Bittet - aber bittet drängend!

Bittet - aber bittet drängend!
11,5-10 (11-13)

Liebe Brüder und Schwestern,

Feiertag im Doppelpack – das ist mir heute hier in der Friedenskirche doppeltes Vergnügen. Zum einen, weil ich wieder einmal diese Gemeinde besuchen kann und zum anderen, weil es tatsächlich an einem 1. Mai einen Gottesdienst zu feiern gibt, und diesen von Herzen gern zusammen mit Ihnen und Euch, liebe Gewerkschafter und Betriebsräte. - Dem KDA sei auch für diese Initiative von Herzen gedankt! Und auch wenn´s den Arbeitnehmer_innen einen Feiertag nimmt, so ist´s doch wahrlich nicht von Schaden, dass wir uns als Kirche und Arbeitswelt in den Blick nehmen und vergewissern, was uns gemeinsam anspornt. Und da ist ja zuallererst die Vision von einer gerechteren Welt. Und natürlich die eklatante Not so vieler Menschen, denen es mangelt an Lohn und Brot, aber auch an Anerkennung und Zugehörigkeit. Und nicht zuletzt sind es die Hassredner unserer Tage, die uns zusammen stehen lassen für ein „Nein gegen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit!“ Also: es ist gut, hier und nachher gemeinsam zu demonstrieren, dass uns Werte einen, die wir nicht preisgeben werden!

 

Und dazu nun ausgerechnet dieser Sonntag, der nach unserem liturgischen Kalender „Rogate“ heißt – also: Bitten. Oder „Beten“. Oha, mögen jetzt einige denken, ob das nun gerade hilft? Zumal Arbeiterbewegung und Gewerkschaften ja eher kämpferisch das Fordern fordern. „Nicht betteln, nicht bitten, nur mutig gestritten“- so heißt ein Vers in einem alten Arbeiterkampflied, den man gelegentlich auf den Demos noch sieht. Und? Lässt sich das überhaupt zusammenbringen: Forderung und Gebet? Kampf und Kontemplation?

 

Schauen wir dazu in den Predigttext. Da bekommt jemand spätabends noch Besuch und stellt fest: Es ist nichts zu essen im Haus. Also geht er zu einem Freund. Freund, nicht nur Nachbarn! Klingelt um Mitternacht. „Mach mir keine Unruhe“, nörgelt der. „Ich bin schon im Bett!“ Trotz dieser übellaunigen Abfuhr klingelt der andere wieder. Es gibt Zeiten, da ist der Hunger stärker als die Scham. Und genau wegen dieses „unverschämten Drängens“, so sagt es Jesus, bekommt er am Ende, was er braucht. Fazit: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“

 

Zweierlei nun finde ich an dieser Geschichte interessant. Zum einen, dass Jesus hier erklärt, wie und warum man überhaupt beten soll. Das hatten ihn nämlich die Jünger gefragt. Dabei hat er sie mit dem Vaterunser vertraut gemacht und hier nun geht´s um diese Bitte: Unser täglich Brot gibt uns heute. „Leih mir drei Brote“, sagt ja der Freund. Brot steht hier zentral und elementar für all das, was wir zum Leben brauchen. Für die Grundbedürfnisse gewissermaßen. Wir brauchen das Brot zum Leben. Ja mehr noch: es gehört zu den Grundrechten menschlicher Existenz.

 

„Leih mir drei Brote“ – ich will sie nicht geschenkt, bittet der Freund. Aber ich brauche sie jetzt! Das ist das zweite, worauf es ankommt: Bitten kann, ja muss, mitunter den Charakter des schamlosen Drängens annehmen. Das ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, auch Gott gegenüber. Und erst recht den Menschen gegenüber, die viel besitzen, während der andere selbst vorm Verhungern steht. Oder vor dem Verlust seiner Menschenwürde.

 

Vor drei Tagen war ich auf einer Fachtagung, bei der es um die soziale Situation alleinerziehender Mütter und Väter ging. Und die ist definitiv desaströs. Beschämend für unser Land. Viele der Frauen, denn in der Regel sind es Frauen, müssen von Hartz IV leben. Arbeiten ist nur bedingt möglich, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen. Der Unterhalt, den der Partner zahlt, reicht oft hinten und vorne nicht – wenn er überhaupt zahlt. Falls er das nicht tut, geht das Amt in Vorleistung, mit 194 Euro im Monat, und auch das nur für maximal sechs Jahre. „Wenn meinem Kind am Monatsende die Schuhe kaputt gehen, dann gibt es erstmal keine neuen“, erzählt eine. Bürokauffrau sei sie gewesen, eigentlich ein guter Job, aber jetzt Hartz IV. Sie steht mit dieser Situation keineswegs allein. Fast zwei Millionen Kinder in Deutschland wachsen in einem Haushalt mit nur einem Elternteil auf, die Hälfte davon muss von dieser Grundsicherung leben, die eben oft keine ist.

 

Rogate – bittet. Aber bittet drängend! Klopft laut an die Türen der Politik, damit sie gegen dieses soziale Unrecht vorgeht. Betet! Heißt auch mit den Gewerkschaften: Nehmt euch Zeit für mehr Solidarität. Denn wer bittet, der nennt beim Namen, was nicht stimmt. Der bittet für andere! Der steht auf aus dem Schlaf der Gerechten, weil Ungerechtigkeit ihn aufrüttelt und Leiden sie berührt.

 

Tief berührt habe ich vorvergangene Woche in Brüssel vor dem Kerzen- und Blumenmeer gestanden, mit dem die Menschen der Opfer der Attentate gedacht haben. So viele Fotos der Ermordeten, Liebeserklärungen, aber auch Bekenntnisse zur Freundschaft der Kulturen. Und Religionen! Und immer wieder Herzen - „Europa getroffen ins Herz“, stand da auf einem. „Aber glaubt nicht, dass unsere Herzen kalt werden!“ Daneben ein Bild von einem weinenden Kind an diesem furchtbaren Grenzzaun von Idomeni; mit den kleinen Fäusten panisch dabei, sich das Tränengas aus den Augen zu wischen...

 

Klopfet an, und euch wird aufgetan?

Europa steht an einem Scheideweg. Das ist mir da schlagartig klar geworden. Und es geht eben nicht allein darum, ob es einen unsinnigen Brexit gibt oder nicht. Es geht darum, die Grundwerte einer demokratischen Gemeinschaft zu verteidigen, ja den europäischen Traum von der Freiheit der Grenzen und der Vielsprachigkeit in jeder Hinsicht wach zu halten. Entgegen all der nationalen und rechtspopulistischen Irrungen, die doch tatsächlich meinen und sagen!, dass man sich von Kinderaugen nicht erpressen lassen soll.

Europa braucht neuen Zusammenhalt – um all dies zu halten: Humanität. Freiheit. Frieden. Nächstenliebe. Zeit für mehr Solidarität sowieso. Nicht allein der gemeinsame Markt, diese gemeinsamen Werte sind es doch, die es durchzutragen gilt! Mit jedem Transparent auch heute!

 

Dabei ist für mich als Christin mit diesem Predigttext im Ohr eines entscheidend. Bitte, so wird dir gegeben.- Heißt: Die wirklich wesentlichen Werte, all die Dinge, die uns Kraft geben und Sinn, können wir uns nur schenken lassen: Die Liebe, das Kind, Glück, Freundschaft, Gesundheit, Würde im Leben und Würde im Sterben. All das können wir nicht mit eigener Kraft schaffen oder erzwingen. Wir können es nur empfangen. Dafür danken. Darum bitten. Für die, die wir lieben. Für uns selbst. Wir können bitten für die, die aus ihrer Heimat fliehen müssen und vor den Grenzen Europas um ihr Leben fürchten. Und wir können bitten für die, die in fürchterlicher Kriegsangst leben, gerade jetzt in Syrien, Ukraine und an so vielen Orten der Welt.

 

Bittet, so wird euch gegeben. Ob´s wohl wirklich hilft, das Beten? - Ich bin zutiefst überzeugt, dass Beten verändernde Kraft hat. Denn wer betet, findet sich nicht ab mit dem, was nicht stimmt. Wer betet, denkt nach, wie das zu ändern ist. Und ich bin sicher: Gott hört. Er hört, was wir nicht lösen können und was uns unruhig macht. Er hört uns, damit wir unser Leben lang nicht müde werden, den Frieden zu ersehnen. Und der Gerechtigkeit aufzuhelfen.

 

Von Kindern können wir da übrigens eine Menge lernen. Sie können beten. Sich anvertrauen. Ganz zweifellos. Sie danken und entschuldigen sich, werden ihre Nöte los und ihren Ärger, fragen einfach, warum Gott Waffen erfunden hat und den Tod. Und sie teilen sich mit. „Ich bete zu dir, weil mir langweilig ist“, sagt zum Beispiel der 10jährige Johann. „Du kennst das wohl nicht, weil du dauernd für uns hier arbeiten musst. Na dann, man hört von einander!“

Ja klar hört er. Auf uns. Und auf Kinder wie Artur: „Ich muss schon sagen, lieber Gott, du hast die Schöpfung und die Menschen so schön gemacht. Aber ich habe trotzdem ein paar Verbesserungsvorschläge. Zum Beispiel sollten die Blumen das ganze Jahr blühen. Und die Menschen sollten gesund sein. Und jedes Kind sollte täglich Frühstück, Mittagessen und Abendbrot bekommen. Darum bitt´ ich dich und das war´s auch schon. Amen“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre dabei unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Perikope
01.05.2016
11,5-10 (11-13)

Brücken bauen!

Brücken bauen!
14, 16-23

Eine Predigt von Pastor Peter Sorie Mansaray und Pastorin Elisabeth Kühn.

Pastorin Elisabeth Kühn:

Toll! Wir haben ein volles Haus! Die Kirche ist gut gefüllt. Es tut einfach gut, mit vielen anderen in der Kirche zu sein. Wir können diese Predigt mit einem Dank beginnen. Danke, dass ihr gekommen seid! Danke, dass Sie der Einladung gefolgt sind!

Es ist nicht selbstverständlich, dass Einladungen angenommen werden. Wir haben es eben gehört. Da wird von einer anderen Erfahrung erzählt. Jemand bereitet ein großes Fest vor. Ich kann mir gut vorstellen, wie da geplant wird: Wer soll eingeladen werden? Wichtig sind die richtig guten Freunde. Dann werden Pläne gemacht. Was soll es zu essen geben? Sind genug Sitzgelegenheiten und Tische vorhanden? Soll es Musik geben und wollen wir tanzen?

So ein Fest macht viel Arbeit! Die Einladungen gehen raus. Kommt, denn es ist alles bereit! Lasst uns feiern! Und dann passiert das: Einer nach dem anderen sagt ab. -Es sind gute Gründe vorhanden. Einen besseren Grund als eine Hochzeit zum Beispiel kann ich mir gar nicht vorstellen. Stell dir vor, ich sage meinem Mann oder meiner Frau am Hochzeitstag: Danke, Schatz, dass du mich geheiratet hast, aber ich bin jetzt eingeladen. Ich bin dann mal weg. Das kann ja wohl nicht sein. Auf der anderen Seite: Als Gastgeber interessiert mich das herzlich wenig. Schöner Mist: Was soll ich denn jetzt mit dem ganzen Essen machen? Den Discjockey muss ich auch wieder nach Hause schicken. Doch am meisten schmerzt das Gefühl, dass meine Einladung missachtet wird. Und damit ich selbst als Person.

Pastor Peter Sorie Mansaray:

Der Gastgeber ist enttäuscht, wütend. Die Gäste haben ihn im Stich gelassen. Anderes ist immer wichtiger: Die Arbeit oder Materielles oder oder oder. Dabei ist diese Einladung größer als alles, was vorher war. Das ist nicht irgendeine Party. Diese Party ist besonders. Da werden Freunde eingeladen! Allernächste, beste Freunde! Da zählen doch die Angelegenheiten des täglichen Lebens nicht!

Sie dürfen das Leben nicht beherrschen. „Freuen dürfen sich alle, die mit zu Tisch sitzen werden in Gottes neuer Welt“, heißt es. In diese neue Welt sind wir von Gott eingeladen! Wenn wir uns dafür keine Zeit nehmen, wofür denn dann?

Aber so ist es! Gottes Einladung hat es schwer. Hier in Hamburg und wohl überhaupt in unserer Zeit. Da liegt viel anderes obenauf. Jeder hat zu tun. Jeder muss sehen wo er bleibt. Jeder muss sein eigenes Leben bewältigen. Da bleibt keine Zeit für Gott oder den Mitmenschen. Für sie gibt es keinen Platz im Terminkalender. Was man nicht fassen kann, wird vergessen. Und Gott ist unfassbar.

Pastorin Elisabeth Kühn:

Jetzt kommt mir ein ziemlich provokanter Gedanke. Unsere Kirche hier war leer. Die Gäste sind ausgeblieben. Dann kamt ihr. Seid ihr jetzt so etwas wie die „zweite Wahl“? Ersatzgäste, damit die Party nicht ins Wasser fällt?

Pastor Peter Sorie Mansaray:

Es ist doch gut, dass Gott sich nach der Absage seiner Gäste nicht beleidigt zurückzieht. Im Gegenteil: er geht in die Offensive! Jetzt macht er die Türen und Tore ganz weit! Richtig trotzig klingt das: Jetzt erst recht! Jetzt kommen die dran, an die zuerst gar nicht gedacht war. Unserer Gemeinde hier in Hamburg ist das zum Segen geworden.

Pastorin Elisabeth Kühn:

So kann man es natürlich auch sehen. Auf unsere Kirche bezogen, können wir sagen: weil immer weniger Menschen gekommen sind, musste etwas passieren. Und es IST ja auch etwas passiert. Wir sind aufeinander zugegangen. Wir haben es gewagt, zusammen zu feiern, nicht jeder für sich. Und wenn wir uns umschauen, stellen wir fest, dass durchaus einige von den Gästen wieder da sind, die zuerst nicht kommen wollten. Ihr seid schon lange keine Ersatzgäste mehr. Und wir sind nicht mehr die Platzhirsche, die ihre Kirche für sich haben wollen.

Pastor Peter Sorie Mansaray:

Trotzdem war es nicht einfach. Jeder möchte wirklich gewollt sein. Niemand will eine Alibifunktion erfüllen. Weil die einen nicht kommen, dürfen wir jetzt…

Bin ich etwa weniger wert? Bin ich nicht wichtig genug, um von Anfang an auf der Gästeliste zu stehen? Das greift den eigenen Stolz an. Da fühlt man sich minderwertig.

