Predigt zu Römer 6,18-23 von Thomas Bautz
„Ihr seid vom Sklavendienst der Sünde befreit und als Sklaven in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt, das heißt in den Dienst des Guten, das Gott will. Ich rede sehr menschlich vom ‚Sklavendienst‘ der Gerechtigkeit - ich gebrauche dieses Bild, weil euer Verständnis und Begreifen noch schwach ist.
Früher stelltet ihr euch selbst mit all euren Gedanken und Taten in den Dienst der Unreinheit und Ungesetzlichkeit. Ihr führtet ein Leben, das Gott nicht gefallen konnte. So stellt euch jetzt umgekehrt in den Dienst des Guten und führt euer Leben als Menschen, die Gott gehören.
Als Sklaven der Sünde waret ihr dem Guten gegenüber frei; es war euch überlassen, Gutes zu tun oder nicht. Wie hat sich das ausgewirkt? Euer Leben trug faule Früchte. Ihr schämt euch, wenn ihr daran denkt; denn was ihr damals getan habt, führt letztendlich zum Tod.
Aber jetzt seid ihr vom Dienst der Sünde befreit und dient Gott. Und das bewirkt eine Lebensführung, durch die ihr euch als Gottes heiliges Volk erweist; als Endziel erwartet euch ewiges Leben. Der Ertrag der Sünde ist Tod. Gott aber schenkt uns unverdient, aus reiner Gnade, ewiges Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn.“
Liebe Gemeinde!
Die Geschichte der Völker wie auch die Biographien einzelner Menschen oder Familien birgt so viele Ungeheuerlichkeiten, für die es meines Erachtens kein treffendes Wort gibt. Sogar das Wort „Sünde“ erscheint mir dafür zu schwach. Manchen grauenhaften Verbrechen in Vergangenheit und Gegenwart verweigert die Sprache ihre Fähigkeit der Benennung. Gibt man ihnen dennoch einen Namen, wird man schon beim Aussprechen dessen gewahr, wie unangemessen, unzureichend, untauglich und kraftlos er ist. So verhält es sich auch mit dem Wort „Sünde“.
Das Christentum hat - vermutlich ungewollt - bewirkt, dass der Begriff „Sünde“ seiner Kraft beraubt und seine Bedeutung nivelliert worden ist: Wenn alle Menschen „Sünder“ sind, dann ist gewissermaßen niemand „Sünder“. Zwar werden auch einzelne „Sünden“ benannt, aber vor allem geht es um die grundsätzliche „Trennung von Gott“, die jeden Menschen a priori (von vornherein) betrifft. Sie wird mit dem Mythos vom „Sündenfall“ und der „Vertreibung aus dem Paradies“ begründet.
Durch Rückgriff auf das Griechische sollte der im Deutschen schillernde und oftmals moralisierend verwendete Begriff „Sünde“, dessen Ursprung ungeklärt ist, weltanschaulich neutral und unverfänglich als „Zielverfehlung“ übersetzt werden. Homer, Aischylos u.a. benutzen den Ausdruck in der Regel, wenn ein Bogenschütze sein Ziel verfehlt. Dann wird es auch metaphorisch gebraucht: sein Lebensziel, seinen Lebenssinn verfehlen. Im Hebräischen bedeutet der entsprechende Ausdruck allgemein „Verfehlen eines Ziels“. Wesentlich später verengt sich im Christentum die Bedeutung und wird zum religiösen Begriff „Sünde“.
Das Wort „Sünde“ ist zwar etymologisch nicht geklärt; vieles aber verweist auf Bedeutungen wie „Schuld“, „Straffälligkeit“ und auch „Schande“. Im Deutschen wurde „Sünde“ erstmals als christlicher Begriff eingeführt. Eine falsche, volksetymologische Deutung führt es auf das germanische „Sund“ zurück, weil „Sund“ eine Trennung bezeichne; „Sund“ bezeichnet aber im Gegenteil etymologisch „Enge“, also eine Verbindung, z.B. eine „Meerenge“. Neuerdings wird dann „Sund“ wiederum als „Trennung“ gedeutet, was die Ungeklärtheit seiner Herkunft nur unterstreicht. Wer so beharrlich „Sünde“ mit „Trennung“ assoziiert, mag dafür inhaltliche Kriterien ins Feld führen: Zwischenmenschlich führt Schuld zwangsläufig auch zur Trennung.
„Schuld“ und „Zielverfehlung“ sind zunächst rein anthropologische Phänomene und sagen nichts Direktes über eine angebliche Trennung von einer „Gottheit“ aus. Schuld kann man auf sich laden, und es kann auch jeder sein Ziel - grundsätzlich als Lebensziel oder mehrfach im Leben einzelne Ziele - verfehlen; das betrifft „Fromme“ wie „Unfromme“.
Wenn jemand sein Ziel - womöglich sein Lebensziel: das, was ein Mensch aus seinem Leben machen könnte - verfehlt, kann das vielfache Ursachen haben. Es ist erschütternd zu erleben, wie Menschen oftmals daran gehindert werden, ihre Gaben zu entdecken, geschweige denn ihnen zu entsprechen. Das Unglück beginnt für viele schon in der Kindheit, wenn zerrüttete Familienverhältnisse keine gesunde und stabile Basis für Gegenwart und Zukunft darstellen.
Ich fände es sehr überheblich und lieblos, solchen Menschen später als Erwachsene zu sagen, sie dürften niemanden aus der Vergangenheit für ihr gegenwärtiges Leben verantwortlich machen. Sie allein müssten die Verantwortung tragen. Natürlich kann der Rückblick in die eigene Vergangenheit mehr belasten, als dass er hilft, das Geschehene und Ertragene besser zu verarbeiten, um sich dann - so befreit wie irgend möglich - desto zuversichtlicher wieder der Gegenwart und Zukunft gestärkt zu widmen.
Aus eigener Erfahrung aber muss ich auch darauf hinweisen, dass es sehr befreiend sein kann, wenn man sich peu à peu dessen bewusst wird, wofür man de facto selbst die Schuld trägt, und worin man tatsächlich hineingeworfen wurde oder hineingeraten ist. Bereits ein kurzes Brainstorming offenbart eine Kette von Ursachen und Wirkungen, die keinesfalls zufällig sind.
Es mag so manchen „Beichtvater“ verwundern, wenn er wüsste, dass Menschen auch dadurch „erlöst“ werden - gelöst von unangemessenen, irrigen Schuldgefühlen, indem sie schlicht erkennen: „Es ist nicht meine Schuld!“ Oder: „Ich konnte gar nicht anders handeln!“ Wer dies im Tiefsten seines Denkens und Fühlens erkennt, ist dazu befreit, allmählich Verantwortung für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln schrittweise zu übernehmen. Er kann sein Leben selbst in die Hand nehmen.
So weit, so gut - „Sünde“ und Schuld im Zwischenmenschlichen; aber was soll der Begriff „Sünde“ im Verhältnis des Menschen zu „Gott“ bedeuten?
Dazu möchte ich ein typisches Denkmodell beleuchten, wie es uns bei Paulus begegnet: ein Denken in Gegensätzen, ein Dualismus. Er stellt einfach fest (konstatiert, postuliert), es gäbe eine grundsätzliche Polarität: Entweder lebe ich zwangsläufig im Dienst der „Sünde“, oder ich lebe zwangsläufig im Dienst der Gerechtigkeit zum Gefallen „Gottes“.
Ich sage „zwangsläufig“, „gezwungenermaßen“, weil Paulus das Bild vom Sklavendienst gebraucht. Die Unfreiheit bestünde so nach zwei Seiten; ein zeitgenössischer Kommentator schreibt: Es ginge „um ein wirkliches Sklavenverhältnis“; der Mensch sei „in Wirklichkeit nie autonom, sondern abhängig - sei es von der Sünde, die ihm Freiheit von Gott vorspiegelt“, „sei es aber auch von Gott, der ihn von der Sünde frei gemacht hat“.
„Als Sklave der Sünde leben“ - „als von der Sünde Befreiter für die Gerechtigkeit leben“: „fromm - unfromm“, „gläubig - ungläubig“, „heilig“ - „unheilig“, „Getaufte“ - „Heiden“, „kirchlich - unkirchlich“, „christlich - unchristlich“, solchen Dualismen trete ich vehement entgegen, weil sie künstlich Gegensätze schaffen, Menschen kategorisieren nach Maßstäben, die nur allzu menschlich und fragwürdig sind.
„Kategorisieren“ bedeutet im Griechischen ursprünglich u.a. „anklagen“, „beschuldigen“, „vorwerfen“. Wir sprechen etwas abmildernd vom Schubladendenken; doch ist das sehr viel anders, wenn ich jemanden in eine von mir gefertigte oder gesellschaftlich oder gar kirchlich sanktionierte „Schublade“ stecke, aus der dieser Mensch - „schuldig im Sinne der Anklage“ oder womöglich unschuldig Zeit seines Lebens nicht mehr herauskommt?!
Ich finde das Menschenbild des Paulus fragwürdig, zumal es bis heute christliches Denken geprägt hat. Ein zeitgenössischer Theologe resümiert (2008), indem er völlig korrekt auf die Personifikation der „Sünde“ bei Paulus (in Röm 6,15-23) hinweist: Der personifizierte Akteur „Sünde“ betritt die Weltbühne „von den hinteren Kulissen her“ („from offstage“), um mit ihrem Geschäft der Versklavung, des Betrügens, des Tyrannisierens zu Werke zu gehen. So verursacht sie Chaos und Verwüstung in der Welt und in der Menschheit.
Die Herkunft dieser Personifikation aus dem Mythos vom Paradies ist bekannt. Man gewinnt den Eindruck, dass die „Schlange“, die „Eva“ dazu verführt, vom „Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“ zu essen, geradezu die „Sünde“ verkörpert. Immerhin vernimmt nach der Austreibung aus dem Paradies der unglückselige „Kain“ „die an der Tür lauernde Sünde“, was ihre Personifikation nochmals unterstreicht.
Für das Leben „jenseits von Eden“ hat Paulus eine scheinbar geniale „Lösung“ anzubieten: Akzeptiere dein „Sündersein“, deinen „sündigen“ Zustand, unterwerfe dich dem „gnädigen Gott“, indem du glaubst (darauf vertraust) und bekennst, dass er sich durch den Tod „seines Sohnes Jesus Christus“ mit jedem Menschen versöhnt hat. Nur kraft dieser wirkmächtigen Gnade bist du gerechtfertigt und gerettet (ansonsten bleibst du der „Sünde“ verschrieben und bist verloren).
Ich vermag an dieser Stelle keinen kurzen Abriss zur Theologie des Paulus und zu seinem Menschenbild zu skizzieren, um sie mit bedeutsamen Inhalten der Verkündigung des Jesus von Nazareth zu vergleichen. Doch scheint mir sein Denken nicht in erster Linie jesuanisch geprägt zu sein, denn „Gott lässt seine Sonne scheinen über Gute und Böse“. Der Kontext spiegelt - innerhalb der Bergpredigt - einen wichtigen Teil der ethischen Forderungen Jesu:
„Ihr habt gehört, dass geboten worden ist (Lev19,18): ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen!‘ Ich dagegen sage euch: Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger,
damit ihr euch als Kinder eures himmlischen Vaters erweist. Denn er lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,43-45).
Dem Nazarener geht es nicht darum, Menschen in „gut“ und „böse“, „gerecht“ und „ungerecht“ einzuteilen - kein Denken oder Urteilen in Kategorien -, man soll sich vielmehr als „Kind Gottes“ erweisen, indem man zu allererst nach „Gottes Herrschaft“, nach „Gottes Reich“ (oder „Reich der Himmel“) und nach seiner Gerechtigkeit trachtet, dann wird einem auch alles zum Leben Notwendige geschenkt und das Leben insgesamt gelingen (Mt 6,33).
Angenommen „Gottes Liebe“ gilt allen Menschen - wenn ich das schon glaube oder darauf vertraue und selbst von Kind auf ein Leben in liebevoller, vertrauensvoller Umgebung sogar habe erfahren dürfen, bin ich gefordert, wenigstens einen Teil dieser Liebe weiterzugeben. Dann wird „Gottvertrauen“ praktisch, spürbar, vielleicht auch nachvollziehbar.
Angesichts des unsäglichen, selten selbst verschuldeten Leids unter Menschen und Tieren kommen doch Zweifel an „Gottes Liebe“ auf. Es sei denn, ich vertraue wie ein Kind darauf, dass dieser „Gott“ am dauerhaften Desaster und Chaos - an Verwüstung und Zerstörung von Natur- und Menschenwelt selbst mitleidet. Ja, für mich ist „Gott“ das Wesen, das am meisten leidet. In etwa wie Eltern, die irgendwann erleben müssen, dass sie den Lebensweg ihrer geliebten Kinder nicht mehr beeinflussen können.
Wer von „Sünde“ und Schuld im elementarsten Sinne redet, wie Paulus es meint verantworten zu können, der bringt eben auch „Gnade“ ins Spiel - ein Spiel allerdings, in dem es um Tod und Leben geht! „Gnade“ oder Begnadigung setzt eine Verurteilung voraus; verurteilt werden Verbrechen wie Totschlag, Mord, Kapitalverbrechen, Kriegsverbrechen, Massenmord usw. Die Todesstrafe wird juristisch relativ selten vollzogen.
Theologisch, besser: paulinisch allerdings ist der Tod die Konsequenz eines Lebens im Sklavendienst der „Sünde“; natürlich versteht Paulus an dieser Stelle „Tod“ metaphorisch. Ein „Leben in Sünde“ wäre also ein gänzlich fruchtloses Dasein; es sei denn, man unterwirft sich (wiederum als „Sklave“), wie gesagt, einem Leben im Dienst der Gerechtigkeit „Gottes“. Doch lässt sich das eine wirklich vom anderen unterscheiden? Oder: Sind Christen tatsächlich „bessere“ Menschen? Das wird zwar fast immer verneint, aber wer weiß, wer was denkt …?!
