‚Exodus-Politik‘ - Predigt über Ex 33,17b-23 von Jochen Riepe

‚Exodus-Politik‘ - Predigt über Ex 33,17b-23 von Jochen Riepe
17b-23

Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Felsen stehen. (Ex 33,21)
Ein Raum, ein Ort – Offenheit bedeutet das, aber auch Begrenzung, Chancen erkennen und zugleich Widerstände, Anderes achten. Sollten wir das nicht allen Politikern, allen, die leiten und führen, zu Beginn des neuen Jahres wünschen: Ein Gefühl für diesen Zusammenhang, in den Gott den Mose einführt?
II
Dass er, Donald Trump, der Sieger sein würde und nun am kommenden Freitag das Amt des US-Präsidenten antreten wird, hatten nur wenige erwartet. „God’s own country“ – von diesem Mann regiert? Seine Wahlveranstaltungen waren spektakulär und für Europäer kaum erträglich. Er teilte aus gegen das Establishment, die Medien, die Polit-Profis, die Wall Street, und versprach den Vergessenen, den Abgehängten, den „Fremden im eigenen Lande“, dem „white trash“, neue Größe, Stolz und Teilhabe. Wenn man so will: Alles. Wie wunderten sich aber Leute aus meiner Generation, dass jeder so vollmundige Auftritt des Kandidaten mit dem bekannten Song der Rolling Stones endete – vergleichbar dem Schlusslied im Gottesdienst: „You can’t always get what you want“. Du kannst nicht immer bekommen, was du dir wünschst.
III
Der designierte Präsident kennt die Geschichte gewiss: Israel in der Wüste. Auf dem Weg ins gelobte Land. Exodus. Auszug. Gott hatte Mose befohlen, das Volk aus der Knechtschaft zu befreien. Mose führte das Volk mit Gottes Hilfe durch das Schilfmeer und am Berg Sinai schloss Gott seinen Bund mit ihm: „Werdet ihr […] meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern.“ (Ex 19,5). „God’s own people“. Auch das wissen wir: Während Mose von Gott die Gebote empfängt, das Gesetz oder die Verfassung der Freiheit, dehnt sich die Zeit und das Volk beginnt zu „murren“. Es wird unruhig und untreu und sehnt sich zurück nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Das berühmte goldene Stierbild entsteht und man sagt: „Das ist dein Gott, Israel.“(Ex 32,4). Mose ist bei seiner Rückkehr bestürzt und ahndet das Vergehen mit schlimmsten Vergeltungsmaßnahmen. Aber über der Strafaktion gerät er selbst in eine tiefe Sinnkrise. Von Anfang an war er ja unsicher in dieser Rolle des Anführers, des Gottesmannes und – wie in einem letzten Aufbäumen – geht er nun auf’ s Ganze: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“
IV
Die Sinnkrise des Mose, dieser quälende Augenblick, da keiner so richtig weiß, wie es weitergehen soll: Was ist das Ziel dieses ganzen Unternehmens? Welche Wege führen dahin und entsprechen ihm? Was ist das für ein Gott, der uns aus Ägypten rief? Diese Krise ist über das Persönliche hinaus durch und durch politisch: Mose ist ja kein assyrischer Großkönig, er ist kein Tyrann, vom Pöbel an die Macht gebracht. Er wird auch nicht von einer Adelsschicht getragen. Er ist Fremder im eigenen Volk. Er hat Schwierigkeiten mit dem Reden und die Frage nach seiner Autorität, nach der Berechtigung seines Führungsanspruches wird immer wieder akut. „Lass mich deine Herrlichkeit sehen, Gott.“ „Gib mir die innere Gewissheit, dass es richtig ist, was wir tun“, steckt darin. Aber auch: „Gib mir teil an deiner Macht. Gib mir Kraft und Durchsetzungsvermögen.“ Wer Gottes Herrlichkeit, seine kabod sieht, der hat auch daran teil: Sollte er nicht neu, grundsätzlich und ein-für-alle-mal die Kraft empfangen und aufbringen, dieses riskante Unternehmen des Exodus beim Volk durchzusetzen und zu Ende zu bringen? Professionelle Politiker werden diesen Wunsch sofort verstehen.
V
„Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Felsen stehen.“ (Ex 33,21)
Ein Raum eröffnet und begrenzt. Chancen und Möglichkeiten gibt es da, wo Grenzen und Anderes geachtet wird. Ich sagte es: Der, der am Freitag dieser Woche – die Hand auf der Bibel – den Eid auf die Verfassung seines Landes ablegen wird, der im Wahlkampf seinen Anhängern große Versprechen machte: Er werde sie aus dem Exil herausführen und sie in ihr Land zurückholen - eben dieser ließ nach seinen Spektakel-Auftritten den alten Song spielen: „You can’t always get what you want“. „Was war das? Was sollte das?“, fragten die Journalisten. Spaß? Musikalischer Firlefanz? Unterhaltung? Oder war es mehr eine Art (Selbst-)Verwarnung oder Ermahnung, nicht zu viel von ihm zu erwarten beziehungsweise nicht zu viel von sich selbst zu erwarten? War es die bewusst-unbewusste, gewollt-ungewollte Offenlegung der Grenzen eines Mannes, der – so schien es vielen - grenzenlos, schamlos mit den Gefühlen der Menschen spielte, der riechen konnte „was die anderen verbitterte“ (H. Bude). Und mit dieser Fähigkeit viele Stimmen und Seelen für sich einnahm und von ihnen nun an die Macht gewählt wurde, zu Größe und Herrlichkeit. Wie wird er damit umgehen, fragen wir.
VI
Die biblische Geschichte von der Krise des Moses als Politiker, von seinem Wunsch, Gottes Herrlichkeit zu sehen und an Gottes Macht teilzuhaben, weist jedenfalls einen menschenfreundlichen Ausgang aus solchen schwierigen, erhitzten „Alles-Situationen“. Gott, so heißt es, öffnet sich dem Verlangen des Mose. All seine Güte soll er sehen und Gottes Name wird ihm kundgetan (Ex 33,19b). Mose erhält das, was er braucht, um seinen Auftrag erfüllen zu können. Zugleich aber wird ihm der direkte Anblick Gottes, des göttlichen Angesichts, die direkte Teilhabe verwehrt - ihm bleibt „das Entsetzen erspart“ (H. Miskotte). An eben jenem Ort, da Gottes Herrlichkeit an ihm vorüberzieht, wird Gott selbst seine Hand schützend über Mose halten.
Mose sucht Gewissheit, Autorität, Macht – es gibt auch ein politisches Drängen vom Glauben zum Schauen –seht euch die Paläste der Tyrannen an! Und doch ist dieses Schauen gehalten, gesperrt, durchkreuzt. Es gibt eine göttliche kabod, eine Herrlichkeit, die „Himmel und Erde“ segensreich erfüllt (Jes 6,3), die der Mensch aber nur verhüllt ertragen kann. Der Gott, der unserem Blick Schutz und Grenze gibt, der tut das um unseretwillen.
VII
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen. (Ex 33,18b). Gott weist diesen Anspruch nicht einfach zurück. Er gibt ihm gebrochen und indirekt nach. Ebenso gewährt er einen Raum der Nachfolge, der seinem Volk, seinem Bundesvolk, auf Dauer, zu aller Zeit, Schritt für Schritt bleibt: „Du darfst hinter mir hersehen.“ (Ex 33,23b) God’s own people. Gott bleibt seinem Volk treu, geht ihm voran und es darf ihm und niemandem sonst folgen. Das Projekt Exodus, die Befreiung aus der Knechtschaft, das Leben im Schutzraum der Gebote -  alles dies bleibt als Gabe, Verheißung und Aufgabe vor uns. Das hat Mose nun vielleicht verstanden: Stärken und aufrichten kann uns arme, vergängliche Wesen dafür nur das, was uns bestehen, was uns sein lässt und Gottes Herrlichkeit, seine Gewichtigkeit, seine All-Macht, zeigt sich gerade darin, dass sie Anderes zulässt, sich selbst zurücknimmt und einen menschlichen Weg eröffnet.
Macht in menschlicher Hand – oder besser gesagt: die Illusion der Macht – steht immer in der Gefahr, grenzenlos werden zu wollen und eben darin das Projekt, den Sinaibund, zu verraten. Der Tanz um das goldene Kalb kann ja vielfältige Gestalten finden.
VIII
„You can’t always get what you want“. Vielleicht stimmt es ja: Mick Jagger soll dem Präsidenten angeboten haben, den Song anlässlich seiner Inaugurationsfeier zu singen. Dann wohl ohne den Londoner Bachchor, der damals den engelsgleichen Refrain des Liedes übernommen hatte .Wir wollen jedenfalls wünschen, hoffen und  erbitten, dass der mächtigste Mann der Welt, Mr. President in „God’s own country“, es lernt und versteht: Jedes demokratische Amt ist eingebunden in eine Verfassung, in einen Rechtsraum, die von der Person eine Selbstbindung verlangt und ihr die Weisung erteilt, die ihm vom Volk übertragene Macht so zu nutzen, dass die Verlorenen und Vergessenen zurückkehren, Anerkennung, Teilhabe und Brot finden. Das wäre wahre „Exodus-Politik“ – der Auszug des Volkes aus Leid und Unterdrückung. Schritt für Schritt. Und immer wieder von vorn.

 

Perikope
15.01.2017
17b-23

"Kleine Träume zu haben ist gut"

"Kleine Träume zu haben ist gut"
16,11-21

Predigt von Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, über 2. Mose 16, 11-21 im ZDF-Fernsehgottesdienst am 11. Oktober 2015 in der St. Petri-Kirche in Dortmund

Die Gnade Gottes, die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

 

I.

Liebe Gemeinde vor Ort und zu Hause,

da, wo sonst Trolleys rollen, wo Leute in Geschäftskleidung, mit dicken Terminkalenden und knappen Verbindungen auf die Bahnsteige eilen, da liegen Menschen auf dem polierten Fliesenboden. Menschen mit Plastiktüten, ohne Termine und mit abgerissenen Verbindungen. Sie suchen Schlaf oder wenigstens Ruhe.

Und als es sie es sahen, sprachen sie: Was ist denn das?

Da, wo sonst flinke Füße flitzen und zu kurzen Sprints ansetzen, wo bunte Linien Spielfeld und Regeln vorgeben, wo Bälle hin und her fliegen, da stehen Feldbetten. Damit es erst einmal ein Dach über dem Kopf gibt; damit ein langes und langsames Ankommen anfangen kann.

Und als sie es sahen, sprachen sie: Was ist denn das? Denn sie wussten nicht, was es war.

Da, wo sonst die Half- und Fullpipes stehen, auf denen Jumps und Flips geübt werden – in der Skater-Halle des Dietrich-Keuning Hauses –, da stehen Menschen, junge und alte, Männer und Frauen, manche in Helferuniform, andere mit Kopftuch und langen Röcken, wieder andere in Jeans und Lederjacke. Inmitten von Kleiderbergen sortieren sie Hosen, Hemden, Pullis, Jacken und Decken. Sie sind erschöpft, sie arbeiten fast bis zum Umfallen – und sind doch zufrieden wie selten.

Und siehe, da lag’s in der Wüste, rund und klein wie Reif auf der Erde, und als sie es sahen, sprachen sie: Man-hu? Was ist denn das? Denn sie wussten nicht, was es war.

 

II.

Ja, wenn wir das so genau wüssten, liebe Gemeinde hier in St. Petri, in Dortmund und anderswo, nicht wahr?

Was das ist, was wir da sehen und erleben dieser Tage?

Manchmal ganz buchstäblich auf den Böden unserer Bahnhöfe und Turnhallen, in unseren Einkaufszentren, Schulklassen und Bürgerämtern, vor den Mikrophonen der Talkshows, in den Kommentarspalten unserer Zeitungen, auf den Plakaten der Begrüßungskomitees. Am eindrücklichsten auf den Gesichtern derer, die ankommen, und derer, die helfen.

Beinahe immer meine ich diese "Was ist das?"-Frage zu erkennen; dieses zögerliche Staunen. Zugleich das Eingeständnis: So war es bisher noch nie. Und die Sorge: Wer weiß, wie es wird?

Mindestens das, so scheint es, haben wir also schon einmal gemeinsam. Sie, die da zu uns kommen, in ein Land, in dem sie noch nie waren und in dem fast alles anders ist als sie es kennen.

Und wir, die wir schon immer hier sind oder schon lange und neuerdings doch zweimal hingucken müssen, um uns zurechtzufinden. Wir, die wir uns zur Zeit womöglich selbst ein wenig fremd geworden sind und ahnen, dass auch hier bei uns nicht alles bleiben kann, wie wir es kannten.

Merkwürdig, nicht wahr? Vor kurzem noch haben wir uns gewundert und gefreut über uns selbst und über all die anderen. Über so viel Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Über unerwartet tiefe und handfeste  Solidarität so vieler Menschen. Merkwürdig auch, wie schnell uns die Angst zurückhat. Die Angst vor der eigenen courage. Wie sich sogar Abwehr und Feindseligkeit melden. Wie schnell uns unbehaglich geworden ist angesichts dessen, was auf einmal gar nicht mehr selbstverständlich scheint.

 

III.

"Schaffen wir das?"

