Was wird aus ihm? - Predigt zu Offenbarung 5, 1-14 von Christian Stasch
Sie reden oft über ihn: Johannes. Der ist besonders. Ein schroffer Typ, kratzbürstig, sogar krawallig. Will mit dem Kopf durch die Wand. Macht sein Ding. Liebt die großgemalten Gesten und die groben, lauten Worte. Gern auch mal eine ausgeschmückte Gewalt-Phantasie mit dabei. Nicht everybody´s darling, kein Weichzeichner. Keiner, der es sich und anderen leicht macht. Man braucht langen Atem, um sich auf ihn einzulassen. Ist das vielleicht sogar pathologisch? Und sie denken: Was aus dem mal werden wird … - Wie wird der seinen Weg gehen? Manches drückt er sprachlich genial aus, aber andererseits ist es nicht immer ganz zu Ende gedacht. Na ja, irgendwie kommt er schon durch. Denn das Beschwerliche ist ja zugleich auch seine Stärke. Dieser Mut, Dinge auf den Punkt zu bringen. Nicht um den heißen Brei herum zu reden. Wenn Johannes z.B. jemanden nicht mag, dann schiebt er nicht Terminprobleme vor oder redet sich raus, sondern dann gilt eben klipp und klar: Dich mag ich nicht. Keine Kompromisse. Egal, welche Folgen das haben mag. Angstfrei ist Johannes. „Fürchte dich nicht.“ Das ist schon stark.
Liebe Gemeinde,
so ähnlich könnten sich die Eltern vielleicht Sorgen und Gedanken gemacht haben um ihren Sohn Johannes, namensgleich mit einem der Jesusjünger und einem der vier Evangelisten. Uns ist allerdings rein gar nichts überliefert von elterlichen Gedanken. Überliefert ist uns nur ein Traum, den der erwachsene Johannes träumte, Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. Eine Art Vision, die er geschaut in seinem Exil und dann aufgeschrieben hat, kraftvoll, z.T. auch etwas dick aufgetragen, Schwarz-Weiß, Gut – Böse. Nun, es waren stürmische Zeiten, erste größere Christenverfolgungen – da ist für moderate Töne wohl kein Platz, wie so oft in der Untergrund-Literatur, und es gibt nur ein entweder-oder: wer hat letztlich die Macht, der römische Kaiser oder Gott? Unter dem Namen „Offenbarung des Johannes“ hat diese Vision Einzug in die Bibel gefunden, ganz am Ende steht sie. In manchen Ländern haben die Christen allerdings ganz bewusst Bibeln OHNE die Johannesoffenbarung. Und Martin Luther war auch nie ein Fan von ihr: Er könne überhaupt nicht spüren, dass diese Schrift überhaupt vom Heiligen Geist durchdrungen sei, so sagt Luther.
Mal schauen.Jedenfalls eine ungewohnte Stimme und ungewohnte Bilder zum 1. Advent:Ein paar Verse aus dieser Johannesoffenbarung (wir haben sie vorhin in der Lesung gehört). In den geöffneten Himmel lässt Johannes uns blicken: Thronsaal Gottes. Exklusivreportage.Gott ist natürlich nicht wirklich darstellbar, es gibt ja schließlich das Bilderverbot, aber immerhin: Gott sitzt. Auf einem Thron. Von dem Thron gehen Blitze und Donner und Stimmen aus. Zeichen von Macht. In Gottes Händen ein Buch mit sieben Siegeln. Gehaltvoll. Geheimnisvoll. Johannes sieht das alles live. Er scheint geradezu magisch angezogen von diesem Buch. Vielleicht hat er die Hoffnung, dass die Verknotungen und Rätsel des Lebens hier gelöst werden könnten. Und es ist ihm zum Heulen zumute, dass diese verdammten sieben Siegel des Buches einfach nicht zu knacken sind. Wer könnte es? Johannes träumt weiter, wie jemand genau darauf die Antwort gibt: „Der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids wird auftun das Buch und seine sieben Siegel.“ Johannes kann es noch nicht wissen, aber daraus wird später mal ein Weihnachtslied werden: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart…“
Aus einer kleinen Wurzel wächst Großes! Hier besonders groß: Löwe, König der Tiere. Kraftstrotzend, brüllend, majestätisch. Diese Ankündigung hört der Träumer. Aber er sieht gar keinen Löwen. Zu sehen bekommt er etwas anderes. Ein Lamm. Geradezu eine Korrektur des Löwenbildes. Und es ist kein gewöhnliches Lamm, hier im himmlischen Thronsaal, der so reich ausgeschmückt ist mit religiösen Symbolen. So hat dieses Lamm als Symbol für Gottes Weisheit auch wieder eine Siebenzahl zu bieten. Statt zwei Augen: Sieben Augen. Statt zwei Hörnern wie bei einem Widder: Sieben Hörner. Also dieses Lamm ist deutlich eine Kunstfigur. Wie sie nur im Museum, im Film, oder eben im Traum vorstellbar ist.
