Freudige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus – Predigt zu Lukas 3,1-14 von Karin Klement
Liebe Advents-Gemeinde, liebe Tauffamilie,
haben Sie eigentlich noch richtige Erwartungen? Hoffnungen auf etwas, das irgendwie wundervoll, absolut überraschend, ja himmlisch sein wird? Kennen Sie noch die kribbelige Vorfreude, die innere Gespanntheit, die aufgeregte Neugierde, so wie die Kinder? Für die Kleinen ist jede simple Schneeflocke ein Zauber oder ein höchst interessantes, herrlich matschiges und prima zu verklumpendes Spielzeug. Sie können nicht abwarten, bis der erste nächste Schnee fällt.
Und wir - mehr oder weniger - Erwachsenen? Sind unsere Erwartungen geschrumpft, verpufft wie ein allzu oft aufgeblasener Luftballon, der seine Spannung verloren hat? Enttäuschte Erwartungen, still und heimlich entschwundene Träume, wie ein Geist aus ferner Zeit?
Ursprünglich ist ADVENT die Zeit der Erwartung. Warte-Zeit auf den, der da kommen will, alle Jahre wieder. Doch im Laufe der Zeit ist die Erwartung abgekühlt, abgeklärt. Sie hat sich verändert. Nun warte nicht mehr ich, vielmehr richten sich die Erwartungen auf mich: Für das große Familien-Weihnachtsfest ist alles schön vorzubereiten, passende Geschenke sind zu besorgen, natürlich auch geheime Wünsche von den Augen der geliebten Menschen abzulesen und – wenn möglich – zu erfüllen. Die vor-weihnachtliche Zeit entwickelt sich zum Spießrutenlauf um die neuesten, besten, erstrebenswertesten Geschenke. Anstelle der ursprünglichen Fasten-Zeit gibt es Lebkuchen und Weihnachtsplätzchen bis zum Abwinken. Anstelle einer ruhigen Besinnlichkeit ist es ein Hetzen von einer vorgezogenen Weihnachtsfeier zur nächsten. Anstelle einer enthaltsamen, sparsam gefüllten Zeit springen mir die vollbehängten Weihnachtsbäume in jedem Einkaufsladen in die Augen, golden glitzernd im glimmernden Kerzenschein aus der Steckdose. Welche Überraschung bietet da noch der Weihnachtsbaum in der eigenen guten Stube?
Wir tun uns selbst keinen Gefallen, wenn die Erfüllung der Erwartungen jedes Jahr immer großartiger, immer beeindruckender sein soll. Aber wie kommen wir zur Ruhe? Wie finden wir wieder, was wir eigentlich erwarten – tief verborgen in der Seele, untergegangen in der proppenvollen Alltagszeit, zugedeckt von fremden Erwartungen, die uns Film, Fernsehen oder Werbung suggerieren? Wo verbirgt sich das geheimnisvolle Weihnachten? Das überraschende, unerwartete, herzbewegende Weihnachten?
Wir erwarten eine Geburt. Aber wer oder was da in uns geboren werden soll, verbirgt sich zunächst vor dem Wissen der Menschen. Nur mit einem Gefühl, mit einer leisen Ahnung beginnt das neue Leben sich zu entwickeln. So ist es zumindest bei uns Menschen.
Eine Tauffamilie erzählte mir: Als ihr Baby unterwegs war, warteten sie hocherfreut auf die ersten medizinischen Einblicke. Per Ultraschall wurde Mamas Bauch durchleuchtet. Etwas verschwommen erschien der Umriss einer Gestalt auf dem Bildschirm. Darin: Ein flimmerndes Herz, sich bewegende Arme und Beine, sogar das Profil eines Köpfchens. Immer noch recht vage, eigentlich so, wie fast jedes Kind im Mutterleib aussehen könnte. Ein kleines Detail, das genauere Rückschlüsse zulassen könnte, hielt das Kind bestens versteckt. Es weckte bei den Eltern die freudige Erwartung auf eine kleine Charlotte. Welche Überraschung, dass es anders kam als erwartet: Ein kleiner Ruben wurde geboren. Und für die Großeltern mit ihrer Hoffnung auf einen ersten männlichen Enkel noch eine überraschende Steigerung der Freude.
Freude von außen zu bewirken oder sie sich selbst zu verschaffen gelingt nicht. Sie kommt wie ein Wunder!
ADVENT – Warten auf ein Wunder?
Für den mahnenden Prediger Johannes stellt sich der Advent anders dar: Als eine Zeit der Buße, der Umkehr und Neuorientierung, weil es unbedingt und dringend nötig ist. Die Auflistung einer Reihe von Mächtigen seiner Zeit ruft den Menschen ins Bewusstsein, dass ihr Leben unter verschiedenen Fremdbestimmungen steht. Ihr Land ist besetzt von römischer Herrschermacht. An den Wegen, die sie zurücklegen, um von einem Ort zum nächsten zu gelangen, stehen überall Zollstationen, wo sie der Willkür der Zöllner ausgeliefert sind. Eine allgegenwärtige Präsenz des Militärs ist weniger zu ihrem Schutz, sondern vielmehr eine Last: Soldaten, die sich unrechtmäßig und gewaltsam nehmen, was sie haben wollen. Die Aufzählung der Herren ihrer Zeit lässt die Menschen erkennen, wie ihr Leben eingebunden ist in Umstände, die sie nicht ändern können. In unheilvolle Zusammenhänge, die ihnen und anderen Unrecht antun. Das Heil der Welt lässt auf sich warten. Und von den Mächtigen, den Reichen ihrer Zeit haben die einfachen Leute nichts Gutes zu erwarten.
Aber muss man sich mit all dem abfinden? Reicht es, zu versuchen, irgendwie sein eigenes „Schäfchen ins Trockene“ zu bringen, nach dem Motto: „Hauptsache, mir geht`s gut! An den üblen gesellschaftlichen Zuständen kann ich, als kleiner Mensch, sowieso nichts ändern!“
Weshalb kommen die Menschen zu Johannes? Suchen sie ihr privates Stückchen Glück in der Taufe zur Schuldvergebung? Reicht es ihnen aus, bestätigt zu bekommen, dass sie alles getan haben, was unter den gegebenen Umständen möglich ist, um irgendwie anständig zu leben?
Für Johannes geht es weder um Anklang und Popularität bei den Leuten, die ihm zuhören, noch um geschliffene, einschmeichelnde Worte. Es geht ihm um das, was wir tun, wie wir leben. Um unsere menschliche Einstellung, um unser Verhalten. Mit bissigen, verletzenden, ja unverschämten Worten staucht er seine Hörer zusammen: Tut Buße! Kehrt um, ändert euer Leben! Tut Gutes, eben das, was Gott als Selbstverständlichkeit von euch erwartet! Herbe, unbequeme Worte. Eine Publikumsbeschimpfung, die Geschichte gemacht hat: Ihr Schlangenbrut! Glaubt ihr etwa, dass ihr aufgrund eurer Zugehörigkeit zum Gottesvolk von Gottes Zorngericht ausgenommen seid? (Lk 3,7)
Johannes, der zornige Prediger in der Wüste, enttäuscht die Erwartungen seiner Zuhörer absichtlich, ganz bewusst. Keine krummen Wege lässt er durchgehen, keine Berg- und Talfahrt, die von Wahrheit und offener Ehrlichkeit ablenken will. Auf geradem Weg soll jeder Mensch sein Ziel erreichen. Aber wie sieht dieser Weg konkret aus? Was sollen wir denn tun?
Johannes predigt eine Buß-Taufe. Er redet vom Untergang des alten Menschen im Jordanwasser und vom Auftauchen eines ganz neuen, von Schuld gereinigten Menschen hinein in ein neues Leben. Wenn wir ein Menschenkind taufen (wie heute zum Beispiel Nele Sophie), dann tun wir das wohl in ganz anderer Erwartung. Wir hoffen auf himmlischen Beistand, auf Schutz und Bewahrung. Wir hoffen auf Gottes Segen, der dieses Menschenkind wie einen Schirm vor schlimmen, tränenreichen Erfahrungen schützen soll.
Doch Johannes predigt einen anderen, einen herausfordernden Gott. Einen Gott, der seinen Anspruch an uns Menschen stellt. Einen Gott, der seine Geschöpfe nicht wie Marionetten am Bändchen hält, sondern vielmehr uns Freiraum schenkt. Freien Raum für eigene Entscheidungen, die wir selbst zu verantworten haben. Freiraum auch zu Taten und Erfahrungen, die uns belasten, schmerzen oder in die Enge treiben können.
Johannes predigt keinen sanften, butterweichen Gott, sondern einen strengen, ernstzunehmenden Gott. Diesem Gott ist es nicht gleichgültig, wie wir handeln, wie wir mit anderen und mit uns selber umgehen. Dieser Gott fordert Rechenschaft und Umkehr, nicht nur dort, wo ganz offensichtlich falsche Wege gegangen werden, sondern auch dort, wo ein Gefühl der Selbstgerechtigkeit den kritischen Blick auf das eigenen Tun verstellt.
Was Johannes predigt, ähnelt einer elterlichen Erziehung: Solange wir unseren Kindern immer nur nachgeben, ihnen keine Grenzen setzen, können sie ihre Kräfte nicht erproben. Ihre Wege nicht an uns orientieren. Wenn wir ihnen jedoch einen Rahmen vorgeben, Ethik und Moral vorleben, können sie daran ihre eigenen Wertvorstellungen ausprobieren und messen.
Die Rahmenrichtlinien für ein gottgefälliges Leben, die Johannes vorgibt, erscheinen wie simple „Allerwelts“-Regeln: Die Zöllner sollen nicht mehr fordern, als ihnen das Recht zugesteht. Die Soldaten sollen ihre Macht nicht zum Schaden anderer ausnutzen. Und wir alle sind von Johannes gehalten, unseren Besitz mit den Bedürftigen zu teilen.
Mehr verlangt er nicht? Nein, weniger verlangt er nicht! Das oft Gehörte, das allzu Vertraute und Selbstverständliche muss anscheinend immer wieder gesagt und konkret beschrieben werden. Das neue Leben aus der Taufe soll an jenem Ort anfangen, wo wir leben: Im Alltag, bei der Arbeit, in der Familie, bei den Menschen, die mit uns leben. Wenn Johannes vom Teilen und Abgeben spricht, geht es ihm vielleicht nicht darum, Besitz und Habe akribisch genau aufzuteilen, sondern eher darum, dass wir einen Blick dafür gewinnen, was wir einander schuldig sind. Dass wir uns Gedanken darüber machen, was wir selbst dazu beitragen können, damit alle Geschöpfe Gottes leben und überleben können.
Das Abgeben und Teilen – nicht nur von Geld, auch von Zeit und Mitgefühl, von Rücksicht und Anteilnahme – ist ein grundlegendes Problem unserer Zeit. Wir wissen schon, was wir einander schuldig wären, doch an der Umsetzung vom Wissen in die Tat hapert es immer noch.
Die Stimme des Predigers in der Wüste stört und stößt an. Sie lässt uns den Advent nicht gemütlich feiern oder bequem genießen. Sie fordert heraus. Und das ist gut so! Sanfte Worte hören wir zu Genüge. Freundliche, unverbindliche Worte, die sich nicht festlegen lassen, umgeben uns wie Wattebäuschen vor der harten Realität. Mit ihnen lässt sich wenig anfangen. Sie widerstehen keinem Druck, sondern geben nach und verpuffen.
Johannes aber drängt und widersteht. Seine Botschaft hat er sich nicht selbst ausgewählt, aber sie ist ihm wichtig, mindestens genauso wichtig wie die Menschen, zu denen er spricht. Doch er ist ein Rufer in der Wüste, ein Mahner aus der Distanz. Er kommt den Menschen nicht nahe, sondern bleibt ein merkwürdig fremdes Sprachrohr Gottes.
Auch Jesus fordert zur Umkehr auf. Auch er predigt vom Neuen Leben, das mit der Taufe schon hier und heute beginnen soll. Doch er tut es nicht aus der Distanz heraus, er kommt den Menschen hautnahe. Er geht in ihre Häuser, teilt ihr Leben, ihre Sorgen, kennt ihre Nöte. Und allen, die sich nach einem neuen Leben sehnen, spricht er Gottes Nähe zu. Nicht der brennend-zornige, fordernde Gott steht im Mittelpunkt seiner Rede und seines Handelns, sondern der liebende, versöhnende Gott, der großzügig sich selbst verschenkt.
„Kehrt um, denn Gottes neue Welt ist nahe!“ Was bei Johannes wie eine Drohung klingt, wird im Munde Jesu zu einer Einladung. Johannes und Jesus sind wie zwei ungleiche Brüder, und zugleich beide wichtig. Johannes bereitet den Weg vor. Er stellt uns klar vor Augen, wie ernst die Situation ist, und wie notwendig die Umkehr. Er enttäuscht unsere falschen Erwartungen.
Jesus aber überbietet die Botschaft des Johannes. Er ermutigt uns zu ganz neuen, heil- und hoffnungsvollen Erwartungen: Umkehr ist nicht nur nötig, sie wird uns auch möglich! Weil Gott in seiner Liebe uns längst zuvorkommt. Weil er uns in Jesus als Mensch und Mitmensch entgegenkommt. Das Heil, das Gott seiner Welt schenkt, ist schon längst auf den Weg gebracht. Wir schauen es im Kind in der Krippe. Wir ahnen es im Bild des Gekreuzigten.
Johannes ist der Wegbereiter, aber Jesus selbst ist der Weg, auf dem wir gehen können. All unsere Lebenswege, durch manche Nacht von Leid und Schuld, durch tiefe Täler der Enttäuschung, genauso wie über die unzähligen Gipfel des Glücks. Das dürfen wir erwarten – nicht nur im Advent. Überrascht, neugierig und gespannt – wie ein Wunder!
