Lachen Sie nur, aber mit Herz! – Predigt zu Römer 10,9-17 von Thomas Ammermann
9 Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
11 Denn die Schrift spricht (Jes 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jes 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jes 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«
17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.
Liebe Gemeinde,
Störungen des Herz-Kreislauf-Systems stehen an der Spitze der Zivilisationskrankheiten moderner Menschen. Als erste Anzeichen dafür treten oft unklare Schwindelgefühle auf – dann ist es höchste Zeit, sich einmal ernsthaft mit der eigenen Befindlichkeit zu befassen, medizinischen Rat einzuholen usw. So weit, so wichtig.
Sollte es Ihnen jedoch nach dem Genuss des Predigttextes zum heutigen Sonntag so ergangen sein, dass Sie sich plötzlich vom Schwindel übermannt fühlten, fragen sie nicht Ihren Arzt oder Apotheker! Denn jenes eigentümliche Schwanken zwischen Empathie und Empörung, Bekenntnis und Bekümmerung, Aufatmen und Auflehnung, welches er auslöst, gehört zu den „ganz normalen“ kardiologischen Nebenwirkungen jener verbalen Rosskur des Apostels gegen das Phänomen so eines „synästhetischen Kammerflimmerns“ in Herz und Mundraum, Ohr und Oberstübchen, der typischen Zivilisationserkrankung kultivierter Kirchenchristen, die dazu neigen mögen, sich mit einem flott-lutherischen „wir-sind-allzumal-Sünder“ an der Wahrhaftigkeit und den Konsequenzen ihres eigenen Bekenntnisses vorbei zu flunkern...
Von wegen: „wer (nur) den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden“! Paulus zitierte den Propheten Joel hier nur im Schatten (kardiologisch gesprochen: als Extrasystole) eines anderen Giganten der jüdischen Tradition: „Wer an ihn glaubt“, erkühnt er sich mit Jesaja 28 (Vers 16) von Jesus Christus zu sagen, „wird nicht zu Schanden werden."... „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“
Um zu verdeutlichen, wo das Problem liegt, möchte ich Ihnen einen jüdischen Witz erzählen:
Ein junger Mensch betritt ein Zugabteil. Dort trifft er auf eine Gruppe von Reisenden, die sich offenbar schon länger kennen und deren seltsame Konversation ihn zunächst in wortloses Staunen versetzt. In ungeordneter Reihenfolge wirft nämlich jeweils einer eine Zahl in den Raum, woraufhin die anderen in Gelächter ausbrechen. Das geht so eine Weile, bis sich unser Mann, der sich von dem heiteren Treiben schmerzhaft ausgeschlossen fühlt, ein Herz fasst und nach dem Grund ihrer Vergnüglichkeit fragt. „Wir erzählen einander Witze“, bekommt er zur Antwort und da wir über ein immenses Quantum davon verfügen, haben wir sie durchnummeriert. Jede Zahl steht für einen Witz aus unserer Sammlung. So brauchen wir die einzelnen Witze nicht mehr eigens herzusagen.“ Für den Augenblick ist der junge Mann ruhig gestellt. Das Verfahren leuchtet ihm ein. Indes nimmt die einschlägige Unterhaltung im Raum ihren Fortgang. Die offensichtliche Heiterkeit der anderen Reisenden wird immer heftiger. Solcherart ermutigt, überwindet er zum zweiten Mal seine Scheu und versucht es auch einmal: „Siebenundzwanzig!“ ruft er dazwischen, erwartungsvoll die Mienen der Mitreisenden im Blick. Peinliches Schweigen. „Siebenundzwanzig“ wiederholt er aufmunternd, doch schon sehr verunsichert. Als immer noch niemand lacht, fragt er errötend: „Habe ich etwas falsch gemacht? Ist dieser Witz nicht gut?“ „Doch, doch“, wird ihm bedeutet, „die Siebenundzwanzig ist hervorragend. Aber man muss Witze auch erzählen können!“
Liebe Gemeinde,
„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet“, sagt Paulus. Es genügt nicht, die richtige Zahl zu sagen, „man muss Witze auch erzählen können...!“ – Es reicht nicht aus, dass wir den Namen Gottes „irgendwie“ anrufen. Auch dann nicht, wenn wir Gott in unserem Leben formal die Nummer eins nennen. Denn Zunge und Herz, Bekenntnis und Glaube gehören zusammen. Gott muss im Herzen bekannt sein, bevor er wirklich von Herzen bekannt werden kann.
Darum geht es: um das, was sich im Herzen eines Menschen abspielt. Denn nur das kann er wirklich glaubhaft weitergeben.
Man muss erzählen können, worin der Witz der „Sache mit unserem Herrn Jesus“ besteht. Mehr noch: man muss erfüllt sein von der Freude und dem Humor derer, die am eigenen Leibe erfahren haben, dass Gott sich mit Kreuz und Auferweckung Jesu Christi nicht bloß einen makabren Jux erlaubt hat.
