Neu aufleben – wie ein Baum – Predigt zu Jesaja 65, 17-19 von Claudia Trauthig

Neu aufleben – wie ein Baum – Predigt zu Jesaja 65, 17-19 von Claudia Trauthig
65,17-19

I.

Ach, du liebe Zeit,  sagt die schwarz gekleidete Frau mit leisem Schreck in der Stimme, jetzt hab ich ja grad richtig gelacht, sogar laut… , wieder, das ist…, glaub ich…, das erste Mal, seit mein Mann…, also, seit der Trauerfeier… und das ist doch noch gar nicht lang her…- Darf ich denn überhaupt schon wieder lachen? (…)

Liebe Schwestern und Brüder,

Fragen wie diese beschäftigen viele, die einen geliebten Menschen gehen lassen mussten, erst kürzlich, traurig und hilflos am offenen Grabe standen.

Und häufig sind da ja Momente, nein: eher Stunden, Tage, Wochen, in denen man meint, nie mehr, gar nie, so wie früher, „davor“, lachen zu können… leichte Augenblicke zu erleben, in denen alles Schwere verfliegt, wie ein Schwarm Krähen, der an einen anderen Ort zieht oder wie die Sonne, die den Nebel durchbricht.

Darf ich überhaupt schon wieder lachen…, Frau Pfarrerin? Um Himmels Willen: Ja! Du darfst. Auf diese Frage antwortet mit klarer Stimme, unmissverständlich, der Predigttext für den heutigen „Totensonntag“: 

Überraschend  redet er nicht vorrangig von der Ewigkeit, dem „Himmel“, von der wir doch hoffen und glauben, dass sie nun die Heimat unserer geliebten Verstorbenen ist. Verblüffend redet er stattdessen von dieser unserer ganz handfesten Welt, in der es auch während dieses Gottesdienstes… Zahllose gibt, die das Liebste verlieren: Den Partner durch jähen Herztod,          ein Familienmitglied durch scheußlichste Krankheit, Unschuldige durch Krieg, Gewalt, Flucht oder gar ein Kind, das noch nicht einmal auf der Welt ist.

Es sind Worte, die überwältigen können, wie es nur die Liebe vermag. Worte, die zu schön sind, um nicht wahr zu sein (Heribert Prantl). Worte, die wir, die Sie nötig haben… Und die heute hierhergehören, weil Gottes Anderwelt schon im Kommen ist: Siehe, ich mache alles neu!

Hören wir jene Worte aus Jesaja 65:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.  Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.  Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.  Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.  Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

II.

Sind diese Gottesworte nicht wie Balsam auf Wunden der Seele? Seit Jahrtausenden schon lindern, heilen, beleben sie, lassen die Niedergestreckten von Neuem aufstehen, auferstehen. Ein Schüler eines Schülers des großen Propheten Jesaja hat sie vor weit über 2000 Jahren aufgeschrieben.  So kamen sie in die Sammlung dieses herausragenden Prophetenbuchs, das wir mit dem Namen Jesaja verbinden. Und ich frage mich: Kann man diesen fantastischen Bilderbogen der Hoffnung, zwischen neuem Himmel und neuer Erde, den friedlich miteinander weidenden Tieren, Löwe und Rind, Schaf und Wolf, mit seinem lebensfrohen Glanz überhaupt erfassen, hier, beim Hören unter der Kanzel? Mit den vielen persönlichen Gedanken, v.a. Gefühlen, die jeden und jede hier heute bewegen? Machtvoll strömt Lebenslust aus diesen Worten in unseren Tag. Machtvoll wird nicht (wie in der Schriftlesung) Gottes ganz neue Welt am Ende der Zeit beschrieben, sondern das, was Gott JETZT für die Welt will und schenkt und schafft: Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe!

Die Männer, Frauen und Kinder, die jene Botschaft als erste gesagt bekommen, sind uns, besonders Ihnen, liebe Trauernde, seelisch nahe.  Auch sie wissen nicht wirklich, wie das Leben wirklich wieder gut werden kann. Auch sie haben oft keine Kraft mehr für neue Herausforderungen. Auch ihnen erscheint vieles im Alltag wie hinter Nebelwänden, voller Krähengeschrei… Nach Jahren, Jahrzehnten im Exil darf das Volk, dürfen die Menschen, endlich zurück: in die alte Heimat, das gelobte Land… Doch Milch und Honig sind längst versiegt. Einstige Lebensbegleiter und -begleiterinnen sind nicht mehr da. Spuren der Zerstörung sind  allgegenwärtig.

„Mein Leben liegt in Trümmern“,  so hat ein plötzlich Verwitweter zusammengefasst. Überall ist das Fehlen von ihr. Den Israeliten fehlt es an allem: Die Säuglingssterblichkeit ist hoch, die Lebenserwartung niedrig.  Wo das Vaterhaus noch steht, wohnt längst ein anderer darin.  Im Weinberg der Eltern freuen sich Fremde an der Ernte. Die Heimkehrenden sind nicht willkommen. Was trägt, was gibt Zukunft? (…) Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. So spricht Gott. Auch wenn rechts und links, vorne wie hinten alles eine andere Sprache spricht… Auch wenn die Bilder des Todes machtvoll erschüttern… Gott will es anders.  Und ER schafft es anders. Den müden Menschen, die meinen, nichts mehr aus eigener Kraft schaffen zu können, nicht mal so etwas scheinbar Leichtes wie Lachen, verspricht ER: Siehe ich mache alles neu. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.

Viele, die hier sitzen, werden solche Erfahrungen, Auferstehungserfahrungen, Gott sei Dank, schon im eigenen Leben gemacht haben. Besonders die Kriegsgeneration weiß nur zu gut, was für ein Dunkel das war, aus dem man kam: „Stunde Null“. Fragwürdige Zukunft in Trümmerlandschaft.

Doch die grau-schwarzen Bilder des Todes überdeckt Gott mit seiner Verheißung, mit kommenden Bildern gesegneter Tage.  Traumatherapeuten, die Menschen nach schweren, brutalen Lebensereignissen begleiten, versuchen genau das: Über die Bilder von Gewalt und Tod werden Bilder neuen Lebens, des Glücks, des Friedens gelegt – damit die Seele heilt, auflebt.

Ja – wunderschön sind diese Bilder,  mit denen Gott unsere Sehnsucht versteht, seine Wunder an uns beschreibt.  Am besten wären sie -gerade an verdunkelten Tagen- morgens und abends zu lesen. Was bräuchte es mehr?

Und doch haben wir -Christenmenschen- noch mehr.  Heute in einer Woche werden wir den ersten Advent feiern.  Die neuen Bilder unseres erneuerten Lebens sind Bilder, in denen uns Christus begegnet: Menschensohn, Gotteskind, Jahrhunderte nach Jesaja geboren.  Im Gotteskind, Menschensohn, der die Hungrigen speist, die Kranken heilsam berührt,  alle Schmerzen vergessen macht.  Der die Kinder in die Mitte stellt und mit ihnen lacht. Der den Wein genießt und auf die Frauen hört. Der hinabsteigt in das Reich des Todes. Der Gottes Sohn ist und ein Ende setzt allen Mächten des Todes. Weil ER lebt: von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Sein Heiliger Geist verwandelt – auch uns. Gerade jenes Lachen, das aus der Tiefe kommt und wieder hell erklingt, findet Widerhall in Gottes ewigem Reich. Oder – vielleicht ist es genau umgekehrt, dass unser Lachen, dass sich gegen die Traurigkeit behauptet, ein Echo ist der himmlischen Freude?

 

III.

Mit diesem Vertrauen und den bunten Bildern der Hoffnung vor Augen können wir das Leben neu lernen. Ein ganz unspektakuläres, aber umso hilfreicheres Bild finden wir dafür im Predigttext: Denn die Tage meines Volkes werden sein wie die Tage eines Baumes.  Leben wie ein Baum. Das ist eine Spur, der ich folgen will und die doch auch gut in diese Jahreszeit passt… Ein Baum verwurzelt sich fest in der Erde und streckt zugleich seine Zweige weit in den Himmel aus.  Er meistert das Leben: Hitze, Kälte, Sturm und Frost. Noch bevor jetzt im Hebst das letzte Blatt vom Ast fällt, hat im Baum schon der Frühling begonnen, werden neue Knospen angelegt.  So lasst uns schließen mit einem Gebet von Lothar Zenetti, das dieses Bild, diese Gedanken aufgreift:

Herr, wie ein Baum so sei vor dir mein Leben.
Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Gebet.

Gib Wurzeln mir, die in die Erde reichen,
dass tief ich gründe in den alten Zeiten,
verwurzelt in dem Glauben meiner Väter.

Gib mir die Kraft, zum festen Stamm zu wachsen,
dass aufrecht ich an meinem Platze stehe und wanke nicht,
auch wenn die Stürme toben.

Gib, dass aus mir sich Äste frei erheben,
oh meine Kinder, Herr, lass sie erstarken
und ihre Zweige stecken in den Himmel.

Gib Zukunft mir und lass die Blätter grünen
und nach den Wintern Hoffnung neu erblühen,
und wenn es Zeit ist, lass mich Früchte tragen.

Herr, wie ein Baum so sei vor dir mein Leben.
Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Gebet.

Amen

 

Perikope
25.11.2018
65,17-19

Es wird sein in den letzten Tagen - Zwischen Erinnern und Träumen, zwischen Trauern und Hoffen. – Liedpredigt zu EG 426 & Jesaja 2, 2-5 von Karin Latour

Es wird sein in den letzten Tagen - Zwischen Erinnern und Träumen, zwischen Trauern und Hoffen. – Liedpredigt zu EG 426 & Jesaja 2, 2-5 von Karin Latour
2,2-5 & EG 426

(Kurze Vorstellung des Liedes von Walter Schulz, EG 426)

„Dann kam der Krieg doch zu uns. Eines Nachts hörten wir ihn wiehern. Und dann lachte es draußen mit vielen Stimmen und schon hörten wir das Krachen der eingeschlagenen Türen

Die alte Luise starb in ihrem Bett, Der Pfarrer starb als er sich schützend vor das Kirchportal stellte, Lise Schuch starb als sie versuchte Goldmünzen zu verstecken, Männer starben, als sie versuchten ihre Frauen zu schützen und ihre Frauen starben wie Frauen eben sterben im Krieg.

Martha starb auch. Sie sah noch wie sich die Zimmerdecke über ihr in rote Hitze verwandelte, sie roch den Qualm, bevor er so fest nach ihr griff, dass sie nichts mehr erkannte und sie hörte ihre Schwester um Hilfe rufen.

Während die Zukunft, die sie eben noch gehabt hatte, sich in nichts auflöste : der Mann, den sie nie haben, und die Kinder, die sie nicht großziehen würde und die Enkel, denen sie niemals von einem berühmten Spaßmacher  an einem Vormittag im Frühling erzählen würde,  die Kinder dieser Enkel, all die Menschen, die es nun doch nicht geben sollte.

So schnell geht das, dachte sie, als wäre sie hinter ein großes Geheimnis gekommen. Und als sie die Dachbalken splittern hörte fiel ihr noch ein, dass Tyll Uhlenspiegel nun vielleicht der Einzige war, der sich an unsere Gesichter erinnern würde und wissen würde, dass es uns gegeben hatte!“ (aus Daniel Kehlmann- „Tyll“)

Liebe Gemeinde,

ich frage es mich manchmal, wer sich ihrer erinnert- all der Männer und Frauen- Kinder und Alten, all der Soldaten und Opfer der beiden Weltkriege,  wenn wir nicht mehr sind. Wir, die wir die Geschichten der Väter und Mütter,  der Großmütter und Großväter noch kennen. Die noch etwas anfangen können mit dem Begriff „Volkstrauertag“, an dem Menschen auf die Friedhöfe gehen und einen Kranz niederlegen -nicht zum Heldengedenken, sondern zur Trauer um und in Erinnerung an die Opfer der beiden großen Weltkriege. Und auch der anderen, all der anderen Kriege. Wer wird sich dann erinnern, wenn in den Familien der Letzte  stirbt, der noch weiß, wer der junge Kerl in seiner Uniform ist auf dem großen, eingerahmten Foto im Keller, wer die Feldpostkarten geschrieben hat im Karton, den die Eltern all die Jahrzehnte aufbewahrt hatten, wenn die Bilderrahmen von den Fensterbänken neben dem Sessel der Alten in unseren Heimen zusammen mit den anderen wenigen letzten Erinnerungsstücken aus einem langen Leben im 20. Jahrhundert abgeräumt sind.

