Zeit für Genügsamkeit – Predigt zu 1. Korinther 7,29-32 von Jens Junginger
Die Zeit drängt - morgens meistens. Die Zeit drängt. Weil der Kunde wartet, der Auftrag raus muss. Die Zeit drängt, ab zum nächsten Patienten. Die Zeit drängt. Und irgendwann geht einem die Puste aus.
Liebe Gemeinde,
auf Dauer tut das niemand gut. Andererseits: der Permafrostboden taut früher als erwartet. Hetze, Rassismus und Nationalismus, Demokratie Zweifel werden immer unbeschwerter hinausposaunt. Die Zeit der Fülle war gestern, das wissen wir. In der Kirche erleben wir‘s. Die Zeit drängt – Entscheidungen müssen gefällt werden, Handeln ist angesagt. Wie gehen wir um - mit diesem Zwiespalt, mit dieser Spannung?
In der Jesusbewegung, in der Urchristenheit, bei Paulus stoßen wir auf ein ähnliches Dilemma:
Paulus war damals unentwegt unterwegs und hoch engagiert, verhandelnd, schreibend, predigend, diskutierend und immer wieder selbst sehr bedrängt und manchmal auch am Ende. Das Herrschaftsgebaren des Imperium Romanum war bestimmend. Für die Masse der normalen und einfachen Leute, für christlich gesinnte war es eine Zeit der Bedrängnis, voll Härte, Gewalt, voll täglicher Existenzsorgen und Unrecht.1
Der reale Hunger und Durst waren groß. Die Sehnsucht nach einem Ende dieser Zeit war da, mal mehr, mal weniger. Auch in den Christengemeinden. Bei manchen aber hatte die Zeit Gottes schon etwas begonnen. Da wo bereits galt: hier ist weder Mann noch Frau, weder Sklave noch Freier ist (vgl. Gal 3,28) und: Einer des andern Last trägt. (vgl. Gal 6,2) Wir sorgen uns umeinander. (vgl. 1. Kor 12,25f)
Paulus war Protagonist einer unumstößlichen Glaubensgewissheit, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar macht und an der er uns teilhaben lassen wird. (Rö 8,18) .Zugleich war er beseelt von einer bisweilen ungeduldig, rastlos, eifernden Sehnsucht, die das Ende des von so vielen real erlebten Unheils herbeihoffte.
In Paulus begegnen uns diesen beiden widersprüchliche Haltungen. Im Grunde leben wir alle als Christenmenschen in dieser Spannung, und damit in einem Dilemma.
Im 7ten Kapitel seines Briefes an die Freundesschar in der quirlig, elenden Hafenmetropole Korinth zeigt Paulus, dass er um die Lage der Leute dort weiß, um ihr ge- und bedrückt sein, wie um ihre erwartungsvolle Sehnsucht. Ich lese den Text nach der Genfer Neuen Übersetzung (GNÜ) 7,29-32:
Eins ist sicher, Geschwister: Es geht immer schneller dem Ende zu. Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt, beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt; beim Traurigen darf es nicht die Traurigkeit sein und beim Fröhlichen nicht die Freude. Wer etwas kauft, soll damit so umgehen, als würde es ihm nicht gehören, und wer von den Dingen dieser Welt Gebrauch macht, darf sich nicht von ihnen gefangen nehmen lassen. Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist dem Untergang geweiht. Ich möchte, dass ihr frei seid von ´unnötigen` Sorge
„in der Zeit, die uns noch bleibt, darf es beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt“ Ein Satz, der für manche Ohren heraussticht und erst mal irritiert. Paulus spricht aber in diesem Zusammenhang noch von mehr: Vom Weinen, sich freuen, kaufen und die Welt gebrauchen. Er spricht ganz konkret die realen Sorgen, Themen, Fragen und Zwänge der Leute an, wie Jesus, wenn er in der Bergpredigt von der Sorge ums tägliche Brot, ums Trinken, und ums Kleiden spricht. (vgl. Matth 6,25)
Wie bekommt man die Dinge geregelt? Wie geht man emotional, seelisch und gedanklich mit diesen mehrfach bedrängenden Fragen um? Wie bleibt man seinem Selbstverständnis, seiner Überzeugung und seiner Haltung als Christenmensch treu, auch in ethischer Hinsicht. Bedrängt einerseits und zugleich überzeugt, dass eine neue Zeit nahe ist.
Eine Frage, die sich (nicht nur damals) stellte, wenn man davon umgeben war, was die antiken städtischen Shoppingmeilen so boten: Wohin man kommt, so beschreibt es ein römischer Autor, … da stehen Walker, Tuchsticker, Goldschmiede und Wollarbeiter, Händler mit Goldbordüren für Tunikas, Rot-, Violett- und Nussbaumfärber… Büstenhalter- und Korsettmacher und Gürtelmacher. Es scheint, als ob du es einfach mitnehmen kannst, als sei alles schon bezahlt. 2
In der Zeit, die noch bleibt, sah der unentwegte Apostel für sich selbst keine Zeit und keine Kraft für eine feste persönliche Bindung. Andere in seinem Team allerdings schon. In Korinth und anderen Orten konnten wiederum viele aus existentiellen Gründen gerade noch für ihr eigenes Überleben sorgen, jedoch nicht auch noch für eine Partnerin.
Paulus bewegte angesichts der spannungsvollen Dilemma-Situation offenkundig die Frage: Wovon lasse ich mich in meiner Haltung bestimmen, beherrschen, manipulieren? Woran binden wir uns? Woran orientieren wir uns? Was ist uns – Christenmenschen, als Kirche - wirklich wichtig? Wovon wollen und sollen wir als Christenmenschen frei sein, im Vertrauen auf Gottes neue Zeit und in die Gemeinschaft untereinander?
Wovon lassen wir uns leiten?
Die Diagnose hatte dem Mit-Fünfziger den Boden unter den Füßen weggezogen. Der chirurgische Eingriff war zwar eine Chance aber keine Garantie, dass dann alle Gefahren für immer gebannt wären. Dabei war er doch gerade in eine gute und aussichtsreiche Phase seines Schaffens und Wirkens gekommen. Die Diagnose setzte ihn seelisch und gedanklich schachmatt. Die Sorge um das Wohl der Familie hatte ihn ebenso im Griff. Wer ihn kannte, machte sich Sorgen, mit ihm und um ihn. Weißt du was, sagte er dann eines Tages: Ich weiß nicht wirklich wieviel Zeit ich tatsächlich noch haben werde. Das kann mir auch keiner sagen. Aber ich bin nicht bereit mich von dieser Ungewissheit und der Angst und den Sorgen gefangen nehmen und meine Motivation und Schaffenslust nehmen zu lassen. Soweit ich es kann möchte mich davon frei machen. Denn, sind wir doch ehrlich: Früher oder später beißen wir alle ins Gras.
Es ist eine Kunst, eine solche Haltung einzunehmen, einnehmen zu können. Mit einer bedrängenden Ungewissheit so umzugehen, dass sie einen nicht permanent beherrscht und lähmt. Sondern: Sehen, gestalten was möglich ist. Mehr noch: Schöpferische Schaffenskraft zur Entfaltung bringen, die auch die Mitwelt beglückt, aller Bedrängnis zum Trotz. Die Rahmenbedingungen gebrauchen, unbefangen, - in aller Freiheit und entspannten Gelassenheit – im Gottvertrauen.
Eine solche trotzig hoffnungsfrohe Lebenshaltung einnehmen zu können, erinnert daran, wie Gott, wie die Kraft Gottes in uns und durch uns zur Entfaltung kommen kann.
Könnte auch uns das befähigen in aller spannungsvollen Zerrissenheit in Balance zu kommen? Genügsamer zu leben und dies als etwas Schönes zu erleben, als befreiende Leichtigkeit? Achtsamkeit zu wahren für das, was über das materiell Begehrenswerte hinaus reicht und über dieses unerträgliche „me first“.
Paulus wirbt seiner eigenen unermüdlichen Umtriebigkeit zum Trotz für eine genügsame Glaubensgelassenheit, die befreit nach dem Willen Gottes das Leben entspannter, genügsamer zu gestalten.
Die Zeit drängt. Wir leben in bedrängenden Zeiten. Jetzt noch in der Zeit der Fülle und der Zeit der Maßlosigkeit, des zu viel – auch in der Kirche -. In einer Zeit, in der sich gleichzeitig der Planet und viele Menschen in höchst prekärer Lage befinden.
Und wir erahnen oder wissen es: Wir sind mitten drin, in einer Zeit des Übergangs. In einer Zeit angespannter Ungewissheit, in der du meinst, dass du alles einfach haben kannst und in einer Zeit, in der an vielen Orten Menschen vermeintlich einfache, entsetzlich einfache und menschenverachtende Lösungen anstreben und bereits umsetzen.
Füllen wir diese Zeit, als Christen, als Kirche. Lassen wir das Klagen, Beklagen und Jammern, übers eigene weniger werden, über die zu vielen Räume, die wir jetzt haben. Lassen wir hier in einem solchen ergreifenden Raum wie diesem hier Grundtöne der Schöpfung und des Willen Gottes erklingen. Der Liedtext lautet:
Wir gehen mit den Dingen so um, als würden sie nicht uns gehören, wir machen von den Dingen dieser Welt Gebrauch, aber lassen uns nicht von ihnen gefangen nehmen. Wir trachten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit (vgl. Mt 6,34)
Hören wir in einem Raum wie diesem auf die Resonanz, die ein solches Lied hier in Sindelfingern hervorbringt. Und lassen es immer wieder erklingen, in und vor der Kirche, im Stifts Hof und im Markus Zentrum, im kulturell-, musikalischen, wie im sozialen, pädagogischen und diakonischen Engagement, in und für Menschen in dieser Stadt.
Geben wir der Resonanz Raum und Zeit und unsere Aufmerksamkeit.3
Für die Kirche – und alle, die darin Verantwortung tragen – drängt die Zeit, sich von der Zeit der Fülle zu verabschieden, sich nicht länger von unnötigen Sorgenlasten um Besitzstände und vom Verwalten des Schrumpfens gefangen nehmen zu lassen.4
Die Botschaft von der Genügsamkeit klingt im Fortissimo aus der neuen Welt Gottes zu uns herüber. Öffnen wir auch unsere eigenen Resonanzräume für diese Botschaft. Öffnen wir uns als Christengemeinde. Damit die Kirche eine neue Gestalt annehme. Damit sie ihre Relevanz für die Menschen in dieser Welt und in dieser Stadt verstärke. 5
Amen
1 I Vgl. zur Auslegung des gesamten Abschnittes: L. Schrottroff, Der erste Brief an die Korinther, Stuttgart 2013, S. 136-141.
2 I Plautus, Aulularia III 5 (505-535), deutsche Übersetzung Ludwig 1973, 133, zit. In L. Schottroff, S. 140.
3 I Vgl zum Ganzen: Jörg Göpfert; Es reicht. Von der Last und Leichtigkeit der Suffizienz, S.178-189 in: Brigitte Bertelmann, Klaus Heidel (Hrsg.): Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit. München, 2018
4 I Vgl. zum Gedankengang: Anette Kick in: AuB, Zeitschrift für die Evangelische Landeskirche in Württemberg, S.21
5 I Göpfert, S.188
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Was da wirklich steht – Predigt zu 1. Korinther 7, 29-31 von Rudolf Rengstorf
Liebe Leserin, lieber Leser!
„Es sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine.“ Wenn ich mich an diese Weisung des Apostels gehalten hätte, dann wäre ich mit Sicherheit nicht mehr verheiratet. Und ein solcher Text ausgereechnet an dem Sonntag, an dem es um die Gültigkeit des 6. Gebots geht und an dem Jesus im Evangelium sagt: „So sind Mann und Frau nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammen gefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ (Mk. 10,8f) Wie kann einer, der sogar Apostel ist, sagen: Lebe mit deinem Partner zusammen, alsob du nicht zu ihr oder ihm gehörst! Was ist hier bloß los mit Paulus? Weisungen zu erteilen, die sich auch in der damaligen Zeit – da bin ich ganz sicher – kein Ehepartner gefallen ließ. Ganz offensichtlich hatte Paulus von der Ehe keine Ahnung, und vor den Ratschlägen solcher Leute muss man auf der Hut sein. Aber es geht ja hier noch weiter: „Die, die weinen, sollen sein, als weinten sie nicht; und die sich freuen, sollen sein, als freuten sie sich nicht.“ Wer so etwas sagt, würde durch jede Seelsorger-Prüfung rasseln. Was für eine Herzlosigkeit, einem haltlos weinenden Menschen zu sagen: Nun tu mal so, alsob du nicht weinst. Hab dich nicht so, vergiss, was dich zum Weinen bringt. Und genauso herzlos ist es, jemandem, der sich nicht fassen kann vor Freude und Erleichterung, zu sagen: Komm runter und werd mal wieder cool!
