Predigt zu Johannes 16,23b-28(29-32)33 von Markus Kreis

Predigt zu Johannes 16,23b-28(29-32)33 von Markus Kreis
16,23-33

Die Lichtschranke, die das Gute im Einbrecher erfasst - oder – eine fragliche Geheimtür: Einfach mal die Klappe halten! Raus mit der Sprache!

Liebe Gemeinde,

der Mensch vor Gottes Reich ist wie ein Straffälliger, der nächtens den Plattenweg zu einem dunklen, stillen Haus betritt. Und der in der Klarheit des bei Besuch per Lichtschranke erhellten Eingangsvorraums erkennt, dass er leicht einbrechen kann: denn die Tür ist zwar zugezogen und versperrt worden, der ausgefahrene Riegel gelangte aber nicht in die für ihn vorgesehene Aussparung der Zarge, sondern befindet sich knapp daneben im Freien. 

Es gibt immer noch Menschen, die da hinein gehen, ihrer Wohlanständigkeit oder Straffälligkeit oder ihrem Sünderleben zum Trotz. Weil sie glauben und darauf vertrauen, dass es sich hier um eine von den vielen Wohnungen des Vaters handelt. Weil sie glauben und darauf vertrauen, dass Jesus ihnen als Lichtquelle Gottvater erkennbar macht. Und dass Jesus als verborgen offene Tür ihnen Gottvater zugänglich macht.

Weil sie darauf vertrauen, dass bei diesem Einbruch weniger sie bei Gott als umso mehr Gott bei Ihnen ins Lebensgehäuse einbricht - wie ein Dieb in der Nacht, der ihnen wegnimmt, was sie belastet und sie so zu neuer Freiheit und neuem Handeln führt. Diese Menschen, denen mit und trotz dem Einbruch Vergebung geschenkt wird, die heißen Kirchenzugehörige.

Der Mensch vor Gottes Reich ist wie ein Straffälliger, der nächtens den Plattenweg zu einem dunklen, stillen Haus betritt. Und der in der Klarheit des bei Besuch per Lichtschranke erhellten Eingangsvorraums erkennt, dass er leicht einbrechen kann: denn die Tür ist zwar zugezogen und versperrt worden, der ausgefahrene Riegel gelangte aber nicht in die für ihn vorgesehene Aussparung der Zarge, sondern  befindet sich knapp daneben im Freien. 

Und es gibt Menschen die dann da nicht hinein gehen. Vielleicht sehen sie sich nicht als Straffällige oder Sünder, sondern sie sehen sich als redliche und anständig Leute. Oder eventuell schöpfen sie Verdacht, einer Falle aufzusitzen, in die Hände des Gesetzes zu geraten. Es gibt welche, die abgeschreckt sind vom Licht. Menschen, welche diese überraschend offene Tür für eine geheime Falltür halten, die sie in lauter Unbill und Zwangslagen führt.

Was erzeugt dieses Misstrauen? Vor was schrecken solche Menschen zurück? Ist es die aufscheinende Lichtquelle? Zucken sie angesichts der verborgen offenen Tür zurück?

Unter uns Menschen wird gläubiges Vertrauen vermittelt durch Kommunikation. Dabei kommt es natürlich nicht nur auf die Gesprächsinhalte an, sondern auch auf die Art und Weise, wie Kirchenzugehörige mit der Welt reden, und wie sie untereinander reden, und ob sie dementsprechend miteinander umgehen.

Bezüglich der aufscheinenden Türvorraumbeleuchtung heißt das: Sind es die christlichen Behauptungen, Aussagen und Ansprüche, die vom Einbruch Gottes abschrecken - eventuell weil sie unbekannt sind? Oder weil sie unverständlich sind? Oder zwar verständlich, aber inhaltlich komplett inkompatibel mit den durchschnittlichen gesunden Menschenverstand?

Ist es der kognitive Gehalt, der christliche Sätze bei solchen Menschen im Status beliebiger Meinungen belässt. Meinungen, welche kaum eine Chance haben, zu einer Überzeugung zu werden?

Oder spielt die nur scheinbar geschlossene, in Wahrheit verborgen offene Tür eine Rolle? Zucken die verhinderten Gotteseinbrecher zurück vor den Empfindungen, Motivationen und Leidenschaften, die im gegenseitigen Reden und Hören der Kirchenzugehörigen aufleuchten?

Sind die Gefühlsäußerungen an sich nicht nachvollziehbar für einen heutigen Menschen? Oder stehen die ausgedrückten Gefühle in einem Missverhältnis zu den geäußerten Ansichten? Leuchtet bei einer Vergebungszusage noch Rachgier auf? Oder Schwäche, die sich als Stärke zu decken versucht?

Eine Entschuldigung anzunehmen ist ein gesellschaftlich erforderliches Ritual geworden - so sehr dass Missetäter oft gar nicht mehr ihre Opfer darum bitten, sondern den kompletten Entschuldigungsakt verbal gleich selbst und allein vollziehen: Ich entschuldige mich!

Ohne Rücksicht darauf - Ich entschuldige mich! - dass ihr Gegenüber vielleicht noch etwas Zeit benötigt, um wahrhaft vergeben zu können. Zeit, die der Leidtragende braucht, damit er den erlittenen Verlust tatsächlich verschmerzen und quasi mit allen Sinnen ausgleichen kann.

Wie dem auch sei – ob nun die aufscheinende Lichtquelle oder die verborgen offene Tür abschreckt und zurück zucken lässt - da hilft nur das Gebet und die Bitte, dass potentielle Einbrecher bei Gott die gute Gelegenheit nutzen, ihr Misstrauen verlieren und keine Angst mehr davor haben, in lauter Unbill, Zwangslagen oder gar Fallen zu geraten.

Da hilft nur Bitte und Gebet. Das gilt auch für uns Kirchenzugehörige, vor allen Dingen, wenn unser Bitten und Beten für die potentiellen Einbrecher auf seine Wirkung warten lässt. Wenn die Kirche vielen Weltmenschen weiterhin uninteressant oder gar abstoßend erscheint.

Dann mag es zugehen, dass wir darüber in Angst und Zweifel tauchen, dass unsere Zuversicht auf die vergebende Macht Gottes zu schrumpfen beginnt wie Luftblasen im Wasser. Wenn die fragliche, verborgen offene Tür sich für uns in eine irreführende Geheimtür zu verwandeln scheint, in eine Illusion, in eine Täuschung. Dann hilft nur das Bitten und Beten für einen selbst, um Gottvertrauen und Selbstvertrauen, um Glaube und Gewissheit.              

Beten für einen selbst, das heißt: Raus mit der Sprache!  - Oder einfach mal die Klappe halten! Ja, was jetzt? Was steht an? Reden oder Schweigen? Silber oder Gold? Klappe halten oder Raus mit der Sprache?

Vielleicht ist das die falsche Alternative. Vielleicht geht es gar nicht um eine Alternative. Vielleicht geht es um eine Entscheidung ohne die Möglichkeit zu wählen. Vielleicht geht es um Einfach mal die Klappe halten! und Raus mit der Sprache!

Raus mit der Sprache – das kann zum zweiten bedeuten: hinweg mit der Sprache, hinaus mit ihr: kein Geständnisse, kein Geschwätz, keine Verlautbarungen, keine Sonntagsreden, kein Salbadern - Verstummen, Schweigen, Stille, nicht einmal Säuseln von Atem und Atmosphäre, lautlose Leere...

Und wer meint das so? Sagen kann er es ja schlecht, jedenfalls nur um den Preis, dass er sich selbst widerspräche. Wessen Wille ist das? Einfach mal die Klappe halten! und Raus mit der Sprache!

Gottes Wille und Schweigen ist es. Er meint es so und will das so haben und richtet sich selbst danach: Einfach mal die Klappe halten! und Raus mit der Sprache!

Gott wäre nicht Gott, wenn das zuvorderst nicht für ihn selbst gälte, wenn das zuallererst nicht für sein Leben zuträfe: Einfach mal die Klappe halten! und Raus mit der Sprache! Am Kreuz verstummte Gottvater und im Grab Jesu unterbrach er mit keinem Laut dessen Stille. Und in unserem Predigttext erwähnt Jesus sein Ende und andauerndes Fortgehen mit keinem Wort gegenüber seinen Jüngern. Zu unaussprechlich ist das alles, bevor es sich zuträgt, selbst in Gott.

Und was für Gott selbst gilt und zutrifft, das trifft und gilt uns Menschen, seinen Geschöpfen. Und als seine Geschöpfe genügen wir schließlich seinem Willen und kommen ihm nach, halten einfach mal die Klappe! und Raus mit der Sprache! Zuweilen überkommt das uns - sogar ohne lautlose Leere mit Labern zu überlagern.

Raus mit der Sprache! – Diesem Befehl wissen wir uns schwer zu entziehen, wenn uns Verstummen, Schweigen, Stille, wenn uns nicht einmal das Säuseln von Atem und Atmosphäre, sondern lautlose Leere widerfährt...

Raus mit der Sprache! – Diesem Befehl wissen wir uns schwer zu entziehen, wenn uns aus unserer eigenen Innenwelt Verstummen, Schweigen, Stille erheischt, wenn uns nicht einmal das Säuseln von Atem und Atmosphäre, sondern lautlose Leere anschleicht...

Raus mit der Sprache! – Diesem Befehl wissen wir uns schwer zu entziehen, wenn uns von Seiten unserer Mitmenschen Verstummen, Schweigen, Stille, wenn uns von ihnen nicht einmal das Säuseln von Atem und Atmosphäre, sondern lautlose Leere widerfährt.

Raus mit der Sprache! Klappe zu! Gott tot! Raus mit der Sprache! Sie haben recht gehört, Gott unterstellt sich dem Befehl, dem wir uns so schwer entziehen können. Gott rückt raus mit der Sprache.

Es mag so sein, dass Gott und die Farbe des Papiers sich nicht beschreiben lassen, dass das Höchste und das Tiefste also die Unbeschreiblichkeit teilen, wie Ortega y Gasset sagt. Und doch gilt gleichfalls: Gott beschreibt sich selbst. Gott rückt mit der Sprache raus.

Raus mit der Sprache! – Dank Gottes allmächtiger und herrlicher Liebe kann dieser Satz zweierlei zugleich bedeuten: Verzicht auf Sprache und Hervorbringen von Sprache. Gott kann und will dank seiner beziehungsreichen Allmächtigkeit und Herrlichkeit gut mit diesem Gegensatz leben.

Gott beschreibt sich selbst. Gott rückt mit der Sprache raus. Und wenn er als der Herr der Heerscharen ausrückt mit der Sprache, dann ergeht sein Wort mit Macht. Es erfüllt lautlose Leere, es überlagert und durchtönt alles leutselige Labern und Verlautbaren.

Es wirkt, unabhängig vom selektiven Empfang kirchlicher Hörer. Gottes Wort bricht erneut gewiss bei uns ein - trotz der durch Studien erforschten Tatsache, dass Christen, wie andere Menschen auch, beim Zuhören nur das behalten, was sie in ihren erlernten Auffassungen bestätigt.

Beten wir in unserer Sprache, dass Gottes Sprechen Hören und Reden erneuere. In Jesus hat der Mensch schließlich Gott die Urheberrechte und das Copyright abgenommen. Der Mensch hat also Gott als Urheber akzeptiert und ist selber Urheber, in dem er Gottes Urheberschaft unter den Menschen verbreitet.

Amen.

Perikope
10.05.2015
16,23-33

Das eine Wort und das Bleiben in ihm - Predigt zu Johannes 15,1-8 von Ralf Hoburg

Das eine Wort und das Bleiben in ihm - Predigt zu Johannes 15,1-8 von Ralf Hoburg
15,1-8

Das eine Wort und das Bleiben in ihm

Liebe Gemeinde,

„Ich bin drin…“ So lautete vor über 20 Jahren ein Werbeslogan für einen großen Internetanbieter. Wer „drin“ ist, der ist dabei. Wer „draußen“ ist, gehört nicht mehr dazu. Innen und außen bilden nicht selten Unterscheidungskriterien. Beliebt ist diese Unterscheidung, die geradezu eine Trennungslinie markiert, seit langem  im Bereich der Mode. Wer eine bestimmte Marke trägt, ist im Kreis derjenigen, die „up to date“ sind und die Marke fordert von ihren Mitgliedern auch eine gewisse Markentreue.  „Bleibt bei mir“… so werben inzwischen Firmen von der Autobranche bis zum Telefonmarkt. In ungleich größerem Masse als im harmlosen Bereich der Mode oder Werbung ist dieses Unterscheidungskriterium von „drinnen“ und „draußen“ derzeit in der Asyl- und Flüchtlingsfrage, wo es dramatische Formen angenommen hat. Was sich in den vergangenen Tagen auf hoher See zum wiederholten Male im Mittelmeer an der Grenze zu Europa abgespielt hat, tangiert die Menschenrechte. Europa ist eine Festung geworden, die ihr „Inneres“ gegen ein „Außen“ abschottet. Wer drinnen ist, ist sicher und wer draußen steht, steht „draußen vor der Tür“, so der Titel des bekannten Buches von Wolfgang Borchert. Borchert verstand sein Buch in den späten 40er Jahren nach dem 2. Weltkrieg als einen mahnenden Appell an die Gesellschaft, die „draußen“ Stehenden nicht zu vergessen. Draußen zu sein – so Borcherts Erfahrung – „tötet“.

Dieses Bild von dem außen und dem Innen drängte sich mir im ersten Moment auf, als ich wieder den Text aus dem Johannesevangelium las. Es geht um das Bleiben im Inneren bzw. den Folgen, wenn man nicht mehr im Innenkreis steht. Vielleicht erstaunt es, dass dieses Prinzip in gewisser Weise auch für Religionen – nicht nur dem Christentum, sondern auch dem Islam – gilt. In der Antike und auch im Mittelalter sprach mal von der sog. „Arkandisziplin“, d.h. einem Wissen, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Denke ich im gegenwärtigen Zeitkontext über den Text aus dem Johannesevangelium nach, gilt es, sich dabei eben auch mit dem Unterscheidungskriterium von „dabei sein“ und „nicht dabei sein“ auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung kann vielfältige Bezüge haben, wie bereits angedeutet. Auch für die Institution Kirche ist das Thema von „innen“ und „außen“ hoch aktuell und noch mehr muss sich die Kirche heute auch mit dem Phänomen des „Bleibens in ihr“ auseinander setzen.