Sehr weise äußert sich Jesus von Nazareth - in einem kurzen, aber denkwürdigen Abschnitt, wiederum aus der Bergpredigt, zur Paradoxie eines Denkens und Urteilens in Polaritäten, die er geradezu entlarvt, andererseits aber auch eine Alternative aufzeigt.
„Hütet euch vor den Trugpropheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, im Inneren aber räuberische Wölfe sind. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Kann man etwa Trauben lesen von Dornbüschen oder Feigen von Disteln? So bringt jeder gute (gesunde) Baum gute Früchte, ein fauler (kernfauler, mit verdorbenen Säften) Baum aber bringt schlechte Früchte; ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen, und ein fauler Baum kann keine guten Früchte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Also: an ihren Früchten erkennt ihr sie genau“ (Mt 7,15-20).
Natürlich lässt sich die florale Metaphorik auf keinen Menschen direkt übertragen, und Obst-bauern mögen dem Bild vom gesunden und faulen Baum grundsätzlich widersprechen, weil Obstbäume verschiedene Zeiten unterschiedlicher Reife durchleben: einmal mehr Früchte, einmal weniger und auch mal gar keine Früchte tragend. Dieser Wechsel von „Fruchtbarkeit“, reichem, magerem oder keinem Ertrag darf eher auf ein Menschenleben übertragen werden.
Gewarnt sei allerdings vor jenen, die meinen, vorwiegend fruchtbare (religiöse) Erkenntnisse und vorbildliches Verhalten vorweisen zu können. Sie betrügen sich selbst und verführen die Leichtgläubigen. Am schlimmsten sind in dieser Hinsicht diejenigen, die ihre eigene Religion und Frömmigkeit als die einzig wahre propagieren; ihnen gilt die Mahnung (Mt 7,21-23):
„Nicht alle, die 'Herr, Herr' zu mir sagen, werden (darum schon) ins Himmelreich eingehen, sondern nur, wer den Willen meines himmlischen Vaters tut. Viele werden an jenem Tage (d.h. am Tage des Gerichts) zu mir sagen: 'Herr, Herr, haben wir nicht kraft deines Namens prophetisch geredet und kraft deines Namens böse Geister ausgetrieben und kraft deines Namens viele Wundertaten vollführt?' Aber dann werde ich ihnen erklären: 'Niemals habe ich euch gekannt; hinweg von mir, ihr Täter der Gesetzlosigkeit!'“
Mit diesen Worten führt der Nazarener m.E. jegliches Urteilsvermögen und Kategorisieren ad absurdum; er entzieht einem beurteilenden religiösen Denken die Kriterien, auf die es sich meint stützen zu können. In den Evangelien wird erzählt, dass die Jesus Nachfolgenden genau diese Taten vollbracht haben, wie es von ihnen auch erwartet wurde. Doch sind weder die Berufung auf den Kyrios (Herr) noch auf die an sich glaubwürdigen Taten entscheidende Kriterien für eine Teilhabe am Reich der Himmel (Reich „Gottes“). Vielmehr kommt es Jesus darauf an, dass man „nach Gottes Willen“ handelt. Dabei betritt man allerdings ebenfalls ein schwieriges, schwer zu überschauendes Terrain, ja, geradezu eine „terra incognita“, weil sich natürlich nicht allgemein von vornherein sagen lässt, worin „der Wille Gottes“ bestünde.
Andererseits hat der Rabbi Jesus seine Leute nicht „ohne Kompass“ durch die Gegend oder gar in die Wüste geschickt, und auch wir müssen nicht orientierungslos leben. Wenn wir zum Wohl unserer Mitmenschen und auch zur eigenen Befriedigung unseren Gaben entsprechend unser oft widersprüchliches Dasein gestalten und bewirken, dass auch Notleidende und meist Ungeliebte in unserer Mitte dennoch ein würdevolles Leben führen (dürfen), dann wird m.W. „Reich Gottes“ gebaut. Dietrich Bonhoeffer meint (in der Ethik), der „Wille Gottes“ sei nur im gleichzeitigen Hören und Tun (Handeln) erfahrbar.
Ein anschauliches Beispiel ist für mich die Erzählung von Petrus, der an der Tempelpforte einem um Almosen bittenden, von Geburt an Lahmen, spontan entgegnet: „Silber und Gold besitze ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth: Steh auf und geh umher!“ Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen, ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. (Apg 3,1-11)
Wir müssen keinen „dogmatisch korrekten“ Glauben oder „Glauben“ überhaupt präsentieren, propagieren oder gar darüber streiten. Innerhalb der Jesus-Bewegung und im Mittelalter (z.B. Thomas à Kempis) spricht man gern von der „Nachfolge Jesu“. Für den Nazarener steht eindeutig die Verkündigung der „Herrschaft Gottes“, seines „Reiches der Himmel“ sowie das „Handeln nach dem Willen Gottes“ im Zentrum seines Lebens und Sterbens. Die Gleichnisse, die Berg- und Feldpredigt (Mt, Lk) mit bedeutsamen Kriterien und Wegweisungen, mit dem Vaterunser auch für das Beten und für persönliche Frömmigkeit sind allemal geeignet, dem Beispiel Jesu zu folgen.
Ich muss nicht komplizierten Gedankengebäuden nachdenken - und ich finde Paulus unnötig schwierig -, um mich im Leben zu bewähren und zu versuchen, ein „gerechtes“ Leben zu führen; ob es dann „Gott wohlgefällig“ sein wird, darüber vermag ich nicht zu urteilen, und ich muss es auch nicht! Selbst Paulus schreibt (1 Kor 4,3-4): „Doch was mich betrifft, so ist es mir durchaus gleichgültig, ob ich von euch oder von (sonst) einem menschlichen Gerichtshofe ein Urteil empfange; ja, ich gebe nicht einmal selbst ein Urteil über mich ab. Denn ich bin mir wohl keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerechtfertigt; nein, der Herr ist’s, der das Urteil über mich abgibt.“
Amen.
Cf. Liddell & Scott: Greek-English Lexicon (1996), s.v. hamartía, 77.
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 2 (Nachdruck 1999), s.v. Sünde, 1009-1110.
Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Erarbeitet unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer (2014), s.v. Sünde, 1397f.
„Sund“ wird wieder als „Trennung“ gedeutet bei Hartmut Rosenau: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18,13). Hamartiologische Vorüberlegungen zur Einführung, in: MthSt 105/ MJTh XX: Sünde (2008), 1-14; jedoch wird „Sund“ auch anders abgeleitet und dann im Sinne von „Trennendes“, „Getrenntes“ verstanden; cf. Etymologi-sches Wörterbuch des Deutschen (2014), s.v. Sund, 1397.
Ulrich Wilckens: Der Brief an die Römer (Röm 6-11), EKK VI/2 (1980), 33-42.
Norbert Baumert: Christus - Hochform von ‚Gesetz‘. Übersetzung und Auslegung des Römerbriefes (2012), 112-117.
David J. Southall: Rediscovering Righteousness in Roman, WUNT 240 (2008), 83-112; 113-147.
Jacob Thiessen: Gottes Gerechtigkeit und Evangelium im Römerbrief, EDIS. Edition Israelogie 8 (2014), 191ff.
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Predigt zu Römer 6,19-23 von Jörg Egbert Vogel
19 Ich muss menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen: Wie ihr eure Glieder hingegeben hattet an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden.
20 Denn als ihr Knechte der Sünde wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit.
21 Was hattet ihr nun damals für Frucht? Solche, deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod.
22 Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben.
23 Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.
Liebe Gemeinde,
der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom ist wohl das bedeutendste Textdokument aus der Frühzeit der Kirche, verfasst in den 50iger Jahren des 1. Jahrhunderts, also nur rund 20 Jahre nach Jesu Tod.
Im Römerbrief bemüht sich Paulus um eine grundlegende Darstellung des christlichen Glaubens aus seiner Sicht in der Sprache und Denkweise der jüdisch-hellenistisch-römischen Antike.
Der eben gehörte Predigttext dokumentiert dies in zweierlei Hinsicht.
Zum einen ist das duale Denken und Argumentieren auffällig:
Wie ihr eure Glieder hingegeben hattet an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit.
Und:
Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet.
Und:
Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben.
Diese 3 Textabschnitte stellen das Leben vor der Zugehörigkeit zur Gemeinde und danach gegenüber als Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit, als Knechte der Sünde und Knechte Gottes und Tod und Leben.
Zum anderen springt die uns fremde antike Ausdrucksweise ins Auge, stolpern wir leicht beim Lesen und Hören über Begriffe, die uns heute fremd und sinnentleert sind.
So sind Reinheit und Unreinheit, Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit, sowie Sünde und Knecht Gottes Begriffe und Gegensätze, die heute einen anderen Klang haben, als für Paulus und seine Zeit.
Zwar versteht jeder z.B. den Begriff Sünde, umgangssprachlich wird er aber kaum benutzt und wenn dann nur in einer verharmlosenden Weise. Und für jeden ist heute Sünde etwas ganz anderes. Für den Diabetiker schon das Kuchenessen.
In Luthers Zeit war der Begriff Sünde noch ganz klar theologisch, heilsökonomisch besetzt. Die Sünde war das Tun des Menschen, welches aufgrund seiner Gottferne geschah und zum Verlust des himmlischen Heils führte.
Bei Paulus ist der Begriff Sünde auch klar geprägt. Wegen seines jüdischen Hintergrundes ist sein Sündenverständnis auch ein jüdisches: Sünde ist die Übertretung eines der nach inzwischen traditioneller Zählung 613 Gebote aus der Thora. Und für traditionelle Juden ist das heute noch so.
Im Christentum gibt es ein breites Spektrum des Sündenverständnisses.
Für konservativ-fundamentalistische Christen ist schon der Kino- oder Theaterbesuch Sünde, während für die liberaleren, aufgeklärteren Sünde, in diesem auf das Gottesverhältnis bezogenen Sinn, praktisch nicht mehr vorkommt.
Das Verhalten von Menschen wird soziologisch und psychologisch beurteilt und erklärt, jedoch kaum noch mit den Kategorien von Sünde und Heil.
Die Freiheit von der Sünde folgt bei Paulus aus dem neuen Gottesverhältnis, das durch Jesus für alle Menschen ermöglicht wurde. Er nennt das „Knecht-Gottes-sein“.
Das ist für uns aber keine Beschreibungsmöglichkeit mehr für unser Gottesverhältnis. Wir sind keine Knechte, Diener, Sklaven Gottes und wollen das auch nicht sein. Für uns ist Gott der Freund und Partner.
Nicht, weil wir das so wollen, sondern weil er selbst uns zu Freunden, Partner, Töchtern und Söhnen durch Jesus Christus gemacht hat.
So schreibt Paulus im Galaterbrief: So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.
Dieses familiäre, freundschaftliche verwandtschaftliche Verhältnis ist also nicht mehr mit Knechtschaft und Sklaverei zu umschreiben.
Wir können also die Aussagen der wichtigsten Schrift des Neuen Testament, des Römerbriefes, nicht einfach eins zu eins übernehmen.
Doch das, was für Paulus entscheidend war, die neue Qualität des Lebens aus dem Glauben, der sich auf der Botschaft Jesu Christi gründet, ist heute noch genauso gültig. Wir beschreiben es freilich anders.
Paulus argumentiert hier in unserem Abschnitt gegen diejenigen unter den Christen, die die neue Freiheit des Glaubens falsch verstehen.
So sagt er ein paar Verse vorher: Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!
Denjenigen, die meinen, dass sie, weil sie an Jesus Christus glauben, nun sündigen, also die Gebote beliebig übertreten können, sagt Paulus, dass sie da etwas missverstanden haben.
An anderer Stelle sagt er ja, genau wie Jesus, dass die Gebote durchaus nicht aufgehoben und damit erledigt sind, sondern Jesu rechtverstandene Gesetzesauslegung besagt, dass die Gebote für den Menschen da sind und nicht umgekehrt.
Der Mensch soll nicht sklavisch und lieblos die Einhaltung aller 613 Gebote durchsetzen, sondern aus eigener Überzeugung und verantwortlich vor Gott handeln und sein Leben gestalten.
Nicht die Abschaffung des mosaischen Gesetzes lehrte Jesus und mit ihm hier Paulus, sondern die Selbstverantwortung des Menschen vor Gott und vor dem Nächsten.
Paulus nennt das Knecht-Gottes-Sein um damit zu zeigen, dass es sich nicht um Beliebigkeit handelt, wo jeder machen kann, was er will, sondern um die Letztverantwortung des Menschen in seinem Handeln vor Gott, die sich allerding nicht in eine kleinere oder größere Zahl von Geboten fassen lässt.
Deshalb ist das Gesetzesverständnis nicht der Unterschied zwischen Juden und Christen.
Wie es Juden gab und gibt, die es für wesentlich halten, die Gebote exakt einzuhalten und sich und andere ihrem Gesetzesverständnis sklavisch unterzuordnen, so gab und gibt es genauso Christen, die eine bestimmte Ethik und Moral und tägliche Verhaltensweisen für christlich halten und damit als von Gott gegeben und für alle und für immer gültig, und andere halten sie dann entsprechend für unchristlich.
Diese christlichen Sklaven des Gesetzes machen ihre Wertvorstellungen zum Maßstab für andere, proklamieren diese als göttlich und sind damit genauso lieblos wie die in den Evangelien so viel gescholtenen Pharisäer.
Vielleicht ist es einfacher eine bestimmte Anzahl von Geboten oder Regeln einzuhalten, als in Freiheit immer wieder neu entscheiden zu müssen, wem nütze und wem schade ich mit meinem Verhalten.
Doch genau das ist das Evangelium, so zu handeln, dass niemand Schaden nimmt und so zu leben, dass Leben in Freiheit für andere, auch für nachfolgende Generationen ermöglicht wird.