Leben, in dem Menschen Liebste durch den Krieg verloren- Väter, Brüder, Männer, Söhne, Geliebte. Und dann gab es nach dem ersten den zweiten Weltkrieg.  Und dann, wie Erich Kästner sagt,  lernt der Mensch nichts dazu. Es gab also  nach dem Ersten einen Zweiten Weltkrieg, und vor dem Zweiten einen Spanischen Bürgerkrieg und nach diesen Kriegen Atombomben und noch mehr Kriege- wenn auch nicht in Deutschland, so doch 7 Tage Kriege, Irakkriege, Jugoslawien, Sudan, Ruanda, Syrien,…Und den 30 jährigen Krieg über den Daniel Kehlmann schreibt und es gab den Bauernkrieg, an den vielleicht hier und da auch im letzten Jahr im Reformationsgedenken erinnert wurde.

Allein dankbar, unendlich dankbar können wir sein und sind es doch auch, dass wir und unsere Kinder in Frieden aufwachsen können. Aber reicht das? Da sind ja auch all die anderen Marthas, all die anderen Ewalds und Gustavs, die nicht Martha oder Ewald, Gustav oder Marie heißen, sondern Omran aus Aleppo, oder Aylan Kurdi aus Kobane- erinnern sie sich an diese Kinder? Ihre Bilder gingen um die Welt- der eine gerettet aber verstört- ein fünfjähriges Kind- dreck- und blutverschmiert und so verloren auf dem Sitz eines Rettungsfahrzeuges in Syrien, der andere an einen türkischen Strand gespült mit seinem blauen Höschen, seinem roten T- Shirt, das ihm seine Mutter angezogen hatte bevor die hoffnungsvolle Fahrt über das große Meer begann, die Reise, bei  der diese Familie nie das Ziel, erst Europa, dann Vancouver, auf jeden Fall Frieden, nie erreichte.

Ein französischer Minister schrieb: „Er hatte einen Namen, Aylan Kurdi. wir müssen etwas tun.“ Aber was?  Erinnern? Trauern? Träumen? Hoffen? Arbeiten? Woran und woraufhin? Und mit welcher Kraft und welchem Mut?

Verlesen des Predigttextes: Jesaja 2, 2-5 Ansingen der 1. Strophe des Liedes 426

Liebe Gemeinde,

dieser Text ist nicht geschrieben für eine Predigtreihe- „Gesungene Botschaften“- nicht für Gedenktage, nicht für den Volkstrauertag, nicht für traurige Jubiläen, die wir dieses Jahr begehen: 1918- Ende es 1. Weltkrieges, 1618 Beginn des 30 jährigen Krieges,

1938 Reichspogromnacht…..

Aber dieser Text scheint aktuell- immer noch und immer wieder!

Auch heute.

„Wir müssen etwas tun, sagte der französische Minister,  aber was.

Erinnern? Reicht das?

Hoffen?

 Uns der Verheißungen erinnern, die Gott uns auf den Weg gelegt hat?

Dieses Lied, es hat 3 Motive:

Schwerter zu Pflugscharen- das biblische Bild vom Frieden, das Jesaja, aber auch Micha,  der Prophet zeichnet.

Dann eine bronzene Skulptur im Garten des Hauptquartiers der Vereinten Nationen in New York- ausgerechnet die Sowjetunion hatte es der UN geschenkt- es zeigt einen  Mann der kraftvoll ein Schwert zu einer Pflugschar um schmiedet-

Und dann dieses kleine Zeichen, ein Emblem, kreisrund, das zum Symbol für Abrüstung und Umdenken, für friedvollen Widerstand und friedlichen Kampf wurde. Als der damalige mecklenburgische Jugendpfarrer Walter Schulz dieses Lied dichtete, Pfarrer in der damaligen DDR, späterer Schweriner Oberkirchenrat, gedachte er vielleicht seiner Erfahrungen im 2. Weltkrieg, als junger Mann war er in Gefangenschaft geraten – in amerikanische und englische , als man ihn in seinem U Boot gefangen nahm.

Vielleicht gedachte er auch der Bedrohung im Kalten Krieg, vielleicht gedachte er der Unfreiheit in der DDR… 1980 luden Jugendbewegungen in der DDR zu Friedensgottesdiensten ein, und es wird geschrieben für das Drucken brauchte man Erlaubnis- den Schmied aber auf Vliesstoff abzubilden und auf die Ärmel zu nähen, das  ging- zunächst- dann wurde auch das Emblem verboten. Die jungen Menschen schnitten dann eben ein kreisrundes Loch dorthinein, wo vorher das Emblem war oder man nähte ein neues: „Hier war ein Schmied“. Es wurde zum Zeichen,  zur hoffnungsvollen Vision, dass eines Tages Frieden sein wird.

Die Völker bekriegen sich nicht mehr,  pilgern am Ende aller Tage zum Gottesberg, aus allen Himmelsrichtungen, um den Frieden, Gottes Frieden, zu feiern und zu leben. „Schwerter zu Pflugscharen“ – aus Waffen, die töten werden Geräte, die Leben möglich machen.

Wiederholen und ansingen der 1. Und 2. Strophe des Liedes.  

Was wir tun können im Lichte des Herrn? Ob sein Wort tragfähig sein wird? Brauchen wir, liebe Gemeinde sie nicht, diese Visionen? Auch wenn wir sagen müssen- Lieber Jesaja, lieber Micha, keinen Tag, an dem es keinen Krieg gab. Keinen Tag, an dem nicht die Aufrüstung drohte. Keinen Tag, ohne Hass und Gewalt und die Millionen, die heute unterwegs sind, sind ja nicht einmal zum großen Frieden unterwegs, sondern einfach nur um zu überleben- in Europa, in ihren Heimatländern, den Nachbarländern, den tausenden von Flüchtlingslagern.

Ist das, was der Prophet sagt, das Lied singt, nicht einfach nur Traum? Verändert es irgendwas? „Dahin sind alle Träume von Frieden und Heimat. Der Mensch wird zum Wurm und sucht sich das tiefste Loch“ schreibt ein 20 jähriger aus Verdun am 12. Oktober 1918. „So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt“ schreibt ein anderer junger Kerl auf einer Feldpostkarte von der Front, von der nicht mehr zurückkam. Allein, geblieben diese Worte im Album einer Familie. Es ist wichtig uns ihrer zu erinnern. Ja, zu erinnern: Da war dieser Bestattungsgottesdienst in einem kleinen Dorf in der Nähe von Jülich. Die ganz Alten konnten sich noch erinnern, dass kurz vor Ende des Krieges ein Flugzeug herunter gekommen war, abgestürzt auf einem Feld. So jedenfalls stand es in der Zeitung. Die Wrackteile zog man später aus der Erde, den Piloten- man fand ihn nicht, vielleicht auch nie danach gesucht.

Bis er dann doch gefunden wurde. 70 Jahre später. Man barg seine Überreste, ein kleiner Sarg aus schwarzer Pappe auf dem Dorffriedhof. Mein katholischer Kollege und ich sollten ihn beerdigen. Wir wussten keinen Namen, kein Alter, nicht woher er kam und wer vergeblich auf seine Heimkehr gewartet hatte. Wir wussten, dass jemand von der Bundeswehr kommen würde mit Trompete den Zapfenstreich zu spielen, der Bürgermeister oder sein Vertreter und wir zwei auf dem eiskalten Friedhof im Januar, es hatte geschneit, die Straße gefroren und glatt war es den kleinen Hügel zum Friedhof hinauf.

Und dann sahen wir sie. Männer, Frauen, Alte, ganz Alte und Ältere, auch ein paar Jüngere. Sie waren aus ihren Häusern gekommen und auch anderen Dörfern. Gekommen um ihre Väter und Onkel, Großväter und Großonkel, all die Verwandten zu beerdigen, an deren Gräbern sie nie hatten treten können um ein Gebet zu sprechen, ihnen die Würde des letzten Geleits zu geben, die ihnen versagt geblieben war in Weißrussland oder Frankreich, Belgien oder der Ukraine. Sie erinnerten sich.

Erinnern. Und Trauern. Träumen und Hoffen. Es ist ein Schritt. Ein Schritt zu erinnern, an die, die gerne wieder aufgestanden wären. Wir brauchen aber auch die Erinnerung an die Vision, die Hoffnung, die Gott uns auf den Weg legt, ins Herz singt, Menschen beflügelte über den Tellerrand und das hier und jetzt  hinauszuschauen. Wir brauchen Erinnern und den Blick nach vorne. Erinnern und Mut. Erinnern und Perspektive. Und selbst, wenn wir dieses große Ziel nicht erreichen, von dem Jesaja singt, so strecken wir uns danach aus. Zwischen erlebter Realität und prophetischer Vision. Zwischen Krieg Lernen, neuer Aufrüstung und Friedenssehnsucht. Zwischen Friedensehnsucht und unserer gesungenen Antwort.

Ruft Gott nicht immer noch? Mahnt Gott uns nicht immer noch? Erinnert Gott uns nicht immer noch an das Andere- das war und ist  -  die Liebe.  Das war und ist - die Versöhnung.  Das war und ist - die Hoffnung auf Frieden.  Denn Gottes eigener Sohn hat alles dafür eingesetzt- sogar sein Leben. Wer zu ihm hält, wer seiner Botschaft traut, der kann selbst Werkzeug seines Friedens sein. Und anderen den Mut erhalten, dass Gottesliebe zum Menschen tatsächlich den Hass besiegen kann. Sind das nur Worte? Sind das nur Kanzelphrasen, deren Wahrheit durch jede Nachricht von Gewalt in unseren Zeitungen und dem Netz in Frage gestellt wird? Nein, liebe Gemeinde. Es ist Hoffnung. Und Gebet. Es ist Nächstenliebe und Einsatz und Mitgefühl. Es ist Widerstand und Protest. Es ist Wachsamkeit und Interesse. Das Gegenteil von Resignation und Hoffnungslosigkeit, von Rückzug ins Private und Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hassparolen und Egoismus.

Gott, hilf uns und deiner Welt, möchten wir beten. Verwandle uns, Gott, möchten wir erbitten. Lass uns in deinem Namen Herr die nötigen Schritte tun, möchten wir singen. Liebe Gemeinde, manchmal besuche ich ihn, vor allem an grauen Novembersonntagnachmittagen – in Essen. Ich setze mich zu ihm auf die Bank vor seinem Bild, im Museum – Franz Marc. Es ist das Bild eines Pferdes.

Mein Liebstes von all seinen Bildern. Es ist als stünde man hinter ihm, dem bunten Pferd mit wunderschön geschwungenem Hals und Kruppe, den Blick weit in das hügelige, in allen Farben schillernde Land. Das Gegenteil für mich von einem Kriegspferd. Frieden, das dieses Bild für mich ist ausstrahlt. Ich hab mich oft gefragt, wenn ich dort sitze, wohin das Pferd eigentlich blickt. Zurück, auf das, was hinter ihm liegt? Nach vorne in die Zukunft, die vor ihm liegt?  Zukunft, die Franz Marc nicht erlebt hat? Auf jeden Fall ist es ein Innehalten.

Franz Marcs Spuren: ein paar Bilder in den Museen dieser Welt und sein Grabstein, unter dem er nicht liegt, weil er bei Verdun fiel. Ich will mir einbilden, dass dieses Pferd den Frieden sieht, noch weit entfernt. Dass es die Farben des Lebens sieht, überall am Horizont. Und dass es uns mit seinem Blick mitnimmt in diese Weite und die Hoffnung, dass es möglich ist. Und zwar nicht erst dereinst, nicht erst am letzten aller Tage, sondern wir heute – jeder mit seinem kleinen begrenzten Leben einen Stück des Weges dahin gehen kann. Darum, liebe Gemeinde  ist das Erinnern wichtig, das Kränze niederlegen, das Erzählen von Vergangenem, von Wegen und auch Irrwegen, aber auch unendlich wichtig, unsere hoffentlich nie endenden Friedensgebete, und all das, was wir tun können: an unserem Ort, in unserer Gemeinde, mit unserer Stimme bei der Wahl.. . Mit unserem Widerspruch bei Hetzparolen und Sprüchen. Mit unserer Freundlichkeit und Herzlichkeit und den vielen kleinen Dingen, die wir tun.

