Freunde des Weinbergs und die Liebe des Fischers – Predigt zu Jesaja 5,1-7 von Lars Hillebold

Freunde des Weinbergs und die Liebe des Fischers – Predigt zu Jesaja 5,1-7 von Lars Hillebold
5,1-7

Eine Predigt-Cuvee

mit Jesaja 5,1-7 und Gerhard Schöne, Die Liebe des Fischers (aus: Die sieben Gaben 1992)

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?       Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

(Luther 2017)

 

[Der Liedermacher]

Im lärmenden Gedränge der Gassen Jerusalems ist er einer von vielen. Doch hörbar ist er zwischen den Mauern. Seine Stimme füllt die Gasse. Sein Klang erreicht die Masse. Die Menschen strömen zu ihm und seine Töne in ihren Ohren. Jerusalem ist seine Stadt. Hauptstadt - darüber würde es noch lange Misstöne geben. Aber so ist das: Wenn einer seine Stimme erhebt, werden auch andere lauter. Heute war die Zeit gekommen, den Tönen Taten  folgen zu lassen. Es war, als würde er mit der Melodie eine Amphore Wein öffnen. Der Duft der Trauben zieht in die Gassen. Seine Stimme fließt. Es hallt von den Stadtmauern wider. Die Menschen nehmen den Klang auf, wie trockene Erde Wasser schluckt.

Genau. Der harte Boden dieser Stadt bräuchte so viel Pflege. Manchmal ist ihm zum Weinen zu Mute, wieviel Kraft und Liebe in einen Weinberg eingebracht werden muss. All die Mühe bis ein Ertrag sichtbar wird. Vor allem bis er schmackhaft wird. Doch was bleibt einem Winzer schon übrig. Den unfruchtbaren Boden harkt er beständig mit seiner Fürsorge um. In den Berg hat er eine feste Bleibe hineingebaut. Dort lässt er sich nieder mit Geduld; und nimmt Aussicht vom Turm über seinen ganzen Berg.

Da hebt die Melodie wieder an. Nun warten die Menschen auf seine Worte. Sein Lied summen sie schon mit. Sie stoßen fast an. Gleich werden sie noch schunkeln. Es klingt schon kitschig: In den Noten hängt die Liebe. Da weicht der Kitsch: enttäuschte Liebe. Auf den ersten Blick Trauben im vollen Saft. Doch nun kommt die Botschaft: Die Trauben schmecken nicht. Sein Urteil ist vernichtend.  

[Die erste Strophe von der Liebe des Fischers]

Fische huschten unter Steine, Wolken zogen bang,

als der junge Fischer Erik heimkam mit Gesang.

Vor dem Tor im schwarzen Mantel wartete ein Mann.

`s war der Richter von dem Festland, der sprach Erik an:

`Deine Frau Luise brachte man mir in der Früh.

Sie brach die Ehe mit `nem Fremden. Schande über sie!

Nach dem Brauch der Insel wird beim ersten Sonnenschein

deine Frau vom Fels gestoßen in den Tod hinein.

 

[Ein Rechtspruch]

Das Urteil ist gefallen. Bitter. Es waren schlechte Trauben. Was für eine Enttäuschung nach all den Jahren der Pflege und des Wartens. Dann probieren. Ein erster Schluck: überrascht, unerwartet, enttäuscht. Bitter: Der Wein korkt. Sie hätten doch fast geschunkelt, als sie das Lied hörten und den Wein rochen. Doch beim ersten Tropfen im Mund und bei den ersten Worten im Ohr, hörten sie den Kehrvers: Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

 

Das Urteil über den Wein und seinen Berg ist gefallen. Da hing sein Herz dran, so wie volle Trauben am Weinstock hängen. Der Weinberg und die Lesenden sind eins. Ernten, was man sät. Da erklingt es wieder: Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Inzwischen steht es in allen Parzellen und Zeilen in rot und weiß. Es steht allen vor Augen, warum unsere Welt ausblutet. Und es weiß ein jeder, dass wir aus den fetten Höhen fallen werden. Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht? Warum hat er denn? Warum hat er? Warum? ... Der Kehrvers blendet sich aus. Nicht mehr warum, sondern wie tief werden wir fallen, mag die Frage sein.

 

Das Urteil ist gefallen.   

Bergende Mauern sind eingerissen.

Felder liegen brach. Disteln und Dornen wachsen darauf.

Nicht einmal mehr Regen fällt aus den Höhen runter.

Vom Fels gestoßen in den Tod hinein,

will ich alles wüst liegen lassen.

Ist das das Ende vom Lied?

 

[Die zweite Strophe von der Liebe des Fischers]

Erik sah dem Unglücksboten nach im Dämmerlicht.

Gott im Himmel, sei uns gnädig, Herz, zerspring mir nicht!

Als die Dörfler schliefen, stieg er in die Felsenwand

und hat mutig übern Abgrund Seil um Seil gespannt.

Hat mit Reisig, Stroh und Farnen alles dicht gemacht.

Hat am Ende noch als Polster Heu hinaufgebracht.

 

[Eine Winzerin]

In vino veritas - da war doch was. Es gibt gute und schwere Tropfen und Wahrheiten. Sie drängen danach, weitererzählt zu werden. Sonst werden Texte und Menschen sich selbst überlassen. Es ist ein Lied. Schon deshalb ist es auf Wiederholung angelegt. Wie ein guter Wein einen langen Abgang hat, so wirken auch Weinbergergüsse nachhaltig. Sie wollen gesungen werden, um zu wirken. Darum ein Liedermacher. Darum ein Rechtsspruch. Denn Urteile verändern. Daran hängt Gottes Herz: am Lied und am Recht und am Weinberg. Gedenke daran - im Februar. Denn in diesem Monat erwacht jeder Weinberg zu neuem Leben. In dieser Zeit wartet auf die Winzerin eine schwere Aufgabe. Die Reben werden geschnitten. Altes Holz aus den Rebstöcken entfernt. Neue Fruchtruten entstehen. Aus diesen werden im Laufe des Jahres neue Triebe.

 

Die einen verweilen beim Klagelied.

      Die Winzerin singt fröhlich weiter.

Altes Holz wird entfernt.

      Neues treibt aus.

Eingezäuntes geht verloren.

      Wir werden schutzloser und gerade darin glaubhaft Kirche sein.

