Nicht nur Hörer des Wortes - Predigt zu Matthäus 7,24-27 von Claudia Trauthig
1
„Wieder mal geschafft!“, denkt sie im Stillen für sich, atmet tief durch und will die schwere Holztür „ihrer“ alten Kirche gerade kräftig hinter sich schließen. Der heutige Predigttext, das Schreiben der Predigt, haben ihr einiges abverlangt, sie regelrecht ins Schwitzen gebracht. Wieder und wieder hat sie die Worte leise murmelnd abgeklopft, die Löschtaste ihres Computers benutzt, eine Idee verworfen - und eine andere probiert.
Aber jetzt liegt der Gottesdienst hinter ihr und die junge Vikarin freut sich auf das Mittagessen zuhause mit ihrem Mann und der kleinen Tochter. Sie ist gut in der Zeit.
Als sie die Tür schließt, fällt ihr Blick unwillkürlich noch einmal auf das Bibelwort, das über dem Spitzbogen des Seitenportals angebracht wurde:
Seid Täter des Wortes und nicht bloß Hörer allein. (Jak 1,22)
„Wohl wahr“, denkt sie und läuft mit federndem Schritt die wenigen Meter bis zu ihrem kleinen Auto auf dem Gemeindeparkplatz. Da sieht sie Frau Braungart stehen. Am Rande des Parkplatzes und mit suchender Miene. Heute hat Frau Braungart ihren Rollator nicht dabei, nur einen Stock, auf den sie sich wackelig stützt. „Einen schönen Sonntag, Frau Braungart“, will die Vikarin grade wünschen, da seufzt die alte Dame: „Auf meinen Enkel ist doch kein Verlass! Nun warte ich schon über eine Viertelstunde - und er ist immer noch nicht da.“ Verunsichert und müde blickt Frau Braungart die Straße hinunter. „Wohnt sie nicht ganz hinten im Neubaugebiet, bei ihrer Tochter?“, überlegt die Vikarin, während sie Frau Braungart sanft an der Schulter berührt und tätschelt. „Das ist genau die entgegengesetzte Richtung von mir.“
2
Hören wir den Predigttext für den heutigen 9. Sonntag nach Trinitatis:
Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß. (Mt 7,24-27)
Liebe Gemeinde, nur vier Verse sind es heute, aber die haben es in sich.
Vermutlich ist Ihnen klar, dass es Worte Jesu sind, (den Konfirmanden und Konfirmandinnen sei es hiermit gesagt) und vielleicht fällt Ihnen auch ein, wo diese Beispielgeschichte im Evangelium steht? Richtig - am Ende der Bergpredigt - also jener langen und vielschichtigen Rede, die Jesus oberhalb vom See Genezareth dem Volk gehalten haben soll. Manche sagen, diese Bergpredigt sei so etwas wie „die Regierungserklärung“ Jesu, „die neue Verfassung für das Reich Gottes“. Wer diese meine Rede hört – und tut sie (…). Wer diese meine Rede hört – und tut sie nicht (…). (Mt 7,24.26)
Durch zwei unmissverständliche Bilder veranschaulicht Jesus am Ende seiner „Regierungspredigt“, was es bedeutet, danach zu handeln – oder eben nicht: Da ist das eine Haus, das auf festem Grund gebaut, allen Stürmen und Wettern standhält. Und da ist das andere, das -wenn das Leben tobt- wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, weil das Fundament nicht trägt.
Nicht nur im Lande der Häuslebauer erschließt sich dieser Gegensatz ganz von allein: Ein sicheres Zuhause ist eines der tiefsten Grundbedürfnisse jedes Menschen.
Wer diese meine Worte hört und tut sie…Wer diese meine Worte hört und tut sie nicht…(Mt 7,24.26)
3
„Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“
Diesen schroffen Satz, des von mir eigentlich verehrten Kanzlers Helmut Schmidt, habe ich noch im Ohr. „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen!“
Der Kanzler sprach jene Worte auf einem Kirchentag in den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts, in jener Zeit, in der nicht nur ich, sondern viele junge Menschen in West und Ost für den Frieden auf die Straße gingen, Menschenketten bildeten und gegen den sogenannten Nato-Doppelbeschluss protestierten. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, was das genau war. Unzweifelhaft ging es um eine Welt, in der Menschen friedlich zusammenleben, ohne immer weiter Milliarden in Rüstung und Abschreckungspolitik zu pumpen.
„Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“
So sehr ich mich als Studentin über diese simple Schroffheit geärgert habe, so sehr, ich gestehe es, habe ich sie doch im Laufe der Jahre übernommen - und irgendwie zu meiner eigenen Haltung gemacht.
Die Bergpredigt ist in der Tat die andere Welt Jesu, ein schöner Traum vom neuen Leben bei Gott, vom Reich der Himmel, in Ewigkeit. Amen.
Außerdem sind wir doch schließlich evangelisch, wie ja auch der Altkanzler, trotz aller Zweifel, bis zum Schluss seiner evangelischen Kirche in Hamburg treu blieb.
Evangelisch und damit bewahrt vor der seltsamen Vorstellung, man müsse sich durch gutes Leben und Tun einen Platz im Himmel verdienen.
Wir Evangelischen sind doch Kirche der Freiheit, wir müssen gar nichts, weder sonntags in die Kirche gehen noch werktags die Bergpredigt tun. Das ist es doch, was Luther vor 500 Jahren mit starker Hand an die Schlosskirche zu Wittenberg gehämmert hat. Oder nicht?
4
Zu Beginn der Bergpredigt sagt Jesus seinen Zuhörerinnen und Zuhörern:
Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen um aufzulösen, sondern um zu erfüllen. (Mt 5,17)
Auf Schritt und Tritt durch die Evangelien und sein Leben begegnet uns in Jesus ein Mensch mit einem unvergleichlichen Respekt vor der Heiligen Schrift, den Propheten, dem Gesetz.
Jesus ist Jude, und wie alle Juden sieht er „das Gesetz“, also die Tora mit ihren Geboten, nicht als ein Joch, das auf dem Menschen lastet, belastet, gar erdrückt. Für Juden und Jüdinnen wohnt Gott selbst in den Geboten, ist dort zu finden. Sie sind die Brücke zum Himmel.
Wussten Sie, dass die gesamte Tora, also die fünf Bücher Mose, und damit „das Gesetz“ im Laufe eines Jahres weltweit in allen jüdischen Gemeinden im Gottesdienst gelesen und wieder gelesen und ausgelegt werden - für heute?
Die Gebote Gottes und nicht weniger die Bergpredigt Jesu sind also ganz und gar keine Last auf meiner Schulter, sondern der Weg des wahren Lebens.
Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. (Mt 7,24)
5
Liebe Gemeinde, nicht falsch verstehen: Es ist und es bleibt richtig, fest zu vertrauen, dass ich mir Gottes Liebe nicht durch ein angespanntes Abarbeiten der Gebote verdienen kann oder muss. Davon ist auch an keiner Stelle der Bergpredigt die Rede. Allein der Gedanke ist ganz absurd. Für jeden Juden und für Jesus erst recht. Für Luther natürlich auch.
Wir sind und bleiben Menschen, Menschen, die jenseits von Eden, als Christenmenschen hoffentlich ihr Bestes versuchen, aber dennoch immer wieder scheitern, vermutlich jeden Tag.
Wir sind Menschen, die angewiesen bleiben auf jenen viel Größeren, dem wir die Letztverantwortung für alles und alle auch getrost übergeben.
Das gibt uns aber nicht das Recht, mit den Schultern zu zucken und zu resignieren. Es gibt mir nie das Recht zu denken: „Ich Einzelne kann ja doch nichts machen.“
„Selbst wenn morgen die Welt unterginge“, soll Luther ja auch gesagt haben, „will ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ So wollen auch wir nicht nachlassen, Hoffnung zu pflanzen, dem Leben zu dienen, den Frieden auf Erden zu suchen und die Liebe zum Nächsten zu üben. Denn wo immer Gottes gute Gebote zum Leben missachtet werden, da wird Gott an den Rand geschoben und die Nächsten missachtet, vor allem die Schwachen. Oder die Natur. Schöpfung, die sich nicht wehren kann oder sich so wehrt, dass wir erst nicht begreifen und dann in Panik geraten.
Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß. (Mt 7,24-27)
6
Darum: Lassen Sie uns mit diesem Vertrauen in die neue Woche gehen. Jesu Wort trägt. Es trägt uns ins Leben - und im Tun. Gottes Gebot ist der feste Grund unseres Lebens. Durch den Heiligen Geist zielt es immer wieder nicht nur auf unseren Kopf, sondern will im Herzen wohnen, damit es in die Hände fließt.
„Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“, will die Vikarin grade vorschlagen, als vor ihrem inneren Auge erneut die Losung vom Kirchenportal aufersteht: Täter des Wortes, nicht bloß Hörer allein. (Jak 1,22)
Wir müssen uns nicht den Himmel verdienen. Aber ein Stück Himmel auf Erden kann es sein, wenn Menschen auf der Basis guter Gebote liebevoll miteinander umgehen. Es sind die kleinen alltäglichen Entscheidungen, die darüber Auskunft geben, wie ernst es uns ist mit dem Glauben.
Beherzt hakt die Vikarin Frau Braungart unter. „Wissen Sie was - ich fahr Sie jetzt heim.
Und Sie erzählen mir ein wenig von Ihrem Enkel - und warum Sie eigentlich im Neubaugebiet wohnen.“ „Einverstanden.“ Frau Braungart nickt und kann erst gar nicht viel sagen. Aber im Auto, da löst sich die Zunge. „Also, Ihre Predigt, Frau Vikarin, die hat mir heute ganz besonders gut gefallen.“
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»Ein schweres Evangelium« - Predigt zu Matthäus 22,1-14 von Michael Greßler
I. Jerusalem
Ein großer Krieg war gekommen.
Heulen und Zähneklappern.
Blut und Tod.
Es ist das Jahr 70. Die Römer zerstören Jerusalem. Töten die Menschen. Sie verbrennen die Stadt. Der Tempel liegt in Schutt und Asche.Grausiger Höhepunkt eines Krieges, der schon vier Jahre tobt.
Jerusalem war danach sechzig Jahre lang unbewohnbar. 1,1 Millionen Juden waren umgekommen. Siebenundneunzigtausend wurden in die Sklaverei verkauft. Der Preis auf dem Sklavenmarkt ging in den Keller.Überangebot. Und auch der Goldpreis brach ein. Massenhaft wurde Kriegsbeute verkauft. Tempelgeräte und Privatschmuck.
Ein paar Jahre später. Der Evangelist Matthäus sitzt und schreibt. Irgendwo in Syrien, ein Stück weg von Jerusalem. Er schreibt die Geschichte von Jesus auf. Das Evangelium. Wort des Lebens.
Matthäus schreibt und er fragt sich: Wie konnte es geschehen?
Da fällt ihm eine Jesusgeschichte ein. Die von der großen Einladung. Vom Gastmahl Gottes. Von den Menschen, die kommen. Und von denen, die wegbleiben.
Er denkt sich: »Ja, so muß es sein. Sie wollten ja nicht an Jesus glauben. Und das haben sie nun davon. So einfach ist das.«
Dann fängt er an, zu schreiben.
Ein bisschen anders, als Jesus es wohl gemeint hat. Auf seine Weise:
Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. (Mt 22,1-14)
Ist es wirklich so einfach? So einfach, wie Matthäus schreibt? Einfach so: »Das kommt davon«?
Der große Krieg – eine Strafe Gottes für sein eigenes Volk?
Ich bin mir da nicht so sicher. Im Gegenteil.
Wir wissen heute ziemlich genau Bescheid über jenen großen Krieg. Matthäus hätte es eigentlich auch wissen können. Da ging es um Steuern und Macht, um Aufstand und militärische Gewalt, es ging um Strategie und Politik.
Da ging es um lauter Dinge, die Menschen machen. Schlimm genug das alles. Aber von einer Strafe Gottes höre ich nichts.
II. Wittenberg
1531 in Wittenberg. Es ist der 22. Oktober. Martin Luther steigt auf die Kanzel von Sankt Marien. Zweimal, einmal am Vormittag, am Nachmittag dann noch einmal.
Er liest das Evangelium – die Worte, wie sie Matthäus einst aufgeschrieben hat.
Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; … aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. (Mt 22,2.5-8)
Luther auf der Kanzel. Das Volk steht unten – zwei seiner Schüler haben Schreibzeug dabei und schreiben mit.
Dann fängt er an zu predigen: »Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
Eigentlich ganz einfach. Und einfach ganz schrecklich.
Luther steht auf der Kanzel und predigt ein Evangelium, das so recht keins sein will.
Er hatte ja selbst schon wieder einen Krieg erlebt, damals vor sieben Jahren, als der Bauernkrieg tobte.
Damals war er entsetzt von der Gewalt. Aber es ist ihm nicht viel mehr eingefallen, als neue Gewalt.
»Wider die aufrührerischen und mörderischen Rotten der Bauern« hat er geschrieben. Und die Fürsten haben seinen Ruf nur zu gern gehört. Bei Frankenhausen kam die Entscheidungsschlacht. Achttausend Bauern gegen sechstausend Landsknechte. Es dauerte nur drei Stunden. Dann waren etwa zwanzig Landsknechte tot. Und sechstausend Bauern.
Nein, in seiner Predigt am 22. Oktober 1531 zu Wittenberg ist Luther nicht darauf eingegangen. Vielleicht sind sie ihm ja noch einmal durch den Kopf gegangen, die vielen Opfer. All die Toten. Mord und Blut. Heulen und Zähneklappern.
Und so predigt er. Er predigt klug. Und richtig.
Er sucht das Evangelium in unserer Geschichte. Das Wort des Lebens. Und, ja, er findet es. Die »Große Einladung«.
Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; […]Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! (Mt 21,2.4b)
»Kommt, denn es ist alles bereit! Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist. …Kommt her, ihr seid geladen!« (Ps 34,9f)
Aber dann macht Martin Luther dasselbe, wie Matthäus. Er weiß ja auch von jenem großen Krieg damals, als Jerusalem zerstört wurde. Er sieht die Juden in seiner Stadt, Gottes Volk, zerstreut unter alle Völker. Wenige Meter hinter ihm, draußen an der Stadtkirche, da ist dieses schreckliche Schmäh- und Hassbild: Die Judensau.
Und er predigt vom abschreckenden Beispiel. »Seht euch die Juden an! Sie haben Propheten getötet und am Ende Gottes Sohn zu Tode gebracht. Und nun seht ihr, wie es ihnen geht: Der Tempel ist zerstört, sie sind verstreut in alle Welt. Lasst euch warnen, sonst geht’s euch genauso. ‚Das kommt davon.’ Heulen und Zähneklappern.«
»Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
Ist es wirklich so einfach? Auch, wenn Luther es so gepredigt hat am 22. Oktober 1531 – ich bin ich mir da nicht so sicher. Im Gegenteil.
III. Camburg
2017, 25. Juni.
Die Geschichte ist weitergegangen.
Juden und Christen gingen getrennte Wege, immer wieder Schuld und Gewalt gegen Gottes Volk. Es kam ein zwanzigstes Jahrhundert. Es kamen Kriege, größer als alle, die bisher gewesen waren. Es kam der Holocaust.
Und wo Matthäus eins saß und schrieb, in Syrien, tobt ein aktueller großer Krieg. Menschengemacht wie alle anderen.
Heulen und Zähneklappern. Es hört nicht auf.