Andererseits: Vielleicht ist das alles kein Zufall. Vielleicht gibt es für Gott – anders als für uns – gar keine erste und zweite Wahl!

Gott richtet seine Einladung an alle. Er erweitert seine Gästeliste. Er lädt neu ein. Er lässt nicht locker.

Gott überschreitet Grenzen und hilft Menschen, das Gleiche zu tun. Lass die Hindernisse hinter dir! Überwinde deine Angst. Komm dazu. Lerne andere kennen.
Sieh, was uns verbindet. So ist Gottes Welt gedacht: dass Menschen miteinander leben, Brücken zueinander bauen und sie beschreiten. Menschen gehen aufeinander zu. Sie begegnen sich und gehen miteinander weiter. Das ist ein Segen.

Pastorin Elisabeth Kühn:

Wir kennen die Tendenz, uns gemütlich einzurichten. Übrigens auch in der Kirche. Manchmal machen wir die Türen lieber zu als auf. Schmoren lieber im eigenen Saft. Es ist bequemer, wenn man weiß, was einen erwartet – oder wer. Wenn man sich kennt, braucht man nicht mit Überraschungen zu rechnen. Da kann alles so bleiben wie es ist. Niemand muss seine Komfortzone verlassen. Alles so schön kuschelig hier…

Aber man verpasst Chancen. Man verpasst Leben. Es ist ein Segen, zu erleben, dass wir über kulturelle Grenzen hinweg zusammen Gottesdienst feiern können. Zu spüren, dass der Glaube eine Brücke ist , die uns verbindet und uns sogar spontan in der Kirche tanzen lässt einfach aus Freude.

Pastor Peter Sorie Mansaray:

Wir haben alle Neues erfahren und lernen ständig. Von beiden Seiten müssen wir innere Grenzen überwinden. Auf beiden Seiten müssen wir uns von Vertrautem lösen – ohne uns selbst zu verlieren.

Für viele Deutsche ist die Musik im afrikanischen Gottesdienst viel zu laut.

Und für viele Afrikaner ist die Atmosphäre in einem protestantischen deutschen Gottesdienst viel zu nüchtern. Das sind im Grunde nur Kleinigkeiten. Es gibt auch Missverständnisse und Schwierigkeiten. Und doch spüren wir, dass Gott unser Miteinander im Glauben und im Leben reich macht.

Pastorin Elisabeth Kühn:

Anders wollen wir es nicht mehr haben. Gottes Volk kennt keine Grenzen von Sprache, Hautfarbe oder Kultur. Es gibt bei ihm keine Menschen zweiter Wahl. Er lädt alle ein in den Festsaal des Lebens. Üppiger, reicher, lebendiger, als man sich vorstellen kann. Und es heißt: Du brauchst keine Voraussetzungen zu erfüllen. Es spielt keine Rolle, welche Kleidung du trägst oder ob deine Haare richtig sitzen. Es ist unwichtig, ob du Hartz 4 beziehst oder Studienrätin bist. Es ist egal, wo du herkommst; wie heil oder kaputt sich dein Leben anfühlt. Wie bedürftig du bist. Du bist angenommen. Du bist eingeladen!

Pastor Peter Sorie Mansaray:

Und es ist noch immer Raum da! Der Platz ist noch lange nicht ausgeschöpft! Das Fest des Lebens geht gerade erst los!

Wir dürfen noch weiter denken. Wir überwinden Grenzen und laden weiter ein, das Fest des Lebens mit Gott zu feiern.

Du musst nur vor die Tür gehen. Die Welt ist schon da. Das Leben spielt sich bei dir ab! Für unser Miteinander, für unsere eine Welt brauchen wir Gottes Gnade, seine Barmherzigkeit und seine Liebe.

Damit das Fest gelingt, brauchen wir Gottes Einladung nur anzunehmen. Mehr nicht. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Chrístus Jesus. Amen. (oder englisch).

Perikope
13.03.2016
14, 16-23

Konfirmationspredigt zu Lukas 21,15 von Jochen Riepe

Konfirmationspredigt zu Lukas 21,15 von Jochen Riepe
21,15

Denn ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können‘, spricht Christus zu den Seinen.

                                                                         I

Nicht wahr , liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden , das hier , das hat etwas. Das reizt – solch ein Mikrophon. Ihr erinnert euch : Beim Weihnachtsspiel, neulich bei der Sprechmotette zur Vorstellung oder wann immer Ihr hier in der Kirche oder in der Schulaula etwas vortragen mußtet … eine Stimme , die kann `was … und wenn sie dazu noch verstärkt wird und bis da ganz hinten reicht , dann fühlt man , spürt man power , Macht in der Kehle. Du sprichst oder singst , ja du , und die anderen , viele andere, hören zu. Der Kirchenvater Johannes Chrysostemos war ein großer Prediger. ‚Das Reden macht mich gesund‘, soll er gesagt haben, ‘sobald ich nur den Mund aufmache , ist alle Müdigkeit überwunden‘* .

                                                                         II

Wir alle , und nun spreche ich besonders die Älteren an , kennen aber auch das andere. Eben noch war ich ‚voll-mundig‘ und nun werde ich klein-laut . Was nützt mir ein Mikrophon , wenn die Stimme versagt , ich kein Wort herauskriege oder eben keine Kraft habe, meine Stimme zu erheben. Das kann auch bei geübten Rednern vorkommen  – selbst der große Goethe hatte einmal bei einer Rede einen blackout ,einen Aussetzer, der über zehn Minuten dauerte** - , und so wie den Kindern der Welt , so ergeht es auch den Jüngern Jesu : Sie drohen zu verstummen. Hemmung, Unsicherheit, Scham . Klingt es überzeugend, was ich sage? Ist es glaubwürdig? Kann ich zu dem stehen , was ich gehört und gelernt habe – über Gott und die Welt und über mich selbst? Kann ich es verantworten? Auch dann , wenn man mir feindselig oder spöttisch gegenübertritt? Die Angst der Jünger damals ist uns bis heute geblieben. Die Angst , rot zu werden und wegzulaufen und zu ver-sagen.

                                                                       III

Denn ich will euch Mund und Weisheit geben…‘  Wer sich unter Druck fühlt , wer erfährt , daß andere es nicht gut mit ihm meinen und ihn gar verleumden , der macht das, was von außen kommt , oft hier drinnen noch schlimmer. Er macht sich regelrecht verrückt und verliert sein Wort ganz. Stummheit. Schweigen. Eben hier greift Jesu Wort. Es wirbt um Vertrauen darauf, daß in solchen Konfrontationen , wenn Stirn gegen Stirn steht , sein Geist uns aufhelfen und stärken wird. Was meint er aber damit ? Ihr müßt jetzt gar nicht an  überirdische Kräfte denken, vielleicht reicht es so : Ihr habt gehört , gelesen , gelernt ,ihr tragt viel Gutes in euch. Mit Eurer Mutter- und Vatersprache gehört dies alles zum Kern eurer Person und diesen Schatz kann euch keiner nehmen. Sollte der Augenblick kommen , so wird Gott ihn in dir erwecken und dir geben , was du längst empfangen hast. Das kennt ja jeder von uns : Plötzlich finde ich auch vor einem Vorgesetzten oder Ankläger die rechten Worte und rede mich buchstäblich frei.

                                                                       IV

Ja, dieses Mikrophon… Eine Stimme, liebe Gemeinde, braucht Ausbildung , Übung, Technik und in solch einem großen Raum wie unserer Kirche auch Verstärkung. Aber vor allem braucht sie Erfahrung , Inhalte , einen Menschen , der etwas erlebt hat und von den Menschen und der Welt und von Gott etwas weiß. Ich will ja wirklich etwas zu sagen haben. Meine Freiheit , mein ‚Freimut‘, wie der Evangelist Lukas gern schreibt, braucht gleichsam ein Medium oder auch einen Fundus , einen Grund , auf dem ich stehe. Jesus nennt dies ‚Weisheit‘ und dies sei sofort ergänzt : Weisheit ist etwas anderes als Intelligenz, IQ oder gute Schulnoten oder irgendwelche Kompetenzen . Weisheit , das ist ein Sinn für das, was vor Gott und den Menschen angemessen ist. Kraft. Liebe. Besonnenheit. Respekt und auch Bescheidenheit. Ich muß , um weise zu werden, immer wieder hören und lernen und nochmals hören und lernen , wenn ich wirklich etwas zu sagen haben will – ‚der Weisheit Anfang ist die Achtung vor Gott‘ . Schwätzer und Wortdrescher sind in der Regel Menschen , die nicht richtig gehört , nachgefragt und nachgedacht haben. Die nicht abwarten können und dir schnell über den Mund fahren.

                                                                         V

Weise werden wir also mit der Zeit , vielleicht besonders in der Zeit, die wir mit Gott teilen . Unsere Stimme wird im Hören und Zuhören aus ihrem Schlummer sanft , aber konsequent geweckt. So war es schon ganz am Anfang unseres Lebens und eure Eltern werden sich erinnern : Indem Ihr etwas mit- oder nachgesprochen habt , einem fremden Klang in euch Raum gabt und eure Sprechwerkzeuge aktiv wurden , wurde aus dem Stimm-Gut des anderen etwas eigenes. Ihr durftet es ausbilden , mit ihm Erfahrungen machen und es erproben – manches wolltet Ihr gewiß auch wieder ausspucken . Dieses Nach – oder Mitsprechen ist für den Glauben der Christen ganz elementar. Wir lassen uns leiten von einem biblischen Wort , unserem Tauf- oder Konfirmationsspruch , einem Psalm , einem Lied , also von dem, was Ihr so schön ‚auswendig- by heart‘ gelernt habt , und in euch  und durch euch wird das Alte, das Vorgegebene , neu , lebendig ,geist-voll. Der Glaube – so haben wir neulich im Unterricht gesagt – ist etwas sehr Persönliches und wie und wann ich darüber spreche , das stellt Gott in meine Freiheit. Aber dieses Persönliche ist umso persönlicher , je mehr ich gehört , empfangen und das Empfangene bedacht habe.

                                                                       VI

Übrigens , viele Sängerinnen und Sänger , auch Bands, auch unsere Gemeindeband, hat so begonnen : Mit dem Covern der Titel anderer. Große Schriftsteller bekennen freimütig, bei anderen abgeschrieben zu haben und wir Prediger lernen eigens etwas über ‚den Gebrauch fremder Predigten‘***.  Also : ‚alles nur geklaut‘? Genauer muß man sagen : Im Bereich dieses inneren Schatzes gibt es kein Privateigentum. ‚Alles gehört euch‘ – weil alles zum Wirken des Gottesgeistes gehört … alles Gehörte kann zum Baustein werden , aus dem wir etwas machen dürfen. Oft habe ich bei euch geklaut und mir nach den Unterrichtsstunden Stichworte gemacht , Sätze notiert , Gaben eures frischen Geistes , die nun im Universum des göttlichen Geistes mitklingen … Ich danke euch dafür.

                                                                      VII

‚Denn ich will euch Mund und Weisheit geben‘, sagt Jesus. ‚Das Reden macht mich gesund‘, sagte der Kirchenvater Chrysosthemos, zu deutsch :‘Goldmund‘. Ob nun dieses Kirchenmikrophon oder ein ganz anderes , wo immer ihr sein werdet, wir erbitten für euch einen ‚weisen‘ ,  nein : nicht unbedingt ‚goldenen‘ , Mund . Ein sprechendes und singendes Leben im Geiste des Herrn , zu dem ihr mit eurer Taufe gehört.

*H. v. Campenhausen, Griechische Kirchenväter,4.Aufl.1967,S.142

** A. Muschg ,Der Schein trügt nicht. Über Goethe  2004,S.145

*** R. Bohren , Predigtlehre, 2.Aufl. 1971,S.198

 

Lass ihm noch ein Jahr - Predigt zu Lukas 13,1-9 von Christiane Borchers

Lass ihm noch ein Jahr - Predigt zu Lukas 13,1-9 von Christiane Borchers
13,1-9

Lass ihm noch ein Jahr

„Womit habe ich das verdient“, fragt sie sich. Sie ist krank, schwerkrank. Sie wird medizinisch behandelt. Die Behandlung ist nicht leicht auszuhalten. Sie fühlt sich hinterher schlecht und ihr ist übel. Sie hatte in den letzten zwanzig Jahren viel mit Krankheit zu tun. Deswegen musste sie ihren Beruf frühzeitig aufgeben. Sie hat ihren Beruf so gerne ausgeübt, fand Erfüllung in ihrer Tätigkeit. Sie hat sich auf ihrer Arbeitsstelle wohlgefühlt; zu den Arbeitskolleginnen und -kollegen hatte sie ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Sie war beliebt gewesen und hatte Kontakt zu den Menschen. Der Kontakt wurde nach und nach weniger, als sie ausschließlich zu Hause war. Er reduzierte sich mehr oder weniger auf die Familie und eine Freundin. „Womit habe ich das verdient?“ Um diese Frage kreisen sich ihre Gedanken. Sie hat gesund gelebt. Sie hat sich gut ernährt, sich bewegt. Sie war darauf bedacht, dass es ihrem Ehemann und ihrem Sohn gut geht. Zu ihrer Mutter hat sie ein gutes Verhältnis; ihre Brüder und deren Frauen, alle mögen sie gerne. Marlene ist eine herzensgute Frau, die es gerne mag, andere zu verwöhnen. Dabei hat sie auch sich selbst nicht vergessen, hat ihre Hobbys gehabt und gepflegt. Alles, aber auch alles, geht jetzt nicht mehr. Sie ist hilflos geworden. Dabei ist sie erst Mitte fünfzig. Sie kann es nicht begreifen, dass die böse Krankheit sie getroffen hat. Sie sucht nach Gründen, nach Erklärungen. Wenn sie wenigstens begreifen könnte, „warum“, dann würde sie vielleicht mit ihrer Situation besser fertig werden. Es muss doch einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Schuld geben. Aber sie ist sich keiner Schuld bewusst.

Verdient hat diese Frau es gewiss nicht, dass sie so schwer krank geworden ist. Wir suchen nach Erklärungen, wenn großes Unglück oder schwere Krankheit uns treffen. Wir möchten wenigstens von ferne verstehen, warum es so ist, wie es ist. Dann könnten wir das Hadern und Zweifeln aufgeben. Dann könnten wir aufhören, uns den Kopf zu zermartern. Wir verstünden, warum uns dieser Schicksalsschlag getroffen hat. Tun und Ergehen ergäben einen Sinn. Wir suchen nach Antworten, möchten einen Sinn entdecken. Wir leiden daran, wenn wir keinen Sinn sehen.

