Predigt zu 1. Korinther 3,9-15 von Claudia Bruweleit
(Predigt anlässlich der Goldenen Konfirmation)
Liebe Gemeinde!
Eine riesige Feuerwalze hatte sich durch die Wälder des Yellowstone Nationalparks in Amerika gefressen Ende der Achtziger Jahre. Nicht nur kleine Buschbrände hier und da, wie in jedem Jahr – nein, im heißen Sommer 1988 hatten sich die Feuer zusammengeschlossen und vernichteten alles mit ihrer Kraft. Die Menschen waren entsetzt - das würde das Ende des Nationalparks sein, das Ende seiner Wälder zumal, befürchteten sie. Es war die größte Feuersbrunst seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Yellowstone Park. Mehr als ein Drittel der Parkfläche dieser weitläufigen Vulkanlandschaft mit riesigen Waldflächen und seltenen Tieren im Staat Wyoming verbrannte, 3.213 [1]Quadratkilometer. Zunächst sah es auch so aus, als wäre ein großer Teil dieser besonderen Landschaft und Vegetation unwiederbringlich zerstört. Doch schon im nächsten Sommer zeigten sich unzählige Schösslinge der sogenannten Drehkiefer gleichmäßig auf den verkohlten Flächen, auch die Walderdbeere eroberte sich den Raum. Und 25 Jahre danach konnten wir bei unserem Besuch im vergangenen Jahr erleben, dass eine neue Landschaft aus dem Feuer entstanden ist. Auf weiten Flächen finden sich grüne junge Nadelwälder, zwischen denen die verkohlten Überreste alter Bäume hervorstehen.
Wie war das möglich, dass so schnell die Natur sich dieses Gebiet zurückeroberte, dass sie, durch das Feuer geläutert, schön und jung und kräftig grün die verbrannten Flächen mit Wald bedeckt. Eine besondere Vorrichtung der Natur, so erklärte uns die Nationalparkhüterin Erica, sorge dafür, dass die Küstenkiefer einige Früchte ausbilde, die besonders fest harzverklebt seien. Diese Kiefernzapfen könnten Jahre lang am Baum verbleiben -auch eine Feuersbrunst zerstöre sie nicht, sondern ihre Schuppen öffneten sich erst nach einem Feuer aufgrund der hohen Temperaturen. Nach der Feuersbrunst hätten sie sich geöffnet und ihre Samen mit den Aschewinden weit über das Land tragen lassen. So kommt es, dass die Wälder des Yellowstone Parks schneller und gleichmäßiger wieder wuchsen, als Menschen es je hätten schaffen können.
Was ist das für ein Boden im Yellowstone Nationalpark – dass er immer wieder neue Pflanzen nährt und trägt? Aus Vulkanen entstanden, gibt er Halt und Mineralien und lässt besondere Pflanzen gedeihen, die an das karge Leben in großer Höhe angepasst sind.
Scheinbar gleichmütig bietet er die Grundlage für immer wieder neues Leben. Menschen glaubten, eine Katastrophe hätte mit dem Feuer alles zerstört, doch der Boden trägt neues Leben, junge Bäume, gibt der Landschaft neue Gestalt und erhält so langfristig die Artenvielfalt und Schönheit dieser Region.
Ist das ein Bild auch für unser Leben? Etwas verbrennt, stürzt ein – und neues keimt und wächst?
Sie sind heute hier, um die Goldene Konfirmation zu feiern. Fünfzig oder mehr Jahre liegen zwischen dem Tag, an dem Sie hier in der Kirche sich zu Ihrem Glauben zu Jesus Christus bekannten und gesegnet wurden, und heute. Was ist seitdem in Ihrem Leben gewachsen, was zerstört worden? Und was hat sich behauptet, obwohl Sie es kaum für möglich hielten?
Wie ist es Ihnen gelungen, Schweres zu überstehen, Herausforderungen zu meistern, die wie ein Feuer alles zu verbrennen drohten?
Der Predigttext heute fragt nach dem, was einen guten Boden gibt für das Leben. Einen Boden, der Halt gibt und Leben ermöglicht auch in Bedrohungen. Es ist der Apostel Paulus, der hier spricht. Er hat viele Gemeinden in Kleinasien und Süd-Europa gegründet, auch Korinth. Dieser jungen Gemeinde schreibt er in dem Wissen, dass jetzt ein anderer Gemeindeleiter dort das Sagen hat, Apollo – mit dessen Entscheidungen ist er nicht in allem einverstanden. Von ihm und sich selbst schreibt er:
Übersetzung: Basisbibel
Wir sind (...) Gottes Mitarbeiter.
(...)Ihr seid Gottes Ackerland –
oder besser: Gottes Bauwerk.
10Weil Gott mich in seiner Gnade dazu befähigt hat,
konnte ich als weiser Bauleiter das Fundament legen.
Jetzt baut ein anderer darauf weiter.
Aber jeder muss aufpassen,
wie er weiterbaut.
11Denn niemand kann ein anderes Fundament legen
als das, das schon gelegt ist.
Und das ist Jesus Christus.
12Es spielt keine Rolle,
womit auf dem Fundament weitergebaut wird:
mit Gold, Silber oder Edelsteinen,
Holz, Heu oder Stroh.
13Es wird sich zeigen,
was das Werk eines jeden Einzelnen wert ist.
Der Tag des Gerichts wird es aufdecken,
denn mit Feuer wird er hereinbrechen:
Das Feuer wird prüfen,
wie das Werk eines jeden Einzelnen beschaffen ist.
14Wenn das Werk, das jemand erbaut hat,
dem Feuer standhält,
wird er belohnt.
15Verbrennt das Werk,
wird er seinen Lohn verlieren.
Er wird zwar gerettet werden –
aber nur wie jemand,
der gerade noch dem Feuer entkommen ist.
Der gute Boden ist es, der Halt gibt und rettet – auch durch das Feuer hindurch. Paulus redet recht gelassen davon, was passieren kann. Es kann sein, dass alles verbrennt und nichts bestehen bleibt. Es kann auch sein, dass Edelsteine darunter sind und dass doch noch Lohn übrig bleibt – Paulus will sich nicht mit seinem Nachfolger vergleichen. Sie sind alle Gottes – die beiden Männer, die diese Gemeinde leiten und die Menschen, die in ihr leben. Was wächst, ist Gottes Bauwerk, sagt Paulus. Was aus den Menschen wird, ist nicht seine Aufgabe – auch nicht das, was sie aus ihrem Lebensgebäude machen, nicht die Früchte, die sie bringen. Er hat nur eines getan: den Menschen von Jesus Christus erzählt. So hat er das Fundament gelegt für ein gutes, nachhaltiges Leben. Da reicht. Da braucht er sich mit niemandem mehr zu messen. Alles andere überlässt er Gott. Diese Ruhe sollen auch die Menschen in Korinth finden – eine Ruhe, die auf Gott vertraut. Auch sie haben darauf vertraut, dass Gott ihr Leben trägt und sie brauchten um diesen Grund nicht zu fürchten,
Denn, so sagt Paulus, niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist.
Und das ist Jesus Christus.
Wir stehen immer schon auf dem guten Boden.
Was heißt guter Boden?
Es heißt, dass Gott uns liebt. Und dass seine Liebe gilt. Auch durch Krankheit und Schuld und selbst durch den Tod hindurch bleibt sie der gute Boden unseres Lebens.
Wenn Sie zurückblicken, was ist bestehen geblieben in Ihrem Leben? Und was wird weiter stark sein und tragen oder kräftig sein und wachsen? Sind es die Beziehungen zu besonderen Menschen? Sind es Begabungen, die Sie haben, die Sie an verschiedenen Stellen einsetzen konnten? Freunde zu gewinnen, vielleicht?
Worauf konnten Sie in schwieriger Zeit vertrauen?
Ich habe das erkennen können, als ich mit nur wenig über Vierzig Jahren schwer erkrankte, meine Kinder waren noch jung. Ich brauchte viel Geduld. Ein ganzes Jahr lang währten die Therapien. Ein weiteres Jahr brauchte ich, um mich davon zu erholen. In der Zeit halfen mir die alten Gebete. „Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast und bitte dich, du wollest mich diesen Tag hinfort auch behüten....“ So hat schon Martin Luther gebet und seit ihm viele, viele andere.
Das Vertrauen in Gott kann ein Grund sein im Leben. Mir flogen in jenen Tagen aber auch kleine Samen für neues Vertrauen zu – Briefe von Frauen, die es schon Ende der Sechziger Jahre geschafft hatten, den Krebs zu besiegen. Dass man ihn überleben kann, sehen Sie an mir, schrieb die alte Dame mit einem Lächeln... Menschen, die sich als Freunde zeigten und da waren, einfach so. Die Familie, die um mich war und mit mir bangte... Und viele Momente, in denen wir uns geborgen fühlten trotz aller Unsicherheit.
Sie werden, liebe Goldene Konfirmandinnen, liebe Gemeinde, Ihr Leben mit Ihren ganz eigenen Höhen und Tiefen vor Augen haben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie es so annehmen können, wie es ist. Mit der Gelassenheit, dass es auf gutem Grund gebaut ist. Vielleicht können Sie es gut sein lassen, obwohl einiges nicht so Bestand hatte, wie Sie es gehofft hatten. Vielleicht finden Sie sich in veränderter Umgebung wieder, in neuen Aufgabenfeldern.
Auch Ihr Leben lässt sich rückwärts lesen durch Feuer und durch die grünenden Phasen hindurch als eines, das die Handschrift des Lebendigen Gottes trägt.
Jesus Christus hat uns genau das vorgelebt – Vertrauen in Gott und Liebe oder Verständnis für seine Mitmenschen. Kurz vor seinem Tod dachte er an den Mörder, der neben ihm gekreuzigt wurde und tröstete ihn. Obwohl er sich elend und gottverlassen fühlte, rief er nach Gott. Und Gott war bei ihm. Er erweckte ihn zu neuem Leben.
Das können wir lernen. Auf Gott zu vertrauen. Und versuchen, herauszufinden, was bestehen wird. Liebe macht unser Leben wertvoll – Liebe, die nicht für sich etwas erreichen will, sondern für den andern.
Vielleicht geht ja manche Frucht in unserem Leben erst rückblickend auf. Vielleicht ist ja auch in manchen Dingen, die wir tun, der Same der Liebe aufbewahrt. Die vielen Male, die Sie geduldig nach einer kranken Nachbarin gesehen haben, auch wenn sie immer wieder dasselbe erzählte. Die Liebe, mit der Sie Ihren Enkelkindern Bücher vorgelesen haben oder mit ihnen gebetet haben. Die stillen Stunden, in denen Sie sich um jemand Krankes gesorgt haben. Die glücklichen Tage, in denen Sie von Luft und Liebe haben leben können oder auch die Feste, an denen Sie sich mit anderen freuen konnten. Sie werden irgendwann aufgehen und ihre Früchte ausstreuen. Gott hat Großes daraus gemacht und gibt unseren bescheidenen Versuchen, unser Leben zu gestalten, Halt und Tiefe.
So segnet Gott uns Menschen durch die Jahre unseres Lebens und gibt uns einen Grund, den niemand uns nehmen kann – Jesus Christus, der voller Gottesliebe war und ist. Er begleite Sie.
Amen.
[1] Vergleiche auch http://de.wikipedia.org/wiki/Küsten-Kiefer, abgerufen am 2.9.2014.
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Predigt zu 1. Korinther 3,9-15 von Martina Janßen
Liebe Gemeinde!
Ich sitze am Schreibtisch und sehe die Post durch. Rundverfügungen. Evaluationsbögen. Werbeprospekte: Für Fundraising. Für Ehrenamt. Für Gemeindeaufbau. Ich ordne alles zu kleinen Häufchen zusammen und seufze. Immer dieser Papierkram! Was denken die sich als nächstes aus? Bald kommt vielleicht ein Evaluationsbogen für Gemeindeaufbau! So was würde mich als Pastorin – oder um im Bild zu bleiben: als Baumeisterin einer Gemeinde - unter Druck setzen, denn auch in unserer Gemeinde gibt es viele Baustellen. Mir fällt die KV-Sitzung von gestern Abend ein: Auf was bauen wir im Miteinander? Was ist unsere Vision? Steht die Tür unseres Hauses allen offen oder mauern wir uns ein? Gemeinden sind wie Häuser. Einladend oder abweisend. Und weiter: Unsere Gemeinde ist ja nicht das einzige Haus in der Region. Wir haben Nachbarn. Lässt lokale Kirchenentwicklung auch in Zukunft noch Raum für unser Haus? Wie hoch wird man unsere Immobilie bewerten? Sind wir denkmalgeschützt oder abbruchreif?