Liebe Gemeinde, noch einmal Daniel Kehlmann:

„Uns andere aber hört man dort, wo wir einst lebten, manchmal in den Bäumen. Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen, man hört uns, wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt, und zuweilen kommt es Kindern vor, als könnten sie unsere Gesichter im Wasser das Baches sehen. Unsere Kirche steht nicht mehr, aber die Kiesel , die das Wasser rund und weiß geschliffen hat sind noch dieselben. Wie auch die Bäume dieselben sind. Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert. Denn wir haben uns noch nicht abgefunden, nicht zu sein. Der Tod ist immer noch neu für uns. Und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.“

Amen

(Zum Abschluss singen wir den 3. Vers von Lied 426)

 

Literatur zur Predigt:

Daniel Kehlmann, Tyll, 2018,

Diverse Arbeitshilfen zum Volkstrauertag vom Bund Kriegsgräberfürsorge sowie Hinweise zum Lied EG 426 aus einer Predigt aus der Katharinenkirche Eglosheim, 2011

Anmerkung: Ich habe zum Gottesdienst eine Kopie des Bildes von Franz Marc mitgebracht, sowie auf Liedblättern das Friedensemblem“ Schwerter zu Pflugscharen“ abgedruckt.

Perikope
18.11.2018
2,2-5 & EG 426

Gott will, dass allen Menschen geholfen werde - Predigt zu Jes 49,1-6 von Norbert Stahl

Gott will, dass allen Menschen geholfen werde - Predigt zu Jes 49,1-6 von Norbert Stahl
49,1-6

Nach kurzer Einleitung zur geschichtlichen Situation: Verlesung des Predigttextes

Wow!
Wow! Da traut sich einer was! So eine Ansage in so einer Situation! Das muss den Israeliten mindestens komisch vorgekommen sein. Manche werden auch gesagt haben: „Dieser Jesaja spinnt! Schaut euch doch um! Wir sitzen in der Gefangenschaft. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört. Wir könne nicht zurück. Unsere Zukunft ist, dass wir keine Zukunft haben! Gott hat uns verlassen. Er hat uns vergessen.“ Jesaja behauptet das Gegenteil: „Nein! Gott hat uns nicht vergessen! Er denkt an uns. Er wird uns zurück bringen in die Heimat. In die Heimat, die wir so sehr vermissen. Mehr noch! Gott spricht: Wie ich dich, Israel, rette, so will ich die Welt retten!“ „Und wenn Jesaja doch Recht hat?“ „Ach was! Ein Träumer ist er, sonst nichts! Und überhaupt: Die Welt retten. Gott hat mit Heiden nichts zu schaffen! Wenn überhaupt, dann ist er der Gott Israels!“

Käthe Duncker
Auf der Fahrt in den Oberkirchenrat: Ich höre Radio. Ein Bericht über die gesellschaftlichen Zustände in den Jahren des Ersten Weltkrieges und danach. Vor ziemlich genau 100 Jahren, im November 1918, ging dieser Krieg zu Ende. Arbeitslosigkeit, Hunger, Kriegskrüppel auf den Straßen, Kriegswaisen in schäbigen Häusern.

Da kommt die Rede auf Käthe Duncker. Dieser Name sagt mir bis dahin nichts. 1918 ist Käthe Duncker bereits 47 Jahre alt, erfahre ich. Sie gehört zu jenen Menschen, die nicht nur diesen Krieg, sondern alle Kriege ablehnen. Sie ist Lehrerin, Frauenrechtlerin, Pazifistin, Kommunistin. Sie kämpft gegen Kinderarmut, tritt ein für eine bessere Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen, engagiert sich für gleiche Bildungschancen für Schulkinder. Weil sie der KPD angehört, muss Käthe Duncker zeitweise aus Deutschland fliehen. Die längste Zeit ihres Lebens verbringt sie aber in Berlin und Rostock. Sie ist verheiratet mit Hermann Duncker, der ebenfalls politisch aktiv war. Die beiden hatten zwei Söhne.

Käthe Duncker beeindruckt mich. Für mich ist sie eine mutige und kritische Frau. Im November 1918 schreibt sie aus Berlin an ihren Sohn:

„Jetzt oder nie muss versucht werden, all die Güter der Kultur und der Technik, die bis jetzt nur einer kleinen Minderheit zugutegekommen sind, der ganzen Menschheit dienstbar zu machen. Gewiss, es wird auch in Zukunft Unterschiede geben, aber nur die Unterschiede der persönlichen Begabung, nicht mehr die Unterschiede des Geldes und der Erziehung.“

Was für eine schöne Vision! Zerstörung und Elend behalten im Denken von Käthe Duncker nicht das letzte Wort. In der Krise der Niederlage sieht sie die Chance zu einem Wandel. Vorteile und Sonderrechte, die bisher nur Mitgliedern des Adels und bürgerlichen Familien zuteilwurden, sollen Rechte für alle Menschen werden. Viele sagen: „Die spinnt, die Duncker! Schaut euch doch um! Wir sitzen im Elend. Wir haben den Krieg verloren. Unsere Städte sind zerstört. Wir haben Hunger und Durst. Wir sind krank. Unsere Zukunft ist, dass wir keine Zukunft haben! Gott und die Welt haben uns verlassen!“ „Und wenn sie Recht hat? Wenn es doch noch eine Zukunft gibt? Wenn es etwas ganz Neues geben könnte? “ „Ach was! Eine Träumerin ist sie, sonst nichts! Und überhaupt: Gleiches Recht für alle – das kann nicht sein! Es gibt nun mal gottgegebene Unterschiede!“

Jesaja gibt nicht auf
Zurück zu Jesaja: Trotz mancher Anfeindungen gibt er nicht auf. Immer deutlicher formuliert er seine Hoffnungsbotschaft: „So spricht der Herr: Ich habe dich erhört, du mein Volk Israel! Gott lässt euch sagen: geht heraus! Kommt hervor! Hunger und Durst haben ein Ende. Denn ich erbarme mich über euch.“(nach Jes 49,8-10) Vielen bleibt diese Botschaft unverständlich. Jesaja erleidet Anfeindungen. Er wird geschlagen. Wir wissen nicht genau von wem: Nur von den Israeliten oder auch von den Babyloniern? Die Botschaft Jesajas klingt ja auch nach Aufbegehren. Dem muss man Einhalt gebieten! Er wird verachtet. Er wird beschimpft. Er wird krank. Er leidet stumm. Am Ende ist er tot. Man gibt ihm ein Grab bei Gottlosen und Übeltätern – obwohl er niemand Unrecht getan hat und er nichts Falsches gesagt hat. Im Gegenteil: Nur wenige Jahre nachdem Jesaja aufgetreten ist, kommt es zu politischen Veränderungen. Der Perserkönig Kyrus besiegt die Babylonier und lässt die Israeliten frei. Sie dürfen zurück in ihre geliebte Heimat. In Israel beginnen sie mit dem Wiederaufbau des Tempels.

Käthe Duncker gibt nicht auf
Auch Käthe Duncker gibt nicht auf. Das Elend der Kinder, die Verarmung der Massen, die Wohnungsnot, das Elend in den deutschen Städten – das sind weiterhin die Themen, zu denen sie spricht. Was heißt „spricht“? Käthe Duncker hält mitreißende Reden:

„Unsere erste Forderung lautet: weg mit der Scheidung von Volks- und höheren Schulen. Wir verlangen die Einheitsschule! Nicht mehr soll wie bisher der sechsjährige Adels-Sprössling von vornherein für die höhere Schule, das Arbeiterkind für die Gemeindeschule bestimmt sein, ohne jede Rücksicht auf ihre geistige Begabung. Noch eine weitere, sehr wichtige Forderung: Wir verlangen, dass der nationalistische Geist aus der Schule verschwindet, der Geist der Selbstbeweihräucherung des Deutschtums, der Geist der Völkerverhetzung und des Hasses. Er soll Platz machen der Erziehung zum Verständnis und zu gerechter Würdigung aller Völker, zu internationaler und damit rein menschlicher Gesinnung.“

Vielen geht das zu weit. „Der Duncker muss Einhalt geboten werden! Solche Gedanken sind gefährlich! Sie ist auch gar keine Patriotin! Eine Schande für ihr Land!“ Käthe Duncker und ihr Mann Hermann bezahlen für ihre freiheitlichen Gedanken: Wohnungsdurchsuchungen, Verfolgung, Inhaftierungen und Flucht. Andere bezahlen mit ihrem Leben. Jahrzehnte später sind viele Dinge, für die Käthe Duncker gestritten und gelitten hat Selbstverständlichkeiten: Das Wahlrecht der Frauen, Mutterschutz und Elternzeit, eine Reform des Schulwesens, verbesserte Bildungschancen und die Erkenntnis, dass Krieg kein einziges Problem löst.

Warum ist das so?!
Das beschäftigt mich, liebe Gemeinde, dass Menschen für hellsichtigen Ideen beschimpft, verfolgt, ja getötet werden. Und einige Zeit später sind genau diese Ideen von allen akzeptierte Wahrheiten. Zum Guten der Menschheit. Es ist doch schrecklich, dass für fast alle Errungenschaften, die wir heute selbstverständlich genießen, früher einmal Menschen kämpfen mussten buchstäblich bis aufs Blut, dass Menschen dafür furchtbar gelitten haben und gestorben sind. Es lassen sich noch viele andere Beispiele dafür finden: Mahatma Gandhi z.B. und Martin Luther King. Oder auch Jesus.

Jesus
Jesus war Jude. Einer mit reformerischen Ansichten. Er war v.a. der Ansicht, in allen Fragen des Lebens und der Religion sollte die Liebe zu den Menschen leitend sein. Jesus ist außerdem bereit jedem, der ernsthaft nach Gott fragt, einen Weg zu Gott zu ermöglichen – und sei es ein römischer Hauptmann. Die Liebe zu den Menschen ermöglicht Jesus diese großartige innere Freiheit.

Das löst Widerstand aus. Das bringt Streit. Das bringt Jesus ins Gefängnis. Am Ende ist er tot. Aber so wenig wie bei Käthe Duncker, so wenig wie bei Gandhi oder Martin Luther King, so wenig war dies bei Jesus das Ende. Nur wenige Jahrzehnte nach seinem Tod ist die Welt voller Anhänger Jesu. Seine neue Lehre ist nicht aus den Köpfen zu kriegen. Auch beginnt man seinem gewaltsamen Tod einen tieferen Sinn zu geben. Schließlich fasst ein wichtiger christlicher Missionar (Paulus) seine Erkenntnis zusammen in dem Satz: „Es gelten nun nicht mehr die alten Unterschiede. Gott lässt alle an seinem Reichtum Anteil haben. Denn jeder, der den Namen Jesu anruft, wird gerettet werden.“ (Röm 10,12f) Damit erfüllt sich, was Jesaja einst vorhergesehen hatte: Ein Jude bringt das Heil für die Welt. Zugang zu Gott sollen nicht nur Auserwählte haben. Zugang zu Gott haben jetzt alle Menschen.

Das Erbe
Wenn es doch nicht so schmerzhaft wäre, bis sich die guten Ideen durchsetzen, liebe Gemeinde! Wenn es doch selbstverständlicher wäre, dass Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, dass Glaube, Liebe und Hoffnung allen Menschen offen stehen müssen. Nicht nur irgendwelchen Eliten. Wenn doch nicht Anfeindungen, Verfolgung, Gefangenschaft und Tod immer noch der Preis wären für ein bisschen Fortschritt. Für ein bisschen mehr Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit!

Mich gemahnen die Beispiele aus meiner heutigen Predigt, hellhörig zu sein, wenn Menschen aufstehen für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Wenn sie gleiches Recht für alle fordern. Sie verdienen meine Unterstützung. Wenn Menschen unfaire Privilegien abschaffen wollen und für mehr Gerechtigkeit und Frieden eintreten – sie verdienen meinen Beistand. Z.B. wenn es um faire Preise für gute Lebensmittel geht. Oder um die Wohnungsnot oder den Pflegenotstand. Wo heute noch gekämpft wird, wird man sich hoffentlich bald schon fragen: Wie konnten wir nur so engstirnig sein? Es ermutigt mich, wie Menschen wie Jesaja,  Jesus und Käthe Duncker sich nicht frustrieren lassen vom Bestehenden. Es steckt mich an, wie sie einen positiven Gegenentwurf wagen. Ich entdecke darin auch etwas vom Geist Gottes. Gott selbst schafft keine Eliten. Gott grenzt nicht aus. Jesaja kündigt an, dass Gott allen Menschen begegnen möchte. Nicht nur einer auserwählten Schar: „Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ (V.6) Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.(1. Tim 2,4)

Dafür bin ich dankbar. Der Zugang zu Gott steht alle Menschen offen. Dafür steht Jesus ein. Als er als kleines Kind zum ersten Mal in den Tempel gebracht wird, erinnert sich ein weiser alter Jude an Jesajas Ankündigung. Spontan nimmt er den kleinen Jesus auf seine Arme du preist Gott mit den Worten: „Meine Augen haben den Heilsbringer Gottes gesehen. Ein Licht zu erleuchten die Heiden zum Lob seines Volkes Israel.“(Lk 2, Dem kann ich mich nur anschließen.)

