„Purpur-Lydia“ – Predigt zu Apostelgeschichte 16,9-15 von Rainer Claus
Purpur
Sie schließt die Augen und greift in den Stoff. Seidenstoff. Wallend weich und purpurfarben. Die Seide knistert, knirscht, ein Geräusch, wie erste Schritte am Morgen durch unberührten Schnee. Sie öffnet die Augen. Purpur hat die Seide durchdrungen. Ihr prüfender Blick sieht die Feinheiten, Purpur ist nicht gleich Purpur. Lydia, die Purpurhändlerin kennt die Uneinigkeit dieser Farbe zwischen blauem Rot und rotem Blau. Gerade diese Farbreize am Rande des Sichtbaren faszinieren Lydia. Es ist ihre Seelenfarbe. Lydia, die Suchende am Rande des Sichtbaren. Eine Gottesfürchtige, so wird sie genannt. Sie weiß, welche Götter in ihrer Stadt verehrt werden. In Philippi sind viele Religionen zu Hause. Noch steht sie am Rande. Sie hat den einen Gott im Blick, den die Juden verehren. Einen Gott der Freiheit, der die Sklaven durch die Fluten geführt hat. Vielleicht ist es das, was sie anrührt. Sie war einmal selbst Sklavin, verkauft auf einem Markt, verschleppt fern der Heimat, im Dienst eines Purpurhändlers. Sie ist die Frau aus Lydien. Lydia benannt nach einer Landschaft in Kleinasien, denn Sklaven tragen keinen eigenen Namen. Die Frau ohne Namen und mit einer verlorenen Heimat.
Lydia nimmt den Seidenschal und legt ihn über das weiße Kleid. Alle sollen es sehen. Lydia, die Purpurhändlerin wird getauft. Der Schal liegt wie eine Stola über ihrem Kleid. Lydia ist längst keine Sklavin mehr. Jetzt handelt sie selbst mit Purpur. Ein Luxusgut. Es ist die Farbe der Mächtigen. Sie wird gewonnen aus Purpurschnecken. Die Farbe ist so kostbar wie Gold. Die Senatoren tragen diese Farbe, Könige und später Kardinäle. Lydia ist Händlerin, Hausherrin und wird schon bald die erste Christin in Philippi. und somit erste Christin in Europa. Paulus hat sie getauft. Und das kam so:
Lesung
Lesung Predigttext Lektor
In der Nacht hatte Paulus eine Erscheinung. Ein Mann aus Mazedonien stand vor ihm und bat: »Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!« Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte, suchten wir nach einer Möglichkeit, um nach Mazedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher: Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkünden. Von Troas aus setzten wir auf dem kürzesten Weg nach Samothrake über. Einen Tag später erreichten wir Neapolis. Von dort gingen wir nach Philippi. Das ist eine bedeutende Stadt in diesem Bezirk Mazedoniens und römische Kolonie. In dieser Stadt blieben wir einige Zeit.
Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss. Wir nahmen an, dass dort eine jüdische Gebetsstätte war. Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die an diesem Ort zusammengekommen waren. Unter den Zuhörerinnen war auch eine Frau namens Lydia. Sie handelte mit Purpurstoffen und kam aus der Stadt Thyatira. Lydia glaubte an den Gott Israels. Der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie die Worte des Paulus gerne aufnahm. Sie ließ sich taufen zusammen mit allen, die in ihrem Haus lebten. Danach bat sie: »Wenn ihr überzeugt seid, dass ich wirklich an den Herrn glaube, dann kommt in mein Haus. Ihr könnt bei mir wohnen!« Und sie drängte uns förmlich dazu.
Paulus und Lydia
Paulus hatte geträumt. Ein Hilferuf: „Komm herüber“. Europa war bisher nicht im Blick von Paulus gewesen. Er nahm diesen Wegweiser in seiner Seele ernst, bestieg ein Schiff und kam schließlich nach Philippi. Und hier kommt Lydia in die Geschichte. Hier wird es ihre Geschichte. Paulus und sein Begleiter wohnten einige Zeit in der Stadt. Eine Stadt voller Götter und Versprechen. Eine römische Kolonie. Die etablierten Religionen hatten Häuser und Statuen aus Marmor. Paulus aber ging vor die Stadt, an die Grenze. Dort am Fluss trafen sich Frauen zum Gebet. Ohne festes Haus, das Fließen im Ohr. Ein Fluss als Treffpunkt, der sich ständig verändert vor ihren Augen. Du kannst nie zweimal in denselben Fluss steigen. Ein guter Ort für die suchenden Frauen. Ein guter Ort, für die mit offenen Herzen. Die Worte des Paulus trafen auf fruchtbaren Boden, bei Lydia. In ihrem Herzen wächst der Glaube. Es fügt sich etwas zusammen, Fäden verknüpfen sich. Sie wird Christin und will sich taufen lassen.
Taufe
Lydia ist bereit für die Taufe. Sie ist zu Paulus in den Fluss gestiegen. Das Wasser im Fluss umfließt ihren Körper, die Enden des purpurnen Seidenschals wimmen auf der Wasseroberfläche. Lydia, die ehemalige Sklavin. Lydia, die Purpurhändlerin Lydia, die Suchende, Gottesfürchtige Egal, was sie war und woher sie kommt. Hier beginnt etwas Neues, dass schon längst begonnen hat. In Christus ist weder Heide noch Jude, Sklave noch Freie. Lydia wird getauft.
Spurensuche
Was ist aus ihr geworden? Sie und ihr Haus werden eine große Rolle gespielt haben in Philippi. Ihr Haus, das meint die Menschen, mit denen sie gelebt hat und die sich auch haben taufen lassen. Eine erste Hausgemeinde entsteht. Haus meint aber auch ganz konkret ein Gebäude, ein Dach über den Kopf für Paulus und alle die noch kommen werden. Lydia öffnet nicht nur ihr Herz, sondern auch ihr Haus für den neuen Glauben. Lydia könnte die Gemeinde mitgeleitet haben oder war vielleicht so eine Art erste Bischöfin. Ihre Geschichte bleibt so uneindeutig wie Purpur und ihre Spur verliert sich. Aber gerade das, macht sie für mich so spannend.
Lydia ist ein Bild für Menschen, die nach Gott fragen. Ein Bild für Gemeinden, die sich fragen, wie geht es mit uns weiter. Ein Bild für die Kirche, die sich gerade so verändert. Das Christentum in Europa ist wieder bei Lydia angekommen: suchend und tastend. Lydias Anleitung für Suchende Ich stelle mir vor, Lydia hätte eine Anleitung geschrieben für Fragende. Für alle, die die ersten Schritte durch frischen Schnee lieben. Für alle, die es mögen, wenn es knistert, wenn fein und zart etwas passiert, wie beim Griff in Seide.
(von zwei Lektorinnen gelesen:)
Lydias Anleitung für alle Suchenden:
Verlass die Stadt. Geh an den Fluss. Dorthin, wo etwas in Bewegung ist, wo du es fließen hörst. Lass deine Statuen auf ihrem Sockel stehen. Sie tun dir nichts und können nichts für dich tun. Triff dich am Fluss mit anderen. Redet miteinander, hört zu, schweigt und betet. Meinetwegen auch die ganze Nacht, solange bis die Wolken wieder lila sind. Öffne dein Herz. Richte es aus. Sei achtsam für die behutsamen Wegweiser Gottes am Tag und in der Nacht. Wenn es nicht mehr weiter geht, kann es sein, dass sich etwas Neues anbahnt.
Stell dich in den Regen. Schließ die Augen und stell dir vor: es wäre Purpur.
Wenn du die Augen schließt, klingt der Purpur-Regen wie Applaus. Für Dich Du geliebtes Kind Gottes.