Sichere Mauern werden uns genommen;

      damit wir reformatorisch bleiben.   

Auf ertragreichen Feldern wachsen jetzt nur noch Disteln und Dornen.

      Doch auch Esel werden von Disteln satt. Und Dornen stehen Rosen gut.

Ja, aber nicht einmal mehr Regen fällt; 

      heißt trockenen Boden unter den Füßen haben.

 

[Die dritte Strophe von der Liebe des Fischers]

Als die ersten Hähne schrien, stießen sie sogleich

seine Frau vom Fels hinunter. Himmel, fiel sie weich! 

In das Netz der Liebe fiel sie, die nicht Strafe will.

Fische spielten unter Steinen. Wolken zogen still.

                                                   

[Barrique]

Die Winzerin zog den Korken aus einer Flasche ihres Weinbergs und roch daran. Erinnerung durchströmte sie. Es war noch vor der Geburt. Da war noch keine Traube am Holz zu sehen. Schon da hatte sie es erahnt und sich gesorgt. Sie hat manches wachsen lassen, auch wilde Triebe. Jahre später war die Stunde gekommen. An dem einen Tag, als die Hähne schrieen, wusste sie, es war soweit. Und als sie das Holz anfasste, auch schmeckte, da wusste sie warum, es so gekommen war.

  

Darum goss sie den Wein ins Glas. Er breitete sich aus. Licht spiegelte sich. Sie nahm einen ersten Schluck; behutsam. Wie viel Mühe lag darin. Unsicherheit, Schmerz, Vertrauen. Was hatte sie alles umgegraben: Steine des Anstoßes. Kaum zu glauben, doch diese edle Rebe entstand. Sie nahm einen kräftigen Schluck. Er war trocken. Sie erinnerte sich: Es hatte nicht viel Regen gegeben. Der Wein schmeckte nach so vielem. Aber an einem blieb sie hängen. Er schmeckte nach Dornen. Das war kein Wein für nebenbei. Sie nahm einen zweiten Schluck. Was für ein Abgang. Dann nahm sie die Flasche und ging. Dieser Wein musste unter die Menschen. Wie ein Lied. Für uns geschrieben. Von uns gelesen. Mit euch gesungen.

 

Amen.

 

Liedvorschläge

 

Manches Holz

http://www.gottesdienststiftung.de/download/2010_sonderpreis_3_1_Manche…

 

Manches Holz

http://www.gottesdienststiftung.de/download/2010_sonderpreis_1_2_Manche…

 

Schenke mir, Gott, ein hörendes Herz freiTöne 180

 

Er ist das Brot EG 228

Perikope
25.02.2018
5,1-7

Vertrauen und Angst - Predigt zu Jesaja 7,10-14 von Christoph Dinkel

Vertrauen und Angst - Predigt zu Jesaja 7,10-14 von Christoph Dinkel
7,10-14

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche. Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel – Gott ist mit uns.

 

Liebe Gemeinde!

 

1. Angst und Vertrauen

Der König Ahas hat Angst. Die Zukunft wirkt bedrohlich. Überall wittert er Feinde und seine Berater bieten auch keinen Trost. Sie haben ebenfalls Angst. Sie verbreiten apokalyptische Szenarien und glauben selbst daran. Nur einer hat keine Angst: der Prophet Jesaja. Im Unterschied zum König und seinen Beratern ist der Prophet ein Mann des Glaubens. Dem verängstigten König verkündet er: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“. Nur wer glaubt, steht so fest, dass ihn die Ängste und Bedrohungen der Gegenwart nicht umhauen können. Gegen die Angst empfiehlt der Prophet dem König Gottvertrauen. Vertrauen ist die bessere Strategie, sie hat die größere Reichweite und den längeren Atem. Doch der König bleibt lieber bei seiner Angst. Er will in den Krieg ziehen gegen Feinde, die der Prophet für längst geschlagen hält. Die Angst und das Sicherheitsdenken verleiten den König zu militärischen Aktionen, die ganz und gar unnötig sind. Die Aktionen helfen nicht, noch nicht einmal seine Ängste wird der König damit los. Ach, der König ist noch jung. Wie soll er es auch besser wissen, denkt der Prophet. Ich will ihm helfen. Gott wird ihm ein Zeichen geben, damit er lernt zu vertrauen.

 

Das ist die Situation unseres Predigttextes, der am Ende des 8. Jahrhunderts in Jerusalem spielt. Doch die Szenen sind austauschbar. Wie viele Ängste bewegen uns in diesen Tagen? Und welche apokalyptischen Szenarien entwerfen wir und glauben dann fest daran? Und was unternehmen wir modernen Menschen nicht alles, um unsere Ängste in den Griff zu bekommen? Das fängt mit den Alarmanlagen in den Häusern an, das geht weiter mit dem Pfefferspray in der Tasche und endet bei uns damit, dass mancher bei Dunkelheit gar nicht mehr aus dem Haus geht. In den USA treiben sie es noch weiter. Aus lauter Angst vor Attentätern bewaffnen sich die Menschen massenhaft. Und weil so viele Waffen im Umlauf sind, steigt die Wahrscheinlichkeit durch Waffen umzukommen um ein Vielfaches. In den USA ist die Wahrscheinlichkeit durch Schusswaffen umzukommen fast 15 Mal höher als in Deutschland. Die Waffen schaffen nicht mehr, sondern weniger Sicherheit. Wer ständig misstraut, lebt am Ende gefährlicher. Es ist merkwürdig, dass ein vordergründig so frommes Land wie die USA so großes Misstrauen hegt. Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht, sagt der Prophet. Gottvertrauen statt Waffenkauf wäre wohl auch in diesen Fall die Strategie mit der größeren Überlebensquote.

