Sein Leben in Gott und die Welt erforschen - Predigt zu 1. Kor 1,18-25 von Markus Kreis
18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. 19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« 20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? 21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. 22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, 23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; 24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
Liebe Gemeinde,
die dummen Torheiten und die weisen Weisheiten, die gibt es schon noch. Nicht jede Torheit ist eine verborgene göttliche Weisheit. Und nicht hinter jeder Weisheit steckt in Wahrheit eine höllische Torheit. Predigttext hin oder her. Das muss man mal festhalten zu diesen Zeiten. In denen während der Pandemie Wissenschaft vermehrt angegriffen wird.
Es gibt Gründe, Wissenschaft zu kritisieren. Forscher haben betrogen und betrügen immer noch, sei es an der Universität oder in der Abteilung Entwicklung der Industrie. Sie leugnen in Gutachten den Klimawandel, erschleichen falsche Kennwerte, indem sie Software manipulieren. Sie behaupten für Kurse an der Börse Erfolge. Die wiederum in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus, wenn sie näher geprüft werden.
Richtig verstanden und gemacht entspricht Wissenschaft göttlich weiser Weisheit. Sie kann dann zur Freiheit aus Not verhelfen. Ja, ja, der Turmbau zu Babel - aber erinnern sie sich, es gibt daneben den Bau der Arche Noah. Von Gott persönlich angewiesen.
Zunächst ist zu klären: Was hat es mit törichter Weisheit und weiser Torheit auf sich? Und mit machtloser Kraft und machtvoller Schwäche? Damals warfen laut Paulus Ungläubige den Christen zweierlei vor: Eure Lehrsätze über Gott sind töricht. Und: Das Wirken Eures Gottes in der Welt kommt doch recht ohnmächtig rüber.
Paulus dreht den Spieß um. Er entgegnet darauf: Alles nur Projektion, liebe Leute. Viele vertragen nicht den Gedanken, dass ihr Wissen größtenteils unabgeschlossen bleibt. Das macht sie extrem unsicher. Halbwissen, Falschwissen, Irrtum, Zweifel, das ist ihnen fern. Was natürlich falsch und reine Einbildung ist. Solche Besserwisser halten sich insgeheim für allwissend und unterstellen genauso heimlich anderen, dass deren Wissen voller Mängel ist. Nach dem Motto: Angriff ist die beste Abwehr.
Projektion auch beim Thema Macht und Ohnmacht. Viele leiden darunter, dass sie so wenig in der Welt ausrichten. Das frustriert sie. Insgeheim halten sie sich vielleicht sogar für Versager. Schwachheit des Körpers, Mangel an geistiger Disziplin, Denkfehler, dem unterliegen nur andere. Was sie natürlich blind für die eigene Lage macht. Solche Macher halten sich insgeheim für allmächtig und unterstellen genauso heimlich anderen, die sie echt nichts auf der Pfanne haben. Ganz nach dem Motto: Angriff ist die beste Abwehr.
Als Christ denkt man anders. Da weiß ich ganz gewiss: Gott begegnet jedem mit Liebe, auch wenn er diese Zuwendung nicht verdient hat. Laut Paulus haben viele Menschen das als Torheit empfunden. Um sich durchzusetzen, ist für sie vergelten statt vergeben angesagt. Gleiches mit Gleichem, im Guten oder im Bösen. Statt immer wieder nur reinbuttern. So die Weisheit der Welt.
Wie oft habe ich in meinem Leben unverdient profitiert, weil sich andere mir mit Liebe zugewendet haben. Sehr oft. Das ist schwer zuzugeben. Denn das schmälert die eigene Leistung erheblich, auch das Vertrauen in sich selbst. Das Zutun anderer verdränge ich statt es einzusehen. Stattdessen sehe ich mich gerne allein als den Bringer, der alles geregelt bekommt.
Als Christ weiß ich ganz gewiss: Gott begegnet mir mit Liebe, auch wenn ich diese Zuwendung alles andere als verdient habe. Das bedeutet zweierlei: Ich genieße in meinem Leben gerade diese Zuwendung und Liebe. Dann bin ich gut vor Gott. Oder dessen Liebe und Zuwendung stehen aus. Sie müssen mir neu zu Teil werden, weil mir Gott ferne liegt, mit oder ohne mein Wissen. Dann bin ich ein Sünder, gottlos.
Ob ich als gut oder schlecht vor Gott stehe, weiß nur ich allein. Jeder Wissensstand bringt seine eigene Gewissheit mit sich. Zu hoffen ist einem gewiss, zu verzweifeln ist einem gewiss. Gott wirkt auf mich über mein Wissen ein, nicht nur über meinen Körper. Viele Menschen empfinden es als wirkungslos, diesen Weg über Gewissheit zu wählen. Glaube ist schwer zu überprüfen. Was einer tut oder sagt aber schon. Weshalb sich leider viele gerne von Zeichen oder Wundertaten beeindrucken lassen.
Andererseits ist klar: Jemand kann viel Gutes tun und dabei Böses im Schilde führen. Nur weil sich jemand an Regeln hält, steht er noch längst nicht zu dem Geist, der hinter den Regeln steckt. Und vielleicht wendet hier ein anderer ein: Man kann sich auch selbst täuschen mit dem, was man im Inneren zu sich sagt oder denkt.
Egal, wie man es fasst: Früher oder später macht es sich bemerkbar, wenn es in einem Leben klafft zwischen dem, was man glaubt, und dem, was man tut. Die anderen werden es bemerken oder man selbst. Ja, und dann? Wenn man vor den Scherben seines Lebens steht? Da hilft nur noch Vergebung, ein Neubeginn. Angesichts des Verzweifelns, des Wissens ums eigene Versagen, die alte Gewissheit neu: Gott begegnet mir mit Liebe, auch wenn ich es nicht verdient habe.
Jeder Wissenstand bringt seine eigene Gewissheit mit sich. Das gleiche gilt auch für Gott. Ob Gott einen je in seiner Lage als gut oder gottlos sieht, weiß nur Gott allein. Was für mich schließlich heißt: Kein Zweifel, dass Gott wie beschrieben bei mir wirkt. Aber zu Lebzeiten auch Zweifel und Verzweiflung, zu welcher Zeit Gott denn so oder so an mir so wirkt.
Ich kann mich irren, mich in meinem Stand vor Gott täuschen. Ich kann mich gerade für gut halten, und vor Gott schon das Gegenteil sein. Also der Verzweiflung oder Reue anheimfallen. Oder ich halte mich gerade für schlecht und bin vor Gott schon gut. Neuer Freude und Hoffnung bahnt sich an. So arbeitet Gottes Vergebung in Christus. Im Leben keine Hoffnung ohne Verzweiflung. Die Übergänge zwischen den beiden können quälend langsam verlaufen. Der Wechsel kann sich plötzlich einstellen. Der Wechsel kommt, so oder so, denn gerade so wirkt Gottes Vergebung.
Dank der Vergebung in Christus, ist mir in meinem Leben Falsch- oder Halbwissen zur Kraft geworden. Ich vertraue, dass Gott sich mir in Liebe zuwendet. Egal, ob ich nun gerade mit oder gegen Gott lebe. Wenn ich mich von Gott entferne, lautet sein Urteil: Verzweiflung. Wenn sich Gott mir in Liebe zuwendet, lautet sein Urteil: feste Hoffnung.
Ebenso ist endgültiges Bescheidwissen eine Schwäche. So standhafte Gewissheit bedeutet nämlich, seinen Wissensstand einzufrieren. Auf neues Lebenswissen zu verzichten. In einer Welt, die sich fortwährend ändert.
Das Wissen bezieht sich längst nicht nur auf den eigenen Stand vor Gott. Das ist eigentlich altes wahres Wissen, gern vergessen oder nicht verstanden. Ähnlich dem, was man aus der Mathematik weiß. Es gibt auch Neues zu wissen. Das bezieht sich auf den eigenen Stand im Leben. Denn es ist bezogen auf die jeweils persönliche Lebenslage: also auf die Mitmenschen, mit denen ich Beziehungen führe, auf die Aufgaben, die mir obliegen. Da kann es heißen, sich neu Fehler einzugestehen. Eventuell auch vor anderen. Und es besser zu machen. Oder die Fehler anderer anzusprechen. Aber auch sich zu freuen, dass alles gut läuft. Und dafür stolz und dankbar sein. Oder sich für andere zu freuen, dass es bei ihnen gerade gut läuft.
Wissenschaft erforscht die Welt ähnlich wie Gläubige ihr Leben vor Gott. Forschern wird ihr Falsch- oder Halbwissen über die erforschte Wirklichkeit zur Kraft. Sie vertrauen, dass sie sich ihnen zuwendet, zeigt, wie sie wirklich ist. Auch wenn sie sich ihnen gerade noch verschließt. Ihr Zweifel und ihre Torheit führt sie dazu, neues Wissen und Gewissheit zu bekommen. Endgültiges Bescheidwissen kann dabei nur Schwäche sein. Da standhafte Gewissheit nämlich bedeutet, seinen Wissensstand einzufrieren. Auf neues Wissen zu verzichten. Das im Fluss der Wirklichkeit auftauchen wird.
Kommen wir zur göttlich weisen Wissenschaft. Sie liefert uns Modelle der Welt und Wirklichkeit. Das tut sie sehr erfolgreich, wie viele Techniken zeigen, die wir so nutzen. Wahrhaft weise Wissenschaft ist so erfolgreich, dass einige ihrer Ergebnisse sogar Teil der Sprache geworden sind. Dampf ablassen, zum Beispiel. Das heißt seinen Unmut äußern, etwas ändern wollen und das dann auch tun. Dampf ablassen, das passiert auch in der Dampfmaschine.
