Globalisierung aus Galiläa - Predigt zu Apostelgeschichte 2,1-21(36) von Wolfgang Vögele
Globalisierung aus Galiläa
„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein. Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt. Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.« So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.“
Liebe Gemeinde,
zu Beginn der Pfingstferien zählt der Evangelist Lukas verlockende Reiseziele auf. Iran und Irak, die Lukas Mesopotamien nennt, sowie Libyen empfehlen sich vielleicht nicht wegen der Kriegsgefahr, aber Reisen nach Kappadozien, heute in Zentralanatolien, nach Ägypten, nach Pontus, einer Region am Schwarzen Meer und in die Provinz Asien, heute die westliche Türkei, kann jedes Reisebüro in unterschiedlichen Preisklassen buchen. In der touristisch gut erschlossenen Türkei und in Griechenland muß niemand die Landessprache beherrschen, um sich verständlich zu machen. Die Rezeptionistin im Hotel, die Verkäufer im Bazar und die Vermieter der Sonnenschirme am Strand werden in der Regel Englisch oder ein paar Brocken Deutsch beherrschen. Die Griechen verwenden nicht das lateinische Alphabet, aber mit ein wenig Raten kann man griechische Ortsnamen, in griechischer Schrift geschrieben, schnell erkennen.
Wer einen Flug über Europa hinaus bucht, kann sich in einem fremden Land mit anderen Schriftzeichen schnell hilflos und verlassen fühlen, angefangen in Rußland, weiter über Oman und Qatar bis nach China und Japan. Für Reisende, die kyrillische oder arabische Schrift nicht beherrschen und japanische Schriftzeichen nicht erkennen, werden Bahnhöfe und Flughäfen zum Labyrinth und Restaurantbesuche zu einer Lotterie der Mahlzeiten.
Erfahrene, weitgereiste Rucksacktouristen greifen in Ländern, deren Sprache und Schrift sie nicht beherrschen, auf ein „OhneWörterbuch“[1] zurück. Darin finden sie für die wichtigsten Alltagssituationen Bilder, auf die sie zur Verständigung zeigen können. Und wenn sie Glück haben, zeigen ihre Gesprächspartner dann auf ein anderes Bild derselben Seite, um dann das billige Hotel mit Doppelzimmer, die glutenfreie Mahlzeit und die Abfahrtszeit des nächsten Busses in die Provinzhauptstadt zu erfahren.
Sprache und Schrift sorgen im gelingenden Fall für Orientierung, Verständigung und für ein nicht zu unterschätzendes Gefühl von Geborgenheit. Wo das fehlt, entstehen schnell Gefühle von Verlassenheit und gelegentlich von Verzweiflung, so beim unerfahrenen deutschen Touristen in der U-Bahn von Tokio oder beim syrischen Flüchtling, der vor einem bayerischen Grenzpolizisten in Passau steht, oder beim afghanischen Asylbewerber, der in Clausnitz in der Nacht den Bus verlassen will.
Sprache (und Schrift) sorgen für Verständigung und Orientierung. Denn wer nicht weiter weiß, kann freundlich und höflich nachfragen. Verständigung verbindet sich mit Wissen, Heimatgefühl und Vertrautheit, mit Beziehungen, Familie und Freunden, mit gemeinsam geteilten Werten. Sobald dieses Gebäude der Verständigung in Unordnung gerät, entstehen Ängste, bei den Touristen genauso wie bei den Flüchtlingen.
Die Sprache und der Heilige Geist sind auf das engste miteinander verknüpft. Wie die Sprache sorgt auch der Heilige Geist für Verständigung und Orientierung, im Glauben sehr viel mehr als in der Lebenswelt. Aber die Verständigung des Glaubens schließt an die Verständigung innerhalb der Lebenswelt an.
Die Verständigung, die mit Hilfe des Heiligen Geistes geschieht, schafft etwas Neues, eine geistliche Gemeinschaft der Freiheit, des Vertrauens und der gegenseitigen Wertschätzung. Das geschieht, indem der Geist eine neue Sprache stiftet. Um diesen theologischen Gedanken zu erklären, nimmt Lukas eine Fülle anschaulicher Bilder zu Hilfe: Wie ein Sturm braust der Geist vom Himmel. Ein gewaltiger Wind weht alle trüben Gedanken aus den Köpfen der Jünger. Ein Feuer kommt über die Gruppe der Zwölf, und sie erwachen zu einem neuen Enthusiasmus. Über den Jüngern schweben Zungen, Zeichen dafür, daß sie plötzlich in Sprachen reden können, die sie niemals gelernt haben.