Es ist nicht zu leugnen: Viele Menschen haben sich inzwischen von der Kirche abgewendet. Zeitungs- und Medienberichten zu Folge haben sich im Jahr 2014 mehr Menschen als in den Jahren zuvor wieder von der Institution Kirche getrennt. Als Grund hierfür wurde die Erhebung von Kirchensteuern auf die Kapitalertragssteuer genannt. Manche Kritiker sprechen hier bereits von einem „Eigentor“. Die Süddeutsche kommentierte in einem Bericht vom 15.8.2014, dass nach Auffassung der Kirche der „Reiche sich nicht mehr so leicht davor drücken können“ sollte, „das angemessene Scherflein der Kirche zukommen zu lassen.“ Wie realitätsfern! Statt indes den Fehler zu korrigieren, der rechtlich zwar korrekt, aber moralisch Abgründe aufzeigt, spricht man in der Kirche von offizieller Seite des Kirchenamtes der EKD selbstgefällig davon, man habe das Ganze eher ungeschickt kommuniziert.  Die, die „drinnen“ stehen haben offensichtlich nicht verstanden, dass sie inzwischen diejenigen sind, die eigentlich „draußen vor der Tür“ stehen; vor einer Tür der Gesellschaft, die weitgehend religiös indifferent geworden ist. Weniger der Verlust an Religion, sondern vielmehr der Glaubwürdigkeitsverlust der Institution treibt die Menschen aus der verwalteten Kirche. Es scheint so, als würde in unserer Gesellschaft ein neuer Typ von Organisation entstehen, der einerseits immer weniger Mitglieder aufweist und andererseits über immer mehr Geld verfügt.    

Wer steht drinnen und wer steht draußen? Bei dieser Grundsatzfrage kommt es entscheidend auf die Sichtweise an und drehen sich langsam aber allmählich die Verhältnisse um. Vor vielen Jahren erschien von einem bekannten Theologen ein Buch mit dem Titel: „Es bröckelt an den Rändern“. Gemeint war mit der Metapher der Ränder die als sog. „kirchlich Distanzierte“ bezeichnete Gruppe von Menschen, die sich von der Volkskirche abgewendet hatten. Seit dem geht es kirchlichen Reformbemühungen darum, diejenigen „an den Rändern“ wieder zu gewinnen. Aber inzwischen steht die Kirche selbst eher am Rand der Gesellschaft. Ist sie noch „drin“ oder steht sie schon „draußen“?

In dieser Situation stellt der Predigttext aus dem Johannesevangelium eine geradezu prophetische Mahnung dar, wenn es dort  warnend in V. 4 heißt: „Bleibt in mir und ich in Euch“.  Hier gibt es mehrere Möglichkeiten, die Analyse der Zeit mit Hilfe des Predigttextes zu verstehen. „Bleibt in mir und ich in Euch“ (Joh 15,4) könnte bedeuten, dass sich die Kirche zu einer Wagenburg formiert und in einem trotzigen „Wir sind drin“ sich gegen eine heidnischer werdende Umwelt abzuschotten versucht. Diesen Weg könnte der Predigttext sogar legitimieren, indem dann „die da draußen“ mit Vernichtung bedroht werden, wie Joh 15,6 nahe legen könnte: „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt…“ Oder heißt das „bleibt in mir“ eher die Konzentration auf die Theologie und das Bleiben im Wort der Offenbarung? Das würde die Frage nach den Kriterien stellen, an die sich die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen jetzt und in Zukunft hält. Liest man Joh. 15 weiter über V. 8 hinaus heißt es mit einem beschwörenden Appell in V. 9: „Bleibt in meiner Liebe!“  Hier ist der Weg zu suchen und das Unterscheidungskriterium ist gegeben. Die Zukunft der Kirche entscheidet sich im Bleiben der Liebe.  

I)                     

Der Grund der Gemeinschaft

Mehr als die synoptischen Evangelien lebt das Johannesevangelium aus der Wahrung der Tradition und der Herstellung der Gemeinschaft. Im Zentrum der johanneischen Ekklesiologie steht die Abendmahlsgemeinschaft, die mit Kap. 15 im Mittelpunkt steht. So sind die Verse des Predigttextes aus Joh. 15,1-8 für den Sonntag Jubilate im Kontext des gesamten Kapitels zu lesen und erst ab V. 9 wird das Materialprinzip genannt, das als Kriterium für das Bleiben in Gott gilt. Woher aber kommt die Gemeinschaft und wir wird sie im Johannesevangelium begründet? Wenn man so will lebt das Johannesevangelium intensiv von dem trinitarischen Gedanken, in dessen Mitte die Beziehung zwischen Vater und Sohn steht. Dieses Verhältnis, das im Innenverhältnis als Beziehung zwischen Vater und Sohn selbst auf Liebe beruht,  bildet die theologische Achse des Johannesevangeliums. Das Kapitel 15 nutzt hierfür die Metapher vom Weingärtner, dem Weinstock und den Reben. Mit diesem Bild verwendet das Evangelium die Alltagssprache der Menschen der Antike, für die der Wein ein bekanntes und dennoch besonderes Getränk darstellt. Bekanntlich gilt der Weinbau als eine Art der Landwirtschaft, die sehr viel Mühe kostet und es bedarf der Zeit, bis Weintrauben als Früchte an den Reben wachsen und geerntet werden können. Bereits im Alten Testament wird das Bild des Weinbergs bei den Psalmen und Propheten eingeführt; dabei wird es auf das Volk Israel bezogen, das JHWH aus Ägypten holt. (Ps. 80,9-18) Gott selbst wird aber dort nicht als Weingärtner dargestellt. Das Johannesevangelium nimmt diese Metapher auf und führt sie im Sinne der Offenbarungstheologie weiter.

In der Theologie des Evangeliums nach Johannes wird Gott als Schöpfer der Welt und Jesus Christus als der Sohn in Eins gesetzt. Gott der Vater und der Sohn sind eines Wesens. Zentral für diesen Gedanken, von dem aus sich die Denkweise des gesamten Evangeliums entschlüsselt, ist der Prolog des Evangeliums im 1. Kapitel, in dem es heißt: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns…“ (Joh. 1,14) Schlagartig wird beim Lesen dieser Worte klar: hier geht es um das Ganze, denn die Offenbarung birgt eine gewisse Totalität in sich. Diese Worte dringen durch und enthalten einen tiefen Sinn. So stellt sich Ehrfurcht und eine gewisse Scheu ein. Das meint Offenbarung, dass Gottes Sein in Jesus Christus anwesend ist, sich Gott also geradezu körperlich geworden und sich in einem Menschen dingfest gemacht hat.       

Die Offenbarung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus stellt die Gemeinschaft der Gläubigen zu Gott auf andere Füße. Die Gemeinschaft zu Gott erhält nun einen neuen Grund. Deutlicher als die anderen Evangelien stellt das Johannesevangelium die Menschwerdung Gottes in den Mittelpunkt. Gott offenbart sich und wird Mensch. Durch diesen Schritt der Selbstmitteilung erhält der Mensch nun einen anderen Zugang zu Gott als bisher. Auch seinem erwählten Volk Israel teilte sich Gott auf verschiedene Weisen mit. In der Tora ist die Verbindung zwischen Gott und Mensch auf Glaubensregeln aufgebaut. Moses war hierzu der Mittler, der die Gebote empfing. Aber immer verbarg Gott sein Antlitz. In der Offenbarung bleibt Gott der Aktive. Er allein hat entschieden zu zeigen wer er ist. Mit der Offenbarung legt sich Gott fest. Der Predigttext definiert dieses Verhältnis geradezu als das zwischen Vater und Sohn, wenn es in Joh 15,1 heißt: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner“. Das traditionelle Bild des Weinstockes und der Weinreben, wie es aus dem Alten Testament bekannt ist, wird hier neu und anders gewendet. Der „Freund“, von dem in Jes. 5,1-7 in der Erzählung vom unfruchtbaren Weinberg die Rede war, ist der Weingärtner selbst. Auf diese Weise korrespondieren beide Erzählungen miteinander und interpretieren sich. Wie der Prophet Jesaja erkennt auch der Evangelist Johannes die Gefahr, dass der Weinberg und seine Reben, die Gaben Gottes und Ergebnis seiner Liebe darstellen, vergehen. Sie bringen keine Frucht mehr. Dieser Gefahr will das Johannesevangelium wehren.  

II)                   

Die Mitte der Gemeinschaft

Der Sohn ist identisch mit dem Vater. Jesus Christus bildet die Mitte, von der aus sich nun die neue Gemeinschaft gründet. Der Apostel Paulus schreibt an einer Stelle im Korintherbrief in einer ganz ähnlichen Weise: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1. Kor. 3) Im Johannesevangelium wird dieser Grund nun mit den sog. „Ich bin…“ – Worten beschrieben: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Diese neue Mitte bildet den Orientierungspunkt der Gläubigen. Von hier aus wird Gemeinschaft konstituiert. Die christliche Kirche versteht sich als eine Gemeinschaft, für die die Erinnerung an das sog. „letzte Abendmahl“, d.h. dem Beisammensein Jesu mit seinen Jüngern vor der Hinrichtung am Kreuz, den Mittelpunkt bildet. Als die Gemeinschaft des Wortes feiert die sich versammelnde Gemeinde auch das Abendmahl. In der jüngeren Geschichte der evangelischen Kirche hat sich an dieser Stelle durchaus ein Richtungsstreit entzündet, der sich um die Frage der Abendmahlspraxis rankte. Während eher die eine Richtung die Exklusivität und Besonderheit des Abendmahles betonte, plädierte eine andere Fraktion eher in die Richtung, jeden Gottesdienst mit dem Abendmahl  zu beenden. Die Abendmahlsgemeinschaft gehört zur alltäglichen Gottesdienst- und Gemeindepraxis. Hier wird das „in ihm bleiben“ als Form der ästhetisch-sinnlichen Verkörperlichung rituell praktiziert und gelebt. Der „Tröster“ bzw. Paraklet übernimmt hierzu im Johannesevangelium die Funktion der Vermittlung zwischen Vater, Sohn und der Gemeinde. 

In dieser Exklusivität der Abendmahlsgemeinschaft findet sich dann auch letzten Endes das inkludierende oder exkludierende Element dieses Textes wieder. Die Orientierung an der Mitte legt im Sinne des Johannesevangeliums offen, wer dazu gehört und wer „draussen vor der Tür“ steht. Für heutige Ohren klingt dieses Kriterium in einer Gesellschaft, die sich um Integration und Inklusion bemüht, recht barsch und hart. Gleichzeitig stimmt diese Exklusivitätsregel noch nachdenklicher, wenn man überlegt, dass sich in der modernen Welt viele Menschen freiwillig dafür entscheiden, „draußen vor der Tür“ der Kirche zu stehen und sie leben ihr Leben gut und vermissen nichts. Die Drohgebärde eines möglichen Verdorrens trifft die heutige Gesellschaft nicht mehr.   

III)                 

Das Bleiben in der Gemeinschaft

Die zentrale Botschaft des Textes, geradezu der von dieser Passage ausgehende Mahnruf besteht in der Beschwörung, in Jesus Christus zu bleiben und am Glauben festzuhalten. Nach Auffassung des Johannesevangeliums besteht das Ziel des christlichen Glaubens darin, in der Welt wirksam zu sein. Dem Erweis dieser Wirksamkeit dient das metaphorische Bild von den Früchten der Reben. Traditioneller Weise wird diese Passage des Textes gerne in Predigten dazu verwendet, die Gläubigen sanft zu ermahnen, „viel Frucht“ zu bringen. Aber was heißt das? Ist damit der in der Geschichte der Kirche in der Diakonie zum Tragen kommende Liebesdienst gemeint? Deutlich wird aus dem Kontext des Textes zumindest eines: Im Sinne der Metapher vom Weinstock ist die Frucht nur möglich durch das Bleiben im Weinstock. Wie sich dieses konkretisieren kann, zeigt V. 7: Es geht um das Bleiben im Wort. In einer Predigt zum Text hebt der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, hervor, dass das Bleiben in der Beziehung das Entscheidende ist. Damit ist die Beziehung zu Jesus Christus gemeint. Mit keiner Silbe erwähnen die Predigten die Folgen der Abwendung von Jesus Christus. So hat der Text im negativen Sinne eine harte Seite. Die Konzentration auf das „Bleiben“ verwischt mithin auch den Bezugspunkt, nämlich das „Wort“.

Das Wort steht im Mittelpunkt der Gemeinschaft, die sich um das Abendmahl herum bildet. Für Luther macht diese Fixierung auf das Wort geradezu die Theologie des Abendmahles aus. Nur das Wort macht das Zeichen zu einem Sakrament. Diese Zentrierung auf das Wort relativiert in gewisser Weise die durch den Text so oft verkündigte Metapher der Frucht. Der Frucht-Appell: „Seid aktive Gemeindeglieder“, d.h. gestaltet das Gemeindeleben mit lebendiger Gruppenarbeit und typisch evangelischer Klebe- und Bastelpädagogik und seid „drin“, indem ihr eine „gestaltete“ Mitte habt, tritt zurück hinter den Gedanken, dass alle Aktivität vom Wort selber ausgeht. Dem Johannesevangelium geht es darum, dass das Wort die Priorität erhält und in euch bleibt. Das „Im Wort-Sein“ ist das Entscheidende.  Erst nachgeordnet geht es dann auch um das Bleiben in der Liebe.    

Das Wort zu verlieren ist dann die Gefahr an der Grenze und entscheidet zwischen „drinnen sein“ und „draußen sein“. Jetzt erhält der Text eine ziemlich aktuelle Note, wenn man ihn als eine Mahnung an die christliche Gemeinschaft versteht. In der Zeit als das Johannesevangelium historisch entstand, gab es diese Gefahr, dass die Gemeinschaft der Kirche auseinander zu brechen drohte. Der Schwung des Anfangs sank und die Euphorie auf das Reich Gottes verschwand allmählich. Die Wiederkehr des Auferstanden ließ auf sich warten. In dieser Situation mahnt das Evangelium das Erbe des Anfangs an. Der Text erinnert an den Ursprung der Gemeinschaft.

Also zu guter Letzt noch einmal gewendet: Wer ist „drinnen“ und wer ist „draußen“? Was heißt das: „Bleibt in mir“? im heutigen Gesellschaftskontext? Für mich heißt das, dass die Kirche zwar drinnen in der Gesellschaft als eine Institution existiert, aber ihre Position hat sich verändert. Sie ist ein kleiner werdender Teil am Rand einer vielstimmigen Religionslandschaft in einer offenen Zivilgesellschaft. Der Predigttext ruft danach, dass die Kirche „in ihm bleibt“, d.h. sich auf die Verkündigung des Evangeliums und auf das Wort der Offenbarung konzentriert und vor allem in den eigenen Reihen der Gemeinde in der Liebe bleibt (Joh 15,9).  Mit dem Hören auf das Wort entspricht sie dem Sein des Weingärtners. Diese Konzentration auf das geoffenbarte Wort war die Mitte, aus der die Reformation ihre Kraft und Energie bezog. Das Hören auf dieses Wort Gottes zog im 16. Jahrhundert den Umbau und die Umgestaltung der Kirche nach sich. Und heute?

