Predigt zu Lukas 13,6-9 von Maximilian Heßlein (aktualisiert nach den Anschlägen)
Liebe Gemeinde,
drei Jahre ist der Herr des Weinbergs nun gekommen und hat nichts gefunden. Drei Jahre hat er gehofft. Drei Jahre, so vermute ich es, hat er sich gefreut auf reife, süße, das Leben bereichernde und bejahende Früchte. Drei Jahre ist er enttäuscht worden. Drei Jahre keine Frucht.
Jetzt steht er da vor seinem Weingärtner. Zornig ist er. Es ist genug. Der Baum ist zu nichts nütze. „Hau ihn ab!“
Der Weingärtner aber zögert. Nein, es ist noch nicht zu spät. Der Weingärtner hat den Baum begleitet in seiner Zeit. Er weiß darum, wie es in diesen Jahren im Weinberg gewesen ist, was der Baum erfahren hat. Es war bewegte Zeit.
Der Weingärtner blickt zurück. Der Vorhang der Geschichte öffnet sich.
"Herrgott im Himmel, sieh unsere Not / wir Bauern haben kein Fett und kein Brot / Flüchtlinge fressen sich dick und fett / und stehlen uns unser letztes Bett / Wir verhungern und leiden große Pein / Herrgott, schick das Gesindel heim".
Was vermuten Sie, liebe Gemeinde? Wann ist dieser Text entstanden, den ich nicht wage, ein Gebet zu nennen? – Vor einer knappen Woche in der Reaktion auf die Anschläge in Paris oder vielleicht heute Morgen im Blick auf die Bilder aus derselben Stadt? Vor einem Monat oder vielleicht doch schon vor einem Jahr? Oder vielleicht vor 23 Jahren als die letzte große Diskussion und Abwehr von fliehenden Menschen durch das Land zog, als die Häuser brannten in Solingen und Rostock, in Mölln wie schon zuvor in Hoyerswerda?
Wahrscheinlich vermuten Sie es schon: Der Text ist viel älter. Er ist entstanden vor ziemlich genau 70 Jahren in der Umgebung von Waiblingen und Aalen, also im Bereich der Schwäbischen Alb, eines der Kernlande Südwestdeutschlands.
Gemeint aber waren nicht etwa irgendwelche Menschen aus Syrien oder dem Irak. Nein, gemeint waren Menschen, die damals aus dem Osten kamen. 14 Millionen sind es gewesen. Aus dem deutschen Osten. Sie kamen aus Breslau und aus Königsberg. Sie kamen aus Memel, aus Danzig und Stettin, aus Pommern und Schlesien aus den Sudeten und aus Bessarabien, aus West- und aus Ostpreußen. Sie sprachen Deutsch. Sie waren evangelische oder katholische Christen. Und sie hatten alles verloren.
Der zweite Weltkrieg vorbei. Die Barbarei Deutschlands in und an der Welt offenbar. Das Land am Boden, gebunden von der schwersten Schuld, die Menschen auf sich laden können. Der Rachen der Hölle war weit geöffnet. Nun schlug die Gewalt um und sie traf vor allem die Menschen im Osten Deutschlands. Die zahlten auf deutscher Seite letztlich die Zeche für die Verbrechen davor.
Nicht genug nämlich, dass sie Heimat verloren und auf der Flucht so viele ums Leben kamen und auseinandergerissen wurden. Nein, nicht genug damit. Im Westen angekommen, begegnete ihnen neben solcher Schmähung, wie ich sie oben zitiert habe, weitaus abstoßenderes. Die Flüchtenden wurden wegen ihrer angeblich germanisch-slawischen Blutmischung als fremdrassig angesehen. Sie seien in kultureller wie in geistiger Hinsicht fremd. Manch einer wünschte sie gar in den Kasten nach Auschwitz. Ein Gesochse, das nun auch noch auf Erntehelfer und Zwangsarbeiter aus dem Osten folgte. Polacken und ein dahergelaufenes Gesindel mit ihrem rollenden R. Ein Flüchtlingspack eben.
Worte, die bekannt klingen in diesen Tagen. Worte, die verstören. Ist es egal, wie fremd wir sind? Fremd bleibt fremd und soll doch da bleiben, wo es hingehört?
Welche Frucht ist daraus erwachsen, liebe Gemeinde? Gibt es eine?
Die Schrift sagt: Der Herr des Weinbergs kommt. Frucht findet er keine.
Der Weingärtner sieht weiter in die Geschichte. Was sieht er?
Der Weingärtner sieht die Auswandererhallen in Hamburg. Zwischen den Jahren 1850 und 1934 sind aus diesen Hallen über fünf Millionen Menschen in die USA ausgewandert. Der größte Teil davon waren Deutsche. Sie flohen vor Hunger und Armut, vor politischer Repression, manche auch immer noch aus Glaubensgründen. Sie flohen einem besseren Leben entgegen. Bereits 1870 waren unter den damals 40 Millionen US-Amerikanern sechs Millionen Deutsche.
Einer von ihnen schwärmte: "Die große Fruchtbarkeit des Bodens, dessen ungeheure Ausdehnung, das milde Klima, die herrlichen Wasserverbindungen, der durchaus freie Verkehr in einem Raume von mehreren tausend Meilen, die vollkommene Sicherheit der Personen und des Eigenthumes, bei sehr geringen Staatslasten, das ist es, was man als die eigentlichen Pfeiler der glücklichen Lage der Amerikaner zu betrachten hat. In welchem andern Lande der Erde findet man dieses alles vereint?"
Und ein anderer schreibt in seiner "Aussicht in eine heitere Zukunft": "Der rechtliche, kluge und tätige Mann lebt nirgends so gut, so frei, so glücklich als in Amerika, der ärmste besser als der in Europa zwei Stufen höher stehende.“
Amerika das positive Gegenbild zum armen Kartoffelland Deutschland.
Kennen Sie das irgendwoher in diesen Tagen? Ersetzen Sie doch einmal in diesem Bericht Amerika durch Europa und Europa durch Syrien oder den Irak, durch Eritrea oder meinetwegen auch durch ein Land wie Kamerun, in dem es weitgehend friedlich ist, aber wirtschaftlich katastrophal.
Wirtschaftsflüchtlinge waren die Menschen damals. So jedenfalls werden sie heute genannt. Sie sind gegangen, weil kein Leben mehr möglich war. Die Parallelen zu heute bleiben erschreckend.
Die Überfahrt in die neue Zukunft war gefährlich. Die Menschen waren zuvor auf Pferdefuhrwerken oder zu Fuß unterwegs. Alleine, in kleinen Gruppen oder in ganzen Karawanen. Sie sind nicht über die Balkanroute gekommen, sondern quer durch Deutschland. Nach Hamburg, nach Bremerhaven oder gleich nach Le Havre oder nach Liverpool. Manchmal haben die schon in Amerika ansässigen Verwandten, die vorausgegangenen jungen starken Männer das Geld für diejenigen geschickt, die nachkommen sollten in ein besseres Leben. Frauen, Kinder, Verwandte. Sie schickten keine Euros, sondern die Fahrkarten für die großen Schiffe.
Bevor die Schiffe abfuhren, lebten und warteten die Menschen in Scheunen und auf Dachböden unter hygienisch katastrophalen Bedingungen auf eine bessere Zukunft.
Wochenlang dann die Überfahrt auf den Schiffen, zusammengepfercht, wieder den Krankheiten und nun auch den Schiffskatastrophen hilflos ausgeliefert. Die Reise dauerte zu Land und zu Wasser mithin ein halbes Jahr.
Das Ankommen in der neuen Welt war schwierig. Auch diese Einwanderer wollte mit ihren Eigenarten keiner haben.
Ein Historiker vermutet, dass letztlich deutsche Stetigkeit, Beharrlichkeit und zähe Festigkeit die amerikanische Gesellschaft so bereichert hat, dass die Integration gelang.
Welche Frucht ist daraus erwachsen, liebe Gemeinde? Gibt es eine?
Die Schrift sagt: Der Herr des Weinbergs kommt. Frucht findet er keine.
Der Weingärtner aber sieht wieder zurück. Nicht mehr so weit. Nur ein paar Jahre.
Er sieht einen Österreicher und einen Ungarn, die im Sommer 1989 die Grenze öffnen. Die Mauer fällt. Er sieht den kürzlich verstorbenen Günther Schabowski, der etwas von neuen Reiseregelungen sagt, die nach seiner Kenntnis sofort in Kraft treten. Er sieht vor Freude weinende Menschen, die sich am Grenzübergang Bornholmer Straße noch in derselben Nacht in den Armen liegen und Sekt aus der Flasche trinken. Die Mauer muss weg. Die Mauer ist weg. Europa wird eins. Das Leben wird besser. Eine neue Zukunft. Frieden und Gerechtigkeit. Wir gehören zusammen.
Keiner muss mehr fliehen. Ihr seid willkommen. Ob ihr aus Berlin oder Frankfurt an der Oder seid, aus Leipzig, aus Cottbus, aus Chemnitz, aus Erfurt oder auch aus Dresden. Es soll ein besseres Leben werden.
Endlich wird die alte Losung der Französischen Revolution Wirklichkeit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Unter uns. Die Hoffnung ist groß in diesen Tagen.
Ich war in Dresden in dieser Zeit. Habe die Frauenkirche gesehen. Diesen schwarzen Steinhaufen, der beim furchtbaren Bomben- und Feuersturm über der Stadt im Februar 1945 übrig blieb. Die Stadt in dieser Nacht des Todes war voll besetzt mit Flüchtlingen aus dem Osten. Unzählige Tote.
Übrig nur der schwarze Steinhaufen der Frauenkirche. Das Bild einer Apokalypse. Habe es gesehen als ein dunkles Symbol des Frevels, den dieses Land an den Menschen begangen hat. Heute strahlt die Kirche wie die Stadt und das Land im Glanz neuen Lichtes. „Es ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen!“, spricht der Glaube.
Nun kommt der Herr des Weinbergs ein drittes Mal, liebe Gemeinde. Welche Frucht findet er? Er sieht zarte Triebe des Bemühens und der Sorge. Eine große Hilfsbereitschaft im Land. In weiten Teilen Europas gibt es Menschen, die eine neue Zukunft für die Drangsalierten und Gepeinigten, für die Terrorisierten auf der Flucht bereiten.
Die jungen Triebe waren kräftig vor kurzer Zeit. Jetzt drohen sie, wieder zu verdorren.
Sie drohen zu verdorren, weil Angst, echte oder vorgeschobene, um sich greift und die Herzen der Menschen verhärtet. Sie drohen zu verdorren, weil die Welt immer gewalttätiger wird. Und wer, Ihr Lieben, wollte in diesen Zeiten des Schreckens, der Schmerzen und der Trauer nicht auch von der Angst wissen, die uns betrifft, die sich manchmal nur in einem kleinen mulmigen Gefühl ausdrückt. Die Zukunft des Lebens liegt in tiefer Dunkelheit.
Und nun hier, in unserer gesellschaftlichen Mitte findet der Herr des Weinbergs Frucht. Aber die ist nicht süß und nicht saftig. Die hat kein Leben. Die hat auch keine Zukunft. Da ist kein Ja. Nur ein Nein.
Die Menschen in Dresden wollen wieder Zäune und Mauern bauen. Und sie sind nicht allein.
Manche schlachten die zutiefst betrauerten Opfer des Terrors für ihre politischen Interessen und ihre Abschottungs- und Ausgrenzungsphantasien aus. Die Toten der Gewalt werden gleichsam noch einmal getötet.
Schande darüber, weil hier nicht nur versucht wird, die faulen Gedankenfrüchte dieser Gesellschaft zu ernten. Hier werden auch die alten Idealen Europas – Sie erinnern sich – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verhöhnt.
Abschottung statt Aufbau. Krieg statt Frieden. Die Angst dient der Einschränkung. Was Terroristen nicht können, das erledigen wir selbst?
Keiner, der sagt: Ja, diese Menschen kommen zu uns, weil wir gefehlt haben mit unseren Waffen, mit unserer Wirtschaftsordnung, mit unserem Reichtum, mit dem Umgang mit unserer eigenen Geschichte in Deutschland und in Europa. Keiner, der sagt: Ja, diese Menschen kommen zu uns, weil sie nach unserem Leben und unserem Glück suchen und es teilen wollen. Und das ist recht.
Keiner mehr, der der Kanzlerin öffentlich beipflichtet und in aller Ruhe sagt: Wir schaffen das. Es wird anstrengend und schwer. Es ist eine große Herausforderung. Es geht um uns und unsere Kinder. Es geht um die Menschen, die zu uns kommen. Es geht um das Leben der Freien, der Gleichen, der Geschwisterlichen. Es geht um eine neue Ordnung der Welt.
Kaum einer, der sagt: Ich traue auf die Kraft, die uns Menschen von Gott mitgegeben ist, und ich höre, wenn er spricht: „Fürchte dich nicht!“
In Europa wird wieder nahezu unbeschränkt nach den Waffen gerufen. – Das macht die Toten nicht lebendig. Wer sorgt sich um das Leben?
Liebe Gemeinde, der Herr des Weinbergs findet keine Frucht, die zum Leben führt.
„Hau ihn ab!“, spricht er zum Weingärtner. Das ist sein richtendes Wort. Sein Urteil steht.
Der Weingärtner aber ringt dem Herrn noch ein Jahr ab. Er will selbst Hand anlegen. Er will eine neue Zukunft schaffen: Leben. Frucht. Liebe.
„Ich“, sagt der Weingärtner, „ich mache alles neu!“ So spricht er. Spricht es von seinem Thron und Richterstuhl. Er füllt dieses Wort mit seinem Leben. An den Streben des Kreuzes macht er es fest. „Ich mache alles neu! Fürchte dich nicht!“
In seinem Wort stehen wir, Frucht zu bringen. Es ist ein Jahr. Dieses Jahr entscheidet über dieses Land und diesen Kontinent. Es entscheidet über Ihren und meinen Weg in die Zukunft. Dieses Jahr entscheidet über Wohl und Wehe für Millionen von Menschen. Welche Frucht bringen wir, liebe Gemeinde? Amen.
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Predigt zu Lukas 17,20-24 von Bert Hitzegrad
Liebe Gemeinde!