"Wie geht das weiter?"

"Wie soll das werden?"

Eigentlich sind das die Fragen derer, die zu uns kommen.

"Schaffen wir es raus aus der Stadt, schaffen wir es über die Grenze?"

"Wie geht es dann weiter bis zur Küste?"

"Schaffen wir es übers Mittelmeer?" 

Und vor allem: "Was wird aus denen, die zurückbleiben?"

Wir sollten diese Fragen nicht vergessen, wenn jetzt auch wir selbst so fragen – so ähnlich und doch ganz anders. Wir mit unsern Trolleys und Skateboards, mit unseren Turnhallen und Einkaufszentren.

"Schaffen wir das?"

"Wie geht das weiter?"

"Wie soll das werden?"

Die Menschen, die so fragen in der biblischen Geschichte, sind auf dem Weg in ein neues Land. Hinter sich gelassen haben sie Fesseln, Schlagstöcke und Folterwerkzeuge. So, wie es derzeit viele Menschen weltweit tun und tun müssen. Längst nicht alle kommen zu uns.

Hinter sich gelassen haben sie die trügerische Vorstellung, man könne, selbst wenn ringsum Krieg und Gewalt toben, wenn es ausbeuterisch und unterdrückerisch zugeht, doch wenigstens selbst so weitermachen wie bisher. Man dürfe nur nicht so genau hinschauen, dürfe sich nicht zu tief einlassen und müsse sich abschirmen gegen die Not der anderen.

(Hier werden Bilder vom "Goldenen Wunder", dem Altar in St. Petri, eingeblendet: Die Heiligen Drei Könige und die Flucht nach Ägypten.)

So also sind die Flüchtlinge losgegangen – wie zu Weihnachten Joseph losging, erst aus Nazareth, dann aus Bethlehem gleich nach der Geburt mit Maria und dem neugeborenen Jesus. Sie mussten damals fliehen um ihr nacktes Leben, weil da ein Diktator und seine Soldateska mordeten.

Womöglich gleicht unser Weg eher dem der Heiligen Drei Könige.

Die hatten Gott in der Verletzlichkeit eines Kind gefunden und angebetet. Und plötzlich – so erzählt die Bibel – waren sie sicher, dass sie unmöglich so weitergehen konnten wie sie herkommen waren. Und sie zogen, so heißt es, auf einem anderen Weg wieder zurück in ihr Land.

 

IV.

Aber dieser andere Weg ist weit. Sehr weit. Auch für uns. Vor denen, die sich aufmachen ins Neuland, liegt die Wüste. Dort ist es großartig. Und dort ist es beängstigend.

Großartig, weil alle spüren, wie sie zusammengehören, wie sie aufeinander angewiesen sind. Großartig, weil sie ein Gefühl dafür entwickeln, was wirklich wichtig und was nur nebensächlich ist. Und dass es auf jeden und jede ankommt. Genau das haben viele Helfer und Helferinnen in den letzten Wochen auf den Bahnsteigen und in den Aufnahme-Einrichtungen erfahren: "Wir haben vielen Menschen ein kleines Geschenk gemacht", so formuliert es eine, "und haben ein riesengroßes zurückbekommen."

Ja wirklich, es ist großartig dort auf dem anderen Weg.

Und: Es macht Angst. Dort, in der Wüste, wissen sie nicht, was vor ihnen liegt. Es gibt helfende Hände und hitzige Köpfe; es gibt wunde Füße und blanke Nerven. Alle ahnen – und sehr bald wissen sie es –, dass es anstrengend sein wird, richtig anstrengend. Es wird auf und ab gehen, bisweilen auch drunter und drüber. Auch das ist die Erfahrung vieler, die sich tatkräftig einsetzen.

Ja wirklich, er verunsichert, der andere Weg. Der Weg in das neue Land. Die Tage sind lang, die Nächte kurz. Und die Fragen hartnäckig:

"Schaffen wir das?"

"Wie geht das weiter?"

"Wie soll das werden?“

 

V.

Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als sie es sahen, sprachen sie zueinander: Man hu - Was ist denn das? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das Gott euch zu essen gegeben hat.

Da liegt es also, das Brot, das Gott zu essen gibt. So durchsichtig, so dünn, so unscheinbar und so flüchtig wie Tau. So selbstverständlich, so zart, so erfrischend und so glänzend wie Tau. Taufrisch eben. Da liegt es also, das Brot, das Gott zu essen gibt.

Ein Geschenk des Himmels, wie es der Altar hier in der Kirche ins Bild setzt.
(Hier wird das Bild vom Altar eingeblenet, das die Manna-Lese darstellt)

Die Geschichte verspricht: Es liegt da jeden Morgen. Ein Zeichen der Freundlichkeit und Gerechtigkeit Gottes.

Gewiss, die Wüste ist immer noch Wüste, großartig und verunsichernd. Doch jetzt ist da plötzlich mehr als Wüste. Mehr als das Großartige, das wir leisten. Und mehr als das Unwägbare, das wir fürchten. Mehr übrigens auch als der große Traum von der großen Lösung. Mehr als die Vorstellung eines Rundum-sorglos-Paketes, das auf gigantische Weise vom Himmel fällt. Mehr als das fahle Versprechen von dem einen starken Mann, der einen knallharten Maßnahme.

"Man muss", sagt ein junger Syrer im Zeitungsinterview nachts vor seiner Unterkunft – "man muss kleine Träume haben. Kleine Träume zu haben ist gut."

Und ich ahne: Was dieser junge Syrer erfahren hat auf den Wegen seiner Flucht; was er über sich und seine persönlichen Hoffnungen sagt, das könnte auch für uns zutreffen. Für uns, die wir als Land und als Gesellschaft zwischen übergroßen Erwartungen und übergroßen Angstträumen hin- und hergerissen sind.

"Man muss kleine Träume haben. Kleine Träume zu haben ist gut.“

 

VI.

Das Brot, das der Gott der Freiheit, der Gott des anderen Wegs seinen Leuten zu essen gibt, ist rund und klein. Manchmal ist weniger mehr. Es ist klein, damit es nicht hindert auf dem Weg, der vor ihnen liegt.

Einsammeln müssen sie´s. Jeder Mann und jede Frau, jeweils für die Menschen, die ihm und ihr anbefohlen sind. Alle sollen merken: Ich selbst bin gefragt. Wirklich auch ich kann und soll mitmachen. Auf mich kommt es an.

Viele hier in Dortmund haben mitgemacht und tun es immer noch.

Gleichmäßig und gerecht verteilt ist es, das Brot, das der Gott der Freiheit und des anderen Wegs seinen Leuten zu essen gibt. Überraschend gleichmäßig und überraschend gerecht verteilt:

Denn als man’s nachmaß, da hatte der nicht zu viel, der viel gesammelt hatte, und der nicht zu wenig, der wenig gesammelt hatte.

Darauf – davon bin ich überzeugt – wird es auch für uns ankommen. In unserem insgesamt reichen Land, in dem schon jetzt doch Viele zu wenig haben. Gewiss, wir sind alle gerufen, uns betreffen zu lassen von der Not derer, die uns kommen. Und: Wir werden auch unter uns nachmessen und sehr genau hinsehen müssen. Damit nicht diejenigen noch weniger erhalten, die jetzt schon zu wenig haben. Das heißt: Unter uns sind auch und gerade diejenigen gefragt, die viel und zu viel haben.

Und sie sammelten alle Morgen, soviel ein jeder zum Essen brauchte. Und wo sie vorsichtshalber etwas aufbewahren wollten für den nächsten Morgen, da wurde es voller Würmer und stinkend.

 

VII.

Das Brot, das der Gott der Freiheit gibt – so erzählt es die Bibel –, hat das Gottesvolk Israel vierzig Jahre lang genährt. Täglich neu, taufrisch, verlässlich, klein und gerecht, funkelnd wie Raureif. Und das, was nicht gesammelt wurde, so heißt es, sei in der Wüstensonne geschmolzen.

Dann sei es – so erzählt eine jüdische Legende weiter – zu Bächen geworden und zu allen Völkern geflossen, so dass Tiere und Menschen davon trinken konnten. Seitdem ist der Geschmack der taufrischen Freundlichkeit und Gerechtigkeit Gottes nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Wer weiß, womöglich können wir ihn noch schmecken, diesen göttlichen Geschmack? In den Wasserflaschen, die auf unseren Bahnhöfen und in unseren Turnhallen verteilt werden. Vielleicht sogar in dem Bier an unseren Stammtischen und auf unseren Volksfesten. Und in dem Kaffee auf unseren Kabinetts- und Konferenztischen.

Lassen Sie sich´s schmecken. Aber: Schmecken Sie genau hin!

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

Predigt am Diakonie-Sonntag zu Ex 22,20 von Stefan Kläs

Predigt am Diakonie-Sonntag zu Ex 22,20 von Stefan Kläs
20,20

Liebe Gemeinde!

Wir Menschen sind notorisch vergesslich und oft ist das gut, weil es uns hilft zu leben. Hätten wir alles Schlimme, das wir erlebt, und alles Böse, das wir getan haben, ständig vor Augen, könnten wir wohl kaum unseren Alltag bewältigen. Manchmal allerdings geschehen Dinge, die den Panzer unserer Vergesslichkeit durchbrechen und bis in unser Alltagsbewusstsein vordringen.

Die derzeitige Flüchtlingskrise, die unsere Stadt und unser Land in Atem halten, gehört zu diesen Ereignissen. Wenn wir die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten, lesen wir Nachrichten oder sehen Bilder, die wohl niemanden kalt lassen. Manche Bilder sind so unerträglich, dass darüber diskutiert wird, ob sie überhaupt veröffentlicht werden sollten. (Das Bild des toten Kindes Aylan Kurdi am Strand von Bodrum in der Türkei war ein solches Bild.)

Es sind Bilder, die in vielen von uns Erinnerungen an eigene Fluchterfahrungen wachrufen. Knapp ein Sechstel der Mitglieder unserer Kirchengemeinde sind zwischen 70 und 80 Jahre alt. Viele von ihnen stammen aus dem ehemaligen Ost- oder Westpreußen, aus Pommern oder Schlesien und erinnern sich noch gut daran, wie sie von dort gen Westen geflohen sind. Als Kinder kamen sie mit ein paar Habseligkeiten nach einer gefährlichen Reise in irgendeinem Lager an. Wer gut dran war, hatte noch einen Elternteil dabei, meist die Mutter, der Vater war noch im Krieg oder schon in Gefangenschaft, nicht wenige aber kamen allein.

Menschen wie Frau S., die heute sagen: „Ich weiß genau, wie sich das anfühlt. Darum kann ich nicht so tun, als ginge mich das Schicksal der Flüchtlinge heute nichts an. Ich möchte helfen.“[1]

Auf genau dieses Einfühlungsvermögen zielt auch das Gebot aus dem biblischen Buch Exodus im Alten Testament:

„Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ (Ex 22,20)

So beginnt eine Reihe von Geboten, die Rechtsschutz für die Schwachen in der Gesellschaft gewährleisten sollen. Es ist ein Gebot, das sich ursprünglich an die im Land sesshaft gewordenen Israeliten wandte; an diejenigen, die sich noch erinnerten oder erinnert werden konnten, wie es gewesen war, fremd in Ägypten zu sein.

Die Postkarten, die sie am Eingang bekommen haben, zitieren dieses Gebot und sie zeigen Motive einer Plakataktion der Evangelischen Kirche im Rheinland.[2]

Die drei Bilder verbinden sich mit drei Orten und drei Jahreszahlen:

1) Walternienburg in Sachsen-Anhalt. Im Jahr 1945 zogen Flüchtlingstrecks aus dem Osten hier hindurch. Das Bild zeigt Menschen, die ihre Habseligkeiten auf Planwagen transportieren und zu Fuß unterwegs sind.

2) Wipperfürth im Bergischen Land. In den Jahren 1946 bis 1952 standen am Rangierbahnhof fünf hölzerne Baracken, die als Durchgangslager für Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten dienten. Im ersten Jahr kamen täglich zwischen 1000 und 1800 Flüchtlinge hier an. Sie sollten maximal 24 Stunden bleiben. Daraus wurden oft Monate, weil die Behörden dem immensen Ansturm nicht gewachsen waren. Das Bild zeigt Kinder, die auf einem Baumstamm balancieren und sich so gut es eben geht die Zeit vertreiben.

3) Prag. Im Jahr 1989 flüchteten ausreisewillige DDR-Bürger in die bundesdeutsche Botschaft in der tschechischen Hauptstadt. Bis zu 4000 Menschen hielten sich zeitweise im Hof des Gebäudes auf und harrten bei Regen und in knöcheltiefem Schlamm dort aus. Das Bild zeigt einen Mann, der ein Kind über den Zaun der Botschaft hebt.

Die Bilder zeigen vor allem:

Gottes Gebot hat auch uns im Blick. „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge … gewesen.“

Das gilt auch für uns Deutsche!

Wir sollen uns angesichts der Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen, an die eigenen Erfahrungen des Fremdseins inmitten von sesshaften Menschen erinnern, die ihre angestammten Plätze und Rechte verteidigten.

Und wir sollen darum solidarisch sein mit den Flüchtlingen heute!

