Aufbruch - Predigt zu 2. Mose 13, 20-22 (Silvester) von Monika Waldeck
Manche wandern entschlossen mit festem Blick in die Ferne. Manche bleiben immer wieder zögernd stehen und schauen zurück. Manche gehen mit müden Schritten und schmerzenden Gliedern. Manchen steht die ängstliche Ungläubigkeit noch ins Gesicht geschrieben, tatsächlich auf dem Weg zu sein. Manche tänzeln voller Vorfreude allen voraus. Manche müssen getragen werden. Manche strahlen zuversichtliche Gelassenheit aus.
Es muss eine bunte Truppe gewesen sein, die da unterwegs war, aus der Sklaverei in Ägypten auf dem Weg ins gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen. Männer, Frauen, Kinder in jedem Alter. Unterwegs auf einer langen Wanderung durch Wüste und Meer, aus der Zeit gefallen, zwischen den Fronten, zwischen dem alten und einem ersehnten neuen Leben.
Was sie in Ägypten gehabt haben, das wissen sie. Auch ein Leben in der Sklaverei kann Sicherheit geben. Was sie erwartet, können sie sich noch nicht vorstellen. Aber nun sind sie tatsächlich aufgebrochen. Sie haben sich auf den Weg gemacht. Sie wagen es, sich der Führung Gottes anzuvertrauen. Das ist der bewegende und bewegte Beginn der Glaubensgeschichte Israels mit seinem Gott.
Kann es auch eine Glaubensgeschichte für Menschen auf der Schwelle zum Jahr 2018 sein? Kann es uns helfen bei unserer Frage danach, wo Gott auf den Wanderungen unseres Lebens spürbar ist, besonders in den Situationen, in denen wir uns heimatlos und entfremdet fühlen?
Aufzubrechen bedeutet einerseits extreme Verunsicherung, Angst, Zweifel. Andererseits kann ein Aufbruch erwartungsvoll und neugierig stimmen. Und manchmal erleben Menschen in solchen Situationen alles gleichzeitig. Ein Hin- und Hergerissensein zwischen den unterschiedlichsten Gefühlen.
Das Volk Israel muss auf seiner Wanderung viel aushalten, Hunger, Durst und Verfolgung, es muss sich organisieren, um zu überleben und nicht alle werden es am Ende schaffen. Eine aufregende, eine anstrengende, eine lebensgefährliche Zeit mit ungewissem Ausgang liegt vor ihnen.
Gott weiß das. Er rechnet mit dem Zweifel, er rechnet mit der Überforderung und Schwäche der Menschen. Er übernimmt die Führung. Bei Tag zieht er in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule vor ihnen her, damit sie weitergehen können. Niemals lässt er sie allein. Niemals weicht er von seinem Volk. Manchmal sind sie sich der Führung Gottes sicher, manchmal zweifeln sie an ihr. Kaum sind sie unterwegs, bereuen es Einige schon, überhaupt losgezogen zu sein, weg von den Fleischtöpfen Ägyptens. Die Wanderung ist lang und führt durch die Öde der Wüste. So wenden sich viele murrend von ihm ab und beginnen den Tanz um das goldene Kalb.
Einfach lässt sich der Abstand zwischen Gott und seinem Volk dann nicht überspringen. In der Wolke und im Feuer zeigt er sich, aber manchmal reicht es nicht, um die Zweifel am Sinn und Ziel der Wanderung zu zerstreuen.
So sind wir Menschen, zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag. Gott kann uns so fremd und fern erscheinen wie wir uns selbst oft genug. Ich jedenfalls finde mich in diesen alten Geschichten wieder. Ich weiß nicht, wie es ausgeht, was mich sorgt und belastet. Ich weiß nicht, ob ich morgen noch da sein werde. Ich weiß nicht, wie ich die Krisen, die mir das Leben zumutet, durchstehe und wo ich dann sein werde und wer ich dann bin. Dann wünsche ich mir Gewissheit, dass Gott alles so macht, wie ich es benötige. Aber Gewissheit gibt es im Glauben nicht. Gott kann ich mir nicht zunutze machen wie ein Werkzeug, das darauf wartet, gebraucht zu werden. Glauben heißt, in der Sehnsucht, in der Hoffnung zu bleiben, auf Gott zu vertrauen, auch wenn alle äußeren Umstände dagegensprechen.
Gerade jetzt in der Weihnachtszeit frage ich mich: Ist nicht auch im Licht des Sterns über der Krippe von Bethlehem der Schein von Gottes Feuersäule enthalten? Wenn wir Gottes Verheißung ernst nehmen, dann sind wir auf dem Weg in die Freiheit und den Frieden des gelobten Landes, - aber wir sind noch nicht da. Hier auf der Welt sind wir nie ganz zu Hause, sondern unterwegs, in unseren ganz unterschiedlichen Stimmungen und mit ganz unterschiedlichen Schritten.
Ein Mann, der vor 25 Jahren aus Russland eingewandert ist, erzählt im Seelsorgegespräch kurz vor Weihnachten, dass er nach 13 Umzügen in Russland und Deutschland nun endlich sesshaft geworden ist. Er hat ein kleines Haus gebaut, auf das er stolz ist. Mittlerweile haben sich Enkelkinder eingestellt. Es sind nur noch ein paar Jahre bis zur Rente, die ihm nach einem arbeitsreichen Leben etwas mehr Zeit für seine verschiedenen Interessen schenken würde. Aber dann verstirbt seine Frau nach einem kurzen schweren Krankheitsverlauf. Seither ist nicht mehr arbeitsfähig und darum belastet ihn auch finanzielle Unsicherheit. Er sagt, er habe den Eindruck, dass ihm sein Leben immer schneller entgleite.
Und während er so erzählt und seinen Lebensspuren noch einmal folgt, fällt sein Blick auf das kleine Kreuz mit dem Bibelvers auf dem Tisch und er sagt: „Das ist immer mein liebster Spruch gewesen. Der hat mir früher oft die Perspektive zurechtgerückt. Vielleicht sollte ihn auch jetzt wieder öfter lesen und bedenken.“ Er liest das Wort aus dem Hebräerbrief: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr. 13,14)
Und dann fällt ihm ein, dass er noch Handlungsmöglichkeiten hat. Unter dem Eindruck seines Bibelwortes überlegt er, dass er ja nicht unbedingt an seinem Haus festhalten müsse, nach so vielen Umzügen in seinem Leben werde er auch eine neue Bleibe finden. Vielleicht solle er einfach akzeptieren, dass er im Augenblick einfach nicht arbeiten könne und sich nicht selbst weiter unter Druck setzen.
Was das Lesen eines Bibelverses alles bewirken kann! Seitdem kommt mir dieses Wort häufiger in den Sinn. Auch wir Christen sind ein wanderndes Gottesvolk. Die Verheißung Gottes setzt uns in Bewegung. Wir sollen uns nicht auf falsche Sicherheiten verlassen. Die zerbrechen schnell, wenn wir in eine Krise geraten.
Die Dichterin Hilde Domin, die im Nationalsozialismus als Jüdin Erfahrung mit Exil und Fremdheit machen musste, nimmt in wunderbar treffenden Bildern auf, was für sie diese Verheißung bedeutet:
Ich habe Heimweh nach einem Land
in dem ich niemals war,
wo alle Bäume und Blumen
mich kennen,
in das ich niemals geh,
doch wo sich die Wolken
meiner
genau erinnern,
ein Fremder, der sich
in keinem Zuhause
ausweinen kann.
Ich fahre
nach Inseln ohne Hafen,
ich werfe die Schlüssel ins Meer
gleich bei der Ausfahrt.
Ich komme nirgends an.
Mein Segel ist wie ein Spinnweb im Wind,
aber es reißt nicht.
Und jenseits des Horizonts,
wo die großen Vögel
am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen,
liegt ein Erdteil
wo sie mich aufnehmen müssen,
ohne Pass,
auf Wolkenbürgschaft.
In diesen paradoxen Bildern vom Land, in dem das Ich niemals war, wo aber doch alle es kennen, kann sich das biblische Land der Verheißung wiederfinden lassen. Es ist fremd, aber doch vertraut, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig. Ich bin eine Fremde, die kein Zuhause hat und sich selbst fremd bleibt. Die Schlüssel zum Zuhause werden nicht mehr gebraucht. Und wie fühlt sich das an? Das Bild vom Segel erzählt davon. Es ist wie eine Spinnwebe, zart, angespannt, verletzlich, scheinbar leicht zu zerreißen, aber hat doch eine Stärke, die den Stürmen trotzt.
Das Land der Sehnsucht „jenseits des Horizonts“ liegt zwischen Diesseits und Jenseits, Sein und Nichtsein, Bekanntsein und Fremdsein. Es ist ein Land des „Zwischen“ mit allein der Sicherheit einer „Wolkenbürgschaft“. Unsicherer geht es nicht, aber sicherer auch nicht. 1 Das Land der Verheißung kann nur erreicht werden, wenn wir unsere Zerrissenheit ernstnehmen. So sind wir unterwegs auf unserer Wanderung durch die Zeit und unser Leben. Die wir zurücklegen mit forschem Schritt, oder zweifelnd und zögernd. Manchmal tragen wir Schwächere, manchmal müssen wir selbst getragen werden.
Eins aber ist gewiss an der Schwelle zum neuen Jahr: Gott wird wieder an unserer Seite sein, in einer Wolkensäule oder im Licht des Sterns von Bethlehem.
Amen.
1 I Stephanie Lehr-Rosenberg: „Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug.“ Umgang mit Fremde und Heimat in Gedichten Hilde Domins, Würzburg 2003, S. 144-147
Link zur Online-Bibel
Sich auf den Weg machen - Predigt zu 2. Mose 13, 20-22 von Peter-Michael Schmudde
Ich fange heute anders an als sonst: Ich erzähle Euch eine sehr persönliche Geschichte. Sie passt zum Ende eines Jahres. Und sie passt zum Beginn eines neuen. Und sie hat etwas mit mir, mit Euch und mit mir und mit einem dunklen Silvester zu tun. Und auch mit Gott. Ja, mit Gott.
Vor drei Jahren haben wir Silvester ziemlich leise und klein gefeiert. Das konnte nur so sein, weil ich gerade eine Entscheidung gefällt hatte. Es war eine harte Entscheidung. Es war eine Entscheidung gegen das, was wir an einem geliebten Ort schon seit einer langen Zeit als Familie hatten. Es war die Entscheidung für einen Wechsel von Ort und allem Gewohnten. Es war wirklich eine harte Entscheidung, glaubt mir. Denn eigentlich haben wir uns alle wohl gefühlt, dort, wo wir waren. Wir hatten Freunde. Wir hatten Familie um uns herum. Eigentlich hätte alles gut sein müssen. Eigentlich.
Nur mein Berufliches war im Laufe eines Jahres qualvoll gestorben. Nach und nach. Kein Wiederbelebungsversuch hatte etwas gebracht. Zwischendurch war ich vom Kämpfen in ein depressives Funktionieren gefallen.