Amen.

Lieder und Lesungen:
324,1-3.12.13 (Ich singe dir mit Herz und Mund)
Ps 25
Lk 2,22.25-33
346,1-3(Such wer da will)
639,1-3 (Kommt, atmet auf)
321,1-3 (Nun danket alle Gott)

(Die Zitate zu Käthe Duncker entstammen dem SWR2-Manuskript zum SWR2-Feature „Krieg der Träume“ Folge 2: Goldene Zeiten [1922-27])

Perikope
23.09.2018
49,1-6

Das Lied des Glaubens - Predigt zu Jesaja 49,1-6 von Constanze Lenski

Das Lied des Glaubens - Predigt zu Jesaja 49,1-6 von Constanze Lenski
49,1-6

I. Predigttext

Ein Lied schallt übers Land. Über die Meere mit ihren Inseln, über die Berge erklingt es. Der Sänger ruft auf zum Hören. Er singt das Lied seines Lebens. Seine klingenden Worte erzählen von Gottes Plan mit ihm, von seinem Vertrauen, von seiner Zerrissenheit und dann doch wieder Vertrauen, trotz der Fragen, trotz der Arbeit, trotz der Größe des Auftrages. Er singt. Wieder einmal. Durch die Zeit erschallen seine Worte in unseren Ohren

Hört das Lied des Gottesknechtes aus Jesaja 49.

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoße der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum Spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen lassen will. Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich und verzehre meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke -, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

II. Der Knecht Gottes

Er wurde auserwählt. Der Sänger, der Knecht, der Auserwählte. Ehe er „Ja“ zu seiner Wahl sagen konnte, sagte Gott „Ja“ zu ihm. Er kannte ihn, bevor er sich selbst kannte. Warum gerade er auserwählt wurde, dass weiß er vielleicht selbst nicht. Gott schweigt darüber, doch seine Aufgabe ist klar: Er soll das zerstreute Volk wieder zurückbringen. Zurück in die Heimat.

Ihre Heimat war verloren gegangen. Die Babylonier hatten Jerusalem erobert. Es herrschte Krieg. Der Tempel wurde zerstört und der Großteil des Volkes nach Babylon verbracht. Ihr Leben mussten sie jetzt hier verbringen. Ohne den Tempel. Ohne den Kult. Ohne Zion. Entwurzelt, in einem neuen, so fremden Land mussten sie leben. Thronte nicht auf dem Berg Zion im Tempel ihr Gott? War er nicht der Garant, dass Jerusalem nichts hätte passieren können? Wo war ihr Gott?

Der Knecht Gottes ruft in der Fremde dem Volk zu. Er ruft in ihre Fragen nach Gottes Dasein: „Hört zu!“ Mit Worten, scharf wie ein Schwert, die teilen. Mit Worten, die mitten ins Herz treffen, wie Pfeile. Er ruft, er spricht und doch: Über seiner Aufgabe scheint der Knecht zu resignieren. Er singt: „Ich arbeite vergeblich und verzehre meine Kraft umsonst und unnütz.“  

Ich sehe ihn vor mir. Er schaut auf seinen Weg. Auf sein Reden und Tun. Scheinbar scheint es keine Frucht zu zeigen. Er, der Auserwählte klagt. Wozu das alles? Was mache ich hier eigentlich? Die Selbstsicherheit seiner Erwählung, sein Vertrauen schwindet. Er, der von Gott Berufene sieht nicht, wohin der Weg führen soll.

 

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt,

der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,

der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

 

Dem Herren musst du trauen, wenn dir´s soll wohlergehen;

auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn.

Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein

lässt Gott sich gar nicht nehmen, es muss erbeten sein.

Mitten in das Klagen und Fragen ändert sich die Stimmung des Sängers. Er schaut nicht mehr auf den Erfolg seines Auftrages. Er erinnert sich. Er besinnt sich auf den Grund seines Seins.  Nicht in den Menschen ist er verankert. Nicht sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Nicht sie treffen das Urteil. Die Fragen in seinem Innersten werden leiser. Er wurde von Gott wert geachtet. Er, der Geringste. Er, der Kleinste. Er, nur ein Knecht, doch von Gott erhoben. Von Gott gerufen. Zum Licht in die Welt gestellt. Leuchten soll er. Mitten in die Dunkelheit soll es strahlen – das Licht.

III. Der Sänger Paul Gerhardt

Lange war es dunkel. Dreißig Kriegsjahre mit Entbehrungen, Not und Leid liegen hinter dem Sänger. Sie bedeckten die Welt. Mehr als 2000 Jahre nach dem der Knecht Gottes singt er. Der Sänger heißt Paul Gerhardt. In seinen Liedern kommen oft die Themen Leid, Tod und Sterben vor. Der Krieg, der Hunger und das Leid, das im Dreißigjährigen Krieg über die Menschen in den deutschen Landen herrschte, aber auch der Tod seiner vier Kinder prägten sein Leben tief. In seinem Testament für seinen einzig überlebenden 13-jährigen Sohn Paul Friedrich wird es deutlich. Er schreibt: Ich habe „die fröhliche Hoffnung […], dass mein lieber frommer Gott mich in kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen werde, als ich [es] bisher auf Erden gehabt habe, so danke ich ihm zuvörderst für alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf jetzige Stunde an Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat“1.

Trotz des Leids, trotz der Dunkelheit in seinem Leben dankt er Gott. Und in seinen Liedern wird das spürbar. Sie drücken Glaubensfreude und Lebensmut aus. Sie beschreiben die Schönheit von Gottes Schöpfung, das Leben mit seinen Schatten und dem Licht. Sie beschreiben den Glauben, sein tiefes Vertrauen und die Treue Gottes. Er malt klingende Bilder in die Herzen der Menschen, in denen sie sich selbst wiederfinden können. Für ihn ist Gott kein fernstehender Beobachter. Gott geht im Leben mit.

Doch das eigene Gefühl kann Gottes Treue infrage stellen. Die Vernunft fängt an, Kritik zu üben. Das Vertrauen der Seele verschwindet langsam im Nebel der Zweifel.

Die Sänger singen ihre Lieder – sie erzählen von Vertrauen, Zerrissenheit, Zweifeln und der Hoffnung. Sie erzählen von ihrem Glauben, von ihrem Weg mit Gott.

Schatten können sich auf diesem Weg ausbreiten. Schatten, die das Vertrauen schwinden lassen. Ja, manchmal ist der Weg hell erleuchtet, das Vertrauen unerschütterlich, doch dann kann der Weg auch undeutlich werden, nur noch ein dünnes Fädlein die Verbindung halten.

In dieser Spannung und in den Fragen sind wir nicht allein. Der Knecht Gottes empfand so, Paul Gerhardt machte die Erfahrungen. Er ruft uns in seinem Lied „Befiehl du deine Wege“ zu: „Vertraue dich Gott an! Er wird’s wohl machen“ Er schreibt:

 

Hoff, o, du arme Seele, hoff und sei unverzagt!

Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt,

mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit,

so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

 

IV. Licht

Erblickst du die Sonne? Siehst du das Licht? Gott will, dass sein Heil leuchtet in der Welt. Es soll die Zweifel, die Dunkelheit vertreiben. Siehst du das Licht?  Bis an die Enden der Welt soll es leuchten.

Die Hoffnung kann abnehmen, der Glaube kann schwinden, doch Gottes Verheißung bleibt bestehen. Er will sein Heil für alle Völker. Und alle sollen aufmerken und es hören. Halte einen kurzen Moment inne und höre.

 

Wohl dir, du Kind der Treue, du hast und trägst davon

mit Ruhm und Dankgeschreie den Sieg und Ehrenkron;

Gott gibt dir selbst die Palmen in deine rechte Hand,

und du singst Freudenpsalmen, dem der dein Leid gewann.

 

Und dann stimme ein. Singe mit den Sängern. Auch wenn du ihre Lieder in deinen dunklen Zeiten nur in der Ferne hörst, Gott hat ja zu dir, zu uns gesagt, ehe wir waren. Er ist unser Licht, dass nie aufhören wird zu leuchten, wie dunkel uns die Welt auch erscheint.

Sein Lied, er wird nicht verstummen. Und was singst du?

 

Amen.

 

Während des Predigttextes wird die Orgel leise die Melodie von „Befiehl du deine Wege“ (EGB 316) spielen. In die Predigt eingestreut, werden Strophen des Liedes vom Lektor verlesen. Im Anschluss der Predigt kann das Lied mit den Versen 1, 2, 6 und 11 gesungen werden.

 

 

1 I Silber, Heinrich, Geh aus mein Herz… Stundenentwürfe zu Paul Gerhardt. Kreativ Kompakt – Praxismaterialien für die Seniorenarbeit, Neukirchen -Vluyn 2006, 24.

Perikope
23.09.2018
49,1-6

Bilder schaffen wie ein kleiner Herrgott – Predigt zu Jesaja 62,6-12 von Nico Szameitat

Bilder schaffen wie ein kleiner Herrgott – Predigt zu Jesaja 62,6-12 von Nico Szameitat
62,6-12

Was für ein Konzert! Alles dröhnt um mich herum. Und ich sehe vor mir, wie die stuckverzierten Mauern der Kirche Risse bekommen, wie sie zerbröckeln und den Blick auf uralte Mauern freigeben. Mauern mit großen Toren, erhaben, prächtig. Und alles klingt um mich herum. Die zwei Orchester, drei Chöre, fünf Solisten, Posaunen und Pauken, Orgel und Tubaphon, Gong und Glocken. Und ringsum wachsen aus den Mauern des Hamburger Michel die sieben Tore Jerusalems. Und der das alles zaubert, ist der kleine Mann dort in der Mitte, mit Brille, mit weißem Haarkranz und Bart, der so intensiv dirigiert und wie ein kleiner Herrgott aus der Musik Bilder schafft. Ja, Krzysztof Penderecki persönlich dirigiert seine 7. Symphonie „Seven gates of Jerusalem“ und ich bin dabei. Leibhaftig erlebe ich die Musik. Und ich höre und sehe die Mauern und Tore von Jerusalem.

Das ist das eine Jerusalem: Die goldene Friedensstadt, die heilige Stadt dreier Religionen, die mich überwältigt, die mich fasziniert. Das Jerusalem, von dem die Propheten schwärmen und das die Bibel in den buntesten Farben ausmalt. Das Jerusalem, in das Jesus mit seinen Jüngern einzog und über dessen Kopfsteinpflaster ich selbst so gerne einmal laufen würde, um etwas von dem Glanz dieser Stadt zu spüren. Nach diesem goldenen Jerusalem sehne ich mich.
Aber es gibt noch ein zweites Jerusalem, das der Grund dafür ist, warum ich bis heute eben nicht über das Kopfsteinpflaster dort gelaufen bin. Das zweite Jerusalem ist nicht golden, sondern maschinengewehrgrau. Seit ich denken kann, kenne ich Israel und Jerusalem nur als Ort des Streits und vor allem der Gewalt. Seit Jahrzehnten kämpfen Israelis und Palästinenser gegeneinander, kämpfen um Gebiete und Anerkennung. Seit Jahrzehnten suchen Vermittler nach Kompromissen, aber es scheint – gerade auch was Jerusalem betrifft – in diesem Konflikt keinen Kompromiss zu geben, den alle Seiten akzeptieren können. Ich kenne keine andere Stadt, die seit Jahrzehnten so sehr im Unfrieden lebt und bei der ich auch in den nächsten Jahrzehnten keinen Frieden sehe. Jerusalem, die Unfriedensstadt im Maschinengewehrgrau. Das ist die Stadt, vor der ich Angst habe.

Jesaja erzählt vom goldenen Jerusalem, lebt aber in der grauen Stadt. Im Krieg war sie zerstört worden. Die Einwohner vertrieben, verschleppt. Wertvolles noch schnell in die Kleider eingenäht oder vergraben, falls man wiederkommt. Aber es kam keiner wieder. In der Fremde, wo man nur kurz bleiben wollte, wo man in Blicken der Einheimischen den Argwohn sah, da hielten einige die Erinnerung an die alte Heimat hoch: Eines Tages werden wir zurückkehren! Es wird sein wie früher, sogar noch schöner! Goldene Zeiten am fernen Horizont. Die meisten glaubten es nicht. Und doch wurde davon ein Stück wahr. Die Israeliten konnten tatsächlich heimkehren, in ihre Heimat, in ihre geliebte Stadt, beziehungsweise das, was noch von ihr übrig war. Eine Geisterstadt. Ruinen statt Häuser, Staub statt Glanz. Und wieder ist da einer, der tröstet. Jesaja nennt er sich. Wie schon einige zuvor. Er tröstet, er phantasiert und er macht klare Ansagen: „Jerusalem wird Gottes Lobpreis auf Erden sein. Was wir säen, werden wir ernten. Was wir keltern, werden wir trinken. Alle werden satt. Kein Neid, kein Streit. Goldene Zeiten. Also macht eine Bahn, räumt die Steine weg. Ihr Trümmerfrauen Jerusalems, packt an! Am Ende werdet ihr singen!“
Ich sehe ihn vor mir, diesen Jesaja, der das alles zaubert, der kleine Mann dort auf der Ruine der Stadtmauer, mit weißem Haarkranz und Bart, der so intensiv predigt und wie ein kleiner Herrgott aus der Worten Bilder schafft, die trösten und Kraft geben.