Dieser christlichen Ethik der Freiheit und der Liebe zum Nächsten gilt die paulinische Verheißung: Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.
Pf. Jörg Egbert Vogel, Berlin
j.e.vogel@gmx.de
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Wie wir leben sollen - Predigt zu Römer 12,9-21 von Eberhard Schwarz
Wie wir leben sollen
Liebe Gemeinde,
der zweite große Teil des Römerbriefes ist eine Antwort des Apostels Paulus auf die Frage, wie wir als Christinnen und Christen in dieser Welt leben sollen. Es geht um unseren Lebensstil. Bevor wir seine Antwort und damit den Predigttext aus dem 12. Kapitel des Römerbriefs hören, möchte ich diese Frage dreimal beleuchten.
Wie sollen wir leben?
Zwischen März 1520 und Ende Oktober desselben Jahres hatte Luther drei wichtige Schriften der Reformation verfasst. "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung ": darin geht es um ein politisches Reformprogramm, um Bildung, die nicht allein dem Klerus zugehören soll, um die Abschaffung des Zölibats, um die Einschränkung des Zinsnehmens, um Armenfürsorge und um anderes mehr. Sehr handfeste, auch aus heutiger Sicht bedeutende Verbesserungsvorschläge für eine Gesellschaft, die Sehnsucht nach Erneuerung hat.
Die zweite Schrift ist "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche", in der es um ein anderes Sakramentsverständnis geht – und im Hintergrund um eine neue Gestalt von Kirche.
Und schließlich schreibt er "Von der Freiheit eines Christenmenschen" mit den beiden an Paulus anknüpfenden Kernsätzen: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“ - durch den Glauben. Und gleichermaßen gültig: "Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller und jedermann untertan“ - durch die Liebe. Alle diese Schriften haben ihre Wurzeln in der biblischen Arbeit des Wittenberger Theologieprofessors. In diesen Jahren ist Luther besonders mit seinen Psalmenauslegungen und immer wieder mit Paulus befasst.
Ihn beschäftigt, wie das Evangelium der Befreiung, wie die Botschaft von der Gerechtigkeit Gottes öffentlich, lebendig, konkret werden kann in einer Welt der Angst, der Kleinmut, der Schuldverhaftung. Es sei ein kleines Büchlein, wenn man das Papier ansehe, aber doch die ganze Summe eines christlichen Lebens darin begriffen, wenn der Sinn verstanden würde, schreibt er über die Freiheitsschrift. Den Sinn würden besonders die ‚pauperes‘, die Armen, die erwählten Kinder Gottes verstehen. Warum besonders sie, die aus eigenen Kräften das Leben nicht planen, gestalten, entwickeln können?
Wie sollen wir leben?
Wir wissen: Das 15. und 16. Jahrhundert ist eine Zeit, in der unaufhörlich über neues Leben nachgedacht wird. Theologen suchen nach einer Reform der Scholastischen Theologie und des kanonischen Rechts, das bedrückend und schwer auf den Menschen lastet. Sie warten auf den Engelspapst und auf den Friedenskaiser. Beide bleiben aus. Andere stehen in der Erwartung des Weltendes. Sie stellen sich auf den großen Zusammenbruch der Dinge ein, lassen Welt Welt sein. Luther gehört zu keiner der beiden Seiten wirklich. Er ist keiner, der nur auf Strukturreformen setzt und auch gehört er nicht zu der Sorte von Apokalyptikern, denen die Welt egal ist.
Für ihn gilt: die Zeit ist im Übergang. Es ist Zwischenzeit. Wir leben im Advent. Gott kommt uns im Evangelium von Jesus Christus entgegen, ruft uns, sucht uns, will unsere Antwort. Wenn wir über das Leben, über unsere Ziele, über das, wofür wir leben wollen, nachdenken, dann nur unter dem Blick der Vorläufigkeit. Und nur so, dass unser weltliches Handeln immer als ein vorläufiges erkennbar wird. Auch die Maßstäbe, nach denen wir urteilen und handeln.
Es war die Theologie am Beginn des vergangenen Jahrhunderts, die dies noch einmal in aller Deutlichkeit gesehen und gesagt hat: dass uns das Evangelium mit unseren irdischen und weltlichen Handlungen immer wieder vor Gott und vor die Ewigkeit stellt. Sie haben gefragt: Vor welchem Horizont leben wir? Und sie haben erkannt, dass sich davon ausgehend entscheidet, wie wir leben sollen, welches unsere Maßstäbe sind.
Wie wir leben sollen? Die Antwort entscheidet sich vor dem Horizont, in dem unser Leben steht. Diese Einsicht teilen Luther, und die dialektische Theologie des 20. Jahrhunderts und der Apostel Paulus.
Für die frühen Christen ist es der Horizont von Ostern. Ein Leben, das nicht aus der Todesangst, sondern aus der Freude des ankommenden Gottes inspiriert ist. Leben im Horizont des Gottes, der uns gerecht macht, der uns frei spricht und tröstet und Mut macht in einer Welt, die auf seine Ankunft wartet.
Wie sollen wir leben?
Vor einigen Jahren, 2009, reiste der amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Joseph Stiglitz um die Welt. Begleitet von Journalisten und einem Fernsehteam, unterwegs von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent, im Gespräch mit ganz unterschiedlichen Menschen: Staatspräsidenten in Südamerika, mit indischen Bauern, mit Ölmagnaten, mit einfachen Leuten in Ostafrika, mit Frauen und Männern hier in Europa. Eine Reise auf der Suche nach den Lebensbedingungen und Lebenschancen in den armen und in den reichen Ländern. Er sucht nach Spuren anderen Lebens. Stiglitz begegnet Menschen in seiner amerikanische Heimatstadt Gary, die ihre Arbeit verloren haben. Wir sehen den Bürgermeister dieser Stadt, der nach China reist, um neue Arbeitsplätze zu verhandeln. Wir sehen, das Zerstörungspotenzial ungezügelter Marktkräfte für die Umwelt, für das Zusammenleben der Menschen. Wir sehen große Gefährdungen von Natur und Gesellschaft. Wir sehen, wie wir Schritt für Schritt hineintaumeln in eine neue Welt, die uns überfordert.
Aber inmitten all dieser Zusammenhänge, die uns, den Einzelnen bei weitem übersteigen, begegnen wir auch Menschen, die sich nicht entmutigen lassen; die sehen, dass neues möglich ist; die spüren und merken, dass im Loslassen von Altvertrautem und Altgewohntem die Chance zur Erneuerung liegt, ebenso wie in der Besinnung auf die Dinge, die gut sind, und die uns Kraft geben und die uns tragen. Sehr viele mutige Menschen zeigt uns diese Reise. Sehr viele freie, kraftvolle Lebensentwürfe. Frauen und Männer, die zueinander stehen. Junge und Alte, deren eindrucksvolle Geschichte in den Katastrophenmeldungen untergehen. Mit Ideen für heute und für die Welt von morgen: Oft sind diese Ideen noch ganz vage; oft müssen sie erst entwickelt werden. Auch hier sehen wir: Zwischenzeit und Adventliches in einem ganz anderen Sinne.
Wir sehen ein Leben nahe beim ursprünglichen Lebensstil von Kirche: diesem Leben aus Hoffnung, aus Erwartung, aus geschenkter Freiheit. Diesem Vertrauen auf den ankommenden Gott, auf den österlichen Christus, das neue Formen von Gemeinschaft, andere Lebensentwürfe freisetzt. Das frühe Christentum ist dahingehend fast eine gesellschaftliche Revolution. Es entstehen neue Wirtschafts- und Wohnformen, es entstehen Vereine, Hospize, es entsteht Kunst und Musik und Architektur.
Die Keimzellen dieses neuen Lebens sind immer wieder Tischgemeinschaften. Sie beginnen mit Jesus selbst. Sie werden gepflegt rund um das Mittelmeer: Es sind Einladungen in den Raum des Daseindürfens, in den Raum der Hoffnung. Das ist nicht nur etwas Gedachtes oder Inszeniertes. Menschen essen und trinken miteinander. Sie stärken sich an seinem Tisch. Da gibt es Segen und den Zuspruch von Vergebung. Trauernde finden Trost. Mutlose finden Freundschaft: Schwestern Brüder, Kinder, Mütter. Da sind die Übergänge in einen neue Zeit konkret und menschlich und phantasievoll und hoffnungsreich und sichtbar.
Da blitzen noch heute faszinierende Antworten auf auf die Frage, wie wir als Christinnen und Christen leben sollen.
Im September 1928 steht Dietrich Bonhoeffer als Deutscher Auslandsvikar in Barcelona auf der Kanzel. Noch weit entfernt von dem, was ihn wenige Jahre später erwarten wird. Noch weit entfernt von den Aufgaben, zu denen er gerufen wird. Er ist gerade 22 Jahre alt. Er Predigt über das 12. Kapitel des Römerbriefes. Des Paulusbriefes, der wie kein anderer entfaltet, was es heißt als Christinnen und als Christ in dieser Zwischenzeit und in der Erwartung des ankommenden Gottes zu leben. Der uns wie kein anderer zeigt, dass wir die Maßstäbe dieser Welt von Christus her immer wieder hinterfragen und infrage stellen müssen. Auch unser eigenes Leben.
Bonhoeffer sucht nach der Rolle der Kirche in der Zeit und in der Welt. In seiner Predigt sagt er: die Gegenwart ist die verantwortungsvolle Stunde Gottes mit uns, jede Gegenwart; heute und morgen, die Gegenwart in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit; es gibt in der ganzen Weltgeschichte immer nur eine wirklich bedeutsame Stunde - die Gegenwart. Die Gegenwart, in der uns Gott entgegenkommt mit seinem großen Horizont, mit dem Geschenk der Vergebung und des Segens und der Freiheit, aus der wir unser Leben gestalten können.
Hören wir aus dem Römerbrief, von dem Leben im Horizont von Gottes Advent (Römer 12,9-21)
9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
10 Die geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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KONFI-IMPULS zu Römer 12,17-21 von Stefan Nitschke
Konfi-Impuls
Regeln kennen Jugendliche aus ihrem Alltag zur Genüge. Mittlerweile gibt es kaum ein Klassenzimmer bzw. Konfi-Raum, in dem nicht eine katalogartige Auflistung der wichtigsten Verhaltensregeln hängt. Die Regelns sind gemeinsam erarbeitet worden, meist prangen als Verstärkung die Unterschriften aller Beteiligten darunter. Nachdem die Regeln des Paulus reihum von den Konfirmanden gelesen wurden, lauteten die Fragen wie folgt: Welche seiner Regeln könntet ihr unterschreiben und warum? Welche würdet ihr in unser Regelwerk übernehmen, welche nicht?
Mit Hilfe einer Schreibdiskussion gefragt, fand V. 18 am meisten Anklang. Vor allem die Relativierung „soweit das möglich ist und es an euch liegt“ wurde positiv aufgenommen, da aus Sicht der Konfirmanden aus einer unerfüllbaren Maximalforderung eine einhaltbare Regel zu werden schien: „Man wird nicht gezwungen.“
Die meisten Anfragen gab es in Bezug auf V. 19. „ Gott soll doch nicht der Richter sein, sondern barmherzig“, „Man sagt Gott ist barmherzig, aber wenn er Rache nimmt, dann wird er als böse angesehen“.
Die Konfis erarbeiteten auch Anspiele. Eines der Ergebnisse:
Morgens vor Schulbeginn. Lisa kommt ins Klassenzimmer. „Hallo, Ronja, wie siehst du denn aus? Sind die Klamotten aus der Altkleidersammlung oder was? Ein Deo kannst du dir wohl auch nicht leisten?“ „Lass mich. Ich hab dir nichts gemacht.“ Lisa laut vor der Klasse. „Iiih, Ronja stinkt voll!“ Die ganze Klasse lacht. Zwei Tage später in der großen Pause. Lisa zu einer Mitschülerin. „Pauline, kannst du mir was von deinem Pausenbrot abgeben, ich hab meins vergessen und kein Geld für den Bäcker dabei.“ „Nein, ich hab nur eins für mich.“ Ronja mischt sich ein, leise und vorsichtig. „Willst du von meinem?“ Lisa zögert erstaunt. „Ja, aber … warum?“ Sie nimmt das angebotene Pausenbrot und hat ein schlechtes Gewissen. „Du, Ronja, das ist mir jetzt voll peinlich, dass ich so arschig war und du bist jetzt so nett …“ Ronja grinst sie an und denkt bei sich: „Ist doch ganz gut, dass wir als Konfis immer wieder in die Kirche müssen, sonst hätt ich bestimmt nicht ausprobiert, was unsere Pfarrerin neulich erzählt hat: ‚Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn du das tust, ist es, als ob du glühende Kohlen auf seinem Kopf anhäufst.‘ Hat ja prima funktioniert!“
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Wo kämen wir hin,…?! - Predigt zu Römer 12,17-21 von Claudia Krüger
„Wo kämen wir hin,…?!“
Liebe Gemeinde,
vor etwa 3 Wochen berichteten die Medien davon, dass ein 17 Jähriger, aus Rache über die Vergewaltigung seiner Schwester, den mutmaßlichen Täter mit zahllosen Messerstichen getötet hatte. Manche Tageszeitungen erinnerten in diesem Zusammenhang an andere Fälle von Selbstjustiz, die in den letzten Jahren verübt worden waren, bis zurück zu Marianne Bachmeier, die 1981 im Gerichtssaal den Mörder ihrer siebenjährigen Tochter erschossen hatte.
Wo aber kämen wir hin, wenn jeder die Sache der Gerechtigkeit selbst in die Hand nähme!
Niemand hat das Recht, eigenhändig Rache zu üben, auch wenn die Wut noch so berechtigt und das Leid unermesslich ist. Strafe aber ist einzig und allein dem Staat vorbehalten – ist gebunden an Recht, Gesetz und Kontrolle, und das ist gut so. Das letzte Urteil aber über einen Menschen und sein Handeln ist Gott allein vorbehalten.
