Predigt zu Apostelgeschichte 6,1–7 von Gerda Altpeter
1. In jenen Tagen, als es immer mehr Jünger gab, murrten die Griechen gegen die Juden, weil ihre Witwen bei den täglichen Mahlzeiten vernachlässigt wurden.
2.Da riefen die Zwölf die ganze Gemeinde zusammen und sprachen:“Es ist nicht passend für uns, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen, um bei Tisch zu bedienen.
3. Haltet also Ausschau, Brüder, nach 7 Männern unter euch, die einen guten Ruf haben und voll Geist und Weisheit sind, damit sie diesen Dienst tun.
4. Wir aber werden festhalten am Gebet und am Wort.“
5. Die Rede gefiel allen in der Gemeinde. Sie wählten Stefanus, einen Mann voll Glaubens und heiligem Geist, und Philippus und Prochoms und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochien.
6. Diese stellten sie vor die Apostel und legten ihnen die Hände auf.
7. Das Wort Gottes wuchs. Die Zahl der Jünger wuchs in Jerusalem. Viele aus der Menge der Priester hörten auf den Glauben.
Der Weltrat der Kirchen hat einmal alle Mitglieder aufgerufen, sich zu Taufe, Eucharistie und Amt zu äussern. Alle waren sich darin einig, dass die Taufe der Eintritt eines Menschen in die Gemeinde ist.
Bei der Eucharistie suchen wir gegenseitig Gastfreundschaft. Viele Kirchen gewähren sie einander.
Anders sieht es beim Amt aus. Wer ist ein rechter Diener in der Gemeinde? Wer darf die Sakramente verwalten? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit der Dienst in der Kirche gültig getan werden kann? Wie erfolgt die Wahl und die Einsetzung? Wer gibt den Auftrag? Alle diese Fragen müssen beantwortet werden.
Es gibt verschiedene Dienste. Das wird von Anfang an deutlich. Da ist der Dienst am Wort Gottes. Da geht es um soziale Arbeit. Es braucht Leute zum Pflegen und Heilen. Es braucht aber auch Menschen, die arbeiten und Geld verdienen. Je mehr Menschen zur Gemeinde dazu kommen, umso mehr Menschen brauchte es für einen Dienst.
Zunächst gibt es in der Gemeinde nur Juden. Dann kommen Griechen dazu. Heute gibt es viele Sprachen und Staaaten, in denen es Christen gibt.
Es gibt heute das Amt des Predigens und der Verwaltung der Sakramente. Da braucht es den Dienst im sozialen Bereich, im Pflegen und Heilen, in der Versorgung er Armen und in kirchlichen Gasthäusern, in der Verwaltung und in der Reinigung der kirchlichen Räume.
Es gibt verschiedene Dienste.
Für alle Dienste gilt dieselbe Bedingung wie damals. Jeder soll einen guten Ruf haben, sie sollen wohl gelitten sein, Sie sollen Geist und Weisheit besitzen. Sie brauchen ein gütiges Herz und eine scharfe Beobachtungsgabe.
In der ersten Gemeinde finden sich ohne Mühe sieben Männer für den Dienst bei Tisch. Es sind alles griechische Namen. Die Apostel sind Juden. Die 7 Diakone sind Griechen. So kommt es zu einer guten Lösung des leidigen Streites in der Kirche.
Wir heute brauchen auch Männer und Frauen für freiwillige Dienste. Da gibt es die Kirchenräte und die Helfer für Frauen-, Kinder- und Seniorenkreise. Ausflüge werden organisiert. Es gibt Gebets-,Bibel-, Lese- und Literaturkreise. Sie werden hier im Wallis während des Gottesdienstes der Gemeinde vorgestellt und einzeln gefragt, ob sie diese Arbeit übernehmen wollen.
In manchen Kirchen werden den Menscdhen die Hände aufgelegt und sie zu ihrer Arbeit gesegnet. In der orthodoxen, anglikanischen und katholischen Kirche gilt die apostolische Suczession. Dort geht man davon aus, dass seit der Zeit der Apostel immer wieder Menschen die Hände aufgelegt worden sind, so dass dieses Handauflegen in einer Folge von der Zeit der Apostel bis heute erfolgt ist. Der ehemaliche Bischof von Hannover, Hanns Lilje, hat zu seiner Weihe als Bischof einen anglikanischen Erzbischof gebeten, damit er und alle, denen er die Hände auflegt um sie zum Dienst zu weihen, die apostolische Suczession haben. Ich selbst habe sie auf diese Weise durch meine Einsetzung zur Pfarrerin in der Marktkirche Hannover auch bekommen.
Nun suchen wir alle Menschen, die bereit sind, in der Kirche zu arbeiten, sei es nach einem entsprechenden Studium als Pfarrer, als Diakon oder Gemeindeschwester. Es gibt auch die freiwilligen Dienste. Ohne die Freiwilligen würde in der Kirche wie in der öffentlichen Verwaltung in der Schweiz nichts laufen. Wir sind angewiesen auf Freiwillige. Vorläufig gilt es als Ehre, sich in einem solchen Dienst zu bewähren.
Wie sieht es aber bei denen aus, die nun doch Geld zur Seite bringen oder gegen Geld Aufträge vergeben? Das kann vorkommen. Normalerweise müssen diese Menschen zurücktreten und ihren Dienst anderen überlassen. Es wird immer wieder berichtet, dass so etwas geschieht. Es gibt aber Staaten und Kirchen, wo es selbstverständlich erscheint, dass es zu Unregelmässigkeiten kommt.
Wir brauchen Menschen in Staat und Kirche, die ehrlich und weise ihre Aufgabe tun. Es gehört auch der Heilige Geist dazu – wie bei Stephanus – um zu erfahren, was gerade nötig ist.
Möge Gott uns Menschen schenken, die gerne und gut, in Weisheit und Verstand und mit dem Heiligen Geist die notwendige Arbeit bei uns tun.
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"Sieben" - Predigt zu Apostelgeschichte 6,1-7 von Dörte Gebhard
"Sieben"
Liebe Gemeinde,
„ ... wenn das nicht einmal in der Kirche geht – wo dann?“
„Von der Kirche habe ich etwas anderes erwartet!“
Rote Empörung steht der Dame ins Gesicht geschrieben. Sie regt sich auf.
Worüber? Das ist eigentlich weniger interessant, die Geschichte ist auch nicht hier bei uns passiert.
Aber ein herzenskluger Mensch hat einmal gesagt: „Jeder weiss, dass ein Pfarrer auch nur ein Mensch ist, aber wenn es herauskommt, wollen die meisten nichts mehr davon wissen.“[1]
Die Dame ist noch immer sehr aufgebracht – aber ist sie es zu Recht?
Das wissen wir noch nicht, das wird die Predigt weisen. Wir alle müssen noch etwas Geduld haben.
Seit es die Kirche gibt, hat man sich über sie aufgeregt.
Dass sie so weit hinter ihren Idealen zurückbleibt!
Eben, dass der Unterschied zwischen Heiland und Jüngern so groß ist!
Hören Sie von den ersten Aufregungen der jungen Christenheit. Der Predigttext steht in der Apostelgeschichte des Lukas im 6. Kapitel:
Die Wahl der sieben Armenpfleger
1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. 3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. 6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
Liebe Gemeinde,
zwischen den Zeilen steht alles, was wir jetzt noch wissen müssen, damit uns die Kirche in Zukunft nicht mehr Anlass zu Empörungen bietet, damit wir es zuletzt hoffnungsvoller anschauen können.
1. Die Zahl der Jünger nahm zu – die Kirche wuchs. Es wurden immer mehr, aber gerade das schafft auch größere Probleme.
Was bilden wir uns im 21. Jahrhundert eigentlich ein, wenn wir immer betonen, es sei schwierig, wenn die Gemeinden kleiner werden?!
Wissen wir überhaupt, ob das wahr ist? Ich bin überzeugt, niemals waren so viele Menschen freiwillig da. Ohne sie könnten wir nichts tun.
Früher gehörte es sich, dazuzugehören. Nicht wenig Druck und Zwang wurde ausgeübt, nicht immer war das am Tageslicht, aber dafür nicht weniger spürbar.
Wer heute und hier bei uns kommt, hat sich etwas dabei gedacht. Die Freiwilligen nehmen verhältnismäßig zu.
Wer sich weltweit zu den Christen zählt, muss sich auch etwas dabei denken und inzwischen wieder mancherorts schweres Leiden, sogar Folter gewärtigen, die Verfolgungen und die Gewalttätigkeiten, die Verspottungen und Verleumdungen nehmen auch – wieder – zu. 80% der derzeit um ihres Glaubens willen Verfolgten sind Christinnen und Christen.
Wer damals, zu Lukas’ Zeiten kam, musste sich auch etwas dabei denken,
sie wurden mehr, aber damit auch mehr Drangsalierte, vom Rest der Welt mehr oder weniger Verlachte oder Verachtete.
2. Es erhob sich ein Murren – auch typisch, nicht wahr? Konflikte in Kirchgemeinden brechen in der Regel nicht explosionsartig aus, sondern murren sich so langsam ins allgemeine Bewusstsein und nörgeln sich allmählich ins Empfinden aller Betroffenen und Beteiligten.
3. Griechische Juden gegen hebräische Juden, das können wir heute gar nicht mehr nachvollziehen. Aber wir können es uns nur allzu gut vorstellen! Es gilt für Köln und Düsseldorf, für Basel und Zürich, für ...
Denn überall, wo sich Menschen begegnen, gibt es sogleich die einen und die anderen. Winzige kulturelle und sprachliche Unterschiede reichen schon aus, dass wir sagen „wir hier und die da“. Soziologen ordnen uns heute höflich und vornehm, aber doch deutlich in unterschiedliche Milieus ein.
Die einen hören nur Musik mit Schlagzeug, die anderen immer ‚mit ohne’. Den einen fehlt dann immer genau das, was den anderen besonders lästig ist. Die einen sprechen Mundart, die anderen sehr viele sehr andere Sprachen, verstehen sich auch untereinander nicht gerade leicht. Die einen gingen gern zur Schule, die anderen waren nur froh, als es vorbei war. Die einen fahren ans Meer - oder in die Berge, die anderen verreisen nie, weil sie dazu kein Geld übrig haben. Die einen ..., die anderen ...
Griechische Juden murren gegen hebräische Juden, sie sind einander so ähnlich, aber nahe sind sie einander nicht, nicht einmal in dieser neuen, frischen Gemeinde.
4. Weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
Darauf legt Lukas, der friedliebende und harmoniebedürftige Mensch, wirklich wert! Niemand hatte irgendeine böse Absicht, schon gar nicht in den jungen Gemeinden. Damit ist es Lukas ernst, er ist unter allen Evangelisten derjenige, dem die Sozialkompetenz seiner Gemeinde am meisten am Herzen liegt. Er fördert sie mit allen, ihm verfügbaren Mitteln. Die Beispielerzählung vom Barmherzigen Samariter gibt es zum Beispiel nur bei ihm. Er überliefert sie in seinem Evangelium, weil es ihm so dringend wichtig ist für seine Gemeinde.
Nein, die Witwen werden tatsächlich übersehen. Wenn heute Hilfe ausbleibt, Menschen sich enttäuscht zeigen und abwenden, dann meist auch genau darum, weil sie übersehen wurden, weil sie keine Lobby hatten, die laut für sie rief, weil sie im Hauptwettbewerb unserer Mediengesellschaft, im Wettkampf um Aufmerksamkeit nicht bestehen können.
Übersehen konnte man die griechischen Witwen erst noch, überhören kann man das Murren darüber allerdings nicht mehr. Gottlob! Die Ohren kommen den Augen zu Hilfe. Hilfe kommt nun auch in den Blick:
5. Seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte!
Dass nur Männer gefragt und gesucht werden, hat man inzwischen oft beklagt. Aber die Probleme liegen noch tiefer, als es dass es nur um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ginge. Jesus hätte es den Witwen natürlich selbst zugetraut, sich zu organisieren. Er hätte diese damals besonders rechtlosen Frauen in Ämter und Würden gebracht, sie ermutigt, sich selbst zu helfen, selbst zu erkennen, was hilfreich für sie ist.
Die Jünger bringen das nicht mehr so einfach über’s Herz. Sie hören wieder auf ihre Zeitgenossen, sie machen vieles doch wieder so, wie es die Leute erwarteten. Sie richten sich wieder nach den Üblichkeiten. Jesus war allen unseren Zeiten himmelweit voraus.
Der Abstand zwischen Jesus und seinen engsten Vertrauten war und ist darum auch bleibend groß.
Lange waren die Jünger mit Jesus unterwegs, so haben sie etwas gelernt: sieben Männer müssen sein, sieben sind aber auch genug.
Die Sieben ist seit Jahrtausenden eine bedeutsame Zahl. Sie verbindet die göttliche Drei mit der irdischen Vier. Wir glauben an den dreieinen Gott und haben vier Himmelsrichtungen auf Erden, vier Jahreszeiten und bauen meist Viereckiges.
