Predigt zu Johannes 13,1-15.34-35 von Winfried Klotz

Predigt zu Johannes 13,1-15.34-35 von Winfried Klotz
13,1-35

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus,(a)dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. a) Kap 7,30; 17,1
2 Und beim Abendessen, als schon(a)der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten, a) Lk 22,3
3 Jesus aber wusste, dass ihm(a)der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er b von Gott gekommen war und zu Gott ging, a) Kap 3,35; b) Kap 16,28
4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.
5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.
6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?
7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.
8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir.
9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!
10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und(a)ihr seid rein, aber nicht alle. a) Kap 15,3
11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe
13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin's auch.(a)a) Mt 23,8; 23,10
14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch(a)die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. a) Lk 22,27
15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.(a)a) Phil 2,5; 1. Petr 2,21
34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt.(a)a) Kap 15,12-13; 15,17
35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

Liebe Gemeinde!

Umstürzende Veränderungen stehen an jetzt an diesem Passafest für Jesus und seine Jünger. Jesus wird aus dieser Welt zum Vater gehen, so sagt das Johannesevangelium; wir wissen, sie werden ihn gefangen nehmen, verhören, foltern und kreuzigen, und da am Kreuz wird er elend und voller Schmerzen hängen und sterben. Alles ist schon eingeleitet, auf den Weg gebracht, nur wenige Stunden trennen Jesus noch vom Tod am Kreuz. Alles ist schon eingeleitet, ja, Judas hat den unbegreiflichen Entschluss gefasst, Jesus auszuliefern. Er hat sein Ohr den Einflüsterungen einer fremden Stimme geliehen, er hat sein Herz geöffnet für eine fremde Macht. Oder muss ich sagen, so fremd und fern ist diese Stimme und Macht gar nicht, weder dem Judas noch allen anderen Menschen?

Alles ist auf den Weg gebracht, um den wegzuschaffen, der so vielen im Weg steht, den Hohen Priestern und dem Hohen Rat, die durch ihn den Tempel bedroht sehen, den Lehrern des Gesetzes, den Theologen, die eine gefährliche Freiheit in seiner Auslegung erkennen.

Alles ist auf den Weg gebracht und der, gegen den es jetzt geht, sollte schleunigst die Notbremse ziehen, sein Leben retten und eine Weile von der Bildfläche verschwinden- aber gerade das tut Jesus nicht. Gerade jetzt erweist er seinen Jüngern seine Liebe, gerade jetzt erweist er sich als der, der von Gott gekommen ist und zu Gott geht. Jetzt gibt er ihnen einen letzten und äußersten Beweis seiner Liebe.

Bei einem Mahl steht Jesus auf und legt sein Obergewand ab und bindet sich ein Tuch um. Er gießt Wasser in eine Schüssel und beginnt seinen Jüngern die Füße zu waschen. Wir können uns vorstellen, wie jetzt das Gespräch unter den Jüngern verstummt, wie ein Staunen und Kopfschütteln durch die Reihen geht. Was tut Jesus, er ist doch der Herr, der Lehrer? Wir sind einiges von ihm gewohnt, aber dürfen wir zulassen, dass Jesus sich so erniedrigt? Macht er sich nicht hiermit einem Sklaven gleich? Verdunkelt dies nicht sein Bild als Messias, als Gesandter Gottes? Wie will Jesus seine Jüngergemeinde führen, wie will er für Ordnung sorgen, wenn er die gesellschaftlichen Regeln durchbricht? Wie will er, ich überdehne den Gedanken, eine Organisation führen, wenn er seinen Untergebenen die Füße wäscht? Ich spinne den Gedanken weiter: Haben Sie schon mal von einem Wirtschaftsboss gehört, der der seinen Mitarbeitern die Füße gewaschen hat? Oder gehen wir mal weg vom Bild der Fußwaschung, der die ständig dreckigen Toiletten gereinigt hat, um seinen Mitarbeitern ein gutes Beispiel zu geben?

Jesus macht sich einem Sklaven gleich, er erniedrigt sich, indem er im Staub vor seinen Jünger kniet und ihnen die Füße wäscht. Und deutet damit etwas von der Tiefe an, in die er mit seinem Sterben hineingehen wird.

Petrus will sich den Sklavendienst nicht gefallen lassen. Petrus ist kein Duckmäuser, der Dinge über sich ergehen lässt, die er nicht versteht und gut heißen kann. „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ fragt er. Jesu Antwort: „Was ich tue, kannst du jetzt noch nicht verstehen, aber später wirst du es begreifen“, überzeugt ihn nicht „Niemals sollst du mir die Füße waschen, in Ewigkeit nicht!“ antwortet er. Petrus hat auf stur geschaltet und das eigentlich um Jesu willen. ‚Du, Jesus, darfst dich nicht so erniedrigen; das ist doch ein Zeichen von Schwäche, oder kann so verstanden werden. Wir brauchen jetzt aber einen starken Jesus, einen starken Messias-König. Jetzt an Pessach in Jerusalem entscheidet sich, ob unser Volk in eine Zukunft der Freiheit und des Friedens geht, es entscheidet sich an dir, Jesus!‘

Ob Petrus so gedacht hat, weiß ich nicht; jedenfalls ist ihm Jesu Dienst nicht geheuer. Petrus gibt erst nach, als Jesus ihm die Bedeutung seines Tuns erklärt. „Wenn ich dir nicht die Füße wasche, hast du keinen Anteil an mir und an dem, was ich bringe.“ Mit Jesus verbunden sein, das ist Petrus wichtig. Zu IHM gehören, will er unbedingt. Deshalb bittet er jetzt darum, dass Jesus ihm nicht nur die Füße. sondern auch Hände und Kopf wäscht. Aber das ist nicht nötig; indem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, hat er ein Zeichen gesetzt, dass sie zu ihm gehören, dass sie Anteil haben an seiner Reinheit, und das meint, an seiner Zugehörigkeit zu Gott. Denn es geht ja nicht um körperliche Reinheit, wenn Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht, sondern das abgewaschen ist alles, was von Gott trennt. Es geht Jesus um das durch ihn gereinigte und von Grund auf erneuerte Verhältnis zu Gott.

Jesus bildet mit der Fußwaschung ab, was noch geschehen wird; sein niedrigster Dienst für seine Jünger und alle, die ihm folgen wollen, ist sein Sterben am Kreuz zur Vergebung der Sünden. Und um es noch einmal deutlich zu machen: Zu Jesus gehört man nicht dadurch, dass man ihn gut findet oder Gutes tut, zu IHM gehört nur, wer seinen Dienst annimmt, seine Lebenshingabe als Sühnopfer für unsere Sünde, unsere Trennung von Gott. Jesu Sterben am Kreuz ist der Ort der überfließenden Gnade Gottes, nicht weil das selbstverständlich so wäre, sondern weil Gott es so bestimmt hat.

Gerade um Gottes überfließende Gnade, die er durch Jesus uns schenkt, geht es beim Abendmahl, das wir heute am Tag seiner Einsetzung feiern. Teil haben an Jesus und durch ihn mit Gott ins Reine gebracht werden, das empfangen wir unter Brot und Wein. Aber noch ein Zweites empfangen wir beim Abendmahl, nämlich die Gemeinschaft miteinander. Wer zum Abendmahl kommt, kann sich dem nicht entziehen, dass er durch Jesus mit allen verbunden ist, die auch das Mahl empfangen, verbunden um seine Schwester, seinen Bruder zu lieben und einander anzunehmen. Das ist der zweite Schwerpunkt im Bericht von der Fußwaschung.

„Begreift ihr, was ich eben getan habe?“ hat Jesus seine Jünger gefragt als er sich wieder zu ihnen an den Tisch gesetzt hatte. Und weiter: „Ihr nennt mich Lehrer und Herr. Ihr habt Recht, das bin ich. Ich bin euer Herr und Lehrer, und doch habe ich euch soeben die Füße gewaschen. So sollt auch ihr euch gegenseitig die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

Diese Mahnung Jesu ist kein Anhängsel, nichts Zweitrangiges. Das machen gerade auch die beiden Verse vom Ende des Kapitels deutlich. Unsere Zugehörigkeit zu Jesus, unsere wirkliche Gründung in IHM als Gemeinde zeigt sich an unserer Liebe zueinander. Sie zeigt sich in der Bereitschaft zu vergeben, zu helfen, zu ermutigen. Sie zeigt sich vor allem aber darin, dass Christen im Streit einander nicht fertig machen, nicht um jeden Preis ihr Recht bekommen müssen, nicht verletzen und nachtreten. Es wird immer Auseinandersetzungen geben auch in der Gemeinde Jesu; wir sind auch als Leute, die mit Jesus verbunden sind, freie Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, siehe Petrus und sein Widerstand dagegen, dass Jesus ihm die Füße wäscht. Aber wie wir miteinander streiten wird zeigen, ob wir Jesus ernst nehmen und unser Herz von ihm gereinigt wurde.

Einander lieben, einander annehmen, ist noch lange nicht damit getan, dass wir ein Fass Bier aufmachen und miteinander feiern. Das ist nicht der Alltag. Im Alltag bin ich gefragt, ob ich meinen Stolz beerdige und den ersten Schritt auf die zu tue, die mich unfair angegriffen haben? Im Alltag fragt mich Jesus, ob ich meine Wünsche und Ansprüche vergesse, um ein sichtbares Zeichen seiner Gegenwart und Liebe bei denen zu setzen, die in oder außerhalb der Gemeinde seine Freundlichkeit und Liebe nicht angenommen haben. Amen.

Perikope
02.04.2015
13,1-35

Im Tod kann ein neuer Anfang liegen - Predigt zu Johannes 19,16-30 von Peter Haigis

Im Tod kann ein neuer Anfang liegen - Predigt zu Johannes 19,16-30 von Peter Haigis
19,16-30

Im Tod kann ein neuer Anfang liegen

Liebe Gemeinde,

mit großer Aufmerksamkeit lässt uns der Evangelist Johannes am Geschehen um Jesu Kreuzigung teilhaben. Wie in einem Drama führt er uns die einzelnen entscheidenden Szenen nacheinander vor Augen, ja wir können uns die Szenenfolge vorstellen wie in einem Film:

Die Einleitung ist nur knapp in Bilder gefasst. Sie zeigt uns Jesus, wie er sein Kreuz trägt und anschließend die Aufrichtung seines Kreuzes zwischen den beiden anderen Hingerichteten. Dann wendet sich der Blick auf eine Spott-Inschrift über dem Kreuz, die Pilatus hat anbringen lassen: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“. Wir werden Zeugen einer Debatte zwischen dem Hohen Rat und Pilatus um diese Kreuzesinschrift. Die Hohenpriester erkennen den darin beabsichtigten demütigenden Sarkasmus der politischen Besatzungsmacht und wollen Pilatus dazu bewegen, die Inschrift zu relativieren: „Schreibe, dass er es behauptet hat, der König der Juden zu sein…“ Doch Pilatus lässt sich darauf nicht ein.

In der bildenden Kunst hat die Unmittelbarkeit dieser Szene Maler immer wieder dazu verleitet, das Gespräch zwischen dem Hohen Rat und Pilatus unter dem Kreuz Jesu stattfinden zu lassen– doch das ist unwahrscheinlich. Die Erzählung des Evangelisten Johannes operiert hier härter und unvermittelter und hängt den kurzen Dialog an die Kreuzigungsszene an, wie wir es von der Schnitttechnik des Films kennen. Dort sind Raum- und Zeitsprünge ungehindert möglich.

Szenenwechsel zurück nach Golgatha, etwas abseits des Kreuzeshügels selbst: Wir sehen einige römische Soldaten, wie sie um die Kleider Jesu, auch um sein besonders, nämlich an einem Stück gewebtes Obergewand, losen – wohl kaum mit Würfel und Würfelbecher, aber vielleicht mit längeren und kürzeren Holzstöckchen oder mit Münzen. Das Zitat aus Ps. 22 höre ich nicht – es ist nicht Teil des Films, der da vor meinem inneren Auge abläuft (noch nicht); es ist vielmehr Teil der Gedanken eines Filmzuschauers, der dieses Psalmwort assoziiert, als er die Soldaten abseits neben dem Kreuz Jesu um dessen Kleider losen sieht.

Erneuter Szenenwechsel, die Kamera schwenkt hinüber auf die andere Seite. Dort werden wir am Fuß des Kreuzes Jesu zu Zeugen einer wechselseitigen Adoption zwischen Johannes und der Mutter Jesu, die Jesus selbst noch vom Kreuz herab veranlasst – als Stiftung einer neuen Gemeinschaft, wie sie die Gemeinde Jesu Christi darstellt, so hat man sie später verstanden. Ich sehe in dem Film, der da vor meinen Augen abläuft, Jesus nicht selbst sprechen, höre nur seine Stimme aus dem Off.