Auch unser heutiger Predigttext spricht zu diesem Thema so unmissverständliche Worte, dass diese eigentlich gar nicht eigens ausgelegt werden müssten.
Es sind Worte, die nicht weichgespült werden dürfen.
Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom im 12. Kapitel:
Vergelte niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist´s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. Denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. „ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Paulus scheint seine Gemeinde und deren Gefühle gut zu kennen!
Er kennt die Hitzköpfe, die auch schon beim kleinsten Anlass die Muskeln spielen lassen und Heldenhaftigkeit beweisen wollen. Er kennt aber auch die Gedemütigten, die fast ersticken an stumm erlittenem Unrecht. Unsere Sprichwörter spiegeln wieder, wie sehr auch uns die Fragen nach dem Bösen, nach Recht und Gerechtigkeit, aber auch nach Rache und Vergeltung immer wieder umtreiben. Sprichwörter sprechen dem Volk aus der Seele, und zu diesem Thema gibt es zahlreiche:
„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ „Rache ist süß!“ „Wie du mir, so ich dir!“ Auch nicht besonders bibelfeste Zeitgenossen zitieren gerne den alttestamentlichen Spruch: „ Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Und doch verkennen sie die diesem Spruch innewohnende Begrenzung der Spirale der Gewalt, die bereits anklingt, nämlich: Nicht über das erfahrene Unrecht hinaus sich zu rächen. Auch das Alte Testament kennt bereits das Gebot der Feindesliebe, wenn auch nur auf die eigenen Landsleute bezogen. In den Worten Jesu wird dann die Feindesliebe grenzenlos ausgeweitet.
Freilich, es ist nur zu gut nachvollziehbar, wenn jemand aus tiefstem Schmerz, Wut und Verzweiflung Rache üben will an einem Täter, der unsagbares Unheil über gebracht hat.
Jede und jeder von uns trägt aber auch eigene schmerzliche Erinnerungen in sich an Unrechtserfahrungen – womöglich schon in der Kindheit erlitten, im Elternhaus, in der Schule, Demütigungen oder Schläge, kleine Boshaftigkeiten oder grausam Böses.
Viele haben noch die ganze Härte des menschlichen und auch strukturellen Bösen im Krieg und auf der Flucht erfahren, furchtbare Erlebnisse, die man sein Leben lang mit sich schleppt. Erst 70 Jahre währt der Frieden in unserem Land, und immer noch ragen die Schuld und die Auswirkungen der Kriegserfahrungen in das persönliche Leben und in unsere gesellschaftliche Gegenwart hinein.
Blicken wir noch etwas weiter zurück – vor 100 Jahren, am 28. Juni, wurde ein Krieg begonnen, der an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist. 17 Millionen Menschen hat er das Leben gekostet, davon 7 Millionen Zivilisten, 30 Millionen Menschen waren verwundet oder verstümmelt. Man kann und will sich das nicht mehr vorstellen, und doch nimmt bis heute das Morden kein Ende, schauen wir nach Nigeria, in Richtung Ukraine oder Irak, wo nun sogar eine bislang undenkbare Koalition mit den USA versucht, den Terroristen Einhalt zu gebieten.
Was aber ist das Böse, was ist das Gute? Und wo befinde ich mich selbst?
Kinder haben noch ein klares Bild von Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Hexen und Heiligen. Auch wenn ich mit Jugendlichen diskutiere, so fordern sie erschreckend schnell die Todesstrafe, weil unsere Rechtsprechung zu milde sei und Gewaltverbrecher nie wieder frei kommen und neues Unrecht begehen dürften. Manchmal ringe ich in solchen Diskussionen um Argumente und kann ihr Anlegen durchaus nachvollziehen.
Auch Paulus weiß, wie unendlich schwer es mitunter ist, Böses mit Gutem zu überwinden. „Ist´s möglich, soviel an euch liegt, so habt Frieden mit allen Menschen.“ Da klingt ganz deutlich durch, dass es nicht einfach ist, aber wir haben in Wahrheit doch gar keine bessere Alternative!
Wo kämen wir hin, wenn vernünftige Regierungen nicht in mühsamen Verhandlungen und trotz schmerzlicher Rückschritte beharrlich weiter nach friedlichen Lösungen suchten. Wo kämen wir hin ohne Bürgerinnen und Bürger, Nachbarinnen und Nachbarn, Friedensbewegte und scheinbar naive Idealisten, die sich finden in jedem Land? Ohne Menschen, die aufeinander zugehen, wieder und wieder die Hand bieten, um irgendwann doch endlich in Frieden nebeneinander zu wohnen. Ich denke da im Kleinen an die Streitschlichter an unseren Schulen, an Menschen wie Du und Ich, die bereit sind, wieder den ersten Schritt zu tun zum Anderen hin und heraus aus der Endlosspirale eines „Wie du mir, so ich dir!“.
Wo kämen wir hin, wenn es sie nicht gäbe, die wahren Heldinnen und Helden. Sie sind keine blassen Dulder oder Schwächlinge, die vor der Allmacht des Bösen resigniert in die Knie gehen. Sondern sie treten kraftvoll aus Ohnmacht und stummer Wut heraus, benennen das Unrecht, schreien es vielleicht auch heraus. Aber sie nehmen auch das Gespräch und die Verhandlungen aktiv wieder auf.
Und so wird es in unserem Predigttext ja auch gefordert: „Überwinde, besiege das Böse mit Gutem!“ Schon ein paar Verse vorher lesen wir, in der „Bibel in gerechter Sprache“ wunderbar formuliert: „Werft euch dem Guten in die Arme!“ Das ist eine energiegeladene schwungvolle Bewegung hin zum Guten in Person. Denn das Gute ist unauflöslich verbunden mit dem, der das Gute verkörpert hat und dessen Liebe schließlich sogar den Tod besiegt hat.
Wo also kämen wir hin ohne die unbeirrbaren Idealisten, die nicht aufhören, an Frieden und Versöhnung und Liebe zu glauben? Die sich engagieren im Schüleraustausch, in Völkerverständigung, in der Begegnung von einstigen Gegnern, im Sport, bei dem über Nationalitäten hinweg Gemeinschaft und Begeisterung so mitreißend sein können! Dort, wo man mitunter klare Worte gegen Rassismus findet, wo man miteinander wettstreiten und gemeinsam jubeln kann.
Wo kämen wir sonst hin im Großen wie im kleinen Umfeld von Familie, Nachbarschaft, Schule oder Betrieb, oder im großen Umfeld der Nationen? Ganz gewiss in eine Endlosschlaufe von Unversöhnlichkeit im Kleinen, und in eine Spirale von tödlicher Gewalt, Leid und immer neuer Gewalt im Großen. Schauen wir hinüber nach Israel, so wird auch die Rache an denen, die so grausam drei junge Menschen getötet haben, das Unrecht noch vergrößern und immer rascher anderen Menschen entsetzliches Leid zufügen, wie dem 16-jährigen Palästinenser. Der Onkel eines der israelitischen Jungen aber hat dazu deutlich erklärt: „Es gibt keinen Unterschied zwischen Blut und Blut. Mord ist Mord, egal welche Nationalität oder welches Alter. Mord ist immer unverzeihlich.“
Schon in vorigen Jahrhunderten aber gab es kluge Menschen, die gewusst haben, dass Rache niemals zu innerem oder äußerem Frieden führen kann. So sagt uns Sir Francis Bacon, der Philosoph: „Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen.“
Wo aber die alten Wunden offen bleiben, da kann kein innerer Frieden einziehen. Da kann die Liebe keinen Raum mehr gewinnen. Ja, wenn wir es recht betrachten – Rache kann nur für kurze Momente eine Art Genugtuung erfahrbar machen, niemals aber inneren Frieden, Versöhnung, Liebe oder neues Glück hervorbringen.
Ein Wort von Rainer Kunze kam mir wieder in den Sinn:
Schnelle Nachtfahrt
Niemals wird es uns gelingen, die welt
zu enthassen
Nur dass am ende uns nicht reue heimsucht
über nicht geliebte liebe
(Reiner Kunze, Gedichte, S.258, Verlag S. Fischer, Frankfurt, 2001)
Illusionslos betrachtet er die Welt und die Menschen und zieht den klaren Schluss: „niemals wird es uns gelingen, die welt zu enthassen!“ Ja, vertreiben werden wir Hass, Gewalt und das Böse niemals von dieser Welt. Es wird uns begleiten bis ans Ende dieser Tage. Und doch gibt es keinen besseren Weg als diesen, wieder und wieder, soviel an uns liegt, das Böse durch Gutes zu überwinden. Das ist die Haltung des Apostels Paulus und das ist auch im Sinne Jesu Christi.
Nur ihm sind wir verpflichtet, auch wenn wir nicht verstehen, warum es das Böse gibt. Auch wenn wir immer wieder scheitern werden und auch angewiesen sind auf Vergebung und auf Menschen, die wieder auf uns zugehen mit offener Hand. Im Vertrauen auf den, der die Kraft hat uns zu lieben und uns zu vergeben, sollen wir immer wieder den Weg des Friedens einschlagen. Auch wenn wir manchmal so müde werden und resignieren könnten angesichts des Bösen, das sich in immer neuen Bildern zeigt.
Wir müssen nicht jeden Menschen lieben können oder ihn auch nur mögen, aber wir sollen schlicht das Nötige für ihn tun, mehr wird nicht von uns verlangt.
Hier sind wir alle gefordert, immer wieder auch über den eigenen Schatten zu springen. Und wenn es vielleicht auch nicht gelingen kann, zu vergeben oder sich zu versöhnen, so kann es vielleicht doch gelingen, die Rache Gott zu überlassen. Das kann auch wahre Befreiung sein!
Wir sollten immer wieder eine Koalition eingehen mit dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, um in kleinen Stücken Gottes Plan mit zu verwirklichen, damit uns am Ende nicht Reue heimsucht über nicht geliebte Liebe. Damit wir nicht erst dann, wenn es zu spät und das Leben vorüber ist, die Augen auftun und erkennen: Es wäre vielleicht doch friedlicher, liebevoller, freundlicher zu leben möglich gewesen!
So gilt es nun jeden Tag neu, diese unmissverständlichen Worte in unser Innerstes dringen zu lassen und unsererseits kreativ zu werden. Wenn es uns dann und wann gelingt, dem durstigen und hungrigen Feind zu trinken und zu essen zu geben, wird er vielleicht bereuen, oder womöglich sogar umkehren. „Gib deinen Mitmenschen mehr, als sie erwarten, und mache es mit Freude!“, so hat der Dalai Lama es einmal empfohlen. Ja, Menschen können sich sogar verändern, wenn ihnen überraschend Freundlichkeit, Wertschätzung oder Hilfe zu Teil werden, von einer Seite, von der sie es womöglich am allerwenigsten erwarten. Nur – ob das geschieht oder nicht, das liegt allein in Gottes Hand!
Überlassen wir also all unsere Gefühle und all unsere Rachegedanken dem, dem allein gegeben ist, zu urteilen und Recht zu schaffen, und am Ende aller Tage auch ewige Gerechtigkeit. Wir aber können nichts Besseres tun, als immer wieder das Gute zu suchen mit der Gewissheit, dass wir selbst unendlich geliebt sind. Nur wer spürt, dass er von Gott geliebt ist und dessen tiefste Sehnsucht nach Wertschätzung und Liebe erfüllt wird, der kann auch immer wieder mit der Kraft der Liebe lieben, mit der er selbst geliebt ist. Nur wenn wir wissen, dass Gott uns mit all seiner Liebe liebt und seine Liebe stärker ist als alle Mächte und Gewalten, alle Grausamkeiten und stärker auch als der Tod, dann kann es uns dann und wann und hoffentlich immer wieder gelingen, zu lieben, anstatt in Rache, Gleichgültigkeit oder Hass zu versinken.
Mag es auch illusionär und phantastisch klingen – war die Liebe dessen, der uns geliebt hat, nicht auch eine Torheit in den Augen so vieler?
Der unvergessliche Hanns-Dieter Hüsch hat sich dazu bekannt:
Ich setze auf die Liebe
Wenn Sturm mich in die Knie zwingt
Und Angst in meinen Schläfen buchstabiert
Ein dunkler Abend mir die Sinne trübt
Ein Freund im anderen Lager singt
Ein junger Mensch den Kopf verliert
Ein alter Mensch den Abschied übt
Das ist das Thema
Den Haß aus der Welt zu entfernen
Und wir bereit sind zu lernen
Daß Macht Gewalt Rache und Sieg
Nichts anderes bedeuten als ewiger Krieg
Auf Erden und dann auf den Sternen
Die einen sagen es läge am Geld
Die anderen sagen es wäre die Welt
Sie läg in den falschen Händen
Jeder weiß besser woran es liegt
Doch es hat noch niemand den Haß besiegt
Ohne ihn selbst zu beenden
Er kann mir sagen was er will
Und kann mir singen wie er´s meint
Und mir erklären was er muß
Und mir begründen wie er´s braucht
Ich setzte auf die liebe! Schluß.
(Hanns Dieter Hüsch, Das Schwere leicht gesagt, S. 157; Herder Verlag, Freiburg, 1994)
Wo also kämen wir hin, liebe Gemeinde, wenn wir auf die Liebe setzten, allem zum Trotz?
Ich bin sicher: ein gutes Stück weiter auf dem Weg des Friedens.
Amen.
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Der Heilige Geist – oder: Die Kunst, unterscheiden zu können - Predigt zu Römer 8,1-11 von Ruth Conrad
Der Heilige Geist – oder: Die Kunst, unterscheiden zu können
An Pfingsten,
liebe Gemeinde,
an Pfingsten geht es um unsere Haltung zum Leben,
um das, was uns innerlich bestimmt und leitet,
welche Gesinnung wir pflegen,
darum, wes Geistes Kind wir sind.
Pfingsten empfiehlt uns eine eine „geistliche“ Lebenshaltung.