Nein, heute möchte ich weder über die Feinheiten unserer fragilen gemeindlichen Beziehungsarchitektur noch über die kirchlichen Bebauungspläne für die Zukunft nachdenken. Lieber was Erbauliches tun. Lieber die Predigt für Sonntag schreiben. In der Hoffnung auf Ablenkung lese ich den Predigttext. Na, toll! Seufzend klappe ich die Bibel wieder zu. Auch du, Paulus, auch du!
Lesung 1 Kor 3,9-15
Liebe Gemeinde! „Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau (1 Kor 3,9)!“ Auch Paulus schreibt über Gemeindeaufbau. Gemeinden sind wie Häuser. Das Fundament ist gelegt. „Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut!“ Wenn das keine Aufforderung zum Gemeindeaufbau vom Rohbau bis zum letzten Nagel in der Wand ist- was dann sonst? Bauen wir unser Haus! Schön und liebevoll. Nachhaltig und zukunftsfähig. Als Heimat für viele und Zuflucht für Fremde. Sicher, da knallt schon mal eine Tür, da lässt schon mal einer was liegen und der Rasen müsste auch mal wieder gemäht werden. Aber die Räume sind voller Leben. Gemeinden sind wie Häuser. Sie geben Schutz und müssen selbst geschützt werden. Von außen und von innen. Damit kein Orkan das Dach abdeckt und keiner im Streit von innen die Tür eintritt. Achtsamkeit ist gefragt. Man muss lüften, damit es nicht muffig wird. Doch die Fenster müssen dicht sein, wenn Sturm und Regen kommen.
Gemeinden sind wie Häuser. Das Fundament ist gelegt. „Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut (1 Kor 3,10)! “ Es braucht jede Hand beim Hausbau. Jeder nach seinen Gaben. Pflastern und Streichen. Chorsingen und Gitarre am Lagerfeuer. Zimmern und Montieren. Kuchenbacken und Geschichten erzählen. Bohren und Schleifen. Eine Hand halten und Sehnsucht wecken. Sägen und Fräsen. Glauben stärken und Tränen trocknen. Alles ist nötig. Gemeinden baut man wie Häuser. Jeder wird gebraucht. Der eine legt den Grund, der andere baut weiter. Der eine gießt Beton, der andere schmückt die Wand. Der eine organisiert ein Fest, der andere besucht die Kranken. Jeder nach seinen Gaben. Nur gemeinsam kann es gelingen, Hand in Hand, mit Herz und Verstand. Sind wir ein gutes Team? Oft, aber nicht immer. Da gibt es schon Konkurrenz im Haus: Wer ist hier die tragende Säule? Wer der Fußabtreter? Wer hat das Sagen auf der Baustelle, wer schleppt die Steine und wessen Pläne werden umgesetzt? Manchmal scheiden sich auch die Geschmäcker und manchmal widersprechen sich die Kompetenzen. Dann streiten wir. Das ist beim Gemeindeaufbau nicht anders als im Bauausschuss. Sanieren wir das Dach von innen oder von außen? Investieren wir ins Jugendcamp oder in die Palliativarbeit? Welche Akzente setzen wir in der Inneneinrichtung?
„Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau (1 Kor 3,9)!“ Gemeinden sind wie Häuser. Dass die einzelnen Häuser verschieden sind, macht den Charme einer Stadt oder eines Dorfes aus. Nur Villen, nur Plattenbauten, nur die ewig gleichen Geschäftsgebäude – wie langweilig! Sowohl für die Stadtentwicklung als auch für die kirchliche Landschaft. Luxusloft, Fachwerkhaus mit Jägerzaun, Jugendstilvilla, der Bauwagenplatz – alle bunt und vereint auf einem Fundament. Das wäre eine Stadt Gottes, das wäre eine Kirche ganz nach meinem Geschmack! Das Fundament ist gelegt. „Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut (1 Kor 3,10)!“
Gemeinden sind wie Häuser. Sie sind nie fertig. Immer geht etwas kaputt und muss repariert werden. Zugegeben – ein undichtes Fenster ist einfacher heil zu machen als eine verletzte Seele. In Gemeinden und Häusern muss immer wieder alles gepflegt und angepasst werden. Und das möglichst ohne Leichen im Keller zu hinterlassen oder dass jemand den Notausgang nimmt. Häuser und Gemeinden leben und wandeln sich. Immer ist etwas im Bau. Und Baustellen können gefährlich sein. Man kann sich selbst oder andere verletzen, man kann die Kraft, die Lust und in all dem Kleinklein auch den Blick für’s Ganze verlieren. Dann muss man sich fragen, was und warum man es tut. Es gibt eine schöne Geschichte. „Drei Steinmetze arbeiten auf einer Baustelle. Ein Passant fragt sie danach, was sie tun. Der erste Steinmetz räumt mürrisch Steine zusammen und sagt: ‚Ich verdiene meinen Lebensunterhalt.‘ Der zweite Steinmetz klopft mit wichtiger Miene weiter auf seinen Stein, während er antwortet: ‚Ich liefere die beste Steinmetzarbeit weit und breit.‘ Der dritte Steinmetz aber schaut den Fragenden ruhig und mit glänzenden Augen an und sagt: ‚Ich baue eine Kathedrale.‘ (http://studieren.de/auszeit.0.html)“ Warum und wofür bauen wir? Für Brot und Geld? Für’s eigene Ego? Für eine Sehnsucht, einen Traum…
Liebe Gemeinde! „Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau (1 Kor 3,9)!“ Paulus schreibt den Korinthern über Gemeindeaufbau. Er hat allen Grund dazu. Es gibt Streit in der Gemeinde in Korinth. Parteiungen haben sich gebildet. Das Bauprojekt scheint gefährdet zu sein. Die einen sagen, sie gehören zu Apollos, die anderen sagen, sie gehören zu Paulus. Solches Verhalten zerstört mehr als dass es aufbaut. Darum spricht Paulus der Gemeinde ins Gewissen. Baut euer Haus! Am Ende zeigt sich, ob es Bestand haben wird. Am Ende wird evaluiert. „Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen (1 Kor 3 13)!“ Da scheidet sich dann professionelle Wertarbeit vom Baupfusch. Wie ist das mit uns? Bestehen wir die Feuerprobe oder bleibt kein Stein auf dem anderen? „Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden (1 Kor 3,12).“ Ich stelle mir so einen Evaluationsbogen zum Gemeindeaufbau vor, so einen, wo man sich selbst einschätzen muss. Was sind wir? Palast oder Hütte? Oder so dazwischen? Sind wir ein Haus aus „Gold, Silber, Edelstein“, eine Leuchtfeuergemeinde, best-practise-Beispiel, zukunftsfähig und vorbildlich – könnte ich da für uns das Kreuz machen? Oder sind wir eher ein Haus aus „Holz, Heu, Stroh“, ein kleines Licht, allenfalls ausbaufähig, vielleicht sogar ein Kandidat für eine kirchenaufsichtliche Baubegehung – muss ich etwa da das Kreuz für uns machen? „Der Tag des Gerichts wird’s klar machen, denn mit Feuer wird er sich offenbaren (1 Kor 3,13).“ Immerhin. Ich muss das nicht entscheiden und die Landeskirche auch nicht. Immerhin. Ganz so offensichtlich ist es nach außen nicht mit dem Gold, Silber, Edelstein, Holz, Heu und Stroh, mit der Beständigkeit und der Baufälligkeit. Am Baumaterial hängt nicht alles, auch nicht am schönen Schein. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und bekanntlich gilt: „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar (F. Schiller)“. So einfach ist die Entscheidung nicht. Ein Evaluationsbogen bringt nicht wirklich ans Licht, ob eine Gemeinde eine Traumvilla oder ein Trümmerhaufen ist, ob alles auf Sand gebaut, ob die Architektur stimmig ist oder ob die Säulen tragen. Da braucht es schon den Tag des Herrn, damit die Wahrheit offenbar wird. Palast oder Hütte? Bestandsschutz oder Abbruch? Heimat oder Ruine? Darüber entscheidet Gott - und kein Auswertungsbogen, keine landeskirchliche Bauaufsicht und kein Perspektivgespräch!
Liebe Gemeinde!
„Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau (1 Kor 3,9)!“ Bauen wir an unserem Haus nach bestem Wissen und Gewissen! Mit unserer kleinen Kraft und großen Sehnsucht! Vieles kann gelingen, einiges bleibt vielleicht auf ewig eine Baustelle und das ein oder andere kann auch wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Wir können scheitern, das ist wahr, gewiss. „Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch (1 Kor 3,15).“ Doch auch wenn die Mauern brüchig werden, die Wände einstürzen und uns das Dach auf den Kopf fällt, wir selbst werden leben. Und können neu beginnen. Immer wieder neu. Denn wir haben einen Grund, der uns alle trägt, unerschütterlich und ewig, „der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus (1 Kor 3,11).“
Amen
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Predigt zu 1. Korinther 3,9-15 von Christian Stasch
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1.
Es riecht muffig, sagt meine Frau Anfang April.
Wir müssen mehr lüften, sage ich.
Wir lüften doch schon viel. Sagt sie.
Ja, halt noch mehr.
Es bringt aber nichts.
Es riecht immer noch muffig, sagt meine Frau Anfang Mai,
Wir müssen die Teppiche rausschmeißen, sage ich.
Die sind doch recht neu, sagt sie.
Versuchen wir es.
Es bringt aber nichts.
Es riecht immer noch muffig, sagen wir beide, Anfang Juni, und merken:
Die Tapeten sind von innen nass, in einem Zimmer, nein, in zweien, schau mal: auch da, ja und dort auch. Nasse Wände in vier Zimmern, jetzt wundert uns gar nichts mehr.
Den Leckorter anrufen, der sucht, prüft, forscht, probiert. Nach drei Stunden mühsamer Arbeit hat er es: Ein Leck im Bad, in einer Kaltwasserleitung, ganz klein, ca. 10 mal so klein wie ein Fingernagel. Kleine Urschache, großer Schaden. „Das kann schon ein Jahr lang hinter den Fliesen gelaufen sein, ohne dass Sie was bemerken konnten“, sagt uns der Fachmann.
Das Wasser läuft vom Leck aus in der Wand herunter, es sammelt sich unten auf dem Fundamentboden, läuft darauf weiter, und steigt hier und da, wo es ihm gefällt, die Wände wieder hoch. Die Wände und Zimmertüren, nass, schimmelig, reparaturbedürftig, das haben wir jetzt hinter uns, hat runde drei Monate gedauert, mit den brummenden Trocknungsmaschinen und den Maler, Fliesenleger – und Tischlerarbeiten. Das Fundament des Hauses aber, das war nicht angegriffen. Dem konnte das alles nichts anhaben. Das stand und steht wie eine Eins. Guter Grund. Zum Glück.
Na ja, ein weiters „Fundament“ ist bei so etwas eine Wohngebäudeversicherung, die den Schaden aufnimmt, einem Mut zuspricht für die nervigen kommenden Wochen und den Schaden reguliert. „Auf uns als Versicherung können Sie sich fest verlassen.“ Fest.
2.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Vollmundig klingt das. Ganz fest !! Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Stolz und robust wie eine Eiche.
Paulus erinnert die Korinther an das Zugrundeliegende.
Nicht wahr, darin sind wir uns doch wohl einig, oder ?
Das sagt er den christlichen Teilgruppen, den Anhängerschaften in der damals jungen und wachsenden Gemeinde Korinth. Er findet, dass sie auseinander driften – und betont die Einheit.
Es gibt Anhänger des Missionars Apollos, durch ihn zum Glauben gekommen, nennen wir sie Apollospartei. Es gibt Anhänger des Missionars Paulus, durch ihn zum Glauben gekommen, nennen wir sie Pauluspartei. Diese Aufteilungen sind, so sagt Paulus, nichts wert, verglichen mit der Basis, dem Fundament, auf dem wir doch alle stehen. Erst das Fundament, dann erst die Aufbauten darauf, von unterschiedlichen Leuten ausgeführt, mit unterschiedlichen Materialien, und man wird erst am Ende sehen, was dieser oder jener Bauabschnitt so gebracht hat. Noch mal: Macht euch immer wieder und zuallererst das Fundament bewusst..