Amen.
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Angesehen - Predigt zu Lukas 1,26-38(39-45) von Kathrin Oxen
Elisabeth hatte die Hoffnung ja schon aufgegeben. Sie wusste, dass es so bleiben würde, mit den mitleidigen Blicken und dem Getuschel, wenn sie zusammen irgendwo hin gingen. Sie kannte die mehr oder weniger diskreten Nachfragen. Die Frage blieb ja sowieso immer die gleiche über die Jahre, abwechselnd nur in den Zeitformen. Zu Beginn lautete sie: „Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht?“. Und als die Jahre vergingen, eines nach dem anderen, hieß es irgendwann: „Wolltet ihr nicht oder konntet ihr nicht?“
Die Antwort war in ihrem Fall immer von schmerzhafter Eindeutigkeit. Natürlich wollen wir, aber es soll wohl nicht sein. Natürlich wollten wir, aber es sollte wohl nicht sein. Schon wieder die Vergangenheitsform. Aber die trifft es ja auch genau. Für uns gibt es keine Zukunft, bloß das bisschen Gegenwart und irgendwann sehr viel Vergangenheit. So ist das, ohne ein Kind.
Maria hatte die Hoffnung ja schon aufgegeben. Sie wusste, dass es so bleiben würde, mit den mitleidigen Blicken und dem Getuschel, wenn sie irgendwo hinkam. Sie kannte auch schon diese mehr oder weniger diskreten Nachfragen: „Musste das sein? Du hast doch das Leben noch vor dir…“
Und das ist nur der Anfang. Noch sieht es ja keiner, aber bald werden es alle sehen können. Dann kann sie es nicht länger verstecken und muss es zeigen. Ihr Gesicht, das Gesicht eines Mädchens und darunter der schwangere Bauch einer Frau. Mitleidige Blicke, Getuschel und manchmal auch ein leises Kopfschütteln. Sie ist doch selbst fast noch ein Kind.
Als ein Engel zu Maria kommt, um ihr anzukündigen, dass sie ein Kind erwarten wird, hat er ihr auch von Elisabeth erzählt. Eine Verwandte von Maria, ihre Cousine, deren Schicksal immer mal wieder zum Gesprächsthema wurde in der Familie.
Elisabeth und Zacharias, nein, da gibt es nichts Neues. Die werden wohl keine Kinder mehr bekommen. Ja, schade ist das. Nun sind sie ja aber auch schon viel zu alt dafür.
Aber der Engel sagt etwas anderes. Er sagt: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. (Lk 1,37) Und er sagt auch: Elisabeth ist schwanger, man sieht es schon, sie ist im sechsten Monat. Und da ist Maria losgelaufen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Und auch, um nicht immerzu an das andere denken zu müssen, was der Engel gesagt hat und an das sie selbst lieber noch nicht so viel denken mochte. Dass auch sie, Maria, ein Kind bekommen würde, Gott weiß, wie. Unmöglich, genauso unmöglich wie bei Elisabeth. Sie ahnt schon jetzt, was auf sie zukommen wird. Mitleidige Blicke, Getuschel, leises Kopfschütteln. Und dann ist sie bei Elisabeth und sie sieht ihr ins Gesicht, in das faltige Gesicht einer Großmutter. Und sieht Elisabeths Bauch. Das Kind bewegt sich schon, sagt Elisabeth. Unmöglich. Aber nicht bei Gott.
Elisabeth und Maria begegnen sich. Zwei Frauen, die das Allerschlimmste kennen. Eine kinderlose Frau zu sein, das war das Allerschlimmste, was einem passieren konnte, damals. Und das andere Allerschlimmste, was einem passieren konnte, damals, war ein uneheliches Kind zu bekommen. Die eine hatte es schon hinter sich, eine Vergangenheit, ein ganzes Leben voller Enttäuschung und Leere. Die andere hat es erst noch vor sich, eine Zukunft voller Ungewissheit und Fragen.
Aber als sie zusammenkommen, da ist es, als träten sie alle aus dem Schatten der Vergangenheit zu ihnen beiden. Alle diese Frauen aus der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. All die Frauen, die auch das Allerschlimmste kennen, die mitleidigen Blicke, das Getuschel, das leise Kopfschütteln.
Sara ist da, Abrahams Frau. Auch sie hat noch ein Kind bekommen zur Unzeit, nach endlosen Jahren ohne Hoffnung. Weiße Haare, ein faltiges Gesicht und ein schwangerer Bauch.
Rahel ist da, die so sehr geliebte, um die Jakob so viele Jahre gedient hat. Lange Zeit konnte sie keine Kinder bekommen und musste noch dabei zusehen, wie ihre Schwester Lea, von Gott mit einem Kind nach dem anderen beschenkt wurde.
Hanna ist da, auch sie kinderlos, mit ihren Tränen und inständigen Gebeten und dem Gesicht voller Scham und Schmerz, die Mutter des Propheten Samuel.
Und Ruth und Naomi sind da, die junge Frau und die alte, nach Israel gekommen als Asylantinnen ohne eine Zukunft und später durch ein Kind eingeschrieben in den Stammbaum des großen Königs David. So geht es zu bei Gott. Das wissen die beiden Frauen, als sie sich begrüßen, die alte und die junge. Elisabeth und Maria.
Und all diese Frauen sind in dem Lied, das Maria anstimmt. Sie singt es allein, aber eigentlich ist es doch ein Chor. Der Chor der Frauen, die das Allerschlimmste kennen, die es schon hinter sich haben oder noch vor sich. Und dieser Chor singt:
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. (Lk 1,46-48)
Gut, dass Maria singt. Gut, dass wir sie hören können, denn zu sehen ist sie kaum hinter all den Schleiern, die die Zeit um sie gewoben hat. Elisabeth geht es genauso.
In allen Darstellungen sehen die beiden nicht gerade aus wie Frauen, die das Allerschlimmste kennen. Dort sehen sie aus wie Königinnen, die eine rot, die andere blau gewandet, in Kleidern aus prächtigen kostbaren Stoffen mit edlem Faltenwurf.
Eigentlich sehen die beiden aber anders aus. Elisabeth hat einen beigen Mantel an und einen Pullover vom Kleiderstand auf dem Wochenmarkt. Sie hat eine billige Dauerwelle und eine kleine Wohnung, weil für mehr ihre Rente nicht reicht. Elisabeth und ihr Mann sitzen am Abendbrottisch und da sind Margarine und Streichwurst und dünner Tee und wenig Worte. Der Tag ist immer gleich und die Woche auch, weil selten mal Besuch kommt, denn die Kinder sind weit weg und haben ihr eigenes Leben und müssen auch sehen, wie sie über die Runden kommen. Das bisschen Gegenwart und viel Vergangenheit.
Und Maria ist eine von den Müttern, die ihren Kinderwagen durch die Fußgängerzonen schieben und die zu enge T-Shirts anhaben in grellen Farben. Zu zweit oder zu dritt gehen sie, mit so einer Art trotzigem Stolz. Eine von diesen Müttern, die noch Mädchen sind, deren Schwangerschaft wohl eher Befürchtungen als Freude ausgelöst hat. Ein Vater ist meistens nicht so richtig dabei. Man sieht ihnen hinterher und fragt sich, ob das wirklich sein musste und welche Zukunft außer Hartz IV sie jetzt eigentlich vor sich haben. Sie sind ja selbst fast noch Kinder.
Solche Elisabeths, solche Marias, das sind die Menschen, die Gott ansieht. Da singt keine ansehnliche junge Frau, sondern ein ganz junges jüdisches Mädchen aus der Unterschicht ihrer Zeit.
Dieses Mädchen ohne Ansehen singt mit der Kraft all der Frauen, die erfahren haben, dass Gott sie ansieht. Sie singt mit der dünnen alten Stimme Saras und mit den Stimmen der Schwestern Lea und Rahel. Sie singt mit den Worten der gedemütigten Hannas und mit der Hoffnung der Asylantin Ruth auf eine Heimat. Sie singt mit der Zuversicht einer alten, armen Frau mit dem Namen Naomi.
Maria singt mit den Stimmen derer, die ohne Ansehen sind. Sie singt für die Elisabeths und die Marias unserer Zeit. Denn die kennen noch ein anderes Allerschlimmstes: Gar nicht mehr gesehen und wahrgenommen zu werden.
Die alten Frauen und ihre Männer, die zurechtkommen müssen mit dem, was am Ende ihres Lebens herauskommt an Rente und mit dem, was für das Leben dann noch übrigbleibt.
Die Teenagermütter aus sozial schwierigen Verhältnissen. Und all die anderen Menschen ohne Ansehen, ohne die Möglichkeit und am Ende auch ohne die Motivation, noch ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Maria singt ihr Lied für die Menschen ohne Ansehen. Sie singt mit den Stimmen derer, die keine Zukunft haben und keine Perspektive, die zu alt sind oder zu jung, die arm und ohne Einfluss sind. Und sie singt dieses Lied gegen die Menschen mit Ansehen, in ihrem Lobgesang, dem Magnificat:
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1,52f.)
Gott gibt denen eine Stimme, die sonst keiner mehr hört. Und lässt sie singen gegen alle Regeln der Welt. Denn bei Gott ist nichts unmöglich. Das ist die Erfahrung von Sara und Lea und Rahel, von Hanna und Ruth und Naomi. Das haben Elisabeth und Maria am eigenen Leib erfahren, diese beiden, die schon die Hoffnung aufgegeben hatten.Und durch sie kommt diese Geschichte Gottes mit seinen Menschen auch zu uns. Durch Jesus, geboren von einem jüdischen Mädchen am Rand der damals bekannten Welt. So entfaltet sich die Verheißung Gottes für all die Menschen ohne Ansehen. In diesem Lied kommt sie zu Elisabeth und ihrem Mann am Abendbrottisch, zu den Mädchenmüttern in der Fußgängerzone und zu uns heute morgen. Zu Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise die Hoffnung aufgegeben haben, dass es immer nur nach den Regeln der Welt geht.
Maria singt. Ich höre ihr Lied. Und jetzt kann ich sie sehen. Ein junges Mädchen in anderen Umständen. Ich sehe sie, ich höre die Hoffnung in ihrer Stimme:
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. (Lk 1,46-48)
Amen.
Fürbittengebet
Gott von Abraham und Sara,
wir danken dir für deine Treue, die über Generationen reicht.
Wir danken dir, dass der Glaube an dich zu uns gekommen ist durch Jesus, den Sohn eines jüdischen Mädchens.
Wir bitten dich für alle Menschen, die an dich glauben und ihr Vertrauen auf dich setzen.
Wir bitten dich: Lass den Glauben lebendig bleiben in unseren Familien und wachsen von einer Generation zur nächsten.
Gott von Lea und Rahel,
wir danken dir, dass wir nicht allein sind auf der Welt, dass wir in Beziehungen miteinander leben.
Wir bitten dich für alle Menschen, die ihr Leben auf unterschiedliche Weise miteinander teilen:
als Paare und als Familien, in der Kirchengemeinde und in der Gesellschaft.
Schenke ihnen Liebe und Verständnis füreinander, auch dann wenn es Spannungen gibt.
Wir bitten dich für alle, die sich allein fühlen, für die, die einsam geworden sind, dass sie einen Menschen finden, der ihnen zuhört und sie versteht.
Gott von Ruth und Naomi,
wir danken dir für die Freiheit und Sicherheit in dem Land, in dem wir leben und in ganz Europa.
Wir bitten dich: Bewahre uns davor, neue Grenzen zu ziehen.
Zeig uns, wo wir Nächstenliebe üben können an Menschen, die zu uns kommen auf der Suche nach Sicherheit und einem guten Leben.
Wir bitten dich um kluge politische Entscheidungen, um klare Köpfe und offene Herzen.
Gott von Elisabeth und Maria,
bei dir ist kein Ding unmöglich.
Wir danken dir, dass du uns Hoffnung gibst, Kraft und Zuversicht in allem, was uns begegnet.
Wir bitten dich für alle, deren Kraft zu Ende geht, für die alten Menschen und für die Kranken.
Lass sie geborgen sein bei dir, mit ihrer Schwachheit und mit ihren Schmerzen.
In der Stille bitten wir dich um all das, was wir nicht aussprechen können.
Du hörst unser Gebet.
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Wie soll ich dich empfangen? - Predigt zu Lukas 3,1-14 von Tanja Schmidt
Liebe Gemeinde,
was tun Sie, wenn Sie liebe Gäste erwarten? Das Haus gründlich von oben bis unten putzen? Oder reicht es ihnen, einmal kurz durch zu saugen? Kochen Sie etwas Besonderes? Oder darf es auch etwas Schnelles und Bequemes sein? Welchen Aufwand Sie betreiben, hängt sicher auch von dem Gast ab, der da bald kommt.
Wie soll ich dich empfangen? Diese Frage stellt auch ein berühmtes Adventslied von Paul Gerhard. Wir werden es nachher singen. Auch in diesem Lied wird die Frage gestellt, was für Gastgeber wir sind. Der, den wir erwarten, ist in diesem Lied Jesus Christus. Welchen Empfang bereiten wir dem kommenden Herrn?
Wie sollen wir ihn empfangen? Auf diese Frage antwortet unser heutiger Predigttext.
(Verlesen des Predigttextes Lk 3,1-14)
Unser Predigttext nimmt uns mit in die Provinz Juda, also an den Rand des damaligen römischen Weltreichs. Wir befinden uns am Fluss Jordan. Dort, wo er durch die Wüste fließt. Die Wüste ist ja ein ganz besonderer Ort. In ihr gelten die vertrauten Regeln und Gewissheiten unseres Alltags nicht. In der jüdischen und christlichen Religion ist die Wüste ein spiritueller Ort. Ein Ort der Besinnung und der Gottesbegegnung. In der Wüste kann Gott sich offenbaren und dem Leben eine Wende geben.