Das andere folgt daraus: Die frohe Botschaft will unter den Menschen bekannt gemacht werden, damit sie ihnen zu Herzen gehen und Glauben bewirken kann. „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“, resümiert Paulus.
Man muss Witze auch erzählen können!
Wer das nicht versteht, hat – bei Gott! – buchstäblich nichts zu lachen. Denn er kann den Menschen kaum wirklich etwas verständlich machen und von daher auch keine große Heiterkeit erwarten – Sie erinnern sich: „wie lieblich sind die Füße der Freudenboten...“. Wirkliches Erzählen aber heißt, dass wir unser Bekenntnis und seine Bedeutung mit Leben füllen – mit unserem eigenen –, um es solcherart den Menschen mitzuteilen. Im Wortsinn: Dass wir mit anderen teilen, was für uns selber im Leben bedeutsam ist.
Und nun die Problemanzeige: Störungen des Herz-Kreislauf-Systems stehen an der Spitze der Zivilisationskrankheiten moderner Menschen. Das wissen wir. Und auch in der Kirche haben wir uns längst daran gewöhnt, die Unzulänglichkeiten des „Herz-Kreislauf-Systems unserer Verkündigung“ als eine mehr oder weniger unvermeidbare Zivilisationserscheinung hinzunehmen. Wer von uns rechnet schon noch ernsthaft damit, dass Gottes Wort – wie es Paulus beschrieb – die Predigt bewirkt, die Predigt den Glauben und dieser das Bekenntnis, durch welches das Gotteswort verbreitet wird?
Mit hilflosem Achselzucken quittieren wir aufgeklärten Sonntagschristen Schwund und Schwindel um Mitgliederzahlen auf der einen und „Qualitätsmanagement“ auf der anderen Seite, derweil wir allzu gern und laut im Chor mit Paulus und Jesaja klagen: „Herr, wer glaubt unserm Predigen?” „Was macht eure Predigten denn glaubwürdig?“, echot es indes Sonntag für Sonntag von den Wänden leerer Kirchengebäude zurück.In der Stille unserer Herzen aber formt sich, flüsternd, die Gretchenfrage: Was können wir tun?
Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht.”
Allein unser Glaube genügt, um uns vor Gott gerechtfertigt wissen zu dürfen. Kein Geringerer als Martin Luther hat diese zentrale Zusage erfahren. als ganz große Befreiung seines Lebens von allen religiösen – auch kirchlichen – Zwängen und Ängsten erfahren. Nicht unsere guten Leistungen im Leben sind es, die uns vor Gott „gut dastehen” lassen. Auch nicht das, was wir meinen, über Gott und die Welt erkannt zu haben. Sondern Gottes eigene Liebe zu den Menschen, mit der er vor uns steht, die Worte seiner Treue und Vergebung. Durch sie stellt er sich uns vor und lässt uns im Herzen aufhorchen, ihm buchstäblich gehorsam werden. (Paulus: „das Predigen (kommt) durch das Wort Christi...“)
Aber: man braucht das Herz zu alldem. Mit der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt, ist es eine „herzhafte Sache” – wie mit einem guten Essen, das allein genossen nicht recht schmecken will. In diesem Sinne heißt „gerecht sein“: Den anderen gerecht werden. Jenen gerecht werden, die auf unser Zeugnis, unser Leben mit ihnen warten und auf unsere liebevoll-herzliche sowie kritisch-beherzte Zuwendung.
„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“
Der von Paulus geforderte „Glaube an Jesus Christus“ und sein Bekenntnis mutet uns zivilisationsgeschädigten Herzträgern jene risikoreiche Wechselbeziehung zwischen unseren Sinnesorganen Ohr und Zunge auf der einen und dem „Sinn-Organ“ Herz auf der anderen Seite zu. Nicht weniger wird verlangt, als unser herzliches Verstehen, Einstimmen und Einstehen mit dem eigenen Leben für die Botschaft von der Auferstehung. Glaube verstanden als eine Art „Intelligenz des Herzens“, welchem zugleich aber auch der Pulsschlag des richtigen Lebens entsprechen muss.
Konkret: Als bekennende Christen sind wir alle Menschen, die ihre Erfahrungen mit Gott nicht von ihrem sonstigen Leben trennen, sondern diese im Leben umsetzen wollen. Das bedeutet, dass wir Zuwendung zu geben trachten, wo wir Gottes Zuwendung erfahren haben. Dass wir ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen haben sollten, wo wir selber erhört worden sind. Dass wir bezeugen dürfen, wo wir selbst etwas erkannt haben.
Kurz: Es bedeutet, dass wir unseren Glauben und unser Bekenntnis in die Gemeinschaft mit anderen Menschen hineintragen und in der Gemeinschaft mit anderen nach diesem Glauben leben.
Und glauben Sie ja nicht, die einschlägige Klage des Apostels: „Wie sollen sie [die Mitmenschen] den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?“, gehe uns Christen eigentlich nichts an, weil sich dessen Kritik ja ausdrücklich gegen das jüdische Volk richtete. Nicht nur hinsichtlich der Verheißung, sondern gerade auch in Blick auf Anspruch und Anklage dieser Verse gilt, was Paulus (in Vers 12) über „Juden und Griechen“ und andere Heiden und Heilige zu bemerken hatte: „Es ist hier kein Unterschied.“, denn „es ist über alle derselbe Herr“!