Himmlisches und Irdisches gibt zusammen etwas Größeres.
Drei und Vier gibt Sieben.
Die Sieben hat sich seit Menschengedenken zu bewähren: beim Siebenkampf und den sieben Weltwundern schon in der Antike, auf den sieben Weltmeeren, bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen und bei den sieben Schweizer Bundesräten (vor den sieben Bergen), es gibt sieben Tugenden und sieben Laster, sieben Todsünden und sieben Sakramente, allerdings nur in der katholischen Kirche, „Über sieben Brücken musst du gehen“[2], es sind sieben Worte Jesu am Kreuz, sieben Wunder im Johannesevangelium, sieben Werke der Barmherzigkeit sind zu tun, es gibt ein Buch mit sieben Siegeln und unsere „Siebensachen“, sieben Streiche von Max und Moritz und das Vater Unser mit sieben Bitten, die Musikgesellschaft besteht aus 3x7 Musikerinnen und Musikern und hier nun werden sieben Armenpfleger eingesetzt.
Sieben ist gerade eben und zugleich auch vollkommen genug.
Unter Umständen haben sich die 12 Jünger aber auch nur überlegt, dass es im Streitfall unbedingt eine ungerade Zahl sein muss, waren sie doch nun neuerdings genau zwölf.
Die Zahl wird selten genannt, aber mit Jesus zusammen waren sie immer dreizehn gewesen und nach dem Tod des Judas und Karfreitag nur noch elf. Gleich aber hatten sie wieder einen zwölften Jünger gewählt. Jetzt, da sie die gesamte Verantwortung allein tragen müssen, sind sie ausgerechnet zwölf, so dass es bei Streitereien unentschieden, unentscheidbar stehen kann.
6. Sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
Diese Namen sprechen Bände. Obwohl sie nur sperrig, altertümlich und harmlos tönen: Stephan, Philipp, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus.
Namen sind manchmal blöd, manchmal passend, aber niemals harmlos. Es sind alles Namen von Menschen, die in die erste, die vorderste Reihe gehören: Stephan ist der, der sich einen Kranz verdient hat, Philipp liebt Pferde, Prochorus ist der Anführer des Tanzes, Nikanor ist zu deutsch der Sieger, Timon der Angesehene, der aller Ehren Werte, Parmenas nennt sich einer, der Durchhaltevermögen hat, der bleibt, wo andere untergehen und Nikolaus ist einer aus einem siegreichen Volk. Gewinnertypen, alle zusammen.
Schon damals ging es um gute Namen und alles, was man mit einem richtigen Namen machen kann. Sie werden nun Armenpfleger und kommen in die erste Reihe - wenn es ums Dienen geht.
Sieben ist gerade eben und zugleich auch vollkommen genug, um die Armut vor Ort gerade nicht zu übersehen, sondern zu überblicken: wo Hilfe dringend nötig ist und wie Gerechtigkeit annähernd herbeigeführt werden kann. Die Bekämpfung der Armut war unter den ersten Christen eine vordringliche Aufgabe, und wir wissen nur zu gut, dass es bis heute so geblieben ist, wenn wir in die große, weite Welt hinausschauen. Manchmal mag man an den Verheißungen Jesu zweifeln, vollkommen überzeugend hat sich bewahrheitet, als er sagte: Arme habt ihr alle Tage bei euch (Mt 26, 11).
Liebe Gemeinde,
der siebte und damit selbstredend letzte Teil dieser Predigt, denn sieben ist gerade eben und zugleich vollkommen genug.
7. Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
Dieser spezielle Moment hat mich besonders berührt. Es wird nicht sogleich und irgendwie gedankenlos losgelegt. Es wird nicht sofort ein Vorsitzender gewählt und eine Sitzung abgehalten. Es wird nicht unmittelbar geleitet und organisiert, es werden nicht zuerst Reglemente erlassen und Formulare geschaffen.
Vor allem anderen steht das Gebet. Auch die besten Leute haben Gebete nötig, wie es hier klingt, gerade sie. Damit bestreite ich nicht, dass alles andere auch sein muss, dass es Regelungsbedarf gibt, dass Entscheidungen gefällt werden müssen, die künftige Willkür verhindern sollen, im Gegenteil. Auch die Kirche auf Erden kommt ohne all das nicht aus, wenn sie Gerechtigkeit üben will, die Betonung liegt auf „üben“, wenn sie versucht, dem himmlisch hohen Anspruch gerecht zu werden und niemanden zu übersehen, sondern die Not, die Armen wirklich zu sehen und zu kennen.
„Von der Kirche habe ich etwas anderes erwartet ...“
Sie erinnern sich an die Dame vom Anfang, mit roten Backen und innerer Hitze vor lauter Wut?
Liebe Gemeinde,
jetzt wissen wir darauf die Antwort: Nicht schon in der Gemeinde, gänzlich erst im Reich Gottes wird es ganz anders werden, zuvor ist es auf der Welt noch wie mitten in der Welt.
Erstaunlich viel Hilfe ist aber schon jetzt möglich, besonders, wenn man Wuthitze in Wärme, Mitgefühl und Energie zur Mitarbeit verwandeln kann.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der wandle in uns alle Wut in Wärme, stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.
[1] Werner Jetter, Homiletische Akupunktur. Teilnahmsvolle Notizen, die Predigt betreffend, Göttingen 1976, S. 139.
[2] Rockband Karat (DDR), später von Peter Maffay (Westdeutschland) nachgesungen.
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Der Heilige Geist und die Predigt - Predigt zu Apostelgeschichte 2,22-23.32-33.36-39 von Sibylle Reh
Der Heilige Geist und die Predigt
Liebe Gemeinde,
Wie haben als Predigttext soeben Ausschnitte Ausschnitte aus der Pfingstpredigt des Petrus gehört. Aus dieser ersten Pfingstpredigt, die Petrus vom Heiligen Geist eingegeben wurde, entstand die erste christliche Gemeinde. Deswegen bezeichnet man Pfingsten als Geburtstag der Kirche.
Nach dieser Predigt ließen sich nach Angaben von Lukas 3000 Menschen taufen.
Davon können wir in hier in Strausberg nur träumen. Zum Vergleich: Das sind so viele Menschen, wie in diesem Bundesland (Brandenburg) im ganzen Jahr evangelisch getauft werden. (Quelle: https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/produkte/jahrbuch/jb2013/JB_2013_BB.pdf).
Können wir solche begeisternden Predigten nicht auch brauchen? Wir sind als Christen, nicht mehr so viele, wie wir gerne wären. Und wir werden immer weniger, da gibt es nichts zu beschönigen Hier sterben jedes Jahr mehr als doppelt so viele evangelische Christen oder treten aus der Kirche aus, als Menschen getauft werden.
Wie kann nun eine Predigt Menschen zum Glauben bringen, oder anders gesagt, wie kann der Heilige Geist in einer Predigt wirken?
Und wie bereite ich eine gute Predigt vor, in der der Heilige Geist wirken kann?
Es gibt Prediger, die meinen, man dürfe Predigten nicht vorbereiten, sondern solle wie Petrus darauf warten, was der Heilige Geist eingibt.
Es gibt dazu eine Anekdote, die mal Claus, mal Ludwig Harms zugeschrieben wird. Da wird der Pfarrer gefragt, ob der Heilige Geist nicht auch zu ihm spräche. Er sagte, einmal, als er wenig Zeit zur Predigtvorbereitung hatte, habe er den heiligen Geist um die richtigen Worte gebeten. Und er habe wirklich eine Antwort erhalten. Die Antwort lautete. „Mein Sohn, du bist faul gewesen.“
Darum bereiten die meisten Pfarrer ihre Predigt doch auch am Schreibtisch vor. Im Predigerseminar habe ich viel über Inhalt und Form einer guten Predigt gelernt. Denjenigen, die sich vor lauter Überlegungen dann überhaupt nicht mehr zu predigten trauten, sagte dann unser Pastoralpsychologe: „Es sind auch schon Menschen durch schlechte Predigten bekehrt worden.“
Das sollte natürlich keine Entschuldigung für Faulheit sein, sondern, wie ich es verstanden habe, ein Hinweis darauf, dass der Heilige Geist wirkt, wie er will.
Liebe Gemeinde, aber das ist die Frage: Sollen unsere Predigten in Strausberg Menschen bekehren? Nötig wär‘s, da wir gerade hier ein besonders kleines, immer kleiner werdendes Häuflein sind. Auch wenn an diesem Wochenende wieder junge Menschen in der Strausberger Kirche konfirmiert werden, so ist doch die Liste der Konfirmierten um einiges kürzer als die der Verstorben, die am Ewigkeitssonntag verlesen wurde.
Aber sind die Predigten im Kirchenraum wirklich dazu bestimmt, Menschen zu bekehren? Im Ernst, wie viele Leute sind hier im Gottesdienst, die zum Christentum bekehrt werden sollten?
Hier in dieser Kapelle sind wir doch an diesem Feiertag eine kleine Schar Christen, die sich seit Jahren zur Kirche halten, in guten wie in schlechten Zeiten.
Außerhalb dieser Mauern sitzt eine Mehrheit, von denen vielleicht manch einer eine Bekehrung nötig hätte, die aber weder diese noch irgendeine andere Predigt hören, die hier gesprochen wird. Das ist einfach schon deshalb so, weil ich hier drinnen predige und jene dort draußen irgendwo sind.
Nun zurück zur Predigt des Petrus vor fast 2000 Jahren.
Damals gab es noch keine christliche Kirche, weder das Gebäude, noch die Gemeinde.
Es gab, wie wir aus der Apostelgeschichte erfahren haben, etwa 120 Anhänger Jesu, allesamt Juden, die sich in Jerusalem versammelt hatten. Da Lukas die Apostelgeschichte auf Griechisch geschrieben hat und die griechische Sprache keinen Unterschied zwischen „Geschwistern“ und „Brüdern“ kennt, weiß ich nicht, ob es insgesamt 120 „Geschwister in Christus“ waren, oder 120 „Brüder“ und zusätzlich eine nicht näher genannte Anzahl Frauen. Der Ort, an dem sie sich aufhielten, ist nicht klar. Die Elf verbliebenen der ursprünglich 12 Jünger Jesu hatten zusammen mit der Mutter und den Geschwistern Jesu und einigen Frauen eine Wohnung im „Obergemach“ eines Hauses. Aber 120 Menschen werden dort wohl kaum Platz gefunden haben. Vielleicht versammelten sich die Jünger in einer öffentlichen Säulenhalle, vielleicht im Tempel, Lukas sagt es nicht. Er sagt nur, dass das Haus, in dem sie waren, vom Heiligen Geist erfüllt wurde. Was für ein Haus das war, erfahren wir nicht, aber es muss wohl eher ein öffentlich zugängliches Haus gewesen sein, denn sofort konnte eine Volksmenge herbeieilen, Petrus konnte zu ihnen sprechen, ohne irgendwo anders hingehen zu müssen.
Petrus und die anderen Anhänger Jesu verstanden sich als Juden, die Jesus als den Messias der Juden verehrten. Und Petrus sprach in dieser ersten Pfingstpredigt ausschließlich zu Juden: Juden die in Jerusalem wohnten, teilweise aber auch aus anderen Ländern kamen, denn schon damals lebten viele Juden außerhalb Israels. Es gab auch Proselyten unter den Zuhörern, das heißt Menschen, die nicht als Juden geboren waren, sondern zum Judentum übergetreten waren.
Petrus war kein gebildeter Mensch, davon wird nie berichtet. Er stammte auch nicht aus Jerusalem. Er war Fischer vom See Genezareth, am Rande Israels, bevor er von Jesus berufen wurde. Die Menschen hören es an seinem Dialekt. Aber sie hören ihm zu.
Petrus spricht von Jesus und von der Schuld der Menschen, die die Kreuzigung Jesu zuließen, und ruft zu Buße auf. Zugleich betont er, dass Jesus der verheißene Messias ist, auf den seine Zuhörer gewartet haben.
Ein wesentliches Element der Predigt, das den Juden wichtig war, habe ich hier nicht vorgelesen, weil der Text auch so sehr lang ist. Nicht vorgelesen habe dich die Begründung, warum Jesus der Messias ist. Petrus leitet seine Aussagen von der Auferstehung Jesu aus der Bibel, in diesem Fall aus mehreren Psalmworten her. Ohne eine solche Herleitung hätten diejenigen unter den Juden, die er überzeugen wollte, ihm nicht geglaubt. Die Zuhörer waren Menschen, für die die Bibel im Mittelpunkt ihres Lebens stand.
Vielleicht war das das eigentliche Pfingstwunder, dass die Leute die Predigt hören konnten, da, wo die Jünger gerade standen, und dass sie bereit waren, Fischern vom See Genezareth zuzuhören.
