Spiegelungen - Predigt zu 1. Korinther 13 von Klaus Pantle
Spiegelungen
12,31b Und ich will euch noch einen besseren Weg zeigen:
13,1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1
Péter Nádas schickt seine Romanfigur Frau Erna auf eine lange Taxifahrt durch das nächtliche Budapest. Neben ihr saß Gyöngyvér, die Geliebte ihres Sohnes. Telefonisch hatte man ihnen aus der Klinik mitgeteilt, dass ihr dementer Mann im Sterben lag. Auf dem Weg dorthin stiegen in ihr Erinnerungen auf aus wechselhaften Zeiten, die sie als Frau aus einer großbürgerlichen deutsch-ungarisch-jüdischen Familie durchlebt und durchlitten hatte. Und Gefühle wurden wieder wach. Die körperliche Nähe zu der schönen Gyöngyvér an ihrer Seite rissen sie hinein in einen wilden Strudel aus Hass und Verachtung und Erregung und Anziehung. Unversehens berührten sich beide auf intime Weise. Dabei „saßen sie sich zugewandt wie Spiegelbilder“. Durch diese Berührung fand sich Frau Erna zurückversetzt in eine Jahrzehnte zurückliegende Erfahrung, die sie überflutet hatte. In einem Hotel in Groningen war sie einer anderen blonden Frau begegnet. Die konnte sie nie mehr vergessen. Alle späteren Beziehungen, auch die Ehe mit ihrem Mann, einem Windbeutel erster Güte, der Karriere machte zuerst unter den ungarischen Nationalisten, dann unter den Nazis und schließlich unter den Kommunisten, ließen sie diese abgrundtiefe Erfahrung nie mehr einholen. All die Jahre seither schaute Frau Erna „nach einer einzigen jungen Frau aus, einem ganz besonderen Geschöpf, in dem sie sich ein einziges Mal, aber in aller Deutlichkeit, wie in einem Spiegel, erblickt hatte. Immer stellte sie in sich jene Einzige wieder her, der sie jahrzehntelang nie mehr begegnet war, von der sie aber wusste, dass sie noch lebte, auch wenn sie sie in ihrer physischen Realität gar nicht mehr wiederzusehen wünschte, sie konnte sie ja in anderen Frauen sehen.“
Ist das Liebe, wovon hier erzählt wird? Was ist das, Liebe? Einfach auf den Begriff zu bringen ist sie nicht. Paulus sagt im Predigttext vor allem was die Liebe nicht ist. Positiv begreift er Liebe als „erkannt“ werden und sich „erkennen“ zweier Personen im direkten Gegenüber. Paulus jedenfalls lässt seine hymnische Beschreibung der Liebe in dieser – ja: urexistentiellen - Erfahrung kulminieren: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“
Wer im biblischen Sprachgebrauch von Gott „erkannt“ wird ist von Gott erwählt (1. Korinther 8,3). Aber dieser Ausdruck erscheint in der Bibel auch noch in einem anderen Zusammenhang. „Und Adam erkannte Eva...“ (Genesis 4,1) - und Eva ganz sicher auch Adam - und „sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.“ Zwei Personen „erkannten“ sich – einander und sich selbst, und sie wurden erkannt – mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele, in allen Dimensionen ihres Seins - in der tiefsten Weise, wie sich zwei Menschen überhaupt begegnen können.
Insofern ist es konsequent, dass Paulus‘ Beschreibung der Liebe im „Erkennen von Angesicht zu Angesicht“ kulminiert. Gesichter spielen eine zentrale Rolle bei der Kommunikation und Interaktion von uns Menschen. Das gilt vor allem für Liebende. Wir schauen uns in die Augen und erkennen uns: „Dein blaues Auge hält so still,/ ich blicke bis zum Grund./ Du fragst mich, was ich sehen will./ Ich sehe mich gesund“ (Johannes Brahms). Wir blicken uns an und unsere Gesichter werden zu Spiegeln. Wer in einen Spiegel blickt, sieht darin sich selbst. Wer ins Antlitz eines geliebten Gegenübers schaut, sieht darin auch sich selbst – in der Reaktion des Gegenübers auf ihn. Aber das Bedürfnis geht tiefer. „Das stumme Verlangen nach Spiegelung“ ist „in Wahrheit ... mein Begehren, ein einziges Mal, für einen einzigen Augenblick der Andere zu sein“ (Péter Nádas). Wir schauen uns an – von Angesicht zu Angesicht – und wir versinken ineinander. Ich bin Du – Du bist Ich – Wir sind eins. Es ist die höchste wie die tiefste Erfahrung in der Liebe und im Leben: die Vereinigung, die Auflösung der Grenzen unseres Ichs, die Verschmelzung miteinander zu einer Einheit. Es ist diese totale Erfahrung, die wir in der Liebe erstreben, aber bestenfalls nur für Momente erreichen. Dass das „jetzt“ so selten vorkommt, ja vielleicht kaum wirklich umfassend gelingt, das wissen wir. Und trotzdem sehnen wir uns danach lebenslang und darüber hinaus. Dass man die Momente, in denen das wenigstens annähernd gelingt, nicht festhalten kann, das ist das Drama unseres irdischen Lebens. Deshalb ist die Literaturgeschichte voller Erzählungen über gescheiterte und verlorene Liebe. Und trotzdem ist die Hoffnung auf „ewige“ Erfüllung unzerstörbar: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“
2
Frau Erna in Péter Nádas’ Roman ist eine traumatisierte Person. Sie ist geprägt von der Erfahrung des 2. Weltkrieges. Ihre Tochter wurde als Widerstandskämpferin von den Nazis ermordet. Im Nachkriegskommunismus zerfiel ihre großbürgerliche Lebenswelt vollends. Ihrem Mann blieb sie in einer veritablen Hassliebe verbunden. Weite Teile ihres Lebens spielten in einem Gewaltraum. Das führte zu Lücken und Brüchen in ihrer Biographie und zu Deformationen in ihrer Persönlichkeit. Aber eine gewisse Herzenswärme hat sie nie verloren. Und der Traum von der Liebe wurde in ihr nicht zerstört und auch nicht die Sehnsucht nach der Existenz in einem Liebesraum, vielleicht irgendwann für „ewig“.
Auch Paulus ist eine traumatisierte Person. „Es gibt in den Briefen des Paulus keine Gesichter“ (Christian Lehnert). Nicht ein einziger ihm nahestehender Mensch gewinnt Gestalt. Auch die Schönheit der Natur, der mediterranen Landschaften und Städte, die er bereiste, schien er nicht wahrzunehmen. Paulus, so empfängt man bei der Lektüre seiner Briefe den Eindruck, lebte als Person wie in einer Blase, eingeschlossen in sich selbst. Was diese Blase schließlich zum Platzen brachte liest man im Predigttext. Es ist die ihn überflutende Erfahrung der Liebe.
Es ist das Begreifen: Nicht wir „machen“ Liebe. Nicht der Mensch, sondern die Liebe selbst erscheint als Subjekt. Die Liebe „persönlich“ ist es, die agiert. Wie das eine Mal bei Frau Erna in einem Hotel in Groningen bricht sie ein in das Leben von Menschen und wirbelt alles durcheinander. Die Liebe ist durch und durch dynamisch. Ihr Charakter äußert sich bei Paulus in (15!) Verben. Die Liebe erscheint wie der Wind – ja wie ein Wirbelsturm. Sehen kann man sie nicht. Wie beim Wind oder beim Wirbelsturm erkennt man sie nur an den in ihrem Wirkungsfeld sichtbaren Erscheinungen. Die Liebe kommt über einen und ist da, verwirbelt einen und verschwindet wieder, jedenfalls in dieser Welt. Dabei fragt sie nicht um Erlaubnis und auch nicht nach Sitten, Gebräuchen und Konventionen und schon gar nicht nach Kosten und Nutzen. Sie folgt keinem Willen und keiner Begründung und ist auch an keine Bedingungen geknüpft: „Ich liebe dich, weil ich dich liebe!“ Die Liebe entzieht sich dem Apostel Paulus. Er kann nur feststellen, dass sie da ist und sich nicht einfangen lässt, weder durch Gefühle noch Begehren und schon gar nicht durch Moral oder religiöse Praxis. Ist sie aber da, dann überlässt sie sich dem Anderen ganz und gar, ohne „das Ihre zu suchen“.
Paulus weist seine Hörerinnen und Leser auf diesen „anderen Weg“ hin, der sich einem eröffnet, wenn man sich vom Wirbel der Liebe ergreifen und treiben lässt. Dabei ist er sich über die Konsequenzen im Klaren. Die Liebe ist „kein langer, ruhiger Fluss“. Sie kann „unseren Körper biegen“ und „ihm gewaltige Qualen bereiten“ (Alain Badiou). Die Liebe erfüllt uns mit Glück und lässt uns leiden. Zwischen beidem, so scheint es, gibt es hier in dieser Welt eine direkte und unmittelbare/untrennbare Verbindung. Liebe in dieser Welt ist nicht nur Glück sondern auch Passion. Wohin das führen kann, dass führt uns Jesus, von dem es heißt, dass er die Inkarnation der Liebe sei, mit seinem Schicksal vor.
Theologisch gesprochen ist die Liebe eine Gabe Gottes. Geistgewirkt ist sie Gottes Empfängnis. Denn „Gott IST Liebe“ (1. Johannes 4,16). Die Göttliche Liebe erscheint als unverfügbares, überwältigendes, alles in sich bergendes und alles Dunkle und Schmerzvolle, alle Traumata, alle qualvolle Zerrissenheit hinwegblasendes Geschenk. Erfahrene Liebe, tiefe Liebe zwischen Menschen in dieser Welt ist ein Abglanz dieser Liebe, vorläufig, fragmentarisch, „Stückwerk“, im besten Fall Spiegelung.
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„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ Paulus sieht ein Spiegelbild. Wovon? Das sagt er nicht. Man hat Spiegel aus der Zeit des Paulus gefunden. Ihre Qualität war exzellent. Was Paulus sah, sah er scharf! Aber was er erblickte, war dunkel. Wer in den Spiegel schaut, erblickt sich selbst! Was er sah, war überschattet.
Unsere Identität und unsere Selbsterkenntnis, unser Glauben und unser Hoffen, aber auch unser Lieben und dass wir uns als geliebt erfahren – all das ist verschattet. „Jetzt“ ist es nur bruchstückhaft einholbar und erlebbar. Vollständiges Einssein mit uns selbst und Einssein mit einem geliebten Menschen ersehnen wir. Und unser Einssein mit Gott und der Welt erhoffen wir. Vom Anspruch auf die vollkommene und ewige Liebe lassen wir nicht. Dass es möglich ist, dass „dann“ Gott „alles in allem“ (1. Korinther 15,28) sein wird und wir in ihm, das möchten wir glauben.
Paulus glaubt daran. Das Ich kann in seinen Augen ohne die Liebe keinen Bestand haben. Endlich hat er begriffen: Ich bin schon jetzt angesehen von Gott. „Ich bin der, als der ich angesehen werde, erkannt in Liebe und von der Liebe, in euren Augen und in den Augen des (gegenwärtigen und) kommenden Gottes“ (Christian Lehnert). Christus durchschaut mich durch alle Konstruktionen meines Selbstbewusstseins hindurch bis auf den Grund. Er erkennt mich, liebt mich und konstituiert meine Identität als geliebter und liebender Mensch.
Deshalb ruft Paulus uns dazu auf, dass wir der Liebe nicht ausweichen, wenn sie über uns kommt, dass wir uns von ihr bewegen und auf den Weg bringen lassen: „Dann aber werde ich erkennen wie ich erkannt bin.“ Dann werde ich lieben wie ich geliebt bin.
Literatur:
Alain Badiou, Lob der Liebe, Wien 2009, S. 71
Johanns Brahms, Dein blaues Auge, Op. 59/8
Christian Lehnert, Paulinische Brocken. Ein Essay über Paulus, Berlin 2013, S. 215; 209; 206f.
Péter Nádas, Parallelgeschichten, Reinbek 2013, S. 252 und 254
Péter Nádas, Von der Himmlischen und der irdischen Liebe, Reinbek 1999, S. 7 und 38
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Pyrrhussiege – oder – entsagungsreicher Headhunter auf Trophäenkurs - Predigt zu 1. Korinther 9,24-27 von Markus Kreis
Pyrrhussiege – oder – entsagungsreicher Headhunter auf Trophäenkurs
Kämpfe gewinnt man im Kopf. Das stimmt nicht nur für das Schachspiel, das gilt für jeden Sport und Wettbewerb. Und diese Erkenntnis heißt nicht, dass körperliches Training damit zweitrangig geworden ist. Allein schon deshalb, weil das Gehirn in dieser Hinsicht ein wesentliches Element des Kopfes ist. Und das Gehirn ist bekanntlich ein Körperteil. Mentales Training und körperliche Ertüchtigung gehören zusammen.