Wie aber sieht eine solche „geistliche“ Lebenshaltung konkret aus? Worin äußert sie sich? Woran lässt sie sich erkennen?
Der heutige Predigttext behauptet: Eine „geistliche“ Lebenshaltung erkennt man an der Kunst unterscheiden zu können. Der Heilige Geist lehrt uns zu unterscheiden. Unterscheiden zu können aber ist eine der wichtigsten Aufgaben im Leben. Ich lese aus dem Römerbrief, Kapitel 8, die Verse 1-11:
So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. (2) Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (3) Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, (4) damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. (5) Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. (6) Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. (7) Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht. (8) Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. (9) Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. (10) Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. (11) Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
Liebe Gemeinde,
der Heilige Geist lehrt uns zu unterscheiden zwischen dem, was „fleischlich“ ist und dem, was „geistlich“ ist. Und damit lehrt er uns eine lebenswichtige Unterscheidung. Denn die Unterscheidung zwischen „fleischlich“ und „geistlich“, das ist die Unterscheidung zwischen lebenszerstörend und lebensfördernd.
Betrachten wir das für einen Moment genauer und beginnen mit dem, was nach den Worten des Apostels „fleischlich“ ist. ‚Fleischlich“, so der Apostel, fleischlich ist all das, was gegen Gott ist, was also Sünde ist. Gemeint ist: „Fleischlich“ handelt der Mensch dort, wo er völlig auf sich selbst bezogen bleibt. Wo er sich selbst zum Maßstab aller Dinge macht.
Dort, wo der Mensch meint, sein persönliches Wohlergehen sei der einzige Orientierungspunkt im Leben,
dort, wo der Mensch meint, seine eigenen Interessen seien die einzigen auf der Welt und die anderen hätten sich diesen gefälligst anzupassen,
dort, wo der Mensch meint, es gäbe keine Instanz außer ihm selbst, der er Verantwortung schulde,
dort, wo der Mensch nicht mehr von außen ansprechbar ist, außer es winkt ein persönlicher Vorteil,
überall dort, so die Überzeugung der Bibel, denkt und handelt der Mensch „fleischlich“.
Martin Luther hat für diese Lebenshaltung einmal ein schönes Bild gefunden. Ein Mensch, der „fleischlich“ denkt und handelt, sei ein „homo incurvatus in se ipse“, ein „in sich selbst verkrümmter Mensch“. Der aber ist der Ursprung allen Übels. Der in sich selbst verkrümmte und verschlossene Mensch, er ist der Ursprung und die Quelle alles Lebenszerstörerischen.
Und das, liebe Gemeinde, das ist doch eine ziemlich erfahrungsgesättigte Einsicht.
Dort, wo der Mensch sich nur auf sich bezieht,
nur das eigene Selbst kennt,
da geraten die anderen Menschen aus dem Blick.
Ihre Wünsche, ihre Interessen, ihre Fragen und Ideen, die werden überrannt, kaltgestellt, zum Spielball des eigenen Machtwillens.
Der Mensch macht den Menschen zum Material des eigenen Ego-Trips.
Das fängt klein und oft furchtbar banal an. Im familiären Umfeld, unter Partnern und Geschwistern, zwischen den Generationen. Aber wie alles Kleine hat es die Kraft, sich ins Unerträgliche auszuwachsen, am Arbeitsplatz, am Wohnort, im Politischen.
Wenn aber jeder nur mit sich beschäftigt ist, auf sich bezogen bleibt, den anderen benutzt, dann ist ein Zusammenleben im Kleinen wie im Großen schier nicht möglich. So lebensnotwendig der Bezug auf sich selbst ist, so lebenszerstörerisch ist er, wenn er zum alleinigen Prinzip wird. Dort, wo der Mensch nicht mehr von außen und auf andere ansprechbar ist, dort verkommt das Leben zu einer Zerstörungsorgie, privat und öffentlich. Es wird unerträglich destruktiv.
Dort aber, wo der Mensch sich öffnen lässt, für Gott, für den anderen Mensch, für die Welt um sich herum,
dort, wo er anstatt nur auf die eigene Bedürfnisse zu lauschen seine Ohren nach Außen öffnet,
dort wird der Mensch verwandelt. Er wird „geistlich“.
„Geistlich“ gesinnt sein ist das Gegenteil von „fleischlich“: Nicht auf mich bezogen, sondern offen für Gott, den anderen Menschen, die Welt um mich herum.
„Geistlich“ sein, das heißt in Beziehung mit Gott sein. Von ihm her leben, denken und handeln. Gebracht hat dieses geistliche Leben Christus, der Erlöser. Sein Reden und sein Handeln ist gekennzeichnet durch den steten und ungebrochenen Bezug auf Gott. Sein Leben war völlige Gemeinschaft mit Gott. Der ungetrübte Bezug auf einen anderen und nicht auf das eigene Ich. Sein Leben war geistlich. Und die, die in Christus leben, die haben daran Anteil.
Das aber bedeutet Leben und nicht Zerstörung,
Frieden und nicht einseitige Interessensdurchsetzung,
Freiheit und nicht Manipulation und Unterdrückung,
Freude und nicht Intrige oder Gehässigkeit.
„Die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede.“
Liebe Gemeinde,
so weit so gut. „Fleischlich“ und „geistlich“ scheinen deutlich unterschieden. Wir wissen, was das eine meint und was das andere. Oder genauer gesagt: Wir meinen es zu wissen. Denn wenn wir den Fokus etwas schärfer stellen, dann müssen wir einräumen: So einfach ist es im „echten“ Leben dann eben doch nicht. Im „echten“ Leben lässt sich das „Fleischliche“ vom „Geistlichen“ dann doch nicht so einfach unterscheiden.
Denn unterscheiden meint ja gerade nicht scheiden, trennen oder schlicht Alternativen benennen – entweder das eine oder das andere.
Unterscheiden meint vielmehr: „einen Gegensatz durchstehen [, der den Charakter der Todfeindschaft hat]“ (Gerhard Ebeling). Unterscheiden heißt: rein ins Getümmel, dorthin, wo die Dinge ineinander verworren sind. Um recht zu unterscheiden, kann man nicht in der Beobachterperspektive bleiben. Rechte Unterscheidung fordert Einsatz, Hingabe. Da kann man sich die Hände schmutzig machen. Irren und schuldig werden.
Und das eben tritt im „echten“ Leben ein,
also überall dort, wo wir Entscheidungen treffen müssen,
wo Fragen zu klären sind,
wo wir uns positionieren und verhalten müssen.
Überall dort erkennen wird: Alle Fragen und Entscheidungen haben zwei Seiten. Wir können uns immer auch für die Falsche entscheiden. Oft ist von außen nicht eindeutig erkennbar, was denn nun „geistlich“ ist. Zuweilen steckt hinter dem, was wir für „geistlich“ halten, auch nur unser eigener Wille. Und selbst dort, wo wir das „Geistliche“ genau zu erkennen vermeinen, bedeutet das ja noch lange nicht, dass wir auch in der Lage oder willens sind, das zu tun. Und oft können wir, auch bei bestem Willen, nicht anders als „fleischlich“. Weil wir nämlich Menschen sind, also selbst Fleisch. „Fleischlich“ gesinnt zu sein, also an uns selbst zu denken, das gehört zu unserem Menschsein. Als Menschen sind wir „fleischlich“, als Christen wollen wir „geistlich“. Im Leben sind wir also stets beides und eines. Und so können wir zunächst einmal gar nicht anders, als uns auf uns selbst zu beziehen und auch immer uns selbst der Nächste zu sein. Weil wir Menschen sind. Weil wir überleben wollen. Weil es immer besser ist, mir geht es gut als den anderen. Weil es immer besser ist, meine Familie ist gut versorgt als die anderen. Die Bildung der eigenen Kinder ist einem allemal wichtiger als die Zukunftssicherheit des Bildungssystems. Der Wohlstand im eigenen Land liegt einem immer näher als der Weltfrieden. Vorteilsicherung ist eine Überlebensstrategie. Und Vorteilssicherung bedarf des Rückzuges auf sich selbst, der Verkrümmung auf die eigenen Bedürfnisse.
Und das lässt sich ja argumentativ auch immer retten:
Wenn meine Kinder gut ausgebildet sind, dann nützen sie der Gesellschaft.
Meine Interessen haben immer schon das Gemeinwohl im Blick.
Ich will doch nur das Beste für alle.
Wenn ich nicht herrsche, dann tun es die anderen. Und das ist allemal schlimmer.
Im Alltag, dort, wo wir leben, dort vermögen wir zwischen „fleischlich“ und „geistlich“, zwischen lebensförderlich und lebenszerstörend oft nicht zu unterscheiden. Sie sind bis zur Unkenntlichkeit ineinander vermengt. Und deshalb benötigen wir den Heiligen Geist – dass er uns einübt in die Kunst rechter Unterscheidung.
Wie aber sieht das konkret aus?
An welchen Haltungen und Gesinnungen können wir diese Kunst der Unterscheidung erkennen?
Ich denke, an zwei Haltungen: an der Skepsis gegenüber uns selbst und an der Barmherzigkeit gegenüber andere.
Wer unterscheiden kann, hat sich in die hohe Kunst der Skepsis gegenüber sich selbst eingefunden.
Oft sind wir unklar im Blick auf uns selbst. Zu wenig kennen wir uns aus in unseren Motiven, in unseren Beweggründen, in dem, was wir wollen. Um zu unterscheiden, was „fleischlich“ und was „geistlich“ ist, müssen wir uns erst einmal selbst misstrauen lernen. Wir sollten für uns selbst in Anschlag bringen: Es könnte falsch sein, was ich will. Egoistisch, ich-bezogen, selbst-bezüglich, lebenszerstörerisch. Das, was ich möchte – es könnte Beziehungen zerstören, andere Menschen erniedrigen, ihnen den lebensnotwendigen Raum nehmen. Gegenüber sich selbst skeptisch zu sein, das heißt: zu sich selbst, den eigenen Wünschen und Vorstellungen, dem eigenen Lebens- und Durchsetzungswillen auf Distanz gehen zu können. Sich mit selbst auskennen und sich auch der Einsicht stellen: Nicht alle meine Impulse sind gut. Vieles ist auch „fleischlich“ und hat üble Folgen. Nur wer skeptisch auf sich blickt und sich von sich zu unterscheiden vermag, nur der vermag notwenige Änderungen anzugehen.
Der Heilige Geist macht uns aber nicht nur skeptisch im Blick auf uns selbst, sondern auch barmherzig im Blick auf andere.
Es gibt ja das eigenartige Phänomen, dass wir im Blick auf die anderen immer ganz genau wissen, was „fleischlich“ und „geistlich“ ist, was lebensförderlich und lebenszerstörend. Was für die anderen richtig und falsch ist, das vermögen wir meist ohne langes Nachdenken zu benennen. Was der Nachbar, die Politik, die Wirtschaft, die Kirche zu tun oder zu lassen hätte, das wissen wir ganz genau. Da haben wir ein hohes Maß an Klarheit. Aber auch für die anderen Menschen gilt: Sie leben mitten im Getümmel von „Fleischlich“ und „Geistlich“, von Selbstsorge und Fürsorge. Auch sie müssen Unterscheidungen finden dort, wo oft alles bis zur Unkenntlichkeit vermengt ist. Deshalb lehrt uns der Geist Barmherzigkeit gegenüber den Entscheidungen und den Irrtümer unserer Mitmenschen.
Wer sich einübt in die Kunst der Unterscheidung, der übt sich also in Zweierlei: Skepsis gegenüber sich selbst und Barmherzigkeit gegenüber den Anderen. Der Heilige Geist ist ein Lehrmeister für Beides. Und darin lehrt er uns die Kunst des guten Lebens. Weil er uns eben lehrt, dem Lebensförderlichen zu dienen und uns dem Lebenszerstörerischen entgegen zu stellen.
So also geht es an Pfingsten also um uns,
um unsere Haltung zum Leben,
um das, was uns innerlich bestimmt und leitet,
um die Gesinnung, die wir pflegen,
darum, wes Geistes Kind wir sind.
Pfingsten empfiehlt uns eine „geistliche“ Lebenshaltung. Der Heilige Geist lehrt uns die Kunst zu unterscheiden. Darin aber lehrt er uns, wie wir uns mit uns selbst auskennen können. Wie wir skeptisch und barmherzig zugleich werden. Weil wir die Dinge auf ihre Motive befragen. Und genau deshalb ist Pfingsten ein unverzichtbares Fest, zumindest für diejenigen, die sich über das Leben Gedanken machen möchten und die dem Leben dienen wollen.
„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“
Amen
Predigtlied: EG 134, 1.2.7 Komm, o komm du Geist des Lebens
Verwendete Literatur: Gerhard Ebeling: Luther. Eine Einführung in sein Denken, 4., durchgesehene Aufl. Tübingen 1981, 126.
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Predigt zu Römer 8,1-2.10-11 von Johannes Block
Pfingsten ist ein herrlich entspanntes Fest! Pfingsten wird wie Weihnachten und Ostern an zwei Festtagen gefeiert, doch ohne den Aufwand und Trubel des Weihnachts- oder des Osterfestes. Plätzchenbacken und Bescheren – das gehört für viele mit zum Weihnachtsfest; Eierfärben und Ostereiersuchen – das verbinden viele mit dem Osterfest. Demgegenüber ist Pfingsten ein herrlich entspanntes Fest ohne größeren Aufwand und Trubel.