Jesus befreit uns von diesen zermarternden Gefühlen und Gedanken. In Israel war der Gedanke verbreitet, dass jemand Schuld trägt, wenn ihn großes Unglück überkommt. „Du musst etwas Unrechtes getan haben“, werfen seine Freunde Hiob vor, „sonst würdest du nicht ein solch schweres Schicksal erleiden.“ Hiob ist sich keiner Schuld bewusst. Jesus stellt sich in diese Tradition. Niemand trägt Schuld an seinem eigenen schweren Schicksal. Aktuell wird Jesus berichtet, dass Pilatus eine Bluttat an einigen Leuten aus Galiläa angerichtet habe. Die besagten Galiläer waren nach Jerusalem gepilgert, um im Tempel zu opfern. Während sie das Opfer vollzogen, habe Pilatus sie durch seine Soldaten ermorden lassen. Pilatus hat ihr Blut mit dem Blut der Opfertiere vermischt, heißt es in der Bibel. Das löst Entsetzen aus. Die Hintergründe erläutert Lukas nicht. Ob diese Galiläer möglicherweise einen Aufstand gegen Rom geplant hatten und Pilatus den Aufstand im Keim ersticken wollte, oder ob sie arglose Pilger waren, die nur im Tempel opfern wollten, erfahren wir nicht. Auf jeden Fall erschreckt die Bluttat die Bevölkerung. Was erwarten diejenigen, die Jesus die Nachricht zugetragen haben? Dass er Stellung bezieht zu diesem furchtbaren Unrecht? Dass er das Gemetzel scharf verurteilt? Dass er über das begangene Unrecht klagt? Nichts von dem geschieht. Jesus hält den Katastrophentouristen, die ihm die Nachricht überbracht haben, den Spiegel vor: „Glaubt ihr, dass diese hingemetzelten Galiläer mehr gesündigt haben als andere? Ganz bestimmt nicht. Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“ Jesus erwähnt mit keinem Wort die Bluttat, nimmt die Nachricht von der Bluttat des Pilatus zum Anlass, um auf ihre eigenen Verfehlungen aufmerksam zu machen. Seht bei euch selbst hin, wie ihr lebt, wie ihr denkt, wie ihr handelt. Dient es dem Leben? Seht auf euch selbst, wie ihr Schuldzuweisungen macht, um euch selbst zu rechtfertigen. Seht auf euch selbst, wie ihr andere verurteilt, um selbst besser dazustehen. Ihr seid nicht weniger schuldig als die, die Unglück getroffen hat. Jesus fordert zur Selbstreflexion auf.

Mit einer zweiten Katastrophenmeldung warten sie auf. In der Stadt Siloah ist ein großes Unglück passiert. Ein mächtiger Turm ist dort in sich zusammen gestürzt und hat achtzehn Menschen unter sich begraben. Für die damalige Welt war klar: Diese achtzehn Menschen müssen Schuld auf sich geladen haben, sonst hätte Gott es nicht zugelassen, dass es gerade diese Menschen getroffen hat. Auch hier reagiert Jesus nicht auf das Unglück. Er warnt die Überbringer „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr auch alle so umkommen.“ Die der Turm unter sich begraben hat, haben nicht mehr gesündigt als sie oder andere. Sie sind nicht deswegen erschlagen worden, weil sie es etwa verdient hätten. Niemand kann sagen, warum es diese Menschen getroffen hat und keine anderen.

Ich sehe sie vor mir, wie sie still werden und sich entfernen. Niemand braucht sich über andere zu erheben und ihnen Schuld zuzuschreiben, wenn diesen Leuten Schlimmes widerfährt. Das bedeutet aber auch: Niemand braucht sich selbst zu zerfleischen und bei sich selbst die Schuld zu suchen bei erfahrenem Unglück. Warum jemand schweres Unglück erleidet, weiß niemand. Warum jemand viel leiden und erdulden muss, steht nicht in unserer Hand, es sei denn, das Unglück ist von Menschen verursacht.

Jesus setzt den Tun-Ergehen-Zusammenhang außer Kraft, wo es um Schuldzuweisung geht; wo ein Mensch den anderen verurteilt. Er setzt den Tun-Ergehen-Zusammenhang nicht außer Kraft, wenn es um die eigene Verantwortung im persönlichen und politischen Leben geht.

„Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle so umkommen.“

Ich behaupte: Das meiste Unglück, das in der Welt geschieht, ist von Menschen gemacht. Unterdrückung, Krieg, Flucht, Vertreibung, die Menschen ins große Unglück stoßen, beruhen auf Machtgelüsten weniger. Menschen können in ihrem eigenen Land nicht mehr leben. Sie können die Felder nicht bebauen, weil Bomben auf sie niederhageln. Sie müssen alles verlassen, weil sie Angst haben und nicht in Sicherheit wohnen können. An anderen Stellen auf der Erde bedroht die Klimaveränderung die Existenzgrundlage. Die Erwärmung der Erde hat katastrophale  Auswirkungen. Die Zonen, in denen das Land fruchtbar ist, werden geringer, die Pole schmelzen, der Wasserspiegel steigt, Inseln in der Südsee werden verschwinden. Verheerende Stürme nehmen zu. Zahlreiche Menschen sind schon jetzt existentiell von dieser Umweltkatastrophe betroffen. Die Umweltzerstörung macht auch vor den Tieren nicht Halt. Zahlreiche Tierarten stehen vor der Ausrottung. Die Erde, die uns ernährt und trägt, ist tausendfach gefährdet. Wir graben uns selbst das Wasser ab, setzen selbst die Axt an den Stamm.

„Hau ihn ab“, spricht der Besitzer des Weinberges zu seinem Gärtner. Der Feigenbaum trägt keine Frucht. Seit drei Jahren beobachtet der Weinbergbesitzer den Baum. Nicht ein einziges Mal hat er Frucht getragen. Der Weinbergbesitzer ist ein Geschäftsmann. Er will Ertrag. Wozu sonst hat er ihn pflanzen lassen. Der Feigenbaum ist unfruchtbar. Er nimmt den anderen Feigenbäumen die Kraft. Der fruchtlose Feigenbaum ist nutzlos, ein Schmarotzer, der das Wasser aus der Erde zieht. Unser Feigenbaum steht als Angeklagter da. Sein „Vergehen“ ist, dass er bisher keine Frucht getragen hat. Der Feigenbaum findet einen Fürsprecher. Der Arbeiter im Garten bittet um eine Gnadenfrist für ihn. „Gib dem Baum noch eine Chance. Warte noch ein Jahr. Ich will den Baum hegen. Ich will die Erde umgraben, düngen und wässern. Wenn er im nächsten Jahr keine Frucht bringt, hau ihn ab.“  Wir erfahren nicht, ob der Weinbergbesitzer sich auf diesen Vorschlag einlässt. Aber die Perspektive ist eröffnet, dass sich doch noch etwas zum Guten wendet. Der Baum bekommt eine Schonfrist. Mit der Unterstützung und Fürsorge des Arbeiters wird er womöglich doch noch Frucht bringen. Aber nicht nur der Feigenbaum bekommt eine Chance. Dem Weinbergbesitzer wird ebenfalls eine Chance eröffnet. Er muss nicht gnadenlos seinen wirtschaftlichen Profit durchsetzen. Dadurch, dass er diesem einen Feigenbaum noch eine Frist einräumt, wird er finanziell nicht ärmer. Er hat zwar einen geringen finanziellen Verlust, dafür aber einen großen Gewinn an Barmherzigkeit.

„Lass ihm noch ein Jahr!“ – Räume ihm noch eine Frist ein, gib ihm noch eine Gnadenfrist! Das heißt auf Buß- und Bettag übertragen: Kehrt um, lasst ab von zerstörerischen Werken. Hört auf mit Waffengerassel und Kriegsgeschrei. Hört auf, die Erde zu zerstören, hört auf, Menschen und Tieren ihre Existenzgrundlage zu rauben. „Buße tun“ ist bei uns nicht hoch im Kurs. „Buße tun“ verbinden wir mit Erniedrigung und Demütigung. Der Buß- und Bettag gerät immer mehr in den Hintergrund. Buße tun ist aus der Mode gekommen.  Vor 20 Jahren wurde er als Feiertag, an dem die Leute frei haben, abgeschafft. Seitdem feiern die Gemeinden den Buß- und Bettag an vielen Orten am Abend. Dem Buß- und Bettag ergeht es, wie dem Buße tun. Wer will schon einräumen, dass sein bisheriger Weg falsch war? Wer will schon zugeben, dass das, was er bisher propagiert hat, sich als nutzlos, gar schädlich erweist? Das Eingestehen von Fehlern wird als Versagen empfunden. Als Versager dastehen will niemand. Das gilt im persönlichen wie im politischen Bereich. Dabei wäre es überzeugender, eine Kurskorrektur vorzunehmen, wenn der Kurs nicht stimmt und in den Abgrund führt. Der verlorene Sohn kehrt um, als er merkt, dass er an seine Grenzen stößt und aus eigener Kraft nicht mehr weiter kann. Er besinnt sich auf das, was trägt und ihm eine Zukunft ermöglicht. „Buße tun“ ist ein umfassendes Umdenken, es ermöglicht einen Neuanfang und birgt eine neue Chance. Es ist noch nicht zu spät. Uns ist noch eine Gnadenfrist gegeben. Die Ernsthaftigkeit ist nicht zu übersehen. Die Frist läuft irgendwann ab. Die Erde kann nicht für immer der gewaltigen Zerstörungswucht standhalten. Kriege und Dürre machen die Erde unbewohnbar. Menschen, die ausschließlich auf Profit aus sind und keine Barmherzigkeit kennen, machen ein Gedeihen und Fruchtbringen zwischen den Menschen untereinander unmöglich. Wo wir aber Menschen nicht auf ihr Versagen festlegen, sie weder beurteilen noch verurteilen, bekommt die Menschlichkeit Raum. Wo wir uns nicht selbst zermartern,  gewinnt das Leben an Kraft. Wo wir uns fürsorglich kümmern, blühen die Erde und die Menschen auf und bringen gute Frucht. Vielleicht gibt Gott uns noch eine Gnadenfrist. Die Chance besteht. Amen. 

EG-Nr. 152: Wir warten dein, o Gottes Sohn

 

Perikope
18.11.2015
13,1-9

Umdenken und Umkehr - Predigt zu Lukas 13,6-9 von Thomas Bautz

Umdenken und Umkehr - Predigt zu Lukas 13,6-9 von Thomas Bautz
13,6-9

Umdenken und Umkehr

Liebe Gemeinde!

Das eingangs gehörte Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum weckt Hoffnung auf ein gutes Ende, mahnt aber auch eindringlich zur Umkehr, zum Umdenken, zur „Buße“ hin. Es gehört zu den Botschaften, die zur Erneuerung des Denkens und der Einstellung zum Leben sowie der Haltung gegenüber den Mitmenschen auffordern. Inhaltlich erinnert es an den Ruf Johannes des Täufers zum umfassenden Sinneswandel, zur inneren Umkehr, die entscheidend Veränderungen in unserem Sozialverhalten bewirken soll:

„Bringt Früchte, die der Buße würdig sind, die der Umkehr entsprechen, (…). Schon ist aber auch die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt, und jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. (Da fragt ihn die Volksmenge: Was sollen wir denn tun? - Er gibt ihnen zur Antwort:) Wer zwei Röcke (oder: Anzüge) hat, der gebe einen davon dem, der keinen hat, und wer zu essen hat, mache es ebenso! - Und Zöllnern sagt er: Fordert nicht mehr (Geld von den Leuten), als euch vorgeschrieben ist“ (Lk 3,8-13)!

Mit Eindeutigkeit und Härte hat schon der Prophet Jeremia (Jer 8,3) verkündet:

„Will ich bei meinem Volk ernten, sagt der HERR, so ist keine Traube und keine Feige zu finden und das Laub ist verwelkt. Darum habe ich dieses Volk aufgegeben; sollen die Fremden es doch zertreten!“ (Gute Nachricht Bibel) „Einsammeln werde ich sie! Spruch des Herrn. Am Weinstock sind keine Trauben mehr und am Feigenbaum keine Feigen, und die Blätter sind verwelkt. So habe ich es für sie bestimmt: man wird über sie herfallen!“ (Neue Zürcher Bibel)

Das Prophetentum hat in der Geschichte Israels - bis zu Johannes dem Täufer -  Erbauliches und Niederschmetterndes, Froh- und Drohbotschaften zu verkünden. Vieles, was Propheten zu verkündigen haben, bezieht sich auf die aktuelle außen- oder innenpolitische Lage, auf soziale und wirtschaftliche Verhältnisse im Lande und auf die Authentizität der religiösen Einstellung: Wie wirkt sich die Religiosität auf das gesellschaftliche Leben, auf den Umgang mit den sozial Schwachen und Benachteiligten, auf das Verhältnis zu den Armen, den Witwen, den Waisen und den Kranken aus?

Jesus greift die Gerichtspredigt an Israel auf, betont aber auch die universale Komponente, was bereits bei Propheten des AT deutlich ist: Androhung des Endgerichts und Einladung zur Umkehr gilt jedem Volk und jedem einzelnen Menschen. - Gegen Harmansa: Die Zeit der Entscheidung (1995).

Für Erich Fromm besteht der Inhalt, der Kern des Prophetismus darin: Gotteserkenntnis und deren Ausbreitung auf Israel und die Menschheit, eine Gottesidee, die weit davon entfernt ist, dogmatisch zu sein. Hier wurzelt ein starkes Vertrauen in „Gott“ und in den Messias, aber kein Glaube an Aussagen über „Gott“ oder an Aussagen über den Messias; s. Erich Fromm: Das jüdische Gesetz (1922; 1989).

„Am Ende der Tage wird der Berg des Hauses des Ewigen gegründet stehen auf dem höchsten Berg, und er wird erhaben sein über die Hügel, und es werden zu ihm strömen die Völker, und viele Völker werden gehen und sprechen: Auf, laßt uns hinaufsteigen zum Berge des Ewigen und zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und daß wir wandeln in seinem Pfade, denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem. Und er wird richten zwischen vielen Völkern und Recht sprechen zwischen mächtigen Nationen bis in die Ferne (…). Nicht wird erheben ein Volk das Schwert gegen das andere, und sie werden nicht mehr lernen den Krieg, und sie werden sitzen ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand wird sie aufschrecken“ (Micha 4,1-4).

