterher besser weiß. Oder dass andere es einem aufs Butterbrot schmieren: „Das hätte ich dir gleich sagen können.“ Wie belastend.

Eins aber ist not. – Jede Situation erfordert eine andere Entscheidung. Wer alles über einen Kamm schert, der wird niemandem und nichts gerecht. Hinter dieser Erkenntnis steht gleich eine andere: Man muss wendig sein. Sich anpassen können. Sich rasch einen Überblick verschaffen. Und dann eine passende Entscheidung fällen. Und diese in die Tat umsetzen. Wie anstrengend.

Eins aber ist not. – Als Jesus Marta mit diesen Worten antwortete, war das Missverständnis wohl schon vorprogrammiert. So haben es jedenfalls Generationen von Christenmenschen verstanden. Marta hatte das Nötige versäumt. Sie hatte es nicht einmal gesehen. Maria aber …

Aber war es wirklich so? Ergriff Jesus Partei? Oder wies er nicht vielmehr auf etwas hin? Darauf, dass Marta und Maria verschiedene Entscheidungen getroffen hatten. Marta vergrub sich in der Küche. Maria machte es sich zu Jesu Füßen bequem und hörte mit offenen Ohren und offenem Herzen zu. Mit seiner Antwort wies Jesus darauf hin, was das Notwendige in diesem Moment war. Wie missverständlich.

Vor der Geschichte von Marta und Maria erzählt Jesus das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Hier ist Hilfe gefragt. Sie ist es, was in dieser Situation Not tut. Jetzt hat sich etwas anderes ergeben. Jesus ist zu Besuch. Die Gelegenheit, ihm zu zuhören, ihm ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, von ihm zu lernen. Maria trifft die für sie richtige Wahl, während Marta sich anders entscheidet. Maria wird von Jesus dazu ermuntert, zu ihrer Wahl zu stehen: zu hören und zu lernen. Und Marta wird ernst genommen in ihrer Fürsorge für die Gäste. Zum Schiedsrichter allerdings taugt Jesus nicht. Und auch seine Antwort lässt sich dazu nicht verwenden.

Eins aber tut not. – Wieder war ein großes Fest angesagt. Diesmal war der Bruder auch dabei. Er hatte sich Zeit genommen und war schon am Tag vorher mit seiner Frau und den beiden Töchtern angereist. Seinen Vater hatte er besucht. Hatte mit ihm erledigt, was zu erledigen war. Nun saßen sie alle beisammen. Stimmengeschwirr lag in der Luft. Er schaute auf und sah seine Schwester, ein vollbeladenes Tablett in der Hand. Er sprang auf, nahm es ihr ab und drückte sie in einen Stuhl.

Perikope
03.03.2019
10,38-42

Bin ich zu laut? – Predigt zu Lukas 10,38-42 von Eberhard Busch

Bin ich zu laut? – Predigt zu Lukas 10,38-42 von Eberhard Busch
10,38-42

„Eins ist not", sagt Jesus. Aber vermutlich haben auch die zwei Schwestern Maria und Martha so gedacht, wie wir gern denken: Wir benötigten nicht nur Eines, sondern Vieles. Wir sollten eigentlich immer noch mehr haben: Geld und sonst Nützliches. Uns fehlt ja noch manche Bequemlichkeit, die unser Nachbar schon hat. Wir haben auch allerhand Überzeugungen, religiöse oder politische oder pädagogische, die wir unseren Mitmenschen an-wünschen. Wenn wir es näher überlegen, steht es bei uns so, wie vielleicht auch Maria und Martha meinten: Wir bräuchten Vieles, nicht nur Eines. Ist es nicht so?

Doch jetzt tritt Jesus mitten dahinein, wo diese Beiden wohnen und sich um Vieles sorgen und mühen. Er kommt zu ihnen mit der sie gänzlich überraschenden Botschaft: Nicht Vieles, Eines ist euch not! Diese Botschaft besagt: Ist nur Eines wichtig, dann ist das Viele, das uns beschäftigt, nicht mehr so vordringlich nötig. Dann sind wir frei von dem Zwang und Krampf all dessen, was uns sonst so überaus in Atem hält. So gesehen, ist diese Botschaft für uns auch hilfreich. Denn bei dem, was wir gewöhnlich für nötig halten, geht es so wie bei Manchen, die ihre Wohnung neu möblieren und die dann die Möbel nach einiger Zeit wieder abstoßen. Jenes Eine Nötige ist hingegen wie die eine köstliche Perle, von der Jesus geredet hat, hinter die einer alles Andre zurückgestellt hat (Mt 13,45f.).

Was ist dieses Eine, das Nötige, das uns wirklich nottut? Nun, wir müssen da nicht lange suchen, in irgendeiner Himmelshöhe oder Seelentiefe. Denn genau der, der uns sagt: Eins ist not, der ist auch das Eine, was uns nottut. Er teilt uns in immer neuen Variationen das Eine mit: Gott hat uns lieb. Und er sagt das nicht nur so dahin. In ihm geschieht das, was er sagt. In allem, was er redet und tut und bis in sein Leiden am Kreuz, ist er der Beweis der Liebe Gottes, - der Beweis, den Gott führt, um uns und allen Anderen vor Augen zu führen und es in unsere Köpfe und Herzen zu bringen: Euch habe ich herzlich gern. Ich bin euer Freund, trotz allem, was gegen euch spricht. Ihr seid bis in die verstecktesten Schlupfwinkel meine Geliebten. Ich trete für euch ein, dass ihr nicht zu kurz kommt.

