Predigt zu 1. Korinther 3,9-15 von Christian Stasch
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1.
Es riecht muffig, sagt meine Frau Anfang April.
Wir müssen mehr lüften, sage ich.
Wir lüften doch schon viel. Sagt sie.
Ja, halt noch mehr.
Es bringt aber nichts.
Es riecht immer noch muffig, sagt meine Frau Anfang Mai,
Wir müssen die Teppiche rausschmeißen, sage ich.
Die sind doch recht neu, sagt sie.
Versuchen wir es.
Es bringt aber nichts.
Es riecht immer noch muffig, sagen wir beide, Anfang Juni, und merken:
Die Tapeten sind von innen nass, in einem Zimmer, nein, in zweien, schau mal: auch da, ja und dort auch. Nasse Wände in vier Zimmern, jetzt wundert uns gar nichts mehr.
Den Leckorter anrufen, der sucht, prüft, forscht, probiert. Nach drei Stunden mühsamer Arbeit hat er es: Ein Leck im Bad, in einer Kaltwasserleitung, ganz klein, ca. 10 mal so klein wie ein Fingernagel. Kleine Urschache, großer Schaden. „Das kann schon ein Jahr lang hinter den Fliesen gelaufen sein, ohne dass Sie was bemerken konnten“, sagt uns der Fachmann.
Das Wasser läuft vom Leck aus in der Wand herunter, es sammelt sich unten auf dem Fundamentboden, läuft darauf weiter, und steigt hier und da, wo es ihm gefällt, die Wände wieder hoch. Die Wände und Zimmertüren, nass, schimmelig, reparaturbedürftig, das haben wir jetzt hinter uns, hat runde drei Monate gedauert, mit den brummenden Trocknungsmaschinen und den Maler, Fliesenleger – und Tischlerarbeiten. Das Fundament des Hauses aber, das war nicht angegriffen. Dem konnte das alles nichts anhaben. Das stand und steht wie eine Eins. Guter Grund. Zum Glück.
Na ja, ein weiters „Fundament“ ist bei so etwas eine Wohngebäudeversicherung, die den Schaden aufnimmt, einem Mut zuspricht für die nervigen kommenden Wochen und den Schaden reguliert. „Auf uns als Versicherung können Sie sich fest verlassen.“ Fest.
2.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Vollmundig klingt das. Ganz fest !! Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Stolz und robust wie eine Eiche.
Paulus erinnert die Korinther an das Zugrundeliegende.
Nicht wahr, darin sind wir uns doch wohl einig, oder ?
Das sagt er den christlichen Teilgruppen, den Anhängerschaften in der damals jungen und wachsenden Gemeinde Korinth. Er findet, dass sie auseinander driften – und betont die Einheit.
Es gibt Anhänger des Missionars Apollos, durch ihn zum Glauben gekommen, nennen wir sie Apollospartei. Es gibt Anhänger des Missionars Paulus, durch ihn zum Glauben gekommen, nennen wir sie Pauluspartei. Diese Aufteilungen sind, so sagt Paulus, nichts wert, verglichen mit der Basis, dem Fundament, auf dem wir doch alle stehen. Erst das Fundament, dann erst die Aufbauten darauf, von unterschiedlichen Leuten ausgeführt, mit unterschiedlichen Materialien, und man wird erst am Ende sehen, was dieser oder jener Bauabschnitt so gebracht hat. Noch mal: Macht euch immer wieder und zuallererst das Fundament bewusst..
CDU oder SPD; Grüne oder Linke, das ist zweitrangig, wenn es um Grundlegendes geht, das die ganze Nation berührt.
FC Bayern, Borussia Dortmund oder Hannover 96, das ist zweitrangig, wenn man gemeinsam der Nationalmannschaft die Daumen drückt.
Vergesst das gemeinsame Fundament nicht.
Die Aufteilungen in der Kirche heute, Lutheraner, Reformierte, Freikirchler, Katholiken.
Na klar gibt es Unterschiede, na klar möchten wir Evangelischen keinen römischen Papst über uns haben und sind froh, dass Pastorinnen und Pastoren heiraten dürfen und: dass es Pastorinnen überhaupt gibt, Frauen in jeder Ebene der Kirche – dennoch tut es den christlichen Gruppierungen auch heute gut, das Verbindende, das Gemeinsame zu sehen, auf dem alles andere aufbaut.
3.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Sind wir uns über diesen Grund einig, liebe Loccumerinnen, liebe Loccumer, liebe Gäste?
Was ist dieser Grund, Christus, genau?
Wir als Christinnen und Christen heute im Jahr 2014,
Da wir nach „Christus“ heißen (Christen), geht es um ihn,
aber: Was heißt das genau? Wer ist Christus?
Im Glaubensbekenntis sprechen wir: gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Kurz zuvor heißt es: Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Und ich kenne nicht wenige, die sprechen das zwar mit aus Respekt vor der Tradition, hängen ihr Herz aber weiß Gott nicht daran: denn die Rede von der Jungfrauengeburt scheint für den Glauben doch entbehrlich.
Also: wer ist das für mich, für dich? Christus: Das Kind in der Krippe, elend, nackt und bloß, schutzlos, in diese Welt geworfen, solidarisch.
Holder Knabe mit lockigem Haar oder der der alle Krankheit trug?
Ein Wunderheiler, Magier, Herrscher über Dämonen und die Stürme des Meeres?
Der Sohn Gottes?
Das Opferlamm?
Ein Rabbi und Gesetzeslehrer?
Ein Provokateur und ein Kritiker der Gesetzlichkeit?
Ein guter Hirte?
Der Gründer der Kirche?
Der Weltenherrscher?
Den Menschen nah oder den Menschen fern?
Ein zärtlicher Freund, sanftmütiger Bruder?
Vorbild für andere, v.a. in Sachen Friedfertigkeit?
Gegner des Leidens, oder Erdulder des Leidens?
Auch wenn Sie vielleicht sagen: „Na ja, da sind mehrere Beschreibungen dabei, die ich passend finde, und die nebeneinander stehen können.“
Geschenkt. Aber jedenfalls ist die Schwerpunktsetzung unterschiedlich. Und unsere Christusbilder sind es offensichtlich auch.
Das finde ich auch nicht schlimm. Es macht uns als Christen bunt, vielstimmig, facettenreich.
Und es ist kein Widerspruch zu der Feststellung des Paulus:
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Einen Grund gefunden zu haben, ist ein Glück und ein Segen. Eine Basis fürs Leben. Wie Grundvertrauen. Etwas, das hält und trägt, wenn es mir gut geht und auch wenn es mir dreckig geht. Wenn mir Dinge gelingen und auch wenn alles schief läuft.
„Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält.
Der Grund, der unbeweglich steht, wenn Erd und Himmel untergeht.“
„Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich. So oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich.“
Der Junge, der mit 15 Jahren das Elternhaus verlässt, seinen Freundeskreis aufgibt, die Kleinstadt, die er kennt, sich aufmacht ins Unbekannte, weil er eine besondere Chance wittert, Sport-Internat in Thüringen, vielleicht kann ich mich stark weiter entwickeln, vielleicht schaffe ich es, den geliebten Sport zum Beruf machen. Vielleicht. Ungewiss natürlich. Was gewiss ist, trägt er um den Hals und legt es in all den Jahren nie ab: ein Kreuz.
„Such wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden. Mein herz allein bedacht soll sein, auf Christus sich zu gründen.“
„Alles vergehet, Gott aber stehet, ohn alles Wanken. Seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund.“
4.
Fundiert. gefestigt, stabil sein, die Ruhe bewahren, sich nicht aus der Bahn werfen lassen – so können Früchte des Glaubens aussehen, Früchte der Zugehörigkeit zu Christus – solche Früchte sind aber kein Automatismus. Manchmal bleibt es auch nur ein Wunsch und eine Sehnsucht danach. Eine Bitte.
Wunsch, Sehnsucht, Bitte, das klingt nun etwas zurückgenommen, vorsichtig und leise.
Manche, die den Grund gefunden zu haben meinen und für sich in Anspruch nehmen, ganz besonders fest auf diesem Fundament zu stehen, sprechen lauter, offensiver.
Und sind der Meinung, dass dieses Fundament nicht nur für sie selbst, sondern für jeden Menschen verbindlich sein muss. Alles andere ist vom Teufel, ist Abfall, Sünde und Gottlosigkeit. Deshalb wollen sie ihr Glaubensfundament zur allgemeinen Richtschnur machen und das alltägliche private Leben und das gesellschaftliche Zusammensein mit strengen religiösen Regeln und Vorschriften überziehen. Die Regeln entstammen der Heiligen Schrift, egal ob Bibel oder Koran, sind angeblich eindeutig und nicht hinterfragbar oder diskutierbar. Es ist ein ins Maßlose gesteigerter Umgang mit dem Glaubensfundament, es ist Fundamentalismus. Es gibt ihn bei frommen christlichen Kreisen in Deutschland und in den USA, es gibt ihn bei der Bewegung „Islamischer Staat“. Bei beiden Ausprägungen gibt es nichts zu deuteln und schon gar nichts zu lachen. Um Wahrheit wird nicht gerungen, sondern Wahrheit steht fest bzw. wird von oben festgelegt.
Fundamentalismus ist es, wenn jemand das Fundament, das ihm wichtig ist, zur Allgemeinnorm erhebt, und wenn er anderen abspricht, dass ihr ganz anderes Fundament auch seine Berechtigung hat. Und weil das ja so schön einfach und übersichtlich ist, wächst der Einfluss von Fundamentalisten. Und ihre Bedrohung. Leider.
5.
Wollen mal sehen, was dabei rauskommt. Alle werden sich am Ende für ihr Tun verantworten müssen. Dinge werden ans Licht kommen, die Folgen des Tuns werden klar. Jeder wird sich dann zumindest ein paar Fragen gefallen lassen müssen. Die Fundamentalisten, genau wie diejenigen, die konstruktiv-kritisch ihr Fundament bewahren und auch die, die das Fundament für nicht mehr so tragfähig halten.
Paulus denkt sich das so:
„Wenn jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird's klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.
Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden.“
Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Was ich einmal präsentiert bekomme und welche Fragen mir von Gott gestellt werden, und er dazu dann ein Feuer braucht oder nicht, weiß ich nicht.
Was ich nur weiß: Ich bin ich dankbar für den Grund, auf dem ich stehen kann. Der stabiler ist als die Wasserschäden des Lebens. Und mich nicht einigelt, sondern mir Freiheit schenkt.
Amen.
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Vorsicht Baustelle! - Predigt zu 1.Korinther 3,9-15 von Reiner Kalmbach
Vorsicht Baustelle!
Vor einigen Jahren war ich auf Einladung der Lutherischen Synode von New York in Manhatten. Das ist schon eine faszinierende Stadt! Zeitweise war ich wie betäubt von den Eindrücken. Man steht (wie in einem Traum...) vor Gebäuden die man aus Kinofilmen kennt, man schaut nach oben und sieht kaum die Spitze. Und plötzlich fällt mir auf, dass wir uns auf einer Insel befinden. Man weiss es ja (eben aus dem Kino, oder aus dem Geographieunterricht), aber jetzt sehe ich es, nehme es wahr. Und es ist eine relativ kleine Insel. Auf ihr wurden tausende von Wolkenkratzern errichtet. Ich stelle mir das Gewicht all dieser Stahlbetongiganten vor und sehe, dass sich die Insel nur weniger Meter über dem Wasserspiegel erhebt. „Wie tief müssen hier denn die Fundamente gegraben und gegosssen werden...?, ist das nicht ein Risiko, so viel Beton und Stahl auf einer solch kleinen Insel..?“, wollte ich von meinem Führer wissen. „Ach, das ist kein Problem, die Insel ist ein einziger harter Fels, da kann so schnell nichts passieren...“
Ein einziger grosser und harter Fels als Fundament: darauf kann man beruhigt in die Zukunft bauen. Wenn es eine Gefahr geben sollte, dann kommt sie „von oben“ (was traurige Wirklichkeit wurde), d.h. von den Menschen selbst. Die Stadt ist ein Ameisenhaufen, aber eben gebaut auf Fels.