Cool sein, cool bleiben, das gilt bei vielen heute ja als eine Art Lebensprinzip. Bloß nichts und niemanden zu nah an sich herankommen lassen, sich nicht dauerhaft binden, immer davon ausgehen, dass alles im Fluss ist und man sich bloß nicht festsetzt und dann auch sitzengelassen wird. Alles mitmachen und mitnehmen, klar, aber innerlich immer schön auf Abstand bleiben und sich nicht engagieren. Ein nicht zu fassender und letztlich charakterloser Mensch, dem es nur um sich selbst und sein Überleben geht: Das kann doch dem leidenschaftlichen Apostel nicht als Ideal vorschweben!
Wenn es dann weitergeht mit Die, die kaufen, sollen sein, als behielten sie die Sachen nicht und die, die Dinge dieser Welt gebrauchen, sollen sein, als brauchten sie sie nicht. Ja. damit kann ich mich anfreunden. Wie viele andere Männer auch, gehe ich nur ungern zum Einkaufen von Klamotten. Dabei cool zu bleiben, fällt mir zum Leidwesen meiner Frau überhaupt nicht schwer. Und an an den Umgang mit Sachen soll man natürlich das Herz nicht hängen, wobei die cooolen Typen im Umgang mit Klamotten und Konsumgütern am ehesten noch ihre coolness verlieren.
Aber noch mal: was ist los mit Paulus, dass er in alle nur denkbaren Lebenslagen dieses „Tut alsob nicht“ schiebt und rät, überall innerlich auf Abstand zu gehen?. Als Begründung gibt er an: „Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ Dass alles vergänglich ist, auch wir selbst, dass wir nichts festhalten können und wir auf Abruf leben, das verdrängen wir in der Tat nur zu leicht. Dass wir kein Recht haben auf „Weiter so“ und „Hauptsache gesund“ sollten wir allerdings beherzigen und auch aufhören, dies ständig als Geburtstagswunsch vor uns her zu tragen. Die Hauptsache ist vielmehr, dass wir lernen, mit unserer Vergänglichkeit, mit unserm Sterbenmüssen umzugehen, unser Haus zu bestellen und loszulassen, was sich nicht halten lässt. Aber das kriege ich doch nicht damit hin, dass ich überall ein „Alob nicht“ dazwischenschiebe! Ehepartner können sich doch nicht auf den unvermeidlich kommenden Abschied von einander dadurch vorbereiten, dass sie jetzt schon miteinander leben, als gäbe es den andern gar nicht mehr! Im Gegenteil: Gerade das Wissen um die Endlichkeit des Lebens wird, wenn es gut geht, die beiden noch enger zusammen führen und darauf achten lassen, einander in dieser Not beizustehen und einander gerade nicht allein zu lassen! Und der Tatsache, dass ich einmal nicht mehr dasein werde, der werde ich doch nicht damit gerecht, dass ich mir schon heute abtrainiere, was mich in Weinen und Lachen zu einer unverwechselbaren Person macht!
Was Pauls zu seinen merkwürdigen „Alsob nicht“- Weisungen veranlasst, bleibt leider in der deutschen Übersetzung des ersten Satzes dieses kurzen Abschnitts verborgen, wenn es heißt: „Die Zeit ist kurz.“ Damit ist nicht die Zeit bis zum Welt- oder Lebensende gemeint Nein, vom Kairos ist im griechischen Urtext die Rede Und das ist der Höhepunkt, auf den alle Zeit zuläuft, der Zeitpunkt nicht des Endes, sondern der Vollendung und Erfüllung. Das ist der Anfang des Lebens, in dem du ganz und gar der Mensch sein wirst, wie Gott dich immer schon haben wollte. Und dieser Anfang kommt damit, dass Christus kommt und die Herrschaft übernimmt. Dieser Kairos – sagt Paulus – ist uns auf den Leib gerückt, steht unmittelbar bevor.
Naja, kann man nun sagen: Diese Naherwartung hat doch getäuscht. Warten wir nicht bis heute auf die Wiederkunft Jesu, und ist das nicht so etwas wie ein St. Nimmerleinstag? Von wegen! Wit sitzen doch hier in einer Welt, in der – anders als draußen – Gott allein das Sagen hat. Wo wir dem begegnen auf Schritt und Tritt, der uns ins Leben gerufen hat. Was wir dort draußen erleben, was uns erfreut und bedrückt, was uns mit anderen Menschen verbindet, bringen wir hier im Singen und Beten vor sein Angesicht. Hier bekommen wir mit, dass Leben mehr ist als das, was sich zwischen Geburt und Tod abspielt, mehr als das, was mich selbst mit dem liebsten Menschen verbindet, mehr als das, was mich jubeln und weinen lässt. Hier geht es um den, der heil macht, was in meinem und deinem Leben zerbrochen ist, der zum Leuchten bringt, was am Verglimmen ist. Hier, wo Gottes Welt zum Vorschein kommt, rückt nun in der Tat alles andere in den Hintergrund. Damit ich mich hier wieder zurechtbringen, aufrichten und segnen lasse und zum Gottesdienst im Alltag der Welt zurückkehre..
Darum also geht es Paulus, dass wir den im Kommen begriffenen Gott nicht verpassen, dass wir ihm Raum geben neben und vor allem, was unser Leben ausfüllt. Achte darauf, dass die Verbindung zum Gottesdienst in der Kirche nicht abreißt. Sonst ist e wirklich so, dass das Kommen Christi zum St. Nimmerleinstag wird. Achte darauf, dass du Raum lässt für Christus. Er braucht ihn, um uns aufmerksam darauf zu machen, dass er gerade auch in der Gestalt von ungeliebten und übersehenen Mitmenschen auf uns zukommt. Wo denn sonst wird uns das auf die Seele gebunden, wenn nicht hier? Und er braucht den Raum, um dir mit seinem Kreuz das Leiden und Sterben der Welt vor Augen zu führen. Das Kreuz, in das du hineinsehen sollst das Leiden von Angehörigen, das Leiden von Gefolterten und Ermordeten, das Leid von hungernden Kindern und derer, die vor Europas Grenzen ums Leben kommen. Er braucht Raum, um dich gewiss zu machen: In diesem Leidenskreuz begegnet uns der auferstandene Christus, kommt er auf uns zu. Er ist der Wiederkommende, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden. Vom Ende der Welt her kommt er mit ausgebreiteten Armen auf uns zu und bringt Heil und Segen. Von hier aus bekommen die Sätze des Paulus Sinn. Ich möchte sie so wiedergeben:
Liebe Schwestern und Brüder: Christus kommt auf uns zu. Davon lasst eure Partnerschaft bestimmen. Ihm setzt aus, was euch traurig und fröhlich macht. Geht mit dem, was ihr verdient und besitzt so um, dass es ihm gefallen kann. Nichts davon vermag euch zu halten. Auf ihn allein kommt es an, Amen.
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Alles ist mir erlaubt - Predigt zu 1. Kor 6, 9-14 von Prof. Dr. Traugott Jähnichen und Nathalie Eleyth
Liebe Gemeinde,
„Alles ist mir erlaubt", radikaler kann man die Freiheitsbotschaft des Evangeliums nicht aussagen. „Alles ist mir erlaubt", dieser Satz klingt wie ein Paukenschlag, ungeahnte Freiheitsräume eröffnend und vielleicht auch ein wenig verstörend. Kaum jemand würde diesen Satz – etwa bei einer Umfrage im Kollegen- der Studierendenkreis – mit der Bibel oder gar mit dem Apostel Paulus in Verbindung bringen. Das Christentum und besonders die Kirchen stehen ja eher im Verdacht, eine Verbotsreligion zu sein. Offensichtlich ist da etwas schief gelaufen…, und natürlich, ich sehe es in manchen skeptischen, fragenden Blicken, der Satz geht ja noch weiter, es kommt ja noch ein großes „aber"?
Doch nicht so schnell: „Alles ist mir erlaubt!" Paulus schreibt diesen Satz zwei Mal in unserem Predigttext, im gesamten Korintherbrief sogar vier Mal, mit großem Nachdruck. Egal ob es sich um eine Parole der Korinther gehandelt oder ob Paulus einen solchen Satz in seinen dortigen Predigten gesagt hat – Paulus weist diesen Satz nicht zurück, er stellt ihn nicht in Frage, auch wenn er gewisse Missverständnisse in der Art, wie die Korinther diesen Satz verstehen und leben, anspricht. Aber der Satz bleibt stehen. Was ist damit gemeint?
Zunächst geht es um etwas ganz Konkretes, um die Speisen. „Alles ist mir erlaubt" bedeutet: Keine Verbote, keine Vorschriften, was ich wann und wie essen oder trinken darf. Keine unreinen Speisen, keine sonstigen Verbote, auch keine Fastenregeln – man kann das eine oder andere zwar tun oder lassen – aber hier gilt: „Alles ist mir erlaubt." Wir können uns wohl kaum vorstellen, welche Befreiung dies für viele Menschen in der Antike, insbesondere für Juden und für Menschen aus den Völkern, die sich an der Thora orientieren wollten, bedeutet hat: Alles ist erlaubt, man kann ohne Nachfragen und ohne Not mit anderen zusammen essen und trinken, neue Formen des gemeinschaftlichen Miteinanders sind eröffnet. Und auch heute gilt: Keine Verbote, was Speisen und Getränke angeht, auch der Genuss von Alkohol oder anderen Genuss- oder sogar Rauschmitteln steht unter dem Satz: „Alles ist mir erlaubt". Allerdings - und hier kommt das erste „aber" ins Spiel: … „aber nichts soll über mich Macht gewinnen." Demjenigen, den Alkohol oder andere Genussmittel beherrschen, geht ja die christliche Freiheit, der Grundton der Botschaft des Evangeliums, verloren. „Alles ist erlaubt", aber ich muss wissen, was ich bedenkenlos gebrauchen und genießen kann oder was andererseits über mich Macht gewinnt.
Aber auch hier gibt es nach Paulus keine festen Regeln - „alles ist erlaubt" - nur ich selbst muss mir Grenzen setzen und entscheiden, womit ich frei umgehen kann und wo wirkliche Gefahren meiner eigenen Freiheit liegen. Das ist sicherlich nicht einfach, es fordert viel von jedem, und deshalb meinten viele in der Christentumsgeschichte, doch besser entsprechende Verbote aufschreiben zu sollen. Aber Paulus ist hier durch und durch von der Freiheit des Evangeliums bestimmt, „Alles ist mir erlaubt, aber nichts darf Macht über mich gewinnen." Das ist eine anspruchsvolle, aber alle Christenmenschen in ihrer Freiheit Ernst nehmende Formulierung. Paulus stellt die christliche Freiheit in den Mittelpunkt, deshalb ist mir alles erlaubt und in meine Verantwortung gestellt.
Alles ist mir erlaubt…?! Von diesem liberalen Geist war die liturgische Konferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland seinerzeit offenbar nicht erfüllt. Bei der Erstellung der Ordnung gottesdienstlicher Texte hat sie den heutigen Predigttext aus dem Korintherbrief einfach zensiert. Die Verse 15 bis 17 wurden aus der Perikope schlicht ausgeklammert.
Und da Dinge, die verschwiegen werden, besonderen Reiz haben, sollen sie an dieser Stelle verlesen werden:
15 „Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne.
16 Oder wisst ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: ‚Die zwei werden ein Fleisch sein.‘
17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm."
Und ich verlese auch nochmal die folgenden Verse bis Vers 19a:
18 „Meidet verantwortungslose Sexualität. Jede Sünde, die ein Mensch tut, ist außerhalb seines Leibes. Wer aber verantwortungslose Sexualität praktiziert, der sündigt gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist…"
Was die EKD bewog die Verse auszulassen, kann nur vermutet werden. Wesentlicher ist nun, der Frage nachzugehen, was Paulus den Korinthern hier so eindringlich mitteilen möchte.
In seiner Erörterung, was christliche Freiheit bedeutet, zeigt Paulus einen Grenzbereich auf: der sexuelle Umgang mit Prostituierten gefährdet die Identität als Christ. Die semantische Opposition zwischen Gliedern Christi und Gliedern
der Hure tritt deutlich hervor: Prostituierte sind keine legitimen Sexualpartnerinnen für die christusgläubigen Korinther.
Sexualität ist für Paulus nicht einfach ein rein physiologischer Akt, das wäre eine Fehlbewertung menschlicher Sexualität. Leiblichkeit darf nicht auf die Sphäre der Triebabläufe reduziert werden wie das Speisen. Sexuelle Kommunikation schafft eine neue Identität. Die durch den Verkehr mit Prostituierten gestiftete Identität ist mit der christlichen inkompatibel, denn durch den Umgang mit einer Prostituierten wird der Mann zu einem Sünder. Durch Sex wird der Mann mit der Frau ein Fleisch, aber eine Vereinigung mit einer pornä zieht den Menschen in den Herrschaftsbereich verantwortungsloser Sexualität.