Mit welchen Erwartungen kommt Almira aus Aleppo nach Deutschland? Weshalb nimmt sie die strapaziöse Fluchtroute auf sich – in einem überladenden Boot, mit tausenden anderen auf der griechischen Insel Lesbos. Immer mit der Frage: „Wann geht es weiter? Und wohin?“ Dann die langen Fußmärsche über die Balkanroute. Ein Zaun an der ungarischen Grenze. Ein Fluss trennt Kroatioen von Slovenien. Die Busse an der österreichen Grenze reichen nicht für alle, die heute ankommen. Und dann endlich: Deutschland. Eine Brücke in Passau. Zelte. Notunterkünfte. Behörden, die überfordert sind. Security vor den Unterkünften, weil man Übergriffe fürchtet und weil es auch zwischen den Flüchtlingen gärt. Ist es das, was Almira aus dem zerbombten Aleppo erträumt hat? Ist es das, was die Selfies mit Frau Merkel und den Flüchtlingen in den Aufnahmelangern, die die Kanzlerin besucht hatte und die von Handy zu Handy gingen, ihr verheißen haben. Almira wollte fort aus Syrien, aus ihrem Heimatland, aus dem Krieg, dem Bombenhagel, der ständigen Gefahr durch die Heckenschützen. Sie sucht Ruhe, ein wenig Frieden, einen Platz, einen Ort, ein Land, wo sie wieder leben und hoffen kann. Sie sucht etwas von dem, was Gott verheißen hat, sein Reich. Wann wird es kommen?
Vielleicht stellt sich Almira diese Frage jetzt auf dem Feldbett im Notaufnahmelager. Vielleicht hat sie auch keine Kraft mehr zu hoffen.
Wann kommt das Reich Gottes? Wie viele Menschen vor Almira haben diese Frage gestellt. Laut oder ganz leise, schreiend oder mit Tränen in den Augen. Wann? Auch Jesus wird danach gefragt. Im Predigttext für den heutigen Sonntag gibt er eine ganz andere Antwort als diejenigen, die ihn fragten, erwartet haben. Im Lukas-Evangelium im 17. Kapitel (VV. 20-24) heißt es:
20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann;
21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen.
23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!
24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.
Und Gott segne dieses sein Wort an uns und lass es auch durch uns zu einem Segen werden.
Wann? Wann kommt das Reich Gottes?
Die, die Jesus so fragen, sind nicht Menschen am Ende ihrer Kräfte und Hoffnungen. Es sind die Theologen der Zeit, die prüfen wollen, ob der, der im Namen Gottes auftritt, auch etwas über Gottes Pläne weiß. Unzählig sind ja die Vorstellungen über das, was kommen wird. Bunt, grell und manchmal auch erschreckend sind die Bilder, die davon berichten, was sein wird. Und die Spekulationen über das genaue Datum sind so vielfältig wie die Sehnsüchte so vieler Menschen.
Die Pharisäer, die frommen Lehrer damals, werden sie gekannt haben, die vielen Hinweise der biblischen Schriften auf das Reich Gottes – wie es sein wird, wann es kommen wird. Sie werden die paradiesischen Beschreibungen kennen, wie sie im Jesaja-Buch zu finden sind. Visionen von Wölfen, die friedlich bei den Lämmern liegen und von Kindern, die keine Angst mehr vor Schlangen haben müssen. Es sind Hoffnungen von einem Frieden, den die ganze Welt spürt, so als säße man am Abend in seiner Laube. Die Zeit der Kriege ist vorbei. In Jerusalem, in Bagdad oder sonstwo auf der Welt. Die Waffen werden zerbrochen, ja sogar umgeschmiedet in Pflugscharen, die dem Leben dienen, der Versorgung der Menschen und nicht dem Tod. Die Soldatenstiefel, die über Leichen hinweggingen, werden abgestreift, die Maschinerie des Krieges hat ein Ende … Das sind Hoffnungen und Träume, die über die Jahrhunderte hindurch ihren Nachhall gefunden haben. Je bedrohlicher die Bombennächte, deshalb lauter der Ruf: Wann? Wann kommt dieses Reich?
Doch die Frommen der Zeit, die Jesus auf den Prüfstand stellen, werden auch die andere Seite der Allmacht Gottes kennen. Die Endzeitbilder voller Rache und Vergeltung für das, was dem Gottes Volk angetan wurde. Die Gedemütigten erfahren Gerechtigkeit, die Unterdrückten Befreiung. Es ist die Vision, dass Gott seine Weltordnung wieder herstellt, dass sein Recht und seine Gerechtigkeit herrschen und er die Spreu vom Weizen trennt und deutlich zwischen Gut und Böse unterscheidet.
Wann – endlich – kommt dieses Reich Gottes? Das ist der Ruf derer, die am Ende ihrer Kräfte sind. Das ist auch der Ruf derer, die Hadern mit der Liebe Gottes, seinem Segen. Der Gott, der die Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse? Wann ist es damit endlich vorbei?
Jesus beteiligt sich nicht an den Spekulationen. Er reiht sich nicht ein in die Gruppe der großen Seher und Visionäre, die ein Schreckensszenario á la Aleppo oder Kundus beschreiben, um auf das Kommende zu vertrösten. Er nennt kein Datum. Und doch nennt er die Zeit. Er beschreibt nicht den Ort, aber sagt doch, wo dieses Reich ist: Es ist mitten unter euch!
Ob diejenigen, die ihn gefragt haben, damit zufrieden waren? Ob sie das gesehen haben, was die Visionäre ihnen vor Augen geführt haben – den Frieden zwischen Wolf und Lamm. Die Gerechtigkeit für die, die immer im Schatten des Lebens stehen? Oder gibt Jesus mehr Rätsel auf, als dass er Antworten gibt? Deutlich ist, dass sich an ihm die Geister scheiden. Enttäuschung bei den einen, ein neues Lebens bei den anderen. Das „Kreuziget ihn“ bei der Masse, das „Herr, sprich nur ein Wort so wird meine Seele gesund!“ bei den Geplagten. Enttäuschung und Hoffnung – so nah bei einander.
Denn Jesus löst die Frage, die ihm gestellt wird, nicht in einfachen Antworten auf. Er hat kein Interesse am Spekulieren und Vertrösten, sondern holt die Zukunft in die Gegenwart. Den Himmel auf die Erde. Und er selbst ist sozusagen Gottes deutlichstes Zeichen dafür, dass das Reich Gottes begonnen hat. Hier und heute, mitten unter uns. Denn es zeigt sich jetzt, es geschieht hier.
Und man muss keine theologischen Höhenflüge anstellen, keine visionären Spekulationen vertrauen, um dieses Reich zu entdecken. Es reicht schon, das Vertrauen eines Kindes. Kinder leben unbeschwert, sie fragen nicht nach dem, was kommen wird. Kinder sind ganz bei sich und bei dem, was sie gerade beschäftigt – ein Spielzeug, eine Blume, ein Tier. Sie leben in der Geborgenheit und Fürsorge. Sie wissen, dass sie geliebt, geachtet, geschätzt werden. Deshalb: Nehmt das Reich Gottes an wie ein Kind – hier und jetzt, es ist längst da. Schaut nicht in die Ferne. Lasst euch nicht vertrösten, sondern lasst euch anstecken von diesem ganz alltäglichen Wunder der Nähe Gottes
„Mit dem Reich Gottes ist es wie …“ sagt Jesus, und wenn er dieses Reich beschreibt, dann sind es Gleichnisse aus dem alltäglichen Leben, Erfahrungen, die jeder macht: Der Blick auf ein Feld und die aufkeimende Saat. Ein kleines Korn, ein Senfkorn, aus dem eine riesige Staude entsteht. Ein Sauerteig, der wächst und der der Grundstock für ein köstliches Brot ist. Brot zum Leben. Denn immer, wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, dann spricht er vom Leben, das nicht irgendwann kommt oder irgendwann anfängt, sondern das bereits da ist – dort, wo im Vertrauen auf Gottes Liebe und seine Nähe das Leben gefüllt und gestaltet wird.
Jesus hat dieses Leben Menschen geschenkt und sie damit in sein Reich geholt. Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen und die von ihm hörten: „Fürchte dich nicht!“. Menschen, die schuldig geworden waren und die erleben durften: „Dein Leben ist Gott nicht egal – Dir sind Deine Sünden vergeben“. Und sie spürten, wie das Reich Gottes bei ihnen begann. Menschen, die enttäuscht waren, ohne Hoffnung, die das Reich Gottes zerfallen sahen, weil er, ihr Messias gekreuzigt wurde. Und dann sagte er, der vom Tod zum Leben zurückkehrte, er, der das Leben will und das Leben schenkt: „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!“
Mit ihm hat Gott deutliche Zeichen seines Reiches mitten unter uns gesetzt. Mitten unter uns und mit uns soll das Reich Gottes wachsen – wie die aufgehende Saat, wie ein kleines Samenkorn, das Blüten und Wachstum schenkt.
Auch Almira aus Aleppo in Syrien soll davon etwas spüren. Vielleicht muss sie mit vielen Enttäuschungen leben. Vielleicht hat sie noch viele Hoffnungen. Vor allem die Hoffnung auf Frieden für ihr Heimatland, für die Menschen, die dort geblieben sind, aber auch für sich selbst, weil sie zurück will, das Land wieder neu aufbauen, aus den Ruinen wieder Häuser bauen, in dem Schutt Gärten entstehen lassen, damit Menschen dort wieder in Frieden leben können. Das ist ihre Hoffnung.
Und sie spürt, dass ihre Hoffnung einen Grund hat, sie erlebt, dass es kleine Zeichen und Geesten eines Neuanfangs gibt. Auf dem Münchner Bahnhof die Schilder mit den Worten „Refugees welcome“. Im Notaufnahmelager eine Frau, die ihr nicht nur eine warme Suppe reichte, sondern sich auch einen Moment zu ihr setzte, den Arm auf die Schulter gelegt. Sie haben kein Wort gesagt, hätten sich auch nicht verstanden, Almira aus Aleppo und die Frau aus dem kleinen niedersächsischen Ort, wo nun eine Turnhalle zu einem Schlafsaal für hunderte Menschen wurde. Sie wollte einfach helfen. Und sie hat es getan. Vielleicht mehr als sie es ahnte – mit der warmen Suppe und dem Mantel aus der Kleiderkammer. Sie hat ganz andere Wärme geschenkt. Sie hat Mut gemacht, zum Leben – auch in der Fremde. Und sie hat Hoffnung gemacht, dass der Frieden doch eine Chance hat.
Da blitzte es auf, das Reich Gottes. Für einen Moment, ganz oft in diesen Zeiten. Mitten unter uns. Hier und Jetzt. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben. Amen.
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Die Zukunft bringt nur Gutes - Predigt zu Lukas 17,20-24 von Søren Schwesig
Die Zukunft bringt nur Gutes
Liebe Gemeinde,
was bringt uns wohl die Zukunft? So fragen wir manchmal. Und so verschieden wir sind, so verschieden fragen wir nach der Zukunft. Wird mein Wunsch nach Liebe in Erfüllung gehen? Wird meine Partnerschaft, meine Ehe halten? Werde ich den Anforderungen in meinem Beruf gewachsen bleiben? Werden meine Kinder gesund heranwachsen? Wird mein Sohn eine Ausbildungsstelle bekommen? So oder so ähnlich fragen wir nach der Zukunft, die uns bevorsteht.
Nun hat der heutige Sonntag vom Datum her statt mit In-die-Zukunft-schauen mit Zurückschauen zu tun. Denn am morgigen Tag geht es um das Erinnern. Das Erinnern an besondere Tage der deutschen Geschichte:
· 09. Nov 1918: Philipp Scheidemann ruft die Weimarer Republik aus.
· 09. Nov 1923: Hitlers erster Versuch, die Macht in Deutschland zu ergreifen, scheitert.
· 09. Nov 1938: Reichspogromnacht – im ganzen Reich werden Synagogen geplündert und angezündet.
· 09. Nov 1989: Fall der Mauer – Symbol der Teilung beider deutscher Staaten.
Am 09. November erinnern sich Menschen an Reiche, die Menschen ausgerufen oder zu Fall gebracht haben.
Auch unsere Predigtgeschichte handelt von einem Reich, aber keinem Tausendjährigen oder Deutschen Reich. Die Pharisäer fragen Jesus nach dem Gottesreich: „Wann kommt es, das Reich Gottes?“ Ich lese Verse ...
20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. 22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. 25 Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden.
Welchen Stellenwert hat in ihrem Glauben das Reich Gottes? Ich glaube das Hoffen auf das Reich Gottes ist uns irgendwie abhanden gekommen. Das Warten auf das Reich Gottes ist bei uns in den Hintergrund geraten. Oder trifft das nur auf uns Christen in der sogenannten Ersten Welt zu?
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Pfarrer aus Tansania, der in den 80-er Jahren meine Heimatgemeinde besuchte. Als er, der afrikanische Pfarrer und ich, damals ein Theologiestudent, miteinander über unseren Glauben redeten, fragte er mich auf den Kopf zu: „Bruder, lebst du in der Hoffnung auf das Reich Gottes?“ Ich war von dieser Frage überrumpelt und musste sagen: Das Reich Gottes spielt in meinem Glauben keine große Rolle!“ Ganz anders mein afrikanischer Gesprächspartner. Für ihn war das Hoffen und Warten auf das Anbrechen des Reiches Gottes ganz zentral.
Seitdem habe ich mich immer wieder gefragt, warum wir uns so unterschieden. Liegt mein Nichthoffen auf das Reich Gottes daran, dass ich als Europäer in einem gesicherten Wohlstand lebe und deshalb mit der Gegenwart eigentlich ganz zufrieden bin? Und wartet der afrikanische Pfarrer deshalb auf das Reich Gottes, weil er in ärmlichen Verhältnissen lebt und deshalb große Hoffnung setzt in eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse? Vielleicht. Aber was ich heute weiß, ist, dass der Afrikaner der Botschaft Jesu viel näher war als ich. Denn Jesu Botschaft lautete in einen Satz gefasst: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Darum ändert euer Leben und glaubt an das Evangelium.“
Die Hörer Jesu kannten und teilten mit ihm die Hoffnung, dass Gottes Reich bald anbricht. Die Hoffnung, dass diese Welt, die so voll ist von Unrecht und Unterdrückung, von Hass und Neid, von Elend und Leid – dass diese Welt nicht Gottes letztes Wort ist, sondern dass Gott dieser Welt ein Ende setzen und sein Reich aufrichten wird. Ein Reich, in dem Menschen einander kein Leid mehr beifügen, weil sie in Eintracht leben und sich von Gottes Geboten leiten lassen. Eine Welt, in der man keinen Hass mehr kennt und kein Unrecht.
