Predigt zu Matthäus 16,13-19 von Bernd Vogel

Predigt zu Matthäus 16,13-19 von Bernd Vogel
16,13-19

Als Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger und sprach: Wer sagen die Menschen, dass der Menschensohn sei?
Sie aber sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
Er fragte sie: Ihr aber, wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!
Jesus antwortete aber und sprach zu ihm: Glücklich bist du, Simon Barjona  (Jonas Sohn); denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater in den Himmeln.
Und ich sage dir: Du bist ‚Stein‘ (Petrus), und auf diesem Gestein[1] werde ich meine Kirche bauen, und die Tore der Totenwelt werden sie nicht überwältigen.
Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben, und was du auf Erden binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird in den Himmeln  gelöst sein.
 (Matthäus 16,13-19 )
 
„Die Menschen“  - Luther übersetzte „die Leute“ – haben schon damals nicht kapiert, wer „der Menschensohn“ ist. So erzählt es der Evangelist Matthäus. Die Jünger aber sollen kapieren. Das befähigt sie zu einem immens bedeutungsvollen Auftrag.  So schrieb es Matthäus in sein Evangelium. Und das ist lange her.

Wenn wir heute auf die Straßen gehen würden mit dergleichen Frage – was käme wohl heraus? Wer ist Jesus für Sie? Wer ist Jesus für dich?

Ein guter Mensch. Ein Religionsgründer. Einer, der von einer Jungfrau geboren wurde? Einer, der tot war und von der dann aus seinem Grab stieg? Kultobjekt der „Christen“?  …

Und ‚wir‘ hier im Gottesdienst zu Pfingsten? Haben wir es kapiert?  „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Aus vollem Mund und vollem Herzen. Pathos pur. Und warum auch nicht? Tut doch gut. Gesungen wird heute auch vollmundig. Da ist nichts dagegen zu sagen. Doch was heißt das bloß, was wir da singen? Könnten Sie mit wenigen Worten einem guten Bekannten deutlich machen, wer für Sie Jesus Christus im Heiligen Geist ist und was wir da Pfingsten feiern? Können Sie das, ohne eine Formel mit einer anderen Formel zu ersetzen?

Es wäre zu viel gefordert, dass Ihr Gesprächspartner leuchtende Augen bekäme und sagte: Ich kann das jetzt auch so sehen wie du!  Aber meinen Sie, es bestünde die Chance, dass Ihr Gesprächspartner (Ihre Gesprächspartnerin) zumindest kurzzeitig wirklich interessiert ist, vielleicht sogar angerührt, vielleicht sogar provoziert zu einer Frage, einer Bemerkung oder einem gehaltvollen Schweigen? Trauen Sie das Ihren eigenen Worten vom „Christus“, dem „Sohn des lebendigen Gottes“ zu? Dann wäre Pfingsten schon Realität. Nicht nur Historie.

Da aber den meisten von uns es eher so gehen mag wie mir, dass das eigene Bekenntnis z. B. im Schulunterricht bestenfalls Respekt, nur selten aber vernehmliches Interesse findet, müssen wir wohl noch etwas auf den Geist warten und gehen zunächst einmal in den Brunnen der Geschichte. Eine gedankliche Bußübung sozusagen.

1. Der Konflikt zwischen Petrus (Kephas) und Paulus in Antiochia (um 50).

Um das Jahr 50 herum hatte der Völkerapostel Paulus seine zwischenzeitliche Heimat Antiochia im Streit verlassen. Seitdem galt Simon Petrus = (aramäisch) Kephas als der Apostel Syriens. In seiner Tradition steht der Evangelist Matthäus.

Was war geschehen? Simon, den schon Paulus im aramäischen Idiom „Kephas“ nennt, den „Stein“, war von Jerusalem nach Antiochia gekommen. Vielleicht, um einen Streit zu schlichten. Es ging um die Tischgemeinschaft von Christen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft. Das war der Leitung der rein judenchristlichen Urgemeinde in Jerusalem ungeheuerlich. Wie konnte der Unterschied zwischen Israel und den Völkern so ignoriert werden? Machte nicht die bloße Anwesenheit der Nichtjuden das jüdische Mahl wertlos? Und umgekehrt gedacht: Bestand nicht für die Nichtjuden, wenn sie denn mit Juden Mahlzeiten halten wollten nach jüdischen Regeln, die Verpflichtung, dann auch den ganzen Weg zu gehen und sich – wenn sie Männer waren – beschneiden zu lassen?

Vielleicht war Kephas gekommen um den Streit zu schlichten. Gelöst hat er ihn nicht. Genauso wenig wie Paulus, sein theologischer Gegner. Der Streit eskalierte. Paulus stellte den Kephas zur Rede, warf ihm gar Heuchelei vor und verließ Antiochia auf immer (s. Gal 1 und 2, vgl. zur Sache im Ton anders die Apg). Was hatte gelöst werden sollen, wurde gebunden. 

Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben, und was du auf Erden binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird in den Himmeln  gelöst sein.

2. Matthäus möchte in der Tradition des Petrus die Gemeinde stabilisieren und ihr einen Auftrag weitergeben (um 80).

Die Geschehnisse in Antiochia liegen im Jahre 80 nun 30 Jahre – eine Generation – zurück. Paulus und Petrus sind tot, ermordet als Glaubenszeugen in Rom. Kein Augenzeuge Jesu von Nazareth lebt mehr, kann mehr befragt werden, wie es war damals mit Jesus, als er noch unter ihnen war, mit ihnen aß, wanderte, predigte und heilte.

Niemand war mehr da. Aber es gab die christlichen Gemeinden. Und diese waren jetzt auf sich gestellt. Und das war unheimlich. Es fehlte ihnen der Boden unter den Füßen. Ausgerissen war die Wurzel, die sie trug. Zwar hatten sich Judenchristen und Völkerchristen gestritten von Anfang an. Doch war es für Paulus und Petrus (Kephas) und auch für den Herrenbruder Jakobus und andere keine Frage, dass die Christusanhänger aus Juden und Völkern verbunden blieben mit der Wurzel, mit Israel, mit dem von Gott erwählten und beauftragten Volk des Bundes. Für sie war das keine Frage. Kein Zweifel daran!

Nun aber die Katastrophe. Im Jahre 50 gehen die Wege des Paulus und des Kephas aus einander. 20 Jahre später dann gehen die Wege der Kirche und Israels aus einander. Die römischen Feldherren Titus und Vespasian besiegen Israel im jüdischen Krieg 66-70, erobern Jerusalem vollständig und entweihen und zerstören den Tempel mit dem Allerheiligsten in ihm. Von nun an kämpften die Rabbis und verbliebenen Führer ihres besiegten Volkes um das Überleben. In Synagogen sammelte man sich zu Gebet und Schriftlesung. Die Trennung von der Versammlung des Herrn (= Kirche) war unausweichlich und scharf. Es gab wechselseitige Abgrenzung, Ausstoß und Verdammung.  Die mittlerweile bis nach Rom gewanderte Kirche verstand sich schon früh als Gottes neues Heilsvolk. Als mit Kaiser Konstantin die kirchliche Macht kam, waren die Mittel da, um sich gegen die jüdische Gemeinde zu profilieren. Mit furchtbaren Folgen bis 1945.

Das muss die pfingstliche Gemeinde im 21. Jahrhundert wissen, um Matthäus 16 für heute auslegen zu können.

3. Von Petrus und dem Papstamt (vergangene Schlachten)

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ steht auf Goldgrund in der Kuppel des Petersdomes. Kirchliches Selbstbewusstsein der katholischen Kirche in der Zeit der Gegenreformation. 

Längst wissen auch römisch-katholische Bibelausleger, dass das Wort  „Du bist ‚Stein‘ (Petrus), und auf diesem Gestein[2] werde ich meine Kirche bauen, und die Tore der Totenwelt werden sie nicht überwältigen“  niemals vom historischen Jesus gesprochen sein können (weil er nirgends sonst von „meiner Kirche“ spricht) und erst Recht nicht das mit allen Kirchenrechten ausgestattete Papstamt legitimieren.            

Matthäus erinnert vielmehr in einer Zeit großer Unsicherheit unter den Christen an die für ihr Gebiet Syrien maßgebliche Apostelgestalt. Er zeichnet den Simon, der wahrscheinlich von Jesus selbst den Beinamen ‚der Stein‘ erhielt (was eigentlich einen runden Stein, einen Stein wie ein Diamant denn einen „Felsen“ meint), als den beispielhaften Apostel, der das tun soll, was alle Apostel tun sollen: der Kirche Stabilität zu geben wie ein ‚Felsen‘ und zu binden und zu lösen. 

4. Und wir heute?

Was soll die Kirche heute tun? Was ist ihr Christusbekenntnis - und was bedeutet es heute zu binden und zu lösen?

Matthäus denkt (wahrscheinlich) an die Autorität der Apostel als der Lehrer ihrer Kirchen, Jesu Willen und Gebot auszulegen. Das soll nach ihm (trotz der Vorbildfigur des Petrus) nicht hierarchisch geschehen, schon gar nicht von einem Monarchen von oben nach unten, sondern in der Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu. Das sind nach lutherischem Verständnis alle, die sich um Jesus scharen und seinen Willen herauszufinden und zu tun suchen.

Sie sollen im Unterschied zu den von Matthäus[3] scharf angegriffenen „Schriftgelehrten und Pharisäern“ (Mt 23,13) das Reich der Himmel offen halten für die, die  Mühe haben und die sich bemühen um Gottes Willen in der Welt (Mt 11,28 ff.: Die das ‚Joch‘ tragen = die Gottes Gebot zu kennen und auszuführen suchen). 

Binden und lösen … und der lebendige Gott, der Vater des Christus wird sich daran halten. Was für eine Verantwortung hat diese „Kirche“!

Haben wir als Kirche diesen Auftrag – was bedeutet das heute? Nur noch in wenigen Gemeinden wird man spontan an Beichte und Absolution denken. Luther hat beides  hoch geschätzt. Dietrich Bonhoeffer auch. In der Michaelsbruderschaft spielt beides eine Rolle. Und in der Abendmahlsliturgie sind Schuldbekenntnis und Absolution möglich. Nicht als Priester, als Mittler, sondern als von der Gemeinde beauftragte und von Gott berufene Person könnten die Liturgen und Liturginnen „binden und lösen“.  

Ist das übrig geblieben: Die Schar der bekennenden Christusglaubenden, die zum Abendmahl geht und in der es Beichte und Gnadenzuspruch gibt? - Wohl zu kleine Münze für eine pfingstliche Auslegung dieses gewaltigen Textes. 

„[…] der Tag wird kommen-, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, daß sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, daß sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt“ (Dietrich Bonhoeffer, Gedanken zum Tauftag, Mai 1944, DBW 8, 436).  

Das sind pfingstliche Worte! Doch ist die Zeit nicht gekommen. Noch nicht? Jedenfalls nicht hier in Deutschland, nicht im Westen der Weltgesellschaft. Zu stark sind die Mächte der Gier, der Ökonomie, des Kapitals. Und insgesamt kommen wir nicht zurecht mit der Erhaltung unseres Wohlstandes einerseits, dem Zwang zum Immer besser, immer mehr, immer voraus technologisch und strategisch, und der inneren Leere, die sich in vielen auftut. Der Druck ist groß und innen drin brennt es nicht. Solange das Leben noch leicht ist und man sich Spaß kaufen kann, geht es ja noch. Aber dann? Und die Verlierer? Betrifft das alles die Kirche nicht? Oh doch. Vielleicht ist es hier sogar am spürbarsten: Die zerreißende Spannung zwischen der Sehnsucht nach des lebendigen Gottes Gerechtigkeit im Welthandeln und jener Realität, deren 1000 Bilder wir uns täglich aussetzen und die uns innerlich aushöhlen, ehe wir es merken.      

Die Kirche ist geistig krank. Depressiv. Zwanghaft. Manchmal schizoid oder hysterisch. Es fehlt die Ausstrahlung, innere Kraft, Überzeugung, Klarheit in den Worten, Kompromisslosigkeit im Streit gegen Unrecht. Man tut was. Manche tun sogar zu viel, überfordern sich und andere. Es fehlt an echtem Miteinander, an wechselseitiger Teilhabe von Schmerz und Ratlosigkeit, an Lust auf Bibelstudium und neue geistige Entdeckungen, Veränderung, Transformation. Die Institution zu retten ist nachrangig. Wo ist in den Gemeinden die Lust zu Experimenten, zu Wagnissen? Fehlt die geistige Stabilität, um etwas riskieren zu können? 

Vielleicht beginnen wir zu ahnen, warum Matthäus nach der Katastrophe der Untergangs Jerusalems sich dieses Simon Petrus erinnert. Urgestein. Was Wertvolles wie ein Diamant. Bodenständiges wie auf Felsen gegründet. Stabilität. Und das Selbstbewusstsein, vom lebendigen Gott (!) einen klaren Auftrag zu haben: Binden und lösen. Sagen, was Sache ist. Wo es lang gehen kann. Was Jesus gewollt hätte, jetzt und hier will.

Stabilität und Auftrag. Fest stehen und Dynamik. Beides. Nicht nur Stabilität der Volkskirche, nicht hektische Experimente. Gegründet in ewiger Beziehung ganz konkret hier und jetzt leben. Völlig menschlich.

Bonhoeffer hat sich nach dem „konkreten Gebot“ Gottes gesehnt. Er meinte mehr damit als Handlungsanweisung. Das Gebot war ihm Erlaubnis zum Leben und Schutz durch wunderbare Mächte, die einem täglich Winke geben. Probiere doch dies, geh doch dort. Nicht im Befehlston, sondern ein Leben aus innerer Anleitung. Und niemals ist dort nur Leere. Einer ist da, hört dich, spricht zu dir.