 

(vgl. zu den Angaben: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/las-vegas-waffen-kultur-in-den-usa-in-grafiken-a-1171186.html)

 

2. Virtuelle und wirkliche Wirklichkeit

Jesaja ist ein Mann des Glaubens, aber was für einer. Glaubende gelten bei uns heute gerne als Menschen, die es mit der Wirklichkeit nicht ganz so genau nehmen. Glaubende gelten als leichtgläubig und die Leichtgläubigen werden gut bedient in unserem Land. Jeden Tag bietet die Bild-Zeitung in der Rubrik „Mystery“ Informationen zu Ufo –Landungen und anderen Phantastereien. Man vertraut auf Globuli und die Heilkraft von Steinen, auf Horoskope und asiatische Therapien. Der Prophet Jesaja ist ein Mann des Glaubens, aber gerade deshalb setzt er auf Fakten. Als Prophet hält er gar nichts von Spekulationen über die Zukunft, nichts von apokalyptischen Phantasien, sein Metier ist die politische Analyse. Er wertet Informationen über die geopolitische Lage aus und erkennt zutreffend, dass die Macht der Reiche, von denen sich der König Ahas bedroht sieht, ihren Zenit längst überschritten hat. Der Prophet sieht mehr als der König und seine Berater in ihrer Angst zu sehen vermögen. Aus der Perspektive des Propheten leben der König und seine Berater in virtuellen Angstwelten und der Prophet gibt sich alle Mühe sie wieder mit der realen Welt und den echten politischen Verhältnissen in Kontakt zu bringen. Gerade als Glaubender hält der Prophet nichts von alternativen Fakten. Er setzt auf die Macht der Wirklichkeit, auf Tatsachen, auf die bestmögliche Erkenntnis.

 

3. Der Immanuel Jesajas

Vom Faktischen, von der realen Wirklichkeit würde der Prophet den König gerne überzeugen. Aber das ist gar nicht so leicht. Dem König wird von Gott ein Zeichen angeboten, damit er zu vertrauen lernt und von seinen militärischen Fehlplanungen ablässt. Aber der König will kein Zeichen, er will nicht irritiert werden in seinem Aberglauben. Er hat es sich so schön in seiner apokalyptischen Wirklichkeit eingerichtet. Warum soll er sich da stören lassen? Der Prophet nervt, denkt der König. Doch der Prophet lässt nicht ab zu nerven. Er ist im Auftrag des Herrn unterwegs. Er will den König zwingen, der Wirklichkeit mehr zu vertrauen als seiner Angst. Und deshalb schickt Gott dem König ein Zeichen, das Zeichen des Immanuel.

 

Und jetzt müssen wir ganz tapfer sein und alles wegschieben, was die religiöse Tradition uns vielleicht einflüstert. Der Immanuel Jesajas ist ein normales Kind. Seine Mutter ist eine ganz normale Frau, entweder die Frau des Propheten oder die Frau des Königs oder noch eine andere Frau. Sie ist keine Jungfrau, wie das Wort „junge Frau“ ungenau ins Griechische übersetzt wurde und wie es in der Folge dieser Ungenauigkeit im Glaubensbekenntnis heißt. Der Immanuel Jesajas ist normal gezeugt und normal geboren und doch ist er ein Zeichen Gottes. „Gott ist mit uns“, heißt der Name „Immanuel“ übersetzt. Der Name des Kindes wird zur Botschaft an den König. Diese Art der Zeichennamen ist für den Propheten Jesaja ein bewährtes Mittel. Auch zwei seiner Kinder haben Zeichennamen: „Ein-Rest-kehrt-um“, heißt der eine, „Raubebald-Eilebeute“ der andere. Die Jungs werden sich bedankt haben für diese Namen. Pech, wenn man einen Propheten als Vater hat! Immanuel jedoch ist besser dran. Dessen Name wurde von der Mutter ausgewählt, ein Namensvorschlag der noch heute durchgeht.

 

Das Kind Immanuel wird zum Zeichen an den König. In seiner puren Faktizität, in seiner natürlichen Lebendigkeit soll das Kind den König daran erinnern, dass Gottes Wirklichkeit stärker und konkreter ist als die Angst des Königs und seiner Berater. Das ist die Idee des Propheten. Und die Idee war so zündend, dass das Matthäusevangelium bei der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel wieder den Namen „Immanuel“ nutzt: Marias Kind wird der Immanuel sein.

 

4. Der Immanuel Gottes

Warum ein Kind? Warum soll gerade ein neugeborenes Kind das Zeichen der Nähe Gottes sein? – Weil nichts so eine natürlich-bezwingende Kraft hat wie ein neugeborenes Kind. Ein Neugeborenes ist ein Wunder vor den Augen der staunenden Eltern. Ein Neugeborenes setzt einen totalen Anfang, ein neues Universum. Nie zuvor hat ein Lebewesen die Welt mit den Augen betrachtet, mit denen das Neugeborene sieht. Ein ganzer Kosmos entsteht. Für alle auch nur rudimentär religiös Musikalischen wird im Neugeborenen die Schöpfermacht Gottes erlebbar. Etwas noch nie Gedachtes tritt in die Wirklichkeit ein.

 

Die Kraft, die ein Neugeborenes ausstrahlt, spürt in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus auch der böse König Herodes. Vorsorglich lässt er der Erzählung nach gleich alle kleinen Jungen in Bethlehem ermorden. Das ist sein Kampf gegen die Wirklichkeit Gottes. Das ist sein Kampf gegen seine apokalyptischen Ängste und das große Zeichen seines Unglaubens. All die großen Mörder der Geschichte, alle Menschenschinder sind aus der Perspektive des Evangeliums Ungläubige. Sie sind der Vernichtung überlassen. Denn wer nicht glaubt, der bleibt nicht.

 

Jenen jedoch, die in Angst leben, jenen, die verzagt sind, sendet Gott als Signal der Nähe seinen Immanuel: Das Kind in der Krippe, den Heiland der Welt. Allen apokalyptischen Phantasien zum Trotz ist dieser Immanuel ein ganz reales Kind, konkret, fassbar, lebendig und leibhaftig. Gegen die Ängste der Menschen schickt Gott ein Neugeborenes, weil das Neugeborene wie nichts sonst die Lebenskraft des Schöpfers spürbar macht.

 

5. Zeichen für Gottes Kraft

So viele leben heute in apokalyptischen Ängsten: Sie fürchten sich vor islamistischem Terror, der globalen Erwärmung oder den nordkoreanischen Atomwaffen. Sie fürchten sich vor Donald Trump und seiner Unberechenbarkeit. Manche fürchten sich vor einer Flüchtlingsflut, manche die Überfremdung durch Muslime, noch andere vor Impfschäden oder Glyphosat, vor Insektensterben, Feinstaub, Stickoxid und der Digitalisierung. Zu den Apokalypsen unserer Tage zählt die Angst, der Gesellschaft gehe die Arbeit aus, oder die Furcht vor der Globalisierung. Manche haben auch Angst der VfB könnte erneut absteigen. Wir sind umgeben von Schreckensszenarien, die Gesellschaft fühlt sich im Dauerstress, sie ist permanent unter Strom und zur Aktivität bereit. Dass die Regierungsbildung in Berlin länger dauert, wird da schon zum Problem. Dabei dreht sich die Welt auch unter einer geschäftsführenden Regierung in aller Ruhe weiter.