CDU oder SPD; Grüne oder Linke, das ist zweitrangig, wenn es um Grundlegendes geht, das die ganze Nation berührt.
FC Bayern, Borussia Dortmund oder Hannover 96, das ist zweitrangig, wenn man gemeinsam der Nationalmannschaft die Daumen drückt.
Vergesst das gemeinsame Fundament nicht.
Die Aufteilungen in der Kirche heute, Lutheraner, Reformierte, Freikirchler, Katholiken.
Na klar gibt es Unterschiede, na klar möchten wir Evangelischen keinen römischen Papst über uns haben und sind froh, dass Pastorinnen und Pastoren heiraten dürfen und: dass es Pastorinnen überhaupt gibt, Frauen in jeder Ebene der Kirche – dennoch tut es den christlichen Gruppierungen auch heute gut, das Verbindende, das Gemeinsame zu sehen, auf dem alles andere aufbaut.
3.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Sind wir uns über diesen Grund einig, liebe Loccumerinnen, liebe Loccumer, liebe Gäste?
Was ist dieser Grund, Christus, genau?
Wir als Christinnen und Christen heute im Jahr 2014,
Da wir nach „Christus“ heißen (Christen), geht es um ihn,
aber: Was heißt das genau? Wer ist Christus?
Im Glaubensbekenntis sprechen wir: gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Kurz zuvor heißt es: Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Und ich kenne nicht wenige, die sprechen das zwar mit aus Respekt vor der Tradition, hängen ihr Herz aber weiß Gott nicht daran: denn die Rede von der Jungfrauengeburt scheint für den Glauben doch entbehrlich.
Also: wer ist das für mich, für dich? Christus: Das Kind in der Krippe, elend, nackt und bloß, schutzlos, in diese Welt geworfen, solidarisch.
Holder Knabe mit lockigem Haar oder der der alle Krankheit trug?
Ein Wunderheiler, Magier, Herrscher über Dämonen und die Stürme des Meeres?
Der Sohn Gottes?
Das Opferlamm?
Ein Rabbi und Gesetzeslehrer?
Ein Provokateur und ein Kritiker der Gesetzlichkeit?
Ein guter Hirte?
Der Gründer der Kirche?
Der Weltenherrscher?
Den Menschen nah oder den Menschen fern?
Ein zärtlicher Freund, sanftmütiger Bruder?
Vorbild für andere, v.a. in Sachen Friedfertigkeit?
Gegner des Leidens, oder Erdulder des Leidens?
Auch wenn Sie vielleicht sagen: „Na ja, da sind mehrere Beschreibungen dabei, die ich passend finde, und die nebeneinander stehen können.“
Geschenkt. Aber jedenfalls ist die Schwerpunktsetzung unterschiedlich. Und unsere Christusbilder sind es offensichtlich auch.
Das finde ich auch nicht schlimm. Es macht uns als Christen bunt, vielstimmig, facettenreich.
Und es ist kein Widerspruch zu der Feststellung des Paulus:
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Einen Grund gefunden zu haben, ist ein Glück und ein Segen. Eine Basis fürs Leben. Wie Grundvertrauen. Etwas, das hält und trägt, wenn es mir gut geht und auch wenn es mir dreckig geht. Wenn mir Dinge gelingen und auch wenn alles schief läuft.
„Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält.
Der Grund, der unbeweglich steht, wenn Erd und Himmel untergeht.“
„Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich. So oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich.“
Der Junge, der mit 15 Jahren das Elternhaus verlässt, seinen Freundeskreis aufgibt, die Kleinstadt, die er kennt, sich aufmacht ins Unbekannte, weil er eine besondere Chance wittert, Sport-Internat in Thüringen, vielleicht kann ich mich stark weiter entwickeln, vielleicht schaffe ich es, den geliebten Sport zum Beruf machen. Vielleicht. Ungewiss natürlich. Was gewiss ist, trägt er um den Hals und legt es in all den Jahren nie ab: ein Kreuz.
„Such wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden. Mein herz allein bedacht soll sein, auf Christus sich zu gründen.“
„Alles vergehet, Gott aber stehet, ohn alles Wanken. Seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund.“
4.
Fundiert. gefestigt, stabil sein, die Ruhe bewahren, sich nicht aus der Bahn werfen lassen – so können Früchte des Glaubens aussehen, Früchte der Zugehörigkeit zu Christus – solche Früchte sind aber kein Automatismus. Manchmal bleibt es auch nur ein Wunsch und eine Sehnsucht danach. Eine Bitte.
Wunsch, Sehnsucht, Bitte, das klingt nun etwas zurückgenommen, vorsichtig und leise.
Manche, die den Grund gefunden zu haben meinen und für sich in Anspruch nehmen, ganz besonders fest auf diesem Fundament zu stehen, sprechen lauter, offensiver.
Und sind der Meinung, dass dieses Fundament nicht nur für sie selbst, sondern für jeden Menschen verbindlich sein muss. Alles andere ist vom Teufel, ist Abfall, Sünde und Gottlosigkeit. Deshalb wollen sie ihr Glaubensfundament zur allgemeinen Richtschnur machen und das alltägliche private Leben und das gesellschaftliche Zusammensein mit strengen religiösen Regeln und Vorschriften überziehen. Die Regeln entstammen der Heiligen Schrift, egal ob Bibel oder Koran, sind angeblich eindeutig und nicht hinterfragbar oder diskutierbar. Es ist ein ins Maßlose gesteigerter Umgang mit dem Glaubensfundament, es ist Fundamentalismus. Es gibt ihn bei frommen christlichen Kreisen in Deutschland und in den USA, es gibt ihn bei der Bewegung „Islamischer Staat“. Bei beiden Ausprägungen gibt es nichts zu deuteln und schon gar nichts zu lachen. Um Wahrheit wird nicht gerungen, sondern Wahrheit steht fest bzw. wird von oben festgelegt.
Fundamentalismus ist es, wenn jemand das Fundament, das ihm wichtig ist, zur Allgemeinnorm erhebt, und wenn er anderen abspricht, dass ihr ganz anderes Fundament auch seine Berechtigung hat. Und weil das ja so schön einfach und übersichtlich ist, wächst der Einfluss von Fundamentalisten. Und ihre Bedrohung. Leider.
5.
Wollen mal sehen, was dabei rauskommt. Alle werden sich am Ende für ihr Tun verantworten müssen. Dinge werden ans Licht kommen, die Folgen des Tuns werden klar. Jeder wird sich dann zumindest ein paar Fragen gefallen lassen müssen. Die Fundamentalisten, genau wie diejenigen, die konstruktiv-kritisch ihr Fundament bewahren und auch die, die das Fundament für nicht mehr so tragfähig halten.
Paulus denkt sich das so:
„Wenn jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird's klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.
Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden.“
Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Was ich einmal präsentiert bekomme und welche Fragen mir von Gott gestellt werden, und er dazu dann ein Feuer braucht oder nicht, weiß ich nicht.
Was ich nur weiß: Ich bin ich dankbar für den Grund, auf dem ich stehen kann. Der stabiler ist als die Wasserschäden des Lebens. Und mich nicht einigelt, sondern mir Freiheit schenkt.
Amen.
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Vorsicht Baustelle! - Predigt zu 1.Korinther 3,9-15 von Reiner Kalmbach
Vorsicht Baustelle!
Vor einigen Jahren war ich auf Einladung der Lutherischen Synode von New York in Manhatten. Das ist schon eine faszinierende Stadt! Zeitweise war ich wie betäubt von den Eindrücken. Man steht (wie in einem Traum...) vor Gebäuden die man aus Kinofilmen kennt, man schaut nach oben und sieht kaum die Spitze. Und plötzlich fällt mir auf, dass wir uns auf einer Insel befinden. Man weiss es ja (eben aus dem Kino, oder aus dem Geographieunterricht), aber jetzt sehe ich es, nehme es wahr. Und es ist eine relativ kleine Insel. Auf ihr wurden tausende von Wolkenkratzern errichtet. Ich stelle mir das Gewicht all dieser Stahlbetongiganten vor und sehe, dass sich die Insel nur weniger Meter über dem Wasserspiegel erhebt. „Wie tief müssen hier denn die Fundamente gegraben und gegosssen werden...?, ist das nicht ein Risiko, so viel Beton und Stahl auf einer solch kleinen Insel..?“, wollte ich von meinem Führer wissen. „Ach, das ist kein Problem, die Insel ist ein einziger harter Fels, da kann so schnell nichts passieren...“
Ein einziger grosser und harter Fels als Fundament: darauf kann man beruhigt in die Zukunft bauen. Wenn es eine Gefahr geben sollte, dann kommt sie „von oben“ (was traurige Wirklichkeit wurde), d.h. von den Menschen selbst. Die Stadt ist ein Ameisenhaufen, aber eben gebaut auf Fels.
Das heutige Predigtwort spricht von solch einem Bau. Nicht aus Stahl, Zement, Sand und Glas (obwohl darin auch Materialien vorkommen ), sondern es geht um den Bau der Gemeinde, der Kirche.
Paulus, der Apostel, hat wieder einmal grosse Sorgen. Die Gemeinde in Korinth bereitet ihm Kopfschmerzen. Dort bilden sich Grüppchen die sich um die verschiedenen (selbsternannten) Prediger sammeln, jeder hat seine eigene Fangemeinde, jeder predigt sein eigenes Evangelium, oder das was er dafür hält.
Genau wie bei uns.., wo?, in Argentinien. Früher einmal war es ein katholisches Musterland, 95% der Bevölkerung zählten sich zu der einen und wahren Kirche, daneben gab es noch eine starke jüdische Gemeinde, ein paar Muslime und ungefähr 3% Protestanten, also Lutheraner, Waldenser, Reformierte, Methodisten, auch Orthodoxe.
Heute sieht das ganz anders aus: ungefähr 40% gehören zu einer der 3000 Kirchen, Gruppen und Sekten, die man praktisch nirgendwo einordnen kann, die sich aber alle „evangelisch“ nennen. Im Moment gedeihen die neuen, modernen Glaskirchen, die ein Wohlstandsevangelium verkünden, wie die Pilze nach einem warmen Herbstregen. Aber das kann sich schnell ändern. Man gehört nicht zur „Pfingstgemeinde“, sondern zur Kirche von Prediger Soundso. Da kann es dann auch passieren, dass ein Mitglied plötzlich nicht mit „seinem“ Pastor einverstanden ist, aufsteht und verkündet: „der Herr hat mir gesagt, ich soll eine eigene Kirche gründen und die Wahrheit predigen...“, dann nimmt er seine Schäfchen, die ihm dann auch brav und ohne zu mucken folgen, und mietet um die Ecke einen grossen Saal, dessen Kosten er mit dem Zehnten seiner Leute bezahlt und der ihm selbst ein Leben im Wohlstand ermöglicht. Während die Pfingstkirchen noch vor wenigen Jahren besonders bei der Unterschicht beliebt waren und ihre Gottesdienste in einfachen Bretterhütten und Hinterzimmern feierten, füllen die Mitglieder der neuen, meist aus den USA oder Brasilien stammenden „Kirchen“ heutzutage hochtechnisierte und klimatisierte Säle und ihre Prediger reisen, ganz klar, First Clas. Auf den Parkplätzen sieht man schon lange keine alten Rosteimer mehr, sondern vorwiegend teure Importautos. Sie besitzen Radio-und Fernsehsender und sogar (in Brasilien) eine grosse Fluggesellschaft.
Da können wir natürlich nicht mithalten, wir haben kein Erfolgsrezept, wir bieten keine „Stunde der Wunder“ an (jeden Mittwoch, um 20 Uhr, mit Erfolgsgarantie!), bei uns treten nicht jeden Sonntag Zeugen von Wunderheilungen auf.., wir haben nur..., ja was haben wir? Wir haben nur das Wort, ein Wort das mir jeder anzweifeln, bestreiten kann.
Aber vielleicht gerade deshalb fällt es uns nicht schwer, die geschichtliche Situation der Gemeinde in Korinth zu verstehen, so viel anders war das damals auch nicht: multikulti, multireli, religiöser Supermarkt, für jeden etwas...
Paulus´Kopfschmerzen sind meine Kopfschmerzen.
