Anprobe - Predigt zu Kolosser 3,12-17 von Luise Stribrny de Estrada

Anprobe - Predigt zu Kolosser 3,12-17 von Luise Stribrny de Estrada
3,12-17

Anprobe

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

Heute am Sonntag Kantate begegnet uns ein Predigttext aus dem Brief an die Kolosser. Dort heißt es im dritten Kapitel:

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in "einem" Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.                                 (Kolosser 3,12-17)

Der Brief stammt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus und richtet sich an eine frühe christliche Gemeinde in Kleinasien, der heutigen Türkei. Er stammt aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Wir haben das Recht, ihn mit einer gewissen Distanz zu betrachten und müssen nicht alles auf heute übertragen. Aber wir können ihm zutrauen, dass er uns etwas zu sagen hat. Daher lade ich Sie ein, mit mir in diesen Text einzutauchen, um zu prüfen, was er für uns heute austragen kann.

Der Briefschreiber spricht die Mitglieder seiner Gemeinde als „Auserwählte Gottes“ an. Dabei gehörten sie keineswegs zu den Menschen, denen es besonders gut ging und die in der Gesellschaft hoch angesehen waren. Nein, viele von ihnen waren Sklaven oder Frauen, die wenig galten, oder Menschen mit schlecht bezahlten Berufen. Gerade sie nennt er entgegen dem Augenschein „Auserwählte“. - Woran denken wir, wenn wir das hören? Mir fallen die Gotteskrieger des Islamischen Staats ein, die sich selbst gerne so nennen, oder andere Fanatiker, die sich von Gott für eine besondere Mission berufen fühlen. Diese Auserwählten machen mir Angst. Mit ihnen verbindet mich nichts, zu ihnen will ich keinesfalls gehören!

Und wenn wir es so verstehen, wie es im Kolosserbrief gemeint ist, und uns trauen, das Auserwähltsein auf uns zu beziehen? Dann wären wir, die Christinnen und Christen, die diese Worte hören, in Gottes Augen besonders. Wir sind dann Heilige und Geliebte, Ebenbilder Gottes, der uns geschaffen hat. „Das ist zu viel des Guten“, wehren wahrscheinlich viele ab, „ich weiß genau, dass ich nicht heilig bin und oft das nicht tue, was Gott von mir erwartet.“ Das stimmt sicherlich für uns alle. Andererseits tut es gut, wenn Gott uns Menschen seiner Gemeinde so anspricht: „Ich habe Euch erwählt. Ich habe Euch lieb.“ Gott hebt uns den Kopf hoch, wir können mit seinem Zuspruch aufrecht gehen. Gott sieht uns anders als wir uns selbst oft sehen – und dadurch wird es wahr.

Umwerfend ist, dass seine Liebe das erste Wort ist. Danach folgt das, was wir tun sollen, aber unabhängig davon, ob wir das tun oder nicht, sind und bleiben wir Geliebte und Auserwählte. Gottes Liebe ist nicht abhängig von unseren guten Taten, sondern geht ihnen voraus. Gott liebt uns bedingungslos.

Es ist gut, das festzuhalten, wenn wir dem Brieftext nun weiter folgen. Da reiht sich eine Aufforderung an die nächste, viele davon sind Ermahnungen: „Ertragt einer den anderen, vergebt euch, seid dankbar, lehrt und ermahnt einander“ – und das sind noch nicht mal alle Ermahnungen. Für uns ist das schwer erträglich. Die Menschen der Antike kannten solche Ketten von Aufforderungen als Stilmittel, aber uns geht es anders. Wir fühlen uns auf diese Weise als Kinder behandelt, die man erziehen muss, und reagieren mit Widerstand gegen den, der uns zwingen will.

Da gibt es aber ein Bild, an dem ich hängen bleibe. Es ist das Bild von den Kleidern: Wir dürfen die alten Kleider ablegen und neue anprobieren. Mir fallen dabei Kinder ein, die sich verkleiden. Sie probieren aus, wie es ist, jemand anderes zu sein. Dazu brauchen sie außer ihrer Phantasie nur ein paar Accessoires, schon sind sie in eine neue Rolle geschlüpft: Mit einem Hut, einer Augenklappe und einem breiten Säbel wird aus einem Jungen ein Pirat, der auf der Suche nach einem Schatz ist. Ein langes Kleid und ein Goldreif machen aus einem Mädchen ein Prinzessin. Die verwandelt sich dann aber mit Hilfe einer schwarzen Perücke und einer Feder lieber in eine Indianerin, die auf ihrem Pferd über die Prärie reitet. Bei den Kindern erleben wir, wie spannend es ist, andere Rollen auszuprobieren und sich fremde Identitäten zu leihen.

Was meint der Schreiber des Kolosserbriefs mit den neuen Kleidern? Es heißt dort: „Zieht an herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld…Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ Die alten Kleider hatten seine Adressaten schon vorher abgelegt, Zorn, Grimm und Bosheit hatten sie ausgezogen. Jetzt probieren sie anderes an. Wird ihnen das passen? - Kann das zu uns passen? Ich finde, es klingt gut, obwohl es viel auf einmal ist. Aber wenn wir es einfach mal probieren und uns dazu verlocken lassen, freundlich zu sein, anstatt uns über jemand anderen aufzuregen, gelingt es womöglich. Wenn wir mit uns und anderen geduldig sind und uns mehr Zeit nehmen anstatt zu hetzen, tut es allen gut. Wenn wir den unteren Weg gehen und nicht danach streben müssen, besonders toll zu sein und auf der Gewinnerseite zu stehen, erklingt ein neuer Ton.

Zum Schluss wird um all die neuen Gewänder als Schärpe die Liebe geschlungen. Sie hält alles zusammen und ist „das Band der Vollkommenheit“. Wenn wir uns die Liebe zum Leitstern nehmen, fügt sich das andere von selbst. An ihr können wir uns ausrichten und uns von ihr zusammenhalten lassen.

Das Schöne beim Anprobieren der neuen Kleider ist das Spiel. Wenn ich ein neues Gewand anlege, ist das nicht für immer, sondern zur Probe. Wer weiß, vielleicht bin ich mit dem „neuen Look“ so zufrieden, dass ich dabei bleibe. So möchte ich auch unseren Bibeltext verstehen, er sagt uns: Probiert es doch mal. Vielleicht gefällt es euch so, das ihr gar nichts anderes mehr wollt als unter dem Leitstern der Liebe zu leben. Vielleicht braucht ihr manchmal wieder die alten Kleider, einen heftigen Zorn zum Beispiel. Aber ihr wisst ja, die neuen hängen im Kleiderschrank, nehmt sie wieder heraus, die Freundlichkeit und das Erbarmen, und tragt sie. Gott gefällt das.

Warum lesen wir diesen Abschnitt aus dem Kolosserbrief zum Sonntag Kantate, habe ich mich gefragt. Erst am Schluss beantwortet sich diese Frage: „Singt Gott dankbar in euren Herzen mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern“, heißt es dort. Für mich ist das Singen etwas besonders Schönes, weil es uns ganz erfüllt und Herz und Seele mit einbezieht. Es bringt uns näher zu Gott. Ein Gottesdienst lebt für mich wie für viele andere auch von den Liedern, die wir singen, und der Musik, der wir lauschen. Andere Saiten als bei bloßen Worten werden angeschlagen, neue Schwingungen sind zu spüren und erreichen unser Herz. Bei den älteren Liedern im Gesangbuch gibt es häufig Strophen, über die ich stolpere, gerade wenn viel von Sünde und Tod die Rede ist. Aber andererseits trägt mich die Musik auch über manche Stellen hinweg, die ich als gesprochen Wort schwer erträglich finde.

Hier passt wieder das Bild von den Kleidern, die ich mir probeweise anziehe: Es sind die Kleider der Großeltern und Urgroßeltern, die ich in einer alten Kiste finde und staunend heraushole. So hat man sich damals angezogen, ob mir das auch steht? Ähnlich ist es mit den überlieferten Liedern: So haben es frühere Generationen ausgedrückt und gesungen – vielleicht kann ich dort auch etwas finden, das mich anrührt, obwohl immer ein Stück Fremdheit  bleibt. Die alten Kleider, die alten Lieder, passen mir nicht ganz, aber ich darf sie mir ausleihen und mich darin neu anschauen. Vielleicht behalte ich sie am Ende, weil sie mir inzwischen ans Herz gewachsen sind und gefallen.

Mir geht es so mit einem Osterlied, das ich früher nur sperrig und merkwürdig fand. Aber inzwischen ist es mir ans Herz gewachsen, weil ich es jedes Jahr zu Ostern singe und es einfach dazu gehört. Ich kann mich über die Bilder freuen, die nicht die sind, die ich gebrauchen würde, die aber deutlich von dem sprechen, was für mich zentral ist: Der Tod konnte Jesus nicht halten. Er, Gottes Sohn, ist mächtiger als der Tod. Er lebt und nimmt uns mit hinein in das neue Leben. Er lässt uns singen:

Auf, auf, mein Herz, mit Freuden,
Nimm wahr, was heut' geschieht!
Wie kommt nach großem Leiden
Nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
Da, wo man uns hinträgt,
Wenn von uns unser Geist
Gen Himmel ist gereist.

Er war ins Grab gesenket,
Der Feind trieb groß Geschrei.
Eh' er's vermeint und denket
Ist Christus wieder frei
Und ruft: Viktoria!
Schwingt fröhlich hier und da
Sein Fähnlein als ein Held,
Der Feld und Mut behält.

(EG 112,1+2)

Amen.

 

Perikope
24.04.2016
3,12-17

Predigt zu Kolosser 3,12-17 von Henning Kiene

Predigt zu Kolosser 3,12-17 von Henning Kiene
3,12-17

Liebe Gemeinde,

Was für ein wunderbarer Sonntag ist heute: Frühling überall, es ist noch kalt, aber es blüht bunt und in fast allen Farben. Die Knospen an den Bäumen könnten bald aufplatzen und die Alleen werden wieder grün überschattet sein. Wer den Frühling nicht liebt, ist selber schuld. Es liegt heute nah, in die Lieder des Gesangbuches einzustimmen. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, möchte ich singen, von Narzissus und der Tulipan, und Gottes Sorge für uns Menschen gilt, die jeden tiefen Winter überdauert, auch den Tod und uns als Kraftspiel vor Augen führt: Schöpfung ist stärker als jede andere Kraft.

Der Sonntag Kantate lädt zum Lobpreis auf Gott ein, seine Gnade und Güte, sein Erbarmen, seine Freundlichkeit, seine Demut, seine Sanftmut und Geduld kommen in den Liedern zur Sprache. Und die Schöpfung birst nur so vor Kraft, so denken es viele, um einem Lob auf den Schöpfer anstimmen zu lassen. Es bleibt nichts anderes übrig, als den Schöpfer zu preisen, denke ich.