Eine Welt frei von Unrecht und Unterdrückung. Sagen Sie selbst. Klingt das nicht paradiesisch? Klingt das nicht zu schön, um wahr zu sein?
So denken auch heute viele Menschen, die bezweifeln, dass dieses Reich, das Jesus versprochen hat, kommen wird. Stattdessen glauben sie, es gäbe nur die Realität, in der sie leben. Eine Realität, in der sie immer wieder die Erfahrung von Zerstörung machen.
· Das mag die Erfahrung einer Liebe sein, die zerbrochen ist.
· Das mag die Erfahrung einer Freundschaft sein, die verraten wurde.
· In Syrien machten und machen Menschen die Erfahrung mit der ungeheuren Todesmacht von Bomben, gebaut von Menschenhand, um Menschenleben auszulöschen.
Erfahrungen von Zerstörungen, die dem Leben zugefügt werden. Und Zerstörungen haben immer eine große Überzeugungskraft. Zerstörungen machen mutlos, so dass wir sagen: „So ist halt unsere Welt, da kann man nichts machen!“ Zerstörungen lassen uns glauben, dass es für diese Welt keine Zukunft gibt, auf die man hoffen kann. Dass man sich in dieser Welt höchstens ducken kann, damit einen das Unglück nicht mit voller Wucht trifft.
„Seid nicht mutlos!“, sagt Jesus. „Ja, diese Welt ist voll von Zerstörungen. Aber diese Welt ist nicht Gottes letztes Wort. Gott wird dieser Welt mit ihren Zerstörungen ein Ende setzen und sein Reich aufrichten. Und dieses Reich ist schon unterwegs zu euch. Ja, es ist schon mitten unter euch!“ So Jesu Botschaft.
Die Hörer fragten Jesus darauf: „Dann sag uns: Wie geht es zu in diesem Reich? Wer wird zu diesem Reich gehören? Was muss ich tun, damit ich auch zu diesem Reich gehöre?“ Und Jesus antwortete ihnen mit Gleichnisgeschichten:
· Wie dem Gleichnis von dem Sohn, der ins Elend gerät und heimkehren möchte, aber sein Recht auf Heimkehr eigentlich verwirkt hat. Aber als der Vater seinen Sohn heimkehren sieht, fragt er nicht nach Recht auf Heimkehr, sondern nimmt ihn in Ehren auf und feiert ein Freudenfest, denn – so spricht er – `Dieser mein Sohn war verloren und ist gefunden worden!´ Und Jesu Hörer begreifen: So wird es sein im Reich Gottes – jeder von uns darf zu Gott kommen, ganz gleich was er getan hat, weil Gottes Liebe jedem von uns gilt!
· Oder das Gleichnis von den Tagelöhnern, die verschieden lang im Weinberg arbeiten. Aber am Abend bekommt jeder den gleichen Lohn, weil der Weinbergbesitzer will, dass jeder bekommt, was er zum Leben braucht. Und die Hörer Jesu begreifen: So wird es sein im Reich Gottes – jeder von uns wird genug haben, was er zum Leben braucht!
· Oder das Gleichnis von dem Hirten, der sich nicht zufrieden gibt mit der großen Zahl seiner Schafe, sondern der, als eins verloren geht, diesem nachgeht, es findet und heim trägt. Und Jesu Hörer begreifen: So wird es sein im Reich Gottes - Gott wird sich nach jedem von uns auf die Suche machen, so lieb sind wir ihm und teuer!
„Aber sag uns“, fragen die Pharisäer: „Wann kommt das Reich Gottes?“ Jesus antwortet ihnen: „Es kommt nicht so, dass man es beobachten oder sagen kann: `Hier ist es!´ oder `Dort ist es!´“ – und widerspricht damit allen Menschen, die glauben, in Ereignissen der Geschichte erkennen zu können, dass diese Welt zu Ende geht und das Reich Gottes anbricht.
· Wie der Verfasser des Buches der Offenbarung meinte, die damals stattfindenden Christenverfolgungen seien ein untrügliches Zeichen, dass das Ende der Welt nahe ist. Aber die Welt ging weiter.
· Als im Mittelalter die Pest 1/3 der Bevölkerung Europas hinwegraffte, sahen Menschen darin ein untrügliches Zeichen, dass das Ende der Welt nahe ist. Aber die Welt ging weiter.
· Oder ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Deutschen in Israel im Sommer des ersten Golfkrieges, als Saddam Hussein in Kuwait einmarschiert war und die Welt befürchtete, ein mit Massenvernichtungswaffen geführter Krieg würde im Nahen Osten ausbrechen. Das Fazit dieser Deutschen lautete: „Alles, was jetzt geschieht, ist ja in der Bibel vorausgesagt: Am Ende der Tage wird in Israel eine große Schlacht ansetzen!“
Wir können nicht in Ereignissen der Geschichte erkennen, ob diese Welt zu Ende geht und das Reich Gottes anbricht – weil Jesus sagt: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten oder sagen kann: `Hier ist es!´ oder `Dort ist es!´“
Wahrscheinlich werden die Pharisäer damals nachgehakt haben: „Aber dann sag uns: Wann kommt das Reich Gottes?“ Und wahrscheinlich werden die Pharisäer auf Jesu Entgegnung „Es ist schon mitten unter euch!“ geantwortet haben: „Mitten unter uns? Schau dir doch diese Welt an. Sie ist unerlöst. Überall begegnet Unrecht und Hass und Leid. All das soll es doch im Reich Gottes nicht mehr geben. Wie kannst du da sagen: `Das Reich Gottes ist mitten unter euch´?“
Die Pharisäer damals begreifen nicht, dass das Reich Gottes zwar noch nicht da ist, aber dass es unterwegs ist, dass es im Anbrechen ist.
In Jesu Person bricht es an. In Jesu Tun kann ich es schon erleben. In dem, was Jesus tut und sagt, kann ich das Reich Gottes schon erfahren.
· Wenn Jesus Menschen heilte, dann damit ich erkenne: So wird es im Reich Gottes sein – es wird keine Krankheit mehr geben.
· Wenn Jesus Menschen satt machte, dann damit ich erkenne: So wird es sein – Menschen werden keinen Hunger mehr leiden.
· Wenn Gott ihn später vom Tod auferweckte, dann damit ich erkenne: So wird es im Reich Gottes sein – der Tod wird keine Macht mehr über mich haben. Ich werde leben.
„Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“ heißt also: Es ist zwar noch nicht da, aber ist unterwegs. In Jesu Person bricht es an. Und Du kannst kann in deinem Leben immer wieder Spuren dieses Reiches entdecken, wenn du nur Augen und Ohren offen hältst und diese Spuren auch wirklich wahrnimmst:
· Wenn Menschen es schaffen, die bitteren Worte, die gefallen sind, und die Wunden, die ihnen zugefügt wurden, beiseite zu schieben und wieder zueinander finden, dann sind das Spuren des Reiches Gottes und du kannst: So wird es sein!
· Wenn Fremde in dem Augenblick, da sie Brot und Wein teilen, begreifen: „Wir gehören zusammen als Bruder und Schwester!“, sind das Spuren des Reiches Gottes und du kannst sagen: So wird es sein!
· Wenn ein Mensch, dem die Ärzte keine Hoffnung mehr gaben, gesundet, sind das Spuren des Reiches Gottes. So wird es sein!
· Aber genauso: Wenn ein Mensch nicht geheilt wird von seiner Krankheit, aber seinem Sterben entgegengehen kann mit dem Wissen: Ich bin gehalten! Ich bin getragen! - Spuren des Reiches Gottes! So wird es sein!
· Wenn ich immer wieder aufs Neue erlebe, dass mir die Kraft geschenkt wird, meinen Alltag zu bestehen, dann sind das Spuren Gottes! So wird es sein!
Das Reich Gottes ist unterwegs und du kannst jetzt schon in deinem Leben Spuren davon wahrnehmen, wenn du nur Augen und Ohren offen hältst für diese Spuren.
Darum - wenn du gefragt wirst: Was bringt uns wohl die Zukunft?, kannst du darauf antworten: Die Zukunft bringt mir nur Gutes. Denn sie bringt mich Gottes Reich näher.
Amen.
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Der freundlich flüchtige Invasor - oder - Getwitterkinder am Ladelimit - Predigt zu Lukas 17,20-24(25-30) von Markus Kreis
Der freundlich flüchtige Invasor - oder - Getwitterkinder am Ladelimit
Der freundlich flüchtige Invasor – oder – Getwitterkinder am Ladelimit. So möchte ich meine Predigt betiteln, liebe Gemeinde. Ja, Gott ist ein freundlicher Invasor. „Halt! Stopp!“, werden einige sagen: Gott ein Invasor? Ein eindringender Eroberer? Einer, der sich ausbreitet, ohne sich um unsere Grenzen zu scheren? Gar eine Art Besatzungsmacht? Das klingt befremdlich und nicht freundlich.
Die Bibel berichtet, dass Gott mit seinem Denken und Machen alles gottlose und widergöttliche Denken und Machen aus einem Menschen vertreiben kann. Es gibt zweierlei Besessenheit, es gibt dämonische und göttliche Besatzung, gottlose fixe Ideen und Gott Vertrauen, für jedwede Sünde blind bei jeglichen Unternehmungen.
Unser menschliches Leben zeigt sich, öfter als uns lieb und bewusst ist, von gottlosen fixen Ideen beherrscht. Da kann uns die gute Besatzungsmacht Gottes nur anfeinden. Wie gut, dass Gott als Invasor sich mit uns angefreundet hat.
Denn Gott weiß um unsere Grenzen. Er kennt die Angst, dass eine Grenzüberschreitung uns verletzt, die Angst, dass wir dabei Kontrolle über unser Leben verlieren. Und er kennt unsere damit verbundene Wunschphantasie nach Grenzkontrolle, unüberwindbaren Zäunen, Todesstreifen, die schon einmal zur grausamen Realität wurden.
Mehr noch: Unsere Verlustangst macht nicht davor halt, die für uns unüberwindbare Grenze kontrollieren zu wollen, die Grenze der Lebenszeit, den Tod. Spätestens hier werden all diese Versuche scheitern, werden wir dem Kontrollverlust ausgeliefert sein.
Wie gut, dass Gott uns die vergeblichen Kontrollversuche in Jesu Kreuz abgenommen hat. Er hütet jegliche Grenze, auch den Tod. Und das kann angesichts von Jesu Auferstehung nur eines heißen. Wenn Gott die Grenze durchlässig macht, dann einzig um den Lebensspielraum seiner geliebten Geschöpfe, der Menschen, zu erweitern. Denn Grenzkontrolle, das heißt nicht nur abschotten und mauern. Sondern ebenso Grenzverschiebung nach außen, also Ausbau des eigenen Einfluss- und Machtbereichs.
Ein Beispiel: Es gibt Leute, die an der sogenannten Flugangst gelitten haben, die also nicht mit dem Flieger auf Reise gehen konnten, die man nur mit roher Gewalt in die Maschine hätte zwingen können. Und die haben gelernt, meist mit fremder Hilfe, diese Angst in den Griff zu kriegen, diese Grenze zu überwinden. Also begeben sie sich in den Flieger und vertrauen sich dem Geschehen an; auch wenn ein Bauchgrummeln dabei bleibt. Sie überwinden dabei nicht nur neue Ländergrenzen sondern auch innere seelische Limits. Sie können den begrenzten Kontrollverlust akzeptieren, also die Kontrolle an Leitsystem und Piloten übergeben.
Um neues Leben zu gewinnen, gibt auch ein jeder Partner eines Paares lieb gewonnene Grenzen auf, körperliche und geistige, manchmal bewusst, manchmal unbemerkt. Was körperliche Grenzverletzung und Grenzverschiebung bedeutet, das muss man heute keinem mehr erklären.
Vielleicht aber geistig, seelische Grenzüberschreitung im Zusammenleben. So zum Beispiel. Die Kritik des einen wird nicht als Angriff interpretiert, sondern als Aufklärung und Hilfe durch den anderen. Vergebende Worte werden nicht als Zeichen von Schwäche ausgelegt, sondern als aus einem unerklärlichen Kraftreservoir geschöpft. Des einen Bitte um Vergebung wird nicht genutzt, um alte Vorwürfe erneuern, sondern vom Adressat als echte Reue erachtet. Allesamt Grenzüberschreitungen und -verschiebungen, die neues Leben ermöglichen, Vertrautheit und Vertrauen vergrößern.
Halt! „Stopp!“, werden andere einwerfen. Freundlicher Invasor, ja, von mir aus, meinetwegen. Aber Invasor und flüchtig? Was ist denn jetzt gemeint? Ist Gott nun dieses oder jenes? Beides zusammen geht schlecht. Invasoren jagen Menschen in die Flucht, fliehen aber selber nicht. Und Flüchtige machen sich aus dem Staub, machen die Biege, verlassen ein Gebiet und nehmen es nicht in Besitz.
Gott ist beides. Dieser Widerspruch ist ihm und seinem Tun nicht abträglich. Er kann zugleich flüchtig und Invasor sein. Als Gläubige haben wir es genau besehen oft mit Widersprüchen zu tun. In Jesu Worten unseres Bibeltextes steckt zum Beispiel einer. Vielleicht ist es ihnen aufgefallen.
Einerseits verbietet Jesus es, den kommenden Menschensohn leibhaftig mit irgendwelchen weltlichen Objekten oder Ereignissen gleich zu setzen. Andererseits zieht er kurzerhand den Blitzschlag heran, um die Vergegenwärtigung des Menschensohns zu versinnbildlichen. Ja, gibt es nun doch ein weltliches Anzeichen? Oder muss jedwedes Anzeichen auf den Index? Ein Schluss daraus bleibt uns im Heiligen Geist überlassen.
Gott als flüchtig freundlicher Eroberer, dieser Widerspruch lässt sich auflösen. Als die Wehrmacht vor 75 Jahren die Sowjetunion attackierte, erschienen die Deutschen mancherlei dort Ansässigen als flüchtig freundliche Eroberer. So schnell kamen sie heran. Nahmen nur kurz oder gar nicht vom dargebotenen Brot und Salz. Rauschten vorbei und rückten schnell weiter vor. Denn lieber noch nahmen sie mehr Gebiete in Besitz als das angebotene Willkommen.