Dann sprach der König zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, alle, die sie fanden, Böse und Gute; und der Hochzeitssaal war voll mit Gästen. (Mt 21,8-10)
So kennen wir’s, und so hören wir es gern. Evangelium. Wort des Lebens. »Kommt, denn es ist alles bereit.«
Der Hochzeitssaal voll von Gästen. Es könnte so einfach sein. Und ist es doch nicht.
Wo wir doch die »eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche« bekennen.
Wo doch alle eins sein sollten. Alle Christen und alle Menschen. Gäste bei Gott.
»Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
So hat Martin Luther einst gepredigt. »Schwer für die anderen. Und einfach für uns. Wir hier drinnen und die da draußen – und sie werden schon sehen, was sie davon haben – und ‚Heulen und Zähneklappern’. Das kommt davon«.
Nein. So einfach ist es nicht.
Wo stehen wir selbst?
Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. (Mt 21,11-14)
Wo stehe ich?
Wo stehe ich nach meiner langen Geschichte – und nach einer Weltgeschichte voll großer Kriege und Blut und Tod, Heulen und Zähneklappern?
Wo stehe ich mit meinen eigenen Gedanken?
Ich denke ja auch manchmal: »Richtig so. Selber schuld. Hat er aber auch verdient!«
Ich ertappe mich auch bei solchen Gedanken: »Wir hier … und die anderen dort«. Ich mache selbst die Dinge schwer, die Gott eigentlich einfach gemeint hat. Und ich gebe einfache Antworten, wo ich viel genauer hinschauen müsste.
Wo stehe ich in diesem Evangelium, das so recht keins sein will?
Ich habe keine Antwort. Eine einfache schon gar nicht.
Ich weiß es auch nicht besser als Matthäus oder Martin Luther.
»Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
Nein, dieses Evangelium ist nicht leicht. Auch nicht für mich. Und wer sagt, es sei leicht, der macht es sich zu einfach. Dies Evangelium ist ein schweres Evangelium. Auch für mich.
Aber ich will es hören. Und nicht aufhören damit.
Das Wort des Lebens will ich hören. Selbst in einer Geschichte, die so dunkel daherkommt. Und auch in einer Welt voll Blut und Tod. Auch mit meiner eigenen Geschichte und in meiner eigenen Schuld.
Ich will hören. Diesen einen Satz. Das Wort, auf das es ankommt:»Kommt, denn es ist alles bereit.«
Und ich will kommen. So gut ich kann. Amen.
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Das Fest machen die Gäste - Predigt zu Matthäus 22,1-14 von Kathrin Oxen
Ein, zwei sind immer dabei. An ihren Plätzen noch die Tischkarte mit dem Namen, aber kein Gesicht dazu, keine Gestalt, kein Geschenk und kein Gefühl außer Bedauern. Sie konnten nicht kommen. Es hat sie etwas gehindert, etwas lange Geplantes, etwas Unvorhergesehenes, etwas Schlimmes, etwas Besseres etwa?
Etwas Wichtigeres. Erkrankt, zur Kur, im Urlaub, kein Urlaub, woanders eingeladen, auf Dienstreise, unabkömmlich, die Reise zu weit, nun zu alt, die Kinder zu klein.
Es tut ihnen leid, sie entschuldigen sich, sie lassen herzlich grüßen, sie wären so gerne gekommen, es sollte nicht sein. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, nur auf einer und nicht auf dieser.
Wir nippen am Sekt und nicken und verstehen das, wer hätte nicht schon einmal absagen müssen oder absagen wollen, „ganz plötzlich“ ins Telefon gelogen, „die Kinder“, „die Arbeit“, was auch immer, jedenfalls nicht dieses Fest, mit echtem Bedauern oder ohne. Wir nippen am Sekt und wissen, wie das ist. Ein, zwei sind immer dabei. Und die sind damit anwesender als die Anwesenden. Die bieten Gesprächsstoff am Abend und sind noch Jahre später präsent. „Die waren nicht bei unserer Hochzeit“.
Ein Stich ins Herz der Gastgeber, für die kein Tag wichtiger sein kann als dieser. Das Fest, vorbereitet und geplant mit dem nervösen Wissen aller Gastgeber, dass es am Ende die Gäste sind, die das Fest machen, ihre Gesichter, ihre Gestalten, ihre Geschenke, ihre Gefühle. Jede Absage rührt an die Oberfläche aus Konventionen und Höflichkeit. Und oft dringt sie durch und kommt an eine Stelle, wo es wehtut. Natürlich, wir verstehen das. Aber wir verstehen es auch so: Es gibt etwas Wichtigeres als die Einladung. Es gibt etwas Wichtigeres als uns.
Ein König richtete für seinen Sohn die Hochzeit aus. Und er sandte seine Knechte aus, die Geladenen zur Hochzeit zu rufen, doch die wollten nicht kommen. Darauf sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Geladenen: Seht, mein Mahl habe ich bereitet, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber achteten nicht darauf und gingen ihres Wegs, der eine auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Die übrigen aber ergriffen seine Knechte, misshandelten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus, ließ jene Mörder umbringen und ihre Stadt anzünden. (Mt 22,2b-14)
Ein, zwei sind immer dabei. Aber gleich alle? Und das nach „Save the date“ und „Um Antwort wird gebeten“, nach Gästeliste und Essensbestellung, Sitzplan und Tischdekoration. Jetzt ist es soweit, kurz vor dem Fest noch einmal „Ihr kommt doch?“. Aber keiner will kommen. Keine Gesichter zu sehen, keine Gestalten, keine Geschenke, keine Gefühle. Keiner will feiern, auch dann nicht, als die Boten noch einmal wiederkommen mit der Menükarte in der Hand. Sie achten gar nicht darauf.
Und mit einem Mal zerreißt die Oberfläche aus Höflichkeit und Konventionen. Es tut weh. Gleichgültigkeit schlägt um in Aggression und dann Liebe in Zorn. Das Fest endet, bevor es angefangen hat, in Mord und Totschlag.
Dann sagte er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, die Geladenen aber waren es nicht wert. Geht also an die Ecken der Straßen und ruft zur Hochzeit, wen immer ihr findet. Da gingen die Knechte auf die Straßen hinaus und brachten alle, die sie fanden, Böse und Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. (Mt 22,8-10)
Einer, zwei, so betreten sie zögernd den Saal. Treten sich wieder und wieder die Füße ab, streichen ihre zerknitterten Kleider glatt, so gut es geht und fahren sich durch das Haar. Unsicher suchen sie sich einen Platz. Die Tischordnung gilt ja wohl nicht mehr. Vor ihnen noch die Karte mit einem Namen. Die nehmen sie vorsichtig und legen sie umgedreht auf den Tisch, bevor sie sich setzen. Wie gut, dass Musik gespielt wird. Sie wüssten ja gar nicht, was sie reden sollten an diesen Tischen voller fremder Gesichter. Als das Essen kommt und der Wein, greifen sie zu. Fleisch und Brot und Wein, reichlich und köstlich, beruhigend konkrete Zeichen für ein Fest.
Und nun auch der Blick des Sitznachbarn, des Gegenübers. Ein vorsichtiges Lächeln beim Anheben des Glases. Die ersten Worte werden gewechselt, über das Essen, über den Saal und von welchem Ende welcher Straße man hier hinein gefunden hat.
Aber die Gespräche verstummen wieder, als der König den Saal betritt. Er hat Ruß an den Kleidern und Blut an den Händen.
Als aber der König eintrat, sich die Gäste anzusehen, sah er da einen, der kein Hochzeitskleid trug. Und er sagte zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen ohne ein Hochzeitskleid? Der aber blieb stumm. Da sagte der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis; dort wird Heulen und Zähneklappern sein. Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt. (Mt 22,11-14)
Es ist still geworden im Saal. Nein, keiner möchte mehr nachnehmen. Keiner lässt sich nachschenken. Sie essen auf und trinken aus und dann verabschieden sie sich höflich, aber eilig und verschwinden in der Dunkelheit, einer, zwei, jeder für sich, dorthin, wo sie hergekommen sind und wo sich die Straße verliert im Weglosen.
Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt. Ein, zwei sind immer dabei.
Aber wer bin ich?
Es ist schwer, seinen Platz zu finden in dieser Geschichte. Die Tischkarten bleiben alle umgedreht, die Zuordnungen sind schwierig bis unmöglich. Wer wer ist, möchte man ja zu gerne wissen, wer dazugehört und wer nicht, wer drinnen ist und wer draußen. Aber das entscheidet jemand anderes. Die Geschichte ändert sich in jedem Augenblick, sie nimmt unvorhersehbare Wendungen. Eine heilsame Unsicherheit, nicht nur im Themenjahr Reformation und Toleranz. Sie macht alle Zuschreibungen und Identifizierungen unmöglich.
„Unser Herrgott behüte uns davor, dass wir solche Verächter und Verfolger werden, wie es die Papisten sind“ hat Martin Luther in seiner Predigt zu dieser Geschichte gesagt. Ja, unser Herrgott behüte uns vor solchen und ähnlichen Zuschreibungen.
Daraus wird nichts als eine endlose Geschichte voll Finsternis und Ruß und Blut und Tod und Tränen. Denn wir haben kein Herrschaftswissen darüber, wie es mit dem Himmelreich ist, wer dazugehört und wer hineinkommt. Während wir fleißig dabei sind, Tischkärtchen zu malen, betritt schon der König den Saal. Er nimmt uns die Karten aus der Hand.
Ich sehe ihn vor mir, den König, mit Ruß an den Kleidern und Blut an den Händen und diesem unbarmherzigen Blick. Ich habe Angst vor ihm. Und ich höre, dass der Weisheit Anfang die Furcht des Herrn ist.
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn die Hochzeit ausrichtete.(Mt 22,2) Am Anfang war der König der Gastgeber. Am Anfang ging es ihm, wie es allen Gastgebern geht. Er möchte von Herzen gerne seine Gäste sehen, ihre Gesichter, ihre Gestalten, ihre Geschenke, ihre Gefühle. Sie tun ihm weh, weil sie so gleichgültig sind, so achtlos und nachlässig, lieblos und roh. Sie tun ihm weh, weil es für sie immer etwas Wichtigeres gibt. Jede Absage ein Stich ins Herz. Und am Ende steht er da, alleine im Hochzeitssaal, eine dunkle, unverständliche Gestalt.
Die Geschichte könnte so viel kürzer sein, so viel heller und fröhlicher. Wir Gäste sind es doch, die das Fest machen.
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Geladenen zur Hochzeit zu rufen, und sie kamen alle. Und das Fest beginnt, Essen und Wein, reichlich und köstlich, Lichter und Musik. Kein Tag ist wichtiger als dieser.
Und wir hören eine Stimme, die sagt: Kommt, es ist alles bereit, schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. (Ps 36,9)
Ein, zwei sind immer dabei.
Ich komme.
Amen.
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27.08.2017 - 11. Sonntag nach Trinitatis
13.08.2017 - 9. Sonntag nach Trinitatis
25.06.2017 - 2. Sonntag nach Trinitatis
Hier werdet ihr Gott nicht finden!- Predigt zu Matthäus 21,14-17 von Julia Neuschwander
Eine riesige italienische Barockkirche in Rom. Santa Maria Maggiore. Riesige Marmorfluchten, Weiß, Rosa, Grau, Gold, alles prächtig, riesig, hallig, groß! So erinnere ich es. Als Schülerin hatte ich mit meinen Großeltern und meiner zwanzigjährigen Tante eine Ferienfahrt nach Rom gemacht. Meine Oma in voller Bewegung mit eiligen Schrittchen auf dem glatten Boden, quer durch den Mittelgang, ihre Arme schwenkend. Klein, mollig, mit Rock und dunkelblauer Strickjacke, mit umgehängter wippender Handtasche, grauen Haaren und Gesundheitsschuhen. Sie wirft ihre Arme nach oben: „Hier werdet ihr Gott nicht finden!“ tönt sie laut mit klarer, durchdringender, geschulter Stimme. Und immer wieder sagt sie es, immer lauter mit wohl dosierten, wirkungsvollen Pausen. Am Schluss ruft sie es, laut und deutlich, so dass die Leute stehen bleiben und ihr hinterherschauen. Mein Opa schaut neutral, meine junge Tante macht ein „Ich-bin-gar-nicht-da“-Gesicht und scheint ein Grinsen zu unterdrücken. Ich schaue es mir in Ruhe an und finde es dann richtig gut, wie meine Oma klein, aber umso energiegeladener ob der barocken Schönheit um sie herum voll Empörung den Gang entlangläuft. Ihre Augen blitzen. Sie ruft es jetzt richtig, richtig laut: „Hier werdet ihr Gott nicht finden.“
Meine Oma befindet sich mit ihrer Performance in bester Prophetentradition: Auch Jeremia, Jesaja, Hosea und Joel empörten sich und demonstrierten in Zeichenhandlungen ihren Unmut über einen aufwändigen und ihrer Meinung nach gottlosen Kult. Worum geht es denn eigentlich? Da geht es nicht mehr um Gott, fanden sie. Da geht es nicht mehr um das, was Gott von uns will, fanden sie. Ja, scheinheilig fanden sie das, wenn es den Armen im Lande schlecht geht und gleichzeitig Stiere zum Opfer verbrannt wurden, um Gott gnädig zu stimmen. „Zerreißt Eure Herzen und nicht Eure Kleider“, hielten sie dagegen. „Ich bin Euren Feiertagen gram“, überbrachten sie von Gott. „Es fließe aber das Recht wie Wasser“, wünschten sie sich für die Zukunft.
Wenn ich mir heute nochmal den Auftritt meiner Oma vorstelle, habe ich gemischte Gefühle. Starke Emotionen, starke Auftritte sind mir heute ein bisschen peinlich. Das mag daran liegen, dass ich als Christin auch Kind meiner Zeit und meiner Kultur bin. Gefühlsbeherrscht zu sein galt nicht nur unter den Stoikern im alten Rom als Tugend, sondern sicherlich auch noch unter uns Christinnen und Christen. Wir unterscheiden da gerne in gute und schlechte Gefühle, mögen Freude und Traurigkeit schon lieber zulassen als Angst oder gar Ärger und Wut.
Macht das denn Sinn? Ist das denn richtig? Sicherlich irgendwo schon. Wer als Kind unter den unberechenbaren starken Wutanfällen seiner Eltern leiden musste, braucht lange, um sich davon zu erholen. Die Nachkriegsgeneration aus Kindern und Enkeln ist vielleicht deshalb vorsichtig bei starker Panik oder starker Beunruhigung, weil das Wissen immer noch in uns ist, dass in einem Luftschutzkeller eine Massenpanik auch einen Massentod auslösen kann. Gemäßigte, mäßigende Eltern sind daher sicher ein hohes Gut. Gleichzeitig müssen sie auch Grenzen ziehen können, Werte verteidigen - vielleicht lautstark, aber gewaltlos.
Kein Wunder, wenn sich auch das Christentum in den mäßigenden Strom der Kultur gut einfindet. Bibelverse empfehlen, die Sonne über dem eigenen Zorn nicht untergehen zu lassen und das mäßigende christliche Lied- und Textgut preist die Tugend des Aushaltens: „Man halte nur ein wenig stille“, „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halte ihm die linke hin.“. Vaterfiguren, die noch gewaltsam züchtigen, wie im Hebräerbrief beschrieben wird, sind dagegen heute mit Recht und zum Glück allgemein anerkannt absolut untragbar und wir nennen ihr Verhalten mit Recht und mit voller Überzeugung „Sünde“.
Was wir dabei aber vielleicht ein wenig vergessen, ist, dass das Stille halten und Sich-Nicht-Empören ebenfalls „Sünde“ sein kann, ebenfalls ein immer mehr „Sich-Entfernen-von-Gott“.