Eben dies, dass Gott uns liebt, ist wichtiger als alles Andere. An diesem zarten, aber unzerreißbaren Faden hängt für uns Alles Weitere. „Gottes Güte ist‘s, das es mit uns nicht aus ist. Sie ist alle Morgen neu“, heißt es in der Bibel (Klgl 3,21f). Es wäre in der Tat aus mit uns, wenn Gott uns nicht lieb hat. Dieses Eine ist notwendig, weil es allemal Not wendet. Wir können vieles entbehren, aber wir können nicht die Liebe Gottes entbehren. Und wir entbehren sie auch gar nicht, auch wenn uns das verdunkelt ist. Und sie kommt auch nicht mit leeren Händen zu uns, sondern will, dass wir von ihr reichlich erfüllt und gesättigt werden. „Wie sollte Gott uns mit ihm nicht alles schenken!“ hat Paulus geradezu ausgerufen (Röm 8,32)

Aber woher wissen wir das?  Wir wissen es darum, weil es uns gesagt wird. Wir wissen das nicht von selber, nicht, weil wir uns das ausgedacht haben. Wir wissen es darum nicht von uns aus, weil es gar nie selbstverständlich ist, dass Gott uns liebt. Wenn uns das je selbstverständlich wäre, dann hätten wir keine Ahnung von dem Wunder seiner Liebe. Er könnte uns ja sehr wohl auch nicht lieben. Und wenn man einmal vor Augen hat, was wir Menschen alles anstellen an Murks und Unfug in Gottes Schöpfung, dann bekommen wir eine Ahnung, dass Gott es sehr wohl reuen könnte, reuen müsste, uns Menschen in das irdische Paradies gesetzt zu haben. Nein, es ist und es bleibt eine Überraschung sondergleichen, wenn es gleichwohl zu uns gesagt wird: Gott hat uns lieb! Dass wir das jeden Tag neu hören, das gehört mit zu dem Einen, was uns nottut!

In unserer Geschichte ist es Jesus, dem zuzuhören ist. Auf ihn gilt es zu hören, weil er das eine Notwendige mitzuteilen hat. Und jetzt verstehen wir, weshalb Martha das schlechte Teil erwählt hat. Sie hat zweifellos Vieles getan, Vieles geleistet, Vieles zustande gebracht. Sie bekäme dafür von anderen Stellen dafür ein Verdienstkreuz oder wäre von Weiteren als Vorbild gepriesen worden. Aber Eines hat sie entschieden nicht getan – und das wäre gerade das Entscheidende gewesen. Sie hat sich bei aller Mühe nicht die Mühe gemacht, auf Jesus zu hören.

Sie ist in all ihrem verdienstvollen Fleiß nicht fleißig gewesen, an der Botschaft von der Liebe Gottes zu hängen, an der doch alles hängt Sie hat vor lauter Eifer, etwas Anständiges zu vollbringen, verpasst, dass es für sie darauf angekommen wäre, dabei von dem zu leben, was Gott in seiner Liebe für sie und für alle Menschen tut. Sie war so überaus beschäftigt mit dem Vielen, das doch vergeht, wie die Blumen verwelken – und so hat sie es verpasst, das Wort Gottes zu hören, das in Ewigkeit bleibt. Arme Martha!

Anders Maria. Sie ist nicht weniger fleißig als Martha. Doch sie ist anders fleißig. Sie ist fleißig im Hinhören auf das, was Jesus zu sagen hat. Für sie ist er einer, den wir nicht besser ehren können, als dass wir einmal all das auf sich beruhen lassen, was uns vordringlich dünkt. Sie hat verstanden, dass durch Jesus in unser Leben eine andere Reihenfolge kommt bei dem, was für uns wichtig ist. Sie hat begriffen, dass wir eben etwas Anderes zu tun haben, wenn Jesus in unser Leben tritt. Und das ist das Andere, was sie jetzt als ihre Aufgabe erkennt und zu tun bekommt: auf Jesus hören, auf das Eine Notwendige aufmerksam sein, auf das, was kein Mensch sich selber sagen kann. Aber es sich von ihm sagen lassen, das ist‘s.

Hören ist auch eine Tätigkeit und bekanntlich eine ziemlich schwere Arbeit, eine, bei der man allzu leicht abschweift, bei der es vorkommt, dass das Gehörte zum einen Ohr hineingeht und durchs andere wieder hinausgeht. Aber wer einmal mit dieser Arbeit begonnen hat, kann die Erfahrung machen, dass sie von sich aus einen nicht mehr loslässt. So dass wir mit dem Hören nicht mehr auf-hören mögen. Keine Sorge, dass wir dabei borniert werden. Im Gegenteil, wir bekommen dabei Einsichten und Ausblicke in die Nähe und Ferne, wie wir sie zuvor nicht hatten. Wer mit dem Hören nicht aufhört auf das, was Jesus uns zu sagen hat, der wird auch auf Andere hören, auf Worte selbst von ganz unerwarteter Seite. Und der wird auch selber Anderen etwas zu sagen haben und wird es sagen, sogar wenn er gegen den Wind zu reden meint.