Um es kurz zu machen: Obwohl ich immer dachte: ‚Du bist ein guter Pfarrer!’, genügten zwei Menschen, um mir und vielen anderen einzureden, dass genau das nicht stimmt. Mit kaum merklichen Nadelstichen und geschickten Beinstellaktionen hatten sie es am Ende geschafft. Sie stichelten über meine Predigten. Über meine Art Abendmahl zu feiern. Über meine Art, mit Menschen zu reden. Sie führten Listen über meine mangelnde Kompetenz und über alle meine Fehler. Am Ende habe ich nur noch versucht, es allen recht zu machen – vor allem den beiden. Es war keine gute Zeit zum Kämpfen. Und es war keine gute Zeit, harte Entscheidungen zu treffen. Und es war nicht die Zeit, auf die Meinung von anderen zu hören. Es war die Zeit, in der ich mir meiner eigenen Werte wieder sicher werden musste und in der ich mir mühsam wieder die Freiheit erkämpft habe, auf mich selbst mehr zu achten als auf die Meinung der anderen.
Natürlich habe ich Hilfe gehabt. Es gab eine Supervisorin, eine kluge, lebenserfahrene Frau, die mir mein eigenes Ich wieder aus dem Wust von Erwartungen und Hamsterradfunktionieren wieder auszugraben half. Es gab einen guten Personalchef, der mir nüchtern meine Möglichkeiten dargelegt hat. Es gab meine Familie, die mich meinen eigenen Wert immer wieder spüren ließ. Dafür bin ich allen unendlich dankbar. Auch den vielen Freunden, die mich im Gebet begleitet haben und die manchmal für mich mit den Löwen gekämpft haben. Vor allem aber bin ich ihnen dankbar dafür, dass sie alle mir die Kraft wiedergegeben haben, mich für mich zu entscheiden. Und für das, was mir wichtig und richtig erscheint. Unter dem Druck der Verhältnisse war das kaum noch zu erkennen gewesen.
Am Silvesterabend vor drei Jahren war vieles noch unsicher. Aber mir war klar: Ich musste gehen, wenn ich nicht vollständig als Person verschwinden wollte. (Und wer will das schon?)
An jenem dunklen Winterabend war ich traurig. Alles war wie von einer Wolke verdeckt. Ich konnte mir nicht vorstellen, was kommt. Aber es war auch so, als hätte ich wieder mein altes Feuer zurück, das mich wieder den Menschen sein ließ, der ich bin – besser gesagt: Den Menschen, der ich sein wollte: Frei in seinen Entscheidungen und frei von allen Erwartungen und überbordenden Forderungen von Leuten, die es nicht gut mir meinten.
Und wenn sich tagsüber immer eine Wolke über meine Zukunft legte, hatte ich doch in manchen Nächten wieder das Feuer vor mir, das mir Licht für meinen Weg gab.
Ich hatte aufgehört, mich treiben zu lassen. Sondern ich ging wieder selbst. Aus dem scheinbar Bequemen in die unklare Freiheit.
Das alles hat mich anders gemacht. Nicht unbedingt besser. Aber ich kann seitdem besser zu dem stehen, was ich bin. Ich muss mich nicht treiben lassen. Ich habe die Freiheit, aufzustehen und meine Entscheidungen zu treffen und selbst zu gehen. Es hat mich kritischer gemacht gegenüber dem, was andere für das Beste halten. Und genau das halte ich für ein Geschenk des Himmels.
Und GOTT zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
Eine Geschichte ist mir in dieser Zeit wichtig geworden: Sie erzählt davon, wie eine Gruppe ägyptischer Sklaven über Jahrhunderte jeden Tag willenlos getrieben wurde von denen, die über sie bestimmten. Eines Tages sind sie daraus aufgebrochen. Denn es war ihnen klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Mitten in der Nacht sind sie aus ihren sicheren Siedlungen losgegangen. Sie hatten nur eine Wüste vor Augen und eine völlig dunkle Zukunft. Was sie zurückließen, war nicht alles schlecht: Es gab immerhin zu essen und zu trinken. Aber etwas ließ sie wissen, dass die Freiheit und die eigene Würde wichtiger ist als das, was sie hatten. In einer Nacht haben sie ihre Entscheidung gefällt, hatten sich aus allem befreit, was sie abhängig machte, hatten den Mächten Adieu gesagt, die ihnen einreden wollten, dass es ohne sie nicht ginge. Adieu – auf Gott. Auf die Macht der Freiheit hatten sie sich ab jetzt zu verlassen. Der zeigte sich ihnen: Bei Tag als Wolke und bei Nacht als Feuer. Und es ist ein langer Weg gewesen mit unklarem Ausgang. Bis heute sind sie unterwegs und hoffen auf die Ankunft – dort, wo es gut ist. Zwischendurch haben sie viele Durststrecken durchstehen müssen. Zwischendurch haben sie auch gefunden, was einen Vorgeschmack von dem gibt, was sie ersehnen: Es gab die blühenden Landschaften und die große Herrschaft. Und auf ihrem Weg durften wir mit ihnen gehen. Es gab einen, der uns Hoffnung gemacht hat, dass wir auch dazugehören dürfen. Seitdem folgen wir ihnen und der Wolke und dem Feuer. Ich bin sicher: Wir werden ankommen. Denn ich glaube, jeder der sich diesem Weg anschließt, darf die Hoffnung haben: Dieser Aufbruch ist richtig.
Obwohl man manchmal ganz schön müde werden kann. Und weil es immer welche gibt, die immer schon alles wissen: Die wissen, dass wir in der Wüste bleiben und, dass das alles mit uns nichts mehr wird. Manchmal habe ich auch Angst. Angst davor, dass alles Finstere, was wir uns ausmalen, irgendwie doch auch stimmen könnte.
Als ich zu Silvester vor drei Jahren in meiner Dachkammer wach im Bett gelegen bin, habe ich auch ganz oft denken müssen: Was wird sein? Was wird kommen? Was, wenn es keinen guten Ort für Dich geben wird? Es war, als setzte sich die Wolke auf meine Gedanken. Ich war manchmal entsetzt davor, dass ich hier alles aufgeben muss, um ich auf einen Weg zu machen, den ich doch weder sehen noch so richtig glauben kann. Eine neue Stelle, ein neuer Weg – die Frage danach, ob ich überhaupt noch wieder so arbeiten und so fröhlich mit der Welt würde umgehen können, wie ich es gewohnt gewesen bin… Es gab die dunklen Zeiten. Da war nichts mehr gut. Aber im entscheidenden Moment habe ich daran gedacht, dass da welche für mich mit dem reden, der die Freiheit ist. Da ist ein Feuer für mich angegangen – so eins, das auch die bösen Geister bannt. Und ich konnte dann wieder schlafen mit dem guten Gedanken, dass es wird – was auch immer.
Und GOTT zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
Ich habe heute hier eine gute Station erreicht. Ich bin gern, wo ich bin. Manchmal packt mich noch die Trauer darüber, was ich verloren habe, was wir verloren haben. Aber ich bin sicher: Es war gut zu gehen.Manchmal haben die Sklaven aus Ägypten auch gute Stationen erreicht. Manchmal haben sie dazu gehört. Manchmal haben sie gewusst: Hier war Gott am Werk. Feuer und Wolke haben uns den richtigen Weg gezeigt. Aber oft mussten sie auch wieder aufbrechen und trauernd alles zurücklassen. Ich weiß auch: Da wo ich bin, werde ich nicht stehenbleiben. Ich weiß, dass Zeiten kommen und Zeiten gehen. Verrückterweise bringen mir mein Geburtstag und gerade dieser Silvesterabend mit den düsteren Erinnerungen von vor drei Jahren das Kommen, das Bleiben und das Vergehen besonders nah. Ich werde es nicht ändern können: Der Weg geht weiter. Und solange ich die Wolke und das Feuer sehe, habe ich nur eine Bitte: Lass mich durch Dein Feuer entflammen mitten in der Nacht und lass mich auch am unklaren Tag hinter der Wolke Deine Zukunft glauben!
Ein altes Gebet sagt: "Gepriesen seist Du, der Du uns diese Zeit hast erreichen lassen."
Seien wir also dankbar für das, was wir haben! Für ein Jahr, in dem trotz Unordnung und Baustellen auch Schönes entstand, in dem es Ordnung und Beständigkeit gab inmitten politischer Ungewissheit, ein Jahr, das in Menschen Kraft weckte, FÜR etwas zu kämpfen, ein Jahr, das neben Leid auch Freude, Glück und Zusammenhalt brachte - und viel Konfetti. Ein Jahr voller Entscheidungen und Entwicklungen, die nicht immer einfach, sondern auch hart gewesen sind. Und seien wir froh über einen Gott, der uns die Freiheit zum Aufbruch schenkt. Und die Freiheit zur selbst entscheidenden Sicht auf die Welt. In diesem Sinne: Ein frohes neues Jahr!
Amen
Link zur Online-Bibel
In Wüstenzeiten und auf Adlerflügeln ist ER da?! – Predigt zu 2. Mose 19,1-6 von Pfarrerin Anke Fasse
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde,
Es war der dritte Sonntag im August, da kam sie in die Kapelle des Krankenhauses. Sie wollte zu IHM. Seit dem Umfall, damals vor einigen Monaten, lag eine Zeit voller Höhen und Tiefen hinter ihr. Es war ein Unfall, der sie aus dem vollen Leben gerissen hatte, aus der Aktivität zwischen Beruf, Familie und den anderen eigenen Interessen, vor allem der Musik, ihrer geliebten Chormusik. In der Musik fühlte sie sich getragen, ja geborgen, gehalten im Alltag und in den Widersprüchen des Lebens. Der gute Wille Gottes für das Leben, er klang für sie durch die verschiedenen Melodien und Töne hindurch.
Und dann kam der Unfall. Und alles wurde still. Keine Melodie war mehr zu hören, kein Getragen sein zu spüren. Es war eine Durststrecke, die folgte unterbrochen durch Operationen und Therapien, voller Hoffnungen und immer wieder mit Enttäuschungen. Ja, es ist wie eine Wüstenwanderung, diese Zeit der Krankheit. Vielleicht immer mal wieder unterbrochen. Therapiepausen und Zeit mit der Familie, der Genuss von frischer Luft und Sonne auf der Haut, sind wie ein Rastplatz in der Wüste – vielleicht erklingt in solchen Momenten sogar ganz fein und leise eine vertraute Melodie, aber dann geht es weiter mit der unendlich anstrengenden Wanderung durch die Wüste. Immer wieder denkt sie an das Leben vor dem Unfall. Alles erscheint so unendlich leicht gewesen zu sein. Leben halt, selbstverständlich mit den normalen Höhen und Tiefen des Alltags. Ja, sie war all die Jahre getragen und geschützt, ja beschützt gewesen.
Und jetzt, jetzt war Wüstenzeit. Wo war sie hin, die Musik, die sie früher getragen hatte? Die Zuversicht, die sie daraus mitnahm, dass dieser Gott dem Leben einen guten höheren Sinn gibt? Wo?
Sie machte sich auf an diesem Sonntag, und nahm den langen Weg durch das Krankenhaus bis zur Kapelle auf sich. Für eine, die kaum Laufen kann, und wenn dann nur mit Schmerzen, ein Stück mehr Wüstenwanderung. Fand sie ihn hier? Sprach er hier zu ihr? Im Wort? In der Musik?
