KONFI-IMPULS zu Matthäus 6,25-34 von Christina Hirt
Konfi-Impuls zu Matthäus 6,25-34
Sorgen …
25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.
Worüber machen sich Teenager Sorgen? Hier einige Spontanantworten:
„Über gar nichts.“ „Dass ich den Stoff in der neuen Schule nicht schaffe.“ „Dass ich nicht genügend Geld habe.“ „Dass das Internet nicht geht.“
Die Fürsorge des himmlischen Vaters:
Jesus hebt die Fürsorge des himmlischen Vaters hervor. Sie ist in seiner Liebe gegründet.
Jugendliche erleben an vielen Stellen, dass für sie gesorgt wird (Ich bekomme zu essen, Taschengeld, meine Eltern machen Fahrdienste …). Eine weiterführende Frage wäre: Warum kümmern sich diese Menschen um mich?
Hier kann aber auch die Spannung zwischen Fürsorge und eigener Verantwortung aufgegriffen werden. Das Verhältnis von beidem zueinander ist gerade in der Pubertät oft ein schwieriger Balanceakt. So beschweren sich Jugendliche öfter über die Überbesorgtheit der Eltern. Und Eltern regen sich teilweise über die gechillte Haltung ihrer Kinder auf, die so sorglos (und planlos) in den Tag leben. Vielleicht bedingt sich ja auch beides gegenseitig?
Ich bin gefragt
Im Predigttext tauchen immer wieder Fragen auf. Methodisch könnte man die im Gottesdienst einbauen. Als Interviewfragen oder als roter Faden durch die einzelnen Predigtschritte. (Eine Vorbereitung im Unterricht wird wegen der Ferien nicht möglich sein).
Hier einige Antworten von Jugendlichen:
26 Meint ihr nicht, dass ihr ihm (Gott) viel wichtiger seid? „Doch, ich glaube, ich bin ihm wichtig!“ „Ich vertraue Gott bei allem, was ich mache. Das tun aber nicht alle.“
28 Weshalb macht ihr euch so viele Sorgen um eure Kleidung? „Weil manche Leute denken, dass Aussehen alles ist. Die Leuten schauen nicht auf die inneren Werte, sondern nur, ob man Markenkleidung hat oder schön aussieht.“ „Man sollte nicht so viel Kleidung kaufen, die man im Grund gar nicht braucht.“ „Menschen wollen immer mehr haben.“
30 Vertraut ihr Gott so wenig? „Man sollte Gott vertrauen, weil er begleitet uns auf unserem Weg und beschützt uns in brenzligen Situationen.“ „Ich vertraue ihm wenig.“
Die wichtigste Sorge
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Eine mögliche Übung für den Konfirmandenunterricht (vielleicht in etwas abgewandelter Form sogar für den Gottesdienst):
Die Jugendlichen müssen mit einem mit Wasser gefüllten Becher einen Parcours durchlaufen. Es darf möglichst kein Wasser verloren gehen. Wer hat am Ende das meiste Wasser übrig? Für eine zweite Runde wird die Aufgabenstellung verändert: Wieder müssen sie den Parcours mit dem Wasserbecher durchlaufen, aber jetzt zählt zusätzlich, wer das am schnellsten schafft. Die Beobachtung wird sein, dass die Aufmerksamkeit und Sorge anders gewichtet ist. Die „gerettete“ Wassermenge ist nicht mehr so entscheidend.
Daran kann sich ein Gespräch über Vers 33 anschließen. Jesus rückt die Alltagssorgen in einen größeren Zusammenhang. Sie werden für Christen kleiner, weil sich ihre Aufmerksamkeit und Energie auf etwas anderes richten soll: Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.
Darin haben Christen auch eine Fürsorgeaufgabe für diese Welt.
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Predigt zu Matthäus 6,25-34 von Gabriele Arnold
Liebe Gemeinde
Das war wohl der blumigste Sommer seit der Flower-Power-Bewegung in den 70er Jahren. Überall erblühten leuchtende Blumen. Auf T-Shirts und auf Röcken, auf Flip-Flops und Bikinis, auf Jeans und Handtaschen. Sogar vor Männerhemden machten die Blumen nicht halt. Blumen wohin das Auge auch sah. Die Mode hat entdeckt was wir brauchen: Blumen.
Erinnern Sie sich noch an die ersten warmen Stunden im Februar? Wie wir voller Freude an den Zäunen stehen geblieben sind und die Schneeglöckchen und Winterlinge in Nachbars Garten bestaunten - und vielleicht auch in unserem eigenen Garten? Und die langen warmen Sommerabende liegen gerade erst hinter uns. Wenn wir die Augen schließen, riechen wir vielleicht den Duft der Lilien und erinnern uns an die leuchtenden Nachtkerzen. Und auch jetzt im September sind unsere Gärten und Felder noch voller Sonnenblumen. Und die Astern verschwenden ihr rot und lila an uns. Soviel Schönheit und Farbe überall im Alltagseinerlei und grau. Ein Strauß Moosröschen auf dem Schreibtisch oder ein paar Wiesenblumen vom letzten Spaziergang auf dem Küchentisch oder eine Rose auf dem Nachttisch im Krankenhaus. All das tut uns gut. Und es ist so als wollten uns die Blumen eine Botschaft bringen. Leise und doch unüberhörbar.
Jesus verstand die Sprache der Blumen so wie er die Kinder verstand und die Einfaltspinsel dieser Welt. Im Predigttext haben wir es gehört: „Schaut die Lilien auf dem Feld an. Sie säen nicht, sie ernten nicht und unser himmlischer Vater versorgt sie doch.“
Na, mein lieber Herr Jesus, da machst du es dir aber einfach: Schau dir die Blumen an - mache ich ja. Nur ich habe Kinder die wollen studieren und brauchen dafür mein Geld. Und für das Haus in dem ich lebe, zahle ich noch viel Geld an die Bank. Außerdem habe ich eine alte Mutter, die andauernd auf Besuch wartet. Und einen Chef der Leistung sehen will. Dem sind die Moosröschen auf meinem Schreibtisch herzlich egal.
Tja, liebe Gemeinde, wie ist das nun? Mit den Blumen und den Sorgen? Wie naiv ist Jesus? Oder wie unverständig sind wir? Was meint Jesus mit dem Satz: "sorget nicht“? Weiß er nicht wie groß die Sorgen sein können? Weiß er nicht wie schlimm es ist, nachts nicht schlafen zu können aus lauter Angst vor der Mathe-Arbeit? Weiß er nicht wie bedrückend es ist, wieder und wieder nachzurechnen und zu merken das Geld wird nicht bis zum Monatsende reichen? Weiß er nicht wie lange eine Nacht ist wenn man spürt, dass einem die Liebe entgleitet? Und fällt ihm dann nichts Besseres ein als zu sagen „sorge dich nicht, schau auf die Blumen, die leben doch auch?“ Wie banal ist das denn?
Gott sei Dank ist Jesus nicht so banal – behaupte ich jedenfalls. Jesus ist nicht der, der singt „trink, trink Brüderlein trink, lass doch die Sorgen zu Hause“. Mit seinen Worten bezweifelt Jesus ja überhaupt nicht, dass wir Sorgen haben. Und er ist doch den Menschen nachgegangen und hat sie gefragt: Was brauchst du? Was soll ich für dich tun? Warum weinst du? Jesus sieht ganz genau wie wir dran sind und redet das nicht klein und lächerlich. Und er tadelt uns auch nicht oder bombardiert uns mit klugen Ratschlägen und Selbstverbesserungs-anweisungen nach dem zeitgenössischen Motto: In hundert Tagen sorgenfrei! Oder: Fit und gesund ohne Sorgen! Jesus lenkt unseren Blick auf einen anderen Zusammenhang. Vorsichtig und behutsam. Er zeigt uns etwas dass wir alle kennen: Groß und klein, klug oder dumm, alt oder jung. Jesus zeigt uns die Blumen und die Vögel und erinnert uns daran, dass diese Mitgeschöpfe aus Gottes Güte leben. Gott sorgt für sie – ganz einfach aber nicht banal. Von ergreifender Schlichtheit die jeder verstehen kann. Gott sorgt sich. Und wenn er für Blumen und Vögel sorgt, wieso sollte er dann nicht erst recht für uns sorgen? Das meint Jesus. Jesus meint, wir dürfen uns einfach ein paar Sorgen weniger machen weil Gott für uns sorgt. Immer wieder begegnen wir Menschen die allen Grund haben, sich zu sorgen. Im Moment denke ich da vor allem an die vielen, vielen Flüchtlinge die zu uns kommen. Gott will auch für sie sorgen und dazu braucht er unsere Hilfe. Ganz einfach. Menschen haben Angst, Menschen haben Hunger und Durst, Menschen brauchen ein Dach über den Kopf, eine Arbeit und eine Chance für ihre Kinder. Lassen Sie uns alles tun, damit Gott durch uns für diese Menschen sorgen kann. Ich weiß wohl, manchmal reicht unsere Hilfe nicht und es ist erbärmlich wenig, was wir tun können. Ja, wir können keine Berge versetzen. Aber das ist wirklich kein Grund nicht da anzufangen, wo wir etwas tun können. Und dann sind wir ganz nah bei Jesus, dann stehen wir neben ihm und dann beherzigen wir was er sagt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Packt das an, was euch vor die Hände und vor die Füße fällt. Lasst euer Herz berühren. Und dann wir euch der Rest zufallen. Dann werden eure eigenen Sorgen sich nicht zu Scheinriesen ausbauen, sondern sie werden auf das richtige Maß eingedampft. Es gibt nämlich nicht nur mich. Es gibt auch die rechts und links von mir und die brauchen jetzt vielleicht gerade mich. Und ihre Sorgen werden kleiner durch mich. Und mir hilft ein anderer. Ein Nachbar, ein Engel, der liebe Gott oder die Moosröschen auf dem Schreibtisch oder vielleicht sogar die bunten Blumen auf den letzten Sommer T-Shirts, die mir augenzwinkernd zuflüstern: Gott sorgt für dich – hab keine Angst.
Amen
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Glück des Glaubens und falsches Sorgen - Predigt zu Matthäus 6,25-34 von Michael Plathow
Glück des Glaubens und falsches Sorgen
1. Die Provokation
Liebe Gemeinde, Jesu Bergpredigt - und dieser Teil aus ihr - erweist sich immer wieder als Provokation für unser Zukunft-Planen und Zukunft-Verantworten. Mag dieser Predigtabschnitt aussteigenden Blumenkindern und naiver Schäferidylle genügen - dem nüchternen Alltag der Sorge um finanzielles Auskommen der eigenen Familie und des kommunalen Haushalts, des Ausbaus der regionalen Infrastruktur, der Vorsorge gegen eigenes Krankwerden, gegen Altersarmut für soziales Gesundheitswesen und Generationengerechtigkeit, auch für Nachhaltigkeitsstandarts, die allen gutes Leben in der einen Welt sichern und eigene Verhaltensänderung anzeigen wollen - all dem ist die Bergpredigt schlicht inakzeptabel: eine Provokation.
Auch die Beispiele der “Vögel unter dem Himmel”, der “Lilien” in ihrer Blütenpracht und des “Grases” mit seinem frischen Grün überzeugen nicht. Wir wissen, dass Eichhörnchen Nüsse und Hamster Getreidekörner sammeln zum Überleben, dass die “unverdrossne Bienenschar” mit Wachs verdeckelt die Honigzellen der Waben für die kalte Jahreszeit, dass Amseln und hier überwinternde Vögel vorsorgen, wie ja auch die Menschen Obst und Gemüse einwecken, Kartoffeln keltern, in Kühltruhen Fleisch und Fisch einfrieren, in Silos Getreide und in Tanks Benzin sammeln, dass wir zum Schutz bei Krankheiten und Unfälle Versicherungen eingehen. Das alles schliesst Vorausdenken und Vorausplanen für zukünftige Situationen und Lebensphasen ein.
Ja, dieser Abschnitt aus Jesu Bergpredigt erweist sich als Provokation für unser notwendiges, Not wendendes und verantwortliches Vorsorgen. Verbunden ist damit der hier von Jesus gegebene Hinweis auf die Grenze und Vergänglichkeit des In-der-Welt-seins, auf Nichtung und Tod alles Lebendigen: das Gras, das heute wächst und morgen verdorrt und weggeworfen oder entsorgt wird, woran die biblische Botschaft immer wieder als Beispiel verweist. “Wer vermag seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen?” Auch uns fragt Jesus: “Seid ihr denn nicht mehr als sie?” Das fordert unsere Antwort zum Mehrwert unseres Lebens heraus.
2. Richtiges und falsches Sorgen
Liebe Gemeinde, erinnern Sie sich? Goethe, Faust II, Szene “Mitternacht”: vier graue Weiber wollen Eingang in Faust´s Haus; sie repräsentieren Mangel, Schuld, Not und Sorge. Mangel, Schuld und Not vermögen nicht die Tür aufzusperren. Die Sorge spricht: “Ihr Schwestern, ihr könnt nicht, ihr dürft nicht hinein. Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein”. Ja, die Sorge und das Sorgen - als Verfassung menschlichen Daseins in der Welt hat M. Heidegger sie mit dem alten Mythos der cura-Fabel verdeutlicht und analysiert (M. Heidegger, Sein und Zeit, § 42). Sorge und Sorgen, das sind die am häufigsten vorkommenden Worte hier in diesem Teil der Bergpredigt. D. Bonhoeffer schrieb einmal. “Wir wollen durch Sorge sorglos werden und vermehren durch unsere Sorgen nur die Sorgen”.
Betrachten wir daraufhin unseren Alltag, einen Tageslauf etwa, so scheint das irgendwie zuzutreffen:
Da ist zum einen die verantwortliche Sorge um Krankheit und Gesundheit, um Arbeit und Auskommen. Bisweilen halten wir in der Hektik der Besorgungen inne und fragen auch: “Was wird werden?, Werden wir bei der Beschleunigung technischer, gesellschaftlicher, politischer und globaler Veränderungen behalten können, was wir erreicht haben? Was ist wichtig, das wir tun müssen privat und gesellschaftlich? Dieses sorgsame Sorgen mit all den Besorgungen gehört irgendwie wie der Sauerstoff der Luft zum Dasein in der Welt. Und - wie Jesus sagt - auch Gott weiß, was wir als seine Mitarbeiter zur Erhaltung des Lebens in seiner Schöpfung brauchen. Nicht naiver Sorglosigkeit oder dummem Laissez-faire wird das Wort geredet. Nein, gewiss nicht.