Es sind die Zeitzeugen, die sich an die Kriegs- und Nachkriegszeit noch aus eigenem Erleben erinnern, die von den aktuellen und den historischen Bildern von Flüchtlingen leichter und vielleicht auch intensiver als wir Jüngere angesprochen werden.

Doch Gottes Gebot gilt nicht alleine ihnen!

Dieses Wort Gottes wurde ja deshalb in die biblischen Schriften aufgenommen, damit es jede Generation neu erreicht, damit jede Generation neu lernt:

Auch wir sind Fremdlinge in Ägyptenland – oder wo auch immer – gewesen.

Es gehört zu den Grunderfahrungen unseres Glaubens, dass wir immer wieder in Situationen kommen, in denen wir uns fremd fühlen. Gott erspart uns solche Situationen nicht. Im Gegenteil: Gott mutet uns solche Erfahrungen von Fremdheit zu, damit wir lernen, wie es ist, als Menschen aufeinander angewiesen zu sein, damit wir Solidarität lernen.

Heute sind wir die Sesshaften und die anderen die Fremden.

Schon morgen kann es anders sein!

Schon morgen können wir diejenigen sein, die wieder auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

Wenn wir in Frieden und Sicherheit leben, dann ist das ein Grund zu großer Dankbarkeit – und ein Anlass, die Früchte dieser langen Friedensperiode zu teilen!

In einer Erklärung der Leitenden Geistlichen der Evangelischen Kirchen in Deutschland heißt es:

„Uns in Deutschland ist aufgrund unserer Geschichte in besonderer Weise bewusst, welches Geschenkt es ist, Hilfe in der Not und offene Türen zu finden. Ohne die Hilfe, die uns selber zu Teil geworden ist, wären wir heute nicht in der Lage, mit unseren Kräften anderen zu helfen.“[3]

Und da wir in der Lage sind, es zu tun, sollen wir es auch tun!

Wie das geht? Ich sehe drei Möglichkeiten:

1) Wir heißen Flüchtlinge willkommen. Es kommt auf unsere Haltung an. Wenn wir Flüchtlinge in unserer Stadt und in unserer Gemeinde willkommen heißen, dann werden andere sich an uns ein Beispiel nehmen. Dazu gehört auch, jeder Form von Rassismus und Fremdenhass entschieden entgegenzutreten.

Auch unter Arbeitskollegen oder im Verein! Die Brandstifter, auch die geistigen Brandstifter,  dürfen nicht länger das Gefühl haben, im Namen der schweigenden Mehrheit zu handeln. Das tun sie nämlich nicht!

2) Wir tun vor Ort, was wir tun können. Das Presbyterium stellt der Diakonie Düsseldorf das leerstehende Pfarrhaus nebenan als Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung. Zurzeit wird geprüft, ob dies möglich ist. Wir hoffen, es gelingt!

3) Wir sind politisch Anwälte der Flüchtlinge. Die Ursachen, warum Menschen gegen ihren Willen ihre Heimat verlassen, sind vielfältig: Klimawandel, extreme Armut, Krieg und Gewalt gehören dazu. Lösungen gibt es nur gemeinsam, europäisch und international. Aber auch wir sind nicht machtlos. Wir können unsere demokratischen Rechte ausüben, z.B. mal wieder wählen gehen und so dafür sorgen, dass es legale Wege der Einwanderung nach Deutschland und Europa gibt, die Schleusern das Wasser abgraben.

Liebe Gemeinde!

Es ist wahr: Die Herausforderung, vor der wir hier stehen, ist groß.

Aber die Verheißung auch!

Wenn es uns gelingt, denen beizustehen, die heute unsere Hilfe brauchen, dann wird uns das verändern, dann wird es bessere Menschen aus uns machen.

Und wir werden selbst beschenkt werden in einem Ausmaß, das wir uns heute noch nicht vorstellen können!

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Predigtlied: Sonne der Gerechtigkeit (EG 262,1.4-6)


[1] Frau S. ist eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Kirchengemeinde, die seit Jahren hobbymäßig malt und einen Teil ihrer Werke nun zugunsten der Flüchtlingshilfe der Diakonie verkauft.

[2] Die Fotomotive der Plakataktion sind zu sehen unter www.fremdling.eu (abgerufen am 18.09.2015).

[3] Zur aktuellen Situation der Flüchtlinge. Eine Erklärung der Leitenden Geistlichen der evangelischen Landeskirchen Deutschlands vom 10.09.2015.

Quelle: http://www.ekd.de/download/20150910_gemeinsame_erklaerung_fluechtlinge.pdf (abgerufen am 18.09.2015).

 

Perikope
20.09.2015
20,20

Plattdeutsche Predigt zu 2.Mose 34,4-10 von Anita Christians-Albrecht

Plattdeutsche Predigt zu 2.Mose 34,4-10 von Anita Christians-Albrecht
34,4-10

 4 Dor mook Mose sük an de Arbeid un hau sük twee Steentafeln torecht, jüst so as de iersten (de he kött smeeten harr). Fröh an d' anner Mörgen neem he de Tafeln in d' Hand un steeg op de Barg Sinai, so as de Herr dat von hum verlangt harr. 5 In een Wulk keem Gott denn ok andaal un stell sik tegen Mose hen. As de nu Gott anropen dä, 6 gung de Herr vörto an Mose vörbi un reep ut: Ik bün Gott. De Gott, de nüms sitten laaten deit un de dat good mit jo in’n Sinn hett. De up de Minschen töövt un de so veel för hör över hett. De hollt, wat he toseggt. Ik bün good över duusend un duusend Lüüd. 7 Vergeven do ik Sünn’, Schlechtigkeit un Schuld. Man eenfach so hengahn laat ik dat nich. Wor Vöröllern schüllig worden sünd, laat ik Kinner un Kindskinner dorför liek stahn bit in de darde un veerde Generatschoon. 8 Dor böög Mose sük deep daal, smeet sik op de Eer 9 un sä: Herr, heff ik Gnaad funnen vör dien Ogen, denn wees middent unner uns un treck mit uns wieter. Dat is ja nu mal’n obstinaatsch Volk; vergeev du uns uns Schuld, un laat uns ganz dien eegen wesen. 10 Dor sä Gott: Good, de Bund schall gelln. All dien Volk sall dat beleven, dat ik Wunner do, Wunner, as se op de Welt nich een Volk to sehn kregen hett; ja, all dien Volk sall beleven, wat de Herr deit. Wunnerbor sall wesen, wat ik an di doon will. 

Uns Gott, der immer dorwest hett un dorwesen will för all Tieden, de mag ok nu ganz dicht bi uns wesen, dat wi hören un verstaht. Amen.

Hebbt Ji dat ok al mal beleevt, leeve Gemeen? Ja. Ganz seker hebbt Ji dat al beleevt. Dat een Jo ganz furchtbor enttäuscht het.

Dor hest Du up een baut, hest Di heel un dall up hum verlaaten, un denn hett dor'n Uul seten. Denn musst Du faststellen: Disse Minsch hett mien Totraun gor nich verdeent.

Wo hest Du reageert? Ruhig un leev? Ik glööv nich. Normalerwies is mal denn trüürig un vergrellt. Un överleggt sük, wo man de anner dat torügg betahlen kann.

Wenn Kinner hör Olln of Mesters enttäuschen, denn denken de sük een Straaf ut.  

Wenn een mi seer/weh deit of nich hollt, wat he toseggt hett, denn is dat ut mit de Fründschaft. Denn wessel ik: de Chef, de Anbeeder of viellicht ok de Mann oder de Frau. Ik laat de anner marken, wat he mi andaan hett.

In de Vertellsel, wor uns Predigttext för vandaag ut stammt, ward ok een ganz bitter  enttäuscht. Kien Minsch, nee: Gott. 

Gott ward wies, dat sien Minschen, um de he sük jümmers mit vööl Leevde kümmert hett, hum untreu worden sünd. Un Mose, de sük in sien Updrag för genau disse Minschen een Been utritt, de kann dat gor nich faten:

Gott hett disse Minschen doch jüst eerst free maakt ut hör Knechteree in Ägypten. Se hebbt dat doch beleevt, dat he sogor in de Wööst för hör sörgt. Man noch bevör Mose hör Gott sien Geboden, sien goode Lebensregeln, vörstellen kann, as he noch up de Barg Sinai is, um hör up twee Steentafeln oftohaaln, hebbt de Israeliten al hör heele Glinstergood bin'nanner söcht, all hör Ketten, Ohrbüngels un Broschen, un sük dor een golden Kalv ut goten. Een sülstbaut Gott! Se hebbt sük benomen as löttje Kinner, de jüst dat doot, wat hör Olln nich willt. Mose is so vergrellt, dat he de beid Steentafels in Dutt haut.

Dat mit de Golden Kalv, dor hebbt Ji al van höört, leeve Lüüd. Nich bloot, dat dat Wohrteeken van de Wall Street in New York een Bull ut Bronze is. Nich bloot, dat direkt an d' Ingang van de Geldmuseum van d' Bundesbank een Stier steiht. 'Stier' heet up Latiensch 'pecus' un 'Geld' 'pecunia'. Weetst Bescheed? Dat mit de 'Danz um dat golden Kalv', dat steiht middlerwiel för uns modern Welt, wor Geld un good Utsehn un Macht un Gewalt Gott sien Stääd innohmen hebbt.

Mose is total enttäuscht, un Gott is dat seker ok. Dor is wat kött gahn. De Steentafels, de in Dutt sünd, staht för all dat anner, wat kaputt geiht, wenn man so'n Daalslag beleevt. Un wat seer/weh deit.

Faak genug fangt dornah dat Spööl an. Wor een de anner de Schuld in d' Scho schufft un genau weet, wat he all verkehrt maakt hett. Wor jeder sük utdenkt, wat he de anner noch andaan kann. Ehelüüd kennt dit Spööl besünners good. Van d' Tahnpasta bit hen to dat Sörgerecht för de Kinner, spööt all mit.
 
Ok Mose spöölt eerstmal dit Minschen-Spööl. He haut dat Götzenbild kött. He maakt ut dat Gold Pulver, un he lett dat Schwert proten. Rache is sööt - un mennigmal grausam. 3000 sölln domals umkomen wesen. Kannst Di bold nich vörstellen. Man steiht so in d' Bibel. Un so geiht dat to unner Minschen.
 
Stellen wi uns mal vör, Gott harr so reageert as wi – harr de Kontakt ofbroken, sien Minschen de Rügg todreiht. Denn seeten wi vandaag nich hier.

Man dat deit he nich. Gott gifft nich up. He lett Mose noch eenmal nah boven komen up de Barg. Vörher - Straaf mutt wesen - mutt he nu neije Tafels maaken. hör ut de Steen hauen, glatt sliepen un beschriften. Dat is vööl Arbeit, un dor kann he sük anschienend 'n bietjet bi bedoorn. Un denn - dat vertellt uns Predigttext - passeert wat Wunnerboors: Mose sücht Gott. Un Gott stellt sük Mose vör. He seggt:

Ik bün Gott. De Gott, de nüms sitten laaten deit un de dat good mit jo in’n Sinn hett.
De up de Minschen töövt un de so veel för hör över hett. De hollt, wat he toseggt. Ik
bün good över duusend un duusend Lüüd. Vergeven do ik Sünn’, Schlechtigkeit un
Schuld. Man eenfach so hengahn laat ik dat nich. Wo Vöröllern schüllig worden
sünd, laat ik Kinner un Kindskinner dorför liek stahn bit in de darde un veerde
Generatschoon.


Dat ännert alllns. Mose begrippt: Gott vergifft. Wunnerbor! Man de Satz geiht wieter:
Eenfach so hengahn laat ik dat nich. Wo Vöröllern schüllig worden sünd, laat ik
Kinner un Kindskinner dorför liek stahn bit in de darde un veerde Generatschoon.


Mennigeen, de dat höört, mutt dröög daalsluken. Wat is denn dat för een Gott? Nennt sük gnädig un straaft de Nahkomen för dat, wat de Olln un Grootolln daan hebbt. Dat maakt doch nich mal wi Minschen!

Oder? 'Is dat nich de Enkeljung van de? Na ja, denn ...!'

Wat wi Minschen dormit willn, laat ik nu mal gewähren.
Wat Gott dormit will, begriep ik woll:
He hett uns leev un sörgt för uns. Man he lett nich allns mit sük maaken. Wenn wi een leev hebbt - dat weet jede Moder, jeder Vader, jeder Mester - denn mööt wi hum ok Grenzen setten. Un Gott lett uns eben ok nich eenfach in't Unglück rennen. Gott hett uns leev, un dorum lett he uns dat, wat uns kött maakt, nich dörgahn. Dat hett wat to bedüden, wo wi vandaag leven. Wo wi mit Luft un Water umgaht, of wi uppassen oder allns verschwenden. Ok of wi - jüst in uns Land - de Schuld van uns Vaders un Grootvaders un Urgrootvaders doodswiegen oder nich.

In letzte Tied kikkt man ja wat genauer hen nah de Kriegskinner, nah de, de in d' Tweede Weltkrieg noch Kinner west sünd. Se harrn kien Schuld an dat, wat de Nazis verbroken hebbt, man se mussen Bombennachten beleeven of mit up d' Flucht. Un dat all kummt nu, wor se in't Rentenoller komen, weer hoch un lett hör nich slapen. De Schuld van de Vaders mutt mennigmal noch van de Enkels un Urenkels betahlt warden. Ik bün blied, dat uns Bibel seggt, wo't is.