Im folgenden Rückzug waren sie auch flüchtig - allerdings ohne noch Eroberer geschweige denn willkommen zu sein. Sondern flüchtige Menschen, die den Krieg und zuweilen jede Menschlichkeit verloren hatten. In diesem Sinne ist Gott natürlich kein flüchtiger Invasor. Gott hat in Jesus am Kreuz seine volle Menschenfreundlichkeit gerade gewonnen. Hat er doch dort Leid und Tod auf sich genommen und im Gegensatz zu uns überwunden und besiegt.
Halten wir es wie das Lukasevangelium. Ziehen wir ein Beispiel aus der Physik heran, um Gottes flüchtiges Wirken zu schildern. Es ist aber kein Beispiel aus der Wetterkunde, sondern aus der Teilchenphysik. Keine Sorge, völlig unkompliziert. Gottes flüchtiges Wesen ist vergleichbar mit dem Auftauchen und Verschwinden von atomaren Teilchen.
Vielleicht erinnern sie sich noch an das Higgs Boson. Um es zu erhaschen, brauchte und baute man in Genf unterirdische Beschleuniger und Messapparaturen. Zwar wies der Detektor am CERN erfolgreich das Higgs Boson nach.
Doch die Teilchen und ihr Wirken liegen deshalb noch lange nicht unserer Hand. Sie entziehen sich uns, stehen außerhalb unserer Verfügbarkeit. Wir bieten letztlich nur die äußeren Bedingungen zu ihrem Erscheinen. Und auch unser aktiver Anteil an diesem Bieten, all unser Aufbieten, ist uns von Gott geschenkt. Nicht anders als das, was uns dabei widerfährt.
Wie das Higgs Boson versenkt Gott sich ins Nichts. Er schaltet sich sozusagen weg, fährt sich runter. Und schaltet sich wieder zu, fährt sich hoch. Nicht wie ein willkürlicher Gott, sondern ganz gemäß seiner Liebe und Freundlichkeit für die Menschen. Gott schaltet sich in freundlicher Menschenliebe ein, ohne dass ein Mensch ihn dabei ausschalten kann. Darin liegt seine flüchtige und unwiderstehliche Macht. So zeigt sich seine Qualität als der nur nachträglich zu fassende freundliche Invasor.
Unser Lukastext formuliert eine weitere Ansage: Es wird Tage geben, da werden wir wünschen, dass Gott sich uns zeigen möge. Vielleicht haben sie schon die Erfahrung gemacht, liebe Gemeinde: Es lässt sich auch leben, wenn sich Gott in unserem Leben als versunken oder abgeschaltet erweist. Wenn es läuft, dann läuft es, es ist wie es ist, eins kommt zum anderen. Alles geht fraglos seinen Gang. Das mag so sein. Aber: Es wird Tage geben, da werden wir wünschen, dass Gott sich zuschalte, dass er sich uns Kontrollverlustkontrolleur zeige.
Warum wir das begehren, darüber verliert das Lukasevangelium an dieser Stelle kein Wort. Es wird kein Grund genannt, warum wir Gottes Gegenwart gewahr werden wollen. Werden wir in Bedrängnis geraten? Läuft es nicht mehr? Kommt keines mehr zum anderen? Stellen sich einem vormals verdrängte, unabweisbare Fragen und Entscheidungen? Stellt sich das Versinken Gottes in unserem Leben nunmehr als Problem dar? Wünschen wir, dass Gott sich zuschaltet, mitten in unser Leben hinein?
Oder geht es gar nicht um uns dabei? Wünschen wir uns Gottes Gegenwart, weil es für andere nicht gut läuft? Weil bei Ihnen nur ein Problem zum anderen kommt. Stehen sie vor unabweisbaren Fragen und Entscheidungen? Stellt sich das Versinken Gottes in deren Leben nunmehr als Problem dar? Wollen wir, dass Gott sich wieder hoch lädt, mitten in deren Leben hinein? Wünschen wir, dass Gott sich diesen anderen erweisen möge in Liebe und Menschenfreundlichkeit?
Wie dem auch sei, ob für unser Leben oder für andere: Der flüchtige Gott gerät plötzlich in eines Menschen Herz, Hirn und Leib. Sowie ein Blitz das Dunkel schwerer Wolken, oder das Dunkel der Nacht erhellt, so erleuchtet Gott des Menschen dunkles Herz oder getrübtes Gehirn, seine ausgeblendete Einsicht oder sein diffuses Wissen. Und so wie ein Blitz eine ungeheure Menge an Energie in die Erde entlädt, so überträgt Gott sich in Hirn, Herz und Leib, in das Wollen, Wissen und Handeln eines Menschen.
Der flüchtige Gott beherrscht derart den ganzen Menschen. Jedoch nie nur den ganzen Menschen für sich allein, sondern immer zusammen mit anderen Menschen. Und so verschmelzen Hirne, Herzen und Körper im göttlichen Blitz zu einem Leib und einer Seele. Sie verfließen zu einem Tun und einem Lassen, zu einem Handeln und Widerfahren, zu einem Reden, Hören und Entgegnen, das zusammen passt, das sich untereinander ergänzt.
Gott als Blitz verdonnert uns mit seinem Wort, ohne dass wir zwangsläufig taub oder erschrocken werden. Vom Propheten Elia ist das zu lernen. Gott kann sich auf mehrfache Weise mitteilen, unter anderen auch leise, sehr, sehr, leise. Oder durch ein nur kleines unbedeutendes Naturereignis wie z.B. einen Vogel. Also durch Flattern, Zwitschern, Flüstern.
Gott twittert uns unvermutet sein lebendig machendes Wort ins Gemüt, auf dass wir ihm und seinem Wort folgen. Gott teilt sich uns häufig beiläufig mit. Je beiläufiger, desto häufiger unbemerkt. So wie uns viele entscheidende Informationen heute eher unterschwellig und indirekt beigebogen werden – und umso wirksamer. Als flüchtiger Invasor macht er uns als Einzelne und in Gemeinschaft leiselaut aufmerksam auf seine Wahrheit.
Gott ist der Twitterer, will sagen, der eine Twitterer, der selber und wahrhaft kein Follower ist. Der keinem folgt, außer sich selbst in seiner Menschenfreundlichkeit. Daran teilen wir mit ihm als seine Getwitterkinder. In der Heiligen Schrift wird dies aufgezeigt.
Das Alte Testament kennt den Propheten Elia nicht nur als Windflüsterer. Denken sie an das Gipfeltreffen mit den brandopferwilligen Baalspriestern. Da zeigt sich Elia als echtes Gewitterkind mit Blitz und Donnerkeil. Und das Neue Testament kennt die Donnersöhne Jakobus und Johannes, zwei der Jünger Jesu, deren Rede- und Überzeugungsaktivität besonders nachhallend gewesen sein soll.
Der Menschen Geistesblitz entspringt dem Wort Gottes in der Heiligen Schrift. Es lässt Gott in uns Menschen auftauchen. Als wahre Follower sind wir von Gottes Licht und Energie durchdrungen. In verborgener Nachhaltigkeit donnern oder twittern wir - je nach dem, was grad nötig ist angesichts des Gehörs unserer Mitmenschen.
Und wie die allermeisten Twitterer wissen wir gar nicht, wer unsere wahren Follower und damit Gottes Nachfolger sind. Damit müssen wir leben. Damit dürfen wir leben. Und damit können wir leben. Denn der freundliche Donnerwettergott kennt unsere Grenzen und scheut sich nicht, sich auf sie einzulassen.
Und so gelingt es ihm immer wieder, sich gegen alles menschliche Kontrollgebaren in eines jeden Hirn, Herz und Leib zu schalten und zu twittern. Dank unserer Nachfolge leuchtet bei Mitmenschen dieser eine Blitz auf. Dieser Informations- und Energievorschub, der gottlos Widergöttliches in Schall und Rauch aufgehen. Und neues Leben in jede kleinste Ader strömen lässt - auch wenn sie aus Glasfaser oder Kupfer ist. Amen
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Sorge und Fürsorge - Predigt zu Lukas 12,15-21 von Frank Fuchs
Sorge und Fürsorge
Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.
Liebe Gemeinde,
der Philosoph Martin Heidegger hat sich ganz besonders mit der Sorge befasst. Sie zeichnet aus, dass sie wesentliche Züge unseres menschlichen Daseins erschließt. Sie ist eine Grundbefindlichkeit unseres Lebens und lässt sich näher beschreiben. Dies hilft ihm der Frage näherzukommen, was das menschliche Leben im Grunde ausmacht. Dazu zieht er eine Fabel heran, die aus der Antike stammt.
„Als einst die Sorge über einen Fluss ging, sah sie tonhaltiges Erdreich: sinnend nahm sie davon ein Stück und begann es zu formen. Während sie darüber nachdenkt, was sie geschaffen, tritt Jupiter hinzu. Ihn bittet die Sorge, dass er dem geformten Stück Ton Geist verleihe. Das gewährt ihr Jupiter gern. Als sie aber ihrem Gebilde nun ihren Namen beilegen wollte, verbot das Jupiter und verlangte, dass ihm sein Name gegeben werden müsse. Während über den Namen die Sorge und Jupiter stritten, erhob sich auch die Erde (Tellus) und begehrte, dass dem Gebilde ihr Name beigelegt werde, da sie ja doch ihm ein Stück ihres Leibes dargeboten habe. Die Streitenden nahmen Saturn zum Richter. Und ihnen erteilte Saturn folgende … gerechte Entscheidung: ʼDu, Jupiter, weil du den Geist gegeben hast, sollst bei seinem Tode den Geist, du, Erde, weil du den Körper geschenkt hast, sollst den Körper empfangen. Weil aber die Sorge dieses Wesen zuerst gebildet, so möge, solange es lebt, die Sorge es besitzen. Weil aber über den Namen Streit besteht, so möge es homo heißen, da es aus humus (Erde) gemacht ist. ʽ“
Die Fabel erzählt so, wie es zum Namen des Menschen kam. Auch wenn der Mensch nicht Sorge heißen darf, so ist er doch von der Sorge zum Leben bestimmt. Die Fabel ist für Heidegger ein Beleg dafür, dass das menschliche Leben zeitlebens der Sorge gehört. Solange er in der Welt ist, ist sein Leben durch Sorge geprägt.
Von Sorge bestimmt ist auch das Leben des reichen Mannes in der Beispielerzählung von Jesus. Er besitzt viele Felder und die Ernte fiel in diesem Jahr besonders gut aus. Die bestehenden Scheunen reichen nicht aus, um die Ernte aufzunehmen. Seine Sorge ist wohl, dass ein Teil der Ernte einfach vernichtet werden müsste. Da entscheidet er sich, in neue Lagerstätten zu investieren. Er will die alten abreißen und neue errichten lassen. Vermutlich sorgt er sich um die Zukunft. Denn niemand kann sehen, was noch kommen wird. Weil die Zukunft ungewiss ist, möchte er ausgesorgt haben. Er folgt der Logik der Sorge ums Dasein, wenn er die Ernte für die Zukunft sichern möchte. Damals in Ägypten war es auch so, dass die 7 mageren Jahre nur überstanden werden konnten, weil in den 7 fetten Jahren gesammelt worden war. Es entspricht eben der menschlichen Vernunft, auf die Zukunft zu achten und mit weniger guten Jahren zu rechnen. Es gilt auch heute noch als richtig, dass ein Staat, dem es wirtschaftlich gut geht und dessen Einnahmen sprudeln, bereits für schlechtere Zeiten vorsorgt. Was für Staaten gilt, ist auch für den einzelnen sinnvoll. Genauso sollen heute auch diejenigen, die im Arbeitsleben sind, für den Ruhestand vorsorgen, usw. Es ist also vernünftig, so zu handeln.
Was ist dann nur an dem Verhalten des reichen Mannes auszusetzen? Im Prinzip nichts. Nur das Motiv hinter seinem Handeln ist zu kritisieren. Es geht ihm immer nur um die eigene Daseinsvorsorge. Entsprechend sagt er: „Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens!“ Es geht ihm nur um sein Glück. In seinen Gedanken kreist er nur um sich selbst. Es geht ihm nur um die eigene Fürsorge. Niemals geht es ihm um die Fürsorge für andere.
Von Fürsorge ist in diesen Tagen die Rede, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht. In dieser Woche wurde in unserer Stadt bekannt, dass ein Erstaufnahmelager des Landes Hessen auf dem Kasernengelände eingerichtet wird. In den nächsten Wochen sollen dort bis zu 1.500 Menschen einziehen. Die Sorgen vieler Flüchtlinge sind so groß geworden, dass sie ihr Land verlassen haben und auf ein besseres Leben in Deutschland hoffen. Die Aufnahme von so vielen Menschen weckt wiederum Sorgen bei der heimischen Bevölkerung. Wie wird sich das Zusammenleben gestalten? Bislang gab es eine sehr große Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge in unserer Stadt. Auf einen Flüchtling kam ungefähr ein Ehrenamtlicher. Auf so viele Menschen wird sich das nun nicht mehr übertragen lassen.
Die Geschichte vom reichen Mann zeigt jedenfalls, dass Vorsorge für das eigene Leben zu einseitig gedacht ist. Vielmehr gesellt sich zur gelungenen Vorsorge die Fürsorge gern dazu. Unsere Fürsorge gilt auch weiterhin den Menschen, die in unserer Gesellschaft arm sind und sich abgehängt fühlen. In diesem Monat bieten wir wieder unser Essen für Bedürftige an, das in der kalten Jahreshälfte monatlich stattfindet. Es wäre ein fatales Zeichen, wenn die Not dieser Menschen in den Hintergrund treten würde und sie noch weiter abrutschen würden. Und Fürsorge kann schließlich auch bedeuten, in Krisengebieten zu helfen und sich dafür einzusetzen, dass das Leben dort erträglicher wird.