Auf der Stadtmauer standen früher die Stadtwächter. Zwei Aufgaben hat der Wächter. Zunächst hält er Ausschau nach draußen. Schaut, was sich der Stadt naht, sei es an Feinden, die mit Streit anrücken, sei es an Freunden, die mit Geschenken kommen. Und dann ruft er nach innen, in die Stadt hinein. Er ruft ihren Bewohnern und dem König zu, was er gesehen hat: „Rüstet Euch für den Ansturm! Bereitet Euch für den Besuch!“ Nach außen schauen, nach innen rufen. Jesaja reicht das aber nicht. Die Wächter sollen noch ein drittes tun: Nach oben beten: „O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte.“
Nach außen schauen, nach innen rufen, nach oben beten; und so Gott an seine eigenen Worte, an seine Versprechen zu erinnern, ihn zu nerven und ihm solange auf den Heiligen Geist zu gehen, bis er endlich etwas tut.

Unsere heutigen Städte haben keine Stadtmauern mehr. Unsere Gesellschaft braucht keine Mauern mehr. Aber wir brauchen immer noch die Wächter. Heute nennen wir sie Journalisten, kritische Geister, Nicht-Regierungs-Organisationen. Wächter und Wächterinnen, die nach außen schauen, was unserer Gesellschaft droht, aber auch was an Gutem auf sie zukommt. Und die nach innen rufen. Sie rufen den Bewohnern, den Kanzlerinnen und Vorstandsvorsitzenden zu, was sie sehen: „Rüstet Euch für den Ansturm! Bereitet Euch für den Besuch!“ Früher sprach man davon, dass auch die Kirchen ein Wächteramt haben, um genau das zu tun: Um zu schauen, zu rufen und vor allem, zu beten.

Manfred Rekowski hat es getan. Er ist der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und bei der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Thema „Migration und Integration“ zuständig. Er ist vor zwei Wochen nach Malta gereist. Um zu schauen. Sich selbst ein Bild zu machen, von der Arbeit der Organisation Seawatch, von den voll besetzten Hilfsschiffen, die nicht auslaufen dürfen. Von dem kleinen Flugzeug Moonbird, das den maltesischen Flugraum nicht mehr verlassen darf. Er schaut und er ruft. Er ruft in Videotagebüchern den Menschen in Deutschland zu, was mit den Flüchtlingen im Mittelmeer passiert. Er gibt Interviews im Fernsehen und in zahlreichen Zeitungen. Und er sagt: So kann es nicht weitergehen. Er schaut und er ruft und er betet. Mit den Helfern und den Helferinnen, für die 24 unbekannten Ertrunkenen, die auf dem Friedhof beigesetzt wurden. Er betet auf dem Friedhof, auf dem Schiff und lässt Gott keine Ruhe.
Im Video sehe ich ihn vor mir, diesen Mann, wie er auf dem Schiffsdeck steht, mit Brille, grauem Haarkranz und Bart, der so intensiv redet und wie ein kleiner Herrgott Worte schafft, die Eindruck machen, die bleiben. Ich wünsche unserer Gesellschaft mehr solche Wächter wie Manfred Rekowski.

Die noch vollständig erhaltene Jerusalemer Altstadtmauer hat eine Länge von 4018 Meter, enthält 34 Wachttürme und sieben prachtvolle historische Tore. Im Norden sind dies das Damaskustor und das Herodestor, im Westen das Jaffator, im Süden das Dungtor und das Zionstor, sowie im Osten das Löwentor und das Goldene Tor. Dieses siebte Tor, das Goldene Tor, das als einziges auf den Tempelberg führt, ist seit vielen Jahrhunderten zugemauert. Nach jüdischer Überlieferung ist durch dieses Tor Gottes Herrlichkeit und Pracht in den Tempel eingezogen, daher der Name „Goldenes Tor“. Nach christlicher Überlieferung ist Christus durch dieses Tor am Palmsonntag in die Stadt eingezogen. Der Legende nach wird es sich am Ende der Zeiten auf wundersame Weise von selbst öffnen, wenn der Friedenskönig kommt.

Seven gates of Jerusalem. Und alles klingt um mich herum. Der letzte, der siebte Satz der siebten Symphonie. Noch einmal alles.
Die zwei Orchester, drei Chöre, fünf Solisten: Magnus Dominus,
Ihr Trümmerfrauen in Syrien: Fasst Mut und packt an!
Posaunen und Pauken: et laudabilis nimis
Ihr Wächter auf dem Leuchtturm von Lampedusa: Haltet Ausschau!
Orgel und Tubaphon: in civitate Dei nostri
Ihr Journalistinnen vor den Palästen und Ministerien: Ruft uns zu, schafft Bilder!
Gong und Glocken: in monte sancte eius
Ihr Menschen überall: Entzündet Kerzen!
Ein großer Herrgott: …ipse reget nos in saecula.
Schaut, ruft, betet!
Und das goldene Tor öffnet sich.

Amen.

 

Liedvorschläge

EG 147,1.3                 Wachet auf

EG 150,1.3.6-7           Jerusalem, du hochgebaute Stadt

freiTöne 139,1.2.3.5   When you will / Wenn du willst

freiTöne 169               We shall overcome

Perikope
05.08.2018
62,6-12

Gebet und Gerechtigkeit – Predigt zu Jesaja 62,6-12 von Christoph Hildebrandt-Ayasse

Gebet und Gerechtigkeit – Predigt zu Jesaja 62,6-12 von Christoph Hildebrandt-Ayasse
62, 6-12

Jesaja 62, 6-12

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,

lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! Der Herr hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den Herrn rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des Herrn«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

 

O Jerusalem – ach, liebe Gemeinde,

es gibt wohl keine Stadt auf der ganzen Welt, die, wie sie, so viele Emotionen hervorruft. Jerusalem, die Heilige Stadt für Juden, Christen und Muslime ist eine Stadt voller Gegensätze; eine Stadt voller Geschichte. Wenn die Steine Jerusalems erzählen könnten, dann nähmen die Geschichten kein Ende: Geschichten aus der Zeit des Melchizedek, des Priester des Höchsten Gottes in der Stadt Salem, der den Abraham Willkommen hieß. Geschichten von David und Salomo, einem ersten und einem zweiten Tempel. Geschichten über die Römer und Jesus, über Byzantiner, Kreuzfahrer und Osmanen. Geschichten von Briten, Arabern, Jordaniern und Zionisten, Israelis und Palästinensern, Armeniern, Drusen, Äthiopiern, Russen, Europäern, Kopten und viele anderen. Und je nachdem von welcher Seite man einen Stein in Jerusalem anspricht, wird er seine Geschichte aus verschiedener Perspektive erzählen. Und während eine Geschichte von der einen Seite wie ein Sieg klingt, hört man auf der anderen von einer Niederlage. Hört man hier von Heimkehr, dann dort von Vertreibung. Hier von Hoffnung, dort von Resignation. Geschichten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mischen sich auch in den Worten des Propheten, der mit den Israeliten aus dem Exil in Babylon nach Jerusalem zurückkehrt. Die Stadt Jerusalem mit seinem Tempel ist damals ein Schutthaufen. Fast kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Die stolzen, starken Mauern, die sie einst umgaben und schützten, sind geschleift worden. Ihr Verlauf lässt sich im Verlauf von Steinhügeln gerade noch ausmachen.

So muss man sich das wohl vorstellen. Und es ist wohl unschwer, sich vor zustellen, was das für die Heimkehrenden bedeutete. Angesichts der Trümmer wird manches: Wir kehren endlich wieder nachhause! in ein resignatives: Das war’s dann wohl endgültig mit mir und meiner Familie! umgeschlagen sein. Es war alles viel schlimmer, als man es sich vorgestellt hatte.

Und ich denke an die Menschen, die sich zum Teil wieder aufmachen Richtung alter Heimat Syrien. Die Geflohenen, Vertriebenen, Verschleppten; an die Christen unter ihnen, die wieder zurück wollen, die wieder aufbauen wollen, ihre Häuser, ihre Kirchen, ihre Moscheen.

Der Prophet Jesaja, der damals mit seinen Leuten zurückkehrte, weiß, dass jetzt viele und schwere Aufbauarbeiten zu leisten sind. Aber es sind nicht nur harte körperliche Arbeiten und Entbehrungen, die es zu meistern gilt. Es müssen auch die Seelen und die Herzen und der Mut auferbaut und gestärkt werden.

Das erste, was Jesaja zum Wiederaufbau der Stadt Jerusalems plant, ist ein Gebetsdienst. Rund um die Uhr, 24 Stunden, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung sollen Wächter, so nennt Jesaja diese Beter, öffentlich auf den Mauerresten der Stadt stehend laut beten. Sie sollen die Rückkehrer daran erinnern, dass sie eine Zukunft vor sich haben; vor allem sollen sie Gott daran erinnern, dass er eine andere, bessere Zukunft für diese Stadt und seine Bewohner in Aussicht gestellt hat. Das Gebet für diese Aussicht soll Mut machen.

Hoffentlich finden die Geflohenen, die gegenwärtig in ihre zerstörte Heimat zurückkehren, viele solcher Beter wie damals die Heimkehrer bei Jesaja; und hoffentlich gehören wir zu diesen Betern, die Fürbitte halten.

Wir denken ja oft, beten sei etwas ganz Passives. Was hilft es schon, wenn wir hier für die dort beten? Aber wenn das „Beten ein Reden des Herzens mit Gott“ ist, wie es der Württembergische Reformator Brenz sagt, dann gehen uns die Menschen, die wir vor Gott bringen, selber zu Herzen. Und was uns zu Herzen geht, das wird auch zur Tat. Das bewegt uns. Darum kümmern wir uns.

Jochen Klepper hat dies so gedichtet: „Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat.“ Sie finden diesen Vers in Kleppers Lied: „Der Tag ist seiner Höhe nah“ in unserem Gesangbuch.

Das Gebet führt uns zu Fragen nach der Gerechtigkeit. Darauf weist Jesaja hin. Im wiederaufgebauten Jerusalem und seinem Umland, so hat es Gott geschworen, wird es gerecht zu gehen. Niemand wird um den Ertrag seiner Arbeit betrogen. Niemandem wird einfach weggenommen, was er erwirtschaftet hat.

Das ist ein großes Thema in unserer Welt. Ja, und es ist auch heute ein Thema in Jerusalem und seinem Umland. Vor illegalen Siedlungen in palästinensischen Gebieten dürfen wir nicht fromm die Augen schließen. Aber, und das ist uns viel näher, wir müssen uns auch fragen, wie wir es denn beim täglichen Einkauf mit der Gerechtigkeit halten: unser billiges Gemüse und unser so sehr preiswertes Obst wird von Geflohenen unter unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen in Spanien und Italien geerntet. Es ist schon erstaunlich, dass schon bei Jesaja damals so moderne Probleme und Fragen der Ernährungsgerechtigkeit und des land grabbing aufgegriffen und auf die Tagesordnung gesetzt werden. Wozu das Gebet doch alles führen kann!

Erst nachdem Jesaja das Gebet zur Stärkung der Heimkehrenden organisiert hat und erst nachdem er Fragen der Gerechtigkeit angemahnt hat, beginnt nach seiner Planung der Aufbau der Stadt Jerusalem.

Erst jetzt heißt es: Geht ein durch die Tore! Erst jetzt betritt man die Stadt Jerusalem oder das, was von ihr übrig blieb. Durch zerfallene Tore geht es. Trümmer liegen im Weg. Man kommt kaum voran. Geht und räumt die Steine aus dem Weg, ordnet Jesaja an. Und ich komme nicht umhin, an das zu denken, was mir Frauen erzählt haben, die Trümmerfrauen von damals, als sie die Trümmer und die Steine aus den Straßen ihrer zerbombten Stadt geräumt haben in den 40er Jahren in Deutschland.