Zum andern widerspricht Jesus der Sorge - wie es da heisst - “um den kommenden Tag”, die zukünftige Zeit, der Angst um das möglicher Weise Zukommende. Es ist ein Sorgen, das bindet, fesselt, gefangen hält mit Jammern und Klagen bis in Schlaf und Träume. Bisweilen sind es Sorgen, die hervorgerufen werden vom Wunsch nach Mehr, Mehr-haben-wollen, das jetzt gelebte Leben vergessend. Da treibt die Sorge um die Finanzierung des Hausbaus beengend die Eheleute in gegenseitige Vorwürfe und Beschuldigungen. Da verstrickt die Sorge um ehrgeizige Benotung den Schüler in die Korrumpierung seiner Freundschaft. Da droht die Sorge um Sicherheit die Allgegenwart geheimdienstlicher Datenspeicherung Privatheit und Freiheit zu verletzen und zu beeinträchtigen. Da wird in Lebenssorge als Zukunftsangst vor dem Aus und dem Nichts “all inclusive” versichert und abgesichert. So ergreift die Sache, um die wir sorgend fürchten, Macht über uns. Sie verfügt wie die Drogensucht über Kopf und Herz, bestimmt unser Leben ganz und das eigene Selbst total.
Diese Angst um die Möglichkeit des eigenen Selbst, eben das verzweifelte Sichselberwollen, lässt die Bestimmung menschlichen Lebens, meines Lebens, verfehlen. Verweisend, weil erwiesen, entdeckend, weil entdeckt, erfahren, weil widerfahren ist das die Beziehung zu und mit Gott und seinem Reich. Denn “woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott”, wie M. Luther sagt in der Auslegung des 1. Gebots im Großen Katechismus: “Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst nicht andere Götter haben neben mir” mit der Erklärung. “Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen”.
Verwiesen und bestimmt ist der Mensch - darin liegt sein Mehrwert über den “Vögeln unter dem Himmel”, den “Lilien” und dem “Gras auf dem Felde” - verwiesen und bestimmt sind wir zur Gemeinschaft mit Gott: ein Vertrauens- und Treueverhältnis in Zeit und Ewigkeit. Als Gottes- und Lebensgewissheit wird sie von uns entdeckt, weil schon entdeckt. Als Fürsorge konkret, jetzt an einem “jeglichen Tag” durch Gottes Zukommen wird sie erfahren, weil widerfahren, wie Jesus in der Predigt vom Reich Gottes vollmächtig verheißt.
3. Glück des Glaubens
Liebe Gemeinde, Jesus ruft - nach den Glückwünschen der Seligpreisungen - hier in diesem Abschnitt seiner Bergpredigt: “Sorget nicht!” Alles, was lebt ist doch von Gottes Fürsorge getragen und begleitet. Vielmehr “trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit; so wird euch solches alles zufallen”. Das Trachten, Suchen, wird hier dem Sorgen entgegen gesetzt. Jesus kontrastiert dem alles bezwingenden und total beherrschenden Ängsten und Sorgen des möglichen Morgen das Trachten nach der sich schenkenden Gegenwart des Reiches Gottes jetzt, hier und heute. Er meint die Wirklichkeit des Zukommens Gottes, wie sie in seiner Person, in seinem Predigen und Heilen, in seinem Leiden und Kreuz angebrochen ist befremdlich und anstössig, in seiner Auferstehung da ist und sich zukommend erschließt und vollendet - nicht selbstverständlich, provokant. Wende der Zeit, die sich uns zuwendet und der wir uns hinwenden - Kehre in unserem Leben, das neue Wirklichkeitsverständnis. Gegen unser Vergessen des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit wendet sich Jesus in der Bergpredigt, indem er vollmächtig den adventlichen Anbruch verkündigt. Dabei stellt Jesus die Frage nach dem Stellenwert, den die Dinge, um die wir uns sorgen und die wir besorgen, wie überhaupt das Trachten und das Sorgen, bei uns haben in unserm Denken und Tun. Was hat Priorität? Was gilt letztlich?
Jesus verheisst mit der Gegenwart des sich ereignenden Reiches Gottes hier und heute, die Gewissheit und das Glück des Glaubens, und zugleich will er gelingendes Leben in der Gemeinschaft mit Gott entdecken lassen und eröffnen: im Vertrauen auf Gottes liebende Fürsorge leben und aus dieser Liebe Gottes in besorgender Sorgfalt “für andere” Liebe üben hier und heute. Wo immer diese Liebe unser Denken, Planen und Tun motiviert, wo Gottes Liebe unser Lebensprojekt bestimmt - Glaube und Leben gehören zusammen - , da bricht das Reich Gottes wie eine Knospe auf, da wird Gerechtigkeit Gottes konkret, da wird nach dem Reich Gottes getrachtet und da ist es gegenwärtig konkret. Und da gründet unser Selbst durchsichtig in Gott, weil wir etwas sind zur Herrlichkeit des Reiches Gottes; denn das Glück des Glaubens wird zukommend unser.
In Segensbildern des Alltags verkündigt Jesus nach den Glücksrufen der Seligpreisungen das angebrochene und anbrechende Reich Gottes. “Glück” ist heute ein Sehnsuchts- und auch Containerbegriff in der Fülle der Glücksrezepte. Dem weltlichen Ausdruck “Glück” entspricht der biblische “Segen”.
Erinnern wir Jesu Gleichnispredigten vom Reich Gottes; das Reich Gottes erschließt sich und wird von den Glaubenden erfahren:
wo gegen Umweltzerstörung und das “Stirb und Werde” die Schönheit der Lilien, das frisch-duftende Gras “auf dem Felde”, eben die Pracht der Schöpfung Gottes heute erlebt wird (Mt 6, 28f.);
wo widerständig gegen Seuche, Katastrophe, Not und Krieg das Wort des Trostes und die konkrete Hilfe des “Samariters” heute weitergegeben und erfahren wird (Lk 10, 29ff);
wo in “dürftiger Zeit” der Same der Evangeliumspredigt heute aufgeht (Mt 13, 24ff.) und extravagant Gemeinde wie ein Senfbaum wächst (Mt 13, 31f);
wo gegen Selbstgenügsamkeit, “Fischen allerlei Art” gleich, auf unwahrscheinliche Weise sich ökumenische Gemeinschaft unterschiedlicher Christen und Kirchen sammelt (Mt 13, 47f), wo heute gegen wechselseitige Schuldzuweisungen der Schuldschein als “Reinigung des Gedächtnisses” wider alle Erfahrung getilgt wird (Lk 16, 1ff.);
wo über Kreuz mit der Skepsis das drängende Gebet “um Mitternacht” erhört wird (Lk 11, 5ff.);
wo, die vorgezeichneten Pflugspuren durchkreuzend, nicht selbstverständlich und unerwartet der “Schatz” zufällt, das Glücks des Glaubens heute (Mt 13, 44f).
So wird uns das Glück erfüllten Lebens von Jesus verheißen und zugesagt: die Gemeinschaft mit Gott, die des Heils in Jesus Christus jetzt und zur ewigen Seligkeit gewiss ist, die Gemeinschaft der Vertrauens- und Liebesgemeinschaft Gottes, zu der wir durch den Glauben bestimmt sind. Eine Provokation? Gewiss! Eine Provokation wie Christi Predigen und Heilen, Christi Kreuz und Auferstehung.
Darum, liebe Gemeinde, “trachten wir am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. Die künstliche Lebenssorge im zwanghaften Sich-selber-wollen angesichts vom möglichen Nichts und nichtendem Tod wird genommen, weil Gott für uns gesorgt hat und weiter sorgt, uns das “Glück des Glaubens” an unseren auferstandenen Herr zuteil geworden ist.
Und der Friede Gottes, der höher ist als Unsere Vernunft, der bewahre euer Herz und Vernunft, euer Wollen und Tun im Glauben an Jesus Christus, unserm auferstandenen Herrn. Amen
Gebet
“Gott, wir leben in dir und du in uns.
Und doch haben wir die Neigung,
in ängstlichem Egoismus um uns selbst zu kreisen,
sodass wir die Geborgenheit und Gelassenheit nicht finden,
die uns deine Nähe schenken könnte.
Vergib uns dieses Misstrauen.
In deiner Nähe erleben wir Heil und Heilung”.(Christoph von Löwtzow)
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Hoher Norden - tiefer Himmel
Was muss das für ein überwältigendes Gefühl für Petrus gewesen sein, als Jesus ihm die Schlüssel für das Himmelreich versprach! Vielleicht können Sie sich das ein wenig vorstellen, wenn Sie sich an Situationen aus dem eigenen Leben erinnern, wo jemand Ihnen mal einen besonderen Schlüssel anvertraut hat. Zwei Menschen aus unserer Gemeinde können von solchen "Schlüsselerlebnissen" berichten. Ronja, wie war das für dich, als dir mal ein besonderer Schlüssel anvertraut wurde?
Ronja Holtappels, Statement: "Eine gute Freundin hat mir mal den Schlüssel zu ihrer Wohnung anvertraut. Sie wollte in Urlaub fahren und bat mich darum, ihre Blumen zu gießen und hin und wieder den Briefkasten zu leeren. Ich weiß noch genau, was das für ein schönes Gefühl war, als sie mir ihre Schlüssel gab. Das ist ja ein echter Freundschaftsbeweis, dachte ich. Auf der anderen Seite war ich aber auch etwas aufgeregt. Was, wenn ich den Schlüssel irgendwie verliere? Zum Glück ist aber alles gutgegangen."
Auch Harm Otten aus unserer Gemeinde hatte mal ein besonderes "Schlüsselerlebnis". Bei dir, lieber Harm, ging es aber nicht um einen Wohnungsschlüssel, wenn ich mich recht entsinne.
Harm Otten, Statement: "Richtig, bei mir drehte es sich um den Autoschlüssel meiner Eltern. Nachdem ich als 18- jähriger den Führerschein in der Tasche hatte, war es mir natürlich wichtig, Fahrpraxis zu sammeln. Meine Eltern nach der "Familienkutsche" zu fragen fiel mir dabei gar nicht so leicht, denn ich wusste, dass sie diesen Wagen nicht gerne aus der Hand geben.
Umso größer war da meine Überraschung ,als meine Mutter am Abend der bestandenen praktischen Prüfung des Führerscheins die Autoschlüssel überreichte, damit ich mich an unser Auto gewöhne. Es ging mir der ganzen Familie ins 35 Kilometer entfernte Bremen, also fast einer "Millionenstadt". Mir ging es da ähnlich wie Ronja: Das Vertrauen zu spüren war fantastisch! Gleichzeitig spürte ich aber auch die Verantwortung, die mit diesen Autoschlüsseln verbunden war."
Was für ein Vertrauen, was für eine Verantwortung! So hat sich vielleicht auch Petrus gefühlt, als er die Himmelsschlüssel überreicht bekam. Wir evangelischen Christen glauben, dass Petrus in dieser Geschichte für alle Christen steht, Jesus also auch uns diese Schlüssel überreicht.
Die Oberstufenschüler unserer St. Petri Schule haben darum den Schlüssel ganz groß gemalt. Hier auf diesem Altartuch. Er hat etwas von einem Kraftfeld, das uns Menschen in Bewegung bringt und uns manchmal mitten im Leben himmlische Erfahrungen beschert: Erfahrungen, die uns jetzt schon etwas von dem Himmel erschließen.
Gott macht ihn für alle Menschen ganz weit auf. Unser Gott, der uns mit freundlichen Augen anschaut. "There’s a kindness in his justice". Die Liebe unseres Gottes geht weit über unsere menschlichen Maßstäbe hinaus: "For the love of god is broader than the measures of man’s mind".
There's a wideness in God's mercy like the wideness of the sea. Da ist eine Weite in der Gnade Gottes, so weit wie die See. Das klingt schön, was unser Kinderchor gerade gesungen hat. Wie aber kann man sie merken, diese Weite? Und wo lassen sie sich machen, die Erfahrungen, die uns den Himmel Gottes näher bringen? Das Altartuch zeigt es im hellen Farbton: Da sehe ich die Sonnenseite des Lebens; wo es uns gut geht und wo wir das Leben aus vollen Zügen genießen können. In diesem Sinne hat auch die dänische Hygge tatsächlich etwas Heiliges. Und wir können Gott von ganzem Herzen für diese guten Zeiten dankbar sein. Denn wenn wir mit Freunden beisammen sind und feiern und lachen ist das schon ein kleiner Vorgeschmack auf das Fest des Lebens, zu dem Gott einmal alle Menschen an seinen Tisch laden wird.
Die dunkelblaue Farbe erinnert mich demgegenüber an himmlische Erfahrungen in der Tiefe des Lebens. In unserer Kirche kann man das am eigenen Leibe erfahren: Bei Kirchenführungen laden wir gerne Kinder zu einer Körperübung ein. Wir bitten die Kinder, sich einmal auf den Boden unserer Kirche zu legen, sich einfach mal gerade auszustrecken und nach oben zum Gewölbe zu schauen.
Wenn ich die Kinder eine Minute später frage, was Ihnen aufgefallen ist, dann erzählen viele das gleiche: Sie hatten den Eindruck, das gotische Gewölbe komme ihnen von oben her entgegen. "Das sieht ja von unten viel näher aus als von hier." hat vor Kurzem mal ein Junge gesagt, als er nach dieser Übung wieder aufgestanden war.
Die Decke der Kirche, der sogenannte "Kirchenhimmel" kommt einem näher vor, wenn man unten ist. Diesen optischen Effekt kann man in allen Kirchen mit einem gotischen Gewölbe erleben. Wie dieser Effekt genau funktioniert, weiß ich nicht. Aber ich deute diese visuelle Erfahrung als Sinnbild für den Himmel Gottes.
Sein Reich kommt uns näher, je tiefer wir gehen. Hinein in die Tiefe des Lebens. Bei Trauergesprächen zum Beispiel erzählen mir Angehörige oft mit Tränen in den Augen und einem Lächeln im Gesicht, dass ihr Abschied noch mal eine ganz besondere Zeit der Nähe gewesen ist. "Wir konnten uns noch mal aussprechen. Wir haben uns noch mal sagen können, was wir einander bedeuten. Und was wir uns vergeben. Da hat sich etwas gelöst, was jahrelang gebunden war. Das war wichtig und das fühlte sich wunderbar an." Die Sterbezeit war von tiefer Liebe erfüllt.
Wo Menschen so miteinander in die Tiefe des Lebens gehen, dürfen sie manchmal diese Erfahrung machen. Je tiefer man geht, desto näher kommt einem der Himmel.
