Familienangelegenheiten - Predigt zu Genesis 50,15-21 von Angelika Überrück

Familienangelegenheiten - Predigt zu Genesis 50,15-21 von Angelika Überrück
50,15-21

Liebe Gemeinde,
Ende gut, alles gut? Das ist heute die Frage! Unser Predigttext ist das Ende einer der längsten Geschichten des Alten Testamentes. Es ist das Ende der Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Diese Familiengeschichte erzählt von Gottes Wirken im Leben. Sie erzählt aber auch vom Umgang mit Konflikten und Schuld in einer Familie.
Zunächst möchte ich Ihnen die Geschichte kurz erzählen, damit Sie sich in den Schluss besser hineinversetzen können.
Jakob, der Vater der Familie, hat zwölf Söhne.
Josef ist der zweitjüngste Sohn der Familie und der Liebling seines Vaters. Jakob ist stolz auf ihn. Eines Tages schenkt Jakob seinem Sohn Josef einen schönen bunten Rock. Die Brüder reagieren verständlicherweise mit Neid und Eifersucht, denn der Vater schenkt ihnen nichts. Und Josef tut auch noch alles, um diese Eifersucht weiter zu schüren. Er zeigt überall den neuen Rock und möchte bewundert werden. Dann träumt er, dass er der Mächtigste der Brüder sein wird und dass die Brüder vor ihm auf die Knie fallen. Und er erzählt es sogar noch seinen Brüdern, die daraufhin immer wütender auf Josef werden. Sie überlegen, wie sie ihn loswerden können, um endlich die Liebe ihres Vaters für sich zu haben. Sie unternehmen einiges, trauen sich aber nicht, Josef zu töten, weil er ja trotz allem ihr Bruder ist. Und so verkaufen sie ihn schließlich als Sklaven nach Ägypten, als gerade eine Karawane vorbeizieht. Den Bruder sind sie damit los.
Ihrem Vater Jakob erzählen sie, dass Josef von einem Tier gefressen wurde. Jakob ist tieftraurig. Die Liebe, die er Josef geschenkt hat, erhalten die Brüder trotzdem nicht. Vielmehr ist die Familie nun durch Trauer und Schuld stark belastet.
Josef kommt in Ägypten in das Haus des Pharao und erhält über Umwege immer mehr Ruhm und Ansehen. Schließlich wird er Verwalter von Ägypten, weil er die Träume des Pharao deuten konnte. Er träumt von Hungerskatastrophen, die kommen sollen, und baut Getreidesilos, um vorzusorgen.
Tatsächlich kommt eine Hungerkatastrophe. Den Ägyptern geht es weiterhin gut dank der Vorsorge von Josef. Aber in allen anderen Ländern ist große Not und so kommen alle nach Ägypten. Auch Josefs Brüder reisen nach Ägypten, um dort einzukaufen. Und so begegnen sich die Brüder wieder.
Die Brüder fallen vor ihm nieder, so wie Josef es einst geträumt hatte. Sie erkennen ihn nicht, aber er erkennt sie und nutzt die Lage aus, denn er ist immer noch traurig und verletzt über das, was ihm die Brüder angetan haben. Und so lässt er sich zunächst einmal einige Dinge einfallen, die den Brüdern das Leben schwer machen, bevor er sich dann doch zu erkennen gibt. Jakob kommt ebenfalls nach Ägypten und alles erscheint in bester Ordnung. Die Vergangenheit spielt keine Rolle mehr bis, ja bis Jakob stirbt.
Also: Ende gut, alles gut? Nicht so ganz.
Denn nun kommt unser Predigttext.
Mit Jakob ist nicht nur der Vater gestorben, der sicher auch nicht ganz unschuldig an dem Verlauf des Verhältnisses der Söhne zueinander war. Mit Jakob ist auch der gestorben, der die Familie zusammengehalten hat. Die Brüder bekommen Angst. Sie fürchten sich vor Vergeltung. Denn mit dem Vater ist auch der weg, der sozusagen ihr Schutz war. Josef hätte Jakob nie etwas angetan, aber ihnen, den Brüdern? Die Schuld über das, was sie Josef angetan hatten, was jahrelang vergraben worden war. Sie wird wieder lebendig.
Noch ist nicht alles gut, denn der alte Familienkonflikt ist ungelöst.
Aber unser Predigttext will uns nun zeigen, wie die Brüder einen Weg finden, doch mit ihrem Familienkonflikt und der Schuld umzugehen.

Und da hat diese Geschichte mit uns zu tun. Auch wir haben eine Familie. Wir leben in Familienbeziehungen. Die meisten haben zwar nicht so komplizierte Familienverhältnisse wie Josef und seine Familie. Aber von Schuld und Unrecht ist keine Familie frei. Wir tun uns als Menschen immer wieder weh, in der Ehe, als Geschwister, in der Beziehung, in der Familie, im Freundeskreis. Gerade wenn wir uns gut kennen, wenn wir wissen, wo die oder der andere verwundbar ist, passiert es schnell, dass wir uns verletzen. In einem harmlosen Streit, in einer nur so eben dahingesagten Bemerkung. Ich kenne genug Familien, in denen es wegen Erbschaftsangelegenheiten so viele Auseinandersetzungen gab, dass die Familien nicht mehr miteinander reden. Die Ausgangssituation von Jakobs Familie - Streit, Verletzung, Schuld - ist eine menschliche Situation, wie wir sie auch immer wieder erleben.
Und wie Josef und seine Brüder gehen wir uns dann aus dem Weg, weichen einander aus, trennen uns. Wir lassen den Konflikt ruhen und tun in unserem Alltag so, als ob er gar nicht existiert.
Die Ausgangssituation unseres Predigttextes ist eine, die wir aus unseren eigenen Familien und Beziehungen kennen. Aufgrund eines Todesfalles kommen alle wieder zusammen. Plötzlich treten die alten und unausgesprochenen Konflikte wieder hervor.
Wie sieht der Weg nun aus, den der Predigttext aufzeigt, um die Konflikte zu lösen?
Die Brüder versuchen einen neuen Anlauf: Sie weichen sich nicht mehr aus, sondern treten die Flucht nach vorne an. Sie machen eine Art Bestandsaufnahme und denken neu über ihre Situation, über ihre Familie nach. Dabei gestehen sie sich selbst ihre Schuld ein. Sie machen sich klar, dass vieles nicht richtig war, was sie getan haben. Sie spüren gleichzeitig auch, dass sie in Josefs Hand sind. Denn er hätte allen Grund, sauer auf sie zu sein. Schließlich ist er nur durch seine Brüder ein Leben lang von der Familie getrennt gewesen. Das alles wird ihnen bewusst. Aber dabei belassen sie es nicht. Sondern sie gehen einen zweiten Schritt und wenden sich an Josef. Allerdings gehen sie nicht direkt zu Josef, sondern schicken einen Boten. Zu groß ist die Angst, zu klein noch ihr Mut. Denn sie haben in dem Moment ja keine Ahnung, wie Josef selbst sein Leben beurteilt und wie er reagieren wird.
Verschiedene Möglichkeiten sind denkbar: Eine Möglichkeit wäre, dass Josef sauer ist, weil sie ihm sein Leben lang keinen Platz in der Familie gegeben haben, weil er immer das schwarze Schaf war, der, der ausgestoßen war. Die zweite Möglichkeit ist die, dass Josef nichts mehr mit seinen Brüdern zu tun haben will. Er kann so mit seinem Leben zufrieden sein. Und das, was war, ist Vergangenheit, mit der er nichts mehr zu tun haben will. Die Möglichkeit, auf die die Brüder hoffen: Josef kann freundlich reagieren und ihnen vergeben und es kann zu einer neuen Beziehung kommen. Das alles ist offen, als die Brüder den Boten zu Josef schicken.
Es erfordert Mut, sich seinen Fehlern und seiner Schuld zu stellen. Damals wie auch heute bei uns. Einem anderen zu sagen: „Du, ich habe etwas falsch gemacht!“, ist immer auch ein Risiko. Denn die Frage „Wie nimmt der andere das auf? Wird er die Gelegenheit ausnutzen?“, die ist immer ungeklärt.
Die Brüder schicken also den Boten zu Josef und, um ihn positiv zu stimmen, berufen sie sich auf ihren Vater. „Dein Vater hat uns vor seinem Tod die Anweisung gegeben: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.“
Dabei belassen sie es aber nicht. Es scheint ihnen nicht zu genügen, denn sie fügen eine persönliche Bitte hinzu: „Deshalb bitten wir dich: Verzeih uns unser Unrecht! Wir bitten dich bei dem Gott deines Vaters, dem auch wir dienen!“ Bei dieser persönlichen Bitte berufen sie sich auf Gott. Sie bitten um Vergebung im Angesicht Gottes. Sie hoffen, dass Josef dem Gott seines Vaters treu geblieben ist, der sie miteinander verbindet, auch wenn der Vater nicht mehr lebt.
Die Brüder haben erste Schritte getan. Nun ist Josef dran.
Josef weint. Was er sagt, erfahren wir nicht. Die Tränen reichen. Vielleicht sind es Tränen der Freude, weil ein neuer Weg, ein neues Miteinander möglich wird. Vielleicht sind es Tränen der Erleichterung, weil nun auch er alte Fehler und Schuld benennen kann. Vielleicht weint Josef auch über die verpassten Lebensmöglichkeiten, die er mit seinen Brüdern hätte haben können. Oder weil sie ausbrechen können aus dem Teufelskreis von Lüge und Schuld. Das bleibt offen.
Nun erfolgt der dritte Schritt der Brüder, nachdem das vorsichtige Herantasten geklappt hat. Als die Brüder hören, dass Josef weint, da gehen sie selber los. Da liefern sie sich ihm völlig aus. Denn sie fallen vor ihm auf die Knie und sagen auch noch: „Wir sind deine Knechte.“ Josefs Traum vom Anfang ist tatsächlich wahr geworden. Auf Seiten der Brüder ist da aber keine Eifersucht mehr. Sondern Anerkennung und die Bitte, ihnen freundlich zu begegnen.
Und Josef? Er macht deutlich, dass er nicht über seine Brüder richten oder herrschen will. Das sagt er ganz deutlich: „Stehe ich denn an Gottes statt?“
Josef und seine Brüder begreifen, dass nur Gott über ihr Verhalten urteilen kann und wird. Aber durch das Eingestehen ihrer Verletzungen und Fehler, haben sie die Chance, noch einmal neu zu beginnen. Das tun sie nicht mit großen Worten, sondern mit Taten.

Ende gut, alles gut? Ja, denn Josef hat viel gelernt in seinem Leben.
Er hat auch in den schwierigsten Situationen seines Lebens Gottes Hilfe erfahren und weiß nun, dass Gott es gut meint mit ihm und seinen Brüdern. In all dem Schlimmen, das er hat durchmachen müssen, hat er gespürt, dass Gott da ist. Auch wenn es nicht so schien, hatte Gott es doch gut gemeint.
Das finde ich toll an Josef, dass er im Nachhinein positiv auf sein Leben blicken kann.
Und so sagt Josef zu seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Und er verspricht ihnen, dass er nun für sie sorgen wird und alle am Leben erhalten. Damit ist ein Neuanfang gemacht.
Josef wird beschenkt, denn die Brüder bleiben ihm erhalten. Er hat endlich einen Platz in seiner Familie gefunden, ohne Angeberei, ohne Hilfe, einfach mit seiner Bereitschaft, das Leben aus Gottes Hand zu nehmen.
Die Brüder werden beschenkt. Die Last ihres Lebens ist ihnen genommen. Auch für sie hat Gott es gut gemacht, denn nun müssen sie nicht verhungern. Und sie können ihrem Bruder Josef versprechen, ihn am Ende seines Lebens im Land seiner Väter eines Tages zu beerdigen.
Bei Josef und seinen Brüdern ist am Ende alles gut. Und bei uns?
Vielleicht kann uns diese Familiengeschichte auch Mut machen zu einem Neuanfang. Vielleicht kann sie uns helfen, in unseren Familienkonflikten noch einmal neu nachdenken über das, was war. Und dann auch den ersten Schritt zu gehen.
Und ich wünsche mir, dass auch wir so wie Josef einmal auf unser Leben zurückblicken können und sagen können: Gott gedachte es gut zu machen. Dass auch wir über unser Leben sagen können: Ende gut, alles gut. Amen.