Ein Gespräch wie einst zwischen Jesus und seinen Jüngern. Ginge es weiter! Komm, Heiliger Geist und öffne uns für deine Gegenwart. Erfülle unsere Leere mit Dir. Entfache in uns das Feuer, das niemals verlischt (nach einem Gebet aus Taizé).

Amen.


[1] Im Griechischen ein Wortspiel (petros-petra), das sich im Deutschen nur behelfsmäßig nachmachen lässt. 

[2] Im Griechischen ein Wortspiel (petros-petra), das sich im Deutschen nur behelfsmäßig nachmachen lässt. 

[3] In der Situation der Trennung von Synagoge und Kirche in Folge der Katastrophe im Jahr 70

 

Perikope
25.05.2015
16,13-19

Predigt zu Matthäus 11,25-30 von Frank Hiddemann

Predigt zu Matthäus 11,25-30 von Frank Hiddemann
11,25-30

Gnade und Friede von dem,
der da ist und
der da war und
der da kommt,
sei mit euch allen.


Liebe Gemeinde,

hat Jesus eigentlich gesungen?
Wenn er mit der Schar seiner Jünger
die staubigen Straßen Palästinas entlang ging,
haben sie dann auf dem Wege ein Lied angestimmt?
Etwas wie:
„Diesen Weg auf den Höh'n bin ich oft gegangen
Vögel sangen Lieder“.
[Thüringer Version. Bitte regional anpassen!]
Oder wenn sie auf dem See Genezaret mit dem Boot unterwegs waren,
haben sie dann gesungen:
„Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen
der eiskalten Winde rauhes Gesicht.“
Oder etwas in der Art.
Ich nehme mal an, es geht Ihnen wie mir.
Ich kann es mir nicht vorstellen.
Irgendwie liegt Ruhe über den Evangelien.
Jesus spricht, die Menge macht Geräusche,
manchmal schabt ein Fischernetz über eine Bordwand
oder es kräht ein Hahn.
Es gibt Diskussionen mit den Schriftgelehrten
und dann mal eine plötzliche Stille
...
Und dann wird wieder geredet.
Dabei haben wir heute einen Psalm gebetet.
Und Psalm heißt „Lied“ -
und in unserem Wochenpsalm heißt es sogar:
„Singt dem Herrn ein neues Lied!“
Und überall in den Psalmen hebt der Sänger an:
„Lobe den Herrn meine Seele!“
Aber auch „Gott erhör' mein Flehen“
Oder: „Ich will den Herrn allzeit preisen,
sein Lob sei immerdar in meinem Munde!“
Die ganze Bibel ist voller Gesang.
Sogar im Bauch des Fisches wird gesungen,
als Jona dort hockt und gerettet ist.
...
Aber es gibt nur eine Stelle in der Bibel, wo Jesus singt
oder doch wenigstens anhebt
- wie ein Sänger anhebt zu singen -,
Gott zu loben.
Sie haben es bestimmt schon erraten!
Es ist das Evangelium des heutigen Sonntags Kantate.
Ich lese ihnen die Stelle noch einmal vor.
Und passen Sie mal auf,
welche Erfahrung es ist,
die Jesus zum Singen bringt:
Zu der Zeit hob Jesus an und sprach:
Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde,
dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast
und hast es den Unmündigen offenbart.
Ja, Vater; denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir.

Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater;
und niemand kennt den Sohn, denn nur der Vater;
und niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn;
und wem es der Sohn will offenbaren.

Kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft,
und meine Last ist leicht.

Kommt her zu mir!
Wenn Jesus anfängt zu singen,
kommt eine Einladung für uns heraus.
...
Aber was lässt ihn singen?
Es ist die Erfahrung,
dass Gott bei den Schwachen besser ankommt.
Die Klugen und Verständigen verstehen nicht so gut,
worum es geht.
Sie mögen viel verstehen,
aber oft verstehen sie das Entscheidende nicht.
Woran liegt das?
Es liegt daran, dass die Unmündigen,
so nennt sie Jesus in seinem Lied,
dass die Unmündigen tagtäglich eine Erfahrung machen,
die auch eine Gotteserfahrung ist.
Das griechische Wort, das an dieser Stelle steht,
bezeichnet die Kinder, die noch Milch bekommen,
also noch keine feste Nahrung zu sich nehmen.
Säuglinge also und auch Kleinkinder.
Sie trinken oder schreien.
Sie sind zufrieden oder schauen neugierig in die Welt,
und bei alle dem zweifeln sie nicht.
Dass sie in der Liebe der Mutter sicher geborgen sind …
Dass Milch kommt, wenn sie hungrig sind …
Dass die Stimme da ist, wenn sie einsam sind …
Dass sie jemand hochhebt, wenn sie in die Welt schauen mögen…
Kleinkinder sind voller Vertrauen,
weil sie die Erfahrung nicht kennen,
auf eigenen Beinen zu stehen.
weil sie nicht aus eigener Kraft leben.

Die Weisen und Klugen jedoch wissen Bescheid in der Welt.
Sie sind immer in der Gefahr,
sich auf ihre Kenntnisse und Erfahrungen zu verlassen.
Die Starken verlassen sich gern auf sich selbst.

Jesus singt: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde,
dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast
und hast es den Unmündigen offenbart.
Die Unmündigen verstehen sehr viel leichter,
dass der Gott des Himmels und der Erde,
der Gott, den Jesus Vater nennt,
sie trägt und hält.
Es ist ja ihre tägliche Erfahrung,
gehalten und getragen zu werden.
Das haben die Kleinen den Klugen voraus.
Darüber freut sich Jesus.
Eigentlich denkt man:
Nur die Klügsten sind klug genug,
um Gott zu verstehen.
Und es hat auch etwas für sich,
die alten Sprachen zu kennen und die Schriften.
Gott nicht nur im Augenblick zu erleben,
sondern auch seine Geschichte
und die Geschichte seines Volkes zu kennen.
Nichts gegen Kluge und Weise,
auch Jesus singt ja sehr wenig,
wie wir gehört haben,
meistens lehrt er,
auf einem Berg stehend,
in der Ebene beim Wandern,
meistens spricht Jesus.
und die ihm zuhören, fühlen sich Gott nahe.
„Er lehrte sie.“
Das ist die Tätigkeit, die von Jesus am meisten berichtet wird.
Jesus ist selbst ein Schriftgelehrter.
Aber es ist ihm eben nicht passiert,
was so vielen anderen Schriftgelehrten passiert.
Sie meinen sich so gut in der Geschichte und den Schriften auszukennen,
dass sie mehr über Gott sagen können als er selbst.
Sie nageln ihn an einer Selle fest.
Ein grausamer Satz,
der sich in Jesu Leben wortwörtlich erfüllt hat.
Gott festnageln,
ist genau das, was Jesus an den Schriftgelehrten kritisiert.
Sein Gott ist der Gott des Himmels und der Erde,
des ganzen Kosmos, der alles in seinen Händen hält
und er ist gleichzeitig der Gott,
der wie ein Vater
mein eigenes Leben in den Händen hält.
Der alles trägt,
ist mir täglich nah.
Der Herr der Kosmos
kümmert sich um mich wie der Vater um ein Kind.
Das ist Jesu Predigt, Jesu Lied.
Wer das verstanden hat, hat das Entscheidende verstanden.
Solange wir uns auf uns selbst verlassen
und Gott strategisch in unser Leben einbauen,
solange lassen wir ihn nicht ein,
sondern behandeln ihn wie ein Bauelement,
das wir hier oder da unterbringen können.
Aber wer das Fundament nicht da lässt,
wo es hingehört, der baut kein Haus.
Der wird nicht sicher wohnen.

Jesus freut sich,
dass die Kleinen das verstanden haben
oder gar nicht verstehen müssen,
weil die Erfahrung, getragen zu werden, für sie so frisch ist.

Und dann gibt es noch eine andere Gruppe,
die Jesus besonders anspricht.
es sind die denen ihr Leben Mühe bereitet,
so dass sie meist müde sind
und die, die viel tragen müssen,
so dass sie schnell müde werden.
Jesus scheint mitten unter ihnen zu stehen,
denn er spricht sie direkt an:

Kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Wer unter uns müde ist,
der sehnt sich nach Ruhe.
Wer zu viel um die Ohren hat,
sagt leicht: „Lass mich in Ruhe!“
Aber es ist gar nicht so einfach, seine Ruhe zu finden.
Kaum ist man allein,
beginnen die Stimmen im Kopf zu reden.
Die Vergangenheit zieht die Gedanken auf sich,
die Szenen und Sätze, die uns nachgehen;
die Sorgen, die wir uns um die Zukunft machen, sind da.
Und die Gegenwart ist verschwunden.
Es reicht nicht, allein zu sein,
wenn einer Ruhe finden will.
Es reicht auch nicht,
wenn äußerlich alles still ist.
Wie finden wir Ruhe für unsere Seelen?
Nicht einfach so,
indem wir alles andere eine Weile liegen lassen.
Jesus sagt:
Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Es ist ein offenbar Druck nötig,
um Ruhe zu finden.
Das Joch mag leicht sein,
aber es liegt doch auf den Schultern,
und es ist spürbar.
Und wir müssen lernen.
Mitten im Lied ist wieder der Jesus da,
von dem es heißt: Er lehrte sie.
Was ist zu lernen?
Die richtige Haltung des Geistes
und auch: der richtige Weg.
In der Formulierung:
„So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“,
steckt ein Vers des Propheten Jeremia.
Er lautet:
Fragt, wo der Weg zum Guten liegt; geht auf ihm,
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.
Dass wir uns über den Weg,
den wir gehen wollen,
viele Gedanken machen, ist klar.
Das ist ja das Problem.
Das sind die Stimmen, die kommen,
wenn wir die Augen schließen.
Das sind die Sorgen, die kommen
und mit denen wir die Zukunft vorweg nehmen.
Kurz gesagt, wir versuchen uns selber zu tragen.
So wie die Klugen und Weisen Gott einbauen
in ihr Denken und Streben,
und ihm am Ende keinen Platz lassen,
um selbst zu handeln,
so versuchen wir Gottes Aufgabe
selbst in die Hand zu nehmen
und selbst zu lösen.
Wir versuchen uns selbst in die Hand zu nehmen,
uns zu tragen und unseren Weg zu finden.
...
Ich will nicht sagen,
dass das nicht geht.
Sowohl ein Denken
als auch ein Leben ohne Gott funktioniert ofenbar.
Die Mehrheit der Menschen um uns herum versucht es.
Aber wir haben eine Botschaft,
die Ihnen,
aber vor allem immer wieder uns selbst gilt:
Kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
...
Jesus Christus,
der unsere Sorgen geteilt hat,
der weiß, wie sich unser Leben anfühlt,
der will es in die Hand nehmen und tragen.
Das geschieht nicht von selbst.
Wir müssen uns tragen lassen.
Wir müssen sein sanftes Joch auf unseren Schultern spüren,
damit wir nicht abheben.
Dann wendet sich unser Weg zum Guten.
Es ist manchmal ein Weg,
der auch durchs Leiden führt.
Jesus selbst hat das erlebt.
Aber es ist ein Weg,
der uns auf der Erde hält,
und von dem wir hinterher sagen:
Er ist gut gewesen:
Wo es schlimm war, sind wir getragen worden.
Wo es schwer war, haben wir doch die Ruhe gespürt.
Und wo es leicht war,
hat das Glück sich nicht angefühlt wie ein Triumph,
sondern wie der Himmel,
der über uns offen steht.
Amen.

Und der Friede Gottes,
der höher und weiter  ist als unsere menschliche Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

Perikope
03.05.2015
11,25-30

Aufatmen - Predigt zu Matthäus 11,25-30 von Matthias Loerbroks

Aufatmen - Predigt zu Matthäus 11,25-30 von Matthias Loerbroks
11,25-30

Aufatmen

In jener Situation hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor den Weisen und Klugen verborgen hast, und dies enthüllt hast den Unmündigen. Ja, Vater, denn so geschah Wohlgefälliges vor dir. Alles ist mir überliefert von meinem Vater, und niemand erkennt den Sohn denn nur der Vater; und niemand erkennt den Vater, denn nur der Sohn, und wem der Sohn es will enthüllen. Her zu mir alle sich Mühenden und Überlasteten – ich werde euch aufatmen lassen. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanft und von Herzen niedrig, und ihr werdet Aufatmen finden für eure Seelen. Mein Joch ist nämlich gut, und meine Last ist leicht.

In jener Situation, so beginnt Matthäus diesen Abschnitt, in jenem prall gefüllten Augenblick voller Möglichkeiten: in jenem Kairos – und wir blättern zurück, wollen herausfinden, was das für eine Situation ist, in der Jesus zum einen seinen jubelnden Lobpreis des Vaters ausspricht, zum andern seine berührende Einladung an alle Mühseligen und Beladenen, und entdecken: es ist eine polemische Situation. Jesus hatte über Johannes den Täufer gesprochen und beklagt, dass kaum jemand auf ihn hören wollte und auf Jesus selbst auch nicht; hatte seine Zuhörer, weil sie ihrerseits einen Kairos, die Möglichkeiten eines Augenblicks verpassten, mit Spielverderbern verglichen: ihr seid wie Kinder, über die sich andere Kinder beklagen: wir haben euch aufgespielt, und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben euch Klagelieder gesungen, und ihr wolltet nicht trauern. Dies Bedauern darüber, dass die Leute nicht mitspielen, mag selbst noch ein Klagelied sein, doch dann verschärft Jesus den Ton, stellt sich vor: wenn in Tyros und Sidon, in zwei großen Städten außerhalb des Landes Israel, im heutigen Libanon, solche Taten geschehen wären – die Leute dort wären massenweise umgekehrt. Und, noch polemischer: selbst die Leute von Sodom wären umgekehrt, Sodom würde heute noch stehen.