Fast drei Monate war er mit seinem Volk schon unterwegs, dann kam der Tag als sie in der Wüste Sinai ankamen. Er und das Volk brauchten eine Pause. Und vor allem brauchte Mose irgendein Wort von IHM, dem Gott Abrahams und Jakobs, der ihm dies alles eingebrockt, ja zugemutet und zugetraut hatte. So lange schon wanderten sie durch die Wüste. Anfangs war da die Begeisterung, die Freude das alte Leben endlich hinter sich zu lassen. Die schwere Arbeit, die Knechtschaft in Ägypten lag nun hinter ihnen, vor ihnen lag die lang ersehnte große Freiheit. Gott versprach ihnen das gelobte Land – und er, Mose, sollte sie dahin führen. Was für eine Verheißung! Was für ein Gott, der sich so zu seinem Volk bekennt, der Mose dies zutraut.
Er war nicht leicht, der Schritt in die Freiheit. So leicht wollte der Pharao sie nicht gehen lassen. Aber Gott war bei Mose, wirkte durch ihn und schließlich waren sie frei, konnten sogar trockenen Fußes das Schilfmeer durchqueren. Ja, Gott hatte sie bewahrt, geführt – hatte sie wie auf Adlerflügeln sicher getragen.
Doch dann wurde es schwer und mühsam. Sie waren in der Wüste angekommen. Das Volk murrte und sehnte sich zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens. Und Mose, gerade war er noch angesehen, inzwischen beschimpften sie ihn und wollten nicht mehr weiter. Wo war er, der Gott, der Mose damals im brennenden Dornbusch erschienen war, der ihn berufen hatte? Mose brauchte ein Wort von ihm. Brauchte neue Kraft. Eine Bestätigung, dass das alles so richtig war. Und Mose stieg an diesem Tag hinauf auf den Berg zu Gott.
Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.
Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. (2. Mose 19, 3-6).
Mose hört Ihn – das lesen wir im 2. Buch Mose, dem Predigtwort für den heutigen Sonntag. Mehr noch Gott spricht gewaltig. Er gibt Mose einen Auftrag. Er erinnert durch Mose das Volk an die Bewahrung in der Knechtschaft, an die Befreiung, an die Führung durch die Wüste – all das war nur möglich durch Gott, wie auf Adlerflügeln hat er sein Volk getragen, das dürfen und sollen sie nie vergessen.
Ja, Gott hat dies Volk auserwählt. Er knüpft einen besonderen Bund mit ihnen. Er ist bei ihnen, in Wüstenzeiten und auf Adlerflügeln, aber sie müssen diesen Bund eben auch einhalten – das soll Mose dem Volk sagen. Das ist das Wort, was Mose hört, die Bekräftigung seines Auftrags, die er bekommt.
Im Kirchenjahr hat der heutige Sonntag einen besonderen Namen – Israelsonntag wird er genannt. In den Lesungen und Texten wird die besondere Rolle Israels in den Mittelpunkt gestellt. Gott offenbart sich in und durch die Begleitung seines Volkes. Er offenbart sich als ein Gott der Liebe, der aus dieser Liebe heraus einen Bund eingeht und die Einhaltung dieses Bundes von seinem Volk fordert.
Die Geschichte des Volkes Israels mit dem Gott Abrahams, Jakobs und Moses ist Teil unserer Glaubenswurzeln. Es ist die Geschichte von großen Taten Gottes, der sich offenbart, der sich Stammväter, Führer, Könige und ein Heiligtum auswählt. Es ist die Geschichte aber auch von Wüstenwanderung, von Zweifeln an der Begleitung dieses Gottes, von Verfehlungen und Wirrungen des Volkes und seiner auserwählten Führer. Zerstörung und Zorn Gottes sind auch Teil dieser Geschichte.
Ich versuche mir das Bild des Moses noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, der sich nach einem neuen Wort Gottes sehnt.
Und ich rufe mir das Bild der Patientin in den Kopf, die eine Wüstenzeit erlebt und heute im Gottesdienst sich nach einem Wort, einem Zeichen, einer Melodie von Ihm, von Gott sehnt.
Wo und wie ist Gott?
Ich entdecke an diesem Sonntag noch einmal mehr und neu den Gott des Bundes. Gott schließt mit den Menschen einen Bund. Er schließt mit dem Volk Israel einen Bund, mitten in der Wüste, mitten in der Wüstenzeit.
Und viele Jahre später schließt er durch die Taufe einen Bund der weiter und größer ist. Gott bekennt sich zu den Menschen. Er sagt ihnen seine Begleitung zu. Und er erwartet, dass dieser Bund auch von der anderen Seite eingehalten wird – von seinem Volk und von uns als Getauften. Es geht um das Vertrauen in IHN.
Mein treuer Gott auf deiner Seite bleibt dieser Bund wohl feste stehn; wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht verlorengehn, nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an, wenn ich hab Fall getan. – so heißt es in einem bekannten Tauflied.
Gott steht zu seinem Bund, den er geschlossen hat, darauf kann ich mich verlassen. Das gilt in Zeiten, in denen es mir gut geht, in Zeiten, in denen er mich wie auf Adlerflügeln durch das Leben trägt. Dies gilt aber auch für andere Zeiten, für Wüstenzeiten, wo mir die Kraft fehlt, wo es keine Orientierung zu geben scheint, wo ich mutlos bin und ich den Glauben und das Vertrauen in den Gott Abrahams und Jakobs, in den Gott, mit dem ich durch die Taufe verbunden bin, zu verlieren scheine. Ja, diese Wüstenzeiten gibt es. Und manchmal ist da dann doch noch die Kraft sich aufzumachen und ihn zu suchen in der Kapelle eines Krankenhauses oder wo auch immer.
Und manchmal mag sie dann erklingen, vielleicht ganz leise nur, die Melodie, die etwas von seiner Nähe ausdrückt. In Wüstenzeiten und auf Adlerflügeln ist er da.
Denn: Ich bin getauft auf seinen Namen, Gott Vater Sohn und Heiliger Geist. Ich bin gezählt zu seinem Samen, zum Volk, das dir geheiligt heißt.
Amen
Link zur Online-Bibel
20.08.2017 - Israelsonntag - 10. Sonntag nach Trinitatis
Moses Berufung was hat das mit mir zu tun ? - Predigt über Exodus 3,1-14 von Uwe Tatjes
Liebe Gemeinde,
manchmal wünscht man sich einfach ein bisschen Ruhe. Ein bisschen Abstand. Dann braucht es keine Höhepunkte, keine Aufregung. Man sehnt sich nach Normalität.
Ja, vielleicht haben wir genug gesehen, genug erlebt. Das Leben hat uns erschöpft, abgeschliffen. Wir tragen unsere Spuren, wir haben unsere Kraft verbraucht. Wir sind nicht mehr die jungen Wilden. Wir sehnen uns nach der Verlässlichkeit des Alltags. Unsere Lebenshaut borkig gewachsen, gezeichnet von Wind und Wetter - überwachsen mit moosiger Feuchtigkeit - nur in den Furchen noch ein Knistern von Sehnsucht.
Claire Krähenbühl notiert in einem ihrer Gedichte (L' Ecorce/die Rinde):
> La lumière a mangé tout le cru
> des images
> ne reste que l´écorce
>
> das licht bleicht alles grelle
> der bilder
> zurück bleibt nur die rinde
Mose hatte auch genug gesehen. Er, der sein Leben als Findelkind der Tochter des Pharos retten konnte und nur so dem Todesurteil entkam, das der Pharao über die männlichen Säuglinge der Hebräer gesprochen hatte. Er, der im Palast des Pharao aufgewachsen war. Er, der in einem Augenblick der Unbeherrschtheit alles verlor, als er einen ägyptischen Aufseher erschlug. Er, der erleben musste, wie sich sein Volk gegen ihn stellte und er vom Privilegierten zum Verfolgten mutierte.
Er flieht. Er zieht sich zurück ins Private. Heiratet. Hütet die Ziegen. Endlich Frieden.
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
Und doch, auch wenn die Ruhe eingekehrt ist. Wenn der Alltag gemächlich hinfliesst. Wir das Gefühl haben, es sei endlich wieder überschaubar geworden. Das Leben bleibt durchlässig für das Unerwartete. Bleibt brüchig. Ein Einfallstor für Unvorhersehbares. Und vielleicht stirbt auch die Neugier nicht ganz. Die Sehnsucht nach Leben, das sie nicht bändigen lässt.
Claire Krähenbühl dichtet weiter:
> celle qui rêve devant l´évier
> dit qu´elle voudrait aller
> vers le sauvage elle voudrait
> l´espace alors
> qu´elle monte et descend l´escalier
>
> die da träumt vor dem spültisch
> sagt sie möchte weg
> in die wildnis sie möchte
> den raum doch
> sie läuft treppauf treppab
Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
Mitten im sandigen und meckernden Alltag begegnet Moses das Ungewöhnliche, das Unerwartete. Er reagiert wie wir alle, wenn uns solches begegnet. Mit Neugier, einer menschlichen, allzumenschlichen Eigenschaft. Das Ungewöhnliche, das den Trott des Vertrauten durchbricht, es weckt unsere Aufmerksamkeit. Aber wie sie so oft, wenn so etwas passiert, ist es nicht einfach, diese Aufmerksamkeit zu halten. Es ist ja auch nicht ganz klar, ob Moses nun wirklich interessiert ist, zu verstehen, was da passiert. Oder ob er nur nachschauen will, was da den Gang des Gewohnten stört. So wundersam wie uns die Rede vom Engel und vom Feuer, das nicht verzehrt uns auch vorkommen mag, Moses sieht sie zunächst nicht. Neugier ist manchmal nur ein Reflex, ein Aufschauen, der sich bald wieder in die Reihen des Altvertrauten eingliedert.
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Jetzt wird es spannend. Denn was zunächst nur eine Störung des Alltags ist, die Neugier aufruft, wird sprechend.
Dass uns das, was über das Vertraute hinausweist, aufmerken, vielleicht innehalten lässt, das kennen wir. Dass der Alltag durchbrochen wird und den Blick auf bisher Ungesehenes freigibt, das ist möglich. Aber damit es nicht nur eine kleine Rythmusstörung ist, nach der wir monte et descend l´escalier (treppauf, treppab) weiterfahren, braucht es mehr.
Dafür muss eine Situation sprechend werden. Und zu Mose spricht nicht ein blindes Schicksal, ein dummer oder glücklicher Zufall, sondern Gott selbst.
Und Gott spricht ihn persönlich an. Die zweifache Nennung seines Namens weist darauf hin, dass Gott Mose persönlich meint. Es ist ein Ausdruck der Nähe. Auch wohl Ausdruck dafür, dass Gott weiss, was Moses durchgemacht hat und wo er jetzt steht.
Mit wem er es hier zu tun bekommen hat, schwant Moses erst jetzt. Gott macht mit dem Hinweis, nicht näher zu treten und die Schuhe auszuziehen deutlich, dass wir Menschen im Blick auf ihn immer zurückbleiben. Gottesbegegnung geschieht in Nähe und Distanz. Gott ist der, der aufgebrochen ist zu uns. Gott ist es, der ruft. Er kommt uns nahe, er wendet sich uns zu. Er brennt für uns, aber verzehrt sich nicht darin. So wie der Zufall unvorhersehbar in unser Leben einbricht, so umverfügbar bleibt Gott.