Im Hintergrund steht hier ein bestimmtes Menschenbild: Für Paulus hat der Mensch nicht einen Leib, er ist Leib. Dieser Leib ist die kommunizierende Existenz des Menschen, „Leib" steht für den ganzen Menschen als Kontaktwesen in Beziehung zu anderen. Der Leib und damit das Selbst des Menschen ist geprägt von der Art dieser Beziehungen, das gilt für den alten, von der Sünde geprägten ebenso wie für den durch die Taufe erneuerten Menschen. Durch die Taufe steht ein Christ mit seinem Leib in Verbindung zu seinem Herrn. Der Leib ist gleich dem Tempel – daher diese Metaphorik – heiliger Bezirk Gottes, der alte Mensch ist durch den Loskauf Christi gerecht geworden, von der Knechtschaft der Sünde befreit.
Soma, also Leib, gehört dem Kyrios, weil ihm seit seiner Auferweckung bis zur künftigen Auferweckung der Leiber durch Gottes Macht der ganze Mensch gehört mitsamt seiner irdischen Realität. Soma ist für Paulus der Ort, der dem Herrschaftsbereich des gekreuzigten und auferstandenen Herrn zugeordnet ist. Christus will nicht nur die Gedanken der Menschen erfüllen; weil Gott die Leiber auferwecken wird und in das eschatologische Heil einbeziehen wird, beansprucht Gott diesen Ort – soma/Leib – jetzt schon für sich als Ort, wo sich seine Kraft, sein Geist entfaltet und Wirklichkeit wird. Paulus versucht den Korinthern verständlich zu machen, dass ihre Leiber in den Heils- und Herrschaftsbereich Christi eingegliedert sind. Daher gefährdet man seine neue Identität als Christ, die von der Sünde der Ungerechtigkeit befreit ist, wenn man sich leiblich auf die Sünde mit einer Prostituierten einlässt.
Auf eine Weise kann ich die paulinische Argumentation nachvollziehen, auf andere Weise stößt mir sauer auf, dass Paulus, der in seinen Briefen für unterschiedlichste Parteien Empathie zeigen kann, sich hier als ein Ignorant
erweist. Er schreibt an die von ihm selbst gegründete Gemeinde in Korinth, einer Hafenstadt, in der Prostitution eine sichtbare und akzeptierte Realität war.
Daher meine Anfragen an Paulus:
1.) Konntest du dir nicht vorstellen, dass auch Prostituierte Teil in der korinthischen Gemeinde waren? Ein Großteil der Gemeindemitglieder entstammte der gesellschaftlichen Unterschicht. Frauen waren durch schlechte Löhne häufig gezwungen, sich Geld hinzuzuverdienen und Prostitution war eine Option.
Haben christusgläubige Prostituierte nicht den Geist Christi in sich? Was ich als gnadenlos empfinde, ist allerdings die Tatsache, dass nicht nur ökonomischer Druck Frauen sich prostituieren ließ, sondern Sklavinnen häufig sexuell ausgebeutet und zur Prostitution gezwungen wurden. Ich versuche mich, in so eine Frau hinein zu versetzen, die der korinthischen Gemeinde angehört und sich im Kreis der Christusgläubigen vielleicht Worte des Verständnisses für ihre Lebenssituation, Angenommen sein und Seelsorge erhofft hatte und die dann bei der Verlesung des paulinischen Briefs hören muss, dass ihr Hurenleib mit christlicher Identität nicht vereinbar ist. Ein trauriges Gedankenszenario, eine Möglichkeit, die Paulus aus seiner androzentrischen Perspektive nicht bedacht hat.
2.) Ich frage mich, Paulus, ob du beim Verfassen dieser brieflichen Zeilen überhaupt den Geist Jesu hattest, der einen respektvollen Umgang mit Prostituierten pflegte, in dessen Stammbaum sie namentlich erwähnt werden, der sich von ihnen berühren ließ und für den eine Prostituierte Paradigma des Glaubens sein konnte, der das Himmelreich offensteht.
3.) Wenn du über die Würde des menschlichen Leibes sinnierst, dann darfst du nicht vergessen: auch der Leib einer Prostituierten ist von Gott geschaffen. Warum erkenne ich in diesen Zeilen bei dir nicht die biblische Linie der Parteilichkeit Gottes für die Unteren?
Paulus irritiert und orientiert zugleich. Er äußert in seinem Brief an die Korinther auch eine erstaunliche moderne Ansicht, die es lohnt zu bedenken: Sexualität ist nicht einfach das Abreagieren von Bedürfnissen, Sexualität und Identität bilden einen festen Verweisungszusammenhang. Sexualität lässt einen nicht „kalt", sondern wie der Mensch Sexualität erfährt und lebt, macht etwas mit ihm. Daher
soll sie verantwortungsvoll gestaltet werden und nicht als bloßes physiologisches Bedürfnis mit Essen und Trinken auf einer Stufe stehen.
Christliche Freiheit darf nicht unbestimmt sein, darin hat Paulus sicher Recht. Das schrankenlose Sich-Ausleben schlägt rasch in Knechtschaft um. Das droht fatalerweise dann, wenn man sich seiner eigenen Vollmacht zu sicher zu sein wähnt und meint über sich frei verfügen zu können. Gegen Paulus ist wiederum festzuhalten: Jeder Mensch und damit konkret jeder Leib besitzt Würde. Und diese Würde bleibt gewahrt, egal was andere Menschen dem Leib antun. Leibliche Würde ist unantastbar und kann nicht verloren gehen.
Leiblichkeit hat bei Paulus schließlich immer auch einen Bezug zur christlichen Gemeinde. Bei seiner Aussage: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten", hat Paulus nicht nur das Individuum, sondern die Gemeinde mit im Blick. Der entscheidende Horizont der Freiheit bei allen Fragen der Lebensführung, bei der Sexualität ebenso wie beim Umgang mit Geld und Gut, ist nicht nur die nach dem individuell Verantwortbaren und privat Erlaubten, sondern zugleich die nach dem für alle Glieder des Leibes Christi Nützlichen. Die Gemeinde soll sich durch ihr Verhalten im zwischenmenschlichen und sozialen Bereich deutlich von der paganen Umwelt unterscheiden.
Christenmenschen sind, so schreibt es Paulus am Ende des Predigttextes, von Gott teuer erkauft. Wir sind frei gekauft, in Freiheit versetzt – „Alles ist mir erlaubt.." – und gleichzeitig in eine Bindung an unseren Herrn und an die Mitchristen gesetzt, Glieder des Leibes Christi. Diese Bindung bestimmt unsere Identität, Paulus nennt es: unseren Leib. Wie können wir heute mit unserem Leib als Glieder des Leibes Christi ausdrücken, dass wir befreit sind? Es kann vielleicht so geschehen, dass wir in einem befreiten Miteinander alle diejenigen, die zu uns als Gemeinde kommen, ohne Vorbehalt annehmen, niemanden ausschließen und mit ihnen zusammen eine Gemeinde der Verschiedenen bilden. In Freiheit und Würde zusammen leben, den Anderen respektieren, auch in dem, was uns fremd ist. Von einer solchen Gemeinschaft kann man sich nur selbst ausschließen, wohl durch extreme Gewinnsucht, Diskriminierung von Schwachen oder auch durch verantwortungslose Sexualität. Aber als Gemeinde wollen wir allen mit Respekt begegnen, gerade denen, die auf den ersten Blick nicht zu uns zu passen scheinen, deren Lebensform gegen sie zu sprechen scheint und gerade ihnen zeigen, dass im Bereich des Leibes Christi ein solidarisches, geschwisterliches Leben Realität ist und ihnen auf diese Weise die Erfahrung der Freiheit der Kinder Gottes
vermitteln. „Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr" (Mth. 21,31), sagt Jesus provokativ zu den Priestern und Ältesten in Jerusalem. Können wir uns vorstellen, dass – sagen wir einmal – Investmentbanker, Hedge-Fonds-Manager und Escort-Begleiterinnen oder kleine Gauner und Straßenprostituierte ins Reich Gottes kommen oder gar – noch unwahrscheinlicher – in unseren Gemeinden freundliche Aufnahme finden? Welche Herausforderung bedeutet dies für uns? Jesu Praxis der Gemeinschaft mit diesen und anderen scheinbar so schwierigen Menschen ist von einer grenzenlosen Weite, und gerade so gewinnt er viele für das Reich Gottes und ermöglicht Neuanfänge, wo wir dies für undenkbar halten. Auch für Paulus könnte diese Praxis wohl eher irritierend gewesen sein.
Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext ist sicherlich herausfordernd, anstößig und orientierend zugleich. Wir können von Paulus lernen und empfinden manches von dem, was er aus seiner androzentrischen Perspektive heraus schreibt, als wenig respektvoll. Nichtsdestotrotz: Sein Grundton ist die Botschaft der christlichen Freiheit, das Christentum ist keine Verbots- und Gehorsamsreligion. Man kann diese Freiheit willkürlich missverstehen und falsch gebrauchen, so dass sie in neue Abhängigkeiten führt. Man kann diese Freiheit aber nie übertreiben, man kann sie letztlich nur zu wenig radikal vertreten, d.h. zu wenig von ihrer Wurzel, von Christus her verstehen. In diesem Sinn können und sollen wir im Wissen um die damit gegebene Verantwortung mit Paulus sagen: „Alles ist mir erlaubt …". Amen.
Anmerkung:
Übersetzung der Perikope 1.Kor 6 9-14.18-20
Diese Übersetzung und zugleich Interpretation des paulinischen Textes wurde von Traugott Jähnichen erstellt. Dies erschien Prof. Dr. Traugott Jähnichen hilfreich, damit diejenigen, die sich den Text durchlesen, wissen, dass bestimmte Begriffe wie "Unzucht" und Co. mit modernen Begriffen wie "verantwortungslose Sexualität" wiedergegeben worden.
1. Kor. 6, 9-14, 18-20
Wisst ihr nicht, dass diejenigen, die ungerecht handeln, das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Alle, die mit Sexualität unverantwortlich umgehen, die Götzenbilder anbeten, diejenigen, die die Ehe brechen oder pädophile homosexuelle Neigungen ausleben, die Diebe, diejenigen, die süchtig nach immer mehr Gewinn sind oder sich dem Rausch ergeben, die, die Mobbing betreiben, die Räuber, sie alle werden das Reich Gottes nicht erben. Einige von euch waren so, aber nun seid ihr in der Taufe neu geworden, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen. Die Speisen sind für den Bauch, und der Bauch für die Speise – und Gott wird das eine wie das andere außer Kraft setzen. Der Leib aber nicht für verantwortungslose Sexualität, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.
Meidet verantwortungslose Sexualität. Jede Sünde, die ein Mensch tut, ist außerhalb seines Leibes. Wer aber verantwortungslose Sexualität praktiziert, der sündigt gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist, den ihr von Gott empfangen habt, und dass ihr euch nicht selbst gehört? Ihr seid nämlich teuer erkauft, darum ehrt Gott mit eurem Leib.
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Was macht Vergebung - Predigt zu 1. Kor 6, 9-14 von Dr. Frank Hiddemann
Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
1. Ist Vergebung spürbar?
Liebe Gemeinde!
Woran merken Sie eigentlich, dass Ihnen die Sünden vergeben sind?
Können Sie das spüren? Oder kann ich es beobachten? Oder wissen Sie es nur, ohne dass es eine größere Auswirkung auf ihr Leben hat?
Ich vermute, die meisten von uns würden - wenn sie eine längere Zeit darüber nachgedacht hätten -, auf ein Gefühl stoßen. Vielleicht ein Gefühl wie nach einer langen Trauer, wenn einer plötzlich wieder lachen kann, ein Gefühl der Erleichterung. - Ich vermute, Sie würden nicht antworten: Es ist so, wie bei einer Magen- und Darmgrippe. Man muss sich übergeben, übergeben, übergeben - und irgendwann weiß man: Es ist alles raus! - Und ich vermute, es ist bei Ihnen auch nicht so wie bei unseren Freunden den Katholiken, die vielleicht sagen würden: Erst wenn ich die Sünde wieder gutgemacht habe, und im Fall, dass sie nicht anders wieder gut gemacht werden kann: wenn ich eine Reihe von Gebeten gesprochen habe, ist die Sünde vergeben.
2. Eine chassidische Geschichte
Wollen Sie wissen, wie ich auf diese nahe liegende, aber doch selten gestellte Frage stieß? Ich las eine Geschichte, die Martin Buber aus dem chassidischen Judentum erzählt. Vor mehr als 100 Jahren gab es in den Landschaften des heutigen Polens und der Ukraine eine blühende jüdische Religionskultur, in der es inspirierte Gemeinden und vor allem auch sehr weise, manchmal sogar wundertätige Rabbiner gab. Anfang des 19. Jahrhunderts lebte dort Rabbi Simcha Bunam von Pzysha, von dem folgende Geschichte erzählt wird.
