Manna - Predigt zu 2. Mose 16,2-4.11-26 von Werner Grimm

Manna - Predigt zu 2. Mose 16,2-4.11-26 von Werner Grimm
16,2-4.11-26

Manna 

Vorbemerkungen:

 Die folgende Predigt bezieht sich auf eine leicht erweiterte Text-Lesung (+V.4.19-26), die es erlaubt, den ‚Feierabend‘ mit dem ‚Feiertag‘ zusammen als zwei gleich wichtige Komponenten eines Lebensrhythmus‘ zu betrachten.
Vor oder nach der Predigt könnte die Gemeinde das bekannte Paul-Gerhard-Lied „Geh aus mein Herz“ singen, da die Predigt an einer Stelle auf dessen Inhalte verweist.


Liebe Gemeinde,

Annäherung an die Mannageschichte

Die folgende kleine Geschichte ist weithin bekannt, aber es ist wie mit Mozart-Melodien. Wieder und wieder werden sie uns serviert, aber man wird ihrer trotzdem nicht überdrüssig, weil sie uns im besten Sinne ‚treffen‘. Ich erzähle in geraffter Form:

In einem Hafen an der Atlantikküste liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein Tourist spricht ihn an: „Sie werden heute einen guten Fang machen - wollen Sie nicht hinausfahren?“ Der Fischer schüttelt den Kopf: „Ich bin heute schon draußen gewesen: Vier Hummer sind in meinen Körben und zwei Dutzend Makrelen. Für heute genug.“ „Es geht mich ja nichts an“, sagt der Tourist, „aber stellen Sie sich vor, Sie fahren ein zweites, gar ein drittes Mal hinaus und fangen acht Dutzend Makrelen ... Spätestens in einem Jahr können Sie sich ein Motorboot kaufen, später würden Sie ein kleines Kühlhaus bauen, eine Räucherei – bald könnten Sie ein Fischrestaurant eröffnen und Fische nach Paris exportieren. Des Touristen Augen leuchten: „Und dann...“. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken: „Was dann?“, fragt er leise. „Dann“, sagt der Tourist, „könnten Sie in aller Ruhe hier am Hafen sitzen, in der Sonne dösen und auf das herrliche Meer blicken.“ Darauf der Fischer: „Aber nichts anderes tue ich doch gerade“.

Gern gehört, doch selten beherzigt – das kleine Meisterstück von Heinrich Böll. Nun, dieses Schicksal teilt es mit seiner unbewussten biblischen Vorlage, der uralten Mannageschichte:

-       Lesung von Ex 16,2-4.11-18 -

Eine wörtliche Aneignung der Manna-Geschichte ist unmöglich

Wie sollen wir diesen Bibeltext in unser Leben ‚integrieren‘? Überall Tamarisken pflanzen, damit auch uns die Kügelchen von ihrem Saft täglich „vom Himmel regnen“, so wie’s den Hebräern in der Wüste damals geschah? Das wäre doch wohl absurd, und schon im 2. Jh. n. Chr. soll ein Rabbi einem solch wörtlichen Verständnis der Geschichte mit überlegenem Lächeln gewehrt haben: „Liebe Leute, ihr alle wisst ja, dass ein kleines Kind, ein 40-Jähriger und eine 90-Jährige je ganz verschiedene Nahrung brauchen. Also, wir müssen uns das so vorstellen: Jeder hat das Manna so gegessen, wie er es vermochte. ‚Brot‘ -  das war es in erster Linie für die jungen Leute; ‚Honigkuchen‘ – so kam es zu den Älteren.  Als ‚Buttermilch‘  erreichte es die Babys, und für die kranken Leute kam das Manna als Brei.“ Man darf diese Flexibilität Gottes sicherlich noch etwas weiter denken: Jeder einzelne Mensch soll in seinem Leben das bekommen, was er zu seiner Lebenserfüllung braucht: Ich brauche meinen täglichen Waldspaziergang, du brauchst dein tägliches Lied, er braucht seinen täglichen Sport, sie braucht ihr tägliches Buch. Es wäre misslich, wenn ich mir von anderen Menschen vorschreiben lassen müsste, was ich brauchen soll! Ob ich freilich wirklich alles brauche, was ich zu brauchen meine, das ist nochmals ein anderes Kapitel!

Was brauchen wir?

Woran denken wir, wenn wir im Gottesdienst Gott um „unser tägliches Brot“ bitten? Vielleicht zuerst an die vielen Hungernden in den Wüsten der Welt. Hören ihr ‚Murren‘: Teilt endlich der Erde Güter mit uns, die ihr an prallvollen Fleischtöpfen sitzt und dabei die Schlachttiere quält und die Umwelt mit Giftstoffen belastet! Und von daher bekäme der zweite Gedanke Maß und Richtung: Was brauche ich, Bürger eines reichen Landes? Was brauche ich wirklich, heute noch und morgen wieder? Was dagegen schwätzen sie mir auf, was redet mir die ‚Werbung‘ ein? Muss ich zum Beispiel auch den letzten norwegischen Fjord noch gesehen haben? Die Mannageschichte lässt mich darüber nachdenken. Sie zieht mich ins Gespräch mit meinen bis dahin gesammelten Lebenserfahrungen: Was tat mir in tiefster Seele von jeher nachhaltig gut, und was erregte mich nur und hinterließ schalen Nachgeschmack? Du, Seele, tief in mir, wonach sehnst du dich in Wahrheit?

Der sich-sorgende Mensch

Mit diesen Gedanken nähern wir uns dem Zentrum der Mannageschichte – jener Maßnahme oder besser ‚Maß-Gabe‘, durch die Gott eine revolutionäre Denk- und Verhaltensweise in die Weltgeschichte einwirft. Und zwar muss sie dort greifen, wo uns Menschen die Sorge um die Zukunft gefangen hält.

Nun ist es zunächst einmal etwas Urmenschliches und also Natürliches, nach Morgen und Übermorgen zu fragen. Und dort, wo Menschen Verantwortung tragen für das Wohl einer Familie oder eines Gemeinwesens, dort ist es ihre Pflicht, vorausschauend Vorsorge zu treffen, damit auch über die nächste Generation bestimmte schlimme Dinge nicht hereinbrechen. Vorsorge ist ein Humanum, und schon der Josef der Bibel, seinerzeit Minister in Ägypten, hat das vorgelebt, als er in guten Zeiten die Kornkammern füllte und man auf diese Weise sieben Hungerjahre überleben konnte.

Drei Strategien des Sorgens

Aber die Manna-Geschichte befasst sich mit einer etwas anderen Art des Sich-Sorgen-Machens, nämlich mit unseren ängstlichen, selbst-bezogenen Sorgen. Drei Strategien, mit diesen Sorgen umzugehen, meine ich zu erkennen:

Die erste Strategie

Gerne dürfen andere für mich sorgen: das Vögelchen, das nicht aus dem Nest will und kaum registriert, dass das Nest allmählich zum Käfig wird, und wenn es etwas davon merkt, dann denkt es sich: „Und ist es schon ein Käfig, so ist es doch ein goldener Käfig.“ Und behält brav auf der Stange Platz und erwartet das Futter.

Ja, so scheuen sich auch manche Menschenbabys vor der Unheimlichkeit der Freiheit. Sie wollen gar nicht erwachsen werden. Sie lieben die gewisse Bequemlichkeit, an den Fleischtöpfen Ägyptens zu liegen oder im Hotel Mama zu speisen. Dass ein pharaonischer Vater sie anherrscht: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst und auf meiner Tasche liegst, so lange musst du schon meinen Anweisungen folgen! – „Babys“ nehmen das in Kauf. Frei werden, Verantwortung für das eigene Leben tragen, für sich selber sorgen lernen – da tun sie sich schwer.

Leider muss man sagen, dass auch eine kleine Zahl der Hartz 4 - Empfänger die Baby-Mentalität pflegt und somit unsozial eingestellten Politikern billige Argumente gegen die kostbare Errungenschaft der Sozialhilfe liefert. Das ist jammerschade, denn es immunisiert uns gegen den wirklichen Jammer. Für diesen tragen also die Schmarotzer der Gesellschaft eine gewisse Mitverantwortung. Das muss auch einmal im Namen des Gottes, der in die Freiheit führte, gesagt werden. Zu erinnern ist auch an Artikel 10 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“ (1997), wonach alle Menschen verpflichtet sind, „ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln“.

Die zweite Strategie

Aber die meisten von uns sind eher einer Mentalität verfallen, die aus einer Mischung Ameise und Hamster besteht. Vielleicht deshalb, weil ein entsprechendes Verhalten in ihnen „einprogrammiert“ ist seit jenen Tagen der Armut. Da mussten sie für sich selber und für die Familie unter schwierigsten Verhältnissen das tägliche Brot organisieren, aber würde es auch für Übermorgen noch reichen, so bangten sie. In  der Nachkriegszeit z.B., als sie immer wieder das Nötigste zum Überleben für die ihnen anvertrauten Menschen beschaffen mussten. Ansammeln für kalte Winter; schaffe, schaffe, erst a mol e Häusle baue – das machte Sinn. Und man entwickelte Tugenden wie Sparsamkeit, Fleiß, Nimmer-müde-Sein. Und jetzt sind diese Tugenden des Vorsorgens eingefleischt, auch wenn sie unter den heutigen Verhältnissen das Leben unter Umständen sogar hindern.

Vielleicht ist uns das ja schon mit in die Wiege gelegt, dass wir fleißig ansammeln und Polster bilden, von denen wir in schlechteren Zeiten zehren können. Dass wir Deiche bauen. Dass wir für Übermorgen vorsorgen und Eventualitäten einkalkulieren, dass wir unser Leben absichern, so gut es nur geht: vom Risiko des Schuldhaft-einen-Autounfall-Verursachens bis zum Risiko des schlechten Wetters im Urlaub.