(Es wird zwar von Sprachen gesprochen, in denen die Jünger redeten. Aber fast alle Juden Sprachen zur Zeit Jesu entweder Griechisch oder Aramäisch oder beides, und sie hätten gar kein Sprachenwunder gebraucht, um Petrus, der wahrscheinlich ebenfalls beide Sprachen sprach, zu verstehen, zumindest dem Wortlaut nach, das Verstehen mit dem Herzen ist etwas anderes)
Liebe Gemeinde, um wieder zu uns hier nach Strausberg zurückzukommen:
Wir feiern Pfingsten, und wir brauchen Pfingsten und den heiligen Geist, um hier in Strausberg weiter als Kirche bestehen zu können.
Wie werden Menschen Christen? Christen werden Menschen meist dadurch, dass sie jemandem begegnen, für den Jesus wichtig ist. Eltern, Großeltern spielen in der Vermittlung des Glaubens oft eine wichtigere Rolle als Pfarrer und Lehrer. Außerdem werden auch oft durch Lebenskrisen oder lebensbedrohliche Situationen oder einschneidende Ereignisse Menschen zu Christen.
Den christlichen Glauben weitergeben können und müssen wir deshalb alle, das können wir nicht den Wenigen überlassen, die dafür bezahlt werden. Ich denke, wir überzeugen nicht allein durch Worte sondern auch durch unser Leben, unser Handeln im Alltag.
Heute an Pfingsten ist aber nicht nur das Weitergeben des Glaubens dran, sondern zunächst auch für uns das Zuhören. Wir sind ja dadurch, dass wir den Text hören, auch unter den Zuhörern des Petrus.
Und wir sollten auf den Heiligen Geist hören, der uns ruft. Und der Geist Gottes weht, wo er will.
Wir feiern heute den Geburtstag der Kirche, die geboren wurde aus dem Heiligen Geist.
Und in der Stadt wird die Konfirmation junger Menschen gefeiert, an der hoffentlich auch der Geist mitwirkt.
Wir können uns also freuen, an diesem Pfingsttag und die Sorge um die Zukunft der Kirche einmal ruhen lassen.
„ Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, hinzurufen wird.“ –sagt Petrus.
(Kanzelsegen)
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Petrus riskiert Kopf und Kragen - Predigt zu Apostelgeschichte 2,22f.32f.36-39 von Reinhold Mokrosch
„Petrus riskiert Kopf und Kragen“
Liebe Pfingst-Christen!
Ist Petrus verrückt geworden? Ist er wahnsinnig geworden? Er riskierte Kopf und Kragen, als er öffentlich eine große, die Juden anklagende Pfingstpredigt hielt. In Jerusalem wurde gerade das Schawuot-Fest gefeiert; genau 50 Tage nach dem Pessach-Fest, also sieben Wochen und einen Tag nach Pessach.
Ganz Jerusalem war damals auf den Beinen. Man feierte nämlich gleich zweimal: Zum einen feierten die Juden Erntedank. Die Weizenernte war eingefahren und die ersten Früchte waren geerntet. Das war Grund, Gott zu danken. Zum anderen gedachte man der 10 Gebote, des Dekalogs, die Mose nach seinem zweiten Gang auf den Sinai mitgebracht hatte. Das war ein zweiter Grund, Gott zu danken.
Und genau an diesem Tag hielt Petrus in aller Öffentlichkeit seine judenkritische und provokative Predigt. Zuvor hatte sich am gleichen Tag das Pfingstwunder ereignet: Die Apostel waren versammelt, als, wie Lukas berichtet, ein Sturmbrausen ausgebrochen und Feuerzungen erschienen waren, die sich auf die Häupter der Apostel setzten und sie alle mit Heiligem Geist erfüllten. Und jeder der Apostel hatte begonnen, in einer je anderen Sprache bzw. Zunge zu predigen. Die Stadtbewohner Jerusalems, die multikulturell aus vielen Völkern und Ethnien kamen und verschiedenste Sprachen sprachen, waren, wie Lukas berichtet, ob des Sturmbrausens erschrocken herbei gestürzt. Und sie waren noch erschrockener, als sie die Apostel nicht nur aramäisch oder griechisch, sondern in verschiedenen, ja in ihren eigenen Muttersprachen sprechen und predigen hörten. Sie entsetzten sich über solches Wunder. Einige allerdings entlasteten sich und meinten: „Diese Apostel sind voll von süßem Wein“, also sturzbetrunken.
Dieses Pfingstwunder hatte sich 50 Tage nach Jesu Hinrichtung und Auferstehung vollzogen, genau am Schawuot-Wochenfest-Tag der Juden. Das war für die jüdische Bevölkerung fraglos ein maßloses Ärgernis. Und nun setzte Petrus auf diesen Skandal noch einen drauf: Er hielt eine öffentliche Predigt, ja eine Missionspredigt, welche nicht nur die jüdische Öffentlichkeit schwer brüskieren sollte, sondern die auch hoch gefährlich war. Er riskierte mit seinen Anwürfen Kopf und Kragen. Hören wir uns seine Pfingst-Predigt an:
Apg. 2, 22f. 32f. 36-39: (22) „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter Euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr wisst, - (23) diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden (sc. Römer) ans Kreuz geschlagen und umgebracht… (32) Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. (33) Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört…(36) So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat. (37) Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: Was sollen wir tun? (38) Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und jeder von Euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. (39) Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung, und allen, die fern sind, so viel der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“
Noch vor 50 Tagen hatte Petrus aus schlotternder Angst Jesus Christus schmählich verraten: ‚Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet!‘ hatte er der Magd im Gerichtshof versichert, bevor der Hahn dreimal krähte. Und nun, 50 Tage später, bekannte er sich vorbehaltlos zu diesem Jesus Christus; obwohl die Situation genauso gefährlich war wie damals, da die Christen seit Ostern verfolgt und der Zersetzung des jüdischen Gesetzes angeklagt wurden.
Und nicht nur das: Petrus bezichtigte „die“ Juden und „das Haus Israel“, Jesus Christus (illegal und kriminell) ermordet zu haben. Zwar fügte er ein: Ihr habt das getan „durch die Hand der Heiden“, also der Römer. Aber der Vorwurf blieb in voller Härte bestehen. Ja, er nahm die Römer in Schutz, um „die“ Juden noch mehr anzugreifen. Er riskierte Kopf und Kragen, denn gegen solche Beschuldigung hätten die Juden Strafanzeige erheben können.
II.
Auf den grauenhaften Vorwurf eines Justizmordes durch die Juden, der jahrhundertelang die Judenverfolgung bis zum Holocaust begründet hat, gehe ich gleich ein. Vorher frage ich: Was hat Petrus zu solcher mutigen Missionspredigt am Schawuot-Tag bewogen? Die Antwort kann nur lauten: die Wirkung des Heiligen Geistes. „Mut zum Sein“ nannte Paul Tillich das Wesen des Heiligen Geistes. Das traf für Petrus genau zu. Seit seinem Empfang des Heiligen Geistes hatte er Mut zum Leben, zum Dasein und zum Sein insgesamt entwickelt. Eine schöpferische Lebenskraft hatte ihn ergriffen. Und vor allem: Der Heilige Geist hatte ihm seine Angst genommen. Mit seinem Bekenntnis zu Jesus Christus, der um des Reiches Gottes willen das mosaische Gesetz durchbrochen hatte und dafür ermordet worden war, hatte er mutig und angstfrei eine jüdische Strafanzeige riskiert. Der Heilige Geist hatte ihn angst- und sorgenfrei werden lassen. Wahrscheinlich wirkte er bei ihm so, wie das Johannes-Evangelium ihn beschreibt: als ermutigender Tröster, als Gottes Hilfe und Beistand, ja als schöpferische Macht Gottes selbst.
Und der Heilige Geist befähigte ihn zum massiven Protest: Ihr habt Jesus Christus, der von Gott gesandt war, der Taten, Wunder und Zeichen im Namen Gottes und durch Gott getan hat und der Gottes Heiligen Geist auf seine Jünger und Apostel ausgegossen hat, - diesen Jesus Christus habt ihr, ihr Juden vom Haus Israel, brutal gekreuzigt. Allerdings war das, so bekennt er mutig weiter, Gottes Plan und ihr seid nur sein Werkzeug gewesen. Aber ihr seid ein williges Werkzeug gewesen. - Mut zum Protest ist eine Folge des Geistempfangs bei Petrus gewesen. Und solchen Mut zum Protest hatte er sicherlich auch politisch laut werden lassen.
Schöpferische Lebenskraft, Mut zum Dasein, Mut zum Christus-Bekenntnis, Angst- und Sorgenfreiheit und Mut zum öffentlichen Protest gegen Unrecht hatte der Heilige Geist in ihm gewirkt.
Solche Geisterfahrungen, liebe Christen, sollten uns zu denken geben. Unsere schöpferische Lebenskraft, unser Mut zum Dasein und unser Mut zum öffentlichen Einstehen für Recht und Gerechtigkeit sind – wenn wir sie denn haben und in uns fühlen – ein Geschenk des Heiligen Geistes Gottes. „Ihr seid ein Tempel des Heiligen Geistes, den ihr von Gott habt, so dass ihr euch nicht selbst gehört!“ (1. Kor 6, 13) ruft Paulus uns zu. Ich bitte Sie, nicht lange zu fragen und zu suchen, wie und wo ich Heiligen Geist empfangen kann, sondern in der eigenen Lebenskraft – wenn sie denn da ist – Gottes Geist zu entdecken.
III.
Jetzt komme ich aber zu Petrus Vorwurf gegen „die“ Juden. Warum in aller Welt hatte er „die“ Juden so brutal und die Römer kaum beschuldigt? Ist er Antijudaist gewesen? Ist Lukas Antijudaist gewesen? Der Heilige Geist wird auch „Geist der Wahrheit“ genannt. Traf das bei Petrus und Lukas zu? Hatten sie Wahrheiten oder Unwahrheiten verkündet?
Petrus hatte nach diesem (legendären) Bericht in der Apostelgeschichte eine multikulturelle Hörerschaft in Jerusalem vor sich gehabt. Es waren nicht nur Juden. Aber er sprach die Juden besonders an und beschuldigte besonders sie, Jesus gekreuzigt zu haben. Deshalb kann ich, liebe Gemeinde, mich nicht der Auffassung vieler Prediger anschließen, dass Petrus und Lukas zum Ausdruck bringen wollten, dass wir Menschen alle zusammen mit unseren sündigen Verhaltensweisen Jesus Christus gekreuzigt haben und dass sie „die“ Juden nur prototypisch für die gesamte Menschheit nennen wollten. Freilich, Petrus und Lukas klagten die Schuld aller Menschen an Jesu Tod an. Aber sie klagten eben besonders „die“ Juden als Mörder an. Deshalb sind sie m.E. vom Antijudaismus-Vorwurf nicht frei zu sprechen. Denn die Aussage, dass „die Männer Israels durch die Hand der Heiden Jesus gekreuzigt und umgebracht“ haben, stimmt in dieser Form nicht. Da spielte vorurteilsbesetzter Antijudaismus eine große Rolle.
Ist der Heilige Geist bei Petrus also ein „Geist der Wahrheit“ gewesen? Ich wage zu sagen: Hinsichtlich der Verurteilung der Juden nicht. Hier spielte der Zeitgeist der ersten Christen eine entscheidende Rolle. Und dieser Zeitgeist hat grauenhafte Konsequenzen für die Geschichte der Judenverfolgungen gehabt. Der antijüdische Zeitgeist hatte damals und später immer wieder den Heiligen Geist brutal vertrieben. Nicht alles, was dem Heiligen Geist zugerechnet wird, ist Heiliger Geist. Es besteht wahrscheinlich immer ein Kampf zwischen Zeitgeist und Heiligem Geist. Darauf müssen wir achten, liebe Gemeinde: Was sagt der Heilige Geist, was sagt der Zeitgeist? „Unterscheidet die Geister!“ fordert Paulus uns auf! Da müssen wir wachsam sein.
IV.
Die Predigt von Petrus endete mit dem Aufruf: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes“. (V 38) Auch ich komme mit meiner Predigt zum Schluss und erinnere mich an einen Gottesdienste in der afrikanischen Massai-Steppe, bei dem dieser Aufruf von Petrus im Mittelpunkt stand und an dem ich als Pfarrer in Weiß selbst mitgewirkt hatte. Der tanzanisch-lutherische Pfarrer legte zunächst den viergeteilten Petrus-Vers (Buße – Taufe – Sündenvergebung – Empfang des Heiligen Geistes) plastisch und eloquent aus bevor wir ihn mit denjenigen praktizierten, die getauft werden sollten: Die Buße war ein Schuldgeständnis, das die Täuflinge in glossolaler, unverständlicher Sprache abgaben. Ich hielt dabei segnend meine Hand über sie. Danach tauften wir sie im nahe gelegenen Fluss mit Unter- und Auftauchen, - als Sinnbild für Abstieg in das Reich der Sünden und Aufstieg als Gereinigte. Die Vergebung der Sünden sprachen wir jedem auf Kisuahili (oder Englisch) persönlich zu. Und der Empfang des Heiligen Geistes verlief dann wieder durch Handauflegung und beschwörende Worte: Empfange die Gaben des Heiligen Geistes. Aber jetzt folgten Riten, die mir fremd waren: Die getauften und geistbegabten Massai-Männer und Frauen schrien laut und schrill, fielen zu Boden und standen durch Handauflegung von uns Pfarrern wieder auf. Anschließend hoben sie sich gegenseitig auf. Und eine soeben getaufte Massai-Frau ging auf ein krankes Kind zu und segnete es, um es zu heilen.