Der Mensch benutzt sein Wissen über Teilbereiche der Natur, um sich eine künstliche Natur zuzulegen. All die Labore und Fabriken, Straßen und Bahnen, Glasfasern und Leitungen gehören dazu. Die sollen ihm beim Leben in und mit der Natur helfen. Diese Entlastung bringt Menschen mehr Freiheit für Kultur, also freie Zeit zum Nachdenken und rein geistiger Beschäftigung überhaupt, zum Schaffen von Kunst und Wissenschaft usw.
Allerdings ist die Wissenschaft in der freien Natur draußen eben nicht ganz so erfolgreich wie im Labor. Die Wettervorhersage stimmt nicht immer, ein Impfstoff erweist krank machende Wirkungen erst im Gebrauch und eine genetisch neue Pflanze bringt mit ihrer grünen Power plötzlich ein Ökosystem ins Wanken. Die Dinge werden, wenn sie der Kontrolle des Versuchslabors entzogen sind, schnell sehr kompliziert. Die Wissenschaft kann sie dann viel weniger sicher beherrschen oder vorhersagen.
So schwindet das Vertrauen in die Wissenschaft. Denn sie schafft nicht nur Wissen, sondern auch Halbwissen, Fehler inklusive. Ja, sie schafft es nicht, Unwissen zu beseitigen. Und wenn sie Wissen schafft, dann handelt es sich oft genug nur um vorläufiges Wissen, um Das-ist-noch-nicht-alles-was-dazu-zu-sagen-ist-Wissen.
Was heißt das für die Wissenschaft? Sie genießt bei den Leuten sehr viel Respekt, weil ihre Entdeckungen und Erfindungen das Leben erleichtern. Dieser Respekt ist schnell verspielt, wenn man so tut, als könne sie mit Hilfe von Technik für jedes kommende Problem eine Lösung herstellen. Sprich, wenn man so tut, als wäre die natürliche Wirklichkeit nur ein übergroßes Werklabor. Und nicht die Umwelt eines Werklabors, die den Laden schwer in Bedrängnis bringen kann.
Weise Wissenschaft entsagt dem Nimbus der Allmacht und Allwissenheit von sich aus. Wenn nicht, wird ihr noch viel mehr entzogen. Pfarrer- und Ärzteschaft wissen bereits ein Lied davon zu singen. Ich lache inzwischen innerlich auf, wenn sich jemand als Experte für was auch immer vorstellt. Und als Einzelner unfehlbar Lösungen für sein Sachproblem anpreist.
Um den Respekt neu zu gewinnen, muss man so vorgehen, auch die Medien: Erkenntnis ist als vorläufiges Wissen statt als Dogma zu markieren, dessen Lücken sind zugleich mit zu erwähnen. Egal ob es sich um Lücken im Sachgebiet oder um Lücken in Verbindung zu anderen Gebieten dreht. Wahrscheinliches ist als vorläufige Einschätzung zu markieren und nicht als Naturgesetz.
Denn leider sind die Probleme, die uns heute besonders beschäftigen, offenbar viel schwieriger zu lösen als das Ereignis, ein Ding mit vier Rädern auf einer mehr oder weniger glatten Strecke problemlos eine Weile aus eigener Kraft vorwärts fahren zu lassen. Der Verbrennungsmotor und der Klimawandel zeigen das Problem auf: Die Wirkung der künstlichen Natur in einem Teil der natürlichen Wirklichkeit. Wobei letztere nur sehr vorläufig verstanden ist.
Wie gut etwa Klimamodelle tatsächlich das Klima vorhersagen, werden wir erst in einigen Jahrzehnten wissen. Genau genommen werden wir es nie erfahren, weil die Menschen in Zukunft ihr Verhalten ändern werden. Einerseits auf der Basis der heutigen Vorhersagen, aber auch weil es neue Technologien gibt, die wir heute noch nicht kennen. Die Vorgänge werden also nicht genau so verlaufen, wie es die Modelle heute vorhersagen, auch wenn verschiedene Szenarien berechnet werden.
Denn es werden sich Dinge ereignen, die die Entwicklung maßgeblich ändern. Dinge, von denen wir heute noch nichts wissen: Seien es Entdeckungen im Labor, Erfindungen in der Werkstatt, Vulkanausbrüche, Meeresströme ändern ihren Verlauf usw. Dinge, mit denen wir heute mangels Wissens schlicht noch nicht berechnen können.
Zu diesem Noch-nicht-alles-Wissen gehört vor allem das Verhalten der Menschen selbst. Wir reagieren auf die Nachrichten und den Stand der Dinge. Aber auch auf deren Auslegung durch Modelle und Vorhersagen. Auf welche Weise wir reagieren, das ist schwer vorhersagbar. Deshalb lässt sich unser neues Verhalten nur wenig sachgerecht in die Modelle und Formeln einbauen. Auch wenn es in Zukunft dann auch ein paar neue mathematische Modelle geben wird.
Das heute nur vorläufige Wissen mit Lücken bedeutet jedoch nicht, dass die Modelle und ihre Formeln nichts bringen. Auch wenn sie das Klima in seiner Vielfalt nicht erfassen können, helfen sie: Es gelingt wenigstens, bestimmte Fluchtpunkte in dieser Vielfalt zu verstehen. Außerdem ermöglichen sie etwas, was im echten Leben schwer nachzustellen ist: gedanklich auszuprobieren, zu experimentieren, virtuelle Welten durchzuspielen.
In diesem Zahlenspiel lässt sich jede Maßnahme einzeln ausprobieren oder kombiniert mit anderen. Kurz: das mathematische Modell ist das Versuchslabor der Forscher, egal, ob es um Klima oder Pandemie geht. So lernen die Wissenschaftler, die Zusammenhänge zu verstehen. Unmittelbarer, kurzfristiger Nutzen, der entsteht daraus nicht. Das mag die Leute enttäuschen und Vertrauen in den Job der Wissenschaften beeinträchtigen. Aus Modellen sind für die großen Aufgaben keine klaren Anweisungen zu gewinnen. Und schon gar keine Prophetie nach dem Prinzip: Tut das, dann wird jenes geschehen. Auch wenn man das gerne hätte. Zahlen und Formeln bieten Orientierung, mehr nicht.
Wissenschaft muss zugeben, dass sie nur Modelle hat, die ein schwaches Abbild der Wirklichkeit liefern. Rein Mathematisch gesehen. Und auch von dem her, was als Wirklichkeit im Modell dann veranschlagt wird. Zudem kommt: Auch Forscher machen Fehler, nicht nur fachliche. Obwohl sie so gut bezahlt werden. Andere würden in dem Job auch ihre Fehler machen, aber ich glaube, in ungleich größerer Anzahl.
Weise Wissenschaft orientiert. Ihr Wissen und ihre Gewissheit sind das Beste, was wir haben, um die natürliche Wirklichkeit zu erforschen. Allerdings können ihre Einsichten, gerade, wenn sie Antworten auf dringende Fragen geben sollen, unscharf sein. Manchmal widersprechen sie sich sogar. Sie können uns nie sagen, was wir im Einzelnen tun sollen. Das muss persönlich im Gewissen erforscht und entschieden und werden. Ganz wie im Glauben. Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Als Adressaten in kritischer Hinsicht hatte ich in mir zugegen: Pandemie leugnende Gläubige - nicht nur freikirchliche - und nicht gläubige, aber studierte Freund*innen, sowie Christen oder Nichtchristen, die die Wissenschaft vergöttern. Christen, die zu Wissenschaft ein nüchternes Verhältnis haben, sollen sich mehr oder weniger tief bestätigt sehen.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Einerseits hat sich der Text wegen einer Examensangelegenheit auf meiner Liste offener Posten befunden. Andererseits erfuhr ich von freikirchlicher Seite und von nichtgläubigen, aber studierten Freund*innen viel als Wissenschaft verbrämten Unsinn über die Pandemie und ihre Folgen, wozu ich theologisch und wissenschaftlich Kontrapunkte setzen will. Bei letzterem geholfen hat mir ein Text von Jörg Phil Friedrich in der ZEIT vom 25.05.2021, Wer glaubt schon Modellbauern?
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Dass der Korinthertext den Spieß umdreht und die Vorwürfe der Kritiker des christlichen Glaubens gegen sie selbst zu kehren weiß. Ebenso die vielen Parallele in der Mentalität der Forscher und der an den Gott des AT oder NT Glaubenden
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die sehr ausführliche Rückmeldung inklusive eines fernmündlichen Gesprächsangebots ließ mich von einer zuerst gewählten Wurzelmetapher zu Gott absehen und veranlasste mich, die dialektischen Paarungen (schwach-stark, weise-töricht, christgläubig-nicht christgläubig) des Korinthertextes zu vertiefen, um von dort her weise Wissenschaft zu erläutern.
Link zur Online-Bibel
Auf dem Weg der Liebe - Predigt zu 1. Korinther 14,1-12 von Christiane Quincke
Predigttext 1. Korinther 14,1-12 - als Lesung vorab:
1Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe! Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt – vor allem aber danach, als Prophet zu reden. 2Wer in unbekannten Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott.Denn niemand versteht ihn.Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis.3Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie.4Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf. Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf. 5Ich wünschte mir, dass ihr alle in unbekannten Sprachen reden könntet. Noch lieber wäre es mir, wenn ihr als Propheten reden könntet. Wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in unbekannten Sprachen redet – es sei denn, er deutet seine Rede auch. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen. 6Was wäre, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede. Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle? Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder eine Lehre. 7So ist es ja auch bei den Musikinstrumenten, zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier: Nur wenn sich die Töne unterscheiden, kann man die Melodie der Flöte oder Leier erkennen. 8Oder wenn die Trompete kein klares Signal gibt, wer rüstet sich dann zum Kampf? 9Genauso wirkt es, wenn ihr in unbekannten Sprachen redet. Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können? Ihr werdet in den Wind reden! 10Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. Und kein Volk ist ohne Sprache. 11Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht. Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich. 12Das gilt auch für euch. Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes. Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen. Davon könnt ihr nicht genug haben.