Und damit kommt auch die Zeit der Naziherrschaft in den Blick, die den heutigen Sonntag leider auch mitbestimmt. Der heutige Sonntag ist der Israelsonntag. Es ist der Sonntag, an dem wir Christen in Deutschland uns dankbar daran erinnern, dass wir als Nichtjuden in die Heilsgeschichte Gottes mit seinem jüdischen Volk mit aufgenommen sind. Als Juden und Christen sind wir gemeinsam unterwegs. Dabei haben Juden das Alte Testament im Gepäck; wir Christen das Alte und das Neue Testament, denn unser Herr und Heiland Jesus Christus ist Jude. Biblisch gesprochen sind Juden und Jüdinnen unsere Brüder und Schwestern im Glauben. Was eigentlich eine Bereicherung des christlichen Glaubens sein konnte, nämlich der reiche Glaubensschatz der Juden, wurde von uns Christen aber gering geschätzt und als überholt verachtet. Wir Christen haben über Jahrhunderte Juden verfolgt und ermordet. Der Antisemitismus konnte daran anknüpfen und dies ausnutzen. Ganz unvorstellbar grässlich wurden Menschen jüdischen Glaubens in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus verfolgt und ermordet.  

Früher hat man am Israelsonntag in den christlichen Gottesdienstes der Zerstörung der Stadt Jerusalems gedacht nach dem Motto: an dem schlimmen Schicksal Jerusalems zeigt sich das Schicksal des Judentums. Also Christenmensch: Hüte dich vor Gottes Gericht!  Jerusalem und das Judentum wurden hier ausschließlich negativ gesehen.

Aber am heutigen Sonntag sehen wir wieder den Reichtum des Alten Testamentes. Jesaja fordert uns dazu auf, den Reichtum des Gebets wieder zu entdecken. Er ruft uns dazu auf, uns darum zu sorgen, dass es gerecht in unserer Welt zugeht. Er ermutigt uns, Steine aus dem Weg zu räumen; Steine, die verhindern, dass Menschen ihren Weg finden; ihren Weg in eine neue oder alte Heimat.

Die Stadt Jerusalem wird einmal als positives Zeichen für alle Völker dastehen, sagt Jesaja. Ich kann das jetzt noch nicht sehen. Mir haben die Steine in Jerusalem schon zu viele unterschiedliche Geschichten erzählt; und die Menschen, die ich in Jerusalem traf, auch.

Jesaja verspricht: „und dich, Jerusalem, wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«“. Und ich denke manchmal: Ach, Jerusalem, wärest du doch nicht die ständig Gesuchte, jährlich von etwa 3 Millionen Touristen „Besuchte“ und „nicht mehr verlassene Stadt“, sondern die von Touristen, Politikern und selbsternannten Nahost-Experten einfach nur „in Ruhe gelassene Stadt“. Aber das sind meine Gedanken. Was aber ist mein Gebet für Jerusalem?

Amen

 

Perikope
05.08.2018
62, 6-12

‚O Jerusalem. O Al-Quds‘ – Predigt über Jesaja 62, (1) 6-12 von Jochen Riepe

‚O Jerusalem. O Al-Quds‘ – Predigt über Jesaja 62, (1) 6-12 von Jochen Riepe
62, 6-12

                       

                                        I

Wie beruhigend ist es, wenn wir von einem Menschen sagen können: ‚Er ist ehrlich. Man kann sich auf ihn verlassen‘. Wie schlechterdings ‚heil‘-bringend aber ist es, wenn wir sagen, loben und jubeln dürfen: Gott ist klar. Gott ist treu. Alle Welt wird ihn sehen, ‚den Glanz seiner Gerechtigkeit‘.

                                       II

‚Einer war über die Erde gegangen und hatte Schwefel gesät‘.[1] Reise nach Jerusalem. Als die Touristen den Bus verlassen, liegt die Stadt vor ihnen – in einem unwirklichen, ‚schwefligen Unheilslicht‘ … so als drohe eine Gefahr. Jerusalem. Lebensraum von Israelis und Palästinensern. Ort großer Erwartungen und großer Befürchtungen, vollbeschrieben, ‚vollgetankt‘ mit Religion, Ideologie und Politik. Geballte, explosive Heiligkeit. Klagemauer. Al-Aqsa-Moschee. Grabeskirche.

Ein gelbliches, unheimliches Licht. War es der Chamsin, der heiße, trockene Wüstenwind, der die Stadt ‚immer wieder in seinen gelben Dunst hüllt und das Gemüt auch, der Idiotenwind, der einen Schweif von Verrücktheit nach sich zieht‘[2]? So als drohe eine Gefahr…

                                         III

Jerusalem. Gottes Stadt. Sein Tempel. Ein Ort im Zwielicht von Erwählung und Gericht, von Unverletzlichkeitsphantasien (Jer 7,10) und realer Zerstörung. Ein schriftgelehrter Prophet aus der nachexilischen Zeit spricht es aus: Das Leiden an der Stadt, das Leiden an Gott. ‚Lasst dem Herrn keine Ruhe, bis er es wieder aufrichte …‘ Auch wenn es weh tut, und die Wächter auf den Mauern heiser werden: Niemals mögen sie schweigen, bis Gott sein Versprechen wahrmacht, und sein ‚Glanz‘ die ‚Stadtfrau Zion‘ wieder einhüllt.

Wir wissen: Der Prophet schreibt solches in den Trümmern der nur schleppend wieder aufgebauten Stadt. Die Perser haben die Babylonier als Besatzungsmacht abgelöst, eine Gruppe Deportierter kam aus dem Exil zurück und fand kein – ‚leeres Land‘ (vgl. Jer 32,43) vor. Ganz neue Fragen stellten sich: Wird es ein Zusammenleben, einen Ausgleich zwischen Daheimgebliebenen, Neuansiedlern und Rückkehrern aus dem Exil geben? Wird neuer Zusammenhalt wachsen, oder wird das Land an den Gegensätzen zwischen Arm und Reich zugrunde gehen? Wem gehört der Boden, und wem gehören die Verheißungen an die ‚Tochter Zion‘? Und immer wieder: Hat Gott uns ‚vergessen‘(Jes 49,15) und ‚verlassen‘ (54,7)? Wo ist er, der doch Zion einst zu seinem Wohnsitz erwählt hatte?

                                          IV

Gottes Propheten sind keine Ideologen. Die würden jetzt die alten Parolen, die alten Ansprüche, die bekannten Vorwürfe, wiederholen – je nachdem, welcher Schicht oder Gruppe sie selbst entstammen oder wessen Interessen sie vertreten. Opfer. Täter. Schuldige. Unschuldige. Resignation, Trauer, vage Hoffnungen auf Wiederherstellung dessen, was war. Der anonyme Autor (oder: die Autoren) des 3. Jesaja-Buches aber wird sehr konkret, als müssten seine Hörer im ‚gelben Dunst‘ der Gefühle sozusagen in Realitätskontakt kommen und endlich wahrnehmen ‚was Sache ist‘.

Unter dem Druck der neuen Herrscher, ihrer Wirtschafts- und Steuerpolitik,[3] haben sich viele Kleinbauern verschuldet und mussten ihr Land verpfänden (vgl. Neh 5,1-11), gar ihre Kinder in die Schuldknechtschaft verkaufen an aristokratische Grundherren, ja, an die Ihren! Die eh kläglichen Erträge fließen an reiche Landsleute. Die Bauern säen, aber sie ernten nicht. ‚Das muss‘, sagt der Prophet, ‚aufhören, soll es irgendeine Zukunft geben‘. Er überbringt Gottes Wort. Gottes Schwur: ‚die, die das Korn einsammeln, sollen es auch essen‘. Dieser Eid auf das ‚Lebens-Recht‘ der Armen, dass die ‚Gebundenen‘ ‚frei und ledig‘(Jes 61,1) sein sollen, ragt darum wie ein ‚scharfes Schwert‘(Jes 49,2), wie ein aufrüttelnder ‚Realitäts-Fels‘ aus dem mahnenden und tröstenden Text heraus.

Bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz‘(62,1), ja, auch in der Steuer- und Abgabenpolitik. Nicht nur ‚Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit‘ (K. Schumacher).

                                         V

Chamsin, der Wüstenwind. ‚Einer war über die Erde gegangen und hatte Schwefel gesät‘. Auch wenn wir geographisch weit weg sind, die Stadt Jerusalem ist uns nahe von Kindheit an, und der Konflikt, ja, die mitunter unerbittliche Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern, dieses ‚Schwefel-Licht‘ einer immer drohenden Gefahr, ist uns aus Medien-Bildern und –berichten oder aus eigenen Reisen vertraut. Wo steht Gott? Was soll sein Prediger zu den so verschiedenen Ansprüchen, Narrativen und fanatischen Parolen sagen?

Er muss zunächst hören. ‚Die Israelis verweigern sich der Realität‘[4], behauptet Ali Qleibo, ein in Jerusalem lebender palästinensischer Künstler, dessen Familie dort seit Generationen verwurzelt ist. ‚Wir sind nur geduldet‘, Bürger zweiter Klasse, ‚und unsere Kultur, unsere Sprache, unsere Rechte werden nicht anerkannt‘. Er spricht aber auch von der ‚Realitätsverweigerung‘ seines eigenen Volkes, von einer schier unüberwindlichen Selbsttäuschung oder Ignoranz: ‚Es gibt viel mehr Koexistenz, als irgendwer zugeben möchte‘, und junge Juden und Araber seien in ihrem Lebensstil fast ununterscheidbar geworden. Als Leser schreckt man geradezu auf, wenn er schließlich, ja, ‘prophetisch‘ scharf und anstößig, sagt, ‚was Sache ist‘: ‚Israel sollte die Stadt vollumfassend annektieren … dann würden die Menschen in Ostjerusalem die gleichen Bürgerrechte bekommen‘.

                                         VI

O Jerusalem. O Al Quds. ‚Ein Schweif von Verrücktheit‘. Nimmer mögen die Wächter schweigen, bis Gottes Glanz, bis die ‚Klarheit des Herrn‘(Lk 2,9) und seine ‚ewige Treue‘(Ps 146,6) sich an der Stadt erwiesen haben.

Der unbekannte Prophet in den Trümmern von Jerusalem stellt in den Mittelpunkt seiner Verkündigung ein Wort, das als schöne Parole oder Programm altbekannt ist: ‘Gerechtigkeit. Der Glanz der Gerechtigkeit‘. Ausgleich zwischen den Zerstrittenen, ein Zusammenleben, das das ‚Existenzrecht‘ des anderen anerkennt und eine rechtliche Ordnung findet, in der das Gemeinsame und Verbindende stärker wiegt als das Trennende.

Aber eben: So wie der Prophet damals seine Hörer und Leser, insbesondere die ‚Eliten‘ des Volkes, zu einer realitätsgerechten Haltung gerade in Dingen der Steuerpolitik und der Schuldknechtschaft anleitet, so muss auch heute so etwas wie ein aufrüttelnder Realitätsschock in das Selbstbild der Völker eingehen und es verändern. Gerechtigkeit. Viele Araber werden sich diesen ‚Felsen‘ buchstäblich erarbeiten müssen: Die Juden sind da. Israel existiert, und es gibt keinen Frieden, solange wir dies verleugnen, verdrängen… Und umgekehrt: Der Staat Israel, einzige, wenn auch ‚unvollständige‘, Demokratie in einer autoritären oder diktatorischen Umwelt, sollte seinem eigenen Anspruch gemäß es ‚einräumen‘: Bürgerrechte, Besitzrechte, das Recht auf politische Teilhabe, all dies gilt auch für die Palästinenser im Lande. Die verwickelte Gewaltgeschichte beider Völker braucht ein Ende, sie braucht sozusagen diesen Satz: ‚So ist es‘.

                                       VII

Viele waren empört, andere gaben zu bedenken: Die Entscheidung der amerikanischen Administration, einen alten Kongressbeschluss (1995) umzusetzen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, könnte ein solches ‚So ist es‘ enthalten, provozierend, verstörend, öffnend ,weiterführend‘[5]. Wurde ein Tor zum Frieden oder zu neuer Gewalt aufgestoßen?

Räumt die Steine weg‘, ruft der Prophet. Die Älteren erinnern sich, wie schwer es auch für uns Deutsche war, in einer verfahrenen Situation, sozusagen im ‚Schwefel-Licht‘ des ‚Unheilswindes‘, der alles verunklart, irgendwo ein Loch, einen Ausgang zu finden, durch den ein klarer Himmel sieht. Der Kniefall Willy Brandts in Polen 1970 war wohl solch eine den Himmel und die Herzen öffnende Geste, eine Bitte um Verzeihung, die eine schmerzliche, aufwühlende Trauer- und Versöhnungsarbeit initiierte. Anerkennung der unumkehrbaren Realitäten, die eine Unheilsgeschichte hervorgebracht hat.