Das was Moses erlebt, ist nicht nur ein glücklicher Augenblick. Keine nette Begegnung im Alltagstrott. Hier begegnet ihm der Grund der Welt selber.
Moses verhüllt sein Haupt. Wenn der Alltag auf einmal durchbrochen wird, wenn sich Wesentliches zeigt, dann können wir ins Staunen, aber auch Erschauern kommen. Wir ahnen in solchen Momenten, dass eine Unterbrechung eine Lebenswende bedeuten kann.
Ich treffe einen Menschen, der mir vorher völlig unbekannt war und der mein Herz so berührt, dass ich ihn nicht vergessen kann.
Mitten in einer alltäglichen Arbeit spüre ich, dass sich etwas verändert.
Plötzlich begreife ich etwas, worüber ich lange schon nachgedacht habe.
Ein Mensch stirbt plötzlich und die gewohnte Ordnung der Dinge zerfällt.
Mose trifft auf Gott. Und Gott, der ihn kennt und persönlich anspricht, stellt sich vor als der „Gott seines Vaters“.
Damit erinnert er Mose an die Geschichte, die Gott längst mit uns Menschen hat. Er erinnert Mose daran, dass sein Vater und dessen Väter doch alle gehofft haben für die Kinder, für die Enkel. Das er eingewoben ist in eine grössere Geschichte. Du mit Deiner Geschichte, deinem Bewahrten und Deinem Scheitern, Du mit Deinem Rückzug ins Private, das kann es doch nicht gewesen sein. Es gibt doch mehr als Deine Geschichte. Ich sehe Dich ja. Dein Leben, Deine Fragen. Aber da war doch noch mehr. Vergiss das nicht.
Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Gottes Geschichte mit den Menschen ist eine Befreiungsgeschichte. Eine Geschichte, die niemals geendet hat und auch bis heute nicht endet. Es ist seine Geschichte mit uns. Es ist eine konkrete Geschichte mit Namen, Orten und Zeiten. Es ist eine Geschichte der Erwählung, des Suchens und des Findens. Es ist seine Geschichte mit dem Volk Israel, in die er uns mit hinein nimmt. Sie lässt uns nicht in Ruhe. So wie Gott nicht ruht, wenn er unsere Nöte und Sorgen wahrnimmt, wenn sie ihn berühren und bewegen, aufbrechen lassen. Gott nimmt uns mit hinein in diese Geschichte. Er will uns mitnehmen in seine Bewegung. Seine Bewegung, die Zuwendung und Nähe bedeutet. Die Teilen bedeutet von all dem, was uns bedrängt.
Wer wollte bestreiten, dass wir heute genügend Ängste und Sorgen haben, Ängste und Sorgen, die auch weit über unsere privates Glück und unsere privaten Sorgen hinausgehen?
Die Brandherde und Kriege, die Flüchtlingsströme die sie produzieren. Die Gewalt und der Terrorismus. Die Frage nach Gerechtigkeit und einem verantwortungsvollen Umgang mit der zerbrechlichen Schöpfung. Das Gespenst eines wiederkehrenden, egoistischen und kaltblütigen Nationalismus. Wie grausam klingt der Satz: „WIR ZUERST!“?
Wer kann übersehen, dass Millionen von Menschen darauf warten, dass ihre Leiden erkannt, ihr Schreien gehört wird? Und wie zynisch klingt es, wenn die, die sich kümmern, die sich berühren lassen vom Elend und Leid anderer als „Gutmenschen“ bespöttelt werden?
Einen Aufbruch, eine Befreiung, so scheint es, haben wir nötiger denn je. Gott sieht uns mit unserem scheinbar kleinen Leben. Er spricht uns an. Und er sendet uns, wie er Mose sendet. Er will uns braucht uns als Mitarbeiter. Wir können nicht stehen bleiben bei unserem kleinen Horizont, unseren kleinen, privaten Sorgen.
Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.
Natürlich haben wir Einwände. Wie Mose. Ist unser Leben nicht zu klein, zu gewöhnlich für die grossen Träume? Was können wir schon bewirken? Werde ich dem gewachsen sein. Lohnt sich das überhaupt?
Immer haben wir das Gefühl, es spräche viel dagegen und unser Leben sei zu klein.
Oder wie Claire Krähenbühl in ihrem Gedicht schreibt:
> vie trop courte et trop lente
> das leben zu kurz und zu langsam
Und die Gefahr besteht, dass wir die Unterbrechung wegwischen, uns wieder dem Alltag zuwenden. Dass wir am Spültisch den Augenblick verträumen und uns nicht aufraffen können.
Mose findet Ausreden. Die plausibel sind. Entweder es liegt an mir oder an anderen. Wenn wir weiterlesen in der Bibel, dann sehen wir, dass Mose auch weiterhin Einwände finden wird. Er hat ja auch schon seine Erfahrungen gemacht. Er weiss, wie brüchig das Leben ist, wie schnell man scheitern kann.
Gott lässt sich davon nicht aufhalten. Er bleibt geduldig. Er bleibt zugewandt. Er geht auf die Einwände Moses ein. Aber Mose bekommt nicht Recht mit ihnen. Gott nimmt seinen Auftrag nicht zurück. Er will Mose helfen. Gott sagt sich selbst zu. Ich werde mit Dir sein. Ich werde Dir Deine Zweifel und Unsicherheiten nicht nehmen. Du musst Dich wagen. So, wie ich, Gott, mich wage in die Welt. Du wirst berührt werden, so wie ich, Gott, vom Schicksal meines Volkes berührt bin. Sie wird Dich in Bewegung versetzen, so wie ich mich immer wieder aufmache zu den Menschen. Meine Kraft wird in Dir sichtbar sein.
Ich weiss, dass Du Bestätigungen haben willst und Sicherheiten. Aber alles, was Du bekommst, wird sein, dass ich bei Dir bin. Ich bin bei Dir, wenn Du lebst. Wenn Du Dich in Deiner Begrenztheit annimmst und mir vertraust. Wenn Du Dir etwas zutraust, so brüchig und unplanbar das Leben auch ist. Ich bin bei Dir, wenn Du nicht davonläufst. Wenn Du Dich den Herausforderungen und Fragen stellst. Und Du wirst sehen, dass Dich das wachsen lassen wird. Ich werde vorangehen und Dich frei machen, zu handeln und zu gehen.
Im neuen Leitbild für Pfarrpersonen, das in der Landeskirche in Zürich vorgestellt wurde, heisst es: Dies ist kein Modell für Helden, sondern für Menschen, die bereit sind, Fehler zu machen.
Gott wählt nicht den Helden. Er achtet und schätzt das Niedrige. Er, der sich in einem kleinen verdorrten Busch dem Mose offenbart, nicht in einem mächtigen und beeindruckenden Baum. Er spricht den gescheiterten Mose an. Er ruft ihn. Er sendet ihn. Er spricht Dich und mich an. Heute.
Dass sich im Alttag so was auftut, dass sich in einem Augenblick so viel zeigt, kann man das glauben?
Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.
Der Widerstand kann hartnäckig sein. Unsere Zweifel sind schwer zu überwinden. Wir lassen uns nur schwer fallen. Selbst wenn Gott sich uns naht. Wenn wir auf den Grund der Welt treffen.
Und noch einmal bekommen wir einen Zuspruch. Gott zeigt sich. Er zeigt sich in seinem Namen.
Ich werde sein, der ich sein werde. Ich werde der sein, der für euch da ist. Ich bin (für euch) da, ich werde (für euch) da sein. In Gottes Namen zeigt sich die Nähe und die Unverfügbarkeit dieses Gottes, der in Moses Alltag hereinbricht und auch uns heute morgen anspricht. Sein Name ist offen. auf die Zukunft ausgerichtet. Wenn wir ihm vertrauen, uns im Glauben auf ihn einlassen, wird er sich zeigen als der, der nahe ist und versteht, als der der vorangeht und verändert, der führt und befreit. Und wir selbst werden uns dabei neu entdecken. Wie Mose bekommen wir keine fertigen Lösungen. Gott macht uns Mut, zu vertrauen und los zu gehen. Darauf zu vertrauen, dass wir wachsen können, dass wir reifen, uns neu erfinden. Dass wir uns auch unserem Scheitern stellen können. Und mit Gott einen Weg der Befreiung gehen Nicht nur für uns, sondern für viele.
Ob wir bereit sind, als Fragende und Suchende unterwegs zu sein? Im Blick auf den Gott, der mitgeht, der vorangeht? „Wer hat uns das denn beigebracht, aus Verunsicherung Freude zu ziehen?“, schrieb Christa Wolf einmal. Und jene Offenheit, jenes Fragen, jenes Vertrauen, sich auch auf das Ungewisse einzulassen, bräuchten wir als Gesellschaft, als Gemeinde wohl mehr alles andere.
Manchmal denken wir:
> vie trop courte et trop lente
> das leben zu kurz und zu langsam
Und geben uns mit dem Offensichtlichen zufrieden.
Dabei ist es nie zu spät, mitten im Alltag den Dornbusch zu finden und in ihm Gott, das Leben selbst.
Amen
Link zur Online-Bibel
Der sich in die Dornen setzt – Predigt zu Exodus 3,1-14 von Tom Mindemann
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.
Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.
Mose
Mose hütete die Schafe.
Unrasiert und fern der Heimat, getrennt von seinen Leuten,versuchte er sich eine neue Existenz aufzubauen.
Er trieb die Herde seines Schwiegervaters durch die Wüste und darüber hinaus.
Helfen konnte er so seinem Volk nicht. Er war zu klein und zu weit weg und zu verfolgt, um etwas ausrichten zu können. Doch irgendwo da draußen war etwas im Busch.
Mose wusste noch nicht, was die Physik uns heute sagt. Er wusste nichts von der Äquivalenz von Masse und Energie: dass Holz oder Dornenbusch und Licht oder Wärme eigentlich das Gleiche sind, nur anders aussehen. Er wusste nichts vom Energieerhaltungssatz, dass Energie in einem geschlossenen System nicht verloren gehen oder erzeugt werden kann.
Mose sah nur, dass der Busch brannte, aber nicht verbrannte. Er wunderte sich und ging hin. Und Gott rief ihn.
Jesus
Ein anderer Rufer in der Wüste. „Bereitet dem HERRN den Weg!“
Und einer lässt sich taufen.
Einer hütet seine Herde. Seine Schafe, die er kennt und die ihn kennen. Nicht die Schafe seines Schwiegervaters oder eines anderen. Nein. Seine Herde. Und er lässt sein Leben für die Schafe.
Einer geht auf den Berg. Und sein Angesicht leuchtet wie die Sonne, und seine Kleider werden weiß wie das Licht. Und er redet mit dem, der einst am Dornbusch stand.
Einer hat die Dornenkrone auf sich genommen und hat sich verbrannt. Hat Reputation und Leib und Leben gegeben für die, die ihm nachfolgen. Auf das sie nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.
Einer hat an heiligem Ort Tische umgeworfen, weil er eine Räuberhöhle vorfand, wo ein Bethaus sein sollte. Von dem hat der Gott der Väter gesagt: Dies ist mein lieber Sohn.
Einer sagt: Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Und: das Reich Gottes ist herbeigekommen. Der hat nicht Milch und Honig versprochen, aber Brot und Wein gegeben. Und wartet nun darauf, mit uns davon zu trinken in seines Vaters Reich.