Sei geduldig mit dir und deinem Glauben. Es braucht 12000 Schnecken für 1,5 Gramm Purpur. Alles braucht seine Zeit. Glaube ist kein Kraftakt. Öffne dein Lebens-Haus für den Glauben. Trink mit Gott morgens einen Kaffee und frage ihn, was er sich bei diesem neuen Tag gedacht hat. Verabrede dich am Mittag mit Christus, indem du einfach dein Gesicht in die Sonne hältst. Ein Moment genügt. Mach am Nachmittag die Fenster auf und lass den Heiligen Geist durch dein Haus wehen. Kann sein, dass einige Quittungen und deine offenen Rechnungen durcheinander geweht werden. Macht nichts. Sieh hin! Sieh in dich hinein. Purpur ist nicht eindeutig. Du trägst mehr Farb-Nuancen in Dir als du denkst. Trage heute mal innerlich einen Streifen Purpur. Zeichen der Kraft, kannst du sie spüren? Sage dir: ich vermag alles durch den, der mir die Kraft dazu gibt, Christus.
Amen
Anmerkung: Zur narrativen Idee mit dem Seidenschal hat mich ein Roman inspiriert: Josef Spiegel: Lydia. Die Purpurhändlerin in Philippi
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Sailing – Predigt zu Apostelgeschichte 16,6-10 von Frank-Nico Jaeger
Ich stehe hinter dem großen Steuerrad und gebe mein Bestes, um das Schiff auf Kurs zu halten. Neben mir steht Michael, mein Pfarrer, und ich versuche möglichst locker rüberzukommen, aber innerlich bin ich total angespannt. Ich will alles richtig machen, das Schiff auf Kurs halten. Ich bin 15 Jahre alt und ich bin Kapitän. Ich könnte platzen vor Stolz. Michael ist der Jugendpfarrer in der Gemeinde. Er fährt mit uns auf Freizeiten und gestaltet in der Gemeinde die Jugendarbeit. Mit ihm kann man reden, er hat immer ein offenes Ohr. Bei ihm hat man das Gefühl, angenommen zu sein. Er ist endlich ein Erwachsener, der sich wirklich gerne mit uns beschäftigt. Dabei will er eigentlich gar nicht hier sein. Er hatte sich woanders hin beworben. Auf keinen Fall in die münsterländische Provinz, zu diesen Leuten, die fast alle Platt sprechen und auch sonst eher eigen sind. Das Ruhrgebiet wäre es gewesen. So viele Möglichkeiten. Aber jetzt ist er hier, steht neben mir und hat sich damit abgefunden. Er raucht eine Zigarette und traut mir ernsthaft zu, das Schiff in den Hafen zu steuern. Eigentlich traut er es jedem auf dem Schiff zu, jeder darf mal ans Steuerrad, wenn sie oder er es möchte.
Warum Michael hier ist und nicht in seinem geliebten Ruhrgebiet kann ich nicht sagen, aber ich bin dankbar dafür dass er da ist. Mit ihm erlebe ich unglaublich schöne Freizeiten. Ich erinnere mich an Segeltouren, zwei Wochen auf einem Plattbodenschiff im Ijsselmeer. 12 Kinder und ein Pfarrer. Ohne viel Gepäck, auf dem Schiff ist kein Platz und abends kochen wir zusammen in der viel zu kleinen Schiffsküche. Danach gehen wir hoch an Deck und schauen zu, wie die Sonne im Meer versinkt.
Wir singen jeden Abend „I am sailing“ und es ist überhaupt nicht peinlich. Der Pfarrer spielt auf der Gitarre und wenn die Sterne über uns aufgegangen sind, gehen wir zurück ins Schiff, legen uns in die Kojen und schlafen mit einem unglaublichen Gefühl der Geborgenheit ein. Später knüpfen wir aus Schiffstau Armbänder. Wir sind keine Gruppe, wir sind eine Einheit.
Teenager, die ein Schiff segeln. Wir helfen uns aus mit Sonnencreme LSF 50, wir haben auch kein Problem damit, die Tische zu decken und für die anderen das Klo zu putzen. Es funktioniert einfach. Als wir wieder zurückkommen sind wir andere als vorher. Die Zeit auf dem Schiff hat uns verändert: Unsere Haare sind heller, die Sommersprossen sind mehr geworden und wir alle sind glücklicher, selbstbewusster und stärker.
Und auch nach dieser seligen Zeit, nach der Segelfreizeit auf der ich beinahe minütlich das Gefühl hatte, eine Gotteserfahrung nach der anderen zu machen bleibt mein Kopf in den Wolken. Noch lange zehre ich von der Erinnerung an Sonnenuntergänge und denke an Küsse auf Deck unter einem unbeschreiblichen Sternenhimmel.
Nicht auszudenken, das wir all das beinahe nicht erlebt hätten. Wäre Michael an uns vorbeigelotst worden, wäre er in sein bevorzugtes Ruhrgebiet gekommen, hätten wir alle was verpasst. Denn er hat uns damals etwas nahe gebracht, von dem wir gar nicht wussten, dass wir es brauchten. Gott.
Schicksal? Fügung? Zufall? Warum nicht einfach Gottes Führung! So wie in der Geschichte um Paulus und seine Missionsversuche.
[Apg 16,6-10, Basisbibel]
Dann zogen Paulus und Timotheus weiter durch Phrygien und das Gebiet von Galatien. Denn der Heilige Geist hinderte sie daran, die Botschaft in der Provinz Asien zu verkünden. Als sie schon fast in Mysien waren, wollten sie nach Bithynien weiterreisen. Doch der Geist, durch den Jesus sie führte, ließ das nicht zu. Also zogen sie durch Mysien und stiegen zum Meer hinab nach Troas. In der Nacht hatte Paulus eine Erscheinung. Ein Mann aus Mazedonien stand vor ihm und bat: »Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!« Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte, suchten wir nach einer Möglichkeit, um nach Mazedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher: Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkünden.
Paulus und Timotheus wollen gar nicht nach Mazedonien. Sie haben ganz andere Pläne. Aber die Routenänderung ist kein Zufall. Es ist Gottes Geist, der sich einmischt und die beiden führt, wohin sie gar nicht wollen. Es ist Gottes Geist, der die beiden daran hindert, ihrem eigenen Weg zu folgen. Es ist die Mischung aus „menschlichem Plan und göttlichem Durchkreuzen“, aus dem „Geführt-Werden, wohin wir nicht wollen“ und „wohin zu kommen wir uns niemals geträumt hätten.“ Das macht diese Stelle so besonders. Auch weil alles so beiläufig, so undramatisch geschieht, dass es fast untergeht: Das Mitlaufen Gottes. (C. Stäblein, GPM I/1, Göttingen 2018, S. 137).
Ich habe meiner Kirche nie den Rücken gekehrt, auch weil ich durch diesen einen Pfarrer das Gefühl bekommen habe, dass ich dazugehöre und der Glaube ein schützendes Schiff ist auf dem großen weiten Meer meines Lebens. Ich war und bin Willkommen hier. Das war eine mächtige Zusage und ist immer noch ein großartiges Gefühl.
Aber das ist wohl die Ausnahme. Viele der anderen Mitfahrer von damals sind nicht mehr an Bord. Haben das Schiff längst verlassen. Sie konnten in der Kirche und im Glauben nicht andocken. Als wir vor drei Jahren silberne Konfirmation gefeiert haben, waren wir nur noch acht von insgesamt über 50. Die Kirche hat nicht mehr zu den Anderen gepasst. Gehört nicht mehr zu ihrem Leben. Vielleicht war kein Raum für sie da oder niemand hat nach ihnen gefragt.
Als Paulus und Timotheus Gottes wenig raffiniert vorgebrachtem Vorschlag folgen und doch nach Mazedonien ziehen, fragen sie sich zuerst, wo sich die Menschen treffen und gehen dann dorthin, wo die Menschen sind. Und dort reden sie mit ihnen - nicht über sie. Nebenbei beginnt so, mit einem Gespräch auf Augenhöhe, die Christianisierung Europas. Ganz beiläufig an einem Fluss.
Das Leben hält sich nicht an Planungen, das wusste schon Bertolt Brecht: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch’nen zweiten Plan. Gehn‘ tun sie beide nicht.“ (B. Brecht, Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens, Dreigroschenoper1928). Das Leben hält sich nicht an Pläne. Nicht an die von Paulus und Timotheus und auch nicht an Michaels. Und ich bin dankbar dafür, denn sonst hätte ich diesen Pfarrer wohl nie kennenlernen dürfen. Ich bin dankbar für alle Erfahrungen, für die gemeinsame Zeit. Für die Leichtigkeit mit der er uns zugetraut hat, dass wir ein Schiff steuern können. Und ich bin dankbar für das Bild von Kirche, dass er uns angeboten hat.