 

Perikope
09.07.2017
50,15-21

Hölle der Einheit, Himmel der Vielfalt – Predigt zu Genesis 11,1-9 von Katrin Berger

Hölle der Einheit, Himmel der Vielfalt – Predigt zu Genesis 11,1-9 von Katrin Berger
11,1-9

Eine Welt, eine Menschheit, eine Sprache.

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint.

Utopia, eine Ebene im Lande Schinar.

Zu schön, um wahr zu sein. So perfekt, dass es Angst macht. Besser kann es nicht mehr werden, nur noch schlechter.

Also:„Das muss alles so bleiben, Augenblick verweile doch, du bist so schön!“1

Also: Den Augenblick feuerfest einbrennen, verewigen in Stein, einmauern den Moment, die Einheit und Gleichheit festzementieren.

Ein Zeichen setzen, groß und hoch, ein Turm, einer für alle, alle für einen: „Dass wir uns nicht zerstreuen über die ganze Erdfläche!“ (Gen 11, 4)

Lieber wie Sklaven Lehmziegel fabrizieren als DAS zu riskieren: Eine Erde, eine Menschheit, eine Sprache.

Ein Ort, ein Name, ein Projekt.

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint in der Angst, DAS zu verlieren.

Also: „Verweile doch, du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“2

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint an einem Ort, in einem Projekt, um sich einen Namen zu machen.

Utopia, eine Ebene im Lande Schinar, Babylon.

Ein Augenblick, der Anfang der Menschheitsgeschichte wunderschön, paradiesisch, fühlt sich an wie himmlische Ewigkeit. Ein Augenblick. Nicht länger, denn dann kommt die Angst. Dazu hat Gott nicht seinen Segen gegeben: Gleichsein müssen, einem Namen Rechnung tragen, für ein Denkmal leben, sind die Fesseln der Hölle.

 

Ich möchte nicht einmal wirklich darüber nachdenken, wie es wäre, in so einer Stadt zu leben. In der die ganze Welt zusammen ist, aber alle gleich sind, uniform. In der die ganze Welt zusammen ist und Angst hat, ihre Einheit zu verlieren. Ich bekomme Beklemmungen, ich muss an die vielen Beispiele in Geschichte und Gegenwart denken. Erst Utopia, dann Katastrophia.

„Fesseln“, denke ich: Vielleicht sind sie ja nur gleich, WEIL sie Angst haben.

Angst vor anderen Welten und Kontinenten, Angst vor anderen Sprachen und Deutungen,

Angst vor einem anderen Leben – dem eigenen und dem der anderen.

Eingekesselt in der Ebene, umgeben von „Manweißesliebernicht“.

Ich würde soviel vermissen.

Mindestens den Grand Canyon und den Rhein, den Döner und Croissants mit Butter, meinen Hund Perla aus Polen und die englische Sprache.

Es gibt viele deutsche Ebenen, wo ich mein Leben verbringen könnte, wo jedem Anfang ein Zauber innewohnte3, aber wenn ich diesen Anfangszauber hätte festhalten müssen und niemals mehr woanders hingedurft hätte, er hielte mich gefangen: in Fesseln.

Denn am Grand Canyon wie am Rhein, mit dem Döner in der Hand und dem Croissant im Bauch, am anderen Ende von Perlas Hundeleine und Englisch sprechend bin ich ein anderer Mensch. Nicht gleich ich. Nicht wie die anderen Frauen, Deutschen, Menschen. Ich bin es nie gewesen, zumindest nie länger als einen Augenblick, Identität oder Authentizität, immer nur jetzt und gleich wieder anders.

Die Anfangszauber waren überall schön: mit Brigitte am Grand Canyon, mit Gerald am Rhein, mit Mama im Dönerladen und Papa am Atlantik. Mit Perla am Kanal und alleine in Amerika. Aber für immer?

„Fesseln“, denke ich: Was muss man sich beschränken, begrenzen, wenn alles dann so bleiben soll, wie es ist, auf „dass wir uns nicht zerstreuen über die ganze Erdfläche!“ (Gen 11,4)

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint an einem Ort, in einem Projekt, um sich einen Namen zu machen.

Eingekesselt in der Ebene, umgeben von „Manweißesliebernicht“.

 

Ich möchte nicht einmal wirklich darüber nachdenken, wie es wäre, in so einer Kirche glauben zu müssen. In der alle Christen zusammen sind, alle gleich sind, uniform. Alle verstehen sich, verstehen alles gleich: Gott und die Bibel, Taufe und Abendmahl. Gehen alle in einen Gottesdienst, singen am liebsten die gleichen Lieder (wahrscheinlich wären das die alten Choräle aus dem neueren Evangelischen Gesangbuch), beten alle um das Eine, spenden ihre Zeit und Geld für das Gleiche, in einem Gotteshaus.

Es gibt Menschen, die fänden das himmlisch, paradiesisch geradezu. Ich frage mich, wie lange sie das täten. Denn sie müssten dann wirklich ALLES dafür tun, dass es so bleibt.

 

Für mich wäre so eine Kirche die Hölle. Ich wäre in so einer Kirche eine Verräterin; ich würde verstoßen nach „Manweißesliebernicht“, dem Land, in das es mich zieht.

Ich würde dorthin letztlich gerne „gehen“ und ich habe es auch schon getan, damals in Krelingen, als mir andere junge Theologiestudenten sagten: „Du musst das so glauben, wie mein Vater, der ist Pfarrer, der glaubt es richtig.“

Ich würde letztlich immer wieder gerne ausziehen aus einer solchen Gemeinschaft: Aus Neugier, aus Langeweile, aus Liebe zur Welt und mir selbst, heraus aus den Fesseln der Angst, dem Sklavenhaus der Einheit.

Ich würde letztlich gerne gehen, denn ich wäre gesegnet, wenn ich mich zerstreuen dürfte über die Erde, getrieben vom Geist der Freiheit (1.Kor 3,17). Ich wäre gesegnet mit anderen, die mit mir die Erden füllen würden, ich wäre nicht allein und wir wären fruchtbar (Gen 1,28).

Ich wäre dankbar, wenn Gott endlich kommt und dem Einbrennen, dem Verewigen in Stein, dem Einmauern und Festzementieren des Anfangszaubers ein Ende machte und den Turm der Gleichmacherei zu einer Bauruine.

Ich wäre selig, wenn es weitergehen dürfte, die Kirche sich entwickeln dürfte, so bunt und reich wie die Völker und Länder dieser Erde.

Ich wäre hoffnungsvoll, wenn wir uns nicht mehr sofort einig sein müssten, wenn wir voreinander stehen, uns anbabbeln und in die Welt zerstreut würden.

Denn ich weiß: Nur wer vor sich hinbabbelt, in die Welt zerstreut wird, spricht irgendwann seine eigene Sprache.

Ich habe Gott erfahren mit denen, die anders waren als ich, die anders von Gott redeten und deren Bibelinterpretation ich zuerst gar nicht verstanden habe: Jesus als schwarzer Sklave? Deren Gottesdienste mich irritierten, meinen Glauben in Frage stellten: So laut, so politisch.

Wenn Abendmahl und Taufe mehrere Deutungen haben, wenn das Brot nach Honig schmeckt und die Taufbecken in der Kirche immer voller Wasser sind, dann ist das himmlisch für mich, für einen Augenblick, paradiesisch, dann sind wir uniert, zusammen, aber in Vielfalt, in Spannung, die trägt. Mit anderen Rhythmen, in anderen Sprachen, mit anderen Liedern, an anderen Orten. Dann muss ich mitsingen, ich muss zu den anderen hingehen, genauer hinhören. Dann kommen wir uns nah trotz aller Verschiedenheit, dann wird es Pfingsten, dann fährt Gott zu uns hernieder. Dann höre ich die anderen in meiner Sprache von den großen Taten Gottes reden (Apg 2,10), dann sind wir ein Leib mit vielen Gliedern (1.Kor 12,4-11), mit einer Mission für eine zerstreute Menschheit (Mt 28,19), in einer vielfältigen Welt.

 

 

1 I Faust. Eine Tragödie, Johann Wolfgang Goethe.

2 I Ebenda.

3 I Stufen, Herman Hesse.

Perikope
05.06.2017
11,1-9

Möglichkeitsmensch - Predigt zu 1. Mose 16,13 von Bischof Dr. Michael Bünker

Möglichkeitsmensch - Predigt zu 1. Mose 16,13 von Bischof Dr. Michael Bünker
16,13

Diese Predigt wurde zum Ökumenischen Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt auf der Schlosswiese Wittenberg im Rahmen des Kirchentages 2017 gehalten.

 

Liebe Gottesdienstgemeinde auf der Schlosswiese,

in meiner österreichischen Heimat gehört es zum guten Ton, dass man den Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil gelesen hat. Er erzählt die Geschichte Kakaniens, so nennt Musil die alte Habsburgermonarchie, kaiserlich und königlich, k und k, daher Kakanien. Im Roman prallen zwei Prinzipien aufeinander, einmal der Wirklichkeitssinn und dann der Möglichkeitssinn. Diesen Prinzipien begegnen wir heute überall, wir begegnen ihnen, wenn wir auf Europa blicken, auf seine Wirklichkeit und auf seine Möglichkeit, wir begegnen ihnen im Blick auf unsere Länder, wo wir auch alles Mögliche wahrnehmen und uns ausmalen und in ein Verhältnis bringen müssen zur Wirklichkeit, wie sie nun einmal ist, wir begegnen ihnen auch in unserem persönlichen Leben, das ja nie einfach aufgehen will und aufgehen soll im Wirklichen, sondern sich immer darüber hinaus sehnt und träumt in das Reich der Möglichkeiten. Im Roman Robert Musils bewegt sich Ulrich, die Hauptfigur, eben der Mann ohne Eigenschaften. Ulrich ist ein Möglichkeitsmensch. Möglichkeitsmenschen haben gewisse Schwächen, sie können sich schwer oder gar nicht für dies oder das entscheiden, sie verirren sich auf den ausgetretenen Straßen der allgemeinen Regeln und der Vernunft, sie gebrauchen gerne und viel zu oft den Konjunktiv, wenn sie reden. Aber sie bringen eine große Stärke mit: Möglichkeitsmenschen sind Anwälte für die noch nicht geborenen Wirklichkeiten! So formuliert es Musil: Möglichkeitsmenschen sind Anwälte für die noch nicht geborenen Wirklichkeiten.

Einem solchen Möglichkeitsmenschen, einem solchen Anwalt der noch nicht geborenen Wirklichkeit begegnet Hagar auf ihrer Flucht in der Wüste. Weil das Buch Genesis lange vor Robert Musils Mann ohne Eigenschaften geschrieben wurde, steht dort noch nichts vom Möglichkeitsmenschen. Die Bibel nennt den Anwalt der noch nicht geborenen Wirklichkeit einen Engel, einen Boten Gottes. Das tut die Bibel öfter, wenn sie nicht recht weiß, wie diese Personen bezeichnet werden sollen, die als Anwältinnen und Anwälte der noch nicht geborenen Wirklichkeit in Erscheinung treten. Hagar, die schwangere, flieht. Der Engel fragt sie: Woher kommst du? Wo willst du hin? Sie kann nur auf die erste Frage antworten: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. Auf die zweite Frage, auf die nach der Zukunft, nach ihrem Ziel, weiß sie nichts zu sagen. Ihre Wirklichkeit kennt keine Möglichkeit. Nicht mehr. Noch nicht. Sie steckt fest. Wie die Menschen auf der Flucht, die irgendwo zwischen Serbien und Ungarn, im Libanon oder in Jordanien, auf einer griechischen Insel oder in Italien oder hier bei uns in den langen Verfahren feststecken. Woher sie kommen, das wissen sie. Wie es weitergeht mit ihnen, wo sie hinwollen dürfen, das wissen sie oft nicht. Die biblische Geschichte verdichtet diese Fluchterfahrung in wenigen Worten und konzentriert sie ganz auf die schwangere Frau, auf den verletzlichsten Ort, den Menschen kennen, den verwundbarsten Ort der ganzen Welt. Im Buch der Offenbarung begegnet uns wieder die schwangere Frau, auf der Flucht vor dem Drachen, vor dem apokalyptischen Bösen, das das Leben insgesamt bedroht, indem es diesem einen Leben, dem noch ungeborenen, im Leib seiner Mutter nachstellt. Ich bin geflohen. Ich weiß nicht wohin. Immer wieder lenkt die Bibel unseren Blick auf die Verletzlichen. Wenn schon sonst niemand – Gott naht sich ihnen. Er sieht sie, genau die, die aus dem Blick aller anderen verschwunden sind. Für Abram und Sarai, wie die beiden Alten, die Hagar zur Flucht getrieben haben, hier noch heißen, war die Schwangere aus den Augen, aus dem Sinn. Allein bleiben sie zurück mit ihrer Zukunftslosigkeit.