 

Mit seinem Immanuel setzt Gott ein Zeichen des Realismus und der Ruhe inmitten unserer selbstgemachten apokalyptischen Ängste. Ein wirkliches Kind, das schreit und in die Windeln macht und gestillt werden muss, etwas ganz Reales und Natürliches wird zum Zeichen für die Nähe Gottes. Auf Gottes Schöpferkraft ist Verlass. Den menschlichen Untergangsängsten setzt Gott einen Anfang, etwas absolut Neues entgegen. Gott ist mit uns – jedes neue Menschenkind kann uns das klarmachen. Gott ist mit uns – das gilt besonders für das Kind im Stall von Bethlehem. Mit seiner Geburt fängt Gottes neue Welt an. Ihr sollten wir mehr vertrauen als unseren Ängsten. Denn nur mit Gottvertrauen können wir in all den apokalyptischen Szenarien um uns prüfen, was wirklich gefährlich und was eigentlich harmlos ist. Nur mit der Ruhe des Gottvertrauens können wir blinden Aktionismus vermeiden und erkennen, was wirklich zu tun ist.

 

Die Christenheit erkennt im Kind von Bethlehem den von Jesaja angekündigten Immanuel wieder. Er wird für uns zum Zeichen der Nähe Gottes, zur Verheißung des göttlichen Friedens auf Erden, zum Heiland der Welt. Der Immanuel Gottes ist ein Zeichen gegen unsere Furcht, ein Signal gegen die apokalyptischen Ängste, in die sich so viele verirren. Der Immanuel Gottes ist ein neugeborenes Kind in all seiner Verletzlichkeit und Kraft. An ihm erkennen wir die Macht des Schöpfergottes. Er ist für uns da. Immanuel – Gott ist mit uns. – Amen.

 

 

 

 

Perikope
24.12.2017
7,10-14

Spurensuche nach dem Kind - Predigtslam zu Jesaja 7,14 und 9,1-6 von Stephanie Höhner

Spurensuche nach dem Kind - Predigtslam zu Jesaja 7,14 und 9,1-6 von Stephanie Höhner
7,14 und 9,1-6

 

 

 

Das Volk, das im Finstern wandelt, braucht ein Zeichen.

Zeichen und Wunder geschehen,

mitten in der dunklen Nacht.

Ungefragt kommt ein Kind zur Welt,

mit Namen Immanuel.

Gott mit uns.

Gott mit dir, mit mir, mit uns.

 

 

Gott mit dir, auf dem Mittelmeer,

im dunklen Kerker,

im Krankenzimmer,

am Tisch, an dem sie alleine sitzt,

seit der Vater gegangen ist für immer.

In den Tränen über den Schmerz,

dass sie nicht mehr sein Herz berührt, sondern stecken bleibt

im Alltagstrott zwischen Kindern und Betriebsamkeit.

 

 

Immanuel

Gott mit mir, wenn ich zweifele und rufe,

wenn ich den Halt verliere und suche

nach Antworten, einem Zeichen, einer Spur,

Gott, zu dir.

 

 

Gott mit dir, auf dem Feld,

dem armen Hirten wird das Kind zum Held.

Macht es hell in seiner Welt für einen Augenblick,

dann sind die Engel fort.

Es verhallt das Wort: Fürchtet euch nicht.

Denn dann kommt sie wieder, die Angst in der Nacht,

der Schmerz um den Vater,

die Dunkelheit im Kerker,

das auf und ab auf dem Mittelmeer,

Wellen schlagen in das Boot, da nicht viel mehr

ist als eine Nussschale.

Dann kommt es wieder, das Schweigen zwischen ihr und ihm.

Dann sitzen sie nicht mehr am Krankenbett,

sie stehen am Grab und weinen sehr.

Dann ist es verloren, dann sind sie verloren zwischen Trauer und Wut.

Wo ist er da, Immanuel – Gott mit dir?

Ich sehe durch Tränen in die Welt,

strecke meine Hand aus, damit sie jemand hält

oder jemand nimmt, der es mehr braucht als ich.

Immanuel – Gott mit uns, mit dir, mit mir.

Als Kind kommt er zur Welt,

wird zum Wunder-Rat und Gott-Held.

Ist Ewig-Vater und Friede-Fürst.

 

 

Ich gehe auf Spurensuche nach dir, Immanuel,

als Wunder-Rat und Gott-Held.

Ich suche dich, Gott mit mir, mit dir, mit uns.

Wo bist du in dieser Welt?

Klein und hilflos, groß und mächtig?

Ich suche dich, nach einem Zeichen,

das Kind ist nur ein Kind und doch viel mehr,

wenn ich es richtig betrachte.

Ein Kind, ein Wunder – das ist es allemal,

ob „vom Himmel hoch“ oder in dunkler Nacht.

Ein Kind kommt und die Welt steht Kopf,

zwischen Windeln und Fläschchen,

zwischen Heu und Stroh.

Ein Kind kommt zur Welt und es sieht dich:

Auf dem Mittelmeer, im Wellen-auf-und-ab.

Im Kerker, in tiefschwarzer Nacht.

Am Grab und auf dem leeren Krankenbett.

 

 

Ich gehe auf Spurensuch nach dir, Immanuel, heute Nacht.

 

 

Immanuel – Wunder-Rat

Land-Rat, Stadt-Rat

Guter Rat ist teuer.

Wunder können sie sowieso nicht tun. Und glauben tut es auch keiner.

Rat ist immer gut, wenn er mir denn passt.

Ein Stadtrat ist auch kein Zauberer.

Er kann keine Berge versetzen, keine Anträge beschleunigen, keine Gesetze ändern.

Wunder gibt es immer wieder, aber die Zeit heilt alle Wunder, wenn du sie gut verschnürst, damit du gar nichts mehr spürst.

Denn Wunder passen nicht zum Verstand, kosten ihn höchstens.

Aber manchmal kommt es und anders als du denkst.