Das heutige Predigtwort spricht von solch einem Bau. Nicht aus Stahl, Zement, Sand und Glas (obwohl darin auch Materialien vorkommen ), sondern es geht um den Bau der Gemeinde, der Kirche.
Paulus, der Apostel, hat wieder einmal grosse Sorgen. Die Gemeinde in Korinth bereitet ihm Kopfschmerzen. Dort bilden sich Grüppchen die sich um die verschiedenen (selbsternannten) Prediger sammeln, jeder hat seine eigene Fangemeinde, jeder predigt sein eigenes Evangelium, oder das was er dafür hält.
Genau wie bei uns.., wo?, in Argentinien. Früher einmal war es ein katholisches Musterland, 95% der Bevölkerung zählten sich zu der einen und wahren Kirche, daneben gab es noch eine starke jüdische Gemeinde, ein paar Muslime und ungefähr 3% Protestanten, also Lutheraner, Waldenser, Reformierte, Methodisten, auch Orthodoxe.
Heute sieht das ganz anders aus: ungefähr 40% gehören zu einer der 3000 Kirchen, Gruppen und Sekten, die man praktisch nirgendwo einordnen kann, die sich aber alle „evangelisch“ nennen. Im Moment gedeihen die neuen, modernen Glaskirchen, die ein Wohlstandsevangelium verkünden, wie die Pilze nach einem warmen Herbstregen. Aber das kann sich schnell ändern. Man gehört nicht zur „Pfingstgemeinde“, sondern zur Kirche von Prediger Soundso. Da kann es dann auch passieren, dass ein Mitglied plötzlich nicht mit „seinem“ Pastor einverstanden ist, aufsteht und verkündet: „der Herr hat mir gesagt, ich soll eine eigene Kirche gründen und die Wahrheit predigen...“, dann nimmt er seine Schäfchen, die ihm dann auch brav und ohne zu mucken folgen, und mietet um die Ecke einen grossen Saal, dessen Kosten er mit dem Zehnten seiner Leute bezahlt und der ihm selbst ein Leben im Wohlstand ermöglicht. Während die Pfingstkirchen noch vor wenigen Jahren besonders bei der Unterschicht beliebt waren und ihre Gottesdienste in einfachen Bretterhütten und Hinterzimmern feierten, füllen die Mitglieder der neuen, meist aus den USA oder Brasilien stammenden „Kirchen“ heutzutage hochtechnisierte und klimatisierte Säle und ihre Prediger reisen, ganz klar, First Clas. Auf den Parkplätzen sieht man schon lange keine alten Rosteimer mehr, sondern vorwiegend teure Importautos. Sie besitzen Radio-und Fernsehsender und sogar (in Brasilien) eine grosse Fluggesellschaft.
Da können wir natürlich nicht mithalten, wir haben kein Erfolgsrezept, wir bieten keine „Stunde der Wunder“ an (jeden Mittwoch, um 20 Uhr, mit Erfolgsgarantie!), bei uns treten nicht jeden Sonntag Zeugen von Wunderheilungen auf.., wir haben nur..., ja was haben wir? Wir haben nur das Wort, ein Wort das mir jeder anzweifeln, bestreiten kann.
Aber vielleicht gerade deshalb fällt es uns nicht schwer, die geschichtliche Situation der Gemeinde in Korinth zu verstehen, so viel anders war das damals auch nicht: multikulti, multireli, religiöser Supermarkt, für jeden etwas...
Paulus´Kopfschmerzen sind meine Kopfschmerzen.
Hören wir aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, dem 3. Kapitel, die Verse 3 bis 15
Textlesung
1) Bauabnahme
Ja, ich denke, es wäre ab und zu gut, den Zustand unserer Gemeinde überprüfen zu lassen. Die meisten Gemeinden blicken auf eine lange Geschichte zurück. Sie sind stolz auf sie, auf das was erreicht wurde. Alle zwei Jahre bin ich zu Besuch in meiner alten Heimat. Natürlich werde ich bei dieser Gelegenheit von vielen Gemeinden eingeladen. Mittlerweile habe ich in meiner Bibliothek eine eigene Abteilung in denen ich all die Bücher und Bildbände unterbringe, die über die Geschichte der Gemeinden erzählen, die ich einmal besucht habe. Ich muss zugeben, dass ich es geniesse, an einem schön strukturierten lutherischen Gottesdienst teilzunehmen, die alten Choräle, Kirchen die zur Stille einladen..., für mich ist das alles wichtig, ich kann so meine verbrauchten Batterien aufladen. Aber da ist auch das, was unser Paulus anspricht: Gemeinden die mit ihren supermodernen und architektonisch perfekten und wunderschönen Gemeindehäusern und Kirchen protzen, die aber ohne Leben sind, ohne wirkliches Gemeindeleben. Und die armen Pfarrer, um Menschen in die leeren Räume zu locken, müssen ständig neue und attraktive Aktivitäten erfinden. Gemeinden die nach den Gesetzen des freien Marktes funktionieren. Andere wiederum sind am Menschen dran, die Gemeinde als Raum in dem ich mich wohl fühle, in dem ich ganz dabei bin, mit Leib und Seele, ich, mit meinen Sorgen und Nöten, Gemeinden denen man ansieht, auf welchem Fundament sie gebaut sind. Jesus hat nie mit anderen religiösen oder weltanschaulichen Strömungen und Modererscheinungen konkurriert. Und weiss Gott, es gab sie!, genau wie heute... Er hatte das gar nicht nötig. Paulus tut das auch nicht, sondern es geht um das was uns antreibt, um das, was unser Lebensfundament ist, um das was unsere Gemeinschaft ausmacht. Es geht darum Kirche zu sein, Kirche und Gemeinde Christi, das sein zu dem wir ge-und be-rufen sind.
Während ich über dieser Predigt brüte, bereite ich mich gleichzeitig auf eine Fahrt in den Norden unseres Landes vor. Dort gibt es grosse und traditionsreiche Gemeinden, die schon im 19. Jahrhundert von Russlanddeutschen Einwanderern gegründet wurden. Noch vor wenigen Jahrzehnten hatten die meisten der Gemeinden doppelt so viele Mitglieder, jetzt schrumpfen die meisten. Die jungen Generationen ziehen in die grossen Städte, oder können mit der Tradition ihrer Eltern und Grosseltern nichts mehr anfangen und lassen sich von eben diesen „neuen“ und modernen Kirchen begeistern. Manche der Gemeinden versuchen es mit Vogel Strauss und stecken den Kopf in die Erde, sie tun so, als ob sie das alles nichts anginge. Andere suchen verzweifelt nach einem Rezept das, oh Wunder!, die leeren Gemeinderäume und Kirchen mit Kindern und Jugendlichen, mit Familien und Alleinstehenden füllt.
Es gibt aber auch Aussnahmen: eine dieser Gemeinden veranstaltet ein Mal im Jahr eine Woche mit Vorträgen und work-shops, die ganz einfach das Bewusstsein über den Gesundheitszustand der eigenen Gemeinde schärfen soll. Zu dieser Gemeinde werde ich in den nächsten Tagen fahren, sie haben mich eingeladen, dabei mitzuhelfen. Jemand von aussen sieht viele Dinge besser, „unvoreingenommen“, sozusagen aus der Vogelperspektive.
2) Bauleute
Die Kirche wird von Menschen gebaut. Und jeder dieser Menschen hat seine eigene, persönliche Lebensgeschichte, seine eigenen Ansichten und Neigungen. D.h. in der Gemeinde sind Lebensgeschichten am Werk. Und es ist ganz normal, dass wir uns nicht zu allen gleichermassen hingezogen fühlen. Deshalb gibt es in jeder Gemeinde kleinere und grössere Gruppen. Und das ist gut so, es ist der Garten Gottes in dem die verschiedensten Blumen, Sträucher und Bäume gedeihen. Das ist gut, normal und notwendig, solange das Fundament für alle klar ist: alle bauen auf dem selben Fundament..., oder stimmt das nicht...(mehr)?
Ja es geht noch darüber hinaus: der Reformator Johannes Calvin sagte: „Christus ist nicht nur der Grund, sondern als solcher auch das Leben des Baus.“ Das gefällt mir!, man kann leicht aus lauter Sorge um das Fundament, den ganzen Bau darüber vergessen. „Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr sei.“, sagt der selbe Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther. Es geht also um die Verantwortung, um die Verantwortung derer die am Bau arbeiten. Sie bauen nicht sich selbst, auch nicht für sich selbst, sie bauen die Gemeinde Christi.
Um es als Frage zu formulieren: unsere Gaben, Neigungen, Erfahrungen, Ansichten, bereichern sie das Leben der Gemeinde, oder versuchen wir damit das Leben der Gemeinde zu bestimmen, zu beeinflussen? Das kann auch ganz unbewusst geschehen, sogar gut gemeint...
Ein Gemeindeglied, Sohn einer der Gründerfamilien, Ingenieur, Kleinunternehmer..., fing vor ein paar Jahren an sich mit den Ideen des New Age zu beschäftigen. Bei Besuchen lagen manchmal irgendwelche esoterische Schriften auf dem Tisch. Themen wie Wiedergeburt (Reinkarnation) und Seelenwanderung schienen ihn immer mehr zu begeistern. Trotz unserer langen Gespräche und meiner Warnungen liess er sich immer mehr hineinziehen, wie in einen Strudel. „Alles muss Geist werden, die Materie ist nichts..“, das sei für ihn der Weg zur Perfektion. Das hat natürlich auch Unruhe in die Gemeinde gebracht, die Menschen verunsichert. „Wenn jemand der so viel weiss, der soviel gelesen hat, das sagt..., dann muss doch was dran sein...“.
Seit einigen Monaten ist er schwer krank, unheilbar. Wir versuchen ihn, so gut es geht, zu begleiten. Er hat das Halteseil seines christlichen Glaubens losgelassen und das neue Seil kann ihn nicht halten, es ist zu schwach...
Und gerade darum geht es: was uns die vielen modernen Heilsbringer und Seelenretter zu sagen haben, hat das wirklich Bestand?, trägt es..., ich meine, in Krisenzeiten?, sowohl in diesem Leben, als auch „hinüber“, hindurch...?
Wer sind denn diese „Bauarbeiter“?, wer gehört dazu?, der Pfarrer und die Mitglieder des Gemeindevorstandes...?, oder müssen wir den Kreis erweitern...?
In der Gemeinde die mich eingeladen hat, soll ich über Luthers „Priestertum aller Gläubigen“ sprechen. Die Gemeinde ist die Versammlung jener die den Ruf Jesu gehört haben, die dazu berufen sind ihre unterschiedlichen Gaben, Gaben Gottes!, in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.
Das wunderschöne Bild des Paulus, der die Gemeinde mit einem menschlichen Körper vergleicht, kann uns dabei helfen. Der Körper besteht aus vielen Teilen, Gliedern. Kleine und grosse, sichtbare und unscheinbare. Für Gott sind alle gleich wichtig, jedes einzelne Glied hat eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. „Ich“ bin wichtig, ich, mit meiner Geschichte, mit meinen Problemen, mit meiner Herkunft, meiner reichen oder kurzen Lebenserfahrung, ich bin Gott wichtig, und damit spiele ich beim Bau der Gemeinde eine unverzichtbare Rolle. Dabei geht es nicht um Perfektion. Alles was ich tu, auch in meinem „privaten“ Leben, in meinem Beruf, es ist und bleibt Stückwerk, ich begehe Fehler, unter denen vielleicht sogar andere zu leiden haben. Aber auch mein Stückwerk weißt auf den Grund hin: Christus.
Der Bau besteht aus Personen, aber ihr Tun und ihr Reden, weissen auf den Grund ihres Seins hin. Wie einst Johannes der Täufer: nicht ich bin es (auf den ihr wartet), sondern ER ist es...Und Luther, die aufgeschlagene Bibel in der Hand, weißt mit dem Finger auf das Wort.
Amen.