Dat letzte Woord in d' Bibel obber hollt Gott sien Gnaad. Bi dat, wat dor över Gott seggt ward, fallt een wunnerboren Ungliekgewicht up: Gott sien Straaf gellt höchstens veer Generatschonen, sien Gnaad un Fründlichkeit dusend.

Gott versöhnt sük also mit sien Volk. He gifft hör'n tweeden Chance. He slutt de Bund mit sien Israeliten neij. So as bi'n Ehepoor kann man sük dat viellicht vörstellen, de sük ut'nanner leevt hett, viellicht sogor ut'nanner weer un dat denn noch mal neij mit'nanner versöcht, viellicht sogor nochmal heirat'.

Ik finn dat interessant, dat sük middlerwiel ok de Medizin mit dat Thema 'Versöhnung' befaaten deit. Well vergifft, leevt langer, hebben de Klooksnackers rutfunnen. Un: Minschen, de hör Dülligkeit un Arger bewältigen köönt, lieden nich so faak unner  Bloothochdruck, stark Sweeten un Slaapstörungen. Froolüüd sölln dat mit dat Vergeven sogor noch beter henkriegen as Mannlüüd. (Dorum leevt se wiss ok dörschnittlich 7 Johr langer.) Utnahmen wiest, dat Regel stimmt.

Well vergifft, leevt langer. Un: Nichvergeben schaad eenzig un alleen mi sülst. Dorum raden Therapeuten, dat man hen un her mal een anner Blick versöcht. Dat man begrippt, dat man sülst ok Fehlers maakt un dat dordör bi de anner ok beter verstahn kann. In uns Levensschool muss das Vergeven een Pflichtfack wesen, seggt se. Worbi Vergeven nich bedütt, dat man allns unner d' Teppich feegt. Vergeven is nich passiv, Vergeven is aktiv.

Un sogor disse Wissenschaftlers wiesen dorup hen, dat Vergeven sük up de Bibel grünnen deit un dat wi dor'n Updrag to hebbt. So as wi dat jede Sönndag beden:  „Reken uns nich to, wat wi unrecht daan hebbt, as ik wi nich toreken willt, wat uns andaan is."

Wenn wi weeten, dat Gott uns vergifft, denn köönt wi ok vergeven - uns sülst un de annern.

Dorto höört för de Klookschrievers ok, dat wi uns Free maakt mit uns Olln, of se nu noch leevt oder nich. De Moder hett viellicht ständig meckert, de Vader sük bi jede Kleenigkeit upreegt. Anto jeder hett in sien Kindheit beleevt, dat he van sien Olln mal unfair behannelt worrn is of docht hett, se mögen mi nich mehr lieden. Wenn dat faak vörkeem, blifft mennigmal dat Geföhl torügg, dat man nix weert is un nix richtig maakt. Un nich selten präägt dat so'n Minschke sien heele Leven.

För sük sülst togeven, dat man verletzt worrn is, dat is de eerste Tree. Viellicht kann man'n Breef schrieven an sien Moder of Vader, de man nooit ofstüürt. Man is ja nu groot un nich mehr dat löttje Kind un kann viellicht beter verstahn, wat ok de Olln mitmaakt hebbt, wo de hör Kinnertied weer, wat se verkraften mussen.

'Allns verstahn heet allns vergeven', seggt een Spreekwoord. Un ik denk, genau dat is dat, wat Gott de Israeliten un uns wiest: Gott kennt uns, he weet, wat in uns vörgeiht. Wenn wi wat verkehrt maakt, denn weet he, worum. Un wiel he versteiht, kann he vergeven.
 
Dat Volk Israel kriggt de Chance, sien Free to maaken mit dat. wat weer. Un well dat al mal beleevt hett: een tweede Chance kriegen, van d' Leven of van een anner Minschke, de weet, wat dat bedütt. Een tweede Chance, so vööl Möglichkeiten, Gott to treffen.

Un worum geiht dat bi disse tweede Chance?

Ik finn dat interessant, um wat Mose Gott angeiht dor boven up'n Barg. Dat he sien Volk vergifft, ja. Man ganz kloor ok dit: Wees middent unner uns un treck mit
uns wieter.
Mose will, dat Gott ganz dicht bi sien Minschen kummt. Denn genau dat hebbt se ja vermisst. Genau dorum hebbt se sük hör Ersatz-Gott bastelt. De Stier - dit Sinnbild för Kraft un Starkwesen. Dat is dat, wat de Minschen sük wünscht: een starken Beschützergott, de möglichst nix van hör will un hör nich in Fraag stellt. Un wehe, Gott wiest sük anners! Wehe, he kummt uns in d' Queer bi uns Umgang mit Geld un Macht, bi uns Gliekgültigkeit, bi uns Minnachtigkeit för anner Minschen.
 
Wees middent unner uns. Gott hett dat wohr maakt. He is middent unner uns komen - mit sien Leevde. He hett Jesus in uns Welt stüürt. He hett uns för immer un ewig mit sük versöhnt. He hett uns heel maakt - nich bloot van Bloothochdruck, stark Sweeten un Slaapstörungen. Amen.
 

Perikope
26.10.2014
34,4-10

Predigt zu 2.Mose 34,4-10 von Anita Christians-Albrecht

Predigt zu 2.Mose 34,4-10 von Anita Christians-Albrecht
34,4-10

4 Mose richtete die beiden Steintafeln wie die vorigen her und machte sich frühmorgens auf den Weg. Wie Gott es ihm aufgetragen hatte, stieg er auf den Berg Sinai; die beiden Steintafeln trug er bei sich.
5 Da kam Gott
in einer Wolke herunter, stellte sich zu Mose und rief seinen Namen aus: »Ich-bin-da«.
6 Dann ging Gott
an Mose vorbei und rief erneut: „Ich-bin-da. Ein mitfühlender, gnädiger Gott bin ich, langmütig, treu und wahrhaftig, Ich-bin-da.
7 Ich sorge für 1 000 Generationen und bin bereit, Schuld, Verirrung und Verfehlung zu vergeben. Doch ich lasse nicht alles durchgehen, ich ahnde auch Schuld der Eltern an Kindern, Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln.“
8 Mose warf sich schnell zur Erde und nahm die Gebetshaltung ein.
9 Er sagte: »Mein Herr, wenn du mir wohl willst, dann komm in unsere Mitte und geh mit uns, Herr. Es ist ein starrköpfiges Volk, doch du kannst uns unsere Schuld und Verfehlungen vergeben. Nimm uns doch als dein Eigentum an.«
10 Gott erwiderte: »Gut, ich will einen Bund mit euch schließen. Vor dem ganzen Volk werde ich Erstaunliches tun, wie es auf der ganzen Erde und unter allen Nationen noch nie geschehen ist. Alle Menschen der Gemeinde, in der du lebst, sollen meine
Taten miterleben; gewaltig ist, was
ich für euch tun werde.


Haben Sie das auch schon einmal erlebt, liebe Gemeinde? Ja. Ganz sicher haben Sie das schon erlebt! Dass jemand Sie ganz schrecklich enttäuscht hat.

Da haben Sie auf jemanden gebaut, sich voll und ganz auf ihn verlassen, und dann mussten Sie erkennen, dass dieser Mensch dieses Vertrauen gar nicht verdient hat.

Wie haben Sie reagiert? Gelassen und gnädig? Nein! Normalerweise ist da Traurigkeit im Spiel und Wut und vielleicht auch der Wunsch nach Vergeltung.

Wenn Kinder ihre Eltern oder Lehrer enttäuschen, überlegen sie sich eine Strafe.

Wenn jemand mir weh tut oder nicht hält, was er verspricht, kündige ich ihm die Freundschaft. Oder ich wechsle den Chef, den Anbieter oder den Ehepartner. Ich lasse es den anderen spüren, was er mir angetan hat.

In der Geschichte, aus der unser heutiger Predigttext stammt, wird auch jemand bitter enttäuscht. Kein Mensch, sondern Gott. 
 
Gott muss erkennen, dass seine Menschen, um die er sich immer liebevoll gekümmert hat, ihm untreu geworden sind. Und Mose, der sich in seinem Auftrag für genau diese Menschen ein Bein ausreißt, der kann es gar nicht fassen:

Gott hat diese Menschen doch aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Sie haben erlebt, dass er sogar in der Wüste für sie sorgt. Aber noch bevor Mose ihnen Gottes Gebote, seine guten Lebensordnungen, vorstellen kann, noch während er auf dem Berg Sinai ist, um sie in auf zwei Steintafeln in Empfang zu nehmen, haben die Israeliten all ihren Schmuck gesammelt, all die Halsketten, Ohrringe und Broschen, und sich daraus einen goldenen Stier gegossen. Ein selbstgebauter Gott! Sie haben sich benommen wie kleine Kinder, die genau das tun, was ihre Eltern nicht wollten. Mose ist so wütend, dass er die beiden Steintafeln zerschmettert.

Das mit dem Goldenen Kalb, davon haben Sie alle schon mal gehört. Ihr, liebe Konfis, vielleicht auch. Nicht nur, dass das Wahrzeichen der Wall Street in New York ein bronzener Bulle ist. Nicht nur, dass im Geldmuseum der Bundesbank direkt am Eingang ein pecus, ein Stier steht, das Symboltier, das die Pecunia, unsere Pekunen und Penunzen, auf den Begriff gebracht hat. Der Tanz um das Goldene Kalb - das ist mittlerweile sogar sprichwörtlich geworden: für unsere moderne Welt, in der an die Stelle Gottes Reichtum, Schönheit und Erfolg und das Gesetz von Macht und Gewalt getreten sind.

Mose ist total enttäuscht, und Gott ist es sicher auch. Da ist etwas kaputt gegangen. Die zerschmetterten Steintafeln stehen für all das, was durch eine solche Enttäuschung kaputt geht. Und weh tut.

Oft beginnt danach das Spiel. Das Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vorwürfe. Das Spiel der Gemeinheiten. Ehepartner beherrschen dieses Spiel mit ausgeklügelter Perfektion. Von der Zahnpastatube bis hin zum Sorgerecht. Alles spielt mit.  

Auch Mose spielt zunächst dieses Menschen-Spiel. Er zerstört das Götterbild, zermalmt das Gold zu Pulver und lässt das Schwert sprechen. Rache ist süß - und manchmal grausam. 3000 sollen damals umgekommen sein. Unvorstellbar, aber steht so in der Bibel. Und so geht es zu unter den Menschen.
 
Stellen wir uns einmal vor, Gott hätte tatsächlich reagiert wie wir – hätte den Kontakt abgebrochen, seinen Menschen den Rücken gekehrt. Dann säßen wir nicht hier.

Aber das tut er nicht. Gott gibt nicht auf. Er bittet Mose erneut auf den Berg. Vorher - Strafe muss sein - muss er nun neue Tafeln herstellen, sie aus dem Stein hauen, glatt schleifen und beschriften. Das ist viel Arbeit und kühlt anscheinend sein Mütchen. Und dann kommt es - davon erzählt nun unser Predigtext - zu einer atemberaubenden Begegnung: Mose sieht Gott von Angesicht zu Angesicht. Und Gott stellt sich dem Mose vor. Er sagt:

Ich bin Gott. 'Ich-bin-da'- das ist mein Name. Ein mitfühlender, gnädiger Gott bin ich, langmütig, treu und wahrhaftig, Ich-bin-da. Ich sorge für 1000 Generationen und bin bereit, Schuld, Verirrung und Verfehlung zu vergeben. Doch ich lasse nicht alles durchgehen, ich ahnde auch Schuld der Eltern an Kindern, Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln.

Das verändert alles. Mose begreift: Gott ist gnädig. Super! Aber der Satz geht weiter:
Ich lasse nicht alles durchgehen, ich ahnde auch Schuld der Eltern an Kindern, Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln.

Mancher, der das hört, muss trocken schlucken. Was ist das denn für ein Gott? Nennt sich gnädig und straft die Nachkommen für die Sündern der Eltern und Großeltern! Das machen doch nicht einmal wir Menschen!

Oder? 'Ist das nicht der Enkel von dem? Na ja, dann ...!'

Was wir Menschen damit verfolgen, will ich jetzt einmal dahingestellt lassen. Was Gott damit will, leuchtet mir ein:

Er ist liebevoll und fürsorglich. Aber er ist kein Weichei. Zur Liebe  - jede Mutter, jeder Vater, jeder Lehrer weiß das - zur Liebe gehört auch, dass man Grenzen setzt. Und auch Gott lässt uns nicht einfach so in unser Unglück rennen. Gott liebt uns, und deshalb akzeptiert er unser zerstörerisches Verhalten nicht. Es hat Folgen, wie wir heute leben. Wie wir mit unseren Ressourcen umgehen, ob wir bewahren oder zerstören. Auch ob wir - gerade in unserem Land - die Schuld der Väter und Großväter und Urgroßväter totschweigen oder nicht.