So wie Samuel im Alten Testament, der Vieles gesagt und getan hat, aber alles unter dem Vorzeichen des Gebets, mit dem alles bei ihm anfing: „Rede Herr, denn dein Knecht hört“ (1Sam 3,10). Diese Bitte und die Erfüllung dieser Bitte geht all dem Folgenden voran. Denn das, was Gott zu sagen hat, das muss immer wieder all dem vorangehen, was wir zu sagen haben. Nicht unsre Meinung, Sein Wort muss vor allem laut werden, und was wir in Wort und Tat zu bemerken haben, kann nur ein stiller, bescheidener Beitrag dazu sein. Das muss uns nicht entmutigen, diesen Beitrag zu liefern. Recht verstanden, wird uns das sogar ermutigen, mit unseren „gedämpften, schwachen Stimmen“ (Joh. Seb. Bach) seinem Wort beizupflichten.

Vor einiger Zeit erschien ein Buch von dem Pianisten Gerald Moore, der stets mit berühmten Sängern aufgetreten ist.  Das Buch trägt den hübschen Titel: „Bin ich zu laut? Erinnerungen eines Begleiters.“ Er hat nicht nichts getan. Er hatte auf seinen Tasten einiges zu leisten. Aber er hat bei dem allen ständig und bis in die kleinsten Nuancen zugleich gehört auf den Einen, den er mit seinem Spiel nur zu begleiten hatte. Darum hat er sich möglichst zurückgehalten. Ebenso sollen auch wir bei allem, was wir tun und denken und sagen, zugleich auch ganz Ohr sein. Ebenso sollen wir mitten in alle dem, was uns beschäftigt, unaufhörlich hören, auf Ihn, den Herrn, um ihn mit unseren kleinen oder größeren Gaben zu begleiten. So wird es recht zur Geltung kommen „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ (Lk 11,28)

Perikope
03.03.2019
10,38-42

Der Herr wird kommen – Predigt zu Lukas 12, 35-40 von Søren Schwesig

Der Herr wird kommen – Predigt zu Lukas 12, 35-40 von Søren Schwesig
12,35-40

Liebe Brüder und Schwestern,

wie die Zeit verrinnt! Das merken wir besonders am Altjahrabend. Wir blicken zurück aufs alte Jahr und schauen voraus auf das neue, das kommt.

Die Zeit verrinnt wie bei einer Sanduhr. Die Sanduhr als Symbol für die verrinnende Lebenszeit. Sekunde für Sekunde rieselt ein Sandkorn nach dem andern von der oberen in die untere Hälfte der Sanduhr. Kindern mag es so vorkommen, als sei die obere Hälfte der Sanduhr gefüllt mit endlich viel Sandkörnern, und damit unendlich viel Zeit. Für uns Erwachsene dagegen scheinen, je älter wir werden, die Sandkörner immer schneller zu rinnen. Unsere Tage und Jahre scheinen zu verfliegen. Was, schon wieder Silvester? Schon wieder ein Jahr vergangen?

An diesem Abend wird uns das Vergehen der Zeit bewusst. Wir blicken aufs vergangene Jahr zurück. Fragen uns, ob es ein gutes, glückliches Jahr war? Weltpolitisch war 2017 ein unruhiges Jahr. So viele Konflikte, so viel Gewalt und Hass: im Irak und Syrien, im ukrainischen Donbas, in Israel und Palästina. Wir erinnern uns an die barbarische Verfolgung des Volkes der Rohingya in Burma, an das Sterben im Jemen und und und. Für 2018 wünschen wir uns, es möge ein friedlicheres Jahr werden. Dass es gute Erfahrungen und reiche Erlebnisse für uns bereithält. Möge es so werden.

Heute Abend lenkt unser Predigtwort unseren Blick auf eine andere Dimension von Zeit. Jesus redet davon, dass er eines Tages wiederkehren wird. So heißt es in Lukas 12:

Haltet euch bereit und sorgt dafür, dass eure Öllampen brennen! Seid wie Leute, die darauf warten, dass ihr Herr von einem Hochzeitsfest zurückkehrt. Wenn er dann kommt und anklopft, können sie ihm sofort aufmachen. Glückselig sind die Diener, die der Herr wach vorfindet, wenn er nach Hause kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich eine Schürze umbinden und sie zu Tisch bitten. Dann wird er hinzutreten und sie bewirten. Und wenn der Herr erst in der zweiten oder dritten Nachtwache kommt und seine Diener wach vorfindet gilt erst recht: Glückselig sind sie!

Macht euch bewusst: Wenn der Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt – er würde es nicht zulassen, dass in sein Haus eingebrochen wird. Und auch ihr sollt jederzeit bereit sein. Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

Gleich nach Jesu Tod und Auferstehung rechnen die ersten Christen mit seinem baldigen Wiederkommen. Es wird nur Tage dauern, denken sie, höchstens Monate. Aber der Herr kommt nicht. Jahr für Jahr warten sie. Vergeblich, bis die Erwartung auf seine Wiederkehr immer schwächer wird.