Dann bricht er das Schweigen und nimmt deine Hand und sagt: Lass es uns noch einmal versuchen.

Da hört sie die alte, vertraute Melodie und fühlt ein bisschen Wärme in sich ausbreiten.

Da wird stattgegeben dem Asylantrag

und der Stadtrat

kann etwas für ihn tun, eine Wohnung, einen Pass.

Dann bringen fremde Menschen Decken in den Bahnhof,

verteilen Tee und warme Blicke, halten die Hände hin und die Ohren offen.

Und die Gestrandeten können hoffen auf ein Stück Geborgenheit.

Dann wird es hell auf dem Feld in dunkler Nacht,

dann wird zerbrochen die kriegslustige Macht

und die Stimme bricht sich Bahn:

Unser Kind, Wunder-Rat.

 

 

Immanuel – Gott-Held

Super-Held

Magische Kräfte, die Flügel verleihen.

Die Landung auf dem Boden der Tatsachen ist umso härter.

Nicht jeder kann bleiben. Nicht jeder kann überhaupt gehen.

Flügel haben sie dabei selten, oft nur ein Gummiboot, mit Glück eine Schwimmweste.

Dann landen sie am Strand, wo andere Urlaub machen.

Es sind alles Helden, weil sie diese Überfahrt überlebt haben.

Für ihre Familien sind sie Helden, weil sie mutig den Weg nach Europa gehen.

Ein Weg gepflastert mit Todesangst und Lebensgefahr, mit Raub und Ausbeutung, mit kalten Nächten und dunklen Prognosen.

Super-Held-Kräfte wären hilfreich. Doch die gibt es nur auf der Leinwand.

Helden stoßen im Leben schnell an ihre Grenzen.

Gott-Held kommt an die Grenzen, an die Zäune, in die kalten und dunklen Nächte.

Gott-Held kommt als Stimme des Propheten in eine finstere Welt,

er kommt als Kind in der Krippe zu den Hirten auf das Feld.

Als heller Schein dort,

an den Ort, wo kein Licht einfällt.

Da fahren Boote über das Meer, retten die, die in Seenot sind.

Da opfern Menschen ihren Urlaub, um Wasser und Fladenbrot zu verteilen.

Da öffnen Familien ihre Häuser und geben einem jungen Mann ein neues Zuhause.

Gott-Held. Als kleiner Mensch, als großes Wort.

Als helfende Hand zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

 

 

Immanuel – Ewig-Vater

Ewig-Vater, Ewig-Mutter

Erden-Vater, Erden-Mutter, immer bereit, immer da.

Irgendwann wird es mal

zu viel und sie verlieren einander im Einerlei.

Wo ist die Liebe zwischen all dem Lametta, der Gans, der Feier

 - wann wird es einmal besser?

Wann ist wieder Zeit für den zärtlichen Blick, das einander Zuhören und sich aufeinander freuen?

Ewig bleibt die Liebe nicht von allein,

ewig aber dreht sich das Leben und mein eigenes bleibt auf der Strecke

zwischen Arbeitstag und Reihenhaushecke.

 

 

Ewig-Vater, immer da.

Als kleines Kind ist er mir nah an dunklen Tagen auf dem Feld,

im finstern Tal als starker Held.

Der Vater, der fehlt. Der gehen musste und sie hier alleine lässt.

Der eine Lücke reißt und das Weihnachtsfest

leer erscheint.

Ewig-Vater, immer da,

zwischen Lametta und Gans ist er mir nah,

am Grab und in der Erinnerung hält er meine Hand.

Als heller Schein fand er den Weg in die dunkle Ecke

und macht sie hell für einen Moment.

Ein Gefühl macht sich breit wie es früher mal war,

selbst noch Kind,

bei „Stille Nacht“ und „Fröhliche Weihnacht überall“.

 

 

Immanuel – Friede-Fürst

Sehnlich erwartet, erhofft, erfleht.

Er scheint besonders weit weg.

Fürsten mit Macht und Geld geben die Regeln vor in dieser Welt.

Wir singen von fröhlicher Weihnacht, Kind mit lockigem Haar,

Wir singen, er kommt, er ist ganz nah.

Und auch heute, an Heilig Abend kommen Kriegsstiefel mit Gedröhn daher,

werden Mäntel und Kleider in Blut getränkt,

hocken Menschen in dunklen Kerkern,

gefangen, gefoltert, erhängt.

Wann wird es sein, dass sich Fäuste öffnen und sich die Hände reichen,

dass Grenzen fallen und Panzer weichen,

dass Friede kommt und bleibt?

Klein kommt er, der Friede-Fürst,

als Kind, Immanuel, Gott mit uns,

hilflos und verletzlich,

arm und gebrechlich,

einsam und verzweifelt,

tränenvoll und gezeichnet von Leid und Schmerz.

Leise als liebes Wort, als kleine Geste und tiefen Blick.

Als fahler Strahl im dunklem Winkel,

als zartes „ich bin da“ und „bleib bei mir“,

als warme Decke unter der Brücke,

als rettendes Ufer nach langer Strecke

auf dem Meer.

Als zarter Klang „Vom Himmel hoch, da komm´ ich her.“

 

 

Wunder-Rat und Gott-Held, Ewig-Vater und Friede-Fürst,

Kind in Windeln und klare Worte,

kleines Licht und heller Schein – so wird er sein,

Immanuel – Gott mit uns, der da kommt. Zu dir, zu mir.

Und das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,

und über denen, die da wohnen im finstern Lande scheint es hell.

 

Perikope
24.12.2017
7,14 und 9,1-6

Habt Vertrauen- Predigt zu Jesaja 7,10-14 von Tanja Schmidt

Habt Vertrauen- Predigt zu Jesaja 7,10-14 von Tanja Schmidt
7,10-14

Liebe Gemeinde, der Text, über den ich in dieser heiligen Nacht predigen darf, steht im Buch des Propheten Jesaja. Die dort geschilderte Szene spielt im Jahr 733 vor Christus. Wir werden mit hinein genommen in einen Dialog zwischen, Ahas, dem König von Israel, und dem Propheten Jesaja. Der König befindet sich in einer militärischen Bedrohungslage. Jerusalem wird von feindlichen Truppen der Großmacht Assur belagert. Den König befällt daraufhin große Furcht, ihm zittert das Herz vor Angst im Leib. Er überlegt, ob er gegen die feindliche Großmacht ein Bündnis mit den Königen der Nachbarstaaten eingehen soll. Der Prophet Jesaja warnt Ahas vor diesem Bündnis und mahnt ihn zur Ruhe. „Hab Vertrauen!“ sagt er. „Zähle nicht auf die fremden Mächte, sondern allein auf Gott! Die Lage ist gar nicht so aussichtslos und er wird dir helfen.“ Aber Jesajas Worte erreichen das Herz des Königs nicht. Weiter heißt es: (Jesaja 7, 10-14)

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach:
Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe!
Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche. Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben:
Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Was für ein erstaunlicher Dialog. Hier wirbt Gott, der Ewige und Allmächtige, um das Vertrauen eines Königs. Er will ihm sogar beweisen, dass er an seiner Seite ist und bietet ihm dafür ein Zeichen seiner Gegenwart an. Es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe!