Kämpfe gewinnt man im Kopf. Das gilt erst recht für die Trophäe, um die es Paulus geht. Der begehrte Siegeskranz ist ihm nämlich nicht aus Lorbeer geflochten, sondern aus Dornen. Will sagen: Der größte Sieg besteht mitunter darin, offensichtliche Niederlagen hinzunehmen in stiller Größe. Das gilt bei Siegen übrigens auch.
Eins ist klar: In der heutigen Mediengesellschafft kommt man nicht umhin, im Falle eines großen Erfolgs ein paar Worte darüber in Mikrofone und Kameras zu verlieren. Oft genug gilt das auch für die Inhaber weniger edler Metall- oder gar Holzmedaillen, für die Verlierer.
Aber in diesen Interviews kann man so oder so sich ausdrücken, so oder so einem Publikum begegnen, sich als solcher oder solcher Mensch erweisen. Kämpfe gewinnt und verliert man im Kopf.
Und in so einem Interview drückt sich ein Kopf aus. Da zeigt sich, was in ihm vorgegangen sein könnte, in diesem Kopf, bei seinem mehr oder minder erfolgsgekrönten Tun. Selbst der offizielle Sieger kann mit seinem Kopf aus einem Interview letztlich wie ein Verlierer raus kommen.
Kämpfe gewinnt man im Kopf. Denn mit dem Kopf können wir unseren Leib bezwingen wie Paulus sagt. Wobei das Bezwingen nicht nur ein Widerstehen und Unterdrücken meint, sondern auch ein Formen und Gestalten.
Paulus nennt das Unterdrücken und Widerstehen in seinem Text Enthaltsamkeit: Wir können leibliche Bedürfnisse und Entwicklungen, die uns nicht in den Kram passen, unterdrücken und hemmen - durch Diäten zum Beispiel.
Beim Boxen kennt man zum Beispiel das sogenannte Abkochen: Der Sportler hungert oder schwitzt sich Kilos oder auch nur ein paar Gramm vom Leib, damit er einer bestimmten Gewichtsklasse zugehört. Wir wissen bei all dem nur zu gut: Was Diäten betrifft, da gibt es Übertreibungen, die nicht mehr die körperliche Ertüchtigung fördern.
Und wir können auch zulegen. Durch Training und neue Reize gewünschte Entwicklungen anfeuern und fördern. Paulus spricht in seinem Text das Laufen an, als ob er die heutige weit verbreitete Jogging- und Marathoneuphorie erahnt hätte. Und er nennt daneben das Boxen.
Für meinen Geschmack irrt er sich da ein bisschen. Nicht nur mit Sparring kann man sich trainieren, auch mit Schlägen in die Luft. Bei den meisten Sportarten kommt es auf eine exakte und schnelle Bewegungsausführung an. Das kann und muss man beim Boxen trocken vor dem Spiegel trainieren. Immer und immer wieder. Oder denken wir nur an den partnerlosen Drill der Schattenboxer.
Auch hier wissen wir bei all dem nur zu gut: Was das Gestalten und Trainieren betrifft, da gibt es Übertreibungen, die nicht mehr die körperliche Ertüchtigung fördern, die, zumindest langfristig, die Gesundheit eher schädigen. Zum Beispiel durch Doping. Doping produziert Sieger, die in Wahrheit Verlierer sind. Auch wenn es zunächst nicht so rüber kommt.
Kämpfe gewinnt man im Kopf. Der Kampf, um den es Paulus eigentlich geht ist die Buße. Moderner gesagt, die Empfänglichkeit für Kritik. Die Texte von und über Paulus bezeugen direkt oder indirekt, dass er dauernd im Clinch mit sich und seiner Umgebung gelegen ist. Und wie darauf reagiert hat in Gedanken und Werk, was für uns heißt: Schriftwerk.
Im Anliegen des Paulus geht es um Buße. Also um die Fähigkeit, Einsicht zu zeigen für von außen an meine Person heran getragene Kritik. Umso mehr, wenn so ein kritisches Urteil letztlich von Gott kommt und getragen wird.
Natürlich gibt es auch unzutreffende oder unberechtigte Kritik. Man muss sich nicht jeden Schuh anziehen. Man kann ihn anschauen, in die Hand nehmen, ihn darin drehen und wenden, auch ausprobieren, ob er denn passt. Und dann anziehen oder gegebenenfalls wieder zurück ins Schuhregal stellen oder gar in die Altkleidersack stecken. Manchmal wiederholt man das Ganze auch mehrmals.
Wenn es Paulus darum geht, sich kritischen Anfragen an die eigene Person zu stellen, dann ist Enthaltsamkeit erforderlich, genauer gesagt: Entsagung. Und das heißt: Verzicht auf sofortige Abwehr durch Beleidigt sein zum Beispiel. Verzicht auf Bezichtigung des Kritikers. Verzicht auf Verdrängung.
Wenn es Paulus darum geht, sich kritischen Anfragen an die eigene Person zu stellen, dann heißt Training: Nachdenken, Nachfragen, Abwägen, tätige Reue, Dank an den Absender für das Angebot an Hilfe zur Selbsthilfe.
Sich kritischen Anfragen an die eigene Person zu stellen ist alles andere als leicht. Auch und gerade wenn diese Anfrage letztlich von Gott kommt. Das fällt schon rein emotional schwer. Gut, das kann und weiß man in gewisser Weise zu trainieren. Aber auch unsere Entsagungsfähigkeit kennt Grenzen. Und hinter den Lippen schimmert Aggression und Abwehr statt Empfänglichkeit und Offenheit auf.
Auch rein kognitiv gibt es manche Hürde. Denn nahezu jeder weiß aus eigener Erfahrung: Auch die gründlichste Gewissenserforschung verhindert nicht notwendig, dass ich einer Verblendung unterliege. Dass ich etwas nicht einsehe, obwohl ich es Recht und genau besehen einzusehen hätte. Ich kann mich irren und täuschen. Das Bewusstsein vermag einem arglistige Streiche bei zu bringen.
Kämpfe gewinnt man im Kopf. Aber das gelingt nur unzulänglich ohne Gottes Hilfe. Ein Sündenbekenntnis sprechen und die eigene Sündigkeit von Fall zu Fall wahrhaft einsehen, das ist zweierlei. Wenn es ein und dasselbe ist, dann ist es Gnade.
Jeder von uns kann letztendlich nur Gott darum bitten, ihm solcherlei blinde Flecke für Kritik zu ersparen. Und in eins damit die persönliche und wahrhaftige Entsagung zu fördern, also den Verzicht auf Verdrängung, Abwehr, Gegenbeschuldigung.
Zum guten Glück ist Gott wie ein Headhunter, der die rechten Leute schon findet. Nehmen wir nur den Paulus. Der hat zu Lebezeiten wohl eher nicht wie ein Sieger gewirkt, wenn man den biblischen Zeugnissen trauen darf.
Oder denken wir an König David und all das Üble, was er in der Bathseba Geschichte angerichtet hat. Und denken sie an das Gleichnis vom armen und reichen Schäfer, das ihm der Prophet Nathan darauf hin erzählte. Hätten sie als ein Mensch, der über sehr viel Macht und Einfluss verfügt, genauso reagiert wie David auf Nathan? Sind sie sich dessen ganz sicher?
Welch ein Lebenswandel bei David! Zuerst ganz viel pralles Leben - mit allen seinen schönen und finsteren Seiten: Begehren, Liebe, Lüge, Meuchelmord - letzterer alles andere als nur verbal und Rufmord. Und dann doch noch mehr Wandel: Empfänglichkeit, Offenheit, Umdenken, Einsicht, tätige Reue.
Lesen sie mal wieder Psalm 51 in diesem Zusammenhang. Oder führen sie sich einfach einen anderen Bußpsalm zu Gemüte. So etwas Ähnliches gehörte sicher zum wöchentlichen Trainingsprogramm von Paulus. Denn der wusste, was jeder ernsthafte Sportler auch weiß: Das richtige Leben und der richtige Wandel - der Lebenswandel ist Kopfsache.
Und: Kein rechter Gewinn ohne Gottes Hilfe. Davon zeugt das ruinöse Ende mancher Sportler, deren Karrieren von Erfolg gekrönt waren. Und ruinös ist hier nicht unbedingt nur finanziell gemeint.
Noch so ein Sieg und wir sind verloren! In solcher Rückschau gesehen lässt der alte Pyrrhusspruch manchen Sieg der Gewinner von heute in einem neuen Licht erscheinen. Noch so ein Sieg und wir sind verloren! Denkspruch für alle auf dem Karriereweg, wo auch immer – Denke so an dich und denke so an dein Unternehmen.
Gott ist ein entsagungsreicher Headhunter auf Trophäenkurs. Darauf dürfen wir hoffen. Wir genießen dieselben Aussichten und Verheißungen wie Paulus oder David. Kämpfe gewinnt man wie die zwei im Kopf. Denn Gott ist seinem Wesen nach ein entsagungs- und erfolgreicher Headhunter.
Hat er mit seinem liebevollen Wort doch Kopf und Körper des gekreuzigten und auferstandenen Jesus gewonnen. Und so jegliche menschliche Niederlage gewandelt und jeglichen verlorenen Kopf besiegt. Also mit Glaube, Liebe und Hoffnung bedacht.
Hat er mit seinem liebevollen Wort in Jesu Leben und Tod doch seinerseits auf willkürliche Beziehungsaufnahme und Stillstand verzichtet, ihnen entsagt. Und uns stattdessen einen Lebenswandel in seiner ewigen Liebe ausgesprochen. Amen.
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Zu Siegern bestimmt - Predigt zu 1. Korinther 9, 24-27 von Karsten Matthis
Zu Siegern bestimmt
Liebe Gemeinde,
„ich bin dann mal weg.“ nicht nur Prominente wie „Hape“ Kerkeling sind aufgebrochen, um auf dem Jakobsweg zu pilgern, sondern unbekannte Zeitgenossen werden zu Pilgern. Die Zahl derjenigen, die sich nach Santiago de Compostela aufmachen, steigt von Jahr zu Jahr. Im letzten Jahr betrug sie nach Schätzungen über 200.000 Pilger, davon rund 10% aus Deutschland. Mittlerweile wurde das Buch Kerkelings „Ich bin dann mal weg.“ kurzweilig verfilmt, was zu einem weiteren Anstieg der Pilger führen könnte. Die Motive aufzubrechen sind vielfältig. Einige Pilger möchten „einfach mal weg“, aussteigen, aus dem Kreislauf des Alltags entfliehen. Für andere ist es ein langer Weg der Selbsterfahrung.
Der 800 km lange Pilgerweg ist nicht gerade bequem zu erwandern. Auf steinigen und schmalen Pfaden über die Pyrenäen hinweg geht es dem einen Ziel entgegen: Dem Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Galicien. Um die Stempel an den Stationen im Pilgerpass und am Ende eine Urkunde zu erhalten, ist viel Disziplin und Geduld notwendig. Einige Pilger müssen vor Erschöpfung aufgeben und versuchen es im Jahr darauf, den Pilgerweg zu schaffen.
Liebe Gemeinde, unser heutiger Predigttext aus dem 1. Korintherbrief hat ebenfalls mit einem großen Ziel zu tun, welches nur mit viel Ausdauer und Disziplin erreicht werden kann. Am Ende eines langes Laufes oder eines herausfordernden Faustkampfes in der Arena gibt einen Siegerkranz begleitet vom Beifall und Jubel der Zuschauer.
Paulus liebte es, seinen Gemeinden in anschaulichen Bildern zu schreiben. Im 9. Kapitel des 1. Korinther Briefes greift er Bilder aus dem antiken Sport auf. Der Apostel erinnert an Laufwettbewerbe, Boxkämpfe und an die begehrten Siegerkränze. Damals wie heute war Sport populär und mobilisierte die Massen. Vor den Toren Korinths gab es alle zwei Jahre die Isthmischen Spiele, welche auf der Landenge, dem Isthmus, abgehalten wurden.
Es ist gut möglich, dass Paulus im Jahr 51 n. Chr. Zuschauer bei diesen Spielen gewesen ist. Ob der Apostel begeistert von den Wettkämpfen war und sich von der Stimmung im Stadion mitreißen ließ, darüber wissen wir nichts. Jedenfalls waren die Bilder so faszinierend für ihn, dass er die Wettbewerbe in Worte festgehalten hat.
Sportler werden als Vorbilder beschrieben: Sie trainieren ihre Körper und leisten tagtäglichen Verzicht. Sie essen wenig und entsagen dem Alkohol. Sie sind auf den Wettkampf fixiert und streben dem Wettbewerb konzentriert entgegen. Sie haben sich auf einen langen Lauf eingestellt, den sie als Sieger beenden wollen.
