Durch Versuchung zum Erfolg?! - Predigt zu Matthäus 4,1-11 von Agnes Schmidt-Koeber
Durch Versuchung zum Erfolg?!
Liebe Gemeinde,
eines der Themen, das ich in den in den letzten Tagen seit Aschermittwoch wahrgenommen habe, ist das Fasten.
Fasten – von der „schnellen Diät“ bis hin zum Einstieg in einen grundlegenden Lebenswandel ist so ziemlich alles dabei: Kraft tanken, entschlacken, auf andere Gedanken kommen, mit sich selbst allein sein, die eigenen Gedanken einer Reinigung unterziehen … Entscheidend dabei ist der eigene Antrieb, der eigene Wille zu einer Veränderung.
Wenn eine Veränderung angestrebt und diszipliniert angegangen wird, kommt es dennoch vor, dass nicht der erwünschte Erfolg sich einstellt. Aber etwas anderes, was zunächst wenig Freude bereitet.
Wer Erfolg haben will, muss einiges auf sich nehmen und diszipliniert daraufhin arbeiten.
Wenn’s anders kommt, als erwartet, ist das keineswegs MissErfolg. Der zweite, sachliche Blick deckt auf, dass Erfolg auch anders aussehen kann, als man ihn sich vorstellt.
Ein treuer Begleiter auf dem Weg zum Erfolg ist die Versuchung. Sie ist allgegenwärtig. Ein paar Beispiele:
Sich etwas aneignen, was einem nicht zusteht.
Oder: wer meint, sich behaupten zu müssen, stellt sich besser dar, als er/sie ist und macht sich und anderen was vor (was später dann Schwierigkeiten nach sich zieht).
Ist das angestrebte Ziel eine gesündere Ernährungsweise, stellen Naschwerk und Genussmittel eine Versuchung dar.
Ist das angestrebte Ziel, einen einflussreichen Posten innerhalb der Firma zu bekommen – so ist es die Wiedergabe und Weitergabe von vertraulichen Inhalten oder Missbrauch von Vertrauen und Kompetenzen.
Lebt man in einer Beziehung, die gerade stürmische Zeiten durchmacht, so ist die Versuchung groß, sich auf eine neue, vermeintlich unbelastete, aber gefährliche, ungesunde, unmoralische Beziehung einzulassen…
Wenn ich jedoch das Wort „Versuchung“ höre, gehen meine Gedanken ins NT, zum heutigen Evangelium:
Lesung aus dem Matthäusevangelium 4,1-11
Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.
Der Gottessohn, der wahre Mensch und wahre Gott Jesus Christus, wird vom Teufel in der Wüste versucht. Eine der eindrücklichsten Schilderungen des NT, meisterhaft in Szene gesetzt.
Lassen Sie uns den Kontext betrachten, in dem sich dieser Bibelabschnitt befindet: Ende des 3. Kapitels lesen wir „Eine Stimme vom Himmel herab sprach: dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und weiter: Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Der hintere Rahmen ist der Anfang des Wirkens Jesu. Eigentlich könnte man – rein dramaturgisch gesehen – auf diese Episode verzichten.
Als Heranwachsende war mir unverständlich, wieso der allmächtige Gott das zulässt, kurz nachdem er ihn coram publico als seinen geliebten Sohn vorgestellt hat.
Diese Bibelstelle ist mir heute nicht nur eine große Hilfe, wenn die Theodizeefrage innerhalb christlicher Gruppen gestellt wird, sondern sie ist wichtig für christologische Auseinandersetzungen (die im Lauf der Kirchengeschichte stattfanden). Hier wird deutlich, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, kein Gottmensch, kein Magier, kein politischer Messias. Die Versuchungen sind Merkmale seines Mensch-Seins: nur den eigenen Interessen dienen, Selbstvergewisserung durch Grenzüberschreitungen und Streben nach absoluter Macht.
Das Durchhalten von vierzig Tagen Fasten und das Überwinden des Satans erweisen seine Göttlichkeit.
Er kann kein durchschnittlicher Mensch sein – der wäre wohl angesichts der Situation der Versuchung erlegen.
Was Jesus da erlebt, sieht nicht nach einer zufällig lauernden Versuchung aus, sondern nach einem gottgewollten und vom Geist umgesetzten Vorgehen.
Hier erweist sich Jesus Christus als Sohn Gottes, der dem Wort Gottes gegenüber gehorsam ist, der im und aus dem Vertrauen auf den himmlischen Vater lebt und handelt. Was ihn während der vierzig Tage am Leben gehalten hat und was ihm auch in der Begegnung mit dem Bösen hilft, ist das Wort Gottes, es ist seine verlässliche Basis, er verliert so seinen Auftrag nicht aus dem Blick, als das Böse versucht seiner habhaft zu werden. Er geht erfolgreich aus der Auseinandersetzung hervor.
Nach vierzig Tagen fasten mag der Körper etwas matt und kraftlos sein – der Geist jedoch nicht. Fasten stärkt den Willen, Fasten heißt jedoch nicht Verzicht auf jegliche Nahrung: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort aus dem Mund Gottes. Gottes Wort stärkt, Gottes Wort gibt Kraft und Mut und führt zum Erfolg.
Erfolg haben durch Versuchung.
Was man sich als „normaler Mensch“ als schlimme Gefahr vorstellt oder befürchtet, ist in Wirklichkeit Prüfstein für die Ernsthaftigkeit des Vorhabens, es stellt heraus, ob es dem Betreiber um die Sache oder um sich selbst geht.
Der Versuchung widerstehen, eine vermeintliche Abkürzung auf dem Weg zum Erfolg zu nehmen, lohnt sich.
Ein Beispiel, das mich sehr gefreut und auch beeindruckt hat: Im Herbst 2014 fanden im EU-Land Rumänien Präsidentschaftswahlen statt. Der Präsident wird vom Volk direkt gewählt. Ein unwürdiger Wahlkampf um das Amt des Staatspräsidenten ging voran.
Es traten eine ganze Reihe von Kandidatinnen und Kandidaten an. Reelle Chancen wurden zwei Männern eingeräumt: der Regierungschef strebte nach dem höchsten Amt, und ein gradliniger Bürgermeister einer blühenden Großstadt, der erfolgreich gegen Korruption und Vetternwirtschaft gewirkt hatte.
Der Regierungschef, Vorsitzender der kommunistischen Nachfolgepartei, arbeitete mit allen nur denkbaren Winkelzügen, Vetternwirtschaft und unrealistischen Wahlversprechen auf sein Vorhaben hin. Als absehbar war, dass die Wählerschaft skeptisch bleibt, wurde der Wahlkampf zunehmend unfair: Angriffe auf den bürgerlich-konservativen Bürgermeister waren an der Tagesordnung: seine Zugehörigkeit zu einer verschwindenden (deutschen) Minderheit bzw. der kleinen evangelischen Kirche, die ungewollte Kinderlosigkeit, Verleumdungs- und Schmutzkampagnen, Verängstigung der Wählerschaft durch Verbreitung von Lügen… für nichts von all diesem war sich der junge Regierungschef und seine Partei zu schade. Kenner der politischen Szene des Landes gaben die Wahl für den konservativen Kandidaten verloren und schienen im ersten Durchgang auch Recht zu bekommen.
Dem Bürgermeister wurde von seinen Parteikollegen intensiv nahegelegt, sich zu wehren und mit den gleichen Mitteln zu kämpfen – Munition hätte es zur Genüge gegeben (Plagiat, Vetternwirtschaft, fragwürdige Amnestien, Behinderung der Justiz, Lügen…). Der Bürgermeister blieb bei seiner sauberen Strategie, die Wählerschaft mit seinem einfachen Programm zu überzeugen und seinem Versprechen, anders Politik machen zu wollen. Er nahm lieber in Kauf, die Wahl zu verlieren.
Es kam die Stichwahl und das Unwahrscheinliche geschah: der Bürgermeister gewann haushoch, der Abstand zwischen den beiden Kandidaten betrug deutliche 10%.
Wer diesen Mann nicht kennt, vermutet Taktik hinter seiner Verweigerung, den Gegner mit dessen Schmutz zu bewerfen. Wer dem ehemaligen Physiklehrer aber begegnet ist, weiß, dass er wirklich so ist: unbestechlich, gradlinig, mit hohen moralischen Standards. Der sein Christentum lebt, indem er beispielsweise auch unter den extremen Bedingungen eines balkanischen Wahlkampfes sich an die Gebote hält und sein Christentum nicht medienwirksam zur Schau stellt.
Auf dem Weg zum Erfolg durchschreitet man auch durch tiefe, dunkle Täler. Wer ein klares, lauteres Ziel vor Augen hat und inneren Halt, der wird erfolgreich sein. Für Christen ist Halt z.B. in der Gemeinschaft und im Wort Gottes zu finden.
Auf dem Weg zum Erfolg kommt voran, wer der Versuchung ins Auge blickt und sich in Frage stellen lässt, wer sie nicht scheut.
Erfolgreiches Leben ist für mich, wenn man sich den Herausforderungen des Lebens nicht entzogen, sondern sich ihnen gestellt hat. Wenn man nach dem Hinfallen wieder aufsteht, wenn man das Ziel seines Lebens, die Ewigkeit, nicht aus den Augen verliert. Erlebte Versuchung schärft den Blick. Überwundene Versuchung macht dankbar und demütig.
Ja, durch Versuchung zu einem erfolgreichen Leben kommen – was uns Jesus Christus vorlebt, ist auch für uns möglich – möge es uns allen als erstrebens- und nachahmenswert erscheinen. Unser Wille und unsere eigenen Kräfte sind sehr begrenzt. Die benötigten Kräfte erwachsen aus der Verbundenheit mit der Kraftquelle unseres Lebens: Gott, wie er sich uns in seinem Wort durch seinen Geist schenkt.
Sei es jetzt in der Fastenzeit, sei es zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Amen
Literatur: Ulrich LUZ, Das Evangelium nach Matthäus, Band 1, EKK, Zürich, Düsseldorf, Neukirchen-Vluyn 1997
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Jesus und die Gefahr der Korrumpierbarkeit des Menschen - Predigt zu Matthäus 4,1-11 von Jens Junginger
Jesus und die Gefahr der Korrumpierbarkeit des Menschen
kennen Sie das auch? Da stecken auf einmal Kataloge im Briefkasten, die man nie angefordert hat, mit der persönlichen Anschrift versehen.
Anzeigen tauchen ungefragt auf dem Bildschirm auf, mit Appartements in Regionen, die einem vertraut sind. Bilder von Produkten, die tatsächlich meinem Geschmack entsprechen, werden mir da als Schnäppchen vorgehalten.
Wer hat mich da ausspioniert?
Wer will mir Lust auf Einkauf und Konsum machen?
Wer führt mich da in Versuchung?
Es ist mir unheimlich.
Ich werde offenbar beobachtet. Ich werde regelrecht vermessen.
Und nicht nur das. Eine unsichtbare Hand legt mir Angebote vor die Nase!
„Algos“ werden sie genannt, habe ich mir sagen lassen. Algorithmen.
Sie vermessen Daten, die von mir übers Internet erfasst werden und werten sie aus.
Mit ihrer Hilfe werden Anreize erzeugt und Versuchungen aufgetischt.
Was für eine unsichtbare Macht ist hier am Werk?
Im Namen einer Religion werden Menschen massakriert, erniedrigt und unterworfen. Eine Religion, die den Frieden will, wird für Böses missbraucht.
Junge Menschen werden indoktriniert.
Selbst eine islamische Pädagogin kann sich nicht erklären was mit ihren früheren Schülern passiert sein muss, dass sich von Hasspredigern und Aufpeitschern für den bestialischen Kampf haben einfangen lassen?
Was für Mächte sind hier am Werk, die ganz und gar nichts Gutes wollen, aber Herzen und Hirne von Menschen begeistern, beherrschen und zum Töten und Abschlachten anleiten?
Mir fällt auf, erzählte kürzlich jemand, bei uns im Betrieb sind es eigentlich nur noch wir, die über 40 Jährigen, die aufeinander schauen, Sorge füreinander tragen und auch mal die Schwächen untereinander ausgleichen.
Die Jüngeren, schauen nach sich, ausschließlich nach ihrem persönlichen Vorteil und eben nach dem Geld. Da ist etwas anders geworden. Das sind zwei verschiedene Welten. Das finde ich traurig. Die sind irgendwie von anderen Werten und Idealen geprägt.
Was ist es, das die Jüngeren so anders, so kalkulierend gemacht hat?
Unsichtbare gottferne Mächte sind es für Paulus, die da wirken (Vgl. Römer 8)
Die Philosophin Hannah Arendt war eine derjenigen, die sich nach dem Naziterror auf die Suche nach Erklärungen gemacht hat, wie Menschen dazu verführt werden konnten derart unmenschlich und böse zu handeln, wie es in den KZs passiert ist.
In der Bibel hat diese Macht den Namen Satans bzw. „diabolos“. Das ist wörtlich der Durcheinanderbringer. Luther hat diesen Begriff mit „Teufel“ übersetzt.
Als Versucher, Verführer, als Feind Gottes und Herrscher der gottfernen Welt tritt er in den biblischen Erzählungen in Erscheinung.
In der folgenden Szene tritt diese Macht auch Jesus gegenüber. Als Figur, so wie Mephisto in Goethes Faust. Als der, der Jesus auf seine Korrumpierbarkeit überprüft, in dem er ihn mit drei Versuchen aufs auf‘s Glatteis zu führen versucht.