Perikope
26.04.2015
15,1-8

Predigt zu Johannes 15,1-8 von Bert Hitzegrad

Predigt zu Johannes 15,1-8 von Bert Hitzegrad
15,1-8

Der wahre Weinstock

15 1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.
2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.
3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Gott segne dieses, sein Wort, an uns und lass es auch durch uns zu einem Segen werden. Amen.

Liebe Gemeinde! Die Bibel kennt starke Bilder. Es sind Bilder voller Leben und Fülle. Voller Kraft und Dynamik. Sie lassen ganze Landschaften, alltägliche Szenen, blühende Wüsten im Kopf entstehen.  Sie sprechen für sich ohne viele Worte. Der gute Hirte, das frische Wasser, der Weizen, der Frucht bringt, die Lilien, die schöner gekleidet sind als der König Salomo. Jedes Bild gefüllt mit Hoffnungen und Sehnsüchten, gefüllt mit Erinnerungen und Begegnungen. Auch die Bilder, die uns im heutigen Predigttext begegnen, sind Lebens-Bilder: Weinstock und Reben – da blitzt die Herbstsonne durch die reifen Trauben kurz vor der Ernte. Man möchte förmlich nach ihnen greifen und probieren, ob sie denn schon die saftige Süße erreicht haben. Die belebende Frische des Weines an einem Sommerabend lässt sich förmlich am Gaumen erahnen. Zurücklehnen und genießen.

Doch der gute Tropfen von den edlen Reben bekommt einen faden Beigeschmack. Es geht nicht um die sorglose Freude, die Jesus mit dem kostbaren Wein dem Brautpaar und seinen Gästen auf der Hochzeit zu Kana geschenkt hat. Es wird auch nicht dem Gott des Rausches und der Ekstase gehuldigt, wie die Griechen es mit ihrem Dionysos taten. Nein, Jesus nutzt die einleuchtenden Bilder, um die enge Verbindung von Weinstock und Reben, von Frucht und Lebensströmen deutlich zu machen. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“: Wie die Reben auf den Weinstock angewiesen sind, so bekommen seine Jünger, so bekommt seine Gemeinde die Lebenskraft von ihm. Nur aus dieser Verbindung heraus wachsen und reifen Früchte. Vorausgesetzt, sie „bleiben“.  Sie bleiben in ihm, sie bleiben an ihm – und Jesus an ihnen, so eng verbunden wie Frucht und Rebe, wie der Weinstock und jeder einzelne Trieb, der aus ihm wächst. Wenn nicht – dann wird der süße Rebensaft, den wir auf der Zunge schmecken, sogar bitter. Jesus erinnert an die Abläufe im Weinbau – und wird zum Mahner und Warner für seine Gefährten: Im Frühjahr muss der Winzer die Reben ausschneiden und reinigen, um die Pflanzen zu optimieren. Alles, was nichts bringt, was verdorrt, vertrocknet, leblos ist, nimmt dem Weinstock Kraft für die guten Reben. Also wird die Schere angesetzt und weg … Reicher Ertrag entsteht nur durch aufwendige Pflege. Christliche Existenz ist nur durch die enge Verbindung zu Jesus möglich. Lebenskraft einer Gemeinde kann nur durch die vitale Beziehung zu dem „Baum des Lebens“ kommen. Der tägliche Lebensstrom des Glaubens fließt nur wenn „wir in ihm bleiben und er in uns“. Da kann nicht alles bleiben wie es ist …

Die Bibel kennt starke Bilder. Bilder, die uns Farben in den Kopf, Gerüche in die Nase und sogar den Geschmack von wohlschmeckendem Wein auf die Zunge malen. Aber „Halt!“ und „Stop!“. Es sind nicht die kitschigen Bilder einer heilen Welt, sondern  Bilder, die helfen, die Welt heil zu machen und uns Heilung zu schenken. Deshalb ist der so gern gewählte Konfirmationsspruch „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ nicht nur freundliche Beschreibung für einen fröhlichen Konfirmationstag, an dem auch mal ein Gläschen Wein probiert wird. Nein, es ist klare Aufgabe und Wegbestimmung. Es bedeutet für den jungen Konfirmanden, die Konfirmandin, dran zu bleiben am Glauben, den Fragen des Lebens weiterhin nachzugehen und immer wieder diesen Kontakt zu suchen, zu dem der gesagt hat „ohne mich könnt ihr nichts tun!“.

Jesus hat die starken Bilder seiner Predigten im Alltag gefunden – beim Beobachten einer Schafherde, beim Gang über ein Weizenfeld oder beim Pflücken einer reifen Traube im Weinberg. Mit welchen Bildern aus dem Alltag würde er heute predigen? Wie würde er den jungen Konfirmanden, wie würde er uns allen die tiefe und segensreichen Verbindung mit ihm heute deutlich machen – „ohne die wir nichts tun können!“ Luther hat „dem Volk auf’s Maul geschaut“ und daraus Lieder und Predigten gemacht. Er tat es, weil Jesus es tat. Was würde Jesus Menschen sagen, die weit weg von Weinbergen leben und die aus der 10. Etage ihres Wohnhausblockes keinen „guten Hirten“ beobachten können.

Ich denke an eine Situation, die ich mit unserer Tochter erlebt habe. Sie ist mit dem Zug von ihrem Studienort aufgebrochen und wollte nach Hause kommen. Sie hatte Bescheid gegeben, dass sie kommen würde, aber nicht wann. „Ich melde mich von unterwegs per Handy!“ Nun war sie unterwegs, aber sie hatte vergessen, ihr Handy aufzuladen. Der Ladezustand sank auf 1% und schon schaltete sich das kleine elektronische Gerät von selbst ab. Kein Lebenszeichen mehr. Und auch kein Lebenszeichen von unserer Tochter. Sie stand am Bahnhof und niemand erwartete sie, niemand lud ihre Koffer ins Auto, niemand nahm sie herzlich in den Arm. Keine Sorge – sie ist dann doch noch abgeholt worden, hat sich ein Handy geliehen und uns erreicht. Aber sie hatte sich das alles einfacher vorgestellt.

Keine Energie mehr, kein Strom – kein Lebensstrom, um die Verbindung zu halten. Getrennt wie die abgeschnittene Reben vom Weinstock. Das Handy, das nicht rechtzeitig aufgeladen wurde und so wertlos wurde – die Kommunikation am Ende. Mir ist klar, dass die Bilder, die Jesus nutzt, voller Leben und Dynamik sind und dass der Lebensstrom eines Handys kaum an die Fülle des Saftes heranreicht, der durch den Weinstocks fließt, um dann Reben und Früchte wachsen und reifen lässt. Aber: Dieses Bild ist dicht dran an uns, am Leben, aber auch an der Kraftlosigkeit vieler Menschen.

Denn ich beobachte: Wir machen alle viel zu viel und verzehren uns dabei selbst. Bei vielen sind die Akkus wie ausgelaugt, ausgelutscht. Nicht nur die Kommunikation ist am Ende, der ganze Körper reagiert. Viele haben Depressionen. Sie müssen etwas bringen, sie müssen Leistung, Ertrag, Frucht bringen, denn wer nichts bringt, ist auch nichts. Aber sie haben das Gefühl, sich abzuarbeiten, ohne dass es eine Frucht hervorbringt. Sie fühlen sich wertlos, ausgebrannt und verdorrt, wie eine tote Rebe, saft- und kraftlos.

Liegt es am Druck von außen, an den Erwartungen anderer – oder auch an dem Maßstab, den sie selbst an sich anlegen? Noch einmal meine Tochter, die eigentlich darauf achtet, dass der Akku ihres Handys immer aufgeladen ist. Denn sonst könnte sie etwas verpassen in der digitalen Welt zwischen Facebook und WhatsApp, zwischen Twitter und einer Eilmeldung unter Tagesschau.de. Immer mit der Welt verbunden, immer online, immer „unter Strom“. Manchmal habe ich das Gefühl, wenn sie da ist, ist sie gar nicht da und anwesend, sondern schwirrt, wenn das Handy vibriert, durch die digitalen Welten mit der Angst, etwas verpassen zu können. Und in der unendlichen Fülle der News und der Mails verpasst sie garantiert etwas. Bis die Erschöpfung da ist. Ob es dann mit einer neuen Akku-Ladung getan ist?

Das starke Bild vom Weinstock lädt ja fast zum Nichtstun ein. Die Rebe, die Frucht muss den Lebensstrom nur fließen lassen und schon ist alles am Wachsen und Reifen. Also nur die Poren öffnen und die Herzen nicht verschließen, dann keimt, was keimen soll, dann wächst, was Kraft bekommt zum Wachsen. Dann nehmen wir uns selbst den Druck, gute Früchte zu bringen, um den Erwartungen zu genügen oder der falschen Einschätzung, möglichst alles selbst machen zu müssen. Lassen wir doch den Winzer an uns heran, um den Druck, den wir aufbauen, zurückzuschneiden. Wehren wir uns nicht, wenn falsche Erwartungen, wenn Resignation und das Gefühl, fruchtlos zu sein, gekappt werden, damit wir wieder aufatmen können, damit der Strom des Lebens wieder fließen kann. Damit Zeiten des Gebetes wieder möglich sind, weil nicht dieses oder jenes noch zu erledigen sind, weil noch 148 Mails zu checken sind und wir eben noch die Welt retten müssen … Und wir schaffen es doch nicht. Wir schaffen es vor allem nicht, wenn wir es mit eigener Kraft versuchen und nicht mit dem, der die Welt schon längst gerettet hat. „Viel Frucht“ – das klingt nach Massenware und nach menschlichen Maßstäben immer nach „zu viel Frucht“. Die verdirbt den Preis und auch die Qualität. Denn nicht nur für den Winzer, sondern auch für Jesus kommt es auf den guten Wein an. Nicht nur auf der Hochzeit in Kana, sondern auch beim Abendbrot mit dem verachteten Zachäus. Jesus hat sich Zeit genommen, Zachäus hat einen guten Tropfen aus dem Weinkeller geholt und die beiden haben ein intensives Gespräch geführt, das damit endet, dass der Zöllner sein Leben ändert hat und nach den vielen faulen Früchten nun gute Frucht unter die Menschen bringen will. Jesus hat an diesem Abend nicht die Welt gerettet, aber einen Menschen wieder in den Lebensstrom Gottes zurückgeholt.

„Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Das ist ein Stück Befreiung und zugleich eine Einladung, den falschen Leistungsdruck abzulegen. Es geht nicht darum, dass wir literweise dünne Brause mit einem Schuss Traubensaft der Werkgerechtigkeit produzieren, sondern darum, dass unsere Trauben den köstlichen Wein hervorbringen, der etwas von Gottes Ewigkeit widerspiegelt und Herz und Lippen hoch erfreut. Diese Qualität braucht die tiefe Verbindung mit dem, der uns den Kelch gefüllt hat und ihn uns reicht mit den Worten „Für dich vergossen“. Aus seiner Liebe können wir leben. Sie ist der Saft, die Kraft, die reifen und wachsen lässt. Sie durchströmt uns und lässt die Früchte reifen. Hoffen wir auf einen guten Wein, vollmundig, mit tiefem, reinen Geschmack, vom felsigen Boden die Schwere, von der Sonne am Himmel mit leichter Süße verwöhnt.

Können Sie ihn schon schmecken? Starke Bilder, ein wohlschmeckender Tropfen. Geeignet für ein großes Fest. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben.

Perikope
26.04.2015
15,1-8

Predigt zu Johannes 15,1-8 von Christoph Hildebrandt-Ayasse

Predigt zu Johannes 15,1-8 von Christoph Hildebrandt-Ayasse
15,1-8

 

(1) Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner.
(2) Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg; und jede, die Frucht bringt, die reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.
(3) Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
(4) Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibt denn in mir.
(5) Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun.
(6) Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
(7) Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.
(8) Hierin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Liebe goldene und diamantene Konfirmanden, liebe Gemeinde,

ein Pfarrer hat eine Mäuseplage in seiner Kirche. Er klagt es seinem Kollegen. Ach, sagt dieser, das hatte ich auch einmal. Und was hast du da gemacht? Nun, ich habe die Mäuse einfach alle konfirmiert. Danach sind sie meiner Kirche ferngeblieben. Und ich habe sie nie wieder gesehen.

Ich weiß nicht wie es bei ihnen, liebe Jubilare, damals war vor 50 und vor 60 Jahren. Sind Sie auch aus ihrer Kirche heraus konfirmiert worden? Sind sie ihrer Kirchengemeinde nach der Konfirmation auch ferngeblieben? Oder sind Sie Ihrer Kirche treu geblieben?

Es geht um das Bleiben. Bleibt in mir, sagt Jesus hier im Johannesevangelium. Und er sagt dies zu seinen Freunden, als er Abschied von ihnen nimmt. Es war ein entscheidender Einschnitt im Leben der kleinen Gemeinschaft um Jesus, von dem das Johannesevangelium hier berichtet. Vom Schauen mussten die Jünger zum Glauben kommen. Von der selbstverständlichen Gegenwart Jesu Christi zum Vertrauen auf seine Nähe. Ihr Glaube musste sich nun bewähren im Alltag. Einfach und unmittelbar war er nicht mehr, der Glaube an Gott, jetzt da Jesus nicht mehr so ganz einfach da war. Auf eigenen Füßen mussten die Jünger nun stehen. Mussten selber groß sein, mussten selber glauben.

Es macht einen guten Sinn, dass die Konfirmation an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Mit 14,15 Jahren ist man kein Kind mehr. Das ändert sich viel. Da ändert sich auch der einfache, anschauliche Kinderglaube. Da beginnt man sich so seine eigenen Gedanken zu machen. Über die Welt, über Gott, über das Leben. Und da steht dann die Konfirmation an, mit der Aufforderung, „Ja“ zum Glauben, „Ja“ zu Jesus Christus zu sagen.

Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen damals vor 50 und 60 Jahren war. War es bei Ihrer Konfirmation ein „Ja“ aus voller Überzeugung heraus? Oder eines, weil es sich eben so gehörte? Weil es einfach dazu gehörte? Vielleicht war es sogar ein „Ja“ gegen die eigene Familie, die von Kirche und Glauben nicht so viel hielt? Und vielleicht ist dieses „Ja“, das Sie damals gesagt haben, erst später in Ihrem Leben Ihnen so richtig bewusst und wichtig geworden. Da gäbe es, glaube ich, viel zu erzählen. Davon, wie es damals war, an Ihrer Konfirmation, als Sie „Ja“ zu Jesus gesagt haben. Das können wir nachher ja beim Gespräch beim Mittagessen nachholen.