Du wirst ein Kind gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen. O ja, das kommt uns bekannt vor. Fast wortgleich sagt das der Engel, der Möglichkeitsmensch, auch der jungen Maria: Du wirst schwanger werden, einen Sohn gebären und sollst ihm einen Namen geben: Jesus.

Mit dem Namen ändert sich plötzlich alles. Hagar weiß: Wer einen Namen hat, hat Zukunft. Wer einen Namen hat, wird unter die Lebendigen gezählt. Wer einen Namen hat, gehört dazu. Ist vom No-body zum Some-body geworden. Der Möglichkeitsmensch ist der Anwalt der noch nicht geborenen Wirklichkeit. Der Engel gibt dem noch nicht geborenen Sohn der Hagar einen Namen. Ismael. Das heißt: Gott hört. Der Engel sieht schon, was noch gar nicht da ist. Er sieht die Zukunft mitten in der undurchschaubaren Gegenwart, die vielleicht noch verdunkelt und überschattet ist von den schlimmen Dingen der Vergangenheit. Darauf reagiert Hagar und legt sich auf ihren Namen für Gott fest: Du bist ein Gott, der mich sieht. El-Roi auf Hebräisch, kurz und bündig. Die Zukunft öffnet sich uns gemeinsam, Frau und Kind und Frau und Kind und Gott. Und wie im Überschwang beginnt sie plötzlich auch den Ort zu benennen, das ist der Brunnen und er verdient es auch, einen eigenen Namen zu tragen, Brunnen des Lebendigen, der mich sieht, und er liegt zwischen zwei Orten, deren Namen ebenfalls genannt werden: Kadesch und Bered.

Mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer eigenen Erfahrung benennt Hagar alles: Himmel und Erde, Gott, Kind und Brunnen und nimmt damit sich selbst und alles hinein in die Geschichte, die ihr eröffnet wird, die ihre Geschichte wird. Plötzlich weiß sie, wo sie hin will. Da ist nichts Fremdes mehr, nichts bleibt unpersönlich, anonym. Alles hat mit ihr zu tun und fügt sich zum Guten. Es ist ihre Welt, ihre Geschichte, ihr Leben. Sie kann ihren Weg gehen.

Ich staune immer über die biblischen Geschichten, die uns erzählen, wie konsequent der liebende Gott sich den Menschen zuwendet. Am liebsten denen, die am Rand stehen. Die verschwunden sind, vergessen wurden, von denen wir keine Namen wissen und nie einen erfahren werden. Er sieht sie, genau sie, die sonst übersehen werden oder am besten ganz verschwinden sollen. Er sieht sie, genau sie, gerne, er sieht sie sogar lieber als sich selbst.

Allzu oft und allzu gern wurde aus dem Gott, der mich sieht ein absoluter Überwachungstyrann, der mich bespitzelt und überwacht. Die moralische Superinstanz, die selbst die kleinsten Verfehlungen, die im Dunklen geschehen, noch wahrnimmt und registriert. Was für eine Verkehrung! Im Namen Hagars und ihres Gottes widerspreche ich einem solchen Gottesbild. Dieses Sehen, der Blick der Videoüberwachung, fixiert die Gegenwart, indem es die Vergangenheit für alle Zeit dokumentiert. Es will die Wirklichkeit sichern, ohne Möglichkeit wahrzunehmen. Misstrauen und Angst lenken den Blick. Zukunft eröffnet das keine. Gottes Sehen hingegen befreit von den Schatten der Vergangenheit, bricht die bedrückenden Zwangslagen der Gegenwart auf und öffnet die Zukunft. Es ist die Zuwendung aus Liebe. Dass wir diese biblischen Geschichten haben, dass uns hier auf der Schlosswiese in Wittenberg von einer schwangeren Frau in der Wüste Negev an einem Brunnen erzählt wird, das ist ein besonderes Geschenk, ein Reichtum, eine Inspiration für unseren Glauben und unser Leben. Unser Möglichkeitssinn wird geweckt! Wir können anders, wir können neu, weil Gott uns hört, weil Gott uns sieht. Er will uns erhören und ansehen. Es ist nichts als Gnade, wunderbare Gnade, es ist Amazing Grace.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus,

Amen

Perikope
25.05.2017
16,13

Der menschliche Gott – Predigt zu Genesis 11,1-9 von Eberhard Busch

Der menschliche Gott – Predigt zu Genesis 11,1-9 von Eberhard Busch
11,1-9

Beim gegenwärtigen Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren ist viel von Martin Luther die Rede. Hören wir von ihm den nachdenkenswerten Satz: „Darum wurde Gott Mensch, damit wir vermeintlichen Götter zu Menschen würden!“ Gott widersteht also mit Ernst den Hochmütigen, auch denen, die in aller Bescheidenheit hochmütig sind. Aber er tut es uns zugute. Er tut es nicht mit einem drein schlagenden Hammer, sondern er tut es auf eine höchst humane Weise. Er tut es, indem er selbst Mensch wird. Gott sei Dank! „Darum wurde Gott Mensch, damit wir vermeintlichen Götter zu Menschen würden!“ Die sagenhafte Geschichte vom Turmbau zu Babel veranschaulicht uns dieses Evangelium.

Da läuft freilich zunächst Erhebliches schief: Menschen wollen sich selber unter den Völkern „einen Namen machen“ (Gen 11,4b). Sie sind darum von dem Ehrgeiz angetrieben, von der Erde aus in den Himmel zu kommen. Und sie geben sich dabei größte Mühe. Der Hoch-Bau, den sie im Sinn haben, soll noch höher sein als alle Wolkenkratzer. Der soll ein Himmelskratzer werden, „dessen Spitze bis in den Himmel reicht“ (Gen 11,4). Demnach ist ihre ganze Tätigkeit durchaus eine religiöse Unternehmung. Ein heutiger Gelehrter hat jüngst erklärt, die Menschheit sei nahe daran, sich vom bisherigen homo sapiens, dem vernunftbegabten Menschen, höher zu entwickeln zum homo Deus, das heißt: zum Menschgott. Und schnell ist auch ein neues Buch erschienen mit diesem Titel: Homo Deus, Menschgott. Aber wohlgemerkt, so ganz neu ist dieser Traum nicht. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt, wie eine Schlange die Ureltern versucherisch lockte: „Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen  3,5). Und beim Turmbau zu Babel wollen die Menschen das nun verwirklichen, wollen sich einen Namen machen. Sie wollen dorthin, wo Gott wohnt, um neben ihm Platz zu nehmen, vielmehr um ihm seinen Platz zu nehmen. Sie wollen sich aufführen wie ein Gott, eben als ein Menschgott. Natürlich, sie sind religiös, aber ihre Religion dient vor allem ihrem Ich. Ihre Religion besteht darin, sich selbst an die erste Stelle zu rücken. Dabei mögen sie all die Riten pflegen, die zu einer Religion gehören, mit Babytaufe und Konfirmation und dann eine Bestattung, in der der Mensch noch einmal hochgelobt wird. Doch ihr Unternehmen ist hohl, weil Gott, der wahre, der lebendige Gott dabei nicht mitmacht. Sie brauchen ihn anscheinend auch nicht, weil sie an sich selbst genug haben. Sie pflegen eine Religion, in der sie nur sich selbst meinen. Es geht ihnen um einen Kult, wie er beim Propheten Jesaja beschrieben ist: Da basteln sie sich einen Gott, um dann vor ihrem eigenen Gebilde niederzuknien und es anzubeten (Vgl. Jes 44, 17). So wollen sie sich einen Himmel nach ihrem eigenen Geschmack machen. Aber indem die Leute beschäftigt sind mit dem Bau eines himmelstürmenden Turms, geschieht das, was in Psalm 2 steht: „Der im Himmel wohnt, lacht über sie.“(Ps 2,4) Ihr Hochmut ist gepaart mit Dummheit. Damit haben sie nämlich auf der ganzen Linie nicht gerechnet: mit dem lebendigen Gott. In unserer Geschichte wird noch spöttischer gesagt: „Da fuhr Gott hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.“ (Gen 11,5) So als ob er sehr kurzsichtig wäre und gar eine Brille brauchte, steigt er herab, um sich das menschliche Unterfangen aus der Nähe anzuschauen. Jener Hochbau ist in seinen Augen offenbar kleinkariert. Die Menschen zu Babel hatten gesagt: „Wohlauf, lasst uns einen Turm bauen.“ (Gen 11,3) Aber nun spricht Gott dem entgegen, sein anderes Wohlauf: „Wohlauf, lasst uns hernieder fahren.“ Gott lässt sich von noch so klugen oder törichten Machenschaften nicht aufhalten. Er wird nicht im Geringsten ausgeschaltet durch den Versuch, ihn an die Seite zu schieben.

Im Gegenteil: Wenn der Mensch solch einen Versuch startet, wird er erfahren, was wir im Unser-Vater-Gebet zu Gott sagen: „Dein ist die Macht“. Und Paul Gerhardt spricht uns im Lied hoffnungsvoll zu: „Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“ (EG 361,7) Der Mensch bedroht nur sich selber, wenn er das vergisst. Noch einmal Martin Luther: „Darum wurde Gott Mensch, damit wir vermeintlichen Götter zu Menschen würden“. Daran fehlt es uns doch in so vielen Hinsichten: an Menschlichkeit. Und darum sitzt Gott nicht nur im Regimente. Darum steht er auf. Darum kommt er herab, ja, darum fährt er hernieder, in die Tiefe, wo wir Menschen uns selbst lebensgefährlich bedrohen. Da muss Gott eingreifen. Und er wird eingreifen. Da muss er sie wachrütteln. Er greift ein in seinem strengen Erbarmen.

Die Strenge zeigt sich darin, dass er den Menschen nicht gelingen lässt, was sie hier im Schilde führen. Er tut das nicht, weil er Angst hat um sein eigenes Dasein. Er tut das, weil er Angst hat um den Menschen und sein Überleben. Er setzt sein eigenes Dasein dafür ein, dass wir Menschen leben und überleben. Darum sagt er unzweideutig Nein zu unseren Verkehrtheiten. Dieses Nein ist für uns zweifellos hart. Sein Nein besteht darin, dass er sich zu den Taten querstellt, mit denen wir uns übernehmen. Sein Nein besteht darin, dass es uns Menschen nicht gelingen kann, uns an die Stelle Gottes zu setzen. Und achten wir genau drauf: Das Nein bringt Gott zur Geltung nicht durch ein bloßes Verbot, das man ja auch übertreten kann. Das Nein bringt er ganz ungehindert zur Geltung durch seine mächtige Gegenbewegung: „Da fuhr der Herr hernieder.“ (Gen 11,5a) Dem Menschen kann man nicht so schnell Grenzen setzen. Aber damit, dass Gott in seiner Gegenbewegung zum menschlichen Hochmut sich erniedrigen kann und erniedrigt hat, damit ist Gott für uns Menschen echte Grenze.

Wo jedoch Gott nicht mehr Herr in unserem Haus ist, da sind wir damit gestraft, dass wir auch untereinander nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Da geraten wir in eine endlose traurige Kette von Missverständnissen – zwischen Eheleuten, zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, zwischen uns und unseren Nachbarn, zwischen mancherlei Völkern und zwischen den politischen Lagern. Da denkt man oder sagt man: Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Und das gegenseitige Unverständnis muss nicht an verschiedenen Sprachen liegen. Oft reden Menschen dieselbe Sprache und verstehen sich gleichwohl keineswegs und können sich nicht verständigen. Und oft gerät man wegen Nichtigkeiten hart aneinander. Ich hörte einst einen Studenten in einem blöden Streit seinen Kameraden anschreien: „Ich biete Dir hiermit mein Sie an!“

Der Dichter Goethe hat einmal darüber geklagt, „dass niemand den andern versteht, dass keiner bei denselben Worten dasselbe denkt wie der andere.“ Wer kennt das nicht? Geht es so unter uns zu? Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat einen aufwühlenden Roman geschrieben mit dem Titel „Durcheinandertal“ und er sagt darin, dass wir alle in diesem schrecklichen Tal hausen. Wir kennen doch die sprichwörtliche babylonische Sprachverwirrung, in der keiner mehr sich dem Anderen begreiflich machen kann. Wer kann sich da noch seinem Nächsten anvertrauen. Die Menschen in Babel wollten sich eigentlich mit ihrem Turmbau einen ehrenvollen Namen unter den Völkern machen. Aber nun bekommt durch Gottes Gegenzug der Name „Babel“ verdientermaßen die Bedeutung: Wirrnis, Tohuwabohu, Chaos.