Wenn ich zu sehr stille halte, wenn ich nicht meine Grenze ziehe, weder für mich selbst noch für andere, wenn ich bewusst die Augen schließe vor offensichtlichem Unrecht, weil ich mich lieber nicht einmischen will in Familien, Beziehungen, Ehen, Arbeitshierarchien, dann ist das genauso „Sünde“. Wir sollten das nicht vergessen. Wenn ich stille halte, wenn ich meine Werte nicht schütze, sündige ich. „Man halte nur ein wenig stille“ ist Sünde, ein Verhalten, das mich immer weiter entfernt von mir selbst und Gott. Genauso wie eigenhändig Gewalt auszuüben und so andere zu schädigen. Ein klares, mutiges Wort zur richtigen Zeit dagegen kann viel bewirken – und wenn es vorläufig nur die Kultur verändert, in der wir leben.
Warum halten wir denn dann lieber alle ein bisschen stille, statt an der richtigen Stelle im gerechten Zorn den Mund aufzumachen? Wir sind nicht so erzogen, wir trauen uns nicht, wir befürchten Konsequenzen, Ablehnung, Mobbing, Trennung, Entlassung. Wir befürchten, nicht mehr gemocht zu werden. Als Erwachsene sind wir daher vielleicht lieber ein Leben lang lieb statt stressig, unbequem, nervig und anstrengend.
Wo wir Erwachsene uns schwer tun, sind Kinder Naturtalente. Wir Erwachsene müssen das angstfrei üben und brauchen gute Vorbilder. „Das ist unfair!“ sagt ein kleines Mädchen im Kindergarten sofort und im vollen Impetus, wenn sich jemand vordrängelt oder Dinge nicht gerecht verteilt werden.
Von der Wucht von Gottes gerechtem Zorn erzählen ganze Bücher der Bibel, auch das Jona-Buch, in dem Gott in gerechtem Zorn der Stadt Ninive den Untergang ausrichten lässt, dann aber die Stadt Ninive in gerechter Barmherzigkeit am Schluss verschont, weil die Menschen sich besinnen, ihre Untaten von Herzen zu bereuen und neu anzufangen.
Jeremia, Jesaja, Hosea, Joel– und Jesus. Ich stelle ihn mir vor, wie Jesus waffenlos, gewaltlos, aber umso effizienter in den Tempel rauscht. „Ihr habt aus meines Vaters Haus, eine Räuberhöhle gemacht!“ Am Vortag noch hatte er sich den Ort in Ruhe angeschaut: Da, wo römische Münzen mit dem Antlitz des Gottkaisers in gottesfürchtige Schekel umgetauscht werden, wo Tauben in Käfigen als Opfergaben verkauft werden, wo ein Gemache und Gewühle ist wie auf einem antiken Marktplatz, im Vorhof des Tempels nahe dem Allerheiligsten. Und dann ist er da, allein. Allein die Wucht seiner Entschlossenheit lässt die Leute aufschrecken. In gerechtem Zorn fegt er, ein einzelner Mann, durch die Halle und scheucht alle auf. Ruft Bibelzitate, wirft Verkaufstische um, agiert so lange, bis die ersten erschrocken zusammen packen und gehen. Andere suchen am Boden ihre Münzen zusammen, wieder andere bleiben wie gelähmt stehen und schauen zu. Vereinzelte haben einfach nur Angst. Die Hohepriester – und an sie ist das Ganze ja auch adressiert – schauen vom Rande ungläubig, fassungslos und wiederum zunehmend wütend zu. Wer gar nicht weint, wer gar keine Angst dabei hat, das sind die Kinder. Sie freuen sich an dem reinigenden Gewitter und beginnen in das Durcheinander laut zu schreien: „Hosianna!“ schreien sie, „Hosianna dem Sohn Davids!“
Jeremia, Jesaja, Hosea, Joel, Jesus - und in deren Tradition auch meine Oma. Worum geht es eigentlich? „Hier werdet ihr Gott nicht finden!“ mahnt meine Oma in gut reformatorischer Erfurter Tradition mitten im Prunk des römischen Barock. Eure Gottesdienste sind hohl, wenn die Menschen nicht mehr aus Nächstenliebe an ihrem Nächsten handeln, mahnen die Propheten. Eure alten Opfer haben ausgedient, sie helfen nicht mehr, der alte Opferkult ist am Ende, ihr müht Euch umsonst mit Münzen und Tauben und Opferkäufen, mahnt Jesus – auch im übertragenen Sinne. Jesus macht Schluss mit diesem Opferkult. Die alte Opferpraxis zieht nicht mehr. Was helfen Opfer, wenn das Grundsätzliche nicht stimmt. Was helfen uns Beichtgebete, Schuldbekenntnis, offene Schuld, Selbstbezichtigungen im Gottesdienst, wenn unser Handeln im Alltag dasselbe bleibt? Jesus heilt stattdessen sofort die Blinden und die Tauben, die im Raum sind, und lässt sie sehen und hören.
Wenn Menschen sich für andere aufopfern, für die Arbeit, die Familie, für den Partner, die Partnerin, dann ist das zu viel, dann geht das auf Kosten der eigenen Gesundheit, auf Kosten des eigenen Heil-Seins. Dann ist das nicht das Eigentliche mehr, um das es gehen muss. Dann ist das nicht mehr guter, heilsamer Dienst an der Gemeinschaft, dann ist das einfach nur unheilvoll. Der Messias, der Heilsbringer, der Friedenfürst rückt diese Verhältnisse zurecht. Er zieht dazu auf einem Esel ein statt auf einem Kampfross. Er wendet keine Gewalt an, aber umso mehr Entschlossenheit und Stärke. Er ist ein solcher Retter und agiert – in guter Gottessohntradition – in echtem gerechtem Zorn, wenn er in den Tempel einzieht und sich über das, was er dort findet, mutig und ungebremst empört. Er errichtet sein Reich, indem er den Hohepriestern erst einmal eine ungeheuerliche Provokation bietet. Das ist dann im wahrsten Sinne reinigend. Und darin Vorbild für beherzte, mutige, entschlossene Christinnen und Christen, die nicht stille halten, sondern klug und dosiert klare Kante zeigen, so unabweisbar wie gewaltlos.
Die Geschichte von Jesu Auftritt im Tempel wurde nach seinem Tod erzählt. Sie erzählt bereits in ihren Details von Tod und Auferstehung. Jesus selbst kündigte es seinen Jüngern und Jüngerinnen an, dass er den Tempel abreißen und ihn in drei Tagen wieder aufbauen wird. Dabei dachte er an seinen eigenen Körper. Jesus will den Tempel abreißen und ihn in drei Tagen wieder aufbauen, so deuteten die Menschen es nach seinem Tod: Damit sei Jesu Körper gemeint. Ein Körper, der tödlich verletzt, tödlich zerstört und in drei Tagen wieder aufgebaut ist als Lichtleib mit Regenbogenaura, wie es wunderbar anzusehen ist beim Isenheimer Altar. Ja, was ist denn das? Das ist unser großer unbeirrbarer Glaube. Das ist unsere alles durchdringende Hoffnung. Wenn ein Körper tödlich verletzt wurde, kann er geheilt werden. Wenn ein afrikanisches Mädchen oder eine jesidische junge Frau jahrelang verschleppt, vergewaltigt und gedemütigt wurde, dann kann ihre Seele wieder aufgebaut werden, errichtet aus der Resilienz eigener und fremder Bausteine. Mit unserer Hilfe und mit Gottes Hilfe. Das ist unser Glaube, das ist unsere Hoffnung. Auf Trauer folgt Freude, auf Unrecht Gerechtigkeit und auf Gewalt Sicherheit, Schutz und Frieden.
Amen.