Hören wir aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, dem 3. Kapitel, die Verse 3 bis 15
Textlesung
1) Bauabnahme
Ja, ich denke, es wäre ab und zu gut, den Zustand unserer Gemeinde überprüfen zu lassen. Die meisten Gemeinden blicken auf eine lange Geschichte zurück. Sie sind stolz auf sie, auf das was erreicht wurde. Alle zwei Jahre bin ich zu Besuch in meiner alten Heimat. Natürlich werde ich bei dieser Gelegenheit von vielen Gemeinden eingeladen. Mittlerweile habe ich in meiner Bibliothek eine eigene Abteilung in denen ich all die Bücher und Bildbände unterbringe, die über die Geschichte der Gemeinden erzählen, die ich einmal besucht habe. Ich muss zugeben, dass ich es geniesse, an einem schön strukturierten lutherischen Gottesdienst teilzunehmen, die alten Choräle, Kirchen die zur Stille einladen..., für mich ist das alles wichtig, ich kann so meine verbrauchten Batterien aufladen. Aber da ist auch das, was unser Paulus anspricht: Gemeinden die mit ihren supermodernen und architektonisch perfekten und wunderschönen Gemeindehäusern und Kirchen protzen, die aber ohne Leben sind, ohne wirkliches Gemeindeleben. Und die armen Pfarrer, um Menschen in die leeren Räume zu locken, müssen ständig neue und attraktive Aktivitäten erfinden. Gemeinden die nach den Gesetzen des freien Marktes funktionieren. Andere wiederum sind am Menschen dran, die Gemeinde als Raum in dem ich mich wohl fühle, in dem ich ganz dabei bin, mit Leib und Seele, ich, mit meinen Sorgen und Nöten, Gemeinden denen man ansieht, auf welchem Fundament sie gebaut sind. Jesus hat nie mit anderen religiösen oder weltanschaulichen Strömungen und Modererscheinungen konkurriert. Und weiss Gott, es gab sie!, genau wie heute... Er hatte das gar nicht nötig. Paulus tut das auch nicht, sondern es geht um das was uns antreibt, um das, was unser Lebensfundament ist, um das was unsere Gemeinschaft ausmacht. Es geht darum Kirche zu sein, Kirche und Gemeinde Christi, das sein zu dem wir ge-und be-rufen sind.
Während ich über dieser Predigt brüte, bereite ich mich gleichzeitig auf eine Fahrt in den Norden unseres Landes vor. Dort gibt es grosse und traditionsreiche Gemeinden, die schon im 19. Jahrhundert von Russlanddeutschen Einwanderern gegründet wurden. Noch vor wenigen Jahrzehnten hatten die meisten der Gemeinden doppelt so viele Mitglieder, jetzt schrumpfen die meisten. Die jungen Generationen ziehen in die grossen Städte, oder können mit der Tradition ihrer Eltern und Grosseltern nichts mehr anfangen und lassen sich von eben diesen „neuen“ und modernen Kirchen begeistern. Manche der Gemeinden versuchen es mit Vogel Strauss und stecken den Kopf in die Erde, sie tun so, als ob sie das alles nichts anginge. Andere suchen verzweifelt nach einem Rezept das, oh Wunder!, die leeren Gemeinderäume und Kirchen mit Kindern und Jugendlichen, mit Familien und Alleinstehenden füllt.
Es gibt aber auch Aussnahmen: eine dieser Gemeinden veranstaltet ein Mal im Jahr eine Woche mit Vorträgen und work-shops, die ganz einfach das Bewusstsein über den Gesundheitszustand der eigenen Gemeinde schärfen soll. Zu dieser Gemeinde werde ich in den nächsten Tagen fahren, sie haben mich eingeladen, dabei mitzuhelfen. Jemand von aussen sieht viele Dinge besser, „unvoreingenommen“, sozusagen aus der Vogelperspektive.
2) Bauleute
Die Kirche wird von Menschen gebaut. Und jeder dieser Menschen hat seine eigene, persönliche Lebensgeschichte, seine eigenen Ansichten und Neigungen. D.h. in der Gemeinde sind Lebensgeschichten am Werk. Und es ist ganz normal, dass wir uns nicht zu allen gleichermassen hingezogen fühlen. Deshalb gibt es in jeder Gemeinde kleinere und grössere Gruppen. Und das ist gut so, es ist der Garten Gottes in dem die verschiedensten Blumen, Sträucher und Bäume gedeihen. Das ist gut, normal und notwendig, solange das Fundament für alle klar ist: alle bauen auf dem selben Fundament..., oder stimmt das nicht...(mehr)?
Ja es geht noch darüber hinaus: der Reformator Johannes Calvin sagte: „Christus ist nicht nur der Grund, sondern als solcher auch das Leben des Baus.“ Das gefällt mir!, man kann leicht aus lauter Sorge um das Fundament, den ganzen Bau darüber vergessen. „Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr sei.“, sagt der selbe Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther. Es geht also um die Verantwortung, um die Verantwortung derer die am Bau arbeiten. Sie bauen nicht sich selbst, auch nicht für sich selbst, sie bauen die Gemeinde Christi.
Um es als Frage zu formulieren: unsere Gaben, Neigungen, Erfahrungen, Ansichten, bereichern sie das Leben der Gemeinde, oder versuchen wir damit das Leben der Gemeinde zu bestimmen, zu beeinflussen? Das kann auch ganz unbewusst geschehen, sogar gut gemeint...
Ein Gemeindeglied, Sohn einer der Gründerfamilien, Ingenieur, Kleinunternehmer..., fing vor ein paar Jahren an sich mit den Ideen des New Age zu beschäftigen. Bei Besuchen lagen manchmal irgendwelche esoterische Schriften auf dem Tisch. Themen wie Wiedergeburt (Reinkarnation) und Seelenwanderung schienen ihn immer mehr zu begeistern. Trotz unserer langen Gespräche und meiner Warnungen liess er sich immer mehr hineinziehen, wie in einen Strudel. „Alles muss Geist werden, die Materie ist nichts..“, das sei für ihn der Weg zur Perfektion. Das hat natürlich auch Unruhe in die Gemeinde gebracht, die Menschen verunsichert. „Wenn jemand der so viel weiss, der soviel gelesen hat, das sagt..., dann muss doch was dran sein...“.
Seit einigen Monaten ist er schwer krank, unheilbar. Wir versuchen ihn, so gut es geht, zu begleiten. Er hat das Halteseil seines christlichen Glaubens losgelassen und das neue Seil kann ihn nicht halten, es ist zu schwach...
Und gerade darum geht es: was uns die vielen modernen Heilsbringer und Seelenretter zu sagen haben, hat das wirklich Bestand?, trägt es..., ich meine, in Krisenzeiten?, sowohl in diesem Leben, als auch „hinüber“, hindurch...?
Wer sind denn diese „Bauarbeiter“?, wer gehört dazu?, der Pfarrer und die Mitglieder des Gemeindevorstandes...?, oder müssen wir den Kreis erweitern...?
In der Gemeinde die mich eingeladen hat, soll ich über Luthers „Priestertum aller Gläubigen“ sprechen. Die Gemeinde ist die Versammlung jener die den Ruf Jesu gehört haben, die dazu berufen sind ihre unterschiedlichen Gaben, Gaben Gottes!, in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.
Das wunderschöne Bild des Paulus, der die Gemeinde mit einem menschlichen Körper vergleicht, kann uns dabei helfen. Der Körper besteht aus vielen Teilen, Gliedern. Kleine und grosse, sichtbare und unscheinbare. Für Gott sind alle gleich wichtig, jedes einzelne Glied hat eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. „Ich“ bin wichtig, ich, mit meiner Geschichte, mit meinen Problemen, mit meiner Herkunft, meiner reichen oder kurzen Lebenserfahrung, ich bin Gott wichtig, und damit spiele ich beim Bau der Gemeinde eine unverzichtbare Rolle. Dabei geht es nicht um Perfektion. Alles was ich tu, auch in meinem „privaten“ Leben, in meinem Beruf, es ist und bleibt Stückwerk, ich begehe Fehler, unter denen vielleicht sogar andere zu leiden haben. Aber auch mein Stückwerk weißt auf den Grund hin: Christus.
Der Bau besteht aus Personen, aber ihr Tun und ihr Reden, weissen auf den Grund ihres Seins hin. Wie einst Johannes der Täufer: nicht ich bin es (auf den ihr wartet), sondern ER ist es...Und Luther, die aufgeschlagene Bibel in der Hand, weißt mit dem Finger auf das Wort.
Amen.
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KONFI-IMPULS zu 1. Korinther 3,9-15 von Thomas Binder
KONFI-IMPULS zu 1. Korinther 3, 9-15
Beim Lesen des Textes mit den Jugendlichen wird schnell klar: Paulus als „weiser Bauleiter“, die Bildsprache („Bauwerk“, „Fundament“) und die verwendeten „Baumaterialien“ (Gold, Silber, Edelsteine, Holz), erschließen sich den Jugendlichen in ihrer Aussageabsicht – dazu noch im Kontext des korinthischen Parteienstreits - kaum. Sie finden „komisch, dass man mit Stroh oder Silber was bauen kann“ und „dass auf architektonische Elemente besonders viel Wert gelegt wird“. Vor allem die Anwendung dieser Bilder auf Menschen in der Gemeinde erscheint den Jugendlichen „unlogisch“: Warum bin ich „Gottes Mitarbeiter“ oder „Ackerland“? – „Das klingt wie Sklaverei!“. Schwierigkeiten bereiten die v.14-15: einige ärgert, dass derjenige, dessen Werk verbrennt, seinen Lohn verliert, „obwohl Gott sonst immer alles vergibt“. Andere verstehen nicht, warum Gott Menschen trotzdem rettet, „die ihr Werk schlecht gemacht haben“. Ein Jugendlicher meint, v14. könnte sich auf „den Glauben“ beziehen: „Wer auch in schweren Zeiten an Gott glaubt, wird belohnt.“
Mögliche Zugänge für die Jugendlichen: „Baustelle Leben“: Welches „Lebensfundament“ wurde bei mir gelegt? Wer waren meine „Baumeister“ (Eltern, Lehrer, Freunde)? Welche „Lebensfundamente“ (Werte, Maßstäbe) sehen Jugendliche bei Menschen ihrer Lebenswelt? - „Die Feuerprobe“ (v.13) zeigt, was die „Lebenswerke“ wert sind: „Heute müsste auch mal so was passieren, denn manche Leute sind so überzeugt von sich selbst, dass sie gar nicht merken, dass das, was sie tun, falsch ist und andere verletzt“ (Konfirmandin). Leben Christen, was sie sagen? Was ist das Besondere an Jesus Christus als „Fundament“, wie sieht ein Leben aus, das sich auf ihn baut (evtl. Lebensgeschichte eines Christen oder einer Christin, z.B. Bonhoeffer)? - „Baustelle Kirche“: Ist unsere Kirche(ngemeinde) ein „Haus aus lebendigen Steinen“ oder ein verstaubtes Museum (vgl. den Konfi-Impuls zu 1. Petr. 2,1-10, a+b 13/2014)? - Wer sind heute Gottes „Mitarbeiter“? Welche Gaben und Fähigkeiten von Jugendlichen werden in unserer Kirche(ngemeinde) gebraucht? „Was mir an meiner Kirche gefällt, was ich an ihr ändern würde.“ Aus welchen „Baumaterialien“ würden Jugendliche „ihre Kirche“ bauen?
Zur Vorbereitung im Unterricht: Visualisierung des Textes durch kreatives Malen – Gestalten verschiedener „Lebensfundamente“ und daraus resultierender „Lebensentwürfe“ aus Pappkarton – Umfrage bei Mitarbeitern und Gottesdienstbesuchern: „Was ist die Grundlage / das Fundament der Kirche / ihres persönlichen Glaubens?“
Zur Mitwirkung im Gottesdienst: Vorstellen der Umfrage und der Bilder im Gottesdienst (evtl. Vergrößerung per Beamer) - Errichten eines „Bauwerkes“ im Gottesdienst: a) aus „Lebensfundamenten“ mit dazugehörigen „Lebensentwürfen“ oder b) „Stationen des Glaubensweges Jugendlicher von der Taufe bis zur Konfirmation“ (Daten, prägende Personen und Ereignisse, Orte und Räume) oder c) „Wie sich Jugendliche Kirche vorstellen!“.