Es mag sein, dass bei dieser jedenfalls hier äußerst hypothetischen Behauptung für den Erzähler Matthäus bereits die überraschende Erfahrung mitschwingt, dass Jesus, dass das Evangelium in der Tat seine große Wirkung außerhalb Israels hatte, bei Menschen also, die zuvor keine Ahnung vom Gott Israels und seiner Beziehungsgeschichte mit seinem Volk hatten – es ist jedenfalls überraschend, dass Jesus in dieser Situation von grimmiger Polemik zu diesem Jubelruf übergeht: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Unmündigen aber enthüllt hast. Das ist nicht nur überraschend, das ist auch irritierend. Haben denn nur Unmündige Jesus erkannt und das, was er bringt? Hat der Gott Israels, der Vater Jesu Christi, etwas gegen Weisheit und Klugheit? Teilt er womöglich die Ängstlichkeit engstirniger und engherziger Frommer, die befürchten, dass allzu viel Aufklärung und Wissen den Glauben gefährden könnte? Und bestätigt er damit wie sie die Überzeugung vieler aufgeklärter Ungläubiger, dass Glaube in der Tat nur was für noch Unmündige ist und auch nur solange, bis auch sie aufgeklärt und klug geworden sind, eines Besseren belehrt? Ist Jesus womöglich vernunftfeindlich? Hätte er es gern, wäre es ihm lieber, wir verblieben und verharrten in unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit? Und was ist mit den vielen biblischen Stimmen, die uns gerade Weisheit empfehlen, dringend anraten und vor Torheit warnen? Karl Barth, der große Theologe des 20. Jahrhunderts, hatte erkannt und das auch kühn vertreten, dass es sich bei der Dummheit um eine Grundform der menschlichen Sünde handelt, und dazu hatte er gerade im 20. Jahrhundert ja auch ernste Gründe. Will Jesus uns von dieser Sünde nicht befreien und erlösen? Hat er nicht selbst das Evangelium immer wieder als seinerseits augenöffnend und aufklärend angepriesen, als Licht also nicht nur in unseren seelischen Finsternissen, sondern als Licht auch im Verstand? Schließlich versuchen wir, wenn auch nicht immer glänzend erfolgreich, Konfirmanden zu unterrichten in der Hoffnung, dass sie dadurch Gott und sich selbst und auch einander etwas besser verstehen. In unserer Gemeinde gibt es zudem jede Woche auch biblische Erwachsenenbildung, damit wir verstehen, was wir lesen, wenn wir Bibel lesen.

Es gibt offenbar verschieden Arten von Vernunft, Klugheit, Weisheit, und der polemische Kontext dieses Jubelrufs zeigt, dass Jesus hier von der herrschenden Weisheit und Klugheit spricht, der Klugheit der Herrschenden, von einem Wissen, das Macht ist, einer Vernunft, die dazu da ist, nicht nur Wissensgebiete, sondern auch Menschen zu beherrschen, von einer, wie es bezeichnend heißt, zwingenden Logik. Es geht um Herrschende und Besitzende, die gar nicht wirklich aufgeklärt werden wollen, weil sie längst Bescheid wissen, die – Spielverderber, die nicht mitspielen – gar nichts neues erfahren wollen. Wieviel Spott und Hohn hatten Banker und Unternehmer jahrelang über den Staat ausgeschüttet, über Politiker, diese ahnungslosen Stümper, die sie dann um Staatsknete anflehten. Inzwischen glaubt man doch, bei dem Wort Wirtschaftsweiser immer einen kräftigen Schuss Ironie mitzuhören. Es gibt eine nicht wirklich freie und schon gar nicht reine, sondern interessegeleitete, eine nur für ihre Profiteure wirklich praktische Vernunft. In dem Stück „Ingeborg“ von Curt Goetz, es ist wie alle seine Stücke nicht nur sehens- und hörens-, sondern auch lesenswert, appelliert ein Mann beschwörend an seine Frau: Denk doch mal logisch!, und sie antwortet entrüstet: Das könnte dir so passen. Der Apostel Paulus hat in seinem 1. Korintherbrief den Zusammenhang zwischen herrschender Weisheit und Macht deutlich gemacht und dabei auf die soziologische Zusammensetzung der Gemeinde in Korinth verwiesen: nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle. Gott hat die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht. Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott nicht erkannte, gefiel es Gott, durch törichte Predigt zu befreien, die daran glauben. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwäche ist stärker, als die Menschen sind. Der Dichter Christan Fürchtegott Gellert, deutlich vom Zeitalter der Aufklärung geprägt, hat sich darauf seinen eigenen Reim gemacht: Seh´ ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden ein Ärgernis und eine Torheit werden, so sei´s doch mir trotz allen frechen Spottes die Weisheit Gottes. Im Psalm 8, auf den Jesus hier anspielt, den er später auch wörtlich zitiert, heißt es: aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge – also der Schwächsten – hast du dir eine Macht errichtet gegen deine Feinde.

Doch rasch wird deutlich, dass es für alle, ob mündig oder unmündig, klug oder dumm, nicht leicht ist, Gott und Jesus zu erkennen, dass es sogar unmöglich ist: niemand erkennt den Sohn, denn nur der Vater, und niemand erkennt den Vater, denn nur der Sohn. Das ist beunruhigend und macht uns klar, dass wir viel zu harmlos und selbstverständlich damit rechnen, Gott und Jesus erkennen zu können, als wäre Gott nur einer unter den vielen Gegenständen, die wir zu erkennen versuchen, wenn auch vielleicht ein besonders wichtiger. Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht, so hat der Berliner Theologe Dietrich Bonhoeffer in seiner schroffen Art diese Haltung kritisiert. Umgekehrt wird aber auch deutlich: wenn wir modernen Menschen in pathetischer Selbstgewissheit behaupten, Glaube sei früher die natürlichste und selbstverständlichste Sache von der Welt gewesen, nur für uns heute, nach der Aufklärung und nach all den Schrecknissen des 20. Jahrhunderts, schwer erschwinglich, dann reden wir jedenfalls nicht vom biblischen Glauben.

Jesus bleibt nicht bei dieser schroffen Abweisung unseres vielleicht allzu vertraulichen Umgangs mit Gott: niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn, sondern fügt hinzu: und wem der Sohn es will offenbaren, enthüllen. Und das tut er, er spricht eine Einladung aus an alle Mühseligen und Beladenen, macht damit deutlich, dass er schon bei den Unmündigen nicht an intellektuelle, sondern gesellschaftliche Beschränkungen dachte. Den physisch und geistig, auch religiös sich mühenden, allen seelisch und gesellschaftlich niedergedrückten verheißt er, in Luthers schöner Übersetzung: ich will euch erquicken. Ein altmodisches, aber schönes Wort. Inzwischen ist über das englische Wort quick für schnell ein etwas seltsames Lehnwort in unsere Sprache geraten, das Luther nicht kennen konnte; er denkt nicht an ein Quickie, sondern daran, dass Mühselige und Beladene wieder quicklebendig werden, und zwar nicht durch theoretische Erkenntnisse, sondern durch Praxis: nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir. Wer von Jesus lernt, wer das, was er lehrt, praktisch tut, macht Erfahrungen, entdeckt, dass das nicht eine weitere Last für ohnehin Überlastete ist, sondern leicht; kein weiterer Druck auf ohnehin Unterjochte; entdeckt auch, dass Jesus selbst niedrig ist und so anderen Erniedrigten hilft: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Beim Berliner Streit um den Religions- und den Ethikunterricht waren sich ja beide Seiten einig darin, dass Kindern Werte vermittelt werden müssen, damit sie daraufhin auch richtig handeln, keine Ehrenmorde und möglichst auch sonst keine Morde mehr begehen: die richtige Theorie führe zu erwünschter Praxis. Jesus wie die übrige Bibel denkt umgekehrt: unser praktisches Tun bringt Erkenntnis, führt so auch zur Erquickung, zur Ruhe für unsere Seelen.

Was hat das alles mit dem heutigen Thema Cantate, was hat das mit Singen zu tun? Da müssen wir hinter Luther zurück und wörtlich übersetzen: her zu mir, alle ihr Bemühten und Überlasteten – ich werde euch aufatmen lassen. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, und ihr werdet Aufatmen finden für eure Seelen. Singen ist ein gutes Beispiel für den Vorrang der Praxis vor aller Erkenntnis und Theorie. Wer singt, ob im Gottesdienst, im Chor oder zuhause, atmet tief ein. Und wer tief einatmet, ist glücklich. Und wer glücklich ist, singt. Und wer singt, atmet tief ein ...

Singt darum kräftig mit in unseren Gottesdiensten, all ihr Mühseligen; kommt in unseren Chor, all ihr Überlasteten. Das wird euch erquicken.

Amen.

 

Lieder

Als erstes Lied nach der Begrüßung mit dem Wochenspruch aus Psalm 98: 286 oder 328,1-3 oder 327; nach der Epistel: 349 oder 449,3-6; da das Evangelium Predigttext ist, könnte an seiner Stelle die alttestamentliche Lesung Jesaja 12 stehen; danach könnte 318,9+8 oder 279,4 oder 325,1.2.6.7 gesungen werden; wenn Mt 11 gelesen wird: 363,1.2.5.6. Nach der Predigt: 271,1-2 oder 217,4. Zwischen Abkündigungen und Gebet: 322,1-5 oder 324,1.2.13-15 oder 148,5.6.9. Als  Schlussstrophe zwischen Gebet und Segen: 100,4; 294,2; 318,9; 351,13; 369,7.

Perikope
03.05.2015
11,25-30

Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Rainer Kopisch

Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Rainer Kopisch
28,1-10

Liebe Gemeinde,

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Diese Bitte aus Psalm 90 Vers 12 gewinnt für uns Menschen seit Jesu Tod  am Kreuz eine neue Bedeutung. Die neue Bedeutung folgt aus dem Osterereignis.

Wir Menschen haben unser Leben lang mit der Tatsache zu tun, dass unser irdisches Leben begrenzt ist.
Wir sind in unserm tiefsten Inneren auf die Möglichkeit der Abwehr einer Todesbedrohung eingerichtet. Wir spüren sie auf verschiedene Weise, wenn uns Nachrichten über Tod oder Todesbedrohung in unserer Umgebung erreichen oder wir in akuter Bedrohung stehen.
In Panik können Menschen erstarren oder fliehen.
Der Evangelist MARKUS berichtet es von den Frauen, die am Morgen nach dem Sabbat den Leichnam Jesu salben wollen. Sie waren ganz auf die Umstände des Todes Jesu eingestellt, auf beruhigende Rituale zur Trauerbewältigung.
Die waren ihnen aber plötzlich nicht mehr möglich, weil der Leichnam nicht im Grab war.

Sie fliehen in Todesangst vor der unfassbaren Wahrheit, die ihnen ihre scheinbare Sicherheit nimmt.

Nicht so im Matthäus-Evangelium. MATTHÄUS berichtet uns die wichtigen Ereignisse in Ruhe.

Maria Magdalena und Maria waren bei der Grablegung des Leichnams Jesu dabei, als der Reiche Mann aus Arimatäa den Leichnam Jesu in seinem eigenen Felsengrab bestattete und den großen Stein vor den Eingang rollte.
Außerdem schreibt er, dass die die Hohenpriester und Pharisäer Wachen aufstellten, die Pilatus ihnen zur Verfügung stellte, damit die Jünger nicht den Leichnam stehlen und dann behaupten können, Jesus sei auferstanden. Als zusätzliche Sicherheit wird das Grab auch versiegelt.
Gerade durch diese Vorsichtsmaßnahmen werden die Hohenpriester und Pharisäer später in Erklärungsnöte kommen.

Unserer Predigttext schließt an:
„1Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
4Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
5Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
6Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
7und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.
8Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
9Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.“

Die Wachen erschrecken sich aus Furcht und fallen in Schockstarre.

Den Frauen nimmt der Engel die Furcht und redet sie so an, dass die beiden Vertrauen gewinnen.

„Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat.“ Einer nüchtern klaren Erinnerung an Jesu Ankündigung seiner Auferstehung folgt die Einladung, einen Blick in das leere Grab zu tun. Dann die Ankündigung, dass der auferstandene Jesus nach Galiläa vorauf gehen wird, um seine Jünger zu treffen.

Als der Engel seine Rede beendet hat, machen sich die Frauen mit Furcht und Freude eilig auf den Weg, um den  Jüngern die Auferstehung zu verkündigen.

Sich begegnen Jesus, der sie grüßt. Sie fallen ihm zu Füßen. Er nimmt ihnen ihre Furcht und gibt ihnen den Auftrag mit, seinen Brüdern zu verkündigen, dass sie nach Galiläa gehen sollen, um ihn dort zu sehen.

Matthäus berichtet danach noch, wie die Hohenpriester und Pharisäer dank ihrer eigenen Sicherheitsmaßnahmen in Erklärungsnöte kommen. Sie müssen jetzt die glasklaren Beweise für die vorher angekündigte Auferstehung Jesus aus der Welt schaffen.
Sie bestechen die Soldaten mit viel Geld, damit die das Gerücht verbreiten, die Jünger wären nachts gekommen und hätten den Leichnam Jesus aus dem Grab gestohlen, während die Wachen schliefen. Falls Pilatus das Gerücht zu Ohren kommen sollte, wollten sie ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass sie sicher davon kommen.

Matthäus schreibt, dass sich das Gerücht unter den Juden bis zur Zeit der Niederschrift seines Evangeliums gehalten habe.