Eine solche besondere Gottesbegegnung in der Wüste hatte auch Johannes der Täufer. Gott hat zu ihm gesprochen. Seitdem predigt er in der Wüste. Und er hat ganz offensichtlich etwas zu sagen. Denn die Menschen kommen in Scharen zu ihm um seine Botschaft zu hören. Sie spüren ganz offensichtlich, dass er in besonderer Nähe zu Gott lebt.
Was sagt Johannes zu ihnen? Zunächst einmal ein Zitat des Propheten Jesaja. „Bereitet dem Herrn den Weg und macht seine Steige eben! Was krumm ist soll gerade werden und was uneben ist, soll ebener Weg werden.“ (Jes 40,3f)
Heute können wir uns die Freude, die diese Verse bei seinen Zuhörern ausgelöst haben, kaum vorstellen. Seit Jahrhunderten wartete das Volk Israel auf das Kommen Gottes. Können Sie sich das vorstellen? Wie das ist, wenn uns von unseren Großeltern und Eltern aufgetragen wird zu warten und wachsam zu sein über Jahrzehnte und Jahrhunderte von Familie zu Familie. Was für eine Spannung sich da ansammelt, was für eine Sehnsucht!
Und nun ist er endlich nahe, der Herr. Ganz nahe.
In Scharen strömen die Menschen in die Wüste zu Johannes. Sie wollen diese freudige Nachricht hören. Und sie wollen vorbereitet sein auf das Kommen Gottes. Sie lassen sich mit Wasser taufen, wie Johannes es fordert. Die Taufe des Johannes ist ein Ritual der Reinigung von den Sünden. Alles, was zwischen ihnen und Gott steht, soll bereinigt werden. Nichts soll zwischen ihnen und Gott stehen, wenn er kommt.
Wie soll ich Gott empfangen? Die Menschen sind sich sicher: Mit der Taufe ist alles getan, um sich für diesen besonderen Besuch als würdig zu erweisen.
Aber da redet Johannes weiter: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; es ist schon die Axt an die Wurzel gelegt, jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Lk 3,7f)
Das klingt wie eine Drohung: „Pass auf, dass du dich durch dein gerechtes Tun als würdig erweist. Mit Gott ist nicht zu spaßen. Du hast nur noch wenig Zeit, dich auf sein Kommen vorzubereiten.“ Das ist alles andere als beruhigend, das macht Angst.
In der evangelischen Tradition galt Johannes daher lange als Vertreter einer Angstreligion, wie sie typisch für das Alte Testament sei. Diese sei durch Jesu Liebesreligion überwunden. Auf diese Weise musste man sich nicht weiter mit den Worten des Johannes auseinandersetzen. Man musste sie nicht auf sich beziehen. Zugleich zeigt eine solche Sicht einen bedenklichen Hochmut und ein großes Unwissen in Blick auf das Judentum.
Denn nach jüdischer Vorstellung kommt Gott nicht mit dem vordringlichen Ziel, Gericht zu halten und die Menschen zu strafen. Nach jüdischer Vorstellung ist das Kommen Gottes vielmehr mit einer allumfassenden Verwandlung dieser Welt in ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit verbunden. Durch das Tun der Gerechtigkeit und der Liebe lässt sich der einzelne Mensch in diese Bewegung mit hinein nehmen. Er hat Teil an der großen Verwandlung der Welt.
Deshalb fordert Johannes die Menschen auf: Kehrt um. Überdenkt eure Maßstäbe, ändert euer Verhalten. So nehmt ihr teil an der Verwandlung der Welt. So bereitet ihr dem Herrn den Weg.
Aber Johannes lässt keinen Zweifel, dass es auch ein „zu spät“ gibt. Gott ist für ihn wie ein loderndes Feuer ethischer Energie, die den Menschen entweder durchglüht und verwandelt oder eben auch als „Höllenfeuer“ mit der Möglichkeit eines für immer verfehlten Lebens konfrontiert.
Johannes Worte wirken wie der Ausdruck einer Religion der Angst. Und ganz fraglos setzt er den Akzent stärker auf das Gericht Gottes als es später Jesus tun wird. Aber wir sollten seine Worte nicht einfach wegschieben. Sie spiegeln eine Erfahrung wieder, die wir oft genug machen müssen: die Erfahrung, dass es ein „zu spät“ gibt. Die Erfahrung, dass einiges im Leben irreversibel ist.
In seinem Auftreten und seiner Radikalität erinnert mich Johannes der Täufer an die „Propheten“ meiner Jugendzeit. Wissenschaftler wie der „Club of Rome“ oder Hoimar von Ditfurth warnten eindringlich vor einem „weiter so“ in Hinblick auf das Wirtschaftswachstum und den damit verbunden Verbrauch und die Verschmutzung unserer ökologischen Ressourcen. Sie riefen zur Umkehr auf, zu einer Änderung des Verhaltens und einem Überdenken der Maßstäbe. Sie lehrten uns, dass ein immer mehr und immer billiger unser Ökosystem kaputt macht. Damals wurden sie von vielen verlacht. Man wollte sie nicht hören. Sie galten als Spaßverderber, dabei ging es ihnen um unsere Zukunft und das Leben auf diesem Planeten.
Heute wissen wir, wie Recht sie mit ihren Warnungen hatten. Der vom „Club of Rome“ angekündigte Klimawandel ist eingetreten und droht schlimmer zu werden als die Wissenschaftler es sich damals vorstellen konnten. Wir alle ahnen: Es kann ein „zu spät“ geben.
Und auch bei uns kommt es erst angesichts dieser Bedrohungslage zu einem Umdenken, zu einer Umorientierung. Viele Menschen überdenken ihre Lebensweise, üben sich in Konsumverzicht, fragen sich, ob ein immer mehr und immer billigeres Einkaufen wirklich richtig ist. Immer mehr Menschen machen sich über die Nebenkosten unseres westlichen Lebensstils Gedanken. Zum Beispiel versuchen sie, Produkte zu erwerben, die unter fairen und ökologischen Bedingungen erzeugt wurden.
Kehrt um, bevor es zu spät ist.
Genau dazu lädt uns Johannes ein: Um zu denken, um zu kehren auf den Weg des Lebens, der Gerechtigkeit und des Friedens. Und so dem Kommen Gottes den Weg zu bereiten.
Seine Zuhörer damals haben anscheinend gespürt, dass sein Ziel nicht die Angst und der Tod sind, sondern das Leben. Sie haben sich nicht die Ohren zugehalten, sie sind nicht weggelaufen.
Ganz offensichtlich haben sich mindestens einige seiner Zuhörer seine Worte zu Herzen genommen. Sie haben tatsächlich ihr Leben kritisch in den Blick genommen und dem vom Täufer erkannten Änderungsbedarf zugestimmt.
Auch Jesus muss die Predigt des Johannes als große Befreiung, als Aufbruch in ein neues Leben mit Gott empfunden haben. Denn er hat sich von Johannes taufen lassen. Das zeigt uns, dass es durchaus Übereinstimmungen zwischen Johannes und Jesus gegeben haben muss. Bis in den Wortlaut hinein knüpft Jesus an Johannes an. Auch er ruft bei seinem erstem öffentlichen Auftreten: „Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen.“ (Mt 4,17)
Zwar weist Jesus viel stärker als Johannes darauf hin, dass Gott die Liebe ist und nichts als die Liebe.
Aber auch für ihn enthält Gottes Liebe zu uns die Verpflichtung, diese Liebe nicht für uns zu behalten, sondern sie weiterzugeben an unseren Nächsten. Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass Gott seinen Willen zur Liebe nicht über unsere Köpfe hinweg durchsetzt. Gott hat uns als freie, mündige und verantwortungsfähige Menschen geschaffen. Er will unsere Mitarbeit an seinem Reich und traut uns zu, dass wir seine Liebe weitergeben. Wir sind dazu aufgefordert, als Boten Gottes die Welt nach Gottes Willen zu gestalten.
„Wie soll ich dich empfangen?“, so fragten wir zu Anfang.
Die Antwort Jesu lautet: Indem wir uns für den öffnen, der da kommt. Indem wir seiner Liebe vertrauen. Und indem wir diese von Gott empfangene Gabe weitergeben an unsere Nächsten. Ganz langsam, das ist die Hoffnung Jesu, wird die Liebe Gottes durch unser Tun die Welt verwandeln. Es wird dabei zu Rückschlägen kommen. Das Chaos und die Gewalt werden trotz des guten Willens und des Bemühens vieler die Zivilisation immer wieder zu zerstören suchen. Aber die Mächte des Chaos und Zerstörung haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort ist das Wort, das auch am Anfang steht: die Liebe Gottes.
Sich für das Geschenk dieser göttlichen Liebe zu öffnen und sie dann weiterzugeben an unsere Nächsten, dafür wirbt Johannes, dafür wirbt Jesus, darauf kommt es an. Heute und alle Tage unseres Lebens. Amen
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Frieden lernen: Wolfgang Hubers Predigt zur Garnisonkirche
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde,
im Haus eines Pharisäers hat man sich versammelt. Wir haben es gerade in der Lesung gehört. Simon heißt der von vielen geachtete, aber auch gefürchtete Mann. Jesus sitzt in der Mitte der Tischgesellschaft. Ohne Einladung kommt eine Frau dazu, von hinten tritt sie an Jesus heran, mit nichts als ihren Tränen und einem Glas voll Salböl. Verzweifelt wendet sie sich Jesus zu. Er weist sie auch nicht ab, sondern wendet sich ihr zu. Dem irritierten Gastgeber hält er die Beispiele eines kleinen und eines großen Schuldners vor, denen ihre Schulden erlassen werden. welcher hat größeren Grund zur Dankbarkeit? Doch damit endet die Szene keineswegs. Jesus spricht die Frau direkt an: „Dir sind deine Sünden vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden.“
So verzweifelt sie auch kam – ihr Leben ist nicht vergeblich gelebt. Es gibt einen neuen Anfang. Ihre Heilung setzt ein, weil sie hört: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Sie weiß nun, auf welche Kraft sie vertrauen kann: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Und sie kennt ihren Weg: „Geh hin in Frieden.“ Denn Frieden beginnt so: nicht auf die eigene Stärke setzen, sondern nach der Kraft ausschauen, die verbindet. Nicht Abgrenzung, sondern Versöhnung schafft Frieden.
Aber da ist eben noch ein anderer, ein Meister der Abgrenzung. Simon, der Gastgeber, spielt das Unterscheidungsspiel. Er bestimmt, für wen an seinem Tisch Platz ist und wer draußen bleibt. Noch nie hat er daran gedacht, dass auch sein Leben Brüche hat. Von eigener Schuld will er nichts wissen. Er meint: „Wenn Jesus ein Prophet wäre, so wüsste er, was für eine Frau ihn anrührt; sie ist eine Sünderin“
Mit den Fingern auf andere zeigen, deren Fehler aufdecken, war schon immer leichter, als zu eigenen Fehlern zu stehen. Wenn wir ehrlich sind und uns den Spiegel vorhalten, sehen wir alle eher wie Simon aus als wie die namenlose Frau mit ihrem Salböl und mit ihren Tränen. Aus diesem Grund sind viele Konflikte derart verhärtet, auch hier in Potsdam. Potsdam mit oder ohne Garnisonkirche: das ist nur ein Beispiel dafür. Immer wieder der Versuch, die Schuld bei den anderen zu suchen, ihre Motive in Frage zu stellen.
Wie müssten denn die Worte lauten, die Simon und uns freisprechen? Vielleicht so: Du bist nicht besser als andere. All deine Rechthaberei wird daran nichts ändern. Verlass dich nicht auf den Abstand, der dir die anderen vom Leibe hält. Vertrau der Liebe, die berührt und berühren lässt. Geh hin in Frieden.
Ein solcher Frieden soll in Potsdam einen neuen Ort erhalten. Dafür soll ein Gebäude wieder erstehen, das eines der schönsten Bauwerke, ja ein Wahrzeichen Potsdams war: der Turm der Garnisonkirche. Nicht der Krieg brachte ihn zu Fall, sondern der Hochmut Walter Ulbrichts. Er wollte nur noch die Türme von Rathäusern und Kulturhäusern gelten lassen, aber nicht Kirchtürme. Er hatte Türme im Sinn, die die eigene Macht demonstrieren, nicht Türme, die auf Gott verweisen.
Der neue Turm nimmt die großartige architektonische Form des Vorgängerbaus genau auf. Aber er fügt sich nicht mehr dem Geist der Feindschaft, der hier immer wieder aufflammte. Wo Soldaten auf den Weg in den Krieg geschickt wurden, wollen nun Menschen unterschiedlicher Herkunft – unter ihnen Soldaten wie Zivilisten – miteinander Frieden lernen. Flüchtlinge singen gemeinsam mit Menschen, die hier schon lange heimisch sind. Menschen aus einst verfeindeten Ländern gehen Schritte der Versöhnung. Die aufrichtige Auseinandersetzung mit den Realitäten unserer Zeit verbindet sich mit dem Geist der Bergpredigt, der zu gerechtem Frieden ermutigt.
Es geht nicht nur um ein Gebäude aus Stein, es geht um Menschen. Denn nur aus ihnen, aus lebendigen Steinen, kann ein Haus des Friedens entstehen.
Menschen finden sich hier schon jetzt zusammen, die aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen wollen. Dafür berufen wir uns heute auf die namenlose Frau, die auf dem Weg zu Jesus nichts mit sich brachte außer Tränen und Salböl: das Bekenntnis der Schuld und die Hoffnung auf Heilung.