1. Giftpfeilworte
„Mit dieser Hose kannst du doch nicht vor dem Altar stehen!“
„Eine Frau auf der Kanzel? Das geht nicht!“
„Du nimmst die Bibel nicht ernst, sonst würdest du keine Homosexuellen trauen.“
„Du glaubst nicht an Jesus, sonst könntest du nicht mit Muslimen zusammen beten.“
Worte, die ich so oft gehört habe, dass ich sie nicht zählen kann.
Wie Giftpfeile haben sie mich getroffen und treffen mich noch heute.
Und ihre Botschaft ist für mich eindeutig: ich gehöre nicht dazu.
Nicht zum Kreis der Rechtgläubigen. Nicht zu denen, die wissen, was sich gehört.
Und am Ende noch nicht mal zu Jesus.
Genau das soll nicht passieren, sagt Paulus.
In der Gemeinde sollen eure Worte Gemeinde aufbauen, trösten und ermutigen.
Nicht ausgrenzen. Sagt er.
„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
2. Liebe ist der Maßstab
Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Die Liebe ist der Maßstab. Auch wenn es um Worte geht.
Auf dem Weg der Liebe wird kein Mensch ausgegrenzt.
Und das buchstabiert Paulus durch.
In Korinth gibt es Christen und Christinnen, die auf ihr inniges Verhältnis zu Gott besonders stolz sind. Sie haben dafür sogar eine eigene Sprache - eine, die nur sie selber und Gott verstehen. Mit Gott auf du und du.
Das ist okay, aber es hilft den anderen nicht, schreibt Paulus. Im Gegenteil: es schließt die anderen aus, weil sie nicht verstehen, worum es geht. Vielleicht bekommen sie sogar das Gefühl, dass sie noch nicht fest genug glauben oder dass an ihrer Beziehung zu Gott was nicht stimmt. Und das ist lieblos.
3. Verstehen
Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Worte sollen verbinden, nicht ausschließen.
Und doch tun sie es. Oft sogar unbeabsichtigt. Auch hier bei uns. Hier in der Kirche.
Bis zur Reformation haben die Pfarrer auf Latein gepredigt. Das Volk verstand sie nicht. Es nahm am Schauspiel der Kleriker teil, aber gehörte nicht wirklich dazu.
Auch die Bibel gab es noch nicht in Deutsch.
Das änderte sich dann. Plötzlich gab es die Muttersprache in der Bibel und auf der Kanzel.
Aber verstanden die Leute wirklich, was gesagt wurde?
Ich fasse mir an meine eigene Nase: Wie oft habe ich viel zu lange Sätze verwendet?
Und Worte, die nur die wirklich Eingeweihten verstehen?
Vor vielen Jahren habe ich ein Gemeindepraktikum in Argentinien gemacht und ich musste auf Spanisch predigen. Das war das Beste, was mir passieren konnte - die beste Übung, von der Gelehrten-Sprache wegzukommen. Denn da konnte ich nicht kompliziert sprechen.
Aber damit es nicht getan. Ich lebe ja auch in meiner Welt, die in vielem anders ist als die meiner Hörer und Hörerinnen. Meine Erfahrungen sind nicht ihre, nicht eure. Viel zu oft denke ich, dass wir dieselbe Sprache haben. Und viel zu oft benutze ich auch Worte, die ausgrenzen, und Sätze, die ihr nicht versteht.
4. Jede*r gehört dazu
Ich hoffe, dass ihr mich jetzt versteht.
Dass ich euch, die ihr mir zuhört, mitgenommen habe. Dass ihr noch dabei seid.
Denn jede und jeder von euch gehört dazu.
Mir liegt an einer Kirche, die niemanden ausgrenzt.
Ich will mit euch eine Kirche gestalten, die den Weg der Liebe geht.
Eine Kirche, die für euch alle ein guter, ein sicherer, ein liebevoller Ort ist.
Ich weiß, dass der Weg noch weit ist.
Immer noch denken viele, dass Kinder nicht zum Abendmahl dürfen, weil sie es angeblich nicht verstehen.
Immer noch gibt es evangelische Kirchen, die Frauen nicht auf die Kanzeln lassen. Ja, dazu hat auch Paulus beigetragen. Er hat seine eigenen Worte nicht ernstgenommen.
Immer noch hören viel zu viele Menschen, dass sie nicht willkommen sind, nur weil sie anders lieben, anders fühlen, anders sind, als die sogenannte Norm. Gerade erst wieder musste ich in einer kirchlichen Zeitschrift lesen, dass sie krank seien oder sündig und pervers leben - auch daran trägt Paulus seinen Anteil. Und ich schäme mich dafür, dass das immer noch passiert.
Ja, und immer noch lassen wir Menschen mit Behinderungen nicht wirklich zu Wort kommen.
5. Willkommen heißen
Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Jesus lebt sie, diese Liebe. Geht diesen Weg.
Vor 2000 Jahren hat er Kinder in den Arm genommen, Zachäus vom Baum geholt und sich vor die Frau gestellt, die vom Mob gelyncht werden soll.
Vor wen würde er sich heute stellen?
Vor die Synagoge, vor die Moschee, vor die Beratungsstelle für Abtreibungen vielleicht?
An seinem Tisch sitzen sie alle, die nirgendwo einen Platz bekommen.
Die immer weggejagt werden, die sind willkommen.
Und das gilt auch für mich. Und für euch.
Niemand wird weggeschickt. Jedes verwundete Herz wird umarmt.
6. Mit Worten verbinden
Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Geht ihn weiter, ihr Christen und Christinnen.
Mit euren vielen Stimmen und den vielen Weisen zu leben.
Geht den Weg nicht für euch allein, sondern zusammen mit allen, die lieben.
Geht ihn mit den Muslimen und den Jüdinnen, den Atheistinnen und den Frommen.
Die Liebe hört an den Kirchenmauern nicht auf.
Sie gehört hinein in die Welt.
In die Flüchtlingsheime und in das Rathaus.
Ans Krankenbett und ins Nagelstudio.
Sprecht Worte, die verbinden.
Öffnet euer Herz für die, die anders sind als ihr.
Denn das ist der Weg von Jesus. Kein anderer.
7. Willkommensworte
Lasst uns die Giftpfeilworte in Willkommensworte verwandeln:
Auch vor dem Altar darf jede sein, wie sie ist.
Jede soll viele Fragen stellen!
Eine Frau auf der Kanzel? Wunderbar!
Wir nehmen die Liebe Gottes ernst. Darum trauen wir Homosexuell Liebende.
Wir glauben an die Größe Gottes und darum beten wir mit Muslimen zusammen.
Könnten Willkommensworte so klingen?
Worte, die verwundete Herzen umarmen.
Die ermutigen und trösten.
Prophetische Worte der Liebe.
Worte, die ich noch mehr hören will und anderen sagen will.
Denn sie verbinden. Mit Jesus. Euch und mich und die ganze Welt.
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Unsere analoge Gottesdienstsituation ist immer noch von vielen Barrieren (Abstand!) und kurzen Gottesdiensten geprägt. Das Ringen um Zugänglichkeit ist allgegenwärtig. Dies betrifft auch die digitalen Formen, die die Frage nach der Verständlichkeit unserer kirchlichen Sprache oft noch viel direkter aufwerfen. „Glossolalie“ wird in den landeskirchlichen Gemeinden ja nicht gepflegt. Aber das Thema „Verstehbarkeit“ ist geblieben.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Dass Sprache ausgrenzen oder verbinden kann, ist derzeit wieder sehr aktuell (z.B. Debatte um Gendergerechte Sprache). Auch in der evangelischen Kirche wird es debattiert. Mich hat insbesondere der Kontext des Predigttextes dazu motiviert, vom Aspekt der „Liebe“ auszugehen (siehe das 13. Kapitel) und die Ziel von Paulus aufzunehmen, eine inklusive Kirche zu bauen.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Auch ich grenze aus - meistens unbewusst. Es ist herausfordernd, dass meine Welt und die meiner Hörer*innen nicht dieselbe ist. Wie können wir dennoch einander verstehen und dafür sorgen, dass wir - auch sprachlich! - niemanden ausgrenzen? Die Vielstimmigkeit, die Paulus neben dem Aspekt der Verständlichkeit ins Spiel bringt, könnte hier ein Wegweiser sein.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Das sorgfältige Lesen und die behutsamen Hinweise meiner Coach Christine Schlund waren für mich sehr hilfreich. Sie ermutigte mich, konsequenter im Fokus zu sein und manche Klischees rauszuwerfen. Zwei weitere Kolleg*innen haben ebenfalls nochmal „drüber geschaut“ und hilfreiche Anregungen gegeben. Ich bin dankbar für diese Möglichkeiten des Predigtcoachings.
Link zur Online-Bibel
Post zum Pfingstmontag - Predigt zu 1. Korinther 12, 4-8 von Jochen Riepe
( Der Predigttext ist als Epistellesung vorgetragen worden.)
I
‚Keiner weiß genau, wie es kam … Es brauchte Zeit, der Abstand tat weh, aber heute halten wir uns an den Händen‘. Heilung. Versöhnung. Wieder miteinander sprechen. ‚Es sind verschiedene Gaben, Ämter, Kräfte, Meinungen, Geschichten, Sprachen… und, und, und… es ist aber ein Geist‘, schreibt Paulus. Dieser Geist, der ‚Geist Christi‘, sei mit euch. Es ist Pfingstmontag.
II
Heilung … nicht wahr, so etwas vergißt man nicht: Der Junge war gefallen. Er weinte. Das Knie blutete. Die Mutter beruhigte, säuberte die Stelle und legte ein Pflaster auf. Und dann pustete sie und blies ganz sanft die Stelle an. ‚Und jetzt, was müssen wir jetzt tun?‘ fragte der Kleine. ‚Nun warten wir. Die Wunde muß jetzt schlafen. Das wird schon wieder!‘
‚Das wird schon wieder‘. Den Weg der Genesung darf man soz. sich selbst überlassen. Nach ersten Maßnahmen ist alles so ‚eingesetzt‘(12,10), daß eine Verletzung sich schließen kann. Manchmal hinterläßt sie eine Narbe. Und manchmal ist es so, als sei gar nicht gewesen. Der Schnitt, die Schramme oder die Schürfung sind schnell vergessen.