Und es hat einen Schnitt am Hals, Todeszeichen. Wie ein Opfer. Blut kommt ins Spiel. Und man kann an die toten Tiere hier bei uns denken, die in der Holzmindener oder Celler oder Diepholzer Gegend von einem Wolf gerissen wurden (manchmal auch von einem Luchs) und die dann in ihrem Blut da liegen, bemitleidenswert, diese Schafe und Lämmer. Und die keine Chance hatten. „Suchen Sie sich ein Tier aus, das Ihnen dabei hilft, Stärke zu gewinnen“, sagt der Coach im Beratungsgespräch zu der Frau gegenüber. Sie ist in ihrer Firma aufgestiegen, aber dennoch bekommt sie es in kniffligen Gesprächen mit der Angst zu tun, fühlt sich unsicher und zu schwach. Da liegen viele verschiedene Tiere in Spielzeuggröße auf dem Tisch, ein Lamm auch. Was wählt die Frau aus? Den Tiger! Den Wolf hätte sie auch nehmen können, aber der hat ja bei manchen ein Imageproblem. Und sie erzählt zwei Wochen später: „Das läuft super mit dem Tiger. Bei schweren Gesprächen mache ich jetzt kurz die Schublade auf, gucke auf den Tiger, und weiß, der ist in meiner Nähe. Ich krieg etwas von seiner Stärke!“ – Was die Frau bei dieser hilfreichen Coaching-Methode jedenfalls links liegen lässt, ist das Lamm.
Das Lamm ist kein Tier der Stärke und der Durchsetzungskraft Genauso wenig wie der Esel, von dem wir vorhin gehört haben, dass er zu Jesu Advent beigetragen hat, zu Jesus Einzug in Jerusalem. Gegen den mächtigen römischen Kaiser, der sich gottgleich verehren lässt, bietet Johannes als Gegenmacht das Bild vom Lamm auf.
Eigentlich tot, dieses Lamm. Aber siehe: es lebt.Gegensätze ganz nah beisammen: Sterben und Leben, schwach sein und stark sein, verlieren und gewinnen. Johannes kann es noch nicht wissen, aber daraus wird später mal ein Abendmahlsgesang werden: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser.“
Das vom Tod gezeichnete lebendige Lamm übernimmt von dem, der auf dem Thron sitzt, das ominöse Buch. Aus seinen Händen. Wir müssen uns nicht real vorstellen, wie das gehen soll, dass ein Lamm ein Buch festhält. Deutlich ist: Es wirkt wie eine Inthronisation. Als würde eine Krone von einem Herrscher auf den Nachkommen weitergereicht. Oder zumindest: Eine Gewaltenteilung zwischen Vater und Sohn. Johannes kann es noch nicht wissen, aber daraus wird später mal ein Satz im Glaubensbekenntnis werden: „Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des Allmächtigen Vaters.“
Und mit Pauken und Trompeten endet diese Traum-Sequenz. Dem Buchöffner-Lamm wird aus tausend Kehlen von Engeln und anderen Wesen ein himmlisches Loblied gesungen: „Das Lamm (…) ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“
Kleines Lamm. Kommt ganz groß raus.
Johannes kann es noch nicht wissen, aber daraus wird später mal der große, prächtige Schlusschor von Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Messias “werden, 1742 in Dublin uraufgeführt. Wobei der Halleluja-Chor einen ja bereits so von den Sitzen reist, dass man denkt, das Stück ist zu Ende (diesen Fehler machte damals schon der englische König Georg II., der wollte nach dem Halleluja nach Hause gehen) - aber nein, das Ende kommt eben erst eine Dreiviertelstunde später: “Worthy is the Lamb (…) - to receive power, and riches, and wisdom, and strength, and honour, and glory, and blessing.”
Vom Löwen sieht und hört man nichts mehr, das Lamm steht im Mittelpunkt. Soweit Johannes, dieser schroffe Typ - und die vielen Auswirkungen seiner tierischen Vision vom himmlischen Thronsaal und dem versehrten und verehrten Lamm.
Johannes kann auch das noch nicht wissen, aber mit dem traumhaften Bild vom Thronsaal hat sich später mal Friedrich Spee beschäftigt und ein sehr inniges und schönes Adventslied geschrieben: „O Heiland reiß die Himmel auf.“ Spee dichtet das so, weil ihm klar ist: Es gibt doch einen gewissen gefühlten Abstand zwischen dem himmlischen und dem irdischen Bereich. Und Menschen, denen es dreckig geht, haben manchmal den Eindruck von Trostlosigkeit. Und empfinden das ganze Leben als einziges verschlossenes Buch mit sieben Siegeln. Und fühlen sich belämmert. Und empfinden dann auch den Himmel als verschlossen. Und schütten ihr Herz aus, und klagen in Richtung Himmel: „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal.“
Mit dieser Sehnsucht wird der Thronsaal Gottes adventlich. O komm. Ach komm. Gott möge zu uns kommen. Nicht bei sich bleiben. Die Bilder fließen ineinander: Das Lamm Gottes, verwundet thronend im Himmel, und das Kind in der Krippe, bedürftig und gefährdet. Himmel und Erde berühren sich. „Heut schließt er wieder auf die Tür“ singen wir dann an Weihnachten.