Wir Heutige sind daran gewöhnt, dass unser Herr abwesend ist. Wir kennen es nicht anders. Wir erinnern uns in unseren Gottesdiensten an seine Worte und Taten, besingen ihn in unseren Liedern und feiern seine Gegenwart im Abendmahl. Aber der Herr ist nicht da. Das ist der Zustand, mit dem wir leben und an den wir gewöhnt sind. Dass der Herr eines Tages zurückkehren wird, ist irgendwie schwer vorstellbar. Wir haben uns an seine Abwesenheit gewöhnt.

Auch von Gott haben Menschen immer wieder das Gefühl, er sei in ihrem Leben abwesend. „Wo ist Gott?“ fragen Menschen, wenn das Leben Wunden schlägt. Da stirbt ein geliebter Mensch, und der Partner steht plötzlich leer und verloren da. „Es ist kalt geworden in meiner Wohnung“, sagt mir jemand, „kalt auch in meinem Leben“. Oder da bringt ein unvermuteter Unfall die gewohnten Abläufe durcheinander. Da wendet eine Krankheitsdiagnose alle Zuversicht und endet gemeinsam geschmiedete Pläne. Da schneidet der Tod hart und grausam ins Leben. „Wo ist Gott“, fragen Menschen dann.

Dieses Gefühl, dass Gott zu bestimmten Zeiten des Lebens abwesend ist, gehört zu den Grunderfahrungen des christlichen Glaubens. Jeder von uns macht diese Erfahrung in seinem Leben. Diese Erfahrung kennt auch die Bibel. Sie erzählt von Menschen, denen Gott begegnet, aber auch von denen, die zu bestimmten Zeiten das Gefühl haben, Gott sei abwesend, habe sich abgewandt, sei ferne.

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Unser heutiges Predigtwort erinnert uns daran, dass Christus seine Wiederkunft versprochen hat. Das ist für Christen ein wichtiges Versprechen. Denn die Aussicht, dass Jesus eines Tages wiederkehren wird, bedeutet, dass es in dieser Welt nicht immer so weitergehen wird wie bisher.

Würden wir nicht mit Jesu Wiederkehr rechnen, müssten wir einstimmen in den Chor derer, die sagen, dass es mit dieser Welt immer so weitergehen wird wie bisher. Dass es immer Kriege geben wird, weil Gewalt und Gegengewalt nun mal zur Natur des Menschen gehören. Dass es normal sei, wenn die Schere zwischen den Reichen und den Armen auch in unserer Gesellschaft immer weiter aufgeht – weil so eben der Lauf der Welt ist.

Christen aber, die wissen, dass Christus wiederkommt, rechnen mit dem Ende dieser Welt und erwarten das Aufscheinen einer neuen Welt. Eine Welt, in der die alten Spielregeln der Gewalt außer Kraft gesetzt sind. Diese alten Spielregeln, nach denen es immer Menschen geben wird, denen alles zufliegt, während die anderen auch noch das letzte verlieren können, was sie haben – „das sei halt so“. Diese Spielregeln werden außer Kraft gesetzt. Weil die kommende Welt so sein wird, wie sie von Gott von Anfang an ausersehen war: „Sehr gut“.

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Gebt den Traum auf die kommende Welt nicht auf! Haltet den Traum fest! Oder in den Worten Jesu: „Seid wachsam und rechnet mit der Wiederkunft des Herrn“. So fordert Jesus seine Jünger auf. Und erzählt dazu von einem Hausherrn, der nach Hause zurückkehrt. Wann er kommt, steht nicht fest. Vor Mitternacht? Danach? Aber wenn er kommt, müssen seine Knechte wach sein und ihm aufschließen, sonst muss er draußen in der Kälte bleiben. Wenn der Hausherr seine Knechte wach antrifft, wird er ihnen dankbar sein. So dankbar, dass er die Rollen vertauscht. Dann wird er sich die Schürze umbinden und die Knechte zu Tisch bitten und sie bedienen!

„Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein …“

Spätestens an dieser Stelle werden die antiken Hörer ungläubig geschaut haben. In ihrer Welt gibt es ganz selbstverständlich Herren und ihre Sklaven. Dass nun ein Herr den Knecht bedient, bedeutet die Umkehrung aller Verhältnisse. Ja, wenn Christus kommt, werden die Verhältnisse umgekehrt. Dann werden die Spielregeln der alten Welt außer Kraft gesetzt und die Spielregeln der neuen Welt gelten.

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Uns, die wir am Altjahrabend danach fragen, wie das neue Jahr werden und was zu tun sein wird - uns wird diese Geschichte erzählt. Damit wir die Ankunft des Herrn erwarten. Damit wir wachsam sind. Damit ist nicht gemeint, in einem ständigen Zustand der Erwartung zu leben. Wer stets wachsam ist, ist irgendwann nur noch müde. Aber bis der Herr wiederkommt, ist uns eine Aufgabe übertragen. Dass wir von unseren Träumen reden; dass wir von der neuen Welt erzählen; dass wir von den Spielregeln der neuen Welt erzählen, und dass deshalb die alten Spielregeln jetzt schon außer Kraft gesetzt sind. Für uns gelten die Spielregeln der neuen Welt.