Lieder zum Text: „Komm bau ein Haus, das uns beschützt“ (EG Bayern 640) – „Cornerstone“ (in: Das Liederbuch, Nr. 225) - „Irgendwas bleibt“ (Silbermond, in: Das Liederbuch, Nr. 58) – „Lebensglück“ (in: Das Liederbuch, Nr. 108) – „Halt dich fest an der Liebe“ (in: Das Liederbuch, Nr. 119) – „Halt dich an mir fest“ (Revolverheld, in: Das Liederbuch, Nr. 154) – „Was uns bleibt“ (in: Das Liederbuch, Nr. 222) – „Neue Spur“ (in: Das Liederbuch, Nr. 211).
Literatur: Joachim Schulte: 1. Korinther 3,9-15; in: Gottesdienst für Jugendliche, Perikopenreihe 6, Patmos 2001, S. 185-188 - „Jugendliche brauchen Kirche als Baustelle“ – Bericht der Stuttgarter Jugendkirche (2003-2006), Download unter: http://www.jugendkirche-stuttgart.de/web/profil/profil.html
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„Vertrauen ist die Grundlage sowohl von Handwerk als auch von Kirche“
Gnade sei mit uns und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Handwerkerinnen und Handwerker,
1.
Die biblische Geschichte von der Stillung des großen Sturmes ist alles andere als gemütlich. Wer sich vorstellt das Leben der Jünger und der Christen gleicht einer idyllischen Kahnpartie im Abendsonnenschein mit leisem Wassergeplätscher und etwas irischem Segen wird enttäuscht werden. Martin Luther sagt über die Geschichte:
„So geht es, wenn Christus in das Schiff kommt. Dann wird es nicht lange still bleiben, es wird ein Wetter und Ungestüm kommen, die Sonne scheint nicht mehr und das Meer wütet und tobt.“ Das ist eine Wahrheit, die wir gern überhören: es ist uns eben nicht verheißen, dass es in unserem Leben immer ruhig bleibt und manchmal ist es der Glaube, der uns – wenn wir ihm folgen – in stürmische Wasser führt, also in Auseinandersetzungen und Konflikte. Es wird stürmisch werden: Aber im Sturm kommen wir nicht um: das ist die Zusage der Geschichte für alle Hörerinnen und Hörer.
2.
Und als der Wind bläst und der Kahn schwankt, da geht es sofort auch – wen wird es wundern – um das Thema Vertrauen. „Habt ihr kein Vertrauen?“ ist Jesu erste Frage an die verschreckten Jünger. In älteren Übersetzungen lautet die Frage: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“
So ist es eben: Vertrauen und Glauben oder Kleinglauben und Mangel an Vertrauen gehören ganz eng zusammen. „Glauben“ ist im Grunde immer ein Vertrauen. Luther nennt Glauben manchmal auch eine „verwegene Zuversicht“.
Jesus fragt also habt ihr kein Vertrauen? Ja, jetzt hätte er auch sagen können: Da seht ihr es. Das habt ihr nun von eurem Kleinglauben. Jetzt geht ihr unter mit dem Kahn.
Nein, so passiert es nicht. Der kleine Glaube der Jünger scheint auszureichen, um gerettet zu werden.
Aber: Ein kleiner Glaube ist besser als gar kein Glaube.
Immerhin, die Jünger kennen die Adresse, sie wissen, wen sie anrufen müssen, sie wissen, wenn sie schreien, wo sie sich hinwenden müssen. Und sie rufen eben nicht nur „Wir verderben!“ wie so viele rufen und klagen. Sondern sie rufen: „Herr hilf, wir verderben!“, das macht einen gewaltigen Unterschied, wenn man eine Adresse für seine Klage hat.
3.
Und hier wird gleich eine weitere Konsequenz deutlich: Vertrauen hat es mit persönlichen Beziehungen zu tun. Wem ich vertrauen soll, den will ich kennen, das macht es so viel leichter.
Im heutigen Leben müssen wir ganz oft anonym bleibenden Menschen vertrauen, von morgens bis abends: Wenn ich früh aufstehe und Zähneputzen will, muss ich den Mitarbeitern im Wasserwerk vertrauen, die ich nicht kenne. Wenn ich zur Arbeit fahre muss ich den anonym bleibenden Stellwerksleitern vertrauen, die die Weichen hoffentlich richtig stellen. Die Bäckermeisterin muss den unbekannten Lebensmittelkontrolleuren vertrauen. Und abends muss ich den Mitarbeitern der „heute-Redaktion“ vertrauen, dass sie mich offen und ehrlich informieren. Usw. usw. bis zum Schlafengehen.
Wie viel leichter ist es hingegen, jemanden zu vertrauen den ich kenne, der für mich ein Gesicht und einen Namen hat?
Merken Sie, liebe Handwerkerinnen und Handwerker, dass Sie da ein ganzes Stück weit privilegiert sind? Sie leben in einer Arbeitswelt, wo man sich kennen kann. Der Kunde hat für sie ein Gesicht. Das ist ein unschätzbarer Wert, ein ehrliches Kapital, das es zu nutzen gilt. Gerade in einer Gesellschaft, wo Vertrauen stetig durch Kontrolle ersetzt werden soll. Immer mehr gesetzliche Reglungen prasseln auf uns nieder mit dem Erfolg, dass es dann findige Sucher von Schlupflöchern im Gesetzesdschungel gibt. Und die rufen dann wieder die „Schlupflochstopfer“ auf den Plan. Es scheint ein unseliger Wettbewerb ausgebrochen zu sein zwischen den „Schlupflochsuchern“ und den Schlupflochstopfern“.
Das sollen wir nicht hinnehmen: Das Handwerk, „die Wirtschaftsmacht von nebenan“ – wie es sich so gern nennt - hat Kraft und Möglichkeiten in unserer Gesellschaft da andere Akzente zu setzen. Das Handwerk kann heute einen wichtigen Beitrag zur Kultur des Vertrauens in unserem Land leisten.
4.
Aber: bei politischen Forderungen kann es nicht bleiben: Unsere Kirche, unsere Pastoren in den Kirchengemeinden haben den Einzelnen im Blick. Sie sehen die Handwerkerin und den Handwerker, die sich mühen, die im Grunde ihres Herzens genau das wollen: Ehrbares Handwerk, wie toll wäre das!
Und die immer wieder die Erfahrung machen: es geht nicht: Manche stimmen etwas zynisch in das bekannte Lied „der Prinzen“ aus Sachsen ein: „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt. Du musst gemein sein in dieser Welt“
Freilich, viele wollen das nicht und wünschen es sich im Grunde ihres Herzens anders. Sind die äußeren Zwänge zu mächtig?
Das ist eine alte Grundfrage, die auch in der biblischen Geschichte anklingt: Wie sehr fürchten wir die äußeren Mächte? In unserer Geschichte sind es Sturm und Wellen. Im modernen Leben sind es oft ganz andere Gewalten. Manchmal, etwa beim Hochwasser spüren wir noch die Kraft des Wetters. Meistens sind es aber Kräfte und Gewalten, die wir ebenso wenig beeinflussen können wie das Wetter: Den Kurs des Euro etwa, Vorschriften und Gesetze aus Brüssel oder Berlin, Zwänge bürokratische Hürden, die das Arbeiten erschweren. Der kleine Mann ist dem allen ausgeliefert wie auf einen schwankenden Kahn.
Wie schnell gewinnt dann der „Kleinglaube“ die Oberhand: Da kannst Du nichts machen. Da musst Du dich rein fügen. Da musst Du mit den Wölfen heulen usw. Sie kennen die vermeintlichen Gründe, die so unabweislich zu gelten scheinen.
Im Blick auf unsere biblische Geschichte sind das alles Sätze des Kleinglaubens, ja des Unglaubens. Christlicher Glaube tickt anders:
Der Glaube leitet dazu an, auch den eigenen Kleinglauben zu hinterfragen und sich nicht zu schnell abzufinden mit dem, wo man – angeblich – nichts machen kann. Der Glaube leitetan zum genauen Hinsehen. Wenn Sie das, liebe Handwerkerinnen und Handwerker, tun, aufmerksam und nüchtern, dann werden wir voller Staunen und Dankbarkeit feststellen dürfen: Es sind jetzt nicht die schlechtesten Zeiten für das Handwerk.
Vor allem aber gilt es, das dankbar wahrzunehmen. Die Dankbarkeit ist eine ganz wichtige Kraft und Quelle auch für widrige Zeiten.
Ich scheue mich das nicht zu sagen: Viele male am Tag kann ich gerne sagen „Gott sei Dank!“ Bei Aufstehen, beim Essen bei meiner Arbeit. Ich hoffe, davor bewahrt zu bleiben, das alles als selbstverständlich zu nehmen. Wer von Herzen dankbar ist, hat hoffentlich auch die Kraft diejenigen nicht zu übersehen, denen es nicht so gut geht, bei uns und in der weiten Welt.
Auch bei uns gibt es Handwerksbetriebe in Not und es gibt nicht wenige, die mit Sorgen in die Zukunft sehen, z.B. weil sie immer noch nicht wissen wie es weitergehen soll, weil keine Kinder da sind, die den Betrieb einmal übernehmen können oder wollen.
5.
Merken Sie das ein gutes Gottvertrauen nicht die schlechteste Grundlage für eine Kultur des Vertrauens in dieser Gesellschaft sein Kann?
Gott vertrauen kann zur Hilfe und Basis für das Leben, auch für das berufliche Leben werden.
Ich muss mich geborgen und getragen wissen, damit ich das Risiko des Vertrauens eingehen und auch unausweichlich folgende Enttäuschungen besser überwinden kann.
Am Ende, auch am Ende unserer Geschichte steht das Staunen:
„Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: „Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?“
Ihn sollen wir gut kennen. Er ist der Grund für unsere Hoffnung, für unseren Glauben und unsere Liebe, mit der wir anderen hoffentlich begegnen.
Wir müssen uns dieses Grundes immer wieder versichern, jede und jeder ganz für sich persönlich. Jeden Sonntag kannst Du kommen und dich durch Gottes Wort neu ausrichten lassen. Am Mittwoch hast du es vielleicht wieder vergessen, aber am nächsten Sonntag kannst Du ja wiederkommen.
Vertrauen will geradezu immer wieder neu eingeübt und trainiert werden.
Das Handwerk hat ja im Laufe der Jahrhunderte selbst Formen der Vergewisserung entwickelt: Freisprechungen und Meisterfeiern, Innungsfeste und Handwerkstage, bei Richtfesten und Einweihungen. Manchmal in Tracht und in zünftiger „Kluft“ und mit Schlapphüten, mit Fahnen und Symbolen und „Innungsladen“. Lassen Sie sich das nicht ausreden. Auch wenn das alles zunächst einmal äußerlich ist: Da kann von außen nach innen etwas wachsen und die äußeren Formen können nach innen Werte und Überzeugungen befestigen und neu gründen helfen.
Ich wünsche allen Handerkerinnen und Handwerkern die „verwegene Zuversicht“ des Glaubens.
Damit wir darin nicht müde werden, dafür steht die kurze Bitte „Gott schütze das ehrbare Handwerk!“
Amen.
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Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Manfred Wussow
Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!
Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.
Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.
Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.
Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne.
Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.
Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi –, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.
Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne.
Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Predigt
Allen alles sein – ich fasse es nicht! Warum nur versteigt sich Paulus in einen solchen Höhenrausch? Wäre weniger nicht mehr? Aber dann tut er mir leid. Der Paulus. Ich bin noch im Bann seiner Größe, kenne seine historische Bedeutung, stolpere ständig über seine Spuren. Aber dass er sich verteidigen muss, erbittert, leidenschaftlich, überrascht mich dann doch.
Szene 1:
Ein Ringen um Worte
Korinth ist ein heißes Pflaster. Weltstadt, Handelsstadt. Hier legen Schiffe an, die einen weiten Weg hinter sich haben. Wildes Getümmel im Hafen. Ein Geschiebe sondergleichen. Alles muss schnell gehen. Waren werden verladen. Neue Waren aufs Schiff gebracht. Mit ihnen machen sich Geschichten auf die Reise, Neuigkeiten, Gerüchte. Dass es hier einmal eine kleine christliche Gemeinde geben würde, wussten die Alten noch nicht zu sagen. Quicklebendig, streitbar und streitlustig – selbst Sklaven wussten das große Wort zu führen.
Paulus, auf den die Gemeinde zurückgeht, immerhin, sitzt an seinem Tisch, nachdenklich.