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Die Zugabe Gottes – Predigt zu Matthäus 21,14-17 (und Kolosser 3,12-17) von Thomas Thieme
Er hatte von jedem seiner Auftritte eine Aufnahme, ein Video: vom ersten Auftritt unter großem Jubel bis zum Abgang, wenn die Masse rief: „Zugabe!“, „Zugabe!“ Er ließ sich dann gern etwas bitten, ließ die Menge gern etwas leiden an ihrer Erwartung, der Erwartung, dass dieser Moment voll Feuer und Begeisterung nicht endet. Nur noch ein Lied, nur eines noch, bevor die wogende und wellende Masse sich wieder beruhigte und wie eine Ebbe den Saal räumt.
Natürlich hat er immer eine Zugabe gegeben, meistens sogar zwei oder drei. Er wollte ja selber nicht, dass der Moment aufhört, die Musik verklingt und die Menge sich verflüchtigt. Er wollte die Stille hinauszögern – so lange es eben ging. Die Stille, wenn es zu Ende ist.
Doch das Ende kam, es kam immer und nach ihm kam die müde Stille. Vom Rausch zuvor blieb nur ein fernes Rauschen, als wenn im Radio der Empfang schlechter wird. Das alles wusste er noch ganz genau, konnte es noch fühlen in seinen lahmen Gliedern. Er sah es noch vor seinem inneren Auge, sein äußeres sah nicht mehr viel – er war fast blind. Einsam ist er geworden – dem verblassten Star jubelt niemand mehr zu. Früher strahlte er am Himmel und andere sonnten sich in seinem Glanz. Heute lebt er im Schatten seiner eigenen Vergangenheit.
Ob er frustriert ist? Natürlich ist er das. Er ist wütend auf die launische Liebe der Fans, er beklagt die falschen Freunde im Show-buiseness, aber – dem Himmel sei’s gebeichtet – er würde sofort wieder auf die Bühne gehen, sich tragen lassen, für einen letzten Auftritt, ein letztes großes Konzert, noch ein Lied. Kein altes – nein, ein ganz neues Lied müsste es sein, eines, das die Kinder noch in hundert Jahren laut singen. Aber ach, mein Gott, dafür braucht es mehr, viel mehr, dafür braucht es schon ein Wunder.
-> eine kurze Zwischenmusik wäre hier gut, evtl. das Vorspiel zu „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“
Wenn ein neuer Stern erstrahlt, ein neuer Star die Bühne betritt, egal welche, - ob Pop oder Politik, ob Musik oder Mode, ob Kirche oder Kino - , wenn ein neuer Stern erstrahlt, schaut die Masse wie gebannt und ist entzückt. Ihr Jubelruf trägt ihn hoch in die Wolken, den Stern. Und er, der Stern, zieht mit sich einen Schweif. Wir schweifen. Als Sternenstaub zieht er uns mit nach oben, so dass auch wir für den Moment den Boden nicht mehr spüren. Mir selbst traue ich die Kraft nicht zu. Mein Stern macht das, wovon ich träume. Der Angehimmelte, er macht es für mich, er macht es mit mir. Und plötzlich und für einen Augenblick scheint alles möglich: Lahme sehen, Blinde gehen – und plötzlich ist alles leicht, ohne Mühe, ohne Last. Und plötzlich bin ich frei. Und wenn der Augenblick vorbei ist, dann stellt sich Wehmut ein und ich erkenne, mal schmerzhaft und mal scherzhaft: Auch dieser Stern vollbrachte nicht das Wunder, dass ich mir selbst nicht zutraue.
Und hinterm Vorhang der Geschichte lacht Gott. Gott lacht. Doch nicht, wie Spötter meinen. Er lacht nicht über unsere kleinen Träume vom Fliegen. Er lacht nicht über unsere Sehnsucht, dem Himmel nah zu sein. Gott lacht, weil er sich selbst als Star versuchte – damals im Tempel. Als „Jesus Christ Superstar“, als Mensch, von dem wir glauben, dass er Gott war und ist. Dieser Jesus, also Gott selbst, ging damals in den Tempel. Gott geht ins Gotteshaus, so, als müsste er sich selbst finden – schon das zeigt seinen Humor. Im Tempel dann heilt er Blinde und Lahme. Und Jubel brandet auf. Hosianna rufen wir. Die Teenager im Tempel kreischen vor Begeisterung. Die Hohepriester – also die Wächter über die guten Sitten und das Benehmen im Tempel –, die Hohepriester sind nicht amüsiert, dass hier so laut krakeelt wird. Als sie sich beim Verursacher beschweren, fragt der verwundert: „Ist es nicht genau das, was ihr hier täglich lest? Dass die Kinder Gott zu loben wissen? Sind das nicht eure Lieder und Gebete?“
„Ja, ja, mein Jesus“, will ich ihm darauf antworten. „Du hast leicht reden. Du kamst vom Himmel her und in dir klingt, was wundervoll uns diesen Himmel bringt. Doch wir, wir sind doch Kinder dieser Erde. Aus ihr sind wir geformt und tragen schwer daran. Und deshalb klingt auch der Gesang, das Lied, das wir vom Himmel singen, es klingt so erdenschwer.“ Und Jesus – mein „Jesus Christ Superstar“, er lässt mich stehen in diesem wundervollen Gotteshaus. Er geht hinaus, nicht bloß aus seinem Haus, er geht gleich raus aus der ganzen Stadt.
Das ist Gottes doppelte Ekstase: Erst geht er aus sich heraus und wird ein Mensch. Er betritt die Bühne, die wie für ihn gemacht ist, die wir für ihn erbaut haben. Dort tritt er auf und ist der Star. Er reißt uns mit und wir jubeln ihn hoch. Dann zieht uns unsere Erdenschwere wieder nieder und wir ziehen unseren Jesus mit.
Und so geht er wieder aus sich heraus und zwar hinaus auf jene Bühne, die er sich selbst bereitet hat. Hier findet er den bestirnten Himmel über sich und in sich drin findet er ein neues Lied.
-> noch einmal eine Zwischenmusik oder die erste Strophe von „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“
Von vielen Auftritten Jesu haben wir Aufzeichnungen. Wir haben heute gehört von seinem Auftritt im Tempel und wie die Kinder gesungen haben. Und genau wie sie singen auch wir mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern Gott dankbar in unseren Herzen. Wir haben auch allen Grund dazu, dankbar zu sein. Wir können zum Beispiel dankbar sein dafür, dass wir einander ertragen mit Freundlichkeit und Geduld.
Oder tun wir das etwa nicht? Das sollte aber jeder unbedingt tun: den anderen ertragen mit Freundlichkeit und Geduld. Das heilt nämlich von einer Blindheit. Ich bin immer so blind, dass ich mich beim anderen zuallererst über die Fehler ärgere, die ich selber habe.
Ich könnte auch dankbar dafür sein, dass wir uns selbst vergeben mit Demut und Sanftmut.
Oder tun wir das etwa nicht? Das sollte aber jeder unbedingt tun: sich selbst vergeben mit Demut und Sanftmut. Das heilt nämlich von einer Lähmung. Ich bin viel zu lahm, um vor dem davon zu laufen, was ich in diesem Leben nicht geschafft habe. Freundlichkeit und Geduld mit anderen, Demut und Sanftmut mit sich selbst – puh, ob wir dafür genug Liebe aufbringen können, Nächstenliebe und Liebe zu uns selbst?
Oder braucht es dafür mehr, viel mehr? Braucht es dafür, dass Du, Gott, noch einmal hinter dem Vorhang hervortrittst? Und uns noch einmal mit emporziehst am Band der Vollkommenheit? Hoch hinauf in den Himmel voller Sterne, weil Liebe uns beflügelt? Du hast es ja schon einmal getan – Ostern bist du aus dem Grab auf die Bühne dieser Welt zurück gekommen. Und wer es glaubt, dessen ganzes Leben wird ein Ruf sein nach einer Zugabe von Dir, Gott.