1Danach [d.i. nach seiner Taufe] wurde Jesus vom Geist [der Kraft Gottes] in die Wüste geführt.
Dort sollte er vom Teufel auf die Probe gestellt werden.
2Jesus fastete vierzig Tage und vierzig Nächte lang.
Dann war er sehr hungrig.
3Da kam der Versucher
und sagte zu ihm:
"Wenn du der Sohn Gottes bist,
befiehl doch,
dass die Steine hier zu Brot werden!"
4Jesus aber antwortete ihm:
"In der Heiligen Schrift steht:
'Der Mensch lebt nicht nur von Brot,
sondern von jedem Wort,
das aus dem Mund Gottes kommt.'"
5Dann nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt.
Er stellte ihn auf den höchsten Punkt des Tempels
6und sagte zu ihm:
"Wenn du der Sohn Gottes bist,
spring hinunter!
Denn in der Heiligen Schrift steht:
'Er wird seinen Engeln befehlen:
Auf ihren Händen sollen sie dich tragen,
damit dein Fuß an keinen Stein stößt.'"
7Jesus antwortete ihm:
"Es steht aber auch in der Heiligen Schrift:
'Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen!'"
8Wieder nahm ihn der Teufel mit sich,
dieses Mal auf einen sehr hohen Berg.
Er zeigte ihm alle Königreiche der Welt
in ihrer ganzen Herrlichkeit.
9Er sagte zu ihm:
"Das alles werde ich dir geben,
wenn du dich vor mir niederwirfst
und mich anbetest!"
10Da sagte Jesus zu ihm:
"Weg mit dir, Satan!
Denn in der Heiligen Schrift steht:
'Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten
und ihn allein verehren!'"
11Da verließ ihn der Teufel.
Und sieh doch:
Engel kamen und brachten ihm zu essen.
(Übersetzung: Basisbibel)
Drei Versuchungen, an drei rasch wechselnden symbolträchtigen Orten: Wüste, Tempel und Berg.
Kurz und knapp wird erzählt, anschaulich und eindrücklich.
Gut überlegt und raffiniert tritt die diabolische Macht Jesus entgegen.
Betrachten wir den ersten Versuch des „diabolos“:
Jesus lehnt den Showeffekt einer „aus Steine mach Brot“ Verzauberung kategorisch ab. Brotwunder oder Brotvermehrung sind für Jesus kein Selbstzweck, sondern dem Willen Gottes geschuldet nämlich Not zu beseitigen, Hunger zu stillen und Armut zu bekämpfen.(Peter Fiedler, Das Matthäusevangelium, ThKNT, 2006 S.90)
Wenn das Leben aber auf die rein materielle Ausstattung reduziert wird, auf Essen, Arbeit, Wohnen,
wenn Menschen nicht (mehr) wissen, ausblenden oder verdrängen, dass wir Geschöpfe sind, die von Voraussetzungen leben, die wir selbst nicht geschafft haben und nicht schaffen können,
wenn Menschen nie davon gehört haben, dass ein jeder Mensch, ob Afrikaner oder Araber oder Asiate ein Ebenbild Gottes ist,
wenn Menschen nie erfahren haben, dass es – etwa in der Bibel - für alle grundlegende Werte gibt, die ein zukunftsfähiges Zusammenleben auf diesem Globus ermöglichen wollen und können, dann zeigt sich:
Brot allein, das reicht nicht. Das führt zu einer geistlich moralischen Verarmung und Rückbildung.
Mit dem Satz: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, erteilt Jesus jeglichem, geist- und seelenlosen Materialismus eine klare Absage. (Schrottroff/Sölle, Jesus von Nazareth, dtv, 2000 S.24)
Dass dieser Materialismus jedoch eine reale verführerische Macht darstellt und Wirkung zeigt, das erleben wir in zweierlei Weise:
Die einen wollen Andersgläubigen und hilfesuchenden das tägliche Brot, das Existenzrecht und eine besseres leben nicht gestatten.
Die anderen horten ihr Brot, lassen es in der Schweiz vermehren und vergolden, um es der Allgemeinheit zu entziehen.
Ohne das Wort, das gerade nicht aus uns selbst, sondern aus Gottes Mund kommt,
also ohne dass wir uns von diesem Wort zum Perspektivenwechsel anregen lassen und immer wieder uns selbst kritisch reflektieren,
ohne dieses Wort von außen verkommen wir und bleiben uns selbst genug.
Das hat Jesus klar erkannt, damit ist er aufgewachsen.
Er hält der ersten Versuchung stand.
Bei der zweiten Versuchung könnte sich der Diabolos gedacht haben:
Ich probier‘s mal mit einer wortwörtlichem, also fundamentalistischen, Schriftdeutung :
Es steht geschrieben sagt er zu Jesus und verweist wie Jesus auf die Tora:
Du wirst von Gott auf den Händen getragen, egal was passiert.
Also, lass dich fallen. Dann werden wir werden ja sehen was passiert, was Gott kann und wer du wirklich bist.
Jesus erteilt auch dieser Aufforderung eine Absage.
Und erteilt damit zugleich einem falschen Gottesbild, einer trügerischen Gottesvorstellung und einem wortwörtlichen Schriftverständnis eine Absage, also jeglichem Fundamentalismus.
Gott - der rettet, wenn wir versagen, der Niederlagen und Elend erspart, der Erfolg garantiert, der mich dann bestraft, wenn ich nicht rechtschaffen gelebt habe, mit Krankheit, Schmerz.
Den gibt es nicht.
Eine ganze Generation gläubiger Menschen und Theologen hat genau das lernen und begreifen müssen, angesichts des Holocausts. Gott ist nicht der, der uns auf seinen Händen über alles Unrecht hinwegträgt, dass Menschen selbst verursacht und nicht verhindert haben.
Gott erlebt vielmehr in Jesus Christus selbst Niederlagen mit.
Achtsamkeit ist vielmehr für das Unscheinbare geboten.
Das Böse, Schreckliche kommt sehr viel normaler, versteckter, mitunter recht banal, alltäglich, gutbürgerlich brav und obrigkeitshörig, ja ordentlich daher.
Hannah Arendt hat bei der Beobachtung des Prozesses gegen den früheren SS Obersturmbandführer und Leiter der Organisation für die Vertreibung und Deportation der Juden Adolf Eichmann eben diese „Banalität des Bösen“ ausfindig gemacht.
Ihr könnt Gott nicht ausprobieren, sagt Jesus klipp und klar. Und wer es trotzdem tut wird sich im Nachhinein in schuldhafter Verstrickung wiederfinden und muss bekennen:
„Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“(Stuttgarter Schulderklärung)
Die dritte diabolische Versuchung lautet: Jesus - wir wär‘s mit Weltherrschaft, mit Macht ohne Ende, bis ans Ende der Welt, nach dem Vorbild des Imperium Romanum. Alles läge dir zu Füßen. Du hättest die Macht, über Herzen und Hirne von Menschen?
Weg mit dir Satan, lautet die barsche, scharfe und unmissverständliche Antwort Jesu auf dieses Angebot, mit dem sich der Teufel vollends „selbst entlarvt“ hat (Fiedler, S.91).
Herrschaftlich, patriarchal diktatorisches Machtgebaren – nicht mit Jesus.
Konsequent hat er es gelebt bis zum Kreuz. Damit legte er eine Messlatte - bis heute.
Eine solch herrschaftskritische Haltung vertrat, zeitweise zumindest, auch der Reformator Martin Luther.
Herrschaftskritisches Denken und Handeln sind bis heute Kennzeichen christlicher Glaubwürdigkeit geblieben.
Christen erkennen weder andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung an, noch wollen Christen anderen Herren oder Mächten zu Eigen sein (Vgl Barmer Theologische Erklärung)
Und trotzdem !
Den subtilen Verlockungen und Einflüssen, denen wir – unmerklich oder unbedacht - tagtäglich ausgesetzt sind, denen ist nicht immer so leicht zu entkommen.
Immer wieder zu prüfen, zu entlarven oder angemessen zu bewerten, wovon bin ich gesteuert,
wer hat welche Interessen, das bleibt eine stetige Herausforderung.
Eine Herausforderung das eigene Denken und Handeln immer wieder kritisch und selbstkritisch zu prüfen.
Jesu Wachsamkeit im Gespräch mit dem „diabolos“ sensibilisiert einen.
Was der Schlange in der Paradieserzählung (1. Mose 3) gelungen ist, gelingt dem „diabolos“ nicht.
Jesus bewahrt sich die „von Gott geschenkte Freiheit“ (Gabriele Wulz, Invokavit, in: Predigtmediationen im christlich-jüdischen Kontext, 2002 S.121) und er ist wohltuend gestärkt von der liebevollen Zusage Gottes, kurz vor diesem Teufelsdialog, in der er erfährt:
An dir habe ich Wohlgefallen.
Eines gibt der „diabolos“ aber zu erkennen und daran ist er identifizierbar:
Er spricht die niedrigen Instinkte an. So ist er „in seiner Nichtigkeit offenbar geworden“ (Wulz,S.121)
Mit mir kommst du groß raus, da bist du wichtig, unsterblich, erfolgreich, da bist stark, mächtig und einflussreich.
Mit mir bist du auf der Gewinnerseite.
Da sind wir Menschen immer ein Stück weit korrumpierbar. Jedoch sind es weltweit leider mehr, deutlich mehr geworden.
Die Standhaftigkeit Jesu gründet in seiner tiefen Verwurzelung in den Weisungen Gottes,
in der stärkenden Gewissheit geliebt zu sein
und in der Glaubensdemut, dass wir eben nicht alles uns selbst, also auch nicht unserer Leistung, verdanken.
So vermag er dem Versuch auf eindrückliche Weise standzuhalten sich korrumpierbar zu machen.
Möge das auch uns gelingen, in der Erziehung von Kindern, in der Bildung, in der religiösen Bildung und der Seelsorge und in der gesellschaftlichen Aufklärung,
im Vertrauen auf Gottes Hilfe:
Er führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“
Und sei
Amen
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Hungrig satt, angreifbar getragen, arm reich - Predigt zu Matthäus 4,1-11 von Helmut Liebs
Hungrig satt, angreifbar getragen, arm reich
Liebe Gemeinde,
wenn jemand sagt: „Jetzt ist es Matthäi am Letzen“, oder „Mir ist zumute wie Matthäi am Letzten“, dann steht es schlimm. Dann ist jemand am Ende, oder zumindest fast am Ende: finanziell oder seelisch oder körperlich oder alles zusammen. Eine schwierige Situation hat sich zugespitzt und nun scheint die Katastrophe, der Zusammenbruch, das Ende unausweichlich. Dann sagt jemand redensartlich: „Jetzt ist es Matthäi am Letzten.“
Woher kommt diese Redensart? Wir finden sie in Martin Luthers Kleinem Katechismus [4. Teil: von der Taufe], wo der Reformator schreibt: „Aufs erste muss man vor allen Dingen die Worte wohl wissen, … darauf die Taufe gegründet ist, nämlich da der Herr Christus spricht Matthäi am Letzten: Geht hin in alle Welt, lehrt alle Heiden und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Also meint Luther mit „Matthäi am Letzten“ den Schluss des Matthäusevangeliums. „Matthäi am Letzten“, das sind die letzten Zeilen dieses Evangeliums. Und wie lautet der allerletzte Satz? Sie kennen ihn [, wir haben ihn in der Schriftlesung gehört.]: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Weil also die letzten Zeilen damit enden, dass Christus bis zum Weltende bei uns ist, wurde „Matthäi am Letzten“ zur Redensart für den Weltuntergang oder zumindest für Schlimmes, das sehr bald kommt oder bereits eingetroffen.
In Zeiten wie den unsrigen könnte man wirklich meinen, dass bereits „Matthäi am Letzten“ ist. Angesichts der Schreckensnachrichten, die uns täglich erreichen, ist man Mal um Mal zutiefst erschüttert darüber, was Menschen mit zerstörerischer Macht Menschen antun. Und selbst der gläubigste Mensch kann ins Zweifeln darüber kommen, ob das wirklich gilt, was der auferstandene Christus in eben der letzten Passage des Matthäusevangeliums sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Die Gewalt, die Macht, die Herrschaft über unserer Welt scheinen gänzlich andere zu haben als Christus. Nicht Zuwendung, sondern Ausgrenzung scheint die Macht zu haben. Nicht Liebe, sondern Hass. Nicht Freiheit, sondern Zwang. Nicht Leben, sondern Tod. So sieht es vielerorts aus.
Ich will versuchen, einen Weg zu weisen, dennoch zu glauben, dass der Sohn Gottes die Macht hat. Auch wenn es eine Macht eigener Art ist. Ich will versuchen, uns im Glauben an seine Macht stark zu machen. Allem "Matthäi am Letzten“ zum Trotz. Denn den Weg zu Glaubensgewissheit weist Christus selbst. Und um ihn zu gehen, den Weg, lese ich weiter, was der Auferstandene in seiner letzten Rede laut Matthäusevangelium sagt: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen haben. Und siehe: ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Einen Aspekt dieser Rede, in vielen Bibeln mit „Missionsbefehl“ überschreiben, möchte ich herausgreifen; nämlich die Aufforderung „Machet zu Jüngern alle Völker“. „Machet zu Jüngern alle Völker“ ist die uns vertraute Formulierung, wie sie in den meisten Bibeln steht. Im griechischen Urtext steht allerdings nichts von Jüngern, sondern korrekt übersetzt müsste es heißen: Machet zu Schülern alle Völker. Also: lasst sie lesen und lernen, erzählt und erklärt, zeigt und zeugt davon, was ich euch gesagt habe, was ihr mit mir erlebt habt. Dann mögen sie zu glauben beginnen, dass mir tatsächlich alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist.