Den Himmel Gottes können wir also schon jetzt in den Höhen und manchmal auch den Tiefen dieses Lebens spüren. Haben sie dann also Recht? Die Menschen hier in Dänemark, die voll und ganz auf das Diesseits setzen und sich vom Glauben an ein Jenseits verabschiedet haben?
In unserer Kirche gibt es ein altes Bild, das diese Frage mit einem entschiedenen "Nein" beantwortet. Es ist unser "Himmelfahrtsbild", das der königliche Hofmaler Hinrich Krock 1732 für unsere Kirche gemalt hat. Jesus zieht auf diesem Bild die Blicke auf sich.
Er schwebt nach oben, während seine Jünger ihm von unten erstaunt hinterherschauen. Jesus hat den Tod hinter sich gelassen und macht sich jetzt auf zu seinem himmlischen Vater. Bereits das ist erstaunlich genug.
Petrus und "Co" wundern sich aber vielleicht auch über das, was sie hinter Jesus sehen. Da tut sich der blaue Himmel auf und hinter seinen Wolken sieht man auf einmal ein goldenes Glänzen, einen anderen Himmel. Es ist das Reich Gottes.
Unsere Himmelserfahrungen im hier und jetzt sind eine Vorahnung von diesem Reich. Da ist noch mehr Himmel hinter dem Horizont unseres Denkens, viel mehr als wir uns jetzt vorstellen können.
Immer wieder erzählt die Bibel von diesem himmlischen "Mehrwert". Die Propheten im alten und neuen Testament malen mit ihren großartigen Visionen diesen anderen Himmel aus. Der Prophet Jesaja erzählt zum Beispiel, wie die Menschen im Einklang mit einander, mit den Tieren und mit der ganzen Schöpfung leben.
Der Seher Johannes sieht den Himmel als eine Stadt ohne Leid, Schmerz und Tod. Viel tiefer, weiter und goldener als in den "himmlischsten" Momenten unseres Lebens heute. Wir nehmen den Mund ganz schön voll, wenn wir Christen an diesen anderen Himmel erinnern. Vielleicht halten uns unsere Zeitgenossen dann für naive Träumer.
Trotzdem: Es ist es unsere Aufgabe, vom neuen Himmel Gottes zu erzählen. Denn Gottes Himmel mit seinen überwältigenden Visionen von Frieden und Gerechtigkeit erinnert uns daran, dass unsere Träume nicht in den zuckersüßen Versprechungen der Werbung aufgehen. Wir dürfen auf mehr hoffen und uns mehr von Gott erwarten.
Seien wir also seine guten Bevollmächtigten. Nehmen wir die Himmelsschlüssel in die Hand. Gehen wir bis zum Horizont und öffnen der Hoffnung Tür und Tor. Amen.
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Predigt zu Matthäus 25,14-30 von Ralph Hochschild
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht bei dem Evangelisten Matthäus im 25. Kapitel der Verse 14 bis 30. Ich lese heute nach der Übersetzung aus der Basis-Bibel.
14»Es ist wie bei einem Mann, der verreisen wollte. Vorher rief er seine Diener zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. 15Dem einen gab er fünf Talente, einem anderen zwei Talente und dem dritten ein Talent – jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste der Mann ab.
16Der Diener, der fünf Talente bekommen hatte, fing sofort an, mit dem Geld zu wirtschaften. Dabei gewann er noch einmal fünf Talente dazu. 17Genauso machte es der mit den zwei Talenten. Er gewann noch einmal zwei Talente dazu. 18Aber der Diener, der das eine Talent bekommen hatte, ging hin und grub ein Loch in die Erde. Dort versteckte er das Geld seines Herrn.
19Nach langer Zeit kam der Herr der drei Diener zurück und wollte mit ihnen abrechnen. 20Zuerst kam der Diener, der fünf Talente bekommen hatte. Er brachte die zusätzlichen fünf Talente mit und sagte: ›Herr, fünf Talente hast du mir gegeben. Sieh doch, ich habe noch einmal fünf dazugewonnen.‹ 21Sein Herr sagte zu ihm: ›Gut gemacht! Du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich bei dem Wenigen als zuverlässig erwiesen. Darum werde ich dir viel anvertrauen. Komm herein! Du sollst beim Freudenfest deines Herrn dabei sein!‹ 22Dann kam der Diener, der zwei Talente bekommen hatte. Er sagte: ›Herr, zwei Talente hast du mir gegeben. Sieh doch, ich habe noch einmal zwei dazugewonnen.‹ 23Da sagte sein Herr zu ihm: ›Gut gemacht! Du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich bei dem Wenigen als zuverlässig erwiesen. Darum werde ich dir viel anvertrauen. Komm herein! Du sollst beim Freudenfest deines Herrn dabei sein.‹ 24Zum Schluss kam auch der Diener, der ein Talent bekommen hatte. Er sagte:›Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und du sammelst ein, wo du nichts ausgeteilt hast. 25Deshalb hatte ich Angst. Ich ging mit dem Geld weg und versteckte dein Talent in der Erde. Sieh doch, hier hast du dein Geld zurück!‹ 26Sein Herr antwortete ihm: ›Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nichts ausgeteilt habe! 27Dann hättest du mein Geld zur Bank bringen sollen. So hätte ich es bei meiner Rückkehr wenigstens mit Zinsen zurückbekommen. 28Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! 29Denn wer etwas hat, dem wird noch viel mehr gegeben – er wird mehr als genug bekommen. Doch wer nichts hat, dem wird auch das noch weggenommen, was er hat. 30Werft diesen nichtsnützigen Diener hinaus in die Finsternis draußen. Dort gibt es nur Heulen und Zähneklappern!‹«
Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
wie würde unsere Geschichte wohl ausgehen, käme der erste Diener zur Abrechnung und sagte: “In einem instabilen Marktumfeld bin ich mit meinem Investment in schwierige Fahrwasser geraten. Durch gravierende Abweichungen von den erwarteten Rahmenbedingungen kam es zu einem globalen Versagen der Märkte. Die gebotene Gewinnwarnung konnte aufgrund deiner Abwesenheit nicht rechtzeitig kommuniziert werden. Inzwischen hat es sogar einen Totalverlust gegeben. Von deinem Kapital wirst du nichts mehr zurückerhalten.”
Und jetzt käme der zweite: “Die konjunkturelle Vollbremsung im letzten Quartal gab mir nur limitierte Korrekturchancen. Sie zwang mich nicht nur zu einer Kappung meiner Gewinnerwartungen, sondern auch zu einer Restrukturierung deines Vermögens. Ein halbes Talent von deinen beiden Talenten konnte ich retten. Es hätte schlimmer kommen können. Hier hast du dein halbes Talent.”
Und der dritte: “Ich wusste, dass du ein harter Herr bist. Deshalb hatte ich Angst und versteckte dein Talent in der Erde. Hier hast du dein gesamtes Geld zurück.”
Ein Talent Silber erhalten, dieses Talent vollständig zurückgegeben. Nicht so wie die andern! Wäre er jetzt der Gewinner, der alles nimmt. Wäre er jetzt der gute und getreue und vor allem: der erfolgreiche Knecht? Hätte er jetzt die Intentionen seines Herrn besser getroffen als in der Erzählung des Matthäus?
Ich glaube kaum, denn so kann dieses Gleichnis nicht funktionieren. Es ist eben kein Lehrstück von der kapitalistischen Gier. Die Ebene der Geschäftsbeziehungen ist nur ein alltägliches Bild für die Ebene, um die es wirklich geht: die persönliche Beziehung zwischen dem Herrn und seinen Dienern, zwischen uns und unserem Gott.
So ist es nicht geringes finanzielles Geschick, nicht sein Drang, auf keinen Fall einen Fehler zu begehen, was den dritten Knecht von den anderen trennt. Es ist seine Angst vor dem Herrn, die ihn isoliert. Deshalb geht er nicht “sogleich” mit den anderen los, sondern huscht spät in die Nacht hinaus. Deshalb sucht er keine Partner, sondern die Einsamkeit seines Verstecks. Deshalb schleicht er mit seinem Talent in der Finsternis davon, begräbt, was die anderen zum Wachsen und Blühen bringen werden. Es ist seine Angst vor dem Herrn, die ihn isoliert und ironischerweise steht er am Ende da, wo er schon vorher war: In der Finsternis, mit klappernden Zähnen und tränenden Augen bleibt er gefangen in den Symptomen seiner Angst, blind für das wahre Wesen seines Herrn. Er kommt mir vor wie ein Kind, das verängstigt in einer Ecke kauert und sich die Augen zuhält, um das Grauen nicht zu sehen, das es fürchtet. So wenig dieses Kind den Menschen sehen kann, der es liebt, der es in den Arm nehmen und trösten wird, so wenig erkennt der dritte Knecht, wie sein Herr wirklich ist: wie er nicht alle über einen Kamm schert, wie er keinen überfordert, wie er Rücksicht auf den weniger Dynamischen nimmt, jedem nach seinen Fähigkeiten seine Aufgabe gibt, wie seine Liebe auch ihn würdigen und als tüchtigen und treuen Diener ansprechen möchte.
Es ist eine ganz alltägliche Situation, die uns Matthäus erzählt. Menschen erhalten den Auftrag, mit anderer Leute Geld zu arbeiten. Das tun unsere Sparkassen und Banken, unsere Lebensversicherungen und das tut auch der Gemeinderücklagenfond, bei dem die Rücklagen unserer Kirchengemeinde liegen. Es ist normal, dass diese Institutionen mit großen Summen wirtschaften. Es ist ganz alltäglich in der Welt Jesu, dass Diener und Sklaven den Auftrag bekommen, mit dem Geld ihrer Herren zu wirtschaften. Wir geben heute unser Geld, die Herren gaben damals ihr Geld, der Herr in unserer Geschichte gibt sein Geld und einen Vorschuss dazu - einen Vertrauensvorschuss: Dass seine Diener mit dem Geld nicht türmen, dass sie ihn nicht betrügen, dass sie das Richtige mit ihren Talenten tun. Der Herr traut ihnen etwas zu. Auch heute geht es nicht ohne einen solchen Vertrauensvorschuss an die “Bank ihres Vertrauens” heute, ohne ihn wäre dieses so alltägliche Arbeiten und Wirtschaften damals noch weniger möglich gewesen. Und die übergroße Summe, die Matthäus nennt - sie illustriert die Größe des Vertrauens, das die Diener genießen.
Vor ihren erfolgreichen Geschäften steht das große Vertrauen des Herrn. Die beiden ersten erspüren seine Kraft, sie lassen es in ihrem Leben wirken. Es macht sie frei, das Richtige zu tun, es lässt sie selbstbewusst werden, es lässt sie an ihrer Aufgabe wachsen. Dieser Vertrauensvorschuss gibt ihnen einen inneren Kompass, dem sie folgen, ihre Zeit nutzen und der sie schließlich an ihr Ziel führt: “Gut gemacht! Du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du hast dich bei dem Wenigen als zuverlässig erwiesen. Darum werde ich dir viel anvertrauen. Komm herein! Du sollst beim Freudenfest deines Herrn dabei sein.”
Das Wort “treu”, griechisch “pistos”, ist hier wichtig. Im Griechischen klingt in diesem “treu”, das Wort für “glauben”, für “vertrauen” an. “Glaube” und “Vertrauen” - es sind so etwas wie die Code-Worte, mit denen Christen ihr Verhältnis zu Gott bezeichnen. Zur Zeit des Matthäus ist das durchaus ein Unterschied zu den allgemein gültigen Vorstellungen. Denn die Anhänger des biblischen Gottes zeichnen sich gegenüber ihren andersgläubigen Mitbürgern dadurch aus: Sie haben keine Angst vor dem Neid ihres Gottes und sie wissen auch: “Dieser Gott gibt mehr als wir ihm je zurückgeben können.” Diese innere Gewissheit stärkt und nimmt Angst. “Die Liebe, sie kennt keine Angst vor dem Risiko” - das gilt wohl vor allem für die Liebe Gottes.
Wir haben es längst bemerkt. Natürlich geht es Matthäus in dieser Geschichte von den anvertrauten Talenten nicht um die Geldgeschäfte irgendeines Menschen. Weil im Deutschen ein “Talent” eine “Begabung” ist, verstanden wir schon beim Hören des Gleichnisses: Es geht eigentlich nicht um Talente aus Silber, sondern um Talente für das Leben.
Im Griechischen ist ein “Talent” eine Waage, etwas, das ins Gleichgewicht kommen soll, auch etwas, das man in die Waagschale werfen kann, etwas, das gewichtig, bedeutsam für unser Leben und unsere Identität ist. Wir alle haben die Erfahrung gemacht: Menschen schätzen uns auch wegen unserer Talente. Denn unsere Talente sind ja nicht nur für uns allein. Wir machen vielen Menschen mit ihnen eine Freude. Wenn sie sich entfalten, sind sie sind für viele Menschen, auch für uns selbst ein Gewinn. Ich erinnere mich an den Kirchendiener meiner Heimatstadt. Er hatte nicht nur das Talent, den Gartenbesitzern die schönsten Blumen für die Kirche abschwatzen. Als gelernter Gärtner hatte er das große Talent, den Altarraum wunderschön zu schmücken. So hat er jeden Sonntag die Schönheit des Gottesdienstes für uns floristisch inszeniert. Menschen, die das Talent haben zuzuhören und unsere Sorgen zu spüren, tun uns allen gut. Wie hilfreich sind Menschen, die auch in schwierigen Momenten die richtigen Worte finden. Wie die ersten beiden Diener spüren wir, wie Leben gut wird, gelingt, wenn wir unsere Talente als Geschenk und Gabe einbringen können.
Allerdings: Ein “Talent” kann auch ein zu schweres Gewicht sein, zur drückenden Last und Belastung werden, die man abschütteln möchte. Wer ein Talent für unsere Sprache hat, den quält die Sprache unserer E-Mails. Wer ein Talent für logisches Denken hat, leidet oft unter der wenig stringenten Alltagslogik seiner Mitmenschen, wer ein Talent zum effizienten Arbeiten hat, gerät oft in erbitterte Konflikte mit den verhaltensoriginellen Mitgliedern seines Teams. Wer das Talent hat, die Folgen von Handlungen und Entscheidungen abzuschätzen, der spürt oft Widerstände und leidet unter dem Unverständnis der anderen. Das Schicksal der Propheten spricht dafür Bände. Ist es nicht besser, sein Talent eben doch zu vergraben? Sich abzufinden? Sich zurückzuziehen? Vielleicht neigen wir ja nicht nur als einzelne dazu, bisweilen unsere Talente zu verstecken und vergraben, sondern auch unsere Kirche. Dabei haben wir doch so große Talente: eine gewichtige theologische Tradition, die es verstanden hat, unseren Vertrauensglauben vernünftig zu denken, ein großes Herz und ein großes Wissen darum, wie man Menschen in Not helfen kann. Viele engagierte Ehrenamtliche. Und: Haben wir nicht das Talent deutlich und verständlich genug mit denen über unseren Glauben zu sprechen, die ihn noch nicht kennen oder nur aus zweiter Hand von ihm wissen?