Sie haben viel erlebt, gelebt und geglaubt seit Ihrer Konfirmation damals; oder wenig. Wo ist nur die Zeit geblieben?

Es geht ums Bleiben. „Bleibt in mir und ich in euch“, sagt Jesus zu uns.  Und um das zu verdeutlichen, verwendet er das Bild vom Weinstock und den Reben. Ein ganz einfaches und einleuchtendes Bild. Kraft und Lebenssaft erhalten die Reben vom Weinstock. Ohne Weinstock gäbe es keine Reben und damit auch keine Früchte, keine Weintrauben. Eine Weinrebe, abgeschnitten, abgerissen, abgetrennt vom Weinstock verdorrt und taugt nur noch als Brennholz. Und ein Weingärtner pflegt seine Rebstöcke, damit sie viele Trauben bringen. Da muss machen Rebe weg, damit an den starken Reben später viele Trauben hängen. Und saftige, pralle und süße Weintrauben sind ein Genuss für andere und der Stolz des Weingärtners.

„Ich bin der Weinstock“, sagt Jesus, und ihr, liebe Jubiläumskonfirmanden, liebe Gemeinde, „ihr seid die Reben.“ Ein schönes, einfaches und anschauliches Bild für ein Leben aus dem Glauben. In Jesus bleiben, an ihm hängen, wie eine Rebe am Weinstock bringt Lebenskraft und Glaubensfrüchte. Und im Verlauf unseres Kapitels aus dem Johannesevangelium wird als Glaubensfrucht die Liebe untereinander, die Nächstenliebe genannt werden. Dazu könnten nun viele Beispiele genannt werden. Beispiele dafür, wie Menschen aus dem Glauben heraus für ihre Nächsten tätig werden und Gutes tun und Gutes Bewirken. Glaube, Hoffnung, Liebe, mit diesem Dreiklang beschreibt der Apostel Paulus diesen Lebensfluss, diesen Kraftstrom vom Weinstock über die Rebe hin zur Frucht. Ein schönes Bild: „ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Ein schönes, einfaches Bild und Beispiel aus der Natur für das Leben als Christ.

Aber so einfach, wie das Bild vom Weinstock und den Reben es uns hier vor Augen malt, ist es in einem Christenleben nicht. In Christus bleiben: ein ganzes Leben; oder eben: seit der Konfirmation? Gibt es nicht auch Zweifel: das Gefühl, vom Glauben, von Jesus Christus abgeschnitten, getrennt zu sein; und Momente ohne Lebenssaft und - kraft? Augenblicke ohne Glaube, Hoffnung und Liebe. Und: aus dem Glauben heraus viel Frucht bringen: gelingt das immer wieder in tätiger Nächstenliebe? Ach, wenn es so einfach und natürlich wäre, wie im Bild beschrieben, wäre es wunderbar. Manchmal fühlen wir uns doch eher wie so eine nutzlose, verdorrte Rebe die der Weingärtner abgeschnitten hat, weil von ihr nichts zu erwarten ist, weil wir nicht gut genug sind, nicht kräftig genug glauben können.

Was hier in dem Bild aus der Natur vom Weinstock und den Reben so natürlich und selbverständlich uns vor Augen gemalt und in Worte gefasst wird, das scheint zu vollkommen zu sein. Da passen wir nicht in das Bild. Und das Bild scheint nicht zu passen. Da sprengt das Bild, der Bildinhalt den Rahmen. Manchmal lässt sich das, was man sagen will, nicht so ganz in ein Bild fassen. Und, haben Sie es bemerkt?, das ist auch bei unserem Bildwort vom Weinstock und den Reben so.

„Bleibt in mir und ich in euch. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun“, sagt unser Bildwort. Aber welche Rebe kann von sich aus entscheiden, am Weinstock zu bleiben; so, als hätte sie eine Wahl? Hier passen Bild und Inhalt nicht so ganz zusammen. Die Weinrebe kann schließlich nicht von sich aus wählen, ob sie am Weinstock bleibt oder nicht. Aber wir können wählen, ob wir zum wahren Weinstock Jesus Christus gehören wollen oder nicht.

Aber nein, so stimmt das auch nicht. Erinnern sie sich an Ihre Konfirmation? Bevor Sie Ihr „Ja“ zum christlichen Glauben sagten, hatte Gott schon längst sein „Ja“ zu Ihnen gesagt. Bevor wir uns entscheiden, hat Gott sich schon für uns entschieden. „Ihr seid die Reben“, sagt Jesus. Wir dürfen Reben am Weinstock Gottes sein. Können aus Jesus Christus Glaube, Liebe und Hoffnung als Kraft für unser Leben bekommen und weiter geben, wenn die Worte Jesu in uns bleiben. Dann ist es möglich, und noch viel mehr.

Es geht um das Bleiben. „Bleibt in mir und ich in euch.“ Darauf kommt es an. Und das kann im Laufe eines Lebens sehr unterschiedlich aussehen.

Ich kenne nicht wenige Christenmenschen, die würden nie von sich aus wagen zu behaupten, besonders gute Christen zu sein; besonders kräftige, eng verbundene Reben am Weinstock. Und sie gehen auch nicht davon aus, dass sie irgendwelche prachtvollen Früchte ihres Glaubens herzeigen können. Und doch sind sie ein wunderbarer Segen für ihre Mitmenschen und ihre Gemeinde, oft ohne dass sie es wissen oder wahrhaben wollen. Sie leben einfach ihren Glauben. Eine ganz natürliche Sache, so vermittelt uns es das Bildwort vom Weinstock und den Reben.

Dass es doch nicht so ganz einfach und natürlich ist, das merken wir in unserem Leben. Da geht viel Wind und Sturm, viel Kälte, Frost und Hitze über einen hinweg im Leben, auch im Glaubensleben. Ich möchte das Bildwort vom Weinstock hier nicht überstrapazieren. Aber an einem Tag wie heute gehen aber auch die Erinnerungen zurück an all das, was Sie in den vergangenen 50 oder 60 Jahren seit Ihrer Konfirmation erlebt haben. Es geht um das Bleiben. „Bleibt in mir und ich in euch.“ Bei allen Veränderungen im Leben.

Von Martin Luther stammen die schönen Sätze: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, aber es ist der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.“

Amen

Perikope
26.04.2015
15,1-8

Predigt zu Johannes 15,1-8 von Antje Marklein

Predigt zu Johannes 15,1-8 von Antje Marklein
15,1-8

Jesus Christus spricht:  ‘ Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht‘  -

Ein Weinstock ohne Reben ist tot, und Reben wachsen und tragen Früchte nur am Weinstock.  Auch wenn wir nicht in einer Weingegend leben, hat doch  jede/r einen Weinberg vor Augen, wenn er/sie diese Worte hört.  Ein grüner Südhang, die Weinstöcke in Reih und Glied, ein harmonischer Wechsel von Regen und Sonne macht den Weinberg zu einer Augenweide.

Nun gibt es unterschiedliche Einfälle zu diesem Bild vom Weinstock. Ich stelle mir den süßen Geschmack von rotem Traubensaft auf der Zunge vor. Er gibt mir Lebenskraft, ja Lebensfreude, die ich mit  einer vollen Traube in mich aufnehme. Sonnengereift, geschmackvoll, ein Genuss.

Aber auch das gehört zum Weinberg: Abgehackte Reben, am Wachsen gehindert, ins Feuer geworfen. Damit andere mehr Frucht bringen. Der Rebstock wird beschnitten, damit der Ertrag gesteigert wird. So ist es in der Weinernte.

Und hier im Predigttext? ICH bin der Weinstock, bleibt in MIR – sagt Jesus.  Die sogenannten  ‚Ich bin-Worte Jesu im Johannesevangelium  kennen viele von uns: Ich bin das Licht der Welt, sagt Jesus; ich bin die Tür, ich bin das Brot, ich bin der gute Hirte, die Auferstehung, der Weg. Die ‚Ich bin-Worte‘ verbinden zentrale Symbole – Licht, Tür, Weg, Brot als Bilder für die Nähe Jesu – diese Symbole werden verbunden mit dem Anspruch an uns, uns hier anzuschließen, dabei zu sein, dazu zu gehören. Die ‚Ich-bin-Worte‘ Jesu  fordern Menschen heraus, ihm, der sich als Heilsbringer darstellt, zu folgen, um selbst Teil dieser Heilsgemeinschaft zu werden.

Hier also: ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.

Bleibt bei der Sache, bleibt bei mir und ich bleibe bei euch, zusammen bringen wir viel Frucht, Lebenskraft, Lebensfreude – so könnte die Aufforderung Jesu heute Morgen verstanden werden. Ich stelle mir vor, zu wem diese Worte gesagt werden könnten. Zu der Zeit, in der der Schreiber Johannes lebt, geraten Menschen unter Druck, die sich zu Jesus bekennen.  Benachteiligungen von Christen gehören zum Alltag, ja Christen werden verfolgt, für uns hier kaum vorstellbar, aber doch auch heutzutage weltweit wieder ein großes Thema, ich denke an Boko Haram, an Isis, an Christenverfolgungen in Indien und anderswo.

Bleibt bei der Sache, bleibt bei mir und ich bleibe bei euch, zusammen tragen wir viel Frucht, wir erleben Lebenskraft, Lebensfreude.

Bleiben – oder gehen?  Die Frage ‚bleibe ich oder gehe ich‘ stößt  bei mir noch andere Gedanken an: Bleiben oder gehen – die Frage stellen wir uns an beruflichen Stationen im Leben; bleiben oder gehen,  die Frage stellen sich Paare in einer krisengeplagten Ehe; bleibe ich oder gehe ich fragen sich junge Menschen nach Abschluss der Schulzeit; bleibe ich zuhause oder gehe ich ins Heim - müssen sich manche ältere Menschen fragen. Meist ist es ein Abwägen zwischen Bequemlichkeit, Gewohnheit und dem Reiz des Neuen. Oft bedeutet gehen auch der Ausweg aus unerträglichen Zuständen.

Das Bild des Weinstocks stellt sich anders da:

Bleibt bei mir, sagt Jesus, bleibt im Glauben, bleibt in der Gemeinschaft der Christen. Übertragen auf unser Jahr 2015 heißt das für mich: Bleiben wir zusammen als Christen und Christinnen inmitten unserer multireligiösen und nicht-religiösen Welt.

Und was ist mit denen, die nicht bleiben? Die gehen? Für mich sind sie nicht im Feuer. Ich vermisse sie. 

Ich vermisse sie. Sie ist ausgetreten, als sie ihren ersten Lohn erhalten hat. Kirchensteuer, nein, wozu soll sie die zahlen? Ja, damals, in der evangelischen Jugend, da hat sie mitgemacht, gern sogar. Die Gemeinschaft, die Fahrten, Nächte durch diskutiert und die Welt verändert. Aber jetzt. Das erste selbstverdiente Geld braucht sie für die Wohnung, das Auto, die Freizeit. Vielleicht ist das ja später anders. Wenn sie eine Familie hat oder so.

Ich vermisse ihn. Er ist ausgetreten, als die Sparkasse zum zweiten Mal auf diese komische Steuer hingewiesen hat. Kapitalsteuer. Die Kirche bekam doch schon so viel Geld von ihm. Sicher, in seiner Gemeinde  verfolgt er schon genau, was der Pastor macht und sagt. Und dass sich die Kirche so für Flüchtlinge stark macht, findet er wirklich gut.  Aber hier hört es auf, jetzt will er ein Zeichen setzen. Sein Steuerberater hat auch gesagt: Das können Sie sparen.

Ich vermisse sie. Sie hat sich engagiert, jahrelang. Bei den Festen mit aufgebaut, Gemeindebriefe ausgeteilt. Sie war gern dabei. Alle Feste ihrer Familie hat der Pastor begleitet, die Taufen, die Konfirmationen. Ausgerechnet bei der Beerdigung der Mutter hatte er keine Zeit. Das geht doch nicht. Sie war doch auch immer da. Jetzt ist sie ausgetreten. Ihren Glauben hat sie behalten, dafür braucht sie ja die Kirche nicht.

Liebe Gemeinde, ich vermisse sie, die, die nicht geblieben sind: die Engagierte, den Mitdenkenden, die Kritische, ich vermisse sie, die ausgetreten sind aus unserer Kirche. Ich vermisse ihr Engagement, ihr Mitdenken, ihre Kritik. Ich muss sie ziehen lassen, aber ich vermisse sie und die vielen anderen, die noch austreten werden, werde ich auch vermissen.

Sie alle, die ich vermisse, würde ich so gern direkt ansprechen: Ich würde ihnen erzählen, warum es sich lohnt zu bleiben. Um im Bild zu bleiben: Ich würde erzählen, dass der Weinstock ohne Reben tot ist. Den Jungen  würde ich sagen dass die evangelische Jugend auch die jungen Erwachsenen in ihren Reihen braucht. Sie haben die Sprache der Jugend nicht verlernt  und sind doch in der Welt der Erwachsenen zuhause, die jungen Erwachsenen mit ihren Visionen und Hoffnungen und Träumen, die die Jugendlichen mit auf den Weg nehmen können. Denen, die sich an der Steuer stören, würde ich sagen dass ihr Blick auf die Schwächsten in der Gesellschaft, ihr Blick auf die Flüchtlinge mit Geld nicht zu bezahlen ist, und dass die Kirche sie unbedingt braucht, um sinnvolle Arbeit fortführen zu können. Den engagiert kritischen würde ich sagen dass ihr kritisches Wort innerhalb und nicht außerhalb der Kirche sinnvoll Gehör findet, wenn sich etwas ändern soll.  Und ich würde nicht müde werden zu wiederholen, welch wichtigen Anteil sie alle haben können an der Lebenskraft und Lebensfreude, die aus der Gemeinschaft der Christen und Christinnen erwächst.

All das würde ich sagen, nicht weil ich Angst davor habe, dass unsere Kirche immer kleiner wird, nein, ich würde es sagen weil  ICH aus dieser Lebenskraft und Lebensfreude das bekomme, was ich zum Leben brauche.