Liebe Gemeinde, so möchte ich denn der Aufforderung Christi folgen und bei ihm sozusagen in die Schule gehen und den Bibeltext lesen, wie er für heute als Predigtgrundlage vorgeschlagen ist, und will daraus lernen. Es ist die Geschichte von der Versuchung Jesu, zu lesen im vierten Kapitel des Matthäusevangeliums.
[Lesung von Matthäus 4,1-11]
Wer hungrig ist, ist verführbar. Jesus war hungrig: nach vierzig Tagen und Nächten des Fastens. Auch wer einsam ist, ist verführbar. Jesus war einsam: Wüste, nichts als Wüste um ihn herum. Jesus war hungrig, Jesus war einsam. Er hat sich dem Hunger und der Einsamkeit ausgesetzt und hat darin erlitten, worunter Menschen aller Zeiten und aller Orten gelitten haben und noch leiden. Der Theologe Helmut Thielicke schrieb dazu [Helmut Thielicke, Zwischen Gott und Satan, München 1960, Seite 68f; zitiert nach „Für Arbeit und Besinnung“, Nr. 2, 15. Januar 2015, Seite 14]: „Darum schreit mit seinem Hunger die ganze Not des Menschen in ihm, es schreien ihre Krankheiten und Schmerzen und das viele, viele Leid, der Jammer der Gefängnisse und Irrenhäuser, das Blut der Kriege, es schreit die Sinnlosigkeit von so vielem, und es schreien die Tränen von unendlich vielen Nächten. Wirklich: er trägt das Leid der Welt.“
Und zu dem, der da trägt des Leid der Welt in Hunger und Einsamkeit kommt nun einer; tritt an ihn heran, spricht ihn an, mit einem vertraulichen „Du“ und macht ein Angebot, das eigentlich nicht abzulehnen ist: Hunger? Steine? Mach doch Brot daraus! Du, als Sohn Gottes, Sohn des Schöpfers, ausgestattet mit der Macht, zu schaffen, was immer Dir gefällt, Du brauchst es doch nur auszusprechen, und schon werden diese Steine zu Brot, und Du wirst satt.
Jesus, er weist das verführerische Angebot zurück, Schöpfer anstelle des Schöpfers zu sein. Er hungert lieber, als sich aus Eigennutz der Macht zu bedienen, die ihm zur Verfügung stünde. Machtgebrauch zum puren Eigennutzen ist Machtmissbrauch. Nicht Brot wird mich am Leben halten, sondern Gott. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Indem Jesus dieses entgegnet, beruft er sich auf ein Wort aus dem 5. Buch Mose. Dort wird daran erinnert, dass Gott das Volk Israel 40 Jahre lang in der Wüste und durch diese hindurch führte, bis das Volk gemäß Gottes Verheißung das Land Kanaan erreichte. Die Verheißung Gottes ist der Anfang. Die Erfüllung ist das Ziel. Ihm hat sich das Volk Israel anvertraut, ihm vertraut auch der in Wüste hungernde und einsame Jesus.
Jesus hat das Angebot des Verführers unter Verweis auf Gott und sein Wort abgewehrt. Doch der Verführer ist lernfähig. Er führt Jesus an den Ort der Verehrung Gottes, er führt Jesus auf das Dach des Tempels in Jerusalem und sagt ihm nun seinerseits ein Bibelwort: Wirf dich herunter, denn es steht geschrieben, dass Gott seinen Engeln befehlen wird, dich auf Händen zu tragen. Wirf dich herunter, dann werden wir sehen, ob Gott zu seinem Wort steht. Wirf dich herunter, und liefere den Beweis für Gott. Falls nicht … nun es steht so nicht im Bibeltext, aber wir können uns denken, was wäre, falls Gott seine Engel nicht schicken würde: Gott wäre entmachtet.
Jesus weist auch dieses verführerische Angebot zurück. Und das, obwohl hier Jesu Glaube und die Glaubwürdigkeit Gottes auf dem Spiel stehen. Hat er sich doch in seiner vorherigen Antwort auf Gott berufen, aus dessen Wort er, Jesus, lebe. Jesus weist den Verführer zurück, indem er wiederum mit einem Bibelwort antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Gott wird nicht auf die Probe gestellt. Die Souveränität Gottes ist indiskutabel. Sie ist jenseits dessen, was der Mensch an Für und Wider vorbringen kann. Gott lässt sich nicht nötigen. Er ist nicht verfügbar. Einen Gottesbeweis herbeiführen zu wollen, indem er zum Einlösen seines Worte genötigt wird, ist unverschämt. Jesus lässt Gott lieber unbewiesen, als ihn aus Eigennutz, nämlich um nicht unglaubwürdig dazu stehen, zum Beweis herauszufordern. Jesus bleibt in seinem Glauben lieber angreifbar als in unzulässig abzusichern.
Jesus hat das Angebot der Verführers zum zweiten Mal abgewehrt; dieses Mal unter Verweis auf Gottes unverfügbare Hoheit, die zu testen dem Menschen nicht zusteht. Doch der Verführer ist lernfähig. Wenn offensichtlich Gott der absolute Souverän ist, dann muss er als solcher abgelöst werden. Er führt Jesus auf einen Berg, von dem aus die ganze Welt überschaubar ist. Wenn Du mich anbetest, dann gebe ich Dir mehr als Dein Gott Dir je geben kann: Ich gebe Dir die Weltherrschaft samt allen Herrlichkeiten, die die Welt zu bieten hat! Alle Herrlichkeiten … ich sehe es förmlich glitzern und gleißen, blitzen und blinken: das Nobelchalet in den Alpen, die Jacht im Hafen von Cannes, das Dinner mit den Reichen und Schönen in Shanghai; keine Sorgen, nur Freuden, keine Ängste, nur Macht.
Jesus weist auch dieses verführerische Angebot zurück. Herrlichkeit ist bei Gott allein. Anbetung ist vor Gott allein. Niederfallen vor dem Verführer ist Knechtschaft. Glaube an Gott ist Kindschaft. Jesus bleibt Gott gehorsam, statt sich aus Eigennutz der Welt zu bedienen, die ihm der Verführer zu Füßen legt – um den Preis, dass er sich ihm zu Füßen legen müsste. Einmal mehr ist es ein Wort Gottes, das Jesus in dieser Verführung stärkt: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“
Am Ende ist Jesus ohnmächtig. Er nutzt nicht seine Schöpferkraft. Er bekommt keinen Gottesbeweis. Er übernimmt nicht die Weltherrschaft samt allen Herrlichkeiten. Jesus bleibt hungrig, angreifbar und arm. Drei Mal wurde er verführt. Drei Mal widerstand er dank Gottes Wort. Johannes Brenz, der Reformator Württembergs, schrieb dazu: „Christus kämpft mit keinen anderen Waffen als mit der Heiligen Schrift.“ [Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1, 1985, Seite 139, Fußnote 39)
Und wir? Auch wir bleiben ohnmächtig. Auch wir bleiben hungrig, angreifbar und arm. Doch wir bleiben es nicht uns selbst. Sondern wir bleiben hungrig vor Gott, angreifbar vor Gott, arm vor Gott. Und es ist unser Vertrauen auf Gott, in welchem wir dann doch – so paradox es klingt – satt werden, getragen sind und reich beschenkt. Es ist dieses Paradox, welches die Existenz als Christ auszeichnet: hungrig, aber satt; angreifbar, aber getragen; arm, aber reich.
Und es war ein kurzer Satz Jesu, welcher die Verführung, nicht in diesem Paradox zu leben, schließlich beendete: „Weg mit dir, Satan!“ Da verließ ihn der Verführer. Und Engel traten zu Jesus und dienten ihm.
Verzichten wir an dieser Stelle auf eine ausführliche Erörterung, ob und wie es den Satan, Teufel, Diabolos gibt. Die Bezeichnungen meinen alle dasselbe: Gegner und Ankläger Gottes, Verführer, Verleumder und Verwirrer, Täuscher, Trickser und Durcheinanderwerfer. Er ist Chiffre für das Böse und deshalb Zerstörerische schlechthin. Allein mit der Leben spendenden Kraft Gottes, wie sie von Anbeginn und bis ans Ende in der Welt ist, kann das Böse abgewehrt oder gar – rechnen wir immer damit – das Bösen zum Gutes gewendet werdet.
Ein Versuch zu erklären, warum Jesus die Zerstörungsversuche des Satans abwehren konnte: Jesus war ganz bei sich. Möglicherweise eine Frucht seines Fastens. Der Hunger, das Ungesichert sein, die Armut: er hat es gänzlich bejaht und als zu sich gehörend verstanden, hat es integriert. Und das Geheimnis darin: er war ganz bei sich, indem er ganz bei Gott war.
Sophie Scholl, die heute (22. Februar) vor genau 71 Jahren vom Bösen ermordet wurde, schrieb: „Und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat.“ [Sophie Scholl/Fritz Hartnagel, Damit wir uns nicht verlieren, Seite 432; zitiert nach „Für Arbeit und Besinnung“, Nr. 2, 15. Januar 2015, Seite 16]
Ich sagte eingangs, dass wir gut daran tun, wenn es „Matthäi am Letzten“ ist, in die Schule Jesu zu gehen. Die Geschichte von der Versuchung Jesu ist eine harte und leichte Schule zugleich. Einerseits führt sie uns eine dramatische Begebenheit vor Augen, die ans Limit führt. Doch andererseits ist sie nicht belehrend, sondern erlaubt uns, eigene Entdeckungen zu machen. Entdeckungen mit einer Geschichte, die kein Publikum hatte. Eine Geschichte, von der wir nicht sagen können, ob sie sich so tatsächlich zugetragen hat. Faktencheck ist hier nicht möglich. Und doch ist es eine wahre Geschichte, insofern darin Wahres über Gott und mit Gott zur Sprache kommt. Es ist Gott, bei dem wir – in welchen Nöten auch immer – nicht verloren gehen. Denn er hat mit seinem Sohn alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
So sind wir denn bei Jesus in die Schule gegangen. Und haben in ihm den gesehen, der jegliche Not mit uns teilt. Und haben einmal mehr gelernt, was wir sind: Hungrig satt, angreifbar getragen, arm reich. Amen.
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1.2.2015, Marl: "Krumme Wege – aufrechter Gang"
Gnade sei mit euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt!
Liebe Gemeinde, was für eine Szene: Zwei Häftlinge spielen eine biblische Geschichte nach. Die Versuchung Jesu. Und zwischen den Zeilen spielen sie ihre eigene Geschichte.
Dima und Kemal sprechen aber nicht nur nach, was Jesus dem Teufel entgegnet. Sie deuten das Streitgespräch auch.
Kemal als Versucher treibt Dima – Jesus die wackelige Leiter hoch. Als der oben ist, setzt Kemal mit feiner Ironie noch einen drauf und sagt:
„Das alles wird dir gehören, wenn du dich vor mich hinkniest und anbetest, du Opfer“.
„Du Opfer“ – das steht gar nicht in der Bibel. Aber Kemal spürt genau, worum es dem Teufel geht: Er will Menschen und Gott auseinanderbringen.
Er will teilen und herrschen, Beziehungen zerstören, um dann selbst die Kontrolle zu übernehmen. Darauf kommt es dem Teufel an. Deshalb nennt die Bibel ihn „Diabolos“, den Auseinanderbringer.
Der setzt alles daran, Macht über Jesus zu gewinnen. Jesus soll sich ihm unterwerfen. Sein Innerstes opfern. Seine Seele verkaufen.
Und Jesus? Der wird richtig hart geprüft. Dabei hatte doch alles so gut angefangen. Als Jesus getauft wurde, öffnete sich plötzlich der Himmel.
„Du bist mein geliebtes Kind“, hat Gottes Stimme gesagt. Alle konnten es hören. Was für ein schöner Moment! Was für ein starkes Bild. Der Himmel hat sich geöffnet, alles ist möglich. Der getaufte Jesus und Gott, den er Vater nennt – sie sind unzertrennlich.
Mein liebes Kind, mein lieber Sohn!
Reicht dieser Satz fürs Leben, auch wenn es hart auf hart kommt? Wird aus dem Kind ein aufrechter, freier Mensch? Ist die Liebe stark genug?
Das fragt Gott sich.
Und beauftragt den Auseinanderbringer.
Der soll mit aller Härte an Jesus prüfen, ob Gottes Wort standhält.
Jesus, der Prüfling, lässt sich nicht beirren. In der Wüste gibt es nur Sand und Steine. Und den weiten Himmel. Nichts kann ihn ablenken. Die Stille hilft ihm, zu sich zu kommen.
Dima dagegen braucht die Kälte. Sie erinnert ihn an Sibirien. An seine Widerstandskraft. An das, was in ihm steckt. In der Kältekammer behält Dima seinen kühlen Kopf.
Wenn ich unsicher oder durcheinander bin, hilft mir die Bewegung. Am liebsten zu Fuß und draußen. Ich sehe den weiten Himmel, die gute Aussicht. Ich spüre, wie mein Körper seinen Rhythmus findet. Und die Gedanken werden frei.