Wenn ich mir heute eine Kirche wünschen dürfte, dann wäre sie so wie eine Sommerfreizeit auf einem Plattbodenschiff mitten im Ijsselmeer: Jeden zweiten Tag gibt’s Nudeln und abends an Deck singen wir mit Gitarrenbegleitung voller Inbrunst „Laudato si“ und etwas später etwas stiller „Sailing“. Und dazwischen erzählen wir einander von unseren Hoffnungen, von unseren Träumen, von unseren Plänen. Und erst recht von unseren Ängsten und Sorgen. Morgens kocht Michael dann Kaffee und weckt uns mit der Schiffsglocke. Wenn das Wetter gut ist, springen wir von der Reling ins Wasser und wenn es regnet, spielen wir Karten oder segeln weiter. Wir sind zusammen unterwegs und freuen uns auf neue Bekanntschaften, wenn wir abends in einen Hafen einlaufen. Wir teilen unser Leben und heilige Momente. Wir machen eine Gotteserfahrung nach der anderen. Unsere Köpfe in den Wolken. Und wir singen. Immer wieder „I am sailing“ und vertrauen darauf, dass es Gott ist, der hinter uns steht und das Ruder mit-führt.
So ist das, wenn Gott sich einmischt. Dann können Pläne scheitern. Das kann auch manchmal wehtun. „Aber das Leben geht weiter und manchmal sehr viel besser, als alle Planungen das zu hoffen wagten.“ (M. Josuttis, Wirklichkeiten der Kirche, Gütersloh 2003, S. 97-100).
AMEN.
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Mission ist Hinhören und Hingehen – Predigt zu Apostelgeschichte 16,9-15 von Christoph Hildebrandt-Ayasse
Die Apostelgeschichte des Lukas 16, 5-15
Der Ruf nach Makedonien
Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.
Liebe Gemeinde,
Gott selber sucht sich den Weg in unser Herz. Das nennt man Mission. Das ist die Mission Gottes.
Aber: wenn es um „Mission“ geht, dann kann man sich ja herrlich streiten.
Für die einen ist die christliche Mission den Kolonialmächten hinterher marschiert und hat mit der Bibel in der erhobenen Hand die zum christlichen Glauben gezwungen, die vorher mit den Waffen der Kolonialisten in die Knie gezwungen worden waren.
Für andere ist Mission wahre Nächstenliebe, die Unterdrückte vor Ungerechtigkeit bewahrt, sich für ihre Rechte gegenüber den Machthabern einsetzt, Armut bekämpft und hilft, Bildung und medizinische Versorgung zu entwickeln.
Für beides finden sich reichlich Beispiele in der Missionsgeschichte. Mancher möchte das Wort Mission schon gar nicht mehr in den Mund nehmen, weil er nur Missverständnisse oder Widerstände befürchtet; eine andere, weil sie Mission nur negativ besetzen können.
Aber reden wir heute einfach einmal über Mission; und zwar so, wie es unser Bibelabschnitt hier in der Apostelgeschichte tut.
Und da musste ich erst einmal einen liebgewonnenen Gedanken beiseiteschieben, der mir gleich zu dem Abschnitt aus Apostelgeschichte 16 in den Kopf kam: hier, bei dem Bericht von der Bekehrung der Lydia in der Stadt Philippi, geht es um den Übergang des Christentums von Asien nach Europa. Das hatte ich irgendwann einmal so gelernt oder gehört und behalten: der Apostel Paulus bringt hier das Christentum von Asien nach Europa. Apostelgeschichte 16 beschreibe den Beginn des christlichen Abendlandes. Hier werde Europa zum ersten Mal „der Stempel des christlichen Abendlandes aufgedrückt“, das las ich dann kürzlich auch noch irgendwo bei der Vorbereitung der Predigt.
Aber das ist eigentlich eine recht seltsame Vorstellung. Gott schickt den Paulus doch nicht nach Europa, damit er dann auf seiner Weltkarte die europäischen Länder als christlich missioniert anmalen kann. Solche Weltkarten, solche Missionsatlanten gaben die Missionsgesellschaften um das Jahr 1900 herum heraus. (Ich habe eine kleine Sammlung davon.) Auf so einem Missionsatlas konnte man wie auf der strategischen Karte eines Feldherrn sehen, wie sich das Christentum siegreich auf allen Kontinenten und in allen Ländern ausbreitete. Und heißt es denn nicht im Missionsbefehl: Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker? (Mt. 28,19)
Gott aber denkt nicht geografisch, sondern menschlich. Ihm geht es nicht um die Völker, sondern um die einzelnen Menschen, denen er sich zuwenden will, ganz persönlich; denen er nahe sein will alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt. 28, 20)
Zudem: für den Apostel Paulus war seine Bootsfahrt von Troas nach Neapolis und die kurze Weiterreise von dort nach Philippi, wo er dann die Lydia traf, ja kein Übergang von dem asiatischen Kontinent auf den europäischen, keine Reise von Asien nach Europa. Für Paulus als Staatsbürger des römischen Weltreiches war dies lediglich eine Schiffsreise von der römischen Provinz Mysien in die römische Provinz Mazedonien. Er dachte sich nicht: Oiweiwoi, jetzt hat mich Gott sogar nach Europa geschickt!
Nein Paulus wusste nur: Gott hat mich in diese andere Provinz, hierher in die Stadt Philippi geschickt. In den Versen vor unserem Predigttext erfahren wir, dass er vorher in dem Gebiet Asias, durch das er gereist war (das ist in etwa da, wo heute die westliche Türkei liegt) so gar nichts hatte bewirken können. Da wo er zu missionieren versucht hatte, war ihm kein Erfolg vergönnt. Ja, er merkte: Gott will nicht, dass ich hier bin. Mir ist es hier verwehrt, in seinem Geist zu wirken.
Gott selber sucht sich den Weg in unser Herz. Das nennt man Mission. Das ist die Mission Gottes.
Es fällt auf, wie wenig unser Missionar Paulus hier selber ausrichten kann. Wie wenig er dem Bild entspricht, das viele Menschen von einem Missionar im Kopf haben.
Was tut Paulus denn schon: er schläft und er redet, unterhält sich. Er hat keine besonderen Pläne und Strategien. Er ist offen für das, was Gott ihm vor die Füße legt. Er hält in Philippi keine ausführliche Missionspredigt von einer Kanzel herab oder an einem öffentlichen Platz. Er vertraut, dass Gott ihm seinen Weg zeigen wird; und er spricht zu anderen und mit anderen über Gott. Er hört die Bitte des Menschen aus Makedonien im Traum. Bitte, komm, und hilf uns. Und er leistet dieser Bitte Folge.
Mission, so kann man sagen, hört auf das, was andere sagen. Sie geht nicht einfach los, weil man missionieren will. Um Gottes Willen hört sie, worum andere bitten, was andere brauchen. Und Mission nimmt den anderen wirklich als anderen wahr. Paulus erkennt im Traum, dass er von einem Menschen aus Makedonien angesprochen wird. Woran Paulus das erkennt, wird nicht gesagt. War es die Kleidung oder die Sprache, ein besonderer Dialekt? Paulus hat auf seinen Reisen durch das römische Weltreich sehr viele unterschiedliche Provinzen mit ihren je eigenen Kulturen und Sprachen kennen gelernt.
Mission achtet andere Sprachen und Kulturen. Ihre Aufgabe ist es nicht, die eigene Kultur zu exportieren und anderen überzustülpen. Ihre Aufgabe ist, zuzuhören auf das, was andere sagen, bitten, raten und loszugehen im Namen Gottes; nicht im eigenen Namen.
In Philippi trifft Paulus auf Lydia. Er setzt sich zu ihr und den anderen Frauen. Er begegnet ihnen auf Augenhöhe. Am Fluss vor der Stadt Philippi treffen sich am Sabbat die Frauen zum jüdischen Gebet. Unter diesen jüdischen Frauen ist auch Lydia. Sie ist eine Gottesfürchtige, und das heißt, sie ist keine geborene Jüdin, aber sie möchte zur jüdischen Gemeinde dazu gehören. Sie kennt die jüdische Bibel, unser Altes Testament, und sie vertraut dem Gott, den sie aus der Bibel und den jüdischen Gebeten kennt.