Aber eben in diesen letztgenannten und ähnlichen Dingen da schleicht sich dann gern etwas in unser Sorgen ein, was unsere Seele kränkt. Einer wissenschaftlichen Studie zufolge machen sich bis zu einer Million Leute in Deutschland in einem krankhaften Ausmaß Sorgen. Sie kreisen mit ihrem Denken ständig um Fragen wie „Wird die Mutter auch nächstes Jahr noch gesund sein?“, oder „Werden wir das Geld für die Schuldentilgung auch in fünf Jahren noch zusammenbringen?“ oder „Was hat das leichte Ziehen in der Magengegend zu bedeuten? Soll ich zum Arzt oder soll ich nicht?“ Und von derartigen kreisenden Sorgen kämen Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen, Magen- und Kopfschmerzen.

Der dritte Weg: Das Manna-Symbol

An dieser Stelle nun greift Gott ein, in dem er uns mit dem Manna bekannt macht: der dritte strategische Weg.

Die Herausgeber dieser biblischen Geschichte müssen der Meinung gewesen sein, dass es sich in ihr um ein für die Menschen elementares Thema handelt, das selbst gegenüber den Zehn Geboten Priorität verdient, denn die Zehn Gebote offenbart Gott erst vier Kapitel und einige Kilometer später am Sinai. Und in der Tat: Könnte man sich für unser Leben etwas Grundlegenderes vorstellen als das, was Gott mit dem Manna stiftet, nämlich: Feierabend und Feiertag? Symbolisch erzählt: Mit dem täglichen Manna, das bis zum späten Nachmittag längst eingesammelt ist, hält Gott nämlich einen Feierabend für uns frei. Und mit der am 6.Tag doppelt gewährten Portion Manna richtet er darüber hinaus noch den Feiertag ein! So bremst er jenes Sorgen in uns, das uns innerlich so unruhig sein lässt, das uns beständig antreibt und zur Beschleunigung in allen Verrichtungen drängt. Ohne eine solche von außen kommende Bremse würde unser Sorgen schwerlich einen ‚Halt‘ finden. Feierabend und Feiertag – eine tief in unser Leben greifende Vorgabe des Schöpfers – eine, in der Er uns in seinen Rhythmus des Schaffens und Ruhens mit hinein nimmt. Jedes Mal ward es Abend, und Gott betrachtete, was er geschaffen hatte, und sah es an, und siehe, er befand es für gut. Und am siebten Tag nahm Er erst recht Abstand von seinen Werken und ruhte und feierte, so erzählt es die Genesis.

Und nun wirft also Gott mit dem Manna das Doppelpack von Feierabend und Feiertag hinein in die Welt-Geschichte, und zwar auf den Weg des Volkes, das er in die Freiheit geführt hat. Sie besteht für die Hebräer und später für das Hirten- und Bauernvolk Israel unter anderem darin, sich den Feierabend und den Ruhetag guten Gewissens zu erlauben, denn sie sind von Gott gegeben. Gerade auch demjenigen, der  werktags bei der Nahrungsbeschaffung die „Zahl der Leute in seinem Zelte“ (2.Mo 16,16) bedenkt! Was verallgemeinert heißt: Gerade wer in seinen Handlungen  immer auch das Wohl der anderen, die zu seinem Lebenskreis gehören, mit im Auge hat – gerade auch dem Fürsorglichen stehen Feierabend und Feiertag zu! 

Wie kann die Manna-Lebensweise bei uns ein Stück Wirklichkeit werden?

Freilich, der Manna-Lebensstil, ohne Absicherungen im Vertrauen auf Gottes Gabe von Tag zu Tag zu leben – in Reinkultur wird er stets nur wenigen „begnadeten“ Gotteskindern erschwinglich sein.

Aber, sagen Sie selbst, ein bisschen mehr vom Geist der Manna-Sammler damals dürfte es schon sein. Denn das Leben ist hier und heute und jetzt. Ich verfüge ja nicht über den zukünftigen Tag, und nicht alles müssen die Kinder erben. Der Kornbauer im Gleichnis Jesu hat den Fehler gemacht, dass er souveräner Herr seines Lebens sein wollte, als er das Leben für die Zukunft auf die Seite legte, und eben diese Zukunft erlebte er nicht mehr – er war eben nicht der souveräne Herr seines Lebens, und der Himmel hat es anders beschieden. Aber der Tag heute ist uns geschenkt, und Gott stellt sich vor und macht es uns sogar vor, dass wir unseren Feierabend nehmen. Geben wir also der Daseinsfreude an jedem Tag, den wir aus Gottes Hand empfangen, eine Gelegenheit, auszubrechen, etwa im Geiste und in der Richtung des schlechthinnigen Sommerlieds: „Geh aus mein Herz und suche Freude …“

Die arbeitenden, die zwingenden, die ordnenden Hände sinken zu lassen, die sorgenden Gedanken zu verscheuchen –  mir selbst fällt es nicht leicht. Wie nur einschwingen in den heilsamen Rhythmus der Manna-Sammelnden?

Nein, kein Alles oder Nichts! Sonst geht es uns wie jenen Leuten, die entweder ganz dünn sind wie ein Strich oder kugelrund wie der Ball, die das Maß einfach nicht finden, die mit ihrer Askese sich übernehmen und dann ins Gegenteil verfallen. So sollten wir es mit der Mannageschichte gewiss nicht tun. Aber wie dann? Wie ein wenig mehr Manna-Mentalität gewinnen?

Jesus von Nazareth, der bedeutendste Ausleger der Manna-Geschichte[1], gibt uns da einen nur scheinbar naiven Rat und kitzelt etwas oft Eingeschlafenes wieder wach in uns: „Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorget nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

Mit anderen Worten: Das Gegengewicht gegen das überbordende Sorgen ist das uralte Gottvertrauen, das Kinder auch heute noch von ihren Eltern mitbekommen oder nicht mitbekommen, das Vertrauen in des Allmächt‘gen Güte, der weiß, wessen wir zu unserem Leben bedürfen. Der Urgrund aller Religion.

 


[1] Dazu eine ausführliche Begründung und Darstellung in meinem Buch: „Jesus. Mosaiksteine“ (Biblische Raritäten 13), Tübingen 2013 (362 Seiten mit Farbfotos), S.15-46.

 

Perikope
03.08.2014
16,2-4.11-26

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Christoph Hildebrandt-Ayasse

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Christoph Hildebrandt-Ayasse
32,7-14

Liebe Gemeinde,

Mose hätte es auch anders machen können. Er hätte sagen können:

„Recht hast Du, Herr. Mit diesen Israeliten wird das nichts mehr. Ich ärgere mich mindestens genauso über die wie du. Immer dieses ständige Kritisieren, dieses Meckern und Maulen. Dieses Gejammer. Da errettest du sie aus diesen menschenunwürdigen und ausbeuterischen Verhältnissen in Ägypten – und sie murren: Früher war alles besser als heute. Da gibst du ihnen alles, was man zum Leben braucht – und sie quengeln: wir wollen aber mehr. Da wird’s mal ein bisschen schwierig – und schon können und wollen sie nicht mehr. Da bleib ich mal etwas länger weg als erwartet – und schon tun die so, als würden sie uns nicht mehr kennen und sympathisieren mit anderen. So als wären wir Luft für sie. Bauen sich ausgerechnet dieses goldene Kalb. Das zeigt doch, was sie von dir halten, Herr; und von mir, nebenbei gemerkt: auch: austauschbar sind wir für sie. Einer unter vielen bist du für sie, Herr. Das Gold spielt für sie die entscheidende Rolle. Was glänzt und glitzert, was viel kostet und worum andere sie beneiden, das wollen sie haben. Total oberflächlich, diese Leute. Alles Fassade. Kein Tiefgang.

Ich verstehe, Herr, deine Wut“, hätte Mose also sagen können. „Sollen sie doch zu Grunde gehen. Sie haben es nicht anders verdient. Mit denen brauchen wir uns nicht mehr abzugeben. Und, danke: ja, ich nehme dein Angebot an, es ab jetzt mit mir allein zu versuchen. Das ist eine große Ehre für mich. Mich zu einem großen Volk zu machen. Ich werde dich nicht enttäuschen, so wie die da es ständig getan haben. Über mich wirst du dich nicht so furchtbar ärgern müssen. Ich weiß, worum es geht, Herr. Also: fangen wir die Geschichte noch einmal neu an. Ich glaube, wir werden sehr erfolgreich sein, du Herr und ich. Alles wird ganz anders werden, versprochen.“

So, liebe Gemeinde, hätte Mose auch mit Gott sprechen können. Er hätte Gott in seinem Zorn bestätigen können. Er hätte Gott benutzen können, um seine eigene Wut raus lassen. Er hätte diese göttliche Chance nutzen können, um mit diesen halsstarrigen Leuten abzurechnen. Es wäre für Gott und Mose eine win-win-situation gewesen.

Gott wäre diese schwierigen und enttäuschenden Leute losgeworden, und mit Mose hätte er einen verlässlichen Partner für sein Vorhaben. Und Mose wäre jeder weitere Ärger erspart geblieben. Sein Glück wäre vollkommen gewesen. Endlich keine Probleme mehr im Umgang mit Gott. Endlich glauben können ohne diese nervige menschliche Realität. Ohne diese weltlichen Dinge, diese Sorgen, diese Unfähigkeit zu Glauben, gegen die er immer zu kämpfen hatte. Die Exoduserzählungen sind voll von diesen Murre-Geschichten der Israeliten. Mose muss ständig die Probleme zwischen dem Volk und Gott lösen, muss klären, muss vermitteln. Hier hätte er die Chance gehabt, das alles ein für alle Mal zu beenden. Und wäre dabei selber sehr gut weg gekommen. Vom Vermittler zwischen diesem schwierigen Volk zu Gottes Exklusivpartner.