An so einem ruhigen Ort also prüft Jesus die Angebote des Versuchers. Er misst sie an dem, was Gott ihm versprochen hat. „Du bist mein geliebtes Kind“, hat Gott ihm gesagt. Sein Kind wird Gott nicht im Stich lassen. Im Leben nicht. Da kann uns nichts auseinanderbringen. Auch nicht im Tod. Darauf verlässt Jesus sich und hält stand, bis der Teufel aufgibt.
Auch Dima wird hart geprüft. Ausgerechnet in einer Kirche. Hier ändert sich sein Leben
Dima hängt die Ikone zurück. Hätte er sie mitgenommen, wäre er aus dem Gröbsten raus. Dann wäre er der große King, der seinem Vater hilft. Und alle würden ihn bewundern. Die Versuchung war riesengroß.
Die Ikone ist aber auch ein heiliges Bild. Als Dima sie ansieht, erkennt er in ihr etwas Göttliches. Dima entscheidet sich. Er will sich nicht mehr verwirren lassen. Er will sich des Gottesbildes nicht bemächtigen. Er lässt die Ikone an ihrem Platz. Man könnte sagen: Er lässt Gott an seinem Platz. Auch in seinem Leben.
Dima will sich nicht mehr unterwerfen, um über die Runden zu kommen. Ihm ist sein Gewissen wichtig geworden. Und die Freiheit, sich zu entscheiden. Jetzt geht er seinen eigenen Weg.
Darum stößt er etwas später auch die Leiter um. Sie sollte ihn zum Erfolg und zum Reichtum führen. Aber auf dem Weg zu sich selbst braucht er keine Räuberleiter mehr.
Liebe Gemeinde, dieser Dima ist für uns in doppelter Hinsicht ein gutes Beispiel.
Er zeigt: Bei Versuchungen geht es niemals nur um Kleinigkeiten. Um Kavaliersdelikte. Oder um Benimmfragen.
Es geht immer ums Ganze. Was wir tun oder lassen hat immer Folgen für unsere Beziehungen. Zu uns selbst, zu unserem Gewissen. Zu anderen Menschen. Und zu Gott.
Dima redet sich ja nicht damit raus, dass er nur ein `armes Migrantenkind´ ist und deshalb gar nicht anders kann als zu stehlen. Dima wählt den aufrechten Gang. Und erweist sich darin als ein mutiger Nachfolger Jesu.
Solchen Mut wünsche ich uns auch: Den Mut, auf Gott zu setzen. Auf sein Wort zu vertrauen. In der Beziehung zu Gott einen Weg in die Freiheit zu finden, selbst in beklemmenden Situationen.
Das bedeutet nicht, dass wir darauf verzichten müssen, Einfluss zu nehmen in der Welt. Ganz im Gegenteil. Wir können uns dabei an Jesus ausrichten. Uns wie er festmachen an Gottes Zuspruch für jeden Menschen: Du bist mein geliebtes Kind. Die Macht, jeden Menschen als ein Kind Gottes anzusehen, nehmen wir aus Gottes Hand.
Wenn wir das im Sinn haben, dann entlarven wir eine Versuchung unserer Zeit. Wer diesen jungen Mann ansieht, merkt vielleicht ein Klischee einrasten: Der kommt aus Russland? Dann gehört er bestimmt zur Mafia. Die klauen und sind gewalttätig.
Durch solche Zuschreibungen werden ganze Menschengruppen auf wenige Merkmale festgelegt. Die Russen. Die Türken. Die Araber. Die Asylsuchenden. Sie geraten in eine Schublade. Und dann können wir sie uns vom Leib halten. Weil wir nicht wissen, wer da auf uns zukommt. Und was.
Was fremd ist, ist unheimlich. Und dann übernimmt die Angst das Regiment. Aber wenn wir Angst haben, hat der Auseinanderbringer ein leichtes Spiel: Die wollen uns überrennen. Die machen uns fertig. Dann machen wir sie doch lieber fertig. Oder wir lassen sie erst gar nicht rein.
Manchmal höre ich Menschen sagen: „Da kann man eh´ nichts machen“. Oder: „Man muss eben mit dem Strom schwimmen. Die Hassparolen sind so laut. Die Gewalt so brutal. Da heule ich lieber mit den Wölfen.“ In meinen Ohren klingt das bedrückend. Und ängstlich. Und furchtbar resigniert.
„Aufzugeben ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann bei dem Versuch, ein Mensch zu werden.“ hat die Theologin Dorothee Sölle mal gesagt. „Die Bibel hat für sich, dass sie unsere größte Versuchung, die Hoffnungslosigkeit bekämpft.“
In unserem Kirchenkreis versuchen wir darum, Menschen die Angst voreinander zu nehmen. Hier in Marl sind wir so frei und laden Flüchtlinge in evangelische Gemeindehäuser ein. In anderen Städten helfen wir Menschen aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan, unsere Sprache zu lernen.
Sie sollen selbst zu Wort kommen. Und wir erleben, wie erleichtert viele Menschen sind. Auf beiden Seiten.
Die Angst wird klein, die Hoffnung groß. Dass es doch gemeinsam geht. Dass noch jede Menge Platz ist bei uns.
Dass Unterschiede zwischen Menschen nicht bedrohlich sein müssen. Sondern bereichernd sind. Wenn wir nur darauf achten, dass niemand verloren geht. Dann widerstehen wir nämlich der Versuchung, unsere Seele an den Auseinanderbringer zu verkaufen.
„Du bist mein geliebtes Kind.“ An dieses Machtwort Gottes können wir uns halten, wenn Versuchungen uns locken wollen. Du bist mein geliebtes Kind.
Beten hilft auch. Jesus hat uns Worte dafür geschenkt: „Führe uns nicht in Versuchung!“, so beten wir im Vater Unser.
Wir können sicher sein: Was uns Angst macht, was uns durcheinander bringt, was uns innerlich zu zerreißen droht, ist in Gottes Ohr gut aufgehoben.
Immer wieder, jeden Tag. Gott weiß ja, dass wir es täglich neu üben, Menschen zu sein. Gotteskinder zu bleiben.
Wir haben öfter die Wahl, als wir denken. Davon erzählt die Geschichte von der Versuchung Jesu. Und Dimas Geschichte auch. Gott sei Dank sind sie beide nicht zu schön, um wahr zu sein.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus.
Amen.
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Verdienst und Gnade - Predigt zu Matthäus 20,1-15 von Christoph Dinkel
Verdienst und Gnade
Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?
Liebe Gemeinde!
Das Verhalten des Gutsbesitzers im Gleichnis löst Diskussionen aus. Und das hat dieser durchaus beabsichtigt. Ganz gezielt wird denen der Lohn als erstes ausgezahlt, die am kürzesten gearbeitet haben. Und sie erhalten zur allgemeinen Überraschung einen vollen Tageslohn. Fast schon mit Hinterlist wird bei denen, die am längsten gearbeitet haben, dadurch Hoffnung geweckt: Wenn der Gutsbesitzer zu denen, die nur kurz gearbeitet haben, so großzügig ist, wie werden dann erst wir für unsere harte Arbeit belohnt werden. Im Kopf wird schon eifrig überschlagen, was da wohl herausspringt und was man sich dafür kaufen könnte. Und dann diese Enttäuschung: Alle bekommen denselben Lohn, ganz gleich ob sie kurz oder lange gearbeitet haben. Das grenzt an Betrug, toben die einen, und die anderen werden sich schnell aus dem Staub machen, bevor ihnen ihr Lohn streitig gemacht wird. An Gesprächsstoff wird an diesem Abend kein Mangel gewesen sein. Unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden haben sich einmal überlegt, was die verschiedenen Arbeiter zu Hause wohl jeweils berichtet haben:
„Den ganzen Tag habe ich mich abgerackert! Von morgens bis abends! In der prallen Sonne, in quälender Hitze! Den ganzen Tag! Und der Gutsbesitzer zahlt mir genauso viel wie den Arbeitern, die erst am Abend eingestellt wurden und nur eine Stunde gearbeitet haben. Das ist ungerecht! Morgen fange ich auch erst bei Sonnenuntergang an zu arbeiten. Dann spare ich meine Energie und kriege trotzdem gleichviel Geld. Der Gutsbesitzer kann mich mal!“
Ein anderer, der ebenfalls lange gearbeitet hat, klingt ganz ähnlich: „Es ist ungerecht, dass die, die sich einen Großteil der Zeit auf die faule Haut gelegt haben, genauso viel wie wir an Lohn bekommen haben!“
Ein dritter schließt seinen Bericht mit den Worten: „Morgen warte ich einfach bis abends, dann wird er mich wohl auch einstellen, und ich muss weniger arbeiten.“
Aus Sicht derer, die kurz gearbeitet haben, stellt sich die Sache natürlich anders dar. Einer berichtet zu Hause: „Eigentlich war klar, dass ich nicht den vollen Tageslohn bekommen würde, aber besser als nichts. Also ging ich mit in den Weinberg. Nach einer Stunde Arbeit rief uns der Weinbergbesitzer zu sich und ließ allen einen ganzen Tageslohn auszahlen. Vielleicht war es ja ein Geschenk Gottes. Aber morgen werde ich den ganzen Tag arbeiten, sonst wäre es ja nicht fair.“
Ein zweiter zieht einen anderen Schluss. Auch er freut sich über den unverhofften Tageslohn. Aber er fühlt sich dadurch zu nichts verpflichtet. Am nächsten Tag will er wieder erst am Abend zur Arbeit kommen. So lange es dafür dasselbe Geld gibt, wäre alles andere ganz schön blöde.
Aber die meisten derer, die kurz gearbeitet haben, reagieren anders. Sie nehmen sich vor: „Morgen werde ich schon ganz früh morgens da sein, um das viele Geld mit harter, fleißiger Arbeit zurückzuzahlen, das ich heute für die wenige Arbeit bekommen habe.“
Der Gutsbesitzer im Gleichnis wollte Diskussionen auslösen und das ist ihm gelungen. Und Jesus, der den Gutsbesitzer und das Gleichnis erfunden hat, zieht uns mit seiner Erzählung in die Diskussion zwischen denen, die lange und denen, die kurz gearbeitet haben, mit hinein. Was ist gerecht? Darf jemand hart arbeitende Menschen so provozieren? Darf man mit seinem Vermögen für Streit und Neid sorgen?
Das Gleichnis Jesu löst Diskussionen aus. Es sperrt sich gegen einfache Lösungen. Als Modell für Tarifverträge eignet es sich schon einmal nicht. Tarifverträge nach dem Muster des Verhaltens des Gutsherren würde nicht nur die Arbeitsmoral, sondern auch den Betriebsfrieden nachhaltig stören. Unterschiedliche Belastungen, Qualifikationen und Verantwortungsbereiche müssen sich in der Bezahlung irgendwie widerspiegeln. Sonst bricht die Motivation zusammen.
Was aber ist dann gemeint und worauf zielt der Impuls, den das Gleichnis setzen will?
Eine andere Lösung klingt da schon deutlich passender: Der im Gleichnis vereinbarte Tageslohn von einem Denar oder Silbergroschen dürfte in etwa dem entsprechen, was damals eine kleinere Familie täglich zum Überleben benötigte. Die Botschaft des Gleichnisses wäre dann: Es soll keiner Hungern. Alle haben Anspruch auf genügend Nahrung. Neid ist da völlig unangemessen, wo es ums Überleben geht.
In diese Richtung wird man das Gleichnis interpretieren können und in diese Richtung hat es auch gewirkt. Dass in unserem Land jeder Mensch Anspruch auf Nahrung, Obdach und Gesundheitsversorgung hat, auch dann, wenn er durch eigene Arbeit nichts für deren Finanzierung beitragen kann, liegt ganz auf der Linie unseres Gleichnisses. Auch wenn hier noch manche Wünsche offen sind – aus der Perspektive der Tagelöhner unseres Gleichnisses wären die sozialen Sicherungssysteme unserer Gesellschaft dem Himmelreich schon sehr nahe.
So richtig diese Lösung sein mag, so sehr bleibt der Eindruck zurück, dass das noch nicht alles sein kann, was das Gleichnis sagen könnte. Für den einfachen sozialen Appell: Alle sollen satt werden! – wäre kein solch erzählerischer Aufwand erforderlich gewesen. Dazu hätte es der Provokation der lange im Weinberg Arbeitenden nicht bedurft. Die raffinierte Erzählstruktur, die geradezu aufreizende Geldauszahlungsszene muss noch einen anderen Hinweis enthalten.
Ich denke, es ist folgender: Wir Menschen gehen in unserem alltäglichen Denken und Verhalten zumeist davon aus, dass der andere sein Schicksal sich irgendwie selbst verdient hat. In Worte gefasst klingen unsere Alltagsunterstellungen etwa so: Wer viel arbeitet, bringt es auch zu etwas. Wer wenig tut, der hat auch wenig. Bildung und Einkommen hängen ganz offensichtlich zusammen, das lehrt die Statistik: Je höher der Bildungsabschluss, desto höher im Durchschnitt das Einkommen. Schlechte Noten in der Schule sind ein Armutsrisiko und ungenügende Bildung ist auf Dauer auch ein Kriminalitätsrisiko. Außerdem gilt: Wer arm ist, stirbt im Durchschnitt früher, weil arme Menschen eher weniger auf ihre Gesundheit achten, mehr Alkohol zu sich nehmen und dicker sind. Überhaupt bringt Fettleibigkeit ein erhöhtes Krebsrisiko mit sich, von den Risiken für Herz und Kreislauf einmal ganz abgesehen.