Und dann kommt es zu einem rätselhaften Schlussbild: Jesus äußert, Durst zu haben. Jemand (wer eigentlich?, einer der Soldaten?, ein Schaulustiger?, einer aus dem Freundeskreis Jesu? – ich sehe nur Hände) nimmt ein wenig Essig aus einem Gefäß in einem Schwamm auf und reicht Jesus das getränkte Büschel auf einem Ysoprohr hinauf. Ich sehe die Kamera langsam den schwankenden Schwamm verfolgen, bis er vor dem Gesicht Jesu schweben bleibt. Der saugt daran und stirbt mit den Worten „Es ist vollbracht!“

Schwarzblende – der Film von der Passion Jesu ist zu Ende. Es wird weitere Folgen geben, eine Fortsetzung wie bei einer Serie, doch für heute ist Schluss – und ich bleibe mit diesem letzten merkwürdigen Szenenbild alleine. Nun bin ich es, der assoziiert, dem die Gedanken durch den Kopf fahren. Was sollte das?

Essig hat eine betäubende Wirkung. Er wird Jesus an den Mund geführt, nicht um ihn zu verhöhnen oder gar als zynische Antwort auf Jesu Ruf „Mich dürstet“, sondern um seine Qualen am Kreuz zu lindern. Aber welche Bedeutung hat dieses „Es ist vollbracht“? Wörtlich steht beim Evangelisten Johannes: „Es ist vollendet!“ Die Synchronfassung, die ich sehe, müsste Jesus diese Worte in den Mund legen – oder besser noch: Ich sehe den Film im Original mit Untertitel und erfasse den anderen Wortlaut des Originals so nebenbei.

„Es ist vollendet!“ Also: Welchen Sinn hat der Tod Jesu am Ende? – Das ist doch die Frage, die sich gebündelt in Jesu letztem Wort stellt.

Der Tod kann viele Gesichter haben. Er kann brutal und abrupt über menschliches Leben hereinbrechen; er kann zerreißen und zerstören, was noch unfertig ist; er kann das Scheitern eines großen Lebensplans oder Lebenswerks bedeuten. Leben als Fragment, als Bruchstück. Der Tod kann aber auch sanft und erlösend wirken; er kann schweres, ja unerträgliches Leiden beenden. All das schwingt im Wort „Ende“ mit und ist doch in Jesu Ausspruch „Es ist vollendet!“ nicht gemeint.

Jesu Tod könnte als Ende seines Leidens verstanden werden, ja! Jesu Mutter könnte es aus Mitgefühl mit ihrem Sohn heraus so sagen: „Nun hat er es überstanden.“ Eine Redeweise, nicht so fremd und fern von mancher Erfahrung, die wir selbst machen.

Jesu Tod könnte auch als Niederlage aufgefasst werden. Jesu Jünger könnten es mit resigniertem Unterton so sehen: „Nun ist alles vorbei!“ Und auch diesen hoffnungslosen Seufzer kennen wir.

Jesu Tod könnte als Beseitigung eines Störenfrieds empfunden werden. Der Hohe Rat könnte es siegesgewiss so meinen: „Endlich ist er erledigt.“

Doch der Evangelist Johannes hat ein anderes Verständnis vom Tod Jesu. Er zieht die Bilanz: Jesu Werk ist vollendet. Hier hat er es zum Ziel gebracht. Damit durchbricht er alle Erwartungen und Erfahrungen im Umgang mit einem frühen, schmerzhaften, brutalen und gewaltsamen Tod. Wie kann dieser Tod Sinn machen?

Wahrscheinlich kann man das Schlussbild der Kreuzigung Jesu nur recht begreifen, wenn man den Ps. 22 im Ohr hat, den jüdischen Sterbepsalm. Möglicherweise hat ihn auch Jesus am Kreuz gebetet. Und in dieser Kreuzigungsszene kommt es nun zu merkwürdigen Parallelen zwischen dem Sterbepsalm 22 und dem Geschehen, das Jesus in den letzten Stunden und Minuten seines Lebens widerfährt. Vielleicht wäre es darum sinnvoll, man könnte den Ps. 22 zumindest im Abspann eines solchen Passionsfilms, wie er uns hier präsentiert wird, lesen – wenigstens in Auszügen:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

Unsere Väter hofften auf dich, und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

Zu dir schrieen sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.

Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

‚Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.‘

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

Sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.

Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

Aber du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!“

Ps. 22 beschreibt die Wüste menschlichen Sterbens. In mancher Begleitung Sterbender tut sich diese Wüste auf, in der kein menschliches und menschenwürdiges Dasein mehr möglich scheint. Die Übereinstimmungen zwischen diesem Sterbepsalm und der Kreuzigungsgeschichte, die bei Johannes, aber auch bei den anderen Evangelisten zu finden sind, sollen zeigen, wie Jesus, der doch Gott selbst unter uns Menschen ist, teilhat an den Niederungen und Niedrigkeiten menschlichen Lebens. Hier wird diese Wüste, wie sie sich im Sterben eines Menschen auftun kann, von Jesus durchquert.

Doch Ps. 22 endet nicht an dieser Stelle, bis zu der ich ihn soeben gelesen habe. Und deshalb ist Jesu Teilhabe an der Todesqual des Menschen im Spiegel von Ps. 22 mehr als ein Mit-Leiden. Der Schluss des Psalms weist über das Sterben hinaus auf Gottes Zukunft mit den Menschen. Und in Jesu Geschick bis zum Tode am Kreuz, so wie es uns der Evangelist Johannes beschreibt, will er nun auch diese Hoffnungsperspektive über einem jedem Menschenleben aufleuchten lassen.

„Ich will deinen Namen kundtun unter meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen.

Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; und die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.
Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.
Denn des Herrn ist das Reich, und er herrscht unter den Heiden.
Ihn werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.“

Gottes Geschichte mit uns geht nach dem Tod Jesu weiter, ja sie beginnt dann erst von neuem. Menschen werden Gott erkennen und anbeten. Sie kommen zum Glauben, an den, der jeder Lebensgestaltung Grund und Perspektive gibt. Sie sammeln sich in einer großen Lebensgemeinschaft, in der sie sich gegenseitig tragen und stützen, genannt die Gemeinde Jesu Christi. Sie erfahren, dass sie satt und heil werden. Sie erleben, wie Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit im kleinen Maßstab ihrer Gemeinschaft Gestalt gewinnt.

Und auch unser bescheidenes Erdendasein – mag es uns rund erscheinen oder abgebrochen – ist im Tode nicht am Ende. Im Ps. 22 richtet sich der Blick auf eine Gemeinschaft mit Gott über den Tod hinaus. Freilich, von einer Verlängerung unseres irdischen Daseins ist in dieser Hoffnungsperspektive nicht die Rede. Das Rad des Lebens, die alte Mühle, dreht sich nicht einfach taumelnd weiter. Das Leben der jenseitigen Welt trägt den Charakter der Anbetung Gottes – ein Bild für ununterbrochene und ungehinderte Gemeinschaft mit Gott, vielleicht wie das Getragensein in einer wunderbaren, nie enden wollenden Musik, wie das Schwingen und Bewegtwerden in einem unendlichen Reigen. Ein Bild auch für Leidensfreiheit und Angstverlust.

„Der Herr hat es getan.“ – Das ist der Schluss von Ps. 22. Darauf bezieht sich Jesu Wort: „Es ist vollbracht!“ – „Es ist vollendet!“ In Jesu Leben ist dieser Schluss des Ps. 22 zur Erfüllung gekommen. Der Anfang einer neuen Geschichte Gottes mit den Menschen ist gemacht. Nun wird es weitergehen, auch nach Jesu Tod – in denen, die angesteckt sind von der Liebe Jesu; in denen, die in ihm mit ihrer Gottessehnsucht an ein Ziel gekommen sind und Erfüllung gefunden haben und die Freude darüber nun anderen mitteilen; in denen, die Jesus nachfolgen über seinen Tod hinaus, und auch in denen, die mit ihrem irdischen Leben abschließen müssen und nach vorne nicht in ein dunkles Nichts blicken, sondern in das Licht der ewigen Gemeinschaft mit Gott. Jesu Leben war erst der Anfang, aber ein Anfang, der bereits alles in sich trägt – ein Anfang, der es in sich hat. AMEN.

Perikope
03.04.2015
19,16-30

Das Gebot der Liebe und die Fußwaschung - Predigt zu Johannes 13,1-15.34-35 von Thomas Bautz

Das Gebot der Liebe und die Fußwaschung - Predigt zu Johannes 13,1-15.34-35 von Thomas Bautz
13,1-35

Das Gebot der Liebe und die Fußwaschung

Liebe Gemeinde!

Im Alten Orient und im Mittelmeerraum der Antike gehört die Fußwaschung zum Alltag; die landschaftliche Gegebenheit, die Bodenbeschaffenheit und das Tragen von Sandalen haben zur Folge, dass die Füße rasch vom Staub bedeckt werden. Vor einem Mahl lässt man sich die Füße waschen, zumal man die Mahlzeit liegend einnimmt, so dass die verschmutzten Füße sich sozusagen auf Augenhöhe der anderen Mahlteilnehmer befänden.

Die Fußwaschung ist mit sozialer Rangordnung verbunden: Frauen waschen ihren Männern die Füße, Kinder ihrem Vater, Sklaven ihren Herren, aber auch Gastgeber ihren Besuchern. Von diesem hierarchischen Gefälle geht auch Petrus aus und will es deshalb seinem Meister verwehren, dass dieser ihm die Füße wäscht. Als sich Rabbi Jesus durchsetzt, möchte Petrus darauf bestehen, dass ihm auch Kopf und Hände gewaschen werden. Das sei aber unnötig, weil der Körper ja ohnehin gereinigt worden ist, erklärt ihm der Nazarener.

Luise Rinser (1911-2002) erinnert an die römischen Saturnalien. Ihr wichtigster Aspekt ist die Aufhebung der Standesunterschiede durch Rollentausch: Herren behandeln ihre Sklaven an diesem Tag wie Gleichgestellte, teilweise werden die Rollen sogar komplett umgekehrt, so dass die Herren ihre Sklaven bedienen. (Saturnalien wurden ursprünglich am 17. Dez. gefeiert, später aber bis 23. und schließlich bis 30. Dez. ausgedehnt.)

Die Umkehrung der Standesordnung gilt also zeitlich nur sehr begrenzt und ist eher scherzhaft gemeint. Demgegenüber hat Jesus etwas Neues, Revolutionäres eingeführt: eine neue, andere Ordnung als „Zeichen des Neuen Bundes“ zwischen Gottheit und Mensch und deshalb auch „zwischen Mensch und Mensch“. In seinem Reich „gibt es nicht Diener noch Herren, nicht Reiche noch Arme, nicht Mächtige und Ohnmächtige“, doch „ist einer Diener des anderen“. Darauf basiert das Reich, die Herrschaft „Gottes“ (Luise Rinser: Die Fußwaschung, in: Die Bibel in den Worten der Dichter, hg.v. Bertram Kircher, 2005, S. 506).

Die Bedeutung des Geschehens der Fußwaschung wird auf schlichte Art im JohEv erzählt. Jesus fragt die Jünger abschließend, ob sie ihn und seine Handlungsweise verstanden haben und erklärt: „Ihr nennt mich ‚Meister‘ (Lehrer) und ‚Herr‘, womit ihr recht habt, denn ich bin es wirklich. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so seid auch ihr verpflichtet, einander die Füße zu waschen; denn ein Vorbild habe ich euch gegeben, dass  ihr es ebenso praktiziert.“

„Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander lieben sollt. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Es ist lebensnotwendig zu lieben: aber Liebe ist nicht einfach. „Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist“ (R.M. Rilke: Brief an F.X. Kappus – Rom, 14. Mai 1904; http://rilke.de/ s.v. Liebe).

Ich muss Rilke zustimmen: Liebe ist mühsam, ist harte, beharrliche Arbeit. Wer liebt, muss oft Steine aus dem Weg räumen, Hindernisse überwinden, bevor er oder sie zum begehrten oder geliebten Gegenüber durchdringen kann. Wir reden heute, hier und jetzt, nicht vom Verliebtsein, von einer großzügigen, herrlichen Laune der Natur. Ich würde gern Männer und Frauen befragen, jüngere und ältere, ob sie ihren künftigen Partner, ihre Partnerin erobert haben, wie es früher meist gang und gäbe war. Mir scheint das etwas nachzulassen.

Jede Partnerschaft durchlebt einen Reifeprozess, spürbar oder auch nahezu unmerklich, oder sie geht in die Brüche. Irgendwann ist eine Phase erreicht, wo man an sich arbeitet, anfängt, sich die Zuneigung des Lebenspartners zu erhalten oder sie neu zu erwerben. Freilich, man hat sich aneinander gewöhnt, beide sind vielleicht durch dick und dünn gegangen. Doch lässt sich dieses im Großen und Ganzen harmonische Miteinander nicht auf Dauer konservieren; es könnte allmählich zu etwas Selbstverständlichem gerinnen.

Liebe in einer Gemeinschaft, besonders in Kirchengemeinden - weil dort viel über Liebe gepredigt und gesprochen wird - sollte mit mehr verbunden sein als mit scheinbarer Toleranz und wohlwollendem Lächeln, wenn man einander oder gar Fremden begegnet. Respekt vor dem Anderssein, Offenheit gegenüber Infragestellung des Gewohnten, Traditionellen, und vor allem Konfliktfähigkeit. Wenn Andersdenkende vom „inneren Kreis“ der Gemeinde, vom Kern der Mitarbeiter gemieden oder scheel, argwöhnisch angeschaut werden, ohne dass man sich mit ihnen offen auseinandersetzt, dann mangelt es dort gewaltig an Respekt und zeugt nicht gerade von Liebe - nach dem neuen Gebot, dass Jesus von Nazareth vermittelt hat.