Und? Wovon konnte der schroffe Johannes ebenfalls noch nichts wissen? Von der Weihnachtskrippe in der Jesuitenkirche Heidelberg. Die ist etwas Besonderes. Eine moderne Krippe, bei der Insassen der Justizvollzugsanstalt Jahr für Jahr weitere Figuren der Gegenwart aus Pappmaché hinzu platzieren. Z.B. den Banker Josef Ackermann , die Fußballer Mats Hummels und Thomas Müller, Papst Franziskus, Martin Luther, aber auch Flüchtlinge, die zu ertrinken drohen. Unsere Welt, so wie sie ist, aus Pappmaché in einer Kirche.
Der tiefere Sinn einer jeden Krippendarstellung wird so besonders deutlich: Gott ist da, in Not und Jammertal und auch in den Schönheiten das Alltags. Gott kommt „vom höchsten Saal“ in unser Leben. Und Maria? Maria trägt in ihrem Arm: das Jesuskind. Klar. Aber in der Heidelberger Krippe tut sie das erst ab Weihnachten. In der Adventszeit, sozusagen „vor der Geburt“, trägt sie im Arm: ein Lamm.
„Was aus dem mal werden wird …?“
Amen.
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Sie ist, wie eine kleine graue Katze – Predigt zu Offenbarung 21,4 von Juliane Rumpel
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Offenbarung 21,4
Friede sei mit euch und Gnade, von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Sie ist, wie eine kleine graue Katze. Sie kommt, wann sie will, manchmal bleibt sie tagelang weg, manchmal ist sie anhänglich, liegt lange auf meinem Schoß, will gar nicht wieder gehen. Sie ist, wie eine kleine graue Katze. Eine Katze, die ich mir nicht ausgesucht hat, die zu mir kam, ohne, dass ich mitreden durfte, sie war einfach da und ich ahne, dass sie noch lange bleiben wird.
Sie ist, wie eine kleine graue Katze – meine Trauer. Sie kommt, wann sie will, manchmal bleibt sie tagelang weg, manchmal ist sie anhänglich, liegt lange auf meinem Schoß, will gar nicht wieder gehen. Und manchmal, manchmal, da halte ich sie auch fest, die kleine graue Katze, will sie nicht gehen lassen, halte sie fest und lasse den Tränen freien Lauf, den Tränen, von denen ich gar nicht wusste, wie viele ich davon besitze.
Ich weine, weil Du nicht mehr bist. Weil ich Dich für immer verloren habe. Seit Du weg bist, kommt die Katze, seit Du weg bist, kommen die Tränen. Ich weine, weil meine Mutter starb. Ich weine, weil es weh tut, obgleich ich weiß, dass meine Mutter nun dort ist, wo sie ohne Schmerz sein darf, ohne Leid und ohne Tränen. Das weiß ich, das glaube ich – und trotzdem tut es mir weh, trotzdem weine ich, obgleich ich fühle, da, wo meine Mutter ist, der Ort, den ich Gott nenne, da wo sie ist, da werden ihr alle Tränen abgewischt. Jede Träne, die die Krankheit brachte, jede Träne, die ihr ihre Lebensjahre brachten, jede Träne wischt er ihr zärtlich von der Wange. Wie schön! …für sie. Doch für mich, hier, fließen meine Tränen weiter, denn die, die sie abwischte, die die meine Tränen Tag für Tag und Jahr für Jahr abwischte, sie ist nicht mehr und meine Tränen fließen hemmungslos.
Meine Tränen fließen, weil ich unendlich traurig bin und noch nicht so recht weiß, wie es weitergeht. Nur: dass es weitergeht, das weiß ich inzwischen, alles geht weiter, alles geht einfach so weiter, obwohl alles anders ist, geht alles einfach so weiter. Jeden Morgen geht die Sonne auf, jeden Abend geht sie wieder unter. Der Sommer war wieder durchwachsen, der Herbst war wieder golden, der November ist immer noch grau, alles wie immer. Der Bus morgens ist voll, die Schlange an der Kasse ist lang, die Menschen, die immer grüßten, grüßen weiterhin, immer kommen Tage und immer wieder gehen die Tage wieder.
Alles ist wie immer? Nein! Nichts ist wie immer.
Da ist die kleine graue Katze, die kommt, wann sie will und da fehlt die Mutter, die anrief, wann sie wollte. Nichts ist mehr wie immer, denn der Ehemann starb, unerwartet nach jahrzehntelanger Ehe, er war immer da, schraubte und reparierte und tat und machte und nun, ist alles furchtbar still. Nichts ist mehr wie immer, denn die Tochter starb, unerwartet, viel zu früh, noch mitten im Leben, sie lässt ihre Mutter zurück und ihre Tochter, beide haben einander, doch sie, sie haben sie nicht mehr. Nichts ist mehr wie immer, denn die Mutter starb, Anfang des Jahres schon starb und dennoch hört die Tochter noch immer Geräusche im Haus, und sie denkt: Sie ist noch da, meine alte Mutter, gepflegt zuhause bis zum Ende. Nichts ist mehr wie immer, egal wie lange man schon damit rechnete, egal, wie lange der Mann, die Schwiegermutter, die Tochter, der Vater, ganz egal wie lange sie schon nicht mehr sind.