Moses aber lehnt dieses Angebot Gottes ab.

Und wir bedenken diesen Abschnitt aus der Heiligen Schrift heute am Sonntag Rogate. Rogate heißt: Betet. Das Gebet ist das Thema des heutigen Sonntages.

„Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“ Mit diesen schönen Worten beschreibt der Württembergische Reformator Johannes Brenz das Gebet. Das klingt schön und gut. Und es ist richtig. Mose bittet für das Volk, das ihm anvertraut ist. Es liegt ihm am Herzen. Und er merkt dabei, wie schwer eine echte Gebetsbitte sein kann.

In einem „Bitte, bitte, lieber Gott, mach das alles wieder gut wird.“, einem so einfach formulierten Gebet, einem Stoßseufzer, einem Herzensgebet liegt so viel verborgen. Liegen mehr Fragen als Bitten.

Was heißt „alles wieder gut“? So wie früher? Oder ganz neu „wieder gut“? Irgendwie verändert, zum Besseren zum Guten. Versöhnt, getröstet, vergeben, geheilt.

Bitten ist wahrscheinlich die schwierigste Art zu Beten. Wirklich Bitten. In einer echten Gebetsbitte steckt viel eigenes Herzblut. Da merken wir, wie wir mit jeder Faser des Herzens verbunden sind mit jemandem und seiner Situation. Da kommen wir selber darin vor. Da stehen wir mitten drin. Da wird die Bitte zur persönlichen Frage: was ist wirklich gut? wie viel liegt an mir? wie geht es auch für mich jetzt weiter? und auch: was habe ich versäumt? Eine wirklich von Herzen gesprochene Bitte im Gebet zeigt immer die Verbindung, in der wir stehen. Sie zeigt, dass nichts nur so ist, wie es ist. Eine Gebetsbitte macht erst deutlich wie schwer, wie verworren oft das ist, was wir in der Bitte vor Gott bringen. Aber wir möchten doch so sehr, dass es anders wird; und dass alles wieder gut wird.

Erinnern wir uns an Mose: wie verworren ist die Situation. Gottes Wut ist verständlich. Aber sie steht gegen seine Verheißung. Die Menschen enttäuschen Gott ohne Ende. Und doch hat er ihnen seine Verheißung gegeben. Die Realität ist ernüchternd. Die Menschen werden sich nie ändern. Aber wie soll dann alles gut werden? Wäre nicht ein radikaler Schnitt besser? Aber wie steht es dann mit Gottes Liebe? Wie mit seiner Zusage, zu versöhnen, zu trösten, zu vergeben und zu heilen?

Während Mose so in seiner Fürbitte mit Gott ringt, merkt er, wie sehr er verwoben ist mit diesen Menschen. Für sie ist er verantwortlich. Und er merkt, wie sehr er Gott vertraut, der versprochen hat, dass alles gut wird. Seine Fürbitte macht ihm Mut, Gott selber an seine Verheißung zu erinnern. Seine Fürbitte schenkt ihm Hoffnung, dass es einen Weg gibt. Einen Weg, begleitet von Gottes Verheißung mitten in der trostlosen Wirklichkeit.

Und Mose merkt, wie das Gebet ihn verändert. Er spürt, dass die einfache Lösung diese ärgerlichen Leute loszuwerden, zu einfach ist. Er fühlt, wie er mit ihnen verwachsen ist; Verantwortung für sie hat, trotz allem. Er betet für sie.

Er erfährt im Gebet, dass es Gott selber schier zerreißt zwischen Verzweiflung und Verheißung. Und Mose bittet für das Verheißungsvolle. Er wählt den schwierigeren Weg. Einen Weg, den auch schon andere vor ihm gegangen sind, vor ihm gehen mussten: Abraham, Isaak und Jakob. Den Weg, den auch Gott selber in Jesus Christus gehen wird.

Mose redete mit Gott wie mit einem Freund, heißt es in dem Kapitel nach unserem Predigttext. „Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott - wie mit einem Freund - in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“ Bei Mose können wir es lernen.

Amen

Perikope
25.05.2014
32,7-14

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Bert Hitzegrad

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Bert Hitzegrad
32,7-14

Liebe Gemeinde!
Enttäuschte Liebe bietet reichlich Stoff für Filme und Romane. Enttäuschte, zerstörte Liebe birgt ein unendliches Potential zerstörerischer Kräfte. Enttäuschte Liebe wird zum Anfang vom Ende.
Das ist auch bei Ted Crawford so. Er ist ein ganz biederer, schon etwas älterer Unternehmer. Verheiratet ist er mit der deutlich jüngeren Jennifer. Vielleicht war er ihr zu alt, hat ihr nicht alles bietet können. Auf jeden Fall wagt sie ein Abenteuer, ein Liebesabenteuer mit einem, der schon durch seinen Beruf mit deutlich mehr Spannung daher kommt. Rob Nunally ist Polizist. Als Ted Crawford hinter die Affäre der beiden kommt, plant er „Das perfekte Verbrechen“. So heißt auch der Hollywood-Streifen aus dem Jahr 2007 mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle als Ted Crawford. Als Crawford seine Frau zur Rede stellt, nimmt er Rache. Am Ende des Films ist nicht nur Jennifer tot, auch ihr Geliebter, der Polizist Rob Nunally.
Und weil auch ein noch so perfektes Verbrechen nie perfekt ist, wird Ted Crawford am Ende doch wegen Mordes angeklagt.
Der Film ist ein Thriller. Spannung pur. Aber eben auch ein Hinweis darauf, welche dunklen zerstörerischen Kräfte freigesetzt werden können.

Enttäuschte Liebe. Auch Gottes Liebesgeschichte mit seinen Menschen ist eine Geschichte enttäuschter Liebe. Von Anfang an. Gott ist enttäuscht von seinen Geschöpfen, Adam und Eva, und er schmeißt sie hinaus aus dem Paradies. Ihr Sündenfall – er steht beispielhaft für die Enttäuschungen, die Gott mit seinen Menschen erlebt.
Fast scheint es so, als gereue es Gott, dass er diese Welt überhaupt erschaffen hat. Mit der Sintflut wird sie nahezu in den Urzustand der Chaosmächte zurückgesetzt. Nur die kleine Mannschaft an Bord der Arche Noah überlebt. Immer sind es einzelne Menschen und ihre Familien, die Gott dann doch schützt und denen er die Chance für einen Neuanfang schenkt.

Und doch wiederholt sich die Geschichte immer wieder.
Sodom und Gomorrha, die Städte aus alttestamentlicher Zeit, sie stehen für ein Verhalten der Menschen, das sich Gott und seinem Willen für das Leben wiedersetzt. Gottes Enttäuschung darüber, dass sich noch nicht einmal zehn Gerechte in den Städten finden, ist so groß, dass er sie mit Feuer und Schwefel vernichtet. Und auch hier ist es nur einer mit seiner Familie, der sich in Sicherheit bringen darf: Lot.
Und hat Gottes Volk daraus gelernt? Ist die Liebe aus den Krisen gestärkt hervorgegangen?
Aus der größten Krise, aus der Sklaverei in Ägypten, hat Gott sein Volk freigepresst. Er hat es nicht losgelassen in der Fremde. Er hat es nicht vergessen dort unter den unmenschlichen Bedingungen, sondern hat ihnen eine neue Zukunft, neues Land, neue Hoffnung geschenkt. Er hat seine Liebe und Fürsorge bekräftigt. Er hat sie festgehalten wie ein Mann seine Frau, eine Frau ihren Mann, die sich ihrer Liebe sicher sind. Mose und Aaron hat er Stimme und Kraft, Vollmacht und Autorität gegeben und immer wieder Zeichen, Hinweise, Beweise seiner Zuwendung, seiner Nähe, seiner Liebe …
Und dann der Zug in die Freiheit – ein Wendepunkt in der Geschichte mit ihrem Gott, ein Neuanfang. So hätte es sein können. Doch es wiederholen sich die alten Muster: Sie murren, sie zweifeln, sie gehen fremd, leisten sich Affären mit anderen Gottheiten.
Wie wird Gott reagieren?

Als Mose auf dem Berg Sinai war und Gott zu ihm sprach und ihm die beiden steinernen Gesetzestafeln überreichte, war das Volk offenbar müde vom Warten, unsicher, ob Mose überhaupt zurückkehren würde. Und sie beauftragten Aaron, ihnen ein Götterbild zu schaffen, das sichtbar ist, das vor ihnen hergeht, das ein Ende mit allen Unsicherheiten und Zweifeln macht. Und so gehen sie fremd.

Aber sind uns diese Gedanken so fremd? Wie oft ist Gott verborgen für uns? Wie oft wird nach einem klaren Eingreifen und Handeln Gottes gefragt – „Warum hält er sich so zurück? Warum lässt er so vieles zu?“ Haben andere Glücks- und Heilsbringer vielleicht mehr Erfolg?

Auf dem Berg Sinai nimmt Gott wahr, was das Volk treibt. So heißt es im Predigttext aus dem 2. Mose 32:
Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt.
8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.
9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein  halsstarriges Volk ist.
10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.

Wie wird Gott reagieren? Bevor wir die weiteren Verse hören, wollen wir uns in ihn hineinversetzen. Wie würden wir uns verhalten, wenn wir an seiner Stelle wären? Enttäuschte Liebe fordert Rache – Ted Crawford und viele in Liebe und Partnerschaft Enttäuschte haben es vorgemacht. Wird sich die Geschichte, die Geschichte Gottes mit seinem Volk wiederholen? Nun endgültig aus und Ende - Sintflut in der Wüste, Feuer und Schwefel vom Himmel? Entfacht Gottes Zorn und vernichtet, was gegen seinen Willen, seine Liebe steht?