Paulus sieht die Christen auf einer ähnlich langen Strecke als Wettkämpfer im Glauben. Christen sollen danach streben, ein tieferes Verständnis im Glauben zu gewinnen. Die Enthaltsamkeit und der Verzicht der Sportler auf übermäßige Nahrung und Wein ist für die Christen ein Vorbild. Wer sich nach dem Glauben ausstreckt, der leistet Verzicht und verfolgt konsequent sein Ziel, Vertiefung im Glauben zu erlangen. Der Glaube will gelebt, erlernt und trainiert werden, um die Krone des Lebens zu erreichen, über die der Seher Johannes in seiner Offenbarung (Offb. 2,10) schreibt.
Dies hört sich sehr nach individueller Leistung an, aber Paulus ist es ernst mit dem Glauben. Er selbst ist ein Langläufer im Glauben mit einem ganz langen Atem. Der Apostel war ein Wanderer auf steinigen und staubigen Straßen der Antike. Vor weiten Reisen schreckte er nicht zurück. Bis zum äußersten Westen der antiken Welt nach Spanien will er reisen (Röm. 15, 24 u. 28). Vielleicht waren ihm die Säulen des Herakles auf Gibraltar geläufig. Nach Rom, Athen, Ephesus und Korinth und anderen Orten im römischen Reich hat er es geschafft.
Er schont sich nicht, wird geprügelt, erkrankt und wird gefangen gesetzt - nur um des Evangeliums willen. Der Apostel nimmt keinerlei Rücksicht auf seinen kranken Körper und missioniert bis hin zur Selbstaufopferung. Er will anderen nicht zur Last fallen, legt seine Hände nicht in den Schoß, sondern übt sein Handwerk des Zeltmachers weiter aus. Trotz dieser Mehrfachbelastungen schreibt und schreibt er.
Nicht alle Briefe hat er mit eigener Hand geschrieben, vielmehr seinen Schülern diktiert. Voller Konzentration, Poesie und Sprachwitz diktiert er seine Briefe an die frühen christlichen Gemeinden. Immer vom Ernst getrieben. So schreibt Paulus: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige (1. Kor. 9, 16).
Die gute Nachricht seines Heilandes soll Gestalt in Korinth gewinnen. Im Alltag der Gemeinde hat der Geist des Evangeliums spürbar zu sein. In Freiheit sollen die Glieder der Gemeinde zusammenkommen, nicht streiten und nicht übereinander richten, sondern dem Siegeskranz des Glaubens gemeinsam entgegengehen. Doch dieser Siegerkranz ist noch viel mehr wert, als es im Sport der Fall ist. Jener Siegerkranz verwelkt nicht. Der Kampf um den Glauben ist viel mehr wert. Dieser Weg des Glaubens bedeutet in der Gemeinschaft mit Gott zu sein und damit in Freiheit zu leben. Die Gesetzmäßigkeiten der Welt mit seinen Forderungen nach Leistung und Gegenleistungen, sind im Glauben aufgehoben.
Diese geschenkte große Freiheit, in der die Kinder Gottes leben dürfen, darf nicht dazu führen, dass man den Glauben nicht ernst nimmt. Die Ernsthaftigkeit des Sportlers, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, soll für die Korinther Ansporn sein.
Liebe Gemeinde, diese Worte und Bilder aus dem Sportlerleben klingen nicht nach dem Paulus, der alles allein vom gnädigen Gott abhängig macht, der die Menschen gerecht sprechen kann. Nicht die individuelle Lebensleistung macht gerecht: Allein aus Gnade seid ihr gerecht geworden (Röm. 3,28).
Vielleicht ist der Apostel an jener Stelle des 1. Korinther Briefes mit seinen sportlichen Vergleichen beim ersten Hören missverständlich. Paulus spielt aber gar nicht auf mögliche Leistungen im Glauben an, nicht auf fromme Werke, nicht auf eine antrainierte Frömmigkeit. Es geht dem Apostel um die Ernsthaftigkeit und Konzentration auf den Glauben. Glaube ist für Paulus kein Wettbewerb, der Vergleichspunkt ist nicht der sportliche Sieg, sondern die Eigenschaften des Sportlers: Zielstrebigkeit und Enthaltsamkeit.
Paulus will keinen Leistungswettbewerb „Frömmigkeit“ zu etablieren, sondern ihm ist darum gelegen, dass der Glaube sich auf der langen Strecke des Lebens bewähren muss. Wie im Stadion, in dem große Hitze herrschen kann und die Bahnen staubig sind, so gibt es im Leben der Christen viele Stolpersteine, die das Ziel unerreichbar erscheinen lassen. Zur Zeit der frühen Christen waren die Gemeinden vielen Anfeindungen seitens des Staates und der heidnischen Bevölkerung ausgesetzt. Misstrauisch blicken Römer und Griechen auf diese vermeintlich neue Sekte. Synagogengemeinden haben die Jesus-Anhänger in ihrer Mitte nicht mehr akzeptieren können. Es kam zu schmerzlichen Trennungen und Verwerfungen.
Standhaft im Glauben zu sein, dazu bedarf es wie bei einem Boxer echte Nehmerqualitäten. Nackenschläge sind wegzustecken und das Bekenntnis zu Christus, dem Auferstandenen, gilt es mutig zu verkünden. Letztendlich müssen Christenmenschen in ihrem damaligen feindlichen Umfeld einen langen Atem haben, um den Siegerkranz zu erringen. Die Ernsthaftigkeit im Glauben qualifiziert Christen für das Reich Gottes, welches jetzt schon zu erahnen ist und einst vollendet werden wird.
Wir Christen sind Pilger, keine bleibende Stadt ist uns gegeben, eine künftige suchen wir (Hebr. 3,14). Unser Ziel ist klar, aber wir haben lange Wege zu gehen. Wir kämpfen mit vielen widrigen Umständen, die wir nicht vorhersehen können. Oft kommen wir zu spät, wie auf einer Pilgerreise zu einer Herberge, die schon geschlossen hat. Ein Starkregen hält die Pilger oft tagelang auf. Wenn sie sich eine Verletzung zuziehen, dann müssen sie pausieren, und warten bis sie jene Blessur ausgeheilt haben. Krankheiten werfen uns aus der Bahn, danach müssen wir den Weg ins Leben zurückfinden. Unsere Pilgereise durchs Leben, der lange Lauf über die Jahrzehnte, ist voller Überraschungen und glücklichen Wendungen. Mit viel Rückenwind überschreiten wir Täler, finden Abkürzungen und genießen herrliche Ausblicke.
Liebe Gemeinde, füge Gott, dass wir Geduld und Ausdauer im Glauben nicht verlieren- mit anderen und mit uns selbst. Dass wir aber das Ziel unsere Lebens erreichen, dies hat Gott für uns vorherbestimmt. Der Sieg ist uns gegönnt, denn bevor wir richtig gestartet sind, hat Gott die Hand in der Taufe auf uns gehalten. Anders als im Sport oder auf einer Pilgerreise hat Gott uns längst zu Siegern bestimmt.
Bleib uns gnädig Gott, führe uns auf der rechten Bahn, schütze und begleite auf dem Weg des Glaubens. Amen
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Predigt zu 1. Korinther 9,24-27 von Bert Hitzegrad
Liebe Gemeinde!
Die Gegner haben sich durchgesetzt. Hamburg wird sich nicht bewerben für die Olympischen Spiele 2024. Die einen jubeln, die anderen sagen: Verpasste Chance. Trotzdem wird das Olympische Feuer nicht verlöschen – Budapest, Paris, Los Angeles und Rom sind noch im Rennen. Sicher ist, dass wir 2020 die Wettkämpfe via Satellit aus Tokio ins Wohnzimmer geschaltet bekommen. Aber bereits 2016 ist ja ein Olympia-Jahr. Die Blicke richten sich auf die Stadt am Zuckerhut. Rio de Janeiro ist in diesem Jahr Austragungsort.
Vom 5. Bis 21. August geht es wieder um Medaillen und Höchstleitungen. Auf den Internetseiten gibt es den Countdown mit Tagen, Minuten und Sekunden – 194 Tage (am 24.1.2016) noch und die Flamme wird entfacht. Schneller, höher, weiter, das werden dann die Meldungen im August sein, wenn neue Weltrekorde gelaufen, geschwommen und gesprungen werden.
Wer dann die Sieger auf dem Podest sieht, mit Freudentränen in den Augen, wenn die Nationalhymne gesungen wird und die Medaille feierlich übereicht wird, wer das sieht, wird kaum an die mühe- und entbehrungsvollen Wochen und Monate davor denken, in denen sich die Sportler vorbereitet haben, unter einem ungeheuren Leistungsdruck, mit eiserner Disziplin und einem klar gesteckten Ziel. „Dabei sein ist alles!“ – das mag zwar für viele stimmen, aber letztendlich geht es doch um Sieg und Niederlage, um Medaillensegen oder den Frust des Verlierers.
Hochleistungstraining, sportlicher Wettkampf, Medaillenhunger, Siegerpose - Sie werden sich wundern, was das in der Predigt an einem entspannten Sonntagmorgen zu suchen hat, was das mit unserem Glauben zu tun hat …
Paulus sagt in unserem Predigttext: Sehr viel hat beides miteinander zu tun. Wenn Christen sich so hineingeben würden in ihr christliches Leben wie eben ein Sportler und Wettkämpfer, dann wäre es besser um den christlichen Glauben und um seine Verkündigung bestellt.
Wir hören den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem 1. Korintherbrief im neunten Kapitel - und fragen natürlich: Deckt Paulus damit alle Aspekte des Evangeliums Jesu Christi ab!?
24 Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.
25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.
26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,
27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.
Und Gott segne dieses sein Wort an uns und lasse es durch uns zu einem Segen werden!
Paulus schreibt uns Christen ins Stammbuch: "Strengt Euch an, lauft so, dass Ihr gewinnt!" Christliches Leben, das Verkünden der frohen Botschaft Gottes als ein Wettkampf mit einer Siegesprämie, dem Kranz oder der Goldmedaille im Himmel und einer Leibeszüchtigung als Trainingsprogramm - das ist schon ziemlich harter Stoff.
Leistung nun auch in der Kirche - statt der von Luther so viel gerühmten und verteidigten Gnade und Rechtfertigung ohne Werke? Werden hier nicht weltliche Kategorien und christliche Werte durcheinandergeworfen? Wo bleiben z.B. die Verlierer, die, die im Schatten der drei Medaillen-Gewinner stehen? Die, die sich ärgern, dass es wieder einmal nicht gereicht hat? Die, die dem psychischen und physischen Stress nicht gewachsen waren? Die, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, sich mit unerlaubten Mitteln zu dopen? Die, die erst gar nicht das Ticket nach Rio erhalten haben oder die, die eben keine Sponsoren gefunden haben, um die lange Trainingsphase auch finanziell zu überstehen ...? Kennt Paulus diese Seite des Lebens nicht? Die der Verlierer, der Looser, derer, die eben immer die Verliererkarte ziehen?
Paulus kennt sie, er kennt das Wort vom Kreuz, das eben nicht im Medaillengold glänzt, sondern an dem die Spuren von Leiden, Tod und Sterben kleben. Er kennt es an sich selbst, wie oft ist er selbst verspottet worden und stand auf der Verliererseite.
Nein, er weiß, dass Gottes Wort von der Barmherzigkeit Christi handelt und nicht von Leistungsdruck und Erfolgserwartungen. Gerade er betont die Gnade, die unverdiente Gnade, und nur die Gnade, die uns den reichen Lohn des Himmelreiches schenkt. Das ist doch gerade die Größe und Souveränität Gottes, dass er nicht – wie sonst in unserem Leben – auf Leistung und Erfolg pocht. Bei ihm gilt gerade die Umkehrung der Werte: Die Ersten werden die Letzten sein und die Ersten die Letzten … Sie haben vielleicht noch die Worte des Weinbergbesitzers im heutigen Evangelium in den Ohren. Was wäre das für ein Wettkampf! Was wären das für Olympische Spiele. Aber – und das will Jeus mit seinem Gleichnis sagen: So ist Gottes Maßstab - befreiend und erlösend, entlastend und entspannend! Du musst nicht mehr erster oder zweiter, dritter oder vierter sein - das zählt gar nicht, sondern nun wirklich gut sportlich heißt es: „Dabei sein ist alles!“ Dann gehört der Sieg, der Lohn Dir schon ganz. Dabei sein - dabei in der Liebe Gottes, in der Gemeinschaft der Heiligen, der Gläubigen, in der Nachfolge Jesu Christi.
Aber genau da setzt Paulus nun an, da fordert er uns heraus und sagt uns: Strengt Euch an, lauft so, dass Ihr gewinnt. Setzt Euch ein, für eine Sache, die sich lohnt.