Es gibt auch andere Wege, mit der Vergangenheit umzugehen. Auch hier in Potsdam werden sie wieder und wieder empfohlen, bis zum heutigen Tag. Vehement wird vorgeschlagen, sich an der Geschichte zu rächen, indem man ihre Orte auslöscht und den Geist der Vergangenheit versenkt. Man erklärt einen bestimmten Ort für die entscheidende Brutstätte schlimmer Gedanken. Man zählt Ereignisse aus den finsteren Jahren deutscher Geschichte auf, bei denen das Gebäude der Garnisonkirche verhängnisvollen Gedanken und politischen Irrwegen Raum gab. Doch kann man wirklich ein solches Gebäude magisch mit dem Ereignis eines einzelnen Tages oder mit einer Geschichtsepoche verbinden? Und was gibt Grund zu der Annahme, es stünde um die Demokratie und die politische Weisheit besser, wenn der Turm der Garnisonkirche nicht wieder aufgebaut würde?
Mir kommen in einem solchen Zusammenhang auch andere Gebäude in den Sinn. Im Berliner Dom wurden im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg grauenhafte Kriegspredigten gehalten; genau in dieser Kirche aber fand heute vor fünfzehn Jahren der erste deutsche Trauergottesdienst für die Opfer des 11. September 2001 statt. Das Mitgefühl mit den Opfern der Terroranschläge in New York und Washington fand dort seinen Ort. Durch das Brandenburger Tor in Berlin zog am 30. Januar 1933 ein Fackelzug für Adolf Hitler, der die Unterwerfung Berlins unter den Schrecken demonstrierte, den man als „nationale Erhebung“ bezeichnete; doch genau dieses Gebäude wurde zum Symbol der Einheit in Freiheit. Im September 2001 mahnte Bundespräsident Johannes Rau vor der Kulisse des Brandenburger Tors dazu, auch angesichts des Terrors die Freiheit zu bewahren. Und die amerikanische Sängerin Jocelyn Smith sang „Amazing grace“. Gebäude sind nicht magisch an den Geist der Vergangenheit gekettet; in ihnen kann ein neuer Geist Raum finden: erstaunliche Gnade.
Doch immer wieder derselbe Versuch: Gebäude auslöschen, den Geist der Vergangenheit versenken. Am 1. August 1951 zog eine Gruppe junger Leute in Blauhemden durch Potsdams zerstörte Innenstadt. An der Havel angekommen, ließen sie einen schwarzen Sarg zu Wasser. Auf ihm war in großen Buchstaben zu lesen: „Hier ruhen die letzten Hoffnungen der Kriegsbrandstifter auf einen alten Geist von Potsdam.“ Der Sarg war mit Steinen gefüllt. Das Versenken sollte garantiert gelingen. Doch stattdessen richtete sich der Sarg kerzengerade auf und segelte, weithin sichtbar, ein gutes Stück auf der Havel. Erst ein zweiter Versuch mit noch mehr Steinen brachte den schwarzen Sarg schließlich zum Verschwinden. Merke: Nicht martialisches Ersäufen, sondern kritisches Bedenken hilft zum verantwortlichen Umgang mit der Vergangenheit.
Dabei stützen wir uns auf den Geist von Coventry. Er zeigt auf seine Weise, dass aus Ruinen und beschädigten Bauwerken ein neuer Geist wachsen kann. Die Kathedrale von Coventry war im November 1940 einem deutschen Bombenangriff zum Opfer gefallen. 550 Menschen starben, große Teile der Innenstadt wurden zerstört, mit ihnen auch die spätmittelalterliche Kathedrale St. Michael. Drei große Zimmermannsnägel, die aus dem Dachstuhl der zerstörten Kathedrale stammten, wurden während der Aufräumarbeiten zu einem Kreuz zusammengefügt. Dieses Nagelkreuz wurde zum Zeichen dafür, dass aus den Trümmern der Zerstörung ein neuer Geist entstehen kann: ein Geist der Versöhnung und des Friedens. Die internationale Nagelkreuzgemeinschaft trägt diesen Geist über Grenzen hinweg, von England bis Südafrika, von Canada bis Rumänien, vom Sudan bis nach Deutschland. Die Nagelkreuzkapelle hier an der Garnisonkirche ist ein Glied dieser Gemeinschaft und bekennt sich zu diesem Geist. Wir laden dazu ein, an diesem Ort etwas Neues zu wagen: Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben. Wir vertrauen auf die Zusage Jesu: „Dir sind deine Sünden vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden.“
Amen.
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Kurswechsel
Liebe Gemeinde,
wir feiern diesen Gottesdienst zwischen Banktürmen und Notunterkünften, zwischen Deutschland und Sambia, zwischen arm und reich.
Dafür haben wir einen umstrittenen Bibeltext ausgesucht. Manche Theologen halten ihn für den schockierendsten Text des Neuen Testaments überhaupt: Das Gleichnis vom beschuldigten Verwalter. Es beginnt so:
Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Und zu den Jüngern sagte Jesus: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter. Der wurde bei ihm verklagt, er verschleudere sein Vermögen. Da rief er ihn zu sich und sagte: Was höre ich da über dich? Leg die Schlussabrechnung vor, denn du kannst nicht länger Verwalter sein!
(Lukasevangelium 16,1+2 (Bibelserver): In der Lesung Text und Quelle: Eigene Übersetzung angelehnt an die Zürcher Bibel, Zürich 2007)
Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Ein Großgrundbesitzer feuert seinen Verwalter. Wegen vermeintlicher Untreue. Sein einträglich-komfortabler Karrieresessel entpuppt sich als Schleudersitz. Nur noch seine letzte Bilanz soll er vorlegen.
Ob der Verwalter wirklich seinen Chef hintergangen hat, ist nicht erwiesen. Vielleicht hatte er Neider. Vielleicht wurde er gemobbt? Verwalter eines großen Gutes zu sein, war attraktiv. Ein Managerposten. Gut bezahlt, viel Prestige.
Doch damit ist jetzt Schluss. Beim Geld hört die Freundschaft auf. Die Kündigung liegt auf dem Tisch. Was tun?
Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Der Verwalter aber sagte sich: Was soll ich tun, da mein Herr mir die Verwaltung wegnimmt? Für Feldarbeit bin ich nicht stark genug, und zu betteln schäme ich mich.(Lukas 16,3)
Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Der Verwalter behält einen kühlen Kopf. Checkt die Lage. Statt zu spekulieren, wer ihm alles böse mitgespielt hat, konzentriert er sich darauf, was er selbst aus eigener Kraft tun kann.
Zwei Möglichkeiten kommen ihm in den Sinn. Doch beide taugen nicht für ihn. Für die Feldarbeit ist er zu schwach. Zu lange in Plüschsesseln gesessen, übergewichtig vielleicht, keine Muskeln. Von wegen, die einfachen Arbeiten sind leicht!
Betteln könnte er auch. Doch das ist ihm zu peinlich. Er, der bislang reiche, mächtige Mann, muss andere um Almosen anflehen. Ihn schaudert es.
Doch dann, ein Geistesblitz:
Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Jetzt weiß ich, was ich mache, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. Und er rief die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich und sagte zum ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
Der sprach: Hundert Fass Olivenöl. Er aber sagte zu ihm: Da, nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib schnell fünfzig! Darauf sagte er zum zweiten: Und du, wie viel bist du schuldig? Der sagte: Hundert Fuhren Weizen. Er sagte zu ihm: Da, nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.(Lukas 16,4-7)
Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Er hat’s! Das ist seine Chance. Noch ist er Verwalter, noch kann er etwas tun: Die Schuld der Schuldner nachlassen. Die werden sich dann später an ihn erinnern! Die werden sich ihm verpflichtet fühlen.
Gerettet!
Durfte er das? War das rechtmäßig? Die Theologen streiten sich. Einige sprechen von klarem Betrug. Luther nennt ihn den „unehrlichen Verwalter“. Andere weisen darauf hin, dass der Verwalter das Recht hatte, Schulden zu erlassen. Und das kann ja durchaus auch mal klug sein. Lieber weniger zurückbekommen, als alles fordern und am Ende komplett leer ausgehen.
Mag sein, dass der Verwalter klug, ja sogar legal gehandelt hat. Aber war es fair? Es war ja nicht sein Geld! In unserer durch Finanzkrise und Bankenskandale gezeichneten Zeit sind wir hier sehr sensibel. Viel Geld von Steuerzahlern ging verloren –viele Sparer wurden geprellt. Gerade verhandelt das Landgericht Frankfurt gegen sieben suspendierte Mitarbeiter einer großen Bank. Vorwurf: Bandenmäßige Steuerhinterziehung. Reiche sparen sich Steuern mit Hilfe von Banken. Sie legen Geld in Briefkastenfirmen an – in Panama, Niue und der Isle of Man.
Sich an fremdem Eigentum vergreifen, ist ein Tabu. Du sollst nicht stehlen. Wer es tut, muss bestraft werden.
Der Verwalter verschleudert das Eigentum des Großgrundbesitzers. Was passiert, als
der Deal ans Licht kommt?
Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Und der Herr lobte den Verwalter der Ungerechtigkeit, weil er klug gehandelt hatte. (Lukas 16,8a)
Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Das müssen wir uns auf der Zunge zergehen lassen: „Der Herr lobt den Verwalter“. Ja, wieso denn das? Ist der Großgrundbesitzer einfach ein guter Verlierer, der erkennt, dass der Verwalter so handelt wie er: Entschlossen und immer zu eigenen Gunsten und immer mit Gewinn?
Sollen wir es etwa alle so machen wie der Verwalter: Fremdes Geld verzocken und dann noch auf Lob von höchster Stelle warten? Ein neuer Skandal! Doch Jesu Fazit klingt fast so:
Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit, damit sie euch, wenn er ausgeht, aufnehmen in die ewigen Wohnungen. (Lukas 16,9)
Pfarrer Christian Reiser, Predigt: „Macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit“. Ein gefährlicher Satz, der nur für sich genommen so klingt, als ob es vor allem darauf ankommt, etwas Gutes mit Geld zu tun – egal woher es kommt, egal ob es mit Waffengeschäften, Drogenhandel oder Erpressung verdient wurde.
Doch das meint Jesus nicht.
„Macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit“, das heißt: Gebt das Geld für das Richtige aus, statt es zu horten und zu zählen. Ja, verschleudert es für das Gute. Macht es wie der Verwalter. Nicht um Euch eine Freude zu machen, sondern damit Ihr mit dem Geld Freunde gewinnt.
Wie wichtig Freunde sind, erkennt der Verwalter ja erst, als er vor dem Ruin steht. Sein Gehalt, Ehre, Ansehen, alles geht verloren. Da begreift er: Wichtig ist nicht das Geld, sondern das, wofür es steht, was es verspricht und was es regelmäßig nicht hält, wenn es wirklich drauf ankommt. Wichtig sind Glück, gute Beziehungen zu anderen Menschen, Frieden, Freunde.
„Macht euch Freunde mit dem Geld – aber seid dabei wachsam. Es bleibt der Mammon der Ungerechtigkeit“, sagt Jesus. Nicht nur Schwarzgeld, alles Geld! Denn das Wirtschaftssystem, in dem er gelebt hat und in dem wir heute leben, ist ungerecht. Manche hungern, andere müssen täglich weit gehen, um Wasser zu holen, andere prassen und wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. „Diese Wirtschaft tötet“, sagt der Papst.
Darum wechselt Euren Kurs. Setzt Euer Leben nicht – wie gerade in Frankfurt viele – auf das Geld! Befreit euch von der Herrschaft des Mammons – so wie der Verwalter. Wechselt euren Kurs, damit mit dem Geld die Freundschaft nicht aufhört, sondern anfängt. Investiert Eure Liebe, eure Zeit, eure Leidenschaft und auch euer Geld für die gute Sache Gottes.
Ihr seid eingeladen in seine „ewigen Wohnungen“, in sein Reich! Den Ort zum Fröhlichsein; zum Genießen, zum Vergessen, was das Herz früher beschwerte. Zum Staunen über das erste Grün oder die Sterne in der Nacht. Den Ort,an dem alle Menschen glücklich und in Frieden leben können.
Noch hat dieser Ort keine Postleitzahl. Er ist noch im Werden. Doch manchmal können wir schon etwas davon erleben. Im versonnenen Gesichtsausdruck des Jungen, der die Mondfinsternis bestaunt und sagt: „Ich könnte noch die ganze Nacht hier stehen und zusehen“. In der besorgten Frage eines Fremden, ob er mir helfen könne. In der Begegnung eines Managers und eines Obdachlosem in dieser Kirche. Solche Momente erleben, ja zu solchen Momenten beitragen, das macht das Leben reich.
Klar, der Verwalter bleibt eine etwas zweifelhafte Figur. Warum sieht Jesus ihn als Vorbild?
Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Ja, die Kinder dieser Welt sind im Verkehr mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts! (Lukas 16,8b)
Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Der Verwalter ist ein „Kind dieser Welt“. Mit ihren Spielregeln kennt er sich bestens aus. Er findet einen Weg, sich zu retten. Und geht ihn konsequent, entschlossen. An dieser Stelle – und nur an dieser Stelle – können wir, die Kinder des Lichts, von den Kindern dieser Welt lernen.
Urkunden fälschen oder fremdes Geld verschenken, das nicht. Sondern sich mutig entscheiden, wofür wir unsere Zeit, unsere Energie und unsere Leidenschaft einsetzen. Was wirklich wichtig ist. Was in der Zukunft zählt.
Und das entschlossen zu tun, das macht den beschuldigten Verwalter zu einem Vorbild für uns!
Und so stellt uns Jesus mit diesem Gleichnis am Ende vor dieselbe Entscheidung wie auch in der Bergpredigt:
Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Niemand kann zwei Herren dienen. Denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird sich an den einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld. (Lukas 16,13)
Amen.
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Bittet - aber bittet drängend!