Ist das nicht tröstlich? Mitten in einer Welt, die gezeichnet ist durch Katastrophen, überträgt Jesus uns die Aufgabe, acht zu haben auf diese Welt und die Menschen. In einer Menschengeschichte, die so viele Trümmer und Opfer kennt, sollen wir unsere Hoffnung weitergeben.  Unsere Hoffnung auf eine Welt, in der Menschen aller Sprachen, Hautfarben und politischer Überzeugungen miteinander in Frieden leben. Eine Welt, in der Menschen trotz ihrer Unterschiede respektvoll und achtsam miteinander umgehen. In der kein Mensch wegen seiner Religion angefeindet wird. Eine Welt, in der jede Frau und jeder Mann, jedes Kind und jeder Jugendlicher den Respekt erfährt, der ihm zusteht. Eine Welt, in der Menschen, die es vergessen oder verlernt haben, auf das Gute zu vertrauen, wieder neu lernen, an das Gute zu glauben und sich für das Gute einzusetzen.

…………………………

Ich finde, das ist eine wunderbare Aussicht. Mit dem Kommen des Herrn wird die alte Welt an ihr Ende kommen und eine neue, seine Welt aufscheinen. Seine Welt, in der seine Spielregeln gelten.

Auf diese Welt warten wir. Mit Geduld. Aber nicht mit einer Geduld, die die Hände in den Schoß legt. Mit einer aktiven Geduld, die ändern will, was in unseren Kräften ist. Denn wir, die wir auf die neue Welt warten, finden uns nicht ab mit der Welt, die ist.

So feiern wir heute den Jahreswechsel. Dankbar, wie Gott uns im Ende zu Ende gehenden Jahr geführt hat. Hoffnungsvoll, dass auch das neue Jahr unter seiner Führung stehen wird. Ob wir im kommenden Jahr sein Kommen erleben werden?

Amen.

 

Perikope
31.12.2017
12,35-40

Heute handeln – Predigt zu Lukas 12,42-48 von Tom Mindemann

Heute handeln – Predigt zu Lukas 12,42-48 von Tom Mindemann
12,42-48

Heute erinnern wir noch einmal an unsere Toten. Und es tut gut, dass wir dabei nicht allein sind. Wir trauern gemeinsam. Beziehungsweise wir sind in je unserer eigenen Trauer um je einen anderen Menschen untereinander solidarisch. Wir haben öffentlich die Namen unserer Verstorbenen genannt. Wir sind nicht allein dafür verantwortlich, ihre Erinnerung zu bewahren. Wir teilen diese Aufgabe und vertrauen diese Toten Gott an, dass er sie für sich behält.

Und der Herr sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht?Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, und hat nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Jesus erzählt seinen Jüngern ein Gleichnis Er erzählt von einem Hausherrn, der, so lange er außer Haus ist, einen Verwalter einsetzt, um sein Haus zu bestellen. Nichts Außergewöhnliches verlangt er von ihm. Nur dass er jedem im Gesinde gibt, was ihm zusteht. Dass er den Mägden und Knechten ihren Lohn gibt, zu essen gibt – und zwar pünktlich.

Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht?

Alles gut, wenn alles klappt, wenn der Hausherr nach Hause kommt – unangemeldet – und alles so vorfindet wie er es erwartet hat. Schlimm wenn er den Verwalter erwischt, wie er sich in der Position des Chefs häuslich niedergelassen hat. Wie er nicht nur nicht tut, was ihm aufgetragen wurde, sondern sich im Fressen und Saufen ergibt, und schlägt, die ihm anvertraut sind.

Lukas erzählt die Geschichte in seinem Evangelium. Zuerst einmal meint er nicht uns, sondern seine Gemeinde, an die er schrieb. Man hat sich häuslich niedergelassen im römischen Reich. Versucht sich einigermaßen mit der Staatsmacht zu arrangieren, um nicht unangenehm aufzufallen; um die Gemeinde und den neuen Glauben nicht in Gefahr zu bringen. Fast 60 Jahre, nach dem Jesus gestorben und auferstanden war, ist der Blick darauf, dass Jesus bald kommen würde, ein wenig abgeschweift. Der Hausherr kommt wieder – sicher, lässt Lukas Jesus in dem Gleichnis sagen. Aber sicher nicht, wann ihr es erwartet.

In diesem Punkt sind wir gar nicht so weit weg von der Situation von Lukas und seiner Gemeinde. Immer noch steht aus, dass Jesus kommt. Aber die Frage hat sich geändert. Obwohl manche Prognose des Klimas, manche Entwicklung in Politik und Gesellschaft den Anschein erwecken, jetzt könnte es wirklich bald soweit sein – schauen wir nicht oft auf das Ende aller Zeiten. Was uns beschäftigt – vor allem heute – ist das Ende einer Zeit, je der Zeit eines unserer Menschen, um die wir trauern und an die wir denken.

Und der Herr sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht?Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht.