In Zeiten, da es auch für die Kirchen enger wird, finanziell und personell, werden solche Fragen nach Leistung, Wettkampf und Erfolg natürlich laut. Marktforschungsinstitute, die sonst Wirtschaftsunternehmen beraten, werden beauftragt, auch das Unternehmen Kirche auf seine Wettbewerbs- und Marktfähigkeit hin zu untersuchen. Das Produkt sei gut - sagen sie in ihrer Sprache - die Menschen suchen nach der Wahrheit des Evangeliums, nach Liebe, Gnade und Barmherzigkeit, doch dieses Produkt der Kirche wird oftmals so eckig und kantig herübergebracht, so dass Menschen wie vor den Kopf gestoßen sind und keiner mehr zuhören mag und die Pastoren und Pastorinnen oftmals vor leeren Kirchenbänken kaum einen Siegeszug zu verzeichnen haben.
Deshalb: Strengt Euch an, lauft so, dass Ihr gewinnt! Sagt das Evangelium so weiter, dass die Euch anvertrauten Menschen es hören und verstehen können. Und dafür sollte Euch keine Anstrengung zu groß, kein Weg zu weit und kein Trainingsprogramm zu hart sein. Für Paulus selbst bedeutet es: Glaubwürdig zu sein - und Glaubwürdigkeit wird dran gemessen, wie sich Wort und Tat, wie sich Reden und Handeln zueinander verhalten.
Paulus erinnert an den Wettkämpfer, der um der Leistung willen eben auch Verzicht übt, der sich eine harte Trainingsdisziplin auferlegt, um an das Ziel zu kommen.
Ich kann nicht von der Liebe Gottes zu den Menschen reden und dann Frauen allein lassen, die nicht wissen, ob sie jemals das Kind lieben können, das da in ihrem Bauch wächst.
Man kann nicht von Nächstenliebe und Gastfreundschaft sprechen und dann die Menschen, die aus Angst vor Terror und Krieg an unsere Tür klopfen, draußen vor dieser Tür stehen lassen .
Man kann nicht immer fordern „Kirche müsste doch“ und „Kirche sollte doch" und zugleich den christlichen Glauben für ein Konsumgut halten ohne Verpflichtungen und Konsequenzen.
Es geht um Glaubwürdigkeit, um ein Engagement, das vom unserem Glauben, unserer Hoffnung getrieben wird, das auch auf Erfolg aus ist, denn wir haben etwas zu bieten, wir können etwas weitergeben, für das sich der Einsatz lohnt. Doch das wird man nur spüren, wenn man auch die Schweißperlen auf der Stirn sieht, weil uns die Menschen am Herzen liegen, um die wir kämpfen und eifern.
Den Juden bin ich ein Jude geworden - so sagt Apostel kurz vor unserem Predigttext, den Schwachen, ein Schwacher, ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette!
Dem Jugendlichen ein Jugendlicher, dem Senioren ein Senior, dem Suchenden ein Wegbegleiter, dem Traurigen ein Halt, an dem er sich lehnen kann. Paulus würde sagen: Sagt den Menschen, die Euch anvertraut sind, das Evangelium so weiter, dass sie es gern hören und verstehen können, zeigt ihnen in Eurem Leben, was es bedeutet, zu Christus zu gehören - dafür strengt Euch an, lauft so, dass Ihr gewinnt, lauft so, dass Ihr einander gewinnt.
194 Tage müssen wir noch warten, bis in Rio de Janeiro der sportliche Wettkampf beginnt. Er wird wieder Millionen, ja Milliarden Menschen weltweit fesseln und begeistern. Leistung und Siege sind gefragt. Der aktuelle Medaillenspiegel, täglich in der Tageszeitung abgedruckt, wird dann wieder zählen. Doch irgendwann wird der Rummel auch vergessen sein, der Goldtaumel wieder abgeflaut, das Glück des Sieges vergangen!
Und unser Siegespreis? Paulus sagt: Er ist unvergänglich, weil es ein Gewinn für das Leben ist, das Leben, das uns Christus schenkt, ein Leben im Licht des Evangeliums!
Wir werden wohl nicht gleich Millionen begeistern, aber wenn jemand in meinem Leben dieses Licht spürt, dann lohnt sich der volle Einsatz und die Anstrengung. Dann wird solch ein Sieg zum Segen. Amen!
Und der Friede Gottes, der höher ist alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben. Amen.
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Predigt zu 1. Korinther 4,1-5 von Ralph Hochschild
Liebe Gemeinde,
er ist noch in Papier eingeschlagen, der Blumenstrauß in seiner Vase auf dem Tisch. Ein später Sonnenstrahl leuchtet am Freitagnachmittag im Zimmer auf. Dämmerung. Aufgeräumte Willkommensstimmung. Ein Blick zur Uhr. In einer halben Stunde müsste ihr Flugzeug endlich gelandet sein. Dann noch die Fahrt nach Hause. Ob sie erschöpft und müde von ihrer Geschäftsreise nach Hause kommen wird? Ob sie erfüllt von ihren Erlebnissen erzählen wird? Ob sie sich freuen wird? Ein prüfender Blick zieht durch das Zimmer. Alles schön genug? Die Augen richten sich auf das Gesicht, das sich im Fenster spiegelt. Wartend. Sich Musternd. Fragend: “Haben wir ein gutes Leben? Stimmen unsere Ansprüche und unser Leben überein? Was sollten wir noch tun? Und: Wofür halten uns die Leute?”
Es braucht nicht das große Weltgericht. Es braucht kein öffentliches Tribunal und keinen großen Prozess. Nicht einmal ein kurzes Feedback braucht es, dass wir uns fragen: “Was bin ich wert? Wofür soll ich mich halten? Für wen werde ich gehalten?” Je mehr wir uns mit der Vorstellung eines großen Weltgerichtes schwertun, um so schwerer scheint ein inneres Gericht auf uns zu lasten, das Herz schwer zu machen und die immer gleichen Fragen auszulösen: “Entspreche ich den Anforderungen? Sehe ich gut genug aus? Bin ich professionell? Strahle ich das aus, was die anderen in mir sehen sollen? Für wen werde ich gehalten?”
“Dafür halte uns jedermann”, schreibt Paulus im ersten Brief an die Korinther, “für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. Mir aber ist's ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.” So Paulus im 1. Brief an die Korinther im 4. Kapitel in den Versen 1-5, unserem heutigen Predigttext.
Liebe Gemeinde,
Paulus kennt unsere Fragen. Er hört sie leise in seinem Inneren, wenn er sich selbst befragt: “Müsste mir etwas bewusst sein?” Er hört sie tuschelnd und manchmal sehr laut von seinen Korinthern, mit denen er gerade zu kämpfen hat: um Respekt für seine Person, um die Würdigung seiner Leistungen, um die Anerkennung seiner Begabungen und Talente. Nicht anders als wir sieht er sich mit den Urteilen anderer konfrontiert und den Fragen, die sie auslösen. Es geht ihm wie einem Schüler mit den Noten seiner Lehrerin, wie einer Mitarbeiterin mit der Beurteilung ihres Vorgesetzten, wie einer Pfarrerin mit Rückmeldungen aus ihrer Gemeinde, wie dem Mitbürger mit den Einschätzungen seines Nachbarn: “Was bin ich wert? Wofür soll ich mich halten? Für wen werde ich gehalten?” Paulus kennt unsere Fragen. Aber er weiß auch: Wir sind ihnen nicht ausgeliefert. Wir müssen sie nicht beantworten. Wir müssen uns von ihnen nicht abhängig machen. Denn vor Gott sind solche Fragen und Urteile egal. Sogar unsere Selbsteinschätzungen. Deshalb schreibt Paulus: “Auch richte ich mich selbst nicht.” Das Tribunal von Welt und Nachbarschaft interessiert ihn genauso wenig: “Mir ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht.” Paulus lässt sich nicht mehr von seinem oder anderer Leute Urteil gefangen nehmen. Er ist frei - auch gegenüber seiner Gemeinde in Korinth. Er ist frei und so entzieht er sich leichten Herzens jedem Casting als Korinths nächstem Top-Apostel und bewirbt sich nicht um die Rolle eines dieser Supergläubigen, die die Gemeinde gerade so sehr beeindrucken. Paulus wählt eine andere Rolle. Er will den Korinthern als “Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse” begegnen. Nicht als Sklave seines Renommees, sondern als Mitarbeiter Christi in aller Freiheit, nicht als abhängiger Knecht eigener und fremder Ansprüche, sondern als eigenständiger Verwalter von Gottes Geheimnissen, der nur von einem beurteilt wird, Jesus Christus. Der nur nach einem Kriterium beurteilt werden wird, seiner Treue.
Es ist Bindung an Jesus Christus, die Paulus frei macht, die Paulus unabhängig macht, die Paulus das Leben leicht macht. Denn mit der Bindung an Jesus Christus verschieben sich die Maßstäbe. Normalerweise genießen mächtige Menschen Respekt, aber Gott kommt in einem wehrlosen Kind in der Krippe in die Welt. Normalerweise haben die in reichen Palästen wohnen großes Ansehen, aber Gott kommt in einem Stall in die Welt. Normalerweise werden die Klugen und Weisen bewundert, aber Gott tritt in einem unmündigen Kind in unser Leben. Wir sehen es am Kind in der Krippe, am gekreuzigten Christus sieht es Paulus: Gott legt an sich selbst andere Maßstäbe an, Gott legt an uns andere Maßstäbe, seine Maßstäbe an. Und befreit uns von dem Druck, allein den Ansprüchen anderer genügen zu müssen, um etwas wert zu sein.
Wo sich Maßstäbe verschieben, ändern sich Beziehungen. Wo Gottes Maßstäbe gelten, gibt es besondere Beziehungen. Paulus beschreibt sie mit einem Bild aus der Welt der Wirtschaft. Er möchte für einen “Diener Christi und Haushalter der Geheimnisse Gottes” gehalten werden. Einem “Haushalter”, auf griechisch einem “Ökonomen” werden Sachwerte anvertraut, ein Kredit gewährt, weil der Gläubiger glaubt, dass er nach einer gewissen Zeit für seine Vorleistung eine Gegenleistung erhält, seinen Gewinn. Das gelingt nur, wenn der Haushalter das anvertraute Gut nicht veruntreut, wenn er “treu” ist. Es kommt nicht äußere Eindrücke an, nicht auf Erfolge, nicht auf Glanz. Es geht um Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit. Paulus spielt an dieser Stelle ein wenig mit dem Wort “Glauben”, weil es in der Beziehung von Gott und Mensch viel weniger als von Gerichten und Tribunalen auf Rechte und Normen, Gesetze und Regeln ankommt als auf Glauben, auf Vertrauen. Aber wie im Wirtschaftsleben gilt auch: Vor der vereinbarten Frist, vor Vertragsende, zu früh, kann nicht mit einem Ökonomen abgerechnet werden, auch nicht mit dem “Haushalter über Gottes Geheimnisse”. “Darum”, schreibt Paulus, “richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt.”
Menschen, die einander vertrauen, freuen sich, einander wieder zu begegnen, sie freuen sich auf das Kommen des anderen. Das gilt auch für das Kommen des Herrn, jetzt in den Tagen des Advents. Der nicht nur Licht ins Dunkel unserer Welt bringt, sondern auch hell machen wird, was in meinem Leben noch im Verborgenen liegt. Die Dinge, die mir selbst ein Rätsel sind, mit denen ich ringe, die ich an mir selbst nicht verstehe, für die ich mich vielleicht sogar verurteile. Nicht, um sie in die Öffentlichkeit zu bringen, nicht um mich zu blamieren oder bloß zustellen. Er bringt sie ins Licht, um einzulösen, um mir zu eröffnen, was uns Gott nach den Worten des Paulus verspricht: ein Lob, dass am Ende jedem “von Gott sein Lob zuteil werde”. Das muss dann so ähnlich wie bei dem Menschen sein, der den eingeschlagenen Blumenstrauß auf dem Tisch öffnet und sich an ihm freut, weil er spürt: Ich bin willkommen, ich bin geschätzt, ich bin geliebt. Amen.
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Paulinisches Maßwerk: Geheimnis, Treue, Herz - 1. Korintherbrief 4,1–5 von Ulrich Kappes
Paulinisches Maßwerk: Geheimnis, Treue, Herz
1. Korinterbrief, Kap. 4, 1–5
1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Gottes und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie treu befunden werden.
3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
4 Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr aber ist’s, der mich richtet.
5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.
Vergleicht man die Bibel mit einem gotischen Dom, so ist dieser Text das Maßwerk in einem der Bögen. Es ist ein Maßwerk aus drei einzelnen Blättern: Geheimnis, Treue, Herz.