III
Paulus, der reisende und schreibende Apostel, ist in Sorge um die Gemeinde in Korinth, er, der sich als einer ihrer ‚Väter‘(4,13) bezeichnet und von Herzen mit diesem Teil des Leibes Christi verbunden ist. Was war geschehen? Korinth sei von ‚Spaltungen‘(1,10), von ‚Eifersucht und Streit‘(3,3) zerrissen. So wurde es dem Apostel berichtet, und dazu will er brieflich Stellung nehmen. ‚Es tut mir weh, was ich über euch höre‘. Jede Gemeinde kennt Gruppen, Kreise, ‚Parteien‘, und diesen damals fiel es schwer, miteinander zu sprechen – vielleicht wollten sie es auch gar nicht. Sie konkurrierten mit ihren Gaben und rieben sich aneinander. Ich weiß: ‚Wettkampf‘ kann uns motivieren, aber eben auch völlig verdrehen. Triumph den einen, Schmach den anderen: ‚Alles ist mir erlaubt‘(6,12), wenn es nur Aufmerksamkeit erregt. Heilungen, Zungenreden, Weissagungen…
‚Verschiedenheit ist gut‘, schallt es aus den Medien. Vorsicht! Die Frage: ‚Wer hat zu sagen? Wer hat die Lufthoheit?‘ lauert auch hier. Korinth war eine multikulturelle Stadt. Buntheit im Alltag will gelernt sein. Faires Streiten, ein fruchtbarer Wettstreit muß eingeübt werden. Sonst setzt sich der Laut-‚Starke‘ durch und bevormundet die ‚Schwachen‘ (Röm 14,1). Droht, so der Apostel, eine ungeregelte Vielfalt nicht den Leib Christi zu fragmentieren, zum Taumeln und zu Fall zu bringen? Wunder des Geistes – Wunden des Geistes. Gegeneinander erhebt sich, was zusammengehört.
IV
Es wird noch verwirrender. Paulus ist der Gründer der Gemeinde, er schreibt allerdings von außen, wohl aus Ephesus. Mir als ‚(Streit-) Schlichter-Gemüt‘ fällt dazu ein: Solche Einmischung kann hilfreich sein, aber auch Widerstand und Gereiztheit entfachen. Räumliche Distanz droht, die Dinge zu verzerren. Stimmt es denn wirklich, was ihm zugetragen wurde? Kannte er die Situation? ‚Väter‘, selbst liebebedürftig und schnell überfordert, sind nicht unbedingt die besten Berater. Zumal gegenüber Kindern, die sich renitent zeigen, dem Vernehmen nach hochgemut und trunken im Geist schweben und nur widerwillig zur Erde und in den Alltag zurückwollen. Eine explosive Lage!
Im Eingangsteil seines Briefes spürt man das: Paulus fühlt sich herausgefordert. ‚Vor-Münder‘, Kümmerer, neigen zu Machtworten oder vorwurfsvollen Vorhaltungen: ‚Ja, wißt ihr denn nicht?‘ Ja, damals in der guten, ersten Zeit, ‚als ich zu euch kam‘(2,1) … da waren sie noch klein und ‚unmündig‘, die Korinther. Sie bedurften der Milch, feste Speise konnten sie nicht vertragen. Aber sind sie es nicht immer noch und brauchen ein ‚Vorbild‘, um mit der Lage zu recht zu kommen? Einer, der die Wunden entschieden und resolut verbindet? ‚Die Zeiten haben sich geändert‘, höre ich die ebenso liebebedürftigen Kinder erwidern. ‚Auch ein Apostel muß lernen‘.
V
‚Es sind verschiedene Kräfte, Gaben, Aufgaben, Perspektiven … und, und, und… aber es ist ein Geist‘. Kann man denn die Gelassenheit der Mutter, die auf die Selbstheilung des Leibes vertraut, angesichts der Wunden des Geistes bewahren? Und würde Paulus, der Briefschreiber, meine Kindheitserinnerung zulassen und auf den angeschlagenen Leib Christi, die prekäre Gemengelage von Enthusiasmus, Konkurrenz, Neid und Hochmut, anwenden?
‚Ich weiß nicht wie, aber wir kamen wieder zusammen‘, zitierte ich zu Anfang eine Stimme voller Dankbarkeit und Erstaunen darüber, daß in unser zerrissenes Leben, ja, ‚eine es ’tragende‘ Geisteskraft eingewoben ist‘ (K.M. Kodalle). Eine ‚Integrationskraft‘, die über das Gegebene und unabänderlich Scheinende hinausragt und ‚ganz unerwartet und unverhofft‘ uns sich schenkt. In einer Gemeindechronik lesen wir von diesem Geheimnis eher zwischen den Zeilen: Wir haben Schmerzen, wir leiden aneinander, wir streiten und manchmal droht sich alles aufzulösen, und doch, die Sprache legt es in den (allzu?) schönen Satz: ‚und alles Getrennte findet sich wieder‘. Das Unumkehrbare und Unwiderrufliche ist offen für – Versöhnung.
‚Es ist ein Geist‘. Heute am Pfingstmontag werden wir dieser Vertrauen stiftenden, wahrlich entspannenden und entkrampfenden Gotteskraft inne. Nach dem heftigen ‚Sturmgebraus‘(eg 567) des Pfingsttages ist sie es, die durch unsere Zerrissenheit hindurch wirkt. Ja, sie nimmt diese in den Dienst, öffnet Herzen und Hände: ‚Komm, ich will dir zuhören‘.
VI
Also, auch ein ‚Vater‘ lernt. Gewiß, ‚die Zeit ist kurz‘(7,29) und das macht Druck. Aber gerade schreibend – ein Brief als Statthalter des Gesprächs!- können Eindrücke, Urteile, Gerüchte, auch der eigene Ärger, gegenläufig dazu – Zeit gewinnen! Luft. Atem. Abstand. Was ich geschrieben habe, das sieht mich an, und manchmal ziemlich schräg und kopfschüttelnd: ‚Denk noch einmal drüber nach‘. Besonders einen zornigen, streitbaren Brief oder eine mail werden wir erst einmal ruhen lassen und eine Nacht drüber schlafen, bevor wir sie absenden.
Ob sich eben in solch einer Ruhe-Pause dem Apostel jenes Wachstum, jenes ‚milde und heimliche‘(M. Claudius) Resonanzgeschehen erschloß, das wir mit dem ‚leisen Wehen‘ des Gottesgeistes verbinden? Und war nicht sein Schreiben, sein Weg zum Brief, dessen Zeuge? Vermuten darf ich es jedenfalls. Je ernster und erinnerungsstärker mir ein Anliegen ist, umso näher rückt mir auch das Herz dessen, den ich anschreibe. Seine Lage, seine Gedanken, seine Gefühle, und eben das, was uns gemeinsam ist. In Versuch und Irrtum entsteht ein Gewebe von Sätzen, ja, die – oft verborgen unter Strenge und Vorwürfen- nach Widerhall, Echo, verlangen und um die Leser schmerzlich liebend werben.
Was für ein Text – dieser ‚Erste Korinther‘! Und welche Geburtswehen hat er! Paulus hat sich als Vorbild angeboten. Er hat beraten, gelehrt, verworfen, gemahnt. Er forderte, sich von Gemeindegliedern zu trennen und sprach von Geld und Lohn und Verzicht. Er griff an und verteidigte… Aber in dem allem lag gleichsam etwas Anderes und ‚Besseres‘(12,31) schon in der Luft und wollte endlich zur Sprache kommen: Gottes Geist ruft die eine Gemeinde und erhält sie in ihren Unterschieden und ihrer spannenden Vielstimmigkeit. Wo Gnadengaben sich zeigen, wo wunderbar verkündigt, gelehrt, geweissagt und geheilt wird, ist Gott, der Geber, ‚mitten unter uns‘(Lk 17,21) an der Arbeit. Gewiß hat den Apostel – am anderen Morgen?- diese Einsicht vor Panik angesichts der korinthischen ‚Unordnung‘ (14,33) bewahrt. Er belehrt weniger, er macht aufmerksam, argumentiert und findet im mittleren Teil seines Briefes einen versöhnlichen Ton: Wir, Väter und Kinder, leben doch von Voraussetzungen, die wir selbst ‚nicht garantieren‘ können.
VII
Ja, meine Erinnerung, mein inneres Bild. Als das Pflaster abgenommen wurde, sagte die Mutter: ‚Guck mal, nur noch eine kleine Kruste… gut, daß wir gewartet haben‘. Das Genesen, die Normalisierung des verwundeten Leibes Christi ist ja durchaus vergleichbar.
Wie oft ging mir nach einem Konflikt der Gedanke durch den Kopf oder auch mitten durch’s Herz: Hätte ich mich bloß nicht eingemischt! Ich hätte es doch wissen können, daß wir als ‚Mitarbeiter‘(3,9) sanft, geduldig, im Heilschlaf (Ps 127,2) mit dem Gottesgeist zusammenwirken dürfen. Ohne Ziehen, Schieben, Zwingen. Und wo geschieht das besser als im Christus-Mahl und im freimütigen Gespräch? Aufbauender ‚Gottesdienst im Alltag der Welt‘(E. Käsemann). Das weiß jeder aus der Praxis unserer wahrlich bunten, oft taumelnden Gemeinden und ihrer Integrationsarbeit: Lebendige Ko-Existenz erfordert den Willen zur Verständigung und darin eine belastbare Konflikt- und auch Leidensbereitschaft. Im anderen, ja dem, dessen Worte mir ärgerlich sind, ist – ‚weiß nicht wie‘(Mk 4,27)- der Geist Gottes genauso lebendig wie in mir.