Einer sagt: Gehet hin und bietet den Pharaonen dieser Welt die Stirn. Lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage.
Gott
Gott kriegst du nicht zu packen. In Dornen greifst du nicht ungestraft, in brennende zumal.
Gott ist – im wahrsten Sinne – unbegreiflich.
Da machst du dir keinen Begriff von ihm. Du kannst ihn nicht definieren, nicht auf den Punkt bringen.
Gott entzieht sich aller Erklärungs- und Deutungsversuche.
„Ich bin, der ich bin.“ „Ich werde sein, der ich sein werde.“
Gott ist keine Formel, die sich nach x auflösen ließe. Du drehst dich nur selbst im Kreise beim Versuch, ihn mit Worten zu umzingeln.
Doch Gott umgibt dich von allen Seiten und hält seine Hand über dir. Er setzt sich zu dir in die Dornen – unrasiert und fern der Heimat – und ruft dich beim Namen. Der „Ich bin, der ich bin“ ist auch der „Ich bin da“.
Mit Händen und Lippen
Wo Gott Menschen in seinen Dienst ruft, wo Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft, da bleibt er derselbe, gestern und heute und auch in Ewigkeit: „Ich werde sein, der ich sein werde.“
Wo Gott Menschen in seinen Dienst ruft, da kommt er ganz nah.
Da fließen Kraft und Energie von anderswo her. Da brechen geschlossene Systeme auf und nichts bleibt unmöglich, dem der da glaubt.
Da tritt Mose vor den Pharao mit nichts als einem Stab in der Hand und einem „Lass mein Volk ziehen“ auf den Lippen.
Da tritt einer vor den Hohen Rat mit nicht als gefesselten Händen und einem „Ich bin’s“ auf den Lippen.
Da treten Menschen auf die Straße mit nichts als Kerzen in den Händen und Gebeten auf den Lippen. Und Mauern fallen.
Stimme aus dem Stacheldraht
Es kommt die Zeit, da wird aus jedem Stacheldraht Gottes Stimme zu hören sein und man wird sich wundern, warum er immer noch nicht eingerissen und verbrannt ist.
Da wird sich Gott wieder in die Dornen setzen zu denen die unrasiert und fern der Heimat sind: in den Steppen und auf den Flughäfen, an den Küsten und auf den Booten, in den Auffanglagern Lampedusas und überall, an den Mauern und Zäunen zum Westjordanland und nach Mexiko.
Und Gott wird sagen: Tretet heran, denn der Ort darauf ihr steht, ist nicht unheiliger als andere. Denn die Erde und alles was darinnen ist, ist mein. Geht hin zu den Pharaonen dieser Welt, redet zu ihnen in ihrer Muttersprache, so dass sie es verstehen.
Führt die Völker hinaus in die Freiheit und hinein in den Frieden und zusammen als eine Familie, als Töchter und Söhne Gottes.
Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei euch wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Lasst sie in ihren Sprachen die großen Taten Gottes hören.
Im Irak, in Syrien, in Libyen, Somalia, im Jemen, Sudan und Iran. In den USA und der Türkei, in Russland und der EU und an den Enden der Welt.
Und es werden Grenzen fallen und Stacheldrähte verbrennen.
Dornenbüsche und Absperrzäune werden überwunden werden.
Und das soll euch ein Zeichen sein, dass ich euch gesandt habe: Wenn ihr die Völker zusammengeführt habt, werdet ihr Gott dienen an diesen Grenzen. Ihr werdet Zäune einreißen und auf Mauern tanzen. Jeder wird meinen Namen kennen, und ich will bei euch sein.
Amen.
Link zur Online-Bibel
Moses Berufung - Predigt über Exodus 3,1-14 von Esther Kuhn-Luz
Liebe Gemeinde,
alles beginnt beschaulich. Mose hütet die Schafe seines Schwiegervaters Jitro, einem Priester in Midian. Von außen betrachtet wirkt das Bild zunächst wie eine Idylle: ein Hirte, umgeben von seinen Schafen, mitten in der Steppe. Von außen gesehen war das Leben von Mose zu dieser Zeit auch sehr beschaulich. Still und zurück gezogen lebte er zusammen mit seiner Frau Zippora, seinem Sohn Gerschom und der Großfamilie von Jitro. Dort ist er damals sehr freundlich aufgenommen worden, als er abgehetzt, verfolgt und am Ende seiner Kräfte mitten in der Steppe in Midian zusammen brach.
Damals…… Das war nun schon so lange her und er wollte nicht so gern an diese Zeit erinnert werden. Schließlich hatte er einen Mord auf dem Gewissen. Aber er hatte sich im Recht gefühlt in dieser Auseinandersetzung. Er hatte aus Wut gehandelt über die maßlose Ungerechtigkeit der Ägypter gegenüber den armen Arbeitern, den Israeliten.
Er konnte es einfach nicht mehr länger anschauen, wie seine hebräischen Brüder bei der Arbeit am Bau der Pyramiden ausgebeutet wurden. Wie Arbeitstiere wurden sie behandelt! Schläge gab es viel – aber wenig Essen.
Er selbst hatte ja lange Zeit ein gutes Leben gehabt. Durch das Engagement seiner Schwester Miriam war er nicht, wie andere jüdische männliche Babys, ermordet worden. Durch eine List hatte sie es geschafft, dass er am Hofe des Pharao aufwachsen konnte. Wie oft hatte ihm seine Pflegemutter, die Tochter des Pharao, erzählt, dass er wie ein kleiner ägyptischer Gott auf dem Nil daher geschwommen kam - in einem Binsenkörbchen.
Ihm ging es sehr gut am Hof und er wäre wohl auch vollkommen als ägyptischer Prinz aufgewachsen, wenn ihm seine Schwester Miriam nicht immer mit Nachrichten versorgt hätte. Eigentlich wollte er die gar nicht so gerne hören: über Armut und Kindersterblichkeit und Entwürdigung – auch der Frauen. Ihm ging es gut. Warum sollte er sich um andere kümmern, auch wenn es seine Volksgenossen waren? Er blieb lieber zuhause im Palast. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Umso erstaunter war er über sich selbst, als er bei einem Spaziergang außerhalb des geschützten Lebens mitbekam, wie ein ägyptischer Aufseher einen hebräischen Arbeiter fast zu Tode geprügelt hätte. Einfach nur deshalb, weil er zu langsam war. Diese Wut, die in Mose damals hochstieg, an die erinnert er sich noch heute.
Plötzlich war alles da, was ihm Miriam erzählt hatte. Er schlug zu, als könnte er mit dem Tod des einen Sklavenaufsehers die ganze Sklaverei abschaffen. Erst fühlte es sich gut an, dass er sich für Gerechtigkeit eingesetzt hatte. Aber dann wurde ihm schnell klar, dass er nun ein Mörder war – steckbrieflich gesucht. Für den Pharao – und für seine Tochter – war er dazu noch ein Verräter, ein politischer Verbrecher.
Nein, diese Erinnerungen mochte Mose nicht. Er war froh, dass er als Flüchtling einen Ort gefunden hatte, an dem er liebevoll aufgenommen worden war. Hier in Midian lebte er beschaulich und ganz in Frieden, weit weg von seiner Vergangenheit.
Nun lebte er als Hirte. Und dieses schöne Idyll könnte das Ende eines Lebensromans werden. Viele Lebenswege enden so – vielleicht glücklich, vielleicht angepasst, vielleicht resigniert. Wieviel hatte ich mir vorgenommen für mein Leben! Welch einen guten Start hatte ich mal! Und was ist daraus geworden! Doch sehr bescheiden im Vergleich zu meinen früheren Vorstellungen.
Ein Stück Enttäuschung spielt da mit, nicht die zu werden, die ich gerne wäre. Aber dann machen wir manchmal Erfahrungen mitten in unsrem Alltag, die uns zeigen: Es ist doch wichtig, dass du genau diesen Weg gegangen bist. Denn hier wirst du gebraucht. Dein Weg hat dich so geprägt, dass du fähig geworden bist zum Zuhören und Hinsehen. So jedenfalls passiert das bei Mose.
Wenn es nun wahr ist, dass ein großer Traum niemals ganz abgetötet und nicht für immer begraben werden kann, sondern eines Tages machtvoll wieder hoch kommt, dann wird es vielleicht dieser Traum von dem weiten Raum gewesen sein, der Mose veranlasst hat, eines Tages seine Schafherde über die Steppe hinaus zu treiben. Er ging weiter als sonst. Er hatte nichts Besonderes vor, aber in ihm war ein Drang, sich einmal in ein neues Gebiet vor zu wagen, Grenzen zu überschreiten. Und wie das immer ist bei Grenzüberschreitungen: Es ermöglicht uns neue Erfahrungen. Wir sind im Unbekannten aufmerksamer als im Gewohnten, sehen manches, was wir im alltäglichen Trott gar nicht mehr wahrnehmen. Diese Gefühlsmischung aus Neugierde, Offenheit und auch ein bisschen Angst, was nun kommt. Das Leben wird am intensivsten an Grenzen und bei Grenzüberschreitungen gespürt.
Das gilt nun auch für Mose. Ohne, dass er sich das bewusst vorgenommen hat, führt ihn sein Weg zum Berg Gottes. Zum Horeb. Noch weiß Mose nicht, was er an und auf diesem Berg noch alles mit Gott erleben wird. Er ahnt noch nicht, dass er dort später ganz allein mit Gott vierzig Tage und vierzig Nächte im Gespräch sein wird, um die Gebote Gottes für sein Volk zu bekommen. Mose ahnt es noch nicht, aber der biblische Schriftsteller, der wollte es den Leser/-innen und uns Hörenden schon mal mitteilen: Achtung, wenn vom Berg Gottes gesprochen wird, dann geschieht gleich etwas ganz Besonderes. Und so ist es auch.Mitten im Alltag von Mose. Er denkt gerade nicht an Gott, mehr an Grünfutter für seine Schafe, als er beim Berg Horeb vorbei kommt. Aber Gott denkt an Mose. Und er will ihm begegnen mitten in seiner alltäglichen Arbeit. Gottesbegegnungen sind nicht an bestimmte Orte und Zeiten gebunden. Wir können überall und immer am Gottesberg stehen und von Gott angesprochen werden. Oft genug durch irgendetwas, was meine Aufmerksamkeit herausfordert. So wie bei Mose. Er sieht, dass ein Dornbusch brennt und trotz der hohen Flammen nicht verbrennt. Ein Naturschauspiel, denkt Mose. Den biblischen Lesenden ist aber schon mitgeteilt worden, dass der Engel Gottes in diesen Flammen verborgen ist. Mose ist neugierig. Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Für eine Gottesbegegnung ist Neugier eine gute Voraussetzung, auch die Fähigkeit, noch staunen zu können, sich auf Ungewöhnliches ein zu lassen.
„Als aber Gott sah, dass Mose hinging um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose! Mose!“ Wer von uns wäre da nicht erschrocken, mitten in der Einsamkeit seinen Namen laut zu hören. Aber Mose reagiert anders. Er sagt: „Hier bin ich“. Ganz ruhig. Ohne dass er Gott erwartet hätte – aber jetzt kann er sich auf seine Nähe einlassen.