Zweite Stimme
Das Zeichen der Vergebung
"Woran erkennen wir wohl", fragte Rabbi Bunam seine Schüler, "in diesem Zeitalter ohne Propheten, wann uns eine Sünde vergeben ist?" Die Schüler gaben mancherlei Antwort, aber keine gefiel dem Rabbi. "Wir erkennen es", sagte er, "daran, dass wir die Sünde nicht mehr tun.“[1]
Auch den Schülern des Rabbi Bunan fällt die Antwort auf diese Frage schwer. So wie den meisten von uns. Dass die Frage heikel ist, merken wir schon an der Art, wie Rabbi Bunam sie stellt: Sie gilt nur für die Zeit ohne Propheten. Hätten wir unter uns solche, wäre die Sache klar. Sie würden uns als Gottes Stimme unsere Sünden verkünden und was wir tun müssten, um diese hinter uns zu lassen. Nur ohne Propheten sind wir auf uns selbst verwiesen. Und da kommt die Antwort so, dass sie allen Propheten gefallen würde: Vergebung der Sünde heißt:
Die Sünde nicht mehr tun.
Vergebung heißt:
Die Sünde nicht mehr tun müssen.
3. ALLES IST ERLAUBT!
Sieht unser Predigttext das anders? Er sagt: "Alles ist erlaubt!" Aber was heißt das? Hören wir zunächst genau hin! N.N. liest uns aus dem 6. Kapitel des 1. Korintherbriefs:
Zweite Stimme
Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht ererben werden? Irret euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und das sind euer etliche gewesen. Aber ihr habt euch in der Taufe abwaschen lassen, ja, ihr seid geheiligt worden, ja, ihr seid gerecht gesprochen worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unsres Gottes. Alles ist mir erlaubt; aber nicht alles ist heilsam. Alles ist mir erlaubt, aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst angehört? Denn ihr seid teuer erkauft worden; so verherrlichet nun Gott mit eurem Leibe![2]
4. Wir lästern nicht
Unser Text enthält zuerst einen so genannten Lasterkatalog. Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Habsüchtige, Trunkenbolde, Lästerer, Räuber. - Katalog - das klingt ein bisschen nach Versandhaus, als ob man sich was aussuchen könnte. Und tatsächlich ist es wohl auch so gemeint. Irgendwo soll sich jeder von uns wiedererkennen. - Wo würden Sie sich selbst einordnen? Wenn Sie gar nichts finden, baue ich Ihnen eine Brücke. Neulich las ich im Internet:
Zweite Stimme
Wir lästern nicht. Wir beobachten, analysieren und bewerten.
Wir neigen in der Regel dazu, unser Verhalten eher in einem Tugendkatalog zu suchen als in einem Lasterkatalog. Paulus Aufzählung spekuliert damit, dass seine Zuhörer beginnen zu überlegen, was vielleicht auf sie selbst zutreffen könnte.
Zweite Stimme
Und das sind euer etliche gewesen.
Was übrigens alle diese Sünden gemein haben, in größerer oder kleinerer Ausprägung, ist dies: Es sind alles Taten von Menschen, die nicht bei sich selbst bleiben können und dabei andere entehren oder verletzen. Gier nach den Körpern anderer Menschen, Gier nach ihrem Hab und Gut, die Sucht, über sie herzuziehen, die Sucht sich selbst auszuschalten, im Alkohol oder sogar im Verkauf des eigenen Körpers. Sich berauben oder andere berauben. Was Paulus hier als die Sünden der Vergangenheit aufzählt, ist eigentlich nur eine einzige Sünde: Über die eigenen Grenzen gehen. Und dabei sich oder andere verletzen. Meistens passiert beides.
5. Wir sind Ausbalancierte
Und so ist Paulus' seelsorgerlicher Rat zu verstehen. Er versucht nicht die Laster seines Lasterkatalogs bei seiner Gemeinde auszumerzen, als sei das eine Sache des Willens oder der Anstrengung. Sie sind Getaufte. Sie sind Gekaufte. Sie sind solche, die Christus gehören, der teuer für sie bezahlt hat, nämlich mit seinem eigenen Leben. Anders gesagt: sie sind Zentrierte, Balancierte, Austarierte, solche, die bei sich bleiben können. Solche, die das große gierige Ausschwingen zu den Gütern und Körpern der anderen nicht mehr brauchen. Jedenfalls eigentlich nicht mehr brauchen. Wie schnell sich das vergisst, wissen wir ja wahrscheinlich alle. Aber wer sich erinnert, der weiß es wieder: Ich darf mich nicht beherrschen lassen!
Zweite Stimme
Alles ist mir erlaubt; aber nicht alles ist heilsam. Alles ist mir erlaubt, aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen.
6. In der Mitte des Tempels wohnt Gott
Das Schlussbild vom Tempel unseres Leibes wiederholt diesen Gedanken nur mit einem anderen Bild. Tragischer Weise stellt man sich unter einem Tempel oder eine Kirche immer einen Ort vor, der sehr steif ist und in dem man sich benehmen muss. Wenn wir hier Kita-Gottesdienst haben, zischen die Erzieherinnen immer den Kindern Sätze zu wie: "Phil, nimm dein Basecap ab!" Und: "Hier gelten die Kirchen-Regeln! Das heißt: Mund zu!" Da kann der Gottesdienst noch so bunt und fröhlich sein, die Haupt-Botschaft sendet der Benimm-Code.
Und in südlichen Ländern erzählt man sich, müssen Frauen ihre nackten Armen bedecken, wenn sie in eine Kirche wollen. Kirchenwächter stehen am Portal und mustern jeden Besucher und vor allem die Besucherinnen. Sie suchen nackte Haut, die bedeckt werden soll. Unbefangenheit ist nicht erwünscht. Es gelten die Kirchen-Regeln!
Wenn wir uns solche Bilder aufrufen, wenn wir an eine Kirche oder einen Tempel denken, scheint der Körper als Tempel des Heiligen Geistes ein sehr unangenehmer und steifer Ort zu sein. Das antike Bild des Tempels meint aber nur: Es ist die Wohnung Gottes. Gott wohnt in der Mitte des Tempels. Und wenn Gott in unserer Mitte wohnt, erübrigt sich eben das Ausschwingen und Ausgreifen nach dem Leben anderer, die verzweifelten Versuche, unser Leben durch Raub und Selbstweggabe zu intensivieren.
In klassischen Zeiten baute man gern griechische Tempelchen nach. Sie standen in Parks, gerne auf leichten Anhöhen. Ein paar Säulen trugen ein Baldachin artiges Dach. Darin eine Figur oder auch manchmal Leere. Ein luftiges Haus, nach allen Seiten offen. So stelle ich mir auch gerne Menschen vor, in denen Gott wohnt. Eigentlich mehr ein Teil der Landschaft, als ein Bunker gegen das Außen. Vielleicht entsteht die Offenheit des Gebäudes sogar, indem Gott in seiner Mitte wohnt und Angst und Schutzbedürfnisse überflüssig macht. Ist es Zufall, dass gerade die luftige Variante Gottes, sein Geist, in unseren Körpertempeln wohnen soll?
7. Wann geht die Sünde
Woran merken Sie eigentlich, dass Ihnen die Sünden vergeben sind? Wenn Sie spüren, dass es in Ihrer Mitte ruhig ist und sie keinerlei Bedürfnis verspüren, auszuschweifen. Wenn Sie der Meinung sind, ich kann so bleiben, wie ich bin. Wenn Sie merken, Gott wohnt in mir - und das ist genug. Oder wie sagte es Rabbi Bunam?
Zweite Stimme
Woran erkennen wir wohl (...) wann uns eine Sünde vergeben ist?" "Wir erkennen es (...) daran, dass wir die Sünde nicht mehr tun.
Amen.
Und der Friede Gottes, der weiter ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus
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Wem gehören wir? – Predigt zu 1. Korinther 6,-9-14.18-20 von Angelika Volkmann
Liebe Gemeinde,
wovon lassen wir uns beherrschen?
Sind wir getrieben von Neid und Sucht und Machtgelüsten? Voller Sorge um das eigene Image? Verführt dazu, schlecht über andere zu reden? Sind wir ausgeliefert an sexuelle Gier? Frönen wir einem Körperkult und purer Genusssucht? Als Mitglieder einer Gemeinde, die sich sonntags hier zum Gottesdienst versammeln, vermutlich eher nicht.
Der Apostel Paulus schreibt über solche Fragen an die Gemeinde in Korinth. Er spricht konkrete Alltagsprobleme der Gemeindeglieder an. Die meisten Christusgläubigen in dieser multikulturellen und multireligiösen römischen Stadt am Hafen kommen aus dem Heidentum. Gut 400 Jahre zuvor hatte der Philosoph Diogenes von Sinope auch in Korinth seine Lehre vertreten und Essen, Trinken und Körperlichkeit ohne Einschränkungen und Schamgefühl propagiert. Die Äußerung von Paulus zeigt, dass diese Lebensweise in der Stadt Korinth durchaus üblich war und dass einige Gemeindeglieder ein solches Leben geführt haben. „Alles ist mir erlaubt!“ – so lautete die sogenannte korinthische Parole, mit der Trunkenheit, Diebstahl und auch ein unverantwortlicher Umgang mit Sexualität gerechtfertigt wurden. Dafür findet Paulus kritische Worte:
Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
Liebe Gemeinde,
Es ist noch nicht klar, was für die Christusgläubigen gilt. Die Identitätsfindung ist noch im Fluss in der Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus. Was gilt für uns? So fragen die Korinther zwischen römisch-hellenistischen Ansichten und jüdischen Geboten. Paulus klärt in seinem Brief einige Fragen in diesem Zusammenhang. Er orientiert sich dabei an den wichtigsten jüdischen Geboten, die schon damals aus jüdischer Sicht auch für Nichtjuden gelten. Der jüdische Glaube kennt gute Gebote für die ganze Menschheit. Die wichtigsten drei sind das Verbot von Unzucht, von Götzendienst und Blutvergießen. Diese Gebote gelten selbstverständlich auch für die christusgläubige Gemeinde.
Unzucht, das griechische Wort heißt: porneia. Damit ist eine unverantwortliche Sexualpraxis gemeint. In aller Schärfe stellt Paulus fest: Wer unverantwortlich mit seiner Sexualität umgeht, der gehört nicht in das Reich Gottes. Heute verstehen wir ihn so: wer beziehungslos Sexualität konsumiert, wer Sexualität so lebt, dass Beziehungen zerstört werden, wer vergewaltigt oder sich an Kindern oder Abhängigen vergreift, wer Menschen sexuell benutzt oder ausbeutet, der gehört nicht in das Reich Gottes.
Blutvergießen: Damit sind Gewalttaten gemeint. Das fängt schon an, wenn jemand schlecht über andere redet, lesen wir in der Bergpredigt Jesu. Auch wer stiehlt, sagt Paulus, und wer den Hals nicht voll genug bekommt, wer im Rausch anderen schadet, wer verleumdet und mobbt und ausbeutet, begünstigt dadurch Gewalt und Blutvergießen und gehört nicht in Gottes Welt.
Götzendienst: Wer andere Gottheiten verehrt, gehört nicht in das Reich Gottes. Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott, sagt Martin Luther. Wer sein Herz z.B. an Geld und Macht oder einen perfekt gestylten Körper hängt, wer dem eigenen Ego dient, wer sich selbst zum Maßstab aller Dinge macht und vergisst, dass er sich einem Größeren verdankt, der gehört nicht in das Reich Gottes. Denn er wird voller Verachtung sein gegenüber anderen.
Der jüdische Glaube lehrt uns: wenn alle Menschen, egal welchen Glaubens oder auch ohne einen Glauben an einen Gott diese drei Gebote einhalten, dann ist dem Zusammenleben der Menschen sehr gedient.
Um wieviel mehr müssen diese Verhaltensweisen für eine christliche Gemeinde verbindlich sein. Paulus sagt: wer sich daran nicht hält, gehört nicht in das Reich Gottes.
Harte Worte. Doch Paulus schließt nicht nur aus, Paulus lädt auch ein. Früher habt ihr solche Dinge gemacht, sagt er. Aber jetzt ist es anders. Ihr seid andere geworden. Man kann sich ändern und Ungutes hinter sich lassen. Durch die Verbindung zu Jesus Christus gehört ihr zu Gott. Ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht gemacht. Wer zu Christus gehört, ist ein neuer Mensch. Gott wohnt in euch! Wer Christus gehört, gehört nicht zerstörerischen Impulsen, vielmehr dient er dem Guten.
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich … Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
Es geht darum, dass wir so leben, dass es uns selber und der Gemeinschaft guttut. Und es geht darum, dass es nicht egal ist, was wir mit unserem Körper tun. Denn auch diese Auffassung herrschte in Korinth, dass der Körper, und was wir mit ihm machen, nicht so wichtig sei.