Uns sind viele Talente mit auf den Weg gegeben. Wie die Diener in der Geschichte haben auch wir unseren Vertrauensvorschuss von Gott für unseren Lebensweg bekommen. Er traut uns etwas zu. Sein Vertrauen kann uns heute motivieren, unsere vergrabenen Talente wie eine Schatzkiste neu zu entdecken, sie zu heben, uns an unseren Funden zu freuen und sie uns anzueignen. Und damit zu rechnen, dass wir an unserem Ort mit den bekannten und den wiederentdeckten Talenten das Richtige tun werden. Vertrauen wir darauf, dass es Gottes Wertschätzung finden und er uns zu sich laden wird. Amen.
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Predigt zu Matthäus 25,14-30 von Winfried Klotz
Das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Neue Genfer Übersetzung)
14 »Es ist wie bei einem Mann, der vorhatte, in ein anderes Land zu reisen. Er rief seine Diener zu sich und vertraute ihnen sein Vermögen an.
15 Einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei und wieder einem anderen eines – jedem seinen Fähigkeiten entsprechend. Dann reiste er ab.
16 Der Diener, der fünf Talente bekommen hatte, begann sofort, mit dem Geld zu arbeiten, und gewann fünf weitere dazu.
17 Ebenso gewann der, der zwei Talente bekommen hatte, zwei weitere dazu.
18 Der aber, der nur ein Talent bekommen hatte, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.
19 Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück und forderte seine Diener auf, mit ihm abzurechnen.
20 ´Zuerst` kam der, der fünf Talente erhalten hatte. Er brachte die anderen fünf Talente mit und sagte: ›Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; diese fünf hier habe ich dazugewonnen.‹ -
21 ›Sehr gut‹, erwiderte der Herr, ›du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist mit dem wenigen treu umgegangen, darum will ich dir viel anvertrauen. Komm herein zum Freudenfest deines Herrn!‹
22 ´Dann` kam der, der zwei Talente erhalten hatte. ›Herr‹, sagte er, ›zwei Talente hast du mir gegeben; hier sind die zwei, die ich dazugewonnen habe.‹ -
23 ›Sehr gut‹, erwiderte der Herr, ›du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist mit dem wenigen treu umgegangen, darum will ich dir viel anvertrauen. Komm herein zum Freudenfest deines Herrn!‹
24 ´Zuletzt` kam auch der, der ein Talent bekommen hatte. ›Herr‹, sagte er, ›ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.
25 Deshalb hatte ich Angst und vergrub dein Talent in der Erde. Hier hast du zurück, was dir gehört.‹
26 Da gab ihm sein Herr zur Antwort: ›Du böser und fauler Mensch! Du hast also gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe.
27 Da hättest du mein Geld doch wenigstens zur Bank bringen können; dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückbekommen.‹
28 ›Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!
29 Denn jedem, der hat, wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.
30 Doch diesen unnützen Diener werft in die Finsternis hinaus, dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben.‹«
Liebe Gemeinde!
Unser Gleichnis aus dem Matthäusevangelium gehört zu den ärgerlichen Gleichnissen! Angefangen dabei, dass hier manche das kapitalistische Prinzip des Wuchers verherrlicht sehen, bis hin zum Urteil über den dritten Diener. Brecht schreibt z. B. in seiner "Ballade vom Pfund":
„Als unser Herr auf Erden
In Sprüchen sich erging
Da hieß er uns bewerten
Den Wucher nicht gering.
Er riet all den Besuchern
Die er bei sich empfing
Mit ihrem Pfund zu wuchern
So gut es irgend ging. ….
Können sich nicht Hedge Fonds Manager, Investmentbanker, können sich nicht die, die Firmen aufkaufen, zerschlagen, die brauchbaren Teile mit Gewinn veräußern, den Rest in die Wüste schicken, wunderbar auf dieses Gleichnis berufen. Seht Jesus fordert eine unbedingte Gewinnorientierung! Und dann, ist das Urteil über den dritten Diener, den dritten Geschäftsführer oder Teilhaber, nicht brutal und gnadenlos und widerspricht der Botschaft vom gnädigen Gott?!
Man kann in der Tat vieles aus der Bibel heraus – oder hineinlesen! Wie verstehen wir dieses Gleichnis richtig? Matthäus und Lukas haben es in etwas unterschiedlicher Ausführung überliefert, es steht also im Evangelium und es redet vom Reich Gottes. Es redet davon, wie Gott sich durch uns verwirklichen will in dieser Welt, von unserer Aufgabe und Verantwortung. Gottes die Welt veränderndes Handeln soll mit und durch uns geschehen; das wird schon darin sichtbar, dass Jesus uns gelehrt hat zu beten: Dein Reich komme! Unser Gleichnis ist also nicht einfach eine Handlungsanweisung in Richtung Geldvermehrung, sondern es geht um die Gemeinde Jesu in Zeiten der Abwesenheit ihres Herrn!
Zuerst: Jesus – ich rede vom auferstandenen Herrn - hat für die Zeit seiner Abwesenheit seine Gemeinde nicht arm, handlungsunfähig, kraft- und saftlos zurückgelassen. Er hat ihr vielmehr anvertraut, was Gott IHM selbst gegeben hat. Die Diener im Gleichnis macht ihr Herr zu Teilhabern mit umfassender Handlungsvollmacht!
Ich verstehe das im Sinn der Aussage in Johannes 14, 12-13; Jesus sagt:
‚Ich versichere euch: Wer an mich glaubt, wird die Dinge, die ich tue, auch tun; ja er wird sogar noch größere Dinge tun. Denn ich gehe zum Vater, und alles, worum ihr dann in meinem Namen bittet, werde ich tun, damit durch den Sohn die Herrlichkeit des Vaters offenbart wird.‘
Die Gemeinde Jesu hat nicht nur einen Auftrag in dieser Welt, sie soll nicht nur Gottes Frieden, seine Gerechtigkeit, seine Barmherzigkeit predigen und lehren, sondern durch Jesu Tod und Auferstehung sind ihr diese Gaben Gottes geschenkt, damit sie darin lebt! Jesus hat seine Gemeinde zu Teilhabern an Gottes Reich gemacht durch die Gabe des Heiligen Geistes und die Gewissheit, dass er tut, was sie von ihm erbitten.
Noch einmal: Wir leben oft in einem scheinbar gut christlichen Defizitgefühl. Jesus ist weit weg; die tolle Zeit seines Wirkens auf der Erde ist Vergangenheit oder auch nur von den ersten Christen erfunden. Wir sind bettelarm und können der gottlosen Welt nur noch ein paar christliche Werte und Weisheiten anbieten.
Das Zeugnis der Bibel widerspricht uns hier ganz heftig: Jesus hat seiner Gemeinde nicht nur eine christliche Lehre hinterlassen, sondern seinen Geist gegeben, damit sie tut, was er getan hat! Ja, er selbst tut es da, wo seine Gemeinde darum bittet. Hören wir also auf mit dem „wir haben nichts und wir können nichts“! Hören wir auf mit der Reduktion des Glaubens auf christliche Grundüberzeugungen und Werte. Wir sind nicht vor allem eine lehrende und lernende Kirche, sondern eine in Jesus Christus lebende Kirche, die tut, was er getan hat. Die betet und das Erbetene empfängt. All unser Tun fängt mit dem Gebet an!
Jesu Gemeinde wuchert mit dem, was ihr anvertraut ist. Sie feiert fröhlich Gottesdienst, singt und lobt Gott, vergewissert sich des Evangeliums, pflegt die Gemeinschaft, im Abendmahl, beim Essen und Trinken und achtet darauf, dass niemand ausgegrenzt wird; und vor allem: sie betet, betet, betet. Da werden keine Gebete vorgelesen, sondern die wirklichen Anliegen gemeinsam und von vielen vor Gott gebracht. Aus all dem erwächst der Mut, in der Spur von Jesus zu gehen, unangepasst, frei. Die Not der Menschen kommt in den Blick, ihre Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit, ihre Sehnsucht nach Leben, die nicht zum Frieden kommt durch die Befriedigung der Wünsche. Die aber Frieden findet in Jesus Christus in seiner Gemeinde.
Uns ist so viel anvertraut! Und wenn wir es jetzt nicht sehen, es uns jetzt fremd ist, so lasst uns Jesu Wort trauen und um seine Gaben bitten.
Ich habe nun sehr breit diesen ersten Teil des Gleichnisses ausgelegt. Jesu Gemeinde hat Teil an seinem Reich, an seinen Gaben. Viel mehr Raum nimmt aber im Gleichnis ein Zweites ein: Jesus, unser Herr, fragt danach, was wir als seine Teilhaber aus dem Anvertrauten gemacht haben.
Sie erinnern sich: von den drei Dienern haben zwei jeweils das Vermögen verdoppelt. Sie werden nicht nur gelobt, sondern ihr Herr vertraut ihnen umso mehr an und gibt ihnen noch größere Verantwortung. Er lädt sie ein, mit ihm ein Freudenfest zu feiern und macht sie damit zu seinen Freunden. Im Gleichnis heißt es:
‚Sehr gut‘, erwiderte der Herr, ‚du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist mit dem wenigen treu umgegangen, darum will ich dir viel anvertrauen. Komm herein zum Freudenfest deines Herrn!‘
Hier geht es nicht nur um ein Urteil am Ende der Zeit, wenn Gott richtet; vielmehr, wo Gemeinde Jesu lebt, was ihr gegeben ist, wächst Gutes und manchmal ist da ein Stück Himmel auf Erden zu finden. Himmel auf Erden, Gegenwart Jesu inmitten seiner Gemeinde; da strahlt Licht aus, da ist Ermutigung zum Leben. Das bedeutet nicht „Wachsen gegen den Trend“ durch ein hohes Qualitätsniveau, das zu einer hohen Beteiligung führt, wie es im EKD-Reformpapier „Kirche der Freiheit“ heißt. Das bedeutet „Wachsen in die Tiefe des Lebens mit Christus“; das ist auch gegen den Trend, das ist das, was uns wirklich Not tut! Gemeinde lebt, wo sie ernst nimmt und praktiziert, was ihr versprochen und aufgetragen ist, angefangen bei dem Ruf zur Umkehr bis hin zur Salbung für Kranke, Jakobus 5.
(Zitat: Diese anspruchsvollen Ziele signalisieren den Willen der evangelischen Kirche, gegen den Trend zu wachsen und die eigenen Mitglieder wie Menschen, die noch außerhalb der evangelischen Kirche stehen, durch die Qualität ihrer Kernangebote zu überzeugen. S. 52)
Wir kommen zum dritten Diener; der hat verweigert, schwer zu verstehen:
‚Herr‘, sagte er, ‚ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast. Deshalb hatte ich Angst und vergrub dein Talent in der Erde. Hier hast du zurück, was dir gehört‘.
Das kann doch gar nicht sein, möchten wir sagen! Was treibt einen Mitarbeiter, dem viel anvertraut wird, zu solchem Aufbegehren?
Auf diese Frage gibt es keine Antwort, im Gleichnis wird nur ein Tatbestand geschildert. Einer hat sich verweigert, einer hat das anvertraute Kapital vergraben und gibt es bei der Abrechnung zornig zurück. Ich hatte Angst vor dir, sagt er noch entschuldigend. Angst vor was? Vor dem Verlust des Kapitals? Klar ist: die Beziehung des dritten Dieners zu seinem Herrn ist tief gestört. Da ist kein Vertrauen des Dieners; er versteht auch nicht, welches Vertrauen sein Herr in ihn setzt, wenn er ihm diese große Summe anvertraut. Dieser Diener ist beziehungslos gegenüber seinem Herrn, die aber führt in die endgültige Trennung.
Ich habe das Gleichnis immer im Horizont der Gemeinde Jesu verstanden. Ihr ist viel anvertraut, aber nicht, um viel oder wenig oder nichts zu machen, sondern damit etwas von Gottes Erbarmen in dieser Welt sichtbar wird. Menschen sollen die Augen geöffnet werden für den Gott, der weit über alle Weisung, alles Gesetz hinaus Erlösung schafft in Jesus Christus. Kann christliche Gemeinde, können Christen sich diesem Auftrag verweigern? Können sie ihr eigenes Ding machen, je nach Zeitgeist und gesellschaftlicher Lage? Können sie sich Auftrag und Begabung verweigern?
Leider ist das möglich! Es gibt die schöne Geschichte von der Rettungsstation an einer gefährlichen Küste, die erfolgreich arbeitend reichlich mit Spenden versorgt wird und so irgendwann zum gemütlichen Clubhaus mutiert. Von hier fährt keiner mehr raus, um Schiffbrüchige zu bergen. Hier ist es nur noch gemütlich, hier trifft man sich nur noch, um stolz die Geschichten von früher zu erzählen.
Was hilft gegen die Gemütlichkeit? Was hilft gegen die Belanglosigkeit und Fadheit? Die Beliebigkeit von Glauben und Leben in der Gemeinde? Was hilft gegen den Ungehorsam gegenüber dem Auftrag? Bessere Performance, wie man heute sagt, mehr Qualität, mehr Lebensbezug, mehr Veranstaltungen mit Eventcharakter?
Gewiss nicht! Es hilft nur, dass wir in der Gemeinde und als Einzelne darum ringen zu verstehen, wer Jesus Christus ist, den die Bibel „Retter“ nennt. Es hilft nur, gegen den Trend in der Schrift zu graben und sie ernst zu nehmen gerade da, wo sie ärgerlich, widerständig und überholt scheint. Es hilft nur, demütig zu beten, „Herr, hilf mir Dein Wort zu verstehen“. Und leg Deinen Finger auf das, was Dich an mir/ an uns ärgert. Amen.
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Was hast Du gemacht mit Deinem Leben? - Predigt zu Matthäus 25,14-30 von Karin Latour
„Was hast Du gemacht mit Deinem Leben?"
Liebe Gemeinde,
ob die Jugendlichen heute noch Carl Zuckmayer lesen?
Sie wissen schon, den Hauptmann zu Köpenick,
der irgendwann mit Heinz Rühmann verfilmt wurde- die ergreifende Geschichte des Willem Voigt.