Nichts ist mehr wie immer, denn unsere Liebe ist heimatlos geworden. Unsere Liebe (zu ihnen) hat nun keinen Ort mehr, irrt umher und findet nicht, was sie sucht, unsere Liebe irrt umher, sucht nach ihrer Heimat, irrt und weint und weint und sucht…
Von Zeit zu Zeit findet sie etwas, für einen Moment nur, findet es und hält sich daran fest: den Pullover der Großmutter, sie schlüpft hinein und fühlt sich ihr ganz nahe. Von Zeit zu Zeit findet sie etwas, für einen Moment nur, findet es und hält sich daran fest: das Rezeptbuch der Mutter, sie weiß nun wieder wie der Hefeteig geht. Apfelkuchen kauend ist sie wieder Kind und wieder wischt die Mutter alle Tränen ab. Von Zeit zu Zeit findet sie etwas, für einen Moment nur, findet es und hält sich daran fest: die Drechselbank des Vaters, er kennt fast jeden Handgriff, hatte ihm oft genug zugeschaut, am Ende aber nicht alles gelernt, zu wenig miteinander gesprochen.
Wenn meine Liebe umherirrt, bin ich froh, dass ich weiß, wo ich hingehen kann: Dorthin, wo sie begraben liegt, dorthin, wo er seine letzte Ruhe fand. Und das mach ich nicht nur, mit der grauen Katze im Arm, sondern auch ohne sie, dann wenn Mama Geburtstag hat, dann kaufe ich wie jedes Jahr, einen großen bunten Blumenstrauß. Dann zünde ich wie jedes Jahr eine Kerze an, dann stoße ich wie jedes Jahr mit einem Glas Sekt auf sie an. Mit ihr kann ich nicht mehr feiern, mit ihr kann ich nicht mehr anstoßen, aber auf sie und auf ihr Leben. Dann ist alles wieder ein bisschen wie immer, obgleich doch alles ganz anders ist. Es ist gut, die zu erinnern, die gestorben sind. Es tut gut, ihre Namen zu hören. Es ist gut, der heimatlos gewordenen Liebe wieder Halt zu geben.
Alles ist wie immer und zugleich ist alles anders …Wir wissen, dass die Welt da draußen nicht untergeht, wenn ein Mensch stirbt – aber hier drinnen (auf Herz klopfen) da ist eine Welt zu Ende. Wir wissen, dass die Katze immer seltener kommen wird - aber hier drinnen (auf Herz klopfen) da ist auch die Angst zu vergessen, zu verstummen oder zu erkalten. Wir wissen, dass jeder von uns eines Tages sterben wird - aber hier drinnen (auf Herz klopfen) da ist auch die Freude und die Hoffnung, wieder vereint zu sein, mit denen, die wir jetzt so sehr vermissen wieder vereint zu sein und frei zu sein, frei von Schmerz und Leid, denn dann ist da wieder einer, der die Tränen abwischt
Das glaube und hoffe ich und das wünsche ich uns allen, nicht, weil es uns hilft, leichter zu leben, sondern weil es uns das Schwere ertragen lässt nicht, weil es uns verführt, einfacher zu leben, sondern weil es uns dankbar sein lässt für das, was wir hatten miteinander und weil es uns getröstet auf das zuleben lässt, was wir haben werden, miteinander und mit Gott.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne bei denen, die wir lieben und die wir bei Christus Jesus glauben, unserem Herrn.
Amen
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Konfi-Impuls zum 1. Advent 3.12.2017 - Offenbarung 5,1-5 von Andrea Holm
Nachdem ich den Text den Konfis vorgelesen habe, schauen sie mich mit großen Augen an. „Ich habe nichts verstanden“, war die einhellige Antwort. Nach dieser Rückmeldung konnte ich zumindest hinweisen, woher das gebräuchliche Wort „Das ist mir ein Buch mit sieben Siegeln“ kommt.
Im Text blieb ihnen besonders das Wort: „würdig“. Mit diesem Wort gehe ich mit den Konfis am Predigttext entlang.
- Würdevolles Miteinander
Die Konfis haben ein Gespür für einen würdevollen Umgang, auch wenn dieses Wort nicht aus ihrem Sprachgebrauch kommt und auch wenn man es an ihrem eigenen Verhalten nicht immer ablesen kann.
Idee: Die Konfis können im Gespräch von Situationen erzählen, die sie selbst hatten.
Frage: Überlegt mal, wo ihr in der letzten Zeit Situationen erlebt habt, in denen ihr selber oder andere würdelos behandelt wurden.
- Wer ist würdig genug?
Was macht die Würde des Einzelnen aus? Spannend ist die Diskussion, ob die Konfis die Würde des Einzelnen am Handeln festmachen oder davon abgelöst betrachten.
Frage: Fällt euch jemand ein, den ihr als besonders würdig empfindet?
- Einer ist würdig genug: Jesus
Jesus, Gottes Sohn, ist derjenige, der würdig ist, dass er die Siegel brechen und das Buch öffnen darf und so das Geheimnis der Liebe Gottes sichtbar werden lässt.
Hier bietet sich an, mit den Konfis die Person Jesus Christus in den Blick zu nehmen. Er war ganz Mensch wie wir, war aber doch würdiger als die anderen Menschen.
Die Frage „Warum gerade er?“ kann weiterführen.
- Nun sind wir auch würdig
Jesus behält diese besondere Würde nicht für sich. In der Taufe werden auch wir in dieses Licht getaucht. Wir sind würdig genug Gottes Kinder zu sein - ohne Ansehen unserer Person.