Die erste Frage, die an diesen Text zu stellen ist, lautet: Wer ist mit „uns“ gemeint: „Dafür halte uns jedermann, für … Haushalter über Gottes Geheimnisse“. Es liegt zunächst nahe, das „uns“ auf Paulus und den anderen Missionar der Korinther, auf Apollos, zu beziehen. Schreibt Paulus aber einen Brief an die Gemeinde, um sich selbst darzustellen? Richtiger ist es, das „uns“ auf die Adressaten des Briefes und seinen Verfasser gemeinsam zu beziehen. ‚Dafür mögen die Bewohner von Korinth (und wer auch immer) uns halten: Christen sind Bewahrer göttlicher Geheimnisse’
Im Advent, in der Zeit der Kerzen und der Selbstbesinnung werden wir „Haushalter über Gottes Geheimnisse“ genannt. Was heißt das?
Zunächst: Nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen des Neuen Testamentes, wird unser Glauben mit dem Wort „Geheimnis“ beschrieben. An erster Stelle steht das Jesuswort, wonach den Jüngerinnen und Jünger das „Geheimnis der Königsherrschaft Gottes über diese Erde anvertraut“ wurde (Mk.4,11 par.). Paulus sieht seinerseits das Geheimnis der Herrschaft Gottes über die Erde in der Gestalt und Person Jesu selbst. Deshalb heißt es gleich zu Beginn des 1. Korintherbriefes, den gekreuzigten Christus zu verkündigen (1.Kor. 1,23) die Weisheit Gottes als Geheimnis zu verkündigen (1.Kor. 2,7) heißt. I1I
Was bedeuten die Worte, nach denen wir ein Geheimnis anvertraut bekamen und es bewahren sollen?
Die Weihnachtsgeschichte, die wir am Heiligen Abend verlesen, kann als Hörspiel gestaltet und verfilmt werden. Man kann Bethlehem erläutern und beschreiben, den Stern, die Hirten, die Engel, Joseph und Maria vor der Herberge und im Stall schildern. Das ist nicht schwierig. Den Mittelpunkt aber, das innere Zentrum von Weihnachten, die Menschwerdung des Gottesssohnes kann man nicht darstellen, schildern, erläutern. Es entzieht sich alledem.
Haushalter dieser überlieferten Ereignisse zu sein, bedeutet, das Unvermögen zu kennen, die Tiefe all dieser Bilder in Worte fassen zu können. Das ist das erste Blatt im paulinischen Maßwerk, das Geheimnis.
Tritt ein Mensch mit dem Wissen an die Krippe, dass ein „Geheimnis“ vor ihm ausgebreitet ist, dann tritt er behutsam heran. ‚Hier kann ich stehen und anbeten. Ich kann mir aber das Wunder, dass Gottes Sohn in einem Kind in der Krippe liegt, nicht aneignen wie einen Gegenstand. Das da ist kein „Objekt“, dessen ich mich bemächtigen kann.’
Diese Behutsamkeit gegenüber der offenbarten Wahrheit Gottes wird in die gesamte Lebenseinstellung übergehen. Ist es verinnerlicht, dass die entscheidenden Worte und Themen des Glaubens ein Geheimnis sind, färbt das – sozusagen – durch bis in alle Verhaltensweisen. Es wächst daraus eine Behutsamkeit und Achtbarkeit gegenüber den Menschen und der Welt.
Der schwedische Bischof Lönnebo wurde in den Ruhestand versetzt. I2 I Immer und immer wieder dachte er nun nach, wie man dem heutigen Menschen den Glauben so nahe bringen könnte, dass es einfach und wahr ist. In seinem Grübeln kam er auf die Idee von den „Perlen des Glaubens“. Sie werden auf ein Band gereiht, das man am Arm tragen kann. Was eine (r) von Gott und seinen Mitmenschen weiß, füge sie/ er als Perle auf ein Band. Gut ist, wenn die Perlen eine unterschiedliche Form und Größe und Farbe haben. Jede und jeder trage diese Perlen nicht als ein Dogma, bei dem Vollzähligkeit zählt, sondern sie/er trage nur diese Perlen, die sie/ihn berühren und ansprechen. In einer Beschreibung dieser Perlenkette ist von „Geheimnisperlen“ die Rede. Der Bischof selbst trägt verschiedene Armbänder. Gefragt, wie viel Geheimnisperlen gegenwärtig auf seinem Perlenarmband seien, antwortete er: „Ich habe drei Perlen. Sie stehen für meine Kinder. Das sind meine drei Geheimnisse.“
Verbunden und verwachsen mit dem „Blatt“ Geheimnis ist das „Blatt“ der Treue in dem paulinischen Maßwerk, das als Bild für diesen Text steht.
Paulus hebt hervor, dass Haushalter über Gottes Geheimnisse „treu“ sind. „So erwartet man von Haushaltern nicht mehr, als dass sie treu erfunden werden.“ Das klingt leicht, ist es aber nicht. Was ist gemeint?
In der letzten Woche, am 2.12.2015, geschah das Verbrechen in San Bernardino in Kalifornien. Mit dem Ruf „Es lebe der IS“ wurden vierzehn Menschen mit einer Entwicklungsbeeinträchtigung erschossen, einundzwanzig sind noch verletzt. Das geschah während einer Weihnachtsfeier. Danach wurden die Schützen getötet.
Nach der Explosion des russischen Flugzeuges über Ägypten, nach Paris und San Bernardino leben wir in einer Zeit der Schreckenstaten, die von fundamentalistischen Muslimen begangen wurden. Wie gehen Christinnen und Christen damit um?
Ein Streiflicht auf das Dunkel, das diese Frage aufwirft, sei geworfen.
Am Ort des Schreckens in San Bernardino treffen sich täglich Menschen zum Gebet. Es gibt ein Foto der französischen Nachrichtenagentur AFP davon. Junge und Alte, Männer und Frauen stehen im Kreis und halten sich an den Händen. Sie haben die Augen geschlossen, die Köpfe sind nach unten gesenkt.I3I
Was sind treue Haushalter der Offenbarung Gottes, die in Jesus Christus geschehen ist?
Es sind Menschen, die gegen den Trend zusammen kommen und beten. Beten gegen den Trend, ist ihre Losung. Ihr Gebet steht gegen einen Trend der Verunglimpfung oder Verachtung des Islam und seiner Anhänger. So geht ihr Bild um die Welt.
Treu an der Offenbarung festzuhalten, heißt gegen einen Trend, ein Zeichen zu setzen. Wer die Hände faltet, ballt keine Faust.
„So erwartet man von Haushaltern nicht mehr als dass sie treu erfunden werden.“. Die andere Hälfte des „Blattes“ Treue ist die Treue gegenüber der Schrift.
„Gottes Geheimnisse“ sind nicht als spannende Geschichten überliefert. Sie enthalten keinen Nervenkitzel, den eine gute Story kennzeichnet. Die „Truhe“, in der die Geheimnisse überliefert werden, ist spröde und nicht einfach zugänglich. Es gibt auch die andere Truhe, die Gottes Geheimnisse birgt. Sie ist von Gold umgeben. Das ist aber nicht die Regel.
Wie kommt es zu diesem Mut einer Einseitigkeit, sich immer wieder der Schrift zuzuwenden und nicht auf andere Worte zu bauen?
Dieser Mut ist in erster Linie die Frucht von Erfahrung. Die Haushalterin /der Haushalter über Gottes Geheimnisse haben erfahren, dass es in wirklichen Konflikten und Krisen des Lebens das Wort der Schrift ist, das Kraft gibt und Richtung weist. Deshalb nehmen sie immer wieder die „Urkunde des Glaubens“ zur Hand. Anderes hilft ihnen nicht.
Nun folgt das dritte Blatt im Maßwerk.
Der Schluss des Briefabschnittes versetzt in Erstaunen. Es erging Paulus ähnlich, wie es von Johannes dem Täufer im Evangelium geschildert wird. Johannes fragte sich, ob er denn vergeblich auf den kommenden Messias hingewiesen hatte: „Bist du der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen warten?“ War alles umsonst? Die Frage des Johannes war auch die Frage des Paulus, freilich mit einer anderen Blickrichtung.
Paulus war etwa 49 n. Chr. nach Korinth gekommen und ganze achtzehn Monate hier geblieben. Er gründete die erste christliche Gemeinde und bezeichnete sich als ihr Vater: „Ich habe euch gezeugt durch das Evangelium.“ (4,15) Dann verließ er seine geistlichen „Kinder“ und ging nach Ephesus. Hier brachte ihm im Jahre 54 n. Chr. ein junge Frau namens Chloe die Nachricht, wie zerstritten die Gemeinde war: es gab nunmehr eine Apollos-Partei, eine Kephas-Partei und eine Paulus-Partei. Die Gemeinde drohte zu zerfallen. –‚ Habe ich umsonst eineinhalb Jahre missioniert?’
Heruntergebrochen auf uns, kann das heißen: War es umsonst, dass ich versuchte in meinem bescheidenen Rahmen die Geheimnisse Gottes weiter zu geben? Habe ich den eigenen Kindern, den Bekannten und Freunden das Evangelium nahe gebracht oder war alles nur ein Reden im Wind? Was bedeutet ihnen in ihrem Leben das „Geheimnis“ Gottes in der Schrift? Müssen wir, so wie die Dinge stehen, vielmehr auf nichts mehr warten?
Ich wiederhole: Der Schluss des Briefabschnittes versetzt in Erstaunen.
Paulus schrieb: „Ich richte mich selbst nicht … Der Herr ist’s aber, der mich richtet.“ Soweit so gut, wenn auch das schon sehr steil klingt. Aber dann lautet der Schlusssatz: Bei dem Gericht am Ende der Tage wird „einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden“.
Warum wird das so sein?
Paulus setzt mit einer erstaunlichen Sicherheit sein Vertrauen darauf, dass Gott alles gut Gewollte nicht vergessen hat. Gott kennt das Herz, auch wenn manches, was das Herz plante und bewirken wollte, misslang. Dieses Wissen Gottes ist ein größeres Gewicht in der Wagschale der Bilanz eines Lebens als Niederlagen und Versäumnisse. Und darum kann Paulus trotz der Hiobsbotschaften, die Chloe ihm brachte, unverdrossen und unentwegt an seinem Brief an die Korinther arbeiten.
Was kommt nach diesem Leben und seinen Fehlschlägen? Es kommt Gott und Gott wird „loben“, weil er das Herz sieht und daran alles misst. Das Herz, das das Geheimnis wahrt und die Treue erstrebt, gibt dem gotischen Maßwerk das dritte Blatt.
I1I Vgl.Günter Bornkamm, misterion, in: ThWb, 4. Band, Stuttgart 1942,809–834, S. 823 ff.
I2I Nach einem Hinweis von Marcus Ansgar Freidrich, in: Pred.med. z. St, in: Predigtstudien R. II, 2009/2010, Stuttgart 2009,29–32, S. 32.
I3I Abgedruckt in der Märkischen Allgemeinen Zeitung, 7.12.2015.
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„Von all unseren Schuldzuweisungen ablassen…“ - Predigt zu 1. Korinther 4,1-5 von Karin Latour
„Von all unseren Schuldzuweisungen ablassen…“
An einem eiskalten Wintermorgen kommt Vianne Rocher mit ihrer Tochter in einem kleinen Provinzstädtchen irgendwo zwischen Bordeaux und Toulouse an.
Ruhelos zieht sie lange schon umher- seit Jahren. Sie mietet ein leerstehendes Haus und eröffnet- dazu auch noch in der Fastenzeit - eine Chocolaterie.
Der bigotte Bürgermeister, der selbst dem jungen Pfarrer die Predigttexte sichtet und in seinem Sinne abändert, sieht in ihr, der zudem alleinerziehenden Frau die Verkörperung des Bösen.
Und als sie sich auch noch auf ein Verhältnis mit einem - wie man sagte- Zigeuner einlässt, der am Fluss kampiert, ruft der Bürgermeister zu einem Boykott auf, die „Flussratten“ müssen weg.
Boykott gegen die Unmoral!
Schließlich kommt es zur Zerstörung ihres kleinen Ladens und beinahe zu einem noch größeren Unglück- aber wie das in Märchen so ist- selbst in den ganz modernen- hat diese Geschichte am Ende ein Happy- End.
Liebe Gemeinde,
die meisten von Ihnen haben ihn längst erkannt, den Film „Chocolat“ aus dem Jahr 2000, ein modernes Märchen für Erwachsene und gleichzeitig ein Appell zur Toleranz.
Solche Geschichten gehen nicht immer gut aus und klar ist, in jedem Fall: sie beinhalten viel Schmerz, viele Auseinandersetzungen, viel Kraft, viel Leid - ja und wie gesagt- sie haben nicht immer ein Happy- End.
Und die Menschen, die darin vorkommen, heißen auch nicht unbedingt Vianne, sondern haben durchaus andere Namen- Namen wie damals Friedrich, heute vielleicht Amanda oder Agim. Sie heißen Marc oder Klaus und sind homosexuell oder sind Menschen, die einer bestimmten Religion angehören oder einer bestimmter Volksgruppe, ja, Menschen eben, die anders leben, ihre Sexualität, ihren Glauben, ihren Alltag und ihre Feste, irgendwo anders geboren sind, eine andere Sprache sprechen.