Mit ihr spricht Paulus über Jesus Christus, den Messias, der aus dem Volk Israel herkommt und allen Menschen nahe sein will. Der hilft, der zu Recht bringt, der heilt an Leib und Seele, der vergibt und der den Tod überwand.
Und ganz unspektakulär wird dann berichtet, dass Gott der Purpurhändlerin Lydia das Herz auftut, dass sie glaubt und dass sie sich taufen lässt. Nicht nur sie lässt sich taufen; nein, sie ist wirkich überzeugt von ihrem Entschluss sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen. Und sie sagt das ihrer ganzen Familie und allen, die zu ihrem Haushalt gehören: es ist auch gut für euch; es tut euch gut, wenn ihr euch taufen lasst. Und aus diesem Anfang mit Lydia wird eine Gemeinde in Philippi entstehen.
Gott selber sucht sich den Weg in unser Herz. Das nennt man Mission. Das ist die Mission Gottes.
Und wenn man bedenkt, dass diese Lydia eine reiche Purpurhändlerin war und wenn man sich zugleich daran erinnert, dass Jesus einmal sagte, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als eine Reiche in das Reich Gottes, dann wird das hier noch zusätzlich eine ganz besondere Missionsgeschichte. Diese Lydia war keine arme, an den Rand gedrängte oder unterdrückte Frau. Sie war Asiatin, denn sie stammte aus Tyatira, der Gegend, in der Paulus zuvor nichts hatte bewirken können. Sie war reich, erfolgreich und aus Asien. Und Gott tat ihr das Herz auf.
Was ist Mission? Mission ist hinhören und hingehen. Auf Augenhöhe. Und offen für jede Begegnung.
Gott selber sucht sich den Weg in unser Herz. Das nennt man Mission. Das ist die Mission Gottes.
Amen
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08.09.2019 - 12. So. nach Trinitatis
24.02.2019 - Sexagesimä
Die Befreiung des Petrus – Predigt zu Apostelgeschichte 12,1-11 von Christiane Borchers
Liebe Gemeinde!
Diese Geschichte ist eine Wundergeschichte. Gibt es das im wirklichen Leben, dass jemand aus einer aussichtslosen Lage befreit wird? Sind Sie schon einmal in eine Situation hereingeraten, woraus es kein Entrinnen gab? Glaubten Sie jedenfalls? Aber irgendwann ging es dann doch weiter?
Petrus hat so etwas erlebt. Er sitzt im Gefängnis, ihn erwartet der sichere Tod. König Herodes hat felsenfest vor, ihm nach dem Passahfest hinzurichten, sowie Jesus kurz vor dem Passahfest hingerichtet wurde. Jedenfalls führt kein Herrscher eine Hinrichtung während des Passahfestes durch. Das widerspricht dem religiösen Codex, wird das Passahfest doch zum Andenken aus der Befreiung aus Ägypten jedes Jahr begangen. Errettung durch Gott passt nicht mit einer Hinrichtung zusammen. Das spürt jeder. Also muss eine Hinrichtung nach den Feiertagen geschehen. So jedenfalls plant es Herodes und es spricht alles dafür, dass es auch so geschieht. Petrus ist doppelt und dreifach gesichert, damit er nicht doch noch durch einen dummen Zufall entwischen kann. Er ist mit zwei Ketten gefesselt, möglicherweise eine an den Händen, die zweite an den Füßen. Zwei Soldaten sind direkt neben ihm in seinem Verlies postiert, zwei weitere bewachen vorsichtshalber die Gefängnistür. Ein Entkommen ist unmöglich, dachte Herodes. Aber Gott denkt anders und schickt Rettung. Er schickt seinen Engel, der Petrus befreit. Die Befreiung wird ausführlich beschrieben: Der Engel erscheint in der Gefängniszelle, in der Petrus eingekerkert ist und erleuchtet den Raum. Es ist also dunkel in der Zelle. Petrus sitzt im Dunkeln, kann sich nur schwer oder gar nicht orientieren. Dunkelheit und Orientierungslosigkeit verstärken die Ängste und ersticken Hoffnung. Es hat Methode, Menschen mürbe zu machen. Es genügt einem Herodes nicht, die Todesstraße durchzuführen, dem Verurteilten soll die Würde und jeder Wille zum Leben gebrochen werden. Damit ganz klar ist, wer es hier zu sagen hat und dass Widerstand zwecklos ist.
Petrus schläft, als der Engel erscheint. „Steh schnell auf“, fordert er ihn auf und stößt ihn dabei in die Seite. Die Ketten fallen wie von selbst von Petrus ab. Der Engel gibt weiterhin Befehle, wie er sich verhalten soll: Güte dich, zieh deine Schuhe an, wirf deinen Mantel über, folge mir.“ Das geschieht in zügiger Geschwindigkeit, Petrus soll sich in aller Eile für seine Befreiung rüsten. Es gilt, keine Zeit zu verlieren, so wie bei den Israeliten in Ägypten, als sie in ihre Freiheit aufgebrochen sind. Es ist nicht immer noch Zeit, dringende und drängende Angelegenheiten müssen jetzt angegangen werden. Ohne Nachzudenken folgt Petrus den Anweisungen. Zweifel kann er sich nicht leisten, dazu ist seine Lage zu prekär. Ihm ist, als ob er träumt, Petrus ist gar nicht mehr richtig in der Realität verankert. Seine Sinne sind durch die Ausweglosigkeit seiner benebelt. Ihm ist längst der Boden entzogen. Er glaubt, dass er sich seine Rettung eingebildet hat. Der Engel weiß, was er zu tun hat. Er geht unbeirrt und zielsicher durch die erste und zweite Wache. Traumwandlerisch geht Petrus hinterher. Niemand hält die beiden auf. Die beiden durchschreiten das eiserne Tor des Gefängnisses. Petrus weiß nicht, wie er da durchgekommen ist. Das Tor tut sich irgendwie von selber auf. Engel und Petrus gehen eine Straße weit, dann sieht Petrus sich allein. Petrus muss erst einmal zu sich kommen, er hat automatisch das gemacht, was der Engel vom ihm verlangt hat. Benommen von der Erlebnis erkennt er aber doch bald: Gott hat ihm einen Engel geschickt, der ihn vom sicheren Tod bewahrt hat und ihn in die Freiheit geholfen.
Wohin soll Petrus jetzt gehen? Hier kann er nicht bleiben. Instinktiv entfernt er sich von diesem schrecklichen Ort und geht schnurstracks zu der Mutter des Johannes. Hier trifft er auf weitere Jünger Jesu. Die haben sich hierher zurückgezogen aus Angst vor den Verfolgungen des Herodes. Sie stärken und verbinden sich, beten für ihre verfolgten Schwestern und Brüder.
Petrus ist noch einmal davon gekommen. Er hat Gottes große Hilfe erfahren. Kennen Sie auch solche existentiellen Erlebnisse? Erlebnisse, die Sie nie für möglich gehalten hätten, Erlebnisse, die Sie befreit haben aus einer ausweglosen Lage? Dazu müssen wir nicht im Gefängnis sitzen und vom Tode bedroht sein. Wir sind auch dann aus der Bahn geworfen, wenn unser Lebensgebäude ins Wanken gerät und wir keinen Boden unter den Füßen haben. Schwere nicht zu bewältigende Umbrüche können zum Tod führen. Meistens aber schickt Gott doch einen Engel, der uns die Sonne wieder sehen lässt.