VIII
Wenig später wird der Apostel das ‚Hohe Lied der Liebe‘ anstimmen: ‚Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, hätte aber der Liebe nicht…‘ Ob er am Anfang seines Schreibens ahnte, daß er diesen Gipfel erklimmen würde? Aus dem Vater der Gemeinde wird ihr ‚Tröster‘(2.Kor.1,4), der die Korinther freigeben und dem Geist Christi überlassen kann. Daß das weitere Tränen auf allen Seiten nicht ausschließt, ist im zweiten Brief nach Korinth eindrücklich dokumentiert: Gemeinde unter den Kreuz.
Trösten können, die Seele des anderen anhauchen und verbinden, ist ja die vornehmste Gabe des Gottesgeistes. Getröstet kann der begabteste Mitarbeiter, der beste Redner, der größte Heiler, der scharfsinnigste Analytiker zu einer ‚besonnenen Selbsteinschätzung‘ (D. Kellner) kommen und in die verletzliche Normalität des miteinander Sprechens zurückkehren.
‚Er wird schon werden‘ – der Pfingstmontag. ‚Maranatha – Unser Herr komm(t)‘.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Der Pfingstmontag ist ein Feiertag, der bekanntlich nur wenige Gemeindeglieder versammelt. Es sind die sog. Treuen, ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Gemeindeleitung, Konfirmanden, die den Gottesdienst besuchen. Insofern versucht die Predigt eine Art ‚Mitarbeiterschulung‘, die helfen kann, eigene Konflikte, Kränkungen, Ansprüche zu benennen und zu klären.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Ich versuche, den leiblichen Heilungsprozeß soz. ‚geistlich‘ zu wenden und homiletisch fruchtbar zu machen. Der Alltag der christlichen Gemeinde ist begründet und getragen im Wirken des Geistes Gottes, der uns zur entspannten Mitarbeit einlädt und befähigt. Eine Formulierung von K. M. Kodalle brachte dies hilfreich auf den Punkt (Verzeihung denken, 2013, S. 10)
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die paulinische Korintherkorrespondenz ermöglicht eine Fülle von gemeindetheologischen und pastoraltheologischen Entdeckungen. Eindrücklich ist insbesondere, wie ‚Standpunkte‘ sich verflüssigen und verändern. Der Briefe schreibende Apostel ist ein lehrreiches Vorbild im Erlernen einer ‚besonnenen Selbsteinschätzung‘ (D. Kellner, Charisma als Grundbegriff der praktischen Theologie, 2011, S. 290).
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Der Predigtcoach hat mich ermutigt, den paulinischen geistlichen Wachstumprozeß genauer zu beschreiben und die eigene persönliche und pastorale Erfahrung näher an diesen heran zu rücken. Ich habe den Predigtentwurf entsprechend bearbeitet. Ich danke Herrn Dr. Meyer für den inspirierenden Austausch.
Link zur Online-Bibel
Vielleicht ist es wie beim Weizenkorn … - Predigt zu 1. Korinther 15 35-38. 42-44a von Anita Christians-Albrecht
Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da sein wird. Amen.
Ich weiß nicht mal, wie er starb! - So heißt eine ARD-Doku1, die einen einfühlsamen Blick auf ein Pflegeheim in Wolfsburg wirft. Zu Beginn der Coronapandemie hatten sich hier innerhalb weniger Tage 112 der 160 Bewohner*innen mit dem tödlichen Virus angesteckt. 47 von ihnen starben.
Ich weiß nicht mal, wie er starb! – das sagt in dieser Reportage Sandra Höfert. Ihr Vater gehörte zu den Opfern. Wegen der Zugangsbeschränkungen in Heimen und Krankenhäusern konnte sie nicht Abschied nehmen. Geblieben sind tiefe Trauer und ein Gefühl der Unwirklichkeit.
Ich weiß nicht mal, wie er starb! – Die meisten von Ihnen und Euch wissen, wie und warum Ihre Angehörigen und Freunde gestorben sind. Aber schwer ist es trotzdem.
Tiefe Trauer und ein Gefühl der Unwirklichkeit – viele von uns können das nachempfinden. Wenn die Tür aufginge und sie würde hereinkommen, ich würde mich nicht wundern, sagt mir ein Mann nach dem Tod seiner Frau. Wenn ich durch die Stadt laufe, suche ich unbewusst immer nach seiner Gestalt, erzählt eine Nachbarin.
Ob der Tod in jungen Jahren kommt und völlig unerwartet oder nach einem erfüllten Leben und vorhersehbar – immer hinterlässt er einen tiefen Schmerz. Das wird uns besonders heute, am Totensonntag bewusst.
Und wenn dann Dinge, die helfen, auch noch nicht oder nur eingeschränkt stattfinden können – viele Begleiter*innen bei der Trauerfeier, Umarmungen, die symbolische Rückkehr ins Leben beim Beerdigungskaffee mit Verwandten und Freunden – dann ist es besonders schwer. Auch Trauer kann einsam sein in diesen Zeiten.
Wir werfen Erde auf den Sarg oder die Urne, geben der Erde zurück, was von ihr genommen ist. Erde zu Erde, Asche zu Asche … Immer wieder erleben wir das. Aber begreifen können wir es nicht. Was das bedeutet: Dass mit jedem Menschen eine ganze Welt verschwindet. Dass wir wieder zu Erde werden. Wo ist der Opa jetzt? So fragt Bruno, die Hauptfigur in dem Bilderbuch Hat Opa einen Anzug an? von Amelie Fried und Jacky Gleich2. Brunos Großvater ist gestorben, und er kann es nicht begreifen.
Wo ist der Opa jetzt? - 'Auf dem Friedhof', sagte Xaver. 'Im Himmel', sagte Papa. 'Ja, was denn jetzt?', fragte Bruno und schaute von einem zum andern. 'Beides stimmt', sagte Mama. Da lief Bruno aus dem Haus und versteckte sich in der Scheune. Er wusste genau, dass jemand nicht an zwei Orten gleichzeitig sein konnte. Früher, wenn er etwas nicht verstanden hatte, war er zum Opa gelaufen und hatte ihn gefragt. Jetzt war der Opa weg, und keiner wollte ihn sagen, wo er war.
Wo sind unsere Toten? Hilft der Besuch am Grab, um ihnen besonders nahe zu sein? Oder eher ein Blick in die Weite des Himmels? Oder ist es nicht doch logischer, was viele sagen? Dass mit dem Tod einfach alles aus ist.
Nicht nur wir stellen solche Fragen. Auch die Menschen in der Gemeinde in Korinth können sich anscheinend nicht vorstellen, wie jemand, der tot ist, wieder lebendig werden kann. Davon und von dem, was Paulus ihnen antwortet, erzählt unser Predigttext.
Lesung des Textes (möglichst von Lektor*in)
Wie werden die Toten auferweckt? Und was für einen Leib werden sie haben?
Schaut euch doch mal um, sagt Paulus. Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer.
Stellt euch ein Weizenkorn vor. Wenn wir es so anschauen, würden wir nie auf die Idee kommen, dass daraus einmal ein grüner Halm wird und später Ähren mit vielen Körnern daran wachsen. Aber wir wissen, dass es so ist. Wir haben es schon oft genug erlebt. Und deshalb können wir das ganz und gar Unwahrscheinliche schon in einem solchen leblosen Korn erkennen.
Voraussetzung ist: Das Korn wird in die Erde gelegt. Der Samen wird begraben. Am Tod vorbei gibt es kein neues Leben.
So, meint Paulus, kann man sich das mit der Auferstehung der Toten auch vorstellen. Wir sehen den Menschen, der vielleicht alt und krank gewesen ist, wir sehen den Körper, wir sehen den Verfall, wir haben die Vergänglichkeit vor Augen. Und mehr können wir erst einmal nicht sehen. Wir haben es noch nicht erlebt, dass ein Toter wieder aufersteht. Aber vielleicht ist es wie beim Weizenkorn.
Paulus verweist uns also auf Bekanntes und erklärt damit das Unbekannte.
Und er geht noch einen Schritt weiter: Die Auferstehung übertrifft all unsere Erwartungen, sagt er. Unser Leben auf dieser Erde ist wie das Weizenkorn, das ausgesät wird – die Auferstehung ist wie die Ähre, die im Sommerwind wogt.
Paulus erklärt das, was er meint, in vier kurzen Sätzen:
Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit. Gesät wird in Erbärmlichkeit, auferweckt in Herrlichkeit. Gesät wird in Schwäche, auferweckt in Kraft. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt wird ein geistlicher Leib.
Ja, so ist es wohl: Bei Lichte betrachtet ist unser Leben hier auf dieser Erde erbärmlich. Auch wenn wir noch so große Stücke halten auf das, was wir als Menschen sind und können, im Grunde ist doch nur ein Windhauch nötig, um uns außer Gefecht zu setzen. Manchmal genügen schon ein paar Viren oder Bakterien.
Unsere irdische Existenz ist bestimmt von Vergänglichkeit und Schwäche. Gerade die Corona-Krise hat uns das noch einmal deutlich von Augen geführt.
Aber – so sagt es Paulus - wir werden auferweckt in Unvergänglichkeit. Gott hält für uns ein Leben bereit, in dem es Zerfall, Schmerzen, Kummer und Krankheit nicht mehr geben wird. Darauf vertraut Paulus. Darauf hoffen wir.
Es geht nicht um ein einfaches Irgendwie geht es weiter! Im christlichen Glauben geht es um ein Es wird alles neu!
Hier das tote Korn, dort die wunderbare reife Frucht. Hier Vergänglichkeit, da Unvergänglichkeit. Hier Erbärmlichkeit, dort Freude und Fülle. Hier irdisch, dort geistlich.
Und trotzdem: Diese Verwandlung schließt die Kontinuität mit ein. Das Saatkorn verändert sich und ist nicht wiederzuerkennen. Aber aus einem Weizenkorn wird eben keine Tulpe und aus einem Kirschkern keine Sonnenblume. Die neue Person entsteht aus unserer individuellen Persönlichkeit.