Jener „von Herzen“ gelebte Glaube, den Paulus uns abverlangt, stellt ja das direkte Abbild der Liebe dar, mit welcher Gott uns alle lebenslang umgibt – die Guten wie die Bösen, die Erfolgreichen wie die Gescheiterten, Getaufte und Ungetaufte, Christen und Nichtchristen. Gottes Liebe zu uns zeigt sich in Jesus Christus. In ihm sind wir alle vor Gott vertreten.
„Wenn man [das] von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.”
Zum guten Schluss noch eine Variante jenes jüdischen Witzes, der so trefflich die Absurdität einer zu Zahlenspielereien erstarrten Verkündigung beschreibt: Gleicher Ort, gleiche Szene. Die Glieder einer fidelen Reisegruppe werfen einander Zahlen zu, deren jede für einen Witz aus ihrem Repertoire steht. Allgemeines Gekicher und Gegreine. Ein junger Mann steigt zu, zeigt sich erst irritiert, dann aber, nachdem er darüber aufgeklärt wurde, zunehmend interessiert an dem Spiel. Nun steigt er richtig ein: „Siebenundzwanzig“, ruft er fröhlich in den Raum. Alle feixen diskret. Nur einer in der Gruppe schüttelt sich vor Lachen und kann sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Irritiert nun die anderen. Was denn mit ihm los sei, wird er gefragt. Jener, unter Tränen nach Luft ringend, antwortet: „Den kannte ich noch nicht!“
Ja, lachen Sie nur, liebe Gemeinde, aber tun Sie es – wie hoffentlich alles – mit Herz!
AMEN
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(Eine Clownsgeschichte) Über das Zuhören – Predigt zu Römer 10,9-17(18) von Frank Nico Jaeger
Sören Kierkegaard erzählt eine Clownsgeschichte.
Eine Geschichte über das richtige und das falsche Zuhören.
Und die Geschichte geht so:
Ein Reisezirkus in Dänemark gerät in Brand. Der Direktor schickt daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung umgezogen ist, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, da die Gefahr besteht, dass über die abgeernteten und ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen wird. Der Clown eilt in das Dorf und bittet die Bewohner, sie mögen schnellstens zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler halten das Geschrei des Clowns lediglich für einen gelungenen Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudieren und halten sich die Bäuche vor Lachen. Dem Clown ist gar nicht zum Lachen zumute. Er möchte weinen und er versucht vergebens den Dörflern klarzumachen, dass dies keine Verstellung sei und auch kein Trick ist, sondern bitterer Ernst. Sein Flehen steigert das Gelächter nur und man ist sich einig: Dieser Clown spielt seine Rolle wirklich gut! Dann geschieht, was geschehen muss: Das Feuer greift tatsächlich auf das Dorf über und jede Hilfe kommt zu spät, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrennen. (Gleichnis von Søren Kierkegaard, zitiert nach Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum, München, 1990/1968, S. 17).
Richtiges Zuhören wird unterbewertet.
Dabei wäre es so gut, genau hinzuhören.
Nicht nur auf das, was man hören will.
Denn Zuhören ist ein Akt der Zärtlichkeit.
Jemand schenkt dem, der redet, seine Zeit.
Lässt sich auf dessen Geschichte ein.
Sitzt oder steht da und hört zu.
Echtes Zuhören wird völlig unterschätzt, denn „echtes Zuhören ist ein Geschenk“, sagt Bernhard Pörsken, Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. (Die Zeit vom 11. August 2016, Nr.34, S. 50). Und er sagt: Es ist leicht, einen Menschen zum Schweigen zu bringen, aber niemals kann man einen Menschen zum Zuhören zwingen.
Zuhören. Ach gäbe es doch mehr Menschen, die Zuhören möchten.
Die darauf hören, was der andere sagt.
Nicht überhören oder weghören, sondern erst hin- und dann zuhören.
Und der Tübinger Professor erzählt von einem Menschen, der erst genau hingehört und dann ganz genau zugehört hat. Er erzählt von Pater Klaus Mertes, dem Mann, der Anfang des Jahrzehnts den Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg, einem katholischen Gymnasium in Berlin, aufgedeckt hat, weil er zugehört hat.
Lange schon gab es Gerüchte. Aber niemand hatte hingehört.
Vielleicht wollte das auch keiner hören, was die ehemaligen Schüler zu erzählen hatten.
Denn wer zuhört, wer wirklich zuhört, der „ändert die kommunikativen Spielregeln und setzt Dinge in Bewegung.“ So wie der Pater.
Der hört erst hin, dann zu und dann entschuldigt er sich.
Schließlich schreibt der Gottesmann 600 Briefe an ehemalige Schüler und bittet um Vergebung und verspricht, weiterhin zu zuhören.