Da ist Anna. Sie hat ihr Leben eingerichtet, bald bricht eine neue schöne Lebensphase an. Sie freut sich auf die Zeit nach ihrer Berufstätigkeit und die ihres Mannes. Beide werden mehr Zeit für einander haben und füreinander da sein können. Anna freut sich auf glückliche Jahre, die sie und ihr Mann genießen werden. Sie sieht sich morgens gemeinsam mit ihm frühstücken, nachmittags gemütlich bei einer Tasse sitzen, so wie ihre Eltern das machen. Sie möchte die eine oder andere Reise unternehmen, Ziele gibt es genug, sie möchte gemeinsam mit ihrem Mann Kontakte zu befreundeten Ehepaaren verstärkt pflegen, mit ihm sich in einem ehrenamtliches Projekt engagieren. Anna möchte ein schönes erfülltes Leben führen, ohne Stress, ohne Druck. Sie hat Ziele, sie hat Visionen. Sie ist begeistert ihrem Mann gefolgt, hat ihm vertraut, hat seine Träume geteilt, mit ihm Pläne geschmiedet. Es kommt zur Krise, ihr Mann wendet sich ab, will nicht länger an der Ehe festhalten, will eine neue Frau. Anna gerät in eine schreckliche Situation. Angst und Unsicherheit bringen sie zum Verzweifeln. Was wird aus mit ihr? Ihr Leben ist verwirkt. Sie sieht für sich keine Zukunft mehr. Ihr Leben ist sinnlos geworden. Ihr Mann ist ihr Leben gewesen.
Die Verlassenheit frisst sie auf. Was folgt, ist schlimm. Jeden Tag geht Anna neu durch Tiefen, jede Nacht weint sie um ihr verlorenes Glück. Sie erlebt höchste Nöte über einen langen Zeitraum. Plötzlich lichtet sich die Dunkelheit, sie weiß nicht wie, plötzlich tut sich eine Tür auf, plötzlich zeigt sich die Sonne. Anna findet den Weg ins Leben.
Es gibt Situationen, da sind wir gefangen in unserer Angst. Wir sitzen im Dunkeln und haben keine Hoffnung. Wer hilft uns heraus aus der Not? Aus eigener Kraft schaffen wir das nicht.
Gott hilft, er rettet aus Angst und Verzweiflung, führt heraus aus Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit, zeigt einen Weg. Ich stelle mir vor, dass Petrus froh gewesen ist, als der Engel ihm Anweisung gegeben hat, was er tun soll. Manchmal ist es gut, wenn uns jemand führt und leitet und uns sagt, was wir tun müssen. Es kann passieren, dass sich Türen öffnen und wir einen Weg sehen, den wir zuvor nicht gesehen haben. Gott schickt einen Engel, der hilft, wenn wir nicht weiter wissen. Wenn wir uns selber nicht mehr helfen können, sind wir froh, wenn Hilfe von außen kommt.
Petrus ist aus dem Gefängnis befreit und vor dem sicheren Tod bewahrt worden. Rettung aus aussichtsloser Situation ist möglich gegen allen Anschein, auch heute noch. Es gibt Menschen wie Anna, die sich aufgegeben haben und die dennoch einen neuen Weg finden. Ich bin gewiss: Gott überlässt uns nicht der Dunkelheit. Er sendet einen Engel und führt uns ins Licht. Amen.
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Die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen – Predigt zu Apostelgeschichte 12,1-10 (11-17) von Barbara Bockentin
Winter 1990/1991: Ich stehe in einer kleinen Stadt inmitten einer Menschenkette. Sie zieht sich durch die Fußgängerzone. Alle tragen ein Glas mit einer Kerze in den Händen. Nicht alle gehören überhaupt zu einer Kirche. Alle eint, dass sie ein Mahnmal angesichts des drohenden Golfkriegs gegen den Irak, der im August Kuwait annektiert hatte, setzen wollen. Am 17. Januar 1991 beginnt die Operation „Wüstensturm“.
In der Stadt, in der ich heute arbeite, gibt es seit Anfang des Monats wieder ein Friedensgebet.
Die politische Situation gebietet die Einrichtung eines solchen Gebetes, sind sich alle im Vorbereitungskreis einig. „Wir müssen informieren, anklagen und bekennen.“ Das ist der Grundtenor.
Am 21. September, dem internationalen Friedenstag, werden zwischen 18.00 und 18.15 Uhr die Glocken vieler Kirchen läuten. Die Kirchengemeinden sind dazu aufgerufen worden. „Glocken rufen zu Andacht und Gebet,“ heißt es im Anschreiben an die Gemeinden.
„Beten verändert“ – das ist die Hoffnung hinter den Friedensgebeten. Diese Hoffnung stimmt nicht unbedingt mit den Erfahrungen überein. Trotzdem wird immer wieder zu Friedensgebeten und ähnlichen Aktionen aufgerufen.
Gebeten wird einerseits nicht viel Kraft und Wirkung zugetraut. Fragt man jemanden, ob er daran glaubt, hört man: „Ich glaube nicht daran, es wird aber auch schon nicht schaden.“ Andererseits werden immer wieder Kerzen in Kirchen angezündet. Gebetsanliegen werden aufgeschrieben und an dafür vorgesehenen Stellen abgelegt. Die Möglichkeit, eigene Anliegen vor Gott zu bringen, wird nicht nur im Gottesdienst gerne genutzt.
Beten – das scheint auch die einzige Möglichkeit für die kleine Gemeinde in Jerusalem zu sein. Ihre Existenz ist bedroht. Jakobus, einer der Apostel, ist hingerichtet worden. Petrus ist im Gefängnis. Ihm droht dasselbe Schicksal. Alle in der Gemeinde haben das Gefühl, dass sich die Schlinge um ihn und um sie immer enger zieht. „Die Gemeinde betete Tag und Nacht für ihn (Petrus) zu Gott.“
„Not lehrt beten“ – hin und wieder höre ich es: damals nach dem 2. Weltkrieg waren die Kirchen voll, wie auch einige Zeit nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Das Gefühl der Ohnmacht lässt Menschen die Hände falten und sich an Gott wenden.
Beten – wenn nichts Anderes mehr hilft. Wenn eine schwere Operation bevorsteht, wenn die Gefahr für Leib und Leben unausweichlich erscheint.
Was wie eine moderne Befindlichkeit erscheint, ist zutiefst menschlich. Die Psalmen geben dem wortgewaltig ihre Stimme. Selbst Kirchenräume erzählen auf ihre Art davon.
Beten ist gewaltfreier Widerstand. Wer betet, will sich nicht mit dem abfinden, was ist. Wer betet, weiß zugleich, dass sie es nicht allein schaffen kann. Wer betet, nimmt das Leben wie unter einem Brennglas wahr.
Oft genug habe ich den Eindruck, dass ich nichts tun kann. Was soll ich als einzelne schon bewirken können? So passiv das Beten auf andere wirken mag, so sehr ist es doch in Wirklichkeit ein aktiver Vorgang. Wenn ich meine Hände falte oder sie geöffnet vor mich halte, dann werde ich wehrlos. Gefaltete Hände sind eben keine geballten Fäuste. Beten ist für mich wie ein Eingeständnis dafür, dass ich nicht weiter weiß. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich gebe ab, was ich selbst nicht erreichen kann.
Es tröstet und trägt mich, wenn ich weiß, dass andere mein Anliegen teilen. Wenn ich zweifle, ob mein Beten etwas nützt und meine Stimme zaghafter und leiser wird, dann sind da noch die anderen Stimmen, in die ich mich fallen lassen kann.
Sicher, ich habe keine Garantie dafür, dass mein Beten so ausgeht, wie ich es mir wünsche. Aber soll ich deshalb aufhören, mit Gott zu rechnen? So, wie es in der Apostelgeschichte von der Befreiung des Petrus erzählt wird, ist es viel zu schön, um wahr zu sein. Es mutet wie ein Märchen an. Bevor das geschieht, muss die Gemeinde damit umgehen, dass ihr Gebet für Jakobus ohne Erfolg war. Dennoch hören sie mit dem Beten nicht auf. Sie hören nicht auf, Gott in den Ohren zu liegen. Sie ergeben sich nicht der Macht der Mächtigen. Sie finden sich nicht mit dem scheinbar Unabdingbaren ab. Sie hören nicht auf, daran zu glauben, dass Gott das Leben will.
Mit den dann folgenden Ereignissen haben die Christen in der Jerusalemer Urgemeinde dann nicht gerechnet. Mit viel Humor wird geschildert, dass sie selbst ihre Gebetserhörung unglaublich finden. Es ist einfach zu verrückt. Es ist ein Wunder.