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KONFI-IMPULS zu 1. Korinther 3,9-15 von Thomas Binder
KONFI-IMPULS zu 1. Korinther 3, 9-15
Beim Lesen des Textes mit den Jugendlichen wird schnell klar: Paulus als „weiser Bauleiter“, die Bildsprache („Bauwerk“, „Fundament“) und die verwendeten „Baumaterialien“ (Gold, Silber, Edelsteine, Holz), erschließen sich den Jugendlichen in ihrer Aussageabsicht – dazu noch im Kontext des korinthischen Parteienstreits - kaum. Sie finden „komisch, dass man mit Stroh oder Silber was bauen kann“ und „dass auf architektonische Elemente besonders viel Wert gelegt wird“. Vor allem die Anwendung dieser Bilder auf Menschen in der Gemeinde erscheint den Jugendlichen „unlogisch“: Warum bin ich „Gottes Mitarbeiter“ oder „Ackerland“? – „Das klingt wie Sklaverei!“. Schwierigkeiten bereiten die v.14-15: einige ärgert, dass derjenige, dessen Werk verbrennt, seinen Lohn verliert, „obwohl Gott sonst immer alles vergibt“. Andere verstehen nicht, warum Gott Menschen trotzdem rettet, „die ihr Werk schlecht gemacht haben“. Ein Jugendlicher meint, v14. könnte sich auf „den Glauben“ beziehen: „Wer auch in schweren Zeiten an Gott glaubt, wird belohnt.“
Mögliche Zugänge für die Jugendlichen: „Baustelle Leben“: Welches „Lebensfundament“ wurde bei mir gelegt? Wer waren meine „Baumeister“ (Eltern, Lehrer, Freunde)? Welche „Lebensfundamente“ (Werte, Maßstäbe) sehen Jugendliche bei Menschen ihrer Lebenswelt? - „Die Feuerprobe“ (v.13) zeigt, was die „Lebenswerke“ wert sind: „Heute müsste auch mal so was passieren, denn manche Leute sind so überzeugt von sich selbst, dass sie gar nicht merken, dass das, was sie tun, falsch ist und andere verletzt“ (Konfirmandin). Leben Christen, was sie sagen? Was ist das Besondere an Jesus Christus als „Fundament“, wie sieht ein Leben aus, das sich auf ihn baut (evtl. Lebensgeschichte eines Christen oder einer Christin, z.B. Bonhoeffer)? - „Baustelle Kirche“: Ist unsere Kirche(ngemeinde) ein „Haus aus lebendigen Steinen“ oder ein verstaubtes Museum (vgl. den Konfi-Impuls zu 1. Petr. 2,1-10, a+b 13/2014)? - Wer sind heute Gottes „Mitarbeiter“? Welche Gaben und Fähigkeiten von Jugendlichen werden in unserer Kirche(ngemeinde) gebraucht? „Was mir an meiner Kirche gefällt, was ich an ihr ändern würde.“ Aus welchen „Baumaterialien“ würden Jugendliche „ihre Kirche“ bauen?
Zur Vorbereitung im Unterricht: Visualisierung des Textes durch kreatives Malen – Gestalten verschiedener „Lebensfundamente“ und daraus resultierender „Lebensentwürfe“ aus Pappkarton – Umfrage bei Mitarbeitern und Gottesdienstbesuchern: „Was ist die Grundlage / das Fundament der Kirche / ihres persönlichen Glaubens?“
Zur Mitwirkung im Gottesdienst: Vorstellen der Umfrage und der Bilder im Gottesdienst (evtl. Vergrößerung per Beamer) - Errichten eines „Bauwerkes“ im Gottesdienst: a) aus „Lebensfundamenten“ mit dazugehörigen „Lebensentwürfen“ oder b) „Stationen des Glaubensweges Jugendlicher von der Taufe bis zur Konfirmation“ (Daten, prägende Personen und Ereignisse, Orte und Räume) oder c) „Wie sich Jugendliche Kirche vorstellen!“.
Lieder zum Text: „Komm bau ein Haus, das uns beschützt“ (EG Bayern 640) – „Cornerstone“ (in: Das Liederbuch, Nr. 225) - „Irgendwas bleibt“ (Silbermond, in: Das Liederbuch, Nr. 58) – „Lebensglück“ (in: Das Liederbuch, Nr. 108) – „Halt dich fest an der Liebe“ (in: Das Liederbuch, Nr. 119) – „Halt dich an mir fest“ (Revolverheld, in: Das Liederbuch, Nr. 154) – „Was uns bleibt“ (in: Das Liederbuch, Nr. 222) – „Neue Spur“ (in: Das Liederbuch, Nr. 211).
Literatur: Joachim Schulte: 1. Korinther 3,9-15; in: Gottesdienst für Jugendliche, Perikopenreihe 6, Patmos 2001, S. 185-188 - „Jugendliche brauchen Kirche als Baustelle“ – Bericht der Stuttgarter Jugendkirche (2003-2006), Download unter: http://www.jugendkirche-stuttgart.de/web/profil/profil.html
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„Vertrauen ist die Grundlage sowohl von Handwerk als auch von Kirche“
Gnade sei mit uns und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Handwerkerinnen und Handwerker,
1.
Die biblische Geschichte von der Stillung des großen Sturmes ist alles andere als gemütlich. Wer sich vorstellt das Leben der Jünger und der Christen gleicht einer idyllischen Kahnpartie im Abendsonnenschein mit leisem Wassergeplätscher und etwas irischem Segen wird enttäuscht werden. Martin Luther sagt über die Geschichte:
„So geht es, wenn Christus in das Schiff kommt. Dann wird es nicht lange still bleiben, es wird ein Wetter und Ungestüm kommen, die Sonne scheint nicht mehr und das Meer wütet und tobt.“ Das ist eine Wahrheit, die wir gern überhören: es ist uns eben nicht verheißen, dass es in unserem Leben immer ruhig bleibt und manchmal ist es der Glaube, der uns – wenn wir ihm folgen – in stürmische Wasser führt, also in Auseinandersetzungen und Konflikte. Es wird stürmisch werden: Aber im Sturm kommen wir nicht um: das ist die Zusage der Geschichte für alle Hörerinnen und Hörer.
2.
Und als der Wind bläst und der Kahn schwankt, da geht es sofort auch – wen wird es wundern – um das Thema Vertrauen. „Habt ihr kein Vertrauen?“ ist Jesu erste Frage an die verschreckten Jünger. In älteren Übersetzungen lautet die Frage: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“
So ist es eben: Vertrauen und Glauben oder Kleinglauben und Mangel an Vertrauen gehören ganz eng zusammen. „Glauben“ ist im Grunde immer ein Vertrauen. Luther nennt Glauben manchmal auch eine „verwegene Zuversicht“.
Jesus fragt also habt ihr kein Vertrauen? Ja, jetzt hätte er auch sagen können: Da seht ihr es. Das habt ihr nun von eurem Kleinglauben. Jetzt geht ihr unter mit dem Kahn.
Nein, so passiert es nicht. Der kleine Glaube der Jünger scheint auszureichen, um gerettet zu werden.
Aber: Ein kleiner Glaube ist besser als gar kein Glaube.
Immerhin, die Jünger kennen die Adresse, sie wissen, wen sie anrufen müssen, sie wissen, wenn sie schreien, wo sie sich hinwenden müssen. Und sie rufen eben nicht nur „Wir verderben!“ wie so viele rufen und klagen. Sondern sie rufen: „Herr hilf, wir verderben!“, das macht einen gewaltigen Unterschied, wenn man eine Adresse für seine Klage hat.
3.
Und hier wird gleich eine weitere Konsequenz deutlich: Vertrauen hat es mit persönlichen Beziehungen zu tun. Wem ich vertrauen soll, den will ich kennen, das macht es so viel leichter.
Im heutigen Leben müssen wir ganz oft anonym bleibenden Menschen vertrauen, von morgens bis abends: Wenn ich früh aufstehe und Zähneputzen will, muss ich den Mitarbeitern im Wasserwerk vertrauen, die ich nicht kenne. Wenn ich zur Arbeit fahre muss ich den anonym bleibenden Stellwerksleitern vertrauen, die die Weichen hoffentlich richtig stellen. Die Bäckermeisterin muss den unbekannten Lebensmittelkontrolleuren vertrauen. Und abends muss ich den Mitarbeitern der „heute-Redaktion“ vertrauen, dass sie mich offen und ehrlich informieren. Usw. usw. bis zum Schlafengehen.
Wie viel leichter ist es hingegen, jemanden zu vertrauen den ich kenne, der für mich ein Gesicht und einen Namen hat?
Merken Sie, liebe Handwerkerinnen und Handwerker, dass Sie da ein ganzes Stück weit privilegiert sind? Sie leben in einer Arbeitswelt, wo man sich kennen kann. Der Kunde hat für sie ein Gesicht. Das ist ein unschätzbarer Wert, ein ehrliches Kapital, das es zu nutzen gilt. Gerade in einer Gesellschaft, wo Vertrauen stetig durch Kontrolle ersetzt werden soll. Immer mehr gesetzliche Reglungen prasseln auf uns nieder mit dem Erfolg, dass es dann findige Sucher von Schlupflöchern im Gesetzesdschungel gibt. Und die rufen dann wieder die „Schlupflochstopfer“ auf den Plan. Es scheint ein unseliger Wettbewerb ausgebrochen zu sein zwischen den „Schlupflochsuchern“ und den Schlupflochstopfern“.
Das sollen wir nicht hinnehmen: Das Handwerk, „die Wirtschaftsmacht von nebenan“ – wie es sich so gern nennt - hat Kraft und Möglichkeiten in unserer Gesellschaft da andere Akzente zu setzen. Das Handwerk kann heute einen wichtigen Beitrag zur Kultur des Vertrauens in unserem Land leisten.
4.
Aber: bei politischen Forderungen kann es nicht bleiben: Unsere Kirche, unsere Pastoren in den Kirchengemeinden haben den Einzelnen im Blick. Sie sehen die Handwerkerin und den Handwerker, die sich mühen, die im Grunde ihres Herzens genau das wollen: Ehrbares Handwerk, wie toll wäre das!
Und die immer wieder die Erfahrung machen: es geht nicht: Manche stimmen etwas zynisch in das bekannte Lied „der Prinzen“ aus Sachsen ein: „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt. Du musst gemein sein in dieser Welt“
Freilich, viele wollen das nicht und wünschen es sich im Grunde ihres Herzens anders. Sind die äußeren Zwänge zu mächtig?
Das ist eine alte Grundfrage, die auch in der biblischen Geschichte anklingt: Wie sehr fürchten wir die äußeren Mächte? In unserer Geschichte sind es Sturm und Wellen. Im modernen Leben sind es oft ganz andere Gewalten. Manchmal, etwa beim Hochwasser spüren wir noch die Kraft des Wetters. Meistens sind es aber Kräfte und Gewalten, die wir ebenso wenig beeinflussen können wie das Wetter: Den Kurs des Euro etwa, Vorschriften und Gesetze aus Brüssel oder Berlin, Zwänge bürokratische Hürden, die das Arbeiten erschweren. Der kleine Mann ist dem allen ausgeliefert wie auf einen schwankenden Kahn.
Wie schnell gewinnt dann der „Kleinglaube“ die Oberhand: Da kannst Du nichts machen. Da musst Du dich rein fügen. Da musst Du mit den Wölfen heulen usw. Sie kennen die vermeintlichen Gründe, die so unabweislich zu gelten scheinen.
Im Blick auf unsere biblische Geschichte sind das alles Sätze des Kleinglaubens, ja des Unglaubens. Christlicher Glaube tickt anders:
Der Glaube leitet dazu an, auch den eigenen Kleinglauben zu hinterfragen und sich nicht zu schnell abzufinden mit dem, wo man – angeblich – nichts machen kann. Der Glaube leitetan zum genauen Hinsehen. Wenn Sie das, liebe Handwerkerinnen und Handwerker, tun, aufmerksam und nüchtern, dann werden wir voller Staunen und Dankbarkeit feststellen dürfen: Es sind jetzt nicht die schlechtesten Zeiten für das Handwerk.
Vor allem aber gilt es, das dankbar wahrzunehmen. Die Dankbarkeit ist eine ganz wichtige Kraft und Quelle auch für widrige Zeiten.
Ich scheue mich das nicht zu sagen: Viele male am Tag kann ich gerne sagen „Gott sei Dank!“ Bei Aufstehen, beim Essen bei meiner Arbeit. Ich hoffe, davor bewahrt zu bleiben, das alles als selbstverständlich zu nehmen. Wer von Herzen dankbar ist, hat hoffentlich auch die Kraft diejenigen nicht zu übersehen, denen es nicht so gut geht, bei uns und in der weiten Welt.