In jüngere Zeit sind die 'Kriegskinder' ja vermehrt ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt, die Menschen, die den 2. Weltkrieg als Kinder erlebt haben. Sie hatten keine Schuld an dem, was die Nazis verbrochen haben, aber sie haben in den Bombennächten oder auf der Flucht traumatisierende Erfahrungen gemacht. Und all das kommt jetzt, wo sie im Ruhestandsalter angelangt ist, wieder hoch und lässt sie nicht schlafen. Die Schuld der Väter musst manchmal noch von den Enkeln und Urenkeln bezahlt werden. Ich bin froh, dass unsere Bibel so realistisch ist.

Das letzte Wort behält in der Bibel allerdings immer die Gnade: Die Aussage über Gott in unserem Predigttext enthält eine wunderbare Asymmetrie: Gottes Strafe gilt höchstens vier Generationen, seine Gnade und Vergebung dagegen tausenden.

Gott versöhnt sich also mit seinem Volk, er gibt ihnen eine zweite Chance. Er schließt den Bund mit den Israeliten neu. So wie bei einem Ehepaar kann man sich das vielleicht vorstellen, das sich auseinander gelebt hat, vielleicht sogar getrennt war – und es doch noch einmal miteinander versucht oder sogar ein zweites Mal heiratet.

Ich finde es interessant, dass sich mittlerweile auch die Medizin mit dem Thema 'Versöhnung' befasst. Wer vergibt, lebt länger, haben die Wissenschaftler in ihren Studien belegt. Und: Menschen, die Wut und Ärger bewältigen können, leiden seltener unter Bluthochdruck, Schweißausbrüchen und Schlafstörungen. Frauen sollen das mit der Versöhnung übrigens besser drauf haben als Männer. (Deshalb leben sie wahrscheinlich auch im Schnitt 7 Jahre länger.) Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wer vergibt, lebt länger. Und: Wenn ich nicht vergeben kann oder will, schade ich ausschließlich mir selbst. Darum raten Therapeuten, sich immer wieder um einen Perspektivwechsel zu bemühen. Zu erkennen, dass man selbst auch Fehler macht und sie dadurch beim anderen besser verstehen. In der „Schule des Lebens" müsste Vergebung ein Pflichtfach sein“, sagen sie. Wobei Vergeben nicht bedeutet, dass man alles unter den Teppich kehrt. Vergeben ist nicht passiv, Vergeben ist aktiv.

Und sogar diese Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Vergeben biblisch fundiert ist, dass es sich dabei um einen klaren biblischen Auftrag handelt, der jeden Sonntag im Vaterunser vorkommt „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

Wenn wir wissen, dass Gott uns vergibt, dann können wir auch vergeben - uns selbst und den anderen.

Dazu gehört für die Forscher auch, dass wir unseren Frieden machen mit unseren  Eltern, ob sie nun noch leben oder nicht. Die Mutter hat vielleicht ständig gemeckert, der Vater ist bei jeder Kleinigkeit ausgerastet: Fast jeder erinnert sich an Situationen in seiner Kindheit, in denen er sich von den Eltern unfair behandelt gefühlt oder gedacht hat: Sie mögen mich nicht mehr. Waren solche Verletzungen an der Tagesordnung, bleibt oft das Gefühl zurück, nichts wert zu sein und nichts richtig zu machen. Und häufig prägen diese Empfindungen das ganze Erwachsenenleben.


Sich selbst einzugestehen, dass man verletzt wurde als Kind, ist dabei der erste Schritt. Vielleicht in einem Brief an Vater oder Mutter, den man nie abschickt. Man ist ja nun erwachsen und nicht mehr das kleine, abhängige Kind von damals und kann vielleicht besser verstehen, wie das Leben der Eltern ablief, wie ihre Kindheit war, welche Schicksalsschläge sie vielleicht zu verkraften hatten. 

'Alles verstehen heißt alles verzeihen', sagt ein Sprichwort. Und ich denke, genau das ist es, was Gott den Israeliten und uns zeigt: Gott kennt uns, er weiß, was in uns vorgeht. Wenn wir etwas verkehrt machen, dann weiß er, warum. Und weil er versteht, kann er verzeihen.
 
Das Volk Israel bekommt die Chance, seinen Frieden zu machen mit dem. was war.
Und wer das schon einmal erlebt hat: eine zweite Chance bekommen, vom Leben oder von einem anderen Menschen, der weiß, was das bedeutet. Eine zweite Chance, unzählige neue Möglichkeiten, Gott zu begegnen.

Und worum geht es bei dieser 2. Chance?

Ich finde interessant, um was Mose Gott bittet da oben auf dem Berg. Um Gnade, ja. Aber dann ganz konkret auch um dieses: Komm in unsere Mitte und geh mit uns! – Mose bittet Gott um seine Nähe. Denn genau das haben die Menschen vermisst. Genau darum haben sie sich ihren Ersatz-Gott gebastelt. Den Stier - dieses Sinnbild für Kraft und Stärke. Das ist es, was die Menschen sich wünschen: einen starken Beschützergott, der möglichst nichts von ihnen verlangt und sie nicht in Frage stellt. Und wehe, Gott zeigt sich anders! Wehe, er kommt uns in die Quere bei unserem Umgang mit Geld und Macht, bei unserer Gleichgültigkeit, unserer Verachtung für andere Menschen.
 
Komm in unsere Mitte. Gott hat das wahr gemacht. Er ist in unsere Mitte gekommen -mit seiner Liebe. Er hat Jesus in unsere Welt geschickt. Er hat uns für immer und ewig mit sich versöhnt. Er hat uns heil gemacht - nicht nur von Bluthochdruck, Schweißausbrüchen und Schlafstörungen. Amen.
 

Perikope
26.10.2014
34,4-10

Predigt zu 2. Mose 34,4-10 von Ralph Hochschild

Predigt zu 2. Mose 34,4-10 von Ralph Hochschild
34,4-10

4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. 5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. 6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, 7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! 8 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an 9 und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein. 10 Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

er bleibt einen Moment stehen. In der gleißenden Morgensonne kneift er die Augen zusammen. Auf seiner Stirn glitzern kleine Schweißperlen, die sich eben in kleine, salzige Rinnsale verwandeln wollen. Er wischt sich mit dem Arm über die Stirn. Durchatmen. Einen kühlenden Wind abwarten. Er spürt seinen schnellen Herzschlag und die Anstrengung, wieder einmal auf über 2200 Meter hinauf zu müssen, wieder etwas gut machen zu müssen, wieder neu anfangen zu müssen.

“So hatte ich mir das nicht vorgestellt” - müsste Mose bei diesem weiteren Gang auf den Sinai eigentlich denken. “Noch einmal muss ich hoch. Das hätte ich nicht gedacht, dass meinem Volk so schnell die Freiheit lästig wird - eben aus der Knechtschaft in Ägypten entronnen. Das hätte ich nicht gedacht, wie schnell aus dem Lied der Freiheit bei der ersten Schwierigkeit ein Knurren und Murren wird. Das hätte ich nicht gedacht, wie schnell die Erfahrung des lebendigen, des rettenden Gottes verblasst und auf einmal der Glanz des Goldenen Kalbes Gottes Geleit gewiss machen soll. Was für ein Irrtum, was für ein Fehltritt, was für ein Unrecht! Ich könnte dieses halsstarriges Volk beim Genick packen und schütteln, bis sie es begreifen.”

Er spürt die Riemen seines Traggestells in seine Schultern schneiden. Zwei Steintafeln, dick wie unsere Küchenplatten, drücken schwer auf seinen Rücken. Er spürt die Lasten, die er trägt. Die Last der Verantwortung für dieses Volk. Und die Lasten seiner eigenen Vergangenheit. Seine Wut, die ihn den prügelnden Ägypter erschlagen ließ, die ihn zum Flüchtling machte. Seinen Zorn auf den Tanz um das Goldene Kalb, der ihn die ersten Gesetzestafeln zerschlagen ließ, wie er sie hoch über den Kopf erhob, auf den Boden warf und Gottes Bund mit seinem Volk zerschlug. Jetzt hat er Gottes Tafeln nicht mehr zornig über den Kopf erhoben, jetzt drücken sie ihn nach unten, die Riemen scheuern, rühren an die alten Wunden.

Immer wieder hinauf. Immer wieder anfangen. Immer wieder mit dem Unglauben dieses halsstarrigen Volkes kämpfen. Ob er sich wohl wie Sisyphos fühlt, Mose, als er seine Steine Schritt für Schritt, als er seine Lasten mit Hand und Fuß nach oben auf den Gipfel stemmt? Ein mühevoller Weg, eine Plage, ein unmöglicher Auftrag, eine absurde Strafe?

Immer wieder das alte Lied. Ich erkenne unsere Frustrationen in Mose’ Enttäuschung, in seiner Not unsere Lasten. Meine Abteilung, die sich nicht so mitziehen lässt, wie ich es gerne hätte, mein Vorstand, der meinen Ideen nur zögernd folgen will. Dieses System von Regeln und Zwängen, die mich fesseln. Mein Klient, der mir immer wieder misstraut. Meine Eltern, die sich dem Neuen, das mir so viel bedeutet, schlicht verschließen, und nicht wirklich akzeptieren können, was mir als jungem Menschen viel bedeutet. Immer wieder anfangen, immer wieder kämpfen, immer wieder hinauf - Oder doch aufgeben? Aussteigen? Die Steine loslassen, die Lasten abwerfen, die Tafeln ein zweites Mal zerbrechen?

Ein wenig beneide ich Mose um die Energie, mit der er trotz allem den Berg hinaufgeht. Schritt für Schritt, trotz Schweiß und Staub, trotz der Affäre um das Goldene Kalb. Hinauf und hinaus! Aus einer durch den menschlichen Kleinglauben zerstörten Wüstenei hinauf in die Einsamkeit des Berges, aus der Gemeinschaft der aus dem Rausch erwachenden Menge hinaus in die Einsamkeit, aus dem Fest der Abgötterei hinauf zum wahren Gott. Es ist, als könne der “Kampf gegen (diesen) Gipfel … (s)ein Menschenherz” ausfüllen. Es ist ein Aufbegehren gegen die Erfahrung von Absurdität - jeder Schritt bergauf, eine Revolte gegen die Erfahrung der Sinnlosigkeit - jeder Schritt des Mose, eine Rebellion gegen die Irritationen, die er mit seinem Volk, mit seinem Auftrag und mit seinem Glauben erlebt hat - jeder seiner Schritte bergauf. Ich stelle mir Mose als glücklichen Menschen vor, der sein Glück sucht und der es findet, als er am Gipfel spürt: ”Mein Weg und der Weg meines Gottes haben jetzt zueinander gefunden.”

Oben auf dem Gipfel erkennt Mose einen anderen Gott als ihn sein Volk am Fuß des Berges suchte. Anders als das Goldene Kalb ist sein Bild kein wunderbares, herrliches Kunstwerk. Gott bleibt in der Wolke verborgen, es zeigt sich keine Schimäre, keine Figur, kein Bild, Gott bleibt frei und zwingt uns nicht unter die Macht eines Bildes. Gott kann nicht wie jenes Kultbild still und starr auf einem Podest stehen. Unser Gott ist in Bewegung und kommt zu uns herab. Hier in der Wolke, später für uns Christen in Jesus Christus, und er spricht durch sein Wort auch heute in unser Leben hinein. Er ist nicht wie jenes goldene Stierbild fest fixiert und ewig unverändert. Unser Gott begibt sich in die Zeit, in unser menschliches Leben mit seinen Irrtümern und Fehltritten und geht auf unseren Wegen mit. In Zeit zeigt er allen, dass er ein gnädiger Gott ist. Der jähzornige Mose lernt wie Gott der Verfolgung von Verfehlungen eine Grenze setzt, seinem Willen zur Versöhnung jedoch nicht. Der zweifelnde Mose erfährt, wie langmütig und geduldig Gott mit ihm und seinem Volk ist. Der mit dem Sinn seines Auftrages ringende Mose erfährt, wie Gottes Treue und Bereitschaft zur Vergebung der Existenz seines Volkes einen neuen Sinn verleiht, eine neue Zukunft schenkt. Und deshalb kann Mose es wagen, für sein Volk um Vergebung zu bitten: “Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.”

Vielleicht ist jemand von Ihnen in der Immobilienbranche tätig. Dann weiß er, es gibt Immobilien, bei denen ist der Verkauf ein ganz normales Geschäft, bei anderen sind jedoch viele Gefühle mit im Spiel. Jeder sieht mehr als nur den finanziellen Wert des Hauses, in dem er aufgewachsen ist, in dem er sich entwickelt hat, in dem man in den prägenden Jahren seines Lebens zusammen geweint und gelacht, gefeiert und getrauert, gestritten und sich versöhnt hat. Selbst wenn man mit den Jahren woanders hingekommen ist, an diesem Familienerbe, an diesem Erbbesitz hängt man. “Lass uns dein Erbbesitz sein”. So soll die Verbindung zwischen Israel und seinem Gott sein: etwas Besonderes, Emotionales, durch die gemeinsame Geschichte Verbundenes. Und Gott antwortet Mose: “Siehe, ich will einen Bund schließen… wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde”.