Erntedank meint, dass wir dankbar sind, genug zum Leben zu haben, genug an Essen und Trinken, genug an allen Gaben, die wir zum Leben brauchen. Die mythologische Geschichte zeigt, dass der Mensch ein Kind der Sorge ist. Der Mensch muss sich dementsprechend verhalten, was durch Vorsorge geschieht. Am Erntedankfest denken wir daran, dass der Vorsorge um das eigene Leben in dieser Erntezeit Genüge getan wurde. Die dafür angemessene Haltung gegenüber Gott ist der Dank. Denn er ermöglicht uns die Vorsorge. Alle guten Gaben kommen von ihm. Wer dankt, ist „reich an Gott“, weil er sich des Grundes seines Lebens vergewissert. Die Sorge bleibt, behält aber nicht die Oberhand. Es wächst vielmehr die Gewissheit, dass die Ernte auch in Zukunft reicht, um gut leben zu können. In diesem Vertrauen wird leichter bewusst, dass die Sorge um das eigene Leben – die Vorsorge – wertvoll und wichtig ist, aber auch die Fürsorge für andere ermöglicht.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Die mythologische Fabel ist von Hyginus überliefert und wird zitiert nach Martin Heidegger: „Sein und Zeit“, Tübingen 198617, S. 198
Die Gottesdienstgemeinde befindet sich in Babenhausen, einer Kleinstadt in Südhessen. Die aktuelle Situation lässt sich folgendem Artikel entnehmen.
Über das Essen informiert dieser Artikel.
Lieder: Wir pflügen und wir streuen, EG 508
Als Gesang zwischen den Fürbitten eignet sich: Alle guten Gaben, EG 463
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Ein Selbstgespräch wird unterbrochen / oder: Jesus als Seelsorger - Predigt zu Lukas 12,13-21 von Matthias Loerbroks
Ein Selbstgespräch wird unterbrochen
oder: Jesus als Seelsorger
Einer aus der Menge sprach zu ihm: Lehrer, sag meinem Bruder, er solle das Erbe mit mir teilen.
Er sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch eingesetzt?
Er sprach aber zu ihnen: seht zu und hütet euch vor aller Habsucht. Denn niemand, auch wenn er Überfluss hat, hat sein Leben aus seinem Besitz.
Er sprach ein Gleichnis zu ihnen und sagte: das Land eines reichen Menschen hatte gut getragen.
Und er dachte bei sich und sprach: was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, um meine Früchte zu sammeln.
Und er sprach: das werde ich tun: ich werde meine Speicher abreißen und größere bauen, und da will ich all mein Getreide und meine Güter sammeln.
Und ich werde zu meiner Seele sprechen: Seele, du hast viele Güter für viele Jahre bereitliegen. Ruh dich aus, iss, trink, sei fröhlich.
Gott aber sprach zu ihm: du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Was du da bereitgelegt hast – wem wird es gehören?
So geht es dem, der Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.
Es hat keinen Sinn, Jesus zu sagen, was er sagen soll, was er anderen sagen soll. Zwei Kapitel vor unserem Text besucht Jesus zwei Schwestern, und die eine baut sich vor ihm auf: sage doch meiner Schwester ... Hier sind es zwei Brüder, die ebenfalls nicht sehr einträchtig beieinander wohnen: Sage doch meinem Bruder. Jesus reagiert gereizt: Mensch, wer hat mich zum Richter über euch eingesetzt? Nicht die Schroffheit dieser Frage ist verstörend, sondern ihr Inhalt, denn wir glauben und hoffen ja tatsächlich, Gott habe seinen Sohn zum Richter über uns eingesetzt, und verbinden damit die Hoffnung, dass der menschgewordene Sohn Gottes, der unsere Unmenschlichkeit am eigenen Leibe erlitten hat, ein menschlicher, ein gnädiger Richter sein wird: einer, der die verkehrte und verrückte Welt zu Recht bringt.
Doch gerade darum lässt er sich nicht einspannen, nicht vor unseren Karren zwingen, nicht instrumentalisieren. Wer sehr genau weiß, was Jesus sagen müsste, was er anderen sagen sollte – und wir kennen ja alle Fürbittengebete, in denen sogar sein Vater, Gott, dazu aufgefordert wird, anderen etwas klar zu machen, was uns längst klar ist –, ist begreiflicherweise nicht mehr sehr neugierig darauf, was er wirklich sagt. Wer die eigene Partei christlich nennt, rechnet nicht ernsthaft damit, Jesus könnte zu ihren Kritikern gehören, könnte gegen sie Partei ergreifen.
Jesus sagt lieber selbst und mit eigenen Worten, was er zu sagen hat, das tut er auch in unserer Geschichte, und es ist unsere Hoffnung, dass er das auch hier und heute tut. Kein Mensch geht ja in die Kirche, um die mehr oder weniger klugen, mehr oder weniger gut begründeten Ansichten eines Pfarrers zu hören, sondern wir hoffen darauf, in den alten Worten der Schrift die lebendige Stimme des Auferstandenen, unseres Zeitgenossen, aktuell zu hören. Und so hören wir in der aktuellen Situation der Weltwirtschaft Jesu Warnung vor Habsucht. Seht zu! Hütet euch! Das klingt alarmiert und alarmierend, klingt nicht wie die auf- und abgeklärte Weisheit eines weltfremden, weltflüchtigen Asketen. Jesus kennt unsere Gefährdung durch die Wirksamkeit einer gewaltigen Macht, eines Gegengotts, und schlägt Alarm. Martin Luther hat in seinem Großen Katechismus das, was uns in unserem Leben das wichtigste ist, als Gott definiert: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemanden etwas gibt. Der hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt. Das ist, befand Luther schon vor fast 500 Jahren, der am meisten verbreitete Gott. Nun ist nicht sicher, ob Habgier tatsächlich – Banken oder VW hin oder her – die Ursache der jetzigen Lage ist; ob nicht von Gier redet, wer von Kapitalismus nicht sprechen will, von einem Wirtschaftssystem, dessen Motor das Streben nach Mehr ist. Schließlich ist ja der Versuch, die Wirtschaft nach politisch gesellschaftlichen Zielen zu lenken, geradezu lächerlich gescheitert, was gerade in diesem Jahr, erst gestern wieder, ausführlich gefeiert wird, auch wenn wir inzwischen schmerzlich zu spüren bekommen, wohin der Verzicht auf solche Lenkung führt. Aber die moralische Empörung über Banken und Banker ist etwas billig, denn sie könnten das, was sie irrtümlich ihre Produkte nennen, ja nicht verkaufen, wenn nicht auch wir anderen den Glauben an die wundersame und arbeitslose Geldvermehrung teilten. Credo und Kredit, das hängt zusammen.
Doch Jesus redet nicht moralisch, warnt nicht vor Habgier, weil sie hässlich ist, ethisch und ästhetisch hässlich, sondern redet als Seelsorger: niemand hat Leben, wirklich lebendiges Leben, und das heißt biblisch immer gemeinsames Leben, Zusammenleben mit anderen, aus seinem Besitz. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele. Und er erzählt eine Geschichte, in der „Seele“ das Hauptwort ist, der springende Punkt.
Das Land eines reichen Mannes hat gut getragen – das ist biblisch Inbegriff von Segen. Doch der reiche Mann ist nicht reich an Beziehungen zu anderen Menschen, sondern einsam, redet mangels anderer Gesprächspartner mit sich selbst, fragt sich: was soll ich tun?, und antwortet sich: das will ich tun. Auch wenn gute Ernte im Wortsinn naturwüchsig klingt, nur mit natürlichen Dingen wird es nicht zugegangen sein, auch mit gesellschaftlichen: er hat sie ja nicht allein eingebracht, da werden andere mit-, werden für ihn gearbeitet haben. Es geht also in dieser Geschichte auch um das, was lange nach Jesus ein anderer großer Sohn seines Volkes den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung genannt hat. Das zeigt sich auch daran, dass er nicht nur von Getreide, sondern auch von Gütern redet, von Handelsgütern, von Waren. Darum braucht er auch neue, größere Scheunen, damit er es sich leisten kann, erst dann zu verkaufen, wenn ein für ihn günstiger Preis zu erzielen ist. Dann wird er, so kündigt er im Selbstgespräch ein weiteres Selbstgespräch an, zu seiner Seele sagen: liebe Seele, du hast viele Güter für viel Jahre; gönne dir Ruhe, iss, trink, sei fröhlich. Nun ist auch biblisch nichts einzuwenden gegen die Selbstaufforderung zu essen, zu trinken, fröhlich zu sein, schon gar nicht am Entedankfest. Am Ende der großen Liste, Prediger 3, was alles seine Zeit hat, heißt es: da merkte ich, dass es nichts Besseres gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Und so ließe sich das Gespräch mit der eigenen Seele auch anders denken, etwa wie der Anfang von Psalm 103: Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen; lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Hier aber sind es die privat angeeigneten Güter, die dem reichen Mann geradezu eschatologische ewige Ruhe verheißen – seine Seele hat und soll vergessen, was der HERR ihr Gutes getan hat. Das aber gelingt nicht, denn der Vergessene und Verdrängte meldet sich nun selbst zu Wort, und das Gespräch hört auf, ein Selbstgespräch zu sein.
Du Narr, sagt Gott, und diese Wort hat in der Bibel eine ganz andere Bedeutung als im heutigen Deutsch, eine ernstere. Auch wer das, was im Rheinland und anderen fernen Ländern als Narr und als närrisches Treiben gilt, nicht so umwerfend komisch findet wie offenbar die Beteiligten, hört doch in diesem Wort eher etwas Drolliges, Harmlose, weiß vielleicht auch, dass in Shakespeares Stücken und wohl auch in der Wirklichkeit die Hofnarren Leute sind, die listig hinterlistig maskiert den Thronenden die Wahrheit sagten, und wird jedenfalls denen die Sympathie nicht versagen, die in etwas, erstrecht: die in jemanden vernarrt sind.
Anders in der Bibel. Die Narren, die Toren sind diejenigen, die in ihrem Herzen sagen: es ist kein Gott, und entsprechend töricht handeln. Das gilt in der Bibel nicht als besonders nüchtern aufgeklärt, sondern als ignorant, weil ein wichtiger Aspekt aller Wirklichkeit ignoriert, verdrängt wird: unrealistisch, illusionär, dumm. Karl Barth hat darum in seiner Dogmatik von der menschlichen Dummheit als einer Grundform der Sünde gesprochen.
Statt himmlischer Ruhe im ewigen Licht kündigt Gott eine finstere Nacht an und greift dabei das Wort Seele auf: in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Er macht damit den reichen Mann darauf aufmerksam, dass wir alle sterben müssen und den Zeitpunkt unseres Todes nicht kennen, um so aus dem dummen Mann einen klugen zu machen. Er sagt freilich nicht, wer ihm die Seele abfordern wird: ob er selbst das tun wird oder ob die Ausgebeuteten ihn ausschalten werden, um das Private zu sozialisieren. Jedenfalls bringt er andere Interessenten ins Spiel, deutet in Frageform einen Besitzerwechsel an: was du da bereitgelegt hast – wem wird es gehören?
Jesus kommentiert seine Geschichte: so ist es mit dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott. Er stellt dem Reichtum des Privatiers einen anderen Reichtum gegenüber, und wir merken, er hat uns nicht nur eine Mahn- und Warngeschichte gegen die Habsucht erzählt, sondern ein Gleichnis vom Reich Gottes, einer Welt, in der Glück, Lebensfülle, ein reiches Leben nicht am Besitz, am Haben hängt. Und wenn es dem Gleichniserzähler Jesus einmal gelungen ist, uns die Augen zu öffnen, entdecken wir überall in unserem Leben solche Gleichnisse. Vieles, das Meiste dessen, was uns glücklich macht, was uns am meisten glücklich macht, ist nicht unser Besitz, gehört niemandem.
An diesem kleinen Seelsorgekurs Jesu wird deutlich, es ist ein bürgerliches Vorurteil, unsere Seele sei nur unser Inneres und gerade darum die Domäne Gottes, während Ökonomie, Recht und Politik ihre eigenen Gesetze hätten, frei disponierbar. Es war der große Berliner Theologe und Historiker Adolf Harnack, der das Evangelium auf die Formel brachte: Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott. Darum konnte er mit dem sogenannten Alten Testament gar nichts anfangen, hielt es für eine Torheit der Kirche, daran festzuhalten. Biblisch aber ist die Seele der ganze Mensch, auch seine zweite Natur, die er um sich schafft, die ihn dann aber wie die erste auch regiert und prägt. Gott fordert mit seinem Richten wie mit seinem Befreien diese ganze Seele, indem er die Frage stellt: für wen ist der Ertrag? Wem fällt er zu?
Dass Erntedank mit Ertrag und damit mit den Fragen von Besitz und Aneignung zu tun hat, liegt auf der Hand, ist aber beim jüdischen Erntedankfest, dem Laubhüttenfest, das vor einer Woche begann und heute zuende geht, deutlicher sinnlich spürbar: das jüdische Volk wohnt, jedenfalls dort wo das klimatisch geht, eine Woche lang in Hütten, erinnert so an die Zeit der Wüstenwanderung, aber auch – es sind ja Laubhütten, es gibt Erntesträuße – an die Gabe des Landes, erinnert also gerade im Augenblick der Ernte, des Erfolgs daran, dass das, was wir für Besitz halten, eine Gabe ist, eine Leihgabe. Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen; lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Amen.
Liedvorschläge
Als erstes Lied mit Aufnahme des Wochen- bzw. Tagesspruchs aus Psalm 147: EG 512,1-4;
zwischen den Lesungen: 494,3-6;
nach Evangelium und Credo: 303,1-5 oder 363,4;
nach der Predigt: 83,4-5 oder 317,5 oder 404,3+6;
zwischen Abkündigungen und Gebet: 449,3-6 oder 325,1.2.5.6 oder 304,1-5;
Schlussstrophe zwischen Gebet und Segen: 512,6 oder 449,10 oder 388,6.
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Wetterläuten - Predigt zu Lukas 12,13-21 von Wolfgang Vögele
Wetterläuten
„(Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?) Und [Jesus] sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“
Liebe Schwestern und Brüder,
ein Lehrer kommt nach zehn Stunden Unterricht von Schule nach Hause. Eine Buchhalterin wird täglich von ihrem Chef mit vielen Aufgaben gequält und kehrt genauso erst nach Hause zurück, als es dunkel ist. Beide öffnen die Kühlschranktür. Sie stellen fest: Milch fehlt, Obst fehlt, Joghurt fehlt. Also gehen beide seufzend die paar Schritte zum Supermarkt in der nächsten Querstraße und kaufen ein, was sie benötigen: Milch, Brot, Mehl, Joghurt, Kartoffeln, Tomaten.
Vor sechshundert Jahren, im Mittelalter ging kein Dorfbewohner in einen Supermarkt. Supermärkte konnte sich kein Ritter und kein Leibeigener vorstellen. Für die Milch mußten sie warten, bis sie die Kuh abends im Stall melken konnten. Für Mehl und Kartoffeln bestellten sie das ganze Jahr über das Feld, um dann im Herbst die Ernte einzubringen.