Die Fußwaschung wird in katholischen Gemeinden liturgisch praktiziert, im Protestantismus konnte sie sich nicht durchsetzen. In gewisser Weise wünschte ich mir, dass wir wenigstens einander tüchtig die Köpfe wüschen. Lebendige, wahre Gemeinschaft ist weit mehr als eine gewohnheitsmäßige Gemeinsamkeit, die etwa im äußeren Zelebrieren der Gottesdienste oder dem regelmäßigen Besuch verschiedener Kreise und Veranstaltungen besteht.

Wirklicher Zusammenhalt besteht in ungeheuchelter Liebe, die mit der Mühe verknüpft ist, Gegensätze nicht zu ignorieren, aber auszuhalten. Es kann belebend, elektrisierend sein, wenn man sich in der Gemeinde aneinander reibt. Entstehende Funken sollte man nicht löschen. Sagen wir nicht, dass es zwischen zwei Menschen „funkt“, wenn sie einander näherkommen? Zugegeben, der Vergleich hinkt. Dennoch: zwei „Reibeflächen“ erzeugen erst Funken, wenn sie einander berühren. Oft müssen gewisse Berührungsängste überwunden werden - ob es um eine mögliche Partnerschaft oder um Wiederherstellung einer Gemeinschaft geht.

 „Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Ihr sollt einander lieben! Genauso wie ich euch geliebt habe, sollt ihr einander lieben! An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger (Schüler) seid.“

Was mag die Fußwaschung mit dem neuen Gebot der Liebe zu tun haben? Die Ausführung der Fußwaschung obliegt einem Dienenden; sie ist ein „gutes Werk“, etwas Wohltuendes als Dienstleistung. So vollzieht sie der Rabbi Jesus von Nazareth, wobei er in Verbindung mit dem (Passah)Mahl durch die Fußwaschung seine Gemeinschaft mit den Jüngern hervorhebt.

Petrus überzieht die Bedeutung sozialer Rangordnung, wenn er es seinem Meister verwehrt, dass dieser ihm die Füße wäscht. Es ist zwar Brauch, dass der Schüler dem Lehrer die Füße wäscht und nicht umgekehrt; was spricht aber dagegen, wenn der Rabbi Jesus die Rangfolge umdreht?! Der Nazarener lebt seinen Jüngern die Gemeinschaft vor, die sie nach seinem Tod auch untereinander pflegen sollen. Die Fußwaschung ist für ihn Bestandteil eines größeren Ganzen (pars pro toto), nämlich für die Erfüllung des neuen Gebotes, dass sie einander lieben sollen, wie Jesus sie geliebt hat.

In unserem Kulturkreis werden Füße selten staubig, höchstens im Sommer und im Urlaub. Dann waschen wir uns selbst die Füße, und das hat überhaupt nichts mit der Fußwaschung zu tun, die im Alten Orient, im Mittelmeerraum der Antike und vom Nazarener gepflegt wurde.

Ließen wir uns die staubigen Füße waschen? Es käme wohl darauf an, wer und unter welchen Umständen uns diesen Dienst erwiese. Ich erinnere mich, wie ich als Knabe meinem Opa die Füße wusch und abtrocknete, als er es physisch nicht mehr vermochte. Hat das etwas mit der Fußwaschung gemein, mit der wir uns heute beschäftigt haben? In gewisser Weise schon.

 Mein Opa verkörperte nicht mehr den starken Menschen, der einen riesigen Garten allein hegte und pflegte, der Schutz, Sicherheit und bedingungslose Liebe gegenüber seinem Enkel ausstrahlte und gewährleistete. Ich liebte meinen Großvater; es war mir selbstverständlich, ihm zu helfen. Gleichzeitig vermittelte mir die kleine Geste des Füße Waschens das Gefühl, dafür zu sorgen, dass er sich wohlfühlt.

Mir scheint, dass wir heute noch etwas anderes, sehr Wesentliches nötig haben: Wenn sich nämlich der „Staub“ des Alltags über unsere Seele legt, wenn die einstige Frische des Lebens unter einer dicken „Staubschicht“ zu ersticken droht, wenn dichte „Staubwolken“ uns den Blick trüben für das unbeschwerte, unschuldige Lachen eines Kindes; für die Würde eines gealterten Menschen, der sich für die Gesellschaft abgerackert hat und dafür eine schmalere Rente erhält, als er oder sie verdient hat; für einen gebeugten Menschen, den die Widrigkeiten in seinem Leben gebrochen haben und den niemand versucht wieder aufzurichten.

In einer Gemeinschaft, die „Glauben“, tiefe Religiosität, Liebe, Frieden, „Vergebung“ und Versöhnung gleichsam auf ihre Fahne geschrieben hat, sollten wir einander annehmen, dem Vorbild Jesu folgend, ohne Vorbehalte, Vorurteile, Erwartungen - bedingungslos. Ich vermag aber nur den Menschen zu akzeptieren und ihm Respekt zu erweisen, den ich überhaupt bereit bin kennenzulernen. Aber wer getraut sich schon, sich zu geben, wie er ist? Darf ich in einer (frommen) Gemeinschaft so sein, wie ich (geworden) bin? Werde ich andere Menschen, die mir begegnen, überfordern? Darf ich darauf hoffen, dass man mich an- und aufnimmt?

Es erfordert die Kunst des Liebens, die mutig und offen die eigenen Phantasien, die wohl in jedem Menschen schlummern, zu erwecken, kreativ zu werden, um dann frank und frei einem Gegenüber zu begegnen. Poesie, bildende Kunst, Musik und andere Künste können eine gute Brücke bilden, um Gemeinschaft zu ermöglichen, zu fördern und später zu vertiefen.

Ich meine, jeder von uns empfände es als wohltuend und befreiend, sich gelegentlich von den Alltagssorgen und beruflichen oder anderen Belastungen lösen zu dürfen. Die Beschäftigung mit der Kunst kann eine Hilfe sein. Von Pablo Picasso stammt das Zitat (ohne Quelle):

„Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“

Sie kennen vielleicht auch das Gefühl, sich etwas von der Seele schreiben zu müssen. Jemand hat es womöglich probiert, seinen Empfindungen Raum zu verschaffen, indem er oder sie den Mut aufbrachte, zu Pinsel, Farben und Palette zu greifen. Es kann geradezu erhebend sein, zu erleben, wie Bewusstes und Unbewusstes sich allmählich auf einer Fläche zu etwas gestaltet, was durchaus die Bezeichnung Kunstwerk verdient. In manchen Gemeinde arbeitet man unter Anleitung oder auch ganz selbständig mit Ton und formt die unterschiedlichsten Figuren.

Wie gesagt, es erfordert oftmals Mut, um unsere Scheu zu überwinden. Ich selbst musste mich in einer Künstlerwerkstatt zum Malen erst wieder anregen lassen: „Hab Mut zur Farbe“, sagte der junge Maler, den ich persönlich aus einer altkatholischen Gemeinde in Bonn kannte. So presste ich die Acrylfarben aus den Flaschen heraus und verteilte sie auf einem großen Blatt, wie es mir gefühlsmäßig sinnvoll erschien. Auf eine harmonische Komposition achtete ich schon. Die Herausforderung bestand darin, nichtgegenständlich kreativ zu sein.

Schlussendlich hat mir meine Malerei gefallen; sie hängt inzwischen in unserer Wohnung an einem Platz, der einem beim Eintreten bereits auffallen kann. Wenn ich das Bild betrachte, habe ich bis heute die Assoziation von einer Art Supernova irgendwo im Universum. Dazu passt, dass mich immer wieder die Astrophysik fasziniert und die Bilder, die uns moderne Technik mit hochsensiblem Teleskopen und Satelliten liefert und uns zum Staunen bringt.

Wie auch immer die Theorien über Entstehung, Größe, Alter und Beschaffenheit des Alls sich gestalten mögen, mich befällt ein demütiger Schauder angesichts der unerschöpflichen Weite, Schönheit und unendlichen Vielzahl der Gebilde. - Kürzlich äußerte ein Kernphysiker, er sei davon überzeugt, dass wir Menschen eines Tages das Universum und die Geheimnisse des Lebens werden erklären können. Ich teile diese Auffassung nicht. Vielmehr sehe ich, wie sehr wir von unserer Endlichkeit, unseren Fragestellungen, Methoden, Voraussetzungen und den Annahmen abhängen; wie bereits die Durchführung unserer Experimente - im Kleinen wie im Großen, wie allemal unser Denken die Ergebnisse unserer Forschung beeinflussen.

Verhält es sich nicht ähnlich mit der Religion? Sollten wir nicht in unserer Religiosität Demut  und Respekt walten lassen, zum einen gegenüber dem, was uns durch heilige Schriften und vor allem durch den Rabbi Jesus vermittelt worden ist? Zum anderen gegenüber Mitmenschen, „zuerst gegenüber des Glaubens Genossen“? Wissen wir wirklich Bescheid über Göttliches? Ist uns das Heilige noch ein „mysterium tremendum et fascinosum“, ein Geheimnis, Ehrfurcht einflößend und faszinierend zugleich? Kennen wir einander überhaupt? Weiß jeder Einzelne, wer er ist? Sind wir neugierig darauf, wer wir noch werden können? Haben wir Zukunft?

Schließlich ist es keineswegs selbstverständlich, dass es das Universum, insbesondere unseren blauen Planeten und uns Menschlein gibt, uns Sterbliche, die wir niemals müde werden, uns als sog. „Krone der Schöpfung“ und als neue und bessere Schöpfer aufzuspielen. „Ehrfurcht vor dem Leben“, dafür kämpfte Albert Schweitzer. Mit Staunen, Demut und spielerischer, neugieriger Intelligenz wagte es Albert Einstein, die Grundgesetze der Mechanik, der Physik überhaupt infrage zu stellen.

Mögen wir unseren Kindern und den Mitmenschen guten Willens -  allen Hoffnungsträgern - die Unterstützung gewähren, die sie brauchen, um unsere Welt zum Besseren zu ändern! Wenn wir ihnen „die Füße waschen“ im symbolischen Sinn, wenn wir dafür Sorge tragen, dass ihre „Füße“ (pars pro toto) nicht ermüden auf den beschwerlichen, mühevollen Wegen, die sie über viele Hindernisse hinweg zu gehen haben, dann ist Entscheidendes gewonnen.

Überlassen wir nicht den Zynikern das Feld, die diesen Planeten weiterhin sinnlos ausbeuten und deren Sinne und Verstand betäubt und verblendet sind, die offenbar weder Respekt noch Ehrfurcht vor pflanzlichem, tierischem und menschlichem Leben haben.

Es müssten viel mehr Menschen den Mächtigen und Reichen, die auf Kosten anderer ihre Scheinwelt aufbauen - „Schein-Welt“ im doppelten Sinne, den Kampf ansagen; längst gibt es Programme, Theorien, Initiativen, Organisationen gegen Hunger und Ausbeutung; längst gibt es Hilfsmaßnahmen, humanitäre Projekte. Doch herrscht die „kannibalische Weltordnung“, der Turbokapitalismus, weiterhin (Jean Ziegler: Ändere die Welt! 2015, 48-53).

Wir bräuchten einen „Feldzug der Liebe“; Menschen, die bereit sind, die „Fußwaschung“, wie der Nazarener sie praktiziert und gemeint hat, umfassend mit allen Konsequenzen radikal an den Armen und Elenden zu vollziehen. Dabei müsste das Übel an der Wurzel gepackt werden; die Arbeit müsste de facto in den reichen Industrienationen beginnen. Auch revolutionäre Arbeit der Liebe oder aus Liebe muss freilich finanziert werden. Mit Geld kann man Gutes bewirken: Brunnen, Hospitäler, Schulen bauen; Bäume pflanzen, Felder wirksam bestellen; Arbeiter zu fairen Löhnen beschäftigen usw.

Solange aber Geldliebe, Gewinn- und Profitsucht, Hab- und Raffgier alles Handeln bestimmt, wird jede edel und uneigennützig motivierte Hilfe wie ein Tropfen auf dem heißen Stein verpuffen. Solange Mächtige wertvolle riesige Flächen und Gebiete zertrampeln, verbrennen oder bis zur Nutzlosigkeit ausbeuten; solange sie alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungern oder an Folgen von Unterernährung sterben lassen - sie de facto ermorden; solange dieses zum Himmel schreiende Verbrechen ungestraft zugelassen wird, solange  bleibt unser Reden von Liebe und Menschlichkeit reinster Zynismus.

Wir sollten nicht zulassen, dass die Fußwaschung Jesu in der Bedeutung des neuen Gebotes gegenseitiger Liebe lediglich als ein Geschehen der Vergangenheit in einem uns fremden Kulturkreis - ohne Auswirkung auf die Verhältnisse unserer Gegenwart - vergessen wird.

Amen.

http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/ s.v. Fußwaschung (NT), Christian Wetz (2010); dort auch bibliographische Hinweise.

Perikope
02.04.2015
13,1-35

Predigt zu Johannes 19,16-30 von Claudia Trauthig

Predigt zu Johannes 19,16-30 von Claudia Trauthig
19,16-30

„Es ist vollbracht“.
Mit diesen drei Worten beschließt Jesus sein Leben.
So jedenfalls führt es uns der Evangelist Johannes vor Ohren und das innere Auge.