Wie reagieren wir, wenn wir mit Fehlern anderer konfrontiert werden, wenn unsere Gefühle verletzt und mit Füßen getreten werden? Vielleicht nicht zum ersten Mal, sondern immer wieder? Werden wir aggressiv, entwickeln wir unheimliche, zerstörerische Potentiale? Oder resignieren wir einfach, kraftlos und matt? Das wäre alles nur allzu menschlich.

Und wie reagiert Gott? Wie das Tier, das man aus ihm gemacht hat. Ein Stier, der Rot sieht und sich auf sein Opfer stürzt. Ein goldenes Kälbchen, das ausgelassen nach allen Seiten ausschlägt ohne Pardon?

Besser bekannt ist uns, was Mose tut. Jede Bibelverfilmung malt die Szene dramatisch aus, wie Mose wutverzehrt vom Berg steigt und die Steintafeln mit den Geboten zerschmettert. Die laute Musik, der ekstatische Tanz werden jäh unterbrochen und Mose nimmt das Götzenbild und stößt es ins Feuer, die Flammen schlagen hoch, das Gold schmilzt, die Reste werden zu Staub zermalmt … Und Mose sammelt die Getreuen um sich, um einen Rachefeldzug durch das Lager zu starten – „und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann.“, so wird es überliefert. (2. Mose 32,28). Ein entsetzliches Gemetzel.
Die Wut so groß, die Rache so gewalttätig, die enttäuschte Liebe gesühnt … So menschlich!
Gottes Willen erfüllt?

Doch der Herr über Leben und Tod hatte sich umstimmen lassen. Vertilgen wollte er sein Volk nicht, einen neuen Anfang wollte er wagen – mit Mose, der keine Schuld auf sich geladen hatte. Doch Mose wagt den Sprung nach vorn. Trotz des verlockenden Angebotes steht er zu seinem Volk und bittet, bittet für sein Volk und hofft, dass Gott sich umstimmen lässt. Wie menschlich! Doch: Gottes Willen ist unumstößlich!
In 2. Mose 32 heißt es dennoch:
11 Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?
12  Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.
13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will  eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.
14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.

Gott lässt sich erinnern an seine große Liebe für sein Volk. Er lässt sich erinnern an seine Geschichte mit dem großen Männern des Glaubens. An seinen Segen, den er verheißen hat. An die große Zukunft, die er zugesagt hatte. Alles dahin? Warum dann der große Befreiungsakt aus Ägypten? Warum der Exodus, wenn am Ende doch Exitus steht? Warum?
Und der bittende Mose, der kein Verständnis zeigt für sein abtrünniges Volk, findet Verständnis bei ihm.
Wie menschlich! Gott lässt sich umstimmen. Gott lässt sich beknien. Gott lässt seine Liebe nicht enden. Die Enttäuschung – übergroß. Das Maß – eigentlich voll. Das Ende – jetzt wäre es da. Doch die Sühne bleibt aus, „das perfekte Verbrechen“ braucht Gott nicht, die Enttäuschung nimmt nicht den letzten Funken Hoffnung, den er hat für sein Volk.
Gott lässt sich umstimmen. Wie menschlich! Und doch ist es keine menschliche Ratio, die ihn leitet, sondern göttlicher Wille zum Leben und ewiges Bekenntnis zu Liebe.

Enttäuschte Liebe muss nicht tödlich enden. Die Kraft der Liebe kann einen Neuanfang ermöglichen. In seinem Sohn Jesus Christus hat diese Liebe ganz menschliche Züge angenommen. Er ließ sich bitten und konnte Vergebung zusprechen. Er wurde eingeladen und stiftete eine ganz neue Gemeinschaft. Er nahm die kranke Hand und gab ihr das Leben zurück. Er stand am Bett eines toten Mädchens und erweckte sie aus dem Schlaf. Er, er machte Gott so menschlich, so nah. Sogar in seinem Leiden und Sterben war er bei den Menschen, sogar bei denen, die ihn enttäuscht hatten. Doch sein Ende wurde zu einem Neuanfang, das Kreuz zum Zeichen seiner nicht enden wollenden Liebe. Das leere Grab zum Beweis, dass seine Verheißungen nicht leer sind, sondern voller Leben.

Der Tanz ums Goldene Kalb ist längst beendet. Die Musik verstummt. Das Bild des Stieres hat sich in der Feuershitze aufgelöst und ist zu Staub zerfallen. Gott hat uns ein Bild seiner Liebe geschenkt. Gott ist so menschlich geworden. Gott ist uns so nahe und in seiner Liebe doch so weit entfernt. Zu ihm können wir kommen, zu ihm beten, ihn anflehen. Er will sein Volk nicht vertilgen. Nie wieder sollen sich die alten Geschichten wiederholen. Nie wieder sollen Rache und Sühne Leben zerstören. Die Zeiten haben sich geändert.

Nur der Mensch ändert sich nicht. Aber – Gott sei Dank – bleibt auch Gott der, der er war, der er ist und der er sein wird. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sonne in Jesus Christus zum ewigen Leben. Amen.

Perikope
25.05.2014
32,7-14

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Hans-Hermann Jantzen

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Hans-Hermann Jantzen
32,7-14

7          Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt.

8          Sie sind schnell von  dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.

9          Und der Herr sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist.

10       Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge. Dafür will ich dich zum großen Volk machen.

11       Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott, und sprach: Ach Herr, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?

12       Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.

13       Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.

14       Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.

Liebe Gemeinde,

„Lasst uns beten und Fürbitte halten!“ So hören wir es Sonntag für Sonntag gegen Ende des Gottesdienstes vom Altar. Das wird auch nachher wieder so sein. Und dann folgt das Fürbittengebet für Menschen in Not, für Randgruppen in unserer Gesellschaft, für den Frieden in der Welt, für unsere Kirche. Haben Sie sich eigentlich schon mal gefragt, welchen Sinn das hat? Nützt das überhaupt irgendjemandem, wenn wir hier in der Kirche für ihn beten?

Die Fürbitte ist seit alters ein fester und wesentlicher Bestandteil des christlichen Gottesdienstes. Ja, die Wurzeln reichen noch viel tiefer zurück in den jüdischen Gottesdienst. Von Anfang an gehört es zum biblischen Gottesglauben dazu: Unser Gott lässt sich bitten! Wir können bei ihm mit unserem Gebet für andere eintreten. Und er lässt sich umstimmen! Es ist eine uralte Erfahrung des Gottesvolkes, die sich durch die ganze Bibel und weiter bis heute durchzieht: das Gebet für andere ist nicht umsonst, es bewirkt etwas.

Unsere Predigtgeschichte aus dem 2.Buch Mose ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür. Im Grunde eine wahnsinnige Geschichte. Die Sachlage ist klar, die Schuldfrage eindeutig. Das Volk Israel hat sich von dem einen, dem einzig wahren Gott abgewandt. Vielleicht war es den Leuten langweilig geworden, weil Mose gar nicht vom Berg Sinai zurückkam. Vielleicht waren sie es auch leid, immer nur zu einem unsichtbaren Gott zu beten. Sie wollten etwas Handfestes, Sichtbares. Und so hatten sie ihren Schmuck zusammengelegt und sich ein goldenes Stierbild gegossen, so wie es die Völker ringsum auch hatten. Es konnte ja nicht schaden, mehrere „Eisen im Feuer“ zu haben. Klare Sache also: Übertretung des 1. Gebots. Und das nicht der Not gehorchend oder aus einer augenblicklichen Gefühlsregung heraus – im Affekt, würden wir heute sagen -, sondern vorsätzlich.

„Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist,“ sagt Gott zu Mose. Ein anschauliches Bild. Immer wieder macht dieses Volk den Nacken steif, versteift sich auf die eigenen Wege und stemmt sich gegen Gottes Führung. Nun ist Gottes Geduld am Ende. „Lass mich in Ruhe,“ fährt er Mose zornig an. Dieses doppelte Spiel will er sich nicht länger bieten lassen. „Mein Zorn soll über sie entbrennen, und ich will sie vernichten.“ Strafe muss sein.

Und nun geschieht das Unglaubliche: Mose fällt Gott in den Arm. Er will sich nicht damit abfinden, dass die Vernichtung des Volkes Israel Gottes letztes Wort sein soll. Und so ringt er mit Gott, um ihn von seinem Beschluss abzubringen. Dabei zieht er alle Register. Er packt Gott bei seiner Ehre: „Was sollen denn die Ägypter denken? Die machen sich über dich lustig, wenn sie erfahren, dass du dein Volk nach der großartigen Befreiungsaktion aus der Sklaverei jetzt hier im Gebirge, in der Wüste umkommen lässt. Du machst dich selber unglaubwürdig.“ Und Mose erinnert Gott an seine eigenen Verheißungen, die er den Glaubensvätern Abraham, Isaak und Jakob gegeben hat (er benutzt den Ehrennamen Israel, das ist noch wirkungsvoller!) : viele Nachkommen und das gelobte Land, wo sie in Frieden leben sollen. Das darf doch kein leeres Versprechen bleiben! – Das Ergebnis dieses Gebetskampfes ist umwerfend: „Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.“ (V. 14) Durch die Fürbitte eines Einzelnen lässt Gott sich zur Gnade für ein  ganzes Volk bewegen.

Liebe Gemeinde, darf man so mit Gott umspringen? Darf man so „alles, was Recht ist“, auf den Kopf stellen? Müssen wir nicht irgendwo auch Gottes Heiligkeit respektieren und das Gericht, das er über schuldig Gewordene verhängt hat, akzeptieren?