Wir können das an dem erkennen, was seine Jünger mit Jesus erlebt haben. Nach seiner Auferstehung. Jesus ist nicht reanimiert worden. Er ist seinen Freundinnen und Freunden „in anderer Gestalt“ erschienen. Er konnte durch verschlossene Türen gehen, erzählt die Bibel. Und doch wussten alle: Er ist es.
Der irdische Leib vergeht, aber – so versteh ich das – der von Gott geliebte und gewollte Mensch in seiner Einmaligkeit vergeht nicht.
Was bedeutet diese Hoffnung nun für uns heute - am Totensonntag? Was bedeutet sie für unsere Trauer?
Mir fällt auf, dass Hoffnung und Trauer viel gemeinsam haben. Beide wollen etwas anderes als das, was die Augen sehen können. Beide sind mit dem, was ist, nicht glücklich. Aber es gibt auch einen Unterschied: Die Trauer richtet ihre Sehnsucht auf das, was vergangen ist. Die Hoffnung streckt ihre Fühler aus in die Zukunft.
Die Trauer gilt dem, was man verloren hat und will es zurück. Hoffnung richtet ihren Blick in die Zukunft. Aber sie spürt: Alles ist anders. Aber schon jetzt ist der Mensch, den ich verloren habe, auf eine ganz andere Weise bei mir.
Und es gibt viele Beispiele, dass Menschen durch diese Hoffnung auch im Angesicht des Todes gelernt haben, neu zu leben und das Leben neu zu schätzen.
Ob man das Leben mit oder ohne Hoffnung betrachtet, das macht den Unterschied.
Ich muss an die Erlebnisse älterer Menschen in der Nachkriegszeit denke. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg ging es den meisten sehr schlecht. Es gab mehr Trümmer als Häuser, und von guten Lebensbedingungen konnte keine Rede sein. Dennoch erschien es vielen wie ein Wunder, das ihnen überhaupt neues Leben zugedacht war. Leben war Hoffnung in dieser Zeit. Man fing an zu bauen und Gesetze zu beschließen. Und obwohl man gerade erlebt hatte, zu welcher Zerstörung und Grausamkeit Menschen fähig sind, glaubte man, dass nun Frieden bleiben könne für immer. Wenn private und politische Lebensumstände entscheidend wären, hätte damals niemand Grund zur Hoffnung gehabt.
Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit. Gesät wird in Erbärmlichkeit, auferweckt in Herrlichkeit. Gesät wird in Schwäche, auferweckt in Kraft. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt wird ein geistlicher Leib.
Es ist gut, dass wir diese Worte immer wieder hören, auf dem Friedhof, an den offenen Gräbern. Und heute.
Denn diese Hoffnung brauchen wir jetzt. Am Totensonntag. Mitten in der Corona-Zeit. Mitten in der Trauer um unsere Verstorbenen.
Am Anfang ging Bruno oft zum Friedhof, mit der Zeit dann immer seltener. Irgendwann sagte Papa: 'Heute vor einem Jahr ist Opa gestorben.' Bruno merkte, dass der Schmerz in seiner Brust weniger war. Er war auch nicht mehr wütend. Nur noch ein bisschen traurig. Wenn er an Opa dachte, sah der so aus wie auf dem Foto, lachend und glücklich. Bruno dachte, wenn Opa glücklich war dort, wo er jetzt war, dann durfte auch er, Bruno, wieder ein kleines bisschen glücklich sein.
Amen.
1 I https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/video…
2 I Fried, Amelie; Gleich, Jacky: Hat Opa einen Anzug an? Carl Hanser Verlag München. 17. Aufl. 1997.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Vor Augen habe ich Menschen, die – vielleicht sogar unter Corona-Bedingungen – Abschied neh-men mussten von Angehörigen oder Freund*innen und ganz gezielt zum Gottesdienst am Toten-sonntag kommen: Um gemeinsam mit anderen, die ähnliches erlebt haben, zu trauern und - ihre Hoffnung stärken zu lassen.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Ich bin schon länger fasziniert von Kinderbüchern zum Thema Tod und Sterben, von den Fragen, die dort gestellt werden und von der Hoffnung, die darin deutlich wird. Im Bilderbuch ‚Hat Opa einen Anzug an?‘ von Amelie Fried und Jacky Gleich erlebt der kleine Bruno, wie Hoffnung – mitten in großer Trauer - sich anfühlt: ‚Wenn Opa glück-lich war dort, wo er jetzt war, dann durfte auch er, Bruno, wieder ein kleines bisschen glücklich sein.‘
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Durch die Beschäftigung mit dem Predigttext habe ich die Aufforderung des Paulus: ‚Schau Dich doch mal um. Hier - das Weizenkorn …‘ noch einmal neu gehört und - in einer Situation, in der Krankheit und Tod und Corona eher ein düsteres Bild malen – auch für meine eigene Hoffnung Stärkung erlebt.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Das wertschätzende und gründliche Redigieren des Predigtentwurfs durch meinen Predigtcoach habe ich als sehr hilfreich empfunden. So habe ich in der abschließenden Bearbeitung auf ein illustrierendes Beispiel verzichtet und zudem erkannt, wie viel eine winzige Umformulierung austragen kann.
Link zur Online-Bibel
25.07.2021 - 8. So. n. Trinitatis
04.07.2021 - 5. So. n. Trinitatis
13.06.2021 - 2. So. n. Trinitatis
Nun aber Corana? – Corona – Nun Aber! - Predigt zu 1. Korinther 15,20 ff. von Axel Denecke
Der Predigtautor greift für seine Predigt zum Ostermontag auf die Perikope des vorangegangenen Ostersonntags zurück.
1.
Das ist ein Ostern in diesem Jahr! So war es noch nie! Corona beherrscht aller Orten die ganze Welt! Und unsere Kirchen sind zwangsweise leer! Zu unserem Glück! Ich hab heute gerade im ZDF einen katholischen Gottesdienst aus dem Stephansdom in Wien gesehen. Fünf Akteure insgesamt in dem riesengroßen Dom. Ein großartiger Gottesdienst, hab jede Einzelheit (die Musik, die Stimmen der zwei Sänger, die Kurzpredigt des Kardinals, der ganz sorgsame, übervorsichtige Umgang mit den liturgischen Gegenständen, die betonte Achtsamkeit auf zwei Meter Abstand zwischen allen Beteiligten und alles andere auch) ganz aufmerksam mit Bedacht wahrgenommen, habe auf jede Einzelheit genau geachtet. Alles stimmte, hatte seine Bedeutung. Obwohl keine Besucher da waren. „Palmsonntag“ und „Ostersonntag“ zusammengebunden in einem Gottesdienst. Großartig. Corona macht‘s unfreiwillig möglich.
Macht‘s Corona wirklich möglich? Wird das diesmal ein anderes Osterfest? Ganz gewiss.Daher. Ganz äußerlich gilt zwar: Nun aber (schon wieder) Corona? Doch innerlich gilt: Corona – Nun Aber!
2.
„Nun aber ist Christus von den Toten auferstanden“ sagt Paulus am Ende endlich ganz befreit, nachdem er acht Verse lang (ab V. 12) vorher das Für und Wider der Auferstehung umständlich mit ganz viel Gedankenakrobatik hin und her gewendet hat, zu keinem rechten Schluss gekommen ist, mit dem „Beweis“ für Ostern sich mühevoll und ohne rechte Überzeugungskraft abquält, es gelingt ihm einfach nicht. Doch dann wirft er alle quälenden Argumentationsketten hinter sich, wirft den Griffel oder das Pergamentblatt einfach weg und ruft, nein seufzt, nein schreit befreit auf „Nun aber“. Nun aber ist Christus von den Toten auferstanden.
Punktum. Da kann ich mich argumentativ drehen und wenden wie ich will, da kann ich alle möglichen Verstandesargumente hin und her wenden, hilft nichts, es klappt nicht, überzeugt mich selbst nicht Aber sei‘s drum „Nun aber...“ Wie ein Befreiungsschrei bricht es laut aus ihm raus. Das ist Ostern, ja das ist Ostern. – So wie wir in der Osternacht oder am Ostermorgen befreit in der Kirche singen „Christ ist erstanden… von der Marter alle… des sollen wir alle froh sein… Christ will unser Trost sein… Halleluja.“
Überall um uns herum lungert zwar der Tod. Corona an allen Ecken, Ansteckungsgefahren und Mundschutze und was weiß ich nicht noch. Die Totenzahlen gehen ins Fünfstellige, jeden Tag mehr, bald sechsstellig, man könnte verrückt werden. Und die Menschen all überall, diese Angst in diesen misstrauischen Gesichtern. Manchmal aber auch liebevoll-verständnisvolle. Corona aller Orten. Tod aller Orten. Die Welt bricht fast zusammen, fast zwar nur, aber immerhin fast.
Doch was soll‘s ? „Nun aber“ ist Ostern. Auferstehung! Leben! Neues Leben! Es gibt ein Leben vor dem Tod! Zukunft! Neuen Anfang! Trotz allem Karfreitags-Tod rings um uns her
Zugespitzt also noch einmal: Mag die Welt auch (ansatzweise) in Trümmern liegen, mag auch alles durcheinander geworfen sein, Ruinen überall, mag es so sein. „Nun aber“ ist Ostern. „Nun aber“ ist Christus von den Toten auferstanden. Da können wir nix gegen tun. Es ist einfach so. Das Leben, neues Leben, ja ewiges Leben hat das Sterben des Einzelnen und den Tod aller besiegt: „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle wo ist dein Sieg?“
Ach ja, dies alles ist nur ein verzweifeltes Pfeifen im Walde, sagen da einige. Mögen sie es sagen, wenn es ihnen hilft in ihre Gottesdunkelheit. Ich sage mit Paulus trotzig und erleichtert zugleich „Nun aber … ist Christus von den Toten auferstanden“.
3.
Trotzig und erleichtert?