Wenn die ersehnte Ernte ausfiel, drohte schwere Hungersnot. Vor sechshundert Jahren waren Wettervorhersage und Glaubenskraft, Glocke und Egge stärker verbunden als wir uns das heute vorstellen können. Wer auf seinen Feldern Getreide anbaute, der brachte im Herbst dem Glöckner einmal jährlich die sogenannten Läutegarben. Mit den Läutegarben wurde der Glöckner der Kirche für das Wetterläuten bezahlt. Der Glöckner mußte täglich auf Himmel, Wetter und Wind achten. Sobald sich die ersten grollenden Anzeichen eines Gewitters zeigten, fing er an, die Glocken zu läuten. Und er hörte nicht damit auf, bevor der letzte Donnerschlag verklungen war. Denn die Dorfbewohner des Mittelalters waren überzeugt, daß die Schallwellen der Glocken Blitzschläge und Hagel theologisch und meteorologisch vertreiben können. Deswegen war jeder Glöckner ein Wetterbeobachter, und wenn er im Herbst die Läutegarben bekam, konnte auch er stolz sein, daß es ihm gelungen war, mit den Glocken die schlimmsten Ernteschäden verhindern haben.
Wir wissen heute selbstverständlich, daß der Schall von Glocken weder Gewitter noch Hagel vertreibt. Wir sprechen auch einer Glocke keine magischen Kräfte mehr zu wie die Menschen des Mittelalters, die bei Gewittern böse Geister und Hexen am Werk sahen. Die Theologen der Reformation haben im 16.Jahrhundert dieses Wetterläuten verboten, aber in vielen Dörfern hielt man sich nicht an dieses Verbot. Das Wetterläuten bestand weiter, nicht weil die Dorfmenschen so abergläubisch waren. Es bestand weiter, weil die Ernte so wichtig war, daß die Bauern alles daran setzten, den Ernteausfall zu verhindern. Mißernten und Hungersnöte führten bis ins 18. und 19. Jahrhundert zu riesigen Auswanderungs- und Flüchtlingswellen. Umgekehrt waren die Menschen für jede erfolgreiche Ernte dankbar, denn sie wußten um die vielen Risiken, die das Wetter für Getreide, Äpfel und Trauben mit sich brachte.
Unserem täglichen Bewußtsein ist der Zusammenhang zwischen Ernteerfolg und sozialem Wohlstand und Wohlbefinden verloren gegangen. Bei trockenen Sommern, Abendgewittern und Hagelschauern stöhnen wir über die Hitzewelle, sorgen uns aber nicht mehr um Ernteausfall. Wir verlassen uns auf die ökonomischen Mechanismen des Marktausgleichs, die dafür sorgen, daß Milch- und Brotregal im Supermarkt stets gut gefüllt sind. Wenn die Ernte in einem Hagelgebiet ausfällt, greifen die Disponenten der Supermärkte auf Vorräte in anderen Ländern zurück. Ich will nichts gegen Supermärkte, Warenterminbörsen und Disponenten sagen. Es ist ein Gebot der Klugheit, daß sich Städte und Regionen für Nahrungsmittel Vorräte anlegen.
Bei dem reichen Mann aus dem Gleichnis klingt es beim ersten Hören so, als wolle der Weisheitslehrer aus Galiläa die Menschen überzeugen, daß sie keine Vorräte anlegen sollen. Aber diese Auslegung würde den Kern des Gleichnisses verfehlen.
Der Bergprediger hat zwar die Vögel unter dem Himmel gelobt, weil sie nicht säen, nicht ernten und sich keine Vorräte schaffen. Aber denken Sie an den biblischen Joseph, der es bis zum Premierminister des ägyptischen Pharao brachte. Mit Hilfe von Traumdeutung und politischer Weitsicht sorgte er dafür, daß in den sieben fetten Jahren Vorräte angelegt wurden, die in den folgenden mageren Jahren die ägyptische Bevölkerung und ihre Nachbarn unter Einschluß der Brüder Josephs ernährten. Der reiche Mann aus dem Gleichnis überlegt, wie er seine Vorräte unterbringt. Er sorgt vor. Und das ist – ganz unvoreingenommen – ein Teil seiner Weisheit, Klugheit, Voraussicht. Die Klugheit der Vorratsbeschaffung ist heute ganz selbstverständlich in das gesellschaftliche System eingegangen, sie ist nicht mehr Sache individueller Entscheidung.
Eine Kleinigkeit fällt sehr auf: Der reiche Mann im Gleichnis führt ein Selbstgespräch über Vorratsbeschaffung. Wer Landwirtschaft betreibt, neigt aus klugem Kalkül dazu, Gespräche zu führen, sich über Pflanztermine und Erntezeitpunkte zu verständigen, Risiken zu minimieren. In der Geschichte hat das zur Gründung von Raiffeisengenossenschaften, Kooperativen, Erzeugergemeinschaften geführt, die für ihre Produkte gewisse Qualitätsstandards bestimmen, sie selbst verkaufen und vermarkten.
Der reiche Mann aber spricht nicht mit Kollegen. Er spricht mit sich selbst. Er führt ein Selbstgespräch und meditiert über sein Leben. Jeder Leser und Theaterbesucher kennt Selbstgespräche aus der Literatur: Der dänische Prinz Hamlet schwankt zwischen Leben und Tod, Sein und Nichtsein, Faust beklagt seine vielen Studienfächer, hat nichts gelernt und ist keinen Schritt weiter gekommen. Das Selbstgespräch führt ins vertiefte Nachdenken über das eigene Leben, in das Herz des Menschen. Im Herzen, im Innersten treffen Menschen ihre Grundentscheidungen, das, was ihr Leben bestimmt, ohne daß sie das zwangsläufig anderen Menschen mitteilen. Deswegen ist die Literatur ist voll von Selbstgesprächen, weil Leser und Hörer einen knappen Einblick in das Herz erhält.
Jesus erzählt vom Selbstgespräch, vom Herzensinneren des reichen Mannes. Sein Selbstgespräch läßt sich auf einen einfachen Punkt bringen: Ich lege mir Vorräte an, um die Früchte meiner bisherigen Arbeit zu genießen. So einfach ist das: Ich verbrauche, was ich erzeugt habe. Aber Grundentscheidungen sind meist sehr einfach – und darum auch fehlerhaft. Der reiche Mann übersieht etwas, das sehr naheliegt.
Außenstehende Beobachter, also alle Hörer und Leserinnen des Gleichnisses, inspiriert dieser offensichtliche Fehler des reichen Mannes zu Schadenfreude. Aber Schadenfreude führt meistens in Überheblichkeit und deshalb in die Irre. Wer lacht, weil der andere den Schaden hat, wird als nächstes selbst hereingelegt. Nein, der reiche Mann aus dem Gleichnis ist eher ein entfernter Bruder von Till Eulenspiegel, der die Leute zur Schadenfreude verführt, ihnen in Wahrheit aber den Spiegel vorhält. Der reiche Mann trifft eine Fehlentscheidung, und die Zuhörer merken nicht, daß ihr eigenes Stück aufgeführt wird.
Die Fehlentscheidung des reichen Mannes besitzt eine negative und eine positive Seite. Die negative Seite heißt: Lieber reicher Mann, du beachtest den Tod nicht. Du kannst dir Vorräte schaffen, so viel du willst. Wenn du morgen früh tot im Bett liegst, helfen dir all deine Weizenkörner, deine Kartoffeln, Äpfel und Eurochecks nicht mehr.
Dankbarkeit – auf jeden Fall. Vorräte anlegen – auf jeden Fall. Sich damit zur Ruhe setzen – das könnte gefährlich werden, darin liegt Bequemes. Lebensgeschichte läuft nicht auf einer sicheren, geschützten und risikofreien Straße ohne Kurven, steile Anstiege und morsche Hängebrücken. Niemand kann die Überraschungen des nächsten Tages vorhersehen – trotz aller Besonnenheit, Weisheit und Planung. Vernünftige Berechnung hilft dann auch nicht mehr. Der reiche Mann bekommt den Spiegel ganz aus der Nähe vor Augen gehalten: Vergesse den Tod nicht.
In vielen Trauergesprächen fragen Pfarrer die Angehörigen: Hat sich der Verstorbene Gedanken über den Tod gemacht? Und zu oft erhalten sie die Antwort: Nein, das war nicht sein Thema. Wenn überhaupt, dann hat der Vater das einzig und allein mit sich selbst ausgemacht.
Nicht nur der reiche Mann des Gleichnisses vor zweitausend Jahren, auch wir heute leben stets im Bewußtsein der eigenen Sterblichkeit. Der Tod läßt sich nicht abstreifen, nur vergessen. Wer ihn vergißt, verliert sich in einer Täuschung. Wer ihn wahrnimmt und darüber nachdenkt, der kann sich vorbereiten und Vorsorge treffen. Wer Sterben und Tod vergessen will, der nimmt nicht die Bezüge seines eigenen Lebens zu den Mitmenschen, zur Welt und zu Gott wahr. Wer den Tod vergessen will, der fragt nicht nach dem Sinn des Lebens. Am reichen Mann, in diesem einfachen Gleichnis, ist das schrill und mit Ausrufezeichen abzulesen. Er baut eine Scheune für den Eigenbedarf. Die anderen Menschen sieht er nicht. Er denkt an sich selbst. Die Welt, die Wirklichkeit und vor allem Gott selbst spielen in seinen planenden Gedanken keine Rolle.
Damit bin ich bei der positiven Seite des Gleichnisses: Lukas, der in seinem ganzen Evangelium alle Formen materiellen Reichtums mit großem Mißtrauen verfolgt, spricht von einem anderen Reichtum als von Mengen an Weizen, Äpfeln, Kartoffeln, die in einer Scheune gelagert werden. Der Erzähler des Gleichnisses empfiehlt den Reichtum bei Gott. Darin findet der Erzähler die Pointe der Gleichnisses, die Pointe des Selbstgesprächs, aber auch die Pointe im Leben aller Christenmenschen. Vor Gott gelten andere Maßstäbe als in der überdrehten Welt von Bankautomaten, Kreditkarten, Supermärkten und Warenterminbörsen.
Zunächst: Gott spricht mit dem törichten reichen Mann, er würdigt ihn eines Gesprächs. Gott nimmt den betuchten Irrläufer ernst, weil er nicht zusehen kann, wie er sehenden Auges in sein überraschendes Unglück stolpert. Ich halte dieses Gespräch für einen Vertrauensbeweis Gottes. Und ich bin überzeugt: Menschen, die an Gott glauben, bleiben in ihrer Entscheidungsfreiheit, die ein wichtiges Gut ist, nicht allein. Das muß nicht so direkt geschehen, wie bei dem reichen Mann aus dem Gleichnis. Im Gleichnis kommt der Erzähler aus Nazareth ganz brüsk sofort auf die Pointe. In wirklichen Leben kann es länger dauern, bis eine Entscheidung reift. Gott kann uns anders begegnen als im Selbstgespräch.
Der reiche Mann im Gleichnis begeht den simplen, aber sehr alten Fehler, nur sein eigenes Leben in die hehre Aufmerksamkeit zu rücken. Aber wer stets nur in eine Richtung blickt, übrigens egal wohin, der verfällt in die Genickstarre des Egoismus. Der vergißt die anderen Richtungen, der vergißt über seinem eigenen Leben, noch sehr viel mehr in den Blick zu bekommen: das größere Ganze, die Mitmenschen, die Flüchtlinge und Hilfsbedürftigen, das Gemeinwohl und die zukünftigen Generationen und nicht zuletzt auch - Gott. Es wäre nun viel zu sagen über das Gemeinwohl, die Flüchtlinge aus Syrien, Freundlichkeit gegenüber Fremden und die Grundwerte Europas, über Vorräte, Ernte und Hilfe. Ich lasse das alles weg und konzentriere mich auf einen Punkt.
Was heißt Reichtum bei Gott? Der reiche Mann vergißt Gott - und das kostet ihn sein Leben. Reichtum bei Gott ist ein Reichtum der Erinnerung und des Wechsels der Perspektive. Wahrhaft reich wäre der Scheunenbauer, wenn er Gott in Erinnerung behalten würde. Er würde sich umschauen, Dinge und Menschen auch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten. Mit der Erinnerung an Gott würde der reiche Scheunenbauer an Beweglichkeit gewinnen. Er würde anfangen, das Leben aus der Perspektive Gottes zu betrachten. Das meint eine Perspektive, die nicht nur die Interessen einzelner, sondern die Interessen aller betrachtet. Das meint eine Perspektive, die ihren Ausgangspunkt nimmt bei der Bejahung dieser Schöpfung, bei ihrer Schönheit und bei gleichem Lebensrecht und Würde aller Menschen. Das meint eine Perspektive, die aus der Bewegung der Befreiung lebt, der Befreiung von Unrecht und Leid, der Befreiung von Hunger und Krankheit, der Befreiung von aller Art von Not.
Das klingt für einen einzelnen wie eine gigantische, nicht zu erfüllende Aufgabe. Aber wer sich mit anderen zu einer Gemeinschaft verbindet, kann besser helfen als eine Einzelperson. Die Wirklichkeit aus der Perspektive Gottes sehen, das meint schließlich auch, eine Perspektive jenseits des eigenen Lebens, über den Tod hinaus zu finden. Gott will die Menschen, jeden einzelnen, den reichen Scheunenbauer wie den armen syrischen Flüchtling trösten. Sich diesen Trost gefallen zu lassen, das ist wahrhaft ein Reichtum. Und diesen barmherzigen Trost spendet Gott jedem, unabhängig davon, ob er eine Villa an der Mittelmeerküste besitzt oder nur die Schwimmweste, die ihn aus dem Mittelmeer gerettet hat.
Im letzten Moment erkennt der Scheunenbauer: Wahrer Reichtum besteht darin, sich von Gott trösten zu lassen. Und dieser Trost läßt sich nicht in Geldscheinen aufwiegen. Amen.
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Predigt zu Lukas 11,17-19 von Hanna Hartmann
Predigt zu Lukas 17,11-19
11 Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog.
12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!
14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme
16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.
17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?
18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?
19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
Liebe Gemeinde,
die Krankheit hatte sie zusammengeführt und zu einer Schicksalsgemeinschaft gemacht. Ausgestoßene waren sie. Und vermutlich alles andere als eine Augenweide. Wie das bei einer Hautkrankheit halt so ist: Die sieht man; die ist einem auf den Leib geschrieben: auf Armen und Händen oder sogar ins Gesicht. Und selbst wenn sie nicht ansteckend ist, ist da die Scheu, vor der Berührung.