Und überhaupt: die Geschichte ist doch viel zu schön, um wahr zu sein! So läuft das doch nicht mit dem Gebet. Wir machen doch ganz andere Erfahrungen. Wir beten für den todkranken Freund oder Ehepartner – und er stirbt doch. Wir beten für mehr soziale Gerechtigkeit – und die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Wir beten für den Frieden in Syrien, in Zentralafrika oder der Ukraine – und die Konfliktparteien schlagen unvermindert weiter aufeinander ein. – Ernsthafte Fragen an unsere Predigtgeschichte. Erst wenn wir darauf eine Antwort gefunden haben, kann sie auch zu unserer Geschichte werden.

Also fragen wir: Kann man so unverschämt auf Gott einreden und den Verlauf der Geschichte oder eines persönlichen Geschicks umkehren wollen?

Hinter der Fürbitte des Mose steht die Erfahrung des Volkes Israel: Gott ist treu und steht zu seinen Verheißungen! Er liebt seine Menschen. Darum kann er nicht von ihnen lassen. Mose argumentiert mit Gottes eigenen Worten und Taten. Er weiß: der zornige Gott, der strafende Gott, das ist nur die eine Seite. Er kennt auch die andere Seite: den barmherzigen, den liebenden Gott. Mose lässt nicht gelten, dass Gott die Liebesgeschichte mit seinem Volk einfach abbricht. In seiner Verzweiflung spielt er gewissermaßen Gott gegen Gott aus. Er behaftet Gott bei seiner Liebe, um seinen Zorn zu besänftigen. – Viel später hat Martin Luther das so gesagt: Wir sollen Gott mit seinen Verheißungen die Ohren reiben und uns vor dem Zorn Gottes in seine liebenden Arme flüchten.

Ich bin überzeugt davon: das ist unsere einzige Überlebenschance. Wenn es nach Recht und Gesetz geht, haben wir das Strafgericht mehr als verdient. Wie oft sind wir von Gottes Wegen abgewichen und haben uns anderen Göttern zugewandt: dem technischen Größenwahn, der nationalen Ehre, dem Geld. Was ist der Tanz um den goldenen Dax heute Anderes als der Tanz um das goldene Kalb damals! Darüber  haben wir den Gott, der es einzig gut mit uns meint und uns wahres Leben schenken will, vergessen. Es wäre jedenfalls nur recht und billig, wenn Gott uns ins Verderben rennen ließe.

Er tut es nicht! Nach Mose ist noch ein anderer gekommen, der mit seinem Leben für die Menschen eingetreten ist: Jesus. Sein Kreuz ist zum weithin sichtbaren Zeichen dafür geworden, dass Gott sich umstimmen lässt. Indem er sich am Ostermorgen zu diesem Jesus bekannt hat, ist endgültig aus dem zornigen Gott der liebende Gott geworden. Im Namen dieses Jesus dürfen wir Gott beim Wort nehmen, dürfen ihm in den Ohren liegen und ihn an seine Verheißungen erinnern. Ja, es ist unsere Aufgabe als Christen, dies auch und gerade für die zu tun, die nicht mehr beten können. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir weiterhin geführt und getragen werden, auch durch das Gericht hindurch.

Damit bin ich bei meiner zweiten Frage. Was nützt alle Fürbitte, wenn das Unheil trotzdem eintritt? Wenn Menschen sterben müssen, für die wir gebetet haben? Wenn das Geld weiterhin die Welt regiert und das Böse überall sein hässliches Gesicht zeigt? Lässt Gott sich wirklich durch unser Gebet beeinflussen?

Natürlich ist das Gebet kein Automat, der automatisch das gewünschte Ergebnis hervorbringt. Auch das können wir von Jesus lernen. Er hat sich im Garten Gethsemane durch seine Todesangst hindurchgekämpft zu dem vertrauensvollen Satz: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Aber das Andere stimmt eben auch, dass die Dinge dieser Welt anders laufen, wenn wir sie ins Gebet nehmen; wenn wir unsere Klage über Missstände und unsere Sorge um die Menschen vor Gott bringen! Menschen, die Leid und Kummer zu tragen haben, Kranke oder Sterbende haben mir oft bestätigt, dass Gebete nicht ins Leere gehen. Wenn ich zu ihnen sagte: „Sie sollen wissen, dass ich für Sie bete.“, dann nickten sie und antworteten: „Ja, das spüre ich, und das tut gut.“

Das gilt im Kleinen wie im Großen. Der Kirchenvater Aristides (2. Jh.) hat einmal gesagt: „Die Welt besteht nur durch das flehentliche Gebet der Christen noch fort.“ Ich glaube, da ist viel dran. Betende Hände vermögen viel, viel mehr jedenfalls, als manche vermuten.

Man muss kein Mose sein, um für andere zu beten. Unsere Predigtgeschichte ist eine Mutmachgeschichte für uns, dass wir nicht locker lassen, für die Welt und die Menschen zu beten; dass wir Gott in den Ohren liegen und ihn an seine Barmherzigkeit erinnern.

Darum lasst uns nicht aufhören zu beten – für die Menschen, die uns am Herzen liegen; für die vielen Namenlosen, die in Not sind, die gedemütigt, verfolgt und gequält werden. Unsere Gebete sollen den Machthabern dieser Welt in den Ohren gellen, dass sie zur Vernunft kommen und jeden Menschen als Ebenbild Gottes achten.

Lasst uns nicht aufhören, für diese Welt zu beten und Gott und uns selber daran zu erinnern, dass sie doch seine gute Schöpfung ist, die es wert ist, erhalten zu werden.

Und lasst uns nicht aufhören, für unsere Kirche zu beten, für Gottes eigenes Volk. Wir wissen doch am besten, wie halsstarrig wir oft sind; wie schnell wir von Gottes Wegen abweichen und andere Götter auf den Altar heben. Wir alle haben die Fürbitte bitter nötig.

Für andere beten ist Arbeit. Noch einmal Martin Luther: „Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich viel beten.“ Aber die Mühe lohnt sich. Die Fürbitte nimmt uns in die Verantwortung vor Gott und vor den Menschen. Solange wir für Menschen beten, halten wir die Beziehung untereinander und mit Gott aufrecht. Solange wir für die Welt und die Kirche beten, halten wir die Möglichkeit zur Veränderung offen. Solange wir für andere beten, haben wir die Menschen, die Welt, die Kirche nicht aufgegeben. So verändert die Fürbitte uns und die Welt.

Amen.

Perikope
25.05.2014
32,7-14

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Elisabet Mester

Predigt zu 2. Mose 32,7-14 von Elisabet Mester
32,7-14

Liebe Gemeinde,

„ein Tanz um's goldene Kalb“ - das sagen wir, wenn wir beobachten, dass ein allzu großer Zirkus um eine Sache oder eine Idee gemacht wird. Wenn irgendetwas stark übertrieben wird, wenn es auf unangemessene Weise hoch gehalten und verherrlicht wird, wirkt das unangenehm. Ein Tanz um's goldene Kalb.

Goldene Kälber gibt es jede Menge: Welches Auto fahren Sie? Oder, noch direkter gefragt: Wie viel Geld verdienen Sie? Wohnen Sie noch zur Miete, oder leben Sie schon im eigenen Haus? Wenn um solche Dinge ein großer Bohei veranstaltet wird, wittern wir zu Recht so etwas wie eine Art  Götzendienst. Ein goldenes Kalb. Einen unsinnigen Kult.

Die Ursprungs-Geschichte dazu haben wir heute als Lesung gehört und dabei erfahren, wie verzweifelt das Volk Israel in der Wüste war. Ohne ein vernünftiges Dach über dem Kopf – nur mit Zelten unterwegs. Ohne eine sichere Versorgung mit Essen und Trinken – nur von der Hand in den Mund ernährt. Und nun auch noch ohne Mose. Ohne den besonderen Menschen, der sie durch diese gefährliche Ödnis hindurch führen konnte. Seit vierzig Tagen war er nun schon fort.

Vierzig Tage: Das ist eine Grenze. Mehr kann ein Mensch nicht aushalten. Auch Jesus fastete vierzig Tage in der Wüste – länger nicht. Alles, was darüber hinausgeht, wird der menschlichen Natur zu viel.

„Wer weiß, was mit diesem Mose, der uns aus Ägypten herausgeholt hat, passiert ist“, sagen die Leute zu Aaron. Er ist verschollen, ihr Anführer, und sie halten ihn für tot, aber das wollen sie seinem Bruder nicht so direkt sagen. Eins ist klar: Länger wollen und können die Leute nun nicht mehr ausharren. Sie wollen wieder nach vorn schauen, neue Hoffnung schöpfen und ein Zeichen dafür bekommen, dass Gott trotz allem doch bei ihnen ist und sie nicht verlässt. Etwas Handfestes und Konkretes, etwas zum Sehen und Berühren. So etwas wie ein Unterpfand dafür, dass sie nicht von allen guten Geistern verlassen worden sind.

Dieses Symbol ist ihnen viel wert. Männer und Frauen trennen sich dafür von ihrem Goldschmuck. Dieser Schmuck war das, was ihren Reichtum anzeigte, das, was jedem Menschen – je nachdem, wie viel er davon trug – seinen  Rang in der Gesellschaft auswies. Dieses Gold war auch das Einzige, das sich in Zeiten großer Not gut verkaufen und vertauschen, das sich schnell zu Geld machen ließ, wenn es darauf ankam, lebensnotwendige Dinge zu erwerben. Egal. Der Schmuck wird abgenommen und eingeschmolzen. Das, was die Leute mit so viel Stolz getragen hatten, wird hastig hingegeben, ohne jede Diskussion. Es soll ihnen „diesen Mose“ ersetzen, den eigentlich Unersetzlichen, der sie durch die Wüste hätte führen sollen.