Ich hatte als ganz kleines Kind, war grad in die Schule gekommen, fing an lesen zu lernen, anno 1945 in meiner völlig zerbombten Heimatstadt Leipzig ein Erlebnis, das sich bis heute in mich eingefressen hat. Wir fuhren mit der Straßenbahn zum noch leidlich intakten Hauptbahnhof. Ich konnte dabei vor einem großen städtischen völlig zerbombten Gebäude am Augustusplatz ein Transparent entziffern, das an den Ruinen befestigt war. Da stand rot auf gelben Untergrund (vielleicht auch umgedreht, auf jeden Fall gelb und rot, weiß ich noch heute) ein einziges Wort „Trotzalledem !“ Mit dicken Ausrufezeichen! Ich habe als Sechsjähriger sofort verstanden, was das bedeuten sollte. Brauchte keinen Erwachsenen zu fragen. Also: Trotz aller Ruinen, trotz aller Nachkriegsnot, trotz aller zerbombten Städte und zerfledderten Großreich-Illusionen: Trotzalledem! Wir fangen neu an! Trotzalledem! Leipzig wird wieder aufgebaut! Trotzalledem! Es geht weiter, das Leben siegt über den Tod! „Nun aber“
Das war auf dem Transparent natürlich nicht christlich gemeint, in Leipzig herrschten schon die Russen, daher wohl auch das Rot (denke ich heute). Aber was soll‘s? Ob christliches „Nun aber!“ oder sozialistisch-nationalistisches „Trotzalledem!“. Macht nichts, beides ein Bekenntnis zum Leben gegen alle Schatten und Gewaltorgien des Todes, weltpolitisch und ganz persönlich in jeder einzelnen Existenz. „Nun aber“ siegt „trotzalledem“ das Leben über den Tod, ein neues Leben über den alten Zerstörungsgeist. Wir gestalten voll Zuversicht neu unsere Zukunft, wie auch immer.
Ja, ja, ich weiß, von Ferne tönt schon das sozialistische Arbeiterlied. „Bau auf, bau auf, freie deutsche Jugend bau auf – für eine bessere Zukunft...“ usw., doch noch einmal: was soll‘s? Ob sozialistisch oder christlich: Nach Karfreitag, auch Karsamstag und dann folgt Ostern. Nach dem Sterben folgt das Leben „Nun aber...“
4.
Wirklich nun aber? Ich halte ein, um mir nicht selbst einen Ostersieg einzureden, den ich noch gar nicht habe. Mag ja sein, dass Ostern uns auch ganz grundsätzlich immer voraus ist, dass wir unser Leben zwischen Karfreitag und Ostersonntag fristen, das wir also immer im „Karsamstag“ leben. Karfreitag – na ja, in Ansätzen – hinter uns, Ostern aber – na ja, mehr als nur in Ansätzen – noch vor uns. Mag sein. Dennoch ist Ostern damals (bei Paulus) und heute (bei Corona) ganz real, auch wenn es noch vor uns liegt, so wie wir Karfreitag dabei hoffentlich hinter uns haben.
So ging es jedenfalls dem guten Paulus, der uns den heutigen Predigttext beschert hat. Ich wiederhole noch einmal: Acht Verse lang quält er sich ab mit einem „Beweis“ für die Auferstehung des Herrn. Der Beweis gelingt ihm nicht, wie sollte er auch. Paulus verheddert sich, sein Kopf dreht sich und schwillt rot an. Er wird ganz meschugge, fast wird der verrückt. Und dann wirft alle alle Pergamentfetzen und Griffelkästen einfach weg, fegt sie vom Tisch und ruft, nein schreit befreit auf. „Ach, was solls? Nun aber ist Christus von den Toten auferstanden!“ Ja, er ist. Ich weiß es, denn ich habe es leibhaftig erfahren. Punktum! Es ist so. Was soll ich da noch alles argumentieren und hin und her lavieren. Nun aber ist es einfach so. Punktum.
Ich denke, viel anders als so können wir auch nicht von Ostern reden, von der „Auferstehung des Herrn“ in unser Leben hinein, also von einer Ostererfahrung in uns selbst. Viel anders können wir nicht reden. Wir können es anderen eben nicht an-demonstrieren. Wir können es nur mit unserem eigenen Leben bezeugen. Glaubwürdig vorleben können wir es nur, dass Ostern wahr und wahrhaftig ist. In uns, in unserer Welt. Trotz alledem was wir an Todesmächten (Corona hin und her, was ist schon Corona gegen 10 Millionen Tote im 2. Weltkrieg?) um uns herum sehen. Der Tod wütet, er sucht sich sein Opfer, auch in uns selbst. In uns, die wir noch leben, wenn Todesmächte sich in uns einnisten. Doch auch und gerade hier gilt: Trotz alledem! Nun aber.
Ich muss dabei am Ende auch an einen ganz und gar weltlichen Spott auf alle Todesmächte denken, an Goethes berühmten Osterspaziergang in seinem Faust-Drama. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche --- durch des Frühlings holden belebenden Blick --- im Tale grünet Hoffnungsglück --- usw.“ Hab ich in der Schule einst mit Begeisterung auswendig gelernt. Also: Ob nun mit Goethe Osterspaziergangs den Frühling (neues Leben nach einem harten und kalten Karfreitag-Winter) jubelnd begrüßen oder ob mit den Leipziger Sozialisten mit ihrem „Trotz alledem“ oder mit dem alten Juden Paulus „Nun aber“ sagen, macht keinen großen Unterschied. Es gibt viele Möglichkeiten: ganz säkular-sozialistisch – ganz dichterisch schwärmend naturverbunden – ganz christlich fromm – auch ganz unbedarft banal, das „neue Leben“ mit dem Sieg über den „Tod“ auszudrücken: Im Grunde ist „Auferstehung“ etwas für uns Menschen Unfassbares. Da versagt unsere Sprache einfach. Da muss die Sprache immer neue Ausdrucks-Möglichkeiten suchen, dieses „Trotzalledem“, das neue Leben, das „Nun aber“, zum mindesten zu umwandern, sich ihm anzunähern, vorsichtig und mutig zugleich. Und da macht‘s am Ende keinen Unterschied, ob der fromme Judenchrist Paulus oder der pantheistisch angehauchte Naturschwärmer Goethe oder der sozialistisch ankämpfende Leipziger Ratsherr (wenn er denn überhaupt sozialistisch war) sein „Nun aber“ und „Trotzalledem“ und „es grünet Hoffnungsglück“ (Goethe) sagt. Es meint am Ende – am Ende bitte! – dasselbe.
6.
Ach ja, wie geht unser Predigttext nach dem befreienden Aufschrei des „Nun aber“ gleich weiter? Paulus fällt leider zurück in die alte elendiglich langweilige Argumentiererei: „Denn da der Tod durch eine Menschen gekommen ist, kommt auch die Auferstehung der Toten durch einen Menschen“ (V.21). „Erstling Christus, hernach die, welche zu Christus gehören“ (V.23). „Denn gewisse Leute haben keine Erkenntnis Gottes. Euch zur Beschämung rede ich so“ (V.34). Nun ja. Das ändert aber alles nichts daran, dass der befreiende Aufschrei „Nun aber“ am Anfang erfolgt ist. Das ist das einzig Wesentliche und daran haben wir uns zu halten. Mehr als dieses „Nun aber“ als Erweis/Beweis für die Wahrheit oder besser Wahrhaftigkeit des Auferstandenen in unserem Leben ist nicht zu sagen. Und mehr kann, will und darf auch ich nicht sagen wollen.
7,
Daher zum wiederholten und nun letzten Mal.
„Nun aber ist Christus von den Toten auferstanden“. Nun aber ist Ostern… „Nun aber… Trotz alledem … grünet Hoffnungsglück“. Kommt und lasst uns das Osterfest feiern, feiern wir einfach den neuen „jüngsten Tag Gottes“. Heute – jetzt!
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Ich habe ganz allgemein alle HörerInnen vor Augen, die Ostern (Trotz/wegen) Corona eine Gottesdienst besuchen würden – dem Thema „Corona“ ist einfach nicht auszuweichen – Aber es sollte sowohl negativ Kreuz/Karfreitag) als auch positiv (Ostern/Auferstehung) betrachtet werden – insofern der obige Titel der Predigt mit Schwerpunkt: „Corona? Nun Aber !"
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der Fernsehgottesdienst aus dem Stephansdom Wien zu Palmarum – Natürlich die gegenwärtige aussergewöhnliche Corona-Situation – Ganz allgemein: Meine bleibende Freude am Predigen, wo mir immer wieder neue Gedanken und Einfälle zufallen.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die alte Einsicht, dass besondere bisher unvertraute Ereignisse (Corona in diesem Fall) ganz neue Wahrnehmungen im Menschen frei setzen. Theoretisch wissen wir das, praktisch kann es ganz neu im Leben erprobt werden. Das Leben ist stets voller Überraschungen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die fre8undlich-kriische Rück-Fragen von Herrn Dr. Meyer haben mich in meinem Chandieren zwischen Kreuz und Auferstehung und dem neuen immer wieder Infrage-stellen des paulinischen „Nun aber“ bestätigt. Unsre leben ist halt so.
Link zur Online-Bibel
Ostern – die Einladung zum Leben - Predigt zu 1. Korinther 15,3-11 von Angelika Volkmann
Liebe Gemeinde,
Ich erinnere euch aber, liebe Geschwister, an das Evangelium. In diesen Wochen brauchen wir diese Erinnerung ganz besonders! Der Tod ist sehr in unsere Nähe gerückt. Wir haben Angst uns anzustecken, vor allem die Älteren, aber auch Jüngere können schwer erkranken. Wir dürfen unsere Lieben nicht besuchen. Ärzte müssen schwerwiegende Entscheidungen treffen, wenn die Beatmungsgeräte nicht ausreichen. Atemmasken und Schutzkleidung fehlen weltweit. Und darüber hinaus müssen viele um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten, müssen Mitarbeiter entlassen, verlieren ihre Investitionen ohne Chance, sich jemals davon zu erholen. Da kann man Ostern schon einmal vergessen!