Stattdessen spreche ich Sie an, die Sie hier sind heute Morgen, weil Sie geblieben sind. Weil Sie und ich glauben – oder wissen, dass das Bleiben sich lohnt.  Ja, Jesus  Christus, strahlt  mit seinem Leben, Reden, Handeln und Sterben tatsächlich wie ein Weinstock Lebenskraft aus. Er hilft seinen Reben – mir – beim Wachsen, hilft uns, uns zu entfalten mit unseren Talenten und Gaben, mit Schwächen und Stärken uns einzubringen in unserer Welt.  Das Bleiben, aneinander und miteinander verbunden bleiben, stärkt jeden und jede Einzelne in ihren eigenen Lebensbezügen, weil sie sich als Teil eines Ganzen verstehen kann.  Wenn sonst Vereinzelung groß  geschrieben ist in unserem Umfeld, merken wir doch, wie kostbar diese Gemeinschaft ist. Mir hilft  keine virtuelle Community im Netz. Ich ziehe es vor, Menschen in die Augen zu schauen. Ich werde gestärkt von denen, die mit mir auf dem Weg sind.  Wenn wir zusammen beim Osterfrühstück nach der Osternacht sitzen und neue Lebenskraft in uns wächst. Wenn ich in einem Gottesdienst sitze und die kräftigen Singstimmen um mich herum höre. Wenn ich im Arbeitskreis Willkommen mit Gleichgesinnten die Flüchtlingsarbeit plane. Und auch, wenn  mir meine Visionen und Hoffnungen abhanden  kommen, wenn ich Gleichgesinnte brauche die meinen Schmerz teilen,  dann ist es gut, mit Ihnen und den vielen, die IN der Kirche auf dem Weg sind, zu reden, sich auszutauschen, sich gegenseitig zu stützen und zu ermutigen.

Vielleicht können wir alle, wenn wir davon überzeugt sind, diese Überzeugung weitersagen, in diesen Wochen weitersagen an die Jugendlichen, die in unseren Gemeinden konfirmiert werden. Bleibt dabei, wir brauchen euch und vielleicht braucht ihr auch uns. Sicher können wir diese Überzeugung auch weitersagen an Menschen in unserem Umfeld, mit denen wir unterwegs sind, auf der Arbeit, im Freundes- und Bekanntenkreis: Bleibt dabei, wir brauchen euch und vielleicht braucht ihr auch uns.

Jesus Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.

Verwendete Literatur: Predigtstudien I 2014/2015

 

Perikope
26.04.2015
15,1-8

Predigt zu Johannes 10,11-16 von Gerlinde Feine

Predigt zu Johannes 10,11-16 von Gerlinde Feine
10,11-16

Liebe Gemeinde –

Einen Hirtenstab haben sicher viele von uns schon einmal gesehen. Der Schäfer braucht ihn, um die Tiere zu lenken; deshalb ist er am einen Ende gebogen. Man kann auch eine Hirtenschaufel daran befestigen, eine kleine Schippe, um Dreckbollen zu werfen und in besonders trockenen Zeiten das Erdreich bis zum Grundwasser aufzugraben. Ein Hirtenmantel im Katalog wird als besonders wetterfest und widerstandsfähig angepriesen, die Hirtentasche dazu geräumig und leicht. Was aber, um Himmels willen, kann ein Hirtenbarometer?

Seit kurzem wird für dieses Instrument Werbung gemacht, aber mit der Wetterprognose hat es rein gar nichts zu tun. Es gehört auch nicht zur Ausrüstung der Hirten, es ist eher etwas für die Schafe. Die sollen damit die Qualität ihrer Hirten messen und beurteilen können, natürlich im Internet, dort, wo schon Lehrer-Rankings und Atteste über Ärzte lanciert wurden. „Bewerte die Arbeit Deines Pfarrers und starte einen Dialog auf Augenhöhe. Christlich, evangelisch, katholisch - immer getreu dem Motto: Auch Gott braucht Feedback!“, schreiben die Erfinder. Auf www.hirtenbarometer.de kann man also denen, die Gottes Herde hüten, Rückmeldung geben, sagen, was sie besser machen könnten – oder virtuell Beifall spenden, wenn man einfach „Danke!“ sagen möchte :“Gut gemacht!“ oder „schön, daß Sie für uns da sind!“ Noch sind nicht viele „Hirten“ registriert, aber das kann sich ja ändern. Wäre doch eigentlich eine prima Sache: Vor dem Gottesdienst erst mal im Internet schauen, welche Noten die Pfarrerin hat, die heute predigt. Hinterher einen Kommentar einstellen oder eine Nachricht senden. Nachsehen, ob die betreffende Person auch bei der Jugend gut ankommt und die Alten nicht vergisst. Noch ist das Zukunftsmusik. Aber immerhin: Ein paar prominente Namen gibt es schon, vor allem Bischöfe, also die, die den ganzen Laden lenken und außer den Schafen noch einem Team von Hirten versorgen müssen. Die meisten kommen ganz gut weg. Trotzdem stellt sich die Frage, woran man das eigentlich messen kann, ob ein Hirte gut ist und seiner Herde gut tut? Woran kann man einen guten Hirten / eine gute Hirtin erkennen?

In der Bibel gibt es dafür viele Bilder und Beispiele, denn sie ist dort entstanden, wo die Hirten zuhause waren, zeitlich wie räumlich. Und dort wusste jedes Kind, was einen guten Hirten ausmacht: Er (oder sie) muß das Wohl der ganzen Herde im Blick haben und nach dem Einzelnen und seinen Bedürfnissen fragen. Er muß darauf achten, daß Schwache gestärkt und Starke geschätzt werden. Hirten kennen die besten Weideplätze und führen an frisches, gesundes Wasser, sie heilen, was krank ist, sie versorgen Verletzungen, suchen die Verlorenen und holen zurück, was sich verirrt und verlaufen hat. Hohe Anforderungen! – Große Verantwortung…

- Eigentlich sah es doch ganz idyllisch aus, neulich, als ein Schäfer seine Herde unten an der Auffahrt vom Hagellocher Weg zur Ebenhalde weidete. Die Tiere grasten zufrieden, ein mobiler Weidezaun schützte sie davor, mit den Autos in Konflikt zu geraten; der Hund des Schäfers lag dösend neben seinem Herrn. Ein paar Tage später habe ich sie wiedergesehen. Da war Weidewechsel – und von Idylle keine Spur mehr, als der Schäfer unterstützt von seinem Hund die Herde durchs Wohngebiet trieb, vorbei an Blumenrabatten, an denen sie nicht knabbern sollte, zwischen parkenden Autos hindurch und über die Kreuzung zum nächsten Rastplatz. Statt Romantik harte Arbeit, statt Beschaulichkeit eine Menge Stress: Hirten brauchen Leitungskompetenz!

In Israel mit seiner nomadischen Tradition wurde das Bild vom Hirten, der für seine Herde sorgt, zum Symbol für den König und sein Tun, wohl auch, weil die ersten Könige, Saul und David, beide selbst diesen Beruf gehabt hatten. Vor allem David hatte für das ihm anvertraute Volk wunderbar gesorgt. Doch nicht alle seine Nachfolger taugten für ihr Amt. musste erfahren, daß der König versagt, daß er die Herde nicht nähren und sie nicht vor den „wilden Tieren“ schützen, ja, nicht einmal untereinander für Ordnung und Frieden sorgen kann.

Schließlich greift Gott ein. Die Hirten, denen er Herde anvertraut hatte, haben versagt. Nun tut er selbst, was nötig ist, damit sich ihr Leben entfalten kann. „Habt keine Angst“, sagt er, der eigentliche König Israels. Und die Herde weiß: Nun wird es gut. Der eigentliche Hirte sorgt gut für jede und jeden einzelnen, selbstlos und hingebungsvoll. Er gibt niemanden verloren. Er opfert sein eigenes Leben für die Herde.

In der bäuerlichen Welt der Bibel haben die Menschen das gleich verstanden, und als Jesus sich selbst „den guten Hirten“ nennt, da hören sie die Bildworte des Alten Testaments mit. Nach den Ereignissen um seinen Tod und seine Auferstehung sehen sie in ihm den wahren König Israels; das Gotteslamm (Jes 53 / Joh 1,26) wird selbst zum Guten Hirten. In der Urgemeinde setzte sich die Wirkungsgeschichte fort: Das „Hirtenamt“ war geboren, und ausgehend von Jesu Worten (auch dem zu Petrus, dem er nach Ostern aufträgt „Weide meine Schafe“) werden von da an auch die Hirtenworte auf die Kirche und ihre Verantwortlichen übertragen, die sich doch ursprünglich an den König richteten und die, die unter ihm zu leben hatten. Pfarrer wurden zu „pastores“ (= Hirten), die anderen Getauften dagegen „Schafe“, und es hat der Kirche nicht immer gut getan, daß da die einen, die mit bestimmten Leitungsaufgaben betraut waren, meinten, über die ganze Herde verfügen zu können, sich an ihr bereichert und sogar versündigt haben oder sie im Stich ließen, wenn es darauf ankam. Doch zum Segen für Gottes Herde treten gerade in Zeiten der Not auch ausgezeichnete Hirtinnen und Hirten auf, die in der Gefahr den Überblick behalten, heilende Worte finden, verletzte Seelen stärken, neues Weideland erkunden und die Herde zusammenhalten. Und Gott Lob kann man von den meisten anderen behaupten, daß sie sich Mühe geben und ihr Hirten-Handwerk verstehen: „Predigen heißt: Die Herde weiden“, hat Martin Luther einmal gesagt. Doch sollte man die Schafe nicht unterschätzen! Sie sind nicht blöd, und sie reden mit, auch ohne „Hirtenbarometer“. 

In meiner letzten Gemeinde gab es, wie früher auch in Böblingen, alljährlich eine Veranstaltung, die nannte sich: „Urlaub ohne Koffer“. Viele ehrenamtliche Mitarbeitende ermöglichen es da alten und kranken Gemeindegliedern, ein paar unbeschwerte Tage zu verbringen, doch auch die Begleitpersonen, gewinnen dieser Zeit viel Erholsames ab, nicht zuletzt wegen der herrlichen Landschaft rund um das Quartier auf der Schwäbischen Alb. Da saßen also eines Mittags ein paar Frauen aus dem Leitungsteam auf der Terrasse und schauten einer Schafherde auf dem „Gegenhang“ beim Weiden zu, als plötzlich eine von ihnen sagte: „Schaf sein wollte ich nicht.“ Wir schmunzelten – und dann dachte ich: Recht hat sie! Ich möchte auch kein Schaf sein in meiner Kirche, das immer nur hinterher trottet, und von dem man erwartet, daß es nach Anweisung handelt. Und ich möchte nicht umgeben sein von lauter Schafen, die zufrieden sind mit allem, was man ihnen so vorsetzt, Hauptsache, es macht satt oder stillt den Durst. Kluge Hirten wissen, was in einem Schaf steckt und welche Qualitäten es entwickeln kann, wenn man ihm Freiraum läßt und Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Schäfchen heute können in vielerlei Hinsicht gut für sich selbst sorgen und Verantwortung für die Herde übernehmen (nicht nur „Shaun das Schaf“); und sie folgen nicht jedem. Achtsame Hirten schätzen ihr Urteil und werben um ihr Vertrauen. Am Ende jedoch wissen alle: Der eigentliche Hirte sorgt gut für die Seinen, wenn schon Schaf, dann unter seinem Schutz. Er bringt uns zusammen, er be-hütet uns, -  wenn es sein muß auch vor schlechten Schäfern.

Verlassen wir uns lieber auf Gott und sein lebensschaffendes Wort. Darin lesen wir, wie der eigentliche Hirte der Völker für seine Herde sorgt und für die, die sich um sie kümmern. Verlassen wir uns auf Jesus Christus, der sich selbst als guten Hirten vorstellt und als Gotteslamm, das sich für die Herde hingibt. Verlassen wir uns auf den Auferstandenen, der als König der neuen Welt auch in dieser herrscht. „Es wird regiert“: Gott selbst sorgt für seine Herde. Sie ist sein Eigentum. Der gute Hirte rennt nicht weg, wenn es gefährlich wird. Er lässt die Seinen nicht im Stich. Er gibt sein Leben für das ihre.Ihm folgen wir nach. - Amen.

 

Perikope
19.04.2015
10,11-16

Der Gute Hirte - Predigt zu Johannes 10,11-16 von Matthias Wolfes

Der Gute Hirte - Predigt zu Johannes 10,11-16 von Matthias Wolfes
10,11-16

Der Gute Hirte.

„Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle; und dieselben muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird eine Herde und ein Hirte werden.“

[Jubiläumsbibel 1912]

Liebe Gemeinde,

man macht sich nicht immer bewußt, dass auch solche Stücke unserer Glaubenswelt auf Vorbehalte stoßen, von denen man im allgemeinen denkt, sie gehörten zum unverzichtbaren Grundbestand. So gibt es zum Beispiel etliche Gläubige, die mehr oder weniger starke Bedenken tragen, das Vaterunser zu beten. Selten werden solche Bedenken im Gemeinderaum ausgesprochen, aber sie sind dennoch da; sie sind oftmals sogar Ausdruck einer besonders tief bewegten religiösen Seele. Niemand sollte der Versuchung nachgeben, hierüber ein absprechendes Urteil zu fällen.

Ein weiteres Motiv, mit dem Manche nicht gut klar kommen, ist die Vorstellung, im Zusammenhang mit Gott ließe sich in irgendeiner Weise von „Person“ sprechen. Für sie ist Gott gerade im Gegenteil diejenige Instanz, die alle personale Beschränktheit (oder auch Identität) überschreitet.

Zu den ganz grundlegenden, aber doch eben nicht ohne jede Einschränkung akzeptierten Glaubenbildern gehört nun auch das vom Guten Hirten. Mit ihm wollen wir uns in den kommenden Minuten etwas beschäftigen.

I. Der gute Hirte

Der gute Hirte – dem Johannesevangelium zufolge übernimmt Jesus also eine Bezeichnung, die wir in der alttestamentlichen Überlieferung vielfach im Blick auf Gott finden.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Psalm 23, 1).   

Es ist nicht unsere Aufgabe, dem Bild hier auch nur in groben Zügen nachzugehen, nicht einmal im Blick auf die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Bedeutungen im Neuen Testament. Uns interessiert die Sache selbst: Jesus als der gute Hirte.

Was aber kann nun speziell an diesem Bild stören? Die Antwort liegt auf der Hand: Es ist zum einen der Umstand, dass hier einer für sich in Anspruch nimmt, den Anderen Weg und Richtung weisen zu können. Und es ist zum anderen das komplementäre Moment, dass diese Gewiesenen offensichtlich so vorgestellt werden, dass sie aus eigener Einsicht ihr Leben zu gestalten nicht für fähig gehalten werden. Die Figur des guten Hirten setzt, man wird es so sagen müssen, ein zutiefst antiaufklärerisches Menschenbild voraus.