Nein, auch als Film ist diese Geschichte den Jüngeren wohl kaum noch bekannt. Von uns werden sich aber die meisten noch erinnern.
Erinnern vielleicht auch an die Worte des Willhelm Voigt, oder auch Willem, wie der Berliner sagt:
Und denn stehste vor Gott dem Vater und der fragt dir ins Jesichte:
Willem Voigt, wat haste jemacht mit deim Leben?
Und da muss ick sagen- Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis und denn sind se alle druff rumjetrampelt.
Muss ick sagen.
Und zum Schluss haste jeröchelt und jewürcht um det bisschen Luft, und denn wars aus.
Det sagste vor Gott.
Mensch.
Aber der sagt zu dir: Jeh wech! sagt er. Ausweisung, sagt er!
Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er.
Det biste mir schuldig! Wo is et? Wat haste mit jemacht?
Eine Gerichtsszene ist das. Eine Gerichtsszene vor Gott:
Was hast du mit deinem Leben gemacht, das ich dir geschenkt habe!
Eine Gerichtsszene, die nicht wenige im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal vor sich selber halten.
Mit 30, mit 50, wenn man alles erreicht hat, oder auch nicht-
in Krankheit, im Alter, oder wenn man dazu kommt nachzudenken im Urlaub, wenn das Rad des Alltags für einen Moment stehen zu bleiben scheint.
Wo ist es, dein Leben?
Was hast du damit gemacht, mit den Jahren, den Tagen, den Stunden, die dir geschenkt waren?
Was hast du gemacht mit deinen Talenten, den Gaben, deinen Wünschen und Träumen?
Und vielleicht beschleicht den einen oder anderen das bittere und traurige Gefühl:
Du bist dir etwas schuldig geblieben, oder deiner Familie, oder der Welt, in die hinein du geboren bist, oder deinem Gott, der dir das Leben geschenkt hat.
Das kann es doch nicht gewesen sein!
Das kann doch nicht alles sein!
Und dann das Gefühl: zu spät, nicht mehr rückgängig zu machen, verspielt.
„In der Todesstunde drückt uns nicht das gelebte und geliebte Leben, sondern das ungelebte Leben und seine versäumten Möglichkeiten“ - hat ein erfahrener Theologe und Seelsorger einmal gesagt.
Und es ist wahr. Eine der traurigen Wahrheiten in wie vielen Trauergesprächen immer und immer wieder das Thema.
In Carl Zuckmayers Szene ist es Gott, der sagt: Geh weg, sagt er.
Keine Chance noch etwas nachzuholen- Ausweisung, sagt er.
Dafür hab ich dir das Leben nicht geschenkt. Wo ist es?
Du bist es mir schuldig!
Eine andere Gerichtsszene wird uns heute vorgestellt.
In der Schule wird sie kaum gelesen und besprochen und dabei gäbe es auch aus ihr so unendlich viel zu hören, zu lernen, zu verstehen für unser Leben:
Predigttext: Matthäus 25, 14-30
Nein, auch hier kein Happy End.
Auch hier ist der Ausgang der Szene nicht besser als im Hauptmann von Köpenick, zumindest für den 3. Knecht.
Und würden wir die Geschichte nicht vielleicht seit Kindertagen kennen-
wir wären irritiert, oder sind es ja vielleicht noch.
Jesus verurteilt den Mann.
Er verurteilt einen Menschen, ja- der doch eigentlich nichts Böses getan hat.
Ein Talent, einen Zentner hatte er erhalten. Einen.
Und dieses ihm anvertraute, er hat es nicht verjubelt,
er hat es nicht verprasst.
Er hat es lediglich vergraben, gesichert und gibt es wohlbehalten auf Heller und Pfennig zurück.
Er hatte Angst ein Risiko einzugehen, weil er die Reaktion seines Herrn voraussah.
Er hatte Angst das Wenige, das er erhalten hatte, zu verlieren und nachher mit leeren Händen dazustehen.
Selbst das Geld auf einer Bank anzulegen war ihm zu unsicher.
Er setzt auf Numero Sicher.
Und verspielt alles.
Seine Chancen,
seine Möglichkeiten,
die Gunst und das Wohlwollen seines Herrn.
Er verliert das Anvertraute, zuletzt die Zukunft:
„Denn wer da hat, dem wird gegeben und er wird die Fülle haben; Und wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Werft den unnützen Knecht hinaus in die Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern.“
Eine Geschichte, die schockiert und trifft, vielleicht weil wir geneigt sind mit dem 3. Knecht mitzufühlen, ihn uns vorzustellen. Mir jeden falls geht es so.
Stellen wir uns vor- Vielleicht gehört er zu den Menschen, die still und zurückgezogen leben,
die man leicht übersieht,
die sich nicht in den Vordergrund drängen und nicht verstehen sich interessant zu machen.
Die insgeheim andere bewundern,
denen niemand etwas zutraut,
die ihren eigenen Fähigkeiten misstrauen und Angst haben man könnte negativ auffallen.
Woher hätte so ein Mensch den Mut nehmen sollen einmal etwas zu riskieren
Sich bloß nicht zu weit aus dem Fenster hängen, das geht nicht gut.
Nicht zu viel riskieren- das kann Kopf und Kragen kosten.
Wer hätte nicht Verständnis für dieses ängstliche Gemüt, das uns erzählt: Mein Herr, das ist ein harter Mann, der erntet, wo er nicht gesät hat, der sammelt ein wo er nicht ausgestreut hat.
Und gibt ihm am Ende nicht der Ausgang der Geschichte Recht?
Ein harter unerbittlicher Mann, der sich an die Spielregeln dieser Welt hält.
Wo etwas ist, da kommt immer noch etwas hinzu!
So sind eben die Gesetzmäßigkeiten im wirtschaftlichen Bereich:
Bringst du was, dann bekommst du mehr,
bringst du nichts, dann fliegst du raus!
Ausweisung, Jeh wech! Lässt Zuckmayer Gott sagen.
Den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus. Lässt Jesus den Herrn sagen.
Ein ganz weltliches Ende. So ist es eben in dieser Welt. Könnte man sagen.
Man könnte aber auch fragen: Aber diese Geschichte ist doch nicht von dieser Welt?
Sie wird von Jesus erzählt vom Reich Gottes.
Sie erzählt von einem Herrn, der schließlich kein anderer ist als der Menschensohn selbst, Jesus Christus.
Auch hier sollen Leistung und Zuwachsraten und Mehrwert die bestimmenden Kriterien sein für das Leben und Zusammenleben von Menschen?
Auch hier soll zählen allein was du bringst, leistest, unterm Strich raus kommt aus deinem Leben?
Müsste es bei Jesus Christus nicht andere Kriterien geben als am Schuljahresende?
Oder einem Betrieb, der ums Überleben kämpft und angewiesen ist auf die Leistung jeden einzelnen Mitarbeiters- ich versuche es mal so zu sehen und zu verstehen.
Nein.
Es will nicht passen zu dem, was wir sonst von Jesus wissen.
In wie vielen Geschichten steht er auf der Seite der Schwachen, der Zukurzgekommenen.
Was also steckt hinter dieser Geschichte und was mag es sein, das er damals seinen Hörern auf den Weg gab.
- Den Pharisäern und Schriftgelehrten, denen Gottes Gesetz und Verheißung anvertraut waren.
Warnt er sie, den Menschen die ihnen anvertraute Gabe vorzuenthalten?
Oder den Jüngern, die um ihn waren.
Wollte er sie davor bewahren nur für sich selber zu leben, ihren Glauben für sich zu behalten und sich mit dem Bewahren des Empfangenen zu begnügen?
- Den ersten Gemeinden, sollen sie angehalten werden sich einzurichten auf eine längere Zeit, in der der Herr außer Landes geht, eine Zeit der Bewährung, des Einsatzes für die Sache Jesu Christi.
- Und uns heute?
Diese Geschichte ist eine Parabel.
Eine Parabel hat einen einzigen Vergleichspunkt, von woher sie sich erschließt.
Im Mittelpunkt steht hier jener unglückselige Knecht.
Und sein Unglück beginnt- nein, nicht im Moment, in dem er die Gabe, das Talent, das Anvertraute empfängt, sondern wo er beginnt zu rechnen:
Mein Herr ist ein harter Mann.
Was wird am Ende dabei herauskommen für mich?
Sein Unglück beginnt, wo er die Angst sein Handeln bestimmen lässt:
Ein harter Mann, oh Weh. Wenn ich zu viel riskiere.
Weh mir, wenn ich verliere!
Weh mir, wenn ich mich einlasse und versage.
Sein Unglück beginnt, wo er versucht sich schadlos zu halten.
„Wir streben nach einem Leben ohne Leiden, nach einer Freude ohne Schmerzen, nach Gemeinschaft ohne Konflikte,“ hat Jürgen Moltmann einmal gesagt. Hat er Recht?
Ein Leben ohne Leiden und nennen es Glück.
Leben ohne Risiko, ohne Engagement, Empathie. Ist das Glück?
Zumindest scheint es Ruhe, scheint es Sicherheit zu sein.
Wenn ich mich jederzeit in mein privates, persönliches Schneckenhaus zurückziehen kann,
wenn ich mich raushalten kann,
wenn ich soweit Distanz bewahre, dass mich die Probleme der anderen nicht zu sehr tangieren, wenn ich mich gar nicht zu sehr einlasse auf andere, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden.
Wenn ich mir sage, ich kann an den Problemen der Welt und der Gesellschaft sowieso nichts ändern, dann muss ich mich nicht berühren lassen, dann sehe ich das Elend nicht und muss nicht fertig werden mit der eigenen Ohnmacht.
„Nicht das gelebte und geliebte Leben drückt uns in der Todesstunde sondern das ungelebte Leben und seine versäumten Möglichkeiten“
Wo Menschen nicht wagen sich auf die Liebe eines anderen einzulassen aus Angst verletzbar oder enttäuscht zu werden.
Wo Menschen nicht wagen ihre Meinung zu vertreten aus Angst angreifbar zu werden.
Wo Menschen nicht wagen sich einzusetzen für eine Sache oder einen Anderen aus Angst selbst dabei etwas zu verlieren.
Mit dieser Parabel von den 3 Knechten- nein, ich glaube es nicht, dass unser Leben unter den Druck von Leistungen gesetzt werden soll.
Durch diese Geschichte vom ängstlichen, vielleicht auch ein Stück trägen Knecht, der sichern und bewahren wollte um nur nichts zu verlieren,
da schimmert das Geheimnis des Lebens: Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren. Wer es aber einsetzt, hingibt, der wird es gewinnen.
Sein Leben behalten, das heißt sich selbst festhalten aus lauter Angst vor dem Tod, vor dem Verlust, vor dem Leiden das Leben nicht wagen, aus Furcht vor Enttäuschung nicht zu lieben wagen.
Wer auf diese Weise sein Leben behalten will, der lebt am Leben vorbei. Vergräbt sich, seine Gaben, Fähigkeiten, seine Verantwortung, sein Leben.
Dies mag für unser ganz persönliches Leben gelten in seinen kleinen überschaubaren Kreisen, in denen es sich bewegt.
Erst recht mag es gelten für unser Leben vor Gott, meines, ihres, das unserer Gemeinden, das unserer Kirche.
Jesus, so glaube ich, verurteilt mit dieser Geschichte keinen Menschen.
Er verurteilt die Angst, die uns das Leben und unserer Verantwortung nicht wagen lässt.
Nicht Angst, nicht Sicherheit, nicht Bequemlichkeit, nicht sich vergraben sondern Mut, Courage, Mitdenken und Leiden sind gefordert. Dazu lädt Jesus ein.
Eine Kirche, die nicht für andere da ist ist keine Kirche, hatte Bonhoeffer gesagt, damals im Blick auf die unterdrückten und verfolgten Juden im Dritten Reich.
Und sein Wort hat im Blick auf Menschen, die auf unsere Hilfe und Engagement warten nicht an Bedeutung verloren.
Kritisch müssen auch wir uns fragen:
Wie oft bilden wir mit unseren Gottesdiensten, Kreisen, Gruppen, Festen, eine geschlossene Gesellschaft, Pflegen unsere Traditionen, bewahren das uns anvertraute. Das ist nicht nichts und es ist auch nicht unwichtig- aber wie viel setzen wir nach außen für die am Rand, weit entfernt von uns, ein.
Die Geschichte mahnt auch uns in den Gemeinden uns nicht in unserem Gemeindealltag zu vergraben, zu verstecken, es gut sein lassen mit der Pflege unserer Traditionen allein und ein bisschen Geselligkeit.
Und uns dabei vor den Problemen unserer Zeit und der Menschen in den Strassen, gerade auch derer, die nicht mehr kommen, zu verschließen.
Jesu Gleichnis lädt ein zum Mut. Zu klaren Worten. Zu deutlichen Zeichen. Nicht zaghaft, sondern sicher und umgehend, wie jene zwei Knechte, die Einsatz und Engagement zeigen mit dem, was ihnen anvertraut ist.
Wem viel anvertraut ist, von dem wird man viel fordern.
Was aber ist uns anvertraut?
Den Knechten, der Kirche, unserer Gemeinde, Ihnen, mir?
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Die Mühe nimmt uns keiner ab dies selbst herauszufinden.
Aber ich bin sicher, es würde sich lohnen aus dieser Geschichte dann nämlich zu hören:
Nicht Ausweisung, nicht „Geh weg“ wie bei Zuckmayer, wohl aber:
Komm und grab es aus und entdecke und wuchere und hause mit dem, was ich dir anvertraut habe und versuch es noch einmal, es ist ja noch nicht zu spät.
Dann, dann wäre für uns noch alles offen.
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Ihr seid das Salz der Erde - Predigt zu Matthäus 5,13-16 von Wilhelm v. der Recke
Ihr seid das Salz der Erde
I. Ihr seid das Salz. Ihr seid das Licht, sagt Jesus. I h r , ihr hier in der Kirche! — Wir? — Ja, Ihr! … Sie gucken ein bisschen verwirrt und erschrocken. —
Wir hier? Wir alle? Also auch ich?! … Das kann nicht sein. So fühle ich mich nicht. Jetzt nicht, eigentlich überhaupt nicht … So hat es Jesus wohl nicht gemeint. —
Und wenn doch? Wenn das nicht nur eine alte Geschichte ist? Wenn es sich nicht nur um ein Zitat handelt, um etwas, was Jesus vor langer Zeit einmal gesagt hat? Wenn er heute tatsächlich u n s damit meint: Wir - das Salz der Erde, wir das Licht der Welt?