Tatsächlich: Zuhören ist eine Form der Zärtlichkeit.
Sie nimmt das Gegenüber ernst.
Wer zuhört, nimmt sich nicht wichtig.
Wer zuhört, nimmt sich zurück und lässt dem anderen Raum.
Wer zuhört, tritt zurück und macht dem anderen Platz.
Seiner Geschichte, mit allen Höhen und Tiefen.
Der zuhörende Pater setzt eine Lawine in Gang.
Aber nicht alle wollen hören, was der Pater gehört hat.
Er erlebt Anfeindungen. Auch das ist nicht neu.
Manches Gehörte erzeugt Abwehr.
Zuhören stellt in Frage.
Nicht nur sich selbst auch das System in dem man lebt.
Das ist unbequem.
Lieber alles totschweigen.
Besser alles weg reden.
Natürlich: Zuhören ist Beziehungsarbeit.
Zuhören ist ein Akt echter Begegnung.
Letztlich, so sagt es der Psychologe Erich Fromm: Letztlich ist Zuhören sogar eine Form von Liebe.
Zweifellos: Zuhören ist eine Form der Zärtlichkeit.
Aber Zuhören ist schwer.
Auch weil die Stimmen in dir auch laut sind.
Mal überschwänglich und mutig, mal leise und scheu.
Das liegt auch an der Tagesform.
Und an deinem Programm.
Soviel stürzt im Laufe eines Tages auf dich ein: Mails, Telefon, Fahrstuhlmusik.
Wenn du da durch willst, musst du zumachen.
Mit Kopfhörer in den Bus, in die Bahn oder aufs Rad! Macht ihr euer Ding ohne mich!
Das immerwährende Geschnatter nervt und es ist anstrengend.
Niemand kann und will immer zuhören.
Es ist wohl auch gar nicht vorgesehen, wenn nicht mal ein Arzt im Durchschnitt länger als 23 Sekunden wartet, bis er dich im Erstgespräch zum ersten Mal unterbricht.
Zeit ist Geld und draußen warten noch viele andere.
Der andere Feind des Zuhörens ist die Ignoranz.
Was mir nicht passt, wird nicht gehört.
Weil es nicht in mein Bild passt.
Schon Jesaja wusste das.
Nicht alle, die hören können, tun das auch.
Oder anders gesagt:
Herr, wer hat schon unserer Botschaft Glauben geschenkt?
Das ist wie verstockt.
Was ich nicht hören will, das höre ich auch nicht.
Das gilt für die Gegner von Pater Mertens genauso wie für unsere Kinder, die ihr Zimmer nicht aufräumen, trotz Ermahnung mit dem Essen spielen, oder im Schwimmbad vom Beckenrand springen, obwohl wir es schon dreimal verboten haben.
Manchmal denke ich dann, die stehen sich selbst im Weg.
Und dann denke ich, wie oft ich mir selber im Weg stehe.
Wie schwer es mir fällt zu zuhören.
Dinge, die anderen wichtig sind, aber mich nicht interessieren.
Unangenehme Dinge!
Manchmal auch Kritik.
Zuhören hilft zur Veränderung.
Gott hört zu. Soviel ist klar.
Er kann ja gar nicht anders.
Dietrich Bonhoeffer sagt:
Es ist Gottes Liebe zu uns, dass er uns auch sein Ohr leiht.
Und es gibt viele Menschen, fährt er fort, die ebenfalls ein Ohr suchen, das ihnen zuhört. Aber auch unter Christenmenschen ist ein solches nicht immer leicht zu finden, weil die eben auch gerne reden, wo es besser wäre zu zuhören.
„Wer aber seinem Bruder, seiner Schwester nicht mehr zuhören kann, der wird auch bald Gott nicht mehr zuhören, sondern er wird auch vor Gott immer nur reden.“ (Gemeinsames Leben/Das Gebetbuch der Bibel, DBW Band 5, Seite 82f.)
So beginnt der Tod des geistlichen Lebens, das Ende des Glaubens.
Denn der Glaube kommt aus dem Hören.
Am Ende überlebt „nur das geistliche Geschwätz, die pfäffische Herablassung, die in frommen Worten erstickt.“
Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am Anderen immer vorbeireden und es selbst schließlich gar nicht mehr merken.
Wer also denkt seine Zeit sei zu knapp, zu kostbar, zu besonders, als dass er oder sie dem Anderen Zuhören könnte, der wird „nie wirklich Zeit haben für Gott und seine Geschwister, sondern nur immer für sich selbst, für seine eigenen Worte und Pläne.“
Wer also keine Zeit zum Zuhören hat, macht Gott und seinen Nächsten zum Clown, den keiner ernst nimmt.
Und das wäre nicht nur gefährlich, das wäre auch äußerst bedauerlich.
Amen.