Allerdings: Gott vernichtet die Babel-Sünder nicht. Sein strenges Erbarmen ist gleichwohl und gerade so lauter Erbarmen. Mögen die Menschen in ihrer Wirrnis es noch nicht verstehen, es ist ganz und gar gnädig, dass Gott ihnen ihr Vorhaben nicht gelingen lässt. Es ist gut, dass er einen Strich durch ihre Rechnung macht, denn diese Rechnung ist grundfalsch. So wird Platz geschaffen für einen Neubeginn. In seinem Nein ist ein Ja verborgen, ein Ja, das eines guten Tages ans Licht treten wird. Denn Gott ist ein menschlicher Gott. Und weil er ein menschlicher Gott ist, darum ist es eine Wohltat sondergleichen, dass er dafür eintritt und dafür sorgt, uns vermeintlichen Götter zu Menschen zu machen, um noch einmal den Reformator zu zitieren. Inmitten der heute ja herrschenden endlosen Unmenschlichkeiten ist es höchste Zeit, dass wir aus unseren hochfliegenden Träumen einmal aufwachen und endlich menschlich werden. Hat Gott nicht davor zurückgescheut, Mensch zu werden, wie sollten wir da nicht gerne Menschen sein.

Wir hören auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel in diesen Tagen des Pfingstfestes. Worum geht es da? Wir feiern es recht, wenn wir es tun mit der Bitte zu Gott, es möge sich unter uns wiederholen, in unseren Kirchen und Gemeinschaften, was uns vom ersten Pfingstfest in Jerusalem erzählt wird. Da seien verschiedenste Menschen beisammen gewesen. Und plötzlich, so heißt es,  (Apg 2,2) Pfingsten ist das Fest des heiligen Geistes. Was da geschehen ist und was auch bei uns „braust“, wenn es sich wiederholt, das ist das Gegenstück zu dem Turmbau zu Babel von der Erde Richtung Himmel. Umgekehrt: So wie damals Gott vom Himmel hoch „hernieder fuhr“, so kommt an Pfingsten Gottes Geist zu uns herab, trifft uns, „wie wenn ein gewaltiger Wind daherfährt“.

Und der macht uns nicht sprachlos. Seine Wirkung zeigt sich zuerst darin, dass er Menschen den Mund öffnet, so dass jeder zu Wort kommt. So verschieden sie reden, sie reden alle von demselben, von den großen Taten Gottes, von seinem strengen Erbarmen. Und so mannigfaltig ihre Ausdrucksweisen sind, es wird doch verstanden, was sie sagen. Wiederum, was sie sagen, geschieht in bunter Verschiedenheit, in mancherlei Sprachen und wird in ihnen wohl verstanden. Gottes heiliger Geist sorgt für Einigkeit in der Vielfalt und für Vielfalt in der Einigkeit. Die von ihm bewegten Menschen sind nun gar nicht himmelsstürmerisch, aber sie werden recht menschlich und werden hinbewegt zu ihren Mitmenschen. Sie werden verbunden mit ihnen, mit solchen, die vielleicht eine sehr seltsame Sprache reden und eine eigenartige Herkunft haben, und ihre Botschaft wird doch von ihnen verstanden und führt dazu, dass sie untereinander zu Freunden werden! Das ist das Ende der Verkehrung im „Durcheinandertal“. So erreicht die frohe Botschaft auch uns. So sendet sie auch uns aus zu Helfern unter selbst fremden Zeitgenossen. So macht sie uns willig, einander die Hand zu reichen.

Perikope
05.06.2017
11,1-9

Es muss im Leben mehr als alles geben – Predigt zu Genesis 3 von Nico Szameitat

Es muss im Leben mehr als alles geben – Predigt zu Genesis 3 von Nico Szameitat
3,1-19

Beim Abendbrot sind die beiden Jungs noch ganz aufgedreht: „Am coolsten fand ich auf der Kirmes das Kettenkarussell! Als ob man fliegen würde!“ „Nee, am allercoolsten war der Irrgarten mit den Spiegeln, wo Mama voll gegen die Scheibe gelaufen ist – Bäm!“ Die Jungs lachen. Auch Eva muss grinsen: „Ist ja gut, Jungs. Nun beruhigt Euch mal und esst endlich.“
Die Küche ist klein, aber gemütlich. So klein, wie sie eben in einer 65-Quadratmeter-Wohnung mit dreieinhalb Zimmern ist. Adam und sie müssen beide arbeiten gehen, damit sie sich die Wohnung leisten und den Jungs ein bisschen was bieten können. Aber spätestens wenn die beiden aus der Grundschule rauskommen, wird wohl jeder von ihnen ein eigenes Zimmer brauchen.
„Abel, nun hör auf, mit den Gurken zu spielen und iss was!“ sagt Adam. „Ich mag nicht. Ich habe Bauchweh.“ „Na, das ist ja kein Wunder bei dem allen, was Ihr auf der Kirmes verdrückt habt. Und dann musste es ja noch unbedingt dieser rote Paradiesapfel sein. Ich weiß gar nicht, was man an diesem roten, klebrigen Zeug finden kann.“ „Ach, Adam, sei nicht so streng.“, sagt Eva. „Ich mache dem Jungen gleich noch eine Wärmflasche. Und nun ab, ihr beiden, Zähneputzen.“
Zehn Minuten später liegen die Jungs zähnegeputzt und in ihren Schlafanzügen im Stockbett, Kain oben, Abel unten. „Und was für eine Gute-Nacht-Geschichte möchtet Ihr heute hören?“ fragt Adam. „Jenny!“ ruft Kain von oben. „Genau!“, ruft Abel, „Jenny, der Hund! Jenny! Jenny! Jenny!“ „Ist ja gut…“, sagt Adam. „Ich weiß gar nicht, was ihr an der Geschichte findet. Aber nun gut. Dann lese ich sie eben…“

Es war einmal ein Hund namens Jenny. Jenny hatte alles. Sie schlief auf einem runden Kissen im oberen und auf einem eckigen Kissen im unteren Stockwerk. Sie hatte einen eigenen Kamm, eine Bürste, zwei verschiedene Pillenfläschchen, Augentropfen, Ohrentropfen, ein Thermometer und einen roten Pullover für kalte Tage. Sie hatte zwei Fenster zum Hinausschauen, zwei Futterschälchen und ein Herrchen, das sie liebte. Doch eines Nachts, um Mitternacht, packte Jenny alles, was sie hatte in eine große schwarze Tasche mit goldener Schnalle. „Wohin willst Du?“ fragte die Topfblume. „Du hast hier doch alles!“ „Es muss im Leben mehr als alles geben!“, sagte Jenny, nahm ihre Tasche und verließ ihr sicheres Zuhause.

Adam und Eva, das Paradies und der Apfel, die Schlange und der Sündenfall. Jahrhundertelang waren die Stichworte der Geschichte klar und eindeutig. Ach ja, und Verführung, darum ging es doch: Die Schlange verführte Eva, Eva verführte Adam und beide aßen den verbotenen Apfel und wurden als Strafe aus dem Paradies geworfen. Mit dem verbotenen Paradiesapfel war die Sünde in der Welt und wurde als sogenannte Erbsünde von Generation zu Generation weitergegeben. Und so lehrten es auch die Theologen von Generation zu Generation, von Augustin bis Luther und von Luther bis ins 20. Jahrhundert. Man kann die Geschichte aber auch ganz anders lesen. Von Sünde ist da gar keine Rede. Man kann die Geschichte mit den Worten von Jenny hören: „Es muss im Leben mehr als alles geben.“

Adam und Eva hatten alles, was sie brauchten. Alles. Genug zu essen, tolles Klima, nette Tiere als Gesellschaft, kurzum: das Paradies. Und doch spürten sie: Es muss im Leben mehr als alles geben. Und dann steht da dieser Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Bislang müssen Adam und Eva nicht entscheiden, was gut und böse ist. Denn alles ist schon von Gott entschieden. Es ist gut, im Paradies zu leben, und es ist böse, von dem einen Baum da zu essen. Eva und die Schlange diskutieren. Und dann trifft Eva zum ersten Mal eine eigene Entscheidung über Gut und Böse. Sie entschließt sich und sagt: „Ja, es ist gut, jetzt von diesem Baum zu essen.“ Und auch Adam trifft eine Entscheidung: Ja, es ist gut, von den Früchten dieses Baumes zu essen. Nur ein Apfel und sie sind selbständig. Nur ein Apfel und sie sind erwachsen. Und sie stehen auf einmal vor der Tür.

Die Tür zum Paradies ist zu. Es gibt kein Zurück mehr. Die perfekte und behütete Welt bleibt verschlossen. Aber wenn Adam und Eva sich umdrehen, dann sehen sie eine neue Welt: Willkommen in der Freiheit! Na gut, die neue Welt ist wahrlich kein Paradies mehr. So eine dreieinhalb-Zimmer-Wohnung will halt bezahlt werden. Der Acker muss erst bearbeitet werden, bevor er Frucht trägt, aber dafür kann ich mich entscheiden, was ich säen und dann ernten will. Das Paradies ist verloren, aber dafür hat der Mensch den freien Willen gewonnen. Und so gehört es zum Menschsein immer wieder dazu, sich ein Urteil über Gut und Böse zu bilden und Entscheidungen zu treffen: Esse ich den Apfel oder lieber eine Tüte Chips?

Ja, bei mir hat die Frucht der Verführung keine Apfelform, sondern die Form einer Tüte Paprikachips. Und am Anfang der Woche habe ich mir eine Abschiedstüte gegönnt. Denn seit Mittwoch ist Fastenzeit, sieben Wochen lang bis Ostern. Und viele Menschen mit mir verzichten in dieser Zeit auf Lieb- und Teuer-gewordenes. Warum nicht mal ohne Wein oder ohne Fernseher leben? Oder vielleicht sogar ohne Chips? Sieben Wochen sind wir unterwegs und wir haben die Freiheit „Nein“ zu sagen. Nein zu den Versuchungen, die uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen sind. Nein zu dem Schlaraffenland und dem Schokoladenparadies an der Supermarktkasse. Wir haben die Freiheit selber zu entscheiden, was gut und was schlecht für uns ist.
Und was am Chipsregal gilt, das gilt auch in der Wahlkabine. Wir haben das große Glück und die große Freiheit, in einer Demokratie zu leben. Eine Freiheit, die in anderen Ländern, wie aktuell in der Türkei, immer weiter zurückgedrängt wird. Und zur Freiheit gehört die Verantwortung. Freiheit und Verantwortung sind Geschwister. Sich aus allem rauszuhalten, gilt nicht. Die Freiheit eines Christenmenschen drängt dazu, Entscheidungen über Richtig und Falsch, Gut und Böse zu fällen. Und das fängt oft in der Wahlkabine an. Ich gebe zu: Manchmal ist es schon entmutigend, was man in den Nachrichten sieht: Immer mehr Länder in Europa und in der ganzen Welt, in denen die rechtsnationalen Kräfte an Einfluss gewinnen. Menschen, die ihr eigenes Land abschotten und sich daraus ein eigenes Paradies bauen wollen. „America first.“ Menschen, die meinen, die Welt mit 140 Zeichen bei Twitter erfassen zu können. Als ob es so einfach wäre!