Warum diese Riten? „Der Heilige Geist muss sichtbar werden“ antwortete mir der tanzanische Pfarrer. ‚Sichtbar werden‘ überlegte ich? Ich persönlich halte es mehr mit der Stille und Verborgenheit des Heiligen Geistes, lehne aber die Riten dieser afrikanischen Pfingstler nicht ab. ‚Gottes Geist weht, wo er will.‘ Entscheidend ist, dass nicht wir meinen, ihn herbeizitieren zu können, sondern einsehen, dass Gott ihn uns schenkt.
„Der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!“
Amen
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Was können wir wissen, was sollen wir tun, was dürfen wir hoffen? - Predigt zu Apostelgeschichte 2,22–23.32–33.36–39 von Henrike Frey-Anthes
Was können wir wissen, was sollen wir tun, was dürfen wir hoffen?
„Israeliten, hört diese Worte: Jesus von Nazaret, einen Mann, der sich vor euch als Gesandter Gottes ausgewiesen hat durch machtvolle Taten und Wunder und Zeichen, die Gott – wie ihr selbst wisst – mitten unter euch durch ihn getan hat, ihn, der nach Gottes unumstösslichem Ratschluss und nach seiner Voraussicht preisgegeben werden sollte, habt ihr durch die Hand gesetzloser Menschen ans Kreuz geschlagen und getötet. …
Diesen Jesus hat Gott zum Leben erweckt; dessen sind wir alle Zeugen. Er ist nun zur Rechten Gottes erhöht und hat vom Vater die verheissene Gabe, den heiligen Geist, empfangen, den er jetzt ausgegossen hat, wie ihr seht und hört. …
Klar und deutlich erkenne also das ganze Haus Israel, dass Gott ihn zum Herrn und zum Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“
Als sie dies hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie fragten Petrus und die übrigen Apostel: „Was sollen wir tun, Geschwister?“
Petrus sagte zu ihnen: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheissung und euren Kindern und allen in der Ferne, allen, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.“
Drei Fragen hat der Philosoph Immanuel Kant einst formuliert, mit deren Hilfe er einer vierten Frage auf die Spur zu kommen gedachte, nämlich: Was ist der Mensch? Die erste Frage lautet: Was könne wir wissen? Die zweite: Was sollen wir tun? Und die dritte: Was dürfen wir hoffen?
Mit seinen Fragen und vor allem seinen Antworten auf diese Fragen begann durch Kant in der Philosophie ein neuer Geist zu wehen, der gleichermaßen Stürme der Begeisterung wie der Entrüstung auslöste. Bis heute ist Kant aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken.
Stürme der Begeisterung und Stürme der Entrüstung entfacht auch die Pfingstpredigt des Petrus. Nicht so sehr die Frage „Was ist der Mensch“ steht hier allerdings im Vordergrund, sondern die Frage: „Was ist der Geist Gottes?“. Ebenso wie der berühmte Philosoph beginnt auch der berühmte Missionar seine Predigt mit der Frage: „Was können wir wissen?“ Und er beatwortet sie so:
Jesus von Nazaret, einen Mann, der sich vor euch als Gesandter Gottes ausgewiesen hat durch machtvolle Taten und Wunder und Zeichen, die Gott – wie ihr selbst wisst – mitten unter euch durch ihn getan hat, ihn, der nach Gottes unumstösslichem Ratschluss und nach seiner Voraussicht preisgegeben werden sollte, habt ihr durch die Hand gesetzloser Menschen ans Kreuz geschlagen und getötet. …
Diesen Jesus hat Gott zum Leben erweckt; dessen sind wir alle Zeugen.
Vielleicht hat es Petrus leichter als wir. Er war ja nicht nur ganz nah dran gewesen, hatte mit Jesus gelebt, war verzweifelt über seine Angst, mit ihm sterben zu müssen, und ist jetzt der Gegenwart des Geistes gewärtig. Aber auch in anderer Hinsicht hat er es vielleicht leichter als wir, denn er lebt – anders als wir nach Kant – vor der Aufklärung. Vor der Kritik der reinen Vernunft und der Erkenntnis, dass es mit der Erkenntnis nicht so einfach ist.
Wie schwer fällt es uns heute, darüber Gewissheit zu haben, wovon Paulus so begeistert predigt, was er so geistesgegenwärtig und ansteckend verkündet: Ihr wisst doch, dass Gott durch Jesus Christus mitten unter gewirkt hat. Und ihr könnt sehen und hören – er tut es jetzt durch seinen Geist. So viel spricht gegen diese Überzeugung. So viele Fragen machen es uns schwer, Gottes Geist zu hören und zu sehen.
Was können wir wissen?
Viel wissen wir, vielleicht manchmal so viel, dass sich uns gar nicht die Frage stellt: Was können wir wissen?, sondern: Was wollen wir wissen? Und sich die Frage nach dem, was wir tun sollen, sich allzu oft verkehrt in die Frage danach, was ich überhaupt tun kann. Und dann kann es passieren, dass ich geistesabwesend lebe, gleichgültig werde, weil alles zu viel ist. Dass mir wegbricht, was mir Halt geben sollte. Dass sich die Gewissheit breit macht, dass ich ja doch nichts tun kann.
Dann kann es sein, dass ich doch eigentlich weiß, dass Christus durch uns gestorben ist und ich doch die Verantwortung für mein Handeln lieber abschiebe.
Dass ich doch eigentlich weiß, dass Christus auch für mich den Tod überwunden hat und ich es doch nicht vermag, beherzt und begeistert im Geist Gottes zu leben. Dass ich verzage und nach vorne hetze, um nicht umkehren zu müssen. Dass ich mich sorge um das Morgen anstatt Kraft zu schöpfen aus dem, was mir gestern geschenkt wurde.
Vielleicht kommt es daher, dass wir nicht so genau wissen wollen, ob die Rendite für unsere Geldalagen sich aus Waffengeschäften speist. Dass wir wissen, dass die Menschen in Bangladesch sich für uns zu Tode arbeiten, wir aber trotzdem stolz sind über das billige Schnäppchen, das wir ergattert haben. Wir wissen doch, dass es für andere schlimm ist, wenn wir schlecht über sie reden, aber dennoch haben wir unsere liebe Freude an Gerüchten. Wir wissen, dass überall auf der Welt Menschen heimatlos werden, die Flüchtlinge aber wollen wir lieber nicht bei uns im Ort haben.
Was können wir wissen?
Das Volk Israel, in dem die Traditionen der Propheten lebendig sind, das verankert ist in der Überlieferung seiner Geschichte, wird von Petrus daran erinnert, was es wissen kann. Dass doch schon Joel verkündet hat, was heute geschieht, dass die Jungen weissagen und die Alten Träume haben, dass Gott selbst David verheißen hat, dass der Messias zur Rechten Gottes sitzt und lebt.
Er ist nun zur Rechten Gottes erhöht und hat vom Vater die verheissene Gabe, den heiligen Geist, empfangen, den er jetzt ausgegossen hat, wie ihr seht und hört. …
Klar und deutlich erkenne also das ganze Haus Israel, dass Gott ihn zum Herrn und zum Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus.
Petrus deutet die alten Traditionen im Geist des auferstandenen Christus. Und wir? Wie deuten wir das, was uns überliefert ist? Was ist es, das mir in der Vergangenheit geholfen hat? Was ist es, das mir Kraft gibt? Vielleicht ein Psalm, den ich schon lange nicht mehr gebetet habe, ein Bibelvers, den ich auswendig kenne, eine Geschichte, die mir Gott erschließt, ein Gespräch in dem ich spüre, hier weht der richtige Geist.
Umkehren und sich daran erinnern, was mir geschenkt ist, das kann helfen, meine Gegenwart zu sehen im Geist dessen, der das Leben will. Unser Leben. Mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele, mit all unserer Kraft. Das können wir wissen.
Als sie dies hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie fragten Petrus und die übrigen Apostel: „Was sollen wir tun, Geschwister?“
Was können wir wissen? Was sollen wir tun?
Die alte Botschaft gedeutet im neuen Geist, das trifft die Menschen mitten ins Herz. Und was ins Herz trifft, das drängt zum Handeln, das will keine Mördergrube aus dem Herz machen, sondern lebendig werden in Wort und Tat. Die Gegenwart des Geistes macht geistesgegenwärtig.
Erkenntnis und Tat, gewiss sein und begeistert handeln. Sich besinnen auf das, was wir wissen können, umkehren zu dem, was uns Sinn uns Halt gibt. Absehen von mir selbst und aufsehen auf die Hoffnung, die ich habe:
Petrus sagte zu ihnen: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des heiligen Geistes empfangen. Denn euch gilt die Verheissung und euren Kindern und allen in der Ferne, allen, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.“
Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?
Voll des Geistes, der uns erfüllt, können wir wissen, dass Gottes Geist da ist. Dass er uns verankert in dem, was uns verheißen ist, uns gründet in den Verheißungen der Propheten gleichermaßen wie in den Geschichten des Gottesvolkes. Uns ermutigt durch die Erzählungen davon, wie Gott sich in Jesus Christus uns Menschen zuwendet. Uns und unseren Kinder, die wir heute getauft haben.
Die Taufe ist das Zeichen dafür, dass Gottes Geist in unserem Leben gegenwärtig ist und uns selbst geistesgegenwärtig machen will für das, was er uns schenkt. Damit wir nicht geistesabwesend gleichgültig sind gegenüber dem, was wir wissen können, sondern geistesgegenwärtig leben, Gottes Geist gewärtig sind. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Darauf dürfen wir hoffen.
Amen.
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Predigt zu Apostelgeschichte 17,22-34 von Elke Markmann
Bibeltext aus der Bibel in gerechter Sprache:
(Apg 17,22-28a(28b-34))
22 Paulus stand nun mitten auf dem Areopag und sagte: »Ihr Leute von Athen, ich sehe, wie religiös ihr in jeder Hinsicht seid. 23 Denn als ich hier umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Inschrift: ›Der unbekannten Gottheit‹. Was ihr nun, ohne es zu kennen, verehrt, das verkündige ich euch. 24 Gott hat die Welt und alles in ihr gemacht, herrscht über Himmel und Erde; Gott wohnt nicht in von Händen gemachten Tempeln, 25 lässt sich auch nicht von Menschenhänden versorgen, hat nichts nötig, gibt doch selbst allen Leben, Atem und alles. 26 Gott machte aus einem einzigen Menschen das gesamte Menschengeschlecht, damit sie sich überall auf der Erde aufhalten, bestimmte für ihren Aufenthalt festgesetzte Zeiten und bestimmte, feste Grenzen. 27 So sollten sie suchen, ob sie wohl Gott ertasteten und fänden; ist Gott doch nicht fern von jeder und jedem von uns. 28 Denn in Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir.
Wie es auch welche sagen, die bei euch gedichtet haben: ›Wir sind ja göttlicher Herkunft.‹ 29 Weil wir nun göttlicher Herkunft sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche gleiche Gold oder Silber oder Stein, einem Gebilde menschlicher Kunstfertigkeit und Einbildungskraft. 30 Über die Zeiten der Ignoranz nun hat Gott zwar hinweggesehen, fordert aber jetzt die Menschen überall auf, dass sie alle umkehren. 31 Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um an ihm die Menschheit gerecht zu richten durch einen Mann, der dafür bestimmt und gegenüber allen ausgewiesen ist, weil Gott ihn von den Toten aufstehen ließ.« 32 Als sie vom Aufstehen der Toten hörten, spotteten die einen und die anderen sagten: »Darüber wollen wir dich ein andermal hören.« 33 So ging Paulus von ihnen weg. 34 Einige aber schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, darunter auch Dionysius, ein Mitglied des Gerichts auf dem Areopag, sowie eine Frau namens Damaris und weitere mit ihnen.
(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache, Dr. Ulrike Bail / Frank Crüsemann / Marlene Crüsemann (Hrsg.), Bibel in gerechter Sprache © 2006, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH)
Liebe Gemeinde!
Diese Geschichte hat mich schon immer angesprochen. Perfekte Werbestrategie! Paulus geht durch Athen – und guckt sich mit offenem Blick an, wie die Menschen dort leben und was sie glauben, wen sie verehren, woran sie ihr Herz hängen.
Schon diese Haltung des Paulus fasziniert mich. Wie oft gehe ich irgendwohin und habe schon eine gefestigte Meinung zu dem, was mich dort erwartet. Vor dem Besuch eines neuen Ortes informiere ich mich meist und ich habe das alte und neue Wissen über diesen Ort im Kopf. Ich kann nur schwer offen sein für das, was ich dort sehe. Was ich sehe, vergleiche ich schnell mit meinem Vorwissen – oder sollte ich besser sagen: meinen Vorurteilen?