Eine Frohbotschaft: einhelliges, friedliches Miteinander unter Weinstock und Feigenbaum!

Lebendiger Glaube, Gottvertrauen, zeitigt Früchte, bringt Werke der Barmherzigkeit hervor, wie es dem Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25,31-46) vergangenen Sonntag zu entnehmen war. Glaube in Israel und im Verständnis des (jüdischen!) Rabbi Jesus geht nicht auf in einer frommen Gedankenwelt, ist nicht identisch mit traditionellen Ritualen, drückt sich nicht allein aus im regelmäßigen Besuch des Tempels oder einer Kirche. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, sagt Rabbi Jesus, habt ihr keinen Anteil am „Reich Gottes“.

Ich bin überzeugt, dass wir als Erwachsene und als scheinbar gereifte religiöse Menschen, gemeinhin „Christen“ genannt, wieder umkehren müssen zu einem Status, einem Zustand, wie wir uns - wenn überhaupt - einst als Kind haben wahrnehmen dürfen: Verletzlich, zart, der täglichen Nahrung und Pflege bedürftig - ein Pflänzlein, aber stetig wachsend; das eine früher, das andere später die ersten Früchte hervorbringend.

Ich verlasse die Metaphorik: Als Kinder sind wir anfangs noch voller Vertrauen, bis dieses das erste und leider nicht das letzte Mal enttäuscht wird. Wir sind angewiesen auf den Schutz durch Stärkere; wir sind abhängig von der Verlässlichkeit der Erwachsenen: der Eltern, der Lehrer, Ärzte usw. Wir werden geliebt, versorgt, erhalten Fürsorge. Wir schenken umgekehrt unser Vertrauen, unser Zutrauen in die Lebenserfahrungen und Kompetenzen Erwachsener.

Dann merken wir, dass wir nicht nur vieles empfangen; wir können auch vieles beitragen zum Wohl der Gemeinschaft, in der wir aufwachsen. Wir können uns im Alltag einbringen, damit viele Vorgänge besser und leichter ablaufen, damit das soziale Gefüge besser funktioniert. Wir werden auf diese Weise durchaus Früchte ebenso im religiösen Sinne tragen, auch wenn uns das nicht unbedingt bewusst sein wird. Dem Gleichnis vom Weltgericht (bei Mt) gemäß, werden gute Taten oder Werke der Barmherzigkeit in Unwissenheit, eben unbewusst, getan.

Ein Kind handelt oft, wenn nicht meist spontan; es muss nicht reflektieren, nicht Für und Wider des Handelns abwägen. Sein Wesen und Motive sind häufig: Freude; anderen Freude bereiten; Naivität; Fröhlichkeit; Spaß; spielerisches Begreifen; Kreativität; Dankbarkeit; Gerechtigkeitssinn; Hilfsbereitschaft; Begeisterungsfähigkeit; Ehrlichkeit; aber auch Ernst; Betrübnis; Trauer; Verletzlichkeit; ein Kind kann sehr enttäuscht sein.

Ich muss einem Kind normalerweise keine Dankbarkeit beibringen; man sieht ihm an, wie dankbar es ist. Aus meiner Sicht ist es auch nicht notwendig, schon einem Kleinkind zu sagen: „Sag Danke!“ Mir ist die innere und nach außen meist sichtbare Haltung des Dankes wichtig. Kinder lassen sich ziemlich leicht motivieren, und sie stellen sich gern Herausforderungen.

Wollte ich Kinder mit Feigenbäumen vergleichen, dürfte ich doch wohl behaupten, dass sie recht viele gute Früchte hervorbringen; es sei denn, sie wachsen unter widrigen Umständen und schlechten Bedingungen auf: Menschen, deren natürliche Gaben und Eigenschaften von Kind auf verkümmern, weil sie unzureichend oder gar nicht gepflegt werden.

Der lukanische Jesus setzt voraus, dass die natürlichen Bedingungen für den Feigenbaum im Gleichnis vorhanden sind und er dennoch seit drei Jahren keine Früchte trägt. Immerhin wird der Weingärtner, der Winzer, zu seinem Fürsprecher, indem er mit dem Besitzer aushandelt, den (scheinbar) unfruchtbaren Feigenbaum noch ein Jahr lang fachmännisch zu pflegen. Falls dies nicht fruchtet, müsse er ihn halt fällen (umhauen).

Im Rahmen einer Umkehrpredigt, im Kontext einer Aufforderung zur Buße, zum Umdenken, mutet diese Bitte um Aufschub wie der Nachdruck einer Drohrede an. Nach unserem Denken wäre der Tenor der Botschaft etwa folgender: Wenn dein Leben so fruchtlos bleibt; wenn du nicht effizienter arbeitest; wenn du nicht erfolgreich bist; dann kannst du dich für immer verabschieden; dann wirst du zwangsläufig entlassen; dann gibt es für dich keinen Ausweg. Die Bitte des Winzers um Aufschub ist ungewöhnlich, weil das Fällen eines unfruchtbaren Baumes ganz üblich war und Feigenbäume in der Regel als außerordentlich fruchtbar galten. (cf. Gemünden: Vegetationsmetaphorik im NT und seiner Umwelt, 133)

Wenn wir die Bildersprache des Gleichnisses so in die Alltagssprache übersetzen, ins tägliche Leben übertragen, wird die Brisanz der Umkehrbotschaft zwar transparent. Auf diese Weise käme das Gleichnis dem ungeschriebenen Gesetz und der verbreiteten Lebensart in unserer Leistungsgesellschaft entgegen. Doch würde das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum der befreienden Kernbotschaft des Nazareners entrissen, seiner tieferen Bedeutung entfremdet und für unsere Zwecke instrumentalisiert. Ich sehe einen Firmenchef vor meinem geistigen Auge: Hinter seinem riesigen Schreibtisch aus Mahagoni und dem komfortablen Bürosessel hängt für alle erkennbar ein sachlich gerahmtes Schild mit folgender Aufschrift an der Wand:

„Erfolg haut unsere Kunden um. Wer bei uns keine Früchte hervorbringt, wird umgehauen!“

Mein Beispiel ist freilich konstruiert und wirkt vielleicht klischeehaft, aber ich finde es nicht weltfremd. Natürlich will, muss eine Firma, ein Betrieb, Industrie und Wirtschaft allgemein, ein Krankenhaus, eine Arztpraxis, Schulen und Hochschulen, Gerichte, Polizei, Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Pflegeheime, Familien, Alleinerziehende, Singles erfolgreich sein. Aber das ist nicht das fruchtbare Leben, das die Propheten, Johannes der Täufer und Rabbi Jesus meinen. All das, worin für uns ein erfolgreiches, ertragreiches Leben besteht, ist in sich nichts Verkehrtes, aber genügt es auch Kriterien, die tiefer gehen, die unsere Motive hinterfragen?

Verdanke ich z.B. meine beruflichen Erfolge nicht unwesentlich der Unterstützung durch den Kreis der Kollegen, weil Mitarbeiter mir hilfreich zuarbeiten? Bin ich ihnen spürbar dankbar? Zolle ich ihnen genügend Anerkennung? Oder stelle ich mich als erfolgreichen Macher und Alphatypen dar? Lasse ich meine Familie teilhaben an Freuden und Sorgen, oder spiele ich das gleichbleibend erfolgreiche Familienoberhaupt, das nichts umhaut (!)? Widme ich mich meinen Kindern (dem Kinde) so, dass sie mir ganz offen, vertrauensvoll begegnen können und nicht den Eindruck haben müssen, dass sie nur ein Störfaktor sind? Bin ich bereit, von den Kindern zu lernen, ein Stück weit zu dem umzukehren, was sie an guten Eigenschaften mitbringen und entfalten? Vielleicht kann ich mich von ihnen positiv anstecken lassen!

Obst- und Gemüsegärten, kleine oder große Plantagen mit Obstbäumen - alle bringen eine Vielzahl und vielerlei Früchte hervor, mal mehr, mal weniger ertragreich. Es gibt auch Zeiten, in denen Bäume mitunter wenig oder gar keine Früchte tragen. Dann ist Geduld angebracht. Die Fruchtmetaphorik hat in der biblischen Sprache (AT + NT) Tradition und verweist auf menschliche Handlungen, Taten und deren Folgen (Gemünden: Vegetationsmetaphorik, 143). Sie ist auch ein wichtiges religiöses Unterscheidungskriterium, das Jesus von Nazareth betont:

„Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, im Inneren aber räuberische Wölfe sind. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Kann man etwa Trauben lesen von Dornbüschen oder Feigen von Disteln? So bringt jeder gute (gesunde) Baum gute Früchte, ein fauler Baum (mit verdorbenen Säften) aber bringt schlechte Früchte; ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen, und ein fauler Baum kann keine guten Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Also: an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Nicht alle, die ‚Herr, Herr‘ zu mir sagen, werden (darum schon) ins Himmelreich eingehen, sondern nur, wer den Willen meines himmlischen Vaters tut“ (Mt 7,15-21).

Manche Früchte sind allerdings erst als faule oder schlechte Früchte erkennbar, wenn man sie aufschneidet und ihres Inneren gewahr wird. Im Übrigen lässt sich diese Metaphorik wie jede Bildsprache überhaupt nicht direkt auf Menschen übertragen. Dennoch verhelfen diese Bilder zu mehr Achtsamkeit und Vorsicht. Gerade mit der Religion, auch mit der christlichen, lässt sich so viel Schindluder treiben. Man sollte traditionelle „Gottesbilder“ zerschlagen; einfache Antworten auf schwierige Probleme hinterfragen; religiöse, intellektuelle Zweifel zulassen; das aufrichtige Suchen vieler Menschen ernstnehmen, sie nicht mit abgedroschenen Phrasen vertreiben oder sie mit vorgefertigten Meinungen oder gar Dogmen vor den Kopf stoßen.

Wir sollten uns nicht zu schnell ein Urteil bilden oder gar über einen Menschen richten:

„Unentschuldbar bist du, Mensch, der da richtet! Worin du nämlich den anderen richtest, verurteilst du dich selbst; dasselbe nämlich tust du, der du richtest. (…) Rechnest du aber damit, Mensch, (…), daß du entfliehen wirst dem Gericht Gottes? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Geduld und Langmut, verkennend, daß Gottes Güte dich zur Umkehr (Buße, Sinnesänderung) führen will?“ (Paulus in Röm 2,1-4)

Nach meiner Erfahrung leitet ungeheuchelte Güte eher zum Umdenken und zur Umkehr an als eine verbale Drohgebärde, Androhung von Strafe oder ein vernichtendes Urteil über die Zukunft. Das hat sich in der Erziehung meines Kindes und anhand vieler Negativbeispiele aus dem belasteten Leben anderer Kinder und zum Teil aus meiner eigenen Kindheit bestätigt. Mögen wir uns immer wieder von dieser unbegreiflichen, unaussprechlichen Macht getragen, gestärkt und liebevoll getröstet wissen, die wir in unserer Kultur „Gott“ nennen. Und mögen uns die weisheitlichen Worte des Jesus von Nazareth stets neu zum Umdenken herausfordern, damit wir das große Wagnis seiner Nachfolge anzutreten bereit werden.

Amen.

Literatur

François Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2 (1996), 369-389; Michael Wolter: Das Lukasev., HNT 5 (2008), 474-480; H.-Konrad Harmansa: Die Zeit der Entscheidung. Lk 13,1-9 als Beispiel für das lukanische Verständnis der Gerichtspredigt Jesu an Israel, EThSt 69 (1995); Marius Reiser: Die Gerichtspredigt Jesu. Eine Untersuchung zur eschatologischen Verkündigung Jesu und ihrem frühjüdischen Hintergrund, NTA 23 (1990), 232-242 (zu Lk 13,1-5); Petra von Gemünden: Vegetationsmetaphorik im Neuen Testament und seiner Umwelt. Eine Bildfelduntersuchung, NTOA 18 (1993), 122ff, 130-151; Susanne Talabardon: Unterm Feigenbaum. Rekonstruktionen zu einem jüdisch-christlichen Thema, Juden - Christentum - Islam. Interreligiöse Studien 9 (2011), 17-20; Erich Fromm: Das jüdische Gesetz. Zur Soziologie des Diaspora-Judentums (Diss., 1922; 1989); s. haGalil onLine 05-02-2003: www.hagalil.com/judentum/philosophie/fromm/fromm-b.htm

 

 

Perikope
18.11.2015
13,6-9

Predigt zu Lukas 13,6-9 von Maximilian Heßlein (aktualisiert nach den Anschlägen)

Predigt zu Lukas 13,6-9 von Maximilian Heßlein (aktualisiert nach den Anschlägen)
13,6-9

Liebe Gemeinde,

drei Jahre ist der Herr des Weinbergs nun gekommen und hat nichts gefunden. Drei Jahre hat er gehofft. Drei Jahre, so vermute ich es, hat er sich gefreut auf reife, süße, das Leben bereichernde und bejahende Früchte. Drei Jahre ist er enttäuscht worden. Drei Jahre keine Frucht.

Jetzt steht er da vor seinem Weingärtner. Zornig ist er. Es ist genug. Der Baum ist zu nichts nütze. „Hau ihn ab!“

Der Weingärtner aber zögert. Nein, es ist noch nicht zu spät. Der Weingärtner hat den Baum begleitet in seiner Zeit. Er weiß darum, wie es in diesen Jahren im Weinberg gewesen ist, was der Baum erfahren hat. Es war bewegte Zeit.

Der Weingärtner blickt zurück. Der Vorhang der Geschichte öffnet sich.

"Herrgott im Himmel, sieh unsere Not / wir Bauern haben kein Fett und kein Brot / Flüchtlinge fressen sich dick und fett / und stehlen uns unser letztes Bett / Wir verhungern und leiden große Pein / Herrgott, schick das Gesindel heim".

Was vermuten Sie, liebe Gemeinde? Wann ist dieser Text entstanden, den ich nicht wage, ein Gebet zu nennen? – Vor einer knappen Woche in der Reaktion auf die Anschläge in Paris oder vielleicht heute Morgen im Blick auf die Bilder aus derselben Stadt? Vor einem Monat oder vielleicht doch schon vor einem Jahr? Oder vielleicht vor 23 Jahren als die letzte große Diskussion und Abwehr von fliehenden Menschen durch das Land zog, als die Häuser brannten in Solingen und Rostock, in Mölln wie schon zuvor in Hoyerswerda?