Mit Gott verbunden leben, es heißt wohl zuerst, sensibel und aufmerksam für Gottes Wunder in unseren Leben zu werden. Nicht für die Sensationen, vielmehr geht es erst darum, eine innere Einstellung zu gewinnen und sehen zu lernen, wie wunderbar uns Gott durch unser Leben geführt hat, wie viel uns im Leben geschenkt wurde. Wer das kann, wird darauf vertrauen, dass Gott die steilen Wege und mühevollen Anstiege unseres Lebens zu einem guten Ende führen wird - so unwahrscheinlich uns das manches Mal erscheinen mag. Denn Gott verspricht: “Wunderbar wird sein, was ich an Dir tun werde”. Ich weiß nicht, ob Gott Lust am Unwahrscheinlichen hat. Aber es ist eine gute und bewährte Einstellung zum Leben, mit Gott, mit dem Unwahrscheinlichen zu rechnen. Oder hätten Sie heute vor 25 Jahren gedacht, dass 14 Tage später die Mauer gefallen war?

Nicht nur Mose gelangt in dieser Erzählung auf den Gipfel. Auch die ganze Geschichte, die uns in den fünf Büchern Mose erzählt wird, erreicht hier ihren Höhepunkt. Mose kommt zur Ruhe und es kommt mir vor, als stünde jene dramatische Geschichte einen Moment lang still, die von der Schöpfung bis zur Ankunft im gelobten Land reicht. Und Gott kann uns sein Wesen zeigen. Wir erkennen etwas von ihm, das unser Gottesbild prägt, hören, worauf wir uns verlassen können, seine Treue, hören, worauf wir hoffen können, seine Gnade, spüren, worauf wir unser Leben und Handeln ausrichten können, seine Liebe. Amen.

 

Perikope
26.10.2014
34,4-10

KONFI-IMPULS zu 2. Mose 34,4-10 von Ulrich Erhardt

KONFI-IMPULS zu 2. Mose 34,4-10 von Ulrich Erhardt
34,4-10

Um einen Neuanfang in der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk geht es. Nach der Krise durch das do-it-yourself-Gottesbild des goldenen Stiers steigt Mose nochmals auf den Berg Sinai. Damit ergeben sich für mich zwei Ansatzpunkte für die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden mit diesem Text:

·         Begegnung mit Gott auf dem Berg

·         Bund mit Gott trotz Versagen.

Begegnung mit Gott auf dem Berg

Zunächst kann im Konfirmandenunterricht im Bibeltext gelesen werden, wie die Begegnung des Mose mit Gott geschildert wird. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden werden vermutlich entdecken, dass sich alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollzieht. Was könnte der Berg bedeuten? Überblick, Anstrengung, Einsamkeit, Freiheit …? Die Wolke, in der Gott herabkommt, könnte Erinnerungen an die Wolkensäule beim Auszug aus Ägypten oder die Wolke, die bei der Himmelfahrt Jesus aufnimmt, wecken (falls diese Geschichten noch aus dem Grundschulunterricht oder dem Kindergottesdienst im Gedächtnis geblieben sind). Die Wolke, die wahrzunehmen, aber nicht zu fassen ist, die sichtbar ist und manches unsichtbar macht, kann als Bild für die Begegnung mit Gott dienen. Die Wolke, die sichtbar ist und manches unsichtbar macht, als Bild für die Begegnung mit Gott Schließlich geht Gott vorüber. Was nehme ich wahr von jemand, der vorübergeht? Spuren, Geräusche, Schatten …?

Im zweiten Schritt gemeinsam überlegen: Wo können wir Gott begegnen? Gibt es solche Berge, Wolken, Spuren, Schatten in unserem Leben?

Im dritten Schritt das miteinander gestalten: Den Berg der Gottesbegegnung als Plakat, mit Pappmaschee, aus Schuhkartons oder Kirchentagshockern auftürmen und mit den eigenen Gedanken beschriften. Die stellen die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Gottesdienstgemeinde vor. Darauf kann in der Predigt Bezug genommen werden: die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Gottesbegegnung des Mose und unserer Begegnungen mit Gott.

Bund mit Gott trotz Versagen

Sensibler muss mit der zweiten Möglichkeit umgegangen werden. Gott schließt seinen Bund mit Israel trotz des Versagens. Schon vorher spricht Mose vom Erbarmen und der Gnade Gottes, zugleich aber von Gottes Strafe über die Generationen hinweg. Hier sind Erfahrungen Israels verdichtet bis hin zu denen der Exilszeit: Wir löffeln die Suppe aus, die andere uns eingebrockt haben! (Vgl. Otto Kaiser, Der Gott des Alten Testaments; Bd. II, S.60-65.) Diesen Vorwurf kann die Generation der Konfirmandinnen und Konfirmanden auch den Generationen vor ihnen machen: Von Umweltproblemen über ungelöste Fragen der Demographie, den Verbrauch von Ressourcen bis hin zu unbewussten psychischen Prägungen, die „Kriegskinder“ an „Kriegsenkel“ und damit an die zu konfirmierende Generation der Urenkel weitergeben (vgl. das für meine Generation der (noch) Konfi-Eltern aufschlussreiche Buch: Sabine Bode, Kriegsenkel). Manche dieser Problemlagen – besonders die ökologischen - sind Jugendlichen durchaus bewusst. Letztlich hilft es aber nicht, das den vorangehenden Generationen zum Vorwurf zu machen, sondern nur, damit selbst umzugehen lernen. Dazu muss es aber thematisiert werden. Doch es ist umschlossen von der Zusage: Gottes Bund trägt uns und die Generationen vor uns mit.

Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden soll in einem ersten Schritt überlegt werden: Wo erleben wir Fehler früherer Generationen, die uns zu schaffen machen? Wie können wir damit umgehen? Wie können wir mit den Fehlern früherer Generationen umgehen?

In einem nächsten Schritt können die Jugendlichen Interviews mit Eltern und Großeltern führen (oder einen Workshop-Tag mit Großeltern machen). Vielleicht kommen da ihre Wünsche, Hoffnungen, Ideale und Versäumnisse zur Sprache. Was wünschen sie der nächsten Generation? Was trägt sie? Was trägt uns?

Die Ergebnisse werden für den Gottesdienst in einem dritten Schritt aufbereitet. Entweder indem Konfirmanden mit Eltern und/oder Großeltern den Gottesdienst gestalten oder durch Einspielen von Aufzeichnungen der Interviews. Wichtig ist, Verständnis füreinander zu wecken, nicht bei Vorwürfen stehen zu bleiben und deutlich zu machen, dass wir alle auch in Zukunft davon leben, dass Gott „barmherzig und gnädig und geduldig und von große Gnade und Treue“ ist (V 6).

 

Perikope
26.10.2014
34,4-10

Was brauchst du wirklich!? - Predigt zu 2. Mose 16,2-3.12-18 von Jochen Arnold

Was brauchst du wirklich!? - Predigt zu 2. Mose 16,2-3.12-18 von Jochen Arnold
16,2-3.12-18

(Hinweis: Liturgie zum Gottesdienst: s. unten "Downloads")

Was brauchst du wirklich!?

Liebe Gemeinde!

I Warum werde ich nicht satt?

An unserem Supermarkt hing lange Zeit ein Plakat. Von weitem sichtbar ist das Wort Krisenherd darauf zu lesen. Eine erloschene Feuerstelle und ein angerosteter Topf mit einem bisschen Wasser sind zu sehen. Wenn ich es betrachte, weiß ich sofort: Davon wird man nicht satt. Daraus wird keine Suppe mehr, nicht mal ne dünne. Mein schlechtes Gewissen überkommt mich. Was kann ich dagegen tun? Brot für die Welt klopft an.

Im Netz stoße ich auf ein ziemlich neues Lied der Gruppe „Die Toten Hosen“:

Das Lied trägt den Titel: Warum werde ich nicht satt!?

Jeden Sonntag zähle ich mein Geld, und es tut mir wirklich gut,
zu wissen wieviel ich wert bin, und ich bin grad hoch im Kurs.
Ich hatte mehr Glück als die meisten, habe immer fett gelebt.
Und wenn ich wirklich etwas wollte, hab' ich's auch gekriegt!


Warum werde ich nicht satt? (Warum werden wir nicht satt!?)

Campino beschreibt die Not eines Menschen, der – sagen wir es mal ehrlich – ein Luxusproblem hat. Zumindest auf den ersten Blick. Denn dieser Mensch hat eine Villa, 2 Autos, jede Menge Parties und und und. Trotzdem wird er nicht satt. Warum verrät er uns nicht – er stellt es nur fest…

Versuchen wir uns dieser Frage zu stellen. Warum werden Menschen nicht satt und was bewirkt das Gefühl, nicht satt zu werden?

II Wüste

Schauen wir dazu in die Bibel. Wir befinden uns irgendwo auf der Sinaihalbinsel. Das Rote Meer, wir haben eben davon gesungen, haben sie hinter sich. Das Meerwunder liegt Wochen, vielleicht sogar Monate zurück. Der Jubel und der Tanz der Miriam sind verstummt. Doch immer wieder erleben sie die kleinen Wunder des Alltags: Trinken dürfen sie in der Oase von Elim bei den 70 Palmen. Und sie lagerten sich am Wasser, heißt es dann ganz schön.

Doch sie sind noch nicht am Ziel. Sie brechen wieder auf… Die Schritte werden schwer. Wohin? Sie wissen es nicht. Wie lange noch? Keine Ahnung.

Lied Die Wüste vor Augen, Str. 1

Und dann passiert Folgendes:

Lesung 2. Mose 16,2.3;

Der Erzähler führt uns durch Höhen und Tiefen des Lebens in dieser Geschichte. Am Anfang steht das Murren. Denn so müssen wir nüchtern feststellen: Das Essen war knapp, Steine und Sand kann man nicht essen. Und sie waren viele! Wenn der Magen knurrt, werden Menschen unleidig. Dann handeln sie nicht solidarisch, sondern werden neidisch, vielleicht sogar bereit zu Gewalt und  kriegerischen Kämpfen. Das Volk agiert seinen Frust an den Verantwortlichen aus. Brennend aktuell finde ich. Wutbürger im Zorn gegen die Obrigkeit. Da ist schnell alles Andere vergessen: die Freiheit, die kleinen Oasen zwischendurch, das Wunder am Schilfmeer.

Doch dann meldet sich Gott zu Wort: V 12-18

III Wunder

Eine tolle Geschichte. Der Höhepunkt ist für mich: Jeder hatte so viel, wie er zum Essen brauchte… Welch ein wunderbarer Satz. „So viel du brauchst“ titelte der Hamburger Kirchentag. Ja so ist es: Die einen sammeln viel, die andere wenig, es reicht für alle. Für die Schlanken und die Dicken, für Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer. Sie wissen gar nicht so recht, was es ist und fragen Man hu? Was ist denn das?

Vielleicht war es eine Art Honigtau von der Tamariske, die auf dem Sinai wächst. Beduinen verwenden bis heute ähnliche Stoffe als Honigersatz. Er erhärtet sich in der Nachtkühle und kann eingesammelt werden. Übrigens auch bis heute in manchen Apotheken als Manna gekauft werden. Dasselbe gilt auch für das Wachtelwunder:

Dass hin und wieder mal ein Schwarm Zugvögel auf der Halbinsel durchfliegt, zu denen auch die ca. 18 cm große Wachtel gehört, ist nicht nur denkbar, sondern sogar nicht unwahrscheinlich, wie die Bibelwissenschaft uns lehrt. Also doch kein Wunder?

Doch! Für Israel war es ein Wunder, eine Rettung aus Hungersnot, vergleichbar mit der Speisung der 5000, die von Jesus berichtet wird. Ein Wunder wird mit übernatürlichen Ereignissen – oder sagen wir besser – durch ein Handeln Gottes erklärt. Ja, hier ist es sogar noch mehr: Gott selbst spricht dazu (durch Mose): Er spricht zweimal: Einmal vorher: Ich habe euer Murren gehört! Ohne Vorwurf! Gott gibt  das Versprechen: Ihr sollt Fleisch zu essen haben am Abend und am Morgen Brot. Am Morgen, nachdem sie die Speise vor Augen haben, spricht Gott ein zweites Mal: „Ein jeder sammle soviel er zum Essen braucht!“ Das ist eindeutig ein Gebot: Jeder soll/darf nur so viel sammeln, wie er braucht. Im Klartext: den anderen sollen sie nicht unnötigerweise etwas wegessen.

IV Was hilft gegen Hunger?

Hilft uns das gegen unseren Hunger, den spirituellen und den leiblichen? Ich bin ein bisschen vorsichtig, alles immer gleich auf die spirituelle Ebene zu schieben. Denn es gibt in unserem Land wirklich Menschen, die solchen Hunger haben, dass sie abends nicht satt werden. Das ist schrecklich. Und ich will ich nicht für mich die Hand ins Feuer legen, wie ich handeln würde, wenn ich nach Tagen des Hungers die Möglichkeit hätte, mich und meine Familie mit Essen zu versorgen. Und doch hat diese Geschichte eine leibliche und eine geistliche Seite.

Die zweifache Gottesrede und die ganze Geschichte lenken uns in eine doppelte Richtung: zu Gott und zu den Menschen. Gott sagt: Ich versorge dich. Er sagt allerdings auch: Bereichere dich nicht auf Kosten anderer. Dankbarkeit könnte meine Reaktion auf das Eine sein. Eine Grundhaltung, die auch Menschen außerhalb der Kirche formulieren. Die Therapeuten sagen: Danken macht glücklich, Loben zieht nach oben. Und die andere Devise heißt schlicht: Teilen, teilen, teilen und nicht raffen. Teilen macht glücklich. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid halbes Leid, sagt der Volksmund. Stimmt.