Wie Gott Menschen erscheint, hat immer auch etwas mit seiner Botschaft zu tun. Also – warum der Dornbusch und warum das Feuer? Diese Gottesbegegnung ist kein Kuschelbild, sondern eines mit Dornen. Das mögen wir nicht so gerne. Wir begegnen Gott lieber in schönen Situationen und Bildern.
„Warum sprach Gott aus dem Dornbusch und nicht aus der Mitte einer schönen Dattelpalme?“ heißt es in einer jüdischen Geschichte. „Der Heilige, gelobt sei er, sagte: Ich bin bei euch in der Not. Mein Volk befindet sich in der Unterjochung und ich bin desgleichen im Dornbusch – an einem Ort voller Dornen. Deshalb der Dornbusch, der ganz aus Dornen besteht.“ „Und der Busch wurde nicht verzehrt.“
Nach der Schoah, nach dem Versuch der Nazis, das jüdische Volk zu vernichten, gewinnt diese Aussage eine neue Dimension. In einem Gedicht von Nelly Sachs heißt es dazu: „Mose hat gebrannt. David hat gebrannt. Jetzt brennen wir, die Überlebenden. Sein Dornbusch in der Wüste sind wir, wir! Und der Busch wurde nicht verzehrt!“
Nun stellt sich Gott Mose vor. „Ich bin der Gott deines Vaters“ und wir fügen hinzu: und deiner Mutter – und dann werden alle die Namen aufgeführt, die in der jüdischen Geschichte auch schon für Mose wichtig waren. „Ich bin der Gott Abrahams – und Saras - , der Gott Isaaks - und Rebeccas –, der Gott Jakobs – und der Gott von Rahel und Lea.“Viele Geschichten sind mit diesen Namen verbunden. Geschichten, die mit Aufbruch, Bewahrung und mit Begleitung zu tun haben. Gott stellt sich vor als einer, der sowohl in seiner eigenen Geschichte als auch in der Tradition viele Spuren hinterlassen hat. Mose erschrickt vor so viel Gottesnähe und verhüllt sein Haupt. Und nun wird Gott konkreter, was er von Mose will.„Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört. Ich habe ihr Leiden erkannt. So geh nun hin. Ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten aus Ägypten führst.“
Mose sprach: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“
Warum soll er, Mose, aus seinem ruhigen Leben wieder aufbrechen? Warum soll er nicht in Frieden bei seiner Familie bleiben? Warum soll er sich in Gefahr begeben? Überhaupt – wer bin ich?
Darin steckt auch die Frage nach der eigenen Vergangenheit: Schau an, wer bin ich schon? Ich habe genügend Schuld auf mich geladen, auf mich kannst du nicht bauen. Ich bin kein Fels in der Brandung. Entweder ziehe ich mich feige zurück oder ich schlage gleich zu. Ich bin weder glaubensstark noch besonders mutig. Also -wer bin ich schon, dass du gerade mich senden willst?
Gott gibt darauf keine Antwort, aber eine Zusage. Er sagt zu Mose: „Ich will mit dir sein.“ Die Frage ist also nicht, wer ich bin und ob ich mich von meiner Vergangenheit und meinen Fähigkeiten eigne, von Gott berufen zu werden. Das Entscheidende ist die Zusage Gottes: „Ich will mit dir sein!“ Noch ist Mose nicht soweit, Gottes Auftrag an zu nehmen. Ihm geht es gut in Midian – hier hört er die Schreie der Gequälten nicht mehr. Für ihn sind sie weit weg. Und er ist noch nicht bereit, sein bequemes Leben auf zu geben.
Diese ablehnende Haltung kennen wir. Wir wissen, dass es viel Elend auf der Welt gibt. Aber was können wir dagegen tun? Eine Schutzfrage. Auch Mose sammelt noch Gegenargumente, warum er nicht gehen kann und für Gott an seinem Befreiungswerk mit arbeiten kann. Eigentlich kennt er diesen Gott gar nicht richtig. Er kennt keinen Namen von ihm. Und niemand wird ihm glauben, dass er wirklich von Gott geschickt sei, wenn dieser Gott keinen Namen hat.
Und nun offenbart Gott sich Mose mit dem ganzen Namen: - dieser Name Gottes ist eine Offenbarung und eine Verhüllung gleichzeitig. „Ich werde sein, der ich sein werde, so sollst du zu den Israeliten sagen. Ich werde sein hat mich zu euch gesandt.“
Wie Gott sich nennt ist auf der einen Seite ganz konkret: Ich werde da sein. Es wird mit mir eine Zukunft geben. Aber dann auch wieder unkonkret: Wie ich da sein werde, dass werdet ihr dann sehen. Auf jeden Fall befreiend. Eines ist bei allem Unkonkreten deutlich: Für uns will Gott sein, auch wenn die Art, wie Gott uns erscheint, ganz unterschiedlich ist. Die Bibel hat ganz verschiedene Bilder für Gott entwickelt: Schneiderin und Hirte, Vater und Mutter, Fels und Licht - je nachdem, was für Menschen in ihrer entsprechenden Situation wichtig war. In dem Gottesnamen steckt eine große Freiheit. Gott ist nicht auf ein bestimmtes Bild, auf eine bestimmte Offenbarung fest zu legen.
Nochmal zurück zur Geschichte. Mose, der mit seinen Schlägen auf eigene Weise etwas gegen die Ungerechtigkeit tun wollte, wird jetzt von Gott in Gottes Befreiungshandeln mit einbezogen. Gott fährt vom Himmel herab, um Geplagte und Gefolterte zu befreien und Mose soll dabei mitwirken.Wenn wir diese Geschichte heute hören, dann ist das nicht nur eine interessante Geschichte über Mose. Wir selbst kommen darin vor. Jeder und jede mag für sich entscheiden und überlegen, was gerade meine Rolle ist.
Bin ich der Mose, der es sich so schön gemütlich eingerichtet hat und überhaupt nicht bereit ist, sich für die Not anderer Menschen zu öffnen?
Gehöre ich selbst zu den Geplagten, Unterdrückten, Gedemütigten, Überlasteten, die ihr Elend am liebsten laut herausschreien würden und dringend warten, dass ihnen jemand hilft?
Verstehe ich mich als Dornbusch, der mit dem eigenen Verhalten auf die Not anderer aufmerksam macht?
Oder bin ich der Engel, der auf die Stimme Gottes aufmerksam macht?
Stehe ich in der Stille auf diesem heiligen Raum in Gottes Gegenwart und lasse mir das zusagen: „Ich bin mit dir! Ich werde sein, der ich sein werde!“?
Gebe Gott uns das Vertrauen, dass er uns begegnet und uns allen seine Gegenwart zuspricht:
„Ich bin, der sich sein werde!“
Amen
Link zur Online-Bibel
Gott mit uns – Predigt zu Exodus 3,1-14 von Jens Junginger
Die Geschichte mit dem Busch, der nicht verbrannte, die fiel ihm wieder ein, als wir auf biblische Geschichten zu sprechen kamen.
Nach kurzem Grübeln sagt er dann:
„… und da war irgendwas im Busch…ich weiß nicht mehr so genau“. Und Gott hat dann noch so einen komischen Satz zu dem Mose gesagt: Ich bin … weiter weiß ich nicht mehr.
Wer diese Geschichte einmal erzählt bekommen hat, bei dem hat sie sich eingeprägt. Vor allem: Der Busch, der nicht verbrannte.
Und eben – dass, da noch etwas im Busch war!
Wenn wir heute umgangssprachlich diese Redensart benutzen und sagen „Da ist etwas im Busch“, dann hat sie in dieser biblischen Geschichte ihren Ursprung. In der Geschichte vom brennenden Dornbusch, in der sich Gott selbst vorstellt und Mose sagt, womit er ihn beauftragt.
Ich will sie uns im gesamten noch einmal in Erinnerung rufen:
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge. Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name? was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.
Dieser mysteriöse Busch, der nicht verbrennt, der fasziniert christliche wie muslimische Kinder gleichermaßen. In der Bibel und im Koran wird sie erzählt. Dass Moses die Schuhe auszieht, das fällt den Kindern gleich auf. Es ist ein Kennzeichen dafür, dass da etwas Besonderes sein muss. Wie wir es machen, wenn wir in die Moschee gehen, kommentieren die muslimischen Kinder diese Stelle.
Beim Namen Ich bin, der ich bin / ich werde sein der ich sein werde, rufen sie im Chor: Das ist doch kein Name! Und doch können sie ihn sich sehr gut merken.
Da war der Ich bin, der ich bin da im Busch, wiederholen sie in den kommenden Stunden immer wieder.
Sie sind erstaunt, dass der Ich bin der ich bin dem Mose Verantwortung überträgt, obwohl mit dem doch der Gaul durchgegangen war, als er einen ägyptischen Aufseher niedergeschlagen hatte. Dass der ein schlechtes Gewissen haben muss, ist für sie verständlich. Und dass er deswegen die Beauftragung zurückweist mit den Worten: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Wer bin ich, dass ich solche eine verantwortungsvolle Leitungsaufgabe übernehmen soll oder kann?
Richtig finden sie, ja erleichtert sind sie, dass der Ich bin der ich bin sein Volk aus der Hand des Pharao errettet und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land.
Gut, dass er das macht. Nicht nur einmal haben Kinder beim Hören dieser Geschichte davon erzählt, welche Be- oder Unterdrückung ihnen dazu spontan einfällt: innerhalb der Familie, in der Schule, durch andere Kinder.
Dieser mysteriöse Ich bin der ich bin / ich werde sein der sich sein werde macht ein ziemliches Geheimnis um sich. Er oder sie ist nicht greifbar und will es auch nicht sein.
J H W H, vier aneinandergereihte Konsonanten, mehr nicht. Das ist kein wirklicher Name. Gesprochen: Jahwe oder Jachwe.
Unsere jüdischen Glaubensgeschwister sprechen das aus Ehrfurcht nicht aus. Andere haben Jehowa daraus gemacht. Genau das soll nicht sein. Das Aussprechen eines Namens. Eine namentliche Fixierung.
Wir sollen von Gott die Gewissheit haben dürfen: „Ich bin jeweils so bei euch, wie ich jeweils sein will.“ Er ist einfach da, unterwegs, dort wo Menschen sind, sein Volk, wir. Mit ihm ist zu rechnen. Auf Gott können wir zählen und davon ausgehen. Da ist was im Busch.
Gott ist nicht starr an einen Ort gebunden. Er ist – laut seiner Selbstaussage - jeweils der, der er sein will.
Das bringt jedoch Schwierigkeiten mit sich. Denn: Allmächtig, allwissend, allgegenwärtig, das sind die Bilder und Eigenschaften, die sich eingeprägt haben. So haben Menschen von Gott geredet. Ein bisschen so, als wäre er der große Alleskönner.
Wenn aber im Lauf des Lebens heftige Einbrüche erfolgen, dann kommen wir mit dem Alleskönner-Gott nicht mehr klar. Dann wird diese Gottesvorstellung auf das heftigste erschüttert.
Wir stellen fest, sei es bei uns selbst oder in unserem Umfeld oder in dem, was auf der Welt passiert.
Dass er nicht „alles so herrlich regieret“ (EG 317,2).
Dass sehr viel Böses und Unrecht passiert und nicht verhindert wird.
Dass das Schreien der Leidenden nicht abgestellt wird.