Manchmal möchte ich an die Paradiestür klopfen: „Gott, ich glaube, wir Menschen schaffen es doch nicht. Schau dir deine Welt doch an. Schau doch nur in diese ewigen Kriegsgebiete. Wir brauchen dich. Mach doch bitte die Tür wieder auf. Wenn du auf uns aufpasst, wenn du wieder alles in die Hand nimmst, dann geben wir vielleicht, ganz vielleicht auch unseren freien Willen wieder auf. Hallo?“
„Hallo?“, flüstert es durch die Tür zurück. „Ach, ihr Menschen. Warum wollt ihr denn zurück? Ihr habt die Freiheit. Und ihr habt die Verantwortung. Also macht was daraus! Auch wenn die Tür zu bleibt, ihr bleibt doch meine Kinder. Habe ich mich nicht selbst noch mit Nadel und Faden hingesetzt und für Adam und Eva Kleidung genäht? Ich bin doch für euch da, komme was kommt.“

Es war einmal ein Hund namens Jenny, der hatte sein sicheres Zuhause verlassen. Es muss im Leben mehr als alles geben. Und alles hatte Jenny schon in ihrer schwarzen Tasche: Ein rundes und ein eckiges Kissen, einen Kamm und eine Bürste, zwei verschiedene Pillenfläschchen, Augentropfen, Ohrentropfen, ein Thermometer, einen roten Pulli für kalte Tage sowie zwei Futterschälchen. Unterwegs sammelt sie aber etwas ganz Neues: Erfahrungen. Und dazu gehört auch, dass eines Tages, alles kaputt geht. Die Kissen sind zerfetzt, der Pullover aufgeribbelt. Das Thermometer, die Fläschchen und Schälchen kaputt, die Tropfen ausgelaufen. Jenny hat nichts mehr, außer Erfahrungen.

„Das ist aber traurig“, sagt Abel. „Aber am Ende gibt es doch ein Happy-End, Blödmann!“, ruft Kain von oben. „Ja, das weiß ich ja. Trotzdem ist die Stelle traurig. Papa, muss ich auch solche Erfahrungen machen wie Jenny?“ Adam schweigt. „Ja, mein Schatz“, antwortet Eva, die auf einmal in der Kinderzimmertür steht. „Und Du machst sie doch jetzt schon: Das Bauchweh und die Teddywärmflasche werden Dir hoffentlich eine Erfahrung sein, dass Du beim nächsten roten Paradiesapfel lieber noch einmal nachdenkst.“ „Ja“, sagt jetzt auch Adam. „Erfahrungen gehören zum Leben dazu. Die guten wie die bösen. Aber Ihr werdet an ihnen wachsen und groß werden. Aber nun müsst Ihr wirklich schlafen. Beten wir noch?“ „Na klar“, ruft Abel. „Wir können doch Gott nicht einfach vergessen. Er vergisst uns ja auch nicht.“
Amen.

 

Zum Gottesdienst
Erster Lesung: Gen 3 (in Auswahl)
Evangelium: Mt 4,1-11
Liedvorschläge: „Die Wüste vor Augen“ (freiTöne 58), „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362, Wochenlied), „Gott gab uns Atem“ (EG 432), „Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst“ (Baltruweit, u.a. EG Nds-Bremen 595)
 

Verweis
Die Geschichte von Jenny entstammt dem Buch „Higgelti Piggelti Pop! oder Es muss im Leben mehr als alles geben“ von Maurice Sendak (1928-2012) aus dem Jahr 1967, auf Deutsch erschienen bei  Diogenes, Zürich 1969 (2009).

Perikope
05.03.2017
3,1-19

Baum der Erkenntnis – ein Gewinn? – Predigt zu Genesis 3,1-19 von Esther Kuhn-Luz

Baum der Erkenntnis – ein Gewinn? – Predigt zu Genesis 3,1-19 von Esther Kuhn-Luz
3,1-19