„Es ist vollbracht!“ - Was für ein Satz am Ende eines dramatischen Lebensweges!?

Was für ein Schlussakkord, liebe Gemeinde, den ja -quer durch die Musikgeschichte- Komponierende immer wieder aufnahmen, nachklingen ließen?

Inmitten von Hass und Tod, am Ort offensichtlichster Gottesferne, Golgatha, sagt Jesus, DER Liebende, DER Lebendige:
„Es ist vollbracht“
– und stirbt.

Nur wenige derer, die doch etwas ganz Neues mit diesem Jesus anfangen wollten, sind an seiner Seite, als dies geschieht.
Gestern waren wir viele, heute sind wir allein. (Zitat von Schülerinnen und Schülern des Joseph-Königs-Gymnasiums Haltern, 25.03. 2015, am Tag nach dem Flugzeugabsturz)

Sterben mitanzusehen, Gewalt nicht aufhalten zu können, Sinnlosigkeit zu ertragen – das ist schwer: immer und überall. (Der schwerste Moment für den Vorstandsvorsitzenden von Lufthansa war es, so sagt er, den Angehörigen in die Augen zu schauen, denen der Tod das Liebste genommen hat.)
Doch jener merkwürdige Jünger, der keinen Namen im Evangelium hat, keine Identität aufweist, bleibt - sieht Jesu Tod mit an. Johannes nennt ihn: „Der Jünger, den Jesus liebte“.

Warum hat er keinen Namen? Meint der Evangelist sich selbst? Oder - meint er womöglich mich und Dich? Wollten wir nicht auch Jesus immer und überall nahe bleiben? Sind wir nicht auch Jüngerinnen, die Jesus liebt, Jünger, die ihn lieben? Aber halten auch wir mit ihm stand, wenn das Leid vor uns steht?

Und es bleibt auch Maria, die Mutter des erwachsen gewordenen Gottessohnes: eine –aus damaliger Sicht- alte Frau, die diesen Jesus geboren hat.
Ausgetragen in der ahnenden Gewissheit, dass ihr damit eine Aufgabe in den Schoß gelegt wurde, die kein Mensch wirklich begreift.

Maria - was hat sie mitgemacht mit diesem Kind? Höhen und Tiefen, Ängste, Hoffnungen und Stolz, Rätsel und Staunen…
Und doch ist Maria jetzt unter dem Kreuz zuallererst: eine Mutter: eine Mutter, die ihr Kind verliert, seinem Sterben zusieht und es überlebt.

Vermutlich ist das das schlimmste Schicksal, das eine Mutter, Eltern durchleiden können.
So ist Maria allen Müttern aller Zeiten und Orte, die dieses Schrecknis teilen, nah.
Nahe den Müttern, nahe den Angehörigen der 150 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder von Flug 4U9525, Barcelona – Düsseldorf.
Nahe den Müttern, deren Kinder von einer sinnlos wütenden Krankheit wie dem grauenvollen Ebola-Virus genommen werden.

Nahe den Müttern, deren Kinder mit einem Schlag aus ihrem Leben verschwinden: durch Unfälle, Mord und Gewalt, Krieg oder Unglück.

Maria und dem Jünger zur Seite sind noch Zwei, die leicht übersehen, überlesen werden:
Da ist zum einen Maria Magdalena. In der Theologiegeschichte nannte man sie „die große Sünderin“. Besser sollten wir sagen: die große Freundin: Jene, die sich nicht vertreiben lässt, sondern bis zuletzt die Treue hält.

Neben Maria aus Magdala, gibt es da noch „die andere Maria“, die Frau des Klopas, Schwester der Mutter Jesu und damit seine Tante. Sie steht der Mutter zur Seite.
Keine große Rolle spielt sie im Evangelium.
Keine große Rolle?

Sagte ich nicht gerade: „Sie steht zur Seite“? Sie ist also einfach da, wo Leid zum Himmel schreit. Einfach da, weil sie mit dabei ist, mit leidet.
Tiefes und echt empfundenes Mit-leid ist eine Begabung und eine Gnade und vor allem ein Liebesdienst. „Die andere Maria“ steht für alle, die so zur Seite stehen, mit-leiden, einfach „da“ sind.

Sie steht für die Notfallseelsorger und Notfallseelsorgerinnen, die in der vergangenen Woche in Düsseldorf und Haltern, in Barcelona und Südfrankreich einfach da waren.

Sie steht für die Rettungskräfte, die alles Menschenmögliche versuchten, schlicht den Opfern verpflichtet waren. Sie steht auch für die Politiker, die sich das Grauen eines Fluges über die Unglücksstelle zumuten ließen, um Beistand zu geben: Trost.

Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.

Erinnern wir uns?
Vom Berg der Seligpreisungen hat Jesus diesen seltsamen Satz gesagt. „Glücklich im höchsten Sinne, unüberbietbar – also selig“, sagt Jesus, „sind die, die Leid tragen“?

Im tiefen Leid ruht, keimt vollkommene Seligkeit? Das ist ein zunächst ganz unglaublicher Satz - ein Satz, der aus dem Himmel herabgestiegen ist.

Denken wir zurück an die andere große Tragödie, die Europa in diesen Wochen zwischen dem Jahreswechsel und Ostern erschüttert hat, an das Attentat von Paris. Nur zwei Tage (am dritten Tage!) nach dem Anschlag nahmen die überlebenden Redakteure ihre Arbeit wieder auf:
„Der Zeichenstift wird immer der Barbarei überlegen sein.“

Ich bin Charlie – dieser Satz umkreiste die Welt.

7 Millionen Mal wird das Produkt ihrer Arbeit in Windeseile, in 16 Sprachen der Erde, verkauft.
In den ersten zwei Monaten nach dem Attentat erzielt Charlie Hebdo allein durch Zeitungsverkäufe einen Gewinn von über 20 Millionen Euro, zusätzlich gehen viele Spenden ein. Während die Einnahmen durch Spenden allein den Hinterbliebenen der Getöteten zugutekommen, soll der Verkaufserlös unter anderem dafür verwendet werden, eine Stiftung zum Thema Meinungsfreiheit zu gründen. (Wikipedia: Charlie Hebdo)

Liebe Gemeinde,
in das Dunkel fließt ein Lichtstrahl,
in die Leere strömt etwas Neues.
Wie das leise Zwitschern der Vögel auf den Gräbern. Ein neues Lied stimmt an: „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“

Können wir es hören?

Ich jedenfalls kann so und nicht anders beginnen zu begreifen, warum Jesus sagt: Es ist vollbracht.

Nicht nur die Schrift, die hier reichlich zitiert wird, hat sich erfüllt. Sondern Jesu Weg hat sich vollendet. Es ist der Weg der ewigen und bedingungslosen Liebe. Einer Liebe, die sich durch nichts und niemanden aufhalten lässt. Keine Machthaber und keine Mächte des Todes können diese Liebe zerstören.

In den bunten Teppich unseres Lebens, der immer wieder voller Grau und Schwarz und leider Gottes erneut auch wieder braun ist, webt Gott sich selbst ein… seine Lichtfarbe der Liebe: Sein Weiß oder Gold oder Rot – wie auch immer wir uns diese unzerstörbare Farbe göttlicher Liebe vorstellen…

Und weil das, liebe Gemeinde, die Botschaft von Karfreitag ist, ist Karfreitag ein Tag tiefer Trauer, aber auch ein Tag keimender Hoffnung. So versteht es und schildert es Johannes.
Es ist ein Tag der Widerstandskraft Liebe, die alles übersteigt, was wir verstehen und die in Ewigkeit bleibt.

Es ist vollbracht!
Bevor Jesus das sagt, wendet er sich jenen beiden noch einmal zu: Frau und Mann, dem namenlosen Jünger und der Mutter: seiner Vergangenheit und der Zukunft seines Dienstes.
Jenen, die das geliebte Kind oder ihren Herrn verlieren, deren eigenes Lieben Gefahr läuft, beziehungslos zu werden, eröffnet er Zukunft: „Frau, siehe, das ist dein Sohn. (…) Siehe, das ist deine Mutter.“
Noch im Sterben ermöglicht Jesus lebendige Liebesbeziehungen, die das Reich Gottes im hier und jetzt kennzeichnen. Jünger und Mutter stehen nicht zuletzt auch für das Volk Israel und uns Heiden. In verwandtschaftlicher Liebe sollten wir einander begegnen.
Es ist vollbracht.

Liebe Gemeinde,
wir sind der namenlose Jünger.
Jeder Karfreitag mutet auch uns zu, unter dem Kreuz zusammenzukommen.
Jeder Karfreitag stellt uns das Leid vor Augen.
Als jene, die sich zu Jesus halten, auf ihn sehen, ihm gehören wollen, können wir weder Augen noch Ohren, weder Hände noch Geldbeutel vor diesem Kreuz und den Kreuzen dieser Welt verschließen. (Sie aufzuzählen ist in der Kürze der Zeit überhaupt nicht möglich.)

In diesen Tagen musste ich immer wieder auch an die Ereignisse vor sechs Jahren in Winnenden denken. Die Bilder aus Frankreich, erst recht nachdem die Hintergründe klar wurden, müssen in den Überlebenden den eigenen Verlust wieder schmerzlich aufgedeckt haben…

Doch ich erinnerte auch ein Hoffnungszeichen, das mich 2009 sehr bewegt hat: Schülerinnen und Schüler der Albertville-Realschule brachten bunte, ganz individuell gestaltete Symbole zum Altar.
Diese Symbole veranschaulichten die Träume der Verstorbenen.
Nachdem die Symbole zum Altar getragen waren, man sich als Betrachterin eine kleine Zeit an ihrer vielfältigen Farbigkeit erholen konnte, wurden sie –wie mit einem Schlag- ganz und gar verdeckt. Der Traum vom Leben der jungen Leute verschwand unter einem schwarzen, schweren Tuch: Karfreitag.
Anschließend folgte eine weitere Rede. Ich konnte kaum folgen, so gebannt war ich von dieser alles gleich machenden Schwärze, unter der die Träume verschwanden…

Sollte es damit enden?

Nein!!! Vor dem Auseinandergehen der Menschen ((nicht nur in Winnenden, sondern an vielen Orten,)) kamen die Mitschülerinnen und -schüler mit der Rektorin wieder zum Altar.
Behutsam, fast zärtlich deckten sie ein Symbol nach dem anderen wieder auf. Nicht vollständig. Das schwarze Tuch war nicht mit einem Mal verschwunden. Aber es beseitigte ihn nicht – den Traum vom Leben:
„Wir verpflichten uns diesen Träumen. Wir beleben sie.“ – so versprachen diese jungen Menschen einmütig.

Frau, siehe, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter.“ Verpflichtet Euch meinem Leben und Sterben und Auferstehen…
Mit Gottes Hilfe. Mit Gottes Hilfe, liebe Gemeinde, beleben auch wir die Träume vom wahren Leben, verpflichten uns der Hoffnung.

Mit Gottes Hilfe erkennen wir im Antlitz des Gekreuzigten die unzerstörbare Liebe.
Mit Gottes Hilfe halten wir die Lücke zwischen den Lebenden und den Toten. Zwischen dem Gekreuzigten und allen mütterlichen Jüngern oder brüderlich Nachfolgenden. Mit Gottes Hilfe erkennen wir in dem ans Kreuz Erhöhten den himmlischen Herrn der Herrlichkeit.
Ja, liebe Gemeinde, „es ist vollbracht“ –
und es bleibt uns noch soviel zu tun –
bis ans Ende der Zeit!

Amen.

 

Perikope
03.04.2015
19,16-30

KONFI-IMPULS zu Johannes 13,1-15;34-35 von Stefanie Bauspieß

KONFI-IMPULS zu Johannes 13,1-15;34-35 von Stefanie Bauspieß
13,1-35

Das Mahl des neuen Bundes

Bezugnehmend auf das Zusatzmaterial aus dem DVD complett-Film „Iss und Trink – Gemeinsam das Abendmahl feiern“, der über den Ökumenischen Medienladen zu erhalten ist.

Im Raum ist ein Tisch gedeckt mit Brot, Trauben, Traubensaft, Wasser, Mehl, Körnern. Konfis überlegen sich in EA und sammeln  auf einem Plakat, was sie mit „Abendmahl“ verbinden: Jesus isst Brot und Wein mit seinen Jüngern vor seinem Tod. Leonardo Da Vinci. Brot und Traubensaft/Wein. Essen und Trinken. Alle aus einem Kelch.

Versweise wird der Text Joh 13,1-15; 34-35 gelesen. In Kleingruppen beantworten sie Fragen und legen sie auf den gedeckten Tisch.

-          Warum wäscht Jesus die Füße der Jünger? Was bedeutet das für uns? Waschen wir anderen die Füße?
Jesus will damit sagen, dass wir sonst nichts anderes brauchen. Er wäscht uns die Füße und unsere Sünden weg. Er schafft Gemeinschaft. Wir waschen niemandem die Füße, aber wenn wir uns gegenseitig Fehler verzeihen, ist es so ähnlich.

-          Wie bereitet man sich auf das Abendmahl vor? Wer darf zum Abendmahl kommen? Gibt es Gründe, warum man nicht kommen darf?
Man betet und singt und beichtet. Es dürfen alle zum Abendmahl kommen. Aber man muss christlich sein. Das erkennt man durch die Taufe. Es gibt dann keine Gründe, warum man nicht kommen darf.