Dem Briefpapier vertraut er an:
Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und Sosthenes, unser Bruder,
an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Wie sich das anhört, anfühlt: Geheiligte! Wie das auf der Zunge zergeht! Man muss nicht einmal besonders klug sein, um herauszuhören, dass von diesen Menschen Großes, Überwältigendes, Edles gesagt wird. Geheiligte! Menschen in der Obhut Gottes, in der Liebe Jesu, angesteckt von dem einen guten Geist, der von beiden kommt- und nicht, nie, niemals, leer zurückgeht. Geheiligte! Eine große Zärtlichkeit liegt in diesem Wort. Es ist Gottes Sicht auf diese Menschen hier. Unverdient. Geschuldet ist hier nichts.
Und dann das! In Korinth haben sich Lager gebildet, eins frömmer, klüger, besser als das andere. Die großen Worte werden wie Keulen geschwungen, die Wahrheit mit Löffeln gefressen, die Mäuler voll genommen. Was sich dynamisch anhört, intellektuell leuchtend – legt sich wie Schatten über die Gemeinde in Korinth. Dabei könnte ich Ihnen nicht einmal die Diskussionen wiedergeben, die Streitpunkte benennen. Wie so oft: Ein Wort gibt das andere. Dann tuen sich Grenzen auf, Vorurteile, Verdächtigungen. Am Ende droht Korinth, zerrissen zu werden. Die Gemeinde Gottes in Korinth. Die Geheiligten! Zerrissen!
Und Paulus? Ein Zwerg, körperlich, geistig auch. Mit seiner Fistelstimme. Nicht einmal das kann er – sagen sie. Nicht einmal gut reden kann er. Paulus hat das alles mitbekommen. Was er nicht selber hörte, trug man ihm zu. Manchmal mitleidig, manchmal erbost. Aber das Bild war in der Welt. Sein Bild. Nicht schmeichelhaft. Für Paulus nicht, aber für die Korinther auch nicht. Wollte Paulus überhaupt mithalten auf dem Markt der Eitelkeiten? Der Dummschwätzer? Der Neunmalklugen? Sie meinten zwar in ihren Gruppen und Kreisen, richtige, die richtigen Christen zu sein, aber es tat alles weh, was sie sagten – es verletzte. Nein, jetzt muss – endlich – einmal gesagt werden, was Sache ist, worauf es ankommt , was nicht verkommen darf. Es ist das Evangelium. Das Evangelium Jesu Christi.
Paulus sitzt an seinem Tisch. Noch ist der Brief nicht über die ersten Sätze gediehen. Der fulminante Ausgangspunkt steht. Nur er. Den Satz streichen? Noch einmal neu anfangen? Kritischer? Selbstkritischer? Nein, Paulus wird nichts streichen. Auch den Brief nicht neu anfangen.
Geheiligte – das sind Menschen, die Gott nicht fallen lässt. Sie haben das Evangelium gehört, sie haben sich taufen lassen, sie feiern das Mahl ihres Herrn. Sie haben sich rufen lassen. Ihnen gilt die Verheißung, geliebt und angenommen zu sein. Alles, was dann geschieht – und zu sagen ist – wird unter Heiligen gesagt. Ich traue mich kaum, dass so zu sagen. Paulus ringt um Worte.
Szene 2:
Alles für das Evangelium
Paulus möchte das Evangelium von Jesus in seiner ganzen Schönheit, Würde und Kraft zeigen. Die frohe Botschaft, das gute Wort. Evangelium ist Leben, Versprechen, Traum. Evangelium ist Hoffnung, Freude, Mut. Was diese Worte zu übersetzen versuchen, ist: eine neue Welt zu sehen. Alte Abhängigkeiten und Schuldverstrickungen aufzugeben. Schon einmal in das Reich Gottes zu gehen. Die Türen sind offen. Schau! Geh!
Das Evangelium von Jesus! In der ersten Bedeutung kommt das Evangelium tatsächlich von Jesus. Er ist, wenn man so will, Hauptdarsteller, Gewährsmann und Denkmal in einem. Auch wenn Paulus Jesus nicht hat persönlich kennenlernen können, weiß er doch, was er gesagt und getan hat. Paulus ist eine große Erzählgemeinschaft geraten, in der Jesus so lebendig ist, als würde er jetzt noch Petrus über’s Wasser locken, die Armen selig preisen und dem Schächer am Kreuz – heute noch – das Paradies zusagen.
Das Evangelium von Jesus! In der zweiten Bedeutung ist Jesus dann selbst Gegenstand und Inhalt des Evangeliums. Im wohl ältesten Hymnus heißt es von ihm, dass er sich selbst erniedrigt, Knechtsgestalt angenommen hat – und erhöht wurde. Paulus hat diesen Hymnus vorgefunden – und aufbewahrt. Herr Ist Jesus! Das ist das wohl älteste Bekenntnis zu ihm. Jesus ist für uns gestorben, Jesus wurde für uns von den Toten auferweckt, Jesus ist der Weg, die Wahrheit, das Leben. So wuchtig sich das anhört – es ist von A – Z ein Wunder der Liebe. Nur immer wieder neu variiert, erzählt und geglaubt. Für die Liebe hat Paulus viele Worte und Bilder: Vergebung, Versöhnung, das Seufzen der Kreatur, unser Gebet: Abba, Vater. Dabei wage ich einen Blick auf unser Leben – mal mit Allmachtsphantasien, mal mit Schuld, mal strotzend vor Selbstbewusstsein, mal bis auf die Knochen blamiert. Das Evangelium von Jesus! Im Bekenntnis zu ihm finde ich einen eigenen Blick auf die Welt – und auf mein Leben.
Kann Paulus das auch den so kritischen und diskussionsfreudigen Korinthern schreiben? Es fällt auf, dass Paulus sozusagen seine ganze Identität in der Verkündigung des Evangeliums gefunden hat. Obwohl er – eigentlich – auch eine finanzielle Unterstützung erwarten könnte, sogar verdient hat, nimmt er nichts – gibt aber alles. Paulus schlägt sich mehr schlecht als recht durch – und ist doch der freieste Mensch, den man sich denken kann. Beschämend ist es trotzdem. Wir hören den Vorwurf förmlich, Paulus würde Geld nehmen, das Evangelium verkaufen, sich bereichern. Das kann Paulus nicht auf sich beruhen lassen. Aber es gibt keine Klage, keinen Gegenangriff.
„Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“
Muss! Paulus nimmt am Evangelium Maß. Für sich – und für die Menschen in Korinth, die dicht davor stehen, das Evangelium zu verlieren. Sind wir nicht alle Glieder an einem Lied? Paulus stellt die Frage ausdrücklich, um sie auch gleich zu beantworten: die vielen Gnadengaben, Fähigkeiten, Erfahrungen – sie spielen und klingen zusammen. Viele Auffassungen, Meinungen, Streite können dann auch getragen, ausgehalten und verändert werden. Sie führen zusammen, nicht auseinander. Paulus stimmt das Hohelied der Liebe an. Ein neuer Ton ist auf einmal in der Welt – ein cantus firmus.
Szene 3
Allen alles sein
Eine Verteidigung will gut überlegt sein! Was kann ich sagen? Wie kann ich es sagen? Oder schreiben? Paulus mag nicht so gekünstelt und schwadronierend reden können wie die bei den Korinthern so beliebten Schönredner – ein Meister des Wortes ist er allemal. So lesen wir seine Verteidigung, ein wenig lächelnd, ein wenig erstaunt. Paulus schreibt, ziemlich offen sogar, den Korinthern, was die Liebe alles macht und kann! Sie kann den anderen Menschen erst einmal so nehmen wir er ist – und ihm dann das Geschenk machen, glauben und hoffen zu können! Gemeinsam, miteinander. Ich sehe die Feder über das Papier huschen. Paulus schreibt, dass er den Juden ein Jude ist – und den Heiden ein Heide! Ich sehe auch die gehobenen Augenbrauen. Biedert er sich jetzt etwa auch noch an? Redet er den Leuten nach dem Mund? Geht er den Weg des geringsten Widerstands? Was Paulus meint, kommt in dem Wort von den Schwachen so deutlich und schön zum Ausdruck, dass wir hier verweilen.
Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne.
Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Ich sehe Menschen, die schwach sind – oder auch als schwach gelten - vor mir. Ich kenne sie auch.
Ich kenne mich auch. Wenn ich Stärke demonstriere, mein ganzes Wissen ausbreite, sie mit meiner Redegewandtheit überfahre – verliere ich sie. Ich mache ihnen Angst. Sie werden sich nie angenommen fühlen, auch nie dazu gehören. Meiden nicht vielleicht auch viele Menschen die Kirche, weil sie dort nicht gehört, nicht verstanden werden – aber überrollt mit fremden Gedanken, Riten und Gebräuchen? Ich bin Paulus dankbar, dass er seine Blicke und seine Worte abwägt: Er möchte Menschen nicht zurücklassen, er möchte mit ihnen gehen – und sie „erretten“. Dieses Wort ist zwar nicht unproblematisch, klingt auch ein wenig altväterlich oder besserwisserisch, aber wir verstehen den Wunsch des Paulus, dass in der Gemeinde Jesu, in der Gemeinde der Heiligen, niemand verloren geht. Den Schwachen ein Schwacher! Das ist die größte Kunst eines klugen Menschen – sich auf Augenhöhe zu begeben, zwischen den Zeilen zu lesen und schwache Menschen stark zu machen. Ihnen nicht davon zu laufen, sondern sich hinter sie zu stellen. Paulus hat wahrgenommen, dass in Korinth viele Gemeindeglieder nicht mehr dazu gehörten – weil sie sich nicht gut verkaufen, nicht gut reden, intellektuell und finanziell nicht beteiligen konnten. Verlierer am Tisch des Herrn, der zum Katzentisch verkommt.
Das Evangelium deckt auf – und befreit.
In Korinth gibt es tatsächlich viele – Sklaven!
Zu guter letzt
Boris Vildé, 1908-1942, ein russisch-französischer Ethnologe und Linguist, hat sich dem Widerstand gegen die Nazis angeschlossen. Im März 1941, gerade 32 Jahre alt, wird er von der SS gefasst. Ein langer Gefängnisaufenthalt in Einzelhaft beginnt, begleitet von Folter und Verhören, bis er im Februar 1942 schließlich hingerichtet wird. In den letzten Monaten seines Lebens durfte er Tagebuch führen, das vor Kurzem unter dem Titel „Trost der Philosophie. Tagebuch und Briefe aus der Haft“, deutsch übersetzt, herausgegeben wurde.
Am 25.06. 1942 heißt es:
„Mein Geburtstag: 33 Jahre!“ – viele Seiten später dann:
„Die christliche Religion (so wie die Kirche sie lehrt) ist eine Religion für Sklaven – nicht im üblichen Wortsinn (wie zum Beispiel bei Lenin), vielmehr für Sklaven ihres „Ich“, für Gefangene, die ihr Gemäuer lieben und die sich vor dem Unbekannten fürchten oder vor der vergessenen freien Luft“.
Paulus kennt „Gefangene, die ihr Gemäuer lieben …“
Allen alles sein – ich fasse es nicht! Warum nur versteigt sich Paulus in einen solchen Höhenrausch? Wäre weniger nicht mehr? Aber dann tut er mir leid. Der Paulus. Ich bin noch im Bann seiner Größe, kenne seine historische Bedeutung, stolpere ständig über seine Spuren. Aber dass er sich verteidigen muss, erbittert, leidenschaftlich, überrascht mich jetzt nicht mehr. In seiner Verteidigung entdecke ich das Evangelium Jesu Christi.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus, unserem Herrn.
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Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Ralph Hochschild
Ich bin so frei und fange einfach mit der Predigt an.
Ich bin so frei, und schiebe all die üblichen Formeln beiseite. Kein Kanzelgruß, kein Predigttext, kein Kanzelgebet. Nicht einmal als “Liebe Gemeinde”, comme il faut, spreche ich Sie an.
Ich bin so frei und lege los.