Für unser Alltagswissen hängt das Schicksal eines Menschen ganz eng mit seinem Verhalten zusammen. Und die ganzen statistischen Informationen zu Krankheit, Kriminalität, Bildung, sozialen Faktoren, die wir über Zeitung, Fernsehen, Internet mitbekommen, bestärken uns in dieser Einschätzung noch. Wir können uns zwar klarmachen, dass die meisten der genannten Zusammenhänge nur statistisch bestehen und Rückschlüsse auf den Einzelfall oder gar Einzelfallprognosen damit völlig unzulässig und irreführend sind. Unserem Alltagswissen ist das aber egal. Es bleibt dabei: Von einzelnen Unglücksfällen abgesehen, hat man sich sein Schicksal selbst verdient und selbst zuzuschreiben.
Auch zu Jesu Zeiten hat das Alltagswissen der Menschen schon so funktioniert: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern“ wird Jesus von seinen Jüngern gefragt als er einen Blindgeborenen heilen will (Johannes 9,2). Irgendeiner muss verantwortlich sein für das Unglück des Blinden, so denken die Jünger. Das Opfer muss zu allem Unglück auch noch die Schande tragen, irgendwie selbst an seinem Schicksal schuld zu sein. Auch auf unseren Schulhöfen kann man als Schimpfwort den Ausspruch hören: „Du Opfer!“ – Wie wohltuend ist es doch da von Jesus über den Blindgeborenen zu hören: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern“. Jesus durchbricht mit aller Deutlichkeit die unheilvolle Unterstellung als sei man am eigenen Ergehen selbst schuld.
Und noch eine andere, ziemlich unbekannte Äußerung Jesu weist in dieselbe Richtung (Lukas 13,1-4): „Es kamen […] einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? […] Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?“
Für Jesus ist klar: Wer Unglück erleidet, ist nicht schuldiger als der, der heil davon kommt. Und genauso wenig wie das meiste Unglück in der Welt verdient ist, genauso wenig ist das meiste Glück in der Welt verdient. Dass jeder seines eigenen Glückes oder seines eigenen Unglückes Schmied ist, ist eine grandiose Selbsttäuschung der Menschen. Diese Selbsttäuschung mag zu manch großer Leistung motivieren, aber im Grunde ist das ganz und gar unrealistisch, hochmütig und selbstgerecht.
Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,45) Auch dieser Satz stammt von Jesus und er macht noch einmal klar, dass jeder Versuch Sonnenschein, Wetter oder Lebensglück sich selbst und der eigenen Leistung oder moralischen Qualität zuzuschreiben an der Realität völlig vorbei geht.
Wer im Gleichnis Glück hatte und schon früh eine Arbeit bekam, soll darüber einfach froh sein. Er hat zwar hart gearbeitet, musste sich aber den ganzen Tag nie Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen. Wer im Gleichnis vom Pech verfolgt ist und den ganzen Tag um seinen Lebensunterhalt bangen musste, dem wird am Ende das Lebensnotwendige einfach geschenkt. Oft wird das im Leben nicht geschehen. Aber wo es geschieht, da sollten jene nicht neidisch werden, die sich ihres Lebensunterhaltes sicher sein können, weil sie Arbeit haben, gebildet, gesund oder vermögend sind. Auch die Arbeitsfähigkeit, auch die Gesundheit, auch das Vermögen, den Verstand und den Fleiß hat sich keiner von uns selbst verdient. Sie sind uns geschenkt, sie sind ein Gnade Gottes und die einzig angemessene Form der Antwort auf solche Gnade ist die Dankbarkeit und der selbstverständliche Einsatz für andere.
Keinem Menschen darf sein Schicksal einfach als Folge seiner Taten zugeschrieben werden. Das gilt, wie im Gleichnis, für Menschen ohne Arbeit und Auskommen, das gilt genauso für Menschen, die krank sind, pflegebedürftig, behindert, einsam oder arm. Und das gilt auch für die Menschen in den armen Ländern dieser Erde, für die Opfer von Krieg, Hunger, Seuchen, Korruption und Misswirtschaft. Viele von ihnen sind Opfer, obwohl sie keine Schuld trifft und sie nichts für ihre Lage können. Dass es den meisten in Deutschland besser geht, ist nicht unser Verdienst, verdanken wir nicht unserer Leistung. Das ist Gnade, ganz allein Gnade.
Und so ist die Pointe unseres Gleichnis zugleich der Kernsatz protestantisch-reformatorischer Lehre: Wir Menschen leben nicht von unseren Verdiensten. Wir Menschen leben allein von der Gnade Gottes. Das kränkt unseren Stolz, weil wir doch so gerne unser Schicksal selbst herstellen und verdienen wollen. Und weil das so kränkend ist, regen sich die Arbeiter, die im Gleichnis lange gearbeitet haben, ja auch so auf. Aber wer realistisch ist, der weiß, dass er wie jene im Gleichnis, die nur kurz gearbeitet haben, das Lebensnotwendige und alles Glück als Geschenk und umsonst empfängt. Von unseren Leistungen und Verdiensten könnten wir niemals leben. Wir Menschen leben allein von der Gnade Gottes. – Amen.
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KONFI-IMPULS zu Matthäus 20,1-16 von Judith Reinmuth-Frauer
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Reaktionen nach der ersten Lektüre
Viele empfinden das Verhalten des Hausherrn als unfair, vor allem gegenüber denen, die schon den ganzen Tag gearbeitet haben. Es gibt auch die Sichtweise: Vielleicht hat jemand ja schon den ganzen Tag nach Arbeit gesucht und keine gefunden. Erst am Nachmittag gelingt es dann. Für diesen Menschen ist es nicht unfair, weil er ja nichts dafür kann, im Gegenteil: Er freut sich.
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Gleichnis für Gott
Ich weise darauf hin, dass diese Geschichte ein Gleichnis für Gott ist und das Verhalten des Hausherrn uns zeigen soll, wie Gott sich verhält. Dann frage ich, ob das für sie etwas verändert, ob sie es dann anders empfinden. Für manche macht es keinen Unterschied, sie empfinden das Verhalten immer noch als unfair und ungerecht. Für andere verändert sich etwas: Gott behandelt alle gleich – das ist gut. Gott liebt alle gleich – das tut gut.
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Hineinversetzen in die Personen
Die Geschichte bietet gute Möglichkeiten, sich mit Methoden des Bibliologs bzw. Bibliodramas anzunähern. Eine Idee dazu: V. 1 bis 10 noch einmal zu lesen und dann die Gruppe einzuteilen in diejenigen, die ab 6 Uhr, ab 9 Uhr, ab 12 Uhr und ab 15 Uhr gearbeitet haben. Allen wird ein „Silbergroschen“ (könnte auch ein Schoko-Taler sein) als Lohn gegeben. Sie reagieren aus ihrer Perspektive und äußern sich. Dabei werden sie auch konfrontiert mit dem Satz: „Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?“ Es entsteht ein Gespräch. Evtl. können die Rollen noch einmal getauscht werden, um auch die andere Perspektive einzunehmen.
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Schreibdiskussion
Eine weitere Möglichkeit, auch als Ergänzung zu 3., bietet eine Schreibdiskussion zu Vers 16: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“
Dieser Satz steht auf einem großen Plakat und die Konfirmandinnen und Konfirmanden schreiben ihre Gedanken, Gefühle, Einfälle dazu in der Stille auf.
Erste(r) zu sein ist für viele ein Ziel, z. B. im Sport oder im Ansehen bei den anderen. Letzte(r) zu sein ist dagegen nicht erstrebenswert und doch für manche auch eine immer wieder gemachte Erfahrung. Was bedeutet es, wenn sich alles umkehrt?
Es schließt sich ein Gespräch darüber an.
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Predigt zu Matthäus 20,1-16a von Angelika Überrück
Liebe Gemeinde,
„Paul ist acht Jahre alt. Paul braucht Geld: 6,50 €. Er möchte sich dafür etwas kaufen. Verdienen kann er noch nichts. Bitte sagen mag er nicht. Da fällt ihm etwas ein: Er schreibt seiner Mutter eine Rechnung:
Für das Anziehen der kleinen Schwester 1,50 €
Für das Aufpassen 2,00 €
Fürs Einkaufen 3,00 €
Macht zusammen 6,50 €
Vor dem Mittagessen legt er diese Rechnung heimlich unter den Teller der Mutter. Mutter findet den Zettel. Sie liest ihn. Sie schaut Paul an. Sie sagt kein Wort. Sie legt den Zettel in die Kommode. Paul weiß gar nicht, was er davon halten soll. Er ist ganz aufgeregt.
Am Abend liegen unter seinem Teller zwei kleine Briefe. In dem ersten Brief sind 6,50 €. In dem anderen Brief liegt ein Zettel: Rechnung von der Mutter:
Für Essen und Trinken 0,00 €
Fürs Waschen, Plätten und Flicken der Sachen 0,00 €
Für die Pflege bei Krankheit 0,00 €
Für Erziehung 0,00 €
Fürs Liebhaben 0,00 €
Macht zusammen 0,00 €
Als Paul das liest, wird er sehr nachdenklich. Leise steht er auf und geht in die Küche. Leise legt er das Geld auf den Küchentisch. Dann geht er schnell wieder hinaus.“
(Siehe: Vorlesebuch Religion 1, S. 21, Die Rechnung)
Soweit diese Geschichte. Sie kann verdeutlichen, worum es in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg geht. Paul rechnet wie die Arbeiter, die am Ende eines langen Arbeitstages vor dem Verwalter des Weinberges in der Schlange stehen und auf die Auszahlung ihres Lohns warten. Paul möchte, dass seine Arbeit gerecht bewertet wird und versucht den Wert seiner Arbeit selber abzuschätzen. Auch die Arbeiter im Weinberg haben gearbeitet, um einen gerechten Lohn zu erhalten. Die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, wissen, was vereinbart ist. Sie haben gearbeitet mit der Überzeugung, dass ihr versprochener Lohn nach den damaligen Maßstäben für einen Tag Lebensunterhalt reichen müsste. Die anderen Arbeiter werden darauf hoffen, wenigstens genug für eine Mahlzeit zu bekommen.
Und dann kommt die Lohnauszahlung: allerdings sowohl in dem Gleichnis als auch in der Geschichte von Paul und seiner Mutter mit einer überraschenden Wendung.
Die Mutter zählt ihre Leistungen genauso wie Paul auf, kommt aber in der Summe zu einem ganz anderen Ergebnis. Denn sie liebt Paul und deshalb rechnet sie nicht auf, deshalb berechnet sie nicht. Die Mutter verschenkt das, was sie hat. Auch der Weinbergbesitzer entlohnt nicht nach Leistung. Sondern er gibt jedem so viel, wie er es für richtig hält. Er beschenkt einige der Arbeiter, damit auch sie genug haben, um durch den nächsten Tag zu kommen. Ihm ist es wichtig, dass es allen gut geht.
Dass die Mutter ihre Leistungen, ihr Handeln in und für die Familie verschenkt, ist für uns selbstverständlich. Der Weinbergbesitzer dagegen verletzt mit seiner Art der Lohnauszahlung unser Gerechtigkeitsempfinden. Nach unseren menschlichen Maßstäben gemessen ist es ungerecht, dass alle, egal wie lange sie gearbeitet haben, den gleichen Lohn erhalten.
Wenn wir dieses Gleichnis mit den Konfirmanden als Rollenspiel nachspielen, dann beginnen immer sofort Diskussionen, wie man diese Ungerechtigkeit beseitigen kann. Die Konfirmanden spielen, dass sich die Arbeiter zusammenschließen, einen Sprecher wählen, der für sie und ihre vermeintlichen Rechte eintritt. Der dafür sorgen soll, dass doch noch alle zu einem gerechten Lohn kommen. Und derjenige, der den Weinbergbesitzer spielt, hat eine schwierige Aufgabe. Denn den anderen klar zu machen, dass ihnen kein Unrecht geschieht, sondern sie den vereinbarten Lohn bekommen, ist nicht einfach. Wenn ich dann frage, welche Überschrift man diesem Gleichnis geben könnte, kommt oft als Vorschlag „vom ungerechten Lohn“ oder „vom ungerechten Weinbergbesitzer“. Die Auszahlungsart dieses Weinbergbesitzers passt eben nicht zu unserer Vorstellung von Gerechtigkeit, von menschlicher Gerechtigkeit, von Bezahlung nach Leistung.
Was gerecht und was ungerecht ist lernen wir von klein auf. Wir lernen es, weil wir eine Ahnung davon haben, dass mehr Gerechtigkeit unser Zusammenleben besser macht. Dabei vergleichen wir und bewerten Abweichungen als ungerecht. Schon kleine Kinder achten darauf, dass kein Kind mehr bekommt. Da wird jedes Gummibärchen, jedes Stück Schokolade abgezählt und geteilt. Wer sich mehr nimmt, auf den sind die anderen sauer. Wir haben letztes Jahr im Kindergottesdienst in einer Einheit zum Thema Gerechtigkeit allen Kindern ein Gummibärchen gegeben und nur einem Kind eine kleine Tüte voll. Das gab Grummeln, Rumoren und Wut. Erst als zum Schluss dann alle auch eine kleine Tüte voll erhielten, war der Friede wieder hergestellt. Wenn nicht alle das gleiche erhalten, ist es ungerecht.