-          Was passiert da eigentlich bei den Einsetzungsworten? Verwandelt sich da was? Wie ist das bei den Katholiken?
Es wird von dem Abend erzählt, als Jesus mit seinen Jüngern isst und verraten wird. Brot verwandelt sich in den Leib Jesu und Wein in Blut. Katholiken müssen vor dem Abendmahl beichten.

-          Welche Bedeutung hat die Beichte im Gottesdienst? Wie ist das mit Judas? Kann man durch das Waschen rein werden? Was meint rein und unrein?
Wenn man rein ist, hat man keine Sünden. Aber eigentlich hat doch jeder Mensch gesündigt. Judas ist unrein, denn er ist der Verräter Jesu. Aber Jesus hat durch das Waschen die Jünger von allen Sünden befreit. Man darf seine Sünden im Gottesdienst beichten. Es tut gut, wenn man etwas erzählen kann, weshalb man ein schlechtes Gewissen hat.

-          Warum wäscht Jesus Judas auch die Füße, obwohl er weiß, dass er ihn verraten wird? Warum spricht er ihn nicht darauf an? Wie fühlt sich Judas wohl?
Jesus will alle Jünger gleich behandeln. Er will, dass Judas sich selbst verrät und begreift, was er gemacht hat. Judas hat ein schlechtes Gewissen, während Jesus ihm die Füße wäscht.

-          Wie lautet das Gebot in V 34 und 35? Wie wird durch das Abendmahl dieses Gebot bei uns verwirklicht?
Das Gebot lautet: Liebe deinen nächsten so wie du dich selbst. Das wird beim Abendmahl deutlich, weil man zusammen isst, und die Gemeinschaft untereinander stärkt. Man ist dann nicht mehr fremd füreinander.

Die Konfirmanden können im Gründonnerstagsgottesdienst beteiligt werden, indem sie die Fragen aus den Kleingruppen zu Beginn oder während der Predigt stellen und auch beantworten. Die Predigt reagiert darauf, indem sie dieses Fragen wieder aufnimmt und ergänzt bzw. auf die ganze Gemeinde weitet. Weiterhin können sie beim Abendmahl Aufgaben übernehmen und mit austeilen.

Liedvorschläge: Meine engen Grenzen EG 589, Du bist die Kraft, die mir oft fehlt (Wwdl 25)

Foto: s. unten "Downloads"

Perikope
02.04.2015
13,1-35

Nichts im Griff haben - Predigt zu Johannes 19,16-30 von Søren Schwesig

Nichts im Griff haben - Predigt zu Johannes 19,16-30 von Søren Schwesig
19,16-30

Nichts im Griff haben

16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.“ Das taten die Soldaten.
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger,  den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er,  damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Liebe Gemeinde,

am heutigen Karfreitag ist uns aufgetragen, Jesu Leidens- und Todes­ge­schichte zu bedenken. Das fällt uns nicht leicht, denn Todesgeschichten sind uns unangenehm. Mit dem Tod tun wir uns schwer. Wir gehen ihm möglichst aus dem Weg, au­ßer in den Fernsehnachrichten, wo wir Sterben aus sicherer Distanz miter­leben. Doch manchmal werden wir mit dem Tod ganz di­rekt konfrontiert - etwa bei Men­schen, die uns nahe sind und denen unser Herz gehört. Aus purer Hilflosigkeit heraus kann es dann passie­ren, dass wir die Versuche des Kranken überhören, über den Tod zu sprechen. Stattdessen sagen wir mit ge­spieltem Optimismus sagen: „Sprich doch nicht vom Sterben. Das wird schon wieder. Du darfst die Hoffnung nicht auf­geben!

Wir tun uns schwer mit dem Tod. Das mag daran liegen, dass das Ster­ben weitgehend aus unserem Lebensumfeld verschwunden ist. Gestor­ben wird bei uns meist nicht mehr zu Hause, sondern in Altersheimen und Kranken­häusern. Außerhalb unserer Wohnungen und damit au­ßerhalb unseres Be­wusstseins. Das führt dazu, dass Menschen sich vom Tod `entwöhnen´. Sie empfinden ihre Gesundheit als selbstverständlich und rechnen nicht mit der Möglichkeit des Todes. Aber wehe der Tod hält plötzlich Einzug: dann trifft es sie völlig unvorbereitet. Übergroß dann das Erschrecken und Ent­setzen vor der Macht des Todes.

Wir tun uns schwer mit dem Tod. Der Karfreitag aber stellt uns die Auf­gabe, über den Tod nachzudenken: über unseren eigenen, den unserer Lieben, aber vor allem über den Tod Jesu damals in Jerusalem.

Wie kann Gottes Sohn von Menschen ans Kreuz geschlagen werden?“, haben die Jünger damals gefragt. Wir Heutigen fragen ähnlich. Aber un­sere Fragen gehen weiter. Wir fragen: „Hat Jesu Tod Bedeutung für mein Sterben - oder gar auch für mein Leben?“

Antwort auf diese Frage finde ich in den letzten Worten Jesu. Sie lau­ten: „Es ist vollbracht.“

Es ist vollbracht! Das klingt zunächst wie Es ist vorbei! Und es ist gut, dass jetzt der Spott der Solda­ten vorbei ist, die dem Sterbenden Essig statt Wasser zu trinken geben und um seine Kleider würfeln. Es ist gut, dass die Peitschenschläge vorbei sind, die die Mordlust der Menge befriedi­gen sollen. Es ist gut, dass der Kampf am Kreuz mit dem Tod vorbei ist, das Ringen um den Atem. Gut, dass dies nun alles mit Jesu Tod vorbei ist.

Aber „Es ist vollbracht!“ meint mehr als: Es ist vorbei! „Es ist voll­bracht!“ heißt: Mein Auftrag ist erfüllt, mein Werk zum Ziel gekom­men. Was geschehen sollte, ist geschehen. Das meint „Es ist voll­bracht!“ Am Kreuz ist zum Ziel gekommen, was damals begann, als Jesus einige Fischer in seine Nachfolge berief, um das Evangelium von der Liebe Gottes den Menschen zu bringen. Und Jesus hat Gottes Liebe unter die Menschen gebracht. Hat sich für diese Liebe sogar ans Kreuz schlagen lassen. Ist für diese Liebe sogar gestorben. Ja, es ist voll­bracht!

Seine Jünger bergreifen das damals nicht. Sie sehen nur Schei­tern. Ihr Meister ans Kreuz geschlagen und mit ihm all die Hoffnun­gen, die sie auf ihn gesetzt hatten. All der Lebensmut, den er ihnen gegeben hatte. All der Lebenssinn, den sie bei ihm gefunden haben. All das ist nun aus und vorbei. Ans Kreuz geschlagen.

Das Eigentliche, was an diesem Kreuz geschehen ist, erkennen sie nicht. Deshalb bleiben sie auch nicht bei ihm. Das Entsetzen über die­ses schein­bar sinnlose Geschehen treibt sie in die Flucht.

…………………………

Was ist eigentlich an diesem Kreuz geschehen? Haben wir verstanden, wofür das Kreuz steht? Ist es Zeichen einer Niederlage? Nie­derlage dessen, der noch vor wenigen Tragen mit großen Erwartun­gen und lautem Hosianna-Geschrei begrüßt wurde? Aber als er die religiösen Er­wartungen nicht erfüllt, verwandelt sich das Hosianna in ein hass­erfülltes Kreuzigt ihn! Ein schneller und tiefer Fall. Das Kreuz also Zei­chen einer Niederlage?

Oder ist es ein Symbol menschlicher Brutalität? So der englische Biolo­gieprofessor Richard Dawkins, der in seinem Buch „Der Gotteswahn“ seine atheistischen Thesen darlegt, u.a. die, dass die Menschen viel glücklicher leben würden ohne Religion, weil die Religion Menschen knechtet, in Kriege führt und sie von sich selbst entfremdet. Dawkins nennt das Kreuz ein Symbol für Brutalität und Gewalt. Es sei geradezu ab­surd, dass dieses Folterinstrument zum zentralen Symbol des christlichen Glaubens gemacht worden ist.

Ähnlich bewertet das Kreuz wohl die Stimme, die forderte, man solle das Bild des Gekreuzigten ersetzen durch das Bild des Kindes in der Krippe. Das würde uns an Weihnachten und an erfreuliche Dinge erin­nern.

Aber das Kreuz ist nicht Zeichen der Niederlage oder Symbol menschli­cher Brutalität. Ganz anders. Das Kreuz ist zum einen Zei­chen des Ge­horsams Jesu gegen Gott. So schreibt Paulus im Philipperbrief über Jesus: „Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tode am Kreuz.

Und es stimmt: Jesus war ge­kommen, den Menschen Gottes Liebe zu bringen. In seinen Gleichnissen und Predigten, in seinen Heilungen und Wundern gab er den Menschen Antwor­ten auf ihre Lebens- und Got­tesfragen. Viele ließen sich anstecken von seiner Botschaft, andere blieben unerreicht. Einige verschlossen sich seiner Botschaft so sehr, dass sie ihm nach dem Leben trachteten.

In Jerusalem kommt es zur Entscheidung, zum Prozess. Aber Jesus bleibt der Sache Gottes gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Noch am Kreuz bleibt seine Verkündigung dieselbe. „Ihr könnt nicht Gott lieben, wenn ihr nicht auch eure Mitmenschen liebt“ - so hatte er ge­lehrt. So sagt er noch am Kreuz zu seiner Mutter: „Dieser Jünger soll nun dein Sohn sein.“ Und zu dem Jünger: „Diese Frau sei nun deine Mutter.“

Aus Treue zu Gott lässt er sich ans Kreuz schlagen und bleibt noch am Kreuz der Sache Gottes gehorsam. Deswegen diese letzten Worte: „Es ist voll­bracht.“ Ja – sein Werk ist vollbracht.

So ist das Kreuz zum einen Zeichen des Gehorsams Jesu gegen Gott. Zum anderen erinnert das Kreuz an das Dunkle, das in meinem Leben geschehen kann. Das Kreuz erinnert daran, dass ich in meinem Leben anderen Mächten schutzlos ausgeliefert sein kann.

"Den Alkohol habe ich im Griff", sagt einer und merkt nicht, dass die Sucht ihn fest im Griff hat.

Eine andere sagt: "Den Krebs habe ich im Griff. Die Operation ging gut. Alles in Ordnung.". Doch dann zeigen sich erste Metastasen und es ist klar: Nichts hast du im Griff.

Die Trauer krieg´ ich in den Griff. Das Leben geht weiter!“, sagt ein anderer nach dem Tod seiner Frau. Aber er kann ihren Tod nicht ak­zep­tieren, verdrängt ihn und versucht schnell zu einer neuen Tages­ordnung überzugehen. Doch der unbewältigte Schmerz bricht immer wieder auf. Und es zeigt sich: Nicht er hat die Trauer im Griff. Die Trauer hat ihn im Griff.

Es passieren Dinge in meinem Leben, die ich nicht im Griff habe. Und dann muss ich zugeben: Nicht ich habe mein Leben im Griff. Andere Mächte haben mich im Griff und ich bin ihnen schutzlos ausgeliefert.

Jesus erging es ähnlich. Am Kreuz war er schutzlos der Mordgier der Men­schen ausgeliefert. Nichts hatte er mehr im Griff. Das Verderben hatte ihn im Griff.

Aber so paradox es klingt: Genau das ist für uns Grund zur Hoffnung. Weil Jesus am eigenen Leib erlebt hat, wie das ist, anderen Mächten ausgeliefert zu sein, kann ich wissen, dass er mir nahe ist in meinem Leid. Weil Jesus am eigenen Leib Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung er­lebt hat, kann ich wissen, dass er mich im Dunkel meines Lebens nicht allein lässt.

Wenn ich in meinem Leben an solch eine bittere Stunde geführt werde, wo mir alles aus der Hand genommen wird und ich nichts mehr im Griff habe, kann ich das eine wissen: Ich bin Jesus ganz nahe. Denn das Leid, das mir widerfährt, hat er erlitten. Die Hoffnungslosigkeit, die mich quält, hat er gekannt. Die Verzweiflung, die mich heimsucht, hat er erlebt.

Wenn ich in meinem Leben an solch eine Stunde geführt werde, wo mir alles aus der Hand genommen wird und ich nichts mehr im Griff habe, kann ich das eine wissen, dass ich Jesus ganz nahe bin. Er ist jetzt mein Bruder.

So ist das Kreuz also Zeichen des Gehorsams Jesu ge­gen Gott und der Ort, an dem ich erfahre, dass Jesus mich im Dunkel meines Lebens nicht allein lässt.

Dass ich im Dunkel meines Lebens nicht alleine bin, sondern dass da einer da ist, der mein Leben auch dann in seinen Händen hält, hat Je­sus in sei­nem eigenen Tod erfahren. Denn wir feiern Karfreitag mit dem Wissen, dass auf Jesu Tod die Auferstehung folgen wird. Am Ostermorgen wird Gott die Antwort geben auf Jesu Frage nach der Verlassenheit, indem er ihn nicht im Tode lässt, sondern ihn zu sich nimmt in das Reich, das Je­sus verkündigt hat.