Und das Elend der Armen nicht behoben wird.
Dass die Arktis weiter schmilzt.
Dass Gott nicht „Schmerzen schnell mal stillt“ und hilft und „aus Kriegen Frieden macht“ (Eugen Eckert).
Mit Gott hat meine Mutter irgendwann mal abgeschlossen, erzählte mir vor kurzem eine Frau. Als Kind, so meinte sie - daran erinnere ich mich noch sehr gut - da hat sie mit mir immer gebetet und wir sind auch in die Kirche gegangen.
Irgendwann mal war Gott aber für sie kein Thema mehr. Ich denke, das hat mit so einigen Schicksalsschlägen zu tun und mit Krankheiten: Gott war nicht da, als die Mutter ihn gebraucht und erwartet hatte. Für sie hat Gott sein Existenzrecht eingebüßt.
Sie ist da nicht die einzige. Das Übermaß an Unrecht, an Bösem, an Brutalität, an übelsten Krankheiten und Unfälle, das sind die Erfahrungen, die Anlass geben zu sagen: Wenn es Gott gäbe, dann würde er das nicht zulassen.
Es waren nicht wenige, die nach der Erfahrung des Nationalsozialismus, dem Holocaust und dem zweiten Weltkrieg, nach Flucht und Vertreibung genauso empfunden haben: Sie haben mit Gott abgeschlossen.
Und es sind nicht wenige, die heute sagen: Ich glaube, was ich sehen kann, an den Menschen, an die menschliche Schaffenskraft und an mich – nur an mich.
Gleichwohl ist der Ich bin der ich bin / ich werde sein der sich sein werde – in besonderen Momenten - auch für jene Menschen im Busch, die eigentlich nichts mehr mit Gott am Hut haben.
Wenn unfassliches, entsetzliches passiert, wenn Menschen sterben, getötet werden, durch einen Anschlag, einen Amoklauf.
Dann sehnen wir uns nach der Vergewisserung „Ich bin jeweils so bei euch, wie ich jeweils sein will“. Dieses „Ich“ ist beruhigend, mitfühlend, mitleidend, entlastend, stärkend, aufrichtend.
Fakt ist: Im Namen Gottes, in der Vereinnahmung Gottes für menschliche Macht- und Großmachtinteressen ist entsetzlich viel Unrecht passiert.
Daran kann man verzweifeln und darüber den Glauben verlieren.
Vor hundert Jahren stand auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg: Gott mit uns. Und die, die sich damit umgürteten, glaubten das und die zu Hause, die waren stolz auf sie.
Was für eine Gottesvorstellung? Gott zog mit in den Krieg, ins Gemetzel. Und in der Zeit des Hitler-Faschismus glaubten die, die sich deutsche Christen nannten: Gott ist mit uns, beim Einmarsch in andere Länder und beim Genozid gegen Juden.
Heute glauben radikale terroristische Islamisten Gott sei mit ihnen.
Heute gibt es auch unter Christen wieder Strömungen, die die Gedanken rechtspopulistischer Parteiprogramme teilen.
„Gläubige werden auch in Zukunft anfällig sein, im Namen ihre Religion, im Namen Gottes für Intoleranz und Gewalt sein“, sagte vor kurzem Bundestagspräsident Norbert Lammert.
Es sind Menschen, die vorgeben im Namen Gottes zu reden und zu handeln, Gott und eine Religion missbrauchen.
Unsere Geschichte vom brennenden Dornbusch erzählt uns: Der Ich bin der ich bin / ich werde sein, der ich sein werde lässt sich für Nationalismus und Rassismus nicht missbrauchen, für nichts was Menschen trennt und gegeneinander aufbringt oder aufbringen soll.
Gott ist mit uns.
Gott ist da und wird da sein.
Gott brennt für uns.
Gott ist und bleibt Feuer und Flamme für uns, wo wir mit ihm das Schreien von Menschen hören, mit ihren Ängsten und Sorgen, in ihrer Not, in ihrem Leiden.
Wo wir uns bemerkbar machen, beauftragt und verantwortlich sehen.
Wo wir uns mit ihm auf den Weg der Befreiung machen, in kleinen Schritten, raus aus der Vereinsamung, raus aus dem „Alles-mit-sich-selbst-aus-machen-wollen“, raus aus dem „Ich-brauch-niemanden“, raus aus der Gefangenschaft nationalistischen Denkens, hin zu einem menschenwürdigen, guten Zusammenleben untereinander.
Da ist Gott bei und mit uns unterwegs.
Und: Wir bleiben mit unserer Beziehung zu Gott unterwegs, wie dieser ältere Herr:
Früher einmal habe ich genau sagen können, wer Gott ist und was seine Eigenschaften sind, da gab es für mich nichts zu rütteln. Als es uns allen besserging, das Leben freundlicher wurde, wurde für mich auch Gott freundlicher, weiblicher, geschwisterlicher.
Dann, wieder etwas später sahen wir uns als Gottes Mitarbeiter im Engagement für eine bessere Welt.
Als ich älter wurde wanderte Gott wieder weiter mit mir und ich mit Gott. Er wurde für mich zu dem, der niemanden in eisige Abgründe fallen lässt. Er wurde mich zu dem, auf den man hoffen kann, um der Enkel willen.
Ansprechen tue ich Gott, und mit ihm streiten, auch jetzt im Alter immer noch wie mit einer Person. Ich tue mich schwer mit den Widersprüchen zwischen den wunderbaren Verheißungen in der Bibel und den tausenden von unschuldigen Toten täglich. Dennoch kann ich Gott verzeihen, weil er in Jesus Christus unsere Ängste unseren Schmerz und unseren Tod geteilt hat.
Gott wird sein, der er sein wird, mit uns und für uns – unterwegs, in Bewegungen, im Aufschrei, in Bedrängnis, in jedem Aufbruch der Menschen in ein Land der Zukunft, in dem für alle Milch und Honig fließt.
Und der Busch, der im Feuer brannte, wurde nicht verzehrt.
Link zur Online-Bibel
Im Angesicht der Herrlichkeit Gottes - Predigt zu Exodus 33,17-23 von Stephan Lorenz
Manchmal gleicht unser Leben einer elenden, strapazenreichen Wüstenwanderung, wie sie die Israeliten nach der Flucht aus Ägypten gehen mussten. Und wenn einem das Leben nichts mehr bringt, dann wird nicht nur der Glaube schwer, sondern dann kann man schon mal von Glauben abfallen. Wer würde das nicht verstehen können?! Und dann wendet man sich Anderem zu, das einem mehr verspricht. Etwas, das man sieht, das man anfassen kann. Symbol dafür ist das Goldene Kalb. Aber so ein Standbild führt nicht, leitet nicht. Es ist Ausdruck der Erstarrung.
Wenn einem also die Wüstenwanderung zusetzt, dann ist es gut, wenn man jemanden hat, der einen versteht und einem beisteht. So einer wie Moses. Der kann gut mit Gott. Der redet mit Gott wie mit einem guten Freund. In der Bibel heißt es, sie redeten von Mann zu Mann. Die beiden mögen sich. Also geht Mose zu Gott und versucht, die Sache wieder gerade zu biegen, damit der Zug weiter geht. Und sie handeln miteinander wie Freunde auf einem orientalischen Basar. So dürfen auch Sie hier in dieser Kapelle mit Gott verhandeln für sich und für die, die ihnen am Herzen liegen.
Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
Mose also verhandelt. Er will wissen, ob das versprochene Ziel, das gelobte Land, immer noch das Ziel des Lebenswegs ist. Ob Gott überhaupt weitergeht, nachdem die Menschen ihn in die Wüste geschickt haben. Und zuletzt - sozusagen als ultimativen Beweis - will Mose die Herrlichkeit Gottes sehen.
Das hebräische Wort dafür ist „kabod“. Und es meint die Ausstrahlung, das, was einem imponiert an einer Person. In unserer heimlichen Liebe für Könige und Königinnen, für die Queen oder Privataudienzen beim Papst zum Beispiel, können wir uns das deutlich machen. Das sind Begegnungen, die einen zu Staunen bringt. Von denen lebt man.
Gottes Herrlichkeit ist absolute Schönheit. So wie die Götterstatuen in der Antike nur schöne, ebenmäßige Menschen abbildeten. Unsere Misswahlen sind vielleicht ein schwacher Ausdruck solcher Sehnsucht nach Schönheit. Das Märchen vom Schneewittchen dreht sich um die Frage: Wer ist die schönste im ganzen Land?
Und: Gottes Herrlichkeit zeigt sich in seinem Wesen. Er ist barmherzig, gnädig, seine Zuwendung ist vollständig, bleibend und absolut verlässlich.
Davon will sich Mose selbst überzeugen, bevor er zu den enttäuschten Israeliten zurückgeht. Er will sicher sein. Gott geht darauf ein. Er zeigt sich. Geht auf alle drei Wünsche, die Mose hat, ein. Er darf seine Herrlichkeit sehen.
Aber Gottes Angesicht darf er nicht sehen. Kein Mensch würde das überleben. Das wäre so, als wenn wir mit bloßen Augen in die Sonne starren. Wir würden blind. Seine Herrlichkeit können wir auch nur im Vorübergehen sehen. Im Nachher erkennen wir, dass Gott in unserem Leben da war.
So ist das mit Gott: Er zeigt sich, zeigt seine Herrlichkeit und bleibt doch verborgen und unfassbar für den Verstand des Menschen. Er bleibt im „Sich-zeigen“ immer auch der verborgene, unfassbare Gott. Gottes Herrlichkeit ist dynamisch. Sie geht vorüber und immer voraus. Sie ist nicht starr wie das Goldene Kalb.
Mose kehrt dann zu den Israeliten zurück, und zwar mit den Zehn Geboten. Das ist sozusagen der Vertragstext. Das, was da vor dreitausend Jahren niedergeschrieben worden ist, gilt bis heute. Die allgemeinen Menschenrechte wären ohne diese Zehn Gebote so nicht entstanden. Sie schützen unser Leben und unseren Weg durchs Leben.
Der Wunsch der Menschen, Gott zu sehen, von Angesicht zu Angesicht, seine Herrlichkeit sinnlich zu spüren, hört damit nicht auf. Er ist immer da. Auch bei uns heute. Wir brauchen ein Gespür für die Herrlichkeit Gottes.
Deshalb beschäftigen sich die, die das Neue Testament schreiben auch mit diesem Wunsch. Besonders Johannes und Paulus. Und sie gehen über das, was das Alte Testament erzählt, hinaus.
Johannes erzählt: Wir können nicht nur seine Herrlichkeit spüren, sondern auch Gottes Angesicht sehen. Gott zeigt in Jesus Christus sein wahres Gesicht. Das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit, schreibt er (Joh 1,14a). Johannes betont dabei das Wesen der Herrlichkeit Gottes: Seine Liebe zu uns Menschen. Wer in seiner Liebe bleibt, bei dem bleibt Gott. Der ist Teil der Herrlichkeit Gottes. Wird ewiges Leben haben, selbst wenn er stirbt. Wer die Person Jesu sieht, der sieht Gott in seiner ganzen ergreifenden Schönheit und Liebe. Diese Sprache kennen wir alle. So sprechen Liebende zueinander. Johannes spricht die Sprache der Liebe.