Liebe Gemeinde,

seit Urzeiten machen sich Menschen darüber Gedanken, warum das Leben und die Menschen so sind, wie sie sind, warum es Gut und Böse gibt und warum so viel schief läuft in der Welt – und auch in der Beziehung zwischen Menschen.
In den ersten elf Kapiteln der Bibel sind dazu Geschichten aufgeschrieben. Urgeschichten, die versuchen, auf existentielle Fragen Antworten zu geben. Antworten des Glaubens nach dem Woher und dem Wohin menschlichen Lebens. Die Geschichten sind schon alt – aber die Fragen, die dahinterstehen, beschäftigen uns noch heute.
Warum leben wir nicht mehr im Paradies? Warum schaffen wir es nicht, in Frieden miteinander zu leben? Wie kommt das Böse in die Welt? Welche Verantwortung hat der Mensch für das, was er tut? Warum hat Gott uns nicht einfach nur gut geschaffen?
Es begann doch eigentlich alles so schön. Gott hat die Welt in wunderbarer Vielfalt geschaffen mit all den verschiedenen Tieren und Pflanzen. Dann – so wurde berichtet – hat Gott den Menschen aus Erde geschaffen. Aus der Erde Adamah wurde Adam, der Mensch – beides gehört zusammen zum Leben. Deshalb gehört zum Menschsein auch dazu, die Erde zu bewahren.
Weil ein Mensch alleine keine Beziehung leben kann, der Mensch aber von Gott her voll Liebe geschaffen ist, schuf Gott dem Menschen ein Gegenüber, eine Frau. Und so konnte Adam, der Mensch, zum Mann werden. „Gott hat die Frau nicht aus des Mannes Kopf geschaffen, dass er ihr befehle, noch aus seinen Füßen, dass sie seine Sklavin sei, vielmehr aus seiner Seite, dass sie seinem Herzen nahe sei“, heißt es in einem Midrasch.
Der Jubel war groß und beide lebten in Liebe zueinander ohne Scham. Sie waren nackt und schämten sich nicht. Es hätte so schön weiter gehen können - ein Leben im Paradies.
„Du darfst essen von allen Bäumen im Garten.“ Beide lebten von der Großzügigkeit Gottes in tiefer Dankbarkeit und es war kein Problem, dass Gott gesagt hatte: „Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen.“ Es gab doch genügend Anderes.
Sich zu lieben und genug zum Leben zu haben – ist das nicht ein paradiesisches Leben? Und verbinden wir nicht damit die Vorstellung, unsere Sehnsucht von „Paradies“? Es gibt keine Probleme und es ist für alles gesorgt und ich werde geliebt. Manchmal blitzen so paradiesische Momente auf – für wenige Momente kann ich mich „paradiesisch“ fühlen. Unbeschwert, unbekümmert, einig mit mir und den Menschen um mich herum, einig mit Gott.
Aber wir wissen alle, dass sich solche Momente nicht festhalten lassen, dass der Alltag mit seinen Belastungen und Entscheidungen uns oft beschwert – und diese Leichtigkeit manchmal nur eine kostbare Erinnerung ist.
Warum leben wir nicht mehr im Paradies, unbekümmert, friedlich, unbeschwert? Diese alte biblische Geschichte versucht, darauf eine Antwort zu geben. Mitten im paradiesischen Leben passiert etwas.
„Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott der Herr gemacht hatte“ – sie hatte mehr drauf als die anderen Tiere - und mit ihr verändert sich etwas – mit ihrer Frage: „Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“
Listig ist die Schlange. Sie verdreht die Wahrheit. Sie will die Harmonie zerstören und setzt da an, wo Menschen ansprechbar sind: wo sie vermuten, dass ihnen jemand etwas streitig machen will.
Die Schlange stellt eine falsche Behauptung auf: „Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen von den Bäumen im Garten?“ (Gen 3,1)
Noch reagiert „die Frau“, „das Weib“ – Eva wird sie erst später genannt – ganz souverän.
„Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten – aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rührt sie auch nicht an, damit ihr nicht sterbet.“ (Gen 3,2)
Die Frau verteidigt Gott. Aber mit dieser Verteidigung Gottes hat es die Schlange schon geschafft, die Aufmerksamkeit auf das Verbotene zu lenken – auf das, was die absolute Freiheit, über alles verfügen zu können, einschränkt.
Vielleicht ist es ihr auch schon gelungen, Misstrauen zu säen. Will Gott mit seinem Verbot den Menschen schützen oder will Gott dem Menschen das Beste – die Erkenntnis von Gut und Böse - vorenthalten?
Das ist jetzt plötzlich nicht mehr klar. Die unbeschwerte unbefangene Beziehung zu Gott hat schon einen feinen Riss bekommen.
Geschickt setzt die Schlange bei der beginnenden Unsicherheit ein – und untergräbt die Autorität, die Weisung Gottes. „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben. Sondern Gott weiß: an dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und was böse ist.“ (Gen 3,4)
Welche Verlockung – zu sein wie Gott! Zu wissen, was gut und böse ist! Was soll daran schlecht sein? Bis auf den heutigen Tag wird das unterschiedlich eingeschätzt. Die einen bezeichnen das als den „Sündenfall“, dass der Mensch wie Gott sein möchte und dass daraus viel Böses, Gewalt, Zerstörung entstanden ist. Die nächsten biblischen Geschichten erzählen ja auch davon: der Brudermord von Kain an Abel, der Turmbau zu Babel.
Der Kirchenvater Augustin hat daraus die Lehre der Erbsünde entfaltet: dass der Mensch durch den Ungehorsam gegenüber Gott und geprägt von seinem eigenen Stolz vieles zerstört, was Gott gut geschaffen hat.
Wenn wir nun erkennen, dass einerseits Gott gut ist und daher konsequenterweise nur Gutes geschaffen hat und andererseits vieles am Menschen keineswegs gut ist, so stößt man hier auf einen Widerspruch, auf den die Erbsündenvorstellung eine Antwort geben will. Das Schlechte im Menschen kann also nur vom Menschen selbst stammen, als Folge des Missbrauchs seiner Freiheit, die ihm von Gott zuvor geschenkt wurde, damit der Mensch sich in echter freier Liebe Gott zuwenden kann. Aber die Begriffe für „Sünde“ und für „Fall“ kommen in der biblischen Geschichte gar nicht vor. Und so gibt es auch ein ganz anderes Verständnis dieser biblischen Geschichte: die Fähigkeit, erkennen zu können, was gut und was böse ist, sehen manche als einen weiteren Schritt des Menschen zur Menschwerdung an.
„Dieser Abfall des Menschen von Gottes Gebot ist die glücklichste Begebenheit in der Menschheitsgeschichte“, hat Friedrich Schiller einmal geschrieben. Erst, wer die Fähigkeit hat, Gutes und Böses zu erkennen, hat damit auch die Fähigkeit, sich entscheiden zu können, meint er. Allerdings sehen wir, in welche Katastrophen es führen kann, wenn Menschen – losgelöst in der Verantwortung vor Gott – selber die Maßstäbe setzen, was gut und was böse ist und sich zum Richter über andere erheben.
Wir erleben gerade auch, wie politische Führungspersönlichkeiten in verschiedenen Ländern für sich in Anspruch nehmen, selbst fest legen zu können, was und wer gut ist und was und wer böse ist. Und was dann dementsprechend verboten werden muss oder erlaubt werden darf.
Und wir erfahren, welche fundamentalistischen Bewegungen entstehen können, wenn nicht mehr gesehen wird, wie komplex diese Begriffe sind. Wie viele Nuancen es von Gut und Böse gibt und dass niemand und nichts nur gut oder nur böse ist.
Die Diskussionen in den biblischen Büchern erzählen uns später davon.
Die Fähigkeit, erkennen zu können, unterscheiden zu können, zu wissen, dass es Wege gibt, die zum Guten, zum Leben – führen und Wege, die zur Zerstörung, zum Tod führen, diese Fähigkeit verbindet sich damit, dass der Mensch schuldig werden kann. Und dass es zum Menschsein dazu gehört, mit Schuld um zu gehen. In diesem Zusammenhang wird dann das Vertrauen in Christus so wichtig, wenn es heißt: er trägt unsere Schuld. Das wollen wir später in der Feier des Abendmahles erfahren.
Lasst uns sehen, wie die Geschichte weitergeht. Und vielleicht müsste diese Geschichte eher überschrieben werden mit den Worten „Von der Schwierigkeit, Verantwortung zu übernehmen“. Sie erzählt davon, dass der Mensch „versuchbar“ ist, verführbar.
„Das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre.“ (Gen 3,6a)
Erstmal werden äußere ästhetische Gründe genannt. Die Schönheit kommt doch von Gottes Schönheit. Er hat doch alles gut geschaffen – warum soll dann nicht auch die Frucht dieses Baumes gut sein?
„… eine Lust für die Augen und verlockend, weil er klug machte.“ (Gen 3,6b)
Schönheit und verlockende und verheißene Klugheit – wer kann so einem Angebot schon widerstehen?
Sie nahm von der Frucht und aß. Und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon – und er aß.
Hat Eva Adam verführt? Ist es so, wie die Kirchenväter früher sagten, dass durch Eva die Sünde in die Welt kam? Sie haben daraus eine Theologie entwickelten, in der die die Frau immer die Minderwertige, die Schuldige war – und sogar als „Tor zu Hölle“ bezeichnet wurde.
„War Eva an allem schuld?“, so fragt der jüdische theologische Schriftsteller Pinchas Lapide und gibt dann in seinem gleichnamigen Buch darauf die Antwort: „Die Schlange spürte offensichtlich, dass Eva mehr Phantasie hatte, lebendigere Vorstellungskraft und dass sie auch tatkräftiger sei in der Durchsetzung ihrer Beschlüsse – intelligenter, intuitiver, gesprächslustiger und, was noch wichtiger ist, neugieriger. Der Adam scheint ziemlich verschlossen zu sein. Dass Eva ihm als Hilfe an die Seite gestellt wurde, bedeutet ja, dass er von Anfang an hilfsbedürftig war.“ Eine spannende Interpretation – und dass aus dem Munde eines Mannes. Diese biblische Sicht lässt ein anderes Licht auf Eva und die Bedeutung der Frauen fallen.
Zurück zur Geschichte.
„Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie erkannten, dass sie nackt waren.“ (Gen 3,7)
Sie machen sich aus Feigenblättern Röcke, kleine Schurze. Und sie hören, wie Gott im Garten spazieren ging, als der Tag kühl wurde. eine berührend menschliche Beschreibung von Gott.
Aber sie freuen sich nicht über Gottes Nähe, sondern verstecken sich. Sie fühlen sich unfrei, schuldig.
Die gewonnene Erkenntnis macht beide erst einmal unsicher – auch voreinander. Die Scham voreinander tritt an die Stelle der unbekümmerten Nacktheit. Sich zu verstecken, zu verhüllen, sich auch vor Gott zu verbergen – das tritt nun an die Stelle des tiefen Gottvertrauens. Sie haben das Gebot Gottes durchbrochen, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen – und jetzt haben sie die Erkenntnis gewonnen. Aber sie spüren, wie mit dem Gewinn der Erkenntnis sich etwas Neues einschleicht: die Angst, nicht mehr zu genügen, die Unsicherheit, ob ich selber nun gut oder böse handle – ja, auch der Verlust, mich ganz und gar Gott anvertrauen zu können.
Beide verstecken sich. Aber Gott lässt den Menschen nicht in seinem Versteck. „Du findest uns – auch wenn wir dich nicht suchen. Du fragst nach uns – auch wenn wir uns von allem abgewendet haben.
„Wo bist du?“ (Gen 3,9)
Gott fragt nach dem Menschen – eine der wichtigsten Fragen Gottes an uns. Wo hältst du dich gerade auf? Wo befindest du dich? Vor wem oder was versteckst du dich? Es ist die Frage Gottes nach den Folgen unseres Tuns, die Frage Gottes nach unserer Verantwortung.
„Adam, Mensch, wo bist du?“
Es ist ja nicht so, dass Gott nicht wüsste, wo wir uns aufhalten, wo sich Adam und Eva versteckt haben. Es ist eine Frage Gottes, die mich mit mir selbst konfrontiert.
Der Mensch – er will sein wie Gott – und versteckt sich dann doch vor der Verantwortung Gott gegenüber.
Wo verstecke ich mich? Hinter der Arbeit? Hinter den Aufgaben in der Familie? In meinen vielen Rollen? In aufgesetzter Fröhlichkeit?
Was sind meine Büsche, wenn Gott mich fragt: „Wo bist du?“
Gott konfrontiert Adam und Eva mit ihrer Tat. Er will, dass sie Verantwortung übernehmen. Dass sie erklären, was sie getan haben, warum sie es getan haben. Und anstatt zu sagen, dass sie es verlockend fanden, mehr Erkenntnis zu haben, wie sich das anfühlt, zu wissen, was gut und böse ist, oder zu benennen, dass sie wissen, dass sie Gottes Gebot übertreten haben, ziehen sie sich zurück. Sie ziehen sich zurück und leugnen ihre Verantwortung für das, was sie getan haben. Und das ist meiner Meinung nach der eigentliche Sündenfall.
Die Schuld, die Verantwortung immer an andere ab zu geben. Adam beginnt damit. „Das Weib, die Frau, die du mir gegeben hast, gab mir von dem Baum – und ich aß.“ (Gen 3,12)
Also ist nicht Gott schuld, dass er ihm gerade diese Frau gab, die ihn dann verführt hat in seinen Augen?
Auch Eva schiebt die Verantwortung weiter: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“ Und jetzt geschieht etwas Erstaunliches. Gott befragt die Schlange nicht. Er lässt sich darauf ein, wie die Schuld abgeschoben wurde – und macht deutlich, dass sich keiner der Verantwortung entziehen kann. Wir müssen mit den Folgen unseres Tuns leben. Alle.
Gott hält sich nicht an sein Wort, aber an seine Liebe zum Menschen. Er erfüllt nicht die Drohung „Wer von diesem Baum isst, muss sterben.“ Gott will keine Todesstrafe. Aber er konfrontiert die Menschen mit den Folgen ihrer Handlung.
Er benennt, wie sich das Leben verändern wird – für alle.
Das Leben nach dem Paradies. Die Schlange bekommt als Strafe Staub und Erde zu fressen. In einer kleinen Geschichte (Buber, Chassidim. S. 758) wird der Rabbi Bunam dazu befragt: „Was ist das für ein seltsamer Fluch, mit dem Gott die Schlange verflucht, sie solle Staub fressen? Wenn Gott ihr die Natur gab, sich davon ernähren zu können, scheint es mir eher ein Segen, dass sie überall fände, was sie zum Leben braucht.“ Rabbi Bunam antwortet: „Zum Manne sprach Gott: er solle im Schweiße seines Angesichts den Acker bearbeiten und Brot essen – und mangelt es ihm – fehlt es ihm – dann möge er zu Gott um Hilfe beten: zum Weibe sprach er, sie solle Kinder gebären – allerdings unter Schmerzen – und wird ihr die Stunde allzu schwer, möge sie Gott um Unterstützung bitten. So sind beide mit Gott verbunden und finden zu ihm. Die Schlange aber, als dem Ursprung des Übels, gab Gott alles, was sie bedarf, damit sie keine Bitte an ihn zu richten habe. So versieht Gott zuweilen die Bösen mit der Fülle des Reichtums.“
Die Strafe der Schlange ist ihre Bedürfnislosigkeit – sie wird niemals um etwas bitten müssen. Und bleibt damit beziehungslos. Braucht nichts und gibt nichts. Manchen ist das ein lohnendes Lebensziel, von nichts und niemand abhängig zu sein, die volle Unabhängigkeit. Aber wir sind von Gott so geschaffen, dass wir aufeinander angewiesen sind – zum Glück – und uns so gegenseitig unterstützen können.
Das Paradies ist nun nicht mehr der passende Lebensort für Menschen, die nach mehr Erkenntnis streben, die ihre Selbständigkeit leben möchten. War es ein Rausschmiss aus dem Paradies? Oder eher eine Folge der Erkenntnissuche?
Ganz fürsorglich begleitet Gott die Menschen. Er erkennt ihre Scham an und sieht ihre Bedürfnisse. Gott, so heißt es, macht Adam und Eva Röcke von Fellen und zieht sie ihnen an. Er ermöglicht den Menschen ein Leben außerhalb des Paradieses. Harte Arbeit, es fliegt ihm nicht mehr einfach alles zu. Aber der Mensch lernt, von dem zu leben, was er sät und erntet. Und die Frauen bekommen die Möglichkeit, Kinder zu bekommen – oft mit großen Schmerzen, aber dann mit unfassbarer Freude über jedes Kind!
Wir leben in nachparadiesischer Zeit. Gott hat vor die Türe zum Paradies einen Engel, einem Cherub, gestellt. Denn vor einem will Gott uns, die ganze Menschheit, bewahren: dass wir vom Baum des Lebens essen und unsterblich werden. Das ist die Hoffnung von so manchen selbsternannten Führern dieser Welt: dass sie mit ihrem Stolz, ihrer Macht, ihrer Unmenschlichkeit und ihren eigenen Vorstellungen auf Ewigkeit die Welt prägen. Wie gut, dass Gott den Baum des Lebens bewacht! Und auf ganz andere Weise haben wir doch eine Verheißung, einen Zugang zum Paradies: Wenn es in einem Weihnachtslied über die Geburt Jesu, das Kommen Gottes in unsere von Gut und Böse geprägten Welt heißt, dass Gott das Himmelreich aufschliesst und uns seinen Sohn schenkt. Und dann heißt es: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis.“.( eg 27.5)
Zum Schluss will ich die Gedanken eines jungen Mannes wiedergeben. Seine Gedanken, wie wir denn jetzt leben, außerhalb des Paradieses, aber mit dieser Verheißung. Er schreibt: „Meine Idee vom Leben außerhalb des Paradieses ist es, nicht ganz vom Paradies weg zu ziehen, sondern mich in Sichtweise des Paradieses anzusiedeln. Mit freier Entscheidung, hin und wieder über den Zaun des Paradieses zu schauen – oder bewusst in die andere Richtung zu schauen. Ich bin froh, weder im Paradies noch allzu weit weg davon zu sein. Und das kann man schon ein Leben lang aushalten. Und dann muss man mal weitersehen.“
Schenke uns Gott das Vertrauen, in Christus das geöffnete Paradies wahrnehmen zu können und verantwortungsvoll mit so manchen Erkenntnissen umgehen zu können. Amen.
Lit: Jürgen Ebach, Die Schlange sagt die nackte Wahrheit, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext

 

Perikope
05.03.2017
3,1-19

Nach Hause … - Predigt zu Genesis 3,1-19 von Peter Michael Schmudde

Nach Hause … - Predigt zu Genesis 3,1-19 von Peter Michael Schmudde
3,1-19

Eigentlich träume ich immer noch: Kaffee und angebrannter Toast.
Am Wintermorgen die Atemluftwölkchen über dem Federbett.
Vater kratzt die Asche aus den Kachelöfen.
Im Advent kleine Päckchen am bestickten Stoffkalender.
Zu Weihnachten immer Schnee.
Zu Ostern dieses Bunte zwischen den Osterglocken, pfeifende Stare in den riesigen Ahornbäumen, der Laubduft, zu allen Jahreszeiten anders.
In der Küche beschlagene Fensterscheiben.
Eisblumen strahlen im Wintersonnenlicht. Eigentlich träume ich immer noch: Die Tage - groß und endlos und jeden Morgen neu.

An den Abenden fallen die Schneeflocken in die Lichtkegel der Straßenlampen.