Nicht nur bei fremden Orten, auch bei fremden Menschen nehme ich es mir immer wieder vor: Ich will offen sein für das, was ich erlebe. Ich kenne die notwendigen Schritte dahin: Was weiß ich schon über diese Stadt oder diesen Menschen? Was ist wirkliches Wissen oder was ist vielleicht auch unwichtig für die erste Begegnung? Mein eigenes Vor-Wissen kann ich dann an die Seite stellen, um offen für Neues zu sein.
Wenn das gelingt – das tut es ja nicht immer – ist es oft auch für mich bereichernd. Ich kann über eine mir unbekannte Kultur staunen oder mich über Menschen freuen, die mich überraschen können.
Mit einer solch offenen Haltung also geht Paulus also in die Stadt Athen.
Er geht nicht mit der Haltung in die Stadt, dass die Menschen in Athen sowieso Heiden sind, die nichts wissen wollen von Gott und die keine Ahnung haben. Vielmehr sieht er, dass sie offensichtlich verschiedene Götter verehren. Ein gläubiges Volk. Ein Volk, das jedem Gott und jeder Göttin einen eigenen Tempel baut.
Falls sie aber irgendeinen Gott vergessen haben sollten, den sie noch nicht kennen, wird auch für den sicherheitshalber eine Tempel gebaut und geweiht. „Dem unbekannten Gott“!
Paulus erkennt hier nicht nur eine große Frömmigkeit bei den Menschen. Er erkennt auch, dass sie teilweise verunsichert sind. Wenn es nun noch mehr Götter gibt? Wenn wir einen übersehen oder vergessen haben – was dann?!
Darauf baut er auf. Er schenkt den Menschen Sicherheit.
Was ihr nun, ohne es zu kennen, verehrt, das verkündige ich euch. 24 Gott hat die Welt und alles in ihr gemacht, herrscht über Himmel und Erde; Gott wohnt nicht in von Händen gemachten Tempeln, 25 lässt sich auch nicht von Menschenhänden versorgen, hat nichts nötig, gibt doch selbst allen Leben, Atem und alles. 26 Gott machte aus einem einzigen Menschen das gesamte Menschengeschlecht, damit sie sich überall auf der Erde aufhalten, bestimmte für ihren Aufenthalt festgesetzte Zeiten und bestimmte, feste Grenzen. 27 So sollten sie suchen, ob sie wohl Gott ertasteten und fänden; ist Gott doch nicht fern von jeder und jedem von uns. 28 Denn in Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir.
Und die Menschen hören ihm zu. Sie sind interessiert und neugierig.
Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Als Paulus von der Auferstehung spricht, verspotten sie ihn oder vertrösten ihn. Sie gehen. Nur wenige bleiben und wollen mehr hören.
34 Einige aber schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, darunter auch Dionysius, ein Mitglied des Gerichts auf dem Areopag, sowie eine Frau namens Damaris und weitere mit ihnen.
Warum bringt gerade die Rede von der Auferstehung Jesu die Menschen dazu, zu spotten und sich abzuwenden? Alles andere hören sie sich doch interessiert an.
Athen gehörte damals zum Römischen Reich. Im römischen Reich war es gefährlich, an die Auferstehung zu glauben. Andere Religionen wurden sowieso nicht gerne gesehen. Der Kaiser in Rom war göttlich und wurde nach seinem Tod zum Gott erklärt. Dies sollten die Menschen glauben. Auferstehung wurde nicht grundsätzlich geleugnet. Wer aber an die Auferstehung Jesu glaubte, schwächte damit die Macht der römischen Herrscher. Und so waren nicht nur die Römer gegen diejenigen, die den auferstandenen Christus anbeteten, sondern auch die Elite, die reichen und einflussreichen Familien Athens. Nur in der Zusammenarbeit und mit Billigung der römischen Besatzungsmacht hatten auch sie Macht, Geld und Einfluss.
Wer an die Auferstehung glaubt, lässt sich nicht mehr ohne weiteres unterdrücken. Wenn ich glaube, dass ich auferstehen werde, fürchte ich den Tod nicht oder nicht so sehr. Wer den Tod nicht fürchtet, kann nicht mit Androhung von Gewalt und Tod bezwungen werden. Wer an die Auferstehung der Toten glaubt, nicht nur an die Auferstehung Jesu Christi, hat ein ganz anderen, viel umfassenderen Gerechtigkeitsbegriff als es für gehorsame Untertanen im römischen Reich wünschenswert ist.
Wer sich also dazu bekannte, an den auferstandenen Jesus Christus zu glauben, lief Gefahr, als Regierungsgegner und Terrorist verfolgt zu werden.
Wenn nun also Paulus auf dem Aeropag von Gott und Jesus redet, ist so lange alles gut und interessant, wie er nicht von Auferstehung redet.
Als er das tut, fangen die einen an zu spotten. Sie versuchen, Paulus lächerlich zu machen, um sich selbst nicht zu gefährden.
Andere sagen ihm er solle lieber aufhören und später weiter reden – wahrscheinlich in geschütztem Raum, wenn nicht befürchtet werden muss, dass sie bespitzelt werden.
Der gute Werbestratege ist Paulus also vielleicht doch nicht? Er wusste ja auch von der Gefahr. Er wurde schließlich selbst verfolgt, verfolgte früher selbst diejenigen, die an den auferstandenen Jesus Christus glaubten.
Warum redet er dann trotzdem vom Auferstandenen in aller Öffentlichkeit?!
Ich denke mir, dass für ihn eben die Auferstehung ein zentraler Punkt ist. Einerseits aus religiösen Gründen. Er glaubt wirklich an den Auferstandenen, der ihm schon erschienen ist. Andererseits wird er sehr wohl um die politische Bedeutung und um die Gefahr gewusst haben, die er hier einging. Und doch redet er von Auferstehung. Damit setzt er auch ein politisches Zeichen: „Ich lasse mich nicht von Euch einschüchtern! Mein Glaube ist stark über jede Verfolgung hinweg!“
Diejenigen, die sich ihm anschließen, Dionysius, Damaris und weitere mit ihnen – sie lassen sich auf diesen Glauben ein. Sie schrecken nicht zurück vor der Gefahr. Dieser Gott überzeugt sie. Vielmehr überzeugt Paulus sie von diesem Gott.
Ich halte ihn immer noch für einen guten Werbestrategen. Erst freundlich gewinnen für das Produkt – aber die Risiken und Nebenwirkungen verschweigt er nicht. Wer sich ihm dann anschließt, weiß, worauf er sich einlässt! Da wurde nichts beschönigt. Die Andeutungen reichten den Menschen für eine Ahnung davon, dass ihre Zukunft nicht nur einfach werden wird, wenn sie Paulus folgen.
Und doch folgen ihm einige und kommen zum Glauben!
Beeindruckend! Nicht nur Paulus beeindruckt mich hier durch seine Strategie, auf die Menschen zuzugehen.
Auch Dionysius und Damaris und einige weitere bleiben bei ihm, folgen ihm und glauben an Gott, wie Paulus ihn verkündigt: im auferstandenen Christus.
Ob wir von Paulus lernen können?
Ob wir von Dionysius und Damaris lernen können?
Ich wünsche es mir. Aber so viel Gefahr liegt nicht mehr darin, vom Auferstandenen zu reden. Heute riskieren wir nicht unser Leben, wenn wir von der Auferstehung Jesu Christi sprechen. Allenfalls riskieren wir, dass wir nicht mehr von allen ernst genommen werden. Aber das ist mir dann – hoffentlich – egal.
Öffentlich von meinem Glauben sprechen. Wie schön, dass das heute hier möglich ist.
Öffentlich von meinem Glauben sprechen. Wie gut, dass das nicht nur ich mache!
Öffentlich von Gott sprechen, das können nicht nur Paulus und wir Pfarrerinnen und Pfarrer. Das können auch sie und sie und sie …
Amen.
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Wie Paulus Eulen nach Athen trug - Predigt zu Apostelgeschichte 17,22-28a von Wolfgang Gerts
Vorbemerkung: Der Sonntag Jubilate ist ein beliebter Konfirmationssonntag. Die Predigt stellt Vergleichsmomente zwischen der Rede des Paulus auf dem Areopag einerseits und den Bekenntnissen der Konfirmanden bei ihrer Konfirmation andererseits her. Verwendbar ist sie mit oder ohne Konfirmation; doch der Autor empfiehlt eine Bearbeitung durch Einarbeitung örtlicher Bezüge zur eigenen Gemeindesituation.
Wie Paulus Eulen nach Athen trug
Liebe Gemeinde,
heute werden landauf landab junge Menschen zu mündigen Christen (ggf. Hinweis auf die eigene Gemeinde). Sie legen am Tage ihrer Konfirmation ihr Glaubensbekenntnis ab. Viele das gute Bekenntnis, das wir alle gelernt haben, und das in keinem unserer Gottesdienste fehlt. Viele aber auch ein eigenes, während des Unterrichtes oder während einer Konfirmandenfreizeit unter großer Anstrengung und mit Zittern und Zagen selbst formuliert. Da wird manche Gemeinde aufmerksam den manchmal sehr schüchtern vorgetragenen Worten lauschen, und Eltern werden sehr stolz sein auf ihre Kinder. Sie selbst mussten das nicht so, sie mussten nur viel mehr auswendig lernen als ihre Kinder. Recht haben sie, wir sollten diese jungen Bekenntnisse und die, die sie vortragen, sehr schätzen.
Da sind wir gleich bei Paulus auf dem Areopag angekommen. Man merkt es den Worten, die wir in der Bibel lesen, nicht so an, aber ich glaube, auch er musste seinen ganzen Mut zusammen nehmen. Man kann ihn ohnehin schon wegen seiner unablässigen Missionsreisen bewundern. Er hat die Brücke zwischen Israel und Europa geschlagen und das Christentum hergebracht. Aber seine Besuche gingen doch sonst eher sehr unauffällig ab und unter wenig erregenden Bedingungen. In der Regel suchte er sich eine jüdische Synagoge, und er predigte vor Glaubensgenossen. Wenn es hoch kam, waren auch Neugierige dabei, die sich mit der fremden Religion befassten. Aber alles war „kein großer Aufstand“. Der christliche Glaube zog eher leise einher.
Hier in Athen war das ganz anders! – Keine schützenden Wände einer Synagoge, keine Glaubensgenossen! Hier wehte ein anderer Wind.
Der Areopag unterhalb der Akropolis! Eine uralte Gerichtsstätte, von den Göttern begründet, heiliger Boden! Ich muss gestehen, auch ich habe ihn einmal besuchen dürfen, und es überkamen mich Schauer, an dieser Jahrtausende alten historischen Stätte zu stehen, wo Jahrhunderte über Menschenleben entschieden wurde. Athen, Stadt der griechischen Götter, Weltstadt der Antike, Ort der Philosophie und der höchsten Geisteswissenschaften, Medizin, Mathematik, Physik, Rechte, die immer noch in unsere eigene Kultur hineinwirken. Man muss kein Gläubiger sein, um diesen Ort als einen heiligen Ort zu empfinden.
Die Kehrseite. Athen, schon seit 180 Jahren unter den fremden römischen Herrschern. Tief gedemütigt. Bedeutungslos geworden wie ein betagter Greis. Nur noch alte Scherben statt imposanter Götterdramen. Die Menschen dort werden gelitten haben unter dieser Demütigung. Aber neugierig, wissensbegierig und durstig nach neuen Hoffnungen, das waren sie noch immer. Wenn jemand sich mit weisen Gedanken und Worten an kluge Leute heranwagt, die das eigentlich nicht nötig hätten, nennt man das „Eulen nach Athen tragen“. Ein altes Sprichwort. Wie kann man große Weisheit zu den Weisen bringen? – Genau das aber tat Paulus. Und auch mit einem Glaubensbekenntnis. Wie sollte ihm da nicht die Knie gezittert haben? Schauen wir uns die Eulen mal an, die Paulus nach Athen trug.
Paulus knüpft an ein Bildnis an, das er in einer Athener Straße gesehen hat, vielleicht einen kleinen Steinaltar. Da wird „die unbekannte Gottheit“ verehrt. Wohl Folge eines alten Aberglaubens, dass es nicht gut ist, einen mächtigen Gott zu übersehen oder zu missachten. Als er später auf dem Areopag auf einen Hocker steigt und seine Rede beginnt, knüpft er an diese Beobachtung an. Offenbar nehmen es die Athener ihm nicht übel. Er darf seine Predigt entfalten, und die ist eine der ersten zusammenhängenden Darstellungen christlicher Lehre, die wir besitzen.