Hautkrank zu sein, ist auch heute noch schwer. Aber zur Zeit der Bibel waren Hautkrankheiten ein Grund, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Ob es nun Lepra war, Schuppenflechte, Neurodermitis, ein Ekzem oder was auch immer. Die Leute nahmen Abstand: „Man kann ja nie wissen…“ Und man wusste damals tatsächlich auch nicht, was zB ansteckend war und was nicht.
Doch für die Betroffenen war es das gesellschaftliche Aus. Sie durften an nichts mehr teilnehmen und mussten Glück haben, wenn ihre Familien sie weiter versorgten.
Und so waren die Zehn zusammengekommen und schlugen sich irgendwie durch. Woher sie kamen und was sie vorher gewesen waren, das war jetzt zweitrangig: Rang, Name, Volkszugehörigkeit. Auch bei dem Mann aus Samarien, der unter normalen Umständen abgeblitzt wäre. Jetzt war es ihr gemeinsames Schicksal, das sie verband.
Schicksalsgemeinschaften heute haben andere Gründe; aber es gibt sie auch heute: vom Unglück Betroffene; Patienten; Arbeitslose; und manchmal auch Menschen in Prüfungszeiten. Die gemeinsame Situation, in die sie geworfen sind und die bewältigt werden will, verbindet. Das gemeinsame Schicksal überbrückt Unterschiede. Nicht alle natürlich, aber viele. Man leidet gemeinsam, bangt gemeinsam und hofft gemeinsam. Und unterstützt sich. So wie damals auch die Zehn.
Einer war unter ihnen, der sich erinnerte: „Jesus? - das ist doch der, der Kranke heilen kann! Kommt, das lassen wir uns nicht entgehen!“ Und er beginnt zu rufen und die anderen fallen mit ein: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! So schreien sie; so betteln sie. Schaden kann es ja nie! Und sei es nur, dass er vielelicht ein Almosen gibt oder etwas zu essen da lässt. Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!
Doch was tut Jesus? Er gibt ihnen nichts, nur einen Auftrag: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Das war damals sozusagen das Gesundheitsamt mit den Priestern als „Amtsärzten“.
Der eine mag verstört geschaut haben und der andere müde gelächelt. Aber ein paar wollten es auch riskieren: „Kommt, das machen wir jetzt einfach! Wir probieren‘s! Zu verlieren haben wir ja sowieso nichts…“ Und es geschah, so lesen wir weiter, als sie hingingen, da wurden sie rein. Ich stelle mir vor, dass es langsam war; beim Gehen. So, dass sie es gar nicht gleich merkten. Bis einer sich wunderte: „Du, mein Arm juckt gar nicht mehr.“ Und den andern anschaut und sagt: „Und deine Flecken im Gesicht! Knallrot hat du gestern ausgesehen; und heute sieht man sie nur noch ganz schwach.
Und dann kam die Untersuchung. „Rein!“, sagte der Priester nachdem der Leibesvisitation des Ersten. Und dann noch neun Mal: „Rein!“ Gleich danach noch das offizielle Reinigungsritual mit dem Dankgebet, und sie hatten’s geschafft! Jetzt konnte das Leben also weitergehen; oder erst recht beginnen. Also nichts wie los!
„Geschafft!“ – so sagte man auch zu Harry nach seinem überstanden Darmkrebs: „Du hast es geschafft!“ Er saß in der Chefetage einer großen Versicherungsgesellschaft. Strebsam und ehrgeizig war er immer gewesen, einer der besten in seiner Branche. Jeder rechnete damit, dass er nach der gelungenen Operation wieder an seinen Schreibtisch zurückkehren würde. Das tat er auch. Aber nach zwei Tagen kündigte er. Etwa ein Jahr lang arbeitete Harry überhaupt nicht. Dann kaufte er einen Weinberg und wurde Weinbauer. Später erzählt er: „In dem Moment, als ich aus der Narkose erwachte, da wusste ich ohne jeden Zweifel, dass ich das Leben eines anderen führte. Es hatte so viel Druck von meiner Familie gegeben, erfolgreich zu sein. … Zuerst hat mich die Herausforderung fasziniert. Und irgendwann habe ich dann aufgehört, auf mich selbst zu hören. … Es war ziemlich hart einsehen zu müssen, dass ich mich dermaßen an das Geschäft verkauft hatte, dass ich es selbst gar nicht mehr bemerkte.“ (R.N. Remen, Aus Liebe zum Leben, Arbor-Vlg., S. 55)
Dass wir nach einer Krankheit wieder gesund wurden, liebe Mitchristen, das haben wir alle mit Sicherheit schon am eigenen Leibe erlebt. Es muss ja keine so schwere Krankheit gewesen sein wie bei Harry; auch keine Hautkrankheit wie bei den Aussätzigen damals, die zu allem Elend auch noch den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutete.
Doch es ist dem Kranksein eigen, dass sie etwas ins Wanken bringt. Vielleicht nur für kurze Zeit, aber immerhin. Da muss ein Termin storniert und verschoben, oder eine Reise abgesagt werden. Kranksein wirft aus dem Tritt. Sie bringt einen ins Stolpern – v.a. wenn es eine schwere Krankheit ist. Sie fragt: Wer bist du, Mensch? Was tust Du? Und was ist dir wirklich wichtig?
Man kann sich diesen Fragen stellen. Man kann sie aber auch zur Seite schieben, überhören und nach überstandener Krankheit weitermachen, als sei nichts gewesen. Muss man aber nicht...
Es sind freilich meist nur einzelne, die es anders machen, die sich trauen, etwas zu ändern. Wie auch der einzelne in unserer Geschichte. Er kehrt um. Er geht noch einmal zurück an den Ort des Schreckens und erinnert sich: an das Elend, die Demütigungen, die Schmerzen. Aber auch an die Schicksalsgenossen, die sich kaum mehr von ihm verabschiedeten, weil sie es so eilig hatten. Dabei hatten sie doch so viel zusammen erlebt!
Doch vor allem will er zu dem, der sein Schicksal gewendet und sich erbarmt hat: zu Jesus! „ER war es doch, der uns geholfen hat! IHM muss ich unbedingt Danke sagen!“ Es ist ein tiefes Bedürfnis, das ihn zurückkehren lässt. Eine innere Notwendigkeit.
Sicher wird er auch schon in Gegenwart des Priesters Gott gedankt haben. Schließlich war er ja im Tempel gewesen. Und außerdem gehört dieser Dank zum Reinigungsritual dazu. Aber nein, das reicht ihm nicht. Er muss noch einmal zu Jesus selbst: … und er kam zurück, lobte Gott und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm.
Ja, es ist gut und wichtig, dass Dank auch konkret wird. Dank macht die Welt schön und von innen her reich und lebenswert.
Ich denke an jenen alten Lehrer. Er hatte viele Schüler durch die Grundschule seines Dorfes begleitet und ihnen ein solides Fundament gelegt. Eine ganze Reihe von ihnen konnte später sogar Abitur machen und studieren. Doch dass einmal jemand zu ihm gekommen und ihm gedankt habe, so erzählte er (etwas traurig), das sei nur ein einziges Mal vorgekommen.
Ein Dankgebet ist schön und gut, aber das allein reicht nicht. Auch den konkreten Menschen soll ein Danke! zukommen für das, was sie konkret Gutes getan haben und was wir ihnen verdanken. Bleibt uns doch nur dadurch bewusst, dass wir nicht für uns allein leben. Und dass wir unser Leben nicht uns selbst, sondern vielen, vielen anderen verdanken!
Oder auch nach einer Krankheit: Gesundwerden ist wichtig. Klar! Aber Gesundwerden ist nur der Anfang der Heilung. Denn bis zum Heil ist es noch ein weiter Weg. Und der will unter die Füße genommen werden. Mit einem Dankgebet. Ja. Aber auch mit einem konkreten Dank: an den Arzt und die Schwestern, die dazu ihr Teil beigetragen haben. Oder auch an die freundliche Frau aus Serbien, die immer so bescheiden und rücksichtsvoll das Zimmer geputzt hat? Oder an einen treuen Besucher…
Erst mit im Danken schließt sich der Kreis. Erst da geschieht Heil. Erst im Danken kommt der „Schalom “ Gottes an: Friede und Ganzheit! Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen. – sagt Jesus. Warum?
Von ihrer Krankheit befreit, wurden doch auch die anderen, die nicht zu ihm zurückgekehrt waren? Doch ihnen bleibt verwehrt, was Jesus nur dem zusprechen kann, der zu ihm kommt: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
Denn Gesundheit ist eines. Aber Dankbarkeit ist nicht weniger. Und ob nicht sogar ein Kranker, der danken kann, näher am Leben, heiler ist, als ein Gesunder, der nicht weiß, wie Danken geht?
Die in Amerika lebende jüdische Ärztin Remen erzählt von einer Frau namens Mae. Sie hatte ihr Leben lang hart gearbeitet. Und als sie sich trafen, war Mae bereits alt und schwer an Krebs erkrankt. Doch Mae liebte das Leben. Von ihr konnte man lernen, was Lachen heißt. Als die Krankheit fortschritt, so erzählt die Ärztin, rief sie Mae alle paar Tage an, um zu hören, wie es ihr ging. Und Mae antwortete immer auf dieselbe Weise: „Ich bin gesegnet, Schwester. Ich bin gesegnet.“ Auch am Abend, bevor sie starb, brachte man ihr das Telefon ans Bett. Mae rang nach Luft und konnte kaum sprechen. Die ersten Worte waren nicht zu verstehen. Aber dann sagte sie wieder und mit einem Lächeln in ihrer Stimme: „Ich bin gesegnet, Rachel. Ich bin gesegnet.“ (R.N. Remen, a.a.O., S. 25f)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.
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Predigt zu Lukas 17,11-19 von Rainer Kopisch
11. Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog.
12. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne
13. und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 14. Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern!
Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
15. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme
16. und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm.
Und das war ein Samariter.
17. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?
18. Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?
19. Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
Liebe Gemeinde,
wenn Jesus Gleichnisse erzählt, will er seinen Zuhörern in einer Predigt nicht nur etwas über das Reich Gottes verdeutlichen sondern ihnen auch gleichzeitig sagen, das dieses Reich Gottes greifbar nahe - gegenwärtig ist.
Die Wirkungen seiner Predigten und Heilungen lassen sein Hauptanliegen gegenwärtig erlebbar werden, die Herzen der Menschen für das Reich Gottes zu öffnen und sie gleich zeitig in dieses Reich eintreten zu lassen, wenn sie dazu bereit sind.
Die Verkündigung dieser Botschaft vom Reich Gottes war seine Lebensaufgabe. Sein Lebensweg war dieser Aufgabe geschuldet und er führte ihn letztlich nach Jerusalem.
Es ist Jesus gelungen, seinen Jüngern das Reich Gottes so nahe zu bringen, dass sie sich selbst in seinem Auftrag und in seiner Nachfolge auf den Weg machten, den Menschen in Predigten und auch in Heilungen das Reich Gottes nahe zu bringen.
In den Predigten der Jünger haben natürlich die Erinnerungen an ihre Erlebnisse mit Jesus eine große Rolle gespielt. Für uns ist es gut, dass viele Erinnerungen und Berichte auch aufgeschrieben wurden. Wir zehren von diesen Texten. Wo sich Christen um das Wort Gottes und im Namen Jesu versammeln, ist das Reich Gottes gegenwärtig greifbar. Die Bezeichnung Gottes Wort haben Bibeltexte dort zu Recht, wo Gottes Reich durch sie lebendig wird.
Im Gleichnis, das wir in der Lesung des heutigen Evangeliums schon gehört haben, lässt uns Lukas mit erleben, wie Gegenwart des Reiches Gottes erlebbar werden kann.
Auf dem Weg nach Jerusalem – Lukas deutet das Ende des Lebensweges Jesu an – begegnet Jesus in einem Dorf zehn Aussätzigen. Sie bleiben im der gebotenen Abstand stehen und rufen: „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser.“ Er sieht sie an und spricht: „Geht hin und zeigt euch den Priestern.“ Die Priester waren für die Feststellung zuständig, ob jemand rein oder unrein im Sinne der kultischen Ordnung ist. Ein Mensch mit Aussatz war in diesem Sinne unrein.
Auf dem Weg zu den Priestern wurden alle zehn Männer geheilt. Einer von ihnen, ein Samariter, kehrte um und pries Gott mit lauter Stimme, als er sah, dass er geheilt war.
Er fiel vor Jesus auf sein Angesicht – ein Zeichen höchster Ehrerbietung und Anbetung – und dankt ihm für seine Heilung.
Jesus antwortete und sprach: „Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?“
Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben als nur dieser Fremde?
Dann erst spricht Jesus zu dem Samariter: „Steht auf, dein Glaube hat dir geholfen.“
Wenn wir auf Gefühle in diesem lukanischen Gleichnis achten, werden wir die überwältigend deutlichen großen Gefühle des geheilten Samaritaners erkennen. Sie weisen uns auf sein persönliches Erleben des gegenwärtigen Reiches Gottes hin. Sein Erleben beginnt mit dem Bewusstsein seiner Heilung und seine Gefühle sind Freude und Dank für die göttliche Wohltat seiner Heilung. Er preist Gott mit deutlicher Stimme, kehrt um und bringt Jesus überschwänglich Dank, in dem er vor ihm mit der Geste der Verehrung und Anbetung niederfällt.
Obwohl uns Jesu Gefühle aus dem Bericht des Lukas nicht deutlich werden, bemerken wir doch so etwas wie einen inneren Zwiespalt in seiner Reaktion auf den Dank und die Verehrung des Samaritaners. Die Frage nach dem Dank der anderen neun Geheilten und die scheinbar sachliche Feststellung, dass allein ein Fremder zum Dank umkehrt, kommen erst einmal über seine Lippen. Dann erst kann er sich dem Samaritaner persönlich zuwenden. Dein Glaube hat dir geholfen ist wie ein amtliches Siegel auf einer Einbürgerungsurkunde und Bestätigung der Teilhabe am Reich Gottes.