Das alltägliche Miteinander so zu gestalten, dass die Würde des Anderen Grundlage des Miteinanders ist, stellt eine Herausforderung dar, nicht nur für Konfis.
Frage: Wie kann man sich gegenseitig zeigen, dass man die Würde des Anderen, in der Bibel heißt es des Nächsten, respektiert und „würdevoll“ miteinander umgeht?
Idee: Die Möglichkeiten sammeln und entscheiden, welche man als Konfigruppe vielleicht gerade auch in den vier Adventswochen umsetzen möchte.
Zur Gottesdienstgestaltung:
Im Unterricht werden Sätze gesammelt und auf weiße Kartonkarten (DIN A6) geschrieben, die einen spüren lassen, dass man in den Augen Gottes würdig ist, unabhängig wie einen die Anderen sehen. Diese Karten kommen in einen Briefumschlag, der mit Siegelwachs verschlossen wird. Im Gottesdienst verteilen die Konfis dann die Briefe an die anderen Gottesdienstteilnehmer, z.B. an der Stelle der Predigt, wo es um das Aufbrechen des Siegels geht.
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03.12.2017 - 1. So. im Advent
Der Himmel voller Tränen - Predigt zu Offenbarung 21,1-7 von Daniela Hammelsbeck
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. (Off 21,1-7)
Liebe Gemeinde,
„Sie ist immer noch da!“, der alte Herr traut sich kaum, das zu sagen. Der Tod seiner Frau liegt ja schon so viele Jahre zurück.
„Sie ist immer noch da, hier in der Wohnung, ich kann sie richtig spüren, und dann spreche ich mit ihr.“
Während er das erzählt, kommen ihm die Tränen. Und seine Tochter streicht ihm über das Gesicht, eine kleine zärtliche Handbewegung, und wischt die Tränen ab. Fast intim wirkt sie, diese Geste.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.
Das ist der intimste Moment in dem so gewaltigen Predigttext.
Denn mächtig ist sie, die Vision, die da gemalt wird.
Großformatige Bilder standen dem Johannes vor Augen – damals, als die erste Verfolgung über die christlichen Gemeinden herein brach.
Bedroht, verfolgt, bestraft, Johannes wurde verbannt auf die Insel Patmos. Dort im Exil empfing er Visionen und schrieb sie auf. Für alle die anderen, die in Bedrängnis waren, in Angst, in Verzweiflung. Auch für uns heute.
Bilder, die uns hinein schauen lassen in die Zukunft. In die Ewigkeit. In der alles ganz anders sein wird.
Siehe, ich mache alles neu.
Nicht das Alte wird repariert, da entsteht etwas völlig Neues.
Ein neuer Himmel, eine neue Erde, das himmlische Jerusalem, geschmückt wie eine Braut und vom Himmel herabkommend.
Neu, ganz neu, ganz anders wird es da sein.
Kein Hass, keine Gewalt, kein Geschrei, kein Leid, kein Schmerz, kein Tod.
Ein neuer Himmel, eine neue Erde, völlig anders als das, was wir hier erleben.
Siehe, das Alte ist vergangen.
Aber dann: diese Tränen!
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.
Alles ist anders, aber die Tränen, die sind noch da.
Auch im neuen Himmel wird geweint.
Das verbindet uns mit unseren Toten.
Das verbindet unsere und die neue Welt.
Hier und dort, jetzt und dann.
Viele von uns hier haben Tränen vergossen in den letzten Wochen und Monaten. Haben geweint. Am Bett. Am Grab. Ganz im Verborgenen oder gemeinsam mit anderen. Still und leise oder laut und heftig.
Tränen um einen Menschen, der nun fehlt.
Tränen vor Erleichterung, weil das unerträgliche Leiden endlich vorbei ist.
Tränen, weil es so furchtbar weh tut.
Tränen der Verzweiflung: Wie soll es weiter gehen?
Tränen um versäumte Momente, um das, was nicht war und was doch hätte sein können.
Tränen, die nicht aufhören wollen zu fließen.
Tränen vielleicht auch, die noch nicht nach draußen können.
Ungeweinte Tränen.
Es ist gut, wenn wir weinen können. Tränen müssen fließen, damit der Schmerz sich nicht festsetzt. Und die Trauer nicht erstarrt. Tränen, die fließen, helfen, im Schmerz lebendig zu bleiben.
Darum ist es gut, dass auch im neuen Himmel Tränen fließen werden.
Dass auch die neue Welt etwas davon weiß, wie heilsam Tränen sein können.
Der Himmel voller Tränen – und Gott wird da sein.
Wir trauern, wir weinen. Viele Tränen sind geflossen und fließen noch.
Wir fragen: Warum? Warum dieser Tod? Wie soll es werden? Wie soll ich das schaffen?
Und die Antwort, die Gott gibt, ist vielleicht anders als wir erwarten: „Jede Träne will ich aus deinen Augen wischen!“ Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes 66,13)
Wie das wohl ist?
Wie sich das wohl anfühlt, wenn Gott mir die Tränen abwischte?
Wenn Gott mich in den Arm nähme, ganz sanft und behutsam.
Wenn er mich womöglich fragte: Warum weinst du?