Der umgestaltete Goldschmuck wird ein altes Bild von Gott ergeben, eins, das Stärke vermitteln und Trost spenden soll: Den Stier. Ein Symbol von Fruchtbarkeit und Kraft, eines, das mit allen Wassern gewaschen ist, mit allen Wettern zurechtkommt und zuverlässig die Gegenwart Gottes anzeigt. „Das ist dein Gott, Israel“, sagen sie, als sie es sehen. „Das ist deine Gottheit, die dich aus Ägypten heraufgeführt hat.“.

Verständlich. Wir Menschen fühlen und denken so, bis heute. In unwegsamem Gelände suchen wir nach Weisung, nach Wegweisung. Verständlich und doch gefährlich ist das, was die Israeliten hier tun. Denn ohne es zu merken, haben sie in ihrem Eifer nicht Mose ersetzt durch das Stierbild, sondern Gott. „Das ist deine Gottheit, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt hat.“. Aaron macht das Ganze noch perfekt, indem er das Stierbild auf einen Altar stellt und dafür sorgt, dass es richtig angebetet und verehrt wird, dass ihm Opfer gebracht werden und ein Festgottesdienst dafür veranstaltet werden kann.

Wenn etwas – egal was – auf einen Sockel gehievt und begeistert umschwärmt und verehrt wird, wenn es vergöttert wird, dann haben wir „den Tanz um's goldene Kalb“. Abgötterei. Mit dem Herausführen aus der Sklaverei Ägyptens hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Der Tanz um's Kalb macht Menschen unfrei.

Der wahre Gott, der für uns stets unverfügbar bleibt, die große Gottheit, die sich in ihrer Freiheit mal zeigt und dann auch wieder verbirgt, die liebende Kraft, die uns geschaffen und in diese Welt gestellt hat – sie ist dagegen nur schwer zu ertragen. Leichter ist es für uns Menschen, selbst ein Gottesbild zu schaffen – nicht Geschöpf zu sein, sondern schöpfend. Nicht darauf warten zu müssen, was von Gott kommt und dabei nur Eins zu wissen: Es ist das Unerwartete - sondern sagen zu können: Dies ist dein Gott! Ja, so ist er, genau so sieht er aus, und eben das will er von uns haben. Der von uns Menschen selbst erschaffene Gott will immer Eines von uns haben: Opfer. Erst sollen wir unser Gold für ihn hergeben und dann unser Leben. So funktioniert das. Er prägen wir „Gott mit uns“ auf die Koppelschlösser der Soldatengürtel, und nachher steht ein frommer Spruch auf dem Denkmal, das an die in eben diesen Gürteln Gefallenen erinnert. „Sei getreu bis in den Tod“, steht dann da zum Beispiel. Da wird der Krieg verehrt. Das ist Götzendienst.

Götzen wollen Opfer. Am Anfang vielleicht Geld und Gold. Am Ende ist das Opfer, das sie erwarten, immer der Mensch selbst. Erst kommt Knechtschaft, dann der Tod. Der Gott auf dem hohen Sockel bringt Menschen in Angst und Abhängigkeit. Er macht sie unfrei, unmündig, manipulierbar.

Ausgerechnet das Volk, das doch gerade von Gott aus der Sklaverei Ägyptens befreit worden war, fällt auf so einen menschenfressenden Abgott herein und ist schnell dabei, sich selbst in Unfreiheit zu bringen. Das ist bitter. Für uns ist es allerdings kein Grund, nun hämisch grinsend die Hände zu reiben. Wenn ausgerechnet die Israeliten einem Götzen in die Falle laufen, sobald ihr Mose länger fortbleibt, dann heißt das für uns, dass wir gut achtgeben sollten. Wir sind nicht weniger gefährdet als sie. Vielmehr sind wir aufgerufen, die Ohren zu spitzen und unsere Herzen wach zu halten, sehr gut aufzupassen, wenn da einer ankommt und uns erklären will: So und nicht anders ist Gott. Genau dies und jenes will er von dir. Gib ihm dein Wertvollstes. „Das ist dein Gott, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt hat.“ - was für ein Hohn! Wo so etwas verkündet wird, ist stets das glatte Gegenteil der Fall. Ein von Menschen gemachter Gott führt immer geradewegs in die Knechtschaft.

Gott, der in dieser Geschichte eben mit Mose spricht, als das alles passiert, oben auf dem Berg, bekommt schnell Wind von der üblen Aktion, die sich unten im Tal abspielt. Er unterbricht das Gespräch mit seinem Freund und schickt ihn stante pede hinunter zu seinen Leuten: „Geh schnell hinunter, dein Volk, das du aus Ägypten heraufgebracht hast, ist dabei, Unheil anzurichten.“ DEIN Volk, sagt er. Wie eine Mutter, die mit ihrem Kind unzufrieden ist, wohl mal zum Vater sagt: „DEINE Tochter. Das hat sie nun angestellt...“ Natürlich liebt die Mutter ihr Kind, egal, was es tut. „Deine Tochter“ - das sagt sie bloß im Zorn. In einem Zorn, den nur eine haben kann, die liebt. Die unglaublich stark liebt. In einem solchen Zorn sagt Gott hier schließlich zu Mose: „Nun halte du dich bitte heraus: Ich will meiner Wut auf sie freien Lauf lassen und sie vernichten. Dich aber mache ich zu einem großen Volk.“ Mit diesem Volk aber will ich nichts mehr zu tun haben.

Enttäuschte Liebe. Sie tut weh. Wenn eine Person, die wir lieben, sich plötzlich ganz anders zeigt, als wir sie gekannt hatten. Wenn sie anders ist, als wir gedacht hatten, gehofft hatten. Das ist schlimm. Mindestens genauso schlimm ist es, wenn sie uns ganz anders sieht, als wir es doch sind. Anders, als wir gesehen werden wollen. Sie macht sich einfach ein Bild von uns, ihr eigenes, ein goldenes und glänzendes womöglich – aber ein durchweg falsches. Dann stellt sie es auf einen Sockel und tanzt darum herum. Das tut weh.

Und nun hat Israel sich ein Bild von Gott gemacht. Ein goldenes. Eins, das falsch ist und falsch sein muss. 

„Geh schnell hinunter“, sagt Gott zu Mose. Aber der bleibt. Wenn jemand außer sich ist, wie soll man ihm helfen? Am besten, indem man ihn wieder zu sich selbst zurückbringt. Mose erinnert Gott an sich selbst, zunächst an seinen Stolz. Du hast dieses Volk doch eigenhändig aus Ägypten geführt. Sollte das umsonst gewesen sein? Und noch ein Argument, das Gottes Ehre berührt, setzt Mose nach: Sollen die Ägypterinnen und Ägypter sagen: Nur, damit sie im Gebirge umkommen, hast du sie herausgeführt? Das sitzt. Aber die Kränkung des falschen Bildes sitzt auch. Sie sitzt tiefer. Noch lässt Gott sich nicht erweichen. Mose setzt noch einmal nach: Willst unglaubwürdig werden? Du hast den Familien von Abraham, Isaak und Jakob doch versprochen, ihre Nachkommen zu beschützen und ihnen das verheißene Land zu geben. Gilt das nun nicht mehr? Hast du also gelogen damals? Das sind alles gute Argumente.

Mittendrin in seiner kleinen Rede aber berührt Mose Gottes Herz. Er erinnert ihn an Israel, seine große Liebe, und sagt: Lass ab von deinem glühenden Zorn. Bereue! Bereue, dass du deinem Volk (ja, es ist und bleibt Gottes Volk!) eine solche Katastrophe schicken willst.

Und Gott kehrt um. Er bereut, lässt ab von seinem Zorn und ändert seine Pläne. Keine Katastrophe. Von einem Menschen hat er sich abhalten lassen. Von seinem Freund hat er sich daran erinnern lassen, dass er sein Volk liebt.  Von diesem Mose. Gott sei Dank.

Ja, wie gut, dass Gott und Mensch einander so nah kommen können! Dass Gott sich nicht scheut, auf einen Menschen zu hören.

Da fragen wir uns jetzt womöglich: Warum hört er nicht auf uns? Wie oft und wie innig haben wir nicht schon gebetet, und er hat uns nicht erhört?

Ich denke: Von der Art, wie Mose mit Gott spricht, können wir viel lernen. Es ist eine besondere Art des Gesprächs mit Gott, die wir in dieser Geschichte kennenlernen. Er betet hier nämlich nicht für sich, sondern für andere. Für seine Leute, die Fehler gemacht haben, das ist klar, und zu denen er trotzdem hält, das ist auch klar. Mose will nichts für sich selbst. Das Angebot, viele Nachkommen zu erhalten und so zum „großen Volk“ gemacht zu werden, anstelle von Israel – er schlägt es aus und bittet für die anderen. Das kommt anscheinend gut an.

Mose erinnert Gott auch an seine eigenen Worte, seine Verheißungen, seine Versprechungen. Er nimmt ihn beim Wort. Und Gott lässt sich beim Wort nehmen. Er lässt sich an das gemahnen, was er selbst gesagt hat, und sich an sein Treuegelübde erinnern. Gott mit seinem Wort anzusprechen, ihm die Geschichten aus der Bibel wieder zu erzählen, so, wie sie uns erscheinen, aus unserer Sicht – das kommt auch an.

Und Mose kann still sein in Gottes Gegenwart. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden da vierzig Tage und vierzig Nächte lang miteinander geredet hätten, unentwegt. Nein. Die meiste Zeit haben sie miteinander geschwiegen. Wer intensiv mit Gott spricht, kann irgendwann anfangen zu horchen und hört womöglich die große, wunderbare Stille, in die die Gott sich hüllt, mit der er sich umgibt. Diese Stille klingt auf wunderbare Weise in unseren Herzen wider. Wir nehmen sie womöglich wahr, wenn wir lange mit Gott gesprochen und gerungen haben. Wenn wir dann einfach da sitzen, in seiner heiligen Gegenwart, kann es passieren, dass Gott uns mit Freude erfüllt. Mit einer so großen Freude, dass wir womöglich gar nicht mehr drauf kommen, noch etwas für uns selbst erbitten zu wollen. Denn in diesem Raum, in der Nähe Gottes, da haben wir alles, was wir brauchen.