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Freiheit durch Vertrauen – Predigt zu Römer 8,12-17 von Olaf Wassmuth
Liebe Gemeinde,
mit einem kleinen Seufzer bin ich vor ein paar Tagen nach Hause gekommen: Das war’s mit den Ferien! Im Büro ist alles noch so, wie ich es hinterlassen habe. Keiner hat meine Arbeit gemacht. Das, was dort unerledigt liegen blieb, bevor ich vor ein paar Wochen auf Reisen ging, liegt immer noch da. Und oben drauf die To-do-Liste für „Nach dem Urlaub“, die ich mir schon vorsorglich zurechtgelegt hatte. Jetzt bitte abarbeiten!
Ein kleiner Seufzer – vorbei die große Freiheit des Urlaubs, zurück im Alltag. Nein, so schlimm ist es gar nicht, Ihr Pfarrer zu sein – aber Sie wissen schon, was ich meine: Viele von Ihnen erleben es ja dieser Tage selbst, wie es ist, sich wieder einspannen zu lassen in Verpflichtungen und Aufgaben. Ganz schnell ist er wieder da: der Druck. Ganz schnell ist es wieder da: Das Müssen und Sollen, unter dem so leicht verschüttet geht, was ich eigentlich will.
Oben auf meiner To-do-Liste ist eine Bibelstelle notiert – der Predigttext für heute. Ein schwer zugängliches Stück Bibel, aber ich merke: Was der Apostel Paulus schreibt, hat etwas mit mir zu tun. Mit Freiheit und Unfreiheit, mit dem Müssen und Wollen. Ich lese den Abschnitt aus Römer 8,12-17.
12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Der Mensch zwischen „Fleisch“ und „Geist“.
Obwohl das keine Fremdworte sind, sind es doch fremde Worte, die sich nicht so leicht erschließen.
„Fleisch“ ist vielleicht eines der missverständlichsten Worte im Neuen Testament. Man denkt da viel zu schnell an den menschlichen Leib, an seine Bedürfnisse und Begierden. Doch es geht um mehr.
„Fleisch“ ist alles, was ich mir in meinem Leben nicht ausgesucht habe. Die Haut, in der ich stecke. Die Gewohnheiten und Schwächen, die mich so oft selber nerven. Die Ansprüche, die andere an mich stellen. Die Welt, so wie sie nun mal ist. „Fleisch“ ist, was ich nicht ändern kann.
Ich kann die Welt nicht ändern. Aber ich muss mich ihren Zwängen und Versuchungen auch nicht vor die Füße werfen. Wenn „das Fleisch“ dein Leben bestimmt, sagt Paulus, dann bist du schon so gut wie tot. Christliches Leben, Leben als Christ bedeutet für ihn, ein Gefühl von Freiheit zu erfahren, das sich über alle Begrenzungen erhebt. Ein Gefühl, das sein innerster Antrieb ist, das ihm Kraft gibt.
Ein Gefühl von Freiheit – da kommen mir schon wieder (oder immer noch) Urlaubsbilder in den Sinn: Guter Urlaub bedeutet für die meisten von uns, sich irgendwie frei zu fühlen. Wenn auch nur für begrenzte Zeit.
Mit dem Boot raus aufs Meer – um mich herum nur Sonne und Wasser.
Auf den Gipfel des höchsten Berges – wo die Welt mit ihren Begrenzungen so lächerlich klein aussieht.
Mit der Harley auf der Route 66 – immer geradeaus und nur den Wind im Gesicht.
Gemeinsam ist solchen Erfahrungen, dass wir uns darin ganz weit entfernen von dem, was wir sollen und müssen. Freiheit ist Ungebundenheit.
Der Apostel Paulus entwirft ein anderes Bild von Freiheit und siedelt es im Alltag an. Für ihn besteht Freiheit nicht in der Ungebundenheit, sondern in einer Beziehung – einer ganz bestimmten Beziehung.
Diese Beziehung besteht zwischen Gottes Geist und unserem „Geist“. Oder, etwas freier ausgedrückt: Zwischen der Lebendigkeit Gottes und unserem inneren Leben, unserem Denken und Fühlen. Diese Beziehung, die für Paulus bei der Taufe entsteht, ist geprägt durch ein kindliches Vertrauen. Und dieses Vertrauen macht Menschen wahrhaft frei.
Warum? Weil das Gegenteil von Freiheit nicht Bindung ist, sondern Angst.
Die Lebensangst ist es, die den Menschen wirklich knechtet. Die Angst, zu versagen, nicht zu genügen, das Leben irgendwie zu verpassen. Das was Paulus „das Fleisch“ nennt, führt uns in solche Angst und macht uns zu angstgetriebenen Menschen. Und die Angst ist der Tod im Kopf.
Wer vertrauen kann, ist dagegen wirklich frei.
Wenn du weißt, dass es nichts gibt, was dich wertlos oder unwürdig macht. Wenn du weißt, dass du um jeden Preis und unter allen Umständen geliebt bist, dann bist du wirklich frei. Freier als auf dem Ozean und über den Gipfeln der Berge. Denn da bist du bloß allein.