Oder singen die Mücken und die Mauersegler.
Bellen die Rehböcke und Füchse.
Am Fluss die großen Blätter mit ihrem Geruch.
Im Frühling mit Gummistiefeln auf die Wiese.
Und im Herbst der Wald voller Pilze.
Spinnweben in der Abendsonne.
Im Sommer im Straßenteer Dein Fußabdruck für die Ewigkeit.
Eigentlich träume ich immer noch.
Ich träume mit, wenn Menschen sich an Menschen erinnern und ihre Augen dabei leuchten.
Ich träume mit Eltern, die ihrem Kind ein Wunderleben schenken wollen.
Ich träume mit denen, die etwas verloren haben und wieder etwas finden müssen.
Ich träume mit ihnen. Und sie träumen mit mir.
Wir träumen. Von dem was war. Und, dass es wird. Bei all den Disteln und Dornen.
Wir träumen vom Paradies.
Ab und zu bin ich mal dort gewesen. Dort, wo meins war. Mein Paradies. Ich hab’s nicht mehr gefunden. Oder ich bin zu groß dafür geworden. Die großen Straßen, die endlosen Wälder und die unendlichen Tage und Nächte sind dort genauso überschaubar geworden wie überall.
Es gibt kein Zurück. Der Weg ist gegangen und geht immer weiter. Ich bin himmelweit weg.
Irgendwann sind wir gegangen. Jeder von uns. Ich auch. Selbst die, die dortgeblieben sind. Keiner kann es anders.
Irgendwann brichst Du auf in etwas, das Du Dein eigenes Leben nennen kannst. Alles, was um Dich war, wird zu klein für Dich und für das, was Du kannst. Du musst es ausprobieren: All das, was Dein Paradies Dir mitgegeben hat an Möglichkeiten und Kräften.
Das ist schon ganz am Anfang so: Du kommst auf die Welt. Du lässt es hinter Dir, wo es Dir gut ging. Du bist zu groß für den Bauch Deiner Mutter. Dein Leben dort in diesem ersten Paradies endet. Und es beginnt ein neues. Etwas, wovon Du nichts geahnt oder gefühlt hast. Vielleicht müssen wir alle deswegen schreien.
Und genau so geht es weiter: Du gehst Deinen Weg und lässt etwas zurück und gehst in das Neue, das Unbekannte.
Bis Du zurückkehrst zur Erde, von der Du genommen bist.
Ganz am Anfang erzählt die Bibel von diesem Aufbruch. Es ist wie die Ouvertüre zu dem großen Schauspiel des Lebens, in dem Du und ich stehen und gehen. Zu all dem Kommen und Gehen, all den Disteln und Dornen, zu den Schmerzen beim Großwerden und dem unausweichlichen Ende am Ende.
Ich stelle mir vor, wie sie damals geschwiegen und genickt haben als sie diese Geschichte gehört haben von Adam und Eva und von der Schlange und davon, wie Gott sie in die Welt geschickt hat. Und vielleicht haben die Männer an all die Disteln und Dornen auf ihren Äckern gedacht. Und die Frauen an ihr Schreien bei der Geburt ihrer Kinder.
Aber alle haben gewusst: Es geht nicht anders und es ist nie anders gegangen. Nie hätte es mehr als diese beiden ersten Menschen geben müssen. Denn Adam und Eva hätten ewig gelebt in dieser ewig-guten Welt im Garten Eden. Und über Gut und Böse hätten sie nie etwas erfahren müssen. Das Leben wäre nie zu Ende gegangen. Wäre das die Idee des Schöpfers gewesen?
Vielleicht haben sie auch gelächelt, wenn sie sich vorgestellt haben, dass Gott sie mit allem Nötigen ausgestattet hat - wie ein guter Vater seine Kinder. Trotz tragischer Trennung: Er ist für sie da. Bis sie zurückkehren zu der Erde, von der sie sind. Bis dahin sind sie frei. Frei zu tun, was dem Leben dient. Beauftragt mit der Fürsorge für das Leben. Beauftragt auch, das Leben weiterzugeben. Und die Erde zu füllen mit Leben.
Die Sehnsucht nach dem, der dieses Leben in Gang gesetzt hat, die ist geblieben. Sehnsucht nach Bleiben. Sehnsucht nach einer Welt ohne Disteln und Dornen und Schreien und Schmerzen.
Einmal kam einer, der hat dieses Sehnen neu aufflammen lassen. Er wusste, woher er kommt und wohin er geht. Mit Schreien ist er auf die Welt gekommen. Und er hat die Welt kennengelernt, hat am eigenen Leib gespürt, wie weh Disteln und Dornen und harte Äcker tun. An einem groben Holzkreuz an einem dunklen Freitag hat er Gott diese Sehnsucht entgegengeschrien. Dann ist er gestorben.
Und im Licht eines Frühlingstages ist er wieder da gewesen: Er hat im Vergehen das Leben gefunden. Ein Leben, das bleibt. Ein Leben, das er weitergibt an die, die seine Sehnsucht teilen.
Und die Geschichte vom Werden und Vergehen leuchtet seitdem in einem anderen Licht. Der Tod ist besiegt. Die Tore zum Paradies stehen offen.
Ich vertraue darauf, dass Gott mit mir alle Tore meines Lebens öffnet, auch die, an die ich nie klopfen wollte. Am Ende stehe ich mit ihm im Licht des Ostermorgens.
Bis dahin träume ich immer noch: Die Träume leuchten wie der guten Anfang.
Für gute, flüchtige Augenblicke duftet es nach früher.
Und ich bin in meinem Paradies das ich kenne.
Ich gehe mutig weiter, solange ich kann. Ich bin nicht allein.
Nach allen Wegen werde ich zurückkommen. Und werde staunen.
Amen.
Predigtlied: Er weckt mich alle Morgen (EG 452)

 

Perikope
05.03.2017
3,1-19

Predigt zu 1. Mose 13,1-18 von Hans Joachim Schliep

Predigt zu 1. Mose 13,1-18 von Hans Joachim Schliep
13,1-18

1 So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot auch mit ihm ins Südland. 2 Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. 3 Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Bethel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Bethel und Ai, 4 eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des Herrn an. 5 Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. 6 Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander wohnen. 7 Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande. 8 Da sprach Abram zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. 9 Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. 10 Da hob Lot seine Augen auf und besah die ganze Gegend am Jordan. Denn ehe der Herr Sodom und Gomorra vernichtete, war sie wasserreich, bis man nach Zoar kommt, wie der Garten des Herrn, gleichwie Ägyptenland. 11 Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, 12 sodass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten am unteren Jordan. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom. 13 Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den Herrn.

14 Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der Herr zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen.

15 Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit 16 und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen. 17 Darum mach dich auf und durchzieh das Land in die Länge und Breite, denn dir will ich's geben. 18 Und Abram zog weiter mit seinem Zelt und kam und wohnte im Hain Mamre, der bei Hebron ist, und baute dort dem Herrn einen Altar.

 

Liebe Gemeinde!

[1] Die Predigttexte für die Sonn- und Feiertage verbinden uns in ihrem Kernbestand mit der Christenheit der ersten Jahrhunderte. Diese Bibelabschnitte, »Perikopen« genannt, sind auf sechs Jahre aufgeteilt. Allerdings wurden von Zeit zu Zeit immer wieder Umgruppierungen und Neuaufnahmen vorgenommen. Anders würden wichtige, spannende Bibeltexte in Vergessenheit geraten. Die Lutherische Liturgische Konferenz Deutschlands bittet uns, solche Veränderungen im jetzigen Predigttextzyklus zu erproben. Für den heutigen 21. Sonntag nach Trinitatis sind wir zu prüfen gebeten, ob sich 1. Mose 13, die erste Erzählung aus dem Abra(ha)m-Lot-Kreis, als Predigttext eignet. Dabei will ich diesen Abschnitt, den wir vorhin als Biblische Lesung gehört haben, mit möglichst eigenen Worten nacherzählen, d. h. zugleich: deuten. In der Hoffnung, auf diese Weise komme längst Vergangenes uns nah. Ob wir auch dem Dauerkonflikt in Palästina, der uns so ratlos macht, der den Weltfrieden gefährdet, ein wenig auf die Spur kommen?

[2] Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte. In dem bekannteren Abschnitt 1. Mose 12 heißt die Hauptfigur noch Abram: „erhabener Vater“. Den Namen Abraham, „Vater der Völker“, erhält er erst später: kurz bevor ihm die Geburt des zweiten Sohnes Isaak angekündigt wird (1. Mose 17,1-8). Abram vernimmt den Ruf Gottes, seine alte Heimat zu verlassen und mit seiner Frau Sara, seinem Neffen Lot sowie all ihrer Habe in das ferne, fremde Kanaan zu ziehen. Gibt es einen Grund für diesen Wegzug und Neubeginn? Oder haben wir es nur mit der undeutlichen Erinnerung daran zu tun, dass die Menschheitsgeschichte als Wanderungsbewegung begann? Aus 1. Mose 12 erfahren wir nur etwas über den Anfang biblischen Glaubens: Gottes Geheiß und Verheißung bringt Menschen auf den Weg, macht sie zu Migranten. Die ersten Worte des möglicherweise ältesten Bekenntnisses in der Bibel lauten dann auch (5. Mose 26,5): ’ăramî ’ôved ’avî: Ein Aramäer, ein umherirrender (umkommender), war mein Vater! Das ständige Herausgerufen- und Unterwegssein von einer Fremde zur anderen ist das Grundmotiv biblischen Glaubens – selbst dann noch, als Abrahams und Saras Nachkommen in festen Häusern leben! Glaube – ein Transit!

Dann wird erzählt, wie aus Migranten Asylanten werden. Sind sie etwa „Wirtschaftsflüchtlinge“? Wegen einer Hungersnot zieht Abram mit seiner Sippschaft bis ganz nach Ägypten, zu den Kornkammern des Pharao. Dort bewahren die ihnen sehr fremden Ägypter sie vor dem Verdursten und Verhungern. Aber um welchen Preis? Ägyptens Pharao verlangt keinen Preis. Doch Abram, einst aus dem Sicheren ins Unsichere gerufen, zieht nun das Sichere dem Unsicheren vor. Er entrichtet einen hohen Preis im Voraus. Zahlen muss ihn Sara. Denn Abram gibt seine Frau als seine Schwester aus. Tatsächlich war sie seine Halbschwester. Jetzt aber ist sie seine Frau. Das ist ein schwerwiegender Unterschied! Dennoch, Abram gibt Sara dem Pharao, der sich ihrer erotisierenden Schönheit und sexuellen Anziehungskraft bedient. Doch wo für Abram, der seine Frau zum Tauschobjekt degradiert, das – ob ich es so sagen kann? – „Fressen vor der Moral“ kommt, erwacht im Pharao das Gewissen. Als er den Betrug merkt, schiebt der empörte Herrscher Abram mit seiner Sippschaft regelrecht ab aus seinem Land. Der ungläubige Ägypter lehrt den gottesgläubigen Abram Mores: was sich gehört, was sich frommt! Abgesehen von seinem Seelenschaden, von dem aber nirgendwo die Rede, der vielmehr meine Erfindung aufgrund meiner Empfindung ist, geht Abram unbeschadet aus dieser Sache hervor.

[3] Mehr als unbeschadet. Nämlich reich, nach 1. Mose 13 Verse 2 und 5 schwer reich: Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. … Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Also hatte auch Lot ein für sein Auskommen hinreichendes Einkommen angesammelt. Bei deren Rückwanderung aus dem Süden war das für Abram offenbar ein Grund, den Namen des Herrn anzurufen dort, wo er ihm den ersten Altar errichtet hatte, als er vormals im Land Kanaan vom Norden her angekommen war.

Ob die Anrufung Gottes in Abram eine Wende hervorgerufen hat? Das Leben noch einmal anders zu betrachten als zuvor in Ägypten, wo er, fixiert aufs Sattwerden, seine Verantwortung meinte wahrnehmen zu müssen um den unverantwortlich hohen Preis der Ehre seiner Frau?

[4] Jetzt sind wir mittendrin in 1. Mose 13. In dieser Erzählung begegnen sich Vertrauen in Gottes Verheißung und Gründe der Vernunft, die Ertragskraft eines schönen Landes und die menschliche Verkommenheit, krude Wirtschaftsinteressen und sensibler Friedenswille. Abram ist wie verwandelt. Wo er in Ägypten ohne moralische Skrupel ganz auf ›Nummer Sicher‹ gehen wollte, wagt er nun wieder den Schritt ins Unsichere. Er erkennt, wie die Ressourcen des Landes begrenzt sind und wie unvernünftig es ist, diesem Land das Letzte abzupressen: Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß… (V. 6)

Und das Land konnte es nicht ertragen… In diesem lapidaren Satz steckt die frühe Erkenntnis eines schlichten Sachverhalts. Für den sind viele Menschen immer noch blind. Vor dem verschließen wir zu unserem eigenen Schaden weiterhin die Augen: Es gibt einen Wohlstand, der die natürlichen Lebensbedingungen, denen dieser Wohlstand zwar durch menschliches Gestalten abgerungen, aber letztlich doch zu verdanken ist, belastet, überfordert, langfristig gefährdet! Wenn es einen sog. Fortschritt gibt, kann dieser nur durch Selbstbeherrschung, Selbstbeschränkung und Selbstverzicht nachhaltig, also ein Fortschreiten in der menschlichen Kulturentwicklung sein. Und es ist auf weite Sicht pure Unvernunft, sich Vorteile auf Kosten anderer zu verschaffen, sich der Güter anderer zu bemächtigen und dabei sich die Köpfe einzuschlagen, durch immer höhere Rüstung Werte zu vergeuden. Schon aus kleinem Zank wird großer Krieg! Zwischen den Abram- und den Lot-Leuten wird es um die Zugänge zu den wenigen Brunnen gegangen sein, also um Wasser. Das wird wieder der Hauptkonflikt im jetzigen 21. Jh. sein: der Zugang zu Wasser! Dagegen ist es ein Gebot der Vernunft, das Land, die Luft, das Wasser, das Gegebene und immer wieder Verheißene gerecht zu teilen. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. Zur gerechten Landnutzung gehört auch, der Urbevölkerung – genannt sind hier die Kanaaniter und Perisiter im Lande (V. 7b) – ihr Lebensrecht zu lassen, statt sie zu vertreiben oder zu vernichten. Also wollen auch diejenigen, die von Israels Erwähltsein sprechen, keinen ethnischen Einheitsbrei, sondern Vielfalt, buntes Leben!