Und dann kommt der Schmerz aus den Tiefen meines Herzens heraus und mit den Tränen löst sich all das, was mich so lange festgehalten hat. Nicht eine einzige Träne ginge verloren. Jede einzelne würde von Gott gesehen. Auch die ungeweinten Tränen. Und die unterdrückten.
Wie das wohl ist, wenn Gott uns über die feuchten Wangen striche?
So vertraut, so nah, so zärtlich, so liebevoll.
So zugewandt kann nur einer sein, der behutsam und vorsichtig ist.
Der um meine Verletzlichkeit weiß. Der mir wirklich nahe ist. Der sich selber berühren lässt.
Das kann keiner sein, der unberührbar ist.
Kein mächtiger König, kein Herrscher auf einem Thron.
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen.
Gott wohnt bei uns. Gott richtet sich bei uns ein. In einer Hütte. Wörtlich steht da: in einem „Zelt“. Gott schlägt mitten unter uns sein Zelt auf. Da ist keine Mauer mehr zwischen uns. Durch eine Zeltwand kann ich sogar Atemgeräusche hören. Gottes Atem.
Und Gott hört meinen Atem. Hört mein Schluchzen, und sei es noch so leise.
Näher geht es eigentlich nicht. Näher kann mir dieser Gott nicht kommen.
Der Seher Johannes sitzt weit weg – da auf der Insel, verbannt und verzweifelt, bedrängt, traurig, voller Angst.
Von da blickt er in den neuen Himmel und auf die neue Erde. Und spürt doch ganz real, hier und jetzt, wie Gott seine Tränen abwischt. Dieser Gott, der sein Zelt nebenan aufschlägt. Und der seine verletzten Menschenkinder in den Arm nimmt.
Wir sitzen hier mit unserer Trauer, unseren Tränen, unseren Fragen: Möge es doch so sein, dass auch wir etwas davon spüren: Wie die Ewigkeit uns berührt. Wie Gottes zärtliche Hand uns über die Backe streicht.
„Sie ist immer noch da, ich kann sie richtig spüren“, sagt der alte Herr.
Manchmal sind die Menschen, die gegangen sind, einfach wieder da. Niemand ist ganz weg.
Das kann man so oder so sehen. Aber egal, wie man das sieht: Auf jeden Fall ist einer immer noch da. Und der bleibt. Und wird immer noch da sein, am Ende.
A und O, Anfang und Ende, und eben der, der alle meine Tränen abwischen wird.
Amen.
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Befreiende Tränen - Predigt zu Offenbarung 21,1-7 von Antje Marklein
Liebe Gemeinde,
wie gut ist es, weinen zu können. Tränen der Verzweiflung, Tränen der Trauer, Tränen der Wut, der Fassungslosigkeit wollen geweint werden. Auch Tränen der Einsamkeit, des Schmerzes, der Ohnmacht.
Heute denken wir an die vielen, die leben wollten. Leben, lieben, das Leben teilen, sich am Leben erfreuen und am Leben leiden.
Heute denken wir an die, die nicht mehr leben wollten, nicht mehr lieben, nicht mehr leiden, nichts mehr fühlen.
Heute denken wir an die Menschen, die nicht mehr leben konnten. Die gestorben sind, bevor das Leben richtig begonnen hat. Und die gestorben sind, weil sie in die Jahre gekommen sind.
Heute denken wir an unsere Toten.
Wie gut ist es, weinen zu können. Und sie sind kostbar, die Tränen. Und wollen geweint werden. Wer kann Tränen zurückhalten?
Unsere Tränen erzählen Geschichten. Geschichten gemeinsam gelebten Lebens, Geschichten von Träumen und Zukunft, Geschichten von Hoffnung und Freude, Geschichten von Schmerz und Verzweiflung. Unsere Tränen stellen Fragen. Warum? Warum ich? Warum jetzt? Und mit den Tränen fließen auch die Worte, die Fragen, die Gefühle. Und irgendwann gehen die Tränen aus. Oder werden getrocknet, zärtlich durch die Hand eines Menschen, der versteht. Wie kostbar sind solche Begegnungen mit mir selbst, mit meinem Schmerz. Und mit Menschen die mich trösten.
Wie gut ist es, diese Tränen nicht allein zu weinen.
Gott, sammle meinen Tränen in deinen Krug, so betet ein Mensch im Psalm (Ps 56,9). Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug. Wer so spricht, ahnt, dass kein Mensch die tiefe Trauer heilen kann. Dass kein Mensch die Lücke schließen kann, die der Tod hinterlässt.
Gott, sammle meine Tränen in deinem Krug.
Keine Träne soll verloren gehen. Auch die kleinste Träne, die ich geweint habe, die ich noch weinen muss oder schon gar nicht mehr weinen kann – Gott soll sie sammeln, Gott soll unser Weinen zu seinem machen, unsere Tränen zu seinen Tränen. Unsere Tränen sollen nicht verloren gehen. Gott soll sie sammeln.
Wie gut ist es, diese Tränen nicht allein zu weinen.
Einmal kommt die Zeit, da wird Gott alle Tränen abwischen.
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. (Off 21,4)
Noch unbegreiflich, aber vielleicht zu ahnen: Es gibt eine Zeit, in der der Schmerz aufhören wird. In der Ruhe einkehrt. Und Frieden. Alle Ohnmacht hat ein Ende, alles Tun, alles Fragen und Weinen.