Der Geist Gottes, so beschreibt es Paulus, schafft in uns ein Vertrauen, wie Kinder es zu einem liebevollen und geduldigen Vater haben: „Abba, lieber Vater!“ „Abba“ ist eine zärtliche aramäische Anrede für den Vater, ein bisschen wie „Papa“. Das ist nicht der gestrenge Vater, den gerade unsere evangelische Tradition oft in Gott gesehen hat – und den das protestantische Bürgertum durch den unnahbaren und Gehorsam fordernden Patriarchen glaubte abbilden zu können. Wer den Film „Das Weiße Band“ kennt, weiß, was ich meine. Es ist vielmehr ein Vater wie im Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“: sanft, verständnisvoll, großzügig – voll Sehnsucht und Hingabe für sein Kind. Ein Vater, zu dem man immer kommen kann. In dessen Armen die Freiheit nicht endet, sondern beginnt.
Und wo ereignet sich solche Freiheitserfahrung konkret?
Paulus gibt ihr einen spezifischen Ort oder vielleicht besser: Ausgangspunkt – das Gebet. Ein paar Zeilen weiter im Römerbrief schreibt er noch mehr darüber.
Das Gebet ist ein Augenblick von Freiheit.* Mitten im Alltag.
Vielleicht haben Sie es so noch nicht gesehen. Vielleicht erscheint Ihnen das bloß als weitere Pflicht: Gebet und Stille, Meditation und Gottesdienst – dafür soll man also auch noch Zeit haben!
Das Gebet ist ein Augenblick von Freiheit.
Wer betet, segelt innerlich aufs Meer hinaus, steigt auf den höchsten Gipfel und sagt dort „Du“. Das Gebet ist Abstand und Beziehung zugleich: Es hilft uns, uns vom „Fleisch“ – dem Druck der Welt – zu distanzieren. Und es verbindet uns zugleich mit dem „Geist“ ,der Lebendigkeit Gottes. Das Gebet übt uns immer wieder neu ein in das Vertrauen, das „Abba, lieber Vater“ sagt.
Liebe Gemeinde,
die Ferien sind vorbei. Für die meisten von uns jedenfalls.
Für mich ist der Neubeginn nach den Sommerferien der tiefste Einschnitt im Jahr. Nicht etwa Silvester und Neujahr. Am Ferienende nehme ich mir Neues vor. Am Ferienende suche ich nach Perspektiven, mich nicht unterkriegen zu lassen. Ich möchte mich nicht treiben lassen, sondern verbunden bleiben mit dem, was mir Kraft gibt. Mit dem, der mir Kraft gibt. „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“
Die Ferien sind vorbei.
Aus meinem Seufzer wird ein Gebet:
Gott, Vater im Himmel:
Ich will nicht verzweifeln
an meinen Begrenzungen.
Ich will mich nicht knechten lassen,
von dem, was ich muss oder soll.
Lass mich frei atmen
durch deinen Geist,
der mir Kraft und Inspiration ist.
Lass mich vertrauen
und vertreibe die Angst,
denn ich bin dein Kind.
Amen.
*Vgl. Hilde Domins Frankfurter Poetik-Vorlesungen: „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ (1988).
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Freiheit im Gepäck – Predigt zu Römer 8,12-17 von Stephanie Höhner
Die Tasche ist gepackt. Alles drin für einen perfekten Tag am Strand: Sonnenbrille, dickes Buch, Handtuch. Und natürlich die Sonnencreme. Allein schon deren Duft lässt die Vorfreude in mir aufsteigen. Ich habe sofort Bilder von früher vor Augen. Sommerferien – sechs lange Wochen ohne Pflichten. Keine Schule, keine Hausaufgaben – einfach frei! Manchmal unerträglich viel frei.
Lange Nachmittage im Freibad. Familienurlaub an der Ostsee. Pommes am Strand, Mückenstiche an den Beinen. Jeder Tag neu und unbeschwert leicht.
Mit der Tasche über der Schulter und der Sonnencreme auf der Haut geht es zum Strand. Vorne: Meer und Wellen. Unten: weißer, heißer Sand. Oben: strahlend blauer Himmel, ein paar Schleierwolken.
Ich genieße das Rauschen der Wellen, den Duft der Sonnencreme und das Umblättern jeder Buchseite.
Kein Smartphone, das vibriert. Kein Papierstau. Keine Terminerinnerungen. Frei. Einfach frei. Perfektes Urlaubsfeeling.
So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.
Etwas schuldig bleiben – ein allzu bekanntes Gefühl. So viele Pflichten und Zwänge, die den Alltag bestimmen. Da bleibt wenig Zeit für sich selbst, einmal inne zu halten, spontan eine Freundin zu treffen, zwei Minuten länger der Mutter zuzuhören.
Zwang und Pflicht, die die Luft zum Atmen nehmen. Termine, Beruf, eigene Ansprüche – sie lassen nicht zur Ruhe kommen.
Selbst im Urlaub fällt es schwer, das Smartphone zu ignorieren, abzuschalten, die „Seele baumeln zu lassen“. Im Hinterkopf schon wieder der Alltag mit all seinen Ansprüchen. Und immer mit dabei: Nachrichten von zu Hause und aus aller Welt. Was passiert wann wo – die Welt lässt sich nicht aussperren, auch im Urlaub nicht.