Wahrscheinlich vermuten Sie es schon: Der Text ist viel älter. Er ist entstanden vor ziemlich genau 70 Jahren in der Umgebung von Waiblingen und Aalen, also im Bereich der Schwäbischen Alb, eines der Kernlande Südwestdeutschlands.

Gemeint aber  waren nicht etwa irgendwelche Menschen aus Syrien oder dem Irak. Nein, gemeint waren Menschen, die damals aus dem Osten kamen. 14 Millionen sind es gewesen. Aus dem deutschen Osten. Sie kamen aus Breslau und aus Königsberg. Sie kamen aus Memel, aus Danzig und Stettin, aus Pommern und Schlesien aus den Sudeten und aus Bessarabien, aus West- und aus Ostpreußen. Sie sprachen Deutsch. Sie waren evangelische oder katholische Christen. Und sie hatten alles verloren.

Der zweite Weltkrieg vorbei. Die Barbarei Deutschlands in und an der Welt offenbar. Das Land am Boden, gebunden von der schwersten Schuld, die Menschen auf sich laden können. Der Rachen der Hölle war weit geöffnet. Nun schlug die Gewalt um und sie traf vor allem die Menschen im Osten Deutschlands. Die zahlten auf deutscher Seite letztlich die Zeche für die Verbrechen davor.

Nicht genug nämlich, dass sie Heimat verloren und auf der Flucht so viele ums Leben kamen und auseinandergerissen wurden. Nein, nicht genug damit. Im Westen angekommen, begegnete ihnen neben solcher Schmähung, wie ich sie oben zitiert habe, weitaus abstoßenderes. Die Flüchtenden wurden wegen ihrer angeblich germanisch-slawischen Blutmischung als fremdrassig angesehen. Sie seien in kultureller wie in geistiger Hinsicht fremd. Manch einer wünschte sie gar in den Kasten nach Auschwitz. Ein Gesochse, das nun auch noch auf Erntehelfer und Zwangsarbeiter aus dem Osten folgte. Polacken und ein dahergelaufenes Gesindel mit ihrem rollenden R. Ein Flüchtlingspack eben.

Worte, die bekannt klingen in diesen Tagen. Worte, die verstören. Ist es egal, wie fremd wir sind? Fremd bleibt fremd und soll doch da bleiben, wo es hingehört?

Welche Frucht ist daraus erwachsen, liebe Gemeinde? Gibt es eine?

Die Schrift sagt: Der Herr des Weinbergs kommt. Frucht findet er keine.

Der Weingärtner sieht weiter in die Geschichte. Was sieht er?

Der Weingärtner sieht die Auswandererhallen in Hamburg. Zwischen den Jahren 1850 und 1934 sind aus diesen Hallen über fünf Millionen Menschen in die USA ausgewandert. Der größte Teil davon waren Deutsche. Sie flohen vor Hunger und Armut, vor politischer Repression, manche auch immer noch aus Glaubensgründen. Sie flohen einem besseren Leben entgegen. Bereits 1870 waren unter den damals 40 Millionen US-Amerikanern sechs Millionen Deutsche.

Einer von ihnen schwärmte:  "Die große Fruchtbarkeit des Bodens, dessen ungeheure Ausdehnung, das milde Klima, die herrlichen Wasserverbindungen, der durchaus freie Verkehr in einem Raume von mehreren tausend Meilen, die vollkommene Sicherheit der Personen und des Eigenthumes, bei sehr geringen Staatslasten, das ist es, was man als die eigentlichen Pfeiler der glücklichen Lage der Amerikaner zu betrachten hat. In welchem andern Lande der Erde findet man dieses alles vereint?"

Und ein anderer schreibt in seiner "Aussicht in eine heitere Zukunft": "Der rechtliche, kluge und tätige Mann lebt nirgends so gut, so frei, so glücklich als in Amerika, der ärmste besser als der in Europa zwei Stufen höher stehende.“

Amerika das positive Gegenbild zum armen Kartoffelland Deutschland.

Kennen Sie das irgendwoher in diesen Tagen? Ersetzen Sie doch einmal in diesem Bericht Amerika durch Europa und Europa durch Syrien oder den Irak, durch Eritrea oder meinetwegen auch durch ein Land wie Kamerun, in dem es weitgehend friedlich ist, aber wirtschaftlich katastrophal.

Wirtschaftsflüchtlinge waren die Menschen damals. So jedenfalls werden sie heute genannt. Sie sind gegangen, weil kein Leben mehr möglich war. Die Parallelen zu heute bleiben erschreckend.

Die Überfahrt in die neue Zukunft war gefährlich. Die Menschen waren zuvor auf Pferdefuhrwerken oder zu Fuß unterwegs. Alleine, in kleinen Gruppen oder in ganzen Karawanen. Sie sind nicht über die Balkanroute gekommen, sondern quer durch Deutschland. Nach Hamburg, nach Bremerhaven oder gleich nach Le Havre oder nach Liverpool. Manchmal haben die schon in Amerika ansässigen Verwandten, die vorausgegangenen jungen starken Männer das Geld für diejenigen geschickt, die nachkommen sollten in ein besseres Leben. Frauen, Kinder, Verwandte. Sie schickten keine Euros, sondern die Fahrkarten für die großen Schiffe.

Bevor die Schiffe abfuhren, lebten und warteten die Menschen in Scheunen und auf Dachböden unter hygienisch katastrophalen Bedingungen auf eine bessere Zukunft.

Wochenlang dann die Überfahrt auf den Schiffen, zusammengepfercht, wieder den Krankheiten und nun auch den Schiffskatastrophen hilflos ausgeliefert. Die Reise dauerte zu Land und zu Wasser mithin ein halbes Jahr.

Das Ankommen in der neuen Welt war schwierig. Auch diese Einwanderer wollte mit ihren Eigenarten keiner haben.

Ein Historiker vermutet, dass letztlich deutsche Stetigkeit, Beharrlichkeit und zähe Festigkeit die amerikanische Gesellschaft so bereichert hat, dass die Integration gelang.

Welche Frucht ist daraus erwachsen, liebe Gemeinde? Gibt es eine?

Die Schrift sagt: Der Herr des Weinbergs kommt. Frucht findet er keine.

Der Weingärtner aber sieht wieder zurück. Nicht mehr so weit. Nur ein paar Jahre.

Er sieht einen Österreicher und einen Ungarn, die im Sommer 1989 die Grenze öffnen. Die Mauer fällt. Er sieht den kürzlich verstorbenen Günther Schabowski, der etwas von neuen Reiseregelungen sagt, die nach seiner Kenntnis sofort in Kraft treten. Er sieht vor Freude weinende Menschen, die sich am Grenzübergang Bornholmer Straße noch in derselben Nacht in den Armen liegen und Sekt aus der Flasche trinken. Die Mauer muss weg. Die Mauer ist weg. Europa wird eins. Das Leben wird besser. Eine neue Zukunft. Frieden und Gerechtigkeit. Wir gehören zusammen.

Keiner muss mehr fliehen. Ihr seid willkommen. Ob ihr aus Berlin oder Frankfurt an der Oder seid, aus Leipzig, aus Cottbus, aus Chemnitz, aus Erfurt oder auch aus Dresden. Es soll ein besseres Leben werden.

Endlich wird die alte Losung der Französischen Revolution Wirklichkeit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Unter uns. Die Hoffnung ist groß in diesen Tagen.

Ich war in Dresden in dieser Zeit. Habe die Frauenkirche gesehen. Diesen schwarzen Steinhaufen, der beim furchtbaren Bomben- und Feuersturm über der Stadt im Februar 1945 übrig blieb. Die Stadt in dieser Nacht des Todes war voll besetzt mit Flüchtlingen aus dem Osten. Unzählige Tote.

Übrig nur der schwarze Steinhaufen der Frauenkirche. Das Bild einer Apokalypse. Habe es gesehen als ein dunkles Symbol des Frevels, den dieses Land an den Menschen begangen hat. Heute strahlt die Kirche wie die Stadt und das Land im Glanz neuen Lichtes. „Es ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen!“, spricht der Glaube.

Nun kommt der Herr des Weinbergs ein drittes Mal, liebe Gemeinde. Welche Frucht findet er? Er sieht zarte Triebe des Bemühens und der Sorge. Eine große Hilfsbereitschaft im Land. In weiten Teilen Europas gibt es Menschen, die eine neue Zukunft für die Drangsalierten und Gepeinigten, für die Terrorisierten auf der Flucht bereiten.

Die jungen Triebe waren kräftig vor kurzer Zeit. Jetzt drohen sie, wieder zu verdorren.

Sie drohen zu verdorren, weil Angst, echte oder vorgeschobene, um sich greift und die Herzen der Menschen verhärtet. Sie drohen zu verdorren, weil die Welt immer gewalttätiger wird. Und wer, Ihr Lieben, wollte in diesen Zeiten des Schreckens, der Schmerzen und der Trauer nicht auch von der Angst wissen, die uns betrifft, die sich manchmal nur in einem kleinen mulmigen Gefühl ausdrückt. Die Zukunft des Lebens liegt in tiefer Dunkelheit.

Und nun hier, in unserer gesellschaftlichen Mitte findet der Herr des Weinbergs Frucht. Aber die ist nicht süß und nicht saftig. Die hat kein Leben. Die hat auch keine Zukunft. Da ist kein Ja. Nur ein Nein.

Die Menschen in Dresden wollen wieder Zäune und Mauern bauen. Und sie sind nicht allein.

Manche schlachten die zutiefst betrauerten Opfer des Terrors für ihre politischen Interessen und ihre Abschottungs- und Ausgrenzungsphantasien aus. Die Toten der Gewalt werden  gleichsam noch einmal getötet.

Schande darüber, weil hier nicht nur versucht wird, die faulen Gedankenfrüchte dieser Gesellschaft zu ernten. Hier werden auch die alten Idealen Europas – Sie erinnern sich – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verhöhnt.

Abschottung statt Aufbau. Krieg statt Frieden. Die Angst dient der Einschränkung. Was Terroristen nicht können, das erledigen wir selbst?

Keiner, der sagt: Ja, diese Menschen kommen zu uns, weil wir gefehlt haben mit unseren Waffen, mit unserer Wirtschaftsordnung, mit unserem Reichtum, mit dem Umgang mit unserer eigenen Geschichte in Deutschland und in Europa. Keiner, der sagt: Ja, diese Menschen kommen zu uns, weil sie nach unserem Leben und unserem Glück suchen und es teilen wollen. Und das ist recht.

Keiner mehr, der der Kanzlerin öffentlich beipflichtet und in aller Ruhe sagt: Wir schaffen das. Es wird anstrengend und schwer. Es ist eine große Herausforderung. Es geht um uns und unsere Kinder. Es geht um die Menschen, die zu uns kommen. Es geht um das Leben der Freien, der Gleichen, der Geschwisterlichen. Es geht um eine neue Ordnung der Welt.

Kaum einer, der sagt: Ich traue auf die Kraft, die uns Menschen von Gott mitgegeben ist, und ich höre, wenn er spricht: „Fürchte dich nicht!“

In Europa wird wieder nahezu unbeschränkt nach den Waffen gerufen. – Das macht die Toten nicht lebendig. Wer sorgt sich um das Leben?

Liebe Gemeinde, der Herr des Weinbergs findet keine Frucht, die zum Leben führt.

„Hau ihn ab!“, spricht er zum Weingärtner. Das ist sein richtendes Wort. Sein Urteil steht.

Der Weingärtner aber ringt dem Herrn noch ein Jahr ab. Er will selbst Hand anlegen. Er will eine neue Zukunft schaffen: Leben. Frucht. Liebe.

„Ich“, sagt der Weingärtner, „ich mache alles neu!“ So spricht er. Spricht es von seinem Thron und Richterstuhl. Er füllt dieses Wort mit seinem Leben. An den Streben des Kreuzes macht er es fest. „Ich mache alles neu! Fürchte dich nicht!“

In seinem Wort stehen wir, Frucht zu bringen. Es ist ein Jahr. Dieses Jahr entscheidet über dieses Land und diesen Kontinent. Es entscheidet über Ihren und meinen Weg in die Zukunft. Dieses Jahr entscheidet über Wohl und Wehe für Millionen von Menschen. Welche Frucht bringen wir, liebe Gemeinde? Amen.

Perikope
18.11.2015
13,6-9

Predigt zu Lukas 17,20-24 von Bert Hitzegrad

Predigt zu Lukas 17,20-24 von Bert Hitzegrad
17,20-24

Liebe Gemeinde!

Mit welchen Erwartungen kommt Almira aus Aleppo nach Deutschland? Weshalb nimmt sie die strapaziöse Fluchtroute auf sich – in einem überladenden Boot, mit tausenden anderen auf der  griechischen Insel Lesbos. Immer mit der Frage: „Wann geht es weiter? Und wohin?“ Dann die langen Fußmärsche über die Balkanroute. Ein Zaun an der ungarischen Grenze. Ein Fluss trennt Kroatioen von Slovenien. Die Busse an der österreichen Grenze reichen nicht für alle, die heute ankommen. Und dann endlich: Deutschland. Eine Brücke in Passau. Zelte. Notunterkünfte. Behörden, die überfordert sind. Security vor den Unterkünften, weil man Übergriffe fürchtet und weil es auch zwischen den Flüchtlingen gärt. Ist es das, was Almira aus dem zerbombten Aleppo erträumt hat? Ist es das, was die Selfies mit Frau Merkel und den Flüchtlingen in den Aufnahmelangern, die die Kanzlerin besucht hatte und die von Handy zu Handy gingen, ihr verheißen haben. Almira wollte fort aus Syrien, aus ihrem Heimatland, aus dem Krieg, dem Bombenhagel, der ständigen Gefahr durch die Heckenschützen. Sie sucht Ruhe, ein wenig Frieden, einen Platz, einen Ort, ein Land, wo sie wieder leben und hoffen kann. Sie sucht etwas von dem, was Gott verheißen hat, sein Reich. Wann wird es kommen?

Vielleicht stellt sich Almira diese Frage jetzt auf dem Feldbett im Notaufnahmelager. Vielleicht hat sie auch keine Kraft mehr zu hoffen.

Wann kommt das Reich Gottes?  Wie viele Menschen vor Almira haben diese Frage gestellt. Laut oder ganz leise, schreiend oder mit Tränen in den Augen. Wann? Auch Jesus wird danach gefragt. Im Predigttext für den heutigen Sonntag gibt er eine ganz andere Antwort als diejenigen, die ihn fragten, erwartet haben. Im Lukas-Evangelium im 17. Kapitel (VV. 20-24) heißt es: 

20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann;

21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen.