Schön ist es, bei aller Trauer, wenn das klappt. Wenn das Haus bestellt ist. Wenn Abschied möglich war. Fragen und Aussprache. Wenn nichts offen geblieben ist an Konflikten und Irritationen. Wenn wir einander loslassen konnten, und das Heft aus der Hand legen; dem Hausherrn das Haus und uns und die, die uns am Herzen liegen seiner Hausherrschaft übergeben konnten.

Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen

Schlimm, wenn das nicht klappt.

Ein Streit kann ganze Familien auseinander bringen. Eine Frau hatte einmal geheiratet. Und bei der Hochzeit muss irgendwas passiert sein. Der Bräutigam hatte sich dem Onkel der Frau gegenüber unangemessen verhalten. Es gab Streit zwischen ihrem Vater und eben seinem Schwager. Keiner redete mehr mit dem anderen. Und alle Familienmitglieder bis ins dritte oder vierte Glied wurden aufgeteilt, ob sie zu dem einen oder dem anderen stehen sollten. Die Ehe hielt nicht lange. Doch der Streit dauerte 20 Jahre. Inzwischen sind beide Schwager tot. Eine Aussprache war wohl nie möglich. Und es zerreißt die förmlich, die dazwischen geraten waren.

Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, und hat nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden. Wer den Willen des Herrn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden.

Man spricht oft von einem Schicksalsschlag, wenn ein Mensch stirbt. Und manch einer fragt sich: Hätte ich was anders gemacht, wenn ich nur gewusst hätte, dass es das letzte Mal sein würde, als wir uns sahen? Hätte ich liebevoller, verständnisvoller, klarer sein sollen. Hätten wir uns doch bloß noch mal ausgesprochen.

Ein Beerdigungsgespräch. Ein Mann, 82 Jahre alt, war im Seniorenheim verstorben. Früher saß er oft Zuhause in seinem Ohrensessel, wo man das Fußteil so herausklappen konnte. Er schaute aus dem Fenster und hörte dabei Radio.

Als Egon, so hieß er, wieder einmal ins Krankenhaus musste, hat die Familie Rat gehalten, wie es denn weitergehen sollte. Egons Frau konnte die Pflege allein nicht mehr stemmen. Ein Platz im Seniorenheim war wohl das Beste für alle Beteiligten. Der Ohrensesel sollte natürlich mit. Und eine Stehlampe, die immer in der Ecke stand. Das erste, was Egon sagte, als er sein neues Zimmer sah, war: „Wo ist das Radio?“ „Das bringe ich dir morgen mit“, versprach der Sohn. Am nächsten Tag musste der Sohn länger arbeiten. Und der Reifenwechsel war dringend dran, schließlich könnte es bald kälter werden. Außerdem war Mutter ja an diesem Tag bei Egon gewesen. „Dann fahr ich eben morgen hin.“ Am Abend kam der Anruf. Egon war tot. Eine Nacht hatte er im Seniorenheim geschlafen und einen Tag dort verbracht bis zum Abend. Das Radio aber stand noch immer in der alten Wohnung.

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Bei dem Verwalter hat der Hausherr nur die Erfüllung dieser einen Aufgabe gesucht, als er ihn über sein Gesinde setzte. Er sollte ihnen zur rechten Zeit geben, was ihnen an Getreide zustehe.

Uns hat Jesus die Hoffnung anvertraut.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen.

Gott wird abwischen alle Tränen.

Der Tod wird nicht mehr sein.

Als wir Egon beerdigten, stellten wir die Urne mit seiner Asche in ein Columbarium, in ein Loch in eine Steinwand auf dem Friedhof, was danach mit einer Platte verschlossen wurde. Und Egons Sohn stellte ein kleines UKW-Radio dazu – ohne Batterien, wegen der Umwelt. Natürlich wird Egon niemals dieses Radio benutzen – ohne Batterien. Neben seiner Urne. Und doch: in diesem kleinen Teil Elektro-Schrott steckt Hoffnung. Hoffnung, dass verpasste Gelegenheiten nicht ewig verloren sein müssen. Hoffnung, dass die letzte Minute nicht über ein ganzes Leben entscheidet. Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.

Amen.

Perikope
26.11.2017
12,42-48

Wahrheit, Furcht und Liebe – Predigt zu Lukas 12, 40-48 von Anke Merscher-Schüler

Wahrheit, Furcht und Liebe – Predigt zu Lukas 12, 40-48 von Anke Merscher-Schüler
12,40-48

Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.

Petrus aber sprach: Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns oder auch zu allen? Und der Herr sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt und hat nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden.

Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. "Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch", sagte meine Großmutter. Gemeint war: Wenn keiner das Sagen hat, geht´s drunter und drüber.- So sind wir Menschen. Und mal ehrlich: Wer hat das noch nicht gemacht? Grenzen ausgetestet, in unterschiedlicher Weise und erlebt, dass die Übergänge von Übermut zu zerstörerischer Boshaftigkeit oft fließend sind.