Mit dem Unwahrscheinlichen rechnen. Das haben Menschen zu jeder Zeit wieder neu lernen dürfen. Die Hoffnung, dass Gott mein Gebet erhört, zugleich mit meinen Worten quasi vor mich her zu werfen. Dann kann ich mich von dieser Hoffnung tragen lassen.
Das Unwahrscheinliche wagen: darauf setzen, dass Ohnmacht sich machtvoll wandelt. Dazu braucht es Mut. Das, was ich mir erhoffe, für mich selbst, für andere, für die Welt, Gott vor die Füße zu werfen. An Gott abgeben, was ich nicht selbst erreichen kann. Das ist Beten.
Solches Beten wird gehört.
Von dieser Gewissheit werden die Gebete genährt. Wer betet, webt mit an dem Klangteppich der vielen Gebete, die seit Menschengedenken vor Gott gebracht werden. Diese Vorstellung ist es, die mein Beten trägt. Deshalb kann ich nicht aufhören zu beten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Mächtigen dieser Welt die Oberhand behalten. Wer betet, ist nicht allein. Er verbindet Lob, Dank und Klage mit dem, was schon immer Gott überlassen worden ist. Das macht stark und mutig. Das wird gehört. Von Gott und von Menschen.
Die Friedensgebete werden unser Bewusstsein schärfen. Wir schauen hin. Wir erkennen, was wir ändern können. Wir geben in Gottes Hand, was wir loslassen müssen. Ich bin nicht allein. Andere beten ohne Unterlass mit mir.
Liedvorschlag nach der Predigt: „Klüger“ freitöne 93
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Draußen vor dem Tor - Predigt zu Apostelgeschichte 3,1-10 von Lars Hillebold
Der zerrissene Vorhang
Es ist wieder die neunte Stunde. Heute ist Gebetszeit. Vor wenigen Wochen war es Todesstunde. Noch immer hören sie die Detonation, die den Alltag ihrer heiligen Stadt vertont. Sie schauen in den Himmel. Als wären Schlieren der Finsternis göttlicher Abenddämmerung zu sehen. Der Schrecken jenes Abends tönt sirenensirrend in ihren Ohren. Dieser eine Abend hat sich in ihre Erinnerung gebrannt. Seitdem war ihr Leben anders.
Es war genau um diese Zeit, da riss der Vorhang im Tempel entzwei. Zwischen allem Silber und Gold hängen die Fetzen des Vorhangs wie kraftlose Schultern herunter. Keiner hat ihn geflickt. Keiner hat ihn aufgerichtet. Niemand hat sich mit Nadel und Faden daran gewagt. So, als müsste eine Wunde offenbleiben. So als sollten alle es sehen: Der Glanz des Ganzen hat seinen Riss. Im Großen und Ganzen klafft der Mut zur Lücke. Zerrissen waren Petrus und Johannes seit jenem Abend. Und doch ist ihr Blick auf das Allerheiligste frei.
Und was sehen Sie?
in einen Spiegel?
oder ein dunkles Licht?
Stückwerk?
Erkenntnis?
Mut zur Lücke
Zerrissene Stücke
Die großen Worte. Rund und schön. Schwarz auf weiß. Passend in Form. Sie werden andere erst noch suchen und schreiben müssen. Jetzt war die Zeit zum Sehen, nicht zum Schreiben. Es war die Zeit zum Gehen. Doch sie hielten inne.
Auf Augenhöhe
Damals hatten sie einen Toten weggetragen. Eine Geste, die den Alltag dieser Stadt begleitet. Heute tragen sie einen Mann hinein. Ein Verletzter? Ein Ehemann und Vater? Ein Freund? Ein Kollege, der morgen nicht mehr kommen wird? Ein Opfer? Auf jeden Fall ein Opfer. Sie starren auf ihn. Ihr Blick ist gebannt. Der Mann ist gelähmt. Von Mutterleibe an unfähig alleine wegzugehen. Lebenslänglich liegen. Unfähig, sich selbst zu bewegen. Für jeden Schritt ist er auf Hilfe angewiesen. Sie tragen ihn zu seinem Arbeitsplatz, auf dass dann andere ihm helfen. Wenn die neunte Stunde um ist, vielleicht auch noch die zehnte und die elfte, dann wird er wieder zurückgetragen. Die Tageseinnahmen trägt er bei sich. Seine Familie wird es brauchen. Die Blicke der Vorbeigehenden sieht er lange schon nicht mehr. Er will ihr Mitleid nicht. Er will in keine traurigen aufgeschlagenen Augen schauen.
Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Er sieht sie an und während er wartet, dass sie ihm etwas geben, hat er die entsetzten Augen seines Vaters und die Tränen seiner Mutter vor Augen. Er hört die Stimmen der Familie: „Der hat kein Recht hier zu sein. Wir können ihn uns nicht leisten. Wenn er hier bleiben soll, muss er für sich sorgen. Der ist zu schwach zum Arbeiten. Ehe der ans Laufen kommt, sind andere schon am Ziel. Er soll das machen, was er am besten kann: Nichts. Sitzen bleiben. Nichts tun. Er darf nicht den Anschein erwecken, dass er irgendetwas könnte. Wir stellen ihn aus. Seine Unfähigkeit. Seine Untätigkeit. Das bei ihm nichts, aber auch gar nichts läuft. Alle sollen es sehen.“
Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Der Mann sieht sie an und während er wartet, dass sie ihm etwas geben, fällt es ihm wieder ein. Er hatte etwas geschrieben. Schreiben, das konnte er im Sitzen gut. Jetzt, wo die beiden vor ihm stehen, aber Silber und Gold auf sich warten lassen, nutzt er die Zeit, sich zu erinnern. An das Gedicht, das er vor wenigen Wochen geschrieben hatte; da, als im Tempel der Vorhang zerriss.
So viele Nächte lag ich wach
Meine Augen rot, vom Weinen schwach
Den Kelch mit Tränen aufgefüllt
Meine Knöchel ins Leintuch eingehüllt
Es war um die Zeit als der Vorhang zerriss
und ich mich fragte, ganz ungewiss:
Bin ich von dieser Welt?
Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh‘ uns an! Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth ...
... so viele Nächte lag dieser wach
Seine Augen rot, vom Weinen schwach
Den Kelch mit Tränen aufgefüllt
Seine Wunden ins Leintuch eingehüllt
Es war um die Zeit als der Vorhang zerriss
und sie sagten, ich bin gewiss:
Er ist von dieser Welt.
Und da berührten sie sich. Auf Augenhöhe. Ihre Worte und ihre Leben. Der Krüppel und der Gekreuzigte.
Petrusblick und Bettlerworte
Im Blick des Petrus liegt die Welt Gottes für den Mann draußen vor dem Tor, dem Schönen. Im Blick des Petrus liegt die Schönheit Gottes für einen Menschen.
Was ich aber habe, das gebe ich dir. Meine Zeit. Für den Tempel und das Beten. Für das Reden und Danken und Loben. Um gesund zu werden. Heil an der Seele, mit all deinen inneren Bildern, Familiengeschichten, Verletzungen. Ich gebe dir das, was ich habe: an Überzeugung. Silber und Gold wären schnell gegeben, mit gutem Gewissen kann ich schneller weitergehen: durch jeden Einkaufstempel. Ich gebe dir das, was ich habe: für dich. Einer von vielen. Nicht allen auf der Straße, nicht jedem in der Welt werde ich gerecht. Ich bin nur einer von Vielen. Ich bin aber einer von Vielen. Darum: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
Da wurden meine Füße und Knöchel fest. Ich sprang auf, konnte stehen und gehen. Und was kam mir jetzt alles in den Sinn: wohin gehen. Zu denen, die mich jahrelang wie im Schoß der Mutter klein und liegend gehalten hatten. Ich hätte manchen so richtig in den ... treten können, die mich als Sozialschmarotzer gebrandmarkt hatten. Ich hätte gleich losrennen können, um in den ärmsten Ländern der Welt zu verhindern, dass Eltern ihre Kinder verstümmeln, damit sie beim Betteln mehr Mitleid auslösen. Vor allem hätte ich mit denen in Indien springen und tanzen können. Mit den Gotteslieblingen. So heißen die Bettelnden da. Sie werden nicht als Schande gesehen, sondern als eine Wohltat für den Geber. Sie wecken Milde. Sie reinigen das Herz des Gebers. Wer ins Allerheiligste will, der muss an ihnen vorbei. Sie sind der Eingang zum Tempel. Petrus hat mich angesehen. Er sieht mich.