Ich liege in der Sonne, bin schon auf Seite 112 angekommen. Habe alles um mich herum vergessen: Zuhause, Zeit und Welt. Als sich der Hunger meldet, gehe ich zur Promenade. Eine lange Reihe von Cafés und kleinen Läden mit allerhand Strandzubehör: Gummitiere, Schwimmflügel und Badelatschen. Und viele Touristen tummeln sich dort, in bester Urlaubsstimmung.
In einem Café kaufe ich Eis und Wasser. An der Kasse fällt mein Blick auf eine Zeitung: ein Schlauchboot, bis zum Rand gefüllt mit Frauen, Männern und Kindern. Orangene Schwimmwesten stechen heraus. Orange wie die Schwimmflügel im Laden nebenan. Die Überschrift zum Bild ist nicht wirklich neu: Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer.
Da sind sie wieder, die Bilder, die mich tagtäglich begleiten. Morgens seufzen die Zeilen in der Zeitung von neuen Bombenangriffen in Aleppo, abends fluten Bildermeere von gestrandeten Flüchtlingen die Nachrichten.
Vorbei mit der Urlaubsstimmung. Die Welt und der Alltag haben mich wieder.
Und doch ist da die Sehnsucht, alles hinter sich zu lassen. Wenigstens für ein paar Tage oder Stunden. Sich etwas Gutes zu tun. Unbedarft in den Tag hineinleben wie damals in den Sommerferien.
Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Die Welt ist zum Fürchten. Täglich neue Bilder von Gewalt. Täglich neue Zahlen von Opfern und Anschlägen.
Täglicher Kampf ums Überleben – im Großen wie im Kleinen.
Ein täglicher Kampf um den Platz an der Sonne. Getrieben vom Ziel, Erste zu sein, ganz vorne mit dabei.
Getrieben von der Angst, alles richtig zu machen. Für sich und für andere.
Getrieben von der Angst, zu versagen. Etwas zu verpassen.
Diese Angst engt ein. Sie knechtet uns. Macht uns unfrei. Unfrei, anderen Menschen offen zu begegnen. Sich mit der Kollegin über den Erfolg zu freuen. Die Vorlesung ausfallen zu lassen, um dem Freund mit Liebeskummer beizustehen. Oder die Mutter zum Arzt zu begleiten.
Die Furcht vor der Welt – sie hat uns fest im Griff.
Die Furcht vor der Welt – sie hat auch Paulus fest im Griff.
Verfolgt, gefangen, gefoltert und später hingerichtet. Weil er an Jesus Christus glaubt.
Freunde von früher sind jetzt seine Feinde, wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Kein fester Wohnsitz, immer wieder muss er ins Gefängnis. Ist schwer krank. Und dann noch Streit mit seinen Freunden, „Brüder“ nennt er sie. Für Paulus ist die Welt alles andere als in Ordnung. Sie ist zum Fürchten.
Er könnte Schluss machen. Sich zurückziehen und andere die Arbeit machen lassen. Sollen die doch durch die Gegend ziehen, sich mit den Gemeinden streiten und diskutieren, sich für die eigene Predigt auslachen lassen. Er könnte einfach aufhören.
Kann er aber nicht. Das Bild von Christus lässt ihn nicht los. Er fühlt sich getrieben vom Geist Gottes. Angetrieben. Er will weiter seine Botschaft verbreiten. Jetzt auch über das Mittelmeer bringen, nach Europa, nach Rom.
Etwas treibt ihn an: Gottes Geist. Gegen die Angst vor Welt schreibt er an:
Ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Gott ist wie eine Mutter, die uns tröstet. Wie ein Vater, der uns beschützt.
Das anzunehmen und darauf zu vertrauen, das macht frei von der Angst. Angst vor der Welt, Angst vor dem Verlieren, vor dem Versagen, vor dem Verpassen.
Damals, als Kind, konnte ich sorglos in den Tag hineinleben. Ich wusste, dass meine Eltern sich um mich kümmern. Sie konnten helfen, wenn der Baum zu hoch war. Konnten mich tragen, wenn der Weg zu weit war. Halfen mir auf, wenn ich hingefallen war. Nahmen mich in den Arm, wenn ich Angst hatte. Trösteten mich, wenn ich traurig war.
Ich wusste: Bei ihnen bin ich gut aufgehoben. Sie passen auf mich auf.
So konnte ich die Welt entdecken und neues wagen. Hinfallen gehörte dazu. Scheitern auch. Aber das hielt mich nicht davon ab, es ein anderes Mal wieder zu probieren. So lernte ich Fahrrad fahren, Schwimmen und alleine den Weg zum Kindergarten zu gehen.
Ohne das Vertrauen in meine Eltern hätte ich vieles nicht gewagt. Und damit vieles nicht kennen gelernt.
Gott zu vertrauen wie ein Kind seinen Eltern und rufen: „Abba! Lieber Vater!“
Sich in die Welt zu wagen und sie zu entdecken. Sich nicht zu fürchten vor ihren Ansprüchen und Zwängen.