Um die Begegnung der Frauen mit dem Engel und mit Jesus nachfühlbar lebendig werden zu lassen, möchte ich aus einer kleinen Bibliodrama-Gruppe berichtet, die als Textvorlage unsern Predigttext gewählt hatte.
Das Bibliodrama ist eine besondere Art, sich Bibeltexten anzunähern, um sie schließlich in einer szenischen Darstellung zu spielen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer suchen sich die Rolle aus, die sie am meisten anspricht und in der sie Erfahrungen machen wollen.
In einer abschließenden Runde nach Ablegen der Rollen tauschen sie ihre Erfahrungen aus.
Ich möchte mich auf die Erfahrungen der Frauen und des Engels beschränken.
Die Erfahrung der Frau aus der Rolle des Engels war:
Der Engel kam mit großer Energie vom Himmel. Es war schwer, die himmlische Botschaft den Frauen zu verkündigen ohne sie zu erschrecken, dass sie sich auf menschlicher Ebene verstanden und angesprochen fühlen.
Die Frauen waren anfangs aufgeregt und gespannt, konnten aber die Botschaft von der Auferstehung annehmen, sie verspürten Erleichterung und Auferstehungs-Gewissheit und waren freudig bereit, die  Botschaft den Jüngern zu überbringen.
Maria hat sich schnell erinnert, dass Jesus seine Auferstehung vorhergesagt hatte wie der Engel es sagte.
Maria Magdalena hat die Botschaft zwar auch schnell aufgenommen, war aber weiterhin noch angespannt, da sie ein besonderes Verhältnis zum gestorbenen Jeus hatte.
Als sie Jesus begegnet sind, und er mit ihnen geredet hatte, fällt ihre Anspannung von ihr ab es kommt bei Maria Magdalena zu einem Ausbruch von Freude- und Glücksgefühlen.
Sie fällt der anderen Maria um den Hals und sie hüpfen gemeinsam umher.
Das war Osterfreude, wie ich sie ihnen allen wünsche.
Amen

Pfarrer i. R. Rainer Kopisch, Braunschweig - rainer.kopisch@gmx.de

Perikope
04.04.2015
28,1-10

Vom Schweigen zum Hören - Predigt zu Matthäus 28,1–10 von Christine Hubka

Vom Schweigen zum Hören - Predigt zu Matthäus 28,1–10 von Christine Hubka
28,1–10

Vom Schweigen zum Hören

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria um nach dem Grab zu sehen.
Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
Die Wächter aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
Aber der Engel sprach zu den Frauen;
Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
Und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Sieh, ich habe es euch gesagt.
Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen; dort werden sie mich sehen.
Der Samstag,, der dem Karfreitag folgt,
ist ein Tag, von dem kaum die Rede ist.
Es ist ein Tag, von dem auch die Bibel nur sagt:
Als aber der Sabbat vorüber war...
Mehr nicht.

Bevor wir uns dem Tag danach, dem Sonntag,  zuwenden,
schauen wir uns diesen verschwiegenen Samstag an:

Es ist der Tag, an dem Gott schweigt:
Weiter schweigt.
Denn auch am Karfreitag hat Gott geschwiegen.
Gott hat dem Urteil des Pilatus nicht widersprochen.
Gott hat der Stimmung des Pöbels nichts entgegengesetzt.
Auch heutzutage verhindert Gott nichts von dem,
was Menschen einander antun.
Nicht die kleinen Gemeinheiten.
Nicht die großen Verbrechen an der Menschlichkeit.

Und als das alles vorüber ist, am Sabbat, am Samstag,
schweigt Gott weiter.
Kann es sein,
dass es Gott zuweilen die Sprache verschlägt,
angesichts dessen, was unter uns geschieht?
Ihm, der nur ein Wort spricht – und die Welt,
Sonne, Mond, Sterne kommen ins Leben,

Auch uns fehlen bei manchen Ereignissen die Worte.
Wohl dem, der sich dann nicht in Phrasen flüchtet
und mit Floskeln diese Stille durchbricht.
Was sollen wir dazu sagen,
was unter uns an Grauslichkeiten geschieht?
Zuerst einmal nichts.
Jedes Wort, das erklärt, beschwichtigt, vertröstet
ist ein Wort zu viel.

Die Stille aushalten, die Ohnmacht spüren,
ohne das alles mit einem Schulterzucken abzuschütteln
und zur Tagesordnung überzugehen,
weil – so heißt es ja – das Leben weiter gehen muss.

Das Schweigen des Karsamstags
ist ein gnädiges Schweigen.
Du musst nicht gleich wieder funktionieren,
sagt es mir.
Du musst nicht einmal deinen Glauben
an den guten und gnädigen Gott verteidigen,
sollte er dir gerade abhandengekommen sein,
angesichts des Geschehens.
Du kannst verweilen.
Dich hinunterlassen in die Tiefen deiner Empfindungen -
und musst dich dafür nicht schämen.
Du darfst deine Tränen laufen lassen,
musst dich nicht dafür entschuldigen.

Ich glaube nicht,
dass auf dieser Erde jemand lebt,
der nicht schon so einen Karsamstag erlebt hat.
Das kann auch im August gewesen sein –
oder im Dezember.

Wenn ich mich an solche Tage in meinem Leben erinnere,
dann war das stärkste Gefühl dabei:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das je wieder besser werden kann.
Ich kann mir  nicht vorstellen, dass ich je wieder lachen und unbeschwert leben kann.

Ich kann mir nicht vorstellen …
Ich habe häufig mit Menschen zu tun,
die das empfinden und irgendwann zu dem Schluss kommen: so will ich nicht mehr weiter leben.
Manche sprechen dann davon,
dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen.
Auch hier bin ich machtlos, ohnmächtig.
Denn wer es wirklich will, wird es auch tun.

Und dann kommt also dieser Tag,
von dem die Bibel sagt: „Als der Sabbat vergangen war.“
Ein herrlicher Satz ist das für mich.
Er erzählt, ohne zu drücken und zu drängen:
Der Sabbat vergeht.
Der Tag – die Woche – die Jahre des Schweigens,
auch des Schweigens Gottes,
haben ein Ende.

Als der Sabbat vergangen war …

Da gehen die Trauernden
die ersten Schritte ins Leben zurück.
Sie wollen „das Grab sehen“.
Die Straßenkreuzung.
Den Unfallort.
Die Absturzstelle.

„Er ist nicht hier“ – die Botschaft.
Die Erkenntnis.
Nein, er ist nicht hier an der Straßenkreuzung,
wo der Unfall sich ereignet hat.
Sie sind nicht hier an der Absturzstelle.
Sie sind nicht bei uns.
Aber auch nicht hier.
Wo aber dann?

Die Botschaft des Engels ist eine Zumutung:
„Er ist auferstanden.“

Was sollen wir dazu sagen?
Mir scheint, dass dieser Satz,
dass diese Botschaft nicht zu diskutieren ist.

Auch hier ist schweigen angesagt.
Dieses Schweigen spürt  den Worten nach.
Dieses Schweigen
hat den Klang der Botschaft in den Ohren:
Er ist nicht hier, er ist auferstanden.

Und so gingen sie  eilends weg vom Grab
mit Furcht und großer Freude.

Wohin gehe ich mit diesem Satz im Ohr:
„Er ist auferstanden?“
Ich nehme ihn mit ins Leben, in meine Begegnungen.
Ich bin  nicht sicher, ob ihm zu trauen ist.
Wenn ja, ist die Freude  groß.
Aber immer wird wohl auch die Furcht da sein,
betrogen zu werden.

Und dennoch ist diese Botschaft wohl das Einzige,
was uns Hilft im Leben und im Sterben.
Und dafür sei Gott Lob und Preis in Ewigkeit.
 

Perikope
04.04.2015
28,1–10

Osterglocken - Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Martin Schmid

Osterglocken - Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Martin Schmid
28,1-10

Osterglocken

Spät am Sabbat, als der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu schauen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wächter aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.

I

Liebe Gemeinde!

Ostern wird groß eingeläutet. Im Garten zuerst und dann auf dem Kirchturm läuten die Osterglocken. Danach geht das Klingen und Tönen aber weiter. An Ostern erklingt der Ton des Evangeliums. Da schwingt dieser Ton über uns, als wäre das Himmelsgewölbe selbst eine Glocke. Ostern ist reines Evangelium, Schwingung und Beschwingtwerden.

Mit gutem Grund dürfen wir einander deshalb „frohe Ostern“ wünschen. Manchen wird das zwar vorkommen als ein frommer Wunsch angesichts von all dem Lärm und Geschrei auf der ganzen Welt. Mit schrecklichem Krachen ist jenes Flugzeug an der Bergwand geborsten. Wo bleibt da der österliche Glockenton? Allein schon die Alarmsirenen, Warnsignale, die Meldungen und Mahnungen unseres Alltags, schon die Arbeitsgeräusche und das Freizeitgetöse machen einen Höllenlärm. Trotzdem wagen wir zu sagen „frohe Ostern“. Und trotzdem wagen wir zu glauben, dass nichts und niemand den Ton mehr ersticken kann, der an Ostern erklang. Angeschlagen wurde er, als Jesus Christus am Karfreitag starb. Das hat den Himmel angerührt. Und an Ostern kam die Antwort des Himmels. Der Ton ist noch mächtiger als die Posaunenklänge, welche die Mauern  von Jericho einstürzen ließen. Aber laut ist er nicht.

Der österliche Ton verstärkt nicht den Lärm, sondern erschüttert ihn. Die uns so vertraute Sprache der Tatsachen, der Brustton unserer Überzeugungen, der Gleichklang des Gewohnten, alles eben, was unser Leben stabilisiert, wird erschüttert. Ostern mischt sich bestürzend bei uns ein, besonders in unsere Hörgewohnheiten. Die Einmischung ist so intensiv, dass manchmal ein Sehen daraus wird. Viermal enthält das Osterevangelium nach Matthäus die Aufforderung „siehe“. - Manche Menschen besitzen die besondere Begabung, dass sie Töne sehen können. Die Bibel schildert uns, dass beim Hören der Osterbotschaft etwas Ähnliches geschah. Als der Osterglockenton zuerst bei einigen Frauen ankam, wurde eine Helligkeit sichtbar, wo es zuvor dunkel gewesen war. Auch sahen diese Menschen, wie ein schweres Hindernis weggewälzt war, das ihren Weg versperrt hatte. Schließlich sahen sie Jesus.

II

An Ostern geht es um die Stimme, die uns wirklich und wahrhaftig etwas zu sagen hat. Es ist die Stimme, die uns bestimmt. Deshalb reden wir davon, dass die Osterbotschaft uns einen Ton zuträgt. Und wir können sagen: es ist, als würden Glocken zusammenläuten. Mehrere Glocken müssten das sein. Denn es sind unterschiedliche Töne erkennbar. Auch jeder der Evangelisten hört Ostern wieder anders. Matthäus scheint etwas wie eine Abendglocke gehört zu haben. Der Sabbat beginnt und endet für Juden am Abend. Matthäus erzählt dann, an dem Sabbat nach Jesu Tod seien zwei Frauen, die beide Maria hießen, spät abends zu dem Grab gegangen, in das man Jesus gelegt hatte. Der Evangelist Markus sagt hingegen, es sei am ersten Tag der Woche sehr früh am Morgen gewesen, als einige Frauen zum Grab Jesu gingen. Für Matthäus läutete da eine Abendglocke, für Markus eine Morgenglocke. Verstehen kann man beides. Matthäus dachte wohl vor allem an die Wächter. Am Grab Jesu hatte man Wächter aufgestellt, die das Grab bewachen sollten. Für Matthäus waren das Nachtwächter; sie sahen von Ostern nichts. Zwar wurden auch sie in Furcht und Schrecken versetzt. Diese Erschütterung öffnete ihnen aber weder die Ohren noch die Augen. Sie erstarrten. Hören und Sehen war ihnen vergangen. - Matthäus verspottet die Wächter: Jetzt gute Nacht, ihr Grabeshüter!

Nicht alle, die an Ostern nichts Besonderes sehen können, haben es verdient, verspottet zu werden. Nicht alle von ihnen sind in ihrem Innern so verschlossen wie diese mit Helm und Schwert und Rüstung bewehrten Wächter es nach außen hin waren.  

Zu den Wächtern könnten sich später auch Christen gesellt haben. Auch Christen verhalten sich Ostern gegenüber bisweilen wie Wachpersonal. Sie lassen nicht daran rühren, aber es klingt nichts in ihnen, und ihre Sicht verändert sich nicht. Vielleicht sollten sie, vielleicht sollten wir alle deshalb auf den Ton der zweiten Glocke horchen.

Es gibt einen zweiten Ton, der von Ostern ausgeht. Als würde noch eine zweite Glocke läuten. Nennen wir sie Engelsglocke. Das lateinische Wort für Engel ist angelus. Matthäus hat ein Angelusläuten vernommen, das die Erde erschüttert, das Hindernisse wegreißt und Zugänge öffnet, die bis dahin verschlossen waren. Auch uns sind erst jetzt in diesen Tagen wieder Dinge zu Ohren gekommen, die uns ins Schwanken gebracht und das Untere nach oben gekehrt haben. Womöglich haben auch wir da den Schalldruck der Angelusglocke verspürt. Doch die Engelsglocke klingt beim zweiten Schlag anders als beim ersten. Nur beim ersten macht sie Angst. „Fürchtet euch nicht!“ ruft sie beim zweiten. Das waren auch die Worte, die der Engel zu den Frauen sprach. Lauter Glockenschläge gegen die Furcht folgten nach, als wollten sie sagen: Sucht nicht länger voller Furcht … Lauft nicht weg … Seht die Stätte … Steht das durch … Und geht nach Galiläa … Geht über die Furcht hinaus ...  Geht nicht allein ...  Sagt den andern, wovon ihr erfüllt seid ... Seht endlich!