Man kann auf die Idee kommen und eine Parabel schreiben: So, wie das Grün und die neuen Farben dieses Jahres sich über unsere - vor Wochen noch wintergraue - Stadt ausbreiten und sie ihr farbiges Band durch den Park fast bis zu unserer Kirche ziehen, so legt Gott ein Gewand über unser Leben. Das Gewand ist gewebt aus „herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“. Es sorgt für eine innere Haltung, die für eine nach außen gerichtet Orientierung des Lebens steht. Denn, wenn wir zu den Auserwählten Gottes gezählt werden, dann wirkt da auch etwas anders, als sonst am Werk ist. Ich spreche von der Realität, dem Heute, das von Gottes Willen überkleidet wird und sich von anderem, was es im Leben gibt, gründlich absetzt. Christin sein und sich Christ nennen, das hat mit etwas zu tun, was aus einer anderen Kraft ins Leben hinein kommt. Gott singen zu können, bleibt ein Geschenk, ein Staunen, ein Dank, eine Freude, die ich ursprünglich nicht in mir trage.

II. zugeschweißt und versiegelt

Doch dann tritt vieles aus dieser Woche vor Augen, ich sehe, wie vor dem Fenster meines Büros die Gullydeckel zugeschweißt und versiegelt werden. Ich dürfte nicht aus dem Fenster winken, wenn die Kanzlerin und der US Präsident durch Herrenhausen fahren. Die Sicherheit für den Gast geht vor. Verständlich und doch komisch. Weil sichtbar wird, wie viel Erlösung es braucht und wie viel Versöhnung zu leisten bleibt.

Doch das ist nur die Spitze des Eisberges, es fehlt - sogar im „christlichen Abendland“ - manchmal jede Art einer - wie auch immer gearteten - Toleranz. Wenn wenn jemand behauptet: Der Islam sei „nicht mit dem Grundgesetz vereinbar“ (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/von-storch-islam-nicht-mit-grundgesetz-vereinbar-14182472.html, gelesen am 19.04.2016) bleibt der Skandal aus. Welch ein Unsinn die Leute so reden, denke ich, seit Jahrzehnten ziehen Moslems zu uns, arbeiten mit uns, leben in der Nachbarschaft, leben mit dem Grundgesetz, zahlen Steuern, genießen die Freiheit, gehen wählen und in die Bundeswehr und kennen ihre Verantwortung. Wer meint, der Islam gehöre nicht zu unserem Land, schiebt die wintergrauen und kalten Kulissen des Winters in den Frühling hinein, wirft uns alle um eine Jahreszeit zurück.

Ist das nun doch kein wunderbarer Sonntag heute, der zum Singen und zur Freude anregt, nur weil alle Gullydeckel verschweiß sind und wir genau wissen: Es liegt so vieles in der Luft, was uns nicht gefallen möchte. Ich spüre, wie die Lust am Sonntag Kantate schwindet, Schmähgedichte fallen mir ein. Ich muss jetzt aufpassen, nicht auf der anderen Seite des Pferdes herunter zu fallen und den Text des Apostels kaputt zu machen. Denn der beschreibt sicher keinen Zustand, sondern nimmt seine Höherinnen und Hörer in eine Bewegung hinein.

Mit gutem Grund spricht der Apostel im Imperativ, fordert auf „über alles aber zieht an“. Er zeigt: da ist etwas, das überkleidet werden muss, eine neue Farbe verlangt, den Wintergrau reicht nicht zum Leben, da sind deutliche Steigerungspotentiale erkennbar. In Sachen Neuwerdung dieser Welt und Vertiefung des Christlichen in unserem Leben bleibt Entwicklungspotential. Wir würden uns überheben, wollten wir „herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“ selber produzieren müssen. Müssen wir wirklich nicht selber machen: Wie der Frühling über unser Land kommt, so schafft Gott eine neue Realität. Es gibt nicht nur in Angelegenheiten des Glaubens und des christlichen Lebens immer noch mehr, als nur die sprichwörtliche „Luft nach oben“, es ist Gott, der sie füllt.

Doch genau diese Einsicht auf den Widerstand ist für mich nicht eine Bedrohung des Glaubens, sondern seine Stärkung. Dieser Blick auf das, was sich als Widerstand herausstellt, setzt das, was Gott tut, deutlich in Kraft. Genauso wenig, wie der kalte Wind der letzten Tage den Frühling wieder vertreiben kann, werden „herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“ durch Menschen aus der Welt heraus zu schaffen sein. Es gilt: Weil in diesem Knospen des Frühlings etwas von der Überwindung der Vergänglichkeit, eine Portion der ursprünglichen Kraft des Schöpfers vor unsere Augen tritt, und weil ich nichts dazu tun muss, sondern ich nur beschenkt bin; weil der Friede Christi nicht mehr aus der Welt heraus zu schaffen sein wird, bleibt nicht alles, was dringend zu ändern ist, nur an uns allen hängen. Ostern zieht, wie der Frühling, sein farbiges Band durch die Herrenhäuser Gärten zu dieser Kirche hin, seine Botschaft reicht tief bis in unsere Seelenlandschaft hinein. Da ist es, das Band der Vollkommenheit, oft zunächst nur als Wusch oder Sehnsucht, aber wer glauben kann, wird es nicht mehr ablegen, sondern um sein Leben herum fassen und es tragen wollen, wie ein schönes Kleid, das schon heute zeigt, um welches Fest es sich morgen handeln wird.

III. Sonntagskleidung

Früher, so erzählten uns unsere Eltern, besaßen sie noch echte Sonntagskleidung. Hemd und Hose - von Matrosenhemden war die Rede - kratzende Wollsocken, Kleid und Bluse, glänzende Schuhe mit Schleifen. Der Sonntag war nicht fußballtauglich, auch nicht gartenfest, man musste „brav sein“ um den Sonntag ohne Zwischenfälle erleben zu können: ein Buch lesen, still sitzen, Radio hören, Spazieren gehen. Sonntagskleidung, ein Alptraum für alle, die dazu neigen, mit Bratensoße zu kleckern. Aber eben ein kategorialer Unterschied wurde sichtbar, der Unterschied zwischen Alltag und Sonntag. Dafür standdiese Kleidung: kein Rempeln und Toben auf dem Hof, sondern für das Überziehen einer anderen Haltung, die aus der Sicht unserer Großeltern, der ursprünglichen Bestimmung des Lebens näher kam. Ich war immer froh, dass in unserer Kindheit schon vieles anders und der Sonntag ein Tag ohne strikte Kleiderordnung geworden war. Aber was früher genau gelebt wurde, war nicht ganz falsch geworden. Als die englische Königin - so wie der amerikanische Präsident heute nach Hannover kommt - auf Staatsbesuch war, lebte diese Tradition der Sonntagskleidung kurzfristig auf.

Meine Mutter legte uns in unsere besten Stücke bereit, wir fuhren in die Stadt und winkten, hübsch gekleidet, am Straßenrand mit kleinen Fähnchen. Damals war die Angst vor Attentaten offenbar gering. Wir winkten und sollen, so wurde später erzählt, die Queen tatsächlich gesehen haben. Ich erinnere nur rutschende, dunkelblaue und harte Kniestrümpfe sowie ein gestärktes, weißes Hemd und habe das Gefühl in meiner Erinnerung aufbewahrt, dass festliche Kleidung dafür sorgt, dass ich gerade sitzen kann und weiß, wie sich an solchen Tagen alles anders anfühlt, als sonst. Im Kind meldet sich eine Ahnung von dem, was das Erwachsensein tatsächlich heißen wird. Im Heute der Welt liegt heute eine Ahnung von dem bereit, was wir das Reich Gottes nennen.

Heute ist die Rede von dem Frieden Christi, „zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe“, der „regiere in euren Herzen“. So, wie der Apostel im Imperativ spricht und uns auffordert: „Über alles aber zieht an“, klingt das Wissen mit: Der Friede, den es in unseren Tagen braucht, der Friede, der heute nötig ist, rund um das Mittelmeer, in Afghanistan und Mittelamerika, den Frieden kann ich nicht selber schaffen aber erleben.

Diese nüchterne Erkenntnis stärkt den Glauben: Gott hat mit dem Frieden angefangen: Jesu Leben wird zum Ereignis, das sich in das Leben hinein erstreckt. Es ist der Auftakt der Vollendung. Und wenn wir an diesem Aprilsonntag den Frühling erleben, dann spielt da die Ahnung mit, dass all das, was als Realität diese Woche zu bestimmen scheint, von Gottes Willen überkleidet wird und sich abhebt von dem kalten Grau des Winters. Christin sein und sich Christ nennen, das hat mit vor allem mit dem etwas zu tun, was ich nicht selber erzeugen kann, aber bewundern möchte. Gott vorbehaltlos singen zu können, bleibt ein Geschenk, ein frühlingshaftes Staunen, ein Dank, eine Freude, die ich kenne. Sie ist wie ein Sonntagskleid, das bereit gelegt wird, wie ein Jubel, den ich kaum aus eigener Kraft anstimmen könnte, in den ich aber heute gerne einstimme.

 

Perikope
24.04.2016
3,12-17

Einsinge-Übungen - Predigt zu Kolosser 3,12-17 von Katharina Wiefel-Jenner

Einsinge-Übungen - Predigt zu Kolosser 3,12-17 von Katharina Wiefel-Jenner
3,12-17

Einsinge-Übungen

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Schwestern, Brüder!

Cantate Domino! Singt! Singt Hymnen, singt Psalmen, singt Lieder! Singt Oden, rappt, schlagt den Beat! Wir haben allen Grund dazu, denn wir werden geliebt. Unter den vielen, die sich unser Gott als Geliebte hätte auswählen können, sind wir es. Uns meint Gott. Uns gilt Gottes Liebe.
Ihr müsstet es eigentlich spüren. Müsstet dieses Pochen im Bauch fühlen, diesen unverwechselbaren Rhythmus, dieses Summen. Aber vielleicht merkt ihr von Gottes Liebe nur dieses kurze Beben, das im morgendlichen Aufwachen noch da ist und sofort wieder verschwindet. Gottes Liebe ist ja auch ganz zart, weht nur wie ein Hauch. Wer sie nicht kennt, ahnt womöglich nur, dass da etwas ist.
Singt, wenn ihr den Herzschlag von Gottes Liebe spürt! Und wenn es nur der Kopf weiß und das Herz nicht spürt, singt trotzdem! Wenn ihr erst eingesungen seid, dann weiß auch das Herz endlich, was der Kopf wahrnimmt.

Machen wir ein paar erste Übungen, damit die Stimme klingen kann und das Herz die Liebe Gottes ergreift.

Dehnen wir uns. Öffnen wir die Augen, steigen wir auf die Zehenspitzen und strecken die Arme in die Luft. Greifen wir nach den Sternen, holen sie zu uns auf die Erde und reichen sie unserem Gegenüber. Herzliches Erbarmen heißt die Dehnungsübung. Wir strecken uns dem Himmel entgegen und unsere Brust wird ganz weit. Zuvor hatten wir die Arme noch vor dem Herzen verschränkt, hatten den Kopf gesenkt, den Blick irgendwohin gerichtet. Zuvor hatten wir gar nicht wahrgenommen, wie dem anderen zumute war, haben die Tränen übersehen, nicht entdeckt, wie der Blick sehnsüchtig Ausschau nach einer ausgestreckten Hand hielt. Wir haben den Hunger nicht erkannt und erst recht nicht die Scham, die peinlich den kümmerlichen Zustand verborgen hielt. Jetzt ist das Herz weit und sieht, was vor ihm verborgen war. Jetzt ahnt es, was die andere braucht. Jetzt streckt sie ihr die Hände entgegen. Und manchmal gelingt es sogar, ihr den passenden Stern direkt zu überreichen.