Auch bei uns gibt es Handwerksbetriebe in Not und es gibt nicht wenige, die mit Sorgen in die Zukunft sehen, z.B. weil sie immer noch nicht wissen wie es weitergehen soll, weil keine Kinder da sind, die den Betrieb einmal übernehmen können oder wollen.
5.
Merken Sie das ein gutes Gottvertrauen nicht die schlechteste Grundlage für eine Kultur des Vertrauens in dieser Gesellschaft sein Kann?
Gott vertrauen kann zur Hilfe und Basis für das Leben, auch für das berufliche Leben werden.
Ich muss mich geborgen und getragen wissen, damit ich das Risiko des Vertrauens eingehen und auch unausweichlich folgende Enttäuschungen besser überwinden kann.
Am Ende, auch am Ende unserer Geschichte steht das Staunen:
„Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: „Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?“
Ihn sollen wir gut kennen. Er ist der Grund für unsere Hoffnung, für unseren Glauben und unsere Liebe, mit der wir anderen hoffentlich begegnen.
Wir müssen uns dieses Grundes immer wieder versichern, jede und jeder ganz für sich persönlich. Jeden Sonntag kannst Du kommen und dich durch Gottes Wort neu ausrichten lassen. Am Mittwoch hast du es vielleicht wieder vergessen, aber am nächsten Sonntag kannst Du ja wiederkommen.
Vertrauen will geradezu immer wieder neu eingeübt und trainiert werden.
Das Handwerk hat ja im Laufe der Jahrhunderte selbst Formen der Vergewisserung entwickelt: Freisprechungen und Meisterfeiern, Innungsfeste und Handwerkstage, bei Richtfesten und Einweihungen. Manchmal in Tracht und in zünftiger „Kluft“ und mit Schlapphüten, mit Fahnen und Symbolen und „Innungsladen“. Lassen Sie sich das nicht ausreden. Auch wenn das alles zunächst einmal äußerlich ist: Da kann von außen nach innen etwas wachsen und die äußeren Formen können nach innen Werte und Überzeugungen befestigen und neu gründen helfen.
Ich wünsche allen Handerkerinnen und Handwerkern die „verwegene Zuversicht“ des Glaubens.
Damit wir darin nicht müde werden, dafür steht die kurze Bitte „Gott schütze das ehrbare Handwerk!“
Amen.
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Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Manfred Wussow
Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!
Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.
Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.
Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.
Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne.
Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.
Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi –, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.
Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne.
Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Predigt
Allen alles sein – ich fasse es nicht! Warum nur versteigt sich Paulus in einen solchen Höhenrausch? Wäre weniger nicht mehr? Aber dann tut er mir leid. Der Paulus. Ich bin noch im Bann seiner Größe, kenne seine historische Bedeutung, stolpere ständig über seine Spuren. Aber dass er sich verteidigen muss, erbittert, leidenschaftlich, überrascht mich dann doch.
Szene 1:
Ein Ringen um Worte
Korinth ist ein heißes Pflaster. Weltstadt, Handelsstadt. Hier legen Schiffe an, die einen weiten Weg hinter sich haben. Wildes Getümmel im Hafen. Ein Geschiebe sondergleichen. Alles muss schnell gehen. Waren werden verladen. Neue Waren aufs Schiff gebracht. Mit ihnen machen sich Geschichten auf die Reise, Neuigkeiten, Gerüchte. Dass es hier einmal eine kleine christliche Gemeinde geben würde, wussten die Alten noch nicht zu sagen. Quicklebendig, streitbar und streitlustig – selbst Sklaven wussten das große Wort zu führen.
Paulus, auf den die Gemeinde zurückgeht, immerhin, sitzt an seinem Tisch, nachdenklich.
Dem Briefpapier vertraut er an:
Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und Sosthenes, unser Bruder,
an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Wie sich das anhört, anfühlt: Geheiligte! Wie das auf der Zunge zergeht! Man muss nicht einmal besonders klug sein, um herauszuhören, dass von diesen Menschen Großes, Überwältigendes, Edles gesagt wird. Geheiligte! Menschen in der Obhut Gottes, in der Liebe Jesu, angesteckt von dem einen guten Geist, der von beiden kommt- und nicht, nie, niemals, leer zurückgeht. Geheiligte! Eine große Zärtlichkeit liegt in diesem Wort. Es ist Gottes Sicht auf diese Menschen hier. Unverdient. Geschuldet ist hier nichts.
Und dann das! In Korinth haben sich Lager gebildet, eins frömmer, klüger, besser als das andere. Die großen Worte werden wie Keulen geschwungen, die Wahrheit mit Löffeln gefressen, die Mäuler voll genommen. Was sich dynamisch anhört, intellektuell leuchtend – legt sich wie Schatten über die Gemeinde in Korinth. Dabei könnte ich Ihnen nicht einmal die Diskussionen wiedergeben, die Streitpunkte benennen. Wie so oft: Ein Wort gibt das andere. Dann tuen sich Grenzen auf, Vorurteile, Verdächtigungen. Am Ende droht Korinth, zerrissen zu werden. Die Gemeinde Gottes in Korinth. Die Geheiligten! Zerrissen!
Und Paulus? Ein Zwerg, körperlich, geistig auch. Mit seiner Fistelstimme. Nicht einmal das kann er – sagen sie. Nicht einmal gut reden kann er. Paulus hat das alles mitbekommen. Was er nicht selber hörte, trug man ihm zu. Manchmal mitleidig, manchmal erbost. Aber das Bild war in der Welt. Sein Bild. Nicht schmeichelhaft. Für Paulus nicht, aber für die Korinther auch nicht. Wollte Paulus überhaupt mithalten auf dem Markt der Eitelkeiten? Der Dummschwätzer? Der Neunmalklugen? Sie meinten zwar in ihren Gruppen und Kreisen, richtige, die richtigen Christen zu sein, aber es tat alles weh, was sie sagten – es verletzte. Nein, jetzt muss – endlich – einmal gesagt werden, was Sache ist, worauf es ankommt , was nicht verkommen darf. Es ist das Evangelium. Das Evangelium Jesu Christi.
Paulus sitzt an seinem Tisch. Noch ist der Brief nicht über die ersten Sätze gediehen. Der fulminante Ausgangspunkt steht. Nur er. Den Satz streichen? Noch einmal neu anfangen? Kritischer? Selbstkritischer? Nein, Paulus wird nichts streichen. Auch den Brief nicht neu anfangen.
Geheiligte – das sind Menschen, die Gott nicht fallen lässt. Sie haben das Evangelium gehört, sie haben sich taufen lassen, sie feiern das Mahl ihres Herrn. Sie haben sich rufen lassen. Ihnen gilt die Verheißung, geliebt und angenommen zu sein. Alles, was dann geschieht – und zu sagen ist – wird unter Heiligen gesagt. Ich traue mich kaum, dass so zu sagen. Paulus ringt um Worte.
Szene 2:
Alles für das Evangelium
Paulus möchte das Evangelium von Jesus in seiner ganzen Schönheit, Würde und Kraft zeigen. Die frohe Botschaft, das gute Wort. Evangelium ist Leben, Versprechen, Traum. Evangelium ist Hoffnung, Freude, Mut. Was diese Worte zu übersetzen versuchen, ist: eine neue Welt zu sehen. Alte Abhängigkeiten und Schuldverstrickungen aufzugeben. Schon einmal in das Reich Gottes zu gehen. Die Türen sind offen. Schau! Geh!
Das Evangelium von Jesus! In der ersten Bedeutung kommt das Evangelium tatsächlich von Jesus. Er ist, wenn man so will, Hauptdarsteller, Gewährsmann und Denkmal in einem. Auch wenn Paulus Jesus nicht hat persönlich kennenlernen können, weiß er doch, was er gesagt und getan hat. Paulus ist eine große Erzählgemeinschaft geraten, in der Jesus so lebendig ist, als würde er jetzt noch Petrus über’s Wasser locken, die Armen selig preisen und dem Schächer am Kreuz – heute noch – das Paradies zusagen.
Das Evangelium von Jesus! In der zweiten Bedeutung ist Jesus dann selbst Gegenstand und Inhalt des Evangeliums. Im wohl ältesten Hymnus heißt es von ihm, dass er sich selbst erniedrigt, Knechtsgestalt angenommen hat – und erhöht wurde. Paulus hat diesen Hymnus vorgefunden – und aufbewahrt. Herr Ist Jesus! Das ist das wohl älteste Bekenntnis zu ihm. Jesus ist für uns gestorben, Jesus wurde für uns von den Toten auferweckt, Jesus ist der Weg, die Wahrheit, das Leben. So wuchtig sich das anhört – es ist von A – Z ein Wunder der Liebe. Nur immer wieder neu variiert, erzählt und geglaubt. Für die Liebe hat Paulus viele Worte und Bilder: Vergebung, Versöhnung, das Seufzen der Kreatur, unser Gebet: Abba, Vater. Dabei wage ich einen Blick auf unser Leben – mal mit Allmachtsphantasien, mal mit Schuld, mal strotzend vor Selbstbewusstsein, mal bis auf die Knochen blamiert. Das Evangelium von Jesus! Im Bekenntnis zu ihm finde ich einen eigenen Blick auf die Welt – und auf mein Leben.
Kann Paulus das auch den so kritischen und diskussionsfreudigen Korinthern schreiben? Es fällt auf, dass Paulus sozusagen seine ganze Identität in der Verkündigung des Evangeliums gefunden hat. Obwohl er – eigentlich – auch eine finanzielle Unterstützung erwarten könnte, sogar verdient hat, nimmt er nichts – gibt aber alles. Paulus schlägt sich mehr schlecht als recht durch – und ist doch der freieste Mensch, den man sich denken kann. Beschämend ist es trotzdem. Wir hören den Vorwurf förmlich, Paulus würde Geld nehmen, das Evangelium verkaufen, sich bereichern. Das kann Paulus nicht auf sich beruhen lassen. Aber es gibt keine Klage, keinen Gegenangriff.
„Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“
Muss! Paulus nimmt am Evangelium Maß. Für sich – und für die Menschen in Korinth, die dicht davor stehen, das Evangelium zu verlieren. Sind wir nicht alle Glieder an einem Lied? Paulus stellt die Frage ausdrücklich, um sie auch gleich zu beantworten: die vielen Gnadengaben, Fähigkeiten, Erfahrungen – sie spielen und klingen zusammen. Viele Auffassungen, Meinungen, Streite können dann auch getragen, ausgehalten und verändert werden. Sie führen zusammen, nicht auseinander. Paulus stimmt das Hohelied der Liebe an. Ein neuer Ton ist auf einmal in der Welt – ein cantus firmus.
Szene 3
Allen alles sein
Eine Verteidigung will gut überlegt sein! Was kann ich sagen? Wie kann ich es sagen? Oder schreiben? Paulus mag nicht so gekünstelt und schwadronierend reden können wie die bei den Korinthern so beliebten Schönredner – ein Meister des Wortes ist er allemal. So lesen wir seine Verteidigung, ein wenig lächelnd, ein wenig erstaunt. Paulus schreibt, ziemlich offen sogar, den Korinthern, was die Liebe alles macht und kann! Sie kann den anderen Menschen erst einmal so nehmen wir er ist – und ihm dann das Geschenk machen, glauben und hoffen zu können! Gemeinsam, miteinander. Ich sehe die Feder über das Papier huschen. Paulus schreibt, dass er den Juden ein Jude ist – und den Heiden ein Heide! Ich sehe auch die gehobenen Augenbrauen. Biedert er sich jetzt etwa auch noch an? Redet er den Leuten nach dem Mund? Geht er den Weg des geringsten Widerstands? Was Paulus meint, kommt in dem Wort von den Schwachen so deutlich und schön zum Ausdruck, dass wir hier verweilen.
Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne.
Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Ich sehe Menschen, die schwach sind – oder auch als schwach gelten - vor mir. Ich kenne sie auch.