Paulus, wenn er über die Herrlichkeit spricht, provoziert. Er fordert das Denken und Fühlen heraus. Ziemlich knackig sogar. Er behauptet: In der Kreuzigung zeigt sich die Herrlichkeit Gottes. Die Selbstpreisgabe der Erhabenheit Gottes ist die Offenbarung seiner Erhabenheit. Seine eigene Erniedrigung ist sein Auferstehen in Herrlichkeit. Das geschundene Gesicht des Gekreuzigten offenbart die Schönheit der neuen Schöpfung. Der Auferstehung des wahren Menschen.
Der Mensch, wie er ist, mitsamt seinem Leiden ist einer, der an der Schönheit und Erhabenheit Gottes Anteil hat. Das ist ein „Frontalangriff“ auf das antike Nachdenken über Gott und Mensch. Wir erinnern uns: In der ganzen Antike wurden behinderte Kinder sozusagen auf die Müllhalde geschmissen (berühmtes Beispiel ist Ödipus). Paulus sagt: Gott ist mit seiner Herrlichkeit, seiner Liebe, seiner Zuwendung gerade bei denen, die auf die Müllhalde des Lebens geworfen wurden. Und da schließt sich der Kreis zur Wüstenwanderung: Wie sich Gott damals den Ausgestoßenen zugewandt hat, denen, die kein Platz mehr hatten in der Gesellschaft, den Sklaven, den Armen, Ausgebeuteten und Flüchtlingen, denen die ein Ort zum Leben suchten, so tut er es immer wieder. Bis heute. Das ist seine Herrlichkeit.
So gehen auch wir hoffentlich aus diesem Gottesdienst mit dem Trost dieser Geschichte. Auch wir sind aus dem Leben gefallen, suchen unseren Platz im Leben, müssen durch die Wüste gehen, fühlen uns vielleicht weggeschmissen, wollen uns gar selber wegschmeißen. Gott aber in seiner Herrlichkeit sammelt uns auf und spricht mit uns, wie nur Verliebte miteinander sprechen können. Ich gehe mit dir. Ich werde mich dir zeigen. Du bist in meinen Augen ungeheuer wertvoll. Ich habe dich liebgewonnen.
Link zur Online-Bibel
Gott im Rückspiegel – Predigt zu Exodus 33,17b-23 von Olaf Waßmuth
Liebe Gemeinde,
„hast Du Gott schon mal gesehen?“ Die fünfjährige Lilli wippt vor mir auf den Zehenspitzen und schaut mich mit großen Augen an. Erwartungsvoll und ein wenig herausfordernd. Jetzt ist der Moment der Wahrheit gekommen. Als Pfarrer im Kindergarten muss ich mir diese Frage stellen lassen. Aber viele andere, die mit Kindern zu tun haben, kennen sie auch.
„Hast Du Gott schon mal gesehen?“ Was soll ich antworten? Was würden Sie antworten? Natürlich muss ich Nein sagen. Ich muss Lilli enttäuschen – und alle anderen, die von einem Pfarrer rührender Weise erwarten, dass er über geheime Einsichten und Offenbarungen verfügt. Tut er nicht.
Allerdings: So ganz wohl ist es mir mit dem Nein auch nicht: Denn natürlich habe ich Erfahrungen mit Gott – nur nicht solche, die das Wort „Sehen“ im wörtlichen Sinne rechtfertigen. Wie soll ich darüber reden?
Wo es keine leichten Antworten gibt, wo weder Ja noch Nein so ganz richtig sind – da erzählt die Bibel Geschichten. Kaum einer ist in der Bibel Gott derart nahe gekommen wie Mose im Sinai. Hören wir heute morgen seine Geschichte – ich lese aus dem zweiten Buch Mose, Kapitel 33:
Der Herr sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
„Hast Du Gott schon mal gesehen?“ Ganz sicher kannte Mose diese Frage auch. Zumal alle wussten: Mose redet mit Gott. Regelmäßig. Er ist auf den heiligen Berg Horeb gestiegen. Er war drin in der Wolke, näher dran als sonst irgendeiner. Natürlich hat er Gott gesehen –wenn nicht er, wer dann?
Und doch kann Mose auf die Frage nicht ehrlich mit Ja antworten. Und das setzt ihm zu. Der Widerstand im Volk wächst. Seine Autorität ist nicht unhinterfragt. Je umstrittener die Wahrheit ist, für die man eintritt, umso dringender wünschte man, man hätte etwas Unabweisbares in der Hand. Etwas, worüber nicht mehr argumentiert und gestritten werden muss.
Auch wir Religionsprofis wünschten uns manchmal, die Sache mit Gott wäre klarer, augenscheinlicher. Wir könnten die Zweifler und Spötter einfach widerlegen. Die Debatten um die Wahrheit – sie gestalten sich dieser Tage besonders mühsam und mancher schließt daraus, so etwas wie Wahrheit gäbe es gar nicht.
Immerhin: Mose hat den Draht zu Gott. Er wendet sich direkt an ihn mit seinem Anliegen. Die Fragen der Anderen vermischen sich darin mit seinem eigenen Zweifel. Wir belauschen eine Art Backstage-Gespräch zwischen Gott und Mose, das große Vertrautheit belegt, aber eben auch eine letzte Reserve. Gott sagt dem Mose die schönsten und aufmunterndsten Dinge, die man sich denken kann: „Du hast Gnade bei mir gefunden.“ „Ich kenne deinen Namen.“ Und ein paar Zeilen zuvor: „Ich will dich zur Ruhe leiten“.
Doch diese Zusagen reichen Mose nicht. Er will mehr. Und so entsteht aus dem merkwürdigen Dialog eine noch merkwürdigere Szene – eine Art Versuchsanordnung, die Gott selbst vorschlägt. Es bleibt übrigens bei der Beschreibung, die Ausführung des göttlichen Experiments wird nicht berichtet. Doch die Szene hat es auch so in sich: Sie liest sich wie ein Gleichnis für die menschliche Gotteserfahrung.
Der Mensch Mose soll sich in eine Felsspalte stellen. Da wird er sicher sein, geschützt vor der Urgewalt der göttlichen Präsenz. Der sichere Ort ist aber auch ein Ort beschränkter Sicht. Und die Deckung reicht noch nicht einmal – wenn Gott dann tatsächlich draußen vorbeigeht, sollen Mose die Augen zugehalten werden. Gott selbst hält Mose die Augen zu. Die Heiligkeit Gottes blendet wie das Sonnenlicht, in das man nicht ungeschützt schauen kann, ohne zu erblinden. Erst nachdem Gott vorbeigegangen ist, darf der Mensch Mose ihn von hinten sehen: im Weggehen, im Nachlassen und Verdimmen seiner göttlichen Kraft.
Was für ein Bild! Gott ist für den Menschen einfach zuviel, jedenfalls Gott direkt, Gott in seiner Herrlichkeit. Darüber darf die Menschlichkeit Gottes in der Bibel nicht hinwegtäuschen: Es bleibt ein „unendlicher qualitativer Unterschied“ zwischen Schöpfer und Geschöpf, wie der Theologe Karl Barth das genannt hat. Wenn Gott Gott ist, dann kann ihn kein Mensch fassen.
Was für ein Gedanke! Dass wir Gott im Moment seiner größten Nähe am wenigsten erkennen können. Es ist ein Paradox, das an vielen Stellen der Bibel anklingt, nicht zuletzt im Kreuz Jesu. Da, wo das Rätsel unseres Lebens besonders groß ist, wo uns die Fragen quälen, wo Dunkel uns umgibt – da werden uns womöglich nur die Augen zugehalten und Gott ist gerade nahe. Ohne dass wir ihn „sehen“. Ohne dass wir verstehen, was mit uns geschieht.
Mose macht eine Erfahrung an der Grenze. Nicht an Gottes Grenze. Nein, die Begegnung mit Gott konfrontiert ihn mit seiner eigenen Beschränktheit und Verwundbarkeit. Darüber reden wir in der Kirche kaum. Wir reden über Gottes Freundlichkeit und Zugänglichkeit – zu Recht, denn beides erfährt Mose auch in dieser Geschichte. Aber wir reden selten über die Grenze, die uns Menschen gesetzt ist.Über die Fremdheit und Unverfügbarkeit Gottes. Darüber, dass wir Menschen Gott nur in Maßen „aushalten“. Wir vertragen die Wahrheit voerst nur dosiert. In Abschattungen und Annäherungen.
Die gute Nachricht dieser Geschichte ist: Wir können Gott trotzdem erkennen. Der Prozess der Begegnung mit Gott in unserem beschränkten menschlichen Leben wird hier sogar ziemlich genau beschrieben. In vier Schritten - und von Gott selbst.
"Zuerst - sagt Gott - will ich vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen“. (Ex 33,19a)
Damit beginnt es: Ich nehme Spuren wahr in meinem Leben. Ich realisiere dankbar und fröhlich, was mir an Gutem widerfährt. Ich bin ein beschenkter Mensch. Mein Leben und alles, was ich wirklich liebe, ist nicht mein Verdienst. Das zu sehen, ist der erste Schritt.
"Dann - sagt Gott - will ich ausrufen den Namen des Herrn vor dir.“ (Ex 33,19b)
Irgendwann haben wir von Gott gehört. Manche von Kindesbeinen an, manche erst viel später. Wir haben den Namen Gottes kennengelernt, und das heißt: die Geschichten, die Botschaft, die Zusagen, die sich mit diesem Namen verbinden. Mag sein, dass wir das Gehörte und das selbst Erlebte nur schwer zusammen bekommen haben. Dafür braucht es Zeit – und Abstand.
Denn es kann passieren – sagt Gott –, dass „ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten“ (Ex 33,22a) werde.
Das Nicht-Verstehen und Zweifeln kann ein notwendiger Teil der Begegnung mit Gott sein. Und alle, die zu schnell wissen, wer Gott ist und was Gott will, die machen sich womöglich etwas vor.
"Schließlich aber - sagt Gott - will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen“. (Ex 33,23a)
Nach einer Weile macht es Klick. Was wir erlebt haben und was wir von Anderen hören, reimt sich zusammen. Wir erkennen uns und unser Leben in Gottes Licht – oft erst im Nachhinein. „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, hat der Philosoph Sören Kierkegaard gesagt. Das gilt für Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis gleichermaßen. Wir sehen Gott gleichsam im Rückspiegel. Wir „haben“ die Wahrheit nie, sondern blicken ihr nach. Wir dürfen verstehen – aber nur so, dass wir uns nicht überheben.
**
„Hast Du Gott schon mal gesehen?“ Wenn diese Frage Ihnen gestellt wird, liebe Gemeinde, dann ermutige ich Sie, nicht einfach Nein zu sagen.
Dann erzählen Sie von den Spuren der Güte Gottes in Ihrem Leben.
Dann berichten Sie vom Namen Gottes, den andere Ihnen vorgesprochen haben. Dann reden Sie ehrlich über Unsicherheit und Zweifel.
Und vielleicht – hoffentlich! – können Sie bezeugen, wie sich im Rückblick so manches zusammenfügte. Wie Ihre eigene Geschichte Sie auf den unsichtbaren Gott vertrauen lässt.
Denn sehen können wir beschränkten Geschöpfe Gott nicht. Aber erfahren lässt er sich sehr wohl. Amen.