Wir versagen es uns auch an dieser Stelle, weiter zu gehen, aber dass das polare Modell von Lenker und Gelenktem, von Einsichtigem und Einsichtslosen, vom souveränen Inhaber der Gesamtübersicht einerseits und orientierungsbedürftigem Blickfeldbeschränkten andererseits, – dass dieses Modell einen inneren Widerstand wachruft, das kann nicht verwundern. Man möchte kein „Schaf“ sein.

Und dennoch: Das Bild zählt zu den wichtigsten und auch bekanntesten unserer Glaubensüberlieferung. Viel stärker als die innere Gegenstimmung ist in der Welt der Christenheit die vertrauensvolle Anerkennung von Jesu Hirtenschaft verbreitet. Jesus ist der Gesandte Gottes, weil er Hirte der Glaubenden ist. Als „Hirte“ und nicht bloß als Glaubensbruder ist er der Sohn Gottes, der Herr, Heiland und Erlöser. Glaube bedeutet für viele Christen genau dies: Sich dem Hirten Jesus in letztem Vertrauen, das heißt, einem Vertrauen aus dem Grunde der Seele heraus anzuschließen, sich ihm also in letzter Hinsicht sogar preiszugeben.

Es ist klar, dass es einen solchen Hirten nur in der Einzahl geben kann. Wenn Jesus sich selbst als „guten Hirten“ bezeichnet, dann handelt es sich dabei um den guten Hirten.

II. Der gute Hirte

Liebe Zuhörer, wenn Sie meine Ausführungen gehört und durch eigene Gedanken ergänzt haben, so wird Ihnen die Offenheit unseres Themas bereits deutlich vor Augen stehen. Was mich betrifft, so knüpfe ich an diese Überlegungen auch keinerlei systematischen Anspruch. Es geht mir allein darum, an diesem Sonntag unser christliches Nachdenken auf Bild und Wort vom „Guten Hirten“ zu richten. Viel zu vieles strömt einem zu, Fragen stellen sich, und es geschieht das, was in unseren Gottesdiensten auch geschehen soll, dass nämlich der Glaube in Bewegung gerät, indem er sich selbst betrachtet.

Was sollen wir etwa sagen zu dem Wort „gut“ in der Wendung vom „Guten Hirten“? Was macht einen Hirten zum guten Hirten? Wer ist es, der hiernach fragt, wer, der antwortet, und wie soll die Antwort eingelöst werden. Geht es speziell in der Rede Jesu wirklich um die Gutheit seiner Hirtenschaft oder geht es um den Anspruch, dass es sich dabei um eine gute Hirtenschaft handele? Mir scheint, das letztere, dass Jesus diesen Anspruch gegenüber den Gläubigen erhebt, ist mindestens ebenso bedeutsam wie die Art und Weise, in der dieser Anspruch eingelöst oder bewährt werden könnte.

Vergessen wir auch nicht, wenngleich uns dies nicht allzu sehr umzutreiben braucht, dass es sich mindestens im vorliegenden Falle um eine Konzeption handelt, die einem Gemeindeideal Ausdruck gibt, welches aus den Kreisen des Johannesevangeliums stammt, weniger aber aus der mehrere Jahrzehnte älteren Glaubenswelt der urchristlichen Gemeinden.

Ich will Ihnen, um aus der Not eine Tugend zu machen, sagen, worin für mich die Bedeutung des „gut“ liegt. Gut ist Jesus in seiner Hirtenschaft deshalb, weil sich in ihm für Herz und Seele des Christen der Weg zu Gott öffnet. Er ist die Gestalt, durch die der Begriff Gott für uns Farbe, Temperatur, Profil gewinnt, die das große metaphysische Prinzip zu einem Gegenüber werden lässt, zu einem Teil unserer Daseinswirklichkeit, ohne sie doch in diese Wirklichkeit zu bannen. Als „Hirte“ stellt Jesus diese Konkretheit Gottes nicht etwa dar, geschweige denn, dass er selbst sie wäre, sondern er steht für sie ein, er garantiert – wohlgemerkt: für Herz und Seele des Glaubenden – ihre Wahrheit. Um es von einer anderen Seite her zu sagen: Als guter Hirte steht Jesus nicht für einen gewissen christlichen Lebensstil, nicht für das Verhältnis von Religion und Alltagsgestaltung, nicht als Idealtyp gelungener christlicher Existenz. Sondern hier geht es um das Entscheidende: Um die Größe, um das Substantielle des Glaubens, um das Verhältnis zu Gott. Der gute Hirte ist es, an den und durch den die Glaubenden erkennen können, was es bedeutet, sein Zutrauen auf Gott zu setzen, sein Leben in seine Hand zu geben oder auch das Geschenk seiner Freiheit anzunehmen.

III. Der gute Hirte

Warum nun aber überhaupt die Idee des Hirten? Ist denn wirklich alles gläubige Leben ein Exodus? Bedarf es solcher Gestalten wie Moses oder Jesus wirklich, um seinen Weg mit Gott gehen zu können? Wenn doch das Vertrauen auf Gott im Kern nichts anderes als realisierte Freiheit ist, worin liegt dann die Bedeutung dieses Schemas?

Nun könnten wir auch an dieser Stelle weiträumigen Überlegungen Platz geben. Aber das wollen wir natürlich nicht tun. Es genügt meiner Ansicht nach, wenn wir uns klar vor Augen stellen, dass Religion ihrer Natur nach immer auch etwas mit Selbstpreisgabe zu tun hat. Als Vertrauen auf Gott geht sie nicht von der Idee der allumfassenden Gestaltungskraft des Menschen aus. Wer hingegen in dieser Idee das Credo seiner Existenz zu finden meint, wer sich selbst als den letztlich unbeschränkt wirkenden Gestalter seines eigenen Daseins betrachtet, der findet in der Welt der Religion kein Zuhause. In wessen Gemüt hingegen Gott dauerhaft wohnt, für den gilt dies deshalb, weil er sein Leben aus dem Grunde heraus bereits mit Gott und auf Gott hin führt. Der gläubige Mensch lebt sein Leben vom Grund des Glaubens her. Der Grund des Glaubens aber ist die Gewissheit Gottes.

Auch hier wähle ich, wie im vorigen Abschnitt, den Behelfsweg, indem ich Ihnen meine persönliche Auffassung zur Frage nach der Notwendigkeit des Hirten vorstelle, anstatt mich an die uneinlösbare Aufgabe zu machen, das An-und-Für-Sich dieser religiösen Vorstellung zu erörtern.

Wenn Jesus als Träger der guten Hirtenschaft bezeichnet wird, dann ist damit eben nicht blinde Gefolgschaft gemeint. Für eine Bereitschaft zu fanatischer Selbstunterwerfung ist im Christentum kein Platz. Der christliche Glaube ist ein Glaube vernünftiger Menschen. Wer glaubt, der geht seinen eigenen Weg mit Gott. Und der gute Hirte ist es, der ihm dabei beisteht, ihn ermutigt, ihn gewiss zu Zeiten auch trägt, der ihn schützt und der ihm jedenfalls die Gewissheit der Nähe Gottes gibt.

Es ist nicht paradox, sondern konsequent, wenn von hier aus Sinn und Gehalt der Rede vom guten Hirten sich auf die Besonderheit und eigene Würde des jeweils einzelnen Glaubensweges richten. Die Gemeinschaft der Gläubigen besteht nicht aus vielen Gleichförmigen, sondern sie umfasst die Vielfalt des Geistes in einer unüberschaubaren Buntheit und Vielsprachigkeit. Der gute Hirte gibt dieser Vielfalt nicht nur Raum, sondern auch Recht; er lässt sich auf keine autoritäre Einhegung ein; er ist unabhängig und frei von irgendwelchen „Richtlinien“ des Glaubens. Und deshalb weist sein Wirken auch seinerseits ins Offene. Es ist unabgeschlossen bis ans Ende der Zeit; es steht für die Vitalität des Glaubens. In diesem Sinne ist in der Gestalt des „guten Hirten“ die Zukunft des christlichen Glaubens selbst geborgen.

Amen.

Literatur:
Giorgio Agamben: Die kommende Gemeinschaft. Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko (Internationaler Merve-Diskurs. Band 252), Berlin 2003.

Klaus Wengst: Das Johannesevangelium. Teilband 1: Kapitel 1 bis 10 (Zweite, durchgesehene und ergänzte Auflage), Stuttgart 2004.

 

Perikope
19.04.2015
10,11-16

Hirte – nicht Mietling - Predigt zu Johannes 10,11-16 von Henning Kiene

Hirte – nicht Mietling - Predigt zu Johannes 10,11-16 von Henning Kiene
10,11-6

Hirte – nicht Mietling 

Eine Frau erwacht in der Notaufnahme. Sie öffnet die Augen. Jemand ist im Raum. Ein junger Arzt verbindet gerade eine Wunde an ihrem Arm. „Wo bin ich?“, frag sie und dann „Was ist passiert? Wie komme ich hier her? ... Wo ist mein Fahrrad?“ Der Arzt spricht sie mit ihrem Namen an. Er erklärt ihr, was passiert sein könnte. Fahrradsturz, Krankenwagen, nicht harmlos, aber doch „nur eine Gehirnerschütterung“, mittelschwer. 48 Sunden solle sie hier bleiben, mindestens und sicherheitshalber. Er spricht sachlich, bleibt ruhig, stellt ihr einige Fragen, hört aufmerksam hin, sieht ihr immer wieder in die Augen. Das macht sie ruhiger und immer wenn er ihren Namen nennt, lässt ihre Anspannung spürbar nach.

Ein Mann erhält einen Anruf, „Anrufer anonym“ steht auf dem Display. „Anonym“, das ist selten. Er nimmt den Ruf an. Jemand meldet sich aus einem Krankenhaus. Er hört nur das Wichtigste, einen Namen…, seine Frau, ja. Die Rede ist von einem Sturz, einer Gehirnerschütterung, mittelschwer sei die und die Frau brauche einige wichtige Dinge. Er meldet sich bei seiner Kollegin ab, „geh los“, sagt die. Kaum 60 Minuten später meldet er sich auf der Notaufnahme. Der Arzt ist jünger, als er dachte. Der stellt sich vor, nennt seinen Namen, erklärt ihm und seiner Frau, was getan wurde. Diagnose: Gehirnerschütterung, nicht ganz leicht. Sie sieht verstört aus dem Krankenhausbett zu den beiden Männern auf. Dann lässt der Arzt die beiden alleine.

Wochen später sprechen die beiden von diesem Tag, sie von ihrem Sturz – niemand weiß, was wirklich passiert ist – und von diesem kritischen Moment, als sie zu Bewusstsein kam. „Da sagte jemand meinen Namen, das hat mich sehr beruhigt“, erinnert sie „und als man mir sagte, mein Mann käme, war ich nicht mehr so furchtbar aufgeregt.“ Er spricht von der klaren, ruhigen Stimme des Arztes. Mann und Frau sind sich einig: Da sind sie einem Profi begegnet, der weiß, wie man mit Menschen umgehen muss. „Das hätte auch schief gehen können“, sagen beide.

Dieser Arzt war kein „Mietling“, es war ein „Hirte“. Einer, der sich professionell, also fachlich und menschlich qualifiziert hat und der seine Sache kann, der sich Namen merkt, der weiß, wie man die großen Emotionen so lenkt, dass sie niemanden überfordern. Im richtigen Moment wusste er sich zurückzuziehen.

Hirten sind Profis. Sie wissen, was sie tun, kennen die Gefahren und wissen, wie man knifflige Momente meistert. Hirten arbeiten überall. Da war von einem Piloten die Rede, der kurz nach dem Unglück seine Fluggäste persönlich am Einstieg seines Airbusses persönlich. Alle Passagiere waren im dankbar. Da ist die Lehrerin, die vor ihre Klasse tritt. 20 Augenpaare sehen, was sie tut, 20 Ohren hören auf jedes Wort, das sie sagt. Sie weiß, sie trägt unendlich viel Verantwortung. Sie weicht dem Risiko nicht aus, gibt ihr Bestes. Da arbeitet die Redakteurin der Regionalzeitung, die weiß, ein falsch gewähltes Wort über die neue Asylantenunterkunft kann den Frieden des Ortes in Gefahr bringen. Sie wägt ihre Texte sorgfältig ab, will nur informieren. Es ist die Regel, dass Frauen und Männer ihr Leben nicht als Mietlinge bestreiten, sondern die Verantwortung, die sie tragen, kennen und genau wissen, sie zu tun haben.

II. Ich bin der Hirte

„Ich bin der gute Hirte“, höre ich Jesus. Ich sehe ihn vor mir. Viele Menschen haben von diesem Hirten gelernt. Das Wort Hirte gewinnt aus der Bibel seinen besonderen Klang. Ohne viel darüber nachzudenken, weckt die Bibel ein Bild für diese besondere Fürsorge, die der Hirte in seiner Arbeit walten lässt. Viele Menschen würden das, was sie tun, in andere Worte fassen, aber sie werden dennoch zu Hirtinnen und Hirten. Sie sorgen, helfen, unterstützen, handeln, hoffen, beten, sprechen, sind korrekt und menschlich zugewandt. Hirte sein, das ist absichtsfreie Zuwendung und birgt immer auch ein Risiko in sich. Hirte sein, das heißt: Eigene Ziele in den Hintergrund zu stellen und die, die einem anvertraut sind, sicher ans Ziel zu bringen.

So lesen sich die Evangelien: Jesus handelt für andere. Er inszeniert mit seinem Leben den Psalm 23 und setzt in Szene, was mit dem Satz „der Herr ist mein Hirte“ tatsächlich gemeint ist. Allein die Verben des Psalms weisen - auf dem Hintergrund der Texte dieses Sonntags gelesen - Jesus die Hauptrolle zu: Weiden, führen, erquicken, trösten, bereiten, salben, schenken, folgen, bleiben. Das sind neun Verben, die - spricht man sie in Folge aus - das Leben Jesu in konkrete Bilder umsetzen. Hirte sein wird zu einer Haltung, die Gott einnimmt.

Jesus ruft eine Welt ins Leben, die das stärkt, was das Leben erhält und fördert, es belebt und ihm Schutz verspricht. Weglaufen, wie ein Mietling, das gilt nicht. Hier wird getröstet, entängstigt, ermutigt, gestärkt, belebt. So wirkt Gott. Einige sagen jetzt: „Aber das wissen wir doch schon lange“, ja, so ist es. Aber ich behaupte – in Anlehnung an Martin Luther –: in dem Moment, in dem ich von dem Hirten höre, werde ich daran erinnert, dass das Christsein immer ein „Werden“ ist und nicht ein „Sein“. Mit dem christlichen Glauben besuchen wir alle eine Art lebenslangen Hütekurs, erwerben permanent Grundfertigkeiten des geistlichen Hirtenhandwerks.