Und falls ich Sie jetzt mit diesem unüblichen und übrigens unhöflichen Predigtanfang ein klein wenig irritiert habe, dann ist das gut so. Denn sie haben jetzt im Kleinen erlebt, was die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden im Großen spürten, wenn sie dem Apostel Paulus begegnet sind. Eine Irritation. Ist er überhaupt ein Apostel? Er gehörte nicht zu den Jüngern Jesu! Ist er ein richtiger Missionar? Er arbeitet und verdient Geld, statt sich von der Gemeinde bezahlen zu lassen! Ist er ein wahrer Nachfolger Jesu? Er kann andere Menschen nicht heilen, er ist selbst schwach und krank! Ist er noch einer von uns? Heute isst er mit uns nach den Regeln der Thora. Morgen isst er bei einem Heiden Fleisch vom Markt, unter Anrufung der Götzen geschlachtet. Und übermorgen verzichtet er freiwillig darauf - um der schwachen Menschen willen, die davor Angst haben! Warum darf er das? Warum kann er sich diese Freiheit nehmen?
Paulus gibt darüber Rechenschaft in seinem 1. Korintherbrief. Wir hören daraus im 9. Kapitel die Verse 16 bis 22
16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 17 Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut. 18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache. 19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. 21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden - obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
er ist anders als die Apostel, die wir aus den Evangelien kennen. Er ist ein anderer Missionar, als ihn die Korinther gerne hätten.
Kein Wundertäter, der Gottes Nähe in Heilungen spüren lässt. Paulus ist ein kranker Mann, der sich und andere nicht heilen kann. Aber er weiß: Gottes Kraft ist dennoch in mir mächtig. So mächtig, dass ich gar nicht anders kann, als das Evangelium verkünden, es ist ihm Notwendigkeit, Schicksal, geradezu ein Zwang.
Keiner der zwölf Apostel ist er, dem irdischen Jesus ist er nie begegnet, der irdische Jesus hat ihn nie gesandt. Aber der Auferstandene. Er ist in sein Leben getreten, ihm ist er begegnet und das wird ihm zur Gewissheit: Jesus Christus hat mich gesandt, meine Aufgabe, das Evangelium, meinen Auftrag verdanke ich ihm.
Es muss ein dramatisches Ereignis in seinem Leben gewesen sein. Ein Erlebnis, über das Paulus selbst wenig spricht, aber dessen Wirkung wir in seinen Briefen, in seinem Denken, in seinem Tun spüren können. Eine Erfahrung, die ihn für sein ganzes Leben an Jesus Christus binden wird. Eine Bindung, ein Glaube, der ihn seine Freiheit entdecken lässt. Eine Freiheit, die Folgen haben wird.
Denn die einen nehmen ihren gerechten Lohn für ihre Arbeit von den Gemeinden, aber Paulus will sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Er wählt die Unabhängigkeit.
Die einen konzentrieren sich auf die Gemeinde und achten ihre Grenzen. Aber Paulus wählt die Freiheit und schiebt Regeln, Gesetze und Konventionen auf die Seite. Er ist so frei und wird den Juden ein Jude, denen, die alte Gesetze halten wollen, stellt er sich gleich. Denen, die dieses Gesetz nicht kennen, wird er gerecht. Für die Schwachen macht er sich zum Schwachen, er ist so frei, um alle für das Evangelium von Jesus Christus zu gewinnen.
Die einen leben mit vollem Herzen aus ihren Erinnerungen an den irdischen Jesus, aber Paulus lebt ganz aus der Begegnung mit seinem auferstandenen Herrn.
Auch wir, liebe Gemeinde, leben aus der Begegnung mit Jesus Christus. Auch wir erfahren Freiheit. Nicht nur im Glauben. Nicht nur hier im Gottesdienst. Nicht nur als innere Freiheit wie viele Menschen vor uns und leider noch heute. Freiheit ist der zentrale Wert unserer Gesellschaft. Wir streben danach, frei von Einschränkungen zu werden, uns von Bevormundung, fremden Ansprüchen, Abhängigkeiten und Konventionen zu lösen. Wir wollen unsere Freiheit haben. Aber wir tragen auch Bedenken vor zu viel Freiheit. Führt sie nicht zu Bindungslosigkeit?
Wir haben längst gelernt, den alten großen Erzählungen nicht blind und unkritisch zu vertrauen. Auch der großen Erzählung von der Befreiung des Menschen. Denn zu oft war in unserer Geschichte die Freiheit der einen mit der Sklaverei der anderen verbunden, die Zunahme von Freiheit zugleich ein Verlust von Sicherheit und Geborgenheit. Können wir diesem Wert noch trauen?
Als Gemeinden sind wir oft nicht so frei wie Paulus. Wir erwarten oft, dass sich die anderen uns anpassen, sich einfügen. Veränderungen fürchten wir. Wir hängen an lieb gewordenen Traditionen, an unserer guten Gemeinschaft und tun uns schwer, die aufzusuchen, die ihr Christsein anders verstehen als wir. Wir sind nicht frei und selbstbewusst, die zu suchen, die anders fühlen als wir, die andere Dinge schön finden, die manches bei uns befremdet. Schnell fragen wir uns, wo die Grenze zwischen Öffnung und Anpassung liegt und wo ein zu viel an Freiheit unsere Identität als christliche Gemeinde bedroht.
Wo es um das Evangelium geht, scheint Paulus selbst solche Bedenken nicht zu kennen. Und er muss sie auch nicht haben. Denn seine persönliche Freiheit setzt er für das Evangelium ein. Seine Freiheit setzt er für die Menschen ein, die das Evangelium erreichen soll. Ihnen zuliebe macht er sich zu ihrem Knecht. Allen wird er alles, um sie für das Evangelium zu gewinnen. Er geht über Grenzen um der Menschen willen und folgt auf seine Weise Jesus nach. Denn Jesus ging über Grenzen, über die zwischen Erwachsenen und Kindern, um zu segnen, über die zwischen Juden und Nicht-Juden, um dem Hauptmann von Kapernaum und um der blutflüssigen Frau zu helfen, über die Grenzen von anständig und unanständig.
Paulus lebt also seine christliche Freiheit als eine Freiheit von Bindungen und als Freiheit für den Nächsten. Er lebt als mündiger Mensch, der seine Freiheit für den Nächsten einsetzt. Er verbindet Freiheit und Nächstenliebe. Das schützt ihn vor Beliebigkeit und billiger Anbiederung. Und es kennzeichnet uns Christen. Die Freiheit von Bindungen und die Freiheit für den Nächsten gehören für uns zusammen.
Im Gottesdienst erfahren wir die Befreiung von Bindungen wie unserer Schuld. Viele haben in unserer Gemeinschaft schon in Mutlosigkeit und Zukunftsangst Ermutigung erfahren. Sie haben gespürt wie sie frei wurden, wie ihr Herz frei wurde für den, der Hilfe brauchte, ein gutes Wort, ein offenes Ohr, eine helfende Hand. Den Enttäuschten, der Halt suchte, der Konfirmand, der seinen Platz im Leben finden wollte, die Eltern, die zwischen Beruf und Familie der Überforderung nahe waren, die pflegende Tochter, die mit ihren Kräften am Ende war.
Liebe Gemeinde,
“Ich bin so frei”, ich wünsche Ihnen, dass Sie das von sich sagen können. “Ich bin so frei”, weil Jesus Christus mich frei gemacht hat - für meinen Nächsten. Amen.
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Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Andreas Schwarz
16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!
17 Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.
18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.
19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.
20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.
21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden - obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.
22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Liebe Gemeinde;
Pfarrer zu sein ist ein ziemlich spannender Beruf.
Ich meine das wörtlich: es hat mit Spannung zu tun.
Am deutlichsten spüre ich das am Dienstagnachmittag.
Da bin ich um 14.30 Uhr im Seniorenkreis.
Eine wunderschöne Veranstaltung mit einer Reihe von alten Menschen unserer Gemeinde, die meist sehr fröhlich und gut gelaunt den gemeinsamen Nachmittag genießen – bei Kaffee und Kuchen und Gesprächen über das Leben und den Glauben. Sie berichten von den Besuchen bei Kranken und Einsamen, sie erzählen aus ihrem bewegten Leben und wie sie es im Glauben an Jesus Christus geführt haben. Und natürlich reden wir über Trauer und Abschiede, über nachlassende Kräfte und den Tod.
Das alles in sehr offener und vertrauensvoller Atmosphäre.
Pünktlich um 16.00 Uhr muss ich diesen Kreis verlassen, springe nach oben in den kleinen Saal, wo mich 8 äußerst lebendige Konfirmanden erwarten. Meist hört man sie schon bis unten hin, sie reden, erzählen, spielen Kicker, lachen.
Kaum bin ich da geht’s los: Herr Pfarrer, ich konnte nicht lernen, Herr Schwarz, die haben mich geärgert.
Dann höre ich erst einmal zu, lasse jeden zu Wort kommen und spüre überschäumende Energie, das pralle Leben in diesen jungen Menschen, ihre Freude am Leben, bei allen Sorgen in der Schule oder auch in den Familien.
Bruchlos geht es von den Senioren zu den Konfirmanden und ich erlebe das, wovon Paulus redet: den Juden ein Jude, denen unter dem Gesetz einer unter dem Gesetz. Also: den Senioren ein Senior, den Konfirmanden ein junger Mensch – und das lässt sich ja auf das Leben in der ganzen Gemeinde übertragen.
Natürlich: weder bin ich in dem Sinn ein Senior, noch bin ich Konfirmand.
Aber das ist die Spannung, von der ich sprach, von einem Moment auf den Anderen mit ganz unterschiedlichen Menschen so zu tun zu haben, dass sie sich ernst genommen und verstanden fühlen – und zwar ehrlich.
Denn es geht in der Gemeinde nicht um Sympathie, also welche Menschen man mag und deswegen versteht. Sondern, was alle Menschen und Gruppen miteinander verbindet, was ihnen gemeinsam gilt, ist das Evangelium von Jesus Christus.
Zur Spannung des Pfarrerberufs gehört es also, das Evangelium unterschiedlichsten Menschen so zu sagen, dass sie es als Hilfe oder Trost, also als hilfreich für ihr jeweiliges Leben entdecken können. Das gleiche Evangelium bekommt jeweils andere Worte und setzt andere Schwerpunkte, wenn ich mit Kindern rede oder mit Konfirmanden, mit Jugendlichen oder mit Erwachsenen, mit Heiratswilligen oder mit Trauernden. Es braucht andere Worte für Menschen, denen die Botschaft bekannt und vertraut ist als für solche, denen Inhalt und Botschaft des Evangeliums fremd sind.
Es darf keine Unterschiede geben, alle haben das gleiche Recht und den gleichen Anspruch auf die Verkündigung. Es geht dabei nicht um Neigung und Spaß, sondern es geht darum, dass Gott selbst entschieden und beschlossen hat, das Evangelium durch Menschen verkündigen zu lassen. Dabei spielt es keine Rolle, was die gern tun oder nicht – sie haben ein Amt und darum haben sie zu tun, was von ihnen erwartet wird. ‚Das liegt mir nicht‘ oder ‚das kann ich nicht‘ oder ‚das macht mir keinen Spaß‘ – so etwas gibt es nicht. Wer in der Kirche ein Amt hat, muss tun, was das Amt von ihm verlangt. Nicht weil der Vorstand oder die Synode das so beschließen, sondern weil es dem von Gott ins Leben gerufenen Amt so entspricht.
Der Maßstab, wonach sich alles richtet in der Kirche und in unserer Gemeinde, der Punkt, um den sich alles dreht, ist die frohe Botschaft von Jesus Christus. Der als Kind zur Welt kam, obwohl er der Sohn Gottes ist; der den Menschen gezeigt und gesagt hat, wie sehr Gott seine Menschen liebt; der am Kreuz gestorben ist, weil die Menschen meinten, sie brauchten ihn nicht – den Gott auferweckt hat und der lebt – damit wir wissen: auch auf uns wartet einmal das ewige Leben.
Das sollen alle Menschen hören – so will es Gott. Und dazu beauftragt er Menschen, dass sie davon erzählen. Das ist eine wunderschöne Sache, das Evangelium sagen zu dürfen. Es gibt ja keine bessere Botschaft als diese. Das macht den Pfarrerberuf zu einem ganz besonderen und schönen. Das macht dich frei – kein Chef kann dir sagen, was zu verkündigen sollst, keine Abstimmung in Gemeinde und Kirche schreibt dir vor, was du zu predigen hast. Du hast das Evangelium selbst gehörst, du glaubst und sagst es weiter. Es gibt keinen freieren Beruf als diesen. Natürlich: reich wirst du damit nicht, in der Kirche wirst du nie viel Geld verdienen; Karriere wirst du nicht machen und niemals großen Einfluss nehmen können. Aber dafür bist du eben auch nicht abhängig von dem, was die Leute grade schick finden – wie das z.B. in der Mode oder beim Fernsehen oder in der Musik ist. Da musst du sehr genau das Publikum befragen – und wenn du den Geschmack nicht triffst, bist du out. Wie viele Menschen müssen ihr Fähnchen nach dem Wind hänge, wie viele müssen sich verraten und verkaufen, um Erfolg zu haben, wie viele Menschen sind Opfer von Meinungen und Quoten. Wie viele sehen nichts anders im Leben, als Erfolg haben zu müssen, immer getrieben vom Druck, zu scheitern. Hier geht es allein um die Botschaft von Jesus Christus, die allein ist der Maßstab für das, was du zu sagen hast. Das macht dich ganz wunderbar frei.