Aber Ahas schlägt diese Zeichen aus. Nicht aus Souveränität. Nein, aus Angst und Müdigkeit. Er ist nicht in der Lage, die Bedrohung durch die die Soldaten Assurs länger auszuhalten. Lieber vertraut er auf die Hilfe der Nachbarmächte, als auf Gottes Macht. Sein Herz ist verschlossen gegenüber Gottes freundlichem Angebot. Er ist gefangen in seiner Angst. Dieses mangelnde Gottvertrauen ist etwas, was vermutlich auch viele von uns kennen. Vieles im Leben trübt auch unser Vertrauen in Gott und hält unser Herz gefangen. Ich denke da zum Beispiel an uns Erwachsene in der Mitte des Lebens. Wir hetzen durch den Tag, versuchen den Beruf und die Familie unter einen Hut zu bringen. Gerade an Weihnachten sind viele von uns abgekämpft, weil sich im Beruf kurz vor Weihnachten alles ballt und wir das Fest doch gleichzeitig für unsere Lieben schön machen wollen. Müde sitzen wir dann unter dem Weihnachtbaum. Es fällt uns schwer, uns dort für Gottes Freundlichkeit zu öffnen. Bei anderen von uns ist der Schmerz am Leben einfach zu groß.  Ihr Herz hat sich gegenüber Gott verschlossen. Eine schwere Krankheit oder ein großer Verlust hat sie in eine schwere Glaubenskrise gestürzt. Manchmal höre ich solche Sätze bei meinen Besuchen: „Ich kann überhaupt nicht mehr glauben, dass es Gott gibt. Dass er es gut mit mir meint und an meiner Seite ist.“  

Und nicht zuletzt sind die Zeichen der Zeit, in der wir leben, so bedrohlich und gewalttätig. Wie da auf Gott vertrauen? Spricht nicht alles dafür, dass Gott in dieser Welt machtlos ist? Uns fehlt oft das Vertrauen in Gott. So wie dem König Ahas aus unserer Geschichte. Aber Gott bleibt hartnäckig. Auch wenn das mangelnde Vertrauen des Königs ihn müde macht. Er wirbt weiter um Ahas und er wirbt auch um uns. Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Ein Zeichen! – Gott will ein Zeichen setzen – gegen allen unseren Widerstand und Zweifel. Ein Zeichen, dass unser Herz anrühren und in uns Vertrauen wecken soll. Ein Kind soll es sein – und es soll den Namen Immanuel bekommen. Das heißt: Gott mit uns. Für uns Christen ist Jesus Christus dieser Immanuel. In Jesus Christus ist Gott selbst auf die Welt gekommen, um uns zu zeigen, dass er bei uns ist. Warum aber wählt Gott ein Kind als Zeichen seiner Gegenwart? Warum wirbt er in Gestalt eines Kindes um unser Vertrauen? Könnte es nicht ein machtvolleres Zeichen sein? Wieso kommt Gott ausgerechnet in einem kleinen, verletzlichen Kind zur Welt? Eine Antwort darauf finden wir auf dem Bild, das Sie vorne auf Ihrem Liedblatt finden. Die Künstlerin Dietlinde Assmus1 hat es gemalt. Es heißt schlicht: Weihnachten 2011. Vorne in der Mitte zieht das kleine Kind in der Krippe unsere Blicke auf sich. Mit weit offenen Armen  und einem lieben, offenem Gesicht liegt es vor uns. Es hat keine Angst vor den Menschen, ganz offen und vertrauensvoll wirkt es.  Wie viele kleine Kinder weckt es in uns die zärtlichsten Gefühle. Möchte man es nicht hochnehmen und an sich drücken? Dieses Kind hat keine Angst – es ist voller Vertrauen. Freundlich schaut es in die Welt. Und wir können gar nicht anders als uns ihm zu öffnen. Wir möchten uns zu ihm herabbeugen, es herzen. Seine zarten Hände bewundern, sein Gesichtchen streicheln. Wir möchten vor ihm auf die Knie gehen, wie die Menschen im Hintergrund des Bildes. Sie sind aus dem Dunkel ihrer Angst und Traurigkeit ans Licht dieser Krippe gekommen. Sie knien vor der Krippe. Sie müssen das nicht tun. Sie tun es freiwillig. Weil die Zartheit und Freundlichkeit dieses Kindes sie überwältigt. Dieses Kind strahlt absolute Offenheit und Vertrauen aus. Und wir können gar nicht anders, als mit Offenheit und Vertrauen zu antworten. Die dunkle Angst, die das Herz umklammert hielt, sie schwindet und macht Platz für Vertrauen. Für Gottvertrauen.

Hier, in diesem zarten Kind offenbart uns Gott sein Wohlwollen, seine Sehnsucht nach den Menschen. Er kann nicht ohne uns sein. Er streckt nach uns die Arme aus und will von uns mit Zärtlichkeit und Offenheit empfangen werden. Und er verzaubert uns so, dass wir in die Knie gehen und ihm Vertrauen schenken. Gottvertrauen, Ungetrübt. Deswegen bricht auf dem Bild unserer Künstlerin in die dunkle Nacht hinein der Himmel auf. Ein Stern geht auf, umkleidet von Rot – der Farbe der Liebe. Aus Liebe zu uns wird Gott ein Mensch. Gott will uns nahe sein, hautnah. An Weihnachten kommt Gott zu uns und bittet uns: Öffne dich für mich! Vertraue mir. Ich bin mit dir!