Andererseits ärgern wir uns bei dem Gleichnis gerade darüber, dass alle gleich behandelt werden. Weil Gerechtigkeit, so wie wir sie verstehen, auch immer etwas mit Leistung und Gegenleistung zu tun hat. Und wenn Leistung und Gegenleistung nicht miteinander übereinstimmen, empfinden wir es als ungerecht.
Und so bemühen wir uns ein Leben lang, gerecht zu sein, merken aber immer wieder, dass es nicht gerecht zugeht.
An diesem Wochenende hat es Zeugnisse gegeben. Da erwarten wir, dass die Noten gerecht vergeben wurden. Für gute Leistung gute Noten und für schlechte Leistungen schlechte Noten. Ich kenne viele Eltern, die den Wert ihres Kindes nach den Noten beurteilen und deshalb unbedingt bei den Zeugniskonferenzen dabei sein möchten. Schade, denke ich dann immer, denn wie viel wichtiger wäre es, sich an anderen Stellen für die Kinder zu engagieren und gerade denen zur Seite zu stehen, die nicht so gut sind. Denn manchmal sind Noten gar nicht so gerecht. Da stimmt die Chemie zwischen Schüler und Lehrer nicht und schon wird es schwierig. Da quasselt jemand ständig, weil er sich langweilt, und schon gibt es Probleme. Egal, wie die Noten auch sind, die Kinder haben sich ein halbes Jahr lang angestrengt. Und der Wert eines Kindes bemisst sich nicht an den Noten.
Auch im Berufsleben erwarten wir Gerechtigkeit: Jemandem, der viel arbeitet, wird auch viel Lohn gezahlt, und jemandem, der nichts tut, eben weniger. Daran messen wir auch unseren eigenen Wert, indem wir uns mit anderen vergleichen. Deshalb ärgert uns das Verhalten des Weinbergbesitzers, weil er alle aufgestellten Regeln, die Gerechtigkeit nach Leistung und Gegenleistung oder Belohnung bemisst, auf den Kopf stellt.
Aber wenn wir uns in unserer Welt umsehen, dann merken wir allerdings auch schnell, dass wir es bei allem Bemühen nicht schaffen, wirklich gerecht zu sein. Denn welcher Arbeitslohn heute ist schon gerecht? Es gibt da viele Ungerechtigkeiten, genauso wie damals im Gleichnis. Warum verdient beispielsweise eine Krankenschwester oder Menschen, die im Rettungsdienst und in der Altenpflege tätig sind, so wenig? Warum bekommen Erzieherinnen nicht mehr Gehalt? Arbeitet ein Manager wirklich so viel Stunden mehr als sie? Hat er wirklich so viel mehr Verantwortung? Da sind Asylanten, die bei uns arbeiten wollen, aber es laut Gesetz über Monate hinweg nicht dürfen. Und wie viele Menschen gibt es, die von dem, was sie verdienen, gar nicht leben können? Die Diskussion um den Mindestlohn im letzten Jahr, den es ja nun seit 1. Januar gibt, hat das deutlich gemacht. Das, was man verdient, muss auch zum Leben reichen.
Von daher ist der Weinbergbesitzer unserer Zeit weit voraus. Denn er bezahlt einen Mindesttageslohn, nicht nur einen Mindeststundenlohn. Und unbezahlte Überstunden muss man bei ihm auch nicht machen. Für ihn steht einzig und allein im Vordergrund, dass alle genug zum Leben haben.
Allerdings ist dieses Gleichnis natürlich keine Anleitung zu besserem betriebswirtschaftlichen Handeln. Vermutlich würde der Weinbergbesitzer bei einer solchen Handlungsweise bald keine Arbeiter mehr finden, denn die meisten würden ja erst kurz vor Schluss kommen, wenn sie wüssten, dass sie dann auch noch vollen Lohn erhielten. Die Arbeit im Weinberg würde liegen bleiben. Und dann wäre der Weinbergbesitzer vermutlich schnell pleite, wenn er immer allen den gleichen Lohn auszahlen würde. Dieses Gleichnis ist auch kein Beitrag zur Mindestlohndebatte. Nein, um korrekten Umgang mit Lohn und Gehalt geht es nicht.
Sondern es geht um das das Verhältnis von Gerechtigkeit und Liebe. Das Gleichnis möchte deutlich machen, wie Liebe und Gerechtigkeit zusammenhängen, dass es bei Gott andere Maßstäbe gibt als bei uns. In Gottes Welt, die Bibel nennt es Reich Gottes, wird der Wert eines Menschen nicht durch den Vergleich mit anderen bemessen und er wird auch nicht über die Leistung bestimmt.
Die Mutter in unserer Geschichte tut genau das, was man von einer Mutter erwartet: sie rechnet ihre Liebe, ihr Handeln für die Kinder und für die Familie nicht auf. Das ist für sie selbstverständlich. Sie schreibt es ja nur auf, um ihrem Sohn etwas deutlich zu machen: nämlich, wie viel Liebe, wie viel Zeit sie investiert. Wie viel sie gibt, was er nicht sieht, nicht wahrnimmt.
Gott geht noch weiter als die Mutter: Er rechnet seine Liebe nicht auf. Er schreibt auch nicht auf, wie viel er tut. Er sagt nur: „Ich will euch geben, was recht ist.“ Und das ist mehr als die Arbeiter erwarten. Recht in Gottes Augen ist es, dass es allen Menschen gut geht. Dass alle sich am Leben freuen können. Damit durchbricht Gott alle Erwartungen. Weil er für seine Liebe zu uns Menschen keine Leistung fordert. Gott bemisst unseren Wert nicht nach Leistung. Sondern er beschenkt uns. Wir brauchen nichts zu tun. Wir dürfen uns einfach über Gottes Liebe freuen. So wie wir uns am Geburtstag über ein lang ersehntes Geschenk, über die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches freuen.
Allerdings kennen Sie wahrscheinlich auch alle Menschen, denen es schwer fällt, ein Geschenk einfach anzunehmen. Sie rechnen den Wert des Geschenkes aus und meinen dann, beim nächsten Mal in gleicher Höhe schenken zu müssen. Der Schenkende erwartet das manchmal allerdings auch. So ist das Geschenk der Liebe Gottes nicht gemeint. Gott liebt und wertschätzt uns, ohne dass wir etwas gegenleisten müssen.
Wenn wir Menschen nur nach ihrer Leistung beurteilen und für jede Leistung auch eine Gegenleistung erwarten, dann können wir uns nicht richtig freuen. Dann spüren wir gar nicht, wie schön es ist, beschenkt zu werden. Wir dürfen uns freuen, weil wir beschenkt werden. Weil andere beschenkt werden. Der Weinbergbesitzer fragt am Schluss: „Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?“ Und wir müssen eingestehen: Ja, dann, wenn wir uns ärgern über den Weinbergbesitzer, dann sind wir neidisch. Neidisch, weil wir meinen, zu kurz zu kommen. Neidisch, weil die eigene Leistung nicht gewürdigt wird.
Aber vielleicht können wir ja lernen, Gottes Gerechtigkeit zu leben. Sicher eine andere Gerechtigkeit als die nach Lohn und Leistung, aber eine, die den anderen Menschen sieht, der auch ein von Gott geliebter Mensch ist. Eine Gerechtigkeit, die alle Menschen im Blick hat und alle mit den Augen der Liebe ansieht. Die will, dass es allen Menschen gut geht. Wenn wir lernen könnten, diese Gerechtigkeit zu leben, wäre das schon ein Stück Himmel auf Erden. Amen
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Gerecht ist anders, oder? - Predigt zu Matthäus 20,1-16 von Katharina Wiefel-Jenner
Gerecht ist anders, oder?
Erzähl uns mehr, Jesus! Wie wird es sein, wenn wir dir nachfolgen? Wie wird es sein, wenn wir mit dir aufbrechen? Erzähl uns - nur eine Geschichte. Wir lieben deine Geschichten. Eine Geschichte vom Himmelreich - und dann werden wir verstehen, wie der Himmel sein wird. Nur eine Geschichte noch, damit wir begreifen, worauf wir achten müssen; damit wir ahnen, wo wir hingehören. Erzähl uns, Jesus – wir hören dir zu.
„Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2 Er fand etliche und einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg. 3 Gegen neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch andere untätig herumstehen. 4 ›Geht auch ihr in meinem Weinberg arbeiten!‹, sagte er zu ihnen. ›Ich werde euch dafür geben, was recht ist.‹ 5 Da gingen sie an die Arbeit. Um die Mittagszeit und dann noch einmal gegen drei Uhr ging der Mann wieder hin und stellte Arbeiter ein. 6 Als er gegen fünf Uhr ein letztes Mal zum Marktplatz ging, fand er immer noch einige, die dort herumstanden. ›Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹, fragte er sie. 7 ›Es hat uns eben niemand eingestellt‹, antworteten sie. Da sagte er zu ihnen: ›Geht auch ihr noch in meinem Weinberg arbeiten!‹
8 Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ 9 Die Männer, die erst gegen fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und erhielten jeder einen Denar. 10 Als nun die Ersten an der Reihe waren, dachten sie, sie würden mehr bekommen; aber auch sie erhielten jeder einen Denar. 11 Da begehrten sie gegen den Gutsbesitzer auf. 12 ›Diese hier‹, sagten sie, ›die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genauso viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen!‹ 13 Da sagte der Gutsbesitzer zu einem von ihnen: ›Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? 14 Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. 15 Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin? ‹
16 So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten.“
(Neue Genfer Übersetzung)
Nein, Jesus! Das ist keine Himmelsgeschichte. Das passt nicht zu Gott. Gott ist gerecht, Gott ist gut. Und im Himmel geht es gerecht zu. Im Himmel, bei Gott, gibt es wirkliche Gerechtigkeit. Im Himmel muss sich niemand mehr beschweren. Im Himmel fühlt sich niemand übervorteilt. Im Himmel wird niemand betrogen und ungerecht behandelt. So ist der Himmel nicht. Nein, Jesus! Erzähl uns, wie es wirklich im Himmel ist.
Und mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen...
Jesus! So etwas gibt es nicht, auch nicht in einer Himmelsgeschichte. Welcher Gutsbesitzer geht denn früh morgens los und stellt selbst die Arbeiter ein. Kein Gutsbesitzer geht mit dem Sonnenaufgang los und sucht sich seine Arbeiter eigenhändig zusammen. Nein Jesus – wenn das der Himmel ist, dann ist das sehr ungewöhnlich. Ein Gutsbesitzer hat seine Leute, seinen Personalchef, der diesen ganzen leidigen Papierkram mit den Bewerbungen, Referenzen, Arbeitszeugnissen und Gehaltsverhandlungen erledigt. Wenn Gott wie dieser Gutsbesitzer ist, dann hieße das doch, dass Gott sich nicht auf irgendwelche Personalchefs oder Diener verlässt, sondern sein Personal direkt rekrutiert. Davon merken wir nur in glücklichen Momenten etwas.
Schon eher nach Himmel klingt freilich, dass der Denar ein ziemlich üppiger Tageslohn ist. Mit einem Denar hat man mehr als doppelt so viel, wie eine Kleinfamilie zum Leben für einen Tag braucht. Geizig ist Gott also nicht – er will mehr als den Mindestlohn zahlen. Aber mal ehrlich Jesus - das ist ohnehin klar: Gott ist kein Ausbeuter, Menschenschinder, kein Lohndrücker. Das reicht so noch nicht für eine Himmelsgeschichte, Jesus. Für eine wirkliche Himmelsgeschichte ist mehr nötig als nur die Aussicht auf mehr als den Mindestlohn.
Und mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der gegen neun Uhr und zur Mittagszeit und um drei Uhr und sogar um fünf Uhr noch einmal losgeht, um neue Arbeiter einzustellen.
Jesus! Der Gutsbesitzer hat keinen Plan. Soll das eine Himmelsgeschichte sein? Gott hat keinen Plan? Das kannst Du nicht gemeint haben, Jesus. Gott soll so fern von den Realitäten sein? Am Morgen weiß man doch, wie viele Leute man braucht. Außerdem gibt es keinen erkennbaren Grund in deiner Himmelsgeschichte, warum der Gutsbesitzer nach drei, sechs, neun und elf Stunden noch einmal neue Arbeiter anheuert. Du hast nichts davon berichtet, dass der Gutsbesitzer den Fortschritt der Arbeit auf dem Weinberg zwischenzeitlich begutachtet hätte. An neuen Aufgaben im Weinberg kann es demnach nicht gelegen haben. Dass die Arbeit im Weinberg unendlich zu sein scheint, wusste der Gutsbesitzer schon vorher.
Das kann nicht das Himmlische an deiner Himmelsgeschichte sein – dass Gott losgeht und immer wieder losgeht und noch einmal losgeht. Oder doch?