Auch deswegen, weil für das Einkommen gesorgt wird; viele Menschen in unserer Gemeinde und Kirche zahlen aus ihrem Verdienst einen Teil an die Kirche, damit wir Pfarrer frei sind und bleiben, das zu tun, wozu wir berufen sind: das Evangelium zu verkündigen. Das macht uns immer wieder dankbar und bescheiden: ohne diese Verantwortung würde das so nicht gehen.
Aber selbst wenn es nicht mehr ginge, wenn die Menschen nicht mehr zahlen würden oder wenn das nicht mehr reichen würde, die Verkündigung des Evangeliums würde weiter gehen. Dann müsste ich unseren Lebensunterhalt anders verdienen, aber das Evangelium würde ich immer noch sagen. Ich tu das ja nicht wegen des Geldes, sondern weil ich muss. Da endet dann meine wunderschöne Freiheit. Gott hat mich in seinen Dienst genommen, die Kirche hat mich zum Amt eines Pfarrers ordiniert und die Gemeinde hat mich berufen.
Es ist gut und entlastend, dass ich mich um meinen Lohn nicht kümmern muss und dass genügend Gemeindeglieder dafür aufkommen.
Aber noch an einem anderen, entscheidenden Punkt endet die schöne Freiheit. Nämlich an den Menschen, die das Evangelium hören.
Sie sind der Maßstab für die Form der Verkündigung, für die Worte. Wer das Evangelium verkündigt, wird sich zu allererst um Menschen bemühen müssen, er wird sie zu verstehen versuchen, damit die Botschaft dann auch zu ihnen und zu ihrem Leben passt. Ohne dieses ehrliche Bemühen um Menschen geht die Botschaft ins Leere.
Mit den Konfirmanden genau so zu reden wie mit den Senioren wird sie nicht ernst nehmen und sie nicht erreichen. Und anders herum auch. Ich muss an der Lebenssituation der Senioren teilhaben und an der der Konfirmanden.
Sich um andere Menschen bemühen ist manchmal mühsam, weil ich nicht ihre Gedanken lesen kann, weil ich ihre Lebenssituation nicht selbst erlebe. Aber ohne das Bemühen bleibt, was ich ihnen dann sage, vielleicht richtig, aber es kommt nicht an. Menschen spüren sehr genau, ob man an ihnen interessiert ist oder sie als Missionsopfer missbraucht, ob man ihre Zweifel versteht, ihre Angst, ihre Zurückhaltung – ohne ihren Lebensstil und ihre Entscheidungen zu bewerten oder zu beurteilen. Wer sich und seine Frömmigkeit und seine Einsicht zum Maßstab macht, der wird immer auch bei sich bleiben und merken, dass er bei anderen Menschen nicht wirklich ankommt. Das Evangelium ist nicht dazu da, dass die, die es sagen, immer recht haben oder dass sie Andere so in die Enge treiben, dass die gar nicht mehr heraus kommen ohne aufzugeben – die frohe Botschaft führt nicht zu einem widerwilligen Nicken gegen alle Gefühle und Vorbehalte. Es ist die gute Botschaft für das Leben der Menschen. Und wenn es das Leben der Anderen erreichen soll, muss man sich dahin begeben, wo die Menschen sind – ob Senioren oder Konfirmanden, ob Juden oder Heiden oder Schwache im Glauben.
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und Empfänger des Evangeliums für ihr Leben werden. Und ihr merkt, dabei geht es eben nicht nur um uns Pfarrer, deren Beruf das ist – es geht um jeden, der glaubt. Um jeden, dem andere Menschen am Herzen liegen und der ihnen die gute Nachricht von Jesus Christus sagen will.
Das Evangelium hilft uns, eigene Überzeugungen zu verlassen, um anderen Menschen nahe sein zu können und sie zu verstehen. Das Evangelium hilft uns, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen, sondern die Menschen wichtig nehmen, um die wir uns bemühen.
Mit den Konfirmanden wollen wir fröhlich sein, Spaß haben, entdecken, wie viel Gutes Gott uns schenkt, wie wertvoll wir für ihn sind, was er uns alles gönnt und dass es bei ihm – Gott sei Dank! - anders zugeht, als in der Schule und im Beruf: Leistung allein zählt.
Und dann vertrauen wir als Gemeinde, die wir das auch im Gebet begleiten, dass sie dann gern in ihrer Gemeinde leben und Jesus Christus vertrauen. Dazu schenke Gott uns seinen heiligen Geist. Amen.
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Christsein als Gewinn - Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Christian Bogislav Burandt
Christsein als Gewinn
Gewinner, liebe Gemeinde, fragt man besonders gerne nach den Gründen für ihren Erfolg. In diesen Tagen der Fußballweltmeisterschaft fällt mir das besonders auf. Es ist fast so, als fiele ein Sonnenstrahl des glücklichen Gewinners auf die oder den, der Fragen stellt.
Das macht mir Mut, heute einmal mit Fragen an den Apostel Paulus heranzutreten. Denn dieser Mann aus Tarsus - auf dem Gebiet der heutigen Türkei - dieser Mann lässt sich als Gewinner bezeichnen! Er hat es geschafft, mit seinen Briefen ins heilige Buch der Christen aufgenommen zu werden. Wer kann das schon von sich sagen? Und der Apostel Paulus war so erfolgreich, dass mehrere unbekannte Autoren in der Antike versucht haben, in seinem Namen und mit seiner Autorität ihre eigenen Gedanken in der Welt zu verbreiten!
Voller Respekt machen wir uns also auf und nähern uns dem Völkerapostel. Wir fragen: Herr Paulus, wie erklären Sie sich ihren großartigen Erfolg mit der Christusbotschaft? Warum sind sie so berühmt geworden sind mit ihrer Darlegung des Evangeliums?
Paulus antwortet: Dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen, denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!
Eine kalte Dusche ist die Antwort! Paulus will sich offensichtlich nicht im Erfolg sonnen. Er muss das Evangelium verkündigen. Hat der Apostel einen Komplex? Wir fragen Paulus: Machen Sie die ganze Mühe umsonst? Sind sie nun freiwillig bei der Evangeliumsverkündigung dabei oder nicht?
Paulus antwortet: Täte ich’s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich’s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.
Für einen Moment sind wir etwas verwirrt. Aber dann verstehen wir: In der Arbeitswelt trete ich freiwillig eine Stelle an und erhalte dafür den entsprechenden Lohn. Das ist normale wirtschaftliche Logik. Paulus aber bestreitet für sich, dass seine Verkündigung der Christusbotschaft sich verrechnen lässt. Denn Jesus Christus hat ihn zum Apostel berufen und aus ihm, dem Christenverfolger Saulus, den Paulus, den Christus-Bezeuger gemacht. Damit hat Jesus Christus dem Paulus eine Ehre verliehen, die sich wirtschaftlicher Logik entzieht. Und doch ist es eine Ehre, die Arbeit, Mühe und Einsatz verlangt. Paulus ist so gesehen schlechthin der Begründer des Ehrenamtes! –
Stimmt das? Wir sind noch ein wenig unsicher und fragen: Paulus, was ist denn nun dein Lohn? Der Apostel antwortet prompt:
Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium keinen Gebrauch mache.
Wir schlucken für einen Moment. Und wir merken: Der Apostel Paulus ist nicht zu verwechseln mit einem normalen Geistlichen. Die Hoffnung auf Gott, auf Jesus Christus lässt den Paulus offensichtlich unempfindlich werden für den eigenen Konto-Stand. Weder am Berühmtsein noch am Reichtum ist ihm gelegen. Es ist so, als ob der Apostel die christliche Hoffnung besingt:
In dieser Hoffnung lerne ich
In alle Lebenslagen mich,
in Glück und Not zu fügen.
Und wenn ich Mangel leiden muss,
so lass ich mir genügen.
(Detlev Block, Wann ist unser Mund voll Lachen? Biblische Gesänge für die Gemeinde, Stuttgart 1986, S.129; zu singen nach EG 497).
Nun gut. Paulus ist kein Knecht der normalen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse; das haben wir verstanden. Wir spüren in seinen Aussagen freilich einen besonderen Geist der Freiheit. Wir fragen Paulus: Stimmt das? Der Apostel antwortet: Obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.
Aha. Paulus will also sehr wohl etwas gewinnen. Er möchte möglichst viele Menschen gewinnen. Seine großartige Freiheit setzt Paulus ein, um ganz verschiedenen Menschen die frohe Botschaft von Jesus Christus nahe bringen zu können: den Juden, den Gesetzestreuen, den Gesetzlosen und den Schwachen! Schärfere Gegensätze als die genannten Gruppen sind kaum denkbar. Meint Paulus im Ernst, er könnte so total unterschiedlichen Gruppen das Evangelium nahe bringen? Paulus sagt: Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
Liebe rettet. Immer wieder. Jeder von uns kennt Geschichten, die davon handeln. Gottes Liebe geht über menschliche Liebe hinaus, sie rettet zum Leben in Ewigkeit. Gottes Liebe in Jesus Christus gilt allen Menschen und sie macht nicht vor den größten denkbaren menschlichen Unterschieden Halt. Wer sie weitergeben will, darf sich durch die Bandbreite des Menschlichen nicht verunsichern lassen.
Im Evangelium vom Großen Abendmahl hörten wir, wie der Knecht losgeht und auf den Landstraßen und an den Zäunen (s. Lk 14,23) die Menschen einlädt zum Festessen in Gottes Reich. Dieselbe Einladung braucht ganz verschiedene Ausdrucksweisen, damit die hochbetagte Witwe, der jugendliche Aussteiger oder der gestresste Mittvierziger sie annehmen können! Gottes Liebe in Jesus Christus, seine Einladung zum Leben braucht jeweils ganz unterschiedliche Übersetzungen. Welche Übersetzung wäre denn für uns die richtige? Wir schauen auf den Apostel Paulus. Den normalen Kämpfen und Zweideutigkeiten des Alltags ist er nicht enthoben:
Was bedeutet es nun, an Christus zu glauben,
Freude oder Traurigkeit,
Stärke oder Schwachheit,
Gewinn oder Verlust,
Glücklichsein oder Leiden,
Frieden oder Kampf?
Beides – und das erste mitten im zweiten!
(Hans-Joachim Eckstein, Du liebst mich also bin ich, 7. Auflage, Stuttgart 1994, S.121)
Bei aller Traurigkeit, aller Schwachheit, allem Verlust, allem Leiden und allem Kampf – für Paulus leuchten Freude, Stärke, Gewinn, Glücklichsein und Frieden im Christsein heller. Er sagt: Alles tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Wir, liebe Gemeinde, sind nicht der Apostel Paulus. Und Paulus ist bei all seiner Berühmtheit, die er eher gegen seinen Willen erlangt hat, auch kein Gewinner nach der Art der Fußballhelden. Das haben unsere Fragen gezeigt. Wir haben vielmehr erkannt: Der Apostel sieht sein Leben im Licht der Liebe Gottes, seine Berufung ins Ehrenamt, sein Leben als Christ als Gewinn an. Als einen Gewinn, den er mit möglichst vielen Menschen teilen möchte. – Auch wir möchten Anteil bekommen an Gottes rettender Liebe. Und so beten wir zu Gott:
Gib uns im Leben Liebe
Nach deiner Liebe Art.
Gib uns im Sterben Hoffnung,
die für dein Reich bewahrt.
Gib beides aus dem Glauben
an dich und dein Gebot.
So können wir bestehen
im Leben und im Tod.
(Detlev Block, Wann ist unser Mund voll Lachen? Biblische Gesänge für die Gemeinde, Stuttgart 1986, S.67).
AMEN