V Bekenntnis

Ich bekenne, dass ich selbst an diesen beiden Stellen immer wieder schuldig werde. Ich vergesse zu danken. Schreibe mir meine Erfolge auf die eigene Fahne. Ich bin so kompetent, so fleißig, so liebevoll. Au weia. , Und dann ertappe ich mich auch dabei, wie versuche, mitzunehmen, was geht, und ins Straucheln gerate mit meinen eigenen Werten. Nein, das wollte ich nicht, denke ich dann oft. Ich wollte ihm den Platz nicht wegnehmen, ich wollte nicht auf Kosten von ihr glänzen, ich wollte niemand übervorteilen. Und bin dann doch so schwach. Oh Je. Hätte ich doch mal ihn gedacht der sagt: Ich bin das Brot des Lebens….

Ich behaupte, vermute einmal: Damit ist die Wurzel vieler Kriege benannt: Wer hat den besten Platz im Konzert der Mächtigen? Wer hat Zugang zu Öl, Erdgas und anderen Ressourcen? Was im Kleinen beginnt, wird im Großen mit allen Zeichen des Schreckens sichtbar. So entstehen dann auch Spiralen der Gewalt und der Vergeltung, wie wir sie laufend in den Konflikten der Gegenwart sehen können.

VI Merry Christmas

Ich komme nun zu einem  vielleicht überraschenden Transfer, zu einer Art Zusammenschau der Wüsten-Geschichte mit einer Geschichte aus  dem 1. Weltkrieg. Ein Film mit dem Titel Merry Christmas hat davon vor nicht allzu langer Zeit berichtet.

An Weihnachten 1914 verlassen Soldaten, die Monate lang aufeinander geschossen haben, ihre Schützengräben. Deutsche und Franzosen. Was tun sie? Sie tauschen Tabak und Pudding, teilen Erinnerungsstücke und Heimatadressen, machen miteinander Musik und spielen Fußball. Ja, sie beerdigen sogar gemeinsam ihre Toten.  Eine Sensation an der Front im Westen. Otto Hahn, damals Leutnant einer Fronteinheit, hält seinen Soldaten zwar einen Vortrag, dass ein deutscher Mann das nicht dürfe, schreibt aber an seine Frau nach Hause:“ Ich selbst freue mich im tiefsten Innern über diesen Frieden.“

Ein Wunder im Schützengraben. Ist da nicht auch Hoffnung für Israel und Palästina, den Sudan und Syrien? Ich kann es und will es nicht aufgeben, liebe Schwestern und Brüder, ich will weiter darauf hoffen und dafür beten. Wenn Männer zusammen mit ihren (verordneten) Feinden spontan eine Stunde oder eine Nacht Schluss mit Krieg machen, wenn das vor 100 Jahren in einem autoritären System möglich war, dann sollte es doch auch heute gelingen. Mit Gottes Hilfe, der ein Gott des Friedens ist und der Güte und der Barmherzigkeit und zu dir sagt: „Du sollst satt werden. Von mir bekommst du alles, was du brauchst.“ Amen.

 

Perikope
03.08.2014
16,2-3.12-18

Predigt zu 2. Mose 16,1-3.11-18 von Winfried Klotz

Predigt zu 2. Mose 16,1-3.11-18 von Winfried Klotz
16,1-3.11-18

(Gute Nachricht Bibel)

16 1 Von Elim zogen die Israeliten weiter in die Wüste Sin, die zwischen Elim und dem Berg Sinai liegt. Sie kamen dorthin am 15. Tag im 2. Monat nach dem Aufbruch aus Ägypten.

2 Hier in der Wüste rottete sich die ganze Gemeinde Israel gegen Mose und Aaron zusammen. Sie murrten:

3 »Hätte der HERR uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren! Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen. Aber ihr habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht, damit die ganze Gemeinde verhungert!«a a) 14,11-12S

11 Der HERR sagte zu Mose: 12 »Ich habe das Murren der Israeliten gehört und lasse ihnen sagen: 'Gegen Abend werdet ihr Fleisch zu essen bekommen und am Morgen so viel Brot, dass ihr satt werdet. Daran sollt ihr erkennen, dass ich der HERR, euer Gott, bin.'«

13 Am Abend kamen Wachteln und ließen sich überall im Lager nieder, und am Morgen lag rings um das Lager Tau.a a) (Wachteln) Num 11,21-23.31-34; Ps 78,26-31; 105,40; Weish 16,2-4; 19,11-12

14 Als der Tau verdunstet war, blieben auf dem Wüstenboden feine Körner zurück, die aussahen wie Reif.

15 Als die Leute von Israel es sahen, sagten sie zueinander: »Was ist denn das?«A Denn sie wussten nichts damit anzufangen.

Mose aber erklärte ihnen: »Dies ist das Brot, mit dem der HERR euch am Leben erhalten wird.a a) 1Kor 10,3 A) Was ist denn das: hebräisch Man hu, ein Wortspiel mit dem Begriff Manna* (vgl. Vers 31).

16 Und er befiehlt euch: 'Sammelt davon, so viel ihr braucht, pro Person einen Krug voll. B Jeder soll so viel sammeln, dass es für seine Familie ausreicht.'« B) einen Krug voll: wörtlich ein Gomer (= 1/10 Efa* = ca. 2l).

17 Die Leute gingen und sammelten, die einen mehr, die andern weniger.

18 Als sie es aber abmaßen, hatten die, die viel gesammelt hatten, nicht zu viel, und die, die wenig gesammelt hatten, nicht zu wenig. Jeder hatte gerade so viel gesammelt, wie er brauchte.a a) 2Kor 8,15

Liebe Gemeinde!

Gottes Gemeinde, mit Gott unterwegs, zwischen dem Sklavenhaus in Ägypten und dem versprochenen Land, in dem Milch und Honig fließen. Keine Fahrt „hoch auf dem gelben Wagen“, keine Vergnügungsreise oder lehrreiche Exkursion, kein Erholungsurlaub, sondern mühsame Fortbewegung in schwierigem Gelände, immer auf der Suche nach Nahrung und Wasser. In Elim, einer Oase, hatte das Volk Gottes aufgetankt, nun zogen sie wieder durch die Wüste, Frauen mit Kindern, Männer, Alte und Junge, Schafe und Ziegen, da wurden Wasser und Nahrung knapp. Wer schon mal im Sinai war, kann sich diese schwierige Wanderung der Gemeinde Gottes vorstellen. Wechsel von Sand – und Steinwüste, ab und zu eine Akazie, je nach Jahreszeit da und dort etwas grün. Man muss sich auskennen, um in dieser schwierigen Umgebung zu überleben, man braucht einen kundigen Führer. Mose führt das Volk, aber ist er kundig? Nein, Gott führt sein Volk, aber ist auf Ihn Verlass? Ist er gegenwärtig, erreichbar, hört, sieht er die Not?

„Er, der den Menschen Ohren gab, sollte selbst nicht hören? Er, der ihnen Augen schuf, sollte selbst nicht sehen?“ sagt ein Beter in Psalm 94. Aber wer vertraut darauf in der Not? Wer erinnert sich an Gottes große Tat, die Befreiung aus der Sklaverei? Wer glaubt an das Wort des auferstandenen Jesus: „Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“ Auch Menschen, die mit Gott unterwegs sind, auch die Kirche und Gemeinde Jesu, ist hier zu Zeiten sehr vergesslich. In schwierigen Zeiten wächst nicht automatisch das Vertrauen zu Gott. Sondern es wachsen Enttäuschung, Ärger, Ratlosigkeit und hektische Bemühungen, ohne Vertrauen und Gehorsam zu Gott selbst das Problem zu lösen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Unsere Geschichte aus dem 2. Buch Mose erzählt: „Hier in der Wüste rottete sich die ganze Gemeinde Israel gegen Mose und Aaron zusammen. Sie murrten: Hätte der HERR uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren!“

Gottes Gemeinde rottet sich zusammen gegen die Verantwortlichen, sie sind ganz einig darin, dass Mose und Aaron versagt haben, aber ihr Vorwurf geht noch weiter und zeigt die Gottlosigkeit der Herzen: „Hätte der HERR uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren!“ Das ist nicht Klage oder Anklage, das ist Aufruhr.

Es ist völlig belanglos, was Gott einmal für sein Volk getan hat! Wenn der Magen knurrt, kann man auf Gott verzichten. Nein schlimmer, wenn Mangel das Leben schwer macht, ist Gott offensichtlich ein Feind seines Volkes, der seine Gemeinde nur dazu aus der Sklaverei befreit hat, damit sie nun in der Wüste verhungert. In Ägypten war es eigentlich doch gar nicht so schlecht, meint man jetzt, trotz Sklaverei; es gab immer genug zu essen. Die Fleischtöpfe Ägyptens sind ja sprichwörtlich geworden!

Gottes Volk leidet Mangel auf dem Weg durch die Wüste; was macht die Situation so dramatisch? Unrealistische Erinnerungen, wie es früher war und Misstrauen gegen Gott. Gottes Volk traut Gottes Zusagen nicht mehr!

[In seinem Sommerrundbrief schreibt unser Dekan:

„Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit“, sagt uns die Bibel, aber Gemeinde Jesu Christi ist stetem Wandel unterworfen. Das spüren wir im Odenwald wie überall in Deutschland. Innerhalb der letzten 20 Jahre ist die Zahl der Evangelischen im Dekanat Odenwald von knapp 50.000 auf unter 40.000 gesunken – nahezu jede Kirchengemeinde hat deutlich mehr Beerdigungen als Taufen. Bewährte Gruppen unserer Kirchengemeinden „laufen aus“: Ob Frauenhilfe, Posaunenchöre, Jugendgruppen: Die Zahlen gehen zurück. Immer mehr Menschen, die Mitglieder unserer Kirche sind, wissen immer weniger über ihre Religion und haben kaum mehr eine christliche religiöse Praxis. Immer mehr Menschen wachsen ohne jegliche religiöse Prägung auf. …..“ Und später:

„Was aber tun in dieser Situation?

Derzeit sind keine tragfähigen Konzepte erkennbar. Ob Optimierung des Bestehenden durch Management-Methoden oder „Wachsen gegen den Trend“ oder „Leuchttürme“; ob Zukunftskonferenzen wie vor einem Jahr in unserem Dekanat oder die „Impulspost“ der EKHN: Nichts davon weist tragfähig in die Zukunft. Im Gegenteil, innerkirchliche Konflikte um die Frage, welche Bereiche man schließt oder mit welcher Methode man noch einmal eine Trendwende versuchen sollte, stimmen wenig hoffnungsvoll.“

Was tun, wenn die Zahl der Mitglieder zurückgeht, die Finanzquellen nicht mehr sprudeln, die Vielfalt gemeindlicher Kreise und Gruppen abnimmt, Mitglieder der Kirche nichts mehr über ihren Glauben wissen? Müssten wir nicht zuerst einmal feststellen: Vieles, was nach Wachstum der Kirche aussah, war nur äußeren Faktoren geschuldet; nämlich den geburtenstarken Jahrgängen, dem Wachstum der Wirtschaft, einer nach dem 2. Weltkrieg freundlichen Stimmung gegenüber der Kirche im Westen Deutschlands? Und müssten wir nicht in uns gehen und sagen: Die Zeit des Wohlstandes und äußeren Wachstums der Kirche haben wir viel zu wenig dazu genutzt, Menschen zu evangelisieren, ich benutze dieses Wort ganz bewusst, viel mehr haben wir gemeint, in der Liga gesellschaftsrelevanter Kräfte mitspielen zu müssen in Anpassung und Widerstand? Ich erinnere mich an meine Zeit in der Kirchensynode der EKHN, wie wichtig war da die Verabschiedung von Resolutionen zu aktuellen Problemen. Wie wenig wichtig aber war die Frage, predigen wir das Evangelium so, dass es die Herzen der Menschen erreicht?]

Gottes Volk traut Gottes Zusagen nicht mehr, so habe ich gesagt. Das ist ein Grundschaden im Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk damals wie heute. Aber wie finden wir wieder zum Vertrauen?

Unser Bibelwort aus dem 2. Buch Mose sagt: Gott hört das aufsässige Murren seines Volkes und verspricht Hilfe. Es ist ihm nicht gleichgültig, was aus seiner Gemeinde wird. Er besänftigt das Murren seiner unverständigen Leute und überwindet den Mangel. Fleisch und Brot gibt Gott seinem Volk, Wachteln und Manna. Gott handelt wie Eltern, die ihren murrenden, unzufriedenen und aufsässigen Kindern geben, was sie fordern, ohne sich über die Unverschämtheit aufzuhalten, die im Misstrauen liegt. Die Not ist doch wirklich da, nicht gespielt. Gott ist großzügig, über die Maßen großzügig! ER gibt! Es reicht für alle, was er gibt.