Um das Gefühl der Entspannung, um das Pfingstgefühl, geht es dem Apostel Paulus, als er den Brief an seine Freunde in die Hauptstadt Rom sendet. „Entspannt euch“, schreibt Paulus, „denn es gibt nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Das Gesetz des Geistes, des Pfingstgeistes, macht euch frei und macht euch lebendig.“ Pfingsten ist ein entspanntes, ein beflügelndes Fest, weil es an den Geisteswind erinnert, der unter die Arme greift und wie auf Flügeln trägt. (vgl. Jes 40,31) Dann kommt man aus dem Staunen und Wundern nicht heraus (Apg 2,1-2):
Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an "einem" Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
So beflügelnd der Pfingstgeist wirkt, so geheimnisvoll ist er zugleich. Der Geist ist unsichtbar wie die Luft zum Atmen. Der Geist, das himmlische Kind, weht, wo er will. Nikodemus, ein Schriftgelehrter und Mitglied des Hohen Rates, „kam zu Jesus bei Nacht“ (Joh 3,2). Nikodemus sucht nach einem neuen Anfang, nach einem Neugeborenwerden, nach einem beflügelnden Geist. Jesus führt in die unberechenbare Sphäre des Geistes und antwortet (Joh 3,8):
Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.
Wie gesagt: So beflügelnd der Pfingstgeist wirkt, so geheimnisvoll ist er zugleich. Ich frage mich und ich frage uns: Wie lässt sich darstellen, was unberechenbar ist? Wie lässt sich das fassen, was weht, wo es will? Wie lässt sich vor Augen führen, was unsichtbar ist?
Am Pfingstsonntag brauchen wir so etwas wie ein Transparent, auf dem sichtbar werden kann, was eigentlich unsichtbar ist. Farbige Fenster, Buntglasfenster, können so etwas wie ein Transparent sein. Im Buntglasfenster bricht sich das unsichtbare Licht in viele sichtbare Farben: sei es Blau, Rot, Gelb, Grün oder Violett. Das Buntglasfenster mit seinem Farbenspiel wird zum Transparent des unsichtbaren Lichtes.
Das Tranparent des Pfingstgeistes sind die Sakramente, die in diesem Gottesdienst gefeiert werden: Taufe und Abendmahl. In beiden Sakramenten, in Taufe und Abendmahl, läßt sich das Wirken des Heiligen Geistes fassen und erleben. Genau dort, sagen die Wittenberger Reformatoren, findet man das Wesen der Kirche, wo „das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden“ (EG 808: Das Augsburger Bekenntnis, Artikel 7). Nicht weniger, aber auch nicht mehr braucht es, um Kirche zu sein: Es bedarf der Predigt des Wortes und der Predigt der Musik; es bedarf der Taufe und des Abendmahls.
Alles ist also heute am Pfingstsonntag bereitet, um das Geburtstagsfest der Kirche zu feiern – das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Der Pfingstgeist führt Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Berufen zusammen und schenkt der kirchlichen Gemeinschaft immer wieder neuen Atem und problemlösende Kraft. Im Sakrament der Taufe wird sichtbar, dass der Pfingstgeist „frei macht“. Im Sakrament des Abendmahls wird sichtbar, dass der Pfingstgeist „lebendig macht“. Blicken wir nacheinander auf den befreienden Geist der Taufe und auf den lebendig machenden Geist des Abendmahls.
1. Der Geist, der frei macht
In, mit und unter dem Sakrament der Taufe weht der Geist, der „frei macht“. Es ist keine billige Freiheit, die der Geist schenkt. Es ist eine Freiheit, die unter Schmerzen geboren wird. Jede Geburt in das Leben ist mit Schmerzen verbunden – für die Mutter und für das neugeborene Kind. Der Weg in die Freiheit, der Weg aus der Enge des Mutterbauches, ist ein schmerzvoller, ein manchmal auch lebensbedrohlicher Weg. Wie schön, dass wir heute am Pfingstsonntag ein gesundes Kind taufen konnten mit einer wohlbehaltenen Mutter!
Das Durchtrennen der Nabelschnur bei einer Geburt ist allerdings nur der Anfang vieler weiterer Trennungs- und Ablösungsprozesse. Der Weg eines heranwachsenden Menschen in die Freiheit und Eigenständigkeit ist mit vielen Abnabelungsprozessen verbunden. Freiheit und Eigenständigkeit werden unter Schmerzen geboren. Das haben auch die Eltern des zwölfjährigen Jesus erfahren. Beim Aufbruch aus Jerusalem war der Junge auf einmal verschwunden. Wo war er nur wieder, dieser eigensinnige, dieser besondere Sohn? Auf den ersten Ärger der Eltern folgten die Sorge und schließlich die Suche nach dem Jungen. Endlich fanden sie ihn (Lk 2,46-49)
im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: „Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Und er sprach zu ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“
Wer getauft wird, wer einen himmlischen Vater gewinnt, wird frei von alten Verbindungen und Fesseln. Wer getauft wird, ist niemandes Besitz. Wer getauft wird, ist frei geworden vom Besitzstandsdenken, das Menschen über Menschen haben: Staatsführer meinen, ihr Volk zu besitzen; Vorgesetzte meinen, ihre Mitarbeiter zu besitzen; Ehe- und Lebenspartner meinen, sich gegenseitig zu besitzen; Eltern meinen, ihre Kinder zu besitzen. “Eure Kinder sind nicht eure Kinder”, sagt demgegenüber der Dichter Khalil Gibran (1883-1931). Khalil Gibran wendet sich gegen das Besitzstandsdenken. Hören wir seine Worte:
“Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen.”
Die Worte des Dichters Khalil Gibran erinnern an die Freiheit, die jeder gewinnen muss, um ein eigenständiger Mensch zu werden. Jedes Mal, wenn ein Kind getauft wird, werden wir an den himmlischen Vater erinnert, der frei macht von den Bindungen und Fesseln, in die sich Menschen gegenseitig verstricken. Aber warum geschieht das? Warum verstricken wir uns in einem Besitzstandsdenken? Warum wollen wir andere besitzen und über andere bestimmen?
Die Freiheit, die der Geist schenkt, wird nicht ohne Schmerzen geboren. Auch die Freiheit vom Besitzstandsdenken, liebe Freunde, muss unter Schmerzen gewonnen werden. Und dieser Schmerz gründet in uns selbst. Er besteht in der Selbsterkenntnis, dass wir über andere verfügen und herrschen wollen, weil wir selbst noch nicht frei geworden sind. Wer für sich selbst noch keine Freiheit gewonnen hat, wird auch anderen die Freiheit nicht gönnen. So etwas wie ein Gesetz der Unfreiheit schlägt im menschlichen Herzen. In seinem Brief an seine Freunde in Rom schreibt Paulus von einem „Gesetz der Sünde und des Todes“.
Das „Gesetz der Sünde und des Todes“ steht in keiner Rechtssammlung – weder im Bürgerlichen noch im Öffentlichen Recht. Im Amtsgericht würde man den Kopf ratlos schütteln, wenn man sich dort nach einem „Gesetz der Sünde und des Todes“ erkundigen wollte. Das „Gesetz der Sünde und des Todes“, von dem der Apostel Paulus schreibt, steht in keinem Paragraphen, sondern im Herzen geschrieben. Es ist der Größenwahnsinn im Herzen, der zum Turmbau zu Babel führt (1. Mose 11). Es ist die Selbstgerechtigkeit im Herzen, mit der König David seine Affäre mit Batseba zu verschleiern versucht (2. Sam 11). Es ist die Gier im Herzen, die den reichen Kornbauern auf immer größere Gewinne hoffen lässt (Lk 12).
Es ist die verborgene Sündenmacht im Herzen, die die Bibel wie einen Spiegel vorhält. „Erkenne dich selbst“, steht auf diesem biblischen Spiegel. Vor der Sündenmacht im Herzen ist nicht einmal das frömmste Leben gefeit. Der Sündenfall ist bekanntlich im Paradies geschehen, dort also, wo jeder Mann und jede Frau erfüllt, versorgt und zufrieden sein könnte (1. Mose 3). Doch niemand kann sich die Sündemacht aus dem Herzen reißen – nicht einmal im Paradies. Das „Gesetz der Sünde und des Todes“, wie Paulus formuliert, sitzt fest verwurzelt in Leib und Seele.
Gegen dieses Gesetz schützen kein Anwalt und keine Rechtsschutzversicherung. Gegen das „Gesetz der Sünde und des Todes“ hilft allein die Taufe. Denn die Taufe führt in den Machtbereich des Christus, des Sohnes Gottes. Paulus schreibt an seine Freunde in Rom:
So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
Wer getauft ist, hat das „Gesetz des Geistes“ auf seiner Seite. Das „Gesetz des Geistes“ ist der beste Rechtsschutz gegen das im Menschen tief verwurzelte „Gesetz der Sünde und des Todes“.
Gesetze und Paragraphen können vieles ordnen und regeln. Doch den Menschen frei machen im Tiefsten seines Herzens, das vermag allein das „Gesetz des Geistes“. Denn es befreit die Herzen von sich selbst. Und das ist die größte Revolution auf Erden!
In der Menschheitsgeschichte hat es viele Revolutionen und Reformationen gegeben. Doch die größte Revolution und Reformation, liebe Freunde, ist die Befreiung von sich selbst! Häufig ist man ja sich selbst der größte Feind. Das liegt an einem ewig brennenden Kampf im Herzen. Es ist der Kampf, verzweifelt man selbst oder verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen (Sören Kierkegaard). Zwischen der verzweifelten Suche nach sich selbst und dem verzweifelten Weglaufen vor sich selbst wird das menschliche Herz hin- und hergezogen wie zwischen zwei großen Magneten. Aus diesem Magnetfeld befreit das „Gesetz des Geistes“, weil es uns immer wieder an die Freiheit erinnert, die Christus, der Sohn Gottes, in die Welt gebracht hat.
Das „Gesetz des Geistes“ steht nicht in Paragraphen und Gesetzestexten. Das „Gesetz des Geistes“ finden wir in den Taten und Worten des Jesus von Nazareth. Der wehende, himmlische Geist Jesu, der Pfingstgeist, erinnert an die Kräfte und Mächte, die uns heilsam von uns selbst befreien. „Entspanne dich!“, sagt dieser Geist, „Gott sorgt für dich! Gott kennt dich und deinen Weg.“
Ich weiß von einem Menschen, dem sich das „Gesetz des Geistes“ immer wieder neu eröffnete unter den gemalten Lettern auf dem Toreingang des Lutherhauses:
„Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat will.“
Das „Gesetz des Geistes“ befreit von der Sorge um sich selbst und öffnet die Sinne für die Sorge Gottes, die er für uns trägt. Das „Gesetz des Geistes“ wird im Sakrament der Taufe wirksam.
Blicken wir nun weiter auf das Sakrament des Abendmahls. Das Abendmahl ist das zweite Transparent, in dem sich der wehende Geist, der Pfingstgeist, fängt.
2. Der Geist, der lebendig macht
In, mit und unter dem Sakrament des Abendmahls weht der Geist, der „lebendig macht“. Das Abendmahl ist so etwas wie eine Rast und Pause mit Brot und Wein auf dem langen Weg, der mit der Taufe begonnen hat. Mit der Taufe beginnt ein großartiger Weg in die Freiheit des eigenen Herzens. Große Worte und große Lebensthemen verbinden sich mit der Taufe: Erlösung, Freiheit, Neugeborenwerden, ewiges Leben, Ausgießung des Heiligen Geistes.
Doch große Worte und große Lebensthemen sind manchmal zu groß für den Alltag. Immer wieder spürt man, wie klein und kleinkariert es im Leben zugehen kann. Schnell verliert man sich in der Routine des Berufs, in der Hektik des Familienlebens, in der Sackgasse eines Konfliktes oder in der Depression der Seele. Der große Weg, der mit der Taufe begonnen hat, wird zu einem täglichen Kampf im Kleinklein. Deshalb braucht es auf langen Wegen immer wieder Zeiten der Rast und der Pause – am besten mit einer guten Wegzehrung an einer gedeckten Tafel. Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. Man kommt zu neuen Kräften. Oscar Wilde, der Meister der spitzen Bemerkung, sagt:
„Nach einem guten Essen könnte man jedem vergeben,
selbst seinen eigenen Verwandten.“
Beim Sakrament des Abendmahls mit Brot und Wein geht es um Vergebung. Vergebung heißt: Neu anfangen können, Neugeborenwerden, den beflügelnden Geist spüren. Vergebung ist die Kraft, sich von alten Geschichten und Wunden nicht mehr beherrschen zu lassen. Alte Geschichten und Wunden werden nicht einfach vergessen, aber sie verlieren ihre Macht. Dann weht ein neuer, ein befügelnder Geist in, mit und unter Brot und Wein. Dann weht im Sakrament des Abendmahls der Geist, der lebendig macht. Dann werden Leib und Seele gestärkt auf dem langen Weg, der mit der Taufe begonnen hat.
„Christus in uns“, so umschreibt Paulus die Wirkung des Abendmahls für seine Freunde in Rom. „Christus in uns“ – das geschieht mit Brot und Wein. Wir nehmen Christus in uns auf wie ein wahrhaftiges Lebensmittel. Dann lebt und strahlt der Geist in uns, der das Alte vergessen lässt und den neuen Geist in uns lebendig macht. Dann leuchtet durch unsere alten, sterblichen Leiber ein lebendig machender Geist hindurch. Paulus weiß um den Alltag im Kleinklein und weiß um unsere sterblichen Leiber. Aber in, mit und unter Brot und Wein kommt ein heiliger Geist in uns hinein. Paulus malt es mit folgenden Worten aus:
Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
So entspannt euch, liebe Freunde! Denn Pfingsten ist ein herrlich entspanntes Fest. Ohne unser Zutun kommt und braust ein wehender, ein himmlischer Geist. Im Sakrament der Taufe und im Sakrament der Abendmahls bekommen wir Anteil an dem Geist, der „frei“ und „lebendig macht“.
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Pfingstliche Lebenskraft - Predigt zu Röm 8,1-2.10-11 von Stefan Knobloch
Pfingstliche Lebenskraft
Vielleicht verbinden wir mit dem Pfingstfest eher das lärmende Ereignis des Kommens des Heiligen Geistes in Sturm und Feuerzungen, von dem die Apostelgeschichte spricht. Es erfasst die Menschen, nicht nur die Apostel. Die Menschen verstehen mit einem Mal in ihren ganz unterschiedlichen religiös-kulturellen Lebenskontexten die Botschaft der Apostel von der Auferstehung des Herrn. Und sie wundern sich, dass sie sie verstehen, dass sie überhaupt bis zu ihnen vorbringt und nicht unverstanden abprallt.