23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!

24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Und Gott segne dieses sein Wort an uns und lass es auch durch uns zu einem Segen werden.

Wann? Wann kommt das Reich Gottes?

Die, die Jesus so fragen, sind nicht Menschen am Ende ihrer Kräfte und Hoffnungen. Es sind die Theologen der Zeit, die prüfen wollen, ob der, der im Namen Gottes auftritt, auch etwas über Gottes Pläne weiß. Unzählig sind ja die Vorstellungen über das, was kommen wird. Bunt, grell und manchmal auch erschreckend sind die Bilder, die davon berichten, was sein wird. Und die Spekulationen über das genaue Datum sind so vielfältig wie die Sehnsüchte so vieler Menschen.

Die Pharisäer, die frommen Lehrer damals, werden sie gekannt haben, die vielen Hinweise der biblischen Schriften auf das Reich Gottes – wie es sein wird, wann es kommen wird. Sie werden die paradiesischen Beschreibungen kennen, wie sie im Jesaja-Buch zu finden sind. Visionen von Wölfen, die friedlich bei den Lämmern liegen und von Kindern, die keine Angst mehr vor Schlangen haben müssen. Es sind Hoffnungen von einem Frieden, den die ganze Welt spürt, so als säße man am Abend in seiner Laube. Die Zeit der Kriege ist vorbei. In Jerusalem, in Bagdad oder sonstwo auf der Welt. Die Waffen werden zerbrochen, ja sogar umgeschmiedet in Pflugscharen, die dem Leben dienen, der Versorgung der Menschen und nicht dem Tod. Die Soldatenstiefel, die über Leichen hinweggingen, werden abgestreift, die Maschinerie des Krieges hat ein Ende … Das sind Hoffnungen und Träume, die über die Jahrhunderte hindurch ihren Nachhall gefunden haben. Je bedrohlicher die Bombennächte, deshalb lauter der Ruf: Wann? Wann kommt dieses Reich?

Doch die Frommen der Zeit, die Jesus auf den Prüfstand stellen, werden auch die andere Seite der Allmacht Gottes kennen. Die Endzeitbilder voller Rache und Vergeltung für das, was dem Gottes Volk angetan wurde. Die Gedemütigten erfahren Gerechtigkeit, die Unterdrückten Befreiung. Es ist die Vision, dass Gott seine Weltordnung wieder herstellt, dass sein Recht und seine Gerechtigkeit herrschen und er die Spreu vom Weizen trennt und deutlich zwischen Gut und Böse unterscheidet.

Wann – endlich – kommt dieses Reich Gottes?  Das ist der Ruf derer, die am Ende ihrer Kräfte sind. Das ist auch der Ruf derer, die Hadern mit der Liebe Gottes, seinem Segen. Der Gott, der die Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse? Wann ist es damit endlich vorbei?

 Jesus beteiligt sich nicht an den Spekulationen. Er reiht sich nicht ein in die Gruppe der großen Seher und Visionäre, die ein Schreckensszenario á la Aleppo oder Kundus beschreiben, um auf das Kommende zu vertrösten. Er nennt kein Datum. Und doch nennt er die Zeit. Er beschreibt nicht den Ort, aber sagt doch, wo dieses Reich ist: Es ist mitten unter euch!

Ob diejenigen, die ihn gefragt haben, damit zufrieden waren? Ob sie das gesehen haben, was die Visionäre ihnen vor Augen geführt haben – den Frieden zwischen Wolf und Lamm. Die Gerechtigkeit für die, die immer im Schatten des Lebens stehen? Oder gibt Jesus mehr Rätsel auf, als dass er Antworten gibt? Deutlich ist, dass sich an ihm die Geister scheiden. Enttäuschung bei den einen, ein neues Lebens bei den anderen. Das „Kreuziget ihn“ bei der Masse, das „Herr, sprich nur ein Wort so wird meine Seele gesund!“ bei den Geplagten. Enttäuschung und Hoffnung – so nah bei einander.

Denn Jesus löst die Frage, die ihm gestellt wird, nicht in einfachen Antworten auf. Er hat kein Interesse am Spekulieren und Vertrösten, sondern holt die Zukunft in die Gegenwart. Den Himmel auf die Erde. Und er selbst ist sozusagen Gottes deutlichstes Zeichen dafür, dass das Reich Gottes begonnen hat. Hier und heute, mitten unter uns. Denn es zeigt sich jetzt, es geschieht hier.

Und man muss keine theologischen Höhenflüge anstellen, keine visionären Spekulationen vertrauen, um dieses Reich zu entdecken. Es reicht schon, das Vertrauen eines Kindes. Kinder leben unbeschwert, sie fragen nicht nach dem, was kommen wird. Kinder sind ganz bei sich und bei dem, was sie gerade beschäftigt – ein Spielzeug, eine Blume, ein Tier. Sie leben in der Geborgenheit und Fürsorge. Sie wissen, dass sie geliebt, geachtet, geschätzt werden. Deshalb: Nehmt das Reich Gottes an wie ein Kind – hier und jetzt, es ist längst da. Schaut nicht in die Ferne. Lasst euch nicht vertrösten, sondern lasst euch anstecken von diesem ganz alltäglichen Wunder der Nähe Gottes   

 „Mit dem Reich Gottes ist es wie …“ sagt Jesus, und wenn er dieses Reich beschreibt, dann sind es Gleichnisse aus dem alltäglichen Leben, Erfahrungen, die jeder macht: Der Blick auf ein Feld und die aufkeimende Saat. Ein kleines Korn, ein Senfkorn, aus dem eine riesige Staude entsteht. Ein Sauerteig, der wächst und der der Grundstock für ein köstliches Brot ist. Brot zum Leben. Denn immer, wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, dann spricht er vom Leben, das nicht irgendwann kommt oder irgendwann anfängt, sondern das bereits da ist – dort, wo im Vertrauen auf Gottes Liebe und seine Nähe das Leben gefüllt und gestaltet wird.

Jesus hat dieses Leben Menschen geschenkt und sie damit in sein Reich geholt.  Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen und die von ihm hörten: „Fürchte dich nicht!“. Menschen, die schuldig geworden waren und die erleben durften: „Dein Leben ist Gott nicht egal – Dir sind Deine Sünden vergeben“. Und sie spürten, wie das Reich Gottes bei ihnen begann. Menschen, die enttäuscht waren, ohne Hoffnung, die das Reich Gottes zerfallen sahen, weil er, ihr Messias gekreuzigt wurde. Und dann sagte er, der vom Tod zum Leben zurückkehrte, er, der das Leben will und das Leben schenkt: „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!“

Mit ihm hat Gott deutliche Zeichen seines Reiches mitten unter uns gesetzt. Mitten unter uns und mit uns soll das Reich Gottes wachsen – wie die aufgehende Saat, wie ein kleines Samenkorn, das Blüten und Wachstum schenkt.  

Auch Almira aus Aleppo in Syrien soll davon etwas spüren. Vielleicht muss sie mit vielen Enttäuschungen leben. Vielleicht hat sie noch viele Hoffnungen. Vor allem die Hoffnung auf Frieden für ihr Heimatland, für die Menschen, die dort geblieben sind, aber auch für sich selbst, weil sie zurück will, das Land wieder neu aufbauen, aus den Ruinen wieder Häuser bauen, in dem Schutt  Gärten entstehen lassen, damit Menschen dort wieder in Frieden leben können. Das ist ihre Hoffnung.

Und sie spürt, dass ihre Hoffnung einen Grund hat, sie erlebt, dass es kleine Zeichen und Geesten eines Neuanfangs gibt. Auf dem Münchner Bahnhof die Schilder mit den Worten „Refugees welcome“. Im Notaufnahmelager eine Frau, die ihr nicht nur eine warme Suppe reichte, sondern sich auch einen Moment zu ihr setzte, den Arm auf die Schulter gelegt. Sie haben kein Wort gesagt, hätten sich auch nicht verstanden, Almira aus Aleppo und die Frau aus dem kleinen niedersächsischen Ort, wo nun eine Turnhalle zu einem Schlafsaal für hunderte Menschen wurde. Sie wollte einfach helfen. Und sie hat es getan. Vielleicht mehr als sie es ahnte – mit der warmen Suppe und dem Mantel aus der Kleiderkammer. Sie hat ganz andere Wärme geschenkt. Sie hat Mut gemacht, zum Leben – auch in der Fremde. Und sie hat Hoffnung gemacht, dass der Frieden doch eine Chance hat.

Da blitzte es auf, das Reich Gottes. Für einen Moment, ganz oft in diesen Zeiten. Mitten unter uns. Hier und Jetzt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben. Amen.

 

Perikope
08.11.2015
17,20-24

Die Zukunft bringt nur Gutes - Predigt zu Lukas 17,20-24 von Søren Schwesig

Die Zukunft bringt nur Gutes - Predigt zu Lukas 17,20-24 von Søren Schwesig
17,20-24

Die Zukunft bringt nur Gutes

Liebe Gemeinde,

was bringt uns wohl die Zukunft? So fragen wir manchmal. Und so ver­schieden wir sind, so verschieden fragen wir nach der Zukunft. Wird mein Wunsch nach Liebe in Erfüllung gehen? Wird meine Partnerschaft, meine Ehe halten? Werde ich den Anforderungen in meinem Beruf gewachsen bleiben? Werden meine Kinder gesund heranwachsen? Wird mein Sohn eine Ausbildungsstelle bekommen? So oder so ähnlich fragen wir nach der Zukunft, die uns bevorsteht.

Nun hat der heutige Sonntag vom Datum her statt mit In-die-Zukunft-schauen mit Zurückschauen zu tun. Denn am morgigen Tag geht es um das Erinnern. Das Er­innern an besondere Tage der deutschen Geschichte:

·         09. Nov 1918: Philipp Scheidemann ruft die Weimarer Republik aus.

·         09. Nov 1923: Hitlers erster Versuch, die Macht in Deutschland zu ergreifen, scheitert.

·         09. Nov 1938: Reichspogromnacht – im ganzen Reich werden Synago­gen geplündert und angezündet.

·         09. Nov 1989: Fall der Mauer – Symbol der Teilung beider deutscher Staaten.

Am 09. November erinnern sich Menschen an Reiche, die Menschen aus­gerufen oder zu Fall gebracht haben.

Auch unsere Predigtgeschichte handelt von einem Reich, aber keinem Tau­sendjährigen oder Deutschen Reich. Die Pharisäer fragen Jesus nach dem Gottesreich: „Wann kommt es, das Reich Gottes?“ Ich lese Verse ...

20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. 22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum an­dern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. 25 Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden.

Welchen Stellenwert hat in ihrem Glauben das Reich Gottes? Ich glaube das Hoffen auf das Reich Gottes ist uns irgendwie abhanden gekommen. Das Warten auf das Reich Gottes ist bei uns in den Hintergrund geraten. Oder trifft das nur auf uns Christen in der sogenann­ten Ersten Welt zu?

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Pfarrer aus Tansania, der in den 80-er Jahren meine Heimatgemeinde besuchte. Als er, der afrikanische Pfarrer und ich, damals ein Theologiestudent, miteinander über unseren Glauben redeten, fragte er mich auf den Kopf zu: „Bruder, lebst du in der Hoffnung auf das Reich Gottes?“ Ich war von dieser Frage überrumpelt und musste sagen: Das Reich Gottes spielt in meinem Glauben keine große Rolle!“ Ganz anders mein afrikanischer Gesprächspartner. Für ihn war das Hoffen und Warten auf das Anbrechen des Reiches Gottes ganz zentral.

Seitdem habe ich mich immer wieder gefragt, warum wir uns so unter­schieden. Liegt mein Nichthoffen auf das Reich Gottes daran, dass ich als Europäer in einem gesicherten Wohlstand lebe und deshalb mit der Ge­genwart eigentlich ganz zufrieden bin? Und wartet der afrikanische Pfarrer deshalb auf das Reich Gottes, weil er in ärmlichen Verhältnissen lebt und deshalb große Hoffnung setzt in eine grundlegende Veränderung der Ver­hältnisse? Vielleicht. Aber was ich heute weiß, ist, dass der Afrikaner der Botschaft Jesu viel näher war als ich. Denn Jesu Botschaft lautete in einen Satz gefasst: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Darum ändert euer Leben und glaubt an das Evangelium.

Die Hörer Jesu kannten und teilten mit ihm die Hoffnung, dass Gottes Reich bald anbricht. Die Hoffnung, dass diese Welt, die so voll ist von Unrecht und Unterdrückung, von Hass und Neid, von Elend und Leid – dass diese Welt nicht Gottes letztes Wort ist, sondern dass Gott dieser Welt ein Ende setzen und sein Reich aufrichten wird. Ein Reich, in dem Menschen einander kein Leid mehr beifügen, weil sie in Eintracht leben und sich von Gottes Geboten leiten lassen. Eine Welt, in der man keinen Hass mehr kennt und kein Unrecht.

Eine Welt frei von Unrecht und Unterdrückung. Sagen Sie selbst. Klingt das nicht paradiesisch? Klingt das nicht zu schön, um wahr zu sein?

So denken auch heute viele Menschen, die bezweifeln, dass dieses Reich, das Jesus versprochen hat, kommen wird. Stattdessen glauben sie, es gäbe nur die Realität, in der sie leben. Eine Realität, in der sie immer wie­der die Erfahrung von Zerstörung machen.

·      Das mag die Erfahrung einer Liebe sein, die zerbrochen ist.

·      Das mag die Erfahrung einer Freundschaft sein, die verraten wurde.

·      In Syrien machten und machen Menschen die Erfahrung mit der ungeheu­ren Todesmacht von Bomben, gebaut von Menschenhand, um Men­schenleben auszulöschen.

Erfahrungen von Zerstörungen, die dem Leben zugefügt werden. Und Zer­störungen haben immer eine große Überzeugungskraft. Zerstörungen ma­chen mutlos, so dass wir sagen: „So ist halt unsere Welt, da kann man nichts machen!“ Zerstörungen lassen uns glauben, dass es für diese Welt keine Zukunft gibt, auf die man hoffen kann. Dass man sich in dieser Welt höchstens ducken kann, damit einen das Unglück nicht mit voller Wucht trifft.