Der Körper ist der Tempel, in dem Gottes Geist wohnt, sagt Paulus. Nicht nur die Seele stellt eine enge Verbindung zu Gott her, sondern auch der Körper. Heute ist uns bekannt, wie sehr beide miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Wie sehr es auf die Seele zurückwirkt, wenn sich der Körper wohlfühlt, wenn er genügend Bewegung und genügend Schlaf bekommt und gesundes Essen. Wenn man ausgeschlafen ist, fühlt man sich glücklicher als bei chronischem Schlafmangel. Ein Spaziergang durch die Natur hellt unsere Stimmung auf. Positive Angebote des Körpers sind für die Seele unwiderstehlich. (nach Monika Lehmann-Etzelmüller)
So ist es nicht nur medizinisch, sondern auch geistlich geboten, mit dem eigenen Körper gut umzugehen. Euer Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes.
Das ist für manche in Korinth völlig neu. Auch für uns mag es fremd sein. Auch wir verlagern die Dinge des Glaubens gern in die Innenwelt, in Herz und Geist. Gott mit dem Herzen loben, ja, aber mit Herzen, Mund und Händen? (nach Monika Lehmann-Etzelmüller)
Dabei ist es uns nicht fern. Was haben wir nicht alles in den letzten Tagen mit unseren Händen Liebevolles und Gutes getan: eine liebevolle Berührung, für jemanden etwas Hilfreiches erledigt, eine Mahlzeit zubereitet, gegossen und gepflanzt, jemandem die Hand gereicht oder sie einem anderen Menschen ermutigend auf die Schulter gelegt. Manchmal reicht ganz wenig, um Gottes Güte und Liebe gegenwärtig sein zu lassen für andere. Oder die Füße. Wo waren sie unterwegs in der vergangenen Woche? Oder der Mund. Der kann kritisieren und schlecht reden, aber auch Liebevolles sagen, Mut zusprechen, Küsse verteilen. (Monika Lehmann-Etzelmüller)
Oder die Augen. Wie schaue ich auf andere? Wie schaue ich auf mich selbst? Wie schaue ich auf die Welt? Wenn Gott in mir wohnt – kann ich gütig schauen, freundlich?
Oder eben die Sexualität. Diese wunderbare Gabe Gottes an jeden Menschen. Und das besondere Geschenk, sich zu binden, sich körperlich einlassen zu können auf einen Menschen, den man liebt, auf Berührung und Hingabe, einander erkennen in der gemeinsamen Verbundenheit mit Gott.
Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?
Uns für die Gegenwart Gottes in unserem Körper zu öffnen, heilt uns, befreit uns und lässt uns großzügig sein. Die Gegenwart Gottes in anderen Menschen zu sehen verändert unsere Wahrnehmung und unser Verhalten.
Martin Buber erzählt in seinen chassidischen Geschichten, wie der Kozker Rebbe einige Männer fragt: „Wo wohnt Gott?“ Und dann schließlich selber seine eigene Frage beantwortet: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“
Darum preist Gott mit eurem Leibe, schreibt Paulus.
Dazu sind wir eingeladen, ja aufgefordert. Das ist beglückend. Dabei erwartet uns ein Leben in Fülle.
Amen.
Angelika Volkmann, Pfarrerin an der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingen,
email: Angelika.Volkmann@elkw.de
verwendete Literatur:
Einige Anregungen verdanke ich Monika Lehmann-Etzelmüller, Mit Herzen, Mund und Händen, 29. Juli 2012, 8. Sonntag nach Trinitatis, 1. Korinther 6,9-14.18-20, in: Pastoralblätter, 7-8/ 2012, S. 521ff
Jürgen Pithan, 8. Sonntag nach Trinitatis: 1.Kor 6,9-(14.18-)20, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, zur Perikopenreihe IV, herausgegeben von Studium in Israel, e.V., Wernsbach 2005, S. 252-256
Mareike Schmied, 8. Sonntag nach Trinitatis: 1.Kor 6,9-14.18-20, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, zur Perikopenreihe IV, herausgegeben von Studium in Israel, e.V., Berlin 2017, S. 286-290
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Wer immer strebend sich bemüht – Predigt zu 1. Korinther 14,1-3,21-25 von Uwe Hüllweg
Liebe Gemeinde,
am kommenden Donnerstag geht es los. Es wird wieder hoch hergehen, jedenfalls bei den Fußballfreunden. In Russland beginnt die Weltmeisterschaft der Männer, und natürlich ist auch die deutsche Mannschaft dabei. Ich kann mich noch lebhaft an das „Sommermärchen“ vor zwölf Jahren in Deutschland erinnern, ob gekauft oder nicht, und erst recht an die Weltmeisterschaft vor vier Jahren, als Deutschland wieder mal Weltmeister wurde. Begeisterung und Jubel allenthalben. In den Stadien, auf den „Fanmeilen“ beim „Public Viewing“ und an den heimischen Bildschirmen wird gefiebert, gebrüllt, gestöhnt, da werden Sprechchöre angestimmt, es kommen Freuden- oder Schreckenslaute aus vielen Kehlen. Erwachsene und junge Menschen statten sich mit Fan-Artikeln aus oder verkleiden sich witzig und manchmal verrückt, malen sich in den jeweiligen Nationalfarben an. Selbst Pfarrer werden davon nicht verschont: Ich habe erlebt, wie ein geschätzter Amtsbruder bei der Fernsehübertragung des Spiels Portugal gegen Deutschland mit Portugal-Cap auf dem Kopf und mit Germany-T-Shirt am Leib erschien - immerhin ausgewogen!
Manche von uns sind bestimmt auch jetzt wieder mit Herzen, Mund und Händen dabei, wenn am nächsten Sonntag Mexiko und Deutschland gegeneinander antreten. Ich kenne das auch, obwohl ich kein fanatischer Fußballfan bin: Ich gucke mir das an, in mir fiebert dann etwas mit, ich kann mich dem einfach nicht entziehen. Und wer mal im Stadion war, kennt auch dieses „Oaaah“ aus zehntausenden Kehlen, wenn der Ball zentimeternah am Tor vorbeifliegt, und erst recht den ohrenbetäubenden Schrei, wenn er „drin“ ist. Dann ist der Verstand weg, und das Gefühl bordet über.
In Korinth scheint bei den Erwachsenen Ähnliches geschehen zu sein, die sind zwar, soweit wir wissen, keine Fußballfans, sondern mit Sicherheit Anhänger des antiken Olympia. Es war jedoch ausgerechnet beim Gottesdienst der christlichen Gemeinde eingerissen, den Gefühlen freien Lauf zu lassen und geradezu in Ekstase zu geraten. Sie wurden von ihrer Begeisterung so mitgerissen, so dass sie nur noch unverständliches Gestammel hervorbrachten. Dann begannen sie zu zappeln und zu tanzen und dabei Unverständliches zu lallen. Der Verstand war weg, das Gefühl bordete über. Die Korinther werteten das als untrügliches Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes. „Zungenrede“ nannten sie das, wenn Mund und Zunge unkontrolliert und unverständlich Laute ausstießen. Auch heute gibt es das noch in manchen durchaus bedeutenden christlichen Strömungen, wie z.B. in den Pfingstkirchen oder der „Charismatischen Bewegung“. Dort wird solches ebenfalls als unmittelbares Reden mit Gott verstanden. Auch im außerchristlichen Bereich gibt es religiöse Ekstase, etwa bei den tanzenden Derwischen muslimischer Orden in der Türkei oder bei den Schamanen mancher Naturvölker.
Paulus verurteilt das „Zungenreden“ nun keineswegs, er kann damit leben. Er schreibt sogar selbstbewusst: Ich praktiziere es mehr als ihr alle (V. 18), sprich: Ich kann es besser als ihr! Aber er fragt doch auch kritisch nach: Was ist mit denen, die das nicht verstehen? Schließt ihr damit nicht andere Menschen aus? Dieses sogenannte Zungenreden ist doch nicht das Wichtigste, das kann doch nicht das Zentrum christlicher Glaubenspraxis sein! Paulus betrachtet nämlich auch vieles andere als Gabe des Geistes, so etwa Dienste der Nächstenliebe oder in der Verwaltung. Dem prophetischen, verständlichen Reden aber gibt er den Vorrang. Wichtig war ihm, dass die ganze Gemeinde in der Erkenntnis wächst, und dabei kann solche Ekstase im Wege stehen. (Sach- und Worterklärungen, Luther 17).
Und so setzt er sich kritisch mit dem Wesen dieser für uns befremdlichen Praxis auseinander: Wer „in Zungen redet“, ist nur noch bei sich selbst und bei Gott, schreibt er, aber nicht bei den anderen Christen. Der kreist im wahrsten Sinne des Wortes um sich selbst und kündigt sozusagen die „Gemeinschaft der Heiligen“ zumindest zeitweise auf.
Das „prophetische Reden“ aber, das er dagegen setzt, schaltet den Verstand nicht ab und klinkt sich nicht aus der Gemeinschaft aus. Es nimmt stattdessen auch den anderen Menschen in den Blick, „zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung“.
Wenn ihr schon in Zungen reden müsst, dann sollt ihr es nicht übertreiben, mahnt er, sondern auch eine Erklärung, eine Auslegung dazu geben, für alle, die es nicht verstehen, es sozusagen der Kontrolle des Verstandes unterwerfen und für die anderen einen Zugang für den Verstand schaffen. Dann mag es für Paulus angehen. Mit Verstand, eben verständlich reden, das ist für Paulus entscheidend für die Verkündigung, und das ist es bis heute in der Predigtlehre der evangelischen und inzwischen auch der katholischen Kirche.
Nun könnten wir ja meinen, was interessiert uns dieses spezielle Problem der Korinther. Bei uns hier gibt es das nicht. Und doch haben wir mehr damit zu tun als auf den ersten Blick scheint, auch wenn wir keine Pfingstler sind und nicht der Charismatischen Bewegung angehören, wo religiöse Ekstase auch eine Rolle spielt. Alles, was in der Gemeinde an Kommunikation mit Gott und den Menschen geschieht, stellt Paulus unter die Überschrift: „Strebt nach der Liebe!“, und zwar gleich im ersten Vers. Das ist ihm offenbar das Allerwichtigste. Und es ist auch für uns heute ein Grund, uns zu prüfen, ob das bei unseren Lebens- und Glaubensäußerungen geschieht.
Ein Kapitel vorher, im berühmten Kapitel 13 des Römerbriefs, entfaltet Paulus ja mit mächtigen, geradezu unsterblichen Worten seine Gedanken über die Liebe. Und wir werden sicher alle das Schlusswort im Kopf haben, mit dem er seine Ausführungen zusammenfasst: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Das ist einer der bekanntesten Verse der Bibel. Viele Brautpaare, die ich in meinem beruflichen Leben getraut habe, wünschten sich gerade ihn, um ihr gemeinsames Leben davon begleiten zu lassen.
An diese wunderbaren Worte knüpft Paulus unmittelbar an, wenn er sein neues Kapitel so beginnt: „Strebt nach der Liebe!“ Wer sie zum Maßstab seines Reden und Handelns macht, hat begriffen, worauf es ankommt. Zungenrede schön und gut - das liebevolle prophetische Reden, das auch aus dem Herzen kommt, genießt allemal den Vorzug. Sein entscheidendes Merkmal: Man kann es verstehen.
Ob unsere Andachten und Gottesdienste, unsere Gebete und Predigten, alles, was wir in Kirche und alltäglichem Leben an Glaubensäußerungen von uns geben, vor dem kritischen Urteil des Paulus bestehen könnte? Er würde vermutlich nicht wollen, dass bei uns gefühlsüberbordende „Zungenrede“ eingeführt wird. Die liturgische Strenge des Gottesdienstablaufs, die gedankliche und rhetorische Schlüssigkeit der Predigten, die ausgefeilte Glätte der Gebete würden ihm, dem größten Theologen der Christenheit, der ja Gedankenfülle und logische und theologische Klarheit als sein Handwerkszeug mit sich trägt, vermutlich nicht unliebsam sein. Ich nehme aber an, dass er uns, im Gegensatz zu den Korinthern, fragen würde: Ist die prophetische Rede bei euch nicht erlahmt? Vertragen eure Gottesdienste nicht ein bisschen mehr Feuer? Ist euer Glaube noch begeisterungsfähig?
Man hat uns Protestanten ja gelegentlich vorgeworfen, staubtrocken, verkopft und langweilig zu sein, nur den Verstand und nicht auch die Sinne anzusprechen. Da mag etwas dran sein. Deshalb hat es in den letzten Jahrzehnten hier und da neue Ideen in der Gottesdienstgestaltung gegeben, z.B. mit Einbeziehung der Teilnehmenden, mit schmissiger Musik, mit Bildern und Aktionen.
Auch haben wir Evangelischen uns bei den anderen Konfessionen umgesehen und von unseren ökumenischen Geschwistern manches übernommen. Ich nenne nur als Beispiele das Friedenszeichen beim Abendmahl, die Farben von Talar und Stola, die Kerzenbäume in manchen Kirchen, Gebetswände und Handauflegungen, und das alles, um mit Paulus zu sprechen, „zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung“.