Nicht der Tod, sondern Gott hatte das letzte Wort über Jesu Leben und Sterben. Und es war ein Wort des Lebens - gegen den Tod.

Und wir, die wir zu Jesus gehören, dürfen wissen: Seine Ge­schichte ist auch unsere Geschichte. Auch über uns und unsere Lieben wird nicht der Tod, sondern Gott das letzte Wort haben. Und es wird ein Wort des Lebens sein, der Barmherzigkeit und des Friedens. Das ist unsere Hoff­nung. Das ist unser Glaube. Darum lasst diese Hoffnung auf diesen Gott, der das letzte Wort haben wird, schon jetzt in euer Leben hin­einleuchten. Lasst diese Hoffnung all eure Lebensängste vertreiben, auf dass euer Le­ben reich werde und hell.

Amen.

Perikope
03.04.2015
19,16-30

Der König fährt Fahrrad - Predigt zu Johannes 12,12-19 von Christoph Schweizer

Der König fährt Fahrrad - Predigt zu Johannes 12,12-19 von Christoph Schweizer
12,12-19

Der König fährt Fahrrad

Jesus zieht in Jerusalem ein. Die Leute jubeln ihm begeistert zu, winken mit Palmzweigen – das ist die Szene, die dem Palmsonntag seinen Namen gibt. Seltsam, dass mit dieser fröhlichen Szene die Karwoche mit all dem Schweren ihren Anfang nimmt. Ich lese die Geschichte vom Einzug in Jerusalem, wie sie bei Johannes aufgeschrieben ist:

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen:
„Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“
Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht: „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, den König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.
Das verstanden seine Jünger zuerst nicht. Doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dies Zeichen getan.
Die Pharisäer aber sprachen untereinander: „Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet. Siehe, alle Welt läuft ihm nach!“


Liebe Gemeinde, es ist eine bunte Geschichte – und eine ziemlich verwunderliche und schräge, diese Szene vom Einzug Jesu nach Jerusalem. Das Volk jubelt ihm zu – doch so recht steht ihm die Rolle des Volkshelden nicht. Und irritierende Missklänge mischen sich in die Jubelszene.

Ein Missklang ist das Unverständnis der Jünger. Oder das religiöse Establishment, diese braven Männer, die schon darauf sinnen, wie sie den Störenfried Jesus ausschalten. Für den Moment strecken sie die Waffen. Aber wir wissen, sie warten nur auf einen günstigeren Zeitpunkt.

Ein besonders schräges Motiv in dieser Einzugsszene ist das Reittier. Ausgerechnet ein Esel. Jesus wird umjubelt als „König von Israel“. Aber ein König reitet auf einem Pferd, dem schnellen Reittier der Krieger. Nicht auf einem störrischen Esel, der allenfalls einem Bauern zur Ehre gereicht. Ein König auf einem Esel – das ist gerade so, als würde die Königin von England die jährliche Geburtstagsparade auf dem Fahrrad abnehmen.

Und doch ist gerade der Esel in der Bibel das Zeichen des Friedenskönigs. Das schrieb schon der Prophet Sacharja mit seiner Messiashoffnung, die in unserem Predigttext zitiert wird: „Fürchte dich nicht, freue dich, Tochter Zion. Siehe, dein König kommt zu dir arm und reitet auf einem Esel.“

Der König Gottes kommt nicht wie Alexander der Große auf einem Kriegsross dahergesprengt, er kommt auf dem Esel und bringt den Frieden. Er kommt auf dem Reittier der einfachen Leute. Nicht hoch zu Ross, hoch über den Köpfen, auf dem Esel reitet er, heute wär’s vielleicht ein Fahrrad, im gemächlichen Tempo und auf Augenhöhe mit denen, die ihn da erwartungsvoll empfangen.

Aber was sind das nur für Leute, die da auf den Straßen von Jerusalem stehen? Heute noch feiern sie Jesus als Befreier. Doch in wenigen Tagen werden sie schreien: „Kreuzige ihn!“

Wir anständigen und friedliebenden Leute, die wir gerne sind oder die wir zumindest gerne wären, wir sind befremdet über diesen Mob von der Straße. Es ist ja auch viel leichter auszuhalten, diese Szene irritiert zur Kenntnis zu nehmen und bei sich zu denken: „Was für primitive und verführbare Menschen!“ Unangenehmer wird es dann, wenn wir uns selbst mit hineinziehen lassen. Wenn wir uns überlegen: Wo wäre denn unser Platz in dieser Szene? Würden wir mit dem Eselreiter den zunächst so umjubelten und dann doch so dornenreichen Weg mitgehen? Oder ist unser Platz die bequeme Beobachterposition am Rande?

Die Stimmung der Leute am Straßenrand konnte doch nur deshalb so rasch kippen, weil es keine tiefe innere Beteiligung, kein echtes Interesse war, das sie jubeln ließ, sondern Sensationsgier. Nur nichts verpassen. Dabei sein ist alles. Und so schnell, wie man eben noch begeistert ist, hat man‘s, falls die Stimmung kippt, immer schon gewusst und kommentiert das Geschehen am Stammtisch der Geschichte.

Sich nur nicht zu weit reinziehen lassen. Immer schön am Rand bleiben. Aber ja nichts verpassen. Das ist die Grundausstattung des gnadenlosen Mobs. Eine Grundausstattung, die wir alle in uns tragen.

Jesus, der König auf dem Esel, zeigt einen anderen Weg. Er ist da, ganz nah. Immer wieder. Lässt sich Leid, Krankheit, Zerstörtes und Zerstörerisches nahe gehen, hält es nicht auf  Distanz.

Ein Beispiel: die Geschichte von den Besessenen von Gerasa. Zwei kranke Männer leben außerhalb der kleinstädtischen Gesellschaft, in Grabhöhlen. Weiter draußen aus dem Leben, den Beziehungen, aus dem Sinn… geht nicht. Jesus geht hin, spricht mit ihnen, lässt sich vor ihrem grässlichen Auftreten, von all den inneren und äußeren Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden, nicht abschrecken, hält ihnen stand, hält die Nähe aus. Auch die Nähe von Not, von Geschrei, von Gestank.

Ein weiteres Beispiel: Die Frau, die gegen den Sittenkodex verstoßen hat und so das zwischenmenschliche Gefüge verletzt hat… Sie war beim Ehebruch ertappt worden und wurde vor Jesus gezerrt, damit er sie richte. Doch er schwingt sich nicht zum Richter auf, sondern ermöglicht ihr den Weg zurück in die Gesellschaft, indem er ihr zeigt: Ich finde nicht gut, was du getan hast. Aber ich respektiere dich als Mensch! Und zu den Zeugen der Szene sagt er den berühmten Satz: „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Wo man andere und ihr Schicksal an sich ran lässt, da geht das nicht mehr gut mit dem verurteilen, mit dem Steinewerfen.

Die Reihe solcher Geschichten von Jesus ist lang. Geschichten, die zeigen: Er wendet sich denjenigen zu, von denen sich die mehr oder weniger anständigen Bürger schön fern halten. Mit denen sie nichts zu tun haben wollen. Denen, die mit ihrem Unglück oder mit ihrem unanständigen Verhalten das kleine bürgerliche Glück in Frage stellen. Denen, von denen man sich lieber nicht anstecken lässt.

Geschichten, die man lieber nicht an sich ran lässt – wo sind solche Geschichten heute? Lampedusa fällt mir ein. Diese süditalienische Insel, paradiesisch gelegen, steht für tausendfaches Unglück. Für afrikanische Bootsflüchtlinge auf überfüllten Kähnen, die im Mittelmeer ertrinken. Und diejenigen, die es lebendig auf europäischen Boden schaffen, werden in ein überfülltes Aufnahmelager verfrachtet. Glücklich, wem es gelingt, in die Illegalität unterzutauchen. Oder wer sich irgendwie in den Norden Europas durchschlägt und Asyl beantragt.

Lampedusa ist weit weg. Und kommt uns doch seit Monaten nahe, mit all den Schreckensmeldungen von gekenterten Flüchtlingsbooten, mit den Nachrichten von einer „Flüchtlingswelle“. Noch sind die Stimmen in der Minderheit bei uns, die altbekannten, die jammern, „das Boot sei voll“. Noch gibt es Verständnis, Mitleid mit denen, die es aus den Krisengebieten im Norden Syriens und des Irak zu uns schaffen, „die armen Leute“. Aber zu nah soll das Elend uns dann doch nicht kommen. Eine Flüchtlingsunterkunft in der unmittelbaren Nachbarschaft – das dann doch lieber nicht. Das Boot ist vielleicht noch nicht voll – aber in unserer Straße ist jedenfalls kein Platz. Nicht für solches Elend.

Wie gut, wenn es Menschen gibt, die uns eine Brücke bauen, die uns helfen, im Flüchtling aus dem Irak nicht nur das anonyme Elend zu sehen, das mir unangenehm nah rückt. Sondern in ihm den Menschen zu sehen. Wie gut, dass es ein kirchliches und bürgerschaftliches Netzwerk gibt von Freundeskreisen für Flüchtlinge. Sie helfen uns, auf Flüchtlinge zuzugehen, ihnen ins Gesicht zu sehen, ihnen die Hand zu reichen. Und uns ihre Geschichten, ihre Schicksale nicht vom Leib zu halten, sondern sie anzuhören und uns angehen zu lassen.

Solche Freundeskreise folgen dem Beispiel des Königs, der auf dem Esel reitet, auf dem langsamen Reittier, auf dem man sich in Augenhöhe bewegt. Sie folgen dem Beispiel des Königs, dessen Macht in seiner Ohnmacht besteht. Und der so unsere gnadenlosen Machtvorstellungen, unser Recht des Stärkeren, durchbricht.

Er ist auf dem Weg, der Eselreiter. Auf dem Weg zu aller Welt. Auf dem Weg in die Asylunterkunft, auf dem Weg ins Pflegeheim und ins Hospiz, wo die Ehrenamtliche die letzten Stunden des Sterbenden und die Nähe des Todes mit aushält. Er ist auf dem Weg zu uns. Und lädt uns ein, mitzukommen auf seinen Weg des Friedens.

Lädt uns ein, und weiß, wie oft wir den Weg verfehlen. Wir sind nicht er. Wir scheitern regelmäßig beim Versuch, gut zu sein. Gerade deshalb gilt uns seine Liebe. Weil wir sie brauchen. Gerade deshalb lädt er uns immer wieder ein, uns mit ihm auf den Weg zu machen. Amen.

Perikope
29.03.2015
12,12-19

Der Buchsbaumzweig - Predigt zu Johannes 12,12-19 von Wolfgang Vögele

Der Buchsbaumzweig - Predigt zu Johannes 12,12-19 von Wolfgang Vögele
12,12-19

Der Buchsbaumzweig

Vorbemerkung: Das in der Predigt angesprochene Bild von Alfred Stevens und ein Bild eines geschnitzten Palmesels können abgerufen werden unter: https://wolfgangvoegele.wordpress.com/2015/03/25/palmsonntag-bilder/

„Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.“ Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.“

Liebe Gemeinde,

zusammen mit Ihnen möchte ich ein Bild betrachten. Es trägt den Titel „Palmsonntag“ und stammt von dem belgischen Maler Alfred Stevens, der 1823 in Brüssel geboren wurde, und 1906 nach langen erfolgreichen Jahren in Paris in seiner Heimatstadt starb. Wer nun auf der Leinwand eine jubelnde Menge, einen Esel mit dem Heiland oder die Stadtmauern Jerusalems zu sehen hofft, der täuscht sich. Statt dessen blicken wir auf den abgedunkelten Innenraum eines Salons. Eine blonde junge Frau, eine Schönheit im langen schwarzen Kleid ist auf einen Sessel gestiegen, um ein hoch an einer grauen Wand angebrachtes kleines Bild zu erreichen. Das Porträt zeigt vermutlich ihre Mutter. Die junge Frau klemmt einen Buchsbaumzweig hinter den Rahmen des Porträts. Sie achtet sorgfältig darauf, daß das Bild nicht vom Haken stürzt. In ihrem Blick liegt eine gewisse Sehnsucht, nach der Mutter, die vielleicht schon nicht mehr lebt. Ihr Blick zeigt eine schwermütige Erinnerung an Kindertage, als man am Palmsonntag in der Wohnung die Buchsbaumzweige aufhängte. Im Blick der jungen Frau liegt auch die kleine Hoffnung, daß der Buchsbaumzweig den ersehnten Segen für ihr Elternhaus und vielleicht auch für sie selbst bringen möge.