Wir sind hier im Gottesdienst. Alle wissen, das ist nicht irgendeine kulturelle, literarisch musikalische Veranstaltung. Sie hat es mit uns zu tun. Wir sprechen zwar gerne von Gottesdienst-Besuchern und halten damit einen gewissen Abstand. Tatsächlich sind wir nicht Gäste, sondern Teilnehmer, Menschen die mitsingen, mitbeten, die auch zum Abendmahl gehen und die sich ziemlich direkt anreden lassen: Du oder Ihr oder Sie, die Sie hier alle versammelt sind und mitmachen.
Wollen wir das – so nah? Wir ahnen, dass man uns vereinnahmen will. Deshalb fragen wir: Wozu ist das gut? Was bringt mir das? Und die Frage ist berechtigt, auch wenn es häufig nur um die augenblickliche Lust oder Unlust geht. Jesus dreht den Spieß um: Nicht wir fragen, was wir wollen – er stellt einfach fest: Ihr seid das Salz, ihr seid das Licht. Es geht nicht darum, ob wir Gott brauchen – Gott braucht uns!
II. An was für Menschen richtet sich Jesus damals, als er die Bergpredigt hält? – An die, die sich von ihm angezogen fühlen. Die aufgewühlt sind von dem, was sie sehen und hören. Die merken: Das hat etwas mit uns zu tun. Das könnte unser ganzes Leben verändern. – Sie gehören keinem Verein an, sie haben nichts unterschrieben. Es sind einfache Leute, die hart arbeiten müssen. Nirgends steht, dass sie besonders fromm sind.
Ihr, sagt Jesus zu ihnen, Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Doch damit beginnt er nicht seine Rede, das kommt erst später. Er beginnt mit dem Wort selig. Selig sind die geistlich arm sind, sagt er. Selig sind die Leid tragen; selig sind alle, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten; die Sanftmütigen; die Barmherzigen, die Friedfertigen. Gerade für sie hat Gott eine Vorliebe. – Alles Menschen, die benachteiligt sind und die am Zustand dieser Welt leiden. Die sich wünschen, dass es gerechter und freundlicher zugeht. Und es sind Menschen, die mit ihren begrenzten Möglichkeiten selbst etwas dafür tun. Diese Frauen und Männer, diese Kinder und Alten, diese Kranken und Gebrechlichen, diese Bereitwilligen und Unermüdlichen nennt Jesus selig.
Selig ist nicht dasselbe wie glücklich. Es bedeutet mehr. Jesus nennt sie selig, weil sie recht haben und recht bekommen sollen. Sie liegen völlig richtig, auch wenn sie das selbst gar nicht glauben können. Wenn Jesus das behauptet, ist es nicht seine Privatmeinung. Er beruft sich auf Gott, also auf die letzte, die höchste Autorität. Gott gibt ihnen recht. Und er wird dafür sorgen, dass sie auch recht bekommen.
III. Hat Jesus recht, wenn er gerade die Kleinen, die Schwachen, die ewigen Verlierer als selig bezeichnet und ebenso die Gutwilligen und Freundlichen, die sich durch nichts entmutigen lassen? – Wenn wir uns umsehen, wie es in unserer nächsten Umgebung und wie es in der großen weiten Welt zugeht, wohl eher nicht. Denken wir nur an unsere eigenen Gefühle, die oft spontan von uns Besitz ergreifen. Denken wir an die Erfolgsgeschichten, die wir uns so gerne ausgemalt haben als wir noch jünger waren: wir als die Helden und Supermänner. Schauen wir uns doch um, wer zählt und was zählt. Es sind die Starken, die Reichen, die Gesunden, die Schlauen, die Skrupellosen. Alle, die die richtigen Leute kennen. Die wissen, wie man es anstellt. – Wenn wir uns an den Augenschein halten, können wir nur feststellen: Jesus hat sich geirrt. Und er hat sich schon damals geirrt, denn auch zu seiner Zeit waren die Menschen keinen Deut anders als heute.
Wenn wir aber in tief in uns hineinhorchen, wenn wir unser Herz sprechen lassen, dann sieht es anders aus. Dann wissen wir es besser. Dann ahnen wir, wie es zugehen müsste, wenn alles mit rechten Dingen zuginge. Richtig bewusst wird es uns, wenn wir plötzlich selbst zu den Verlierern gehören. Wenn alles schief läuft – mit der Ausbildung und dem Beruf, mit der Ehe und den Kindern. Oder wenn wir gesundheitlich angeschlagen sind, wenn unsere Kräfte nachlassen und es aufs Ende zugeht. Spätestens dann wissen wir, dass das nicht das gute Leben ist, was in Lifestyle-Illustrierten oder in der Fernseh-Werbung uns vorgegaukelt wird. Das allein schafft noch kein erfüllendes, sinnvolles Leben. Wir wissen das im Grunde, aber wir lassen uns ungern daran erinnern.
Diejenigen, die Jesus selig nennt, sind nicht die Miesepeter, die alles schlecht reden. Es sind auch nicht die Schwächlinge, die aus ihrer Unfähigkeit eine Tugend machen. Sondern es sind alle jene, die wirklich ehrlich mit sich sind. Die sich keine Illusionen machen – nicht über sich selbst und nicht über die allgemein geltenden Spielregeln in unserem Zusammenleben. Sie machen sich nichts vor, deshalb haben sie ein offenes Ohr für das, was Jesus sagt. Sie wissen, dass er recht hat. Tief in ihrem Inneren wissen sie es und vertrauen ihm, dass er auch einlöst, was er verspricht.
IV. Ihr seid das Salz der Erde, Ihr seid das Licht der Welt. Ihr habt verstanden, was Jesus damit meint. Ihr habt verstanden, dass er davon nicht nur geredet, sondern es auch getan hat. Dass er den Weg gebahnt hat. Dass er selbst der Weg ist – der Weg zu einem besseren, einem lebenswerten Leben. Ein Leben, das nicht immer einfacher ist, aber das auf Dauer mehr befriedigt.
Jesus sagt von sich selbst, dass er das das Licht der Welt ist. Wenn wir uns von diesem Licht anziehen lassen, wenn wir in seinen Lichtkegel treten, dann werden auch wir hell, dann strahlen wir sein Licht ab. Wir geben es weiter – selbst wenn es nur ein schwacher Abglanz seines Lichtes ist. Die Welt wird nicht plötzlich taghell. Wir sind eher wie Straßenlaternen, die im Dunkeln gerade einmal den Pfad vor unseren Füssen erleuchten. Aber das ist doch schon etwas!
Ihr seid das Salz der Erde, sagt Jesus. Er m a c h t uns dazu, von uns aus bringen wir das nicht fertig. – Wozu ist Salz gut? Zum Würzen, damit das Essen nach etwas schmeckt. Salz reinigt, es macht Nahrungsmittel haltbar und bekömmlich – wie eingelegten Fisch und gepökeltes Fleisch. Mehr noch: Salz ist lebensnotwendig. Ohne den Zugang zu Salz kommen Menschen und Tiere um. Es ist mehr wert als Gold, auch wenn Salz heute weit weniger kostet. Jesus verheißt kein kurzes Glück, sondern ein sinnvolles, menschenwürdiges Leben. Ein gewürztes/würziges Leben, das nach etwas schmeckt, das nicht fad und schal bleibt.
Wenn man nicht aufpasst, kann man das Essen schnell versalzen. Ist das auch bei dem Salz möglich, von dem Jesus spricht? Kann man des Guten zu viel tun, kann man den Glauben übertreiben? Manche Menschen haben ihre christliche Erziehung als eher finster und abschreckend in Erinnerung. Vieles war verboten, weniges erlaubt. Aber das ist nicht die Schuld von Jesus. Im Gegenteil – er ist aus dem Weg geräumt worden, gerade weil er sich gegen die frommen Zwänge gewehrt hat. Gegen alle Widerstände hat er seine Vision vom wahren Leben in die Tat umgesetzt und dafür einen hohen Preis bezahlt.
V. Ihm blieb nur wenig Zeit. Doch das, was er in dieser Zeit gesagt und getan hat, das hat zahllose Menschen mit Bewunderung erfüllt. Sein Vorbild hat sie angesteckt, sie haben es ihm nachgemacht – so gut sie konnten und soweit es ihnen ihre begrenzten Möglichkeiten erlaubten. Die einen sind über sich hinaus gewachsen, sie sind ihm tatsächlich gefolgt – mit allen Konsequenzen. Sie haben ihre bürgerliche Existenz und alle damit verbundenen Sicherheiten riskiert, manche haben dabei ihr Leben verloren. Das Beispiel, das sie gegeben haben, beeindruckt uns noch nach Jahrhunderten. Sie sind zu hellen Planeten am Nachthimmel geworden. Die meisten anderen Christen sind Jesus nur zaudernd und unsicheren Schrittes gefolgt – auf zwei Schritte vorwärts kam ein Schritt zurück. Doch Jesus ist nicht der Mann, der sie deswegen verurteilt. Er anerkennt, dass sie an ihrem Ort im Leben ihr Fähnlein hoch gehalten haben, dass sie immer wieder versucht haben, gegen den Strom zu schwimmen. Dass sie ein hoffnungsvolles, wenn auch kleines Licht auf dem Wege und ein Prise Salz in der Suppe waren. Sie alle – wir alle haben sicher nicht genug getan, und trotzdem haben wir zusammen die Welt ein bisschen heller und menschenfreundlicher gemacht.
Der Schriftsteller Heinrich Böll hat die Frage gestellt, wie traurig es wohl in unserer Welt aussähe, wenn sich nicht Christen immer wieder für mehr Gerechtigkeit und Barmherzigkeit eingesetzt hätten. Und weiter fragte er: Doch wie wäre es, wenn wir wirklich Jesus konsequent Jesus folgten – als Salz der Erde und Licht der Welt. Wir könnten das Antlitz der Welt verändern.
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Predigt zu Matthäus 5,13-16 von Michael Rambow
Liebe Gemeinde!
In der Hansestadt Lüneburg ist deutlich zu erkennen, welcher praktische Nutzen und Lebensreichtum aus dem Salz zu gewinnen sind. Die wunderschönen Häuser der Altstadt, die imposante St. Johanniskirche mit ihrem wuchtigen Turm am Sand zeugen nach Jahrhunderten von einer Stadt, deren Stolz und Leben aus dem Salz gewonnen wurden. Und wer gar das Glück hat, das mittelalterliche Ratssilber im Rathaus gezeigt zu bekommen, dem gehen die Augen über und der Mund vor Staunen nicht mehr zu angesichts der kunstvollen Pracht. Das Salz der Erde hat die Stadt reich und zu einem bleibenden Anziehungspunkt gemacht.
Würzen gegen das fade Einerlei. Körper und Geist anfeuern. Konservieren vor dem Verfall. Das vor allem kann Salz. Und Licht gibt Orientierung und leuchtet Ziele aus.
Helle Köpfe mit Klugheit und Orientierung, die dem Leben bleibende Würze geben. So sollen nach Jesu Worten Christinnen und Christen sein, damit auch alle anderen Lebensnutzen daraus ziehen können.
„Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt“. Jesus predigt hier gegen leere Geschwätzigkeit und beliebiges Grau. Nicht alles in einen großen Pott schmeißen und zusammenrühren. Die entscheidende Prise macht aus, ob es zum Leben nützt. Glaube ist eine scharfe, klare Sache. Strahlt und würzt wo ihr seid und könnt! So wird Gott richtig gepriesen. Hier begegnet Jesus mal wieder von der scharfen Seite. Das konnte er.
Setzen wir mittlerweile lieber auf Glaubensdiät? Salzlos glauben hält auch fromm und den Blutdruck niedrig. Hier und da herumsuchen im Supermarkt religiöser und vor allem pseudoreligiöser Fülle ist auch ganz nett. Bloß keine zu klare Aussprache. Um Himmels willen keine zu deutlichen Abgrenzungen. Glaubenslichter auf kleiner Flamme halten. Es könnte jemanden stören. Ausgetretene haben auch ihren Glauben. Nichtgläubige, Verehrerinnen und Verehrer allgemeiner Religiosität sind auch ganz nett.
Manchmal muss den Leisetretern, die niemandem zu nahe treten wollen die Suppe versalzen werden. Und den Empfindsamkeitsapostelinnen und -aposteln, die Glauben zu Gefühlsreden verwässern soll mal jemand die drei Verse aus der Bergpredigt wieder vorlesen. Die aus lauter Toleranz alles aufgeben, denen muss das Salzfass der Jesuspredigt hingestellt und daran erinnert werden, dass Jesus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Das wahre Leben findet niemand ohne diese Prise Glaubenswahrheit. Das Licht des christlichen Glaubens muss angeknippst werden, wo Glauben und Leben mit Beliebigkeit verwechselt werden.
Jesu Worte von Salz und Licht sind so gemeint. Die Menschen brauchen Orientierung. Und ihr sollt sie geben. Ihr habt etwas zu konservieren im guten Sinn, das für Leben und Heil unverzichtbar ist: Gottes Worte und Versöhnungstat.
Jesus rief dazu auf, umzukehren und sich mit ganzem Vertrauen dem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde, Schuld und Vergebung, zuletzt auch Leben und Tod beherrscht hinzugeben. Die Liebe Gottes als Würze drangeben. Salz ist mächtig. Salz kann erhalten oder verderben. Salz trägt sogar auf dem Wasser. Licht ist gebündelte Energie. Es schneidet und heilt und klärt und erhellt.
Als ich über dieser Predigt sitze veröffentlichen die Medien die alarmierenden Zahlen der Austritte aus den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland 2014. Danach haben sich rund 218.000 Getaufte von der katholischen Kirche und 410.000 von der evangelische Kirche getrennt im letzten Jahr. Nie vorher verloren die christlichen „Volks“-Kirchen so viel vom Volk.
Als Gemeindepastor untersuchte ich über viele Jahre einmal die Gründe des Kirchenaustritts. Ich wollte in meinem Verantwortungsbereich und für mich selbst herausfinden, ob das Geld wie oft behauptet wird der zentrale Austrittsgrund ist. Ich rief also nach jedem Bescheid des Standesamtes bei den frisch Ausgetretenen an und bat sie um ein Gespräch. Erste Verblüffung: Die allermeisten waren spontan und sehr gerne dazu bereit, im Gespräch ihre Gründe zu erläutern. Sie wussten ich will und kann sie nicht umstimmen. Zweite Verblüffung: Sehr viele sagten: die Kirche hat mir nichts mehr zu sagen. Was ihr sagt und tut ist zwar menschlich nett. Aber es spricht mich nicht an und es reicht mir nicht für eine dauerhafte Bindung. Außerdem stimmt euer Alleinvertretungsanspruch für Gutes und die Werte in der Gesellschaft nicht. Da gibt es auch andere. Das Geld aber nannten viele an erster Stelle nicht.