Ich will Ihnen das jetzt nicht vorstellen wie ein Rezept, nach dem Motto: Beten Sie so, und Sie werden erhört, es funktioniert garantiert! Alle, die beten, entwickeln ja mit der Zeit eine eigene Art des Gesprächs mit Gott. Reden, hören und schweigen gehört immer dazu, aber vielleicht auch Zorn und Klage, oder Lob und Dank, Gesang und Tanz  – je nach Lebenslage oder Temperament. Aber alle, die innig beten, bemerken irgendwann mit großer Erleichterung: Gott sitzt nicht oben auf einem Podest. Er steht auf keinem hohen Sockel. Vielmehr ist er an unserer Seite, auf gleicher Augenhöhe, ganz nah. Ganz warm. Ganz schön. Führt uns raus aus aller Enge und lässt uns atmen im Geist seiner Freiheit. Amen.

 

Lieder zum Gottesdienst ROGATE

Eingangslied: EG 159, 1-3 Fröhlich wir nun...

oder EG 181.6 Laudate omnes gentes

Nach der Lesung von Exodus 32, 1-6

EG 283, 1.2.6 Herr, der du vormals

oder (Gesangbuch für Niedersachsen und Bremen) EG 606 Kehret um

Nach der Predigt

EG 432 Gott gab uns Atem

oder (Gesangbuch für Niedersachsen und Bremen) EG 575 Du bist, Herr

Nach den Abkündigungen

EG 133, 1.5.6 (Wochenlied) Zieh ein zu deinen Toren

oder 279, 2.7.8 Jauchzt, alle Lande

Zum Schluss

328, 5+7 Dir, dir o Höchster

oder 457, 11+12 Der Tag ist seiner Höhe nah

 

Eingangsgebet

O Gott, dich rufen wir an, wir sehnen uns nach dir,

wie sich eine Frau in den Wehen nach der Entbindung sehnt.

Gib uns den Mut zu warten, die Kraft zu drängen,

bis der Glaube in uns zum Leben gekommen ist,

und dann bringe deinen Frieden und

deine Freude durch uns zur Welt.

Auf dich hoffen wir in Zeit und Ewigkeit.

Aus: Evangelisches Gottesdienstbuch

Lutherisches Verlagshaus Hannover 2. Auflage 2001

 

Fürbitte

Wir beten zu Gott, der sich wünscht, dass wir ihn erkennen und lieben.

Wir beten dafür, dass Gottes Name geheiligt werde, dass niemand Missbrauch damit treibt

Wir beten dafür, dass wir Gottes Ziele erkennen, dass wir uns in die Freiheit führen lassen

Wir beten dafür, dass alle Kinder Gottes Frieden halten und das achten, was jedem heilig ist

Wir beten dafür, dass die Kirchen in aller Welt die wahren Sorgen der Menschen zu ihren eigenen machen

Wir beten dafür, dass Gott uns die Kraft gibt, die wir zum Leben brauchen,

und dass unser Gebet zum Segen werde.

Geheiligt werde dein Name in unserer Mitte, Gott.

 

Perikope
25.05.2014
32,7-14

Im Glauben frei, im Leben verbindlich - Predigt zu Exodus 20, 2-17 von Meike Friedrich

Im Glauben frei, im Leben verbindlich - Predigt zu Exodus 20, 2-17 von Meike Friedrich
20,2-17

Die Predigt bezieht sich auf die zehn Gebote aus Exodus 20, 2-17.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Vor einiger Zeit haben unsere Bundestagsabgeordneten Post bekommen. Es war eine Drucksache, die den meisten von ihnen sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Und das will was heißen bei Leuten, die mit Schriftkram überschüttet werden. Es handelt sich um eine Bibel. Allerdings eine besondere Bibel. Jede Stelle der Heiligen Schrift, die mit dem Thema Gerechtigkeit zu tun hat, ist farbig unterlegt. Eine hundertfache Erinnerung daran, was der Auftrag der „Diener des Volkes“ ist: Gerechtigkeit für die Menschen in unserem Land und unserer Gesellschaft.

Was mag dieses Projekt wohl bei seinen Empfängern bewirken? Stirnrunzeln wegen einer gefühlten Übergriffigkeit? Anerkennendes Lächeln für eine smarte Idee? Ein zögernder Blick Richtung Papierkorb ?
Aber vielleicht ja auch das: der eine oder die andere Abgeordnete sinkt im Bürostuhl zurück und stellt sich der Frage, die im hektischen Getriebe des Alltags so oft untergeht: Woran orientiere ich mich eigentlich in meinen Entscheidungen?

Drei Menschen sind uns vorhin begegnet, liebe Gemeinde. Keiner von den Dreien hat uns im Unklaren darüber gelassen, dass ihnen eine solche Richtschnur wichtig ist. Nun sollte man meinen, dass ein Mensch, der sich an einen bestimmten Wertekatalog gebunden weiß, eine ziemlich klare Vorstellung davon hat, was richtig ist und was falsch. Doch bereits unsere Drei lassen ahnen, dass es so einfach offenbar nicht ist.

Und wir? Haben wir irgendeine Richtschnur? Und wenn ja, verbindlich ist sie für uns? Regeln, die jeder frei für sich interpretieren kann, sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Und Regeln, denen strikt gefolgt werden muss, führen leicht zu einem hartherzigen Umgang miteinander. 
Selbst die zehn Gebote sind nicht frei von dieser Widersprüchlichkeit.

Deshalb möchte ich Sie gerne zu einem kleinen Ausflug einladen, um diesem Widerspruch auf die Spur zu kommen. Klettern wir  in eine kleine Cessna, eine dieser sehr einfach ausgestatteten Propellermaschinen mit übersichtlichen Bordinstrumenten. Das einzige, was darin wirklich unverzichtbar ist, ist unser Kompass. Wenn der ausfällt, kriegen wir ein echtes Problem.
Wohin wollen wir fliegen? Ich schlage vor, wir steuern eine der Nordseeinseln an. Unser Kompass zeigt nach Norden, immer geradeaus. Genauso wie bei Alina: klarer Kurs, klare Richtung.
Das ist nun der Moment, in dem mir mein Kompass zum Gleichnis wird: Ich bin Hobbypilotin und als solche weiß ich, dass manchmal Kurskorrekturen oder Ausweichmanöver nötig sind. Der direkte Kurs führt uns nämlich über Kraftwerke und ein militärisches Sperrgebiet. Vielleicht taucht vor uns ein Vogelschwarm auf oder eine andere Maschine, die unseren Kurs kreuzt.

Auch wenn unser Kompass weiterhin den geraden, klaren Kurs Richtung Norden anzeigen wird, werden wir um der Sicherheit und des Überlebens willen zwischenzeitlich unseren Kurs verlassen, ohne ihn aber aus den Augen zu verlieren. In diesem Bild findet sich vielleicht Frau Gerard wieder, die für sich erkannt hat, dass ein klarer Kurs gut ist, aber nicht immer in vollkommener Konsequenz einzuhalten ist.

In meinen Augen sind die zehn Gebote ein solcher Kompass. Und ich finde, es lohnt sich, diesen Kompass einzusetzen, wenn wir in unserem Leben einen bestimmten Kurs verfolgen.
Doch es reicht nicht aus, in unübersichtlichen Situationen blind dem Kompass zu folgen nach dem Motto: „Augen zu und durch!“

So entspricht es einer  gut protestantischen Haltung, verantwortlich zu handeln, statt stumpf einfach Vorschriften zu folgen. Für dieses verantwortliche Handeln hat schon Jesus auf einen Maßstab verwiesen, der die Gebote nicht außer Kraft setzt, uns aber dabei hilft,  gegebenenfalls Kurskorrekturen vorzunehmen. Sein Maßstab lautete: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Mit diesem Maßstab gewinnen wir in unserm Alltag manchen Ermessensspielraum.

Besonders, wenn wir mitten in einem Dilemma stecken und nicht mehr erkennen, was gut, wahr und richtig ist.
Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer befand sich während der NS-Zeit in solch einem ernsten Dilemma. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ war ihm heilig. Und dennoch beschloss er, sich dem bewaffneten Widerstand gegen Hitler anzuschließen.

Bonhoeffer ging das Risiko ein, mitschuldig an einem Mord zu werden. Das verstieß gegen das fünfte Gebot. Dadurch würde Bonhoeffer Schuld auf sich laden.

Umgekehrt jedoch genauso: Wenn er dem Gebot gefolgt wäre, jedes Leben, selbst  das des Tyrannen Adolf Hitler unangetastet zu lassen, wäre er ebenfalls schuldig geworden.  
An unzähligen Mitmenschen und auch an Gott.

Mit Blick auf das Kreuz hat Dietrich Bonhoeffer jedoch einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden: Er sieht dort Jesus von Nazareth, von dem wir glauben, dass er der Sohn Gottes ist. Die Römer hatten über ihn die Todesstrafe verhängt, obwohl er unschuldig war. Jesus nahm jedoch ihr Urteil an und ließ sich wie einen Verbrecher behandeln.
Schuldlos lud er Schuld auf sich. Die Schuld der ganzen Menschheit. Stellvertretend für uns alle.

Diese Deutung des Kreuzes brachte Dietrich Bonhoeffer zu einer wichtigen Erkenntnis: Wer sich zu dem gekreuzigten Christus bekennt und ihm konsequent nachfolgt, stellt die Liebe höher als sein reines Gewissen. Und er ist bereit, in extremen Situationen wie Jesus Christus Schuld auf sich zu laden, anstatt eine verantwortliche Tat zu verweigern.  Nächstenliebe kann also dazu führen, dass man sich die Hände schmutzig macht.