Abram sind wahrhaftig derartige kluge und nötige Einsichten zuteil geworden: Da sprach Abram zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. (V. 8+9)

 [5] Es ist eindeutig: Indem Abram seinem Neffen Lot die freie Wahl lässt, übt er Selbstbeschränkung. Dabei ist klar: Sein Vorschlag zur Güte an Lots Leute birgt das Risiko herben wirtschaftlichen Verlustes. Doch wodurch kommt er zur Vernunft solchen Selbstverzichts? Woraus speist sich sein wahrhaft vernünftiger Friedenswille, der auf eine freundschaftliche anstelle einer feindschaftlichen Trennung zielt? Durch seinen Glauben! Denn einzig im Vertrauen auf Gottes Verheißung kann Abram dieses Wagnis eingehen, das Sichere in den Hintergrund und das Unsichere in den Vordergrund zu stellen, weil er sich gleichsam in Gott gesichert weiß. Das ist die Pointe dieser Erzählung als Ausdruck biblischen Glaubens: Der Glaube setzt die Vernunft frei, das Angemessene, Kluge, einzig Richtige zu tun bzw. geschehen zu lassen, eben die Gründe der Vernunft zur Geltung zu bringen. Warum kann der Glaube, der Glaubende das? Weil er sich, statt sich zu messen an Gewinn und Verlust im Sichtbaren, ganz darauf verlässt, von Gott begleitet und geleitet zu werden. Dem Glauben, den Glaubenden, Männern wie Frauen, kommt es darauf an, von Gott geführt zu werden – statt verführt von dem, was vor Augen liegt.[1]

Eben dieser Versuchung erliegt Lot. Er schaut. Doch schaut er weder nach links noch nach rechts, sondern lässt ohne Verstand sein Herz gefangen nehmen von dem lustvollen Blick auf das Jordanland: blühende Landschaft, wie der Garten Eden, wie Ägyptenland: ein Flussland, das ewige Fruchtbarkeit verspricht. Wer ließe sich von einem solchen Land nicht verlocken?! Wem wäre die Überlegung fremd: Abram hat ohnehin mehr als ich, jetzt kann ich reich werden wie er, vielleicht ihn übertrumpfen?! Auch in Familien gibt es Konkurrenzen, wollen die einen aus dem Schatten der anderen heraustreten. Und wir? Unsere Wirtschaftsweise ist ganz und gar auf Konkurrenz, aufs Mehrhaben, aufs Übertrumpfen ausgerichtet. Der Welterste und -beste sein zu wollen, kann trickreich, unvorsichtig, ja betrügerisch machen, wie wir es beim Abgasskandal eines so renommierten Unternehmens wie VW erleben. Dessen noch kaum wirklich absehbaren Folgen zeigen: Eine größere Dummheit, die Ausschaltung der Vernunft bei „rationalen“ Ingenieuren und Ökonomen kann es gar nicht geben. Aber das ist – im Blick auf die Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen – alles nur ein Symptom unter vielen. Die unbedachten Folgewirkungen solcher mit Gewinnsucht gepaarten Unvernunft werden in 1. Mose 13, diesem uralten, aber brandaktuellen Text, mit den Namen der brennenden Städte Sodom und Gomorrha symbolisiert.

Zwischen Abram und Lot kehren sich die Rollen um. Hat Abram, der in Ägypten das „Fressen vor die Moral“ gestellt hat, sein Gottvertrauen wiedergefunden und durch Glauben seine Vernunft, gerät Lot nun durch seine blindmachende Fixierung auf Wohlstand und Glück in eine noch schwierigere Lage: Abram muss vor Gott um Lots und seiner Familie Rettung bitten (1. Mose 18,16-33). Aber Lot verliert seine Frau, die überwältigt von ihren Heimatgefühlen zurückschaut auf Sodom und Gomorrha und dabei zur Salzsäule erstarrt (1. Mose 19). Er behält nur seine beiden Töchter, deren Männer umgekommen sind und sie kinderlos hinterlassen haben. Diese – für damaliges Frausein – „Schmach“ tilgen die beiden jungen Frauen, indem sie ihren Vater Lot so betrunken machen, dass er gar nicht bemerkt, wie er mit seinen Töchtern Kinder zeugt. Diesen Inzest, zweifellos ein moralischer Tiefpunkt, erzählt die Bibel ohne Empörung, ohne Anschuldigung. Sie erzählt ja vom Leben in seinen Verwicklungen und Verstrickungen. So ist das Leben! Doch die entscheidende Botschaft dahinter und darin tröstet mich und lässt mich hoffen: Gott schreibt auch auf krummen, sehr krummen Linien gerade. Gott öffnet Wege des Heils auch für „unmoralische Helden“. Jede Sünderin hat eine Zukunft, jeder Heilige eine Vergangenheit.

[6] An einer Stelle jedoch widerspreche ich. In 1. Mose 13 gelten alle Sympathien dem Abram. Er steht irgendwie unmittelbarer zu und anerkannter vor Gott. Das kann ich weder hinnehmen noch entspricht es dem Ganzen der biblischen Botschaft. Ein Gotteskind ist wie ein anderes – und alle, auch die Fremden, sind Gotteskinder in gleichem Maß, wenn vielleicht auch in ungleicher Weise. Wie kann ich dann diese Erzählung verstehen? Nun, sie trifft und berührt mich am tiefsten, wenn ich in Lot und Abram die zwei Seiten einer Person wahrnehme. Diesen Gedanken kann ich jetzt nur andeuten. Darum bitte ich Sie, mit mir über diesen Sonntag hinaus darüber nachzudenken: Wo steckt Abram in mir, wo steckt Lot in mir – in den Verwicklungen und Verstrickungen, Widersprüchen und Widerborstigkeiten meines, unseres Daseins? Ich vermute, erst wenn ich den Lot in mir und den Abra(ha)m in mir wahrnehme, nehme ich mich ganz wahr.

Das scheint mir wichtig, gerade weil ich, weil wir heute in einer doch noch anderen Lage sind. Zwar bietet die Erde genug Platz. Kein Volk müsste, dürfte sich mit jenem Unheilswort vom „Volk ohne Raum“ bezeichnen. Dennoch, insbesondere die westlichen Wirtschaften und Staaten haben sich eines erheblichen Teils der Erde bemächtigt, dabei ganze Völker ausgerottet. Durch Waldrodung und Landraub werden indigene Stämme aus ihrem Lebensraum verjagt. Die – bei mancher Besserung – immer noch ungleiche Verteilung des Wohlstands und der Klimawandel, die ja einen Zusammenhang bilden, führen zu den starken Flüchtlingsströmen; 60 Millionen Menschen sollen derzeit in Migration sein. Aber eine schiedlich-friedliche Teilung wie bei Abram und Lot – der eine nach rechts, der andere nach links – wäre heute, da es im Zuge der Globalisierung im Grunde nur noch Eine Welt gibt, in der wir alle Nachbarn und Nächste sind, keine Lösung. Umso mehr wird das gerechte Teilen zur Maxime aller Politik und aller Ökonomie. Der Gemeinwohlgedanke muss gestärkt werden. Darum ist es vernünftig, wenn immer mehr Menschen, statt viele Gebrauchsgüter zu besitzen, diese teilen, d. h. gemeinsam nutzen wollen. Richtungweisend ist es auch, wenn immer mehr Menschen ihr Geld bei sog. ›Ethischen Banken‹ anlegen. Meine Familie hält Kleinaktien einer Ökumenischen Entwicklungsbank, bei der auch Landeskirchen sowie Kirchenkreise und -gemeinden Geld angelegt haben; die Zinsen werden nicht abgeschöpft, sondern re-investiert. Dadurch können vor allem Frauen, weil die an die Zukunft ihrer Kinder denken, und Kooperativen kleine und mittelgroße Projekte durchführen. Dadurch werden Handel und Wandel vor Ort – in Afrika, Asien, Südamerika – in Eigenverantwortung aufgebaut. Dann können und wollen die Menschen dort leben und bleiben, wo sie sich beheimatet fühlen. Und in Anbetracht der aktuellen Flüchtlingsströme gilt es, das Land, unsere Heimat, mit ihnen zu teilen, ihnen Heimat zu geben. Die wohl bedeutendste Herausforderung in diesem Jahrhundert! Noch ist weder in Deutschland geschweige denn in Europa zusammengewachsen, was zusammengehört, nun muss schon zusammenwachsen, was bisher keineswegs zusammengehört hat![2]

[7] Zum Schluss noch einmal zurück zu 1. Mose 13. Nachdem Lot – eher zum Schaden als zum Nutzen – das augenscheinlich bessere Land gewählt hat, darf Abram das ihm verbleibende karge Land besehen, in alle Himmelsrichtungen (V. 14). Wichtig ist dabei eine Nuance: Lot hat selbst geschaut – Abram wurde das Land gezeigt, er sieht es, weil Gott es ihn sehen lässt. Die selbstgewählten Wege enden oft schneller als die Wege, die Gott uns begleitet und leitet. In diesem Glauben darf Abram nun das Land, das er eigentlich schon kennt, richtig besehen und soll es nun durchziehen … in die Länge und Breite (V. 17). Es ist ihm und seiner großen Nachkommenschaft gegeben vom Geber aller Gaben (V. 15+16). Diese Aussagen wollen gewiss rechtfertigen, dass die Abraham-Leute, also Israel, in diesem Land wohnen, dieses Land nutzen. Von Schädigung und Vertreibung der Urbevölkerung ist aber, wie schon angedeutet, keine Rede. Es geht auch um sehr viel mehr. Abraham und seine Nachkommen sollen nicht nur sagen können: Dieses Land ist unser Besitz. Sie sollen vor allem sagen: Dieses Land ist Gottes Geschenk. Was wir Menschen nutzen dürfen, gehört Gott. Abram hat das verstanden. Er wohnt weiter in seinem transportablen Zelt, obwohl der Hain Mamre im Süden Kanaans sein Hauptwohnsitz wird. Dort errichtet er einen Altar. Nicht zu seinen Ehren, als Ausweis seiner Leistung, sondern dem Herrn (V. 18). In Manhattan, Frankfurt, Singapur, Hannover sehen die Bankgebäude, meist größer als Kirchen und Tempel, aus wie Gotteshäuser eigener Art. Im Hain Mamre, der  bei Hebron ist (V. 18), fällt zuerst der Altar für Gott auf.

Das alles ist das Ergebnis einer Selbstbeschränkung. Wo sie Verzicht bedeutet, kommt dieser weder aus der Freude an der Entsagung noch aus der Vernunft um der Vernunft willen. Die Einsicht in die Vernunft der Selbstzurücknahme kommt aus dem Glauben, dass zuerst und zuletzt Gott alle Gaben gibt. Dieser Glaube ist ein Transit. Er bahnt uns die neuen Wege: die Wege, die für uns gut sind, die uns an das Ziel bringen, zu dem Gott alles, auch das Unvollkommene und Hinfällige, herrlich hinausführt. Lasst uns schon jetzt alles im Licht dieser Verheißung sehen!

Amen.


[1] Hier wie an einigen anderen Stellen übernehme ich Gedanken von Eberhard Jüngel: Geistesgegenwart. Predigten I und II, München 1979, S. 9-15.

[2] Hier nehme ich, sie im ersten Teil zugleich abwandelnd, Gedanken auf, die Bundespräsident Joachim Gauck zum 25. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung (3. Oktober 1990 bis 3. Oktober 2015) in Frankfurt am Main geäußert hat.

 

 

Perikope
25.10.2015
13,1-18