Liebe Gemeinde, man darf die Bilder, die Lukas für den Geist gefunden hat, nicht ganz wörtlich nehmen. Genau das haben die unbekannten Meister mittelalterlicher Bilder getan, aber mit dieser Anschaulichkeit haben sie die Betrachter ihrer Altarbilder und Deckenfresken auch in die Irre geführt. Die Bilder machen das Wunder anschaulich, das in Jerusalem geschah. Das eigentliche Wunder von Jerusalem aber besteht nicht in Zungen, Wind und Feuer, sondern in Verständigung, Orientierung und geistlicher Gemeinschaft. Mit Metaphysik und Magie hat es wenig zu tun.
Auch das kann man sehr gut an den Pfingstbildern mittelalterlicher Meister lernen. Oft sitzen oder stehen die Jünger im Halbkreis, manchmal zusammen mit Maria, der Mutter Jesu. Alle tragen sie lange, in Falten fallende Gewänder, unter denen die nackten Füße hervorschauen. Mit ihren Händen zeigen sie aufeinander, oder sie halten Bücher und Schriften, in denen sie gerade studiert haben. Über ihnen im blauen Himmel schwebt die golden strahlende Taube des Heiligen Geistes.
Entscheidend ist aber: Die Köpfe der Jünger befinden sich alle auf gleicher Höhe. Alle Jünger tragen den gleichen Heiligenschein. Von der Taube des Heiligen Geistes gehen zwölf Strahlen aus. Alle Jünger haben am Geist in derselben Weise Anteil. Der Heilige Geist macht die Jünger gleich, und deshalb begegnen sie sich in einem Halbkreis auf Augenhöhe. Das ist das Pfingstwunder: Der Heilige Geist verbindet die Jünger zu einer neuen Gemeinschaft mit dem Auferstandenen. Sie beruht auf der Gleichheit aller: Niemand wird bevorzugt, niemand wird benachteiligt. Es entsteht eine Gruppe, in der sich weder eine klerikale Hierarchie noch eine soziale Hühnerleiter spiegelt. Kein Jünger gibt sich den vergangenen Rivalen- und Rangordnungskämpfen hin, die die Leser der Evangelien noch in unguter Erinnerung haben. Kein konsistoriales Personalreferat teilt die Jünger nach Besoldungsgruppen, Tarifen und den liebevoll gepflegten privaten Vorlieben ein. Diese Gemeinschaft braucht auch keine Reformleuchttürme, denn sie leuchtet schon von selbst, nämlich durch die Kraft des Heiligen Geistes. Und sie leuchtet nicht nur nach innen, sondern auch nach außen.
Diese durch Verständigung gebildete geistliche Gemeinschaft strahlt auf andere aus. Sie findet ihren besonderen Zweck darin, daß diese geistliche Gemeinschaft sich teilt und ausbreitet. Die geistlichen Kräfte, die von Gott kommen, heben die Abstoßungskräfte auf, welche Menschen voneinander trennen. Der Enthusiasmus des Geistes wirkt gegen Angst, Einsamkeit und Verzweiflung.
Die Kraft des Geistes erzielt bei den Jüngern eine dreifache Wirkung.
Zum einen gewinnen sie ein neues Verhältnis zur eigenen Lebensgeschichte. Die Jünger haben sich nicht an Pfingsten kennengelernt. Sie haben sich, als Jesus noch lebte, gegenseitig beschimpft, sie haben versucht, sich zu übertreffen. Sie wollten vor Jesus unbedingt anerkannt sein und gewürdigt werden. Trotzdem haben sie Jesus verraten. In der Kraft des Heiligen Geistes ist das nicht vergessen, aber diese unschönen Geschichten wirken sich nicht mehr verhängnisvoll auf die gegenwärtige Gemeinschaft der Jünger aus. Sie können im Licht der Vergebung auf ihre Vergangenheit blicken.
Zum zweiten ebnen sich Unterschiede ein. Der dauernde Wettbewerb wird eingestellt. Die Jünger müssen sich nicht mehr gegenseitig übertrumpfen. Im Heiligen Geist gewinnen sie eine Gemeinschaft, die sie zu Brüdern (und Schwestern) im Geiste Christi zusammenfügt.
Und zum dritten überwinden die Jünger in der Kraft des Heiligen Geistes ihr Alleinsein. Sie müssen nicht mehr für sich selbst kämpfen. Sie können ihre Lebensziele neu ausrichten, weil sie nicht mehr an die Ziele Selbstbehauptung und Selbstbewährung und Selbstrechtfertigung gefesselt sind.
Der Evangelist erklärt die Wirkungen des Geistes mit Hilfe eines Zitats aus dem Alten Testament. Der Geist überrascht die Jünger. Sein Kommen setzt nach Kreuz und Auferstehung Jesu Christi die Geschichte fort, die Gott mit dem Volk Israel begonnen hat. Die Befreiung Israels aus Ägypten entspricht der Befreiung, die der Heilige Geist der ersten christlichen Gemeinde stiftet. Und damit hört es nicht auf.