III. Ausbildungsplätze für Hirtinnen und Hirten

Hirtinnen und Hirten, das werden nicht nur Romantiker, die sich nach einer Heidschnuckenherde in der Lüneburger Heide sehnen. Wer sich nach dem Berufsbild des Hirten oder der Hirtin umsieht, vielleicht diesen Beruf selber ergreifen möchte, trifft auf die Fachsprache der Agentur für Arbeit. Hirtinnen und Hirten heißen heute „Tierwirte/innnen der Fachrichtung Schäferei“. So ist der Beruf beschrieben: „Schafe (halten) für die Gewinnung von Fleisch, Milch und Wolle. Sie (die Hirten) versorgen und füttern Schafe, ziehen Jungtiere auf und pflegen kranke Tiere.“[1] Kurz: Sie übernehmen die Verantwortung für ihre Herde und die Hunde.

Die Schweizer Ausbildungsordnung beschreibt den Hirtinnen- und Hirtenberuf als Arbeit „zwischen Nutztier und Naturgewalt, - zwischen Bergwelt und Fleischproduktion - zwischen Besinnung und Bergsport, - zwischen Fachkenntnissen und Abenteuerlust.“[2] Ein Mietling hat hier keinen Platz, weil der Mietling entweder nur das Abenteuer sucht oder für sich selbst die nötige Sicherheit herbeisehnt. Hirtinnen und Hirten leben einerseits mit und in den Gefahren der Natur und wissen andererseits genau, wie sie für ihre Herde zu sorgen haben. Hier verbindet eine einzelne Person ihr Fachwissen und die erlernten Fähigkeiten mit dem nötigen Mut, den das Leben in Wind und Wetter, in der schroffen Bergewelt und in der ungeschützten Natur von ihr verlangt. Hirtinnen und Hirten brauchen Mut und sind zugleich Profis. „Es ist echte Knochenarbeit, aber ein wundervoller Job, wenn man gern bei Wind und Wetter draußen ist, Schafe mag und auch mit Hunden umgehen kann“, schreibt eine Schafhirtin. Vermutlich kennen das viele Menschen aus ihrem Berufsleben: Sie wissen, wie etwas zu machen ist, kennen die Routine und müssen dennoch mit viel Fingerspitzengefühl ihre Aufgaben immer auch neu angehen. So, wie der Arzt im Krankenhaus Ruhe ausstrahlte und ein Pilot vor sein Cockpit tritt und seine Fluggäste am Tag nach eine Katastrophe direkt anspricht, wie eine Lehrerin ihre Klasse kennt mit allen Stimmungen und doch weiß, es kommt auf jedes Wort an.

In dem Satz Jesu „Ich bin der gute Hirte“ schwingt mit: Hirtinnen und Hirten sind Könnerinnen und Könner in Sachen Fürsorge, Profis in ihrem Fach. Hirtinnen und Hirten verfügen über auseichenden Mut, sich auch in Momenten, die mit ungewöhnlichen Herausforderungen aufwarten, sicher zu bewegen. Sie leben und arbeiten zwischen diesen Extremen: Da ist das, was sie sicher beherrschen und das Unsichere, dem sie ebenso mutig, wie auch fachkundig begegnen.

IV. Zwischen Sicherheit und Risiko

In Christinnen und Christen sind solche Profis lebendig. Sie wissen, was ihnen geschenkt ist und das etwas von ihnen erwartet wird. Da ist diese Gnade Gottes, die sich im Leben wie eine wohltuende Ruhe ausbreitet, sie bringt das Gefühl mit sich, dass das Leben behütet ist und auch in rauen Zeiten bestehen kann. Da ist der Kummer der anderen, den man mittragen möchte und spürt, dass so etwas auch gelingen kann.

Es gibt eine Bewegung, die vom Mietling zur Hirtin und zum Hirten führt, die ist im christlichen Glauben fest verankert. Er erschafft keine Wegläuferinnen und Wegläufer, die ihre Beine unter den Arm nehmen, wenn es eng wird und schnell das Weite suchen, wenn es unbequem wird. Es ist die Risikobreitschaft, die sich der Gnade Gotte gewiss ist, die sich auf Gefahren einzustellen vermag. Es braucht Hirtinnen und Hirten, die nicht nur eine Nacht im Freien ertragen, sondern sich der Härte des Lebens in einem tieferen Sinn stellen. Die Frage nach dem Sinn des Ganzen, nach einem Ziel und der Richtung, in die es weiter geht, liegt für viele von uns in der Luft. Die Zeit der Hirten bricht an. Es braucht Frauen, Männer, Junge und Alte, die sich einfachen Lösungen, schnellen Parolen entziehen, die es aushalten auch ohne eilig gefundene Antwort zu leben. Es ist mehr als eine Nacht, die durch unwegsames Gelände führt. Der Hirtenberuf, den die Schweizer mit dem Wort „zwischen Nutztier und Naturgewalt“ beschreiben, beschreibt einen Aspekt des Glaubens. Es gibt eine Entsicherung der Gegenwart, an der wir mit tragen und die sich nicht in schnellen und einfachen Antworten ersticken lässt.

Hirtenarbeit ist Knochenarbeit, die sich für Leib und Seele stark macht. Diese Hirtinnen und Hirten sind zum Beispiel seit Wochen in Haltern am See auf den Beinen, andere helfen in den französischen Alpen, sie suchen Trost und lassen in der Katastrophe nicht einfach alles fallen und weichen nicht in irgendwelche Spekulationen aus. Ihr Dienst ist noch nicht zu Ende.

Das unterscheidet den Mietling vom Hirten: Der Mietling scheut die Knochenarbeit und weicht der Spannung aus, die mit dem Risiko verbunden ist. Wer Verantwortung übernimmt und signalisiert „Ich bin der Hirte“, zeigt, dass es jetzt kein Ausweichen mehr gibt. Solche Hirtinnen und Hirten gehen ins Risiko, tragen mit am Leben der anderen, weichen nicht aus, wenn es schwierig wird. Da sie Menschen sind, kennen sie auch Ihre Grenzen.

Solche Menschen gleichen dem Hirten aus der Bibel, der trägt alles Risiko, trägt an der Schwäche der Menschheit, erleidet den Zweifel des anderen Menschen als den eigenen Zweifel, und auch an der Erschütterung der anderen nimmt er teil. Der Hirte von dem das Evangelium spricht, erblickt sogar den Tod, durchleidet ihn. Dieser Hirte hütet über mein Leben, aber nicht nur äußerlich, wenn das Leben der Finsternis einer mondlosen Nacht ausgesetzt ist, er nimmt sich vor allem von innen heraus meiner Seele an. Das ist es, was mit dem Bild vom guten Hirten sichtbar wird: Ich weiß, dass da jemand ist, dessen Stimme meinen Namen nennt, dann wenn ich aufwache und nicht so genau weiß, wo ich bin.


[1] siehe: Tierwirt/in der Fachrichtung Schäferei, Quelle: BERUFENET http://arbeitsagentur.de — Stand: 01.12.2014 - http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/docroot/r1/blobs/pdf/bkb/319…

[2]  AGRID, Schweizerische Schafhirtenausbildung, Lausanne 2008, S. 3 

 

Perikope
19.04.2015
10,11-6

Predigt zu Johannes 10,11-16(27-30) von Helmut Dopffel

Predigt zu Johannes 10,11-16(27-30) von Helmut Dopffel
10,11-30

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. 30 Ich und der Vater sind eins.

Liebe Gemeinde,

Nein, ich bin kein Schaf. Und nein, ich will auch keines sein. Aber einen Hirten hätte ich doch gerne, wenigstens manchmal. Eine oder einen, der oder die auf mich aufpasst, mich ermutigt, mir einen guten Rat gibt und sich auch mal in den Weg stellt: Nein! Davon lässt du die Finger! - Ein Hirte hütet, und ein guter Hirte hütet so, dass seine Schafe versorgt und beschützt sind, dass sie genug zu fressen und zu trinken finden, dass sie sich nicht verirren, verletzen oder gar ihr Leben in Gefahr bringen. Ein guter Hirte sorgt besonders für die müden, schwachen, kranken, verängstigten Schafe, schenkt ihnen Hilfe, Wärme und Unterstützung damit sie wieder auf die Beine kommen. Ein guter Hirte sorgt dafür, dass die starken und gesunden Tiere heiter und die kranken und schwachen sicher leben. Einen solchen Hirten brauche ich manchmal und hätte ich gerne.

Auch heute noch kann es einem in den ländlicheren Gebieten unseres Landes passieren – hier im Süden etwa auf der Schwäbischen Alb – dass eine Schafherde die Straße kreuzt. Und wenn der Hirte die Schafe gut hütet, dann ziehen sie geschlossen und zügig, sicher und eng am Hirten über die Straße. Er ruft, und sie folgen ihm. Es bleibt einem als Autofahrer gar nichts anderes übrig, als zu warten. Da kommt man nicht durch. Da zeigt sich, was echte Autorität ist. Die Schafe folgen ja nicht, weil der Hirte beansprucht, ihr Hirte zu sein, oder weil er ein Amt hat, oder weil er sie zwingt. Sie folgen ihm, weil sie ihn kennen und wissen, dass es für sie gut ist, wenn sie ihm folgen. Für die Schafe ist der Hirte der Himmel. Unschlagbar. Der Hirte hat Autorität, weil die Schafe sie ihm geben und ihn als Hirten anerkennen, weil er ihr Hirte ist. Sie wissen: der Hirte ist da, und dann ist alles gut. Denn du bist bei mir.

Wer hütet uns?

Ich behaupte, dass wir alle einen oder eine brauchen, die oder der uns hütet. Und das sind nicht wir selbst. Und das Wunderbare ist, dass wir alle solche Hüter haben. Kinder haben ihre Eltern. Ist das nicht das elementarste und wichtigste aller Gefühle: Meine Eltern behüten mich. Sie sind für mich da, wenn ich sie brauche. Bei ihnen bin ich geborgen. Natürlich ist das nicht alles, natürlich braucht es auch das andere, die Freiheit, die eigenen Wege zu finden und zu gehen und auszuprobieren und sich zu irren und so zu wachsen. Kinder, so sagt es ein Sprichwort, brauchen Wurzeln und Flügel. Aber die Wurzeln sind zuerst da. Nur aus der Geborgenheit heraus wachsen der Mut und die Kraft, die Welt zu erobern. Nur wer zuhause ist kann in die Fremde gehen. Kinder brauchen Hüter, Behüter. Schutzengel sagt man heute, wenn man es spirituell mag.

Und das hört nicht auf, wenn wir erwachsen werden. Die Gewichte mögen sich verschieben. Aber Menschen, die uns hüten und behüten, und manchmal auch leiten und orientieren, brauchen wir unser ganzes Leben lang. „Pass gut auf dich auf“ sagen wir manchmal, aber ich halte das für einen ziemlich blöden Spruch. Aufpassen kann ja doch nur jemand anders auf mich. Und Gott sei Dank ist die Welt voller Schutzengel. Denn die Welt kann auch heute ein gefährlicher Ort sein. Manchmal fühle ich mich auch als Erwachsener wie ein verlorenes Schaf. Manchmal will ich mich nur anlehnen, klein und beschützt sein, wie ein Kind. Meint Jesus das, wenn er uns ermutigt, so zu sein wie die Kinder? Und dann ist da die Kollegin, die ins Zimmer kommt und irgendwie spürt, dass da eine Wolke der Traurigkeit hängt, und die die Gabe der richtigen Worte hat, die den Zugang zu einer verletzten Seele finden. Da ist der Mitarbeiter, der dem Chef sagt: ich würde das nicht tun. Da ist das Kind, das einem so bezaubernd zulächelt, dass sich meine innere Welt verwandelt. Da ist der ehrliche Finder, der die vollgepackte Brieftasche im Fundbüro abliefert. Da ist der Staat oder die Organisation, die good governance praktiziert und ihre Fürsorge- und Schutzpflichten erfüllt. Da ist die Nachbarin, die sich um die alte Frau kümmert, denn „ich kann sie doch nicht allein lassen.“ Eigentlich eine merkwürdige und nicht hinreichende Begründung, natürlich kann man sie allein lassen, unbehütet, unversorgt. Kann man?

Ziemlich am Anfang der Bibel wird eine ganz fundamentale Frage gestellt: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Und die Antwort, liebe Gemeinde, kann doch nur heißen: Ja. Ja, Ja, und nochmals Ja. Wie soll denn diese Welt funktionieren wenn wir nicht Hüterinnen und Hirten füreinander sind? Dazu sind wir geboren, dazu sind wir da. Das Leben besteht aus asymmetrischen Situationen, aus Geben und Nehmen, und nur wenn wir beides sind, sein wollen und sein können, Menschen die geben und Menschen die nehmen, also Hirten und Hüterinnen und dann wieder – Schafe – nur dann ist das Leben gut. Und wenn wir aufhören damit, wenn wir sagen: Von dem nehme ich nichts an – oder: die ist mir egal – oder gar: Ich brauche nichts, und ich gebe nichts – das ist der Anfang vom Ende.

Es ist meines Erachtens durchaus so, dass es Menschen gibt, die mehr Hirten und Hüter sind als andere, die mehr Einfluss haben, mehr bewirken können. Ich meine hier nicht die, die die Führungspositionen besetzen und Entscheidungen treffen. Ich meine die, die Menschen prägen und beeinflussen, weil sie andere überzeugen, weil ihnen Autorität eingeräumt und gegeben wird, weil Menschen sie kennen. Solche Menschen gibt es. Solche Menschen haben Macht. Natürlich lässt solcher Einfluss, lässt sich die Autorität der Hirten auch missbrauchen, wie alles Gute im Leben. Beispiele gibt es genug. Deshalb gelten für Hüterinnen und Hirten ganz besonders strenge Regeln. Und vor allem müssen sie wissen: die Schafe gehören nicht mir, sondern einem anderen.

Aber wer hütet die Hüter?

Wir menschlichen Hirten und Hüterinnen kommen zum einen an unsere Grenzen, und oft ziemlich schnell. Die Tür zur Seele des anderen bleibt trotz allem Werben verschlossen. Die Versuchung, die eigene Macht zu missbrauchen, wächst. Die Kraft schwindet. Den fundamentalen Bedürfnissen der Menschen können wir nicht abhelfen. Oder nur für kurze Zeit, hie und da, einmal oder zweimal, und das ist dann eben doch eher keinmal oder höchstens der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. So zu helfen, wie es der Psalm 23 beschreibt, dass Menschen nichts mangelt, und das nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft, und sie zuhause sind immerdar – das kann keiner von uns. Deshalb heißt es: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte.