Wer es glaubt, der hat immer eine Möglichkeit, das Mühselige und Erdenschwere los zu lassen, der hat immer eine Möglichkeit, dem Himmel nahe zu sein. So sind wir: Gotteskinder. Gemacht aus Erde, mühselig und beladen, aber beseelt von Göttlichem, himmlisch und leicht. Es ist nicht bloß der Staub der Sterne, heute strahlend, morgen verglüht – es ist mehr, viel mehr. Es ist ein Wunder, so unfassbar wie die Zahl der Sterne, die ja doch keiner zählen kann. Nur einer kennt wunderbar sie alle – und dieser eine kennt wunderwahr auch Dich. Ich glaube voll Wunder an den Gott, der mich kennt und der mich liebt. Ich glaube wundervoll, Gott kennt auch dich und hat dich lieb.
Und der Friede Gottes, der uns höher hebt als all unsere Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Liebeslied Gottes für uns.
Amen.
Im Anschluss wäre „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ gut, zu singen (bzw. die restlichen Strophen).
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Ob etwas bleibt? – Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Peter Michael Schmudde
Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Die großen, wasserhellen Kinderaugen schauen in das Licht. Es ist wie Zauberei, dieses flackernde Etwas.
Und dann pustet einer. Und alles ist vorbei. Die blauen Augen wandern flink durch den Raum: Irgendwo muss die Flamme doch geblieben sein. Ist sie weg jetzt? Wohin denn nur?
Sie schaut mich an, schaut durch den Raum. Und ein bisschen muss sie weinen. Es war doch so schön – jetzt ist es weg.
In ihren Tränen spiegelt sich mein eigenes Fragen. Schon als das seltsame Kind, das ich war, habe ich mir seltsame Fragen gestellt. Und solche Fragen sind immer noch da.
Ob etwas bleibt? Wohin geht die Flamme einer Kerze, wenn ich sie auspuste? Was bleibt von den Büchern, die ich gelesen habe? Geht es einfach weg, was ich erlebt habe? Bin ich immer derselbe? Wird’s je wieder so schön? Werde ich mein Paradies noch einmal finden, wenn ich an den Ort gehe, an dem es begraben liegt? Ist alles noch wahr, was ich jetzt mache, wenn ich alt geworden sein werde? Was wird aus dem Augenblick mit meinem Opa? Wo ist das, was zwischen uns war, jetzt, wo er tot ist? Bleibt etwas von der Liebe, die ich mal für jemanden hatte und die irgendwann ging? Und wohin ist sie gegangen? Ob etwas bleibt?
Sie gehen durch den frühen Morgen. Dorthin, wo er liegt in dieser Höhle. Immer noch ist es nicht richtig wahr. Zittrig wie ein Vogel im Käfig flattern ihre Seelen. Irrsinnig quält sie jetzt wie in den beiden durchwachten Nächten der Wunsch, dass es doch nicht wahr sein möge: Wie sie seinen blutigen Körper vom Kreuz genommen haben, wie sie ihn in Tücher gewickelt und mit Kräutern bedeckt haben, wie die Männer den großen Stein vor die Öffnung gerollt haben… Die Bilder brennen in der Seele und in den tränenleeren Augen. Was suchen sie eigentlich hier? Was wollen sie finden? Erinnerungen? Erinnerungen finden, ja, vielleicht. Aber geht das? Sich erinnern, wenn alles noch so lebendig ist? Und doch: Vorbei, vorbei…?
Ihre heimatlos gewordene Liebe irrt ziellos herum. Und sie braucht ein Asyl. Ja, erinnern wäre gut. Vielleicht kann sie sich da einnisten, ein wenig bleiben: In der Erinnerung. Wie er war, wie er ausgesehen hat, gesprochen, gelacht, geliebt und getanzt hat. Sich der Worte erinnern. Und immer wieder an sein Gesicht. Vielleicht findet die heimatlose Liebe dort mit der Trauer einen kühlen Platz. Vielleicht ist es gut, sich den schweren Stein noch einmal anzusehen. Vielleicht kommen auch die Tränen wieder über das, was sie einst hatten: Eine Liebe, die so stark war, dass sie Ewigkeit versprechen konnte. Einen Menschen zu lieben, heißt sagen, du wirst nicht sterben. Das geht nie vorbei. Aber: Wo ist es hin?
Fragen. Danach, ob wahr bleibt, was gewesen ist. Oder ob Ende wirklich Ende heißt. Der kühle Morgenwind des ersten Wochentages lässt sie frösteln, lässt sie spüren, wie leer, kalt und tot ihre Seelen sind, für jeden Wind ein leichtes Spiel.
Wohin ist das alles, was einmal Kraft, Energie, Licht, Luft, Segen und Leben war? Ist es denn wirklich möglich, dass es einfach verschwindet, weg, als sei es nie da gewesen? Ist das Leben wirklich so, dass wir alle fortgesetzt und immerzu etwas zu Grabe tragen?
Manchmal gehe ich zu den Gräbern, in denen schon so viel von meinem bisherigen Leben liegt. Ich möchte es wiederfinden: Das was da war. Ich möchte sehen, ob da noch etwas ist. Wenigstens möchte ich es betrauern dürfen. Will ich das?
Und ich finde etwas. Es lebt wieder. Aber es ist nicht dasselbe, was es war. Es ist Erinnerung, aber auf einmal ist es wieder da. Es riecht und schmeckt und sieht aus wie früher. Aber ich bin nicht mehr derselbe. Ich bin anders. Und was ich treffe vom Vergangenen, hat sich nicht nur selbst verändert, sondern es hat sich auch verändert, dadurch, dass ich mich verändert habe. Nach manchen Träumen erwache ich und bin todtraurig, dass ich jetzt hier und jetzt bin und nicht da, wo ich mal war.
Manche Sachen werden nicht mehr gut. Ich hätte sie so gern wieder gut. Aber ein unsichtbarer Graben liegt dazwischen. Und auch das, was wieder gut wird, trägt doch die Spuren der Zeit auf sich, in denen es nicht gut war. Manchmal finde ich etwas, was mich überrascht.
Der kühle Morgenwind scheint plötzlich stillzustehen. Vor dem Stein liegen die Wächter wie tot. So, als sei die eben noch so schauerlich bewachte schreckliche Wirklichkeit nicht mehr wahr. Sie sehen etwas, wie einen Blitz. Und eine Stimme beantwortet ihnen die Frage, von der sie selbst gar nicht gewusst haben, wie sie wirklich heißt: „Ich weiß, dass Ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier.“
Euer Leben liegt nicht in den Gräbern, die Ihr Euern Vergangenheiten gemacht habt. Es ist Leben. Es lebt. Aber nicht dort, wo Ihr es hinlegen wolltet. Geht mit denen, die dazu gehören. Dorthin, wo es angefangen hat. Dort werdet Ihr es sehen.
Als sie die Füße umfangen und er ihnen sagt: Friede sei mit Euch!, da fühlt es sich vertraut an, aber es fühlt sich ganz anders an. Da sind die Wunden an seinem Körper und die Wunden auf ihrer Seele. Sie fühlen sie an ihm und an sich. Und doch: Es ist etwas da – hell und wie ein Blitz. Und was eben noch stimmte, stimmt nicht mehr. Und die Unabänderlichkeiten liegen am Boden, als seien sie tot.
Jetzt sollen sie nach Hause gehen. Dorthin, wo alles anfing. Sie sollen nicht in dem Garten der Toten bleiben, sie sollen los – neu, mit der Liebe im Herzen, die ihm versprochen hat, dass er nicht stirbt. Nicht geht. Nicht verlischt. Nichts ist aus. Aber nichts ist, wie es war. Und was kommt, wird etwas vertrautes Neues sein.
Mein Leben liegt nicht in Gräbern. Und das Erinnern ist wirklich nur ein Asyl, ein Zelt für meine schon so oft heimatlos gewordene Liebe und für die Trauer um das, was gewesen ist. Das Leben lebt. Mit allem, was war in dem, was kommen wird. Es geht nichts verloren. Aber es wird anders sein.