Auch wir heute stehen noch immer unter der werbenden Aufforderung des Apostels: „Strebt nach der Liebe!“ Erbauung, Ermahnung und Tröstung sind Ausdrucksformen christlicher Liebe. Wer wollte von sich behaupten, dass er oder sie deren nicht bedürfe? Und wer kann ehrlichen Gewissens sagen, dass es in seiner und ihrer Umgebung keine Menschen gebe, die deren nicht bedürfen und es möglicherweise von uns erwarten könnten?
Lassen wir uns also einfangen von diesen biblischen Worten und das Wirken des Heiligen Geistes erbitten, der uns
- anrege und ermutige zum beherzten Gebrauch unseres Verstandes beim Streben nach der Liebe;
- anrege und ermutige zur phantasievollen Anwendung des Glaubens auch im Alltag;
- anrege und ermutige zu verständlichem Reden und Wertschätzung der Gemeinschaft;
- anrege und ermutige zur „zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung“.
Manche werden das berühmte Zitat aus dem Faust II von Goethe kennen: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“. Ich leihe es mir aus und wandle im Sinne des Paulus entscheidend ab: Wer immer strebend sich bemüht, um die Liebe, der hat etwas von der Erlösung begriffen, die in Jesus Christus bereits geschehen ist.
Amen.
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„…wenn ein Unkundiger oder Ungläubiger herein käme in unseren Gottesdienst“ – Predigt zu 1. Korinther 14, 1-3.20-25 von Christoph Hildebrandt-Ayasse
1. Korinther 14, 1-3.20-25
„ Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen. Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.« Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.“
Liebe Gemeinde,
„…wenn ein Unkundiger oder Ungläubiger herein käme in unseren Gottesdienst“- was dann? Was würde er oder sie erleben?
Sooft ich kann, gehe ich gerne in andere Gottesdienste in anderen Gemeinden, vor allem im Urlaub. Als Ortsunkundiger muss ich dann manchmal im Gesangbuch nach der gängigen Liturgie suchen. Wann darf ich aufstehen, wann sitzen bleiben? Ist das hier eine reformierte, lutherische oder unierte Liturgie? Oder ich staune über den Reichtum orthodoxer Gottesdienste, über diesen Reichtum an Gesängen, Lesungen, Verbeugungen, Prozessionen und Weihrauch. Oder ich fühle mich etwas gehemmt, wenn in charismatisch geprägten Gemeinden mit erhobenen Armen gesungen und gebetet wird. Oder ich vernehme in einem Gebetsgottesdienst mit Erstaunen ein Gebet in Zungenrede. Oder ich klatsche verhalten und schüchtern mit, wenn um mich herum eine Gospelgemeinde singt, swingt und tanzt. Oder ich denke, ich falle unangenehm auf, wenn ich bei einer Messfeier mich nicht bekreuzige oder hinknie.
Auch wenn ich mich als Unkundiger in einer anderen Gemeinde recht fremd unter fremden Mitchristen fühlen kann, so denke ich doch: es ist wunderbar, wie vielfältig die Traditionen in meinem Glauben sind und wie unterschiedlich Gottesdienst gefeiert werden kann. Gott kann in vielen Sprachen und Formen gelobt werden.
Und vielleicht kennen sie das ja auch: man ist im Urlaub in einem fremdsprachigen Gottesdienst, ein Unkundiger, was Sprache, Ablauf und Liturgie anbelangt, und feiert trotzdem den Gottesdienst innerlich mit, mit einem eigenen, stillen Gottesdienst hinten im Eck einer alten Kirche.
„…wenn ein Unkundiger oder Ungläubiger herein käme in unseren Gottesdienst“- was dann? Dann kann er sich hoffentlich zuhause fühlen in dem für ihn fremden Gottesdienst und das Gefühl bekommen: Gott ist wahrhaftig unter uns.
Dass ein Unkundiger oder Ungläubiger im christlichen Gottesdienst auftaucht, das war damals zur Zeit des Apostels Paulus wohl nichts Ungewöhnliches. In der quirligen Hafenstadt Korinth gab es Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Religion. Man feierte seine eigenen Gottesdienste in der eigenen Sprache, Religion und Tradition jeweils in seinem Tempel oder Versammlungsort. Und da konnte es nicht ausbleiben, dass jemand aus Neugierde einmal den Gottesdienst einer anderen Religion oder Sprachgruppe besuchte. Oder er kommt als Unkundiger oder Andersgläubiger zum Gottesdienst, weil er dazu eingeladen wurde von einem Arbeitskollegen oder aus der eigenen Familie, in der jemand zu einer anderen Religion gehört. Das ist so, wie wenn man heute als Urlauber in einen Gottesdienst in Peking oder Sidney oder Kischinau geht oder zu einer Konfirmation „ganz wo anders“ eingeladen wird oder eine Einladung zum Iftar-Essen in eine Moscheegemeinde erhält.
„…wenn ein Unkundiger oder Ungläubiger herein käme in unseren Gottesdienst“- Paulus regt die Gemeindeglieder in Korinth an, doch einmal diese Außenperspektive ein zu nehmen. Wie wirkt ihr als Gemeinde auf Besucher? Werden Außenstehende durch eure Gottesdienste zum Glauben eingeladen? Führen eure Gottesdienste dazu, dass Menschen das Beten lernen? Dass sie ihr Herz ausschütten können? Dass sie sich in Gott geborgen fühlen?
Paulus sieht bei den Gottesdienstfeiern in Korinth hier ein ganz konkretes Problem. Und das Problem ist für ihn „das Reden in Zungen“. Die Zungenrede¸ von der Paulus hier spricht, muss allerdings unterschieden werden von dem öffentlichen Predigen der Jünger in ihnen unbekannten Sprachen am ersten Pfingstfest. Darum geht es Paulus in unserem heutigen Bibeltext nicht.
Es geht ihm hier um das private Reden in Zungen, nicht um das öffentliche. Vielleicht haben sie so ein Reden in Zungen in einem Gottesdienst schon einmal erlebt. Die Zungenrede ist eine sehr besondere Form des ganz persönlichen Gebetes. Wer in Zungen betet, der spricht sein Gebet in einer völlig unverständlichen Sprache und in fremdklingenden Lauten. Diese Art zu beten ist in vielen Pfingstgemeinde in der christlichen Welt ganz normal; für viele europäischen Christen wirkt das Beten in Zungen allerdings äußerst befremdlich. Paulus zählt die Zungenrede zu den möglichen acht Gaben des Heiligen Geistes. Man kann diese Gabe haben, man muss sie aber nicht haben. Es gibt allerdings Pfingstgemeinden, die fordern die Gabe des Zungenredens von ihren Mitgliedern als Ausweis echten christlichen Glaubens.
Paulus sieht die Gabe der Zungenrede als eine mögliche Geistesgabe. Für ihn ist sie aber keine Voraussetzung für das Christsein. Wer in Zungen beten kann, der betet in einer besonders intensiven Art. Es ist eine Art ganz tiefes Herzensgebet, das den eigenen Glauben stärkt und mit dem man sich geheimnisvoll in Gott birgt; ein ganz privates und wohltuendes spirituelles Erlebnis. Aber es bleibt eben bloß privat, sagt Paulus. Es ist ein Reden für Gott, aber nicht für Menschen. Und das ist, wenn es um öffentliche Gottesdienste geht, für Paulus das große Problem. Öffentliche Gottesdienste sind keine Privatveranstaltung, sondern die Bezeugung des Wortes Gottes in der Welt und für die Welt.
Im christlichen Gottesdienst geht es immer auch um eine Feier für andere, für Unkundige und für Ungläubige. Der Gottesdienst der christlichen Gemeinden wird nicht nur für die Gemeinde und ihre religiösen Bedürfnisse gefeiert. Er muss immer auch offen sein für andere; für die, die nicht zur Gemeinde gehören.
Wenn also jemand in einen Gottesdienst kommt, in dem alle in Zungen reden und ihre private Frömmigkeit pflegen, so wird der nichts verstehen von dem, was es heißt, Gottesdienst zu feiern und wird nur den Kopf schütteln über solch eine exklusive Versammlung. Wie gesagt: Paulus lehnt die Gabe der Zungenrede nicht grundsätzlich ab. Sie ist eine mögliche Geistesgabe. Aber er erstellt eine Prioritätenliste. „Bemüht euch um die Gaben des Geistes“, schreibt er, „am meisten aber nach der Gabe der Profetischen Rede.“
So wie er im Kapitel voraus von Glaube, Liebe und Hoffnung sprach und die Liebe als die größte unter ihnen beschrieb, so setzt er hier unter den Geistesgaben die prophetische Rede deutlich über das Reden in Zungen. Vor allem um diese Geistesgabe: die prophetischen Rede soll die Gemeinde sich bemühen. Und zwar nicht nur die Pfarrerin oder der Pfarrer oder die Gemeindeleitenden, sondern alle in der Gottesdienstgemeinde. Wenn alle prophetisch redeten „…wenn ein Unkundiger oder Ungläubiger herein käme in unseren Gottesdienst“, ja dann könnte er merken und spüren, dass Gott gegenwärtig ist im Gottesdienst.
„Prophetische Rede“: das klingt ziemlich anspruchsvoll. Man denkt dabei an die Propheten des Alten Testamentes. An ihre Gerichtsworte gegenüber den Herrschern, an ihren Einsatz für Gerechtigkeit, an ihre großartigen Zukunftsentwürfe von Gottes Frieden für unsere Welt. Und man denkt vielleicht: das ist alles eine Nummer zu groß für mich.
Paulus aber erklärt die Prophetische Rede so: „Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“ Und diese Gabe kann Gottes Geist allen in der Gemeinde schenken.
Ein Beispiel dafür? Da gehe ich mit schlechter Laune und einem Problem belastet in den Gottesdienst in einer anderen Stadt. Gleich am Eingang der Kirche begegne ich einem ersten prophetischen Wort: mit einem freundlichen „Guten Morgen“ drückt mir jemand ein Gesangbuch in die Hand und meine Stimmung gerät in ein anderes Licht. Der Bußpsalm und das Sündenbekenntnis im Gottesdienst prüfen und überführen mich gleichsam und im stillen Gebet kann ich vor Gott bringen, was in meinem Herzen verborgen war. Erbauung und Ermahnung und Tröstung habe ich im Gottesdienst erfahren durch die Worte, Gebete und Gesang einer mir fremden Gemeinde: die Wirkungen der Gabe der prophetischen Rede.
„…wenn ein Unkundiger oder Ungläubiger herein käme in unseren Gottesdienst“ – wie würde er oder sie sich bei uns fühlen? Würde er oder würde sie hilfreiche, wohltuende und tröstende Worte hören? Würde er auf eine Gemeinde treffen, die offen ist für andere und Gottes Gegenwart mit ihnen feiern möchte?
Amen
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Von Propheten und überraschenden Gästen! - Predigt zu 1. Korinther 14,1-3+20 von Mirko Peisert
Liebe Gemeinde,
ein durchschnittlicher Konfirmand verschickt in seiner durchschnittlichen Konfirmandenzeit von 18 Monaten im Schnitt 99.513 Nachrichten und erhält im Schnitt 155.500 Text-Nachrichten.
Immer wichtiger werden Videobotschaften und Filmclips. Youtube steht so hoch im Kurs wie nie. Angesichts dessen ist selbst der Fernseher für Jugendliche längst zur Nebensache geworden. Das beliebteste und am häufigsten aufgerufene Konfirmationsvideo aus Deutschland auf Youtube ist übrigens ein Make-up Tutorial zum Thema Make-up, Haare & Outfit für deine Konfirmationen!
Ich glaube, es ist kein Zufall, dass es um Make-Up geht! Selbstdarstellung ist für viele heute ziemlich wichtig. Gut, da stehe vor den anderen. Von vielem gemocht werden. Das wird durchs Smartphone noch verstärkt!
Ein Jugendlicher erklärt mir: Es ist ein befriedigendes Gefühl, wenn man für ein Selfie viele likes kriegt. Im Schnitt krieg ich so um die sechzig likes, wenn es gut läuft, achtzig bis hundert. Wenn ein Bild nicht so läuft, überlegt man sich schon, weshalb das Bild nicht wirkt. Trotzdem sind für mich likes nicht ausschlaggebend, ich teile Momente mit meinen Freunden.
Wie wirken wir?
Wie wirken wir als Gemeinde?
Wie wirken wir auf Gäste?
Paulus stellt diese scheinbar so modernen Fragen auch seiner Gemeinde in Korinth und gibt deutliche Anweisungen:
Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe! Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist verleiht – vor allem aber danach, als Prophet zu reden. Wer in fremden Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn. Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis. Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, ermutigt sie und tröstet sie.