Und die dadurch scheinbar den Frieden stören oder Menschen mit ihrer Art zu glauben oder zu leben oder zu reden oder zu sein in Frage stellen, tiefste Ängste hervorkommen lassen, verunsichern.
Und es könnte sein, liebe Gemeinde, dass auch Menschen wie Sie und ich oder auch wie Paulus in dieser Geschichte vorkommen, einer Geschichte, in der gerichtet wird:
Am Anfang eines jeden Gottesdienstes beten wir in unserer Gemeinde:
Lass uns nicht meinen wir wüssten schon alles, was Du uns zu sagen hast.
Was hast Du uns zu sagen, Gott, heute an diesem 3. Sonntag im Advent?
Predigttext: 1. Kor 4, 1-5
Ja, es hatte Streit gegeben in Korinth. Es gab verschiedene Lehrer, Apostel, die aufgetreten waren, die gepredigt und gelehrt hatten, auf die sich die einen und die anderen beriefen.
Paulus ist einer, den Namen Apollos erfahren wir auch.
Diese Worte unseres Predigttextes sind ein Teil einer längeren Rede, in der Paulus, der von den Korinthern angegriffen wurde, vielleicht sogar vor ein Gemeindetribunal gezerrt werden sollte, sich verteidigt.
Er verteidigt sich gegen - nein, eigentlich nicht direkt gegen die Vorwürfe, sondern gegen das Gerichtet- Werden.
Waren es also andere Prediger, waren es andere Lehren, war es seine Art, die ihn zum Objekt der Kritik machte oder die Selbstsicherheit einiger Gemeindemitglieder in Korinth, die scheinbar genau wussten, was Gott zu sagen hat und was richtig und falsch ist- so hält Paulus entgegen:
Niemand hat zu urteilen und zu richten als Christus allein.
Er ist der, der kommt.
Er ist der, auf den wir warten.
Er ist der, der ans Licht bringen wird, auch was im Finstern verborgen ist.
Ihm gegenüber sind wir verantwortlich, seine Beurteilung können wir nicht vorwegnehmen. Wir sind nicht kompetent über andere zu urteilen und zu richten, ja nicht einmal über uns selbst.
Mag sein, dass damals innergemeindliche Querelen im Blick gewesen sind, Unsicherheit- oder zu viel Sicherheit, was die richtige Lebensweise und Glaubensweise der Christen betraf- Paulus Wort vom Richten ist aber doch nicht nur gültig im Blick auf Meinungsverschiedenheiten in einer frühen christlichen Gemeinde.
Es ist doch so, auch heute:
Wir werden beurteilt und wir beurteilen.
Wir werden verurteilt und wir verurteilen.
Nicht nur bei der Eröffnung einer Chocolaterie in der strengen Fastenzeit.
„Guck dir die an, und die wollen Christen sein.“
Es wird gelästert über den Kollegen, der heute nicht da ist.
Es wird geschimpft über die Mitarbeiterin, der man alles dreimal sagen muss, und die immer noch nichts versteht.
Wir regen uns über Lehrer auf, die nichts mehr von den Schülern verlangen oder zu viel.
Wie schimpfen über Ärzte und Pfarrer,
oder es wird über Asylbewerber hergezogen, die sich hier ein schönes Leben machen wollen, und über die Arbeitslosen, die gar nicht wirklich arbeiten wollen oder über die Jugend, die keine Werte mehr hat und die Politiker, die erst mal anfangen sollen bei sich selbst zu sparen…
Und wenn man ganz verdreht ist möchte man allen Muslimen die Einreise ins Land verbieten. Und wieder am liebsten auch bei uns meterhohe Mauern bauen, damit keiner mehr, der nicht hier geboren ist, in dieses Land hinein kommt.
In dem Roman: Der Fall von Albert Camus sagt ein Anwalt:
Sie sprachen vom Jüngsten Gericht? Gestatten Sie mir ein respektvolles Lachen.
Ich erwarte es furchtlos. Ich habe das Schlimmste erfahren und das ist das Gericht der Menschen.
Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten, mein Lieber.
Warten Sie nicht auf das Jüngste Gericht. Es findet alle Tage statt.
Es findet alle Tage statt.
Wenn es so ist- warum ist es dann so?
Dass wir Menschen- und ich kann mich auch nicht frei sprechen , dass wir es nötig haben miteinander ins Gericht zu gehen.
Menschen zu verurteilen, manchmal ohne, dass es uns bewusst ist, ohne dass wir es noch merken?
Aus Angst? Aus Neid? Oder weil uns der andere mit seinem Anderssein in Frage stellt ?
Oder weil wir wirklich glauben, wir wüssten schon alles?
„Es gibt nur einen einzigen Weg“, schreibt Drewermann, „aus diesem erbarmungslosen Richten und der Rivalität herauszukommen.
Statt, dass wir einander messen wie die Raubtiere im Rivalitätskampf, sollten wir die Augen richten auf Gott, dem wir uns verdanken und von dem alles, was wir sind, empfangen wurde.
Dies allein befreit uns von den Minderwertigkeitsgefühlen, von den Neidkomplexen, von den Frustrationen, den Hassreaktionen.
Solange wir fragen: Bin ich besser oder schlechter als andere? werden wir immer jemanden treffen, der geringer ist, um ihn zu verachten…
Aber wenn wir einmal denken könnten, es komme in unserem Leben wesentlich überhaupt nicht darauf an, wie wir in Bezug zu anderen abschneiden, die einzig wesentlich sei die Frage sei, was Gott uns gegeben hat- dann zöge, auf der Stelle und zum ersten mal, Frieden in unser Herz ein.“
Was hat er uns gegeben?
Liebe Gemeinde, was hat er uns gegeben und zugetraut:
Haushalterschaft, sagt Paulus, dass wir seine Diener sind und Haushalter.
In seinem Sinne treu zu verwalten, was uns anvertraut ist.
Das heißt sorgsam umgehen mit unserem Leben, mit unserem Gut, mit der Welt, in der wir leben und auch den Menschen, die uns anvertraut sind.
Das heißt nicht, dass wir schweigen sollen über das Tun unseres Nächsten.
Mit jemandem über sein Tun ins Gespräch kommen ist nicht ihn richten.
Mit jemandem um die Wahrheit streiten ist nicht verachten.
Mit jemandem um die Wahrheit ringen heißt nicht den anderen abschreiben.
Die Gleichgültigkeit und das Schweigen sind vielleicht der größte Feind der Gerechtigkeit und des Friedens.
So sollen wir Gemeinden wohl dran bleiben an den Auseinandersetzungen um Energie, um Schonung der Umwelt, um Arbeitsplätze und menschliche Arbeitsbedingungen etwas in der 3. Welt.
Wir sollen und werden uns weiter einmischen in gesellschaftliche Fragen der Integration und des Umgangs mit Flüchtlingen, der sozialen Lage hier ebenso wie in anderen Ländern der Welt- wir tun es im Moment vielleicht sogar viel zu wenig.
Wir wollen Unrecht beim Namen nennen, uns sachkundig machen um mitreden zu können, weil der, der gekommen ist und kommt uns einlädt seiner Solidarität mit den Schwachen und Leidenden nach zu gehen.
Das alles sollen wir. Und zwar nicht, weil wir die Besserwisser sind. Sondern Haushalter und Diener Christi.
Diener, das ist ein demütiges Wort. Ein sehr demütiges Wort.
All das sollen und dürfen wir tun.
Aber eines sollen wir nicht tun. Das ist uns verwehrt:
Das Richten über andere. Das Verurteilen des Anderen.
Das Abschreiben eines anderen- wie anders sein Weg auch ist zu glauben, zu reden, zu leben.
Überlassen wir Gott das Urteil über andere und auch uns. Und hoffen wir, dass er uns dann alle gnädiger ansieht als wir es oft vermögen.
Das moderne Märchen von Vianne und Annouk Rocher und Roux geht am Ende gut aus, ein Happy - End. Es wird sogar zu einer Liebesgeschichte.
Passt es in unsere zerrissene und zerstritten Welt. In unsere so zerrissene und geschüttelte und verfeindete Welt? In der wir voller Angst auf die Entwicklungen und Geschehnisse sehen!
Ja. Ja!
Denn in diese Welt, genau in diese ist unser Herr und Richter und Erlöser geboren. Damit unser aller Geschichte im ganz realen Leben ein gutes Ende nimmt. Nicht ein Happy –End, aber ein gutes Ende.
Ich möchte schließen mit einem Segen von Hanns Dieter Hüsch- nicht nur, aber auch zur Adventszeit zu sprechen:
Im Übrigen meine ich
Dass Gott uns das Geleit geben möge immerdar.
Auf unserem langen Weg zu unserer Menschwerdung
Auf dem endlos schmalen Pfad zwischen Gut und Böse
Herzenswünschen und niedrigen Spekulationen.
Er möge uns ganz nah sein in unserer Not
Wenn wir uns im dornigen Gestrüpp der Wirklichkeit verlieren
Er möge uns in den großen anonymen Städten wieder an die Hand nehmen
Damit wir seiner Fantasie folgen können
Und auf dem weiten flachen Land
Wollen wir ihn auf unseren Wegen erkennen
Er möge uns vor falschen Abgründen bewahren.
Und all die Vorwürfe, die wir uns machen
Möge er in herzhaftes Gelächter verwandeln
Und unsere Bosheiten in viele kleine Witze auflösen.
Wir bitten ihn Zeichen zu setzen und Wunder zu tun.
Dass wir von all unseren Schuldzuweisungen ablassen
Und jedwedem Gegner ein freier Gastgeber sind.
Er möge uns von seiner Freiheit ein Lied singen
Auf dass wir alle gestrigen Vorurteile außer Kraft setzen
Er möge sich zu uns allen an den Tisch setzen und erkennen
Wie sehr wir ihn alle brauchen
Überall auf der ganzen Welt
Er möge sich unser erbarmen
Am Tage und in der Nacht.
In der großen Welt und in der kleinen des Alltags.
In den Parlamenten, in den Chefetagen der Industrie, auf den Schulhöfen und in unseren Küchen.
Er möge uns unsere Krankheiten überstehen lassen
und uns in der Jugend und im Alter seine Schulter geben,
damit wir uns von Zeit zu Zeit
von Gegenwart zu Gegenwart an ihn anlehnen können
getröstet, gestärkt und ermutigt.
Amen.
Quellen:
Drewermann, Eugen, aus Wenn der Himmel die Erde berührt, S. 106f
Hüsch, Hanns Dieter, aus Das Schwere leicht gesagt, S. 151f
EKK VII/1, Wolfgang Schrage, Der erste Korintherbrief,1991,S.318ff
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Gott hat den größeren Kopf, das größere Herz - Predigt zu 1.Korinther 4,1-5 von Matthias Loerbroks
Gott hat den größeren Kopf, das größere Herz
1 So rechne jeder Mensch mit uns: als Diener des Christus und Haushalter der Geheimnisse Gottes.
2 Nichts anderes sucht man bei Haushaltern, als dass sie treu gefunden werden.
3 Mir ist es ein Geringes, dass ich von euch beurteilt werde oder von einem menschlichen Gerichtstag. Aber auch ich selbst beurteile mich nicht.
4 Mir ist nichts bewusst, aber dadurch bin ich nicht gerecht gesprochen, der Herr ist es, der mich beurteilt.
5 So richtet nicht vor dem entscheidenden Augenblick – ehe der Herr kommt: der wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und aufleuchten lassen das Wollen der Herzen. Dann wird ein jeder Lob bekommen von Gott.
Von dort wird er kommen zu richten – so haben wir es gerade mit den Worten unseres Glaubensbekenntnisses gesagt. Das ist der erste Zukunftssatz, der erste Hoffnungssatz dieses Bekenntnisses. So ein Bekenntnis ist ja keine Tatsachenbehauptung, sondern ein Vertrauensvotum. Angesichts unserer so verzweifelt und blutig zerrissenen Welt vertrauen wir darauf, dass sie nicht gottverlassen ist, darum auch nicht verlassen von allen guten Geistern, sondern Gottes gute Schöpfung – geschaffen von dem Gott, von dem die Bibel erzählt, der nicht preisgibt das Werk seiner Hände. In seinem Sohn ist er uns ganz nah gekommen, denn der wurde selbst ein Mensch, wurde allen Menschen zum Mitmensch – davon werden wir zu Weihnachten viel singen und sagen. Der hat alles auf sich genommen, uns weggenommen, was uns von Gott trennt, geriet darum selbst in grässliche Gottesferne, in finsterste Finsternis. Doch er wurde auferweckt, herausgerissen aus dem Reich des Todes, er sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns, entschuldigt uns, redet Gutes von uns, kehrt alles zum Besten. In ihm, mit ihm sind alle Menschen schon bei Gott – ob sie das wissen, ob sie das glauben, es darum auch ihr Tun prägt oder nicht. Dann der Zukunftssatz, buchstäblich ein Zukunftssatz, denn er redet davon, dass Jesus auf uns zukommt: Von dort wird er kommen zu richten.