Ich kenne mich auch. Wenn ich Stärke demonstriere, mein ganzes Wissen ausbreite, sie mit meiner Redegewandtheit überfahre – verliere ich sie. Ich mache ihnen Angst. Sie werden sich nie angenommen fühlen, auch nie dazu gehören. Meiden nicht vielleicht auch viele Menschen die Kirche, weil sie dort nicht gehört, nicht verstanden werden – aber überrollt mit fremden Gedanken, Riten und Gebräuchen? Ich bin Paulus dankbar, dass er seine Blicke und seine Worte abwägt: Er möchte Menschen nicht zurücklassen, er möchte mit ihnen gehen – und sie „erretten“. Dieses Wort ist zwar nicht unproblematisch, klingt auch ein wenig altväterlich oder besserwisserisch, aber wir verstehen den Wunsch des Paulus, dass in der Gemeinde Jesu, in der Gemeinde der Heiligen, niemand verloren geht. Den Schwachen ein Schwacher! Das ist die größte Kunst eines klugen Menschen – sich auf Augenhöhe zu begeben, zwischen den Zeilen zu lesen und schwache Menschen stark zu machen. Ihnen nicht davon zu laufen, sondern sich hinter sie zu stellen. Paulus hat wahrgenommen, dass in Korinth viele Gemeindeglieder nicht mehr dazu gehörten – weil sie sich nicht gut verkaufen, nicht gut reden, intellektuell und finanziell nicht beteiligen konnten. Verlierer am Tisch des Herrn, der zum Katzentisch verkommt.
Das Evangelium deckt auf – und befreit.
In Korinth gibt es tatsächlich viele – Sklaven!
Zu guter letzt
Boris Vildé, 1908-1942, ein russisch-französischer Ethnologe und Linguist, hat sich dem Widerstand gegen die Nazis angeschlossen. Im März 1941, gerade 32 Jahre alt, wird er von der SS gefasst. Ein langer Gefängnisaufenthalt in Einzelhaft beginnt, begleitet von Folter und Verhören, bis er im Februar 1942 schließlich hingerichtet wird. In den letzten Monaten seines Lebens durfte er Tagebuch führen, das vor Kurzem unter dem Titel „Trost der Philosophie. Tagebuch und Briefe aus der Haft“, deutsch übersetzt, herausgegeben wurde.
Am 25.06. 1942 heißt es:
„Mein Geburtstag: 33 Jahre!“ – viele Seiten später dann:
„Die christliche Religion (so wie die Kirche sie lehrt) ist eine Religion für Sklaven – nicht im üblichen Wortsinn (wie zum Beispiel bei Lenin), vielmehr für Sklaven ihres „Ich“, für Gefangene, die ihr Gemäuer lieben und die sich vor dem Unbekannten fürchten oder vor der vergessenen freien Luft“.
Paulus kennt „Gefangene, die ihr Gemäuer lieben …“
Allen alles sein – ich fasse es nicht! Warum nur versteigt sich Paulus in einen solchen Höhenrausch? Wäre weniger nicht mehr? Aber dann tut er mir leid. Der Paulus. Ich bin noch im Bann seiner Größe, kenne seine historische Bedeutung, stolpere ständig über seine Spuren. Aber dass er sich verteidigen muss, erbittert, leidenschaftlich, überrascht mich jetzt nicht mehr. In seiner Verteidigung entdecke ich das Evangelium Jesu Christi.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus, unserem Herrn.
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Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Ralph Hochschild
Ich bin so frei und fange einfach mit der Predigt an.
Ich bin so frei, und schiebe all die üblichen Formeln beiseite. Kein Kanzelgruß, kein Predigttext, kein Kanzelgebet. Nicht einmal als “Liebe Gemeinde”, comme il faut, spreche ich Sie an.
Ich bin so frei und lege los.
Und falls ich Sie jetzt mit diesem unüblichen und übrigens unhöflichen Predigtanfang ein klein wenig irritiert habe, dann ist das gut so. Denn sie haben jetzt im Kleinen erlebt, was die Menschen in den ersten christlichen Gemeinden im Großen spürten, wenn sie dem Apostel Paulus begegnet sind. Eine Irritation. Ist er überhaupt ein Apostel? Er gehörte nicht zu den Jüngern Jesu! Ist er ein richtiger Missionar? Er arbeitet und verdient Geld, statt sich von der Gemeinde bezahlen zu lassen! Ist er ein wahrer Nachfolger Jesu? Er kann andere Menschen nicht heilen, er ist selbst schwach und krank! Ist er noch einer von uns? Heute isst er mit uns nach den Regeln der Thora. Morgen isst er bei einem Heiden Fleisch vom Markt, unter Anrufung der Götzen geschlachtet. Und übermorgen verzichtet er freiwillig darauf - um der schwachen Menschen willen, die davor Angst haben! Warum darf er das? Warum kann er sich diese Freiheit nehmen?
Paulus gibt darüber Rechenschaft in seinem 1. Korintherbrief. Wir hören daraus im 9. Kapitel die Verse 16 bis 22
16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 17 Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut. 18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache. 19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. 21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden - obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
er ist anders als die Apostel, die wir aus den Evangelien kennen. Er ist ein anderer Missionar, als ihn die Korinther gerne hätten.
Kein Wundertäter, der Gottes Nähe in Heilungen spüren lässt. Paulus ist ein kranker Mann, der sich und andere nicht heilen kann. Aber er weiß: Gottes Kraft ist dennoch in mir mächtig. So mächtig, dass ich gar nicht anders kann, als das Evangelium verkünden, es ist ihm Notwendigkeit, Schicksal, geradezu ein Zwang.
Keiner der zwölf Apostel ist er, dem irdischen Jesus ist er nie begegnet, der irdische Jesus hat ihn nie gesandt. Aber der Auferstandene. Er ist in sein Leben getreten, ihm ist er begegnet und das wird ihm zur Gewissheit: Jesus Christus hat mich gesandt, meine Aufgabe, das Evangelium, meinen Auftrag verdanke ich ihm.
Es muss ein dramatisches Ereignis in seinem Leben gewesen sein. Ein Erlebnis, über das Paulus selbst wenig spricht, aber dessen Wirkung wir in seinen Briefen, in seinem Denken, in seinem Tun spüren können. Eine Erfahrung, die ihn für sein ganzes Leben an Jesus Christus binden wird. Eine Bindung, ein Glaube, der ihn seine Freiheit entdecken lässt. Eine Freiheit, die Folgen haben wird.
Denn die einen nehmen ihren gerechten Lohn für ihre Arbeit von den Gemeinden, aber Paulus will sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Er wählt die Unabhängigkeit.
Die einen konzentrieren sich auf die Gemeinde und achten ihre Grenzen. Aber Paulus wählt die Freiheit und schiebt Regeln, Gesetze und Konventionen auf die Seite. Er ist so frei und wird den Juden ein Jude, denen, die alte Gesetze halten wollen, stellt er sich gleich. Denen, die dieses Gesetz nicht kennen, wird er gerecht. Für die Schwachen macht er sich zum Schwachen, er ist so frei, um alle für das Evangelium von Jesus Christus zu gewinnen.
Die einen leben mit vollem Herzen aus ihren Erinnerungen an den irdischen Jesus, aber Paulus lebt ganz aus der Begegnung mit seinem auferstandenen Herrn.
Auch wir, liebe Gemeinde, leben aus der Begegnung mit Jesus Christus. Auch wir erfahren Freiheit. Nicht nur im Glauben. Nicht nur hier im Gottesdienst. Nicht nur als innere Freiheit wie viele Menschen vor uns und leider noch heute. Freiheit ist der zentrale Wert unserer Gesellschaft. Wir streben danach, frei von Einschränkungen zu werden, uns von Bevormundung, fremden Ansprüchen, Abhängigkeiten und Konventionen zu lösen. Wir wollen unsere Freiheit haben. Aber wir tragen auch Bedenken vor zu viel Freiheit. Führt sie nicht zu Bindungslosigkeit?
Wir haben längst gelernt, den alten großen Erzählungen nicht blind und unkritisch zu vertrauen. Auch der großen Erzählung von der Befreiung des Menschen. Denn zu oft war in unserer Geschichte die Freiheit der einen mit der Sklaverei der anderen verbunden, die Zunahme von Freiheit zugleich ein Verlust von Sicherheit und Geborgenheit. Können wir diesem Wert noch trauen?
Als Gemeinden sind wir oft nicht so frei wie Paulus. Wir erwarten oft, dass sich die anderen uns anpassen, sich einfügen. Veränderungen fürchten wir. Wir hängen an lieb gewordenen Traditionen, an unserer guten Gemeinschaft und tun uns schwer, die aufzusuchen, die ihr Christsein anders verstehen als wir. Wir sind nicht frei und selbstbewusst, die zu suchen, die anders fühlen als wir, die andere Dinge schön finden, die manches bei uns befremdet. Schnell fragen wir uns, wo die Grenze zwischen Öffnung und Anpassung liegt und wo ein zu viel an Freiheit unsere Identität als christliche Gemeinde bedroht.
Wo es um das Evangelium geht, scheint Paulus selbst solche Bedenken nicht zu kennen. Und er muss sie auch nicht haben. Denn seine persönliche Freiheit setzt er für das Evangelium ein. Seine Freiheit setzt er für die Menschen ein, die das Evangelium erreichen soll. Ihnen zuliebe macht er sich zu ihrem Knecht. Allen wird er alles, um sie für das Evangelium zu gewinnen. Er geht über Grenzen um der Menschen willen und folgt auf seine Weise Jesus nach. Denn Jesus ging über Grenzen, über die zwischen Erwachsenen und Kindern, um zu segnen, über die zwischen Juden und Nicht-Juden, um dem Hauptmann von Kapernaum und um der blutflüssigen Frau zu helfen, über die Grenzen von anständig und unanständig.
Paulus lebt also seine christliche Freiheit als eine Freiheit von Bindungen und als Freiheit für den Nächsten. Er lebt als mündiger Mensch, der seine Freiheit für den Nächsten einsetzt. Er verbindet Freiheit und Nächstenliebe. Das schützt ihn vor Beliebigkeit und billiger Anbiederung. Und es kennzeichnet uns Christen. Die Freiheit von Bindungen und die Freiheit für den Nächsten gehören für uns zusammen.
Im Gottesdienst erfahren wir die Befreiung von Bindungen wie unserer Schuld. Viele haben in unserer Gemeinschaft schon in Mutlosigkeit und Zukunftsangst Ermutigung erfahren. Sie haben gespürt wie sie frei wurden, wie ihr Herz frei wurde für den, der Hilfe brauchte, ein gutes Wort, ein offenes Ohr, eine helfende Hand. Den Enttäuschten, der Halt suchte, der Konfirmand, der seinen Platz im Leben finden wollte, die Eltern, die zwischen Beruf und Familie der Überforderung nahe waren, die pflegende Tochter, die mit ihren Kräften am Ende war.
Liebe Gemeinde,
“Ich bin so frei”, ich wünsche Ihnen, dass Sie das von sich sagen können. “Ich bin so frei”, weil Jesus Christus mich frei gemacht hat - für meinen Nächsten. Amen.
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Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Andreas Schwarz
16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!
17 Täte ich's aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich's aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.
18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.
19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.
20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.
21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden - obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.
22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Liebe Gemeinde;
Pfarrer zu sein ist ein ziemlich spannender Beruf.
Ich meine das wörtlich: es hat mit Spannung zu tun.
Am deutlichsten spüre ich das am Dienstagnachmittag.
Da bin ich um 14.30 Uhr im Seniorenkreis.
Eine wunderschöne Veranstaltung mit einer Reihe von alten Menschen unserer Gemeinde, die meist sehr fröhlich und gut gelaunt den gemeinsamen Nachmittag genießen – bei Kaffee und Kuchen und Gesprächen über das Leben und den Glauben. Sie berichten von den Besuchen bei Kranken und Einsamen, sie erzählen aus ihrem bewegten Leben und wie sie es im Glauben an Jesus Christus geführt haben. Und natürlich reden wir über Trauer und Abschiede, über nachlassende Kräfte und den Tod.
Das alles in sehr offener und vertrauensvoller Atmosphäre.
Pünktlich um 16.00 Uhr muss ich diesen Kreis verlassen, springe nach oben in den kleinen Saal, wo mich 8 äußerst lebendige Konfirmanden erwarten. Meist hört man sie schon bis unten hin, sie reden, erzählen, spielen Kicker, lachen.