Er beschreibt den unbekannten Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wie vertraut uns das doch ist. Er spricht auch von der Erschaffung des Menschen und von ihrem Sinn. Er erzählt vom Lebensraum und den Grenzen, die Gott den Menschen gesetzt hat, um die Erde zu bewohnen. Er spricht von der Nähe Gottes zu den Menschen. Ganz neue Töne für die Athener, die sich seit 180 Jahren von allen Göttern verlassen fühlen. Und dann ein großer, großer und doch ganz einfacher Satz: Wir sind seines Geschlechtes. In ihm leben und weben und sind wir. Von einem Gott, der aus seinem Olymp zu den Menschen herabsteigt, um ihnen nahe, ja stets bei ihnen zu sein, haben die Athener bei allen klugen Philosophien, Dramen und Wissenschaften erst recht noch nie etwas gehört. Ich stelle mir vor, wie der erst zaghafte kleine Paulus innerlich an Größe gewinnt. Er hat den richtigen Ton für diese Menschen getroffen, überzeugt, aber nicht überheblich. Sie sind stehen geblieben. Sie laufen nicht weg. Sie wollen hören, was da noch kommt. Und dann spricht er von Jesus Christus. Auch von Umkehr und von Auferstehung. Das Thema, an dem sich immer die Geister scheiden. Er weiß das. Die Vorbereitung war schon brillant, aber jetzt kommt er zur Sache. Am Ende wird berichtet, dass auch genau über diese Frage sich die Menschen in Athen scheiden werden. Und es klingt von ferne zu uns herüber, wie Paulus in seinen Briefen sich ereifert: Ohne die Auferstehung sind wir nur getäuschte Narren und die ärmsten von allen Menschen. Ohne die Auferweckung Christi und die Auferstehung der Toten ist das alles nichts wert. Allein, dass es genau an diesem Punkt selbst hier in Athen, genauso wie brieflich in Rom oder Korinth zur entscheidenden Frage kommt, zeigt sich, dass dieser Erzähler der Apostelgeschichte wirklich von Paulus spricht und ihn uns nacherleben lässt. Doch ist das für uns nicht längst alt und Tradition? Für die Menschen in Athen, die seit Generationen nur darauf warten, dass endlich etwas geschieht, das die Welt verändert, die Beschämung und Bedrückung durch Besatzer aufhebt, etwas unvorstellbar Neues, kaum Begreifliches, ist das neu. Paulus hält sich an die Regeln: Es bleibt „der unbekannte Gott“, von dem er spricht. Er gibt ihm keine Eigennamen, wie auch ganz Israel das ja nie getan hat. Und damit hat er eine Brücke geschlagen, die trägt. Eulen nach Athen getragen, die ankommen und willkommen sind.
Liebe Gemeinde, ich weiß, es ist unmöglich, zwischen dieser weit, weit fernen Situation und uns hier in unserer Gemeinde einfach Vergleiche anzustellen. Das sollte verboten sein. So etwas kann doch nicht gut gehen. Ich weiß, ich weiß. Und doch, einen stelle ich nicht an. Er drängt sich mir auf. Ich kann nicht dagegen ankommen.
Paulus setzt einen Zukunftsgedanken. Er – Gott – wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit. Mit anderen Worten: Er wird allen Menschen Recht schaffen. Lassen wir das ganze wie und was weg: DASS Gott die Welt nicht so enden lässt, wie sie sich entwickelt; DASS Gott eingreift und eingreifen wird. Für alle, die unter Unrecht und Unterdrückung, unter Miss- und Verachtung leiden, die gedemütigt werden, weil ihnen das, was sie zu einem einfachen Leben brauchen, vorenthalten wird, auch für Athener, die nicht mehr als Sklaven Roms mehr sind, ist das ein Signal. Dieser Gott ist uns Menschen nicht nur nah. Er steht auch ein für unser Recht. Für uns. Für mich.
Ein kleiner wichtiger Gedanke mehr bei Paulus, als ein schön sortiertes braves christliches Lehrgebäude. Etwas Zündstoff!
Da muss ich an Andrea denken, die in ihrem Glaubensbekenntnis geschrieben hat: „Ich glaube an das Reich Gottes, in dem die Menschen derart zur Liebe fähig sind, dass sie die neue Schöpfung bewahren werden.
Oder an Vanessa. Sie sagte: Und als letztes, die für mich wichtigste Erkenntnis ist, dass selbst Gott stärker ist als der Tod und uns auch in dieser vielleicht schweren Zeit nicht alleine lässt und zu uns steht und vielleicht holt er uns ja sogar zu sich!
Schließlich Worten von Alissa: Du bist die Luft, die wir zum Atmen brauchen, das Wasser, das wir zum Überleben brauchen, und die Liebe, ohne die wir nicht leben können.
Die mutige Rede des Paulus auf dem Areopag war vielleicht der Durchbruch. Das, was wir in diesem Gottesdienst hier und anderswo erleben dürfen, ist bei allen fernen Unterschieden eine klare Fortsetzung: Gott kommt zu uns, aus dem fernen namenlosen Gott ist einer geworden, der uns nah ist, der mit uns mitgeht.
Paulus hat eine tiefe Sehnsucht der Menschen in Athen angesprochen und neu geweckt. Wir kennen es auch. Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.
Dieses Sehnen ist nicht vergeblich. Mein Dank an Paulus, unser Dank an junge Menschen in unserer Gemeinde, die unser Sehnen teilen, es wachhalten und mit uns den Weg auf das Reich der Gerechtigkeit zu in Gott beschreiten.
Der Friede Gottes…. Amen
Der Liedvorschlag ergibt sich aus der Predigt:
There is a longing (Da wohnt ein Sehnen)
Unter anderem in: Lebensweisen (Beiheft 05 zum Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe Niedersachsen-Bremen) Nr. 19
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Wie Paulus Eulen nach Athen trug - Predigt zu Apostelgeschichte 17,22-28a von Wolfgang Gerts
Vorbemerkung: Der Sonntag Jubilate ist ein beliebter Konfirmationssonntag. Die Predigt stellt Vergleichsmomente zwischen der Rede des Paulus auf dem Areopag einerseits und den Bekenntnissen der Konfirmanden bei ihrer Konfirmation andererseits her. Verwendbar ist sie mit oder ohne Konfirmation; doch der Autor empfiehlt eine Bearbeitung durch Einarbeitung örtlicher Bezüge zur eigenen Gemeindesituation.
Wie Paulus Eulen nach Athen trug
Liebe Gemeinde,
heute werden landauf landab junge Menschen zu mündigen Christen (ggf. Hinweis auf die eigene Gemeinde). Sie legen am Tage ihrer Konfirmation ihr Glaubensbekenntnis ab. Viele das gute Bekenntnis, das wir alle gelernt haben, und das in keinem unserer Gottesdienste fehlt. Viele aber auch ein eigenes, während des Unterrichtes oder während einer Konfirmandenfreizeit unter großer Anstrengung und mit Zittern und Zagen selbst formuliert. Da wird manche Gemeinde aufmerksam den manchmal sehr schüchtern vorgetragenen Worten lauschen, und Eltern werden sehr stolz sein auf ihre Kinder. Sie selbst mussten das nicht so, sie mussten nur viel mehr auswendig lernen als ihre Kinder. Recht haben sie, wir sollten diese jungen Bekenntnisse und die, die sie vortragen, sehr schätzen.
Da sind wir gleich bei Paulus auf dem Areopag angekommen. Man merkt es den Worten, die wir in der Bibel lesen, nicht so an, aber ich glaube, auch er musste seinen ganzen Mut zusammen nehmen. Man kann ihn ohnehin schon wegen seiner unablässigen Missionsreisen bewundern. Er hat die Brücke zwischen Israel und Europa geschlagen und das Christentum hergebracht. Aber seine Besuche gingen doch sonst eher sehr unauffällig ab und unter wenig erregenden Bedingungen. In der Regel suchte er sich eine jüdische Synagoge, und er predigte vor Glaubensgenossen. Wenn es hoch kam, waren auch Neugierige dabei, die sich mit der fremden Religion befassten. Aber alles war „kein großer Aufstand“. Der christliche Glaube zog eher leise einher.
Hier in Athen war das ganz anders! – Keine schützenden Wände einer Synagoge, keine Glaubensgenossen! Hier wehte ein anderer Wind.
Der Areopag unterhalb der Akropolis! Eine uralte Gerichtsstätte, von den Göttern begründet, heiliger Boden! Ich muss gestehen, auch ich habe ihn einmal besuchen dürfen, und es überkamen mich Schauer, an dieser Jahrtausende alten historischen Stätte zu stehen, wo Jahrhunderte über Menschenleben entschieden wurde. Athen, Stadt der griechischen Götter, Weltstadt der Antike, Ort der Philosophie und der höchsten Geisteswissenschaften, Medizin, Mathematik, Physik, Rechte, die immer noch in unsere eigene Kultur hineinwirken. Man muss kein Gläubiger sein, um diesen Ort als einen heiligen Ort zu empfinden.
Die Kehrseite. Athen, schon seit 180 Jahren unter den fremden römischen Herrschern. Tief gedemütigt. Bedeutungslos geworden wie ein betagter Greis. Nur noch alte Scherben statt imposanter Götterdramen. Die Menschen dort werden gelitten haben unter dieser Demütigung. Aber neugierig, wissensbegierig und durstig nach neuen Hoffnungen, das waren sie noch immer. Wenn jemand sich mit weisen Gedanken und Worten an kluge Leute heranwagt, die das eigentlich nicht nötig hätten, nennt man das „Eulen nach Athen tragen“. Ein altes Sprichwort. Wie kann man große Weisheit zu den Weisen bringen? – Genau das aber tat Paulus. Und auch mit einem Glaubensbekenntnis. Wie sollte ihm da nicht die Knie gezittert haben? Schauen wir uns die Eulen mal an, die Paulus nach Athen trug.
Paulus knüpft an ein Bildnis an, das er in einer Athener Straße gesehen hat, vielleicht einen kleinen Steinaltar. Da wird „die unbekannte Gottheit“ verehrt. Wohl Folge eines alten Aberglaubens, dass es nicht gut ist, einen mächtigen Gott zu übersehen oder zu missachten. Als er später auf dem Areopag auf einen Hocker steigt und seine Rede beginnt, knüpft er an diese Beobachtung an. Offenbar nehmen es die Athener ihm nicht übel. Er darf seine Predigt entfalten, und die ist eine der ersten zusammenhängenden Darstellungen christlicher Lehre, die wir besitzen.
Er beschreibt den unbekannten Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wie vertraut uns das doch ist. Er spricht auch von der Erschaffung des Menschen und von ihrem Sinn. Er erzählt vom Lebensraum und den Grenzen, die Gott den Menschen gesetzt hat, um die Erde zu bewohnen. Er spricht von der Nähe Gottes zu den Menschen. Ganz neue Töne für die Athener, die sich seit 180 Jahren von allen Göttern verlassen fühlen. Und dann ein großer, großer und doch ganz einfacher Satz: Wir sind seines Geschlechtes. In ihm leben und weben und sind wir. Von einem Gott, der aus seinem Olymp zu den Menschen herabsteigt, um ihnen nahe, ja stets bei ihnen zu sein, haben die Athener bei allen klugen Philosophien, Dramen und Wissenschaften erst recht noch nie etwas gehört. Ich stelle mir vor, wie der erst zaghafte kleine Paulus innerlich an Größe gewinnt. Er hat den richtigen Ton für diese Menschen getroffen, überzeugt, aber nicht überheblich. Sie sind stehen geblieben. Sie laufen nicht weg. Sie wollen hören, was da noch kommt. Und dann spricht er von Jesus Christus. Auch von Umkehr und von Auferstehung. Das Thema, an dem sich immer die Geister scheiden. Er weiß das. Die Vorbereitung war schon brillant, aber jetzt kommt er zur Sache. Am Ende wird berichtet, dass auch genau über diese Frage sich die Menschen in Athen scheiden werden. Und es klingt von ferne zu uns herüber, wie Paulus in seinen Briefen sich ereifert: Ohne die Auferstehung sind wir nur getäuschte Narren und die ärmsten von allen Menschen. Ohne die Auferweckung Christi und die Auferstehung der Toten ist das alles nichts wert. Allein, dass es genau an diesem Punkt selbst hier in Athen, genauso wie brieflich in Rom oder Korinth zur entscheidenden Frage kommt, zeigt sich, dass dieser Erzähler der Apostelgeschichte wirklich von Paulus spricht und ihn uns nacherleben lässt. Doch ist das für uns nicht längst alt und Tradition? Für die Menschen in Athen, die seit Generationen nur darauf warten, dass endlich etwas geschieht, das die Welt verändert, die Beschämung und Bedrückung durch Besatzer aufhebt, etwas unvorstellbar Neues, kaum Begreifliches, ist das neu. Paulus hält sich an die Regeln: Es bleibt „der unbekannte Gott“, von dem er spricht. Er gibt ihm keine Eigennamen, wie auch ganz Israel das ja nie getan hat. Und damit hat er eine Brücke geschlagen, die trägt. Eulen nach Athen getragen, die ankommen und willkommen sind.