Gott zu vertrauen. Trotz der Verfolgung. Trotz der Gefängnismauern. Sich in die Welt zu wagen, über das Mittelmeer, nach Europa.
Zurück am Strand will ich weiter in meinem Buch lesen. Doch die Bilder von der Promenade lassen mich nicht los. Das Orange der Schwimmwesten und der Schwimmflügel.
Das Krokodil als Gummiboot bereitet hier den Kindern Badespaß. Ein paar Flugstunden weiter ist es der Strohhalm ins sichere Europa. Mein Strohhalm dient gerade nur dazu, mein Wasser aus der Flasche zu trinken.
Ich merke: Auch hier im Urlaub lässt sich die Welt nicht aussperren. Ich könnte mich im Hotel verkriechen, der Spa-Bereich bietet einiges. Ich könnte bei den Nachrichten wegsehen bis das Wetter kommt. Oder einfach in der Zeitung weiterblättern.
Doch abschalten kann ich die Bilder aus Zeitung und Fernsehen nicht. Sie bleiben in meinem Kopf. Schieben sich vor Ostseestrand und Gummikrokodil.
Ich liege entspannt am Strand während Hunderttausende in diesem Land auf Feldbetten in Containern schlafen. Das finde ich furchtbar. Aber trotzdem möchte ich meinen Urlaub nicht missen. Ich muss auch mal abschalten. Ich alleine kann die Welt nicht retten – so geht es mir durch den Kopf. Aber einfach wegsehen, abschalten – das klappt nicht.
Die Urlaubsstimmung heute ist nicht so wie die in der Kindheit. Nicht so unbeschwert. Im Hinterkopf sind immer auch Gedanken an zu Hause, die Arbeit. Im Hinterkopf bleiben Erinnerungen an die kranke Großmutter ebenso wie die Bilder aus Syrien und Brüssel.
Sechs Wochen Sommerferien von der Welt – das gibt es nicht mehr.
Sechs Wochen Sommerferien gibt es für Paulus nicht. Er kennt das Leben sehr genau, das Leben in der Welt, die zum Fürchten ist. Doch er lässt sich davon nicht lähmen. Sondern antreiben. Er ist angetrieben von Gottes Geist, vom Vertrauen in Gott, seinen Vater.
Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber seine Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Erben Gottes und Miterben Christi sind wir.
Erben können wir Geld, Häuser, Schmuck, teure Autos und wertvolle Bilder.
Aber auch: Kredite, Krankheiten und Aufgaben.
Ein Erbe anzutreten, das bedeutet, alles anzunehmen. Vermögen ebenso wie Schulden, einen guten Ruf ebenso wie die Schuld.
Miterbe Christi zu sein, das bedeutet auch, den Schmerz und das Leid der Welt anzunehmen. Karfreitag zu erben ebenso wie Ostern.
Miterbe Christi zu sein befähigt dazu, in die Welt zu blicken. Nicht nur unter sich zu bleiben als „eingeschworene Gemeinschaft“, sondern raus zu gehen in die Welt. Sich nicht vor ihr zu fürchten, sondern ihr in die Augen zu sehen. Dem Flüchtlingsjungen auf der Straße, dem Freund mit Liebeskummer, der Großmutter im Pflegeheim.
Es gibt Bilder, die sind nicht auszuhalten. Es gibt Aufgaben, die nicht zu erfüllen sind. Und einen tiefen Fall, der weh tut. Aber davon lassen sich die Kinder Gottes nicht abschrecken. Weil sie sich damit an Gott wenden, voll vertrauen rufen: „Abba! Lieber Vater!“ Und ihren Weg finden in der Welt – ohne sich zu fürchten.
Das Mitleiden kannte Paulus allzu gut. Für ihn und die anderen Christen damals gehörte das zum Leben dazu: Dass sie leiden mussten wegen ihres Glaubens. Und auch heute gehört es für viele Christen in der Welt wieder dazu.
Paulus kann das Leiden auch nicht aussperren. Es gehört zu seinem Leben, auch wenn er „Kind Gottes“ ist. Aber er kann rufen: „Abba! Lieber Vater!“ Weil er Gott vertraut wie ein Kind. Daran hält er fest. Er ist angetrieben vom Geist Gottes. In der Welt, die eigentlich zum Fürchten ist. Er nimmt sie an, wie sie ist: zum Fürchten. Er nimmt sie an im Vertrauen: „Abba! Lieber Vater!“ Das befreit ihn zum Leben in dieser Welt. Das befreit ihn, weiter in die Welt zu gehen, über das Mittelmeer. Das befreit ihn, weiter zu leben.
Am nächsten Tag packe ich wieder meine Tasche. Wieder mit dabei: die Sonnencreme. Diesmal nicht dabei: die Illusion einer perfekten Urlaubsidylle. Dafür aber mit der Freiheit im Gepäck: Ich muss mich vor der Welt nicht fürchten. Auch im Urlaub nicht.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unseren Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.