Liebe Brüder und Schwestern,
Feiertag im Doppelpack – das ist mir heute hier in der Friedenskirche doppeltes Vergnügen. Zum einen, weil ich wieder einmal diese Gemeinde besuchen kann und zum anderen, weil es tatsächlich an einem 1. Mai einen Gottesdienst zu feiern gibt, und diesen von Herzen gern zusammen mit Ihnen und Euch, liebe Gewerkschafter und Betriebsräte. - Dem KDA sei auch für diese Initiative von Herzen gedankt! Und auch wenn´s den Arbeitnehmer_innen einen Feiertag nimmt, so ist´s doch wahrlich nicht von Schaden, dass wir uns als Kirche und Arbeitswelt in den Blick nehmen und vergewissern, was uns gemeinsam anspornt. Und da ist ja zuallererst die Vision von einer gerechteren Welt. Und natürlich die eklatante Not so vieler Menschen, denen es mangelt an Lohn und Brot, aber auch an Anerkennung und Zugehörigkeit. Und nicht zuletzt sind es die Hassredner unserer Tage, die uns zusammen stehen lassen für ein „Nein gegen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit!“ Also: es ist gut, hier und nachher gemeinsam zu demonstrieren, dass uns Werte einen, die wir nicht preisgeben werden!
Und dazu nun ausgerechnet dieser Sonntag, der nach unserem liturgischen Kalender „Rogate“ heißt – also: Bitten. Oder „Beten“. Oha, mögen jetzt einige denken, ob das nun gerade hilft? Zumal Arbeiterbewegung und Gewerkschaften ja eher kämpferisch das Fordern fordern. „Nicht betteln, nicht bitten, nur mutig gestritten“- so heißt ein Vers in einem alten Arbeiterkampflied, den man gelegentlich auf den Demos noch sieht. Und? Lässt sich das überhaupt zusammenbringen: Forderung und Gebet? Kampf und Kontemplation?
Schauen wir dazu in den Predigttext. Da bekommt jemand spätabends noch Besuch und stellt fest: Es ist nichts zu essen im Haus. Also geht er zu einem Freund. Freund, nicht nur Nachbarn! Klingelt um Mitternacht. „Mach mir keine Unruhe“, nörgelt der. „Ich bin schon im Bett!“ Trotz dieser übellaunigen Abfuhr klingelt der andere wieder. Es gibt Zeiten, da ist der Hunger stärker als die Scham. Und genau wegen dieses „unverschämten Drängens“, so sagt es Jesus, bekommt er am Ende, was er braucht. Fazit: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“
Zweierlei nun finde ich an dieser Geschichte interessant. Zum einen, dass Jesus hier erklärt, wie und warum man überhaupt beten soll. Das hatten ihn nämlich die Jünger gefragt. Dabei hat er sie mit dem Vaterunser vertraut gemacht und hier nun geht´s um diese Bitte: Unser täglich Brot gibt uns heute. „Leih mir drei Brote“, sagt ja der Freund. Brot steht hier zentral und elementar für all das, was wir zum Leben brauchen. Für die Grundbedürfnisse gewissermaßen. Wir brauchen das Brot zum Leben. Ja mehr noch: es gehört zu den Grundrechten menschlicher Existenz.
„Leih mir drei Brote“ – ich will sie nicht geschenkt, bittet der Freund. Aber ich brauche sie jetzt! Das ist das zweite, worauf es ankommt: Bitten kann, ja muss, mitunter den Charakter des schamlosen Drängens annehmen. Das ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, auch Gott gegenüber. Und erst recht den Menschen gegenüber, die viel besitzen, während der andere selbst vorm Verhungern steht. Oder vor dem Verlust seiner Menschenwürde.
Vor drei Tagen war ich auf einer Fachtagung, bei der es um die soziale Situation alleinerziehender Mütter und Väter ging. Und die ist definitiv desaströs. Beschämend für unser Land. Viele der Frauen, denn in der Regel sind es Frauen, müssen von Hartz IV leben. Arbeiten ist nur bedingt möglich, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen. Der Unterhalt, den der Partner zahlt, reicht oft hinten und vorne nicht – wenn er überhaupt zahlt. Falls er das nicht tut, geht das Amt in Vorleistung, mit 194 Euro im Monat, und auch das nur für maximal sechs Jahre. „Wenn meinem Kind am Monatsende die Schuhe kaputt gehen, dann gibt es erstmal keine neuen“, erzählt eine. Bürokauffrau sei sie gewesen, eigentlich ein guter Job, aber jetzt Hartz IV. Sie steht mit dieser Situation keineswegs allein. Fast zwei Millionen Kinder in Deutschland wachsen in einem Haushalt mit nur einem Elternteil auf, die Hälfte davon muss von dieser Grundsicherung leben, die eben oft keine ist.
Rogate – bittet. Aber bittet drängend! Klopft laut an die Türen der Politik, damit sie gegen dieses soziale Unrecht vorgeht. Betet! Heißt auch mit den Gewerkschaften: Nehmt euch Zeit für mehr Solidarität. Denn wer bittet, der nennt beim Namen, was nicht stimmt. Der bittet für andere! Der steht auf aus dem Schlaf der Gerechten, weil Ungerechtigkeit ihn aufrüttelt und Leiden sie berührt.
Tief berührt habe ich vorvergangene Woche in Brüssel vor dem Kerzen- und Blumenmeer gestanden, mit dem die Menschen der Opfer der Attentate gedacht haben. So viele Fotos der Ermordeten, Liebeserklärungen, aber auch Bekenntnisse zur Freundschaft der Kulturen. Und Religionen! Und immer wieder Herzen - „Europa getroffen ins Herz“, stand da auf einem. „Aber glaubt nicht, dass unsere Herzen kalt werden!“ Daneben ein Bild von einem weinenden Kind an diesem furchtbaren Grenzzaun von Idomeni; mit den kleinen Fäusten panisch dabei, sich das Tränengas aus den Augen zu wischen...
Klopfet an, und euch wird aufgetan?
Europa steht an einem Scheideweg. Das ist mir da schlagartig klar geworden. Und es geht eben nicht allein darum, ob es einen unsinnigen Brexit gibt oder nicht. Es geht darum, die Grundwerte einer demokratischen Gemeinschaft zu verteidigen, ja den europäischen Traum von der Freiheit der Grenzen und der Vielsprachigkeit in jeder Hinsicht wach zu halten. Entgegen all der nationalen und rechtspopulistischen Irrungen, die doch tatsächlich meinen und sagen!, dass man sich von Kinderaugen nicht erpressen lassen soll.
Europa braucht neuen Zusammenhalt – um all dies zu halten: Humanität. Freiheit. Frieden. Nächstenliebe. Zeit für mehr Solidarität sowieso. Nicht allein der gemeinsame Markt, diese gemeinsamen Werte sind es doch, die es durchzutragen gilt! Mit jedem Transparent auch heute!
Dabei ist für mich als Christin mit diesem Predigttext im Ohr eines entscheidend. Bitte, so wird dir gegeben.- Heißt: Die wirklich wesentlichen Werte, all die Dinge, die uns Kraft geben und Sinn, können wir uns nur schenken lassen: Die Liebe, das Kind, Glück, Freundschaft, Gesundheit, Würde im Leben und Würde im Sterben. All das können wir nicht mit eigener Kraft schaffen oder erzwingen. Wir können es nur empfangen. Dafür danken. Darum bitten. Für die, die wir lieben. Für uns selbst. Wir können bitten für die, die aus ihrer Heimat fliehen müssen und vor den Grenzen Europas um ihr Leben fürchten. Und wir können bitten für die, die in fürchterlicher Kriegsangst leben, gerade jetzt in Syrien, Ukraine und an so vielen Orten der Welt.
Bittet, so wird euch gegeben. Ob´s wohl wirklich hilft, das Beten? - Ich bin zutiefst überzeugt, dass Beten verändernde Kraft hat. Denn wer betet, findet sich nicht ab mit dem, was nicht stimmt. Wer betet, denkt nach, wie das zu ändern ist. Und ich bin sicher: Gott hört. Er hört, was wir nicht lösen können und was uns unruhig macht. Er hört uns, damit wir unser Leben lang nicht müde werden, den Frieden zu ersehnen. Und der Gerechtigkeit aufzuhelfen.
Von Kindern können wir da übrigens eine Menge lernen. Sie können beten. Sich anvertrauen. Ganz zweifellos. Sie danken und entschuldigen sich, werden ihre Nöte los und ihren Ärger, fragen einfach, warum Gott Waffen erfunden hat und den Tod. Und sie teilen sich mit. „Ich bete zu dir, weil mir langweilig ist“, sagt zum Beispiel der 10jährige Johann. „Du kennst das wohl nicht, weil du dauernd für uns hier arbeiten musst. Na dann, man hört von einander!“
Ja klar hört er. Auf uns. Und auf Kinder wie Artur: „Ich muss schon sagen, lieber Gott, du hast die Schöpfung und die Menschen so schön gemacht. Aber ich habe trotzdem ein paar Verbesserungsvorschläge. Zum Beispiel sollten die Blumen das ganze Jahr blühen. Und die Menschen sollten gesund sein. Und jedes Kind sollte täglich Frühstück, Mittagessen und Abendbrot bekommen. Darum bitt´ ich dich und das war´s auch schon. Amen“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre dabei unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
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Brücken bauen!
Eine Predigt von Pastor Peter Sorie Mansaray und Pastorin Elisabeth Kühn.
Pastorin Elisabeth Kühn:
Toll! Wir haben ein volles Haus! Die Kirche ist gut gefüllt. Es tut einfach gut, mit vielen anderen in der Kirche zu sein. Wir können diese Predigt mit einem Dank beginnen. Danke, dass ihr gekommen seid! Danke, dass Sie der Einladung gefolgt sind!
Es ist nicht selbstverständlich, dass Einladungen angenommen werden. Wir haben es eben gehört. Da wird von einer anderen Erfahrung erzählt. Jemand bereitet ein großes Fest vor. Ich kann mir gut vorstellen, wie da geplant wird: Wer soll eingeladen werden? Wichtig sind die richtig guten Freunde. Dann werden Pläne gemacht. Was soll es zu essen geben? Sind genug Sitzgelegenheiten und Tische vorhanden? Soll es Musik geben und wollen wir tanzen?
So ein Fest macht viel Arbeit! Die Einladungen gehen raus. Kommt, denn es ist alles bereit! Lasst uns feiern! Und dann passiert das: Einer nach dem anderen sagt ab. -Es sind gute Gründe vorhanden. Einen besseren Grund als eine Hochzeit zum Beispiel kann ich mir gar nicht vorstellen. Stell dir vor, ich sage meinem Mann oder meiner Frau am Hochzeitstag: Danke, Schatz, dass du mich geheiratet hast, aber ich bin jetzt eingeladen. Ich bin dann mal weg. Das kann ja wohl nicht sein. Auf der anderen Seite: Als Gastgeber interessiert mich das herzlich wenig. Schöner Mist: Was soll ich denn jetzt mit dem ganzen Essen machen? Den Discjockey muss ich auch wieder nach Hause schicken. Doch am meisten schmerzt das Gefühl, dass meine Einladung missachtet wird. Und damit ich selbst als Person.
Pastor Peter Sorie Mansaray:
Der Gastgeber ist enttäuscht, wütend. Die Gäste haben ihn im Stich gelassen. Anderes ist immer wichtiger: Die Arbeit oder Materielles oder oder oder. Dabei ist diese Einladung größer als alles, was vorher war. Das ist nicht irgendeine Party. Diese Party ist besonders. Da werden Freunde eingeladen! Allernächste, beste Freunde! Da zählen doch die Angelegenheiten des täglichen Lebens nicht!
Sie dürfen das Leben nicht beherrschen. „Freuen dürfen sich alle, die mit zu Tisch sitzen werden in Gottes neuer Welt“, heißt es. In diese neue Welt sind wir von Gott eingeladen! Wenn wir uns dafür keine Zeit nehmen, wofür denn dann?
Aber so ist es! Gottes Einladung hat es schwer. Hier in Hamburg und wohl überhaupt in unserer Zeit. Da liegt viel anderes obenauf. Jeder hat zu tun. Jeder muss sehen wo er bleibt. Jeder muss sein eigenes Leben bewältigen. Da bleibt keine Zeit für Gott oder den Mitmenschen. Für sie gibt es keinen Platz im Terminkalender. Was man nicht fassen kann, wird vergessen. Und Gott ist unfassbar.
Pastorin Elisabeth Kühn:
Jetzt kommt mir ein ziemlich provokanter Gedanke. Unsere Kirche hier war leer. Die Gäste sind ausgeblieben. Dann kamt ihr. Seid ihr jetzt so etwas wie die „zweite Wahl“? Ersatzgäste, damit die Party nicht ins Wasser fällt?
Pastor Peter Sorie Mansaray:
Es ist doch gut, dass Gott sich nach der Absage seiner Gäste nicht beleidigt zurückzieht. Im Gegenteil: er geht in die Offensive! Jetzt macht er die Türen und Tore ganz weit! Richtig trotzig klingt das: Jetzt erst recht! Jetzt kommen die dran, an die zuerst gar nicht gedacht war. Unserer Gemeinde hier in Hamburg ist das zum Segen geworden.
Pastorin Elisabeth Kühn:
So kann man es natürlich auch sehen. Auf unsere Kirche bezogen, können wir sagen: weil immer weniger Menschen gekommen sind, musste etwas passieren. Und es IST ja auch etwas passiert. Wir sind aufeinander zugegangen. Wir haben es gewagt, zusammen zu feiern, nicht jeder für sich. Und wenn wir uns umschauen, stellen wir fest, dass durchaus einige von den Gästen wieder da sind, die zuerst nicht kommen wollten. Ihr seid schon lange keine Ersatzgäste mehr. Und wir sind nicht mehr die Platzhirsche, die ihre Kirche für sich haben wollen.