Seid nicht mutlos!“, sagt Jesus. „Ja, diese Welt ist voll von Zerstörungen. Aber diese Welt ist nicht Gottes letztes Wort. Gott wird dieser Welt mit ih­ren Zerstörungen ein Ende setzen und sein Reich aufrichten. Und dieses Reich ist schon unterwegs zu euch. Ja, es ist schon mitten unter euch!“ So Jesu Botschaft.

Die Hörer fragten Jesus darauf: „Dann sag uns: Wie geht es zu in diesem Reich? Wer wird zu diesem Reich gehören? Was muss ich tun, damit ich auch zu diesem Reich gehöre?“ Und Jesus antwortete ihnen mit Gleichnisgeschichten:

·         Wie dem Gleichnis von dem Sohn, der ins Elend gerät und heimkehren möchte, aber sein Recht auf Heimkehr eigentlich verwirkt hat. Aber als der Vater seinen Sohn heimkehren sieht, fragt er nicht nach Recht auf Heimkehr, sondern nimmt ihn in Ehren auf und feiert ein Freudenfest, denn – so spricht er – `Dieser mein Sohn war verloren und ist gefunden worden!´ Und Jesu Hörer begreifen: So wird es sein im Reich Gottes – jeder von uns darf zu Gott kom­men, ganz gleich was er getan hat, weil Gottes Liebe jedem von uns gilt!

·         Oder das Gleichnis von den Tagelöhnern, die verschieden lang im Wein­berg arbeiten. Aber am Abend bekommt jeder den gleichen Lohn, weil der Weinbergbesitzer will, dass jeder bekommt, was er zum Leben braucht. Und die Hörer Jesu begreifen: So wird es sein im Reich Gottes – jeder von uns wird genug haben, was er zum Leben braucht!

·         Oder das Gleichnis von dem Hirten, der sich nicht zufrieden gibt mit der großen Zahl seiner Schafe, sondern der, als eins verloren geht, die­sem nachgeht, es findet und heim trägt. Und Jesu Hörer begreifen: So wird es sein im Reich Gottes - Gott wird sich nach jedem von uns auf die Suche machen, so lieb sind wir ihm und teuer!

Aber sag uns“, fragen die Pharisäer: „Wann kommt das Reich Gottes?“ Jesus antwortet ihnen: „Es kommt nicht so, dass man es beobachten oder sagen kann: `Hier ist es!´ oder `Dort ist es!´“ – und widerspricht damit allen Menschen, die glauben, in Ereignissen der Geschichte erkennen zu können, dass diese Welt zu Ende geht und das Reich Gottes anbricht.

·         Wie der Verfasser des Buches der Offenbarung meinte, die damals stattfindenden Christenverfolgungen seien ein untrügliches Zeichen, dass das Ende der Welt nahe ist. Aber die Welt ging weiter.

·         Als im Mittelalter die Pest 1/3 der Bevölkerung Europas hinwegraffte, sahen Menschen darin ein untrügliches Zeichen, dass das Ende der Welt nahe ist. Aber die Welt ging weiter.

·         Oder ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Deutschen in Israel im Som­mer des ersten Golfkrieges, als Saddam Hussein in Kuwait einmarschiert war und die Welt befürchtete, ein mit Massenvernichtungswaffen geführter Krieg würde im Nahen Osten ausbrechen. Das Fazit dieser Deutschen lautete: „Alles, was jetzt geschieht, ist ja in der Bibel vorausgesagt: Am Ende der Tage wird in Israel eine große Schlacht ansetzen!

Wir können nicht in Ereignissen der Geschichte erkennen, ob diese Welt zu Ende geht und das Reich Gottes anbricht – weil Jesus sagt: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten oder sagen kann: `Hier ist es!´ oder `Dort ist es!´“

Wahrscheinlich werden die Pharisäer damals nachgehakt haben: „Aber dann sag uns: Wann kommt das Reich Gottes?“ Und wahrscheinlich wer­den die Pharisäer auf Jesu Entgegnung „Es ist schon mitten unter euch!“ geantwortet haben: „Mitten unter uns? Schau dir doch diese Welt an. Sie ist unerlöst. Überall begegnet Unrecht und Hass und Leid. All das soll es doch im Reich Gottes nicht mehr geben. Wie kannst du da sagen: `Das Reich Gottes ist mitten unter euch´?

Die Pharisäer damals begreifen nicht, dass das Reich Gottes zwar noch nicht da ist, aber dass es unterwegs ist, dass es im Anbrechen ist.

In Jesu Person bricht es an. In Jesu Tun kann ich es schon erleben. In dem, was Jesus tut und sagt, kann ich das Reich Gottes schon erfahren.

·         Wenn Jesus Menschen heilte, dann damit ich erkenne: So wird es im Reich Gottes sein – es wird keine Krankheit mehr geben.

·         Wenn Jesus Menschen satt machte, dann damit ich erkenne: So wird es sein – Men­schen werden keinen Hunger mehr leiden.

·         Wenn Gott ihn später vom Tod auferweckte, dann damit ich er­kenne: So wird es im Reich Gottes sein – der Tod wird keine Macht mehr über mich haben. Ich werde leben.

Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“ heißt also: Es ist zwar noch nicht da, aber ist unterwegs. In Jesu Person bricht es an. Und Du kannst kann in deinem Leben immer wie­der Spu­ren dieses Reiches entdecken, wenn du nur Augen und Ohren offen hältst und diese Spuren auch wirklich wahrnimmst:

·         Wenn Menschen es schaffen, die bitteren Worte, die gefallen sind, und die Wunden, die ihnen zugefügt wurden, beiseite zu schieben und wie­der zueinander finden, dann sind das Spuren des Reiches Gottes und du kannst: So wird es sein!

·         Wenn Fremde in dem Augenblick, da sie Brot und Wein teilen, begrei­fen: „Wir gehören zusammen als Bruder und Schwester!“, sind das Spuren des Reiches Gottes und du kannst sagen: So wird es sein!

·         Wenn ein Mensch, dem die Ärzte keine Hoffnung mehr gaben, gesun­det, sind das Spuren des Reiches Gottes. So wird es sein!

·         Aber genauso: Wenn ein Mensch nicht geheilt wird von seiner Krank­heit, aber seinem Sterben entgegengehen kann mit dem Wissen: Ich bin gehalten! Ich bin getragen! - Spuren des Reiches Gottes! So wird es sein!

·         Wenn ich immer wieder aufs Neue erlebe, dass mir die Kraft geschenkt wird, meinen Alltag zu bestehen, dann sind das Spuren Gottes! So wird es sein!

Das Reich Gottes ist unterwegs und du kannst jetzt schon in deinem Leben Spuren davon wahrnehmen, wenn du nur Augen und Ohren offen hältst für diese Spuren.

Darum - wenn du gefragt wirst: Was bringt uns wohl die Zukunft?, kannst du darauf antworten: Die Zukunft bringt mir nur Gutes. Denn sie bringt mich Gottes Reich näher.

Amen.

Perikope
08.11.2015
17,20-24

Der freundlich flüchtige Invasor - oder - Getwitterkinder am Ladelimit - Predigt zu Lukas 17,20-24(25-30) von Markus Kreis

Der freundlich flüchtige Invasor - oder - Getwitterkinder am Ladelimit - Predigt zu Lukas 17,20-24(25-30) von Markus Kreis
17,20-30

Der freundlich flüchtige Invasor - oder - Getwitterkinder am Ladelimit

Der freundlich flüchtige Invasor – oder – Getwitterkinder am Ladelimit. So möchte ich meine Predigt betiteln, liebe Gemeinde. Ja, Gott ist ein freundlicher Invasor. „Halt! Stopp!“, werden einige sagen: Gott ein Invasor? Ein eindringender Eroberer? Einer, der sich ausbreitet, ohne sich um unsere Grenzen zu scheren? Gar eine Art Besatzungsmacht? Das klingt befremdlich und nicht freundlich.

Die Bibel berichtet, dass Gott mit seinem Denken und Machen alles gottlose und  widergöttliche Denken und Machen aus einem Menschen vertreiben kann. Es gibt zweierlei Besessenheit, es gibt dämonische und göttliche Besatzung, gottlose fixe Ideen und Gott Vertrauen, für jedwede Sünde blind bei jeglichen Unternehmungen.

Unser menschliches Leben zeigt sich, öfter als uns lieb und bewusst ist, von gottlosen fixen Ideen beherrscht. Da kann uns die gute Besatzungsmacht Gottes nur anfeinden. Wie gut, dass Gott als Invasor sich mit uns angefreundet hat.

Denn Gott weiß um unsere Grenzen. Er kennt die Angst, dass eine Grenzüberschreitung uns verletzt, die Angst, dass wir dabei Kontrolle über unser Leben verlieren. Und er kennt unsere damit verbundene Wunschphantasie nach Grenzkontrolle, unüberwindbaren Zäunen, Todesstreifen, die schon einmal zur grausamen Realität wurden.

Mehr noch: Unsere Verlustangst macht nicht davor halt, die für uns unüberwindbare Grenze kontrollieren zu wollen, die Grenze der Lebenszeit, den Tod. Spätestens hier werden all diese Versuche scheitern, werden wir dem Kontrollverlust ausgeliefert sein.  

Wie gut, dass Gott uns die vergeblichen Kontrollversuche in Jesu Kreuz abgenommen hat. Er hütet jegliche Grenze, auch den Tod. Und das kann angesichts von Jesu Auferstehung nur eines heißen. Wenn Gott die Grenze durchlässig macht, dann einzig um den Lebensspielraum seiner geliebten Geschöpfe, der Menschen, zu erweitern. Denn Grenzkontrolle, das heißt nicht nur abschotten und mauern. Sondern ebenso Grenzverschiebung nach außen, also Ausbau des eigenen Einfluss- und Machtbereichs.

Ein Beispiel: Es gibt Leute, die an der sogenannten Flugangst gelitten haben, die also nicht mit dem Flieger auf Reise gehen konnten, die man nur mit roher Gewalt in die Maschine hätte zwingen können. Und die haben gelernt, meist mit fremder Hilfe, diese Angst in den Griff zu kriegen, diese Grenze zu überwinden.  Also begeben sie sich in den Flieger und vertrauen sich dem Geschehen an; auch wenn ein Bauchgrummeln dabei bleibt. Sie überwinden dabei nicht nur neue Ländergrenzen sondern auch innere seelische Limits. Sie können den begrenzten Kontrollverlust akzeptieren, also die Kontrolle an Leitsystem und Piloten übergeben.

Um neues Leben zu gewinnen, gibt auch ein jeder Partner eines Paares lieb gewonnene Grenzen auf, körperliche und geistige, manchmal bewusst, manchmal unbemerkt. Was körperliche Grenzverletzung und Grenzverschiebung bedeutet, das muss man heute keinem mehr erklären.

Vielleicht aber geistig, seelische Grenzüberschreitung im Zusammenleben. So zum Beispiel. Die Kritik des einen wird nicht als Angriff interpretiert, sondern als Aufklärung und Hilfe durch den anderen. Vergebende Worte werden nicht als Zeichen von Schwäche ausgelegt, sondern als aus einem unerklärlichen Kraftreservoir geschöpft. Des einen Bitte um Vergebung wird nicht genutzt, um alte Vorwürfe erneuern, sondern vom Adressat als echte Reue erachtet. Allesamt Grenzüberschreitungen und -verschiebungen, die neues Leben ermöglichen, Vertrautheit und Vertrauen vergrößern.       

Halt! „Stopp!“, werden andere einwerfen. Freundlicher Invasor, ja, von mir aus, meinetwegen. Aber Invasor und flüchtig? Was ist denn jetzt gemeint? Ist Gott nun dieses oder jenes? Beides zusammen geht schlecht. Invasoren jagen Menschen in die Flucht, fliehen aber selber nicht. Und Flüchtige machen sich aus dem Staub, machen die Biege, verlassen ein Gebiet und nehmen es nicht in Besitz.

Gott ist beides. Dieser Widerspruch ist ihm und seinem Tun nicht abträglich. Er kann zugleich flüchtig und Invasor sein. Als Gläubige haben wir es genau besehen oft mit Widersprüchen zu tun. In Jesu Worten unseres Bibeltextes steckt zum Beispiel einer. Vielleicht ist es ihnen aufgefallen.

Einerseits verbietet Jesus es, den kommenden Menschensohn leibhaftig mit irgendwelchen weltlichen Objekten oder Ereignissen gleich zu setzen. Andererseits zieht er kurzerhand den Blitzschlag heran, um die Vergegenwärtigung des Menschensohns zu versinnbildlichen. Ja, gibt es nun doch ein weltliches Anzeichen? Oder muss jedwedes Anzeichen auf den Index? Ein Schluss daraus bleibt uns im Heiligen Geist überlassen.

Gott als flüchtig freundlicher Eroberer, dieser Widerspruch lässt sich auflösen. Als die Wehrmacht vor 75 Jahren die Sowjetunion attackierte, erschienen die Deutschen mancherlei dort Ansässigen als flüchtig freundliche Eroberer. So schnell kamen sie heran. Nahmen nur kurz oder gar nicht vom dargebotenen Brot und Salz. Rauschten vorbei und rückten schnell weiter vor. Denn lieber noch nahmen sie mehr Gebiete in Besitz als das angebotene Willkommen.

Im folgenden Rückzug waren sie auch flüchtig - allerdings ohne noch Eroberer geschweige denn willkommen zu sein. Sondern flüchtige Menschen, die den Krieg und zuweilen jede Menschlichkeit verloren hatten. In diesem Sinne ist Gott natürlich kein flüchtiger Invasor. Gott hat in Jesus am Kreuz seine volle Menschenfreundlichkeit gerade gewonnen. Hat er doch dort Leid und Tod auf sich genommen und im Gegensatz zu uns überwunden und besiegt.

Halten wir es wie das Lukasevangelium. Ziehen wir ein Beispiel aus der Physik heran, um Gottes flüchtiges Wirken zu schildern. Es ist aber kein Beispiel aus der Wetterkunde, sondern aus der Teilchenphysik. Keine Sorge, völlig unkompliziert. Gottes flüchtiges Wesen ist vergleichbar mit dem Auftauchen und Verschwinden von atomaren Teilchen.

Vielleicht erinnern sie sich noch an das Higgs Boson. Um es zu erhaschen, brauchte und baute man in Genf unterirdische Beschleuniger und Messapparaturen. Zwar wies der Detektor am CERN erfolgreich das Higgs Boson nach.