Es war um die Zeit als der Vorhang zerriss
und ihr Blick sagte, ich bin gewiss:
Du bist von seiner Welt.
Da ging er mit Petrus und Johannes in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Ich bin von dieser Welt, höre ich ihn heute noch singen. Ich bin in dieser Welt, mit Gott, der mich am Leben hält, höre ich ihn heute noch singen. Und die Leute, sie schütteln den Kopf. Sie sind verwundert und entsetzt. So ist das wohl. Sie erkennen auch, wer das ist. Es hat scheinbar keine nachhaltige Wirkung. Vielleicht habe ich es inzwischen verstanden. Das Wunder ist es nur für einen. Wer einen richtig ansieht, der sieht die anderen nicht. Dass sie auch so gesehen werden wollen, jede für sich, das kann ich gut verstehen:
denn sie sehen in einen Spiegel
und auch ein dunkles Licht
sind Stückwerk
Erkenntnis ist
Mut zur Lücke
Zerrissene Stücke
Der Schreiber unter dem Schönen Tor
Es war die Zeit und die Fähigkeit gekommen, um zu gehen. So spazierte er zum Schönen Tor. Er genoss seit jenem Tag jeden Schritt. Ein Schritt wie ein Gebet. Gehen und sehen; achtsam die Füße setzen auf den Weg. Er ging an die Stelle, wo er früher gelegen und gebettelt hatte. Er war damals nicht der einzige; auch an diesem Abend nicht. Es dämmerte. Er setzte sich. Langsam. Genoss diese Bewegung seiner Beine. Wie der Knöchel sich drehen konnte. Wie er sein Gewicht hält. Und er wollte Wort halten.
Schreiben: eine Geste, die seinen Alltag färbt. Jetzt war die Zeit zum Schreiben. Die großen Worte und kleine Gesten. Manches Rund mit Kanten. Schönes und Hässliches. Wie man übersehen wird. Wie es ist, gesehen zu werden. Von dem Einen. „Draußen vor dem Tor“ schrieb er.
Mit dabei:
er selbst, Bettler, Krüppel, einer von uns
Petrus und Johannes, die ihn sahen und forderten
seine Frau, die er noch gar nicht kannte, aber sich darauf freute
sein Vater, mit dem es viel zu reden gab und wo ihnen beiden vor graute
seine Mutter, die das alles nicht mehr erleben konnte
seine Familie, die ihm so wehgetan hatte,
seine Stadt,
das Allerheiligste,
ein zerrissener Vorhang,
das Schöne Tor,
im Namen Jesu Christi von Nazareth:
Seht ihn an.
Amen.
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Knochen und Gnade – Predigt zu Apostelgeschichte 3,1-10 von Helmut Dopffel
Liebe Gemeinde,
Maler und Arzt sei Lukas gewesen, sagt die Legende. Mir kommt er aber eher wie ein Dichter vor, ein begnadeter Theaterdichter. In der Apostelgeschichte reiht er Szene an Szene, verbunden durch kurze Zwischentexte. Und es ist kein Kammerspiel, sondern die ganz große Bühne, die sich hier öffnet.
Erste Szene: Letzte Worte und Abschied. Wir nennen sie Himmelfahrt. Die Jünger werden zu Jesu Zeugen ernannt, Energie und Geist sollen ihnen geschenkt werden, so dass sie den Erdkreis füllen mit der Botschaft und dem Namen Jesu. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben einen großen Auftrag, sie haben eine Mission, darum allein geht es – von Dogmen und Werten, von kirchlicher Organisation, Rollen und Ämtern ist nicht die Rede.
Szene zwei: Feuer und Geist und Energie fallen vom Himmel und erfüllen die Herzen der Jünger. Wir nennen das Pfingsten. Und die erste, unmittelbare Folge ist: Menschen, ganz verschiedene Menschen, getrennt durch Mauern der Kultur und der Sprache und der Religion, verstehen sich. Penibel werden die damaligen Völker, Kulturen, Sprachen aufgezählt. Und nun ist da plötzlich, aus all diesen Vielen und Verschiedenen, die eine Kirche. Sie ist von Beginn an weltweit, global ausgerichtet und inklusiv, nach innen wie nach außen.
Und nun folgt Szene drei:
Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.
Zwei fromme Männer, Petrus und Johannes, sind auf dem Weg zum Nachmittagsgebet im Jerusalemer Tempel. Es ist drei Uhr, sie sind auf Gott, auf Gebet, Lob und Opfer eingestimmt. Da sitzt vor dem Tor – dem „Schönen Tor“, von dem wir aber nicht wissen, wo es stand – ein Bettler. Das kommt uns bekannt vor.
Vielleicht sahen wir sie schon heute Morgen, mit ihren Pappbechern. Oft ist das peinlich und manchmal, wenn die Bitten zu aufdringlich sind, gerade an der Kirchentür, ärgerlich. Die Bettler stellen uns heute vor peinliche Entscheidungen. Soll ich geben, wenn ich doch vermuten muss, dass das Geld an die Häupter organisierter Kriminalität abfließen wird? Kann ich nichts geben, wenn ich doch gerade Gott gelobt und gedankt habe für seine Gnade und Barmherzigkeit? Kann ich nichts geben, wenn ich gestern für mich selbst so viel eingekauft und ausgegeben habe?
Der Bettler vor dem Schönen Tor ist einer, der nie eine Chance hatte, er ist gelähmt von Geburt an. Gelähmt hieß damals: ausgeschlossen vom guten Leben. Er kann sich nicht selbst seinen Lebensunterhalt verdienen. Er kann keine Familie gründen. Und er ist auch ausgeschlossen vom religiösen Leben: den Tempel darf er nicht betreten, wie alle Menschen mit Behinderungen und bestimmten Krankheiten, so sagt es das Gesetz. Viele müssen draußen bleiben, denn sie sind unrein. Der Tempel ist kein Ort der Inklusion, sondern der Scheidung, der Diskriminierung. Das Schöne Tor ist für diesen Gelähmten eine Barriere, eine Mauer. Doch die Menschen, die in den Tempel dürfen, geben ihm Geld, genug, um zu überleben. Immerhin.
Petrus und Johannes kommen vorbei. Er sieht sie kommen, senkt in Demutshaltung die Augen und hält die Hand hin. Er konfrontiert diese beiden frommen Männer mit seiner elenden Wirklichkeit. Und die beiden lassen sich konfrontieren, sie ignorieren ihn nicht und verschieben auch nichts auf später. Jetzt sind sie dran. Jetzt ist dieser Gelähmte dran. Und der Bettler hört: Sieh uns an. – Gold und Silber habe ich nicht. – Aber im Namen Jesu von Nazareth: Steh auf. Und er wird aufgerichtet und kann gehen.
Das ist zuerst eine sehr intime Szene. Es geht um einen einzelnen Menschen. Um den kümmern sich die Jünger Jesu. Dem helfen sie. Es geht immer zuerst um Einzelne, und danach vielleicht auch um das große Ganze. Die Einzelnen sind wichtiger als das große Ganze.
Und es geht nicht um Religion, nicht um Geistliches, sondern um Materielles, um Körperliches, um Geld und um Gesundheit. Der Bettler will Geld, um zu überleben. Und er bekommt unendlich Wichtigeres, das nicht nur sein Überleben sichert, sondern sein Leben verändert: einen gesunden Körper. Darum kümmern sich Petrus und Johannes bei ihrem ersten öffentlichen Auftreten nach Pfingsten. So tritt die Kirche in die Welt. Von Glauben, Liebe und Hoffnung, von Schuld und Vergebung, Angst und Befreiung ist nicht die Rede. Sondern von Knochen und Knöcheln und Sehnen, von Gelenken und Füßen und Beinen. Die sollen ganz und stark und fest werden. Im Namen Jesu. Das Elend wird beseitigt, so tief an der Wurzel, wie es eben möglich ist. Gesundheit, Mobilität, Teilhabe werden diesem Menschen am Schönen Tor geschenkt, unschätzbar wertvoll für das Leben und das Lebensglück und den ganz banalen Alltag.