Pastor Peter Sorie Mansaray:
Trotzdem war es nicht einfach. Jeder möchte wirklich gewollt sein. Niemand will eine Alibifunktion erfüllen. Weil die einen nicht kommen, dürfen wir jetzt…
Bin ich etwa weniger wert? Bin ich nicht wichtig genug, um von Anfang an auf der Gästeliste zu stehen? Das greift den eigenen Stolz an. Da fühlt man sich minderwertig.
Andererseits: Vielleicht ist das alles kein Zufall. Vielleicht gibt es für Gott – anders als für uns – gar keine erste und zweite Wahl!
Gott richtet seine Einladung an alle. Er erweitert seine Gästeliste. Er lädt neu ein. Er lässt nicht locker.
Gott überschreitet Grenzen und hilft Menschen, das Gleiche zu tun. Lass die Hindernisse hinter dir! Überwinde deine Angst. Komm dazu. Lerne andere kennen.
Sieh, was uns verbindet. So ist Gottes Welt gedacht: dass Menschen miteinander leben, Brücken zueinander bauen und sie beschreiten. Menschen gehen aufeinander zu. Sie begegnen sich und gehen miteinander weiter. Das ist ein Segen.
Pastorin Elisabeth Kühn:
Wir kennen die Tendenz, uns gemütlich einzurichten. Übrigens auch in der Kirche. Manchmal machen wir die Türen lieber zu als auf. Schmoren lieber im eigenen Saft. Es ist bequemer, wenn man weiß, was einen erwartet – oder wer. Wenn man sich kennt, braucht man nicht mit Überraschungen zu rechnen. Da kann alles so bleiben wie es ist. Niemand muss seine Komfortzone verlassen. Alles so schön kuschelig hier…
Aber man verpasst Chancen. Man verpasst Leben. Es ist ein Segen, zu erleben, dass wir über kulturelle Grenzen hinweg zusammen Gottesdienst feiern können. Zu spüren, dass der Glaube eine Brücke ist , die uns verbindet und uns sogar spontan in der Kirche tanzen lässt einfach aus Freude.
Pastor Peter Sorie Mansaray:
Wir haben alle Neues erfahren und lernen ständig. Von beiden Seiten müssen wir innere Grenzen überwinden. Auf beiden Seiten müssen wir uns von Vertrautem lösen – ohne uns selbst zu verlieren.
Für viele Deutsche ist die Musik im afrikanischen Gottesdienst viel zu laut.
Und für viele Afrikaner ist die Atmosphäre in einem protestantischen deutschen Gottesdienst viel zu nüchtern. Das sind im Grunde nur Kleinigkeiten. Es gibt auch Missverständnisse und Schwierigkeiten. Und doch spüren wir, dass Gott unser Miteinander im Glauben und im Leben reich macht.
Pastorin Elisabeth Kühn:
Anders wollen wir es nicht mehr haben. Gottes Volk kennt keine Grenzen von Sprache, Hautfarbe oder Kultur. Es gibt bei ihm keine Menschen zweiter Wahl. Er lädt alle ein in den Festsaal des Lebens. Üppiger, reicher, lebendiger, als man sich vorstellen kann. Und es heißt: Du brauchst keine Voraussetzungen zu erfüllen. Es spielt keine Rolle, welche Kleidung du trägst oder ob deine Haare richtig sitzen. Es ist unwichtig, ob du Hartz 4 beziehst oder Studienrätin bist. Es ist egal, wo du herkommst; wie heil oder kaputt sich dein Leben anfühlt. Wie bedürftig du bist. Du bist angenommen. Du bist eingeladen!
Pastor Peter Sorie Mansaray:
Und es ist noch immer Raum da! Der Platz ist noch lange nicht ausgeschöpft! Das Fest des Lebens geht gerade erst los!
Wir dürfen noch weiter denken. Wir überwinden Grenzen und laden weiter ein, das Fest des Lebens mit Gott zu feiern.
Du musst nur vor die Tür gehen. Die Welt ist schon da. Das Leben spielt sich bei dir ab! Für unser Miteinander, für unsere eine Welt brauchen wir Gottes Gnade, seine Barmherzigkeit und seine Liebe.
Damit das Fest gelingt, brauchen wir Gottes Einladung nur anzunehmen. Mehr nicht. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Chrístus Jesus. Amen. (oder englisch).
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Konfirmationspredigt zu Lukas 21,15 von Jochen Riepe
‚Denn ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können‘, spricht Christus zu den Seinen.
I
Nicht wahr , liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden , das hier , das hat etwas. Das reizt – solch ein Mikrophon. Ihr erinnert euch : Beim Weihnachtsspiel, neulich bei der Sprechmotette zur Vorstellung oder wann immer Ihr hier in der Kirche oder in der Schulaula etwas vortragen mußtet … eine Stimme , die kann `was … und wenn sie dazu noch verstärkt wird und bis da ganz hinten reicht , dann fühlt man , spürt man power , Macht in der Kehle. Du sprichst oder singst , ja du , und die anderen , viele andere, hören zu. Der Kirchenvater Johannes Chrysostemos war ein großer Prediger. ‚Das Reden macht mich gesund‘, soll er gesagt haben, ‘sobald ich nur den Mund aufmache , ist alle Müdigkeit überwunden‘* .
II
Wir alle , und nun spreche ich besonders die Älteren an , kennen aber auch das andere. Eben noch war ich ‚voll-mundig‘ und nun werde ich klein-laut . Was nützt mir ein Mikrophon , wenn die Stimme versagt , ich kein Wort herauskriege oder eben keine Kraft habe, meine Stimme zu erheben. Das kann auch bei geübten Rednern vorkommen – selbst der große Goethe hatte einmal bei einer Rede einen blackout ,einen Aussetzer, der über zehn Minuten dauerte** - , und so wie den Kindern der Welt , so ergeht es auch den Jüngern Jesu : Sie drohen zu verstummen. Hemmung, Unsicherheit, Scham . Klingt es überzeugend, was ich sage? Ist es glaubwürdig? Kann ich zu dem stehen , was ich gehört und gelernt habe – über Gott und die Welt und über mich selbst? Kann ich es verantworten? Auch dann , wenn man mir feindselig oder spöttisch gegenübertritt? Die Angst der Jünger damals ist uns bis heute geblieben. Die Angst , rot zu werden und wegzulaufen und zu ver-sagen.
III
‚Denn ich will euch Mund und Weisheit geben…‘ Wer sich unter Druck fühlt , wer erfährt , daß andere es nicht gut mit ihm meinen und ihn gar verleumden , der macht das, was von außen kommt , oft hier drinnen noch schlimmer. Er macht sich regelrecht verrückt und verliert sein Wort ganz. Stummheit. Schweigen. Eben hier greift Jesu Wort. Es wirbt um Vertrauen darauf, daß in solchen Konfrontationen , wenn Stirn gegen Stirn steht , sein Geist uns aufhelfen und stärken wird. Was meint er aber damit ? Ihr müßt jetzt gar nicht an überirdische Kräfte denken, vielleicht reicht es so : Ihr habt gehört , gelesen , gelernt ,ihr tragt viel Gutes in euch. Mit Eurer Mutter- und Vatersprache gehört dies alles zum Kern eurer Person und diesen Schatz kann euch keiner nehmen. Sollte der Augenblick kommen , so wird Gott ihn in dir erwecken und dir geben , was du längst empfangen hast. Das kennt ja jeder von uns : Plötzlich finde ich auch vor einem Vorgesetzten oder Ankläger die rechten Worte und rede mich buchstäblich frei.
IV
Ja, dieses Mikrophon… Eine Stimme, liebe Gemeinde, braucht Ausbildung , Übung, Technik und in solch einem großen Raum wie unserer Kirche auch Verstärkung. Aber vor allem braucht sie Erfahrung , Inhalte , einen Menschen , der etwas erlebt hat und von den Menschen und der Welt und von Gott etwas weiß. Ich will ja wirklich etwas zu sagen haben. Meine Freiheit , mein ‚Freimut‘, wie der Evangelist Lukas gern schreibt, braucht gleichsam ein Medium oder auch einen Fundus , einen Grund , auf dem ich stehe. Jesus nennt dies ‚Weisheit‘ und dies sei sofort ergänzt : Weisheit ist etwas anderes als Intelligenz, IQ oder gute Schulnoten oder irgendwelche Kompetenzen . Weisheit , das ist ein Sinn für das, was vor Gott und den Menschen angemessen ist. Kraft. Liebe. Besonnenheit. Respekt und auch Bescheidenheit. Ich muß , um weise zu werden, immer wieder hören und lernen und nochmals hören und lernen , wenn ich wirklich etwas zu sagen haben will – ‚der Weisheit Anfang ist die Achtung vor Gott‘ . Schwätzer und Wortdrescher sind in der Regel Menschen , die nicht richtig gehört , nachgefragt und nachgedacht haben. Die nicht abwarten können und dir schnell über den Mund fahren.
V
Weise werden wir also mit der Zeit , vielleicht besonders in der Zeit, die wir mit Gott teilen . Unsere Stimme wird im Hören und Zuhören aus ihrem Schlummer sanft , aber konsequent geweckt. So war es schon ganz am Anfang unseres Lebens und eure Eltern werden sich erinnern : Indem Ihr etwas mit- oder nachgesprochen habt , einem fremden Klang in euch Raum gabt und eure Sprechwerkzeuge aktiv wurden , wurde aus dem Stimm-Gut des anderen etwas eigenes. Ihr durftet es ausbilden , mit ihm Erfahrungen machen und es erproben – manches wolltet Ihr gewiß auch wieder ausspucken . Dieses Nach – oder Mitsprechen ist für den Glauben der Christen ganz elementar. Wir lassen uns leiten von einem biblischen Wort , unserem Tauf- oder Konfirmationsspruch , einem Psalm , einem Lied , also von dem, was Ihr so schön ‚auswendig- by heart‘ gelernt habt , und in euch und durch euch wird das Alte, das Vorgegebene , neu , lebendig ,geist-voll. Der Glaube – so haben wir neulich im Unterricht gesagt – ist etwas sehr Persönliches und wie und wann ich darüber spreche , das stellt Gott in meine Freiheit. Aber dieses Persönliche ist umso persönlicher , je mehr ich gehört , empfangen und das Empfangene bedacht habe.
VI
Übrigens , viele Sängerinnen und Sänger , auch Bands, auch unsere Gemeindeband, hat so begonnen : Mit dem Covern der Titel anderer. Große Schriftsteller bekennen freimütig, bei anderen abgeschrieben zu haben und wir Prediger lernen eigens etwas über ‚den Gebrauch fremder Predigten‘***. Also : ‚alles nur geklaut‘? Genauer muß man sagen : Im Bereich dieses inneren Schatzes gibt es kein Privateigentum. ‚Alles gehört euch‘ – weil alles zum Wirken des Gottesgeistes gehört … alles Gehörte kann zum Baustein werden , aus dem wir etwas machen dürfen. Oft habe ich bei euch geklaut und mir nach den Unterrichtsstunden Stichworte gemacht , Sätze notiert , Gaben eures frischen Geistes , die nun im Universum des göttlichen Geistes mitklingen … Ich danke euch dafür.
VII
‚Denn ich will euch Mund und Weisheit geben‘, sagt Jesus. ‚Das Reden macht mich gesund‘, sagte der Kirchenvater Chrysosthemos, zu deutsch :‘Goldmund‘. Ob nun dieses Kirchenmikrophon oder ein ganz anderes , wo immer ihr sein werdet, wir erbitten für euch einen ‚weisen‘ , nein : nicht unbedingt ‚goldenen‘ , Mund . Ein sprechendes und singendes Leben im Geiste des Herrn , zu dem ihr mit eurer Taufe gehört.
*H. v. Campenhausen, Griechische Kirchenväter,4.Aufl.1967,S.142
** A. Muschg ,Der Schein trügt nicht. Über Goethe 2004,S.145
*** R. Bohren , Predigtlehre, 2.Aufl. 1971,S.198
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Lass ihm noch ein Jahr - Predigt zu Lukas 13,1-9 von Christiane Borchers
Lass ihm noch ein Jahr
„Womit habe ich das verdient“, fragt sie sich. Sie ist krank, schwerkrank. Sie wird medizinisch behandelt. Die Behandlung ist nicht leicht auszuhalten. Sie fühlt sich hinterher schlecht und ihr ist übel. Sie hatte in den letzten zwanzig Jahren viel mit Krankheit zu tun. Deswegen musste sie ihren Beruf frühzeitig aufgeben. Sie hat ihren Beruf so gerne ausgeübt, fand Erfüllung in ihrer Tätigkeit. Sie hat sich auf ihrer Arbeitsstelle wohlgefühlt; zu den Arbeitskolleginnen und -kollegen hatte sie ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Sie war beliebt gewesen und hatte Kontakt zu den Menschen. Der Kontakt wurde nach und nach weniger, als sie ausschließlich zu Hause war. Er reduzierte sich mehr oder weniger auf die Familie und eine Freundin. „Womit habe ich das verdient?“ Um diese Frage kreisen sich ihre Gedanken. Sie hat gesund gelebt. Sie hat sich gut ernährt, sich bewegt. Sie war darauf bedacht, dass es ihrem Ehemann und ihrem Sohn gut geht. Zu ihrer Mutter hat sie ein gutes Verhältnis; ihre Brüder und deren Frauen, alle mögen sie gerne. Marlene ist eine herzensgute Frau, die es gerne mag, andere zu verwöhnen. Dabei hat sie auch sich selbst nicht vergessen, hat ihre Hobbys gehabt und gepflegt. Alles, aber auch alles, geht jetzt nicht mehr. Sie ist hilflos geworden. Dabei ist sie erst Mitte fünfzig. Sie kann es nicht begreifen, dass die böse Krankheit sie getroffen hat. Sie sucht nach Gründen, nach Erklärungen. Wenn sie wenigstens begreifen könnte, „warum“, dann würde sie vielleicht mit ihrer Situation besser fertig werden. Es muss doch einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Schuld geben. Aber sie ist sich keiner Schuld bewusst.