Davon erzählt die heilige Nacht. Erst bittet Gott Maria, dann Josef, dann die Hirten, Schließlich zeigt er sich den drei Weisen. „Vertraut mir. Lasst dieses Vertrauen durch nichts trüb werden. Es wird euer Schade nicht sein.“

Ja, vieles kann dann doch unser Vertrauen trüben, das stimmt. Nicht alles ist in unserem Leben so, wie wir es uns vorstellen oder wünschen. Längst nicht alles. Das tut weh. Der Schmerz gehört zum Leben dazu. Aber genau deswegen wird Gott ein Mensch. Um uns zu zeigen, dass er unser Leben, unsere Freuden und auch unsere Schmerzen teilt. Das Kind in der Krippe wird bald ein Mann sein. Und dann am Leben leiden. Wie wir. Er leidet unsere Schmerzen, er stirbt unseren Tod. Das ist das Geheimnis von Weihnachten: Gott liebt dich und kann ohne dich nicht sein. Kann dich nicht allein dieser Welt überlassen und schon gar nicht dem Tod. Dafür steht das Kreuz auf unserem Bild. Es ist durchdrungen von der österlichen Klarheit, die am Ende des irdischen Lebens stehen wird, wenn das Kind durch das Kreuz hindurch ganz und gar und bis zum letzten Atemzug sein Menschsein gelebt hat. Das leuchtende Kreuz auf unserem Bild zeigt: die Liebe Gottes macht nicht Halt vor der Dunkelheit der Welt. Sie will in die Dunkelheit eindringen und sie verwandeln.

Ich komme zu dir, sagt Gott an Weihnachten. Und Karfreitag geht dieser Satz weiter: Und ich bleibe bei dir! Und findet Ostern er sein vorläufiges Ende: Und du bleibst bei mir!

Lassen wir uns heute Nacht einladen von den offenen Armen des göttlichen Kindes. Es wecke in uns die Kräfte, ihm zu vertrauen – in allen Tagen und Nächten unseres Lebens. Amen

1 I Die Predigt wurde angeregt durch das Bild „Weihnachten 2011“ von Dietlinde Assmus und die begleitende Bildbetrachtung von Monika Dittmann. Veröffentlicht bei den Farbmänteln für Pfarr- und Gemeindebriefe Weihnachten 2017, Verlag Bergmoser und Höller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Perikope
24.12.2017
7,10-14

Freuen wir uns? - Predigt zu Jesaja 9,1 ff von Stephan Lorenz

Freuen wir uns? - Predigt zu Jesaja 9,1 ff von Stephan Lorenz
9,1 ff

Wenn Kinder geboren werden, ist das ein Anlass größter Freude. Da singt man Lieder. Auch ich habe nach der Geburt für jedes meiner Kinder ein Lied gesungen. „Lobe den Herrn. o meine Seele, ich will ihn loben bis in den Tod.“-für meinen Sohn. „Tochter Zions freue dich.“ – für meine Tochter.

Auch der Prophet hat Jesaja ein Lied für ein neugeborenes Kind gesungen.

Menschen, die in Finsternis gehen, sehen Licht, wer in der Todeszone wohnt, Licht erscheint über ihm. Groß machst DU unseren Jubel, groß unsere Freude, wir freuen uns vor deinem Angesicht, als ob wir das Leben gewonnen haben oder den vollen Lohn unserer Mühen ernten dürfen.  Denn das Joch unserer Quälerei, das uns den Rücken krumm macht, die Knute, die uns unbarmherzig schlug, -  zerbrochen wie ein morsches Stück Holz. Alles was in Soldatenstiefeln durch die Welt stampft mit lautem Gedröhn, die Uniformen mit Blut der Opfer getränkt, wird verbrennen. Ein Kind ist geboren, ein Sohn uns gegeben, auf seinen Schultern liegt unsere Würde. Man nennt ihn: er ist Gottes Rat, Vater unseres Sieges, Friedensbringer.

Für welches Kind Jesaja dieses Lied gesungen hat, wissen wir nicht. In welcher Situation er es tat, schon eher. Das wird ja auch deutlich. Das Leben der Menschen ist finster, sei wohnen in einer Todeszone, das Leben ist Qual, zur Arbeit wird man geprügelt. Dröhnend hört man die Kampfstiefel der Soldaten, ihre Uniformen verschmiert vom Blut ihrer Opfer.

Heute sieht das Leben von vielen Menschen genauso aus wie Jesaja es vor 2800 Jahren beschrieb. Nichts hat sich geändert. Syrien, Afgahnistan, Jemen. Aber auch vielen von uns geht es nicht besser, obwohl wir nicht in einer Todeszone leben müssen, wo die Weltmächte um ihren Einfluss kämpfen. Man kann das Lied auch als Beschreibung unseres seelischen Erlebens hören. Leben ist finster, ohne Sinn. Das gilt für mehr Menschen als wir wahrhaben wollen. Leben ist Qual. Jeden Tag auf‘s Neue reißen Depression Menschen in die Tiefe. Arbeit ist nicht erfüllend. Man muss sich hinquälen. Oft für einen Lohn, von dem man nicht wirklich leben kann. Wir sind von Ängste besetzt wie von einer wilden Soldateska. Wie viele, gerade junge Menschen ritzen sich blutig, um wenigsten etwas von diesem Druck los zu werden.

Und Gott? Wo ist Gott in unseren Finsternissen?

Jesaja singt: Ein Kind ist geboren, ein Sohn uns gegeben, auf seinen Schultern liegt unsere Würde.

Sein Lied sollte den Menschen seiner Zeit Mut machen. Gott sieht das Elend seiner Menschen und er will es ändern. Jedes Kind ist Neuanfang. Hoffnung. Zukunft ohne genau zu wissen, wo sie hinführt.

Wahrscheinlich hat Jesaja mit diesem Kind einen Nachkommen des großen Königs David gemeint. Als starker Herrscher würde er das Land von den Assyrern befreien, den Geschundenen ihre Würde als Menschen zurückgeben.

Wenn ein Kind geboren wird bekommt es einen Namen. Einen offiziellen. Oft auch einen inoffiziellen. Der beschreibt die besondere Beziehung, die Vater oder Mutter zu diesem Kind haben. Als mein Vater mich das erst Mal sah, fühlte er sich erinnert an eine Comicfigur namens Bone. Wahrscheinlich weil ich dünn war, wie ein abgekauter Knochen.