Wenn die Angelusglocke von Ostern ein Beben erzeugt, ein Dröhnen, einen Druck, dann ist das zum Fürchten. Leider kennen wir dergleichen. Fast sind wir’s gewohnt. Aber es schwingt nun dieses Andere mit, mischt sich ein, neu und hell. Und der neue Ton schafft eine neue Sicht. Das beginnt damit, dass die Schwarzseherei aufhört. Der Evangelist Matthäus sagt, die Ersten, die Ostern erlebten, hätten einen Engel gesehen, dessen Gesicht geleuchtet habe wie ein Blitz und dessen Gewand weiß gewesen sei wie der Schnee. „Leuchtend“ und „weiß“ waren für ihn die Farben Gottes. Da geht der Blick ins Helle.

Wenn man, wie wir das jetzt tun, den österlichen Ton mit einem Glockengeläut vergleicht, muss man sagen, dass auch noch eine dritte Glocke zu hören ist. Sie ist für uns die Herrenglocke, Dominica. Ihr Ton kommt heute noch bei uns an, jeden Sonntag. Ihr Ton war auch bei diesen Frauen schon angekommen. Als nämlich am geöffneten Grab Jesu auch ihre Furcht aufgebrochen wurde. Da merkten sie, dass der Tag des Herrn gekommen, dass es Sonntag geworden war, ohne dass sie das Wort schon gekannt hätten. -

Sie hatten ja nun die Stätte gesehen, wohin man Jesus gelegt hatte. Die Stätte war leer, fast möchte man sagen: gespenstisch leer. Sollte Jesus nicht einmal mehr eine Ruhestätte haben? Nicht einmal eine letzte Heimat? Und wo waren sie selbst eigentlich zuhause? Maria war aus Magdala. Aber das war kein Zuhause mehr für sie. Auch die andere Maria hatte am Karfreitag ihre Heimat verloren. So wurden die Frauen zunächst von einer tiefen Unruhe ergriffen, als sie weggingen vom Grab des Heimatlosen. Auch wir kennen diese Unruhe. Könnten wir denn sagen, wo in dieser Welt wir wirklich daheim sind? Doch nun wurde die Unruhe der Frauen von innen her aufgebrochen. Wo sie auch wohnen mochten, in ihnen wohnte nun eine Freude. Eigentlich unbegreiflich. Matthäus erzählt staunend, die Frauen seien weggegangen mit Furcht und großer Freude, beides durcheinander, beides ineinander.

Und dann sei ihnen Jesus begegnet.

Das begann mit dem gleichen Ton, hell wie ein Sonntagmorgen: „Seid gegrüßt“. In dem Gruß schwingt die Bedeutung „freuet euch“ mit. Als der erfreuliche Ton bei ihnen angekommen war, sahen sie Jesus. Zunächst versuchten sie, dem Unfassbaren und Unerhörten zu begegnen, wie sie es gewohnt waren; sie streckten die Hände aus nach ihm, sie neigten sich vor ihm. Aber dann hörten sie noch einmal „fürchtet euch nicht“. Es war der Sonntagston, wie „seid gegrüßt“. Zugleich klang es wie die Worte des Engels. Es stimmte alles zusammen, es klang alles zusammen, ein rechtes Zusammenläuten war es, als sie noch einmal den Auftrag erhielten, den erschrockenen Jesusjüngern zu sagen, sie sollten nach Galiläa gehen. Dort würden auch sie ihn sehen. Dort würden also auch den Jüngern die Augen aufgehen. Wie sie den Frauen aufgegangen waren, als sie ihn nun sahen, den Auferstandenen, den Gekreuzigten.

III

Ostern ist zuerst ein Ton. Vielleicht sagen wir jetzt besser: Es ist eine Stimme. Es ist die Stimme dessen, der über uns letztlich bestimmen darf, und außer ihm darf das keiner. Mitten in all den Erschütterungen, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen wollen, vertrauen wir ihm. Wir lassen seine Stimme bei uns ankommen, dieses „Gute Nacht“ zum eisern bewachten Glauben, dieses Engelsgeläut, diesen Sontagmorgenton. Wenn sie uns erreicht, dann ist auch bei uns Ostern. Dann sehen wir vor uns, was als ein Klingen begonnen hatte. Und wir sagen nicht nur „frohe Ostern“, sondern wir sagen und bestätigen: „Er ist auferstanden! Ja, seht nur, er ist da, wie er gesagt hat!“ Amen.

Perikope
04.04.2015
28,1-10

Wegegewirr - Konfirmationspredigt zu Matthäus 7,13–16a von Reiner Kalmbach

Wegegewirr - Konfirmationspredigt zu Matthäus 7,13–16a von Reiner Kalmbach
7,13-16

Wegegewirr

Liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, Verwandte, Freunde, liebe Gemeinde Christi:

In unserem Kirchengesangbuch in Argentinien gibt es ein Lied, dessen Refrain übersetzt so geht: „...alle Wege dieser Welt führen uns zu Gott..“, Es hat eine eingängige Melodie und wird in vielen Gemeinden mit Begeisterung gesungen, ausser in meiner. Ein Kollege sagte mir einmal: „du darfst das nicht so eng sehen, wichtig ist, dass die Menschen mit dem Herzen dabei sind...“.

Wenn ich mir aber die religiöse Strassenkarte unserer Zeit ansehe, dann wird mir schwindelig, da findet sich nicht einmal mein Navi zurecht.

Führen alle diese Wege zu Gott?, gibt es nicht auch Sackgassen, oder gar „Irrwege“, Wege die uns sogar ins Verderben führen können?

Eine Konfirmation ist auch heute noch ein grosses Ereignis im Leben eines jungen Menschen. Es ist schon merkwürdig: ich kann mich noch ganz genau an meine eigene Konfirmation erinnern, das war vor 45 Jahren. Eigentlich nichts besonderes, ein Familienfest, wir lebten damals in einem kleinen Dorf im Schwäbischen. Am Tag vor der Konfirmation schmückten wir Jungs den Weg zur Kirche mit jungen Birken und die Mädchen das Innere der Kirche.

Warum bleibt einem dieses Ereignis im Gedächtnis haften?, wo mir doch in all den Jahren so viele andere Dinge passiert sind, erfreuliche und weniger erfreuliche. Wenn ich aber zurückblicke, und das tue ich in letzter Zeit immer öfter, dann sehe ich einen Weg den ich gegangen bin. Ja, es ist ein Weg, ziemlich schmal, keine Autobahn!, eher ein Pfad, der an manchen Stellen ganz nahe am Abgrund vorbei führt. Nun stehe ich da und bringe nur ein „Gott, bin ich froh!“ zustande, angesichts der Gefahren (die ich erst im Nachhinein erkenne!), in denen mich eine unsichtbare Hand sicher geleitet hat.

Und ob ihr mir glaubt, oder nicht, aber damals, im Gottesdienst, predigte unser Pfarrer über das gleiche Wort, das uns auch heute etwas mit auf den Weg geben will.

Textlesung: Matthäus 7. 13 – 16a

Auf tausend Wegen

Eine der grössten Sorgen die wir uns als Eltern, Grosseltern, Lehrer und sogar Pfarrer machen, ist die, dass unsere Kinder den falschen Weg im Leben einschlagen, dass sie auf „Abwege“ geraten und einer ungewissen Zukunft ausgesetzt sein könnten. Und ich kann euch versichern: diese Sorge ist durchaus berechtigt!

Unser ältester Sohn wurde geboren, als in Tschernobyl das Atomkraftwerk in die Luft flog. Wir wohnten gerade in Heidelberg, als die radioaktiv verseuchte Wolke über uns hinweg zog. Über Wochen und Monate gab es kein frisches Gemüse zu kaufen, keine frische Milch.., Angst und Sorge bedrückten uns... Welchen Weg hat die Menschheit eingeschlagen?! Das Motto heisst: immer mehr, immer schneller, immer bequemer...,  wir wollen einfach auf nichts mehr verzichten. Und wir sind bereit einen hohen Preis dafür zu bezahlen, dem Atom-und Fortschrittsgott unsere Gesundheit und die Zukunft unserer Kinder zu opfern. Welchen Wert hat das Leben?, was ist „Leben“?

Aber wir dürfen umschalten: andere Situation, anderer Kontinent, anderes Land: in Patagonien, mitten in der Steppe. Ich besuche einen kleinen Ort, eine der letzten Gemeinschaften der „Tehuelche“, die Ureinwohner Patagoniens. Unsere Kirche unterstützt dort ein kleines Projekt. Frauen versuchen ihre fast schon vergessene Kultur neu zu beleben, sie unterrichten an einer kleinen Schule die Kinder in Tehuelche und bringen ihnen uralte handwerkliche Fähigkeiten bei. Sie verarbeiten die Wolle ihrer Schafe und Guanacos zu wunderschönen gewebten Teppichen. Als wir ankommen spüre ich sofort, dass etwas passiert ist. Nach einigem zögern erzählt mir die Dorfälteste (bei den Tehuelche haben die Frauen das Sagen...), dass sie vor zwei Monaten ihren Sohn verloren hat. Ich möchte wissen, was passiert ist, aber sie schweigt. Am nächsten Tag nimmt sie mich zur Seite, möchte alleine mit mir reden. Sie erzählt, dass ihr Sohn plötzlich Anfälle bekam und unter starken Kopfschmerzen litt. Am Ort gibt es eine kleine Pfingstgemeinde, der Prediger ist selbst ein Tehuelche. Also brachten sie den Sohn zu ihm. Während mehrerer Gottesdienste versuchte der Prediger die Dämonen aus ihrem Sohn zu vertreiben, „...und dann wollte er nicht mehr hin, und es wurde immer schlimmer...“. Nach ein paar Tagen hat man ihn gefunden, Selbstmord.

Noch einmal umschalten: ein junger Mann, 20 Jahre alt, Volontär in einem unserer sozialen Projekte, beliebt bei allen Menschen, hilfsbereit...“ein Mensch der das Böse nicht kennt“, sagte eine Mitarbeiterin. An den Wochenenden zieht er los, mit „Freunden“, er spielt Schlagzeug in einer Rockband, ziemlich gut! Plötzlich merken wir, wie er sich verändert, sich immer mehr in sich selbst zurückzieht. Wir haben praktisch keinen Zugang mehr zu ihm..., es geht sehr schnell, er weigert sich professionelle Hilfe anzunehmen. Er steckt in einer „Sackgasse“, er weiss es, aber der „Paco“, die wohl gefährlichste aller Drogen, hat sein Zerstörungswerk schon zu weit vorangetrieben, „treibt“ ihn in den Selbstmord.

Auf tausend Wegen...

...kann man sich leicht verlieren

Warum erzähle ich euch diese schrecklichen Geschichten?, will ich euch Angst vor dem Leben einjagen? Ganz bestimmt nicht!, das will auch Jesus nicht mit seinen warnenden Worten am Ende der Bergpredigt.

Im Haus meiner Grosseltern hing ein Bild dessen Einzelheiten bei mir als Kind einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Es ist praktisch die gemalte Botschaft unseres Textes: der breite und der schmale Weg. Der breite Weg ist gesäumt von Kneipen, Spielhöllen und Bordellen und führt letztendlich ins Verderben. Der schmale Weg ist kurvig, steinig, unglaublich mühsam führt er nach oben..., aber dort wartet das Leben. Ich habe mich oft gefragt, wie wohl ein moderner Maler dieses Thema darstellen würde.

Haben wir tatsächlich nur die Wahl zwischen einer Autobahn und einem Bergpfad?

Und dann warnt uns Jesus auch noch vor „falschen Propheten, die sich als Schafe ausgeben, in Wirklichkeit an unserem Wohl überhaupt nicht interessiert sind, ganz im Gegenteil!

Vielleicht hilft uns dieser „Zusatz“ weiter.

Wege sind Möglichkeiten, es gibt viele Wege, tausende, aber welcher ist der richtige Weg für mich, für mein Leben...?, wer kann mir Orientierung geben?

Und da sind sie, die „Angebote“..., ja, unsere moderne Gesellschaft mit ihren religiösen Bedürfnissen gleicht tatsächlich einem riesigen Supermarkt: ich nehme mir einen Wagen und spaziere durch die Gänge, ich lade auf, was ich brauche und was ich möchte..., am Ende des „Weges“ komme ich zur Kasse, mein Geld, oder meine Karte machen alles möglich. Und wenn ich genau hinsehe, werde ich feststellen, dass sämtliche Produkte mir etwas besonderes versprechen: das perfekte Leben! Als ob es dies tatsächlich auf dieser Erde gebe...

New Age, charismatische, oder Pfingstbewegung, zurück zu den Mythen, Geisterglaube, Volkskirche oder Freikirche..., jeder kann sich seine eigene Religion zurechtschneidern, und ich werde immer einen „Propheten“ finden, der mir den „Himmel auf Erden“, d.h. die Lösung all meiner Probleme verspricht.

Wahrlich: in diesem Chaos kann man sich leicht verlieren. Es ist das was uns Jesus sagen will, vor dem er uns warnen und bewahren will!

Aber, wie geht das?, aus den vielen Wegen jenen finden, der für mich richtig ist?, aus tausend Wegen...