Schütteln wir nun die Arme aus, schütteln wir die Beine. Lockern wir uns, rütteln wir an unseren festen Ansichten. Halten wir nicht um jeden Preis an dem fest, was wir einmal für richtig befunden haben. Lassen wir zurück, was wir über den anderen zu wissen meinten. Nicht nur Arme und Beine wollen gelockert werden. Auch das Gesicht. Soll die Stimme gut klingen, muss das ganze Gesicht lächeln und freundlich sein. Freundlichkeit heißt diese Lockerungsübung. Schütteln wir die Backen aus, ziehen wir die Mundwinkel so weit es geht nach oben. Lächeln wir. Lachen wir mit den Augen und dem Mund, damit Freundlichkeit aus dem ganzen Gesicht herausschaut. Lächeln wir, damit der andere unser Interesse erkennt. Lächeln wir, damit auch umgekehrt sein Fragen unsere Aufmerksamkeit weckt. Die Freundlichkeit wirkt auch nach innen. Das freundliche Gesicht macht die Stimme schön. Sie vertreibt die Verachtung aus dem Herzen. Die Freundlichkeit lässt den abfälligen Gedanken keinen Raum mehr. Sie macht alle Besserwisserei und Rechthaberei unwirksam. Sie lässt nicht zu, dass tödliches Gift die Gemeinschaft zerstört.

Achten wir auf den Atem. Schöpfen wir den Atem mit drei tiefen Atemzügen. Bis tief in den Leib hinein soll der Atem uns durchdringen. Langsam, ganz langsam lassen wir den Atem wieder aus uns herausströmen. Diese Übung trägt den Namen Geduld. Sie könnte auch heißen: Gottes Lebenskraft in uns aufspüren oder sich daran erinnern, dass wir zu Christus gehören. Der Atem ist uns so selbstverständlich. Er ist immer da, wir können ihn nicht sehen und doch leben wir durch ihn. Atmen wir auf falsche Weise, fehlt es uns an Kraft zum Leben. Wir werden kurzatmig, die Stimme verweigert uns den Dienst. Mit Geduld wird der selbstverständliche Atemfluss zur großen Kraftquelle. Immer ist der Atem dabei – immer ist Gott da. Immer reicht der Atem für ein bisschen mehr als gedacht. Immer hat Gott noch eine Möglichkeit mehr als wir vermuten. Darum ist Geduld nötig. Richtig atmen heißt eben auch geduldig mit Gott zu sein. Der lange Atem schult die Geduld mit Gott und auch mit uns selbst.

Es ist Zeit für die ersten Töne. Die Stimme verträgt es nicht, dass sie herausgepresst werden. Lassen wir Ton für Ton mit dem Atem einfach aus uns herausfließen – mit sanfter Kraft – und hören wir auf den Klang. Sanftmut heißt diese Übung, denn nur wer sanftmütig ist, geht mit sich selbst achtsam um, schont sich und die, die zu einem gehören. Nur wer sanftmütig auf die eigene Stimme achtet, kann die richtigen Töne treffen, kann den eigenen Tönen den richtigen Klang geben, kann mit der Stimme Farben malen und Gott zwischen den Tönen erlauschen.

Wenn die Töne aus uns herauszuströmen beginnen, wird eine besondere Übung nötig. Diese Übung brauchen wir, damit die Sanftmut mit der eigenen Stimme nicht zum Hochmut im gemeinsamen Singen führt. Demut heißt die Übung. Sie ist ganz leicht und doch so schwer. Die Demut macht eigentlich nichts anderes, als während des eigenen Singens auf die anderen zu hören. Dafür reicht es bereits, sich vorzustellen, dass wir die anderen hören. Und plötzlich hören wir sie tatsächlich – wie einfach! Auf die anderen zu hören, aber dabei die eigene Stimme nicht zu verlieren – wie anspruchsvoll! Nur mit Demut kann es gelingen, die eigene Stimme zu einem gemeinsamen Stimmklang mit den anderen zu verschmelzen. Demut ist nötig, um sicher zu singen und doch um der Harmonie willen, den anderen Stimmen ihren Klangraum zu lassen. Diese Übung ist wohl auch die Schwierigste. Sie muss 7 mal 70 mal wiederholt werden. Immer und immer wieder müssen wir es üben. Denn, wenn wir meinen, wir haben es geschafft, dann ist die Gefahr, den gemeinsamen Klang zu verlieren, besonders groß.

Die letzte Übung ist eigentlich keine Übung mehr. Sie ist die Grundvoraussetzung für alles. Die letzte Übung heißt Liebe. In der Liebe kommt alles zusammen. Nur mit Liebe verbinden sich Sanftmut und Demut. Nur mit Liebe ist die Freundlichkeit fähig, das echte Lächeln durchzuhalten. Nur mit Liebe behalten wir den langen Atem. Nur durch die Liebe gehören wir zu Christus. Nur mit Liebe reichen die Arme bis zum Himmel. Nur mit Liebe können wir die Sterne vom Himmel holen und sie zu denen bringen, die im Finstern ausharren. Nur mit Liebe können wir hören. Nur mit Liebe klingen die Akkorde des Friedens auf. Nur die Liebe hört Gottes Herzschlag. Nur die Liebe lässt uns singen.

Cantate Domino! Singt, denn Gottes Liebe atmet in uns. Hört ihr den Herzschlag von Gottes Liebe? Wir sind jetzt eingesungen. Jetzt kann es in uns singen. Das Herz weiß endlich, was der Kopf wahrnimmt.
Welches Lied singen wir? Cantate Domino! Das wird uns so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen.
Amen.
 

Perikope
24.04.2016
3,12-17

Konfirmationspredigt zu Kolosser 3,12-15 von Martin Schewe

Konfirmationspredigt zu Kolosser 3,12-15 von Martin Schewe
3,12-15

Des Kaisers neue Kleider

„Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so schrecklich gern neue Kleider mochte, dass er all sein Geld ausgab, um recht geputzt zu sein. Er machte sich nichts aus seinen Soldaten, machte sich nichts aus dem Theater oder aus einer Ausfahrt in den Wald, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte ein Gewand für jede Stunde des Tages, und so wie man von einem König sagt, er ist im Rate, sagte man hier immer: ‚Der Kaiser ist im Kleiderschrank!’“

(1) Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, eins müsst ihr mir bitte glauben: Ich habe euch den Anfang des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern nicht deswegen vorgelesen, weil ich euch im Verdacht hätte, ihr wärt solche Kaiser mit einem riesigen Kleiderschrank und einem eigenen Gewand für jede Stunde des Tages. Ihr seid zum Glück ganz anders. Wie, dazu kommen wir gleich. Aber beginnen möchte ich mit der Frage: „Was soll ich bloß anziehen?“ Sie wird uns herauszufinden helfen, wie ihr wirklich seid.

„Was soll ich bloß anziehen?“, habt ihr euch vermutlich auch schon gefragt und zum Beispiel an eure Konfirmation gedacht: „Was soll ich da anziehen?“ Oder ihr habt gesagt: „Ich habe nichts zum Anziehen!“ Dabei war euer Kleiderschrank, obwohl etwas kleiner als der des Kaisers, nicht leer. Es war nur nicht das Richtige darin. Und was ist das Richtige? Hier bitte ich euch noch einmal, mir zu glauben: Ich habe nicht vor, mich einzumischen. Eure Kleidung ist eure Sache – meine, euch darin zu bewundern.

Die erste und einfachste Antwort auf die Frage „Was soll ich bloß anziehen?“ lautet natürlich: Eure Kleidung muss euch passen. Sie darf nicht zu groß sein und nicht zu klein, was bei Jugendlichen schnell passieren kann; bei Erwachsenen ebenfalls, jedoch meist aus anderen Gründen. Bequem soll sie sein, eure Kleidung, und einigermaßen zweckmäßig. Sommersachen gehen schlecht im Winter, Wintersachen nicht im Sommer. So viel versteht sich von selbst.

Komplizierter wird es, weil passend, bequem und zweckmäßig nicht genügt. Was ihr tragt, soll euch außerdem gut stehen. Erst dann fühlt ihr euch darin wohl. Eure Kleidung soll schick sein, damit ihr schick seid; elegant, wenn ihr elegant aussehen wollt; pfiffig, weil ihr selber pfiffig seid. Ich kann mir vorstellen, solche Überlegungen haben eine Rolle bei der Entscheidung gespielt, was ihr heute anziehen würdet. Den Reifrock oder das kleine Schwarze? Zur Feier des Tages eine Krawatte oder lieber keine? Darüber kann man stundenlang nachdenken, wenn man möchte, und in Modezeitschriften blättern. Eins können wir daher schon festhalten: Eine bloße Äußerlichkeit scheint unsere Bekleidung nicht zu sein. Sonst käme es darüber nicht sogar zum Streit. „So gehst du uns nicht aus dem Haus!“, sagen die Eltern vielleicht. Schon ihre Eltern haben damals dasselbe gesagt.

Der Kaiser im Märchen übertreibt es allerdings. So wichtig, wie er sie nimmt, sind seine Kleider nun doch nicht. Deshalb erzählt der Dichter Hans Christian Andersen, dass eines Tages zwei Betrüger in die Hauptstadt kommen. Sie geben sich als Weber aus und versprechen dem Kaiser die ungewöhnlichsten Stoffe, die er je getragen hat. Die Kleider, die daraus genäht würden, versichern die beiden, wären nicht nur prächtig. Sie hätten überdies die Eigenschaft, für jeden unsichtbar zu sein, der nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei. Der Kaiser ist begeistert. Er zahlt den Betrügern viel Geld, damit sie sich an die Arbeit machen, und stellt ihnen für die erstaunlichen Kleider die feinste Seide und so viel Gold zur Verfügung, wie sie verlangen. Die Minister, die der Kaiser in die Werkstatt der angeblichen Weber schickt, um sich über den Fortgang der Arbeit zu informieren, sehen dort zwar keine edlen Stoffe, nur den leeren Webstuhl. Weil sie jedoch nicht zugeben wollen, ungeeignet für ihr Amt oder unverzeihlich dumm zu sein, bleibt den Ministern nichts anderes übrig, als dem Kaiser vorzuschwärmen, wie unvergleichlich seine neuen Kleider würden.

(2) Zurück zu euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Da ihr zum Glück keine Kaiser seid, fallt ihr nicht auf Betrüger herein, die euch das Blaue vom Himmel versprechen. Was für uns normale Menschen die richtige Kleidung ist, hängt vom Wetter ab, vom Anlass, vom Alter und vom Geldbeutel, von unserem guten Geschmack und von den Erwartungen der anderen. Niemand lässt sich gern sagen: „Wie siehst du denn aus?“ Eine bloße Äußerlichkeit scheint unsere Bekleidung nicht zu sein, haben wir festgestellt. Wenn sie auch längst nicht so wichtig ist, wie der Kaiser in Hans Christian Andersens Märchen glaubt – wie wir uns kleiden, sagt etwas über uns aus. Das ist der Grund, aus dem wir mit der Frage begonnen haben: „Was soll ich bloß anziehen?“ Die Frage sollte uns herauszufinden helfen, wie ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden wirklich seid.