Diese Erfahrung stellt das eigentliche Wunder von Pfingsten dar! Wir hätten das Wunder in seiner Bedeutung nur halb erkannt, würden wir es lediglich als Sprachenwunder deuten. Nein, es handelte sich um ein vom Geist Gottes geschenktes sozusagen „hermeneutisches“ Verstehenswunder. Die Menschen verstehen die Botschaft der Apostel, sie konnten sie dem eigenen Leben, den eigenen Lebensfragen und Lebenserfahrungen zuordnen. Dieses Ereignis war, wie wir verkürzt, aber durchaus mit einer gewissen Berechtigung sagen können, die Geburtsstunde der Kirche.
Wie gesagt, vielleicht verbinden wir Pfingsten vor allem mit dem Sturm und den Feuerzungen, eine Sichtweise, die wir in ihrer Berechtigung in keiner Weise abschwächen wollen. Daneben aber können wir Pfingsten auch unter einem anderen, ruhigeren Horizont sehen, an den uns die Lesung aus Röm 8,1-2;10-11 heranführt. Das, wovon diese Lesung spricht, hat es gleichwohl schwer, bei uns anzukommen, ja, in seinem pfingstlichen Charakter erkannt zu werden. Ihre theologisch-theoretisch anmutende Gedankenführung erschließt sich nicht gleich auf den ersten Blick. Aber zuletzt könnte sie uns möglicherweise mehr bringen als Sturm und Feuerzungen.
Unmittelbar vor unserer Lesung bündelt Paulus seine Gedanken in einem Satz, an dem wir anknüpfen müssen, um das Folgende zu verstehen. In dem Satz dankt Paulus Gott dafür, dass er – und er spricht nicht nur für seine eigene Person, sondern für die Erfahrung des Christen generell -, dass er mit seiner Urteilskraft, mit Verstand und Wille dem Gesetz Gottes diene. In einer spannungsreichen Paradoxie aber mache er gleichzeitig die Erfahrung, dass er auch dem Gesetz der Sünde zu diene. Dabei sind das für Paulus – und das ist ganz entscheidend – keine gleichgewichtigen, gleichwertigen Größen. Paulus sieht es so: Von Gott her ist die Situation so, dass Gott uns gewissermaßen zuruft: Macht euch keine Sorgen! Über eurem Leben hängt kein Damoklesschwert göttlicher Verurteilung!
Wollten wir bei Paulus hier den Unterton heraushören, ein solches Damoklesschwert sei erst durch das Erlösungswerk Christi aus der Welt geschafft worden, dann wäre es an der Zeit, hier eine deutliche Korrektur vorzunehmen. Denn von Gott her hing, um dieses Bild noch einmal zu bemühen, wohl zu keiner Zeit das Damoklesschwert der Verurteilung über der Menschheit. Gottes Absichten waren von Grund auf und von Anfang an andere. Es war die Gottesblindheit der Menschheit, die auf den Gedanken einer Verurteilung durch Gott kam. Paulus seinerseits schränkt übrigens den Ausschluss der Verurteilung nicht auf die ein, „welche in Christus Jesus sind“. Als betreffe das nur eine kleine Gruppe. Man könnte das bei ihm heraushören. Tatsächlich spricht alles dafür, dass sich für Paulus in Christus Jesus nur in letzter Deutlichkeit Bahn bricht, was bereits aus der Tat der Schöpfung durch Gott hervorgeht: die freie Selbstmitteilung Gottes an Schöpfung und Menschheit. Bei Gott spielen andere Dimensionen eine Rolle als das Szenario einer Verurteilung.
Ganz im Sinn dieser Gedankenrichtung sagt Paulus: Das Gesetz des Geistes des Lebens hat dich in Jesus Christus freigemacht. Er sagt das wie in einem Dialoggespräch mit jedermann. Gott hat dich freigemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes. In Jesus Christus kam damit etwas zur Vollendung, trat es in letzter Klarheit in Erscheinung – nicht unähnlich der Verklärung auf dem Berg Tabor, die die Jünger freilich verwirrt und sprachlos zurückließ -, das die Menschen im Glauben aufgreifen, bejahen und zur Grundlage ihres Lebens machen. Sie leben aus der Glaubensgewissheit, dass ihr Leben in Jesus Christus und in seinem Geiste gründet.
In dieser Orientierung am Gesetz des Lebens, am Gesetz der Freiheit werden wir im Prinzip das Bleigewicht der Sünde und des Todes los. Sünde und Tod sind noch da, ja sie sind unübersehbar da, wie wir in unseren Tagen allenthalben wahrnehmen in Gestalt von Gewaltexzessen, Unterdrückung, Menschenverachtung, Missbrauch und Hass. Aber sie haben, bei aller drückenden Last, ihr Bleigewicht verloren. Wobei wir natürlich sagen müssen, was Paulus offenbar anders sah, dass der Tod, der natürliche Tod des Menschen nicht der Lohn der Sünde ist, sondern zum natürlichen Leben gehört.
Vom Gesetz des Geistes des Lebens in Jesus Christus spricht Paulus. Nur, wo hat es seinen Ort? Wo wird es in der Realität greifbar? Wo begegnet man ihm? In der Beantwortung dieser Frage zieht Paulus den Kreis enger, er rückt uns gewissermaßen auf den Leib: Der Geist, das Leben in Christus ist in uns! „Wenn Christus in euch ist,“ so bringt Paulus seinen Gedanken auf den Punkt, dann leidet ihr zwar weiter an den tödlichen Strukturen der Sünde, aber in euch ist eine andere Lebenskraft, die pfingstliche Lebenskraft des Geistes am Werk. In euch wohnt das Leben, der Atem Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Er schafft beiseite, er überwindet die Todeszonen, die tödlichen Strukturen unseres Lebens. Und dies sowohl in unserem privaten, beruflichen, gesellschaftlichen Bereich wie im Bereich der globalen Herausforderungen unserer Zeit. Und zu guter Letzt im Bereich unseres natürlichen Todes. Unsere gesamte Existenz steht unter dem Gesetz des Lebens, es ist das Leben, das wir Gott nennen.
Inwiefern aber sind diese Gedanken des Paulus pfingstliche Gedanken? Womöglich gar Gedanken, die uns zuletzt mehr berühren als das pfingstliche Brausen und die pfingstlichen Feuerzungen? Ohne Frage verlangt uns Paulus einiges ab. Er zeigt uns nämlich einen Weg auf, der uns mit dem Gedanken konfrontiert, dass Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in uns selber wohnen. Christus wohnt in euch (Röm 8,10). Der Heilige Geist in euch wohnt (Röm 8,11). Der Geist dessen, der Jesus von den Toten erweckt hat, also Gott, der Vater (Röm 8,11), wohnt in euch!
Wie berührt uns das? Empfinden wir Gott als ungebetenen Untermieter? Dem wir am liebsten kündigen wollen? Und zwar mit der Begründung: Wir wollen ungestört leben? Wir wollen aus unserem Leben etwas machen? Wir wollen von unserem Leben etwas haben? In unserer Lebensroutine will uns Paulus ins Stolpern bringen. Er will uns nachdenklich machen. Ob wir nicht in der Tat aus der Orientierung unseres Lebens an Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist mitten in unserem Leben die Tür aufstoßen zu einem Leben in Fülle (Joh 10,10)? Nehmen wir es als pfingstlichen Denk- und Lebensanstoß.
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Predigt zu Römer 8,26-30 von Michael Rambow
Liebe Gemeinde!
„Wir wissen nicht, was wir beten sollen.“ Was für ein Satz!
Zu müde, um die Gedanken zu ordnen; zu enttäuscht, als dass das Herz noch Kraft hätte; zu beschäftigt, um noch Zeit für ein Gebet frei zu machen; zu knapp dran heute Morgen, um noch Zeit zu verlieren.
Kennen Sie das auch?
In solchen Lagen denkt man gern: Echte Glaubensgrößen plagen solche banalen Probleme nicht. Denen flutscht alles nur so vom Herzen und der Seele.
Ausgerechnet Paulus aber bezeugt uns heute aus eigener Erfahrung: Wir sind zu schwach, um etwas zustande zu kriegen. Wir sind hilflos zum Heil. Wir sind angewiesen auf Gottes Geist. Er hilft unserer Schwachheit auf. Gott steht gerade nicht bei denen, die in Münchhausen-Manier sich am eigenen Schopf packen und mit positivem Denken oder sonstigen Anstrengungen aus dem alltäglichen Lebenssumpf herausziehen.
Paulus redet von der erstaunlichen Kraft des Geistes Gottes. Der eigene Geist ist leer, verwirrt vom vielen Drumherum, voll Wut über die Blödheiten der Welt und ängstlich angesichts der Folgen für die Zukunft.
Was sollen wir denken? Wie sollen wir handeln? Wir wissen es nicht. Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Gott sei Dank!
Jemand hat eine Erfahrung mitgeteilt, die viele genauso kennen:
„Ich bat Gott um Stärke, aber er machte mich schwach, damit ich Bescheidenheit und Demut lernte. Ich bat um seine Hilfe, um große Taten zu vollbringen, aber er machte mich kleinmütig, damit ich gute Taten vollbrächte. Ich bat um Reichtum, um glücklich zu werden. Er machte mich arm, damit ich weise würde. Ich bat um alle Dinge, damit ich das Leben genießen könne. Ich erhielt nichts von dem, was ich erbat – aber alles, was gut war für mich. Gegen mich selbst wurde mein Gebet erhört. Ich bin unter allen Menschen ein gesegneter Mensch“ (Heinz Gerlach in: Gottesdienst praxis A, Reihe III, Bd. 2, 1993, 95)
Haben Sie sich noch nie an die Stirn geschlagen und gedacht: Mensch, was du mal alles für lebensnötig hieltest! Geld, Zeit, vielleicht sogar ein Stück Familie hast du geopfert für die Karriere oder für Projekte oder für Ideale und Ideen! Was angestrengt verfolgt wurde, entpuppt sich gelegentlich als nutzloser Aufwand. Worin das Heil zu liegen scheint, erweist sich als leere Hülse.
Der Zeitgeist ist nicht der Heilige Geist Gottes. Da muss man gehörig aufpassen, die beiden nicht zu verwechseln.
Der Zeitgeist ist zwar mindestens genauso aktiv und lauert überall. Er flüstert: Macht das! Das ist „in“ An der nächsten Ecke ist er auch schon wieder zur Stelle und warnt: Vorsicht! Lass das mal lieber. Das ist mittlerweile „Megaout“.
Der Zeitgeist beschäftigt seine Zukunfts-, Markt- und Meinungsforscher. Die sagen, was wir gerade wollen, was wir denken, wofür die Herzen sich erwärmen sollen. Der Zeitgeist will weismachen und dazu anstacheln: Lauft dem nach. Dann erreicht ihr mit ein bisschen Tempo und Aufwand die Menschen. Legt eure Prägungen ab. Dann wissen die Leute nicht, um wen es sich handelt und kommen auf ihrer Suche nach dem Lebenssinn ein Stück mit euch mit. Der Zeitgeist erfindet ständig neue Projekte. Der Zeitgeist macht, dass schon mal Gottesdienste mit Mega-Events verwechselt werden und Kirchenleute finden sich modern, wenn sie alles gut finden. Geht einfach mal sonntags in die Kirche! Die simple Empfehlung fehlt oft im Sprachschatz des Zeitgeistes.
Mehr als andere theologische und Glaubensfragen haben die Christen stattdessen in den letzten Jahrzehnten bewegt, wie die Welt verbessert werden soll. Da hat der Zeitgeist leichtes Spiel.
Wir wissen nicht, was wir beten, reden, handeln oder unterlassen sollen. Paulus bringt Unpopuläres ins Spiel. Das ganze Kapitel 8 seines Briefes an die Christen von Rom handelt vom Geist Gottes, der das Heil für uns schafft. Wer auf Gott hört stottert, stammelt, stöhnt, schweigt ratlos und legt am Ende schwach und selbstkritisch die Hände in den Schoß in der Stille einer Kirche.
Im Angesicht Gottes sind wir mit unserer Schwachheit und Ratlosigkeit an der richtigen Stelle, um dann wieder hinaus zu gehen in die Zeit. Schuld wird eingestanden. Hoffnung wird benannt. Verzweiflung wird heraus gestöhnt. Angst wird eingestanden. Wir beten für Opfer und Täter, Schuldige und Unschuldige, für Vorstandsetagen mit glitzernden Büros und schwitzende Arbeiter in dröhnenden Produktionshallen, für Mächtige und Unterdrückte.
Wir tun das nicht aus Solidarität, wie das gerne heute gesagt wird. Ich halte das für problematisch, dass wir uns andauernd solidarisieren sollen.
Wir tun das, weil wir um unsere Schwäche wissen, alles aus eigener Kraft zu bewältigen. Und Gottes Geist hilft, uns darüber nicht zu täuschen.
Da zeigt sich, was Paulus meint mit dem Hinweis der Geist hilft unserer Schwäche auf. Gottes Geist will ganz anderes durch uns und für uns als eine von Fall zu Fall unterschiedene Weltanalyse. Er sucht unser Heil. Gottes Geist hilft auf zum Leben ohne Lamentiererei oder Aktionismus. Gottes Geist bleibt gebunden an die Schwäche. Das gefällt wenigen in einer Zeit der Stärke und des Tempos. Er nimmt uns als Menschen ernst und sagt: Nimm dich auch als Mensch an. Er gönnt der Seele Ruhe indem er Fehler zulässt. Er hilft dem Körper zur inneren Stärkung, indem er Leiden und Angst nicht verdrängt. Er tröstet in der Sehnsucht nach Recht und Heilung. Gegen alle Erfahrung ist er so da und wirkt, dass in allem, was mir widerfährt auf einen guten Ausgang gehofft werden kann.