 

Sturmfreie Bude, wenn man sechzehn ist. PC spielen bis zum Augenstillstand, Party machen, Weinkeller plündern, hinterher Wasser auffüllen, Korken wieder drauf, mal sehen, was passiert. Dass da was war, ist nur daran zu erkennen, dass so gründlich geputzt wurde. - und man will´s als Erziehungsberechtigte manchmal gar nicht so genau wissen...Doch um solche Kindereien und Kleinübertretungen geht es hier nicht. Nicht an einem Tag wie diesem, an dem wir unser endliches Leben Gott hinhalten mit all den Erinnerungen an Erlebtes und Erlittenes, mit den Bildern von Menschen im Herzen, die wir nicht haben halten können und lassen müssen. Vor diesem Hintergrund zeigt die Erzählung Jesu ganz anderes wie in einem Lebensspiegel. Und Gott weiß: nicht nur in einer Rolle kommen wir hier vor. Wenn die Katz aus dem Haus ist, dann tanzen die Mäuse... - solche Kindererinnerungen klingen vielleicht auch noch nach. Nichts Schlimmes. Eher das Austesten: Wer hat mir hier eigentlich etwas zu sagen?

Und zugleich birgt es die Erkenntnis: Wenn wir uns selbst überlassen sind, dann zeigt sich, wessen Geistes Kind wir sind. Gib Menschen Macht in die Hand, und Du siehst, wie sie in Wahrheit sind, ob sie sich selbst im Griff haben.

Es stimmt ja: Uns ist viel anvertraut. Das wird spürbar, wenn wir erwachsen werden. Je älter wir werden, desto mehr, in ganz unterschiedlichen Bereichen: mit Kindern, die noch nicht für sich selbst sorgen können. Verantwortung im Beruf, für Menschen um uns her und in allem zuerst für uns selbst: mit Gaben zum Entfalten. Gelegenheiten, sie zu ergreifen. Sackgassen, aus denen es umzukehren gilt, damit sich eben nicht irgendwann das Gefühl einstellt: "Ach, hätte ich mal...- damals...!" Aber: vorbei! Verpasst! Unwiderruflich. Und zurück bleibt vielleicht das Gefühl, bestohlen zu sein von jemandem oder etwas, das kommt wie ein "Dieb in der Nacht". Wer zu spät kommt, den bestraft.... - wer eigentlich? Das Leben? -

Ein Weiser hat mal gesagt: Die Furcht vor Strafe ist in Wahrheit schon die Strafe. Das reicht schon. Wie ein Leben unter dem Damoklesschwert. Schlimm, weil unser Leben endlich ist und unsere Kraft auch. Das anzuschauen, braucht Mut.

Denn es gibt diese tiefen Einbrüche im Leben, die so weh tun, weil sie unumkehrbar sind. Manchmal reicht ein altes Foto, ein Brief in der Hand, ein Geruch beim Ausräumen des Schrankes, und es ist schmerzlich da: Vergangenes, Verlorenes, Vergebliches. Und jede/r hier hat da eigene Erinnerungen.

 

In diesem alten Gleichnis, steckt der Ernst jener "letzten Dinge" an der Grenze, hinter die wir nicht sehen können, die uns widerfahren und so oft auch umtreiben. Denn solche Einbrüche sind ja nichts, was wir uns vorgenommen haben. Manchmal sehen wir sie kommen und erschrecken doch. Solche Gedanken macht man sich nicht. Sie stellen sich ein, drängen sich auf, und Gott weiß: zur Unzeit oft, wenn wir sie am wenigsten brauchen können; wenn wir nicht damit rechnen.

 

Dabei wollen die allermeisten doch leben! Und - mal ehrlich - wenn man uns ließe, manchmal sogar am liebsten "auf Teufel komm raus"; als gäbe es die andern nicht; und schon gar keinen obersten Chef. Einmal keine Rücksicht nehmen. Einmal nicht Verantwortung tragen. Was hindert uns eigentlich, solchen Impulsen zu folgen? Draufhauen, wenn es unerträglich wird. Weglaufen, sich betäuben, wenn es zu viel wird - wie einige der Verantwortlichen in dem alten Gleichnis. Einfach mal ausnutzen, wenn ich was zu sagen habe, in Grenzsituationen, wenn die Nerven blank liegen und alles zu viel ist. Was hindert uns dann eigentlich?

 

Wäre es ausschließlich die Furcht vor Strafe, es wäre schlimm um uns bestellt. Was für eine Haltung wäre das? Angst statt Einsicht? Zwang statt Zuneigung? Bedrängnis statt Besonnenheit? Lebensdienlich ist das nicht! Das muss um Gottes willen anders gehen. "Furcht ist nicht in der Liebe...". Im Gegenteil: Wahre Liebe vertreibt die Furcht! (1. Johannes 4,18) - Die Menschen der Bibel halten das hoch.

 

Im zurückliegenden Jahr haben mich einige Erlebnisse von Menschen sehr berührt, weil sie auf diese Weise zwischen Furcht und Liebe "auf der Kante balanciert sind". Manche ohnmächtig wütend, weil einer trotz aller Unterstützung sein Leben einfach weggeworfen hat. Manche an den Grenzen ihrer Belastbarkeit, weil sich mit der Demenz auch das Wesen des Liebsten verändert hat. Manche am Ende ihrer Kräfte, weil einer über Jahre nicht leben und nicht sterben konnte - ein langer Abschied. Der Impuls war da: dazwischenhauen, weglaufen, sich betäuben, weil es kaum zu ertragen war. Und dann sind sie doch geblieben: haben geholfen, gepflegt, besucht - es ausgehalten.