Ähnliches meint auch Ali Qleibo: ‚Die Palästinenser müssten zugeben, einem …unrealistischen Traum nachgehangen zu haben‘. Das tut weh. Und man bewundert Qleibos Mut, wenn er seine Landsleute mahnt, ihre Kräfte nicht im Krieg gegen Israel zu verbrauchen, sondern für ihre Bürgerrechte in Israel zu kämpfen, für die Anerkennung ihrer Geschichte und ihrer Kultur, für ihre Häuser und Grundstücke in Jerusalem. Wie viele steinharte Hassmails, wie viel ‚heiligen Zorn‘ wird er wohl ertragen müssen?

                                        VIII

Lasst dem Herrn keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte‘, bis die Stadt ihrem (einem ihrer) Namen entspricht: ‚Schauung des Friedens‘(Philo). Israelis und Palästinenser brauchen unser Zuhören, ein ‚Weinen‘ in der Nachfolge Jesu (Lk 19,41), indem wir mit den Wächtern Gott in den Ohren liegen und Fürbitte für beide Völker halten. ‘O Jerusalem‘. Möge doch Er sich erbitten lassen!

Nach dem Chamsin, nach dem ‚Idiotenwind‘, kommt der Frühlingsregen. Sehnsüchtig erwartet von allen. Er ‚feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen‘ (Jes 55,10). Der Regen klärt die Luft und ab und an wird die ‚Stadtfrau Zion‘ im Glanz der Gottesgerechtigkeit leuchten, wenn ein jeder sein Brot isst und seinen Wein ‚guten Mutes‘ (Koh 9,7) trinkt. Dann ist die Stadt ‚ein Zeichen auch für die Völker‘.

Gott ist klar. Er erfüllt nicht ‚alle unsere Wünsche‘, wie D. Bonhoeffer schrieb, ‚aber alle seine Verheißungen, das heißt. er bleibt der Herr …‘

 

 

[1] W. Büscher , Ein Frühling in Jerusalem, 2014 , S.11   

[2] W. Büscher , Ein Frühling in Jerusalem, 2014 , S.11   

[3] s. H. Kippenberg , Die vorderasiatischen Erlösungsreligionen, 1991, S.131ff

[4] SZ vom 13.12.2017 (‚Sie wollen nur das Land‘ . Interview mit Ali Qleibo) 

[5] z.B. der Historiker M. Wolffsohn :‘Jerusalem - auch eine Chance‘  (Juedische-Allgemeine.de  /14.12.2017).

 

Perikope
05.08.2018
62, 6-12

Die Wahrheit Gottes in Knechtsgestalt - Predigt zu Jesaja 50, 4-9 von Friedrich Hauschildt

Die Wahrheit Gottes in Knechtsgestalt - Predigt zu Jesaja 50, 4-9 von Friedrich Hauschildt
50,4-9

Worte aus weiter Ferne sind es, die mit dem eben verlesenen Text an unser Ohr kommen. Wer spricht da als eine unbekannte Stimme aus grauer Vorzeit? Zweieinhalb Jahrtausende trennen uns von dieser Gestalt. Ihre Lebensumstände können wir uns kaum vorstellen. Wir können uns auch beim ersten Hören keinen rechten Reim darauf machen, was diese Worte bedeuten und uns vielleicht sagen könnten. Aber in uns steigt eine Ahnung auf, dass sich in diesem Ruf aus der Ferne etwas Wichtiges, etwas für uns Bedeutungsvolles erschließen könnte, in den eigentümlichen Worten dieses geheimnisvollen Ich.

Schauen wir uns die wichtigsten Züge an, mit denen sich diese Person uns in ihren Worten präsentiert.

I. Kommunikation  - „mit den Müden reden zu rechter Zeit“

Da ist als Erstes:  Dieses geheimnisvolle Ich stellt sich uns ganz unspektakulär vor als eines, das kommuniziert, das redet und zuhört. Redet – aber nicht mit einer andere überbietenden, auf Macht und Einfluss bedachten lauten Stimme, sondern: es spricht einfühlsam mit Müden, mit Bedürftigen, es ermuntert und tröstet. Bei solchem Reden, bei dem nicht der objektive Inhalt allein im Mittelpunkt steht, sondern der andere Mensch, seine Lage, seine Bedürftigkeit, ist es wichtig, zum richtigen Zeitpunkt das richtige Wort zu finden, geschenkt zu bekommen. Es kommt nicht allein auf den Inhalt der Worte an, sondern zugleich auf den richtigen Zeitpunkt.  Reden dieser Art ist sensibel dafür, was gerade jetzt „dran ist“. Und dieses Reden hat eine besondere Eigenart:  es kommt nicht aus dem Willen zur Selbstdarstellung des Redenden, es kommt vielmehr aus dem Hören auf den anderen, den anderen Menschen. Aber mehr noch. Bei diesem Hören ist eine besondere Perspektive mit im Spiel: er hört wie „Jünger hören“.  Gott – so sagt er – habe ihm „das Ohr geweckt“, ihn zu einem Hörenden gemacht. Er hört auf den bedürftigen Menschen in der Dimension schlechthinniger Wahrheit, einer Wahrheit, die wir nicht machen, über die wir nicht verfügen, sondern die uns aufleuchtet und dann Herz und Sinn öffnet. So sieht er den anderen in seiner konkreten Situation zugleich als Gottes Kind.

II. Die Wahrheit löst Widerstand aus

Und ein zweiter Zug: Diese geheimnisvolle Gestalt hat mit ihrem Reden und Verhalten keinen Erfolg, im Gegenteil, sie löst Widerstände aus, sie wird offensichtlich sogar geschlagen, gedemütigt, bespuckt. Warum, fragen wir, hat ihr Auftreten provozierend gewirkt? Wir bekommen keine Antwort. Wir kennen die Gründe nicht, nur: Diese Person wird nicht verstanden, sie weckt Widerspruch. Vielleicht wegen ihrer Ehrlichkeit, ihrer mangelnden Anpassung an das, was „man so tut“? Wahrheit findet nicht immer Zustimmung, sie trifft nicht selten auf Abwehr, ja sogar immer wieder auf gewalttätigen Widerstand bei machtbesessenen Herrschern und verblendeten Massen. Das Wort der Wahrheit erweist sich oft als schwach. Die Öffentlichkeit, die allgemeine Stimmung übertönen diese leisen Stimmen. Zuhören, verstehen, sich solidarisch einfühlen – diese Haltung kommt im allgemeinen Lärm in ihrer heilenden Wahrheitskraft nicht zur Geltung, sie wird, wenn nicht mit Gewalt beantwortet, so doch zu oft verächtlich abgetan oder totgeschwiegen.

 

III.. „den Rücken hinhalten“

Und wie – das ist der dritte Zug – reagiert diese Gestalt darauf, die mit Müden einfühlsam redet und dafür geschlagen wird?  Sie scheint sich nicht zu wehren oder gar mit gleicher Münze heimzuzahlen, sie weicht aber auch der Schmähung nicht leisetreterisch aus, sie entzieht sich der Konfrontation nicht, sie geht ihren Weg unbeirrt, sie geht ihn „gehorsam“, so heißt es. Sie bleibt dem, was sie als Wahrheit, als ihren Auftrag erkannt hat, treu, auch wenn das bedeutet, sich schlagen zu lassen. Das könnte resignativ, wie aufgeben wirken. Warum wehrt sie sich nicht? In Wahrheit erfordert der Weg, den diese geheimnisvolle Gestalt geht, viel Kraft und Mut und große innere Stärke. Sie nimmt das Leiden, das ihr zu Unrecht aufgebürdet wird, um der Wahrheit willen auf sich. Eine Wahrheit, die nicht mit Macht auftrumpft, sondern sich zu beugen scheint.

 

 IV. am Vertrauen festhalten

Wie ist das möglich? Woher kommt die dafür notwendige Kraft? Diese Gestalt wird – und das ist ihr viertes Charakteristikum – von einem unerklärlichen Vertrauen getragen: „Ich gehe nicht zugrunde, Gott hilft mir, er wird mich gerecht sprechen“. Wie diese Hilfe konkret aussieht, in welcher Form und wann sie Realität wird, all das wissen wir nicht. Das in diesem Text sprechende Ich weiß es auch nicht. Aber es ist gewiss: sein Weg ist in Wahrheit richtig und gut. Und allein diese Gewissheit ist schon so etwas wie ein Lichtblick, wie ein Lichtschein aus einer anderen Welt.

 

 V..  Das Gottesknechtslied erschließt uns das Geschick Jesu.

Ein erstaunlicher Text, ein bewegendes Zeugnis, eine beeindruckende Gewissheit und Unbeirrbarkeit. Von solchen Texten finden sich im Buch des Propheten Jesaja noch drei weitere.  Gottesknechtslieder werden sie genannt.

Die Christenheit hat diese merkwürdigen Texte, die Gottesknechtslieder aufgenommen, sich in sie hineingedacht, um sich mit ihrer Hilfe das schwer verstehbare Geschick des Jesus von Nazareth klar zu machen. Hat er nicht Ähnlichkeit mit dieser Gestalt?

Er wusste mit den Belasteten und Ausgegrenzten zur rechten Zeit zu reden.

Er zog sich immer wieder zum Gebet zurück, hörte auf den Vater und redete mit ihm: noch am Kreuz wird er mit Gott im Gespräch bleiben, dem Mitgekreuzigten einen Weg eröffnen, Gott um Vergebung gegenüber seinen Widersachern bitten.

Er hat im übertragenen und im wörtlichen Sinn seinen Rücken hingehalten, die Schmähungen ertragen, ohne zu verhärten.

Und er hat noch in der Klage der unbegreiflichen Gottverlassenheit am Vertrauen auf Gott festgehalten und zuletzt seinen Geist in Gottes Hände befohlen.

 

Das alte Lied aus dem Buch des Propheten Jesaja wirft ein deutendes Licht auf jene Ereignisse, derer wir in der vor uns liegenden Woche gedenken. Am Beginn dieser Woche begegnet uns dieser alte Text als Anleitung zum Verstehen, als Hilfe zu einer uns ergreifenden Deutung.  In dieser geheimnisvollen Gestalt aus dem Jesajabuch erkennen wir so etwas wie eine Vorgestalt Jesu von Nazareth.

 

VI. Anwendung auf uns

Aber mehr noch. Diese Geschichte geht weiter, reißt einen weiten Horizont auf.

Wenn wir uns an die Gestalt und das Geschick Jesu erinnern und uns dabei von der Gestalt des Gottesknechtes helfen lassen, geht es nicht nur um Menschen, die vor langer Zeit auf der Erde lebten, die wir vielleicht bewundern. Indem wir uns an Jesus erinnern, uns seinen Lebensweg vergegenwärtigen, leuchtet vor unsrem geistigen Auge ein Lebensmodell auf, in dem wir uns selbst begreifen können. Vor uns steht die Möglichkeit, uns selbst von diesem Modell bestimmen zu lassen. „Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach“, haben wir gesungen. 

Zuhören, mit Müden zur rechten Zeit reden, sie ermutigen, sich den „geringsten Brüdern und Schwestern“ (Mt. 25) um Seinetwillen zuwenden, möglicherweise Unverständnis, Kritik und Verachtung dafür in Kauf nehmen und trotzdem daran festhalten, dass dieser Weg Gottes Wille ist: das ist ein Lebensmodell, das in Jesus von Nazareth Gott selbst für sich angenommen hat, ein Lebensmodell, das schon das unbekannte Ich aus dem Jesajabuch uns vor Augen hält. Ein Lebensmodell, in dem unser Leben Halt und Tiefe gewinnen kann.

„Erscheine mir zum Schilde, zum Trost“ und „laß mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot“ (EG 85, 10), so hat Paul Gerhard einst gedichtet. In dem Lebensmodell des Gottesknechtes, in der Gestalt des leidenden Jesus von Nazareth hat er – erstaunlicherweise – Trost erblickt. Die vor uns liegende Woche lässt uns den Weg Jesu wieder miterleben: letztes Abendmahl, Verrat, Verleugnung, Gethsemane, Gefangennahme, Verurteilung, Geißelung, Kreuzigung.