Ich erinnere euch gerade jetzt! würde Paulus heute sagen. Vergesst unsere Hoffnung nicht, denn Christus ist uns vorausgegangen, mitten in der Nacht, als vom Licht des Tages noch nichts zu sehen war. Ohne Aufsehen, ganz still. „Einsam mag er gewesen sein, als er den Schritt vom Tod zum Leben wagte, als er den Übergang riskierte, die Grenze überschritt.“ (Andrea Schwarz, Ostern ist doch ganz anders, Freiburg 2011², S. 96)
Alle, die in diesen Tagen sterben, oft einsam in dramatischen Situationen, befehlen wir in Gottes Arme. Christus geleitet sie über die Schwelle des Todes. Ja, daran wollen wir uns erinnern lassen! Der Tod ist nicht das Ende! Gott nimmt uns auf in sein Haus aus Licht.
Ich selber habe es empfangen, schreibt Paulus, was ich euch weitergebe. Und er gibt das älteste Bekenntnis weiter, das wir den ersten, die über den Tod Jesu zutiefst erschüttert waren, verdanken. Sie waren noch in der Dunkelheit, plötzlich ohne Zukunft. Warum ist Jesus gestorben? So erbärmlich, so schrecklich? Wie konnten sie zu ihrem Bekenntnis gelangen?
Sie sind zusammen und lesen in der Schrift, in der Hebräischen Bibel. Sie lesen die alten geheimnisvollen Worte des Propheten Jesaja. Manchmal ist etwas ganz anders, als es aussieht. Jesaja spricht davon, dass einer elendiglich stirbt: Der Gottesknecht. In Wahrheit nimmt er die Wunden der anderen auf sich. Und ihre Missetaten. Aus Liebe. Dabei stirbt er. Und wird begraben. Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Durch seine Wunden sind wir geheilt, schreibt Jesaja. Dann geschieht ein Wunder: Er wird das Licht schauen und die Fülle haben. Wir haben diese Worte vorhin in der Schriftlesung gehört. Schon in Jesajas Worten leuchtet das Licht von Ostern. Und einige hundert Jahre später finden die Frauen und Männer, die vom Tod Jesu erschüttert sind, Antwort beim gemeinsamen Nachsinnen über diese Worte. Auch in ihnen wird es Licht. Sie erkennen: Jesus ist der Messias, der Christus! Er trägt unsere Krankheit. Er ist uns nah, was auch immer uns an Schrecklichem geschieht. Und auch dann, wenn wir es selber zu verantworten haben. Er ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift. Er hat uns die Last abgenommen, an der wir zerbrechen. Dieser Tod schenkt Heil. Auch er wird das Licht schauen und die Fülle haben! So sehen sie das Licht von Ostern, so sehen sie den Auferstandenen.
Ostern bedeutet: Es gibt keine hoffnungslose Situation. Drei Tage war Jona – der auf der Flucht war vor seiner eigentlichen Lebensaufgabe - im Bauch des Fisches, am Grund des Meeres – fern jeder Rettung! Dann empfing er sein Leben neu. Die ersten, die um Jesu gewaltsamen Tod trauern, lesen die Geschichte von Jona. Und bei Hosea (6,3) lesen sie: Am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht. So bekennen sie: Christus ist am dritten Tag auferweckt worden gemäß der Schrift. Das ist das älteste Osterbekenntnis, das uns überliefert ist. Und Paulus schreibt: Er ist gesehen worden von Kephas, danach von den Zwölfen.
Wir fragen uns: Was war das für ein Sehen? Was war das für eine Erscheinung? Das Wort Epiphanie schwingt im griechischen Wort mit und weist auf ein inneres Sehen.
Für Ostern brauchen wir die Augen unseres Herzens, um nicht blind zu bleiben. Es gibt einen Weg durch den Tod hindurch! Durch die Katastrophe hindurch! Einen Weg zum Leben. Christus lebt! Umso wichtiger, dass Paulus alle die aufzählt, die ihn gesehen haben: Fünfhundert Geschwister zugleich, alle Apostel, die ganze Gemeinde und als allerletzten sich selbst. Denn er selbst war blind gewesen, bis Christus ihm begegnete.
Paulus war in einer ganz anderen Situation. Er war nicht erschüttert über den Tod Jesu, er kannte ihn gar nicht. Sein Ostererlebnis bedeutet für Paulus eine nicht für möglich gehaltene innere Kehrtwendung. Er war ein religiöser Eiferer, aus Ehrfurcht vor Gott. Für ihn sah es so aus, als ob seine Glaubensgeschwister die Tora außer Kraft setzten! Gemeinsam mit Menschen aus den Völkern bekannten sie in Jesus von Nazareth den Messias. Im Zusammenleben mit ihnen beachteten sie bestimmte Gebote nicht! Das ist gegen Gott! Er war sich seiner Sache so sicher.
Da begegnet ihm Christus vor Damaskus. Sein Licht vom Himmel trifft ihn plötzlich, er stürzt zu Boden. Er hört die Stimme, die ihn bei seinem hebräischen Namen ruft: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
Liebe Gemeinde, würden wir uns von einer solch radikalen Infragestellung erreichen lassen? Ohne zugleich aus der Wucht unserer Argumente eine Mauer um uns zu errichten?
Vielleicht haben wir ja so eine „Pauluserfahrung“ auch schon gemacht.
Plötzlich durchzuckt es mich wie ein Blitz! Ich erschrecke bis in mein Innerstes. Ich habe mich geirrt! Was ich bisher dachte, lässt sich auch ganz anders sehen. Es ist, als ob die Erde wankt. Mir wird schwindelig.
Ich begreife, dass die, die ich beschuldigte, doch Recht haben. Ich sehe, dass es mein Fehler ist. O Gott! Das Bild, das ich von mir hatte, löst sich auf. Ich ahne, dass es Christus ist, der zu mir spricht. Obwohl es mir alles abverlangt, will mich für seine Worte öffnen.
Liebe Gemeinde, wenn so etwas in uns geschieht, stirbt etwas in uns. Unser vordergründiges Ich. Das Bild, das wir von uns selbst haben. Sterben ist kein Kinderspiel. Sich in der Tiefe wandeln zu lassen geht mit Erschütterung einher, mit Tränen. Paulus hat es erlebt.
Es fällt ihm wie Schuppen von den Augen! Der Gekreuzigte ist der Messias! Und er lebt! Das schockiert ihn so nachhaltig, dass er nun körperlich blind ist – für drei Tage. Er isst nichts und trinkt nichts. Eine tiefgehende spirituelle Erfahrung wird ihm zuteil. Er lässt sich taufen. Die Taufe führt uns symbolisch durch den Tod in das Leben.
Welche Umkehr brauchen wir? Wofür kann uns diese Krise die Augen öffnen? Papst Franziskus hat am Abend des 27. März auf dem Petersplatz in Rom in beeindruckender Weise für alle Welt zu Gott gebetet:
In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen lassen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.
Liebe Gemeinde, wir haben die Chance umzukehren. Wir haben die Chance, an diesem Ostern im Jahr 2020 zu begreifen, dass etwas in uns sterben sollte. Alles, was die Welt krank macht und das Leben zerstört. So manche Überzeugung und mancher Wunsch in uns sollte sterben. Christus ruft uns, unser Verhalten zu ändern, ruft uns auf den Weg zum Leben. Hören wir seinen Ruf?
Wenn wir ihn hören, wird es uns erschüttern.
Wir werden einen neuen Weg einschlagen.
Auf diesem Weg werden wir verwandelt, geben unser oberflächliches, egoistisches Ich immer mehr her, werden immer „gottformiger“.
So nennt es der Mystiker Johannes Tauler.
Auf diesem Weg werden wir nicht vollkommen sein. Aber entlastet und reich beschenkt.
Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, schreibt Paulus. Das ist Ostern.
Was auch immer uns geschieht, welche Todesmächte auch immer uns angreifen, von außen oder von innen: gegen dieses Geschenk von unantastbarem Leben kommen sie nicht an.
So können wir auferstehen. Den Übergang riskieren. Die Umkehr riskieren. Uns wandeln lassen. Und ankommen im Leben, in unserem wahren Selbst, in Gott.
Frohe Ostern!
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Die weltweite Coronakrise braucht das Osterevangelium. Die Menschen brauchen Trost angesichts des Todes und Hilfe, die weltweite Krise zu deuten. Es ist mir wichtig, Ostern zu erzählen als Übergang vom Tod zum Leben, als tiefgreifendes Wandlungsgeschehen (Umkehr), auf das wir uns schon zu Lebzeiten einlassen können – wie Paulus.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Wir können wir über die Auferstehung reden? Nachdem ich eine Menge exegetischer Informationen gelesen habe, haben mich mystische Texte und Gedichte beflügelt: Ro-se Ausländer, Angelus Silesius (Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.), Nikolaus von der Flüe, Andrea Schwarz, Hilde Domin (Bitte – ein großartiges Gedicht!)
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die Erschütterung darüber, dass wir Menschen oft so blind sind für das Wesentliche. Selbst Paulus! Der Zusammenhang zwischen Erscheinen, Epiphanie auf der einen Seite und Sehen bzw. blind Sein auf der anderen Seite. Es geht bei der Ostererfahrung nicht um das konkrete optische Sehen einer Gestalt, sondern um das innere Wahrnehmen einer Wirklichkeit, die uns übersteigt. Wenn wir uns der Christuswirklichkeit öffnen, sind wir zur Umkehr gerufen und werden das Leben finden.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Sie ist straffer und konkreter geworden, manches „Bonusmaterial“ wurde zur Seite gelegt, Gedanken wurden wirklich ausgestaltet. Die existentiellen Fragen, die durch die Coronakrise ausgelöst werden, wurden mit dem Text in Berührung gebracht und umgekehrt. Ich habe sehr vom Coaching profitiert! Und vom langen zeitlichen Vor-lauf.