Vom gewaltigen Einzug Jesu in Jerusalem ist nur der Buchsbaumzweig übriggeblieben. Aus der Massenszene vor der Stadtmauer Jerusalems ist eine behütete bürgerliche Idylle geworden. Dabei haben unzählige Generationen von Christen die Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem stets mit besonderer Faszination gehört haben. Die Geschichte übte so starke Faszination aus, daß Maler die Szene auf Ikonen und Tafeln festgehalten haben. Im Mittelalter zogen am Palmsonntag riesige Prozessionen durch die Stadt. Dabei zogen angesehene Bürger der Stadt einen lebensgroßen hölzernen Esel mit einer Christusfigur an den jubelnden Menschen vorbei. Die Menge schwenkte begeistert Palmwedel. Wo das Klima das Wachstum von Palmen nicht zuließ, also in kälteren Regionen Europas verwendete man Buchsbaumsträuße als Ersatz. So erklärt sich der kleine Buchsbaumstrauß auf dem Bild des belgischen Malers Stevens.  Wenn der sogenannte Palmesel mit dem hölzernen Jesus vorbeigezogen war, nahmen die Zuschauer die Buchsbaumwedel mit nach Hause, um sie dort in der Wohnung aufzuhängen. Davon erhoffte man sich Segen, Gesundheit, Wohlergehen. Die Reformation hat diesen Prozessionen im evangelischen Raum ein Ende gemacht, und diesem Verbot fielen auch die Palm- und Buchsbaumwedel zum Opfer. Die Reformatoren hielten nichts von Palmwedeln und Buchsbaum, weil sie den Verdacht hatten, daß die Menschen ihnen abergläubische Kräfte zuschrieben.

Mir kommt es nicht auf die segensreiche Wirkung von Buchsbaumsträußchen an. Das Buchsbaumsträußchen, das ein Palmwedel sein soll, verknüpft die alte Geschichte vom Einzug mit der Gegenwart. Der frisch geschnittene Buchsbaum bringt Wünsche zum Ausdruck: Ich möchte mit eigenen Augen sehen, wie Jesus auf dem Esel reitet. Möchte ihm zujubeln. Möchte mich für ihn begeistern. Möchte von dieser Begeisterung etwas nach Hause mitnehmen, aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Denn in dieser tristen Gegenwart könnte ich ein wenig von der Begeisterung des Glaubens gut gebrauchen.

Begeben wir uns also nochmals mitten in diese Geschichte hinein und schauen uns um in dem, was der Evangelist Johannes erzählt. Im Grunde genommen geschieht ganz wenig: Jesus reitet auf einem Esel nach Jerusalem. Die Menge jubelt mit Palmzweigen. Aus und fertig. Aber der Evangelist reichert diese Geschichte an mit anderen Zeitebenen. Die Gegenwart der Geschichte ist mit Vergangenheit und Zukunft vernetzt.

Johannes erinnert an den Propheten Sacharja. Er hat das schon gesagt, daß der König, Messias, Heiland auf einem Esel in die heilige Stadt einziehen. Die auf den ersten Blick banale Gegenwart stellt sich also als erfüllte, Wirklichkeit gewordene Prophezeiung dar. Verheißung ist Gegenwart geworden.

Und der Evangelist spielt auch  die Zukunft in die Anreise nach Jerusalem ein. Später, nach der Verherrlichung, sagt der Evangelist, gingen den Jüngern die Augen auf. Nach der Verherrlichung meint: nach der Auferstehung, nachdem Jesus den Frauen und den Jüngern in Visionen erschienen war. Denn Jesus wurde ja bekanntlich nach seinem triumphalen Einzug in Jerusalem gefangengenommen, gefoltert und hingerichtet. Die Jünger stürzte das in eine große Katastrophe geistlicher Enttäuschung. Sie flohen nach Galiläa, weil sie sich verlassen glaubten. Nachdem ihnen der Auferstandene erschienen war, erkannten sie plötzlich die vielen prophetischen Zeichen, die nicht Jesu Hinrichtung, sondern seine Verherrlichung vorwegnahmen. Der Heilandskönig auf dem Esel wird zwar hingerichtet, aber damit findet sich Gott nicht ab.

Kurzum: In der Gegenwart der erzählten Geschichte, damals als der Esel in Richtung Stadttor trabte, hätte man das alles schon sehen, spüren und glauben können, wie sich Vergangenheit der Verheißung, Gegenwart des anwesenden Heilands und die Zukunft seiner Herrlichkeit in einer Weise vereinten, daß der Menge gar nichts anderes übrigblieb als enthusiastisch zu jubeln.

Man kann die Erzählung also nur verstehen, wenn man sie einbettet in Vor- und Nachgeschichte. Das Netzwerk von Verheißung und Erfüllung, von Gottes Zeit und menschlicher Zeit will berücksichtigt sein. Johannes gelingt es, dieses geistliche Netzwerk der Geschichte in wenigen Andeutungen zu entfalten.

Es wäre allerdings ein Fehler, den Einzug Jesu in Jerusalem nur von seinem Ende her zu betrachten. Wer die Geschichte Jesu nur von der Auferstehung her ansieht, die Johannes Verherrlichung nennt, überspielt die Doppeldeutigkeit der Gegenwart, die Wirklichkeit seines Leidens und auch die Wirklichkeit gegenwärtigen Ungenügens. Der genaue Blick auf die Eselsszene zeigt, daß Johannes auch daran gedacht hat.

Jesus zieht zwar als bejubelter Heiland und König durch das Stadttor, und darin gleicht er dem Feldherrn, der nach siegreicher Schlacht in die Hauptstadt zurückkehrt und dem staunenden Volk Beute und Gefangene präsentiert. Schon darum nimmt das Bild auch etwas leicht Gespenstisches an. Das Jubeln bleibt da doch ein wenig im Halse stecken. Aber der Triumph ist nur eine Facette dieses Einzugs. Der demütige, armselige Esel, auf dem Jesus reitet, kann diese Aura des Triumphs nicht vollständig wegblasen oder beiseite wischen. Nein, auf dem Esel reitet nicht der siegreiche Feldherr, der Staatsmann, der Generalissimus, der mit einer Parade geehrt und belohnt wird. Auf dem Esel reitet der Gefangene, der Hinrichtungskandidat, das Justizopfer.

Der Jubel von Palmsonntag und das Leiden von Karfreitag sind untrennbar miteinander verknüpft. Dieser Jesus auf dem Esel ist gar nicht richtig zu fassen. Der Triumphzug durch das Stadttor ist Einleitung, Ouvertüre, Präludium mit verheißungsvollen, strahlenden Akkorden. Aber es schließt sich die Katastrophe des Karfreitags an. Den demütig triumphierenden Jesus auf dem Esel erwarten Verrat, Verhaftung, Verurteilung. Und Johannes der Evangelist macht uns glauben, daß Jesus das, auf dem Esel sitzend, auch ganz genau wußte.  Das Präludium des Triumphzugs ist bei allem Jubel von Mollakkorden durchzogen, welche die Jünger und die große Menschenmenge schlicht überhören, weil sie sich sofort wieder zu angenehmen Harmonien auflösen. Unter den Obertönen des Triumphs liegt der andere düstere Grundakkord, der Schatten der Trauer. Das Volk träumt: Wenn wir solch einen König hätten… Aber diese einfache Hoffnung führt die Menschenmenge in die Irre.

Die Jünger spüren die Doppeldeutigkeit der Szene besonders klar. So gerne sie dem Jubel und der Begeisterung nachgeben würden, so sehr spüren sie auch die Katastrophe, die sich bereits ankündigt, den Fahrstuhl zum Schafott, der sich genauso zwingend aus der Vorgeschichte ergibt wie die Herrlichkeit des Reiches Gottes.

Die Jünger haben das Geschehen des Einzugs nicht verstanden, sagt Johannes. Dieses Unverständnis läßt sie nachdenklich werden. Sie fragen sich, was das Ganze soll, und sie fürchten heimlich, daß der Jubel sich in Niedergeschlagenheit verwandelt. Ich frage mich, ob nicht einer der Jünger diesen leisen Zweifel ausgesprochen hat. Johannes macht darüber keine Bemerkung. Er springt als Erzähler gleich in das Später, in die Zeit, als Jesus bereits verherrlicht war.

Dann, so Johannes, verstanden die Jünger, daß er auf einem  Esel einziehen mußte, weil es in der heiligen Schrift so angekündigt war. Dann verstanden die Jünger, daß der Triumphzug des Palmsonntags nicht das Kreuz ankündigte, sondern bereits die Auferstehung. Dann verstanden die Jünger, daß das Leiden am Kreuz nicht der Schlußpunkt der Geschichte Jesu war. Dann verstanden die Jünger, daß Gott selbst in der Geschichte Jesu von Nazareth das letzte Wort hatte. Dann verstanden die Jünger, daß die gesamte Geschichte nicht von willkürlichen Zufällen abhängig war, sondern von Gottes barmherzigem Willen. Dann verstanden die Jünger, daß alle Menschen, nicht nur die Anwesenden, sondern auch die späteren Glaubenden, die Leser des Neuen Testaments in diese Geschichte verwickelt waren. Jeder Glaubende geht mit Jesus vom Jubel des Palmsonntags über den Verrat im Garten Gethsemane, das Leiden auf dem Hügel Golgatha bis zu den beiden Jüngern in Emmaus. Sie erkennen in dem Fremden, der Brot und Wein verteilt, ihren auferstandenen Herrn.

Die gesamte Leidensgeschichte Jesu, an die wir uns in jeder Passionszeit neu erinnern, ist bestimmt von einer tiefen Zweideutigkeit. Im Jubel der Menge, die Hosianna ruft, klingt bereits die Forderung nach der Kreuzigung an, mit welcher die Menge vor Pilatus die Hinrichtung Jesu fordert. Und trotzdem! Trotzdem klingt im Jubel des Palmsonntags schon die Freude über die Auferstehung mit, das Osterlachen, welches das Böse vertreibt.

Deswegen gefällt mir das Bild von der jungen Frau, die im Wohnzimmer einen Buchsbaumzweig hinter den Bilderrahmen heftet. Die junge Frau nimmt ihre Mutter und sich selbst mit hinein in das Hosianna des Palmsonntags, obwohl die Bürger Jerusalems Palmzweige und nicht Buchsbaumsträußchen geschwenkt haben. Der Buchsbaumzweig wird so zum Zeichen der Herrlichkeit Gottes. Deswegen blieb er, obwohl er immer trockener wurde, das ganze Jahr in diesem Wohnzimmer hinter dem Bilderrahmen eingeklemmt. Vielleicht hat ihn niemand der vielen Gäste und Besucher beachtet. Gewiß aber zeigt dieser Zweig etwas von dem, was Gott mit dieser Welt vorhat.

Die Doppeldeutigkeit und Zweideutigkeit dieser Wirklichkeit läßt sich nicht aufheben. Glaube wird stets auch von Zweifel, Jubel stets auch von Trauer begleitet sein. Immer wieder neue Erfahrungen und Erlebnisse schaffen neue Deutungen, zweifelnde ebenso wie sinnstiftende. Jesu Passionsgeschichte zeigt, daß Gott das letzte Wort und die letzte Entscheidung behält. Die Herrlichkeit, von der Johannes spricht, ist nichts anderes als seine Überwindung des Todes in der Auferstehung. Die Jerusalemer Bürger haben darüber gejubelt, auch wenn sie nicht einmal geahnt haben, worüber sie in Wahrheit jubeln. Dieser Jubel leitet eine Geschichte ein, die unmenschliche Trauer, Qual und Schmerz bereithält. Aber diese Trauer bleibt nicht das letzte Wort. Am Ende stimmt das doch, was das Volk ruft: „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ Amen.

Perikope
29.03.2015
12,12-19

Predigt zu Johannes 12,12-20 von Heinz Behrends

Predigt zu Johannes 12,12-20 von Heinz Behrends
12,12-20

Komm, ich muss Dir unbedingt Bamberg mit seinem Dom zeigen, sagte ich zu meiner Frau, als wir uns frisch verliebt hatten. Wir hatten durch unsere Arbeit in unserer Gemeinde die romanischen Kirchen lieben gelernt. Wir fuhren spontan zu einem kurzen Wochenend-Trip in die fränkische Stadt. Nach einem gepflegten Rauch-Bier im Schlenkerla und gesegnetem Schlaf im Gasthaus ging  es am nächsten Morgen auf den Dom-Berg.

Wir nähern uns langsam der Kirche, betrachten ihren großen Körper,  gehen durchs Portal hinein, vorne gleich links am Nordpfeiler des Chorraumes sag ich. „Das wollt ich dir vor allem zeigen, den Bamberger Reiter“. Auf einem Sockel in etwa drei Meter Höhe: Das stolze Pferd, schlichte Schönheit der romanischen Bildhauer-Kunst. Auf dem Pferd der Reiter, den Blick leicht ins Kirchenschiff gewandt, volles lockiges Haar. Abbild des Ritters, der im Mittelalter für seinen Herrn in den Krieg zieht und Schlachten gewinnt. Sich später etabliert als Besitzer großer Güter. Der Ritter, der Reiter, Symbol der mit dem Schwert erkämpften Macht. Das Pferd hat keine andere Aufgabe als den Ritter in den Kampf zu tragen.

Was ist dagegen ein Esel! Hässlich, ein bisschen klein, strubbeliges Fell, tapsig im Gang mit seinen kurzen Schritten, Lasten tragen, mühsame Bergklippen überwinden. Zu allem zu gebrauchen, nur zu einem nicht: Einen bewaffneten Krieger kann er nicht in die Schlacht tragen.

Solche Esel, auch herrenlose, laufen viele herum in Jerusalem. Jesus schnappt sich einen. Keine komplizierte Vorbereitung wie Matthäus, Markus oder Lukas erzählen. „Da nahmen sie Palmenzweige und gingen hinaus, ihm entgegen. Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf.“ Die große Menge jubelt. Und er schweigt. Sie sind in Bewegung gebracht worden durch Augenzeugen. Es hat sich rumgesprochen, die Auferweckung des Lazarus.“Das Volk, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.“ Auf spektakuläre Dinge reagiert ein Volk immer und zu allen Zeiten heftig. Vor allem, wenn jemand eine neue Zeit verspricht. Es erzeugt erhöhte Aufmerksamkeit.