Verlieren wir alle Klarheit und Orientierung? Tappen die verbliebenen Kirchenmitglieder immer mehr im Dunkeln bei den vielen Angeboten, um eine Hilfe zu sein zu einem gepfefferten und orientierungsvollen Leben, das besser schmeckt und weiter sieht?
Natürlich sind Christinnen und Christen keine Welt- und Menschheitsverbesserer. Sie sind oft nicht mehr als ein paar Salzkörnchen. Nach den statistischen Entwicklungen werden sie wohl immer mehr zu kleinen Lichtern auf dem Markt gesellschaftliche Angebote und Maßstäbe.
Gute Werke preisen Gott im Himmel. Sie öffnen Fenster und zeigen, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt. So kommt Geschmack von Gottes Welt in unsere Welt und ein Schimmer dessen, was er für uns bereitet hat fällt auf das Leben.
Ich möchte, dass wir diese Schärfe und Leuchtkraft als Botinnen und Boten Gottes wiederfinden. Wir müssen anderen nicht die Suppe versalzen. Aber die beklagenswerte Unwissenheit von der Erziehung über ganz einfache Lebensgewohnheiten und Werte und Traditionen bis hin zur verbreiteten Unkenntnis über biblische und christliche Inhalte brauchen wir nicht schweigend zu übergehen. Ich möchte, dass wir aufhören alles gleich-gültig zu machen. Die Menschen zu lieben heißt nicht, mit allem einverstanden zu sein. Ich möchte, dass wir zeigen, was genießbar und was unhaltbar ist. Ich möchte das Licht des Kreuzes Jesu als Heilszeichen für die Welt, statt im Dunkeln zu sitzen und über die Dunkelheit zu klagen.
Das steht hier nämlich dahinter mit seiner ganzen ernsten Anfrage an das Leben.
In dem Märchen mit dem seltsamen Titel "Mäusehaut" erzählen die Brüder Grimm vom Wert des Salzes. Wer den kennt, der gewinnt das ganze Leben.
Ein König fragte seine Töchter, welche ihn am liebsten hätte. Lieber als das ganze Königreich habe sie ihn, sagte die älteste. Die zweite Tochter liebe den Vater mehr als Edelsteine. Die dritte sagte, der Vater sei ihr so lieb wie Salz. Darüber ärgerte der König sich so sehr, dass er einem Diener befahl, seine jüngste Tochter umzubringen.
Im Wald bat die Prinzessin um ihr Leben und verlangte von dem Diener stattdessen ein Kleid aus Mäusehaut. Da hinein wickelte sie sich. So ging sie unerkannt an den Hof eines benachbarten Königs Dort gab sie sich als Mann aus. Der König nahm sie als Diener auf.
Später verklagten andere Diener Mäusehaut vor dem König, sie habe einen kostbaren Ring gestohlen. Als der König sie danach befragte, legte sie die Mäusehaut ab. Da stand eine wunderschöne Prinzessin vor dem König. Er setzte ihr die Krone auf und heiratete sie.
Auch der Vater von Mäusehaut kam zur Hochzeit. Er glaubte seine Tochter lange tot und erkannte sie nicht. An der Tafel aber waren alle Speisen, die ihm vorgesetzt wurden ungesalzen. Darüber ärgerte er sich. "Ich will lieber nicht leben, als solche Speisen zu essen", schimpfte er. Die junge Königin wandte sich ihrem Vater zu und gab sich ihm zu erkennen: "Jetzt wollt ihr nicht leben ohne Salz. Doch einmal wolltet ihr mich töten, weil es euch zu gering war als ich sagte ich liebe euch wie Salz."
Der Vater erkannte erschrocken seinen Lebensfehler. Er küsste sein Kind und bat um Verzeihung. Und dass er seine Tochter wiedergefunden hatte war ihm mehr wert als sein ganzes Königreich. (nach Zitate zum Kirchenjahr. Bd. 2, 185) A m e n.
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Ihr seid Salz der Erde - Licht der Welt, Predigt zu Matthäus 5,13-16 von Thomas Bautz
Ihr seid Salz der Erde - Licht der Welt
Liebe Gemeinde!
Vermutlich haben wir mehr Potential, als wir denken oder für möglich halten. Dabei hängt so vieles davon ab, was wir uns selbst zutrauen, aber auch davon, wie andere uns sehen. Mit Fug und Recht lassen sich zwei extreme Menschenbilder vertreten: a) Der Mensch als komplexes, mit Vernunft begabtes, kreatives Wesen - verantwortlich handelnd gegenüber Tier- und Pflanzenwelt; sorgsam mit Ressourcen umgehend; mit anderen Menschen ungeachtet ihrer Rasse, Kultur oder Religion im Frieden und Einklang lebend. b) Der Mensch als Zerstörer der Natur; als Verächter anderer Rassen, Völker, Kulturen, Religionen; als wahnsinniger Mörder; als Machtbesessener und Kriegslüsterner; als geldliebender, verblendeter Ignorant.
In der Bergpredigt des Jesus von Nazareth (nach Mt 5,13-16) begegnen uns sehr ermutigende Menschenbilder in Form von sprachlichen Bildern, die ich (aufgrund des Universalismus bei Mt) gern verallgemeinern, also nicht nur auf die Kirchengemeinde beziehen möchte. Erlauben Sie bitte dazu eine vorbereitende Hinführung.
Anthropos mikros kosmos - der Mensch ist eine kleine Welt: alle wesentlichen Kräfte und Eigenschaften des Kosmos lassen sich auch im Menschen wiederfinden. Der Gedanke geht wohl auf Demokrit (ca. 460 - ca. 370 v.d.Z.) in der griechischen Antike zurück, wird im MA aufgegriffen und kommt in der Geistesgeschichte immer wieder anthropomorphem Denken entgegen. Dahinter verbirgt sich eine tiefgründige Sehnsucht: Wenn wir den Menschen als kleinen Kosmos erfassen, mag es gelingen, analog das Universum zu ergründen.
Ein Problem besteht nur darin, dass wir den Menschen als Spezies eben nicht begreifen, und es bleibt fraglich, ob wir tatsächlich fähig sind, den unbegreiflichen Dimensionen des Weltalls fundiert näher zu kommen. Es ist denkbar, dass das Universum (manche Forscher sprechen von Universen) weder Anfang noch Ende hat: es existiert ewig und ist unendlich. Die Theorie vom „Urknall“ erweist sich bei kritischer Betrachtung als Hypothese; Experimente bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) im Schweizer Kanton Genf mit dem derzeit bedeutendsten Teilchenbeschleuniger (seit 2008 im Betrieb) beruhen auf Annahmen und theoretischen Voraussetzungen. Die Art der Durchführung eines Experiments beeinflusst stets auch die Ergebnisse; das ist eine wissenschaftstheoretisch anerkannte Erkenntnis.
Gerade in Naturwissenschaften setzen sich manche Meinungen besser und dauerhafter durch als andere; die Gründe liegen oft außerhalb des eigentlichen Wissenschaftsbetriebes. Man darf nicht die Augen davor verschließen, wie Wirtschaftsvertreter und Lobbyisten die vom Gesetz her garantierte, faktisch aber nur scheinbare unabhängige Hochschulforschung beeinflussen und wohin einseitig interessengeleitete Forschung auf der Basis von Industriegeldern führen kann; s. Christian Kreiß: Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne (2015).
Ich finde es verdächtig, wenn sich Hypothesen als scheinbar plausible Theorien präsentieren und unwidersprochen etablieren. Dann werde ich neugierig; mit etwas Glück entdecke ich Vertreter einer Minderheit, die überzeugende Gegenargumente liefern. Fortschritt beginnt mit Kritik am Bestehenden, aber: „Es ist schwieriger, eine vorgefaßte Meinung zu zertrümmern als ein Atom“ (Albert Einstein), zit. n. Manfred Pohl: Die Urknallhypothese, ein Hindernis für die kosmologische Forschung (2011), 3.
Der Mensch als „kleiner Kosmos“: er soll forschen, neugierig sein, energisch vorstoßen in die schier unermessliche Weite des Alls. Er soll dabei nur nicht das Staunen verlieren angesichts der sich den Augen - vermittelt durch Teleskope und Satelliten - darbietenden wundervollen, vielfältigen Pracht und Schönheit immer wieder neu entdeckter Galaxien mit ihren Sonnen und Sternen, ihrem Sterben und Neuentstehen. Einstein mahnt: „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot“ (zit. n. Pohl, 49).
Warum gibt es die Erde, den blauen Planeten, dessen Artenreichtum und Ressourcen der Mensch leider radikal gemindert hat? Wer sind wir: Pflanzen, Tiere, Menschen - angesichts der unbegreiflichen Größe des Kosmos, des Universums? Bleibt nicht alles ein Mysterium? „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“ (Einstein; zit. n. Pohl, 33).
„Kosmos“ bedeutet im Griechischen auch „Schmuck“; ich möchte den Menschen einmal als „Schmuck“ - den Menschen mit seinem kreativen, konstruktiven Potential -, als Kunstwerk verstehen. Manchmal bezeichnen wir einen geliebten Menschen als „Schmuckstück“. Was wäre das für ein hoffnungsvolles, positives Menschenbild, wenn wir allgemein und global den Menschen als „Schmuck“ ansehen dürften!
Rabbi Jesus hält andere, gleichwohl ebenso Hoffnung ausstrahlende Bilder für den Menschen bereit: „Ihr seid das Salz der Erde - das Licht der Welt“. „Die Künste sind das Salz der Erde (…)“, schreibt Goethe in Wilhelm Meisters Wanderjahre (vgl. Goethe-HA Bd. 8, S. 242).
Tatsächlich sind es außer den Medien, sofern sie kritische und sachliche Aufklärung betreiben, die Künste, die Widerstand leisten gegen soziale, wirtschaftliche Missstände, gegen politische Unterdrückung, gegen religiösen Fanatismus, gegen pseudopolitischen Extremismus.
Allerdings dürfen weder Medien noch Künste käuflich oder einseitig parteiisch werden, sonst verlieren sie ihre Kraft, ihr subversives Potential. Salz der Erde - nach der rhetorischen Rede des Rabbi Jesus verbietet es sich von selbst, dass das Salz kraftlos werde: „eine unmögliche Möglichkeit“; Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1 (1985), 222). „Ihr seid das Salz der Erde“ - werdet euch dessen bewusst!
Menschen bringen viel mehr naturgemäße Eigenschaften und Potential mit, als sie glauben. Ich gebe allerdings zu, dass auf der anderen Seite im Leben eines Menschen mitunter von Anfang an seine guten Veranlagungen durch familiäre und gesellschaftliche Einflüsse ganz oder teilweise verschüttet werden oder seine Entwicklung ins Destruktive umschlägt. Doch wenn es gelingt, dass eine solche zwangsläufig gescheiterte Existenz Licht bringende Hilfe erfährt, wird dieser Mensch aller Erfahrung und Erwartungen zum Trotz sein Leben erstmals selbst in die Hand nehmen und dabei seiner Kraft als „Salz der Erde“ gewahr werden.
Salz kann seine chemischen Eigenschaften nicht verlieren; dennoch bleibt die Warnung des Nazareners vor der möglichen Unmöglichkeit berechtigt. Denn das Salz bleibt allemal ohne Wirkung, wo es nicht verwendet wird. Ich muss wieder einmal an Nazi-Deutschland denken: Warum ist es dem deutschen Volk nicht gelungen, dem Führer, Hitler, kräftig „die Suppe zu versalzen“?!! Warum gab es nur wenige Widerstandskämpfer? Wodurch wurde das gewaltige, schlagkräftige Wort aus der Bergpredigt: „Ihr seid das Salz der Erde“ derart entkräftet?
Es ist gut und absolut notwendig, dass über die Gräueltaten der Nazis weiterhin international aufgeklärt wird. Denn es ist eine zum Himmel schreiende Schande, dass zum Kriegsende 1945 und danach die meisten nationalsozialistischen Verbrecher entkommen konnten. Lange Zeit war in Deutschland ohnehin die systematische Ermordung in den Konzentrationslagern kein nennenswerter Anlass zur Selbstkritik. Das notwendige Bewusstsein wurde stattdessen eingeholt von der Entwicklung zum Wirtschaftswunderland.
Nicht nur Einzelne, sondern eine ganze Gesellschaft kann somit vergessen, welches Potential in ihnen steckt - und wenn es niemand ihnen sagt, verfehlen sie ihr Ziel, hilfreich zu sein für ihre Mitmenschen, friedliebend, zuvorkommend, für die Familie und für sich zu sorgen - die Menschen versündigen sich:
Eichendorff dichtet in „Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands“ (vgl. Eichendorff-W Bd. 3, S. 846):
„Wir haben alle schwer gesündigt,
Wir mangeln allesamt an Ruhm,
Man hat, o Herr! uns oft verkündigt
Der Freiheit Evangelium;
Wir aber hatten uns entmündigt,
Das Salz der Erde wurde dumm (…).“
Das Bildwort vom „Salz der Erde“ wird verstärkt durch die Lichtmetaphorik: „Ihr seid das Licht der Welt“; eure Ausstrahlung kann nicht verborgen bleiben: Niemand zündet ein Licht an und stellt es unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter (Lichtständer). Und doch lässt das bekannte deutsche Sprichwort: „Du sollst oder du musst dein Licht (doch) nicht unter den Scheffel stellen“ aufmerken, weil es uns auf die negative Möglichkeit hinweist.
Was bei Rabbi Jesus als unmögliche Möglichkeit erscheint, ist im Leben vieler Menschen doch unabweisbar nicht nur möglich, sondern knallharte Wirklichkeit. Vom Kindergarten über die Grundschule bis zu den weiterführenden Schulen und seit der Durchführung der Studienreform an den Hochschulen werden Kinder, Jugendliche und junge Leute mit Wissen vollgestopft - und das im Turbogang, der viele auf der Strecke bleiben lässt. Auch das Abitur am Schluss des 12. Schuljahrs bringt keinen realistischen Gewinn. Lernprogramme lassen wenig Spielraum, sogar die Curricula an den Hochschulen. Dem sind Lehrkräfte ebenfalls unterworfen. Ein hohes Maß an Reglementierung, ein geringes Maß an freier Gestaltung.