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Brüder und Schwestern, seid doch nicht unmündig wie Kinder, wenn es ans Denken geht. Wenn es dagegen um die Bosheit geht, sollt ihr wie Kleinkinder sein. Aber beim Denken sollt ihr euch als mündige Erwachsene erweisen. Im Gesetz heißt es: »So spricht der Herr: In fremden Sprachen und durch fremde Lippen will ich zu diesem Volk reden. Aber auch dann werden sie nicht auf mich hören.« Das Reden in fremden Sprachen ist also ein Zeichen – aber nicht für die, die zum Glauben gekommen sind, sondern für die Ungläubigen. Bei der prophetischen Rede ist es umgekehrt: Sie ist nicht für die Ungläubigen bestimmt, sondern für die, die zum Glauben gekommen sind. Stellt euch vor: Die Gemeinde kommt zusammen und alle reden in fremden Sprachen. Wenn jetzt Unkundige oder Ungläubige hereinkommen, werden sie euch wohl für verrückt halten. Stellt euch aber umgekehrt vor: Alle reden als Propheten. Wenn jetzt ein Ungläubiger oder Unkundiger hereinkommt, wird er sich von allen zur Rechenschaft gezogen sehen. Er weiß sich von allen geprüft. Das, was in seinem Herzen verborgen ist, kommt ans Licht. Er wird sich niederwerfen, Gott anbeten und bekennen: »Tatsächlich, Gott ist mitten unter euch!«
(Text nach Basisbibel)
Wie wirken wir?
Wie wirken wir als Gemeinde?
Wie wirken wir auf Gäste?
Ja, wir wirken wie hier auf jemanden Fremden, auf einen Unkundigen, der herein kommt zu uns?
Stellt euch vor: Die Gemeinde kommt zusammen und alle reden in fremden Sprachen. Wenn jetzt Unkundige oder Ungläubige hereinkommen, werden sie euch wohl für verrückt halten.
Ich finde Paulus entwirft ziemlich moderne Kriterien zur Beurteilung der zerstrittenen Situation in Korinth. Und er reizt mich zu fragen: Wie wirkt unser Gottesdienst heute auf einen fremden Gast? Die Liturgie, die wir feiern, meine Predigt? Die Orgelmusik?
Ob Sie uns auch für verrückt halten? Oder wie eine fremde Sprache? Eine ferne Welt?
Hape Kerkeling hat unseren Gottesdiensten ein ziemlich schlechtes Zeugnis ausgestellt. Er schreibt:
„Gott ist für mich so eine Art hervorragender Film wie Ghandi mehrfach preisgekrönt und großartig! Und die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. Die Projektionsfläche für Gott. Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus oder man muss irgendwelche nervigen Durchsagen während der Vorführung anhören…Kein Vergnügen wahrscheinlich, sich einen Kassenknüller wie Ghandi unter solchen Umständen ansehen zu müssen. Viele werden rausgehen und sagen. Schlechter Film. Wer aber genau hinsieht, erahnt, dass es sich dich um ein einziges Meisterwerk handelt… Leinwand und Lautsprecher geben nur das wieder, wozu sie in der Lage sind. Das ist menschlich. Gott ist der Film du die Kirche ist das Kino, in dem er läuft. Ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D und Stereo-Qualität unverfälscht und in voller Länge angucken. Und vielleicht spielen wir ja mit.“
Wie wirken wir?
Wie wirken wir als Gemeinde?
Wie wirken wir auf Gäste?
Paulus stellt diese Fragen seiner Gemeinde in Korinth angesichts eines Streits. Es geht um das richtige Reden im Gottesdienst und da wendet sich Paulus gegen ein Phänomen, das Luther mit Zungenrede übersetzt hat. Das Fachwort heißt Glossolalie und meint ein geistbegabtes, aber unverständliches betendes Sprechen, das in der Welt der ersten Christen weit verbreitet war, aber deren Praxis im Gottesdienst Paulus hier infrage stellt.
Paulus empfiehlt der Gemeinde stattdessen das Prophetische Reden!
Stellt euch vor: Alle reden als Propheten. Wenn jetzt ein Ungläubiger oder Unkundiger hereinkommt, wird er sich von allen zur Rechenschaft gezogen sehen.
Er weiß sich von allen geprüft. Das, was in seinem Herzen verborgen ist, kommt ans Licht.
Er wird sich niederwerfen, Gott anbeten und bekennen:
»Tatsächlich, Gott ist mitten unter euch!«
Die interessante Frage ist aber, was meint er mit dem prophetischen Reden? Und was könnte das heute sein?
Vielleicht erklärt es das Experiment des Sozialpsychologen Salomon Asch:
Sein Versuch bestand schlicht dran, nach der Länge von Linien zu fragen.
Die Probanden bekamen Kärtchen, auf dem oben ein Strich und darunter eine Auswahl von drei weiteren Strichen aufgedruckt waren. Einer der drei unteren Striche war offensichtlich genauso lang wie der obere, einer war länger, einer war kürzer. Die Versuchspersonen mussten allein den zum oberen Strich passenden nennen. Allein für diese einfache Aufgabe gestellt, gab jeder die richtige Antwort.
Dann allerdings brachte Asch die Teilnehmer in einer Gruppe zusammen. Jede Gruppe bestand aus einer Versuchsperson und dazu sieben Helfern, die Asch ohne Wissen der Probanden instruiert hatte. Die Helfer begannen nun einstimmig und im Brustton der Überzeugung, falsche Antworten zu geben. Kurze Striche nannten sie lang, lange nannten sie kurz.
Die nichts ahnenden Versuchspersonen?
Sie schlossen sich an. Dieselben Probanden, die vorher ohne zu zögern die Linien vor ihren Augen richtig zuordnen konnten, erklärten jetzt Striche, die nach ein paar Fingerbreiten endeten für länger als solche, die sich fast über die ganze Seite zogen. Nicht einmal jede vierte Versuchsperson schaffte es, dem unsinnigen Zureden der Helfen zu widerstehen und eine eigene Position zu beziehen. Prophetisch zu reden, das heißt für mich der Mut zur eigenen Meinung, zur Wahrhaftigkeit, zum Widerspruch, so wie Lennart mit seinem fleckigen T-Shirt. Der Fleck begleitete ihn, immer noch zu sehen, dabei hatte seine Mutter das T-Shirt sogar eingeweicht und anschließend mit Spezialprogramm gewaschen. Doch der Blutfleck war immer noch da. Nur der Schriftzug auf dem Shirt war ausgewaschen: Kein Mensch ist illegal.
Er zog es heute trotzdem wieder an.
Es war auf dem Rückweg nach Hause, als er die beiden Kahlgeschorenen auf ihn zukamen. An viel mehr kann er sich gar nicht mehr erinnern. Seine Nase muss unglaublich geblutet haben. In der Zeitung stand später nur von einer Schlägerei unter Jugendlichen an der U-Bahn Station Steintor. Doch für ihn ging es um viel mehr! Es ging ihm um Haltung, ums Prinzip, es ging ihm um seinen Glauben.
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird! Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt! Das Gedicht von Günther Eich kommt ihm in den Sinn. Paulus sagt: Seid doch nicht unmündig wie Kinder, wenn es ans Denken geht! Beim Denken sollt ihr euch als mündige Erwachsene erweisen.
Trotzdem. Trotzdem zog er das befleckte T-Shirt wieder an. Trotz dem Alten Drachen! Und wenn die Welt voll Teufel wär Und wollten uns verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr!
Trotz des Telefonterrors engagiert die Kirchenvorsteherin sich weiter im Flüchtlingscafé am Dienstag. Trotz der Todesdrohungen sagt, Seygun Ates, tritt sie für einen neuen Islam ein. Trotzdem, hat jemand auf das Pflaster vor der Gedächtniskirche in Berlin gesprüht, an dem noch immer viele Kerzen an die Opfer des Attentates erinnern.
Trotz der Zahlen, auch wenn wir immer weniger werden, wenn unsere Gemeinden schrumpfen, auch wenn nur wenige in den Gottesdienst kommen, trotzdem dürfen wir uns nicht die Gewissheit, den Mut nehmen lassen. Das wäre ja noch schöneren
Nein es wird nicht mit unserer Kraft, nicht mit unserer Macht geschehen, aber er, er wird doch das Feld behalten! Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist verleiht! Wer sonst als wir könnte denn das Unmögliche zur Sprache bringen, die Träume wach halten. widersprechen der Sinnlosigkeit Der Angst etwas entgegenhalten. Aufstehen gegen die Kräfte, die uns klein machen wollen und krank und stumm.
Seid doch nicht unmündig wie Kinder, wenn es ans Denken geht! Beim Denken sollt ihr euch als mündige Erwachsene erweise
Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe! Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist verleiht – Vor allem aber danach, als Prophet zu reden.
AMEN
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Gottes Geist wie Bienen – Predigt zu 1. Korinther 1,12-16 von Barbara Eberhardt
Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen“? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.
Es geschieht ein Brausen vom Himmel. Na ja, vielleicht ist es auch ein mittelleises Summen. Ich stehe mit meiner Freundin in ihrem Garten. Vor uns sind vier Bienenstöcke. Bienen ziehen ihre Schleifen, landen am Kasten, krabbeln um den Eingang herum und verschwinden schließlich darin, während andere von innen auftauchen und zum Start ansetzen.
Meine Freundin ist seit drei Jahren Hobby-Imkerin. Das auch noch, habe ich mir gedacht, als sie mir damals erzählt hat, dass sie mittwochs jetzt immer den Imkerkurs hat. Sie hatte zu dieser Zeit schon genug um die Ohren. Eine kränkelnde Mutter, um die sie sich kümmern musste. Eine Arbeitsstelle, mit der sie schon seit Jahren nicht zufrieden war, weil sie da ein funktionierendes Rädchen sein sollte. Mitdenken, eine eigene Meinung haben, war nicht erwünscht. Die Hierarchien sollten gewahrt bleiben. Bewirb dich doch woanders, habe ich geraten. Ja, aber, sagte sie. Und blieb. Eine Torheit war das in meinen Augen. Nach meiner Logik wäre ein Jobwechsel angesagt gewesen.
Stattdessen begann sie mit den Bienen. Immer wenn wir uns getroffen haben, hat sie davon erzählt. Von Smoker und Imkerhut, vom Heranziehen einer Bienenkönigin, von Waben und Honigarten.
Irgendwann war meine Freundin mit ihrem Kurs fertig. Sie trat dem Imkerverein bei, ging zum Imkerstammtisch, kaufte sich Bienenkästen. Am Anfang hatte sie wenig Glück. Ein Volk war krank, eines verließ den Bienenstock. Dieses Jahr aber geht es sehr gut. Ein Volk hat sie sogar auf ihrem Gartengrundstück in der Fränkischen Schweiz eingefangen. Es war einfach da.
Mittlerweile bin ich froh, dass meine Freundin dieses Hobby begonnen hat. Es ist ein neuer Geist bei ihr eingezogen. Sie hadert nicht mehr so mit ihrem Job. Wenn ich sie besuche, stehen wir erst einmal vor den Bienen. Und staunen.
Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.
Es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel, erzählt die Bibel. Wie das Summen eines Bienenschwarms. Und der Geist Gottes kommt.
Als Kind habe ich diese Szene mit Begeisterung gemalt. Menschen mit grünen und gelben und blauen Gewändern und auf einem jeden von ihnen eine rote Feuerflamme. Und alle lachten von einem Ohr zum anderen. Überhaupt haben mir die biblischen Geschichten in Ohren und Herz gesummt . Sie waren voll Zauber und Farben. Es wimmelte von Tieren. Esel mit ihren Jungen und Fische und Kamele und Schafe, viele Schafe, von denen auch ich eins sein durfte. Ich lief mit Jesus über Felder, saß mit ihm auf dem Fischerboot, als ein Sturm kam. Die Jünger hatten Angst, aber ich, ich wusste immer: Jesus wird mich beschützen.
Ich wohnte Tür an Tür mit dem kleinen Zachäus, der auf einen Baum klettern musste, um Jesus zu sehen. Da wuselten so viele Menschen herum in gelben und grünen und blauen Gewändern, und Zachäus wäre verschwunden in der Menge. Aber Jesus sah genau auf den Baum und auf ihn, und Zachäus lachte von einem Ohr bis zum anderen und ich mit ihm, denn Jesus sieht auf die Kleinen, auf dich und mich, kennt auch dich und hat dich lieb.
Das war mir als Kind tiefe Gewissheit und deshalb war mir auch die Geschichte so einleuchtend mit dem Geist, der brausend in vielen kleinen Feuerflammen kommt. Denn Gott schaut auf jeden einzelnen Menschen, auch auf die kleinsten, und alle bekommen etwas ab von seiner Liebe.
Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.
Irgendwann ist der Zauber der Kindheit ausgeflogen wie ein Bienenschwarm. Unbeachtet stapelten sich meine Bilder von Pfingsten und Zachäus und all den anderen in der Ecke und verblassten. Die Kinderbibel wurde gegen die Lutherbibel ausgetauscht, und die enthielt nur noch stumme Buchstaben, von denen ich die Hälfte nicht verstand. Überhaupt war jetzt Verstehen angesagt und die Welt wurde erklärt. Urknall und Evolution, und was können wir überhaupt von Jesus wissen? Gelebt hat er wohl und gekreuzigt wurde er auch, aber alles andere, Ostern und Himmelfahrt und Pfingsten? Das musst du glauben, hat der Pfarrer gesagt. Aber Müssen wollte ich damals nicht, mach ich auch heute nur ungern. Und vom Heiligen Geist war eh nichts zu sehen. Atomkraft, nein danke und Unfriede herrscht auf der Erde, und die Worte des Pfarrers in der Kirche klangen wie Rauschen in der Ferne, schwarz und weiß und manchmal auch grau, aber niemals mehr farbig.
Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.
Ich weiß nicht, wann es begonnen hat, dass die biblischen Worte ihr Summen zurückgewonnen haben. Vielleicht war Gottes Geist im Spiel. So wie er oft im Spiel ist, wenn etwas Neues entsteht. Ein neuer Blick. Ein neuer Weg.
Vielleicht war es, als ich mit anderen über die Bibel diskutiert habe. Als ich meine Fragen und Kritik offen gesagt habe und andere nicht geantwortet haben: Du musst eben glauben. Da zumindest ist der Geist zurückgekommen, den ich in meiner Kindheit gespürt habe. Das Gefühl, angenommen zu sein, so wie ich bin. Mit all meinen Zweifeln. Vielleicht die Kleinste von allen, die sich auf einen Baum in sicherer Entfernung zurückgezogen hat. Und doch hat Gott gerade mich angesehen.
Als Erwachsene haben wir es in Manchem schwerer als die Kinder. Wir kennen den Geist der Welt: Rationalisieren, regulieren. Nach dem Nutzen fragen. Sich unterordnen. Dem glauben, was schwarz auf weiß steht. Erst die Arbeit dann das Spiel. Manchmal lebe ich auch so. Muss ich, denn ich lebe nicht auf einer Insel, sondern in einer Welt mit Krankenversicherung und Lohnsteuerjahresausgleich, mit Gesetzen und Terminen. Und ich verstehe jetzt auch, warum meine Freundin ihre Arbeitsstelle behalten hat – bis heute. Dem Geist der Welt kann man nicht durch Jobwechsel entfliehen.
Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.
Gott schenkt uns seinen Geist. Er umgibt uns, Erwachsene wie Kinder, mit Brausen und Summen, wie Hunderte kleiner Bienen, die Schleifen in den Luft ziehen. Manche landen und und manche fliegen weiter.
Gestern, erzählt meine Freundin, als wir gemeinsam vor ihren Bienenkästen stehen, gestern hat sie in einen ihrer Kästen hineingeguckt. Emsiges Treiben war da, denn es war am frühen Abend und viele Bienen waren gerade heimgekommen. Alle hatten gelbe Höschen. Denn im Moment ist alles gelb. Die Birken, der Raps. Und da war eine Biene, die hatte ein blaues Höschen. Wo hatte sie das her?, frage ich. Keine Ahnung, sagt meine Freundin. Kann man nicht verstehen. Aber es war so schön.
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Fremdes Feuer - Predigt zu 1. Korinther 2,12-16 von Sven Keppler
I. „Das alles bringt nichts. Diese Versammlungen werden zu nichts führen. Die Stimme der Mäßigung, die Stimme der Vernunft, war unhörbar. Sie setzte sich in dieser Orgie nicht durch.“ Zwei Männer gehen abends durch Jerusalem. Frustriert kommen sie aus einer Versammlung ihrer Partei. Man könnte meinen, das Gespräch habe sich erst gestern ereignet. Kopfschütteln über den Hass der Politiker im Nahen Osten. Und ihr Spiel mit dem Feuer.
Aber diese Männer sind im Jahr 1964 unterwegs, in einer Erzählung von Amos Oz. 16 Jahre war Israel damals alt. Derselbe Staat Israel, dessen 70. Gründungstag am vergangenen Montag gefeiert wurde. Die beiden Männer sind Mitglieder in der Partei der Mitte. Der Partei, die eigentlich für Mäßigung eintreten wollte in der Spirale der Gewalt. Aber selbst in der Mitte hatte es die Stimme der Vernunft immer schwerer. Warum nur?
Die Männer sind unterwegs in Rechavia. Diesem grünen, modern gebauten Jerusalemer Stadtteil. Vor allem gebildete deutsche Juden lebten damals dort. Auch die beiden haben ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus gemacht. Und sie haben daraus gelernt: Politik braucht Vernunft. Aber sie spüren: Die Gemäßigten erreichen die anderen nicht mehr. Der eine sagt: Es ist fast unmöglich, „einen berauschten Pöbel und seine leichtsinnigen, euphorischen Führer zu stoppen, die alle jubelnd dem Chaos entgegenrennen.“
Warum ist das so? Warum hat es die Vernunft so schwer? Warum lassen sich so wenige von einem besonnenen Geist ergreifen? Der eine der beiden Männer zündet sich eine Zigarette an. Mühsam schützt er die Flamme des Feuerzeugs vor dem Wind. Es gelingt ihm, die Zigarette zu entzünden. Aber schon bald geht sie wieder aus. Frustriert zertritt sie der Mann auf der Straße. Lag es am Wind? Oder lag es daran, dass er sie nicht gut genug angezündet hatte?
Diese kleine Episode ist symbolisch. Wenn die Vernunft erlischt – liegt es am starken Gegenwind? Oder liegt es daran, dass ihre Vertreter ihre Sache nicht gut genug machen? Woher könnte eine Macht kommen, die stärker ist als der Gegenwind? Und geschickter als wir unzulänglichen Menschen?
Amos Oz erzählt noch ein zweites Detail mit symbolischer Kraft: Die Gründer des Viertels Rechavia hatten viele Bäume gepflanzt. Sie hatten Gärten und Alleen angelegt, weil sie in den glühenden Steinen von Jerusalem ein schattiges, gepflegtes Viertel bauen wollten. Aber nachts nisten im Gebüsch dunkle Geschöpfe, die ihre Flügel ausbreiten und verzweifelt schreien.
Die gute, vernünftige Absicht der Erbauer überzeugt. Schatten spendende Bäume in Jerusalem zu pflanzen ist klug. Aber sie haben ungewollt eine Nachtseite. Die unheimlich schreienden Nachtvögel sind wie ein Fluch der guten Tat. So sehr wir Menschen uns bemühen – allzuoft führt unser Handeln zum unerwünschten Gegenteil.
Eine vernünftige Mäßigung in der Politik – ermutigt sie nicht sogar die Radikalen, die das als Schwäche missverstehen? Die arabischen Nachbarn Israels haben immer wieder mit Krieg gedroht. War es da nicht sogar vernünftig, im Sechs-Tage-Krieg große Gebiete für Israel zu erobern? War es nicht vernünftig, später die großen Mauern zu bauen, um das Land zu schützen. Aber es war nur eine weitere Drehung in der Spirale der Gewalt. Auch anscheinend vernünftiges Handeln lässt die schreienden Nachtvögel groß werden. Nicht nur in Israel. Auch bei uns. Und überall auf der Welt.
II. Hören wir den heutigen Predigttext. Er steht im 1. Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth, im 2. Kapitel [lesen: 1.Kor 2,12-16]
Ist das die Antwort auf die Fragen, die der Text von Amos Oz aufgeworfen hat: Was wir so „Vernunft“ nennen, ist gar nicht vernünftig? Sondern nur „Geist der Welt“, „menschliche Weisheit“, natürliche Torheit? Und deshalb immer wieder zum Scheitern verurteilt? Liebe Gemeinde, ganz so einfach ist es, glaube ich, nicht!
Paulus sagt: Was Gott uns schenkt, das können wir nicht von uns aus wissen. Das erfahren wir nur durch Gottes eigenen Geist. Nicht durch den Geist der Welt. Was Gott uns schenkt, das ist kein natürliches Weltwissen. Gottes Gabe erkennen wir auch dort nicht, wo unsere Vernunft zur Höchstform aufläuft: in der menschlichen Weisheit.
Paulus geht sogar noch einen Schritt weiter: Was Gott uns schenkt, das ist nach menschlichen Maßstäben sogar Unsinn. Eine Torheit. Deshalb ist Gottes Geschenk nach menschlichen, vernünftigen Maßstäben nicht zu beurteilen. Über Gottes Gabe können wir nur geistlich urteilen. Wenn wir von Gottes Geist erfüllt sind.
Aber stimmt das denn? Paulus spricht ja vom Evangelium. Gottes Geschenk ist, dass er uns erlöst. Dass er uns liebevoll behütet und bewahrt. Ist diese Einsicht für unsere Gedanken wirklich so völlig unsinnig und unzugänglich?
Hinter unserer sichtbaren Welt steht eine unsichtbare, ordnende Macht. Diese Annahme ist doch durchaus vernünftig! Die Ordnung der Natur, ihre Gesetze, ihr Entstehen aus einem einzigen Anfangspunkt – das alles spricht doch dafür. Und diese ordnende Macht muss es gut mit der Welt meinen. Gäbe es sonst diese Entwicklung zu immer höheren Lebensformen? Wäre sonst so etwas wie Vernunft und Liebe entstanden? Diese Macht – nennen wir sie Gott – will, dass sich die Welt gut entwickelt. Gott fördert seine Welt, weil er seine Schöpfung liebt. Und deshalb sollen auch wir uns förderlich und liebevoll verhalten. Das klingt doch alles sehr vernünftig!
Und doch erleben wir dasselbe, wie die beiden Männer bei Amos Oz: Diese doch so vernünftigen Gedanken finden nur schwer Gehör. Es herrscht eine überwältigende Gleichgültigkeit gegenüber Gott. Lieber haben die Leute ihren euphorischen, berauschten, leichtsinnigen Spaß.
Ist das wie bei der Zigarette, die nicht brennen wollte? Liegt es am starken Gegenwind? Oder am fehlenden Geschick derer, die vernünftig von Gott reden wollen? Oder ist es wie bei den Bäumen von Rechavia? Gepflanzt, um Schatten zu spenden, locken sie die schreienden Nachtvögel an. Die Religion könnte die höchste Vernunft sein. Aber oft ist sie ein Nistplatz für Radikale, für Hetzer, für Moralisten und Hassprediger. – Es scheint also doch Einiges für die skeptische Einschätzung des Paulus zu sprechen!
III. Wir dürfen die Radikalität von Paulus nicht überhören. Achten wir noch einmal genau auf seinen Text [erneut lesen: 1.Kor 2,12-16].
Paulus sagt nicht, dass Gottes Geschenk eigentlich auch durchaus vernünftig wäre. Und dass sich diese Vernunft nur leider nicht durchsetzt. Sondern Paulus schreibt, dass wir von uns aus gar nicht darauf kommen können. Über die Ursache davon sagt Paulus an dieser Stelle nichts. Aber sie hat wohl viel mit den Bäumen und der Zigarette zu tun. Unser Tun ist tief ambivalent. Selbst wenn wir gute, vernünftige Absichten haben, bekommen sie eine schreiende Nachtseite. Wenn dann noch Gegenwind und Ungeschick dazu kommen, ist das Scheitern nicht mehr weit.
Gottes Geschenk dagegen ist ohne jede Ambivalenz. Es ist eindeutig und ohne Schatten. Der pfingstliche Geist lässt es erkennen: Gott ist Mensch geworden, um uns zu erlösen. Gott will uns retten. Aus unseren Ambivalenzen. Und aus dem Tod. Dafür ist er Mensch geworden. Und durch den Kreuzestod hindurch in ein neues Leben gegangen. Um uns den Weg in ein erlöstes Leben zu bahnen.
Paulus spricht die Korinther als geistliche Menschen an. Sie haben Gottes Geist empfangen. Sie können wissen, was Gott schenkt. Sie haben die passenden geistlichen Worte, um darüber zu reden und zu urteilen. Und wenn wir als christliche Gemeinde diese Worte lesen, dann traut uns Paulus dasselbe ebenfalls zu!
Was folgt daraus? Ich glaube, vor allem dreierlei. Wir dürfen darum beten, dass Gott uns tatsächlich seinen Geist immer wieder schenkt. Und dass er viele Menschen mit diesem Geist erleuchtet. Dass er immer wieder Menschen mit seiner Wahrheit und seiner Liebe erfüllt.
Zum anderen haben wir selbst die Aufgabe, diesen Geist weiterzutragen. Indem wir von Gottes Geschenk erzählen. Und uns nicht davon entmutigen lassen, auch wenn viele nichts von der uns geborgten höheren Vernunft wissen wollen. Gott wird selbst dafür sorgen, dass immer wieder Menschen erreicht werden!
Und schließlich dürfen wir so leben, wie es Gottes Geist entspricht. Befreit. Angstfrei. Liebevoll und zuversichtlich. Engatiert für Frieden und Ausgleich. Ohne Angst vor dem Gegenwind und vor den schreienden Vögeln der Nacht. Unverzagt, auch wenn wir uns immer wieder ungeschickt anstellen. Wir dürfen uns immer wieder daran erinnern: Gottes Geist ist uns geschenkt. Aus ihm dürfen wir leben. Amen.
Quelle: Amos Oz, Fremdes Feuer (1964), in: ders., Wo die Schakale heulen, Berlin 2018, S. 136-171.