Verdient hat diese Frau es gewiss nicht, dass sie so schwer krank geworden ist. Wir suchen nach Erklärungen, wenn großes Unglück oder schwere Krankheit uns treffen. Wir möchten wenigstens von ferne verstehen, warum es so ist, wie es ist. Dann könnten wir das Hadern und Zweifeln aufgeben. Dann könnten wir aufhören, uns den Kopf zu zermartern. Wir verstünden, warum uns dieser Schicksalsschlag getroffen hat. Tun und Ergehen ergäben einen Sinn. Wir suchen nach Antworten, möchten einen Sinn entdecken. Wir leiden daran, wenn wir keinen Sinn sehen.
Jesus befreit uns von diesen zermarternden Gefühlen und Gedanken. In Israel war der Gedanke verbreitet, dass jemand Schuld trägt, wenn ihn großes Unglück überkommt. „Du musst etwas Unrechtes getan haben“, werfen seine Freunde Hiob vor, „sonst würdest du nicht ein solch schweres Schicksal erleiden.“ Hiob ist sich keiner Schuld bewusst. Jesus stellt sich in diese Tradition. Niemand trägt Schuld an seinem eigenen schweren Schicksal. Aktuell wird Jesus berichtet, dass Pilatus eine Bluttat an einigen Leuten aus Galiläa angerichtet habe. Die besagten Galiläer waren nach Jerusalem gepilgert, um im Tempel zu opfern. Während sie das Opfer vollzogen, habe Pilatus sie durch seine Soldaten ermorden lassen. Pilatus hat ihr Blut mit dem Blut der Opfertiere vermischt, heißt es in der Bibel. Das löst Entsetzen aus. Die Hintergründe erläutert Lukas nicht. Ob diese Galiläer möglicherweise einen Aufstand gegen Rom geplant hatten und Pilatus den Aufstand im Keim ersticken wollte, oder ob sie arglose Pilger waren, die nur im Tempel opfern wollten, erfahren wir nicht. Auf jeden Fall erschreckt die Bluttat die Bevölkerung. Was erwarten diejenigen, die Jesus die Nachricht zugetragen haben? Dass er Stellung bezieht zu diesem furchtbaren Unrecht? Dass er das Gemetzel scharf verurteilt? Dass er über das begangene Unrecht klagt? Nichts von dem geschieht. Jesus hält den Katastrophentouristen, die ihm die Nachricht überbracht haben, den Spiegel vor: „Glaubt ihr, dass diese hingemetzelten Galiläer mehr gesündigt haben als andere? Ganz bestimmt nicht. Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“ Jesus erwähnt mit keinem Wort die Bluttat, nimmt die Nachricht von der Bluttat des Pilatus zum Anlass, um auf ihre eigenen Verfehlungen aufmerksam zu machen. Seht bei euch selbst hin, wie ihr lebt, wie ihr denkt, wie ihr handelt. Dient es dem Leben? Seht auf euch selbst, wie ihr Schuldzuweisungen macht, um euch selbst zu rechtfertigen. Seht auf euch selbst, wie ihr andere verurteilt, um selbst besser dazustehen. Ihr seid nicht weniger schuldig als die, die Unglück getroffen hat. Jesus fordert zur Selbstreflexion auf.
Mit einer zweiten Katastrophenmeldung warten sie auf. In der Stadt Siloah ist ein großes Unglück passiert. Ein mächtiger Turm ist dort in sich zusammen gestürzt und hat achtzehn Menschen unter sich begraben. Für die damalige Welt war klar: Diese achtzehn Menschen müssen Schuld auf sich geladen haben, sonst hätte Gott es nicht zugelassen, dass es gerade diese Menschen getroffen hat. Auch hier reagiert Jesus nicht auf das Unglück. Er warnt die Überbringer „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr auch alle so umkommen.“ Die der Turm unter sich begraben hat, haben nicht mehr gesündigt als sie oder andere. Sie sind nicht deswegen erschlagen worden, weil sie es etwa verdient hätten. Niemand kann sagen, warum es diese Menschen getroffen hat und keine anderen.
Ich sehe sie vor mir, wie sie still werden und sich entfernen. Niemand braucht sich über andere zu erheben und ihnen Schuld zuzuschreiben, wenn diesen Leuten Schlimmes widerfährt. Das bedeutet aber auch: Niemand braucht sich selbst zu zerfleischen und bei sich selbst die Schuld zu suchen bei erfahrenem Unglück. Warum jemand schweres Unglück erleidet, weiß niemand. Warum jemand viel leiden und erdulden muss, steht nicht in unserer Hand, es sei denn, das Unglück ist von Menschen verursacht.
Jesus setzt den Tun-Ergehen-Zusammenhang außer Kraft, wo es um Schuldzuweisung geht; wo ein Mensch den anderen verurteilt. Er setzt den Tun-Ergehen-Zusammenhang nicht außer Kraft, wenn es um die eigene Verantwortung im persönlichen und politischen Leben geht.
„Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle so umkommen.“
Ich behaupte: Das meiste Unglück, das in der Welt geschieht, ist von Menschen gemacht. Unterdrückung, Krieg, Flucht, Vertreibung, die Menschen ins große Unglück stoßen, beruhen auf Machtgelüsten weniger. Menschen können in ihrem eigenen Land nicht mehr leben. Sie können die Felder nicht bebauen, weil Bomben auf sie niederhageln. Sie müssen alles verlassen, weil sie Angst haben und nicht in Sicherheit wohnen können. An anderen Stellen auf der Erde bedroht die Klimaveränderung die Existenzgrundlage. Die Erwärmung der Erde hat katastrophale Auswirkungen. Die Zonen, in denen das Land fruchtbar ist, werden geringer, die Pole schmelzen, der Wasserspiegel steigt, Inseln in der Südsee werden verschwinden. Verheerende Stürme nehmen zu. Zahlreiche Menschen sind schon jetzt existentiell von dieser Umweltkatastrophe betroffen. Die Umweltzerstörung macht auch vor den Tieren nicht Halt. Zahlreiche Tierarten stehen vor der Ausrottung. Die Erde, die uns ernährt und trägt, ist tausendfach gefährdet. Wir graben uns selbst das Wasser ab, setzen selbst die Axt an den Stamm.
„Hau ihn ab“, spricht der Besitzer des Weinberges zu seinem Gärtner. Der Feigenbaum trägt keine Frucht. Seit drei Jahren beobachtet der Weinbergbesitzer den Baum. Nicht ein einziges Mal hat er Frucht getragen. Der Weinbergbesitzer ist ein Geschäftsmann. Er will Ertrag. Wozu sonst hat er ihn pflanzen lassen. Der Feigenbaum ist unfruchtbar. Er nimmt den anderen Feigenbäumen die Kraft. Der fruchtlose Feigenbaum ist nutzlos, ein Schmarotzer, der das Wasser aus der Erde zieht. Unser Feigenbaum steht als Angeklagter da. Sein „Vergehen“ ist, dass er bisher keine Frucht getragen hat. Der Feigenbaum findet einen Fürsprecher. Der Arbeiter im Garten bittet um eine Gnadenfrist für ihn. „Gib dem Baum noch eine Chance. Warte noch ein Jahr. Ich will den Baum hegen. Ich will die Erde umgraben, düngen und wässern. Wenn er im nächsten Jahr keine Frucht bringt, hau ihn ab.“ Wir erfahren nicht, ob der Weinbergbesitzer sich auf diesen Vorschlag einlässt. Aber die Perspektive ist eröffnet, dass sich doch noch etwas zum Guten wendet. Der Baum bekommt eine Schonfrist. Mit der Unterstützung und Fürsorge des Arbeiters wird er womöglich doch noch Frucht bringen. Aber nicht nur der Feigenbaum bekommt eine Chance. Dem Weinbergbesitzer wird ebenfalls eine Chance eröffnet. Er muss nicht gnadenlos seinen wirtschaftlichen Profit durchsetzen. Dadurch, dass er diesem einen Feigenbaum noch eine Frist einräumt, wird er finanziell nicht ärmer. Er hat zwar einen geringen finanziellen Verlust, dafür aber einen großen Gewinn an Barmherzigkeit.
„Lass ihm noch ein Jahr!“ – Räume ihm noch eine Frist ein, gib ihm noch eine Gnadenfrist! Das heißt auf Buß- und Bettag übertragen: Kehrt um, lasst ab von zerstörerischen Werken. Hört auf mit Waffengerassel und Kriegsgeschrei. Hört auf, die Erde zu zerstören, hört auf, Menschen und Tieren ihre Existenzgrundlage zu rauben. „Buße tun“ ist bei uns nicht hoch im Kurs. „Buße tun“ verbinden wir mit Erniedrigung und Demütigung. Der Buß- und Bettag gerät immer mehr in den Hintergrund. Buße tun ist aus der Mode gekommen. Vor 20 Jahren wurde er als Feiertag, an dem die Leute frei haben, abgeschafft. Seitdem feiern die Gemeinden den Buß- und Bettag an vielen Orten am Abend. Dem Buß- und Bettag ergeht es, wie dem Buße tun. Wer will schon einräumen, dass sein bisheriger Weg falsch war? Wer will schon zugeben, dass das, was er bisher propagiert hat, sich als nutzlos, gar schädlich erweist? Das Eingestehen von Fehlern wird als Versagen empfunden. Als Versager dastehen will niemand. Das gilt im persönlichen wie im politischen Bereich. Dabei wäre es überzeugender, eine Kurskorrektur vorzunehmen, wenn der Kurs nicht stimmt und in den Abgrund führt. Der verlorene Sohn kehrt um, als er merkt, dass er an seine Grenzen stößt und aus eigener Kraft nicht mehr weiter kann. Er besinnt sich auf das, was trägt und ihm eine Zukunft ermöglicht. „Buße tun“ ist ein umfassendes Umdenken, es ermöglicht einen Neuanfang und birgt eine neue Chance. Es ist noch nicht zu spät. Uns ist noch eine Gnadenfrist gegeben. Die Ernsthaftigkeit ist nicht zu übersehen. Die Frist läuft irgendwann ab. Die Erde kann nicht für immer der gewaltigen Zerstörungswucht standhalten. Kriege und Dürre machen die Erde unbewohnbar. Menschen, die ausschließlich auf Profit aus sind und keine Barmherzigkeit kennen, machen ein Gedeihen und Fruchtbringen zwischen den Menschen untereinander unmöglich. Wo wir aber Menschen nicht auf ihr Versagen festlegen, sie weder beurteilen noch verurteilen, bekommt die Menschlichkeit Raum. Wo wir uns nicht selbst zermartern, gewinnt das Leben an Kraft. Wo wir uns fürsorglich kümmern, blühen die Erde und die Menschen auf und bringen gute Frucht. Vielleicht gibt Gott uns noch eine Gnadenfrist. Die Chance besteht. Amen.
EG-Nr. 152: Wir warten dein, o Gottes Sohn
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Umdenken und Umkehr - Predigt zu Lukas 13,6-9 von Thomas Bautz
Umdenken und Umkehr
Liebe Gemeinde!
Das eingangs gehörte Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum weckt Hoffnung auf ein gutes Ende, mahnt aber auch eindringlich zur Umkehr, zum Umdenken, zur „Buße“ hin. Es gehört zu den Botschaften, die zur Erneuerung des Denkens und der Einstellung zum Leben sowie der Haltung gegenüber den Mitmenschen auffordern. Inhaltlich erinnert es an den Ruf Johannes des Täufers zum umfassenden Sinneswandel, zur inneren Umkehr, die entscheidend Veränderungen in unserem Sozialverhalten bewirken soll:
„Bringt Früchte, die der Buße würdig sind, die der Umkehr entsprechen, (…). Schon ist aber auch die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt, und jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. (Da fragt ihn die Volksmenge: Was sollen wir denn tun? - Er gibt ihnen zur Antwort:) Wer zwei Röcke (oder: Anzüge) hat, der gebe einen davon dem, der keinen hat, und wer zu essen hat, mache es ebenso! - Und Zöllnern sagt er: Fordert nicht mehr (Geld von den Leuten), als euch vorgeschrieben ist“ (Lk 3,8-13)!
Mit Eindeutigkeit und Härte hat schon der Prophet Jeremia (Jer 8,3) verkündet:
„Will ich bei meinem Volk ernten, sagt der HERR, so ist keine Traube und keine Feige zu finden und das Laub ist verwelkt. Darum habe ich dieses Volk aufgegeben; sollen die Fremden es doch zertreten!“ (Gute Nachricht Bibel) „Einsammeln werde ich sie! Spruch des Herrn. Am Weinstock sind keine Trauben mehr und am Feigenbaum keine Feigen, und die Blätter sind verwelkt. So habe ich es für sie bestimmt: man wird über sie herfallen!“ (Neue Zürcher Bibel)
Das Prophetentum hat in der Geschichte Israels - bis zu Johannes dem Täufer - Erbauliches und Niederschmetterndes, Froh- und Drohbotschaften zu verkünden. Vieles, was Propheten zu verkündigen haben, bezieht sich auf die aktuelle außen- oder innenpolitische Lage, auf soziale und wirtschaftliche Verhältnisse im Lande und auf die Authentizität der religiösen Einstellung: Wie wirkt sich die Religiosität auf das gesellschaftliche Leben, auf den Umgang mit den sozial Schwachen und Benachteiligten, auf das Verhältnis zu den Armen, den Witwen, den Waisen und den Kranken aus?