Gezuckt habe ich freilich bei der ersten Auskunft des Petrus: Gold und Silber habe ich nicht. Ich glaube ihm das, es entspricht ja auch Jesu klarer Anweisung. Aber wir haben heute Gold und Silber im Übermaß. Allein dieser Besitz ist ja in Jesu Augen höchst fragwürdig. Können wir dann wenigstens sagen: Was ich habe, gebe ich dir? Auch mit dem schnöden Mammon kann man heilen und helfen und Wunder wirken, er kann zum Wundermittel werden. Dazu muss man ihn allerdings hergeben. Sonst wird er uns unter den Händen zerbröseln.
So tritt die Kirche in die Welt. So füllt sie die Welt mit Jesu Namen.
Und was geschieht dann? Der gelähmte Bettler wird zum Bruder. Er wird angesehen, er steht nun von Angesicht zu Angesicht und alle drei vor Gottes Angesicht. Und ich bin sicher, dass Petrus und Johannes auch nach seinem Namen gefragt und ihn mit Namen angeredet haben: Hey Tobias, Bruder, hey Hanna, Schwester, schön dich zu sehen. Schön, dass es dich gibt.
Was geschieht? Barrieren verschwinden. Barrieren zwischen den Menschen, Barrieren, die das Leben für viele schwer machen, und auch die Barrieren, die Menschen zwischen Gott und anderen Menschen aufgerichtet haben. Das können auch Kirchengesetze und Frömmigkeitsstile sein. Barrierefrei ist der Zugang zu Gott nun, in Jesus hat er ihn barrierefrei gemacht. Sein Haus ist für alle da und für alle offen. Das sagt er uns in allen Worten die das Evangelium in sich tragen.
Was geschieht? Aufgeräumt wird mit dem teuflischen Unsinn, dass Krankheit und Gesundheit, Behinderung und Einschränkung unrein machen und weniger wert und vielleicht sogar selbst zu verantworten sind. Alle Menschen sind Gottes geliebte Kinder. Und alle Menschen sind in gleicher Weise angewiesen auf Gottes Gnade. Und alle Menschen will Gott aus ihrem Elend befreien.
Wir müssen aber jetzt noch einmal zurück in dieser Geschichte. Was war denn, als der Bettler noch gelähmt vor dem Schönen Tor saß? Das war sicherlich kein schönes Leben, es war ein elendes Leben. Aber war es weniger wert als das der anderen, die aufrecht an ihm vorbei durchs Tor in den Tempel gingen? In Gottes Augen, in der wahren Wirklichkeit, war der Gelähmte nicht weniger wert als all die anderen, und in ihm lag so viel Schönheit wie im Leben der anderen. Ein Ebenbild Gottes ist er, wie jeder Mensch. Auch ein Leben mit Behinderungen oder mit chronischer Krankheit ist Gottes Geschenk und hat allen Wert und alle Gnade, die Gott in unser Leben hineingelegt hat. Und Ja, der Gelähmte ist angewiesen auf andere, auf andere Menschen und auf Gott. Aber das sind wir doch alle. Niemand kann sich selbst den Rücken kratzen. Niemand kann sich selbst freisprechen. Wir alle sind bedürftig und leben mit unseren Einschränkungen und Behinderungen, nur anders. Wir alle sind imperfekt, versehrt, verletzlich und verletzt. Wir alle leben davon, dass Gott uns immer wieder aus unseren Tiefen holt. Und wir alle sind begabt und tragen bei zum Wohl und Wehe dieser Welt, der eine auf diese Weise und die andere eben anders. Das ist die Grundlage aller Inklusion. Gott hat uns alle ins selbe Boot gesetzt.
Das ist die Botschaft, wenn wir jeden Gottesdienst eröffnen „Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.
Der Bettler, der jetzt nicht mehr betteln muss – und vielleicht auch nicht mehr betteln darf – wird aufgerichtet, er probiert zögerlich ein paar Schritte, er spürt: Das geht, es ist fest, das ist verlässlich, das wird stark, und so läuft er mit Petrus und Johannes in den Tempel. Immer schneller werden seine Bewegungen, er hüpft und tanzt und probiert aus, was er jetzt alles kann. Wie ein Kind ist er. Welch ein Glück! Mir fällt keine andere biblische Geschichte ein, in der so viel körperliche Bewegung steckt, so viel Begeisterung, er flippt aus, er spürt das Glück des eigenen Körpers, wie wir es vielleicht spüren wenn das Tanzen wilder wird. Er lobt Gott, heißt es, er singt vielleicht, Halleluja, vielleicht What a wonderful world, und wenn er es fromm mag: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe. Aber ich glaube, er lobt Gott mehr als durch alle Worte und Melodien durch seinen Körper, durch seine Bewegungen, sein Hüpfen und Tanzen. Kann man Gott wunderbarer loben als durch die Freude, die wir an dem uns von ihm geschenkten Körper haben? Dieses Geschenk hat der geheilte Bettler dramatisch erfahren, aber es ist doch uns allen gegeben, freilich so selbstverständlich, dass es uns gar nicht mehr auffällt.
Noch einmal: Was geschieht? Der geheilte Bettler findet zu Gott. Weil Gott zuerst ihn gefunden hat. Durch Petrus und Johannes. Durch ihre Augen und ihre Worte. Durch seine Knochen, Knöchel und Sehnen. Durch seine Füße und Beine. Durch seine Mobilität. Durch eine neue Lebensgrundlage. Alles ganz materiell, körperlich. Das geschieht im Namen Jesu.
Wir nennen das, was da geschah, ein Wunder. Ein Heilungswunder. Und ein Wunder ist es. Heilungswunder geschehen auch noch heute. Die allermeisten freilich so, dass es uns gar nicht auffällt. Die allermeisten Heilungswunder geschehen heute durch das, was wir „Schulmedizin“ nennen, durch Ärztinnen und Pfleger und Physiotherapeuten und Laborantinnen. Und durch andere, die am Rande oder jenseits der Schulmedizin arbeiten, Heilpraktikerinnen und Homöopathen. Und manchmal, da wird ein Mensch auch heute gesund auf noch anderen, uns völlig unerklärlichen Wegen. Und durch alle diese Wege heilt Gott. Wo ein Mensch heil wird, geschieht es immer im Namen Jesu, ob dieser nun ausgesprochen wird oder nicht. Und wir lassen uns dieses Wirken doch nicht auf das eingrenzen, was uns heute zufälligerweise unerklärlich ist! Es gibt aber auch keinen Grund, das Unerklärliche zu leugnen. Und deshalb beten Menschen auch heute, manchmal, wenn es ganz eng wird, um ein Wunder. Und wenn wir das Wunder als Wunder erfahren, dann berührt es unser Herz. Dann haben wir ein Wort gehört, das noch viel wichtiger ist als das Wunder selbst. Dann haben wir Gottes Gnade und Liebe erfahren.
Am Ende dieser Geschichte, die so intim zwischen drei Menschen begann, stehen Petrus und Johannes wieder auf der großen Bühne. Petrus hält eine Rede und versucht zu erklären, was da geschah. Dass nicht sie es waren, sondern Gott, der im Namen Jesu geheilt hat. Und dass es Gottes Wunsch und Wille und Wirklichkeit ist, dass Menschen heil werden an Leib und Seele, nicht nur dieser eine, sondern alle. Denn alle brauchen Heilung. Das kann Gott uns schenken, und er kann es nicht nur, sondern will und wird es schenken, und zwar aller Welt. Und deshalb kündigt Petrus kühn an: Es kommen Zeiten der Erquickung. Für alle Welt. Gott wird das Elend von Grund auf beseitigen. Gott wird alles gut machen. Das klingt wunderbar erfreulich. Das klingt so, wie die Kirche klingt, wenn sie Kirche ist.
Amen.
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