Immerhin findet er jedes Mal neue Arbeiter. Männer, die untätig auf dem Parkplatz oder neben der Tankstelle herum stehen, kennen wir auch. Aber die suchen nicht unbedingt nach Arbeit. Wer am Morgen in der Jobvermittlung nichts abbekommen hat, geht wieder nach Hause oder in die Kneipe, aber wartet nicht weiter. Ist das das Himmlische an deiner Geschichte, Jesus? Braucht der Himmel die nicht versiegende Sehnsucht, ausgewählt zu werden? Ist das der Himmel, wenn man in der Hoffnung ausgewählt zu werden, nicht enttäuscht wird? Öffnet das den Himmel, wenn man nicht aufgibt und weiter darauf hofft, beim nächsten, übernächsten oder überübernächstem Mal doch noch dazu zu gehören? Die Männer und Frauen, die kurz vor Sonnenuntergang angestellt werden, stehen zwar den langen Tag untätig herum, bevor Gott sie anspricht. Aber sie geben nicht auf, weil sie die Hoffnung haben, dass da noch was kommt. Sie warten, weil das Leben so nicht alles gewesen sein kann. So gesehen, Jesus, passt das zu Gott und die Geschichte klingt tatsächlich ein wenig nach Himmel.
Aber was du dann erzählst, Jesus, das passt einfach nicht zu Gott. Wieso soll das der Himmel sein?
Die Letzten mögen sich wie im Himmel gefühlt haben. Sie haben mit einer Stunde Arbeit mehr als genug zum Leben verdient. Diese Glückspilze! Die Stunden der Sehnsucht, die verzweifelte Angst einen vergeblichen Tag hinter sich bringen zu müssen, der verzweifelte Versuch, wenigstens etwas Vorzeigbares zu erreichen – alles wurde der Arbeit im Weinberg gleichgestellt und genauso bezahlt. Als ob ihre Schmerzen über ihr untätiges Warten honoriert wurden. Die Wiederherstellung der Würde durch einen Denar. Das ist der Himmel, das ist Gott.
Aber die ersten? So kann Gott doch nicht mit ihnen umgehen? Ist das die himmlische Gerechtigkeit? Wir hätten uns auch beschwert, Jesus. Das ist einfach ungerecht, das ist unfair. Auch wenn der Gutsbesitzer sich mit allem Grund auf die Abmachung vom frühen Morgen berufen kann. Auch wenn der Tarif abgemacht war und der Gutsbesitzer sich korrekt und vertragstreu verhalten hat - das ist doch nicht in Ordnung! So ist Gott nicht! Das ist nicht Gott!
Ist das die Lehre aus deiner Himmelsgeschichte: im Himmel geht es zwar korrekt, aber letztlich ungerecht zu? Willst du uns mit dieser Himmelsgeschichte den Glauben an Gott vermiesen, Jesus?
Paulus hilf du uns doch, du hast Jesus doch immer so gut verstanden? Paulus, schaffst du es, die Meckernden und Murrenden zu besänftigen? Kannst Du uns Jesus erklären?
Du, Paulus meinst, dass es Jesus in dieser Geschichte gar nicht um die Gerechtigkeit geht, sondern darum, dass Gott uns selbst will. Dich und mich, so wie wir hier sitzen. Du meinst: Jesus erzählt uns mit seiner Himmelsgeschichte, dass wir Gott nicht mit unserer Hände Arbeit und mit unseren frommen Gedanken und Gebeten beeindruck können. Du meinst, dass Gott anders rechnet. Du meinst, dass bis kurz vor Schluss die Tore zum Himmel offen bleiben und am Ende werden alle gleichberechtigt sein. Es geht also nicht um Gerechtigkeit, sondern um Gleichberechtigung. Die, die schon immer zu Gott gehalten haben, sitzen im Himmel nicht auf bequemeren Plätzen, trinken keinen köstlicheren Wein, hören keine bessere Musik, haben keine schöneren Stimmen zum Lobgesang, tragen keine strahlenderen Kleider? Im Himmel ist diese elende Hierarchie aufgehoben, die uns schon von Kindesbeinen an in den Wettkampf um die besten Startplätze zum guten Leben schickt. Im Himmel zählt nur noch, da zu sein und bei Gott zu sein. Noch in letzter Minute geht Gott los und engagiert, wer auch immer voller Sehnsucht ist. Es geht nicht um die Arbeit, um die Last der Mittagshitze und die Schufterei unter glühender Sonne. Tatsächlich ist es doch auf andere Art unerträglich schwer und mühsam, untätig herumzustehen und zu warten, sich vor Sorge zu zermartern, zu grübeln, wo das tägliche Brot für morgen herkommen soll, zu berechnen, wie lange die Vorräte reichen und ob jemand im Notfall das Geld für die Apotheke leihen kann, wenn das Kind krank wird. Die Mühen und Plagen des Tages unterscheiden sich von außen, von innen ist die Sehnsucht nach der Schönheit des Himmels das Entscheidende. Und die wird sich erfüllen, genau dann, wenn der Gutsbesitzer-Gott vorbei kommt und sagt: „Los, steh nicht weiter untätig rum, da ist der Weinberg, mache dich auf. Du wirst satt werden, du wirst mehr als genug bekommen, du wirst das Leben finden. Du wirst bei mir sein und alles andere wird unwichtig. Nichts kann dich mehr von meiner Liebe trennen.“ Egal zu welcher Stunde Gott das sagt, es passt zu Gott. Das klingt doch nach Gott!
Wir lieben deine Geschichten, Jesus. Aber am nächsten Sonntag erzähle uns eine Geschichte vom Himmelreich, die wir schneller verstehen werden, bei der wir nicht erst murren und meckern, bevor wir verstehen, wie der Himmel sein wird. Erzähle weiter, damit wir begreifen, worauf wir achten müssen; damit wir ahnen, wo wir hingehören.
Amen.
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Vom Gipfel zum Leben in dieser Welt - Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Matthias Riemenschneider
Vom Gipfel zum Leben in dieser Welt
Liebe Gemeinde,
Der Ort ist für die Verklärung wichtig. Es ist der Gipfel eines Berges. In unserem Text wird der Name dieses Berges nicht genannt. Die biblische Tradition kennt nur einen Berg, der dafür in Frage kommt: den Tabor in Galiläa am Ostrand der Jesreel-Ebene.
Heute ist der Tabor für Touristen ein fester Programmpunkt bei der Rundreise in Israel. Schon im Alten Testament wird die Erhabenheit dieses Berges beschrieben und seine Höhe mit der Macht Gottes verglichen. Unvermittelt ragt der Tabor wie ein Kegel aus Ebene heraus. Im Volksmund heißt er deshalb der „Zeigefinger Gottes“.
Die Bilderwelt unseres Predigttextes weist uns den Weg zu einem Geheimnis des Glaubens. Ein Geheimnis ist etwas anderes als ein Rätsel. Ein Rätsel kann man lösen. Ein Geheimnis kann man allenfalls beschreiben und dabei seine Bedeutung jenseits aller rationalen Durchdringung respektieren. Vielleicht liegt hierin auch der Grund, warum Jesus seine drei Jünger auffordert, von diesem Erlebnis erst nach seiner Auferstehung zu reden. Über das Besondere, das Außergewöhnliche – ja auch das Überwältigende kann man nicht ständig reden. Einem geliebten Menschen kann und muss man nicht alle fünf Minuten sagen, wie sehr man ihn liebt. Wie mit der Liebe, so ist es auch mit der Gottesnähe; wir erfahren sie, aber wir reden nicht ständig von ihr.
Nähern wir uns den Bildern, mit denen Matthäus dies Geheimnis beschreibt.
Da ist zuerst der Gipfel des Berges. Solche Gipfel bieten häufig besondere Erlebnisse. Wir können das leicht nachvollziehen, wenn wir etwa auf dem Lemberg einen Sonnenuntergang beobachten und Zeuge werden, wie die Leonberger Höhe in ein leuchtendes Rot getaucht wird und uns dabei noch eine Gedichtzeile Hölderlins in den Sinn kommt.
Berge sind oft auch Orte des Rückzugs, der Besinnung und der Auszeit. Auch das kennen wir aus unserem Leben. Vor wichtigen Aufgaben tanken wir Ruhe, vor schwierigen Entscheidungen ziehen wir uns zurück, um unsere Kräfte zu sammeln mit denen wir „über den Berg kommen“.
Vor den Augen und den Ohren der Jünger wird Jesu Vollmacht bestätigt. In der Dramaturgie des Evangeliums geschieht die Verklärung zwischen der ersten und der zweiten Leidensankündigung Jesu. Gipfelerlebnisse sind immer Wendepunkte. Nach dem Aufstieg zum Gipfel muss man wieder den Weg in die Ebene zurückgehen. Deshalb ist das Ansinnen von Petrus irrig, drei Hütten zu bauen und damit das Besondere und das Überwältigende für die Ewigkeit zu konservieren. Es würde bestenfalls ein Museum dabei herauskommen.
Wir kennen auch die Redewendung „die Mühen der Ebene“. In diese Ebene zurück führt der Weg für den Verklärten, auf dem er seine Jünger mitnimmt. Aber vorher geschieht noch etwas anderes:
„7Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Glaube kann manchmal ein heiliges Erschrecken sein. Jedenfalls machen die Jünger eine im wahrsten Sinn umwerfende Erfahrung. Was sie sehen und hören übersteigt ihre Möglichkeiten der Wahrnehmung. Wie schon Mose und Elia vor ihnen löst die Erscheinung Gottes bei ihnen Furcht und Zittern aus. Aber Jesus berührt sie und richtet sie aus ihrer Demutsgebärde wieder auf. Er gibt ihnen ihr menschliches Maß und damit ihre Würde zurück. Ein Kapitel nach unserem Text muss Jesus freilich den Rangstreit zwischen den Jüngern schlichten und sie von ihren Höhenflügen auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Die Bilder, die Matthäus verwendet, kann man angemessen so zusammenfassen: ‚Ohne Abstieg bleiben Gipfelerfahrungen wertlos. Ohne Gipfelerfahrungen wird jeder Abstieg zu einem Trauermarsch‘.[1]
In unserem individuellen Leben haben wir zu diesen Gedanken einen unmittelbaren Zugang. Für alles, was lange währen soll, brauchen wir immer wieder Gipfelerlebnisse, Erfahrungen des Glücks und der Ermutigung, an denen wir Kraft tanken, damit wir die Mühen des Alltags gut überstehen. Das gilt für das Zusammenleben von Paaren genauso wie für ein langes Arbeitsleben, für das wir auch immer wieder Erfolgserlebnisse und Anerkennung benötigen. An dieser Stelle dürfen wir nicht stehenbleiben. Erfolgserlebnisse beleben den Alltag. Wenn man nur einseitig die Höhepunkte festhalten will, erreicht man am Ende nur Stillstand.
Mit meinen bisherigen Gedanken befinden wir uns ausschließlich in der Welt des persönlichen Erlebens. Haben diese Gedanken eine Bedeutung für das, was uns politisch in diesen Wochen bewegt? Der Terror der selbsternannten muslimischen Gotteskrieger erschüttert die Welt. Um die Hintergründe dieses Terrors verstehen zu können, ist es nötig die Verschränkung der politischen Kultur mit der Religion des Islam zu beleuchten.
Die kulturelle Blüte des Islam lag im Mittelalter, noch bevor mit Reformation und Humanismus sich im Westen eine Loslösung von der kirchlichen Bevormundung abzeichnete. In Philosophie, Naturwissenschaften und Mathematik war die islamisch geprägte Kultur der europäischen sogar in Teilen überlegen.
Die Entdeckung Amerikas ist im Osmanischen Reich, dass die politische Einheit für die Welt des Islam darstellte und zu dieser Zeit seine machtvollste Ausdehnung besaß, überhaupt nicht beachtet worden. Und doch legte die Entdeckung der neuen Welt den Grundstein für den wirtschaftlichen und politischen Niedergang des Osmanischen Reiches – eine Erfahrung von Abstieg und Ausgeliefertsein, das die islamische Welt in weiten Teilen bis heute prägt.
Der Buchdruck, mit dem die Weitergabe von Wissen um ein Vielfaches beschleunigt wurde, durfte im Osmanischen Reich erst 300 Jahre nach Johannes Gutenberg eingeführt werden. Dies hatte vornehmlich religiöse Gründe, weil die arabische Hochsprache, in der der der Koran überliefert ist, eine vorwiegend religiöse und liturgische Bedeutung hat. Deshalb unterliegt die mechanische Vervielfältigung der heiligen Sprache einem Tabu.
An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie der bis ins Mittelalter hinein selbstverständliche geistige und kulturelle Austausch zwischen Okzident und Orient unterbrochen wurde, weil sich die Entwicklung der Sprache, der Weitergabe von Wissen und damit auch die kulturelle Entwicklung der Gesellschaften getrennt voneinander zu entwickeln begannen.
Für Westeuropa ist die Entwicklung hin zur Moderne mit der Säkularisierung verbunden. Säkularisierung kann man als „Einhegung des Sakralen“ bezeichnen. Das heißt: Vorschriften der Religion und die Erfahrung der Transzendenz bestimmen nicht mehr vollständig das Alltagsleben der Menschen, sondern werden auf bestimmte Bereiche begrenzt. Dies ermöglichte der westlichen Zivilisation eine eigenständige Entwicklung, die weitgehend frei von religiösen Verboten und Einschränkungen ist.
Diese Form der Einhegung des Sakralen hat die Mehrzahl der arabisch-muslimischen Gesellschaften nicht mitvollzogen. Auf der Religion basierende Vorschriften bestimmen bis heute das Alltagsleben vieler Menschen, die gesellschaftliche Ordnung und die staatliche Gesetzgebung. Damit wird weitgehend eine alte Ordnung konserviert, die nicht dynamisch im Zusammenleben der Menschen weiterentwickelt wird.