„Denen, die Gott lieben muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein“ dichtete Johann Franck in dem Lied „Jesu, meine Freude“ (EG 396, 6). Im Bild seines Sohnes Jesus Christus zeigt Gott praktisch, was Paulus trocken und theoretisch formuliert. „Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei…Trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu!“
Und die letzte Strophe nennt das Ziel aller christlichen Hoffnung: „Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus tritt herein. Denen die Gott lieben muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.“
Christus der Schwache ist stark zum Heil. Christus, der Ängstliche geht mutig und zuversichtlich ans Kreuz. Christus, der leidenschaftliche meidet den Zeitgeist. Christus gibt in grenzenlosem Gottvertrauen Leib und Seele hin und ist bei Gott im Himmel geborgen.
„Wir wissen nicht, was wir beten sollen“. Manche tun so, als wüssten sie immer alles und seien obendrein auf die bessere Welt und moralische Qualitäten abonniert.
Alles Lebensvertrauen sollten wir bündeln in dem Satz:
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum besten dienen.“ Mehr muss man sich für die Zukunft nicht merken.
Amen
Liedvorschlag: Jesu, meine Freude (EG 396)
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Predigt zu Römer 8,26-31 von Lucie Panzer
Manchmal verschlägt das Leben einem die Sprache. Dann weiß man nicht, was man sagen soll. Was gerade passiert ist, macht einen sprachlos. Man kann sich einfach nicht erklären, wie es dazu kommen konnte, was passiert ist. Warum habe ich das getan? Warum hat der andere das gemacht? Das passt doch eigentlich gar nicht zu ihm. Und wie soll es jetzt weiter gehen?
Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll. Ich kann es nicht erklären, mir nicht und den anderen erst recht nicht. Ich bin auch ratlos. Wie soll es jetzt weiter gehen? Welches ist der richtige Weg. Und wie soll ich das sagen, was ich für richtig halte: Ohne mich selber zu gefährden? Manchmal ist es ja gefährlich, die eigene Meinung zu sagen. Wie soll ich es sagen, ohne die anderen zu verletzen?
Wenn das Leben einem die Sprache verschlägt, dann sagt man gar nichts. Aber nicht immer ist Schweigen das Beste. Nicht immer ist Schweigen Gold. Manchmal wäre reden auch eine Erlösung. Wenn man bloß reden könnte!
Ich erzähle Ihnen das, weil ich meine: Genauso ist das mit dem Reden mit Gott. Mit dem Beten. Auch da fehlen einem manchmal die Worte.
Und das kann ganz verschiedene Gründe haben. Erich Kästner hat in seinem wunderbaren Kinderbuch vom Doppelten Lottchen erzählt, wie das ist. Da stehen die Zwillinge Lotte und Luise vor der Tür, hinter der ihre geschiedenen Eltern sich zu versöhnen versuchen. Auf einmal, erzählt Kästner, bewegt Lotte die Lippen. „Betest Du?“ fragt Luise. Ja, sagt Lotte da und betet laut: „Komm Herr Jesus sei Du unser Gast…“ Dann bricht sie ab. „Es passt nicht“ sagt sie verzweifelt. „Aber mir fällt nichts anderes ein.“
Manchmal weiß man nicht, was man sagen soll und wie. Auch beim Beten. Ich würde gern beten, hat mir mal eine sehr kranke Frau gesagt: Aber ich habe das so lange nicht mehr getan. Da kann ich doch jetzt nicht damit anfangen.
Und auch die, die das Beten gewohnt sind, wissen manchmal nicht, wie sie beten sollen: Manch einer schämt sich vor Gott: Darf ich ihm wirklich kommen mit diesem Problem, dass ich doch selber verschuldet habe? Und wenn ich selber keine Lösung weiß, vielleicht gar nicht weiß, wo eigentlich genau das Problem liegt? Was soll ich da beten?
Der Apostel Paulus kannte das anscheinend auch, dass Menschen gern beten würden und nicht wissen wie. Für die hat er einen Rat:
Predigttext Ro 8, 26-31
Was rät Paulus denen, die nicht wissen, wie sie beten sollen? Ich höre dreierlei:
Gottes Geist hilft, wo wir Menschen zu schwach sind zum Beten
Mir sagt das: Auch wenn da nur diese Sehnsucht ist: Eigentlich würde ich gern beten. Auch wenn da nur dieser Schrei nach Hilfe ist und ich keine Worte dafür finde. Gott hört es. Er sieht mich und meinen Kummer. Und er schickt keinen weg. Gott ist nicht wie eine beleidigte Freundin, die sagt: So lange hast Du dich nicht gemeldet – dann brauchst Du jetzt auch nicht kommen, wo du Hilfe brauchst. Gottes Geist ist auch bei denen, die ihn brauchen, nicht bloß bei denen, die vorbildliche Christen sind. Gerade den Schwachen hilft er auf. Nicht bloß denen, die immer alles richtig gemacht haben. Denen, die keinen Rat wissen. Die meinen, sie seien von Gott und der Welt verlassen. Bei denen steht Gott mit seinem Geist. Martin Luther hat das in seine sehr direkten Sprache mal so gesagt: „Viele…sind der Meinung, Gott höre jemand nicht, der in Sünden liegt… So blind sind wir. Mit leiblicher Krankheit und Not laufen wir zu Gott; mit der Seelen Krankheit laufen wir von ihm weg und wollen nicht wieder kommen, wir seien vorher gesund“
Der Geist Gottes, der hilft denen auf, die zu schwach sind zum Beten.
Manchmal wächst da eine innerliche Ruhe und Kraft in einem Menschen, die man selbst gar nicht für möglich gehalten hat. Christoph Schlingensief, der an Krebs erkrankte Regisseur, der sich selber sicher nicht als standfesten Christen bezeichnet hätte, der hat in seinem „Tagebuch einer Krebserkrankung“ folgendes aufgeschrieben: Vor ein paar Tagen war ich in der Kapelle. „Da habe ich geredet, ganz leise vor mich hin geredet, obwohl niemand anderes da war. Habe gefragt, wie ich wieder Kontakt herstellen kann und wie ich begreifen kann, dass das jetzt Bestandteil vom Leben ist. … Nach einer Zeit hat mir jemand einfach die Stimme abgeschaltet. Ich bin ganz still geworden und habe hoch geguckt, da hing das Kreuz und in dem Moment hatte ich ein warmes, wunderbares, wohliges Gefühl. Ich war plötzlich jemand, der sagt: Halt einfach die Klappe, sei still, es ist gut, es ist gut.“
So ungefähr stelle ich mir das vor, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen und der Geist unserer Schwachheit aufhilft. Manchmal geht das vielleicht so, ganz direkt gewissermaßen und auf einmal kann ich still sein und vertrauensvoll abwarten, was kommt. Manchmal braucht Gottes Geist dazu aber auch andere Menschen, glaube ich. Jemanden, der mir Mut macht und mich erinnert: Warum solltest du nicht beten können? Gott ist keine beleidigte Freundin. Er ist für die da, die ihn brauchen. Und manchmal braucht Gottes Geist die, die sagen: Ich bete für dich. Ich habe noch nie gehört, dass jemand das nicht haben will. Im Gegenteil – schon öfter hat mir jemand gesagt: „Ich bete nicht. Ich glaube auch nicht an Gott – aber wenn Sie beten: Ja, das ist gut.“ Vielleicht ist auch das ein Weg, wie der Geist Gottes denen aufhilft, die nicht beten können. Manchmal braucht er Menschen dazu, damit ihn die auch wirklich sehen und hören und spüren können, die ihn brauchen.
Paulus erinnert die, die zu schwach zum Beten sind, an Jesus Christus.
Das ist das zweite, was mir aufgefallen ist an seinen Ratschlägen für die, die nicht beten können. Denen geht es, schreibt er, ja eigentlich so ähnlich wie Jesus. Wie das? Mir ist eingefallen, wie Jesus gebetet hat, als schon gar keine Kraft mehr hatte. Den Tod vor Augen hat er gebetet: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Anscheinend konnte auch Jesus in dieser Situation nicht glauben, dass Gott für ihn da ist. Schon gar nicht, dass er ihm hilft. Und das schreit er ihm entgegen! Nicht immer ist Schweigen Gold. Manchmal hilft es, auch die Enttäuschung heraus zu schreien. Manchmal hilft es, Gott Vorwürfe zu machen. Reden ist manchmal eine Erlösung. Dann ist es raus. Dann quält es nicht mehr. Jesus damals hat nicht mal mehr eigene Worte gefunden für seine Enttäuschung. Er hat Worte aus einem alten Gebet verwendet, das die Menschen damals gekannt haben. Warum hast Du mich verlassen, Gott. Das ist aus dem 22. Psalm. So haben anscheinend auch damals viele gebetet. So viele, dass man diese Worte in einer Gebetssammlung aufgeschrieben hat. Und jetzt benutzt Jesus diese Worte. Vielleicht ist ihm nichts anderes mehr eingefallen, so wie dem Lottchen vor der Wohnzimmertür, als sie die Anspannung nicht mehr aushalten konnte. Vielleicht war Jesus damals zu schwach für eigene Worte. Aber da war noch dieses Gebet, dass er auswendig kannte. Das ist ihm eingefallen. Der Geist hilft unserer Schwachheit auf! Mir fallen auch manchmal solche Worte ein, die ich irgendwann mal gelernt habe. Vielleicht kennen Sie das. Und sie trösten mich, wenn es eigentlich keinen Trost gibt. Oder sie befreien wenigstens und die Angst ist nicht mehr so bedrückend. So ähnlich ist das, wie das Erlebnis, das Christof Schlingensief aus der Zeit seiner Krankheit erzählt hat.
Die Erinnerung an Jesus übrigens und an seine verzweifeltes: Warum hast du mich verlassen, Gott – die sagt mir auch: Er hat es damals anscheinend nicht spüren können. Aber Gott hatte ihn eben doch nicht verlassen. Wir Christen jedenfalls glauben, dass er Jesus auferweckt hat. Gott war bei ihm und ist bei ihm geblieben, als alle meinten, nun sei dieser jämmerlich schreiende am Ende. Gott ist nicht nur bei den Gesunden und Starken und bei denen, die immer die richtigen Worte wissen. Er ist auch und gerade bei denen, die schwach sind und keine Hoffnung mehr haben.
Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen
Das ist das Dritte, das Paulus denen sagt, die nicht wissen, wie sie beten sollen.
Ich glaube: Das ist wahrhaftig kein Satz, den man Menschen weitergeben kann, die verzweifelt sind. Wie sollte ich so jemandem sagen: Es ist bestimmt gut für dich. Oder jedenfalls: Es wird schon für irgendwas gut sein. So einen Satz kann man immer nur für sich selber sagen. So einen Satz kann man wahrscheinlich auch immer erst hinterher sagen. Wenn es überstanden ist. Wenn sich - vielleicht erst nach langer Zeit – zeigt, wozu es gut war. Bei manchen Sachen, scheint mir, kann man es nie sagen. Ich habe ehrlich gesagt, schon eine ganze Liste von Dingen, die ich nicht verstehe und schon gar nicht weiß, wofür die gut gewesen sein sollen. Und ich hoffe darauf, dass ich Gott irgendwann einmal in seiner neuen Welt danach fragen kann.
Aber hier und jetzt und heute – da kann man nicht für einen anderen sagen: „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen.“ Aber vielleicht kann ich ihm davon erzählen, wie ich das jedenfalls schon erlebt habe. Und dass ich deshalb davon ausgehe, dass Gott es gut mit mir meint. Mit mir und auch mit allen seinen Geschöpfen – auch, wenn ich jetzt nicht verstehe, warum es so ist, wie es ist. Vielleicht kann man dann anders beten. So, wie Jesus es getan hat. Als er Verhaftung und Verurteilung auf sich zukommen sah, da hat er gebetet: „Gott, erspar mir das“. Und nach einer Weile dann: „Dein Wille geschehe, Gott“. Ich glaube, da war das passiert, wovon auch Schlingensief in seinem Tagebuch schreibt: „Ich bin ganz still geworden … und hatte ein warmes, gutes Gefühl … es ist gut. Es ist gut.“ Ich hoffe und glaube: Dieses Vertrauen - obwohl die Gegenwart ganz anders aussieht - dieses Vertrauen gibt Gottes Geist. Er hilft uns auf aus unserer Schwachheit. Er kann mir helfen, darauf zu vertrauen, dass Gott es gut mit mir meint. Er kann mir helfen, wenn ich nicht genug Kraft habe zum Beten, weil im Augenblick vieles dagegen spricht.
Das waren nun, liebe Gemeinde, die drei Ratschläge, die ich bei Paulus gefunden habe für mich und alle, denen manchmal die Kraft zum Beten fehlt. Der Geist Gottes, sagt er, der wird dir helfen, wenn du zu schwach bist.
Kann ich also nur darauf warten und hoffen, dass er das tut, dieser Geist?
Ich habe inzwischen gemerkt, dass man in der Zwischenzeit noch etwas anderes tun kann: Beten. Einfach beten, wie Jesus uns das gelehrt hat. Das Vater unser. Fertige Worte. Worte, in denen alles drinsteckt. Auch wenn manchmal nur die Lippen beten, aber nicht der Kopf und schon gar nicht das Herz. Beten. So wie Lottchen gebetet hat: „Komm Herr Jesus, sei Du unser Gast.“ So wie Jesus Worte aus dem 22. Psalm gebetet hat. Regelmäßig das Vaterunser beten. So bleibt man im Gespräch. So reißt die Beziehung nicht ab. Den Rest macht dann, auch in schlimmen Zeiten, Gottes Heiliger Geist. Und meine Erfahrung ist: Irgendwann kommen auch die anderen Worte wieder. Die, die eine Erlösung sind.
Amen.