Kaum bin ich da geht’s los: Herr Pfarrer, ich konnte nicht lernen, Herr Schwarz, die haben mich geärgert.
Dann höre ich erst einmal zu, lasse jeden zu Wort kommen und spüre überschäumende Energie, das pralle Leben in diesen jungen Menschen, ihre Freude am Leben, bei allen Sorgen in der Schule oder auch in den Familien.
Bruchlos geht es von den Senioren zu den Konfirmanden und ich erlebe das, wovon Paulus redet: den Juden ein Jude, denen unter dem Gesetz einer unter dem Gesetz. Also: den Senioren ein Senior, den Konfirmanden ein junger Mensch – und das lässt sich ja auf das Leben in der ganzen Gemeinde übertragen.
Natürlich: weder bin ich in dem Sinn ein Senior, noch bin ich Konfirmand.
Aber das ist die Spannung, von der ich sprach, von einem Moment auf den Anderen mit ganz unterschiedlichen Menschen so zu tun zu haben, dass sie sich ernst genommen und verstanden fühlen – und zwar ehrlich.
Denn es geht in der Gemeinde nicht um Sympathie, also welche Menschen man mag und deswegen versteht. Sondern, was alle Menschen und Gruppen miteinander verbindet, was ihnen gemeinsam gilt, ist das Evangelium von Jesus Christus.
Zur Spannung des Pfarrerberufs gehört es also, das Evangelium unterschiedlichsten Menschen so zu sagen, dass sie es als Hilfe oder Trost, also als hilfreich für ihr jeweiliges Leben entdecken können. Das gleiche Evangelium bekommt jeweils andere Worte und setzt andere Schwerpunkte, wenn ich mit Kindern rede oder mit Konfirmanden, mit Jugendlichen oder mit Erwachsenen, mit Heiratswilligen oder mit Trauernden. Es braucht andere Worte für Menschen, denen die Botschaft bekannt und vertraut ist als für solche, denen Inhalt und Botschaft des Evangeliums fremd sind.
Es darf keine Unterschiede geben, alle haben das gleiche Recht und den gleichen Anspruch auf die Verkündigung. Es geht dabei nicht um Neigung und Spaß, sondern es geht darum, dass Gott selbst entschieden und beschlossen hat, das Evangelium durch Menschen verkündigen zu lassen. Dabei spielt es keine Rolle, was die gern tun oder nicht – sie haben ein Amt und darum haben sie zu tun, was von ihnen erwartet wird. ‚Das liegt mir nicht‘ oder ‚das kann ich nicht‘ oder ‚das macht mir keinen Spaß‘ – so etwas gibt es nicht. Wer in der Kirche ein Amt hat, muss tun, was das Amt von ihm verlangt. Nicht weil der Vorstand oder die Synode das so beschließen, sondern weil es dem von Gott ins Leben gerufenen Amt so entspricht.
Der Maßstab, wonach sich alles richtet in der Kirche und in unserer Gemeinde, der Punkt, um den sich alles dreht, ist die frohe Botschaft von Jesus Christus. Der als Kind zur Welt kam, obwohl er der Sohn Gottes ist; der den Menschen gezeigt und gesagt hat, wie sehr Gott seine Menschen liebt; der am Kreuz gestorben ist, weil die Menschen meinten, sie brauchten ihn nicht – den Gott auferweckt hat und der lebt – damit wir wissen: auch auf uns wartet einmal das ewige Leben.
Das sollen alle Menschen hören – so will es Gott. Und dazu beauftragt er Menschen, dass sie davon erzählen. Das ist eine wunderschöne Sache, das Evangelium sagen zu dürfen. Es gibt ja keine bessere Botschaft als diese. Das macht den Pfarrerberuf zu einem ganz besonderen und schönen. Das macht dich frei – kein Chef kann dir sagen, was zu verkündigen sollst, keine Abstimmung in Gemeinde und Kirche schreibt dir vor, was du zu predigen hast. Du hast das Evangelium selbst gehörst, du glaubst und sagst es weiter. Es gibt keinen freieren Beruf als diesen. Natürlich: reich wirst du damit nicht, in der Kirche wirst du nie viel Geld verdienen; Karriere wirst du nicht machen und niemals großen Einfluss nehmen können. Aber dafür bist du eben auch nicht abhängig von dem, was die Leute grade schick finden – wie das z.B. in der Mode oder beim Fernsehen oder in der Musik ist. Da musst du sehr genau das Publikum befragen – und wenn du den Geschmack nicht triffst, bist du out. Wie viele Menschen müssen ihr Fähnchen nach dem Wind hänge, wie viele müssen sich verraten und verkaufen, um Erfolg zu haben, wie viele Menschen sind Opfer von Meinungen und Quoten. Wie viele sehen nichts anders im Leben, als Erfolg haben zu müssen, immer getrieben vom Druck, zu scheitern. Hier geht es allein um die Botschaft von Jesus Christus, die allein ist der Maßstab für das, was du zu sagen hast. Das macht dich ganz wunderbar frei.
Auch deswegen, weil für das Einkommen gesorgt wird; viele Menschen in unserer Gemeinde und Kirche zahlen aus ihrem Verdienst einen Teil an die Kirche, damit wir Pfarrer frei sind und bleiben, das zu tun, wozu wir berufen sind: das Evangelium zu verkündigen. Das macht uns immer wieder dankbar und bescheiden: ohne diese Verantwortung würde das so nicht gehen.
Aber selbst wenn es nicht mehr ginge, wenn die Menschen nicht mehr zahlen würden oder wenn das nicht mehr reichen würde, die Verkündigung des Evangeliums würde weiter gehen. Dann müsste ich unseren Lebensunterhalt anders verdienen, aber das Evangelium würde ich immer noch sagen. Ich tu das ja nicht wegen des Geldes, sondern weil ich muss. Da endet dann meine wunderschöne Freiheit. Gott hat mich in seinen Dienst genommen, die Kirche hat mich zum Amt eines Pfarrers ordiniert und die Gemeinde hat mich berufen.
Es ist gut und entlastend, dass ich mich um meinen Lohn nicht kümmern muss und dass genügend Gemeindeglieder dafür aufkommen.
Aber noch an einem anderen, entscheidenden Punkt endet die schöne Freiheit. Nämlich an den Menschen, die das Evangelium hören.
Sie sind der Maßstab für die Form der Verkündigung, für die Worte. Wer das Evangelium verkündigt, wird sich zu allererst um Menschen bemühen müssen, er wird sie zu verstehen versuchen, damit die Botschaft dann auch zu ihnen und zu ihrem Leben passt. Ohne dieses ehrliche Bemühen um Menschen geht die Botschaft ins Leere.
Mit den Konfirmanden genau so zu reden wie mit den Senioren wird sie nicht ernst nehmen und sie nicht erreichen. Und anders herum auch. Ich muss an der Lebenssituation der Senioren teilhaben und an der der Konfirmanden.
Sich um andere Menschen bemühen ist manchmal mühsam, weil ich nicht ihre Gedanken lesen kann, weil ich ihre Lebenssituation nicht selbst erlebe. Aber ohne das Bemühen bleibt, was ich ihnen dann sage, vielleicht richtig, aber es kommt nicht an. Menschen spüren sehr genau, ob man an ihnen interessiert ist oder sie als Missionsopfer missbraucht, ob man ihre Zweifel versteht, ihre Angst, ihre Zurückhaltung – ohne ihren Lebensstil und ihre Entscheidungen zu bewerten oder zu beurteilen. Wer sich und seine Frömmigkeit und seine Einsicht zum Maßstab macht, der wird immer auch bei sich bleiben und merken, dass er bei anderen Menschen nicht wirklich ankommt. Das Evangelium ist nicht dazu da, dass die, die es sagen, immer recht haben oder dass sie Andere so in die Enge treiben, dass die gar nicht mehr heraus kommen ohne aufzugeben – die frohe Botschaft führt nicht zu einem widerwilligen Nicken gegen alle Gefühle und Vorbehalte. Es ist die gute Botschaft für das Leben der Menschen. Und wenn es das Leben der Anderen erreichen soll, muss man sich dahin begeben, wo die Menschen sind – ob Senioren oder Konfirmanden, ob Juden oder Heiden oder Schwache im Glauben.
Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und Empfänger des Evangeliums für ihr Leben werden. Und ihr merkt, dabei geht es eben nicht nur um uns Pfarrer, deren Beruf das ist – es geht um jeden, der glaubt. Um jeden, dem andere Menschen am Herzen liegen und der ihnen die gute Nachricht von Jesus Christus sagen will.
Das Evangelium hilft uns, eigene Überzeugungen zu verlassen, um anderen Menschen nahe sein zu können und sie zu verstehen. Das Evangelium hilft uns, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen, sondern die Menschen wichtig nehmen, um die wir uns bemühen.
Mit den Konfirmanden wollen wir fröhlich sein, Spaß haben, entdecken, wie viel Gutes Gott uns schenkt, wie wertvoll wir für ihn sind, was er uns alles gönnt und dass es bei ihm – Gott sei Dank! - anders zugeht, als in der Schule und im Beruf: Leistung allein zählt.
Und dann vertrauen wir als Gemeinde, die wir das auch im Gebet begleiten, dass sie dann gern in ihrer Gemeinde leben und Jesus Christus vertrauen. Dazu schenke Gott uns seinen heiligen Geist. Amen.
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Christsein als Gewinn - Predigt zu 1. Korinther 9,16-23 von Christian Bogislav Burandt
Christsein als Gewinn
Gewinner, liebe Gemeinde, fragt man besonders gerne nach den Gründen für ihren Erfolg. In diesen Tagen der Fußballweltmeisterschaft fällt mir das besonders auf. Es ist fast so, als fiele ein Sonnenstrahl des glücklichen Gewinners auf die oder den, der Fragen stellt.
Das macht mir Mut, heute einmal mit Fragen an den Apostel Paulus heranzutreten. Denn dieser Mann aus Tarsus - auf dem Gebiet der heutigen Türkei - dieser Mann lässt sich als Gewinner bezeichnen! Er hat es geschafft, mit seinen Briefen ins heilige Buch der Christen aufgenommen zu werden. Wer kann das schon von sich sagen? Und der Apostel Paulus war so erfolgreich, dass mehrere unbekannte Autoren in der Antike versucht haben, in seinem Namen und mit seiner Autorität ihre eigenen Gedanken in der Welt zu verbreiten!
Voller Respekt machen wir uns also auf und nähern uns dem Völkerapostel. Wir fragen: Herr Paulus, wie erklären Sie sich ihren großartigen Erfolg mit der Christusbotschaft? Warum sind sie so berühmt geworden sind mit ihrer Darlegung des Evangeliums?
Paulus antwortet: Dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen, denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!
Eine kalte Dusche ist die Antwort! Paulus will sich offensichtlich nicht im Erfolg sonnen. Er muss das Evangelium verkündigen. Hat der Apostel einen Komplex? Wir fragen Paulus: Machen Sie die ganze Mühe umsonst? Sind sie nun freiwillig bei der Evangeliumsverkündigung dabei oder nicht?
Paulus antwortet: Täte ich’s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich’s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.
Für einen Moment sind wir etwas verwirrt. Aber dann verstehen wir: In der Arbeitswelt trete ich freiwillig eine Stelle an und erhalte dafür den entsprechenden Lohn. Das ist normale wirtschaftliche Logik. Paulus aber bestreitet für sich, dass seine Verkündigung der Christusbotschaft sich verrechnen lässt. Denn Jesus Christus hat ihn zum Apostel berufen und aus ihm, dem Christenverfolger Saulus, den Paulus, den Christus-Bezeuger gemacht. Damit hat Jesus Christus dem Paulus eine Ehre verliehen, die sich wirtschaftlicher Logik entzieht. Und doch ist es eine Ehre, die Arbeit, Mühe und Einsatz verlangt. Paulus ist so gesehen schlechthin der Begründer des Ehrenamtes! –
Stimmt das? Wir sind noch ein wenig unsicher und fragen: Paulus, was ist denn nun dein Lohn? Der Apostel antwortet prompt:
Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium keinen Gebrauch mache.