Er wird kommen – das ist das Thema der Adventszeit. Dass er kommen wird, um zu richten, das ist in der Geschichte christlichen Predigens und Predigthörens immer wieder als Schreckensnachricht verstanden worden, eine Botschaft, die Angst macht. Für Paulus aber ist es eine frohe, eine befreiende Botschaft, reines Evangelium. Der Herr ist es, der mich richtet – das bedeutet für ihn: es kann mir ein bisschen egal sein und es ist mir auch egal, was andere über mich denken oder gar sagen, wie sie mich beurteilen, ob sie mich verurteilen, mit welchem Recht, nach welcher Richtschnur sie mich richten. Er rechnet damit, dass das Gericht, das Jesus Christus halten wird, der Gottessohn, der Menschensohn wurde, in dem die Menschlichkeit Gottes aufleuchtete, ein menschliches, ein gnädiges Gericht sein wird – sehr im Unterschied zu den sehr unmenschlichen Urteilen, die wir Menschen an menschlichen Gerichtstagen sprechen – also: jeden Tag.
Stell dir eine Gemeinde vor, liebe Gemeinde, eine größere oder kleinere Gruppe von Jesusjüngern und Jesusjüngerinnen, die es in ihrem persönlichen Leben wie in ihrem Zusammenleben als Gemeinde ganz gelassen lassen können, sich zu verteidigen, alles Mögliche richtigzustellen, zurechtzurücken – und sich selbst ins rechte Licht –, denen es einfach wenig oder nichts bedeutet, was andere über sie sagen und denken, die darum auch nicht öffentlich ausposaunen, jedenfalls mehr oder weniger – meist weniger – unverhohlen durchblicken lassen müssen, wie edel, hilfreich und gut sie sind, die darum auch darauf verzichten können, ihre Mitmenschen zu ermahnen, doch bitte nicht zu vergessen, was sie Gutes getan haben und noch tun. Das wäre eine Gemeinde freier, befreiter Menschen, sie wäre schon ein Vorschein und Vorgeschmack des Reiches Gottes, des Reichs der Freiheit.
Leider ist es ja so, dass auch wir evangelischen Christen gerade dafür sehr viel Zeit und Kraft verwenden, obwohl doch gerade wir wissen oder wissen könnten oder wissen sollten, dass Selbstrechtfertigung ein völlig aussichtsloses, überdies überflüssiges Unterfangen ist. Seit fast genau fünfhundert Jahren hören und reden wir davon, dass Gott durch seinen Sohn Sünder gerecht spricht; dass wir das weder verdienst haben noch uns verdienen oder erdienen können; dass Gott uns nicht so sieht, wie wir uns sehen oder wie wir von anderen gesehen werden, sondern so, wie er Jesus Christus sieht; dass er ihn gelten lässt als unseren Vertreter; dass er ihm, dem Menschensohn, sein Gericht übertragen hat. Ein großer Namensvetter des Paulus, der Dichter und Pfarrer Paul Gerhardt singt und sagt es so: „In ihm kann ich mich freuen, hab einen Heldenmut, darf kein Gerichte scheuen, wie sonst ein Sünder tut.“ Doch so ganz scheinen auch wir dem Frieden nicht zu trauen, den – wie wir verkünden – Jesus schon gemacht hat.
Nun sind unsere Versuche, uns – in mehrerer Hinsicht: wider besseres Wissen – doch selbst zu rechtfertigen, zwar oft unfreiwillig komisch, aber harmlos. Es gibt ja leider fürchterlich fromme Menschen, die nicht nur in jeder Sekunde bereit, geradezu begierig darauf sind, gekränkt zu sein, sondern auch meinen, dass ihre ständig verletzte Ehre, die ihnen immer wieder neu zugefügte Schmach es ihnen erlaubt oder sogar gebietet, morden zu gehen; die sich als Gottes Gerichtsvollzieher verstehen und betätigen; die meinen, Gott einen Dienst zu tun, wenn sie möglichst viele Menschen umbringen, die sie für ungläubig halten.
Tatsächlich hat ja die frohe Botschaft, dass Jesus kommt, um zu richten, etwas Kränkendes. Sie verdrängt uns von unserem Lieblingsplatz: dem des Richters, der Richterin. Kaum etwas tun wir ja lieber als zu urteilen und zu verurteilen. Nicht urteilsfähig zu sein, das empfinden wir als Armutszeugnis. Darum war und ist ja die Verheißung der Schlange im dritten Kapitel der Bibel so verführerisch, so wirksam: ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist – endlich selbst Gott sein, endlich selbst richten, urteilen, verurteilen! Doch dieser Platz, sagt uns das Evangelium, ist besetzt. Den müssen wir räumen. Denn er kommt zu richten. Darum hat das fröhlich unbekümmerte Bekenntnis des Paulus, es ist mir ziemlich egal, was andere von mir denken, als kritische Kehrseite auch den Appell: richtet nicht! Überlasst das Gott. Der hat nicht nur den größeren Kopf, auch das größere Herz.
Wenn er kommt zu richten die Lebenden und die Toten, dann wird er, so sieht es Paulus voraus, ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und aufleuchten lassen das Wollen der Herzen. Für manche von uns ist das eine etwas unangenehme, ungemütliche Vorstellung. Nicht ohne Grund halten wir Manches verborgen, und es wäre uns ganz lieb, wenn es auch verborgen bliebe. Über Einiges lassen wir auch uns selbst lieber im Unklaren. Wir sind nicht geradezu erpicht darauf, dass all die Wünsche unseres Herzens, einige davon sind ihrerseits recht finster, hell aufleuchten. Doch Paulus ist überzeugt: dann wird ein jeder, eine jede Lob bekommen von Gott.
Das ist nun nicht nur für uns unsichere und verängstigte Menschen überraschend. Sondern wohl auch für diejenigen, die von keinerlei Selbstzweifel geplagt sind; die im Gegenteil finden, dass es Zeit wird, längst Zeit ist, dass wenigstens Gott einmal all das Gute, das sie dauernd tun, angemessen würdigt, zum Leuchten bringt, wertschätzt, lobt, das ihre übelwollenden und Übel tuenden Mitmenschen so beharrlich übersehen oder gar madig machen. Doch auch sie werden etwas überrascht sein zu hören, dass wirklich jeder und jede, dass alle Lob von Gott bekommen wird. Denn sie haben doch recht klare Vorstellungen davon, wer jedenfalls nicht gelobt, sondern mindestens schwer getadelt, wenn nicht hart bestraft werden wird oder werden müsste.
Statt unseres ständigen sei es ängstlichen, sei es eitlen und selbstzufriedenen Schielens danach, was andere von uns denken und sagen, wie wir bei anderen ankommen oder wie wir rüberkommen, empfiehlt uns Paulus, auf etwas ganz anderes zu achten: dass wir treue, verlässliche Diener des Christus und Hausverwalter der Geheimnisse Gottes sind. Uns wurde was anvertraut, Großes und Wichtiges wurde uns anvertraut, Gott hat uns ins Vertrauen gezogen. Paulus will, dass wir dem treu sind, das nicht veruntreuen, was uns anvertraut wurde. Er nennt es: Geheimnisse Gottes. Das Evangelium, das er verkündet, das zu verbreiten auch uns aufgetragen ist, ist nichts, was offensichtlich sonnenklar ist, auf der Hand liegt, sich von selbst versteht, was auch ohne unser Reden und Tun längst allen Menschen aufgeleuchtet ist und eingeleuchtet hat.
Es gibt ja so ´ne und solche Hausverwalter: mürrisch abweisende, abwimmelnde, überdies nörgelnde und herzliche, hilfsbereite und auch tatsächlich hilfreiche. Treue Hausverwalter sind so oder so diejenigen, die dem Stil des Hauses und des Hausbesitzers entsprechen. Treue Hausverwalter der Geheimnisse Gottes heißt darum nicht, mit dem Evangelium knausrig umzugehen, sparsam, damit bloß ja keine einzige Perle womöglich vor die Säue gerät, sondern genauso großzügig, so barmherzig, geduldig und von großer Güte und Treue, wie uns das Evangelium Gott schildert. Es wäre ja ein lächerlicher Widerspruch, würden wir angesichts des Evangeliums vom Freispruch der Sünder darauf bestehen, unsere Mitmenschen, unsere Mitsünder zu verurteilen; angesichts der uns verkündeten Feindesliebe Gottes hartnäckig auf unsere Feindseligkeiten zu bestehen.
Die frohe Botschaft, dass er kommen wird, um zu richten, wird uns heute verkündet als Anweisung dazu, diesem Kommen den Weg zu bereiten, und zwar mitten in der Wüste, mitten in unserer Wüstenei. Wir denken bei dieser Aufforderung an große und schwere Aufgaben, denken an unsere zerrissene Welt, die es zu heilen, an all die viel zu hohen Höhen und tiefen finsteren Täler, die es auszugleichen gilt, und das ist ja auch wahr. Doch wir übersehen dabei, wie hartnäckig wir selbst das Hindernis sind, das seinem Kommen im Weg steht, das wir darum aus dem Weg räumen sollten: unsere beharrliche Weigerung, den Platz freizugeben, den er einnehmen will und soll, wenn er kommt zu richten die Lebenden und die Toten.
Amen.
Zum Gottesdienst:
Da die Epistel Predigttext ist, kann an ihrer Stelle die alttestamentliche Lesung, Jesaja 40,1-11 gelesen werden. Sie stellt den Wochenspruch in seinen Kontext und unterstreicht ihn.
Lieder:
Nach der Begrüßung mit dem Wochenspruch aus Jes 40: 10,1-3(4);
nach der ersten Lesung, wenn sie Jes 40 ist: 20,1-3;
wenn sie 1. Kor 4 ist: 6,1.2.5;
nach Evangelium und Credo: 279,1-2;
nach der Predigt: 286,3-4;
zwischen Abkündigungen und Gebet: 283,3-6 (Nachdichtung des Wochenpsalms);
als Schlussstrophe zwischen Gebet und Segen: 10,4 oder 6,5.
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Predigt zum Gedenken an den 70. Jahrestag des Atombombenabwurfs über Hiroshima und Nagasaki
"Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit dem lieben Gott!". So hat mich mal eine Mutter begrüßt, als ich zum Trauerbesuch kam. Ihr Sohn war gestorben und sie war voller Abwehr. Ein Bibelspruch wie: "Gottes Gnade wird nicht von dir weichen." hätte sie in diesem Moment brüskiert, statt getröstet.
Vielleicht können Sie das nachvollziehen, liebe Gemeinde. Auch tröstende Worte haben ihre Zeit. Und manchmal sind sie eben nicht dran. Dann ist nur noch das Schweigen angemessen. Weil das Leid die Sprache verschlägt.
Auch in den großen Katastrophen der Menschheit . Wenn dann jemand sagt: "Das musste ja so kommen, weil der Mensch sich als Gott aufspielt" ist das zynisch. Und ein durchsichtiger Versuch, mir etwas erträglich zu reden, was in Wirklichkeit nicht zu ertragen ist. Aber es wird gar nicht erträglicher dadurch. Weil es das Leid derjenigen, die von der Katastrophe betroffen sind, nicht erklären kann.
Sollten wir dann nicht einfach aufhören, nach Antworten zu suchen auf die Frage nach dem "Warum?" Manchmal scheint mir das tatsächlich wie ein gedanklicher Notausgang. Weil dieses Suchen mich immer wieder an die Grenzen meines Glaubens führt. Ja, ich mich regelrecht wundreibe an diesem Suchen.
Darum kann ich nachvollziehen, wenn Menschen ihr Vertrauen in Gott und die Welt aufgeben. Und doch lässt mich diese Frage einfach nicht los. Weil ich in dieser Welt mit all ihrem Leid leben will.
Der Künstler Johannes Schreiter versucht, mit seinem "Physikfenster" eine Antwort anzubieten. Eine Antwort, in der beides Platz hat: Die Deutung des Atombombenabwurfs als Gottes Gericht. Und die tröstende Zusage von Gottes bleibender Gnade.
Damit baut er einen Widerspruch mit einer ungeheuren Spannung auf. Sie zieht die Menschen vor diesem Fenster in ihren Bann. Der sechste August 1945 als Gottesgericht? Da stellen sich mir alle Nackenhaare auf. So glaube ich Gott nicht! Wofür hätte Gott die Menschen in Hiroshima zur Rechenschaft ziehen sollen? Hier haben doch Menschen an Menschen gehandelt! -
Gleichzeitig fordert mich das Fenster dazu heraus, weiter zu fragen. Nach Gott zu suchen mitten in der "Gottesfinsternis". Und dabei die Frage nach unserer menschlichen Verantwortung offen zu halten
Wie sehr Johannes Schreiter selbst um Antwort ringt, wie vorsichtig er damit ist, lese ich daraus, dass er sie in seinem Fenster auf einem Notizzettel formuliert hat. Ein angekohltes kleines Blatt Papier. So, als wäre diese Antwort ein erster Versuch, der noch in eine Reinschrift gebracht werden muss. Das gefällt mir. Das ist keine in Stein gemeißeltes Dogma, das Zustimmung verlangt. Das ist ein vorsichtig tastender Versuch eines suchenden Menschen, der sich bewusst ist, dass es auch ganz anders sein kann.