Ich habe sie nicht als Menschen kennengelernt, die aus Furcht dabei geblieben sind. Weil jederzeit einer kommen und (ver)urteilen könnte. Das hätte auch nur wenig mit dem zu tun, was Jesus im Gleichnis mit dem guten, treuen Verwalter meint.

Was Jesus fragt, ist ja etwas ganz anderes: "Wer (von euch) sind denn hier die guten Verwalter?"

Jene, die in der Verantwortung bleiben - auch wenn es scheint, als sei ich nicht da? Unsere Welt braucht sie doch so sehr - im Kleinen wie im Großen! Wer sind die mit dem inneren Kompass? Die Lebenssucher, wenn der Tod sich breit macht - auch die vielen kleinen Tode in Streit und Sprachlosigkeit? Wo sind die Sinnsucher, die nicht locker lassen? Die Zweifler, die sich mit Halbwahrheiten nicht zufrieden geben? Die Langmütigen, die sich nicht irre machen lassen?

Die Besonnenen, die lieber eine Nacht drüber schlafen, wenn alles hochkocht? Vor allem: die Demütigen, die ihre Grenzen kennen und loslassen können? Denn es gilt um Gottes willen nicht die Parole: "ein Christ ist immer im Dienst". Was zählt ist das Vertrauen: EIN Christ ist immer im Dienst - Es ist alles eine Frage der Betonung!

Wo sind diejenigen, die sich ehrlich anschauen - im Spiegel dieser alten Gleichniserzählung? Wer sind diese Aufrichtigen und Aufgerichteten, die wieder in die Verantwortung gehen, wenn die Kraft zurückkehrt oder zuwächst, wenn wir zur Ruhe kommen und - aufwachen! Wer sind diese guten Verwalter? Das ist die Frage, die Jesus stellt. Wer unter euch sind die Menschen mit diesen Gaben?! Denn wir haben doch nicht zuerst Auf-gaben, sondern bekommen - Gott sei Dank - zuerst solche Gaben für unser Gemüt: Kraft und Besonnenheit, Demut und Geduld, damit wir das überhaupt schaffen können.

Bevor Jesus dieses Gleichnis von der Verantwortung erzählt, redet er zuerst von diesen Gaben. Alle geschenkt! Wie den Raben unter dem Himmel, die nichts säen und doch ernährt werden. Wie den Lilien auf dem Feld, die Gott bekleidet wie Salomo in aller Pracht, obwohl sie nur einen Sommer blühen. Denn Gott weiß doch genau, dass wir dies alles brauchen. (Lukas 12,24ff)

Es ist wahr: Wir sind begrenzt und endlich wie unsere Kraft. Darum brauchen wir Schutz und einen Raum, in dem wir mit unseren oft so widersprüchlichen Seiten sein dürfen und wir sie ansehen können. Ungeschönt und wahrhaftig. Denn wir kommen in diesem Gleichnis nicht nur in einer Rolle vor.

Und ja: es gibt die Bösen, die Untreuen, die Gewalttätigen und Haltlosen. Solche, die kalt berechnen, dass da schon keiner kommt, der ihren Machenschaften Einhalt gebietet - zynisch und hämisch. Und wer unter ihnen leidet, sehnt sich danach, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden, damit sie nicht das letzte Wort behalten. Weil Gott doch gerecht ist und uns ins Herz sieht - und doch größer ist als unser Herz.

Nicht nur in einer Rolle kommen wir vor in diesem Gleichnis. Wir gehören auch zu jenen, die nicht so leben, als ob es Gott gibt. Ein Leben in "Habachtstellung" kann kein Mensch. Aber vielleicht ein Leben, das sich an Gott anlehnt, nur für heute... Es ist ein Gleichnis wie ein Lebensspiegel. Es braucht Mut, hineinzuschauen: Wohin gehöre ich gerade?

Von meiner Tochter habe ich mal eine wunderbare Postkarte geschenkt bekommen. Hinter den Spiegel zu stecken. Da steht: Lieber Gott, bis jetzt geht`s mir gut heute. Ich hab noch nicht getratscht, noch nicht die Beherrschung verloren, war noch nicht muffelig, gehässig, egoistisch oder zügellos. Ich hab noch nicht gejammert, geklagt, geflucht oder Schokolade gegessen. Die Kredit-Karte ist auch noch nicht belastet. Aber in etwa einer Minute werde ich aus dem Bett klettern und dann, dann brauch ich wirklich deine Hilfe.

So sind wir hier in diesem umfriedeten Raum, in dem wir Gott unser Leben hinhalten. Ja, uns ist viel anvertraut. Und wenn einer fragt: "Wer ist hier ein guter Verwalter?" - Ich glaube, im Himmel ist Freude, wenn wir ohne Furcht sagen: "Hier! Bei der Arbeit - So gut ich kann. Und was ich nicht kann, lieber Gott, übernimm Du."

Perikope
26.11.2017
12,40-48