Die Israeliten müssen erst Gottes Brot kennenlernen, das Brot der Wüste, das Manna ist ihnen bisher unbekannt. Sie wissen erst einmal mit diesen feinen Körnern nichts anzufangen. Mose erklärt ihnen: „Dies ist das Brot, mit dem der HERR euch am Leben erhalten wird. Sammelt davon, so viel ihr braucht, pro Person einen Krug voll.“

Worin liegen Leben und Zukunft der Gemeinde Gottes heute? Doch genauso wie damals in dem Brot, das Gott gibt. Jesus Christus ist Gottes Brot für uns. Denn das ist Gottes Verheißung: Durch Jesus schenke ich Euch Leben, durch Jesus schenke ich Kirche und Gemeinde Zukunft!

Im 6.Kap. des Johev. sagt Jesus: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird ewig leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Leib. Ich gebe ihn hin, damit die Menschen zum Leben gelangen können.“ (V. 51)

Wir feiern (heute) das Abendmahl, Möglichkeit an Gottes Brot, Jesus, teilzuhaben. Er ist gegenwärtig, denn er lebt. Er stärkt uns, gerade auch für Wüstenwege. ER baut uns zu seiner Gemeinde, indem wir IHN empfangen unter Brot und Wein. Nicht neue Methoden und Konzepte, nicht neue Strukturen und neue Finanzquellen ebnen den Weg in die Zukunft der Gemeinde, sondern dass wir Jesus empfangen und durch ihn Vergebung und Leben. Mehr kann und darf es für das Leben der Gemeinde und Kirche, ja auch das Leben des Einzelnen vor Gott nicht sein. Gemeinde und Kirche lebt vom Zentrum, von Jesus Christus her, oder sie ist tot. Jeder Christ lebt von Jesus Christus her, oder er ist kein Christ. „Ich bin das Brot, das Leben schenkt, sagte Jesus zu ihnen. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein. Wer sich an mich hält, wird keinen Durst mehr haben.“ (Joh 6, 35) Strukturen, die Lebensbedingungen der Kirche in der Gesellschaft werden sich ändern, leben wir aber vom Zentrum Jesus Christus her, wird Kirche sich immer wieder neu gestalten zum Dienst für ihren Herrn. Amen.

 

Perikope
03.08.2014
16,1-3.11-18

Predigt zu 2. Mose 16,2-3.11-18 von Hanna Hartmann

Predigt zu 2. Mose 16,2-3.11-18 von Hanna Hartmann
16,2-3.11-18

Anmerkung: Vor der Predigt wurden Schalen mit Manna cannelata herumgereicht, so dass jede/r ein Stück davon in der Hand hat. Es ist in jeder Apotheke erhältlich.

Liebe Gemeinde,

es gibt Fragen, die verbinden Jahrtausende miteinander.

Eine von diesen Fragen lese ich bei Ihnen gerade auf vielen Gesichtern. „Was ist denn das?“ - Genau diese Frage haben sich vor mehr als 3000 Jahren Männer und Frauen gestellt, als sie im Morgengrauen vor ihre Zelte traten und solche Körner in Händen hielten: „Was ist denn das?“ – „Man –Hu?“

Hören wir den Bibelabschnitt für die heutige Predigt aus 2. Mose 16

Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: „Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“

Und der HERR sprach zu Mose: „Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt erkennen, dass ich, der HERR, euer Gott bin.“

Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: „Man hu?“ Denn sie wussten nicht, was es war.

 Mose aber sprach zu ihnen: „Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht,
einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.“

Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

„Was ist denn das? – Man hu?“ – Jetzt wissen Sie die Antwort also: Manna. Was Sie in Händen halten, entspricht dem, was die Israeliten auf ihrem Zug durch die Wüste gegessen haben. Es gibt dieses Wüstenbrot also wirklich. Sie dürfen es gerne probieren.

Wie schmeckt es Ihnen? Eigenartig, etwas süßlich und gewöhnungsbedürftig… Aber es ist genau das, was die Israeliten brauchen: Kohlehydrate, eine geballte Portion Energie und Kraft. Denn sie sind mit ihren Kräften am Ende. Um sie herum nichts als Wüste, Trockenheit, Dürre.

„Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen.“ – so verklärt sich im Handumdrehen, was einmal ganz schrecklich war.

Die Fleischtöpfe, die hier vor dem inneren Auge auf dem Feuer köcheln, - vermutlich haben sie sie mehr vom fernen Schnuppern gekannt als vom eigenen Sattwerden. Und auch das Brot von damals war Sklavenbrot; durchtränkt von Schweiß und Tränen. Aber immerhin! Als Sklaven mussten sie sich nicht selbst um ihr Auskommen kümmern. Das taten die Herren, denen sie dienten und denen sie gehörten.

Nun sind sie aber keine Sklaven mehr, sondern Freie. Und sie müssen entdecken und schmerzlich spüren: die Freiheit hat ihren Preis! Und der Weg in‘s „gelobte Land“ ist ein Weg durch die Wüste. Das wird oft das vergessen. Damals wie heute.

Freiheit ist ein großes Gut. Aber sie wird niemandem in den Schoß gelegt. Freiheit muss erarbeitet, erkämpft und nicht selten auch erlitten werden.

Die Länder des sogenannten „arabischen Frühlings“ stehen mir da gerade vor Augen: Tunesien, Ägypten, Libyen, ... Was für ein Aufbruch war das gewesen! Was für eine Hoffnung! – Doch von dem, was da an Euphorie war, ist nicht viel geblieben; im Gegenteil: es herrscht die Wüste bzw. das Wüste: Anarchie und Blutvergießen, Hunger, Elend und große Unsicherheit im Blick auf die Zukunft. Nein, der Weg in die Freiheit ist ein langer Weg und ein harter Weg.

Von 40 Jahren Wüstenwanderung erzählt die Bibel. Wobei diese Zahl 40 auch symbolisch zu verstehen ist: 40 ist  der Zeitraum, den es für eine grundlegende Veränderung braucht, damit ein Neubeginn möglich ist. 40 Jahre brauchten die Israeliten, bis sie für etwas Neues bereit waren.

Auch in unserem persönlichen Leben träumen wir manchmal von Freiheit, von dem „ganz anderen“. Doch auch hier wird uns der Weg dorthin nicht erspart. Und oft ist es ein Wüstenweg, zu dem Hunger- und Durststrecken gehören.

Die Israeliten damals hatten damit nicht gerechnet. Sie fingen an zu murren. Sie suchten einen Schuldigen, so wie immer ein Schuldiger gesucht wird. (Der Chef, die Regierung, die Umstände, die Lehrer, der Partner…) Und wer einen Schuldigen sucht, findet auch einen. Damals waren es Mose und Aaron. Voller Zorn klagen sie an: „Ihr sei schuld! Ihr habt uns an diesen gottverlassene Ort gebracht, damit wir hier elendig verrecken“.

Doch – und hier sind wir im Zentrum unserer Geschichte - die Wüste ist nicht gottverlassen. Keine Wüste ist gottverlassen - Ganz im Gegenteil. Gott ist dort näher, als wir denken, als wir uns überhaupt vorstellen können.

„Ich habe das Murren der Israeliten gehört“, sagt er zum bedrängten Mose. Gott greift ein. Nicht spektakulär mit Feuer oder Rauch – nein, ganz einfach: Gott hört zu! Und er hört auch das, was hinter dem Murren ist: die Sorge; die Not; die Angst vor der Zukunft. Ich habe gehört…

Es ist kein großes Buffet.

Das was da ist, bringt Gott auf den Tisch. Eine müde Schar Wachteln, die sich beim Lager der Israeliten niederlässt. Und dann, über Nacht, diese kleinen, unscheinbaren Körner, die es aber in sich haben. Nahrung für die Hungrigen, Kraft für die Müden, Hoffnung für die Sorgenvollen – genau das, was die Menschen brauchen.

Und aus dem Zorn wird die staunende Frage: „Man – Hu?“

Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat“, antwortet Mose. Und plötzlich erkennen sie, dass Gott auch in der Wüste da ist und für sie sorgt.

Das Wunder ist darum nicht das Manna an sich. Das Wunder ist, dass es den Menschen die Augen öffnet für Gottes Nähe. Und dass sie neu Kraft und Mut bekommen.

Brot und Wachteln. Es ist nichts Besonderes, was Gott damals auftischte. Brot und Wein. Auch heute, wenn wir nachher Abendmahl miteinander feiern, ist es nichts Besonderes. Und doch sind es Zeichen der Gegenwart Gottes: Er ist da! Ob in Wüstenzeiten oder in Zeiten der Fülle: Gott ist da! Auch hier und heute.

Oft sind es kleine und unscheinbare Dinge und Gesten, in denen er sich uns zuwendet und uns Gutes tut. Oft auch durch andere Menschen. Wie bei jener Frau, die von einer Zeit erzählt, als es ihr furchtbar schlecht ging:

„Manchmal wusste ich überhaupt nicht, wie ich den Tag überstehen sollte. Aber gerade in der schlimmsten Zeit hat immer jemand für mich gekocht. Eine Nachbarin, eine Freundin. Und oft habe ich nicht gewusst, von wem die Brötchen morgens an meiner Haustür waren.“

Eine Tüte Brötchen, ein Mittagessen, Zeichen der Zuwendung. Sie haben ihr gut getan, weil sie ihr gezeigt haben: „Du bist nicht allein. Wir denken an dich. Wir sind da.“

Es ist oft das Einfache – in unterschiedlichster Gestalt, das uns Kraft gibt, durch Wüstenzeiten zu gehen, ohne bitter zu werden oder zu verzweifeln. Es ist wie Manna; wie Himmelbrot.

Und oft lässt sich auch erst im Nachhinein mit Jörg Zink sagen: „Es ist einfach wahr: Dass ich überlebt habe, war nicht das Ergebnis meiner Mühe oder meiner Vorsicht, es war ein Geschenk. Und es gibt eine geistige Nahrung, die für das Leben so wichtig ist wie die leibliche.“

Für die Israeliten damals wird beides von großer Bedeutung gewesen sein: die leibliche Nahrung für den knurrenden Magen, ebenso wie die geistige für das Herz: Gott hat uns nicht vergessen; er lässt uns nicht im Stich! 

Wie glücklich müssen sie gewesen sein über diese Fülle.

Doch Gott sagt: Ein jeder sammle nur so viel, wie er zum Essen braucht.

Ja, Fülle hat auch etwas Verlockendes. Da möchte man horten und speichern und lagern. Einen Vorrat ansammeln für schlechte Zeiten. Oder einfach immer mehr und mehr haben… Darum setzt Gott eine Grenze: ein jeder so viel er braucht!

Im vergangenen Jahr kam daher auch das Motto des Kirchentages in Hamburg: „Soviel du brauchst“. Und in erschreckender Weise wurde vielen bewusst, wie viel mehr sie haben als sie zum Leben brauchen. Und welche Belastungen das oft auch mit sich bringt. Und wie das „viel Haben“ meist auf Kosten derer geschieht, die wenig oder gar nichts zum Leben haben. Doch in jeder Gier steckt der Wurm. Anschaulich erzählt die Geschichte in der Bibel auch davon. (bitte selbst nachlesen!)

Die göttliche Weisung lautet: „Nimm, so viel du brauchst.

Du sollst nicht hungern; du sollst aber auch nicht horten oder verschwenden. Ein jeder sammle so viel, wie er zum Essen braucht, jeden Tag neu.“

Diese Begrenzung ist gleichzeitig eine Zumutung. Damals wie heute. Langfristig zu planen und uns abzusichern liegt uns näher.

Doch Manna, das Geschenk des Himmels bzw. die Nähe Gottes, das lässt sich nicht konservieren. Wir können immer wieder nur die Hand hinhalten. Jeden Tag neu sind wir auf seine Liebe, auf sein Wort, auf Kraft, auf Gesundheit und Freude angewiesen. Glauben lässt sich nicht konservieren. Jeden Tag neu heißt es, auf Gott zu vertrauen.

Dietrich Bonhoeffer beschreibt dies in seinem Buch „Widerstand und Ergebung“ mit den eindrucksvollen Worten:

„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Wir können diesen Glauben nicht machen. Wir können nur darum bitten, so vertrauen zu lernen. Und es ist und bleibt ein Wunder, wenn Menschen in dem, was geschieht, Zeichen von Gottes Zuwendung entdecken. Aber dort, wo sie es entdecken, da bekommen sie Kraft für ihren Weg – auch durch Wüstenzeiten hindurch.

Gott gibt genug für alle. So wie auch im letzten Teil der Geschichte erzählt wird: „Als man nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.“  Das Wunder im Wunder.

Ich stelle mir das so vor, dass die Israeliten damals nach dem Sammeln ihre Töpfe zusammengehalten haben und dass die, die wenig hatten, die Alten und Kinder, ihre Töpfe von den anderen gefüllt bekamen.

Wie wäre wohl unsere Gemeinde, ja unsere Welt, wenn wir so aufeinander Acht geben und teilen würden! Wir können ja im Kleinen anfangen, und sei es mit ein paar Brötchen. Aber es soll auch weiterwirken bis an die Ränder Europas und darüber hinaus in die Wüsten dieser Welt hinein.

Jeder soll genug zum Essen und zum Leben haben, denn es ist genug da.

Und noch manch einer soll staunen dürfen:

„Man – hu? – Was ist das?“

Amen.

Perikope
03.08.2014
16,2-3.11-18