In der Bibel rechnen wir nicht unbedingt mit Modetipps. Aber die Bibel ist ein vielseitiges Buch und hat auch zu unserem Thema etwas beizutragen. Im Kolosserbrief aus dem Neuen Testament steht: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem auch ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.“

So beantwortet der Verfasser des Kolosserbriefs unsere Frage „Was soll ich bloß anziehen?“. „Herzliches Erbarmen“, schlägt er vor, „Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“. Wir sollen uns miteinander vertragen und untereinander vergeben. Wenn wir diese Antwort mit dem vergleichen, was wir uns bisher überlegt haben, können wir sie zunächst so verstehen: Es kommt weniger auf die Kleidung an, die einer trägt, als auf die Person, die darin steckt. Dem Kaiser im Märchen sind Pracht und Protz wichtiger als seine Regierungsaufgaben. Wenn andere Herrscher im Rat sitzen, dann hält er sich im Kleiderschrank auf. Und noch ein fragwürdiger Charakterzug: Der Kaiser ist ein Kontrollfreak. Mit Hilfe der Kleider, die nicht jeder sehen kann, hofft er, seine Untertanen in Kluge und Dumme aufteilen zu können. Das macht ihn zur leichten Beute für die beiden Betrüger, die ihm nicht nur sein Geld abnehmen, sondern sich auch die kostbare Seide und das viele Gold in die eigenen Taschen stecken. Ein eitler, weltfremder Egoist, dieser Kaiser.

So lieber nicht, schreibt der Verfasser des Kolosserbriefs und zählt die Eigenschaften auf, die uns besser kleiden: gute Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Wie ich euch in den vergangenen anderthalb Jahren kennen gelernt habe, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, bin ich davon überzeugt, dass ihr dem Text aus der Bibel von Herzen zustimmt. Freundlichkeit, Geduld und Vergebung  sind zwar genaugenommen keine Kleidungsstücke. Sie zählen aber mehr und halten mit Sicherheit wärmer als des Kaisers neue Kleider.

(3) Was wir eigentlich wissen möchten, haben wir trotzdem noch nicht ganz herausgefunden. Im Kolosserbrief steht viel mehr darüber, wie ihr wirklich seid. Ich lese noch einmal den Anfang der Stelle vor, die ihr schon gehört habt, und bitte euch diesmal, besonders darauf zu achten, wie ihr angesprochen werdet. „So zieht nun an“, heißt es dort nämlich, „als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.“

Die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten – damit seid ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden gemeint. So seid ihr wirklich: ausgesucht von Gott, heilig und kostbar. Das ist das Beste, was sich von euch sagen lässt; das Beste, was euch passieren kann: dass ihr Gott etwas bedeutet und dass er viel mit euch vorhat. Alles andere, auch was ihr euch am besten anzieht, beginnt damit, dass Gott für euch da ist und dass ihr euch auf ihn verlassen könnt. Euer ganzes Leben, eure Hoffnungen, Wünsche und Pläne, die guten Tage, die euch bevorstehen, und sogar die nicht so guten – alles steht zuerst und zuletzt im Licht der Güte Gottes.

Im Märchen kommt es, wie es kommen muss. Als dem Kaiser die neuen Kleider angelegt werden, kann er sie selber nicht sehen. Für sein Amt ist er tatsächlich nicht geeignet. In diesem Punkt behalten die Betrüger recht. Dennoch tritt der Kaiser in den Prunkgewändern, die es gar nicht gibt, vor sein Volk, und weil niemand als Dummkopf dastehen will, spielen alle mit und loben Farbe, Schnitt und Sitz. Bis ein kleines Kind sagt: „Aber er hat ja gar nichts an!“ Da merken es auch die anderen. „Er hat ja gar nichts an!“, ruft schließlich das ganze Volk. Der Kaiser erschrickt. Aber da muss er durch.

Die Modetipps aus dem Kolosserbrief fasst der Autor in dem Satz zusammen: „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ Damit ist zweierlei gemeint, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Einerseits das gute Verhältnis zu den Mitmenschen, von dem zuvor die Rede war, also Freundlichkeit, Geduld und Vergebung. So gelingt euer Leben. Andererseits und vor allem aber geht es um die Liebe, mit der Gott euch liebt und die die Quelle aller Liebe und alles Gelingens ist.


Den Kolosserbrief zitiere ich nach der Luther-Bibel (1984), „Des Kaisers neue Kleider“ nach: Hans Christian Andersen, Die schönsten Märchen. Aus dem Dänischen von Mathilde Mann. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Ulrich Sonnenberg; Frankfurt a.M. und Leipzig 2000, S.87-93.
 

Predigt zu Kolosser 3,1-4 von Rudolf Rengstorf

Predigt zu Kolosser 3,1-4 von Rudolf Rengstorf
3,1-4

Liebe Gemeinde!

Zwei Nachtgottesdienste feiern wir im Jahr. Zur Christnacht  lädt volles Glockengeläut. Die aus dem Dunkel kommende Gemeinde wird vom warmen Glanz des Christbaums empfangen. Und das hat seinen guten Grund. Weihnachten kommen wir  nach Hause – dahin, wo wir Kinder waren und es immer noch sind als Töchter und Söhne Gottes.

Ganz anders ist das in der Osternacht. Die Nacht draußen  herrscht auch drinnen in der Kirche. Kein Glockenton, kein Licht. Man stolpert eher hinein, hat Mühe, sich zurechtzufinden, Und unheimlich ist, was wir im Dunkeln zu hören bekommen. Sündenfall und Sintflut. Wir -  so wird uns auf die Seele gelegt - leben in einer Welt, die sich von Gott entfernt hat und in der Menschen im Dunkel von Hunger und Kriegen, von Seuchen, unheilbaren Krankheiten verschwinden. Und Gott? Er lässt noch etwas spüren von seiner fürsorglichen Schöpfermacht im Wechsel von Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Kein Wunder, dass viele Mensche sich - wenn irgendwo - dann in der Natur mit Gott verbunden fühlen im Ahnen einer höheren Macht, die das alles in Gang hält und durchwaltet. Andere sehen in dem großen Kreislauf von Werden und Vergehen Gesetzmäßigkeiten, die jeden göttlichen Zauber verloren haben.

Doch egal wie wir zur Natur stehen - das Geheimnis des Menschen vermag sie uns nicht zu entschlüsseln. So gewiss wir für eine Zeitlang an dem Kreislauf von Werden und Vergehen teilnehmen, den Frühling, die Sonne, die länger werdenden Tage genießen, so gewiss fallen wir da auch raus. Weil so vieles unumkehrbar, endgültig, nicht wiederholbar ist bei uns. Und am Ende gilt das für unser Leben als ganzes. Es endet unwiederholbar  im Tod. Undurchdringliches Dunkel kommt auf uns zu und umfängt uns oft genug schon mitten im Leben. Ein Dunkel, auf das kein Sonnenaufgang folgt; eine Aussichtslosigkeit, die uns niemand zu erhellen vermag, weil jeder – auch der Gescheiteste - dem Abbruch des Lebens hilflos ausgesetzt ist.

Und doch erleben wir in der Osternacht, wie das Dunkel immer mehr erhellt wird. Nicht weil draußen die Sonne aufgeht, sondern weil mitten in der Nacht sich ein Licht verbreitet, das  Christus heißt.  Denn er, der das Dunkel unseres Todes geteilt hat, ist da nicht verschwunden. Er hat den Tod hinter sich gelassen und  ist mit unglaublicher Lebenskraft zurückgekehrt  in Worten und Geschichten, die da nicht irgendwo im Dunkel hängenbleiben wie  die Verheißungen, die wir vorhin ja auch gehört haben. Nein. Seine Worte und Geschichten  bekommen immer von neuem Hand und Fuß, begegnen uns mit einer Anschaulichkeit, die keiner Erläuterung bedarf,  und prägen sich Herz und Gewissen  mit einer Dringlichkeit ein, der kaum zu entgehen ist.   So greift  sein Leben nach uns, zieht uns mitten in der Todeswelt in die Auferstehung. Deshalb  blieb  das Licht, das Christus heißt, nicht für sich, sondern es hat sich  über und mit uns in der ganzen Kirche verbreitet. Was  das für unser Leben heißt, nach welchen Konsequenzen das ruft, macht die Epistel für die Osternacht deutlich: 

Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist,
sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem,
was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in
Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch
offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.

„Sucht, was droben ist“ Nein,  nicht ein Wolkenkuckucksheim,  nicht den Himmel, den wir  nach Heinrich Heine den Spatzen und Pfaffen überlasen sollen, weil er nur über das irdische Elend hinwegzutrösten sucht. Nein, droben ist, wo Christus ist.  Er ist droben, weil er  mit seinen Worten und Geschichten eine Welt erschlossen hat, die herauszieht aus dem,was uns auf dem Boden der Tatsachen halten .will.  Wo man auf  das pocht, was ist und vermeintlich immer schon war und auch in Zukunft… Nein, da bleibt es eben nicht. Doch  das verschweigen die  so selbstgewissen Realisten.  Auf diesem Boden der Tatsachen hat man sich damit abzufinden, dass Gesundheit  und Vermögen die Hauptsache im Leben sind und alles dafür getan werden muss, dass es auch dabei bleibt. Die Erhaltung des  status quo und der Besitzstände wird auf dem Boden der Tatsachen groß geschrieben. Und in der Kirche  ist das nicht anders. Dass die Volkskirche an Boden verliert, wird mit Sorge verfolgt. Kollekten werden in zunehmendem Maß für die Erhaltung des kirchlichen Betriebs verwendet. Mit diesem Trachten nach dem, was auf Erden ist,  landen wir automatisch immer bei uns selbst. Erst  wir und unsere Interessen. Erst die eigene Gemeinde, und dann mag anderes in Betracht kommen. Erst Deutschland und Europa, erst Abendmland und Christentum. Ja, sind wir denn von allen guten Geistern verlassen? Merken wir nicht, dass  wir Gott so zum lokalen Götzen machen, dem es  egal ist, wenn der größte Teil der Welt und der Menschheit zum Teufel geht?

Nein, wir gehören zu Christus und lassen uns leiten von seinem Leben, dem der Tod nichts  anhaben kann.  Wir wissen, dass wir der Vergänglichkeit nicht entgehen, klammern uns nicht an  die Güter dieser Welt. Im Grund ist das alles  für uns schon gestorben. Denn wir lassen uns immer von neuem von der Frage leiten: Was würde  Jesus jetzt tun? Nicht, was ist opportun, was verschafft mir den größten Vorteil, was rechnet sich? Das ist unter unserem Niveau. Denn wir halten uns an das, was Christus  sagt und lebt und  was er von uns erwartet.. .