Es gibt eine Zeit nach dem Schmerz, eine Zeit nach der Trauer, eine Zeit nach den Tränen. Für manche von uns immer noch schwer vorstellbar. Andere spüren es schon, wenn ein Jahr vergangen ist, oder zwei. Die Tränen kommen seltener, sie gehören in den Alltag, sie kommen, und sie gehen auch. Und manche Menschen spüren Dankbarkeit. Für das, was war. Für das, was zu Ende gehen musste. Für das, was so nicht weitergehen konnte. Dankbarkeit für gemeinsame, kostbare Zeit.
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.
Das sagt die Bibel, in der großartigen Vision des Sehers Johannes. Ganz hinten steht es, im letzten Buch der Bibel. Mit starken gewaltigen Bildern und voller Poesie: Ein neuer Himmel, eine neue Erde, das neue Jerusalem, und Gott wohnt bei den Menschen. Gott an der Seite der Menschen. Gott der zärtlich ihre Tränen abwischt, kein Tod mehr, kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr. Gott macht alles neu.
Johannes Brahms komponierte in seinem Deutschen Requiem eine ergreifende Fuge zu den Worten: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; Freude, ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen wird weg müssen.“ Brahms‘ Musik kann uns in den tröstlichen Bann einer Verheißung ziehen, die Neues, ganz Neues verspricht.
Gott sagt: Siehe, ich mache alles neu.(Off 21,5b)
Was aber wird bis dahin? Was wird mit den Tränen, die noch geweint werden müssen in dunklen Nächten? Was ist mit den Tränen die noch geweint werden wollen? Wer könnte sie zurückhalten?
Was wird bis dahin? Gehen wir auf den Friedhof und an die Orte unserer Erinnerung. Lassen wir einander teilhaben an der Traurigkeit. Achten wir die Tränen derer, die weinen. Teilen wir den Schmerz. Und teilen wir auch die kostbaren Erinnerungen, die uns dankbar machen. Stehen wir beieinander in der Trauer und auch in der Zeit nach der Trauer.
Tränen haben heilende Kraft. Aus Traurigkeit wächst eine neue Energie, dem Leben zugewandt in allem Schmerz. Tränen helfen, loszulassen, was war, und sich dem zu stellen, was kommt.
(Melodie eg 16 im Hintergrund, leise)
(In die Musik hinein sprechen:) Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern; so sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht. (Jochen Klepper)
(Musik geht zu Ende)
Nach heute kommt morgen. Nach dem Ewigkeitssonntag kommt der Advent. Auf dem Rückweg vom Friedhof gehen wir ins Leben, in unser Leben, das gelebt werden will. Unser Leben, unsere Zeit, unsere Endlichkeit.
„Wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein“, dichtet Jochen Klepper, kurz vor seinem Tod. Und wenn uns die Adventslieder in diesem Jahr noch im Halse stecken bleiben, hören wir sie, hören wir hin, wie traurig, wie fröhlich, wie hoffnungsvoll sie klingen.
„Wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.“ Amen.
Inspiriert von einer Predigt zu Psalm 56,9 von Präses Annette Kurschus am 17.4.2015 /Trauerfeier im Kölner Dom)
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Gott wohnt in Hausnummer 56 - Predigt zu Offenbarung 21,1-7 von Barbara Eberhardt
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. (Off 21,1-7)
Haus Nummer 55 ist ein Reiheneckhaus. Darin wohnt Andreas mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Andreas ist mittelgroß, etwas rundlich um die Hüften und seine Schläfen werden grau. Er arbeitet im Außendienst bei einem großen Unternehmen. Gestern in Köln, morgen am Bodensee. Immer ist er unterwegs. Und hat das Gefühl, dass seine Seele nicht hinterherkommt. Wenn er zwischendurch einmal zuhause ist, fühlt er sich fremd. Das Familienleben läuft längst ohne ihn ab. Neulich hat er einmal angedeutet, dass er seinen Beruf hinschmeißen möchte. Irgendetwas anderes machen. Seine Frau hat gesagt: Naja, Träume haben wir alle. Andreas hat das Thema nicht mehr angeschnitten. Aber er sehnt sich. Nach etwas Neuem.