Auch die Gnadenzusage aus dem Prophetenbuch Jesaja steht auf diesem Notizzettel. Zwei so gewichtige, widersprüchliche Worte miteinander. Übereinander. Auf einem Notizblatt.
Sie legen mir die Antwort nahe: Keiner von uns darf sich anmaßen, die letztgültige Deutung zu kennen. Weil unsere Erkenntnis immer nur ein Teil unserer Wirklichkeit erfasst. Das hat der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth formuliert:
Fumiko Nishino-Friedewald, Lesung (1.Korinther, 13, 9-13)
9 Unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez:
Unser Wissen ist Stückwerk. Was wir heute sicher zu wissen meinen, ist morgen vielleicht schon ein alter Hut. Das klingt so banal. Aber wenn ich überlege, wie viel Leid schon durch angeblich todsichere Erkenntnisse entstanden ist, - z.B. Röntgentrahlen - dann scheint mir das eben doch keineswegs banal. Unser Wissen ist begrenzt und vorläufig – das gilt für Fragen des Glaubens genauso wie für Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Beide können sich nicht auf absolute Wahrheiten berufen, sondern müssen immer davon ausgehen, dass unsere menschliche Erkenntnis bruchstückhaft ist und bleibt.
Warum dann dieses sperrige Bruchstück, dieses Wort von Gottes Gericht? Johannes Schreiter wagt damit den stammelnden Versuch, sogar diesen unheilvollen Tag mit Gott zu denken. Dass selbst in diesem schrecklichen Ereignis Gott bei den Menschen und nicht von ihnen abgewandt gewesen ist. Er verstärkt diese Hoffnung noch, indem er das Notizblatt mit einem kräftigen Rot rahmt. In diesem Rot lässt er Gottes Liebe aufleuchten. Sie umgibt alles. Sie wirkt über, unter und rund um alles Geschehen.
Der Künstler hält damit kühn und gegen allen Augenschein an dem Glauben fest, dass es kein Ereignis und keinen Ort der Erde gibt, in dem Gott nicht mehr zu finden ist. Selbst in der größten Not hält Gott an seiner Gnadenzusage fest. Mit drei Kreuzen bekräftigt der Künstler sein Vertrauen in diese Zusage. Es sind keine Friedhofskreuze, die vom Tod erzählen. Sie sind geöffnet und lassen das Osterlicht durchscheinen. Das Licht, das davon erzählt, dass der Tod nicht das letzte ist, was wir zu erwarten haben. Dass dort, wo wir von Leid, Schmerz und Tod überwältigt sind, auf etwas hoffen dürfen, was in uns die Sehnsucht nach dem Leben wach hält. Dass wir tatsächlich getröstet werden können in Allem, was uns und unserer Welt widerfährt.
Dieses Osterlicht breitet sich aus, wo immer Menschen einander in echter Zuwendung begegnen. Wenn Menschen wie Albert Einstein gemeinsam versuchen, ihre Mitschuld an Ereignissen zu suchen, um damit zukünftige Katastrophen zu verhindern, bricht sich die Sehnsucht nach dem Leben ihre Bahn. Wo Menschen Trauernden zur Seite stehen, ohne sie vorschnell zu vertrösten, kann wirklicher Trost langsam und zart in deren verwundeten Herzen wachsen.
In diesem Osterlicht kommt Beides zusammen: Unsere menschliche Verantwortung für das, was geschieht in unserer Welt, und Gottes Zusage, dass er diese Welt nicht unserem den Folgen unseres Handelns überlassen wird. Als seine Ebenbilder erfüllt er uns mit seiner Schöpferkraft. Es liegt an uns, welche Wege wir beschreiten. Die Katastrophe vom 6. August 1945 mit ihrem fürchterlichen Leid für ungezählte Menschen muss uns dazu herausfordern, mit allen Mitteln den Frieden in der Welt zu fördern.
Mit Gottes Gnade, die nicht von uns weicht, können wir in dieser Welt leben. Leid und Schmerz bleiben uns nicht erspart. Aber wir können getröstet werden und trösten. Anderen zur Seite stehen. Mit ihnen aushalten und sie Gottes Gnade spüren lassen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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(Konfirmations)Predigt zu 1.Korinther 2,12-16 von Jörg Egbert Vogel
12 Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der von Gott kommt, damit wir verstehen, was uns von Gott geschenkt worden ist.
13 Und davon reden wir, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern mit Worten, wie der Geist sie lehrt, indem wir für Geistliches geistliche Bilder brauchen.
14 Der natürliche Mensch aber erfasst nicht, was aus dem Geist Gottes kommt, denn für ihn ist es Torheit; und er kann es nicht erkennen, weil es nur geistlich zu beurteilen ist.
15 Wer aber aus dem Geist lebt, beurteilt alles, er selbst aber wird von niemandem beurteilt.
16 Denn wer hätte die Gedanken des Herrn erkannt, dass er ihn unterwiese? Wir aber haben die Gedanken Christi.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gäste, liebe Gemeinde,
der Apostel Paulus beschreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth mit etwas komplizierten Worten eine eigentlich ganz einfache Beobachtung:
Wer sich auf den Glauben an Gott einlässt, wer sich – wie ihr in den letzten 2 Jahren – mit Inhalten des Glaubens beschäftigt und sie in sich aufnimmt, der erlebt eine Veränderung seines Lebens.
Paulus beschreibt das mit der Gegenüberstellung des natürlichen Menschen mit dem, der aus Gott lebt.
Ihr habt das in der Konfirmandenzeit erlebt, wie sich eurer Blick auf das Leben verändert, wie sich eurer Horizont erweitert hat, was es heißt, aus Gott, mit Gott zu leben.
Wir haben die Gedanken Christi, schreibt Paulus, d.h. für euch ist Gott nicht mehr nur eine irgendwie anonyme fremde Idee, sondern Gott ist konkret geworden, so wie Jesus es seinen Schülern gezeigt hat. Ihr habt Gott etwas besser kennengelernt, habt Vertrauen aufgebaut, so wie es Jesus gelehrt hat.
Ihr habt gelernt, dass er euer Freund, euer Vertrauter sein kann, der euch Kraft gibt für euer Leben, der euch hilft in euren in Zukunft auch immer schwieriger werdenden Entscheidungen.
Ihr habt Glauben gelernt, indem ihr Bibel gelernt habt und Kirche und Tradition und Liturgie.
Ja ihr habt sogar gelernt selbständig einen eigenen Gottesdienst zu gestalten, ein selbst gewähltes Thema in Anspiel und Predigt umzusetzen.
Und ganz wichtig ist, ihr habt erfahren, dass Glaube nicht etwas ist, das man für sich alleine lebt, sondern dass die Gemeinde, die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden ein Teil des Glaubens ist.
Wer versucht, ohne die Gemeinschaft zu glauben, wird immer nur seinen Kinderglauben behalten. Glaube entwickelt sich in der Gemeinschaft, im Gespräch, im miteinander Leben.
In den letzten 2 Jahren seid ihr zu einer immer vertrauteren Gemeinschaft zusammengewachsen, so unterschiedlich ihr auch seid. Ihr habt euch besser kennengelernt und auch, wie jeder mit seinem Glauben umgeht, wie sie oder er seinen Glauben ausdrücken kann, als ihr in Gruppen zu bestimmten Themen zusammengearbeitet habt. So z.b. als ihr euch mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis beschäftigt und dann eigene Glaubensbekenntnisse geschrieben habt, von denen wir eines heute auch gemeinsam sprechen.
Besonders gut seid ihr als Gruppe zusammengewachsen als ihr auf der Konfireise nach Erfurt und Eisenach in Teams Referate zu den besuchten Orten, Kirchen, Synagogen, die Wartburg und zu damit verbundenen Themen vorbereitet und gehalten habt.
Viele ganz unterschiedliche Gottesdienste hier in eurer Gemeinde konntet ihr miterleben, den „etwas anderen Gottesdienst“, normale Gottesdienste, Taizégebete, Open-Air-Gottesdienste, Jugendgottesdienste. Und zum Teil seid ihr an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt gewesen.
Ihr habt so Erfahrungen gesammelt mit dem Glauben und der Kirche und wurdet so zu mündigen Christen, je nachdem wie weit jede und jeder von euch bereit ward, euch auf dies alles einzulassen, der eine mehr, der andere weniger.
Wenn ihr aus dem Geist lebt, wie Paulus schreibt, so wie ihr es jetzt gelernt habt, dann beurteilt ihr das Leben auf eine neue Weise, nämlich durch die Gedanken Christi, und lebt als Menschen, denen der Glaube an die Liebe Gottes zur Lebenskraft geworden ist.
Dieses Leben aus dem Geist Gottes ist besonders mit dem Pfingstfest verknüpft.
Die Freunde Jesu, seine Schüler, sind zunächst durch seinen Tod geschockt und haben sich ängstlich zurückgezogen. Dann machen sie Glaubenserfahrungen mit ihm, dem Auferstandenen. Und plötzlich haben sie den Mut, vor vielen Menschen ihren Glauben zu bekennen, ihren Glauben daran, dass Jesus aus Nazareth der Messias ist, der Erlöser, der nun bei Gott ist und durch Gottes Geist weiter wirkt unter ihnen.
Später wird das dann mit der Geschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes von Lukas in der Apostelgeschichte literarisch in Szene gesetzt.
Durch die Kraft des Geistes Gottes entsteht innerhalb der jüdischen Gemeinde eine neue Gemeinschaft, der an den Messias Jesus Glaubenden, die sich in kürzester Zeit über das ganze römische Reich ausbreitet und später zur Kirche wird.
Diese neue Bewegung gründet im Pfingstfest, zu dem ungefähr im Jahr 33 Tausende Menschen in Jerusalem zusammen kamen, weil sie zu einem der großen jüdischen Feste gepilgert sind, zum Wochenfest, Schawuot. Es ist das Frühjahrserntefest und das Fest des Dankes für die Tora, für die Gabe der 10 Gebote an Mose auf dem Berg Sinai.
Auch genau am heutigen Tag feiert die jüdische Gemeinde in diesem Jahr dieses Fest.
Es ist kein Zufall, dass die Gabe des Geistes Gottes, die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Jünger Jesu, mit dem Wochenfest verbunden wird.
Es bedeutet, alle wichtigen Dinge im Leben bekommen wir geschenkt.
Dass sich die Kirche so schnell ausgebreitet hat, war ein Geschenk, für das es zu danken galt. Diese Ausbreitung des Glaubens unter die Völker ist wie eine große Ernte.
Und das ist es bis heute.
Deshalb feiern wir Pfingsten Konfirmation. Dies hat eine tiefe urchristliche Bedeutung. Nicht nur für die Konfirmanden, sondern auch für die Gemeinde.
Die Gemeinde feiert so die Frucht ihres Wirkens in der Welt als „Erntefest“. Denn, dass es Konfirmandinnen und Konfirmanden immer wieder gibt, ist die Folge des Daseins der Gemeinde vor Ort. Gäbe es keine Gemeinde oder wäre die Gemeinde versteckt, unsichtbar, unauffällig und kraftlos, dann gäbe es auch keine Konfirmanden. Dann hätte die Gemeinde keine Zukunft.
So jedoch „erntet“ unsere Gemeinde jedes Jahr die Früchte ihres Wirkens, indem sie junge Menschen durch die Taufe und Konfirmation in die Gemeinde aufnimmt.
Das ist Grund zum Feiern.
Der Geist der grenzenlosen Liebe Gottes, der Pfingsten über die Freunde Jesu gekommen ist und der seit den Tagen des Mose das Verständnis für die Tora, für die Bibel öffnet, wird so von Generation zu Generation weitergegeben, eine Bewegung der Begeisterung durch die Zeiten.
Ihr Konfis 2015 seid Teil dieser Bewegung durch die Zeiten. Ob die Kirche eine Zukunft hat, hängt auch von euch ab, und davon, dass ihr euren Glauben in der Welt lebt, indem ihr euch selbstbewusst einmischt und die Geschehnisse in der Welt geistlich beurteilt.
Ich glaube, dass ihr das könnt, und dass wir gemeinsam als Gemeinschaft der Glaubenden Veränderungen bewirken können in der Gesellschaft und in der Kirche.
Denn: Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der von Gott kommt, damit wir verstehen, was uns von Gott geschenkt worden ist.