Das ist mit Sicherheit  kein Patentrezept für ein  gelingendes Leben. Solange wir den Tod noch vor uns haben, sind  Misserfolge und Rückschläge programmiert. Über Stückwerk  kommen wir nie hinaus. Aber das Dennoch  des Lebens ist uns bei diesem Stückwerk anzumerken, weil wir den Zug haben zu denen, die in der Welt des Todes nichts gelten, aber von Christus ins Leben gerufen werden. Die Mühseligen und Beladenen  - und nicht nur die im eigenen Lande -  spielen bei uns immer eine Rolle. Nicht nur damit, dass wir keine Ruhe geben, in einem der reichsten Länder der Welt Solidarität einzuklagen. Und nicht nur damit, dass wir eine um ihren Bestand fürchtende Kirche daran erinnern, dass sie nur um der Barmherzigkeit willen lebt und sie aufhört, Kirche Christi zu sein, wenn  das nicht mehr ihr Kennzeichen ist. Auch in unserem persönlichen  Umgang und in unserer  privaten Haushalts- und Kontenführung werden die Mühseligen und Beladenen  einen geachteten Platz haben.

Ein solches auf  Christus ausgerichtetes Leben ist in seiner Ganzheit, seiner Schönheit und Vollkommenheit noch verborgen. Wie die Herrlichkeit  Christi noch verborgen ist. Auf die aber alle Welt und Kreatur wartet,  dass sie Himmel und Erde neu und so werden lässt, wie Gott sie  gewollt hat. In unsern Herzen  aber leuchtet das Leben des Auferstandenen  schon, und das  bleibt nicht ohne Folgen! Amen. 

Perikope
26.03.2016
3,1-4

Erwartung und Gewißheit - Predigt zu Kolosser 3,1-4 von Matthias Wolfes

Erwartung und Gewißheit - Predigt zu Kolosser 3,1-4 von Matthias Wolfes
3,1-4

Erwartung und Gewißheit

„Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit.“ (Übersetzung: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift, Stuttgart 1912) 

Liebe Gemeinde,

wir befinden uns in der „Osternacht“. Man kann sie die Nacht der Nächte im christlichen Kalender nennen; auf jeden Fall ist sei eine Nacht des Wachens und Betens, während man den Weg Jesu vom Kreuz zur Auferstehung bedenkt, seinen Gang vom Tod zum Leben. Es ist eine stille Nacht, wie ja überhaupt die Nacht keine Zeit der Unruhe sein soll.

Wir lesen und hören die Ostergeschichte, und das bedeutet: Der Blick ist nach vorne gerichtet. Wir richten unsere Erinnerung auf das Bevorstehende, auf das kommende Leben, und darin überwinden wir die Zeit der Passion.

Viele Worte sollen heute nicht gemacht werden; es ist, wie gesagt, eine stille Nacht. Wenn wir jetzt etwas zu sagen haben, dann tun wir es in der Hauptsache im Gebet, im Gesang und in der gemeinschaftlichen Antwort auf die Segenszusage.

„Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist [...].“ Das sei dabei unser Motiv. Zweierlei entnehmen wir ihm: Zum einen die fast schon lapidar anmutende Mitteilung, daß wir „nun“ mit Christo auferstanden seien. Zum anderen die Aufforderung, zu „suchen“, was „droben“ ist.

I.

Es ist leicht zu sehen, daß auch der erste Punkt einen fordernden Gehalt hat. Man kann es auch so sagen: „Wenn ihr nun also mit ihm auferstanden seid“ oder: „Sofern das der Fall ist, dann ...“. Wann aber sind wir denn mit Christus auferstanden? Was überhaupt das „Auferstanden sein“ – und zumal „mit Christus“ – bedeutet, wollen wir hier einmal als hinreichend klar unterstellen. Es meint die Überwindung des Todes, die Lösung aus den Banden des unlebendigen Lebens. Auferstanden im übertragenen Sinne ist derjenige, der zu einem „wahren Leben“ gefunden hat, christlich gesprochen: einem Leben mit Gott, eines aus Glauben.

Es handelt sich um einen Weg. Das Bild besagt: Du bist aufgebrochen in der Dunkelheit und findest nun zum Licht. Was das Dasein im ganzen ausmacht, das Gehen, Laufen und Hinstreben, gilt auch für alles, was mit der Erfüllung, dem Gelingen zu tun hat. Auch zum gelingenden Leben muß man gelangen. Zu einem solchen Leben aber, sagt der Text, findet ein Christ durch Christus. Denn er ist ihm auf diesem Weg vorangegangen; er ist es, der die Orientierung gibt.

In dieser Osternacht machen wir uns das besonders deutlich. Zwar sind wir uns dessen ja schon bewußt, daß auch für uns gilt, wir seien „mit Christo auferstanden“. Doch zugleich wissen wir, daß es dazu erst hat kommen müssen. Man kann wohl auch sagen: Es muß immer erst dazu kommen. Wir können uns nicht damit begnügen, uns selbst zu sagen, wir seien schon in jener Fülle, jener Erfülltheit, die uns eröffnet worden ist. Sondern unser Streben dahin dauert immer weiter an. Das Streben selbst ist es, um das es eigentlich geht.

Was wir wirklich haben, ist das Ziel. Davon, es sei bereits erreicht, spricht keiner. Und das kann auch nicht anders sein. Denn in dem Moment, in dem wir das behaupten wollten, hätten wir das Erreichte schon wieder verloren. Die Erwartung ist wichtiger als ihre Erfüllung. Die „Auferstehung“, von der der Kolosserbrief spricht und die uns zuteil geworden sein soll, ist das Auferstehen in ein Leben der Erwartung.

Nur die Erwartung kann den Tod überwinden. Erwartung ist die Haltung des Überwindens. Sie überwindet, indem sie darüber hinaus geht. Sie ist nicht an die Endlichkeit gebunden, und gerade darin ist sie gegründet. Erwartung ist die Grundhaltung des Seins aus und mit Gott. Christlicher Glaube ist Erwartung aus der Gewißheit. Er ist gewisse Erwartung und erwartende Gewißheit.

II.

Das führt nun zu dem zweiten, dem „Droben“. Es heißt in unserem Text: „Trachtet nach dem, was droben ist.“ Auch da muß man nicht lange herumraten, was gemeint ist. Der Gegensatz ist offen ausgesprochen. Wir wissen auch, wie viele Lebenswege verlaufen, die im Hiesigen festgehalten sind. Ein christliches Leben kann das nicht sein. Mit seinem „droben“ meint der Verfasser eine andere Orientierung, eine die um „Gut“ und „Nicht gut“, um „Richtig“ und „Nicht richtig“ weiß. Gewiß ist es oft nicht einfach, diese Unterscheidung wirklich anzuwenden, zumal man über die Folgen des eigenen Tuns keine volle Kontrolle hat. Aber so weit muß man auch nicht gehen. Es genügt, wenn man intuitiv entscheidet, wenn man sich von seinem Gewissen führen läßt.

Doch jene Forderung bezieht sich auch auf die Erwartung. Vieles, was wir erwarten, ist eigensüchtig, es ist verblendet, sieht die anderen nicht in ihrem Recht und verzerrt alles. Man muß auch sagen, daß es oft gar nicht am Platz ist, etwas zu erwarten; vielmehr soll man an der Sache, um die es geht, einfach arbeiten, fleißig und stetig, dann wird sie sich auch einstellen, ich brauche sie deshalb gar nicht „erwartet“ zu haben. Es ist unsinnig, eine gute Ehe, eine Freundschaft, ein gesichertes Leben oder einen guten Ruheplatz im Alter zu erwarten.

Die Erwartung, die uns heute nacht erfüllt, ist ganz anders. Es hängt nicht von uns selbst ab, ob und wie sie sich erfüllt. Diese Erwartung ist keine subjektive, sondern eine substantielle. Als substantielle Erwartung aber kann sie nicht enttäuscht werden. Sie hat ihre Erfüllung in sich selbst. Sie ist keine Erwartung, die auf Bestätigung aus wäre. Nicht das Eintreten oder Nicht-Eintreten eines Ereignisses, Geschehnisses oder Zustandes ist es, worauf sie bezogen ist, sondern das Überwinden als Überwinden selbst. Überwinden aber ist nicht Überwunden-Haben oder Überwinden-Werden, sondern es ist, was es ist. Glaube ist Überwinden, denn er ist Erwartung aus Gewißheit.

Überwinden ist schwer; die Hoffnung bewahren angesichts von etwas, das überwunden werden soll, noch schwerer. Wenn es wirklich eine Bewährungsprobe des Glaubens, des Vertrauens auf Gott, gibt, dann ist sie hier: die Hoffnung zu bewahren, auch wenn alles dagegen spricht. Zu hoffen gegen den Anschein der Wirklichkeit, das ist das Wesen des Glaubens.

Worauf zu hoffen ist, das kann uns auch wieder nur unsere eigene innere Stimme sagen. Der neutestamentliche Text nennt es offenbares Leben oder auch „Herrlichkeit“. Das muß man in sein eigenes Leben übersetzen. Es kann das erneute Zusammenkommen mit einem geliebten Menschen sein (jenseits der Zeit), die Wiedergewinnung körperlicher Kraft und Integrität, es kann sich überhaupt auf einen anderen beziehen und gar nicht mich meinen. Jedes Leben und jede Lebenslage führt zu einer anderen Wahrheit des Hoffens. Allem gemeinsam aber ist das Überwinden. Überwinden ist Festhalten der Hoffnung; und festgehaltene Hoffnung ist der Glaube selbst.

Amen.

Perikope
26.03.2016
3,1-4

Predigt zu Kolosser 2, 3 von Henning Kiene

Predigt zu Kolosser 2, 3 von Henning Kiene
2,3

In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.

Kolosser 2,3

„Da ging die Angel auf den Grund, tief, tief hinab, und wie er sie heraufholte, da zog er einen großen Butt heraus. – So beginnt das Märchen vom Fischer un sin Frau – Und der Butt sagte zu ihm: „Höre, Fischer, ich bitte dich, lass mich leben, … und lass mich schwimmen!“[1] Weiter geht es so: Der Fischer schenkt dem Fisch die Freiheit. Zuhause aber erzählt er seiner Frau von dem sprechenden Butt. „Hast du dir denn nichts gewünscht?“, fragt sie erstaunt. „Nein“, antwortet der Mann, „was sollte ich mir denn wünschen?“ „Ach“, sagt die Frau, „es ist doch übel, hier immer auf dem alten Pott zu wohnen; du hättest uns doch eine kleine Hütte wünschen können.“ Da geht der Fischer zum Meer zurück, ruft den Fisch herbei, sagt etwas von einer „kleinen Hütte“.

Zurück zuhause sitzt seine Frau bereits nicht mehr vor dem alten Pott, sondern vor einer hübschen kleinen, sauberen Hütte. Doch, die ist nach einigen Tagen zu eng. Der Fischer geht wieder zum Butt und als er das Wort „Schloss“ sagt, ist auch dieser Wunsch schon erfüllt.

Nun geht es los: Schloss zu klein, König muss es sein, König zu wenig, Kaiser wäre gerade gut genug. Doch auch das Schloss aus – wie es heißt -  „poliertem Marmelstein mit alabasternen Figuren“ reicht nicht. Schließlich tritt der Fischer an das Meer, das wild tost, er ruft den Butt und spricht es aus: „… sein wie Gott.“ „Geh nur hin, sie sitzt schon wieder in dem alten Pott.“ So schließt das Märchen. Er kam nach Hause: Kein Palast, es ist der der „alte Pott“, vor dem die beiden heute Platz nehmen.