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Haus Nummer 56 ist einer der Wohnblocks aus den siebziger Jahren. Im vierten Stock, zweite Wohnung rechts, wohnt Helga. Sie ist klein und zierlich und ihr weißes Haar steckt sie mit vielen kleinen Haarspängchen hoch. Sie mag diesen Wohnblock, denn da ist sie nicht allein. Früher hat sie als Bibliothekarin in einer Schulbücherei gearbeitet. Es war immer etwas los. Sie mochte die Kinder und die Kinder mochten sie. Mit vielen ehemaligen Schülerinnen und Schülern hat sie immer noch Kontakt. Manche sind schon Ende vierzig und haben selbst erwachsene Kinder. Vor acht Jahren ist Helga in den Ruhestand gegangen. Da begann sie zu sammeln. Sie interessiert sich für die Geschichte derer, die sie nie kennengelernt hat: für die Juden und Jüdinnen, die früher in der Stadt lebten und die in der Nazizeit vertrieben und deportiert wurden. Also geht Helga herum und sucht nach Informationen. Lässt sich von den Älteren Geschichten erzählen über die ehemaligen jüdischen Stadtbewohner. Sammelt alte Fotos. Neulich hat sie eine Ausstellung mit den Bildern und den Namen und Texten gemacht. Viele Menschen sind gekommen, um die Ausstellung zu sehen. Helga war glücklich. Sie hat danach gesagt: Ich weiß, dass ich die jüdischen Frauen, Männer und Kinder nicht mehr lebendig machen kann. Aber durch die Erinnerung an sie ändert sich die Stadt. Sie wird neu.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Haus Nummer 57 ist ein Altbau mit Fachwerk. Im ersten Stock wohnt Gertraud. Sie hat eine kräftige Figur und braun gefärbte Locken. 32 Jahre hat sie mit ihrem Mann dort gelebt. Dann ist er eines Tages nicht mehr von der Arbeit heimgekommen. Im Büro hatte er seiner Sekretärin gesagt, ihm sei übel und er müsse mal auf die Toilette. Dort fand man ihn dann. Leblos. Er hatte einen Herzinfarkt. Gertraud ist jetzt seit sieben Monaten allein. Die Trauer steckt tief in ihrer Seele. In der ersten Zeit ist sie kaum aus dem Haus gegangen. Ihre Geschwister haben sich um sie gekümmert. Seit einigen Wochen versucht sie es wieder. Geht allein einkaufen. Besucht eine Gedenkveranstaltung für ihren Mann. Aber immer, wenn jemand sie fragt, wie es ihr geht, kommen ihr die Tränen.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Haus Nummer 58 ist ein schmuckloser Bau aus den 1950er Jahren. An der Fassade bröckelt der Putz ab. Im zweiten Stock, unter dem Dach wohnt Mustafa. Er ist klein, rundlich, hat eine Glatze und leuchtend blaue Augen. Die blauen Augen hat er, weil seine Vorfahren Mongolen waren. So erzählt er jedenfalls. In den siebziger Jahren ist er aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Zuerst hat er als Küchenhilfe gearbeitet. Jetzt ist er Koch. Er kennt die Geheimnisse der fränkischen Küche. Sauerbraten, Schäufele, das alles hat er drauf. Er ist Mitte sechzig und würde eigentlich gern in Rente gehen. Aber das Geld reicht nicht. Er hat seine Tochter unterstützt, als sie studiert hat. Nie etwas für sich beiseitegelegt. Und viel zu wenig in die Rentenkasse einbezahlt. Er überlegt, ob er in die Türkei zurückgehen soll, weil das Leben dort billiger ist. Aber was soll er in der Türkei? Er ist seit vierzig Jahren in Deutschland und liebt die fränkische Küche. Er grübelt, aber er findet keine Lösung.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Haus Nummer 59 ist ein altes Haus aus Sandsteinen. Im Erdgeschoss ist ein Café. Es gehört Monika. Monika ist groß, blond und schlank. Sie hat als Konditorin gearbeitet. Das hat ihr nicht mehr gefallen. Immer in der Backstube, nie eigene Herrin sein. Da hat sie das Café aufgemacht. Und es läuft. Sie kommt über die Runden. Die Leute in der Straße mögen das Café, das ist schon mal die halbe Miete. Heute trinkt Andreas aus der Hausnummer 55 einen Cappuccino bei ihr. Er ist gerade von einer Außendienstfahrt zurückgekommen. Auch Helga aus der Hausnummer 56 ist da und erzählt von ihren Forschungen über die jüdische Geschichte. Mustafa aus der 58 sitzt mit einem Bier in einer Ecke, schweigt und hört zu. Und plötzlich geht die Tür auf und Gertraud kommt herein. Sie will nur schnell ein Stück Kuchen holen, sagt sie. Dann wechselt sie doch ein paar Worte mit Monika. Und mit Andreas. Und mit Helga. Und Mustafa hört zu und lächelt.
Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Haus Nummer 60 ist ein kleines Haus aus den 1930er Jahren. Eigentlich gar kein Haus, eher eine Bruchbude. Oder Hütte. Man weiß nicht, wer darin wohnt und ob da überhaupt einer wohnt. Ab und zu sieht man in den Fenstern Licht. Neulich hat einer gesagt: Am Ende wohnt da Gott selbst drin.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
Sie ist noch Zukunftsmusik, die Hütte Gottes bei den Menschen. Gott wischt noch nicht alle Tränen von unseren Augen. Es gibt noch Tod und Leid und Geschrei und Schmerz. Himmel und Erde sind alt. Jerusalem ist eine zerrissene Stadt.
Aber das ist schon geschehen: Gott ist unter uns. Gott mit uns – Immanuel. Gott, Mensch geworden, Fleisch von unserem Fleisch, lebt er in unseren Städten und Dörfern. Er lebt in der Hausnummer 60, der Bruchbude, von der kein Mensch weiß, wer darin wohnt. Er lebt in der 55 bei Andreas, in der 56 bei Helga, in der 57 bei Gertraud, in der 58 bei Mustafa. Er sitzt im Café von Monika in der 59. Er begegnet uns, Mensch unter Menschen, in unseren alten Städten, in der alten Welt. Hält eine Sehnsucht in uns wach nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Gibt uns lebendiges Wasser. Und verspricht:
Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.
Amen.