 

VII. Ist dieses Lebensmodell wirklich für uns geeignet?  

Erfahren wir die tröstende Kraft dieses Lebensmodells? Oder erscheint es uns eher fremd, vielleicht zu idealistisch, unrealisierbar -  aber doch auch irgendwie anziehend? Wer wollte nicht zustimmen: ja, so müsste es eigentlich sein. Ein Lebensmodell, das in unserer Welt, angesichts der Themen und Bilder, die unsere Tagesordnung bestimmen, weit weg erscheint, zweieinhalbtausend Jahre und noch mehr. Das unerträgliche, von Menschen zu verantwortende Drama in Syrien z.B. schlägt diesem Modell ins Gesicht. Miteinander reden in Solidarität, Gegensätze geduldig aushalten, am Vertrauen auf Gottes Liebe festhalten, wie soll das in unserer Welt gehen?

Und: Gleichen Christen nicht Masochisten, wenn sie diese Geschichte in den Mittelpunkt ihres Glaubens stellen? Manchen erscheint es so. Aber es ist bei Lichte besehen nicht der Fall. Dass der christliche Glaube dem Leid nicht ausweicht, sich in der Person Jesu dem stellt, hat einen guten Sinn. Der Glaube nimmt das Leid wahr, ohne sich von ihm das Gesetz des Handelns aufzwingen zu lassen, er schaut ihm ins Auge und hilft so das Leid zu überwinden. Der christliche Glaube versenkt sich nicht masochistisch ins Elend dieser Welt, er hält vielmehr scheinbar Unvereinbares zusammen: den realistischen, unverstellten Blick in die tiefsten Abgründe der Menschenwelt und das Vertrauen, dass Gottes Liebe größer ist. Er verbindet also das von uns her gesehen Nicht-Vereinbare: ehrlichen Realismus und Vertrauen auf Gottes Liebe. Beides wird am Gottesknecht Jesus von Nazareth erkenn- und erlebbar. Es ist kein Ausweg, die Augen zu verschließen, sich das Leben schön zu reden und die Wirklichkeit zu verdrängen. Wir würden aber umgekehrt die überschwängliche Gabe des Lebens und der Liebe verachten, wenn wir angesichts der Realitäten in Verzweiflung oder fatalistische Gleichgültigkeit versänken.    

           

VIII,. „wir sind frei“

So gehen wir in die Karwoche mit wachem Sinn für das Leid im Kleinen und im Großen, wir sehen nicht weg, verleugnen nicht, was geschehen ist, haben keine Angst auch vor schmerzhafter Erinnerungskultur. Denn der Gottesknecht Jesus von Nazareth hat uns eine Tür geöffnet:

„Wir sind nicht mehr die Knechte der alten Todesmächte und ihrer Tyrannei.

Der Sohn, der es erduldet, hat uns am Kreuz entschuldet. Auch wir sind Söhne (und Töchter) und sind frei.“ (EG 94, 5 Kurt Ihlenfeld).    

 

Der Teufelskreis von Schicksal und Schuld wird nicht mit Gewalt, mit auftrumpfender Macht durchbrochen. Wer in dieser Woche das Geschick Jesu von Nazareths auf sich wirken lässt, der wird mit Erscheinungen konfrontiert, die wir aus unserer Wirklichkeit kennen: Verrat, Verleugnung, Unrecht und Gewalt. In der geheimnisvollen Gestalt aus dem Jesajabuch kündigt sich etwas an, was uns an Jesus von Nazareth zur Gewissheit wird: die „Tyrannei der Todesmächte“ ist überwunden. Gott selbst wird neue Freiheit und neues Leben schenken, noch verborgen und doch wirklich und wahr.

 

Liedvorschläge:
EG 94 Das Kreuz ist aufgerichtet
EG 384 Lasset uns mit Jesus ziehen
EG 452 Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr

Perikope
25.03.2018
50,4-9

Mein Freund hat einen Weinberg – Predigt zu Jesaja 5,1-7 von Rainer Claus

Mein Freund hat einen Weinberg – Predigt zu Jesaja 5,1-7 von Rainer Claus
5,1-7

Eine kleine Umzugskiste muss er noch auspacken. Und das ist die Schwerste. Nicht vom Gewicht her, sie ist mit Bilder und Kleinigkeiten gefüllt. Schwer wird ihm das Herz, wenn er die Bilder sieht und die Vergangenheit noch einmal in die Hand nimmt. Eigentlich könnte er die ganze Kiste wegwerfen. Fünf Jahre seines Lebens, Erinnerungen an eine große Liebe. Aber das schmeißt Du nicht einfach so weg. Er greift in die Kiste und zieht wahllos etwas heraus. Ein Eintrittsticket. Depeche Mode in Hamburg. Dort hatten Sie sich kennengelernt, anschließend geschrieben. Tom hatte sich mächtig ins Zeug gelegt. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Als sie nach einem Jahr einen Job in Süddeutschland angeboten bekam, da zog er kurzer Hand mit. Er unterstützte sie beim Neuanfang in der Firma, obwohl er selbst einen neuen Job hatte. ER war der Kümmerer. Er war der, der die Steine aus dem Weg räumte und hielt ihr den Rücken frei. Sein Freund Mattis fragte ihn einmal, warum er soviel Herzblut in diese Beziehung investierte, mehr als für ihn gut war. „Ach du mit deinem BWL Studium. Meinst du Liebe muss sich immer auszahlen“, hatte er geantwortet. „Ich liebe diese Frau eben. Dann kann man nix machen.“

(Lektorin liest jeweils den Bibeltext)

Aus dem Buch des Propheten Jesaja: Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.

Das Ticket vom ersten Konzert landet im Altpapier. Genauso wie die Einladungskarte zu ihrer Hochzeit und die Fotos aus dem Toskana Urlaub. Weg damit. Es war vorbei. Irgendwann hatte er gemerkt: wenn du immer nur gibst und nichts zurückbekommst, breitet sich Leere in Dir aus. Anfangs hatte er gehofft, die Liebe wird schon noch wachsen. Sie braucht einfach Zeit. Aber in ihrem kargen Alltag fühle er sich bald alleine und die Verletzungen nahmen zu. Worte waren wie Messer.

Lektor:

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte aber er brachte schlechte.

Der Termin beim Anwalt war bitter. Er war wütend und hatte ihr alle Schlechtigkeit an den Kopf geworfen. Alles, was sich angestaut hatte. Die Geschichte einer Enttäuschung. Dabei hatte alles so gut angefangen.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Der Prophet Jesaja singt ein Lied und erzählt eine Liebesgeschichte. Mein Freund hatte einen Weinberg. Poetische Worte. Wie technisch klingt dagegen unser heutiges Wort „Beziehung“ Zur Zeit Jesajas hatte jeder sofort bei dem Stichwort „Weinberg“ eine Liebesgeschichte vor Augen. Liebe ist wie ein Weinberg, also wie ein Garten, der angelegt wird. Du kannst seine Schönheit und Fülle genießen, die saftigen Trauben. Du musst aber auch Steine wegräumen, Wege anlegen, etwas aufzubauen.  Ein schönes Bild für die Liebe.

Diese Geschichte geht nicht gut aus. Es gibt keine guten Trauben, der Weinberg bringt keine Frucht, obwohl der Winzer alles getan hat. Am Ende müssen oft Anwälte und Gerichte entscheiden über das Ende von Beziehungen. So auch im Weinberglied.

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Enttäuschte Liebe tut weh. Der Schmerz entlädt sich oft in Wut und Zorn. Was mir eben noch am Liebsten war, möchte ich kurz und klein schlagen. Der enttäuschte Liebhaber im Weinberg-Lied sagt:

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 

Eine enttäuschte Liebe. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Eine Geschichte, in der Menschen sich wiederfinden können mit ihren Verletzungen und Verwüstungen. Das passt zur beginnenden Passionszeit. Wir legen in dieser Zeit alles in Gottes Hand, was im Leben nicht wachsen konnte, was verkümmert ist, wo wir andere enttäuscht haben oder Enttäuschung mit uns tragen.

Doch das Lied geht weiter. Nimmt eine Wendung und weitet den Horizont. Hört es selbst:

Des HERRN Zebaoth Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Es geht um die Liebe Gottes zu seinem Volk. Gott ist enttäuscht, verletzt und wird zornig. Das Gottesvolk, sein Weinberg bringt keine gute Frucht, obwohl er sich unermüdlich einsetzt. Jesaja, der Prophet hat es vor Augen: Die Eliten sind korrupt und bereichern sich auf Kosten der Armen. Statt Gut-Tat, gibt es Blut-Tat. Das Volk Israel als Weinberg Gottes hat versagt. Die Menschen sind böse, gewalttätig. Statt gute Früchte zu bringen, gibt es nur bittere Trauben. Eine Gesellschaft versinkt im Unrecht. Für Jesaja gibt es keine Liebe zu Gott ohne die Liebe zum Nächsten. Was auf dem Marktplatz passiert, hängt zusammen mit dem, was im Tempel gesagt wird. Bei ihm wird die Liebe groß gedacht, wird politisch und geht über das, was zwischen zwei Menschen passiert weit hinaus. Gott will Recht und Gerechtigkeit. Das ist die Ansage des Propheten Jesaja. Wo eine Gesellschaft nicht darauf achtet, dass es allen gut geht, verkümmert das Leben. Klare Ansagen im Weinberg Gottes im achten Jahrhundert vor Christus.

Gott hat einen Weinberg, immer noch. Obwohl er ihn doch enttäuscht aufgeben wollte. Erst neulich wurde dieser Weinberg neu vermessen, kartographiert und fotografiert Ich habe die Bilder im Internet gesehen. Die Raumsonde EOS hat den Weingarten Gottes umrundet, der Planet, den wir Erde nennen. Das sind Bilder von atemberaubendere Schönheit. Vollkommenes Blau der Meere, die Wälder im satten Grün und majestätisch grau die Rücken der Berge.

Nachts leuchten die Städte dieser Welt wie funkelnde Sterne. Gott hat sich wirklich Mühe gegeben mit diesem Weinberg. Es ist genug für alle da. Der Boden ist fruchtbar und das Wasser so klar. Hier könnten sie wachsen die Trauben der Gerechtigkeit. Saftig und prall. Hier könnten sie wachsen die Trauben des Friedens. Sonnengetränkt.

Aber wer genau hinsieht, von oben, aufs Ganze gesehen, erkennt die Spuren der Verwüstung. Die Antarktis ist auf dem Rückzug. Das schimmernde Weiß verschwindet mehr und mehr. Aus dem satten Grün der Wälder werden immer mehr aschegraue Felder. Rauchschwaden so groß, dass sie selbst aus dem All zu sehen sind. Im klaren Blau der Meere treiben ganze Kontinente aus Plastik.

Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen,  und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 

Manchmal fürchte ich mich und denke dass es zu spät ist für unseren Weinberg und dass Gott, der gute Weinbergbesitzer sich aus dem Staub gemacht hat. Vielleicht konnte er es nicht mehr mitansehen, all dieses Blut, das zum Himmel schreit, all diese Zerstörung von Leben. Vielleicht hat er enttäuscht einen neuen Garten angelegt, eine neue Liebe gefunden, irgendwo in einer fernen Galaxy, was weiß ich denn schon von seiner Unendlichkeit.

Aber dann sehe ich seinen Gärtner kommen, fröhlich pfeifend, die Gießkanne in der Hand. Behutsam richtet er die geknickten Reben auf, schlägt Pflöcke ein, die die Pflanzen halten. Prüfend pflückt er eine Traube, steckt sie sich in den Mund und muss lächeln. Kommt her zu mir, sagt er, ich bin der Weinstock und ihr die Reben. Solange ihr mit mir verbunden seid, bekommt ihr neue Kraft. Er nimmt seine Gießkanne und es strömen Recht und Gerechtigkeit wie Wasser.                     

Mein Freund hat einen Weinberg, ich will das die Geschichte diesmal gut ausgeht und hole schon mal die Harke aus dem Schuppen. Nimmst du die Gießkanne. Dann sind wir schon zwei. Und wo zwei oder drei – na, ihr wisst schon… Der Umzugskarton ist leer. Vor ihm liegen zwei Stapel. Ein Haufen mit Erinnerungsstücken, von denen er sich trennen will. Die Wut ist vergangen.

Was war, soll ihn nicht mehr gefangen nehmen. Den zweiten Stapel mit Erinnerungen will er bewahren. Es gab auch gute Zeiten. Vielleicht ist das der Humus, auf dem etwas Neues wächst. Irgendwann will er  wieder lieben. Mein Freund wird einen Weinberg haben. Er wird ihn umgraben und edle Reben pflanzen. Er wird einen Turm bauen und warten. Und er wird gute Trauben bringen.

Amen

Perikope
25.02.2018
5,1-7