I. Die Grenzen des Wachstums

Man kann heute nüchtern feststellen: Es gibt eine Grenze, wird die überschritten, verkehrt sich das, was wir unter dem Begriff Wachstum fassen, in sein Gegenteil. Es gibt für niemanden ein: Immer höher, immer weiter, immer mehr, immer schneller. Viele von uns leiden genau daran: Dass wir Aufgaben sehen, uns Ziele setzen lassen oder selber setzen, die zu erreichen dann aber immer mehr und mehr Anstrengung von uns verlangt. Die Geburtsgeschichte Jesu ist wie ein Kommentar auf diese sich immer weiter nach oben drehende Wachtumsspirale: An Schlichtheit ist der Stall in Bethlehem nicht zu überbieten. So ist Gott am Heiligabend, sein Wort zeichnet einen Kontrast zu vielem, was wir sonst von uns selbst verlangen und abfordern. Ein befreundeter Pastor, der in der damaligen DDR zur Friedensbewegung gehörte, der mit viel anderen Weggefährten tatsächlich die Welt verändert hat, sagt: „Meine Arme sind dann doch zu kurz“. Jeder gute Wille, jede gute Tat, jedes Streben nach Höherem, auch das religiöse Streben nach tieferer, geistlicher Erkenntnis, birgt die Gefahr eines „sich selbst Verzehrens“ in sich. Das zeigt die Krippe: Wenn Gott in diesem Stall seine Gegenwart bei uns anmeldet, dann ist das für Menschen, die meinen immer neues Wachstum, ein Mehr und Mehr zu brauchen, wie eine Befreiung. Du musst nicht nach dem, was nicht erreichbar sein wird, greifen, deine wahre Mitte liegt in dem Feld, in dem es bescheidener zugeht, als du denkst. Es gibt eine „Ethik des Genug“, die wird mit Weihnachten ins Bild gesetzt.

II. Wunsch tatsächlich erfüllt

Man kann das Märchen also auch ganz anders lesen, als ich es bis heute immer verstanden habe. Man kann sagen: Der Butt hat den letzten Wunsch des Fischers und seiner Frau tatsächlich erfüllt. Denn: „Sein wollen wie Gott“ führt uns heute direkt an die Krippe nach Bethlehem. Es ist keine Strafe, die über den Fischer und seine Frau verhängt wird, und dieses „immer mehr haben wollen“ wird nicht bestraft, sondern der Wunsch der beiden Fischersleute wird ohne Umschweife erfüllt. Das ist zunächst eine schockierende Einsicht: Es wirkt wie ein Sturz aus der Marmorwelt, in der alles glänzt und kein Staubkörnchen herumliegt, in die Welt des Stalles von Bethlehem hinein, Landung zwischen Schafen, Hirten und einer kleinen Familie. Wie heute: In den letzten Wochen habe ich den Trubel in der Innenstadt geliebt, die Lichter, den riesigen Weihnachtsbaum im Hauptbahnhof von Berlin habe ich bestaunt. Aber ich weiß: Da, wo der Herzschlag der Geschichte zu spüren ist, und dem Gemüt von innen her warm wird, steht kein Palast, von dessen Marmorboden jeder Schritt durch lange Saalfluchten hallt. Gott schafft sein Zuhause in einem heimlichen Winkel, auch in meinem Herzen. Da wo ich spüre, wie mein Leben eigentlich gemeint ist, nicht meine Arbeit, nicht der mühsam errungene Erfolg unserer Kinder in der Schule, in Klausuren die Zensuren zusammengeschrieben, sondern in dem Wissen: Ich bin als Mensch gemeint. Viele Menschen sind vom Tempo, vom Erfolgsdruck, der auf ihnen lastet, vom mehr sein und mehr haben wollen, überfordert. Weihnachten sagt: Hier ist wieder ein Platz geschaffen, der ist einfach, aber er bietet dir genau das, was du brauchst. Es geht um Nähe, es geht um ein wenig Freundlichkeit, es geht um die Menschen, die eine Heimat suchen, einen Ort, an dem sie auch innerlich zur Ruhe kommen können.

Darum ist Weihnachten so heilig: Es ist nicht weit weg, es kommt extrem – manchmal auch zu – nah an einen heran. „Gott will im Dunkel wohnen / und hat es doch erhellt. / Als wollte er belohnen, / so richtet er die Welt.“[2] Dichtet Jochen Klepper und weiß die Richtung des Weihnachtsfestes zu deuten. Das ist das, was den christlichen Glauben von den Gedankengebäuden dieser Welt unterscheidet: Christlichkeit ist nur da original, wo sie sich an diesem Kind und dieser Krippe messen lässt.

Gottes Wort setzt mit leisen Tönen, die oft zart besaiteten Seelen von uns Menschen in Schwingung. Das ist eine Art Grundkonzept für diese Festtage: Es reicht sehr wenig, damit es einem warm wird um das Herz. Ich sehe diese kleine Familie, Mutter und Vater, stelle mir vor, wie beide, noch ungeübt im Umgang mit ihrem Neugeborenen, nachts auf dessen Atem lauschen. Wie viele junge Eltern, können sie vor lauter Herzklopfen kaum schlafen. Dann kommen die Hirten: Harte Schale nach außen, aber angesichts der Engel und des Kindes: Dünnhäutige Kerle. Da schwingt eine Menschlichkeit durch diese Geschichte, die viele Menschen Gott so ohne weiteres nicht zutrauen würden. Er bezieht an den schlicht ausgestatteten Orten unseres Lebens Heimat. Ich denke, wir werden uns überraschen lassen, wo wir in diesem Christfest unseren Platz finden. Ich gehe davon aus, dass jede und jeder von uns seinen Ort findet. „Sein wollen wie Gott“, macht uns zu Zeugen des Stalls von Bethlehem.



[2][2] Evangelisches Gesangbuch Lied 16, 5

 

Perikope
24.12.2013
2,3

Predigt zu Kolosser 2,2b.3.9.10 von Helmut Dopffel

Predigt zu Kolosser 2,2b.3.9.10 von Helmut Dopffel
2,2b.3.9.10

Liebe Gemeinde,

in jedem von uns steckt ein kleiner Schatzsucher. In mir wenigstens. Deshalb begeistern mich Filmfiguren wie Indiana Jones, oder Geschichten wie die von Ali Baba und den vierzig Räubern. Und manchmal, wenn ich einen Regenbogen sehe, dieses bunte, schwebende, zarte Tor in den Wolken, dann rührt sich plötzlich das Kind in mir und denkt: Vielleicht??? Vielleicht ist da doch am Ende des Regenbogens, wo er die Erde zu berühren scheint, ein Schatz verborgen – sollte ich mich nicht auf die Suche machen? Denn wenn ich diesen Schatz finde, dann bin ich glücklich. Dann bin ich am Ziel. Dann ist alles gut. Und natürlich weiß der Erwachsene, dass es diesen Schatz nicht gibt. Leider!
Wenn wir Geschenke einpacken, wie gestern und vorgestern und in den Tagen und Wochen davor, und sie dann heute Abend auspacken, dann ist das doch auch wie eine klitzekleine Schatzsuche, es liegen verborgene Schätze unterm Baum, und vielleicht ist da ja ein wirklicher Schatz darunter. Damit meine ich nicht das was teuer ist, sondern ein Geschenk das sagt: Ich kenne und ich liebe dich. Das ist doch der eigentliche Schatz, und wenn Weihnachten glückt, und das wünsche ich Ihnen allen, dann doch vor allem wenn diese Botschaft uns erreicht, und unsere Botschaft andere: Ich kenne und ich liebe dich. Du bist mein Schatz. Wo Schatz, da Herz, heißt es in der Bibel lapidar.

Die Weihnachtsgeschichte ist auch ein Schatz. Ein Zauber geht von ihr aus, bis heute. Es ist ja eine rührende Geschichte, die sogar das Stadtbild verwandelt und die Lieder und die Herzen. Da liegt ein Kindlein, es lacht und schreit und trinkt und macht die Windeln voll und wird versorgt. Es ist so wie wir es alle kennen, ja noch ein bisschen ärmlicher und bescheidener und prekärer als wir es üblicherweise kennen. Eigentlich ein armer Wicht. Und zugleich sind in diese Geschichte große und heilige Dinge hineingewoben, wie Goldfäden: ein wandernder Stern und Engel und himmlische Musik und eine göttliche Botschaft: Euch ist heute der Heiland geboren.
Eine Idylle! Nur eine Idylle? Dann wäre der Schatz leer und die schöne Geschichte am Ende doch nur eine Lüge?

„Das Geheimnis Gottes ist Christus, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis…Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr Teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.“

Das wird im Neuen Testament, im Brief an die Kolosser, über dieses Kindlein im Stall geschrieben. Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, ja die Fülle der Gottheit sind in diesem Kindlein verborgen.

Weisheit und Erkenntnis und göttlicher Überfluss: Diese göttlichen Schätze bleiben nicht fern im Himmel, sondern sie sind da, sie sind für uns da, in diesem Kindlein, in diesem Menschen Jesus. Ich gestehe, dass ich nicht wirklich fassen und sagen kann, was das meint. Jeder und jede von uns würde es wohl auch unterschiedlich sagen. Weisheit und Erkenntnis und göttlicher Überfluss: Das ist alles, was wir brauchen, was uns erfüllt, und mehr als das. Es gibt kein Mehr und kein Danach. Glück, könnte man sagen, das große Glück. Die Liebe, könnte man sagen, die große Liebe die nichts mehr zu wünschen lässt. Es geht um das Erkennen, den Augenblick, in dem ich verstehe und die Welt ganz durchsichtig wird und mich diese Erfahrung ganz und gar erfüllt. Es geht um den Ort, wo wir zuhause sind, an dem alles Heimat und selbstverständlich ist. Es geht um das, was unser Herz zur Ruhe bringt, nicht zur erschöpften, tödlichen Ruhe, sondern zur erfüllten Ruhe. Wir dürfen sein. „Alles gut“, sagen wir manchmal. Es ist alles da. Der Tisch ist gedeckt. Und es sind alle da. Denn diese Weisheit und Erkenntnis und dieser Überfluss muss allen gelten, sonst ist es weder göttlich noch Überfluss, und diesen Überfluss können wir nicht nur für uns alleine haben und halten und beanspruchen. Kein Kind muss mehr erschrocken schreien, keiner von uns wacht mehr frühmorgens schweißgebadet aus einem Alptraum. „Alles gut“. Gott ist da. In ihm, dem Kindlein. In Jesus. In Christus. In ihm wohnt die Fülle der Gottheit. Gott wird Mensch. Alles gut, alles da, alle da.