...den Einen wählen

Unser Wort steht im Schlussteil der sogenannten Bergpredigt. Es ist das Manifest Jesu, sein Programm hier auf Erden. Wer wissen möchte wie Jesus war, wer er war und welches seine Mission hier auf Erden war, dem können wir nur raten die „Bergpredigt“ zu lesen. Was für die Einen ins Reich der Utopie gehört, ist für die Anderen der einzige Weg zu einer friedlicheren Welt. Ohne ins Detail zu gehen, wir „reagieren“, d.h. wir antworten mit „entsprechenden“ Mitteln auf das, was mit uns geschieht. Es ist wirklich wie das Gewinde einer Schraube. Wir kennen diese Situation aus Konflikten in der Familie, unter Freunden, in der Schule, unter Nachbarn (wir müssen gar nicht auf die Völker schauen). Was harmlos und ganz klein beginnt, endet in einer Tragödie...Die Bergpredigt zeigt uns einen anderen Weg, den umgekehrten Weg. Es ist der Weg Jesu, der Weg der bedingungslosen Liebe, Liebe bis zur letzten Konsequenz: das Kreuz ist kein religiöses Symbol, sondern Teil der irdischen Wirklichkeit.

Niemand kann uns ein Leben, eine Zukunft ohne Ängste und Gefahren garantieren. Schmerz und Leid werden uns auf diesem Weg begleiten..., natürlich auch Freude, Zufriedenheit, Erfolg, und auch Liebe!, ja, ganz besonders die Liebe zum Nächsten, Liebe die uns geschenkt ist..., von wem? Von dem der nicht einfach liebt, oder hasst (wie wir Menschen es tun), sondern von dem der die Liebe ist.

Nun soll es noch einmal um den „Weg“ gehen: wie finde ich den für mich vorgezeichneten Weg? Der Konfirmandenunterricht hat nur einen Sinn, wenn er etwas entscheidendes vermittelt: die Kunst der Unterscheidung. Darum geht es Jesus, seine Jünger sollen unterscheiden können..., unter den tausenden von Wegen jenen einschlagen, der es wirklich gut mit ihnen meint: es ist Jesus selbst, ER ist der Weg!

„Gemeinde Christi“, ich habe diese Anrede am Anfang ganz bewusst gewählt. Wir wollen Konfirmation feiern, die Bestätigung dessen, was einst eure Eltern und Paten, ohne euch zu fragen, entschieden haben: wir möchten, dass unser Sohn, unsere Tochter, Teil der christlichen Gemeinde werden. Und das heisst doch im Klartext: ein Leben mit Jesus. Es ist wahrlich der schmale Weg, wer sich für ihn entscheidet, gehört bestimmt nicht zur Mehrheit, die in rasender Geschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs ist.

Aber eine Welt ohne diesen (schmalen) Weg wäre eine dunkle Welt, eine verlorene Welt, eine Welt ohne Hoffnung, weil ohne Liebe. Willkommen in der Gemeinde Christi!, hier beginnt euer Weg.

Amen.

22.2.2015 Leipzig: "Du bist schön"

22.2.2015 Leipzig: "Du bist schön"
1 Joh3,8b

Liebe Gemeinde hier in der Michaeliskirche und an den Bildschirmen!

Ich schaue in den Spiegel. Auf meiner Glatze liegt ein dunkler Schatten. Was ist das schon wieder, verdammt!? Seit Monaten bekomme ich Che-motherapie, die Haare sind längst ausgefallen. Und jetzt das! Ich streiche panisch über meinen Kopf und begreife: Hey - das sind die neuen Haare, die da wachsen wollen. Sofort schmeiße ich die Perücke in die Ecke und laufe dünn und bleich, aber mit winzigen Igelborsten durch die Stadt. Ich bin schön! Danke, lieber Gott! Mit 29 Jahren habe ich das alles genau so erlebt. Ich bin glücklich. Nach wie vor. Sie sind mir geblieben, die Haare.

Die Schönheit, von der unser Bibelwort spricht, kann schier makellos sein. George Clooney, Nicole Kidmann - hach, sehen die toll aus… Natürlich kann man das auch zum eigenen Partner oder der Freundin sagen. Du bist schön, du hast wunderbare Augen, liebster Mann, hast eine fa-belhafte Figur. Das ist überschwängliche Freude an Gottes Ideenreichtum, die uns und andere so hat werden lassen, wie wir sind.

Aber es wäre viel zu wenig, wenn wir uns allein von Äußerlichkeiten be-geistern ließen. Ich habe eine liebe Freundin, deren Mann eigentlich we-nig von einem Filmstar hat. Er ist unglaublich geistreich, witzig und kann phantastisch mit Sprache umgehen. Und sie sagt: "Was bin ich froh. Dass vorher keine seine Schönheit entdeckt hat und ich ihn bekommen durfte!"

Schönheit ist im Wortsinn Ansichtssache. Wer liebt, der ist entzückt vom Aussehen des anderen, von Körper, Stimme, Bewegungen – von seinem, ihrem Wesen, der ganzen Art. Toll, diese feingliedrigen Hände, die unbe-zähmbaren Augenbrauen! Herrlich, diese Nase mit Aufwärtstrend ... Wer liebt, spielt mit grauen Haarsträhnen, fährt zärtlich Falten nach und streichelt den Bauch, der kein Waschbrett-, dafür ein Waschbärbauch zum zufriedenen Anlehnen ist.

Solch Schönheitssinn kommt auch zurecht mit Krankheiten, mit Gebre-chen. Kommt zurecht mit dem Anderssein des anderen. Ich habe einen kleinen Jungen mit Down-Syndrom getauft. Theo Benjamin heißt er, übersetzt: Gottesgeschenk, Sohn meiner Liebe. Seine bildhübschen Schwestern haben im Gottesdienst "Isn´t he lovely" gesungen, einen Hit vom blinden Soulsänger Stevie Wonder. Ja, er ist entzückend, Theo, mit seinen Juchzern, seiner Freude, seiner Knuddligkeit. Er würde fehlen, gäbe es ihn nicht.

Du bist schön. Ich hab´ Dich gern, wenn deine Augen  strahlen oder müde sind und du täglich vor dem Fernseher einschläfst. Du bist schön, auch wenn du nicht stark und wild, sondern schwach und nicht mal zahm bist. Das ist das Geheimnis der Liebe – die Schönheit im anderen, an sich selbst jeden Tag neu zu entdecken. Siehe, meine Freundin, du bist schön. Siehe, mein Freund, du bist lieblich. Das wäre doch mal eine Begrüßung auch des eigenen Spiegelbildes …

"Du bist so schön", flüstern sich Liebende zu. In solchen Augenblicken spielen modische Ideale, plakatierte Versionen davon, wie ein Mensch zu sein habe, keine Rolle. Die Zeilen aus der Bibel sind so sinnlich, dass sie früher flugs auf die Liebe zwischen Gott und Mensch übertragen – und damit ihres erotischen Klanges beraubt wurden. Wie schade! Mann und Frau, so erzählt die Bibel am Anfang, sind ein  Fleisch. Sexualität ist eine Gabe Gottes, die machtvoll zur Lebenskraft beiträgt.

Deswegen ist es wichtig, Gott ins Spiel zu bringen. Die Beziehung zu ihm macht es möglich, sich selbst und andere wirklich schön zu finden und nicht runterzumachen. Wir sind nach seinem Bild geschaffen, sind sein Abbild - schön und begabt, nicht vollkommen, aber besonders. Wir ent-falten unsere Gaben oft eindrucksvoll. Zugleich geraten wir immer wieder ins Trudeln. Scheitern. Sehen alt aus. Wir brauchen immer wieder Vergebung und Neuanfänge. Gottes Ebenbild: So dürfen wir uns in unse-rer schönen Unvollkommenheit nennen.

Und es ist eine Verpflichtung. Wir sollen Gott, der uns geschaffen hat, nicht lästern. Andere nicht runtermachen, sondern ihre Schönheit sehen oder aus ihnen herauslieben, auch, aus uns selbst. Ich kenne einen Be-amten einer Justizvollzugsanstalt, der Jugendlichen in der Arbeitsthera-pie handwerkliche Fertigkeiten nahe bringt. Mit Blick darauf, dass sie ein drogen- und gewaltfreies Leben anfangen sollen, bewundert er den Tä-towierer für seine Malkunst, den Schläger für die Geduld beim Bienen-stockbauen und den Junkie für seine Liebe, mit der er Engel aussägt.

Er kitzelt aus den Gefangenen heraus, was sie an Gutem schaffen können – zu ihrer eigenen Überraschung. Vielleicht hilft uns die Einsicht, dass kein Mensch makellos durchs Leben kommt. Jeder trägt Falten, Narben, Wunden auf Körper und Seele, hat Flecken auf der weißen Weste und bleibt Gottes Ebenbild. Wozu wäre himmlische Gnade und vorurteilsfreie Zuneigung gut, wenn man sie nicht dringend bräuchte? Du bist schön! Schluss mit dem Runtermachen!

Mit einer kleinen Zeile unseres Bibelwortes habe ich Schwierigkeiten. Da heißt es: "Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen". Lilie heißt im Hebräischen Shoshannah, Susanne, so, wie ich. Aber warum bezeichnet der Liebste in seinem Überschwang die an-deren als Dornen? Man sollte das Schönsein des geliebten Menschen oder das eigene Selbstbewusstsein nicht auf Kosten anderer feiern. Setzen Sie also gerne auch Rosa, Yasmin, Iris oder Fleur ein… Oder Maike, Karin, Monika, Beate. Sagen Sie Ihren Namen und fühlen sich gemeint!

Du bist schön. Und wenn man selber oder ein anderer das so gar nicht empfindet? Dann hilft es, getrost auf Gott zu schauen. Er wird in dubiose Familienverhältnisse hinein geboren, hat als erste Gäste am hölzernen Himmelbett unterbezahlte Hirten, trifft sich zum Essen mit Aussätzigen, Huren und Zöllnern. Er hat keine Lust auf Rollenfestlegungen, weil die nie den ganzen Menschen zeigen. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott sieht das Herz an. Er sieht den ganzen Menschen – und darum wer-den auch die Leute anders, mit denen er zu tun hat.

Gott liebt die innere Schönheit heraus. Ein Betrüger wie Zachäus tischt freundlich auf und entdeckt, wie er sein berufliches Leben zum Guten verändern kann. Eine ehemalige Zwangsprostituierte macht ihren Hauptschulabschluss. Du bist schön! Das, was du kannst ist wunderbar. Das neue Fastenmotto nimmt Gott tief ernst. Unsere Fastenaktion gibt einen kräftigen Anstoß, unsere Vorstellungen von einem allseits passen-den, gefälligen Menschen in Frage zu stellen.

Du bist schön – auch wenn du in dich gekehrt und keiner der "Immer-gut-drauf"-Typen bist. Du bist schön, weil du in Streitigkeiten zur Ruhe beiträgst, weil du pfeifst auf das, was "in" ist. Du bist schön, weil du ein Herz hast für die Nöte anderer, weil du gibst und nicht allein nimmst. Wir sind Gottes Söhne und Töchter, von ihm geliebt, bevor wir auch nur einen Fuß auf diese Erde setzen - und nachdem wir sie verlassen haben.

Mit dem Motto unserer diesjährigen Fastenaktion im Ohr kann man ge-trost sämtliche Selbstoptimierungsprogramme zum Sondermüll bringen - und andere mit der Aufforderung verschonen, endlich etwas aus sich zu machen. Die Urheberschaft unseres Lebens ist unstrittig himmlisch, auch wenn wir keine Engel sind - oder selten. Wir sind schon wer! Mehr könn-ten wir gar nicht sein als Gottes Kinder, einer wie die andere und zugleich keine wie der andere. Einmalig, unverwechselbar sind wir - wie wunderbar. Zu wissen, dass Gott die Existenz eines jeden Menschen will und bejaht, stärkt das eigene Selbstbewusstsein.

Und  es macht Laune, auch anderen als Ebenbild Gottes zu begegnen: sie in ihrer Vielfalt zu bewundern. Verzichten wir darauf, uns und andere madig zu machen, mit mieser Stimmung unser Leben zu verplempern. Stattdessen können wir aus Gottes genialem Werk tief gehende Lebens-freude schöpfen und die Kraft, das zu ändern, was wirklich geändert werden muss. Menschen sind schön geschaffen als Frau, als Mann, als Kind. Was für eine verblüffende Wonne! Danke, Herr, unser Gott.

Und: Amen.

Perikope
22.02.2015
1 Joh3,8b

Predigt zu Matthäus 4,1-11 von Christiane Borchers

Predigt zu Matthäus 4,1-11 von Christiane Borchers
4,1-11

Liebe Gemeinde!

„Führe mich nicht in Versuchung“, beten wir jeden Sonntag im Vater Unser-Gebet im Gottesdienst. Hier führt Gott in Versuchung. Gleich zu Beginn wird klargestellt, welcher Geist es ist, der Jesus in die Wüste führt. Es ist der Geist Gottes selbst, der zuvor bei der Taufe Jesu im Jordan in Gestalt einer Taube vom Himmel herabkommt. Eine Stimme vom Himmel spricht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Gibt es denn auch noch andere Geister, als den Heiligen Geist? Oh ja, nach antiker Vorstellung ist die Welt voller Geister, von guten und bösen. Jesus treibt Dämonen aus; Pharisäer diskutieren, aus welchem Geist heraus Jesus handelt. Für sie ist es nicht unbedingt klar, ob der Geist von Gott kommt und er dadurch Vollmacht hat oder ob es böse Geister sind, die vom Beelzebub herrühren. „Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt…“ Da vorher die Taufe war, dürfen wir daraus schließen, dass es der Geist Gottes ist, der ihn versucht. Die Versuchung geht direkt auf Gott zurück. Muss das sein?, frage ich mich. Was ist das für ein Gott, der Menschen in Versuchung führt? Will er sie prüfen, ob sie in der Stunde der Anfechtung standhaft zu ihm halten und sich nicht anderen Mächten unterwerfen? Haben der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Jesus es nötig, sich selbst bestätigen zu lassen?