Joachim Jeremias, ein bedeutender Theologe nach Mitte des letzten Jahrhunderts schreibt: „ Vielmehr ist Jesu Verhalten gegenüber den Samaritanern, gerade auch in seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit, nur von seinem Hoheitsbewusstsein und seiner Ankündigung der eschatologischen Wende zu begreifen.“ Juden und Samaritaner lebten zu Zeiten Jesu in einem gespannten Verhältnis zueinander. Die Verheißung des Heilsangebotes an Israel galt zunächst den Juden und musste sich erfüllen, bevor sich dann auch endzeitlich die Eingliederung der anderen Völker, zu denen Jesus auch die Samaritaner rechnete, in das Gottesvolk erfolgen konnte. Zugleich aber war Jesus dessen gewiss, dass mit seiner Sendung die Heilszeit schon angebrochen war. Soweit ein paar hilfreiche Gedanken von Joachim Jeremias zum Versuch eines Verständnisses Jesu.
Lukas hat in der Dreigliederung seiner Zeitvorstellung der Geschichte Gottes mit den Menschen deutlich gemacht, dass wir Christen in einer Zwischenzeit leben. Die erste Zeit beschreibt als die Zeit des Lebens Jesu mit Tod und Auferstehung. Die Zweite Zeit der Apostel und Gemeinden beginnt mit Pfingsten und dauert, bis die dritte Zeit mit der Wiederkunft Christi und dem Beginn der ungeteilten und für alle Menschen sichtbaren Herrschaft Gottes erscheint.
Das Leben in der Zwischenzeit bedeutet für uns Menschen, dass wir täglich vielfältig herausgefordert sind, im Alltag der Welt unseren Weg zu finden. Als Christen wissen wir von unserem Ziel. Es ist das Reich Gottes. Wenn wir den Spuren von Heilung und Glaube in unserem Leben folgen, werden wir den Weg dorthin nicht verfehlen.
Diese Spuren gibt es deshalb, weil Gott in allen Zeiten lebendig gegenwärtig ist. Die Gegenwärtigkeit seines Reiches ist für uns Menschen erfahrbar, wenn wir Gott unser Herz öffnen.
Der geheilte Samaritaner hat sein Herz Gott geöffnet.
Dein Glaube hat dir geholfen, sagt Jesus den Geheilten. Er sagt auch uns damit deutlich, dass eine Heilung für Glaubende ein Schritt auf dem Weg in das Reich Gottes ist.
Was sagen uns die neun anderen Geheilten im Gleichnis des Lukas?
Sie sagen uns etwas von den verpassten Gelegenheiten in unserem eigenen Leben, von den Heilungen, die wir als selbstverständlich hingenommen haben. Sie sagen uns etwas von einer möglichen Kultur von Dankbarkeit in unserer Welt. Sie sagen uns etwas von Geben und Nehmen. Sie fragen uns nach uns selbst. Wie oft am Tag kommt Freude und Dank im Zusammenhang von Geben und Nehmen auf? Wie oft sind wir mit dem Herzen dabei, wenn wir mit anderen Menschen zu tun haben?
Immer, wenn wir in unserm Leben Heilung finden, dürfen wir glauben,
dass wir Schritte ins Reich Gottes machen.
Aber erst, wenn wir erfahren, dass unser Tod die letzte Heilung ist,
die den endgültigen und letzten Schritt in das Reich Gottes ermöglicht,
werden wir heil und ganz bei Gott sein.
Dann hat sich die Botschaft Jesu auch an uns erfüllt.
Amen.
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"Krieg und Frieden" - Predigt zu Lukas 10,25-37 von Luise Stribrny de Estrada
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn und Bruder Jesus Christus.
Amen.
Liebe Schwestern und liebe Brüder!
Wir hören den Text, über den wir heute in der Predigt gemeinsam nachdenken wollen. Lukas schreibt im 10. Kapitel seines Evangeliums:
„Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.
Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.
Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.
Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!“ (Lukas 10,25-37)
Marisa ist 20 Jahre alt. Sie lebt irgendwo im Osten von Deutschland auf dem Land und gehört zu einer Clique von Neonazis. So wie die jungen Männer aus ihrer Gang schlägt auch sie auf Menschen ein, die durch ihr Aussehen als Ausländer auffallen, und brüllt Hassparolen. Am Badesee provoziert die Gruppe einen Streit mit zwei Brüdern aus Pakistan, die in einer Asylbewerberunterkunft ihres Ortes wohnen. Als sie auf dem Weg nach Hause ist, überholt Marisa mit dem Auto die beiden Jugendlichen, die auf einem Mofa fahren. Ein Schlenker nach rechts – und im Rückspiegel sieht sie, dass sie das Mofa aus der Bahn geworfen hat und die Brüder am Straßenrand liegen.
Bald danach begegnet sie einem der Brüder, Rasul, wieder. Er kauft im Lebensmittelmarkt ihrer Mutter ein und hat nicht genug Geld, um alles zu bezahlen, was er auf das Band gelegt hat. Zuerst will Marisa ihm nur einen Teil der Lebensmittel überlassen, aber dann lässt sie sich durch seine Gesten überreden. Dass sie nachgibt, hat auch mit ihrem schlechten Gewissen zu tun, denn sie glaubt, dass sie seinen Bruder getötet hat. Bei ihrer nächsten Begegnung zeigt er ihr das verlassene Gebäude, in dem er inzwischen untergekommen ist, und sie verbringen einen Abend zusammen mit Kochen und Erzählungen von seiner Flucht in holprigem Englisch. Marisa lernt zum ersten Mal einen Menschen kennen, der in Deutschland fremd ist, der eine andere Heimat hat als sie. Zwischen ihnen entsteht eine freundschaftliche Beziehung. Marisa distanziert sich immer weiter von ihrer Neonazi-Gang und ihrem Freund, der dort der Anführer ist. Stattdessen engagiert sie sich immer mehr dabei, Rasul zu helfen. Dieser will nach Schweden, wo Verwandte von ihm leben. Marisa stellt Kontakt zu Schleppern her und bringt ihn zu einem Treffpunkt an der Ostsee, wo sie für ihn bezahlt und er in ein Boot steigt, das dort auf ihn gewartet hat. Dramatisch wird es am Schluss, als Marisas Ex-Freund auftaucht und sie durch einen Schuss in die Brust tötet. – „Kriegerin“ heißt der Film, der Marisas Geschichte erzählt, er wurde von David Wnendt gedreht und 2011 uraufgeführt.
Was hat der Film „Kriegerin“ mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zu tun, das Jesus erzählt, um vor Augen zu führen, wer unser Nächster ist? Ich lese den Film als eine moderne Fortschreibung der Geschichte vom Samariter: Marisa ist eine Frau, die heute in die Spuren des Samariters tritt. Sie und der Mann aus Samarien haben gemeinsam, dass sie bereit sind, den anderen anzusehen. Sie nehmen wahr, was dem anderen geschehen ist: der Überfallene in der älteren Geschichte blutet und liegt nackt auf dem Boden, er ist halb tot. Der pakistanische Junge in der modernen Geschichte hat Hunger, aber kein Geld. Er ist allein, nachdem sein Bruder ausgewiesen worden ist, und weit weg von seiner Familie. Er spricht kein Deutsch. Marisa und der Samariter sehen einen Menschen, der am Ende ist und nicht mehr weiter kann.
Und dann geschieht das Entscheidende: „Er jammerte ihn“, heißt es in der Geschichte Jesu. Der Anblick des Opfers rührt das Herz des Samariters, er trifft ihn in seinem Inneren. Er lässt sich das nahe gehen, was dem anderen passiert ist, und ändert seine Pläne, um dem Mann zu helfen. - Marisa, die Kriegerin, begreift, dass Rasul wirklich in Not ist und nichts zu essen haben wird, wenn sie ihm nicht hilft. Sie kapiert zum ersten Mal, wie sich ein Ausländer in Deutschland fühlt, wenn ihm nur Ablehnung entgegen schlägt. Und sie merkt, dass er nicht so ist, wie sie sich bisher Ausländer vorgestellt hat, die sie nur von weitem kannte. Rasul wird ihr sympathisch. Das bringt sie dazu nachzudenken und ihre Ideologie und die ihrer Freunde in Frage zu stellen.
Der Samariter bleibt nicht beim Mitleiden stehen, sondern handelt und tut das Notwendige. Er verbindet den Verletzten und bringt ihn in eine Herberge, wo er sicher ist. Dort versorgt er ihn weiter und bittet dann den Wirt, die Pflege zu übernehmen. Dafür bezahlt er ihn. - Marisa tut ebenso wie der Mann aus Samarien das, was jetzt am wichtigsten ist: Sie sorgt dafür, dass Rasul etwas zu essen bekommt, nicht nur einmal, sondern viele Male. Als sie mitbekommt, wie wichtig es ihm ist, nach Schweden weiterzuziehen, ruft sie für ihn bei den Schleppern an, besorgt Geld und bringt ihn zum vereinbarten Treffpunkt. Mehr kann sie nicht für ihn tun: Sie sieht ihm nach, als er ins Boot steigt, und hofft, dass dieses Boot ihn wirklich auf die andere Seite der Ostsee bringen wird. Ob das gelingt, erfährt der Zuschauer nicht.
„So geh hin und tu desgleichen!“, sagt Jesus am Schluss zu dem Schriftgelehrten, dem er das Gleichnis erzählt hat. Das gilt bis heute, es gilt auch uns. Lassen wir uns anrühren von dem, was dem Menschen neben uns passiert, und helfen ihm? Sind wir bereit, unser Herz für ihn zu öffnen und uns sein Schicksal nahe gehen zu lassen? In diesen Wochen hören wir täglich und stündlich von Menschen, die wie Rasul auf abenteuerlichen Wegen bis nach Deutschland flüchten und hoffen, dass sie hier in Sicherheit sind und die Chance auf ein neues Leben bekommen. Sie haben Schlimmes erlebt, sind vor Krieg, Zerstörung und Gewalt geflohen, haben viele ihrer Lieben sterben sehen. Fast alles haben sie zurückgelassen und kommen hier oft nur mit dem an, was sie auf dem Leib tragen.
Wer wird den Menschen, die hier bei uns ankommen, zum Nächsten? Leute wie Caroline, von der ich in der Zeitung gelesen habe (in: DIE ZEIT, No. 32). Caroline wohnt auf dem Land in der Nähe von Passau. Eines Morgens sah sie in ihrem Vorgarten 17 Leute sitzen, die sie nicht kannte. Als sie zu ihnen hinging, sprachen sie sie gleich auf Englisch an: „Police, police.“ Nach einigen Augenblicken begriff sie, dass sie gerade zu Fuß über die österreichische Grenze gekommen und jetzt am Ende einer langen Flucht waren. Sie rief bei der Polizei an, damit die sich um die Menschen kümmern könnte, und während alle auf das Eintreffen der Polizei warteten, schmierte sie für ihre Gäste Brote. „Nicht mit Schweinefleisch“, fiel ihr ein, deshalb griff sie zum Nutellaglas. Ihre Brote gingen weg wie warme Semmeln, die Flüchtlinge aßen mit Heißhunger. Es sollte nicht die einzige Gruppe von Flüchtlingen bleiben, um die sie sich kümmerte. Inzwischen stranden täglich Menschen in Carolines Gegend. Einige Nachbarn halten ihre Fenster und Türen geschlossen, weil sie Angst haben oder weil sie mit dem Schicksal dieser Menschen nichts zu tun haben wollen, andere wie Caroline geben ihnen zu essen und zu trinken, sammeln für sie Kleidung und Decken und sehen es als ihre Aufgabe an zu helfen, wo sie können.
Wer wird den Menschen, die hier bei uns ankommen, zum Nächsten? Jemand wie Tobias, der ein Programm für Flüchtlingskinder koordiniert (in: DER SPIEGEL Nr. 34) Sie sind mit ihren Eltern in der Turnhalle von Tobias‘ Universität untergekommen, da die Erstaufnahmeeinrichtung überfüllt war. „Unsere Gäste“ nennt man sie an der Uni. In Tobias‘ Büro rufen im Minutentakt Leute an, die den Kindern helfen wollen: Eine Frau bietet an, dass sie vorlesen könnte. „Ja, klar“, ruft Tobias in den Hörer, „wann können Sie?“ Eine Familie aus der Nachbarschaft will dabei helfen, Essen auszugeben. „Kommt rüber“, fordert Tobias sie auf. Als nächstes meldet sich einer, der Spielsachen verschenken möchte. „Bitte geben Sie sie bei der Kirche ab, unsere Garage ist schon voll“, vermittelt Tobias ihn weiter. So geht es den ganzen Tag. Eigentlich hatte Tobias vor, in seinen Semesterferien auszuschlafen, Freunde zu treffen und Party zu machen. Jetzt ist er von morgens bis abends im Einsatz. Er weiß, dass er am richtigen Platz ist. „Geh hin und tu das Gleiche“, fordert Jesus am Schluss des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter. So etwas wie Tobias oder Caroline oder Marisa und viele Tausende für die Gäste tun, die es auf ihrer Flucht bis in unser Land geschafft haben.
Ich bin davon überzeugt, dass es auch für jeden von uns eine Aufgabe gibt, die wir übernehmen und zeigen können, dass wir solidarisch mit den Flüchtlingen sind, die in unserer Nähe wohnen. Dann sehen wir sie nicht nur auf Bildern im Fernsehen, im Internet und in der Zeitung, sondern begegnen ihnen wirklich. Wie das werden wird, müssen wir ausprobieren. In welcher Sprache wir miteinander sprechen, auch. Ob sich ein Miteinander entwickelt, hängt auch an uns und daran, wie wir auf die Menschen zugehen und wie wir uns verhalten.
Dabei können wir Christus begegnen. Er ist unter denen, die auf Hilfe angewiesen sind, die Essen, Kleidung und Unterkunft brauchen. „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40), sagt Jesus. So heißt es im Wochenspruch dieses Sonntags. Christus ist einer der Flüchtlinge. Aber wir können ihn auch bei denen finden, die helfen. Martin Luther hat die Geschichte vom Barmherzige Samariter so verstanden, dass Christus der Mann aus Samarien ist, der sich erbarmt und dem Zusammengeschlagenen hilft. So kann uns Christus begegnen, wenn wir ins Gespräch kommen mit einer Frau, die einem Flüchtling Deutschunterricht gibt oder mit einem Mann, der jemanden zum Arzt begleitet.
„Christus hat keine Hände als unsere Hände“, hat die Theologin Dorothee Sölle gesagt. Aber unsere Hände hat er, und die sollen wir benutzen, um das Gleiche zu tun wie der Mann aus Samarien.
Dabei helfe uns Gott.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.