„Das Geheimnis Gottes ist Christus, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis…Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr Teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.“

Alles gut. Alles da. Alle da. Und alles ist uns geschenkt und kommt uns zugute und dieser Erde. Wir müssen uns nichts mehr beweisen. Die Parole und den Lebensstil von „Jeder ist seines Glückes Schmied“ können wir getrost beerdigen, gleich heute, hier und jetzt. Das ist nur noch lächerlich. - Wir müssen nicht immer mehr haben. Die Parole und den Lebensstil von „Geiz ist geil“ können wir getrost beerdigen. Gleich heute, hier und jetzt. Das ist nur noch lächerlich. - Wir müssen nicht ängstlich hüten was wir haben. Die Parole und den Lebensstil von „Jeder ist sich selbst der oder die Nächste“ können wir getrost beerdigen, gleich heute, hier und jetzt. Das ist nur noch lächerlich. Wir müssen uns nicht klein machen vor uns selbst oder vor den großen Herren oder gar vor einem großen eingebildeten Gott, denn Gott hat sich selbst für uns klein gemacht; wir müssen uns nicht großmachen, schon gar kein Superstar sein wollen, um es uns und anderen zu beweisen, denn Gott hat uns schon großgemacht. Um die Schätze Gottes in Händen zu haben, seine Weisheit im Geist und seine Erkenntnis in der Seele, um das Geheimnis Gottes anzuschauen und selig zu sein braucht es keine Anstrengung, müssen wir nicht Gutes tun und besonders vorbildlich und moralisch leben, müssen wir keine Vorschriften einhalten, keinen Weg der Erleuchtung suchen, keine spirituellen Übungen veranstalten, keine geheimen Erkenntnisse erwerben, uns in irgendwelche höheren Sphären hinaufschwingen oder in heilige Stimmungen versetzen. Gottes Geheimnis liegt nicht in uns, nicht in unseren Taten, nicht in unserer Gesinnung, nicht in unseren Gedanken. Gottes Geheimnis und Gottes Überfluss ist aber auch nicht fern und weit oben. Es liegt in der Krippe. Alles da, alle da, und alles gut.
Und unsere Traurigkeit und Einsamkeit, unsere leeren Hände, die Gefühle mit denen wir nicht fertig werden, unsere Schuld, unsere Ohnmacht und unsere Nacht? All das wird nicht einfach verschwinden aus unserem Leben an Weihnachten, und vielleicht sticht und schmerzt es an Weihnachten sogar besonders und ist kaum auszuhalten. Aber genauso wenig wie wir irgendwie besonders ein müssen um Gott nahe zu sein und seine Fülle und Erkenntnis und Weisheit und alle seine Schätze zu empfangen, genauso wenig kann unsere Nacht uns von Gott trennen oder fernhalten. Denn gerade hierher, in unsere Nacht, ist er doch gekommen. Wir sind von ihm umfangen und geliebt und geschützt. Ich kenne dich und ich liebe dich: dieses Geschenk macht er uns gerade in unseren dunklen Stunden. Deshalb: Hab keine Angst. Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt.

Friede auf Erden, so nenne es die Engel. Und Frieden ist in der Bibel wieder so ein großes Wort, das nicht nur meint, dass kein Krieg mehr sein wird, keine Drohnenangriffe in der Nacht, und keine Gewalt und Bombenexplosionen, und keine verhungernden Kinder und keine ertrunkenen Flüchtlinge, und auch kein Familienstreit mehr und Worte die in der Seele weh tun. Sondern Frieden auf Erden heißt: Alles da, alle da, alles gut. Dieser Friede kann dann in etwas ganz Kleinem aufleuchten, im Gesicht etwa von Luan und Annie. Sie haben Luan und Annie in den letzten Wochen gesehen auf den Plakaten der Welthungerhilfe, und da steht: Luan ist nur noch vor dem Essen hungrig. – Für Annie ist Wasser eine klare Sache. Alles da, alle da, alles gut? Natürlich nicht, natürlich muss da noch viel folgen und geschehen. Und doch, wenn wir Annie und Luan anschauen: Sie halten einen göttlichen Schatz in Händen, der ihnen geschenkt wurde. Das ist Frieden in diesem Augenblick. Alles gut. Alles da. Alle da.

„Das Geheimnis Gottes ist Christus, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis…Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr Teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.“

Das Geheimnis Gottes in diesem Kind? Das Geheimnis des großen, mächtigen, heiligen, vollkommenen Gottes – in diesem Kind?
Das Kind in der Krippe wird erwachsen werden. Und es wird Geschichten erzählen und Menschen heilen. Es sind Geschichten von Lilien und Ölbäumen, von Frauen im Haushalt und am Brunnen, von Vätern und Söhnen. Und er wird die Menschen heil machen, die ihm vertrauen, Frauen und Männer und Kinder, Römer und Juden und Samaritaner. Keine Machtgeschichten erzählt er, sondern fürsorgliche, achtsame Geschichten. Keine Machtgeschichten werden über ihn erzählt, sondern heilsame Geschichten. Keine Macht? Hat er nicht riesige Spuren hinterlassen in der Weltgeschichte und in unserer Kultur? Gewinnt und bewegt er nicht Menschenherzen bis heute, lässt Menschen sich aufopfern für andere und im Leben und Sterben ihm vertrauen. Hat er uns nicht Gott ganz nahe gebracht: Unser Vater im Himmel. Ist das keine Macht? Es ist aber eine ganz andere Macht als die der Stiefel und Panzer, des Geldes und des Rechts, und auch eine andere Macht als die der Moral. Der, der das Geheimnis Gottes ist und in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt, ist anders groß und mächtig als wir es sonst erfahren und womit wir rechnen; er ist anders groß und mächtig und heilig und vollkommen als wir uns üblicherweise Gott vorstellen. Gott ist anders, und seine Macht ist anders. Auch das ist schwer zu fassen. Zurecht nennt es der Kolosserbrief ein Geheimnis. Wenn wir versuchen, das Geheimnis zu umschreiben, dann ist „Macht der Liebe“ kein schlechter Versuch, und doch viel zu wenig. „Macht des Geistes“ sagt es auch nicht schlecht, aber ist auch noch viel zu wenig. Wenn wir das verstehen wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig als diesem Kind zu begegnen, es anzusehen und zu glauben: So klein ist Gott groß. So ohnmächtig ist Gott mächtig. So gewöhnlich ist Gott heilig. So bedürftig ist Gott vollkommen. Am Ende bleibt nur Er. Der Name. Und dann ist alles wieder ganz einfach.
Das übersteigt alles, was wir fassen und sagen können. Am besten sagen wir es, wenn wir singen.
Also singen wir.
Amen

(Vorschlag: EG 23 Gelobet seist du, Jesu Christ)
 

Perikope
24.12.2013
2,2b.3.9.10

Predigt zu Kolosser 2,3-10 von Sven Evers

Predigt zu Kolosser 2,3-10 von Sven Evers
2,3-10

Vorbemerkung:
Zwei Dinge möchte ich mit den folgenden Zeilen versuchen.
Zum einen möchte ich die Verse aus dem Kolosserbrief ihrem Geiste und nicht notwendigerweise der Reihenfolge der Buchstaben nach verstehen. Daher die ein oder andere Umstellung im Text.
Zum anderen möchte ich den Text gerne ein wenig „weihnachtlich“ einkleiden. Das Lied „Ich steh an Deiner Krippen hier“ schien mir dazu einen geeigneten Rahmen zu bieten. Die „Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“, die „Fülle der Gottheit“ – genau das beschreibt ja, so verstehe ich es, Paul Gerhard in seinem Lied.
Ob die Zusammenstellung beider Texte, ob ihre Auslegung oder allein schon ihre weihnachtliche Einkleidung gelungen ist, vermag ich selber nicht zu beurteilen – aber vielleicht hilft ja selbst das, was nicht gelungen ist, anderen einen gangbareren Weg zu finden.
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Ich steh an Deiner Krippen hier, o Jesu, Du mein Leben!
Meine ich das so? Daß ich hier stehe – klar, das meine ich so.
Aber Jesus, mein Leben?
Was ist denn mein Leben?
In den vergangen Tagen der Weihnachtsvorbereitungen.
Habe ich da gelebt?
Wurde ich da gelebt?
Im vergangen Jahr, das Wünsche brachte und Träume, aber auch Enttäuschungen und Scheitern. Abschiede und Neubeginn.

Nun stehe ich an Deiner Krippen hier. Du, Jesus, mein Leben.
Mein Leben. Ich muss es nur ergreifen.
Traue ich mich?
Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis – hier in der Krippe.
Greife ich zu?
Hier vor der Krippe – oder greife ich anderswo zu?

Aber was, wenn ich zugreife und dann später – vielleicht zu spät? – feststelle, da nicht Leben war, was ich für Leben gehalten habe? Wenn ich mich täuschen lasse von so vielem, was mir immer wieder als Leben vorgegaukelt wird...

Es gibt ja so viele, die vorgeben zu wissen, was im Leben wichtig ist. „Glück ist planbar“ – ein Werbespruch einer Bank vor einiger Zeit. Gut, ich habe ein Bankkonto. Ich habe sogar einen Riester-Vertrag. Aber macht mich das glücklich? Ist Glück nicht ohnehin nur der Augenblick, der meist schon vorbei ist, bevor ich ihn überhaupt bewusst wahrnehme. Bist Du glücklich, während Du jetzt hier sitzt?

Es gibt ja so viele, die vorgeben zu wissen, was im Leben wichtig ist. Karriere, Zukunftsplanung, Gesundheit, Fitness, Schönheit, was weiß ich. Aber kaum habe ich mal erreicht, was man mir als Leben verspricht, da hat die Mode sich geändert, oder ich stelle fest, daß es doch nicht zu mir passt, mich mehr leben lassen von der Diktatur des „man“ als daß ich selber lebe...

Es gibt ja so viele, die vorgeben zu wissen, was im Leben wichtig ist. Ja, auch in der Kirche übrigens. Ich höre sie bildhaft vor mir, wenn man denn in Bildern hören kann, die Moralisten und die Alleswisser und die Heilsegoisten und die Sich-Selbst-für-Gott-Halter, die Gott-besser-als-er-selbst-Verstehe.

Doch andererseits: wenn um mich herum alles im Fluss ist; wenn heute dies und morgen jenes im Leben wichtig scheint, das Leben scheint – bräuchte es da nicht so etwas wie einen festen Anker, an dem ich mich halten kann inmitten der Stürme des Lebens und dem Wabern des Zeitgeistes?
Was ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben? Was hält, wenn alles fällt? Was bleibt? Was könnte mich sagen lassen:

Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O daß mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, daß ich Dich möchte fassen.

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Ein Mann im Namen des Paulus an die Gemeinde in Kolossä. Gut, in manchen Dingen ein arg moralisches Schreiben, das äußerliches Verhalten mit dem rechten Glauben zu verwechseln droht. Ein Schreiben, das gesellschaftliche Ungerechtigkeitsstrukturen eher zementiert als daß es sie in Frage stellt. Aber zugleich auch: Ein kämpferisches Schreiben.

8Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus.

Der Streit der vielen Lebens-Versprechungen – schon damals also. Der Wettbewerb der Weltanschauungen – schon damals. Und schon damals wahrscheinlich schon viele Menschen, die suchend und fragend, tastend und zweifelnd, mal begeistert, mal enttäuscht das Leben suchten und das, was wirklich trägt – im Leben und im Tod sozusagen.

6Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, angenommen habt, so lebt nun auch in ihm: 7verwurzelt in ihm und aufgebaut auf diesem Fundament, gefestigt im Glauben, so wie ihr unterrichtet worden seid, und voller Dankbarkeit. (Zürcher Übersetzung)

Wie gerne wäre ich das doch: fest verwurzelt. Was fest verwurzelt ist, das kann ja so leicht nichts ausreißen. Was fest verwurzelt ist, das kann sicher gegründet in den Himmel wachsen. Naja, in den Himmel vielleicht nicht gerade, aber es kann wachsen und blühen und selbst in Sturm und Hagel und Regen und Schnee geht es nicht unter. Es mag das ein oder andere Blatt ausreißen. Es mag der ein oder andere Ast abknicken. Es mag braun und unansehnlich werden. Aber es hat Kraft. Es wird wieder wachsen. Es wird wieder blühen.

Und nun spricht der Autor des Kolosserbriefes mich einfach so als jemanden an, der Christus angenommen hat. Woher weiß er das eigentlich? Woher weiß er, daß jene, die seine Worte damals gelesen haben, Christus angenommen haben? Er weiß es natürlich nicht. Aber er geht davon aus. Er stellt es nicht in Frage. Er spricht Gemeinde als Gemeinde Christi an. Er spricht den Zweifelnden als Glaubenden an; den Fragenden als Vertrauenden, den Verzagten als Hoffenden, den Fremden als Bruder oder Schwester in Christus. Ach, gingen wir doch auch in unserer Kirche so miteinander um. Unterstellten wir doch nicht immer wieder den anderen, sie glaubten nicht richtig, sie vertrautet nicht recht, sondern sähen wir ihn ihnen doch trotz aller Andersheit Schwestern und Brüder. Aber ich schweife ab....

Ich will es wagen, mich auch von den Worten des Kolosserbriefes ansprechen zu lassen. Ich will einfach mal leben „als ob“ ich Christus angenommen hätte, selbst, wenn ich mir da vielleicht manchmal gar nicht so sicher bin. Ich will einfach mal versuchen zu leben oder zumindest doch mein Leben zu sehen, als sei das so, wie es da steht: Ich Jesus Christus den Herrn angenommen. Möchte einfach mal versuchen so zu leben, wie wir es gesungen haben:

Ich komme, bring und schenke Dir, was Du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass Dir’s wohlgefallen.

Wobei, der Autor des Kolosserbriefes ist schon realistisch: Mit einem einmaligen Annehmen ist es nicht getan. „Christus annehmen“ das heißt ja nicht: Einmal Ja und Amen sagen und dann ist alles gut. Das ist wohl immer wieder auch ein Kampf. Das ist wohl immer wieder auch die Frage, was denn das eigentlich bedeutet, in Christus zu leben, den ich angenommen habe. Das ist wohl immer wieder auch ein Streit zwischen dem Annehmen Christi und dem Annehmen all dessen, was im Leben sonst noch wichtig ist oder wichtig scheint und zumindest für wichtig gehalten wird.

Und schon wieder kommen mir Zweifel. Habe ich Christus angenommen? Natürlich: Ich bin Christ. Ich zahle Kirchensteuer. Ich verdiene sogar meinen Lebensunterhalt damit, daß ich von Jesus Christus erzählen darf.
Andererseits: Hängt denn, was Jesus Christus für mich tut, an meiner Annahme? Wäre dann nicht mein Leben doch wieder auf mich selbst gegründet? Wie kann, was Jesus für mich bedeutet, gegründet sein in meinem Glauben? Was, wenn ich eines Tages nach Unfall oder in Krankheit nicht mehr glauben kann, so wie ich heute glaube. Wenn mein Vertrauen nicht mehr rational ist oder verbalisierbar?

Und vor allem: Was nehme ich da eigentlich an, wenn ich Jesus Christus als Herrn annehme? Heißt Jesus Christus annehmen, daß ich die Bibel für ein vom Himmel gefallenes Buch zu halten habe? Daß ich mir Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts zu eigen machen muß, die ja in der Regel gemeint sind, wenn Menschen heute von der „christlichen“ Moral sprechen? Muß ich mir das Weltbild des ersten nachchristlichen Jahrhunderts zu eigen machen und die Welt verstehen als einen einzigen großen Kampfplatz zwischen Engeln und Dämonen? Damit täte ich mich, das muß ich ganz ehrlich sagen, doch mehr als schwer.

Also lese ich noch ein wenig weiter im Kolosserbrief.
Ich habe Christus angenommen – ok, das will ich mal als Ausgangspunkt nehmen.
Ich soll nun in ihm leben – auch das nehme ich gerne an und frage ja nur, was denn das konkret bedeutet.
Dann ist die Rede von dem Fundament und dem Glauben, in dem ich gefestigt bin, so wie ich in ihm unterrichtet wurde.
Aha, das ist doch schon mal etwas. Es braucht also den Unterricht, es braucht die Lehre vom Glauben, wenn ich in ihm ein festes Fundament haben solle. Das versteht sich ja nicht von selbst! Wie viele Menschen basteln sich ihren Glauben selber zusammen. Wie viele Menschen sagen mir, sie läsen zwar nicht in der Bibel, aber hielten sich natürlich an die zehn Gebote. Manchmal, je nach Tagesform, frage ich dann nach dem ersten.... In der Regel endet so ein Gespräch dann mit der Einigung darauf, daß weder ich noch mein Gesprächspartner bisher jemanden umgebracht haben, was dann – jetzt allerdings nur von meinem Gesprächspartner – aus Indiz hinreichender christlicher Gesinnung akzeptiert wird.
Aber es ist wohl wahr: ich werde kaum den Gott des Alten und des Neuen Testaments anzunehmen und gar zum Fundament meines Lebens zu machen in der Lage sein, wenn ich nicht dort lese, wo mir dieser Gott des Alten und des Neuen Testaments. Ich werde ja schließlich auch kaum Englisch lernen, wenn ich mich standhaft weigere, englische Bücher zu lesen oder mit Engländern zu sprechen; und auch nicht Schwimmen lernen, wenn ich darauf bestehe, nicht nass zu werden...

Aber jetzt bin ich doch neugierig – was ist denn nun der gelehrte Glaube, der mir Fundament sein will und in dem ich dankbar durchs Leben gehen darf, selbst – ja, denn das muß doch schon sein – selbst, wenn mir bestimmt in vielen Situationen gar nicht nach danken zu Mute ist? Noch einmal schlage ich den Kolosserbrief auf:

3In Christus liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (...) 9In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und in ihm, der das Haupt aller Macht und Gewalt ist, habt ihr teil an dieser Fülle. Mit Christus seid ihr begraben worden in der Taufe, und mit ihm seid ihr auch mitauferweckt worden durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. 13Euch, die ihr tot wart in euren Verfehlungen, im unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, euch hat er zusammen mit ihm lebendig gemacht, indem er uns alle Verfehlungen vergeben hat. 14Zerrissen hat er den Schuldschein, der aufgrund der Vereinbarungen gegen uns sprach und uns belastete. Er hat ihn aus dem Weg geräumt, indem er ihn ans Kreuz heftete. 15Die Mächte und Gewalten hat er ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt, ja im Triumphzug hat er sie mit sich geführt.

Die Fülle der Gottheit in dem Menschen Jesus! Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis! Sein Tod – ja, wir können selbst hier vor der Krippe nicht stehen, ohne die Geschichte des kleinen Kindes darin weiter zu denken – sein Tod nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang – umfangen von einem Leben, das Gott selber schenkt, das den Tod nicht mehr vor sich, sondern hinter sich hat. Ein neues Leben, das so anders ist als das, was wir Leben nennen, daß es ewiges Leben genannt zu werden verdient. Ein Leben, an dem wir im Hier und Jetzt schon Anteil haben können. In der Taufe gewissermaßen in den Tod Jesu hinein getauft, so daß wir – nicht erst irgendwann, sondern schon jetzt – Anteil haben können an dem neuen Leben des Auferweckten.

Wie sollte ich ein solches Leben nicht haben wollen!
Ein Leben, an dem ich jetzt schon Anteil haben darf, an der Zukunft, die Gott für unsere Welt bereitet.
Jetzt schon leben, als hätte ich den Tod hinter mir.

Ich lag in tiefster Todesnacht, Du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’, wie schön sind Deine Strahlen!

Jetzt schon ewiges Leben leben. Jetzt schon Reich Gottes leben: Mit dem Blick für die Armen und die Schwachen – weil ich gewiß sein darf, daß genau solch ein Handeln – es ist ja kein anderes als das Handeln Jesu – Zukunft hat, selbst, wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag.
Jetzt schon hoffen trotz allem, was im Leben und in der Welt immer wieder gegen die Hoffnung spricht.
Wie heißt es so schön in der Lima-Liturgie:

Mitten in Hunger und Krieg
feiern wir, was verheißen ist: Fülle und Frieden.
Mitten in Drangsal und Tyrannei
feiern wir, was verheißen ist: Hilfe und Freiheit.
Mitten in Zweifel und Verzweiflung
feiern wir, was verheißen ist: Glauben und Hoffnung.
Mitten in Furcht und Verrat
feiern wir, was verheißen ist: Freude und Treue.
Mitten in Hass und Tod
feiern wir was verheißen ist: Liebe und Leben.
Mitten in Sünde und Hinfälligkeit
feiern wir, was verheißen ist: Rettung und Neubeginn.
Mitten im Tod, der uns von allen Seiten umgibt,
feiern wir, was verheißen ist
durch den lebendigen Christus.

Ja, genau so leben – jetzt schon. Heute, morgen, jeden Tag. Trotz allem, was sonst beansprucht Leben zu sein. Trotz all dessen, was das Leben mir gibt und was es mir nimmt.
Weihnachtlich leben jeden Tag. Als stünde ich jeden Tag aufs Neue hier vor der Krippe.

Ob alles gut wird damit? Nein, ganz sicher nicht. Vielleicht erlebt sogar die Gottlosigkeit oder die Gottverlassenheit tiefer, wer auf Gott vertraut. Vielleicht zweifelt intensiver, wer glaubt. Vielleicht leidet intensiver, wer um die die Fülle des Lebens weiß.

Und doch möchte ich es wagen, jeden Augenblick im Vetrauen auf den Gott zu leben, der mir Leben in Fülle verspricht - verwurzelt in ihm und aufgebaut auf diesem Fundament, gefestigt im Glauben, so wie ich unterrichtet worden bin und immer wieder neu unterrichtet werde – aus den Schriften des Alten und des Neuen Testamentes, aus den Erzählungen und den Geschichte derer, die vor mir geglaubt haben, die mit mir glauben, die anders glauben als ich – und voller Dankbarkeit.
Dieses Leben, das hier in der Krippe vor mir liegt, das will ich ergreifen – trotz und angesichts allem, was ihm immer wieder entgegensteht oder entgegenzustehen scheint.
Was wäre das für ein Heiliger Abend, der nicht einfach nachher nach dem Gottesdienst zu Ende ginge, sondern weiter hinein in mein, in unser Leben...

Eins aber, hoff ich, wirst Du mir, mein Heiland, nicht versagen: daß ich Dich möge für und für in meinem Herzen tragen. So daß mich doch Dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein Dich und all Deine Freuden!

Amen.
 

Perikope
24.12.2013
2,3-10