Jesus greift die Gerichtspredigt an Israel auf, betont aber auch die universale Komponente, was bereits bei Propheten des AT deutlich ist: Androhung des Endgerichts und Einladung zur Umkehr gilt jedem Volk und jedem einzelnen Menschen. - Gegen Harmansa: Die Zeit der Entscheidung (1995).
Für Erich Fromm besteht der Inhalt, der Kern des Prophetismus darin: Gotteserkenntnis und deren Ausbreitung auf Israel und die Menschheit, eine Gottesidee, die weit davon entfernt ist, dogmatisch zu sein. Hier wurzelt ein starkes Vertrauen in „Gott“ und in den Messias, aber kein Glaube an Aussagen über „Gott“ oder an Aussagen über den Messias; s. Erich Fromm: Das jüdische Gesetz (1922; 1989).
„Am Ende der Tage wird der Berg des Hauses des Ewigen gegründet stehen auf dem höchsten Berg, und er wird erhaben sein über die Hügel, und es werden zu ihm strömen die Völker, und viele Völker werden gehen und sprechen: Auf, laßt uns hinaufsteigen zum Berge des Ewigen und zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und daß wir wandeln in seinem Pfade, denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem. Und er wird richten zwischen vielen Völkern und Recht sprechen zwischen mächtigen Nationen bis in die Ferne (…). Nicht wird erheben ein Volk das Schwert gegen das andere, und sie werden nicht mehr lernen den Krieg, und sie werden sitzen ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand wird sie aufschrecken“ (Micha 4,1-4).
Eine Frohbotschaft: einhelliges, friedliches Miteinander unter Weinstock und Feigenbaum!
Lebendiger Glaube, Gottvertrauen, zeitigt Früchte, bringt Werke der Barmherzigkeit hervor, wie es dem Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25,31-46) vergangenen Sonntag zu entnehmen war. Glaube in Israel und im Verständnis des (jüdischen!) Rabbi Jesus geht nicht auf in einer frommen Gedankenwelt, ist nicht identisch mit traditionellen Ritualen, drückt sich nicht allein aus im regelmäßigen Besuch des Tempels oder einer Kirche. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, sagt Rabbi Jesus, habt ihr keinen Anteil am „Reich Gottes“.
Ich bin überzeugt, dass wir als Erwachsene und als scheinbar gereifte religiöse Menschen, gemeinhin „Christen“ genannt, wieder umkehren müssen zu einem Status, einem Zustand, wie wir uns - wenn überhaupt - einst als Kind haben wahrnehmen dürfen: Verletzlich, zart, der täglichen Nahrung und Pflege bedürftig - ein Pflänzlein, aber stetig wachsend; das eine früher, das andere später die ersten Früchte hervorbringend.
Ich verlasse die Metaphorik: Als Kinder sind wir anfangs noch voller Vertrauen, bis dieses das erste und leider nicht das letzte Mal enttäuscht wird. Wir sind angewiesen auf den Schutz durch Stärkere; wir sind abhängig von der Verlässlichkeit der Erwachsenen: der Eltern, der Lehrer, Ärzte usw. Wir werden geliebt, versorgt, erhalten Fürsorge. Wir schenken umgekehrt unser Vertrauen, unser Zutrauen in die Lebenserfahrungen und Kompetenzen Erwachsener.
Dann merken wir, dass wir nicht nur vieles empfangen; wir können auch vieles beitragen zum Wohl der Gemeinschaft, in der wir aufwachsen. Wir können uns im Alltag einbringen, damit viele Vorgänge besser und leichter ablaufen, damit das soziale Gefüge besser funktioniert. Wir werden auf diese Weise durchaus Früchte ebenso im religiösen Sinne tragen, auch wenn uns das nicht unbedingt bewusst sein wird. Dem Gleichnis vom Weltgericht (bei Mt) gemäß, werden gute Taten oder Werke der Barmherzigkeit in Unwissenheit, eben unbewusst, getan.
Ein Kind handelt oft, wenn nicht meist spontan; es muss nicht reflektieren, nicht Für und Wider des Handelns abwägen. Sein Wesen und Motive sind häufig: Freude; anderen Freude bereiten; Naivität; Fröhlichkeit; Spaß; spielerisches Begreifen; Kreativität; Dankbarkeit; Gerechtigkeitssinn; Hilfsbereitschaft; Begeisterungsfähigkeit; Ehrlichkeit; aber auch Ernst; Betrübnis; Trauer; Verletzlichkeit; ein Kind kann sehr enttäuscht sein.
Ich muss einem Kind normalerweise keine Dankbarkeit beibringen; man sieht ihm an, wie dankbar es ist. Aus meiner Sicht ist es auch nicht notwendig, schon einem Kleinkind zu sagen: „Sag Danke!“ Mir ist die innere und nach außen meist sichtbare Haltung des Dankes wichtig. Kinder lassen sich ziemlich leicht motivieren, und sie stellen sich gern Herausforderungen.
Wollte ich Kinder mit Feigenbäumen vergleichen, dürfte ich doch wohl behaupten, dass sie recht viele gute Früchte hervorbringen; es sei denn, sie wachsen unter widrigen Umständen und schlechten Bedingungen auf: Menschen, deren natürliche Gaben und Eigenschaften von Kind auf verkümmern, weil sie unzureichend oder gar nicht gepflegt werden.
Der lukanische Jesus setzt voraus, dass die natürlichen Bedingungen für den Feigenbaum im Gleichnis vorhanden sind und er dennoch seit drei Jahren keine Früchte trägt. Immerhin wird der Weingärtner, der Winzer, zu seinem Fürsprecher, indem er mit dem Besitzer aushandelt, den (scheinbar) unfruchtbaren Feigenbaum noch ein Jahr lang fachmännisch zu pflegen. Falls dies nicht fruchtet, müsse er ihn halt fällen (umhauen).
Im Rahmen einer Umkehrpredigt, im Kontext einer Aufforderung zur Buße, zum Umdenken, mutet diese Bitte um Aufschub wie der Nachdruck einer Drohrede an. Nach unserem Denken wäre der Tenor der Botschaft etwa folgender: Wenn dein Leben so fruchtlos bleibt; wenn du nicht effizienter arbeitest; wenn du nicht erfolgreich bist; dann kannst du dich für immer verabschieden; dann wirst du zwangsläufig entlassen; dann gibt es für dich keinen Ausweg. Die Bitte des Winzers um Aufschub ist ungewöhnlich, weil das Fällen eines unfruchtbaren Baumes ganz üblich war und Feigenbäume in der Regel als außerordentlich fruchtbar galten. (cf. Gemünden: Vegetationsmetaphorik im NT und seiner Umwelt, 133)
Wenn wir die Bildersprache des Gleichnisses so in die Alltagssprache übersetzen, ins tägliche Leben übertragen, wird die Brisanz der Umkehrbotschaft zwar transparent. Auf diese Weise käme das Gleichnis dem ungeschriebenen Gesetz und der verbreiteten Lebensart in unserer Leistungsgesellschaft entgegen. Doch würde das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum der befreienden Kernbotschaft des Nazareners entrissen, seiner tieferen Bedeutung entfremdet und für unsere Zwecke instrumentalisiert. Ich sehe einen Firmenchef vor meinem geistigen Auge: Hinter seinem riesigen Schreibtisch aus Mahagoni und dem komfortablen Bürosessel hängt für alle erkennbar ein sachlich gerahmtes Schild mit folgender Aufschrift an der Wand:
„Erfolg haut unsere Kunden um. Wer bei uns keine Früchte hervorbringt, wird umgehauen!“
Mein Beispiel ist freilich konstruiert und wirkt vielleicht klischeehaft, aber ich finde es nicht weltfremd. Natürlich will, muss eine Firma, ein Betrieb, Industrie und Wirtschaft allgemein, ein Krankenhaus, eine Arztpraxis, Schulen und Hochschulen, Gerichte, Polizei, Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Pflegeheime, Familien, Alleinerziehende, Singles erfolgreich sein. Aber das ist nicht das fruchtbare Leben, das die Propheten, Johannes der Täufer und Rabbi Jesus meinen. All das, worin für uns ein erfolgreiches, ertragreiches Leben besteht, ist in sich nichts Verkehrtes, aber genügt es auch Kriterien, die tiefer gehen, die unsere Motive hinterfragen?
Verdanke ich z.B. meine beruflichen Erfolge nicht unwesentlich der Unterstützung durch den Kreis der Kollegen, weil Mitarbeiter mir hilfreich zuarbeiten? Bin ich ihnen spürbar dankbar? Zolle ich ihnen genügend Anerkennung? Oder stelle ich mich als erfolgreichen Macher und Alphatypen dar? Lasse ich meine Familie teilhaben an Freuden und Sorgen, oder spiele ich das gleichbleibend erfolgreiche Familienoberhaupt, das nichts umhaut (!)? Widme ich mich meinen Kindern (dem Kinde) so, dass sie mir ganz offen, vertrauensvoll begegnen können und nicht den Eindruck haben müssen, dass sie nur ein Störfaktor sind? Bin ich bereit, von den Kindern zu lernen, ein Stück weit zu dem umzukehren, was sie an guten Eigenschaften mitbringen und entfalten? Vielleicht kann ich mich von ihnen positiv anstecken lassen!
Obst- und Gemüsegärten, kleine oder große Plantagen mit Obstbäumen - alle bringen eine Vielzahl und vielerlei Früchte hervor, mal mehr, mal weniger ertragreich. Es gibt auch Zeiten, in denen Bäume mitunter wenig oder gar keine Früchte tragen. Dann ist Geduld angebracht. Die Fruchtmetaphorik hat in der biblischen Sprache (AT + NT) Tradition und verweist auf menschliche Handlungen, Taten und deren Folgen (Gemünden: Vegetationsmetaphorik, 143). Sie ist auch ein wichtiges religiöses Unterscheidungskriterium, das Jesus von Nazareth betont:
„Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, im Inneren aber räuberische Wölfe sind. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Kann man etwa Trauben lesen von Dornbüschen oder Feigen von Disteln? So bringt jeder gute (gesunde) Baum gute Früchte, ein fauler Baum (mit verdorbenen Säften) aber bringt schlechte Früchte; ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen, und ein fauler Baum kann keine guten Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Also: an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Nicht alle, die ‚Herr, Herr‘ zu mir sagen, werden (darum schon) ins Himmelreich eingehen, sondern nur, wer den Willen meines himmlischen Vaters tut“ (Mt 7,15-21).
Manche Früchte sind allerdings erst als faule oder schlechte Früchte erkennbar, wenn man sie aufschneidet und ihres Inneren gewahr wird. Im Übrigen lässt sich diese Metaphorik wie jede Bildsprache überhaupt nicht direkt auf Menschen übertragen. Dennoch verhelfen diese Bilder zu mehr Achtsamkeit und Vorsicht. Gerade mit der Religion, auch mit der christlichen, lässt sich so viel Schindluder treiben. Man sollte traditionelle „Gottesbilder“ zerschlagen; einfache Antworten auf schwierige Probleme hinterfragen; religiöse, intellektuelle Zweifel zulassen; das aufrichtige Suchen vieler Menschen ernstnehmen, sie nicht mit abgedroschenen Phrasen vertreiben oder sie mit vorgefertigten Meinungen oder gar Dogmen vor den Kopf stoßen.
Wir sollten uns nicht zu schnell ein Urteil bilden oder gar über einen Menschen richten:
„Unentschuldbar bist du, Mensch, der da richtet! Worin du nämlich den anderen richtest, verurteilst du dich selbst; dasselbe nämlich tust du, der du richtest. (…) Rechnest du aber damit, Mensch, (…), daß du entfliehen wirst dem Gericht Gottes? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Geduld und Langmut, verkennend, daß Gottes Güte dich zur Umkehr (Buße, Sinnesänderung) führen will?“ (Paulus in Röm 2,1-4)
Nach meiner Erfahrung leitet ungeheuchelte Güte eher zum Umdenken und zur Umkehr an als eine verbale Drohgebärde, Androhung von Strafe oder ein vernichtendes Urteil über die Zukunft. Das hat sich in der Erziehung meines Kindes und anhand vieler Negativbeispiele aus dem belasteten Leben anderer Kinder und zum Teil aus meiner eigenen Kindheit bestätigt. Mögen wir uns immer wieder von dieser unbegreiflichen, unaussprechlichen Macht getragen, gestärkt und liebevoll getröstet wissen, die wir in unserer Kultur „Gott“ nennen. Und mögen uns die weisheitlichen Worte des Jesus von Nazareth stets neu zum Umdenken herausfordern, damit wir das große Wagnis seiner Nachfolge anzutreten bereit werden.
Amen.
Literatur
François Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2 (1996), 369-389; Michael Wolter: Das Lukasev., HNT 5 (2008), 474-480; H.-Konrad Harmansa: Die Zeit der Entscheidung. Lk 13,1-9 als Beispiel für das lukanische Verständnis der Gerichtspredigt Jesu an Israel, EThSt 69 (1995); Marius Reiser: Die Gerichtspredigt Jesu. Eine Untersuchung zur eschatologischen Verkündigung Jesu und ihrem frühjüdischen Hintergrund, NTA 23 (1990), 232-242 (zu Lk 13,1-5); Petra von Gemünden: Vegetationsmetaphorik im Neuen Testament und seiner Umwelt. Eine Bildfelduntersuchung, NTOA 18 (1993), 122ff, 130-151; Susanne Talabardon: Unterm Feigenbaum. Rekonstruktionen zu einem jüdisch-christlichen Thema, Juden - Christentum - Islam. Interreligiöse Studien 9 (2011), 17-20; Erich Fromm: Das jüdische Gesetz. Zur Soziologie des Diaspora-Judentums (Diss., 1922; 1989); s. haGalil onLine 05-02-2003: www.hagalil.com/judentum/philosophie/fromm/fromm-b.htm