Doch die Teilchen und ihr Wirken liegen deshalb noch lange nicht unserer Hand. Sie entziehen sich uns, stehen außerhalb unserer Verfügbarkeit. Wir bieten letztlich nur die äußeren Bedingungen zu ihrem Erscheinen. Und auch unser aktiver Anteil an diesem Bieten, all unser Aufbieten, ist uns von Gott geschenkt. Nicht anders als das, was uns dabei widerfährt.  

Wie das Higgs Boson versenkt Gott sich ins Nichts. Er schaltet sich sozusagen weg, fährt sich runter. Und schaltet sich wieder zu, fährt sich hoch. Nicht wie ein willkürlicher Gott, sondern ganz gemäß seiner Liebe und Freundlichkeit für die Menschen. Gott schaltet sich in freundlicher Menschenliebe ein, ohne dass ein Mensch ihn dabei ausschalten kann. Darin liegt seine flüchtige und unwiderstehliche Macht. So zeigt sich seine Qualität als der nur nachträglich zu fassende freundliche Invasor.

Unser Lukastext formuliert eine weitere Ansage: Es wird Tage geben, da werden wir wünschen, dass Gott sich uns zeigen möge. Vielleicht haben sie schon die Erfahrung gemacht, liebe Gemeinde: Es lässt sich auch leben, wenn sich Gott in unserem Leben als versunken oder abgeschaltet erweist. Wenn es läuft, dann läuft es, es ist wie es ist, eins kommt zum anderen. Alles geht fraglos seinen Gang. Das mag so sein. Aber: Es wird Tage geben, da werden wir wünschen, dass Gott sich zuschalte, dass er sich uns Kontrollverlustkontrolleur zeige.

Warum wir das begehren, darüber verliert das Lukasevangelium an dieser Stelle kein Wort. Es wird kein Grund genannt, warum wir Gottes Gegenwart gewahr werden wollen. Werden wir in Bedrängnis geraten? Läuft es nicht mehr? Kommt keines mehr zum anderen? Stellen sich einem vormals verdrängte, unabweisbare Fragen und Entscheidungen? Stellt sich das Versinken Gottes in unserem Leben nunmehr als Problem dar? Wünschen wir, dass Gott sich zuschaltet, mitten in unser Leben hinein?   

Oder geht es gar nicht um uns dabei? Wünschen wir uns Gottes Gegenwart, weil es für andere nicht gut läuft? Weil bei Ihnen nur ein Problem zum anderen kommt. Stehen sie vor unabweisbaren Fragen und Entscheidungen? Stellt sich das Versinken Gottes in deren Leben nunmehr als Problem dar? Wollen wir, dass Gott sich wieder hoch lädt, mitten in deren Leben hinein? Wünschen wir, dass Gott sich diesen anderen erweisen möge in Liebe und Menschenfreundlichkeit?

Wie dem auch sei, ob für unser Leben oder für andere: Der flüchtige Gott gerät plötzlich in eines Menschen Herz, Hirn und Leib. Sowie ein Blitz das Dunkel schwerer Wolken, oder das Dunkel der Nacht erhellt, so erleuchtet Gott des Menschen dunkles Herz oder getrübtes Gehirn, seine ausgeblendete Einsicht oder sein diffuses Wissen. Und so wie ein Blitz eine ungeheure Menge an Energie in die Erde entlädt, so überträgt Gott sich in Hirn, Herz und Leib, in das Wollen, Wissen und Handeln eines Menschen.

Der flüchtige Gott beherrscht derart den ganzen Menschen. Jedoch nie nur den ganzen Menschen für sich allein, sondern immer zusammen mit anderen Menschen. Und so verschmelzen Hirne, Herzen und Körper im göttlichen Blitz zu einem Leib und einer Seele. Sie verfließen zu einem Tun und einem Lassen, zu einem Handeln und Widerfahren, zu einem Reden, Hören und Entgegnen, das zusammen passt, das sich untereinander ergänzt.

Gott als Blitz verdonnert uns mit seinem Wort, ohne dass wir zwangsläufig taub oder erschrocken werden. Vom Propheten Elia ist das zu lernen. Gott kann sich auf mehrfache Weise mitteilen, unter anderen auch leise, sehr, sehr, leise. Oder durch ein nur kleines unbedeutendes Naturereignis wie z.B. einen Vogel. Also durch Flattern, Zwitschern, Flüstern.

Gott twittert uns unvermutet sein lebendig machendes Wort ins Gemüt, auf dass wir ihm und seinem Wort folgen. Gott teilt sich uns häufig beiläufig mit. Je beiläufiger, desto häufiger unbemerkt. So wie uns viele entscheidende Informationen heute eher unterschwellig und indirekt beigebogen werden – und umso wirksamer. Als flüchtiger Invasor macht er uns als Einzelne und in Gemeinschaft leiselaut aufmerksam auf seine Wahrheit.

Gott ist der Twitterer, will sagen, der eine Twitterer, der selber und wahrhaft kein Follower ist. Der keinem folgt, außer sich selbst in seiner Menschenfreundlichkeit. Daran teilen wir mit ihm als seine Getwitterkinder. In der Heiligen Schrift wird dies aufgezeigt.

Das Alte Testament kennt den Propheten Elia nicht nur als Windflüsterer. Denken sie an das Gipfeltreffen mit den brandopferwilligen Baalspriestern. Da zeigt sich Elia als echtes Gewitterkind mit Blitz und Donnerkeil. Und das Neue Testament kennt die Donnersöhne Jakobus und Johannes, zwei der Jünger Jesu, deren Rede- und Überzeugungsaktivität besonders nachhallend gewesen sein soll.

Der Menschen Geistesblitz entspringt dem Wort Gottes in der Heiligen Schrift. Es lässt Gott in uns Menschen auftauchen. Als wahre Follower sind wir von Gottes Licht und Energie durchdrungen. In verborgener Nachhaltigkeit donnern oder twittern wir - je nach dem, was grad nötig ist angesichts des Gehörs unserer Mitmenschen.

Und wie die allermeisten Twitterer wissen wir gar nicht, wer unsere wahren Follower und damit Gottes Nachfolger sind. Damit müssen wir leben. Damit dürfen wir leben. Und damit können wir leben. Denn der freundliche Donnerwettergott kennt unsere Grenzen und scheut sich nicht, sich auf sie einzulassen.

Und so gelingt es ihm immer wieder, sich gegen alles menschliche Kontrollgebaren in eines jeden Hirn, Herz und Leib zu schalten und zu twittern. Dank unserer Nachfolge leuchtet bei Mitmenschen dieser eine Blitz auf. Dieser Informations- und Energievorschub, der gottlos Widergöttliches in Schall und Rauch aufgehen. Und neues Leben in jede kleinste Ader strömen lässt - auch wenn sie aus Glasfaser oder Kupfer ist. Amen

Perikope
08.11.2015
17,20-30

Sorge und Fürsorge - Predigt zu Lukas 12,15-21 von Frank Fuchs

Sorge und Fürsorge - Predigt zu Lukas 12,15-21 von Frank Fuchs
12,15-21

Sorge und Fürsorge 

Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

Liebe Gemeinde,

der Philosoph Martin Heidegger hat sich ganz besonders mit der Sorge befasst. Sie zeichnet aus, dass sie wesentliche Züge unseres menschlichen Daseins erschließt. Sie ist eine Grundbefindlichkeit unseres Lebens und lässt sich näher beschreiben. Dies hilft ihm der Frage näherzukommen, was das menschliche Leben im Grunde ausmacht. Dazu zieht er eine Fabel heran, die aus der Antike stammt.

„Als einst die Sorge über einen Fluss ging, sah sie tonhaltiges Erdreich: sinnend nahm sie davon ein Stück und begann es zu formen. Während sie darüber nachdenkt, was sie geschaffen, tritt Jupiter hinzu. Ihn bittet die Sorge, dass er dem geformten Stück Ton Geist verleihe. Das gewährt ihr Jupiter gern. Als sie aber ihrem Gebilde nun ihren Namen beilegen wollte, verbot das Jupiter und verlangte, dass ihm sein Name gegeben werden müsse. Während über den Namen die Sorge und Jupiter stritten, erhob sich auch die Erde (Tellus) und begehrte, dass dem Gebilde ihr Name beigelegt werde, da sie ja doch ihm ein Stück ihres Leibes dargeboten habe. Die Streitenden nahmen Saturn zum Richter. Und ihnen erteilte Saturn folgende … gerechte Entscheidung: ʼDu, Jupiter, weil du den Geist gegeben hast, sollst bei seinem Tode den Geist, du, Erde, weil du den Körper geschenkt hast, sollst den Körper empfangen. Weil aber die Sorge dieses Wesen zuerst gebildet, so möge, solange es lebt, die Sorge es besitzen. Weil aber über den Namen Streit besteht, so möge es homo heißen, da es aus humus (Erde) gemacht ist. ʽ“

Die Fabel erzählt so, wie es zum Namen des Menschen kam. Auch wenn der Mensch nicht Sorge heißen darf, so ist er doch von der Sorge zum Leben bestimmt. Die Fabel ist für Heidegger ein Beleg dafür, dass das menschliche Leben zeitlebens der Sorge gehört. Solange er in der Welt ist, ist sein Leben durch Sorge geprägt.

Von Sorge bestimmt ist auch das Leben des reichen Mannes in der Beispielerzählung von Jesus. Er besitzt viele Felder und die Ernte fiel in diesem Jahr besonders gut aus. Die bestehenden Scheunen reichen nicht aus, um die Ernte aufzunehmen. Seine Sorge ist wohl, dass ein Teil der Ernte einfach vernichtet werden müsste. Da entscheidet er sich, in neue Lagerstätten zu investieren. Er will die alten abreißen und neue errichten lassen. Vermutlich sorgt er sich um die Zukunft. Denn niemand kann sehen, was noch kommen wird. Weil die Zukunft ungewiss ist, möchte er ausgesorgt haben. Er folgt der Logik der Sorge ums Dasein, wenn er die Ernte für die Zukunft sichern möchte. Damals in Ägypten war es auch so, dass die 7 mageren Jahre nur überstanden werden konnten, weil in den 7 fetten Jahren gesammelt worden war. Es entspricht eben der menschlichen Vernunft, auf die Zukunft zu achten und mit weniger guten Jahren zu rechnen. Es gilt auch heute noch als richtig, dass ein Staat, dem es wirtschaftlich gut geht und dessen Einnahmen sprudeln, bereits für schlechtere Zeiten vorsorgt. Was für Staaten gilt, ist auch für den einzelnen sinnvoll. Genauso sollen heute auch diejenigen, die im Arbeitsleben sind, für den Ruhestand vorsorgen, usw. Es ist also vernünftig, so zu handeln.

Was ist dann nur an dem Verhalten des reichen Mannes auszusetzen? Im Prinzip nichts. Nur das Motiv hinter seinem Handeln ist zu kritisieren. Es geht ihm immer nur um die eigene Daseinsvorsorge. Entsprechend sagt er: „Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens!“ Es geht ihm nur um sein Glück. In seinen Gedanken kreist er nur um sich selbst. Es geht ihm nur um die eigene Fürsorge. Niemals geht es ihm um die Fürsorge für andere.

Von Fürsorge ist in diesen Tagen die Rede, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht. In dieser Woche wurde in unserer Stadt bekannt, dass ein Erstaufnahmelager des Landes Hessen auf dem Kasernengelände eingerichtet wird. In den nächsten Wochen sollen dort bis zu 1.500 Menschen einziehen. Die Sorgen vieler Flüchtlinge sind so groß geworden, dass sie ihr Land verlassen haben und auf ein besseres Leben in Deutschland hoffen. Die Aufnahme von so vielen Menschen weckt wiederum Sorgen bei der heimischen Bevölkerung. Wie wird sich das Zusammenleben gestalten? Bislang gab es eine sehr große Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge in unserer Stadt. Auf einen Flüchtling kam ungefähr ein Ehrenamtlicher. Auf so viele Menschen wird sich das nun nicht mehr übertragen lassen.

Die Geschichte vom reichen Mann zeigt jedenfalls, dass Vorsorge für das eigene Leben zu einseitig gedacht ist. Vielmehr gesellt sich zur gelungenen Vorsorge die Fürsorge gern dazu. Unsere Fürsorge gilt auch weiterhin den Menschen, die in unserer Gesellschaft arm sind und sich abgehängt fühlen. In diesem Monat bieten wir wieder unser Essen für Bedürftige an, das in der kalten Jahreshälfte monatlich stattfindet. Es wäre ein fatales Zeichen, wenn die Not dieser Menschen in den Hintergrund treten würde und sie noch weiter abrutschen würden. Und Fürsorge kann schließlich auch bedeuten, in Krisengebieten zu helfen und sich dafür einzusetzen, dass das Leben dort erträglicher wird.

Erntedank meint, dass wir dankbar sind, genug zum Leben zu haben, genug an Essen und Trinken, genug an allen Gaben, die wir zum Leben brauchen. Die mythologische Geschichte zeigt, dass der Mensch ein Kind der Sorge ist. Der Mensch muss sich dementsprechend verhalten, was durch Vorsorge geschieht. Am Erntedankfest denken wir daran, dass der Vorsorge um das eigene Leben in dieser Erntezeit Genüge getan wurde. Die dafür angemessene Haltung gegenüber Gott ist der Dank. Denn er ermöglicht uns die Vorsorge. Alle guten Gaben kommen von ihm. Wer dankt, ist „reich an Gott“, weil er sich des Grundes seines Lebens vergewissert. Die Sorge bleibt, behält aber nicht die Oberhand. Es wächst vielmehr die Gewissheit, dass die Ernte auch in Zukunft reicht, um gut leben zu können. In diesem Vertrauen wird leichter bewusst, dass die Sorge um das eigene Leben – die Vorsorge – wertvoll und wichtig ist, aber auch die Fürsorge für andere ermöglicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Die mythologische Fabel ist von Hyginus überliefert und wird zitiert nach Martin Heidegger: „Sein und Zeit“, Tübingen 198617, S. 198

Die Gottesdienstgemeinde befindet sich in Babenhausen, einer Kleinstadt in Südhessen. Die aktuelle Situation lässt sich folgendem Artikel entnehmen.

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-dieburg/babenhausen/kaserne-wird-rasch-erstaufnahmelager_16205998.htm

Über das Essen informiert dieser Artikel.

http://www.op-online.de/region/babenhausen/kostenlose-mittagstafel-babenhausen-geht-essen-kontakt-4867987.html

 

Lieder: Wir pflügen und wir streuen, EG 508

Als Gesang zwischen den Fürbitten eignet sich: Alle guten Gaben, EG 463

Perikope
04.10.2015
12,15-21