Hinter den vielen menschlichen Hütern und Hirten dieser Welt, und neben ihnen, und manchmal auch gegen sie steht also der eine gute Hirte, dem wir uns anvertrauen, und bei dem wir geborgen sind.

Dieser gute Hirte beherrscht die Kunst des Beschützens. Es sind ganz nahe, ganz intime Worte, mit denen sein Verhältnis zu den Schafen, zu denen, die ihm anvertraut sind, beschrieben wird: Sie liegen ihm am Herzen, er kümmert sich um sie, sie gehören ihm, er lässt sie nicht im Stich, nicht in der größten Gefahr, niemals, er gibt sogar sein Leben für sie. Und umgekehrt: sie hören seine Stimme und folgen ihm. Sie kennen ihn, und er kennt sie. Sie sind vertraut miteinander. Wenn wir zu jemandem sagen: Du kennst mich besser als jede andere, dann ist das eine Liebeserklärung. Und wenn ich ihre Stimme auf der Straße sofort erkenne, und ihren Gang unter hunderten auf dem Bahnsteig, dann kenne ich einen Menschen.

So ist es zwischen dem guten Hirten und seinen Schafen, zwischen Jesus und seinen Jüngern, zwischen Gott und uns Menschen: Wir folgen ihm nicht, weil er es beansprucht, oder andere für ihn diesen Anspruch erheben; wir folgen ihm nicht, weil er ein Recht darauf hat, und schon gar nicht, weil er Zwang ausübt. Sondern wir folgen ihm, weil wir ihn kennen, seine Stimme kennen, ihm vertrauen und wissen: Das ist gut für mich.

Dieses Vertrauen ist Glauben, und Glauben ist nichts anderes und nichts weiteres, kein Für-wahr-halten, kein Vermuten, aber auch nicht das Wissen, das sich in fünf Sätzen sagen lässt. Glauben ist dieses Vertrauen, weil wir ihn kennen und weil er uns kennt.. Glauben ist ein Du und ein Du.

Und hier kommt plötzlich eine Schärfe in das Bild. Ich bin es – und nicht ein anderer. Dieses Vertrauen, dieses ganze und volle Vertrauen, das verdient kein Mensch, kein Staat, kein Programm, das verdient nur ER.

Aber mit diesem Vertrauen verknüpfen sich nun Erwartungen. Sie sind menschheitsalt und finden sich in allen Religionen: Antwort auf alle Fragen, Schutz vor allen Gefahren, Heilung von aller Krankheit, das Ende alles Bösen. Der gute Hirte: muss er nicht nun uns und andere, besonders die die wir lieben, wirklich behüten vor allem Schaden und Gefahr. Und wenn das nicht geschieht – und das ist ja so weltweit – taucht unweigerlich die Frage auf: Warum hilft er nicht? Warum lässt er das zu? Warum rettet er nicht? Wo ist der Hüter dieser Welt?

Der gute Hirte, von dem Jesus erzählt, auch er verspricht viel. Aber diese Zusagen decken sich nur zum geringen Teil mit den menschheitsalten und gegenwärtigen Erwartungen an den Hüter dieser Welt. Es sind vor allem zwei Zusagen: Die eine: Er ist da. Er bleibt da. Er flieht nicht. Er lässt uns nicht im Stich, er lässt uns nicht allein. Er ist da, auch wenn wir nichts davon spüren. Wenn die Wölfe einbrechen in unser Leben, dann brauchen wir doch genau dies: Einen der stand hält mit uns, der uns birgt, der uns hütet und die Gewissheit gibt: Hier kann mir nichts geschehen. Ich bin selbst im tiefsten Unglück noch von guten Mächten umgeben. Er gibt sogar sein Leben für die Schafe. Ein „normaler“ Hirte lebt von seinen Schafen. Er schlachtet sie irgendwann. In den alten Zeiten hat er es zum Opferaltar getragen. Aber der gute Hirte ist anders. Er gibt sich selbst. Er lässt sein Leben. Er bleibt bei uns auch im Tod. Das Vertrauen hält selbst im Sterben. Und Vertrauen ist doch der Grund allen Lebens. Ohne Vertrauen müssten wir in Depression oder Zynismus versinken. Woher weiß ein Kind, dass es den Eltern – oder einem anderen Menschen – vertrauen kann? Woher wissen wir es? Woher wissen wir, dass das auch in Zukunft trägt?

Ich kenne dich. Ich kenne deine Stimme, ich kann es in deinen Augen lesen.

Und die zweite Zusage: Er trägt das Schaf nach Hause. Er gibt ewiges Leben. Nie und nimmer werden die Schafe umkommen. Nichts und niemand kann sie rauben. Weder Tod noch Leben, weder die Macht von Menschen noch die der Natur, weder Hohes noch Tiefes, weder Vergangenheit noch Zukunft – heißt es anderswo in der Bibel (Römer 8, 38f.). Am Ende sammelt er alle ein, auch die anderen, von denen wir es nicht glauben können, von denen wir nicht einmal etwas ahnen. Am Ende schenkt er das ewige, das wahre Leben. Viel schöner als jeder Karibikstrand, jedes Fußballspiel, jedes Gourmet-Essen, jedes Selfie, jede Sternennacht. Am Ende ist alles selbstverständlich, das Vertrauen, die Stimme, das Kennen, das Lieben. Am Ende sind wir zuhause.

Amen

Perikope
19.04.2015
10,11-30

Predigt zu Johannes 20,19-20.24-29(30-31) von Claudia Bruweleit

Predigt zu Johannes 20,19-20.24-29(30-31) von Claudia Bruweleit
12,19-31

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben.

26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!

29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

(30 Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch.

31 Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.)

Liebe Gemeinde!

1. Thomas der Zweifler gehört zu den Jüngerinnen und Jüngern

Thomas ist einer, für den nicht alles klar ist. Thomas hat seine Zweifel. Er kann anfangs nicht glauben, was die anderen Jünger ihm erzählen. Dass Jesus zu ihnen gekommen ist, zum Beispiel. Dass er durch die verschlossenen Türen kam. Thomas ist nicht begeistert wie sie. Er behält seine Zweifel – und fühlt sich außen vor. Er braucht länger als die anderen, um seinen Schrecken vor dem Kreuzestod Jesu zu überwinden. Doch er gehört zu ihnen. Er ist mit ihnen in einem Raum. Jesus wendet sich direkt ihm zu. Jesus nimmt ihn mit seinem Zweifel und mit seiner Abwehr ernst. Und Thomas beginnt zu verstehen, dass der Auferstandene zugleich Jesus ist, der Gekreuzigte. „Mein Herr und mein Gott“ sagt er schließlich ergriffen und kann seinen Zweifel endlich über Bord werfen. So beginnt für ihn das neue Leben im Glauben.

2. Thomas steht für eine wichtige Gruppe innerhalb der Jüngerschaft und außerhalb der Kirche

Thomas steht für eine wichtige Gruppe innerhalb der Jüngerschaft und außerhalb der Kirche. Denn so wie ihm geht es vielen. Darum hat er wohl auch seinen Platz in den Ostergeschichten der Bibel erhalten. Jüngerschaft wird in diesem Kapitel aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt[1] Thomas steht für einen besonderen Typ Jünger. Für den, der sich nicht schnell einer Meinung anschließt, für den, der sorgfältig abwägt, was es für ihn bedeutet.

Heute würden wir vielleicht sagen: er steht der Kirche nahe, ist aber religiös wenig gebundenen. Dennoch fragt er nach. Er fragt, wie das sein kann: Christus, der Gekreuzigte, lebt. Er, der als Mensch ihnen nahe war, hat den Tod überwunden und lebt. Thomas kann diese neue Wahrheit nicht fassen. Sie passt nicht in die Vorstellungen, die er vom Leben hat. Gleichwohl sehnt er sich danach, eine Antwort zu finden. Die Frage nach dem Tod Jesus berührt auch seine Lebensfrage. Auch er  ist verletzlich, auch er weiß, dass er sterben wird. Die Wunden Jesu kann er sich vorstellen – schmerzhaft wie seine eigenen Verletzungen. Doch Christus, der wie ein Gott verschlossene Türen durchschreitet und von Frieden spricht – das kann nicht derselbe sein, dessen Hände am Kreuz von den Nägeln durchbohrt worden sind und dem ein Soldat mit dem Speer die Seite aufgeschnitten hat, um ihn ganz sicher zu töten.

Ich denke: Thomas wird mit sich gerungen haben. Zu gern hätte er sich den anderen Jüngern angeschlossen. Zu gern hätte er wie sie Jesus vertraut und sich in ihrer Gemeinschaft geborgen gefühlt. Aber die Zweifel sind stärker als seine Sehnsucht.

3) Berechtigte Zweifel ist Schutz vor falschen Versprechen

Zweifel schützen einen Menschen davor, allzu leichtgläubig sich falschen Versprechungen hinzugeben. Ihren Zweifel an den Werten, die uns über die Filme und Bilder der digitalen Welt vorgespielt werden, meldete eine Journalistin so an: Unter dem Titel „Narben der Wahrheit“ schrieb Susan Vahabzadeh am 2.4.15 [2] über die igitale Nachbearbeitung von Filmen. Sie stellen die Akteure übernatürlich makellos dar. Brad Pitt erscheint im Film Troja als durchtrainierter junger Held Achilles. – Der Sixpack-Effekt wurde durch die Nachbearbeitung der Szenen am Computer derart gesteigert, dass der Schauspieler  unverwundbar erscheint. Immer öfter spiegeln damit die Filmemacher den Zuschauern auf diese Weise falsche Tatsachen vor und lassen die Schauspieler unerreichbar und fast übermenschlich erscheinen. Die Autorin stellt dagegen Aktfotos, die der Fotograf Bert Stern 1962 von Marilyn Monroe aufgenommen hat in einem Hotel in Beverly Hills. Auf Monroes Bauch ist eine Narbe zu erkennen, die sie von einer Gallenoperation davongetragen hat. Sie habe sich dafür zunächst geschämt, berichtete der Fotograf. Er hat sie nicht wegretouchiert, die Narbe. Sie gehört zu dieser Frau, die von vielen vergöttert wurde, und diese Bilder gehören zu den schönsten Fotos der Monroe. Zart und verletzlich wirkt sie darauf und fast überirdisch schön – jedoch ohne Zweifel anziehend.

4) Der Zweifel führt Thomas zu einer tieferen  Begegnung mit Christus

Thomas hört die Botschaft der Jünger: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Doch er lässt sich nicht mitreißen. Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben, sagt er.

Er hat Jesus nicht gehört, nicht gesehen, nicht gespürt. Die Botschaft ist nicht vertrauenswürdig für ihn. Er zweifelt an dem, was er nur hört. Er sucht ein handfestes Zeichen für das Neue, das Unbegreifliche, für die Auferstehung. Er sehnt sich nach Sicherheit, nach einem Beweis. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass Thomas tatsächlich mit seinem Finger die Wunden des Auferstandenen berührt habe. Die Bibel lässt offen, ob er so weit gehen musste, um zu begreifen. Jesus spricht ihn an, und es erscheint als das Natürlichste von der Welt, dass Thomas ihn berühren darf, dass er seine Wunden begreifen kann. Es ist ein sehr dichter Augenblick. Thomas braucht sich nicht zu schämen, dass er nicht tiefer geglaubt hat. Er darf so sein, wie er ist.

Dieser Moment stellt Vertrauen her. Thomas erkennt in dem Auferstandenen den Lehrer, den Vertrauten, den, der Mensch ist wie er, verletzlich wie er, sterblich wie er, ja, der gestorben ist, so, wie er sterben wird – und dennoch ist Jesus lebendig. Und dennoch  ist er voller Lebenskraft, die auf ihn, Thomas, übergeht. Er fasst Vertrauen. Er begreift, hier geht es um ihn und um sein Leben. Auch sein Leben steht unter der Hoffnung des Ostermorgens. Sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Sagt Jesus zu ihm. Es beginnt in diesem Moment eine andere Stufe seines Glaubens, seines Vertrauens. Er antwortet: „Mein Herr und mein Gott!“ Das ist ein Bekenntnis zu Christus, das die ersten christlichen Gemeinden prägen wird. Ausgesprochen von einem, der eben noch fremd war in ihrer Mitte, nun aber im Herzen des Geschehens angekommen sit. Ohne seinen Zweifel wäre er nicht so weit gekommen. Ohne seinen Zweifel hätte er nicht diese wichtige Botschaft des Ostermorgens erfahren: Jesus Christus, der Auferstandene, ist der Gekreuzigte. In dem Menschen, der uns ganz nah ist, begegnet uns Gottes Liebe. Und sie hat Kraft, uns und unser Leben zu verändern.

6) Wir als Gemeinde können uns freuen über Zweifler, die uns an ihrem Weg teilhaben lassen

Wir als österliche Gemeinde bleiben diesem Christus auf der Spur – dem, der seine Verletzlichkeit aushält um unseretwillen. Dem, der von Gott die Kraft bekommt, zu leben, wo uns alles verloren scheint. Dem, der uns dazu hilft, dass auch  wir unsere Narben und unsere Verletzungen tragen können. Weil Gott die Kraft dazu gibt. Thomas, da bin ich sicher, ist einer, der auch seine Wunden und seine Narben in sich trägt. Sein Zweifel hat ihm den Weg gezeigt, den er brauchte, um einen zu finden, der ihm Kraft gibt, mit ihnen zu leben.

Zweifler, liebe Gemeinde, gibt es viele auch in unserer Nähe. Menschen, die sich kaum in unsere Kirchen trauen, weil vieles ihnen fremd ist und weil darin manchmal zu unantastbar, zu überzeugt von Gott gesprochen wird.

In Thomas haben sie einen Seelenverwandten. Falls sie es wagen, mit ihren Zweifeln und unbequemen Fragen zu uns zu kommen und über unseren Glauben zu sprechen, sollten wir uns freuen und aufmerksam sein und uns auf ihre Wege einlassen- es könnte sein, dass sie uns mitnehmen zu einem Punkt, an dem auch wir uns und Christus besser begreifen.

[1] Til Elbe-Seiffart, Zweifle mutig! In Gött.Pred.Meditationen 63, 236-241, 237

[2] Süddeutsche Zeitung, Kultur/ Zeitgeist, siehe auch: http://www.sueddeutsche.de/kultur/zeitgeist-narben-der-wahrheit-1.2419979?reduced=true, zuletzt besucht 7.4.2015 16.00 Uhr

 

Perikope
12.04.2015
12,19-31