Wir schlucken für einen Moment. Und wir merken: Der Apostel Paulus ist nicht zu verwechseln mit einem normalen Geistlichen. Die Hoffnung auf Gott, auf Jesus Christus lässt den Paulus offensichtlich unempfindlich werden für den eigenen Konto-Stand. Weder am Berühmtsein noch am Reichtum ist ihm gelegen. Es ist so, als ob der Apostel die christliche Hoffnung besingt:
In dieser Hoffnung lerne ich
In alle Lebenslagen mich,
in Glück und Not zu fügen.
Und wenn ich Mangel leiden muss,
so lass ich mir genügen.
(Detlev Block, Wann ist unser Mund voll Lachen? Biblische Gesänge für die Gemeinde, Stuttgart 1986, S.129; zu singen nach EG 497).
Nun gut. Paulus ist kein Knecht der normalen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse; das haben wir verstanden. Wir spüren in seinen Aussagen freilich einen besonderen Geist der Freiheit. Wir fragen Paulus: Stimmt das? Der Apostel antwortet: Obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.
Aha. Paulus will also sehr wohl etwas gewinnen. Er möchte möglichst viele Menschen gewinnen. Seine großartige Freiheit setzt Paulus ein, um ganz verschiedenen Menschen die frohe Botschaft von Jesus Christus nahe bringen zu können: den Juden, den Gesetzestreuen, den Gesetzlosen und den Schwachen! Schärfere Gegensätze als die genannten Gruppen sind kaum denkbar. Meint Paulus im Ernst, er könnte so total unterschiedlichen Gruppen das Evangelium nahe bringen? Paulus sagt: Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
Liebe rettet. Immer wieder. Jeder von uns kennt Geschichten, die davon handeln. Gottes Liebe geht über menschliche Liebe hinaus, sie rettet zum Leben in Ewigkeit. Gottes Liebe in Jesus Christus gilt allen Menschen und sie macht nicht vor den größten denkbaren menschlichen Unterschieden Halt. Wer sie weitergeben will, darf sich durch die Bandbreite des Menschlichen nicht verunsichern lassen.
Im Evangelium vom Großen Abendmahl hörten wir, wie der Knecht losgeht und auf den Landstraßen und an den Zäunen (s. Lk 14,23) die Menschen einlädt zum Festessen in Gottes Reich. Dieselbe Einladung braucht ganz verschiedene Ausdrucksweisen, damit die hochbetagte Witwe, der jugendliche Aussteiger oder der gestresste Mittvierziger sie annehmen können! Gottes Liebe in Jesus Christus, seine Einladung zum Leben braucht jeweils ganz unterschiedliche Übersetzungen. Welche Übersetzung wäre denn für uns die richtige? Wir schauen auf den Apostel Paulus. Den normalen Kämpfen und Zweideutigkeiten des Alltags ist er nicht enthoben:
Was bedeutet es nun, an Christus zu glauben,
Freude oder Traurigkeit,
Stärke oder Schwachheit,
Gewinn oder Verlust,
Glücklichsein oder Leiden,
Frieden oder Kampf?
Beides – und das erste mitten im zweiten!
(Hans-Joachim Eckstein, Du liebst mich also bin ich, 7. Auflage, Stuttgart 1994, S.121)
Bei aller Traurigkeit, aller Schwachheit, allem Verlust, allem Leiden und allem Kampf – für Paulus leuchten Freude, Stärke, Gewinn, Glücklichsein und Frieden im Christsein heller. Er sagt: Alles tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.
Wir, liebe Gemeinde, sind nicht der Apostel Paulus. Und Paulus ist bei all seiner Berühmtheit, die er eher gegen seinen Willen erlangt hat, auch kein Gewinner nach der Art der Fußballhelden. Das haben unsere Fragen gezeigt. Wir haben vielmehr erkannt: Der Apostel sieht sein Leben im Licht der Liebe Gottes, seine Berufung ins Ehrenamt, sein Leben als Christ als Gewinn an. Als einen Gewinn, den er mit möglichst vielen Menschen teilen möchte. – Auch wir möchten Anteil bekommen an Gottes rettender Liebe. Und so beten wir zu Gott:
Gib uns im Leben Liebe
Nach deiner Liebe Art.
Gib uns im Sterben Hoffnung,
die für dein Reich bewahrt.
Gib beides aus dem Glauben
an dich und dein Gebot.
So können wir bestehen
im Leben und im Tod.
(Detlev Block, Wann ist unser Mund voll Lachen? Biblische Gesänge für die Gemeinde, Stuttgart 1986, S.67).
AMEN
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Predigt zu 1. Korinther 15,19-28 von Reinhard Schmidt-Rost
19 Wenn die Hoffnung, die Christus uns gegeben hat, nicht über das Leben in der jetzigen Welt hinausreicht, sind wir bedauernswerter als alle anderen Menschen.
20 Doch es verhält sich ja ganz anders: Christus ist von den Toten auferstanden! Er ist der Erste, den Gott auferweckt hat, und seine Auferstehung gibt uns die Gewähr, dass auch die, die im Glauben an ihn gestorben sind, auferstehen werden.
21 Der Tod kam durch einen Menschen in die Welt; entsprechend kommt es nun auch durch einen Menschen zur Auferstehung der Toten.
22 Genauso, wie wir alle sterben müssen, weil wir von Adam abstammen, werden wir alle lebendig gemacht werden, weil wir zu Christus gehören.
23 Aber das geschieht nach der von Gott festgelegten Ordnung. Zuerst ist Christus auferstanden. Als nächstes werden, wenn er wiederkommt, die auferstehen, die zu ihm gehören.
24 Und dann wird Christus die Herrschaft Gott, dem Vater, übergeben – dann, wenn er allen gottfeindlichen Mächten, Kräften und Gewalten ein Ende bereitet hat; dann ist das Ziel erreicht.
25 Denn Christus muss so lange herrschen, bis »Gott ihm alle seine Feinde unter die Füße gelegt hat«.
26 Der letzte Feind ist der Tod, aber auch ihm wird schließlich ein Ende bereitet,
27 denn es heißt in der Schrift: »Alles hat Gott ihm unter die Füße gelegt.« Ausgenommen von diesem »alles« ist natürlich der, der Christus zum Herrscher über alles gemacht hat.
28 Wenn dann alles unter die Herrschaft von Christus gestellt ist, wird er selbst, der Sohn, sich dem unterstellen, der ihn zum Herrn über alles gemacht hat. Und dann ist Gott alles in allen. (Neue Genfer Übersetzung).
Liebe Gemeinde,
bald sind es 2000 Jahre, seit Jesus von Nazareth unter den Menschen wirkte und wirkt. Seine Worte werden weiterhin und unaufhörlich von Generation zu Generation weitergegeben. Er hat mit seinen Worten so viele Menschen erreicht und in ihren Herzen berührt, wie sonst kein Mensch, der jemals gelebt hat. Und er bewegt auch uns, und wir geben diese Bewegung weiter! Sollten wir das nicht Auferweckung nennen?
- Bei einer Fernsehsendung mit einer solche „Quote“ würde man sagen: Die Sendung lebt! -
Christus lebt und wirkt mit seinem Geist in den Menschen, gestern und heute und in Ewigkeit. Er ist in einer Sphäre wirksam, die in Raum und Zeit hineinwirkt, aber nicht von dieser Welt ist. So spüren wir ihn und deshalb sprechen wir mit den ersten Zeugen: Er ist wahrhaftig auferstanden!
Wer wollte angesichts der Wirkung, die Christus auf unser Leben ausübt, nach einem Reanimierten in einem vergänglichen Körper, in irdischer Gestalt fahnden, um durch Betasten zu beweisen, dass da eine Wiederbelebung stattgefunden hat? Und was hätte eine solche Entdeckung für eine Bedeutung? Die Worte des Christus verbinden alle, die sie hören und bewahren, mit ihm und seinem geistigen Leben jenseits von Raum und Zeit.
Der Tod aber ist die Kraft, die seit Adam und Eva auf die Menschheit einwirkt, sie an Raum und Zeit fesselt, und sie von Gott, der Quelle allen Lebens, entfernt. Der Tod ist der Meister des Lebens, er treibt die Menschen in seine eigenen Arme. Die Kraft des Todes aber ist der jedem Menschen angeborene Egoismus . Diese Kraft entfernt von Gott, der Quelle des Lebens. Die Trennung von Gott bringt immer wieder Herrschaft und Gewalt von Menschen über Menschen und gegen Menschen hervor, diese Erfahrung begleitet die Menschheit, seit sie denken kann. Der Mensch will selbständig sein, sich selbst behaupten, er will sein, was nur Gott sein kann: Die Quelle allen Lebens. Der Mensch kann aus dieser Quelle des Lebens schöpfen, durch die Worte Christi, durch die Liebe, die sich Menschen entgegenbringen, aber er ist diese Quelle nicht selbst, so sehr er sich anstrengt, das Leben zu beherrschen oder zu manipulieren. Er gerät bei allen eigenen Anstrengungen immer wieder unter die Macht des Todes.
Noch hat der Tod die Menschheit in der Hand, aber der Apostel Paulus hat eine Erfahrung gemacht, die ihn auf eine ganz neue Art von Herrschaft hoffen lässt. Seit ihm Christus begegnet ist, hofft er darauf, dass „Gott alles in allem sein wird“.
Diese Worte der Hoffnung „Gott wird sein alles in allem“ schließen der Sache nach unmittelbar an die Worte über die Liebe an, die Paulus wenige Zeilen zuvor in diesem Brief aufgeschrieben hat, wo er die Liebe rühmt als die Kraft, die niemals aufhört, die in Ewigkeit strömt und Leben hervorbringt: Die Liebe hört niemals auf, so doch die Weissagungen und das prophetische Reden aufhören werden.
Gott wird sein alles in allem, so beschreibt der Apostel die neue Herrschaft und das andere Leben, das er erwartet. Viele Menschen können sich diese andere, neue Herrschaft und dieses neue Leben in ihrem Leben nicht vorstellen, sie sehen und erleben nur die üblichen Versuche der Selbstbehauptung des einen gegen den anderen, den Sieg der Starken über die Schwächeren, die Leistungsvergleiche und Wettbewerbe. Sie registrieren nur Bosheit und Mißgunst, schonungslose Brutalität, Willkür und Gewalt. Und die Ordnungen der Gesellschaften nehmen sie allenfalls als Notbehelf wahr, der das Leben nur mühsam und unzureichend unterstützt.
Dabei ist das alte Leben im Schatten des Todes doch schon berührt von der neuen Herrschaft der Liebe und dem neuen Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Neue Herrschaft und neues Leben sind dort zu spüren, wo Menschen von der Kraft der Liebe erfüllt, von ihrem Egoismus gelöst werden, in ihrer Seele geheilt werden von den Wunden, die sie im Kampf um Selbstbehauptung erlitten und zugefügt haben.
Liebe Gemeinde,
das feiern wir an Ostern: Der Tod ist nicht mehr Alleinherrscher in der Welt. Die Kämpfe, Kriege und Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen, zwischen Interessengruppen und Nationen sind als Lebensmittel, als Mittel der Bewahrung des Lebens in die Kritik geraten. Die Kultur der Menschheit orientiert sich seit Ostern neu: Die Macht der Liebe wird nun als die Kraft erkannt und anerkannt, die wirklich Leben schafft, die Verständigung und Versöhnung anstrebt, die Gegensätze nicht verschärft, sondern mildert.
Allgemein durchgesetzt hat sich diese Überzeugung bis heute noch nicht, aber sie gewinnt weltweit und in verschiedenen Religionen immer mehr Anhänger. Die Liebe ist die Lebenskraft der Menschheit für alle Zukunft, - und wo sie missachtet oder gar niedergeschlagen wird da steht sie immer wieder auf, nicht um selbst zu siegen, sondern um zum Besten der Menschen zu wirken, durch Menschen.
Die Gemeinschaft derer, die an die Macht der Liebe als Lebenskraft glauben, stärkt sich in diesem Glauben durch die Zeichen von Taufe und Abendmahl.[1] In diesen beiden Zeichen vergewissert sich die Christenheit, dass das Leben ein Geschenk und seine Erhaltung nicht selbstverständlich ist, aber dass wir um Vergebung bitten und auf Erlösung aus unserem Egoismus immer neu hoffen dürfen. Es sind evangelische Oster-Zeichen.