In der islamischen Kultur kommt noch ein anderes Verständnis des Gesetzes hinzu. In der traditionellen Ethik werden die Vorschriften für das Alltagsleben aus dem Gesetz hergeleitet. Erst die Erfüllung des Religionsgesetzes ermöglicht das „richtige“ Leben des Gläubigen. Wenn dieses richtige Leben erreicht ist, erfüllt sich die Geschichte. Diese Erfüllung der Geschichte ist in der traditionellen Vorstellung mit Bildern verknüpft, die eine Rückkehr in die idealisierte Zeit des Propheten in Mekka und Medina bedeuten. In dieser Lesart des Koran sehnt man sich nach dem Gipfel der Verklärung zurück
Aus diesem religiös motivierten Anspruch heraus das gesellschaftliche Leben zu gestalten wird die eigenartige Spannung sichtbar, die das Verhältnis von Islam und aufgeklärter Moderne kennzeichnet.
Dies erklärt nicht die Ursachen eines fundamentalistischen Terrors, macht aber den Graben sichtbar, der sich in den vergangenen 500 Jahren zwischen der europäisch-christlichen und der arabisch-muslimischen Welt aufgetan hat. Die Aufgabe, die die großen Religionen angesichts dieses Terrors haben, ist den abgerissenen Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Dabei kann jede Religion aus dem Reichtum ihrer Tradition schöpfen, ohne den Reichtum der anderen Tradition damit abzuwerten.
„7Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!“ In dieser Aufforderung Jesu an seine Jünger, aufzustehen, den Gipfel der Verklärung zu verlassen und in die Ebene hinabzusteigen, liegt eine besondere Ermutigung. Sie brauchen sich nicht blind der Erhabenheit Gottes zu unterwerfen. Sondern im Gegenteil sind sie aufgefordert, in einem aufrechten, die menschliche Würde wahrenden Handeln ihr Leben zu gestalten und in einer nach vorne hin offenen Zukunft zu entwickeln. Die Begegnung mit Gott ist nicht auf die Offenbarung auf dem Berggipfel beschränkt, sondern geschieht ebenso im Vollzug unseres Alltags.
Amen
Literatur:
Dan Diner, Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt, Berlin ³2010
Lothar Steiger, Erzählter Glaube. Die Evangelien, Gütersloh 1978, S. 144 – 152.
[1] Hans Joachim Schliep, Predigt zu Matthäus 17, 1-9. In: Göttinger Predigten im Internet, 9. Februar 2003. Dieser Predigt verdanke ich wichtige Hinweise.
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Predigt zu Matthäus 17,1–9 von Irmtraud Ahlers
Liebe Gemeinde,
Die Begegnung mit dem Heiligen hat etwas Faszinierendes und Erschreckendes zugleich. Sie verwirrt, ja, überrascht Menschen, so dass sie sich fürchten und zugleich wundersam berührt sind. Die Begegnung mit dem Heiligen bleibt nicht ohne Folgen, sondern setzt Menschen in Bewegung.
Davon erzählt die Bibel in vielen Geschichten,
Davon können wir selber –vielleicht auch- aus unserem eigenen Erleben Geschichten hinzufügen, die unsere Lebenswege maßgeblich beeinflusst haben.
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“ ruft der Psalmbeter und richtet seinen Blick sehnsuchtsvoll nach oben, als wäre Gott da anzutreffen. Und, als gäbe er sich die Antwort nach einem Atemzug selber, heißt es dann: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“
Da oben, wo Himmel und Erde sich berühren, ist für die Menschen der Bibel häufig der Ort der Gottesbegegnung.
Mose ist Gott dort nahe gekommen, unverhofft, beim Hüten der Schafe. Viele Jahre später wird er eigens diesen Berg hinaufsteigen, um die Weisungen und Gebote Gottes in Empfang zu nehmen, die das Zusammenleben der Israeliten fortan ordnen sollten.
Und heute, am letzten Sonntag nach Epiphanias, ist es, als stünden wir im Spannungsbogen des Kirchenjahres auch auf einer Höhe, einem Bergkamm gleich. Im Rücken liegt das Tal, dessen Weg aus Bethlehem heraufführte. Wir sehen das helle Licht, dass mit Jesu Geburt in die Welt kam und die Finsternis erhellte. Auf der anderen Seite des Kamms liegt das Tal, dessen Weg am Ende nach Jerusalem und Golgatha führt. Ein anderer, intensiver, Wegabschnitt im Leben Jesu beginnt.
Auch die Predigtgeschichte aus dem Matthäusevangelium führt uns heute hinauf auf einen hohen Berg zu einer besonderen Gottesbegegnung. (Lesung Mt 17, 1 – 9:)
Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich
Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder,
und führte sie allein auf einen hohen Berg.
Und er wurde verklärt vor ihnen,
und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne,
und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia;
die redete mit ihm.
Petrus aber fing an und sprach zu Jesus:
„Herr, hier ist gut sein!
Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen,
dir eine, Mose eine und Elia eine.“
Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke.
Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach:
„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe;
den sollt ihr hören.“
Als das die Jünger hörten,
fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.
Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach:
„Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Als sie aber ihre Augen aufhoben,
sahen sie niemand als Jesus allein
Und als sie vom Berge herabstiegen,
gebot ihnen Jesus und sprach:
„Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen,
bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.“
Liebe Gemeinde,
eine geheimnisvolle Geschichte ist das, mit Anspielungen und verborgenen Verlinkungen, ein religiöses visionäres Gipfelerlebnis, das einen zunächst mehr blendet als einen neuen Verstehenshorizont eröffnet.
Jesus begibt sich auf den Berg in die Abgeschiedenheit. Um welchen Berg es sich handelt, wird nicht gesagt.
Der Erzähler scheint den Gottesberg im Sinn zu haben, auf dem Mose Gott begegnet war. Auch hat er die alten Worte aus dem 2. Buch Mose im Sinn als er seine Geschichte aufschreibt, wo es heißt: „Die Herrlichkeit des Herrn ruhte auf dem Berg und die Wolke bedeckte ihn sechs Tage. Am siebenten Tage erging der Ruf des Herrn an Mose aus der Wolke.“ (Ex 24,16)
Danach ist Mose wieder hinabgestiegen mit den Geboten in den Händen. Er strahlte. Sein Angesicht leuchtete so sehr vom himmlischen Licht, dass er sich mit einem Schleier bedecken musste, als er sich dem Volk, was unten auf ihn wartete, näherte.
Und noch etwas hat der Erzähler im Sinn: das Bergerlebnis des Profeten Elia. Elia zählte neben Mose zu den angebeteten geistigen Vätern Jesu von klein auf. Hatte nicht auch Elia in der Stunde der Verzweiflung auf dem Berg sein Heil gesucht? Und hatte sich Gott nicht auch dort offenbart- im sanften Sausen der Luft?
Das geschah unverhofft, in tiefster Verzweiflung. Elia bewegte das sehr, in tiefster Verzweiflung so sanft und tief berührt zu werden, keine großen Reden und Vorhaltungen zu hören. Ganz von allein gewann Elia wieder Boden unter den Füßen. Gestärkt und mit neuem Selbstvertrauen begab er sich wieder nach unten in die irdischen Gefilde
Jesus sucht die Nähe Gottes und nimmt auf Weg in die höhere Sphäre drei Jünger mit, Petrus und die Brüder Jakobus und Johannes, Jünger, denen er besonders vertraute.
Oben angekommen verwandelt sich Jesus wundersam. Er beginnt zu strahlen und zu leuchten. Und zu ihm gesellen sich plötzlich zwei Gestalten: Elia und Mose. Die Jünger trauen ihren Augen nicht.
Für Jesus waren Elia und Mose zeitlebens leuchtende Vorbilder gewesen. Sie erscheinen ihm, weil es ihm so sehr nach ihnen verlangte. Er beschwört sie sozusagen selbst. Von Kindesbeinen an hatte er mit ihnen Umgang, stets tauschte er sich mit den beiden geistlichen Väter aus in den alten Schriften aus.
Wohin Jesus auch kam, dachten die Leute an Mose und Elia. „Mose ist wieder unter uns!“ riefen sie, oder: „Elia ist wiedergekehrt!“
Nun erscheinen sie ihm auf dem Berg Gottes. Es ist fast als habe Gott sie geschickt, um ihm beiseite zustehen und zu stärken. Die beiden Gestalten, die ihn von der Wiege an so nahe waren, werden ihn auch auf seinem letzten Lebensabschnitt begleiten.
Jesus strahlt, als er die vertrauten Gestalten sieht,
und sein Angesicht leuchtet wie die Sonne,
und seine Kleider werden weiß wie das Licht.
Ihn erwarten Leiden und Tod, doch auf dem Berg ist für Augenblicke Ostern.
Jesus weiß mit diesen beiden Wegbegleitern an seiner Seite, er wird durchhalten.
Eine Vision in hohen Sphären, liebe Gemeinde.
Die Zeit zählt nicht mehr, die Uhren stehen still. Wenn wir in uns hineinhorchen, kennen wir vielleicht ähnliche Momente, wo uns Ahnengestalten, liebe Menschen aus einer anderen Zeit, in einem besonderen Moment auf einmal so nahe kommen, dass man sie förmlich um sich spürt, man sie vielleicht auch sprechen hört, wie sie einem etwas Wichtiges sagen. Das sind kostbare, heilige Momente, die einem einen wichtigen Impuls geben können, so dass man manches danach wieder klarer sieht.
Und die Jünger, die die Adoption Jesu in den Kreis der geistigen und göttlichen Väter auf dem Berg miterleben, was ist mit denen? Petrus findet zuerst zur Sprache zurück und wartet unvermittelt mit einem praktischen Vorschlag auf, um diesen besonderen Moment noch ein wenig zu halten und zu verlängern. Vielleicht war ihm auch bange vor dem, was vor ihnen lag. So redet er eben drauf los:
„Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen,
dir eine, Mose eine und Elia eine.“
Petrus hatte seine Idee noch nicht ganz ausgesprochen, da überschattet sie eine Wolke, aus der sie eine Stimme, Gottes Stimme, hören:
„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“
Es ist die Stimme, mit der alles begann, die Stimme am Ufer des Jordans, die Jesus hörte, als er sich taufen ließ:
„Du bist mein Sohn“.
Nun wendet sich die Stimme an die Jünger. Was sie als Zeugen eben wunderbar miterlebt haben, wird nun noch einmal durch die Stimme erklärt: Wer Gott hören und erfahren will, der höre auf diesen Sohn. Gott spricht und wirkt durch ihn.
Die Jünger packt nicht nur ein heiliger Schauer, sondern die Angst.
Verständlich bei dem, was sie selbst gesehen und gehört haben.
Sie fallen zu Boden und verdecken ihr Gesicht.
Jesus kommt auf sie zu, berührt sie und sagt zu ihnen: „Steht auf, und fürchtet euch nicht!“
Als sie wieder aufblicken, sehen sie nur noch Jesus, so wie er ihnen vertraut war. Und alles andere, die verklärten Gestalten, die Wolke, sie sind nicht mehr da.
Es ist Zeit, wieder hinunterzugehen. Die Jünger wissen, sie haben etwas Wunderbares erlebt und gesehen. Beglückt, verwirrt, und auch ein wenig bange treten sie den Abstieg an.
Jesus ermahnt sie dabei, dass sie dieses Erlebnis zunächst für sich behalten und von der Gottesoffenbarung solange nichts sagen, bis er Leiden und Tod überwunden hat.
Liebe Gemeinde,
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht bei diesem gedanklichen Mitgehen auf den Berg hinauf und schließlich wieder hinunter.
Mir ist ganz wohl, wieder in der Ebene, sozusagen im Alltag der Welt, angelangt zu sein. Das besondere religiöse Erlebnis in der Höhe verlangt nach Erdung und Bodenhaftung.
Petrus meinte ja, die drei Auserwählten könnten in dem Moment, in dem sie des religiösen Spitzenerlebnisses teilhaftig werden, aussteigen und die Erde hinter sich lassen. Aber das ist nicht der Weg Jesu. Der führt ihn – und seine Anhänger immer wieder – hinunter in die Mühsal, in die Verlockungen, die Fruchtbarkeit und die Herausforderungen der Ebene.
Wir können als Christen getrost mit dem Licht und den Glanz Jesu im Herzen unsere Wege gehen und die gesellschaftlichen, privaten und auch politischen Herausforderungen angehen.
Der Glaube ist eine Kraftquelle, nicht nur in angefochtener Zeit, die auf Gebote und biblische Weisungen basiert. Er ist Ausdruck der Barmherzigkeit und Großzügigkeit Gottes gegenüber denen, die es schwer haben im Leben.
Der Glaube an Jesus Christus, dem Licht der Welt, möge uns in dieser dumpfen Zeit, in der Religion und Gottvertrauen fortwährend mit Gewalt und Terror und Fremdenfeindlichkeit durcheinander gebracht wird, helfen, die Geister zu scheiden und nicht irgendwelchen einfachen Erklärungen zu folgen.
Und wenn es dann doch zu wirr wird in der Ebene, mögen wir uns immer wieder Auszeiten gönnen, in denen wir hinaufschauen oder auf den Berg steigen, um dem Heiligen zu begegnen. Danach sieht man meistens klarer.
Der Theologe Jörg Zink drückt das in seinem Gedicht: ‘Was ich Dir wünsche‘ so aus: Ich wünsche dir
…die Kraft zu wachsen.
Du bist noch zu etwas berufen.
Bleib stehen. Schau nach oben
und fühle die Kraft aus Gott,
die wachsen will in dir.
Amen.