Das Kind, von dem Jesaja singt hat auch Namen. Aus dem hebräischen kaum zu übersetzen: Gottes Rat, Vater unseres Sieges, Friedensbringer. Jeder König bekommt solche Beinamen. Den ersten Kaiser des römischen Reiches nannte man Caesar, was nichts weiter hieß als der „Behaarte“. Vater des Vaterlandes hießen wir unseren Kaiser. Bismarck den Eisernen. Mutti unsere Kanzlerin.  

Heute feiern wir die Geburt Jesu Christi. Wie und wo Jesus wirklich geboren wurde, wissen wir nicht. Aber wir Menschen geben uns mit unserem Unwissen nicht zufrieden. Davon erzählte ja schon die Paradiesgeschichte. Wir wollen wissen.  Was wir nicht wissen, ersetzen wir mit unserer Phantasie. Science fiction lässt grüßen.

So kam Lukas zu seiner Geburtsgeschichte. Böse Leute würden heute sagen: alles fake news! Lukas kannte die jüdischen Geschichten der Propheten sehr genau. Er hatte seinem Lehrer und Freund Paulus gut zugehört.

Und daraus bastelt er die uns bekannte Geschichte der Geburt Christ.  Nichts an ihr ist Zufall, jedes Detail eine Anspielung an die jüdischen Geschichten und Traditionen. Die Hirten, eine Anspielung an den großen König David, der als Hütejunge angefangen hat. Bis hin zu Ochs und Esel, die besser wissen als die Menschen, wer für sie sorgt. Die Magier und die Flucht vor der Staatspolizei wegen Verschwörung stammen von Matthäus.

Die entscheidende Änderung ist jedoch die Verlegung der Geburt in einen Viehstall mitten in der Nacht, mit einem Vater, der nichts geregelt bekommt, weil er weiß: das Kind ist nicht von ihm. Dieses Arrangement stellt alle Geburtsgeschichten, die die Antike von großen Persönlichkeiten als PR-Geschichten erzählte, auf den Kopf, und führt sie gleichzeitig ad absurdum.

Gott kommt in einem Kind zur Welt, hat Eltern, die nicht mal für sich selber sorgen können, in einem Saustall mitten in einer kalten Nacht, in einem Dorf, das die Welt nicht kennt. Und die Hirten treiben das Chaos auf die Spitze mit ihrer meckernden, stinkenden Ziegenherde.

Menschen, die in Finsternis gehen, sehen Licht, wer in der Todeszone wohnt, Licht erscheint über ihm.

Gott wird nicht Mensch in einem Palast. Kein König. Kein Herrscher, der Größenphantasien erfüllt. In den Palast kommt der verratene Gott am Ende seiner Geschichte, als Angeklagter, zum Verhör, in Ketten, kurz vor seiner Hinrichtung. Wir machen kurzen Prozess mit Gott, macht er nicht, was wir wollen.

Groß machst DU unseren Jubel, groß unsere Freude, wir freuen uns vor deinem Angesicht, als ob wir das Leben gewonnen haben oder den vollen Lohn unserer Mühen ernten dürfen.

Der Gag an der lukanischen Geschichte. Perspektivwechsel.  Gott wechselt die Perspektive. Das ist das Geheimnis dieser Nacht. Gott selbst lebt ein Leben von einer kümmerlichen Geburt bis zum qualvollen Tod, als Verbrecher am Kreuz.

Aus der Perspektive derer, die wir armselig, nicht lebenswert, sinnlos nennen, schaut Gott uns wohlwollend an. Mit dem Lächeln eines Neugeborenen.

Ein Kind ist geboren, ein Sohn uns gegeben, auf seinen Schultern liegt unsere Würde.

Er äußert sich all seiner G’walt, wir niedrig und gering, und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.

Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran

Heißt es in einem alten Reformationslied. Vielleicht ist es das, was wichtig ist: lassen wir uns von IHM, dem Schöpfer aller Dinge, in unserer Armseligkeit und Niedrigkeit wohlwollend anschauen? Wird Gott nicht in unserem Herzen geboren, wird er gar nicht geboren. (Angelus Silesius)

Der Blick Gottes auf unser Leben verändert uns. Wir merken. Unser Wert besteht nicht darin, was wir sinnlos anhäufen, nicht in unserer oft schamlosen Besitzgier, dranghaftem Streben nach immer mehr Wissen, nicht darin, dass wir immer volle Pulle etwas leisten und einen durchtrainierten Körper bis ins Alter haben, ja noch nicht einmal darin, dass wir heile Knochen oder eine unbeschadete Seele haben. Solche Werte führen Leben ad absurdum.

Groß machst DU unseren Jubel, groß unsere Freude, wir freuen uns vor deinem Angesicht, als ob wir das Leben gewonnen haben oder den vollen Lohn unserer Mühen ernten dürfen.

Unser Wert besteht darin, dass wir uns von IHM, von Gott, wohlwollend angeschaut wissen. Er kommt in unsere Nacht. Zerbricht das Joch unserer Quälerei, das uns den Rücken krumm machte, die Knute, die uns unbarmherzig schlägt, wie ein morsches Stück Holz.

Die Wirkung eines freundlichen, wohlwollenden Blicks kennen wir. Wir fangen an, uns selber anders anzuschauen. Merken, sind nicht mehr amselig, aus der Welt gefallen, beschämt, sondern viel reicher als wir uns das erträumen konnten.

Groß machst DU unseren Jubel, groß unsere Freude, wir freuen uns vor deinem Angesicht, als ob wir das Leben gewonnen haben oder den vollen Lohn unserer Mühen ernten dürfen.

Der Perspektivwechsel Gottes, sein Blick auf uns verändert unser Leben.

Ich lag in tiefster Todesnacht, DU warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht, Licht, Leben, Freud und Wonne, o Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘, wie schön sind deine Strahlen.

Ich sehe dich mit Freuden an, und kann mich nicht satt sehen, und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.

Wann oft mein Herz im Leibe weint und keinen Trost kann finden, rufst DU mir zu: Ich bin dein Freund, der Tilger deiner Sünden. Was trauerst du o Menschlein klein? Du sollst ja guter Dinge sein, ich zahle deine Schulden.

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf daß euer Glaube zunehme und ihr endlich selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen

Perikope
24.12.2017
9,1 ff