Liebe Gemeinde, ich weiß, es ist unmöglich, zwischen dieser weit, weit fernen Situation und uns hier in unserer Gemeinde einfach Vergleiche anzustellen. Das sollte verboten sein. So etwas kann doch nicht gut gehen. Ich weiß, ich weiß. Und doch, einen stelle ich nicht an. Er drängt sich mir auf. Ich kann nicht dagegen ankommen.
Paulus setzt einen Zukunftsgedanken. Er – Gott – wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit. Mit anderen Worten: Er wird allen Menschen Recht schaffen. Lassen wir das ganze wie und was weg: DASS Gott die Welt nicht so enden lässt, wie sie sich entwickelt; DASS Gott eingreift und eingreifen wird. Für alle, die unter Unrecht und Unterdrückung, unter Miss- und Verachtung leiden, die gedemütigt werden, weil ihnen das, was sie zu einem einfachen Leben brauchen, vorenthalten wird, auch für Athener, die nicht mehr als Sklaven Roms mehr sind, ist das ein Signal. Dieser Gott ist uns Menschen nicht nur nah. Er steht auch ein für unser Recht. Für uns. Für mich.
Ein kleiner wichtiger Gedanke mehr bei Paulus, als ein schön sortiertes braves christliches Lehrgebäude. Etwas Zündstoff!
Da muss ich an Andrea denken, die in ihrem Glaubensbekenntnis geschrieben hat: „Ich glaube an das Reich Gottes, in dem die Menschen derart zur Liebe fähig sind, dass sie die neue Schöpfung bewahren werden.
Oder an Vanessa. Sie sagte: Und als letztes, die für mich wichtigste Erkenntnis ist, dass selbst Gott stärker ist als der Tod und uns auch in dieser vielleicht schweren Zeit nicht alleine lässt und zu uns steht und vielleicht holt er uns ja sogar zu sich!
Schließlich Worten von Alissa: Du bist die Luft, die wir zum Atmen brauchen, das Wasser, das wir zum Überleben brauchen, und die Liebe, ohne die wir nicht leben können.
Die mutige Rede des Paulus auf dem Areopag war vielleicht der Durchbruch. Das, was wir in diesem Gottesdienst hier und anderswo erleben dürfen, ist bei allen fernen Unterschieden eine klare Fortsetzung: Gott kommt zu uns, aus dem fernen namenlosen Gott ist einer geworden, der uns nah ist, der mit uns mitgeht.
Paulus hat eine tiefe Sehnsucht der Menschen in Athen angesprochen und neu geweckt. Wir kennen es auch. Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.
Dieses Sehnen ist nicht vergeblich. Mein Dank an Paulus, unser Dank an junge Menschen in unserer Gemeinde, die unser Sehnen teilen, es wachhalten und mit uns den Weg auf das Reich der Gerechtigkeit zu in Gott beschreiten.
Der Friede Gottes…. Amen
Der Liedvorschlag ergibt sich aus der Predigt:
There is a longing (Da wohnt ein Sehnen)
Unter anderem in: Lebensweisen (Beiheft 05 zum Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe Niedersachsen-Bremen) Nr. 19
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Predigt zu Apostelgeschichte 17,22-28a von Walter Meyer-Roscher
Konzerne bauen die Kathedralen von heute, Wirtschaftsunternehmen sind die sinnstiftenden Institutionen für die Zukunft. So hat sich der Architekt geäußert, der die Autostadt Wolfsburg direkt neben dem VW-Werk, der Wiege des legendären Käfers, entworfen hat. Die Pavillons, die diese Autostadt bilden, könne man auch als Tempel des Fortschritts ansehen, hat er gesagt. Wer, wenn nicht die großen Industrie- und Wirtschaftsunternehmen, biete denn heute noch Orientierung, hat er gefragt.
Auch auf die Frage, woran wir uns da orientieren sollen, hat er die Antwort gewusst: An der Suche nach der absoluten Sicherheit, am Streben nach Perfektion.
„Tempel des Fortschritts“ - wir erleben eine neue Religion, die sich da ausbreitet, ihre Anhänger findet, Gläubige begeistert. Ich habe die Autostadt Wolfsburg mehrfach besucht und sie hat mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt. Ja, sie ist schon ein sinnenfälliger Ausdruck unseres bis in die letzten Höhen und Tiefen technisierten Alltags, ein Tempel moderner Technikgläubigkeit.
Ich staune auch immer wieder, wenn ich die Skyline der Bankenmetropole Frankfurt sehe. Sie fasziniert besonders bei Nacht, wenn die Kathedralen globaler Geldströme den Himmel ausleuchten.
Aber sind diese Tempel des Fortschritts wirklich die allein sinnstiftenden und Orientierung bietenden Institutionen, die uns den Weg in eine menschwürdige Zukunft weisen? Ich habe da doch meine kritischen Fragen.
Die richten sich nicht an die Weiterentwicklung der Technik, an den Fortschritt der Wissenschaft, an die Notwendigkeit globalen Wirtschaftsdenkens. Niemand kann aus diesen Entwicklungen aussteigen. Aber fragen muss man doch, wer sie steuert, wer die Maßstäbe setzt und welche Kriterien dabei maßgebend sein sollen. Nur die Suche nach der absoluten Sicherheit und das Streben nach Perfektion? Daraus sind doch längst eine gnadenlose Suche nach immer mehr Profit und ein hemmungsloses Streben nach Alleinherrschaft der Ökonomie über alle anderen Lebensbereiche geworden. Ein auf die eigenen Interessen fixierter, an sich selbst glaubender Egoismus gefährdet alle Gemeinschaftsorientierung. Solidarität mit den Schwachen, den Versagern und Verlierern wird auf den Altären dieser Tempel geopfert. Sollten wir nicht langsam beginnen, uns von den Altären einer neuen Religion, die sich als die heute und morgen allein selig machende propagiert, abzuwenden?
Die Frage nach den sinnstiftenden Institutionen für unsere Zukunft bleibt. Ich weiß auch, wo sie eine gültige Antwort findet. Viele wissen es und noch mehr ahnen es. Da ist noch ein anderer Altar, der seit zwei Jahrtausenden einlädt, sich an seiner Wirkungsmacht zu orientieren.
Die naheliegende Möglichkeit, sich an diesen Altar zurückzuziehen und die Anziehungskraft der neuen Religion einfach auszublenden, hat uns Paulus damals auf dem Areopag verbaut. Angesichts der vielen alten und vor allem neuen Tempel in Athen hat er für sich selbst und für die christlichen Gemeinden nicht an Rückzug in den Tempel seines Gottes gedacht. Nicht den noch engeren Zusammenschluss um den Altar in der eigenen Glaubensgemeinschaft hat er befürwortet.
Er selbst jedenfalls hat den sakralen Raum seines Glaubens verlassen und ist, um seine Fragen und seine Kritik an den faszinierenden Tempeln hörbar zu machen, auf den Areopag hinausgegangen. Dieser Platz unterhalb der Akropolis mit ihren Tempeln war Tagungsort des Hohen Gerichts, Diskussionsforum der Philosophen, Ort der Begegnung für alle, die die Öffentlichkeit suchen. In diese Öffentlichkeit der Gesellschaft mit ihren religiösen Traditionen, Gesetzen und Alltagsregelungen, mit ihren Diskussionen um die Glaubwürdigkeit ihrer Götter, um die Gestaltung ihrer Welt, um den Sinn ihres Lebens wagt sich der Apostel.
Hier will er sich mit seinem Glauben einbringen. Er sagt, was er sieht: „Ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt“. Aber gesehen hat er auch einen Altar mit der Inschrift „Dem unbekannten Gott“. Gespürt hat er die Erkenntnis, dass Menschen schnell bereit sind, den Göttern, die sie verehren, immer mehr Macht über das eigene Leben zu geben. Gespürt hat er die Erfahrung, dass diese Besitz ergreifende Macht Opfer fordert:
die eigene Würde; die Freiheit, selbstverantwortlich zu denken und zu handeln; den Lebensmut, den ein Mensch eintauscht gegen die ewige Angst, den Ansprüchen der angebeteten Götter nicht gerecht zu werden und dafür den Verlust von Lebensqualität hinnehmen zu müssen, aus der Gemeinschaft derer, die sich vom Glanz ihrer Götter blenden lassen, ausgegrenzt zu werden.
Lohnen sich diese Opfer auf den Altären der alles beanspruchenden Götter? Die Frage bleibt wie auch die Sehnsucht, das Leben doch noch anders erfahren, Lebenserfüllung, Lebensglück noch jenseits des Machtbezirks der vielen Tempel finden zu können.
Die Sehnsucht, die Paulus meint gespürt zu haben, ist uns nicht fremd, wenn wir für unser eigenes Leben und auch für die Zukunft unserer Gesellschaft die Entwicklung von Wissenschaft und Technik, Industrie und Wirtschaft mit bedenkend, mithandelnd, aber auch kritisch begleiten wollen. Niemand kann da einfach aussteigen. Auch den frommen Rückzug in unsere sakralen Kirchenräume würde Paulus uns verbieten. Aber wo angeblich sinnstiftende Tempel des Fortschritts errichtet und in ihnen die Götter einer neuen Religion angebetet werden, sollten wir uns zur Wehr setzen und vernehmlich Nein sagen.
Die Opfer, die diese Götter fordern, wollen wir nicht bringen, auch nicht gut heißen. Wir wollen doch menschenwürdig, sinnvoll leben und uns in eine mitmenschliche Gemeinschaft einbringen, in der alle ihren Platz haben.
Halten wir uns wieder an Paulus, der auf dem Areopag den unbekannten Gott als seinen Gott bekannt machen wollte. Paulus weist einen Weg, den er selbst eingeschlagen hat, als er den Worten und Taten, dem Leben des Jesus von Nazareth gefolgt ist. Der hat seinen Gott als Ursprung und Schöpfer allen Lebens gesehen. Und, so sagt Paulus: „Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“. Da darf man getrost hinzufügen: Er wohnt auch nicht in den Tempeln des Fortschritts. Paulus gibt eine entscheidende Erfahrung aus dem Leben Jesu weiter:“ Gott ist nicht fern von einem jeden unter uns“. Er ist uns so nahe, dass wir in ihm „leben, weben und sind“. Ihm verdanken wir unser Leben.
Er ist der Grund des Lebens, die tragende Mitte, Anfang und Ende. Daraus erwächst eine Erfahrung, die uns hilft, auf jedem Wegabschnitt unser Leben zu bejahen: die Erfahrung von Geborgenheit und Gelassenheit. Die Tempel des Fortschritts predigen Maßlosigkeit, hetzen uns von einem atemlosen Augenblick zum anderen: mehr haben, mehr erreichen, mehr sein. Nein, wir haben, was wir brauchen. Wir können die glücklichen Augenblicke genießen. Wir haben die Freiheit, uns für Gottes lebenserhaltende Gebote zu entscheiden. Auch in dunkleren Tagen soll uns der Lebensmut nicht verlassen.
Paulus nennt seinen Zuhörern den Grund für diese Hoffnung: die Erfahrung der Auferstehung Jesu, die Erfahrung von Ostern.
In den Tempeln des Fortschritts mag darüber gespottet werden wie schon damals in Athen auf dem Areopag: unglaublich, realitätsfern, nicht greifbar, abzulehnen.
In der Welt der Fortschrittsgläubigen, die sich in ihren Tempeln an das Machbare halten und deshalb die eigenen Kräfte, die eigene Macht, die eigenen Ziele anbeten, hat die Ostererfahrung der ersten Christen, hat die Hoffnung des Paulus keinen Platz.
Aber diese Erfahrung bewegt doch bis heute Menschen, die glauben. Was Jesus getan und gelebt hat, wofür er gestorben ist, wirkt weiter und muss auch weiterwirken – durch uns im Geist dieses Jesus. Das darf doch im Prozess des Fortschritts nicht verbannt und verfemt werden: Nächstenliebe und Barmherzigkeit, Gnade und Vergebung, Trost für die Trostlosen, Hinwendung zu denen, von denen man sich gern abwendet. Das hat Jesus auf seinem Weg begleitet: Der Zorn über Unrecht, die Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive der Opfer. Seit Ostern wirkt dieser Geist weiter. In unserer Kirche soll er wach gehalten, durch uns in die Diskussionen auf dem Areopag unserer Gesellschaft eingebracht werden.
Wer in den Entwicklungsprozessen, die unser Leben und unser Zusammenleben in Atem halten, nach sinnstiftenden Institutionen und nach Orientierung fragt, sollte den Hinweis des Paulus ernst nehmen: Gott, der das Leben gegeben hat und mit seinen Geboten schützen will, ist nicht fern von einem jeden von uns. Wo wir uns vom Geist Jesu leiten lassen, wird uns der unbekannte Gott bekannt. In ihm leben, weben und sind wir.
Amen
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Weberunruhen und Gottes BND: Gewölle oder neue Masche? - Predigt zu Apostelgeschichte 17,22-34 von Markus Kreis
Weberunruhen und Gottes BND: Gewölle oder neue Masche?