Weniger spezielles Wissen sollte vermittelt werden, dafür mehr Allgemeinbildung. Komplexe Zusammenhänge verstehen können; Probleme erkennen, Lösungen versuchsweise erarbeiten und Ergebnisse kommunizieren lernen - mit dem Ziel, Aus- und Weiterbildung den Gaben der Einzelnen anzupassen. Ein junger Mensch muss die Chance erhalten, seine Fähigkeiten zu entdecken, um sie dann entfalten zu können. Viele Grundschulkinder erleben aber schon zwei Arten Korsett, die einander bedingen: das Korsett des Leistungszwangs und das Korsett der Gleichschaltung. Jedes einzelne Kind hat nach einem vorgegebenen allgemeinen Maßstab zu funktionieren und sich ihm leistungsmäßig anzupassen. Individuelles wird ausgeblendet.
Wie soll ein Mensch unter solchen Bedingungen überhaupt seine persönlichen Fähigkeiten entdecken und ausbauen? Unter den geschilderten Voraussetzungen werden Individuen nur sehr erschwert, wenn überhaupt, zu originellen, unverwechselbaren Persönlichkeiten reifen. Für sie müssten neue, förderliche Maßnahmen getroffen werden, damit beide Worte in ihrem Fall überhaupt Anwendung finden:
„Ihr seid das Licht der Welt! Eine Stadt, die oben auf einem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stellt es unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter (…).“ - „Du sollst oder du musst (doch) dein Licht nicht unter den Scheffel stellen“!
Man kann diese beiden Gedanken als klar erkennbare Gegensätze verstehen; s. Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. 3 (2. Aufl. 1995): Licht, 959-963: 960-961. Sprachwirklichkeit oder Sprachgebrauch sehen vor, dass es unmöglich ist, Licht zu verbergen, und vom Nazarener wird auch vorausgesetzt, dass niemand, der z.B. eine Kerze anzündet, das Kerzenlicht sogleich versteckt oder gar wieder auslöscht. Wer sein Licht dennoch unter den Scheffel stellt, gerät sprichwörtlich unter den Verdacht falscher Bescheidenheit.
Im Falle des Rufes in die Nachfolge Jesu versäumt man gar, einen persönlichen Beitrag zur Verherrlichung des himmlischen Vaters zu leisten, wie Rabbi Jesus es aber vorsieht:
„Ebenso soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der im Himmel ist, preisen.“
Angefangen beim Reformator Martin Luther haben Protestanten immer wieder grundsätzliche Probleme mit „den guten Werken“. Das hat dogmatische Gründe, die zu beleuchten ich mich hier nicht anschicken möchte. Biblisch besteht gar kein Problem, weil Werke und Früchte oft als Synonyme auftreten. Früchte erwachsen oder werden sogar geschenkt, wie die „Früchte des Heiligen Geistes“; auch entspringen „Werke“ nicht allein menschlicher Leistung, sondern haben ihre Ursache im göttlichen Wirken (Eph 2,10):
„Denn sein Gebilde sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu einem Leben voller guter Taten (Werke), die Gott schon bereitgestellt hat“, s. Neue Zürcher Bibel (2007), 307.
Natürlich sehen wir unsere hilfreichen Taten, pflichtgemäßen Handlungen, berufsbedingten Werke ebenso wie unsere Defizite und Unterlassungen als unsere ureigensten Belange an. Nur allzu enthusiastische, überspannte oder selbsternannte Charismatiker und fromme Fanatiker wagen es, ihre guten Taten direkt von „Gott“ oder dem „Heiligen Geist“ abzuleiten.
Für Jesus ist es fraglos, dass Menschen in seiner Nachfolge als lichtvolle Existenzen ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern es in Gestalt von „guten Werken“ für Mitmenschen sichtbar leuchten lassen. Der Rabbi verbindet das sogar mit der Hoffnung, wenn nicht gar mit der Gewissheit, dass diese Werke ohne Eigennutz zum Lob des himmlischen Vaters führen.
Der Nazarener ruft Menschen in seine Nachfolge, die darauf vertrauen, dass sie wirklich Salz der Erde und Licht der Welt sind. Diese Identität gilt es nicht lauthals zu verkünden, sondern vielmehr im Leben zu verwirklichen, wobei die Metaphorik sprechend genug ist: Salz ist nur nützlich, wenn es zum Würzen gebraucht wird; es vermag dem Leben der Menschen Würze zu verleihen, es so zu durchdringen, dass es durch Verfeinerung genießbarer, erträglicher wird. Licht ist zum Leuchten da. Es kann in Seenot Geratenen den Weg zurück zur sicheren Küste weisen. Das Licht des Verstandes vermag aufzuklären über verbreitete Irrtümer, Aberglauben, Ideologien, trügerische Versprechungen. Ein erleuchtetes Herz kann Mitgefühl (compassion) wecken für Mitmenschen und die permanent bedrohte Natur. Licht erhellt die dunkelsten Winkel, in die sich verzweifelte Menschen voller Furcht zurückgezogen haben.
Wer vorgibt, „das Licht der Welt“ zu sein, dabei aber selbst im Dunkeln tappt, wird nicht nur ständig ins Stolpern geraten, sondern wird auch Suchenden zum Stolperstein. Wer behauptet, „das Salz der Erde“ zu sein und dabei seinen Mitmenschen ihre Suppe versalzt, wird alsbald weggeschüttet und von den Medien zertreten. „Es ist nicht Sache der Kirche, zu sagen, sie sei das Salz der Erde; ihre Sache ist es, Salz für die Erde zu sein, eben dadurch, daß sie das Beste tut zum Nutzen der Welt“; Hans Weder: Die „Rede der Reden“ (2. Aufl. 1987), 90.
So wie Jesus von Nazareth sich als Bruder seiner Mitmenschen verstanden und ihnen gedient hat, sollen die Jesus Nachfolgenden der Gesellschaft zu Dienste stehen. Dem Dienen stehen offenkundig gewisse Faktoren im Wege; in Deutschland birgt die privilegierte Position der Großkirchen schon ein verführerisches Potential. Staatlich sanktionierter Einfluss der Kirchen gerät für die Gesellschaft und einzelne Menschen nicht immer zum Segen oder allgemeinen Nutzen. Man denke nur an die Sonderstellung des Kirchenrechts.
Andererseits besteht für die institutionalisierte Religion die Möglichkeit, das Potential ihres „Salzseins“ und „Lichtseins“ auszuschöpfen. Kirchenvertreter sollten versuchen, dem faden Alltag ermüdeter und zum Teil resignierter Abgeordneter wieder etwas Würze zu verleihen. Sie sollten überparteilich bzw. ohne Parteizugehörigkeit das Augenmerk der Politiker auf das Gemeinwohl lenken und dazu anregen, einen gemeinsamen Nenner bei den verschiedenen Meinungen der Parteien zu erarbeiten. Dabei sollten die Interessen der Benachteiligten, der Pflegebedürftigen, der chronisch Kranken, der Asylanten und Flüchtlinge, aber auch unserer Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen.
Vor allem sollte die gefährliche, trügerische fundamentale Ideologie intensiv durchleuchtet werden, die wir völlig unkritisch von den USA übernommen haben, die nun in unserem Land herrscht: der Turbokapitalismus oder Mammonismus, einfacher: die Liebe zum Geld (griech. silber-, geldliebend). Ich werde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen. Der Arzt und Evangelist Lukas führt in dieser Hinsicht die deutlichste Sprache, weshalb sein Evangelium treffend als „Evangelium der Armen“ bezeichnet wird. Die Makarismen beginnen bei ihm mit den Worten (Lk 6,20b): „Glückselig seid ihr Armen, denn euer Teil ist das Reich Gottes.“
Wiederum bei Lukas finden wir den wirtschaftsethisch vielleicht weisesten Ausspruch (16,9): „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon (Reichtum)“, bei Mt heißt es quasi ergänzend (6,24d): „ihr könnt nicht (gleichzeitig) Gott und dem Mammon dienen.“
Die Kritiker des Turbokapitalismus bezeichnen diesen zu Recht als Geldreligion; es handelt sich um eine Universalreligion, die sich schon nahezu den gesamten Globus erobert, wenn nicht gar unterworfen hat. In diesem Sinne ist die Rede vom globalen Denken und Handeln durchaus zweideutig. Der Geldreligion geht es nicht um innere oder auch äußere Werte; sie kümmert sich einzig und allein um alles, was verwertbar ist, was transformiert werden kann in Aktien, Wertpapiere, Immobilien, Geld im weitesten Sinne.
Vertreter der Geldreligion gehen - kurzfristig, vor allem aber langfristig - über Leichen: Sie lassen die wichtigsten Regionen unseres Planeten zertreten, verbrennen, auf jede nur denkbare Art ausbeuten, zerstören; Meere und Böden vergiften, kontaminieren. Sie schließen sich mit dubiosen Regierungen zusammen, die Militärdiktaturen gleichen; gemeinsam beuten sie die armen Arbeiter und Bauern aus, die ihnen gezwungenermaßen als Handlanger dienen.
Die globalen (!) Verflechtungen dieses destruktiven pseudowirtschaftlichen Verhaltens sind derart kompliziert, dass es offenbar verschiedener hoch qualifizierter Gremien, bestehend aus intelligenten Fachkräften guten Willens, bedarf, um zumindest erst einmal aufklärendes Licht in die vielfältigen dunklen Geschäfte und Machenschaften zu bringen. Fragt sich nur, welche Instanz die nötigen Vollmachten erhielte, um Entscheidendes zu ändern!
Selbst der - mir zugegebenermaßen sympathische - aus Lateinamerika stammende, von daher wohl auch prädestinierte Papst Franziskus erhebt zwar seine gewichtige Stimme, aber ob er über die Funktion als Sprachrohr der Armen und Verfechter einer konsequenten Umweltethik hinaus tatkräftigen Einfluss wird ausüben können, ob ihm genügend Menschen folgen werden, indem sie sozusagen erkennen, dass sie Salz der Erde und Licht der Welt sind?
Die schlimmsten Auswüchse der Geldreligion mit ihren direkten Folgen für die Menschen sind Drogenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kinderpornographie im Internet, Waffenindustrie und Kriege, von denen die Geldreligion profitiert. Streng genommen, müsste man die fortschreitende Entwicklung nuklearer, chemischer und biologischer Kampfmittel dazu rechnen. Schon längst weiß auch der einfache Arbeiter: Politik wird von Industrie und Wirtschaft regiert, auch hierzulande, ergo bestimmt oder herrscht letztlich die Geldreligion?
Ich formuliere es als Frage, weil ich noch voller Hoffnung bin, dass sich ein rabbinisches Wort hier und dort durchsetzt: „Das Salz des Geldes ist die Wohltätigkeit“ (H. Weder, 87).
Das gleicht dem Wort: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Geld lässt sich bekanntermaßen auch für gute Zwecke, für Arme, für Kranke, zur Unterstützung hilfreicher, uneigennütziger Organisationen, Einrichtungen und Verbände einsetzen. Geld als solches ist weder gut noch böse; nur die Gier danach, die Liebe zum Geld ist Wurzel allen Übels.
Mit Salz verleihen wir Speisen - jeweils in der richtigen Dosierung - die gewünschte Würze; sie würden sonst fade schmecken. Wir können mit Salz aber auch Nahrung konservieren, die sonst leicht verderblich wäre. Bei Drewermann finde ich noch einen weiterführenden Hinweis: Salz wirkt, indem es sich auflöst; gesalzene Lebensmittel vermitteln Lippen und Zunge den Geschmack des Salzes. Aber dieser kristalline Stoff ist selber in der Speise wie verwandelt und ist nicht mehr sichtbar, obwohl er natürlich noch vorhanden ist und wirkt. „So offenbar sollen im Sinne Jesu Menschen werden, die an ihn glauben.“ Kein ängstliches Bedachtsein auf „Selbstbewahrung“ „vor jeder Verwechslung und Vermischung“, keine feste „ehrwürdige, normierte Identität“; s. Eugen Drewermann: Das Matthäusevangelium 1. Teil (1992), 429.
Doch weil wir „Salz der Erde und Licht der Welt“ sind, fragen wir uns: Wie nützen wir den Menschen, die uns brauchen? Wie öffnen wir uns so weit, dass es anderen hilft? Wie helfen wir bestehende Schranken unter Menschen abzubauen? Wie vermitteln wir unseren Kindern, dass auch sie „Licht der Welt“ sind, auch wenn sie womöglich in den Augen der Lehrkräfte keine „große Leuchte“ darstellen? Wie ermutigen wir Menschen, die am herkömmlichen dogmenhaften „Glauben“ zweifeln oder sogar verzweifeln, zu dem Selbstbewusstsein, dass gerade sie wie Salz in der Gemeinschaft wirken können.
Wie können wir uns einbringen in Betrieben, Firmen und Konzernen, in denen Menschen kurz- oder langfristig die Arbeitslosigkeit droht? Gibt es in der Wirtschaftswelt noch Raum für Mitmenschlichkeit, gibt es eine gemeinsame Basis für Unternehmer und Beschäftigte? Könnte es Kirchenvertretern gelingen, ihren Einfluss geltend zu machen?
Wäre es uns nach Prüfung all unserer Kräfte möglich, Langzeitarbeitslosen zu helfen, die ständig unter dem Vergleichsdruck mit der arbeitenden Bevölkerung stehen, die zwischen Schamgefühlen, Resignation, Trotz und Sinnlosigkeitsverdacht pendeln? Wie vermögen wir es, diesen armen Menschen zu zeigen, dass sie nicht wertlos sind, dass Erwerbslosigkeit nicht mit Wertlosigkeit gleichzusetzen ist?
Werden wir es schaffen, Menschen aus dem Ausland - Flüchtlinge, Asylanten und anderen Ausländern, die schon länger bei uns leben - eine zweite Heimat zu geben? Wird ihnen ein Licht der Warmherzigkeit, kaltes Polarlicht oder Zwielicht bürgerlicher Selbstzufriedenheit begegnen? Der Wille zur Integration ausländischer Mitbürger, auch von Flüchtlingen, wird dankenswerterweise stärker. Dazu gehört allerdings der Widerstand gegenüber Kräften, die aus welcher Motivation auch immer ihre Ausländerfeindlichkeit demonstrieren und zum Teil mit Gewalthandlungen unterstreichen.
Die Metaphorik des Rabbi Jesus: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt“ mag uns dauerhaft dazu ermutigen, nie im Kampf für das Gute und im Eintreten für Schwächere nachzulassen. Viele Menschen, die sich für Frieden, für die Umwelt, für Menschen in Kriegs- und Krisengebiete einsetzen oder auch in der Heimat für Pflegebedürftige und Behinderte - sie alle bezeugen, wie schön und erhebend es sein kann, wenn man erfahren darf, gebraucht zu werden, jemandem oder einer guten Sache dienlich oder nützlich zu sein.
Amen.