Amen.
[1] Im Ostergottesdienst in der Bonner Schloßkirche wird in diesem Jahr ein fünf Jahre altes äthiopisches Mädchen getauft, das von einer deutschen Familie adoptiert worden ist. Außerdem feiern wir das Heilige Abendmahl. Als Taufspruch für ihr sehr munteres Mädchen, Rhama, haben sich seine Eltern das Psalmwort: "Mein Herz ist bereit, o Gott/mein Herz ist bereit./Ich will Dir singen und spielen." (Ps. 108, 2).- Mit Rücksicht auf die beiden Feiern ist die Predigt relativ kurz. Sie kann aber im Schlussteil leicht ergänzt werden durch Erfahrungen der Predigerinnen und Prediger mit der belebenden Kraft der Liebe in ihrem Umkreis
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Predigt zu 1. Korinther 15,19-28 von Frank Zeeb
Liebe Gemeinde,
ein kluger Mann hat über den Osterglauben gesagt: „mit einem Geheimnis kann man leben, wenn man Vertrauen hat.“ Ich finde, er hat recht: Den Osterglauben kann man mit dem Verstand nicht durchdringen, er bleibt ein Geheimnis. Das Geheimnis heißt: „Christ ist erstanden“. Mehr nicht. In diesen drei Worten ist das ganze Geheimnis umschlungen. Wir haben es vorher auf dem Friedhof gesungen, wir werden es nachher noch einmal singen und unsere orthodoxen Mitchristen rufen es sich als Gruß zum Ostermorgen zu: Christos anesti – und die Antwort lautet „Alithos anesti“. Er ist wahrhaftig auferstanden. Die Ostkirchen haben ja überhaupt einiges bewahrt, was in der eher nüchternen westlichen Kirche – und bei uns Protestanten gleich gar – verloren gegangen ist. Sie feiern die göttliche Liturgie als ein Geheimnis, in dem sich ereignet, was verkündigt wird. Nicht weil es etwas zu verstehen gibt, weil es vom Verstand her klar ist, sondern weil es ihnen wichtig ist, dass das Geheimnis Geheimnis bleiben darf. Ich erzähle das deswegen so ausführlich, weil Ostern in diesem Jahr in besonderer Weise ein ökumenisches Fest ist. Normalerweise unterscheidet sich das Kirchenjahr der östlichen Kirchen von unserem – meist sind wir mit unseren Festen knapp zwei Wochen eher dran. Das hat mit dem Kalender zu tun, auch mit astronomischen Gegebenheiten. Aber in diesem Jahr fällt in Ost und West, in allen Konfessionen der Ostertermin auf den heutigen Sonntag. Ich finde das ein wunderbares kirchenverbindendes Symbol: Die Christenheit ist eins in dem Bekenntnis: „Christ ist erstanden“ und sie darf das heute zusammen und in Einheit bekennen. „Christ ist erstanden“ – das älteste Bekenntnis im Neuen Testament, das älteste liturgische Stück in unserem Gesangbuch und die gemeinsame Grundlage aller Christenmenschen, die aus diesem Geheimnis leben, mit ihm leben und darauf vertrauen. Ist es Ihnen aufgefallen? Unser Predigttext erzählt nicht. Da ist er anders als die Evangelien, die in immer neuen Anläufen die Botschaft von der Auferstehung erzählend ausdrücken. Sie erzählen von Menschen, die zu Auferstehungszeuginnen und -zeugen wurden, von Maria, von Maria Magdalena, von Simon Petrus, von Johannes, Thomas und vielen anderen. Sie schildern deren Gefühle, ihre Ängste und Sehnsüchte, ihre Hoffnung und ihren Zweifel. Wenn wir von Ostern sprechen, dann fallen uns in der Regel diese Geschichten ein. Bei Paulus findet sich nichts von alledem. Er geht davon aus, dass es eine Tatsache ist, dass Christus auferstanden ist. Die hinterfragt er nicht, er setzt sie voraus. Wie das geschehen ist, das darf Geheimnis bleiben. Aber was das Geheimnis bedeutet, was es mit uns zu tun hat und wie wir dem Geheimnis vertrauen können, das ist Paulus wichtig. Man könnte auch sagen: Er spürt dem Geheimnis nach. Er versucht es einzuordnen. Er bietet alles auf, was er von Christus und von der Schrift weiß, um das Geheimnis ins rechte Licht zu stellen, um es relevant zu machen, um es in Zusammenhänge zu stellen, dass es Vertrauen weckt.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth. Offenbar war die Situation dort nicht ganz einfach. Wir wissen von Spannungen. Soziale Gegensätze brachen auf, auch theologische. Die kleine Gemeinde stand vor der Spaltung. Die Armen wollten nicht mehr mit den Reichen feiern, weil die sie ihre Armut allzu deutlich spüren ließen. Dann verteilten sich unterschiedliche Frömmigkeitsformen auf verschiedene Parteiungen. Neben einer – modern gesprochen – volkskirchlich orientierten Gruppe stand eine – wieder modern ausgedrückt – charismatische Gruppierung, die nur die persönliche und unmittelbare Glaubenserfahrung gelten ließ und alles andere abtat. Vor allem letztere hatten natürlich mit dem Geheimnis der Auferstehung ihre Schwierigkeiten.
Sie hatten ja den Auferstandenen zwischen Ostern und Himmelfahrt nicht aus eigener Anschauung gesehen. Auch Paulus, der ihnen die Botschaft verkündigt hatte, war kein unmittelbarer Auferstehungszeuge. Hinzu kam, dass die Auflösung des Geheimnisses auf sich warten ließ. Statt der Erfüllung der Verheißung, der Wiederkunft Christi und des Einbruchs des Gottesreiches kam der Alltag. Schlimmer noch: Mitchristen starben und wurden begraben – kein Wunder, dass eine geistorientierte, erlebnisgesteuerte Frömmigkeit zu der Schlussfolgerung kommen musste: Es gibt gar keine Auferstehung der Toten. Jesus von Nazareth mag auferstanden sein, aber er ist zum Vater zurückgekehrt, er regiert die Welt nun durch seinen Geist. Es gilt jetzt zu leben und zu glauben. Noch ist Zeit, wenn wir alle einmal sterben, wird es zu spät sein.
Diese Denkweise bewirkte eine radikal diesseitige Glaubenswelt. Es galt das Leben auszukosten, den Glauben unmittelbar zu leben, ohne jedes Vertrauen und ohne Hoffnung auf eine Zukunft – und das heißt: ohne das Geheimnis. Insoweit ist die Situation des Paulus der unseren nicht ganz unähnlich. Die neue Mitgliedschaftsstudie der EKD und andere Befragungen legen den Schluss nahe: Nur noch eine Minderheit, auch unter den Gemeindegliedern, sogar unter den Hochverbundenen, glaubt noch an die Auferstehung der Toten, kann etwas anfangen mit dem Geheimnis, Trost und Hoffnung schöpfen aus der großartigen Vision vom Reich Gottes – vielleicht ist diese Hoffnungslosigkeit ja mit ein Grund dafür, dass unsere Welt so ist, wie sie ist.
Paulus entfaltet seinen Korinthern das Geheimnis, indem er sie dort abholt, wo sie stehen. Er nimmt ihre Zweifel und Fragen ernst, aber eben auch die Grundsäulen ihres Glaubens. Dass Christus auferstanden ist, bezweifelt in Korinth niemand. Dass Jesus gekreuzigt und begraben wurde, auch nicht. Damit sind die beiden Grundbekenntnisse ausgesprochen. Paulus stellt das nun in einen ganz weiten Zusammenhang, indem er gleichsam eine Ellipse zeichnet: eine große geometrische Figur, die um zwei Brennpunkte kreist, auf die hin sich alles beziehen lässt: Karfreitag und Ostern. Kreuz und Auferstehung, Tod und ewiges Leben, Schöpfung und Vollendung. Am Karfreitag erfüllt sich das wahre Menschsein Jesu Christi, denn der Mensch erleidet den tiefsten Tiefpunkt, den ein Mensch nur leiden kann. An Ostern wird die ganze Gottheit Jesu Christi offenbar, denn nur Gott selbst kann den Tod besiegen. Im Karfreitag kommt die Schöpfung an ihr Ziel, denn Geschaffen-Sein, das ist ein Sein zum Tode. Was als Geschöpf in die Welt gekommen ist, das muss diese Welt auch durch den Tod wieder verlassen. An Ostern geschieht aber der Umschwung, sozusagen die Wende der Heilsgeschichte und der Welt. Die Endzeit bricht sich Bahn in der Jetzt-Welt, denn nur vom Reich Gottes her kann der Tod überwunden werden. Paulus erinnert an die Geschichte von Adam, dem urtypischen Menschen. Adam war der wahre Mensch, wie schon sein Name sagt. Er hielt die Nähe Gottes nicht aus, und begab sich in die Gottesferne, in die Sünde, in die Sphäre des Todes. Wir alle sind als Menschen wie Adam, unfähig, die Nähe Gottes zu ertragen und unbedingt dem Tod verfallen – Karfreitagsgeschöpfe eben. Deshalb, so Paulus, wird Gott selber Mensch, damit es nach dem Karfreitag Ostern werden kann, damit das Leben sich durchsetzt, damit Sünde, Tod und Weltverfallenheit nicht das letzte Wort behalten dürfen. Gottes Sohn lebt als Mensch das Leben des Karfreitagsmenschen mit allen seinen Brüchen. Und er lebt als Osterwesen das Leben von der endzeitlichen Herrlichkeit Gottes her, von einer Welt, in der es keine Kriege mehr geben wird, wie in der Ukraine und in Syrien, keine Terroranschläge wie in Afghanistan, in der Menschen nicht einen grausamen, elenden Tod sterben, geplagt von Krankheit und Schmerzen, in der das Recht des Stärkeren sich nicht durchsetzt und die Existenz der Armen nicht weniger lebensfroh ist als die der hohen Herrschaften. Beides lässt sich integrieren, das Leben vor Karfreitag und das Leben nach Ostern, und ist schon integriert, in dem einen, der beides ist: der karfreitägliche Mensch und der österliche Gott. Wer kann das Geheimnis fassen, das uns in Christus und seinem Weg begegnet?
Einen Königszugang wird es hier nicht geben. Es ist eben ein Geheimnis, das wir mit dem Verstand nicht erfassen können. Wenn es aber richtig ist, was wir glauben, dass mit der Auferstehung etwas neues in die Geschichte und in unsere Welt hereinbricht, dann hat die Welt, in der wir leben, eine neue Qualität. Sie braucht sich dann nicht mehr messen zu lassen an den grausamen Abläufen der Weltgeschichte, an der Wiederkehr des Ewig-Gleichen, an Sachzwängen, Naturnotwendigkeiten und dem Gesetz von Fressen und Gefressen-werden. Dann können wir leben als Protestleute gegen den Tod. Die Welt wird davon nicht mit einem Schlag besser. Sie wird vielleicht nicht einmal anders. Aber bei uns ändert sich etwas. Wir leben aus der Hoffnung, denn wir kennen seit dem Ostermorgen das Geheimnis, was die Welt im Innersten zusammenhält. Es ist die Tatsache, dass Gott das Leben will und nicht den Tod. Von diesem unbedingten Lebenswillen Gottes her, ergibt manches Sinn, was in der Welt nicht verständlich ist, womit man sich auch nicht abfinden darf. Die Welt und unser Leben steht weiterhin unter dem Kreuz des Karfreitags. Das zu leugnen, wäre töricht. Aber die Frage, die alles entscheidende Frage, lautet doch: Lassen wir es dabei resigniert bewenden und setzen damit unser Vertrauen und unsere Hoffnung auf den Tod – oder geben wir dem Geheimnis eine Chance, die Welt von Ostern her zu beleuchten, sich selbst in dem zu bewahrheiten, was verkündigt wird.
Marie-Louise Kaschnitz hat diese Hoffnung im Alltag in ein Gedicht gefasst:
Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.
In diesem Sinne: Lichtvolle Ostern! Amen.