Die Bibel überliefert noch weitere Versuchungsgeschichten. Abraham soll seinen Sohn opfern. In letzter Sekunde überlegt Gott es sich anders und sendet einen Engel, der ihn von der Tat abhält. Hiob wird versucht. Satan darf ihm alles nehmen, was er hat: seinen ganzen Besitz. Seine Frau und seine Söhne kommen um, Hiob selbst wird mit schwerer Krankheit geschlagen, sodass er des Lebens müde wird. Nach langem Hadern mit Gott und seinem Schicksal findet er letztlich wieder zum Gottvertrauen zurück. In der Hiob-Erzählung scheint es so, als ob Gott zuvor selbst in Versuchung gerät. Der Satan streift auf Erden herum und entdeckt den frommen Mann Hiob. Im Himmel zurückgekehrt tritt er zu Gott. Gott fragt ihn stolz, ob er auf seinen Knecht Hiob achtgehabt hat. Es ist seinesgleichen nicht auf Erden. Hiob ist fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet alles Böse. „Kein Wunder“, sagt der Satan, „er ist ja auch reich gesegnet mit einer Frau und Söhnen, mit Gesundheit, Hab und Gut. Glaubst du wirklich, dass er dich umsonst fürchtet?“ Gott lässt sich provozieren. Er erlaubt dem Satan, Hiob zu prüfen. Der Satan darf sein Werk ausführen. Zum Schluss wird er nicht die Oberhand behalten, aber er darf bis zu einer von Gott gesetzten Grenze wüten. Satan wird mit Versucher übersetzt, Teufel und Luzifer. Luzifer zeigt seine ursprüngliche Herkunft an. Sein Name ist abgeleitet von lux, Licht. Er gehört ursprünglich zu dem himmlischen Hofstab Gottes, von dem er allerdings abgefallen ist. Er ist kein echter Gegenspieler Gottes, dessen Mächte gleich stark sind. Luzifer gehört zu Gott, seine Macht reicht nur so weit, wie Gott es zulässt. Dann ist ja alles gut, wäre die logische Konsequenz. Dann dürfte es in der Welt kein Unrecht, kein Übel, keinen Hunger, keine böse Krankheit mehr geben. Wir wissen, dass es nicht so ist: Gott lässt viel zu, zu viel, möchten wir klagen und fragen in schweren Anfechtungen: Warum lässt Gott das zu? Eine Antwort werden wir nicht finden. Viel Unrecht und großes Unglück wird ungerechterweise Gott zugeschrieben. Gehen wir der Ursache auf den Grund, so stellt sich oft heraus, dass viel Übel Menschenwerk ist. Aber nicht jedes Unrecht und jedes Unglück lässt sich  damit wegerklären. Es bleibt genügend übrig, wo wir vor der ungelösten Frage nach dem „Warum“ stehen.

Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde. Die Wüste ist ein Ort der Kargheit und des Mangels. Nur kundige Menschen, die in der Wüste oder am Rande der Wüste leben, sind in der Lage hier zu überleben. Wer in die Wüste geht, muss sich auskennen; muss wissen, wo Wasserstellen sind, wo noch irgendetwas Essbares wächst; muss sternenkundig sein, damit die Richtung stimmt. Selbst erfahrene Wüstenvölker meiden es, zu weit in die Wüste einzudringen. Sie gehen nur so weit, wie es unbedingt nötig ist. Jesus wird vom Geist in die Wüste geführt. 40 Tage fastet und betet er dort. 40 Tage sind eine lange Zeit. Sich 40 Tage in die Einöde zurückzuziehen, um zu fasten und zu beten, muss anstrengend sein. Wer weiß, welche Gedanken und Visionen einem durch den Kopf gehen? Wird der Verstand klarer, der Körper empfindlicher, der Geist aufmerksamer? Oder schleichen sich Vorstellungen ein, die dem Wahn nahekommen? Ist ein langer Aufenthalt in der Wüste ein Einfallstor für Halluzinationen? Ich nehme an, alles ist möglich. 40 ist eine symbolische Zahl. Die Zahl 40 steht für Vollendung. Es kommt etwas zu seinem Abschluss. 40 Tage regnet es, ehe die Arche sich vom Erdboden erhebt und zu schwimmen beginnt (Gen 7,17); 40 Jahre wandert das Volk Israel, bevor es ins gelobte Land einzieht. 40 Tage und Nächte hält Mose sich auf dem Horeb auf, als er die 10 Gebote empfängt. 

Am Ende der 40 Tage, die Jesus in der Wüste verbringt, ist bei ihm ein Entschluss gereift. Von da an beginnt er sein Leben im Bewusstsein seiner Gottessohnschaft. Nach der Wüstenerfahrung berichtet Matthäus von Jesu Wirken in Galiläa. Der Versucher nähert sich ihm. Es wird nicht näher beschrieben, wie der Versucher aussieht. Der Teufel mit Hörnern, Pferdefuß und Schweif ist eine mittelalterliche Vorstellung. Womöglich tritt der Teufel in Gestalt eines freundlichen Menschen auf, der uns vorgaukelt, nur unser Bestes zu wollen, der seine wahren Absichten so gut und lange wie möglich versteckt. Der Versucher nutzt die Notlage Jesu aus. Jemand, der so lange gefastet hat, muss doch Hunger haben. An dieser Schwachstelle will er ihn packen: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“ Jesus wundert sich nicht, dass er angesprochen wird, wo doch keine Seele weit und breit zuvor zu sehen war. Das gibt es manchmal, wo die Landschaft hügelig ist, dass plötzlich ohne Vorwarnung jemand vor einem steht. Ein Mensch, ein Tier, taucht wie aus dem Nichts unvermittelt auf. Jesus scheint keinen Moment zu zögern. Schlagfertig antwortet er auf das Wort Gottes, auf die Tora. Davon lebt der Mensch, von Gott und seinem Wort, und nicht vom Brot allein. Hören wir genau hin: Jesus sagt nicht, dass das Brot nicht nötig ist. Ein Mensch braucht Nahrung, damit er satt wird. Das zieht er nicht in Zweifel und tut nicht so, als ob das zweitrangig wäre. Aber ohne Gottes Wort und seine gnädige Zuwendung könnten wir keinen Tag existieren. Ist das nicht eine Verlockung, aus Steinen Brot zu machen? Ist Jesus nicht weltfremd, wenn er die Möglichkeit, aus Steinen Brot zu machen, ablehnt? Was sagen die Hungernden dazu, wenn Jesus dieses großzügige Angebot ablehnt? Viele leben in Armut und bitterer Not.  Sie haben zu viel Steine und zu wenig Brot.

Die Wüstenzeit nähert sich ihrem Ende. Kurz vor Schluss will Luzifer es ein zweites Mal versuchen, ob er den Gottessohn nicht doch dazu bewegen kann, von Gott loszulassen. Er führt ihn nach Jerusalem, in die heilige Stadt, und stellt ihn auf die Zinne des Tempels. Jesus geht bereitwillig mit, lässt sich vom Teufel führen. Ist er sich so sicher, dass er ihm nichts anhaben kann? Dass er einmal der Versuchung widerstanden hat, heißt nicht, dass er jedes Mal widersteht, denn so schnell gibt der Teufel nicht auf. In Gethsemane im Angesicht des nahen Todes fleht Jesus inbrünstig, dass Gott diesen Kelch an ihm vorübergehen lassen möge. Verstehen kann ich das.

Dort steht er, der prächtige Tempel mitten in der Altstadt von Jerusalem. Die hohen Mauern mit den hellen dicken Steinen leuchten im Sonnenlicht. Die Zinne reicht hoch in den Himmel. Susanna hat ihren Korb unter den Arm geklemmt und ist unterwegs zum Markt. Buntes Treiben herrscht in der Innenstadt. Händler preisen ihre Waren an, Eselskarren transportieren frisches Obst und Gemüse, fromme Juden mit schwarzem Hut und Schläfenlocken eilen durch die Gassen. Susannas Blick fällt nach oben auf die Tempelspitze. Täuscht sie sich oder steht da einer? Sie bleibt stehen, kneift ihre Augen zusammen, um deutlicher zu sehen. Tatsächlich: Da steht einer hoch oben auf der Zinne des Tempels. Andere haben das inzwischen auch bemerkt. Eine Traube von Neugierigen und Sensationslüsternen bildet sich in Windeseile. Bei genauem Hinsehen entdeckt Susanna hoch oben noch einen Zweiten. Was machen die beiden da oben? Der eine könnte ein Rabbi sein, der andere ist schwer auszumachen. Fechten die beiden dort oben einen Machtkampf aus? Diskutieren sie über die Tora? Hoffentlich passiert da oben nicht ein Unglück. Lange blickt sie nach oben, jedoch es tut sich nichts. „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich herab“, redet Luzifer auf Jesus ein. Du weißt doch, was in der Tora steht: Er wird seinen Engeln Befehl geben, sie werden dich auf Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Der Teufel kennt sich aus in der Tora, er ist sogar religiös geworden und argumentiert mit der Bibel. Jesus fällt darauf nicht herein. Wahrscheinlich sieht er auch keinen Sinn darin, Gott herauszufordern. Wem wäre damit gedient, wenn er mutwillig ein Risiko einginge? Gott lässt sich nicht zwingen. Jesus geht lieber zu Fuß wieder die Tempeltreppe herunter, als sich herunterzustürzen. Warum den Leuten die Sensationslust stillen? Einen anderen Sinn als diesen kann er darin nicht entdecken. Diese Versuchung ist keine echte Versuchung für ihn. Er hat lediglich den schönen Blick von der Zinne genossen. Etwas anderes ist ihm von vornherein nicht in den Sinn gekommen. Die Menge unten hat sich inzwischen verlaufen, es gibt doch nichts Aufregendes zu sehen. Susanna setzt ihren Weg zum Markt fort. Merkwürdig, denkt sie, was sich dort oben abgespielt hat. Sie kann es nicht richtig einordnen. Sie wird später zu den Frauen gehören, die Jesus gefolgt sind, die bei ihm geblieben sind (vgl. Lk 8,3f). Aber das weiß sie jetzt noch nicht.

Der Teufel ist hartnäckig, Jesus lässt sich weiter bereitwillig von ihm führen. Der Teufel führt ihn auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. „Das alles will ich dir geben“, spricht der Teufel und breitet seine Arme aus, „wenn du niederkniest und mich anbetest.“ Der Blick vom Berg ist wunderschön. Fruchtbare Ebenen tun sich auf, Dattelpalmen und Obstplantagen. Von hier aus können sie sogar das Meer sehen. Wer wollte da nicht schwach werden? Wer wollte da nicht genießen? Wer wollte da nicht, dass dies alles ihm gehörte!  Jesus hat gerade sein 40-tägiges Fasten hinter sich. Das grüne fruchtbare Land mit seinen Wasserquellen wirkt umso faszinierender auf ihn. Jesus blickt in die Ferne, dann sieht er dem Versucher direkt in die Augen und sagt: „Weg mit dir, Satan. Du sollst Gott allein dienen.“ Jesus hat der stärksten Versuchung, Macht zu gewinnen, widerstanden. Darum geht es dem Teufel, er soll ihm dienen und ihn als den Mächtigen der Welt anerkennen. Ein kurzer Kniefall, ein kurzes Ja-Sagen, was bedeutet das schon. So schwer kann das doch nicht sein. Es sieht ja auch keiner, sie sind hier ganz allein, niemand schaut zu, niemand hört ein Wort. Jesus lässt sich nicht beirren, hält fest an dem, woran er glaubt, lässt seine Überzeugungen nicht los. Gott allein hat Worte des Lebens; ihm zu folgen, ist sein Ziel. Endlich gibt der Teufel auf. Für dieses Mal hat er genug. Er hat den Kürzeren gezogen und macht sich aus dem Staub. Siehe, da treten Engel zu Jesus und dienen ihm. Jesus hat die Prüfung bestanden. Er geht seinen Weg ins Leben.

Die Personen in dieser Geschichte sind bis auf Jesus, der ja real gelebt hat, mythologische Gestalten, Gestalten also, die nicht real gelebt haben: der Teufel, die Engel, der Geist. Sie haben aber durchaus Bedeutung. Wir glauben zwar nicht an den personifizierten Teufel, was aber nicht heißt, dass es nicht teuflisch und verführerisch in der Welt zugehen kann. Der Teufel steht für das Böse schlechthin.

Im Kasperletheater ist der Teufel immer der Böse, der die Dinge durcheinanderbringt. Durch seine Verwirrung bringt er Leben in das Stück. Am Ende jedoch gewinnt immer der Kasper. Er ist der Gute. Der Kasper und der Polizist sorgen dafür, dass die Geschichte gut ausgeht. Auch in der Versuchungsgeschichte brauchen wir uns um Jesus keine Sorgen zu machen. Am Anfang steht Gottes Geist, am Ende seine Engel.