Neue Zeit hatte auch die neue griechische Regierung versprochen. Deshalb wurde sie gewählt, inzwischen muss sie zurückrudern. Andere versprechen erst gar nichts mehr. Die Friedensbemühungen unserer Kanzlerin, unseres Außenministers in der Ukraine sind engagiert und ohne Illusion.

Die Berichte über IS und Boko haram lassen keinen Raum für Träume einer neuen Welt.

Die Retter dieser Tage steigen aus Flugzeugen und Limousinen und ziehen in die Pressekonferenzen ein, sie zeigen sich als Realisten. Merkel und Draghi. Wir setzen unsere Hoffnung auf sie, dass eine Flut gedruckten Geldes nicht mit einer großen Entwertung der Ersparnisse von Menschen und am Ende mit einer großen Inflation endet. Aber kein Hosianna für Retter. Auf einem Reiterdenkmal wird man sie einmal nicht vorfinden. Weil mit der Gier der Banker und der geheimdiensterprobten Verschlagenheit eines Putin bisher niemand umzugehen vermag. Allgemeine Ratlosigkeit erfasst nicht nur die Politiker.

Soll ich das gut finden, dass sich die protestantische Nüchternheit gegen die Erwartung eines Messias durchgesetzt hat? Kein Retter in Sicht. Sondern mühevolle Kleinarbeit mit ungewissem Ausgang? Alle Ideologien sind am Ende, und die Kirche ist mit sich beschäftigt. Wir sind zunehmend beunruhigt.

Die Mächtigen jener Zeit hatten allerdings auch Grund zur Unruhe. Sie schauen sich das Verhalten der Menge an und halten eine Konferenz. „Die Pharisäer aber sprachen untereinander.“

Gegen diese Begeisterung habe sie keine Alternative aufzubieten.  Sie kommen von ihrer alten Ordnung nicht los. Von Recht und Gesetz und Ordnung und organisierter Religion.

Auch die Pharisäer unserer Tage sind ja still geworden.

Ein ganz neuer Geist der Liebe, der Erneuerung müsste her und der müsste durchgesetzt werden. Aber wer soll das tun? Jesus sitzt schweigend auf seinem Esel und lässt  den Jubel der Menge an sich vorbeiziehen.

Ganz anders erzählt der Evangelist Matthäus. Jesus inszeniert klug seinen Einzug in die Stadt und vertreibt erst einmal die Banker aus dem Tempel. Schmeißt Tische der Wechsler um und die Taubenkäfige, dass sie nur so davon flattern und verlässt wieder wütend die Stadt in Richtung Bethanien. Johannes dagegen deutet die Reaktionen kurz an und Jesus schweigt.

Damit Du Deine eigene Position findest.

Erwartest Du, dass Jesus die ungeheuerliche Verantwortungslosigkeit in dieser Welt künftig verhindern kann?

Erwartest Du, dass ohne Ansehen einer Wirtschaftskrise, ohne Rücksicht auf Deine gesicherte Altersversorgung, Christus Dein Leben erreichen oder gar wenden kann?

Obwohl, alles was wir in diesen Monaten über den Charakter des Menschen erleben, ist alles schon in der Bibel nachzulesen: Geiz, Neid, Völlerei, Unmäßigkeit. Wir leiden an einem tiefen Mangel an Glauben.

Der Palmsonntag eröffnet die Woche des Jahres schlechthin – mindestens für uns in der Kirche. „Sehet wir gehen hinauf nach Jerusalem, um zu sehen, was dort geschehen ist.“ Bußzeit. In vielen Gemeinden, Zeit der täglichen gemeinsamen Andacht. Aber selbst in diesen Tagen bleiben wir bescheiden. Johannes spricht von diesen Tagen sehr ehrlich. „Dies verstanden seine Jünger nicht.“ Was da vor ihren Augen passiert, bleibt ihrem Verstehen verschlossen. Erst nach Ostern erinnern sie ihren Propheten Sacharja, der ihnen eine Deutung anbietet. „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.“ „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“ Das ist die Gesinnung des Eselreiters.

Übrigens, nebenbei einer der eindeutigsten Belege, dass aller Glaube erst nach Ostern angefangen hat.

Mag sein, dass wir diese Woche nicht besser dran sind als die Jünger.

Nimm Dir diese Woche die Zeit in der Gemeinde oder für Dich zu Hause. Bete, übe das Schweigen, lies im Evangelium des Johannes. Du wirst dein Herz nur wenden, wenn du ihn bei dir.einziehen lässt

Für die Kirche hätte in ihrer Geschichte hätte ich mir Buße und mehr Nachdenklichkeit sehr gewünscht. Das ist mir im Bamberger Dom bewusst geworden. Wenn man von dem Reiter am Nordpfeiler hinüber geht zur Südseite des Chores, dann stehen dort zwei wunderbar gearbeitete Skulpturen, die kein gutes Licht auf Kirche werfen.

Eine Frau, herrisch, regierend, stolz, Krone auf dem Kopf. Sie herrscht. Die Ekklesia, die Kirche. Daneben die Frau leicht gebeugt mit gebrochenem Stab in der Hand, gekleidet mit einem einfachen Umhang, die Synagoge, die jüdische Tradition. Kirche siegt über das Judentum. Das Pferd des Kriegers hat über den Esel des ohnmächtigen Jesus von Nazareth gesiegt. Die Verlockung, sich wieder aufs hohe Ross zu setzen, war zu groß. Die Verlockung, auf die Ungeheuerlichkeiten in diesen Tagen wie Ukraine, Syrien, Irak, Nigeria, Tunesien, Israel mit Gewalt zu antworten, ist groß. Nur der Blick auf Christus wird unsere verworrene Welt retten. Darum hat Gott ihn erhöht, Das verstanden seine Jünger, als Gott ihn verherrlicht hatte, nach Ostern, früher nicht.

Vielleicht hat der unbekannte Bildhauer des Bamberger Reiters da schon weiter gedacht. Er hat alle Waffen abgelegt und schaut zum Hochaltar im Westen der Kirche auf den Gekreuzigten.

Perikope
29.03.2015
12,12-20

Predigt zu Johannes 12,20–26 von Wolfgang Ebel

Predigt zu Johannes 12,20–26 von Wolfgang Ebel
12,20-26

Liebe Gemeinde !

„Wir wollen Jesus gerne sehen.“ Das sagen Menschen aus der Welt, wo es Götter gibt, die auf dem Olymp leben und sich wenig um die Irdischen kümmern. Manchmal kommen sie herab, um in einen Kampf einzugreifen, eine Strafe zu verhängen oder mit einem Sterblichen Nachkommenschaft zu zeugen. Menschen sind in die Heilige Stadt des einen Gottes gekommen, die jetzt den einen und einzigen Gott anbeten, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Sie haben von Jesus gehört. Ihn wollen sie kennen lernen.

Der erste, den sie ansprechen ist ein Jünger mit griechischem Namen: Philippus. Es wirkt wie ein Dienstweg in einer Behörde. Es braucht drei Instanzen bis das Begehren ankommt bei dem, um den es geht: Philippus und Andreas reden drüber als nächstes. Schließlich bringen die beiden die Sache vor Jesus.

Und hier endet dieser Vorgang. Die griechischen Pilger verschwinden wieder in der Menge der Festbesucher. Sie hören im Weiteren nicht, was gesagt wird. Sie bekommen auch den nicht zu sehen, den sie gern einmal zu Gesicht bekommen hätten. Den neuen Star, der sogar einen Toten lebendig aus dem Grab geholt hat.

Unerhört eigentlich, was da mit ein paar freundlich Interessierten passiert. Niemand freut sich: Schön, dass ihr da seid ! Wir sind froh, dass ihr auf uns aufmerksam geworden seid. Womit können wir ihnen zu Diensten sein ?

Unerhört bleibt ihr Anliegen. Es gibt keine umgehende, servicebedachte Antwort. Haben die religiösen Touristen Fehler gemacht in ihrer Anfrage ? „Herr“, so sprechen sie den Jünger aus Betsaida an. Ja, so spricht man eben eine höher gestellte Persönlichkeit im profanen Bereich an.In der Geschichte gibt es verborgene Botschaften. Wer kann das wirklich verstehen ? Wer hier wirklich HERR ist, wird sich erweisen. Im Weiteren wird viel vom Dienen die Rede sein. Und: die Leute aus Griechenland wollen sehen. Wen? Den Jesus, der da in Galiläa und in Jerusalem aufgetaucht ist. Wie sich alsbald zeigt, wird dieser Jesus bald nicht mehr da sein. Er wird dann nicht mehr zu sehen sein. Er wird seinen Leuten später sagen: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Die Jünger kriegen etwas zu hören: Der Star muss sterben. „Die Zeit ist gekommen.“ Jetzt ist sie da. Ein großer, richtiger Star trifft zur rechten Zeit das, was jetzt dran ist. Und es erfasst die Menschen und verändert ihre Welt. Luther. Luther King. Madonna. „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.“ Der Außerirdische führt die Jünger in eine Seh- Erfahrung: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Der Stern muss untergehen, damit neue sich bilden können. Die Wissenschaft weiß heute: Ein Samenkorn stirbt nicht. Energie wird nur umgewandelt. Der Glaube erfährt, was er sieht: das alte Weizenkorn gibt sich auf. Neues wächst in vielfacher Gestalt.

Die Pilger hören nichts. Sie sehen nichts. Sie wollen allenfalls ein bisschen ihre Neugier befriedigen. Sie werden auf dem Fest schon was Passendes finden. Die Augen werden durch das Ohr geöffnet. Du siehst erst etwas, wenn du zuvor gehört hast, dass da etwas ist.

Wen werden die Jünger sehen ? Normalerweise nährt ein Star sich von der Gunst seines Publikums. Madonna hat es einmal auf der Bühne dargestellt. Sie hing am Kreuz. Ein Star wird sterben. Wenn seine Zeit vorbei ist. Wenn er sich selbst überlebt hat. Wen werden die Jünger sehen ? „Der Menschensohn wird verherrlicht werden.“ Er wird verschwinden. Er wird zurück gehen in die gewaltige, für uns unfassbare Herrlichkeit Gottes. Dahin, wo er herkommt. Am Kreuz beginnt seine Herrlichkeit.

Er ward gehorsam bis zum Tode,

ja zum Tode am Kreuz.

Darum hat ihn auch Gott erhöht. (Phil. 2, 8f.)

„Jetzt habe ich endlich kapiert, warum Jesus sterben musste,“ ruft ein Konfirmand aus. Sie haben den Spielfilm „Wie im Himmel“ gesehen. Von 8 Millionen Schweden haben 2 Millionen diesen Film gesehen, als er in die Kinos gekommen war. Er erzählt die Geschichte eines Stars aus dem Klassik – Konzertbusiness, der – krank geworden – sich in die Abgeschiedenheit seines Geburtsortes zurück zieht. Dort fängt er an als Fremder, den etwas dünn gewordenen Kirchenchor wieder zu beleben. Er fängt an, den Einheimischen zu helfen, ihren Ton zu finden. Wenn jeder seinen Ton singen darf, fügt sich daraus ein wunderbares, großes Ganzes. Der Film erzählt die Passion dieses Mannes bis zu seinem Sterben. Durch seinen heilsamen Einfluss spürt ein Mann, wie er permanent die Würde eines beleibten Chormitgliedes mit Füßen tritt, indem er ihn ohne Unterlass auf erniedrigende Weise hänselt. Die Frau, die einen gewalttätigen Schläger zum Mann hat, darf ihr Lied bei einem Konzert in der Gemeinde singen. Der Dorfpfarrer muss erleben, wie seine eigene Ehefrau sich aus den freudlosen, lebenszerstörenden Fängen seiner rigiden Religiosität löst. Am Ende fahren alle zu einem großen Chorwettbewerb. Der Chor im Saal mit den anderen Chören wartet auf seinen Dirigenten. Den hat sein zweiter Infarkt ereilt. Er stirbt auf der Herrentoilette, während die Sänger anfangen ihren Ton zu singen. Der ehemalige Konzertstar stirbt, während ein Chor nach dem anderen in den Ton der anderen seinen Ton einstimmt und ein Klangraum von ungeheurer Weite entsteht: Wie im Himmel so auf Erden wird der Ton jetzt durch die Welt gehen.

Der Konfirmand hat verstanden. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren. Wer sich von falschen Wegen trennt und in den Christusraum eintritt, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. Es geht im Leben nicht darum, ob man Herr oder Knecht ist. Ich werde ein Diener und eine Dienerin des Christus sein. Durch seinen Tod entsteht neues Leben. Auch für mich, wenn ich einmal dieses Leben durchgestanden habe. Auf dem Weg meiner Passion auf Ostern hin werden nicht alle mir danken. Ich werde Leid tragen und mittragen. Ich werde ein dienstbarer Knecht und ein freier Mensch sein, den der Vater ehrt. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dafür sorgt der, der am Kreuz gestorben ist.

Amen

Perikope
15.03.2015
12,20-26