Ich zünde die Kerze wieder an. Plötzlich ist sie wieder da, die Flamme. Sie sieht genauso aus wie vorher. Und doch ist sie eine andere. Die glücklichen Augen des kleinen Mädchens bestaunen das Auferstehungswunder.
Und ich möchte an Ostern glauben. An das Leben. An das, was kommt. Mit allen Narben dessen, was war. Denn das Leben ist auferstanden und hat den Tod besiegt. Amen.
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Ob etwas bleibt? - Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Peter Michael Schmudde
Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Die großen, wasserhellen Kinderaugen schauen in das Licht. Es ist wie Zauberei, dieses flackernde Etwas.
Und dann pustet einer. Und alles ist vorbei. Die blauen Augen wandern flink durch den Raum: Irgendwo muss die Flamme doch geblieben sein. Ist sie weg jetzt? Wohin denn nur?
Sie schaut mich an, schaut durch den Raum. Und ein bisschen muss sie weinen. Es war doch so schön – jetzt ist es weg.
In ihren Tränen spiegelt sich mein eigenes Fragen. Schon als das seltsame Kind, das ich war, habe ich mir seltsame Fragen gestellt. Und solche Fragen sind immer noch da.
Ob etwas bleibt?
Wohin geht die Flamme einer Kerze, wenn ich sie auspuste?
Was bleibt von den Büchern, die ich gelesen habe?
Geht es einfach weg, was ich erlebt habe?
Bin ich immer derselbe? Wird’s je wieder so schön?
Werde ich mein Paradies noch einmal finden, wenn ich an den Ort gehe, an dem es begraben liegt?
Ist alles noch wahr, was ich jetzt mache, wenn ich alt geworden sein werde?
Was wird aus dem Augenblick mit meinem Opa? Wo ist das, was zwischen uns war, jetzt, wo er tot ist? Bleibt etwas von der Liebe, die ich mal für jemanden hatte und die irgendwann ging? Und wohin ist sie gegangen?
Ob etwas bleibt?
Sie gehen durch den frühen Morgen. Dorthin, wo er liegt in dieser Höhle. Immer noch ist es nicht richtig wahr. Zittrig wie ein Vogel im Käfig flattern ihre Seelen. Irrsinnig quält sie jetzt wie in den beiden durchwachten Nächten der Wunsch, dass es doch nicht wahr sein möge: Wie sie seinen blutigen Körper vom Kreuz genommen haben, wie sie ihn in Tücher gewickelt und mit Kräutern bedeckt haben, wie die Männer den großen Stein vor die Öffnung gerollt haben… Die Bilder brennen in der Seele und in den tränenleeren Augen. Was suchen sie eigentlich hier? Was wollen sie finden? Erinnerungen?
Erinnerungen finden, ja, vielleicht. Aber geht das? Sich erinnern, wenn alles noch so lebendig ist? Und doch: Vorbei, vorbei…?
Ihre heimatlos gewordene Liebe irrt ziellos herum. Und sie braucht ein Asyl. Ja, erinnern wäre gut. Vielleicht kann sie sich da einnisten, ein wenig bleiben: In der Erinnerung. Wie er war, wie er ausgesehen hat, gesprochen, gelacht, geliebt und getanzt hat. Sich der Worte erinnern. Und immer wieder an sein Gesicht. Vielleicht findet die heimatlose Liebe dort mit der Trauer einen kühlen Platz. Vielleicht ist es gut, sich den schweren Stein noch einmal anzusehen. Vielleicht kommen auch die Tränen wieder über das, was sie einst hatten: Eine Liebe, die so stark war, dass sie Ewigkeit versprechen konnte. Einen Menschen zu lieben, heißt sagen, du wirst nicht sterben. Das geht nie vorbei. Aber: Wo ist es hin?
Fragen. Danach, ob wahr bleibt, was gewesen ist. Oder ob Ende wirklich Ende heißt. Der kühle Morgenwind des ersten Wochentages lässt sie frösteln, lässt sie spüren, wie leer, kalt und tot ihre Seelen sind, für jeden Wind ein leichtes Spiel.
Wohin ist das alles, was einmal Kraft, Energie, Licht, Luft, Segen und Leben war?
Ist es denn wirklich möglich, dass es einfach verschwindet, weg, als sei es nie da gewesen? Ist das Leben wirklich so, dass wir alle fortgesetzt und immerzu etwas zu Grabe tragen?
Manchmal gehe ich zu den Gräbern, in denen schon so viel von meinem bisherigen Leben liegt. Ich möchte es wiederfinden: Das was da war. Ich möchte sehen, ob da noch etwas ist. Wenigstens möchte ich es betrauern dürfen. Will ich das?
Und ich finde etwas. Es lebt wieder. Aber es ist nicht dasselbe, was es war. Es ist Erinnerung, aber auf einmal ist es wieder da. Es riecht und schmeckt und sieht aus wie früher. Aber ich bin nicht mehr derselbe. Ich bin anders. Und was ich treffe vom Vergangenen, hat sich nicht nur selbst verändert, sondern es hat sich auch verändert, dadurch, dass ich mich verändert habe. Nach manchen Träumen erwache ich und bin todtraurig, dass ich jetzt hier und jetzt bin und nicht da, wo ich mal war.
Manche Sachen werden nicht mehr gut. Ich hätte sie so gern wieder gut. Aber ein unsichtbarer Graben liegt dazwischen. Und auch das, was wieder gut wird, trägt doch die Spuren der Zeit auf sich, in denen es nicht gut war. Manchmal finde ich etwas, was mich überrascht.
Der kühle Morgenwind scheint plötzlich stillzustehen. Vor dem Stein liegen die Wächter wie tot. So, als sei die eben noch so schauerlich bewachte schreckliche Wirklichkeit nicht mehr wahr. Sie sehen etwas, wie einen Blitz. Und eine Stimme beantwortet ihnen die Frage, von der sie selbst gar nicht gewusst haben, wie sie wirklich heißt: „Ich weiß, dass Ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier.“
Euer Leben liegt nicht in den Gräbern, die Ihr Euern Vergangenheiten gemacht habt. Es ist Leben. Es lebt.
Aber nicht dort, wo Ihr es hinlegen wolltet. Geht mit denen, die dazu gehören. Dorthin, wo es angefangen hat. Dort werdet Ihr es sehen.
Als sie die Füße umfangen und er ihnen sagt: Friede sei mit Euch!, da fühlt es sich vertraut an, aber es fühlt sich ganz anders an. Da sind die Wunden an seinem Körper und die Wunden auf ihrer Seele. Sie fühlen sie an ihm und an sich. Und doch: Es ist etwas da – hell und wie ein Blitz. Und was eben noch stimmte, stimmt nicht mehr. Und die Unabänderlichkeiten liegen am Boden, als seien sie tot.
Jetzt sollen sie nach Hause gehen. Dorthin, wo alles anfing. Sie sollen nicht in dem Garten der Toten bleiben, sie sollen los – neu, mit der Liebe im Herzen, die ihm versprochen hat, dass er nicht stirbt. Nicht geht. Nicht verlischt. Nichts ist aus. Aber nichts ist, wie es war. Und was kommt, wird etwas vertrautes Neues sein.
Mein Leben liegt nicht in Gräbern. Und das Erinnern ist wirklich nur ein Asyl, ein Zelt für meine schon so oft heimatlos gewordene Liebe und für die Trauer um das, was gewesen ist.
Das Leben lebt. Mit allem, was war in dem, was kommen wird. Es geht nichts verloren. Aber es wird anders sein.
Ich zünde die Kerze wieder an. Plötzlich ist sie wieder da, die Flamme. Sie sieht genauso aus wie vorher. Und doch ist sie eine andere. Die glücklichen Augen des kleinen Mädchens bestaunen das Auferstehungswunder.
Und ich möchte an Ostern glauben. An das Leben. An das, was kommt. Mit allen Narben dessen, was war. Denn das Leben ist auferstanden und hat den Tod besiegt. Amen.