Mir kommt die Versuchungsgeschichte wie eine Initiation vor: Der Jüngling im Märchen verlässt sein Elternhaus, geht in die Welt, wird vor Herausforderungen gestellt. Nach bestandenen Prüfungen darf er die Prinzessin heiraten. Nun heiratet Jesus nicht, ihm dienen Engel, aber Teile eines Initiationsritus lassen sich wiedererkennen. Jesus ist durch die Wüstenzeit und durch die Prüfungen des Versuchers bereit für seine Aufgaben als Gottessohn in der Welt.  Gestärkt geht er aus der Krise hervor, sich seines Gottes gewiss, der ihn nicht fallen lässt. In der tiefsten Anfechtung steht er ihm bei, in der Versuchung, einen anderen Weg zu gehen als jenen, den Gott für ihn vorgesehen hat; er gibt ihm die Kraft dazu, zu widerstehen und sich nicht irreführen zu lassen. Die Welt hält uns Verlockungen und Versuchungen vor die Nase. Es ist leichter den Weg des kurzfristigen Gewinns auf Kosten vieler zu gehen. Es ist leichter, sich von der Macht blenden zu lassen und sie auszuüben, als in Demut und Ehrfurcht vor Gott und seiner Schöpfung das eigene Leben zu führen. Es ist leichter Ja zu sagen zu den teuflischen Versuchungen, die Armen arm sein zu lassen und sich selbst den Bauch voll zu schlagen auf Kosten vieler. Es ist leichter, viel und billiges Fleisch zu essen, als für eine artgerechte Tierhaltung einzutreten. Versuchungen gibt es viele, der Teufel ist unterwegs und lacht sich überall dort  ins Fäustchen, wo Leben missachtet und mit Füßen getreten wird.

„Meinst du“, fordert der Teufel Gott heraus, „dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Er fürchtet dich doch nur, weil du ihn reich gesegnet hast.“ - Auch wir sind reich gesegnet. Jesus hat es uns vorgelebt, was es bedeutet, Gottes Sohn zu sein. Wir sind nicht Jesus selbst mit seiner Geschichte. Wir leben in seiner Nachfolge. Als Kinder Gottes treten wir ein für das Leben in Frieden und Gerechtigkeit, damit das Böse keine Macht bekommt. Amen.

EG, Nr. 295,1-4: Wohl denen, die da wandeln…

Perikope
22.02.2015
4,1-11

Machtspiele - Predigt zu Matthäus 4,1-11 von Manfred Wussow

Machtspiele - Predigt zu Matthäus 4,1-11 von Manfred Wussow
4,1-11

Machtspiele

Dienstag, 17. Februar 2015, 14:49 Uhr:
Die deutsche Presseagentur – dpa – meldet:
„Debalzewo  - Die Aufständischen in der Ostukraine haben die strategisch wichtige Stadt Debalzewo nach eigenen Angaben "zu 80 Prozent" eingenommen.
"Nur ein paar Wohnviertel sind noch übrig, dann haben wir den Ort völlig unter Kontrolle", sagte Separatistensprecher Eduard Bassurin am Dienstag in Donezk.
Die Gefechte gelten als massiver Verstoß gegen ein erst vor wenigen Tagen in Minsk geschlossenes Friedensabkommen. Demnach sollten die Konfliktparteien eigentlich ihre schweren Waffen aus dem Donbass abziehen.“

Ich lese die dpa-Meldung, als ich mein e-mail Postfach öffne. Sachlich ist sie, unbestechlich. Eine Nachricht – unter vielen. Aber was macht sie mit mir? Was mache ich mit ihr? Ich fiebere bei jeder Friedensbemühung mit, ich bin enttäuscht, wenn sie wieder einmal keine Chance bekommt, ich sehe die Felle schwimmen. Durchschauen kann ich sie nicht – die Machtspiele. Die Drohgebärden. Die Schuldzuschreibungen. Gewalt windet sich, wächst in Spiralen. Die Propaganda vernebelt, kunstvoll rational verhüllt. Am Ende darf nicht mehr klar sein, wer Freund, wer Feind ist – wer angefangen hat, wer sich wehren musste – wer rechtzeitig gewarnt hat, wer überfallen wurde. Viele Menschen sterben. Viele trauern.Wird der Frieden auf der Strecke bleiben? Geopfert werden? Geopfert werden müssen? Wie die Wahrheit, die auf der Strecke bleibt?

Beim Lesen meiner e-mails huscht mir durch den Kopf, wie groß doch die Versuchung sein muss, (wieder) in Machtblöcken zu denken, Einflussshären abzugrenzen, Nationalitäten zu definieren – und Menschen gegeneinander aufzubringen. Pflöcke werden eingeschlagen, um später Rechtsansprüche aus ihnen ableiten zu können. Nennen wir es die Gunst der Stunde, die herbei gezwungen wird, nennen wir es „Kriegsglück“ - für Macht verkaufen Menschen sogar ihre Seelen – und die fremden, die anderen gleich mit. Doch Hass sät neuen Hass … Kein Ende in Sicht!

Widerspruch

Hat mein Freund, Matthäus, eigentlich gewusst, dass uns das Thema bewegt, bedrängt? Jedenfalls erzählt er uns heute, 22. Februar 2015, unerwartet eine Geschichte, die von einem ungewöhnlichen Traum, von einem ungewöhnlichen Weg erzählt.

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
6und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.
(Mt. 4,1-11)


Der Traum – bleiben wir einmal bei diesem Wort - beginnt in einer Wüste, schwingt sich auf die Zinne des  Tempels in der Heiligen Stadt, Jerusalem, und landet auf einem „sehr hohen Berg“. Das alles dann auch noch an einem Tag. Oder war es eine Nacht? Die Szenen verlaufen wie Aquarell- Farben. So schnell kann man kaum noch schauen.  Geschweige denn aufpassen. Unheimlich und gefährlich sind alle drei Orte: die Wüste, die Tempelzinne und der hohe Berg – ist es wirklich ein Traum? Ein Albtraum? Matthäus erzählt nicht, dass Jesus schweißnass aufwacht, wohl aber, dass er jetzt seinen Weg kennt – und geht. Gehen kann.

Klärung

Die Geschichte, die Matthäus erzählt, ist faszinierend: Sie erzählt von Jesus, der seinen eigenen Weg sucht, noch sucht  – den Weg des Messias. Er hat sich in die Einsamkeit zurückgezogen. In eine Wüste. Vierzig Tage sind auch kein Pappenstiel. Aber vierzig Tage erinnern an die Prüfungszeit Israels, die – nur eine kleine Nebensächlichkeit – vierzig Jahre betragen haben soll. Gemeint ist eine Zeit der Reifung, eine Zeit der Klärung. Auch Jesus fängt klein an – wie einer, der sich entdecken muss. Der seine Identität findet. Der wird, was er sein soll: Messias. Oder griechisch: Christus.
Früher dachte ich, Jesus sei von Anfang an fertig gewesen – heute bin ich glücklich, dass auch er seinen Weg sucht – und findet. Es ist der Geist, der Geist Gottes, der Jesus auf Trapp bringt.  Lehrstück Nr. 1 – sozusagen.

Neuer (oder auch alter) Bekannter ist der Teufel. Er nimmt Jesus mit auf einen sehr hohen Berg. Betont: sehr hoch! Ein Hügel tut’s hier nicht. Es muss der Weltenberg sein. Dort oben, ganz oben, sind die beiden allein. Aber auch dem Himmel ganz nah … Ob der Teufel weiß, in welcher gefährlichen Höhe er sich bewegt? Ob er ahnt, wem er hier gefährlich nahe kommt? Gipfeltreffen können wir nennen, was jetzt geschieht, was auf die Spitze getrieben wird – und zerfällt. Jesus soll alle Reiche der Welt und ihre Schönheiten sehen. Ein herrlicher Blick! Es ist ein Blick, der ausgekostet werden muss. Ein Panorama sondergleichen. Die Welt liegt Jesus  zu Füßen. Oder wird sie ihm vor die Füße gelegt? Der Teufel will seine letzte Karte ausspielen – er setzt auch alles auf eine Karte: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“. Eine kleine Geste nur, nicht der Rede wert – für ein so großes Geschenk? Wir ahnen, wie vergiftet das Angebot ist. Jesus sagt dann auch: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 

Diese kleine Szene aus Rede und Gegenrede – es reicht jeweils ein Satz  – spielt mit der Sehnsucht nach der Weltherrschaft, der Sehnsucht nach Macht, der Sehnsucht danach, „ganz oben zu sein“.  Der Teufel ist ein begnadeter Seelenkenner – und ein Spieler dazu. Er spielt mit Gefühlen und Träumen, mit Minderwertigkeitskomplexen und Allmachtsphantasien. Doch: Kann der Teufel geben, was ihm nicht gehört? Was ihm noch nie gehörte? Nie gehören wird? Hier, ganz oben auf dem Berg, wird der Teufel entlarvt – der Zauberer verliert sein Gesicht. Hier oben auf dem hohen Berg ist die Luft dünn – und die Welt unnahbar weit weg – und das Leben so erbärmlich klein wie ein Gipfelplateau.  Aber: Gott ist nahe. In Sichtweite. Auf Rufweite. Gegenwärtig in  – einem Wort. »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 
Jesus sieht die Welt mit ihren Schönheiten – als Schöpfung Gottes.  Aber er sieht auch die Verlorenheit, das Leiden der Menschen. Er sieht die Wunden der Natur. Er sieht die verwickelten und verwinkelten Geschichten – jetzt geht er nach unten. Er geht zu den Menschen. Er liebt die Menschen. Sein Weg ist jetzt klar: Er wird nach Jerusalem gehen. Dort wird der Menschensohn, wie er sich nennt, wie er genannt wird, leiden – am dritten Tag aber auferstehen.  In seiner Verteidigungsrede wird Jesus sagen, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist … Dann wird er als „König“ ans Kreuz geschlagen.

Von dem Abstieg Jesu erzählt Matthäus darum direkt nach der Geschichte von der Versuchung Jesu – und von dem hellen Licht, das sich jetzt breitmacht, ausbreitet:

Und Jesus verließ Nazareth – so Matthäus - , kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali,
damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):
»Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa,
das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“


Von Finsternis ist die Rede, von Schatten des Todes – und von einem großen Licht, das aufgegangen ist. Jetzt können Menschen aufbrechen, umkehren, noch einmal neu anfangen.  Auch ein Macht-Spiel. In ihm gewinnt das Leben. Die Zukunft. Gottes Reich – Gottes Recht.  Nahe herbeigekommen! Nahe! Herbeigekommen!

Versuchung

Wir nennen die Geschichte, die Matthäus – ziemlich am Anfang seines Evangeliums – erzählt, eine Versuchungsgeschichte. Jesus soll auch – wörtlich – vom Teufel versucht werden. Jesus wird in eine Situation gebracht, in der er dem größten Widersacher – im Leben von Menschen – ausgeliefert wird. Wir  sind gespannt, wie er damit fertig wird!
In dem Wort „Versuchung“ stecken die Worte „Suche“ und „Versuche“, Worte, die wir kennen, die uns vertraut sind. Suche wie Versuche sind nicht einmal auf Lebensalter aufzuteilen oder abzuschließen. Glücklich ist der Mensch, der immer noch Versuche frei hat! Der sich auf die Suche machen kann.

Oscar Wilde (1854 - 1900), eigentlich Oscar Fingal O'Flahertie Wills, irischer Lyriker, Dramatiker und Bühnenautor, meint:
I can resist everything except temptation - etwa: Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.

Christian Morgenstern (1871 - 1914) weiß:
„Nur in Versuchungen immer wieder  fallend, erheben wir uns.“

Und Giovanni Guareschi (1908–1968), italienischer Journalist und Schriftsteller, fügt – vielleicht ein wenig schmunzelnd - hinzu:
„Manch einer, der vor der Versuchung flieht, hofft doch heimlich, dass sie ihn einholt.“

Alles kluge Sentenzen, aus dem Leben gegriffen. Aber nicht jede Versuchung ist so zart – wie Schokolade. Versuchungen können tödlich ausgehen. Versuchungen können das Leben zur Hölle machen. Versuchungen können uns die Seele rauben.

Von dem Teufel reden wir übrigens nicht mehr. Es gibt ihn nicht – mehr. Oder doch? Wer vom Teufel redet, wieder reden kann, gibt dem Bösen ein Gesicht, eine Gestalt – und kann mit ihm kämpfen. Mein Freund Matthäus ist da sehr unbefangen – und viel moderner als gedacht. Das ist doch eine tolle Szene da oben auf dem Berg! Ich verrenke mir den Kopf – so hoch kann ich nicht gucken. Wie gut, dass Jesus runter kommt! Ich will ihn hören, ich will ihm folgen!

Von den Steinen in der Wüste und von der Zinne des Tempels möchte ich jetzt nichts erzählen. Uns läuft auch die Zeit weg. Aber wir hören Rede und Gegenrede, wir hören, wie ein Wort das andere gibt. Jesus wächst das letzte Wort zu!  Er findet seinen Weg – in der Schrift. In der Schrift Israels. Wir müssen, wir dürfen  sie nicht „alt“ nennen – Gott ist der Vater Jesu. Mit Zitaten, mit Rezitation, wird der Teufel gefangen. Nur – mit Zitaten, mit Rezitation! Dem Teufel bleiben nicht einmal mehr Ausreden.
Die Welt geht neu auf in dem Wort. »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 

Es tut gut – und macht gut -, unsere Versuchungsgeschichten als Klärungsgeschichten, als Findungsgeschichten zu verstehen. Der Geist Gottes hat gewiss seine Finger im Spiel! Auch bei uns.
Am Ende treten Engel in unser Leben. Ob sie uns auch – dienen?  Matthäus legt da so eine Spur …
Zumindest: wir sind in guter Gesellschaft!

Invokavit

Heute ist der 22. Februar 2015. Ein Tag des Herrn! Der Sonntag trägt den Namen Invokavit. Der 91. Psalm steht an ihm Pate. : "Invocavit me, et ergo exaudiam eum" – auf deutsch:
„Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören“ – und weiter:
„Ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen“ (Ps 91, 15).

Der Wochenspruch bringt es auf den Punkt:
Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. (1. Joh 3, 8b).


Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn


 

Perikope
22.02.2015
4,1-11