Liebe Gemeinde,
Weberunruhen gab es nicht nur in Schlesien und in Westeuropa zu Anfang der Industrialisierung. Weberunruhen gab es schon weitaus früher; und nicht nur im Westen, sondern auch im Südosten Europas. Da lebte der Zeltplanenweber Paulus. Der war unruhig und ruhig zugleich. Und er beunruhigte andere.
Und es gab die Athener, oder besser gesagt, einige Athener, so etwas wie der damalige Rotary Club der Stadt, die Sahnehäubchen in Person. Die waren auch beunruhigt. Gut, Weber waren die allermeisten nur im übertragenen, bildhaften Sinn. Im Sinn der in unserem Predigttext überlieferten Zeile aus einem Text jener Zeit: in ihm leben und weben und sind wir.
Die klugen Athener verstanden sich eher als Eulen. Und was Eulen als Stoff so produzieren, das kennen wir, das ist allerhöchstens als Gewölle zu bezeichnen. Als ein verfilzter Ballen aus Totmaterial und Fasern, etwas das man nicht verdauen oder ohne Aufhebens aus dem Leben entsorgen kann.
Sicher haben sich diese vornehmen Eulen mehr als Kopfarbeiter gesehen. Verstanden sie sich doch als die Wappenlebewesen der Weisheitsgöttin Athene. Sie webten Gedanken zu einem fein gearbeiteten literarischen Stoff, auf keinen Fall Gewölle, eher einem äußerst kostbaren Teppich vergleichbar.
Wahrer Wunderwirkstoff, ihre Götter- und Heldensagen oder ihre philosophischen und rechtlichen Textstoffe. Und die Athener knüpften Bündnisse mit anderen griechischen Metropolen. Und zu den Fremden, zu den Barbaren hin, da machten sie einen radikalen Schnitt. So viel zu ihrem Weberleben.
Die Athener waren beunruhigt vom Zeltplanenweber und Apostel Paulus. Freilich kaum elementar beunruhigt - eher so, wie eine Schulklasse unruhig wird, wenn ein Mitschüler oder Lehrer, ohne dass er es weiß, etwas Dummes anstellt und die Schüler deshalb in Grinsen, Kichern und Tuscheln ausbrechen.
Die neue Masche des Zeltplanenwebers Paulus kam bei vielen nicht so recht an. Sein Kunstgriff mit dem unbekannten Gott, der hat ihnen noch gefallen. Denn ein unbekannter Gott kann nur um den Preis der Widersprüchlichkeit als lokalisierbar oder beeinflussbar oder als außerkosmische Person gedacht werden.
Warum verhält es sich so? Was ist des Zeltwebers Unterlegstoff? Paulus ist sich gewiss: Ein Gott, der bisher nicht erkannt worden ist, der will das so. Seine Unbekanntheit ist von ihm gewollt. Wenn seine Unbekanntheit nicht von ihm beabsichtigt wäre, dann hätte er keine Macht, sich bekannt zu machen. Und so wäre es sehr fraglich, ob er überhaupt ein richtiger Gott ist, so ein Gott ohne PR.
Bleibt darauf noch eine sich daraus ergebende Frage zu beantworten. Nämlich die nach dem Grund der von ihm gewollten Unbekanntheit. Nun, da gibt es etwas: So ein unbekannter Gott will seine Macht allein aus sich heraus, ungestört, stets von sich aus zuvorkommend ausüben. Größtmögliche Souveränität, das ist es. Frei von fremden Gesetzen, nur dem eigenen Willen gehorchend.
Ein solcher Gott hat natürlich kein Interesse daran, an Altären von Menschen festgesetzt und durch dortige Opfer beeinflusst zu werden. Und größtmögliche Nähe ist die beste Tarnung. Deshalb gefällt es ihm, als Geist eines Menschen in den Herzen und Hirnen von Menschen zu leben. Da ist seiner Unbekanntheit und Souveränität am besten gedient. Dass größtmögliche Nähe die beste Tarnung ist, das wusste Judas; nur dass der es zum Verrat statt Bündnis ausgenutzt hat.
Diese Argumentation haben die athenischen Rotarier und Eulen noch ganz schick gefunden: Wenn es einen unbekannten Gott gibt, dann hat der ganz bestimmte Gründe dafür, und diese Gründe machen die gesamte Altarverehrung seitens der Menschen unmöglich. Andernfalls verlöre er seine Souveränität. Nur den eigenen Gesetzen und der eigenen Vernunft gehorchen, das gefiel ihnen: als jenes höhere Wesen, das wir verehren.
Dass Gottes Souveränität sogar die Auferstehung eines Menschen von den Toten bewirkt, das fanden die allermeisten Athener dann nicht mehr so gut, diese alten Hadeskenner. Mit dieser Masche den ewigen Gesetzen und dem Tod zu entschlüpfen, das hat sie unruhig werden lassen, die einen so, die anderen so: Spott und Lachen oder ein kühles britisches very interesting, let us talk about it another time.
Mit dieser neuen Masche kommt er ihnen nicht bei, der alte Zeltplanenweber. Vor ihren klugen Eulenaugen und -ohren zu behaupten, dass ihre berühmten Vernunftgesetze der Souveränität dieses Gottes verfallen sind. Ihre ewig geltenden, schönen Ideen, die sollen diesem Tod bringenden und neues Leben schenkenden Gott unterliegen? Da hat er dann doch einen ganz schön undurchsichtigen Stoff fabriziert, der gute. Ob diese Reaktion den Zeltplanenweber Paulus beunruhigt hat?
Nur wenige Athener haben befunden, dass der dichte Stoff des Webers von Zeltplanen mehr Wirklichkeit zeigt als verdeckt. Die genannten Personen weisen darauf hin, dass die souveräne Auferstehungsmacht Gottes im Leben, also in Geist und Körper einiger Menschen wirkt.
Kommen wir zum anderen Teil der Predigtüberschrift, kommen wir zu dem, was Paulus Ruhe in aller Unruhe verliehen hat: Gottes BND - will sagen: Gottes Bundesnachrichtendienst - der mobilisiert ungeahnte Einsichten mit ersichtlicher Wirkung – das ist die gute Nachricht für Paulus und für uns.
Gottes Bundesnachrichtendienst, der hat zunächst nichts mit dem Geheimdienst des deutschen Staates zu tun - der heißt auch BND. Gottes BND, was bedeutet das? Zäumen wir die Sache von hinten auf. Gottes BND, das heißt bezogen auf das Wort Dienst: Gott ist am Schaffen und Machen, er arbeitet für uns, Gott versieht einen Dienst für uns. Auch in diesem Gottesdienst übrigens. Auch damals, vor den Athenern, mit Hilfe von Paulus.
Springen wir weiter zum ersten Wort. Das Wort Bund ist in seiner Bedeutung zu erläutern. Warum nicht allein Nachrichtendienst, sondern mit dem Zusatz Bund, also Bundesnachrichtendienst? Die Erklärung dazu lautet: Gott schafft und macht das, er dient uns so, weil er sich dazu aus eigenem Antrieb in seinem Bund verpflichtet weiß. Deswegen BND und nicht nur ND. Gott hält sich an den Bund, den er mit uns geschlossen hat.
Aber arbeitet Gott im Verborgenen für uns, leistet er seinen Dienst im Geheimen? Wie die Stasi, der Secret Service, der KGB oder die NSA? Einerseits richtet er sein machtvolles Wort an jedermann und jedefrau, also an die Öffentlichkeit. So wie Paulus in unserem Text zu versammelten Athenern redet.
Andererseits - das ist alles lange her - wer weiß schon, was damals geschah? Und wer weiß, was an dem in der Bibel erzählten Geschehen original, und was dazu erfunden ist - auch wenn Paulus ziemlich sicher fast den gesamten Mittelmeerraum bereist und mit einiger Wirkung bepredigt hat.
Wie es auch damals zugegangen ist – heutzutage scheint Gott im Geheimen zu wirken - wenn überhaupt. Gottes Wort trifft entweder auf Gleichgültigkeit, bloßes Desinteresse, taube Ohren. Oder wenn es denn gehört wird, dann scheint es religiös musikalischen Leuten wenig überzeugend zu sein.
Andererseits: ausgerechnet ein Mann namens Dionys und eine Frau namens Damaris schienen damals interessiert und angetan. Warum ausgerechnet? Damaris bedeutet übersetzt Kalb oder Junggattin, Dionys ist benannt nach dem Gott der Lebensgier und des Rausches. Ja, die Namen! Klingelt es da bei Ihnen, ausgerechnet die zwei?
Arbeitet Gott nun im Verborgenen für uns, leistet er seinen Dienst im Geheimen? Wie verhält es sich damit? Beides zugleich ist der Fall. Gottes Macht – und Auferstehungswort ergeht öffentlich, und doch wirkt es zugleich im Verborgenen, persönlich nämlich. Wie das? Ich erkläre mir das mit dem sogenannten blinden Fleck!
Jeder Mensch hat einen blinden Fleck. D.h.: Jedermann und jedefrau besitzt eine persönliche Seite, die ihm oder ihr unbekannt sind, seien es persönliche Stärken oder Schwächen. Das gilt aber keineswegs für einige ihrer Mitmenschen. Die kennen einige dieser persönlichen Stärken oder Schwächen manchmal ganz gut.
Jeder Schüler kennt Marotten eines Lehrers, bestimmte winzige Artikulierungen, oder Gesten, mimische Entgleisungen, die sich in bestimmten Situationen schön regelmäßig wieder einstellen. Die betroffene Lehrkraft kennt sie oft nicht, übrigens nicht immer zu ihrem Schaden. Lehrer können auch blind für ihre eigenen Stärken sein, nicht nur für ihre Marotten. Auch hier nicht unbedingt ein Schaden.
Neben blinden Flecken besitzt jeder Mensch Privates, also etwas, das nur ihm bekannt ist, aber nicht seinen Mitmenschen. Außerdem gibt es Öffentliches, also all das, was einem Menschen und seinen Mitmenschen zugleich bekannt ist. Und es gibt schließlich Unbekanntes, also all das, was weder ein einzelner noch seine Mitmenschen kennen.
Was das Unbekannte angeht, da gilt also: Jeder Mensch kennt also weder ganz sich selbst, noch ganz seine Umwelt mitsamt den Mitmenschen. Dies gilt auch für die klugen alten Griechen, die wie die Eulen im Dunklen zu sehen und den Kopf im Halbkreis nach rechts und links zu drehen wissen.
Gott kennt nun unsere blinden Flecken, den für unser eigenes Leben, und unseren blinden Fleck für unsere Umwelt. Er kennt also auch unseren blinden Fleck für ihn.. Er weiß, was uns unbekannt ist, sei es das, was unser eigenes Tun und Lassen betrifft, sei es das, was Gott und unsere Mitmenschen betrifft. Und wie ein echter Nachrichtendienst beschafft er sich, ohne dass wir es merken, Informationen über unser Menschenleben.
Und wie ein echter Geheimdienst beschafft er sich die Informationen zu einem bestimmten Zweck, nämlich um zu handeln. Denn Gott will uns in seinem Wort Informationen über unser Leben und das unserer Mitmenschen zukommen lassen. Und das tut er, auch im Verborgenen. Deshalb Geheimdienst.
Und das ist Gottes BND für uns: Gott macht uns mit seinem Wort wieder einsichts- und handlungsfähig. Gott klärt dazu unsere blinden Flecken auf, die für uns unbekannten eigenen Stärken und Schwächen, aber auch die für uns unbekannten Stärken und Schwächen der Mitmenschen
Und da nicht nur einzelne an diesen blinden Flecken leiden, sondern viele einzelne zusammen an ein und demselben, da also ganze Gruppen an ein- und demselben blinden Fleck leiden, arbeitet Gottes BND auch ganzen Gruppen in die Hände.
Einsicht ist Macht, das wusste schon König Salomo im Traum und nicht nur da. Sein Urteil zu dem Baby, um das zwei Neumüttermägde streiten - das beweist seinen Sinn für die Realitäten. Wer ein Kind wahrhaft liebt, der gibt es lieber weg, als es in den sicheren Tod zu schicken, egal ob man biologisch gesehen Elternteil ist oder nicht.
Gewonnene Einsicht ist Macht, neu gewonnene Einsicht ist mehr Macht, Aufklärung ist anregend, Erkenntnis ist erregend - yda, erkennen und lieben - für die zwei sehr verschiedenen Sachen benutzen die Israeliten ein und dasselbe Tunwort und Verb: yda. Und auch in der griechischen Philosophie hängen Wissen und Liebe untrennbar zusammen, nicht nur in der platonischen Liebe.
Kein Wunder, dass Gottes BND ungeahnte Einsichten mobilisiert. Heißa, da verketten sich die Neurotransmittermoleküle, Serotonin schwemmt aus, Dopamin dopt, und neue Einsicht drängt, ganz legitim und legal, nix nada, neue Nerven bahnen neue Nahtstellen an, Hirnmasse webt neue Maschen, und Herz schlägt neue Gassen ein, die souveräne Saite der Auferstehung schwingt, in unhörbarem Tiefenton, aber es summt. Amen.