Solche dramatischen Gewissensfragen, die in extreme Situationen führen, bleiben den meisten von uns wohl erspart. Aber auch wir können durchaus in ein Dilemma geraten. Darum ist es gut, sich auch ohne Not darüber bewusst zu werden, nach welchen Werten wir leben und handeln.

Die zehn Gebote, liebe Gemeinde, sind unser Kompass in einem freien, selbstbestimmten Leben. Innerhalb dieser Freiheit müssen wir uns nur daran messen lassen, wo wir dem Leben des Mitmenschen schaden und Gott missachten. Dieser Maßstab hilft uns aber auch dabei, als Christenmenschen gemeinsam einzuschreiten, wenn bei anderen Menschen diese Grenze verletzt wird.

Die „Bibeln für den Bundestag“ vielleicht dazu beigetragen, dass einmal mehr Menschen in diesem Sinne von der Weisheit des Gotteswortes profitieren:

Jeder Mensch, der den Geboten Gottes folgt, kann Klarheit für seine Lebensentscheidungen gewinnen. Zugleich vermitteln sie unserer Welt, wie kostbar dieses Geschenk Gottes ist: ein Lebenskompass, der es jedem Menschen ermöglicht, zu einer besseren, gerechteren Welt beizutragen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Perikope
23.03.2014
20,2-17

Traumhaus und Diensthaus - Predigt zur Konfirmation über Exodus 20,2 von Margot Runge

Traumhaus und Diensthaus - Predigt zur Konfirmation über Exodus 20,2 von Margot Runge
20,2

Traumhaus und Diensthaus -  Predigt zur Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Angehörige, liebe Gemeinde!

Auf einem der letzten Konfirmandentage haben wir darüber nachgedacht, wie ein Haus aussehen könnte, in dem ihr gern wohnen würdet. Deshalb lade ich alle ein, daß sie sich jetzt einmal ein Haus vorstellen, das gut zu ihnen paßt, ein Haus, in dem sie sich wohlfühlen und in das sie gern einziehen würden. Wie sieht Ihr Traumhaus aus? Ist es ein altes Haus, mit dicken Wänden oder Fachwerk, mit Ziegelsteinen und Stuckdecken? Ist es ein ganz modernes? Viele von euch Konfirmandinnen und Konfirmanden fanden wichtig, daß es groß und hell ist. Es bietet soviel Platz, daß ihr alle einen Raum für euch habt. Schön soll es sein, freundlich, haben manche gesagt, oder gemütlich, zum Wohlfühlen. Einige haben noch weitergesponnen. Sie haben geträumt von einem kleinen Garten mit alten Mauern, vom Balkon oder vom Pool.
Und dann habt ihr noch beschrieben, was nicht zu sehen ist, aber zu spüren. Ihr habt euch Gedanken gemacht, wie es innen, in dem Haus, zugeht, was das Klima in diesem Haus ausmacht und wie ihr euch darin fühlt. Harmonie soll darin wohnen und Frieden. Für die meisten war wichtig, daß es euch schützen soll, damit ihr euch darin sicher und geborgen fühlt. Ein Haus soll Schutz bieten.

Das ist nicht selbstverständlich. Familien zerbrechen, es wird gestritten und geschimpft. Hinter manchen Wohnungstüren wohnt die Sucht. Hinter anderen die Gewalt. Oder da steht ein liebenswertes, einladendes Haus; und es kann trotzdem zum Klotz am Bein werden. Die Liebe verschlägt euch weit weg oder die Älteren die Arbeit. Aber der Kredit läuft weiter, und verkaufen läßt es sich auch nicht so leicht. Ein Haus kann auch zur Falle werden.
In den letzten Jahren haben manche von euch erlebt, wie gebaut oder angebaut wird. Ihr wißt inzwischen, daß von außen niemand sehen kann, was sich hinter der Fassade verbirgt. Wohnt hier das Glück oder ist es unbemerkt ausgezogen?

Die Bibel kennt solche Häuser, in denen die Hoffnungslosigkeit wohnt. Sklavenhaus nennt sie sie oder Diensthaus in ganz alten Übersetzungen. Diensthaus, das ist, wenn Menschen überhaupt nicht mehr so leben können, wie sie es möchten. Wenn sie eingeengt sind und andere pausenlos über sie bestimmen. Wenn sie keinen Spielraum haben, über ihr Leben zu entscheiden. Wenn sie Gewalt erfahren und sich ducken müssen. Wenn ihr Wille nicht respektiert und ihre Würde mißachtet wird.
Selbst ein ganzes Volk kann da hineingeraten wie vor langer Zeit die Israelitinnen und Israeliten, als sie in Ägypten wohnten. Sie wurden als Ausländer schief angesehen. Sie mußten Zwangsarbeit für den Pharao leisten. Jeder Schritt wurde kontrolliert. Die neugeborenen Jungs wurden totgeschlagen. Dieses Land war für sie ein Alptraum, ein einziges großes Diensthaus, in dem sie zur Arbeit gezwungen wurden.

Gott hat ihnen geholfen, sich zu befreien. In den zehn Geboten erinnern sich die Israeliten daran. Das erste Gebot lautet ursprünglich in der Bibel: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Diensthause, geführt hat (2. Mose 20,2).
Wo werdet ihr im Leben einmal landen? Was wird aus eurem Traumhaus einmal werden? Ein Diensthaus oder ein Haus, in dem ihr frei atmen könnt?

Realität ist: Daß Mädchen, die eure Klassenkameradinnen sein könnten, in ein Sklavenhaus geraten, das gibt es selbst in Deutschland. Sie stammen nur meistens aus Osteuropa. Und wir haben auch heute unsere Diensthäuser, auch wenn sie so weit weg sind, daß sie uns erst auffallen, wenn es ein Unglück gibt. Vor einem Jahr stürzte ein Fabrikgebäude in Bangladesch ein, in dem T-Shirts genäht wurden, die wir bei KiK billig einkaufen. Über 1100 Näherinnen und Näher starben. Sie wollten am 24. April 2013, dem Unglückstag, nicht hineingehen, aber die Aufseher haben sie zur Arbeit gezwungen, aus Gier und Gewinnsucht.

Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Diensthause, geführt hat, heißt es im 1. Gebot. Ja, Kinder, Jugendliche, Erwachsene werden ausgenutzt und ihre Rechte mit Füßen getreten. Immer wieder lösen sich Luftschlösser in Luftblasen auf. Aber das soll nicht Endstation sein. Gott macht uns stark. Gott schürt wie ein Feuer die Sehnsucht in uns, daß es anders wird und daß wir frei leben können. Die Sehnsucht läßt uns nicht zur Ruhe kommen, bis wir herausgekriegt haben, was nicht stimmt, und aufmüpfig werden. Gott will uns den Rücken stärken, wenn wir gegen Kummer und Unrecht aufbegehren. Gott zieht vorneweg, wenn sich Jugendliche und Erwachsene gegen Fesseln wehren und nach Freiheit suchen, nach Liebe, nach Glück, nach gerechten Verhältnissen. Ich bin dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Diensthaus, führt.

Ein Haus ist ein Bild für unser Leben. Das perfekte Haus, das perfekte Leben gibt es nicht. Und überhaupt: jedes ist anders. Das macht erst den Reiz aus. Wenn alle gleich wären, wäre es furchtbar langweilig. Jesus sagt: In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen (Joh 14,2). In Gottes Haus sind viele Wohnungen, so unterschiedlich wie unsere Gesichter.
Werden wir im Haus unserer Träume ankommen? Jesus ist sich sicher: Wer meine Worte hört, gleicht einem klugen Mann, einer klugen Frau, die ein Haus auf festen Felsengrund baut. Unwetter und Katastrophen können ihm nichts anhaben, es wird nicht weggeschwemmt von Sturm und Regen (Mt 7, 24f).  Ein Lebenshaus hat ein stabiles Fundament, wenn es nicht gegründet ist auf dem Leid anderer, darauf, daß für andere das Leben zum Diensthaus wird.

Eine Theologin hat einmal von ihren Träumen erzählt. Sie wünschte sich offene „Türen gerade für die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen. Mein Haus wünsche ich mir nicht als eine für andere unbetretbare Festung, sondern mit vielen Türen. Heimat, die wir nur selber besitzen, macht uns eng und muffig. Jeder Gast bringt etwas mit ins Haus, das wir selber nicht haben. Heimat und Exil gehören zusammen, weil wir ganz zu Hause auch im schönsten Haus nicht sind." (Dorothee Sölle) Sie hat das auch auf die Kirche bezogen.

Ich wünsche euch heute, daß es euch immer wieder gelingt, aus den Diensthäusern auszuziehen. Ihr mögt sie hinter euch lassen und mögt überwinden, was eure Lebenskräfte abschnürt und eure Phantasie verkümmern läßt.
Ich wünsche euch schöne Lebenshäuser, in denen eure Träume wachsen können und Gestalt gewinnen. Ihr könnt entfalten, was in euch steckt und was Gott in euch hineingelegt hat. Aber ich wünsche euch auch, daß ihr hungrig bleibt. Ihr sollt euch niemals ganz fest einrichten, sondern euch immer wieder ein bißchen heimatlos fühlen, damit eure Sehnsucht nie versiegt.
Ich wünsche mir und uns, daß sich unsere Träume verbinden mit den Träumen von Freundinnen und Freunden, mit den großen Menschheitsträumen von Frieden und Gerechtigkeit. Gott möge euch segnen und möge in eurem Lebenshaus zu Gast sein. Amen.

Liedvorschlag: Komm, bau ein Haus, das uns beschützt