Diese Kraft des Heiligen Geistes strahlt nicht nur auf die Jünger aus. Gott hat sie allen Menschen verheißen, die in der Nachfolge der Jünger in christlichen Gemeinden leben, in der gesamten Ökumene. Es kommt entscheidend darauf an, den Geist zu empfangen. Wer versucht, ihn durch Höchstleistungen und anstrengende Werke herbeizuarbeiten, der wird scheitern, weil er nur Hierarchien befestigt und Grenzmauern erhöht. Wer aber auf den Geist warten kann, dem ist eine Kraft Gottes verheißen, die kein Gemeindeaufbauprogramm und keine Kirchenreform zum Verstummen bringen kann. Wer auf den Geist wartet, der lebt aus dem Gebet, aus der Bitte an Gott, daß er wachsen lassen möge, was Menschen nicht zum Wachsen bringen können. Wer auf den Geist wartet, der lebt aus einer Haltung der Achtsamkeit und Geduld, aus dem Verzicht auf ein überstürztes und vorschnelles Handeln, das mehr zerstört als es aufbaut. Wer auf den Geist wartet, der lebt aus einer Haltung des Respekts vor der Würde seiner Schwestern und Brüder, aus dem tiefen Glauben, daß sie alle in gleicher Weise vom Auferstandenen angenommen sind.
Wer – gerade an Pfingsten – auf den Geist warten kann, der wird nicht enttäuscht. Wer den Geist spürt, der wird zum geduldigen Beter, der den Atem seiner Mitbrüder und -schwestern an seiner Seite spürt. Das ist die größte Hoffnung der Christen, die am besten und nachhaltigsten Gemeinde baut und erbaut. Und jeder kann das spüren, daß der Geist wirkt: Jemand kann plötzlich über seinen eigenen Schatten springen. Neue Bewegungen und Veränderungen ergeben sich. Streit verwandelt sich in Gespräch und Aufeinanderhören. Unverständnis und Unwissenheit verwandeln sich in Verständnis, Gnade und Liebe. Gemeinden verlassen sich nicht mehr auf sich selbst, sondern gehen im Vertrauen auf Gott Schritte, die sie sonst unterlassen hätten.
Gott zwingt niemanden, solche Schritte zu tun. Aber er traut sie jedem zu, der getauft ist.
Darum bitten wir: Komm, Heiliger Geist! Amen.
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Feuer und Flamme für das Evangelium - Predigt zu Apostelgeschichte 2,1-18 von Michael Plathow
Feuer und Flamme für das Evangelium
1. Liebe Gemeinde des Pfingstfestes,
die Gegenwart des Geistes Gottes wird uns verheißen mit dieser Ursprungserzählung von Pfingsten: der heilige Geist, der Neuschöpfer, der Tröster, der Lehrer, der Paraklet, wie er genannt wird, will zu uns kommen, uns inspirieren, dass wir Feuer und Flamme werden durch und für das Evangelium. Mit Ostern wird Pfingsten als eines der ältesten Kirchenfeste wie früher so auch heute gefeiert in freudigem Dank und bittendem Gebet -- hier bei uns in Deutschland, besonders in Europa -- an zwei Festtagen.
Gegenwärtig finden die pfingst-charismatischen Bewegungen und Gruppierungen weltweit Zulauf. Dabei ist die Gewissheit der Wirklichkeit des heiligen Geistes und seines Wirkens heute das, was bei Differenzen und Kontroversen uns verbindet. Unterschiedliche Akzente zeigt die Zuordnung von Geisterlebnis und Geisterfahrung sowie das “Wie” des Geisterlebens.
Am jüdischen Wochenfest 50 Tage nach der Passahfeier, so wird erzählt, waren in Jerusalem viele Menschen zusammen gekommen. Plötzlich erleben sie die dynamische Bewegung stürmischer Winde und flammender Feuerzungen. Energetische Kraft erfüllt ihr Innerstes. Inspiriert vom Geist beginnen sie vom Geheimnis Gottes und von den “großen Taten Gottes” den Anwesenden aus 17 verschiedenen Nationen und Sprachen so zu reden, dass jeder sie in seiner Sprache versteht. Verwunderung und Bestürzung “Was will das werden?” ist einerseits die Reaktion, andererseits beißender Spott und skeptischer Erklärungsversuch. Nichtverstehen greift um sich; alles bleibt unklar und zweideutig.
Da tritt ”Petrus mit den Elf” auf, heißt es. Er predigt, d. h. er legt zunächst die Schrift aus in der jüdisch-prophetischen Verstehens- und Sprachtradition: Was der Prophet Joel als Verheißung vorausgesagt hat, das ist eingetroffen. Was ein jeder uneindeutig erlebt hat, ist die Gegenwart des Geheimnisses Gottes. Und wie Gott sich erlebbar gemacht hat, so hat er sich selbst offenbart und eindeutig gezeigt in Jesus; den habt ihr gekreuzigt, Gott hat ihn uns als “Herrn, Kyrios, und Christus” erkennbar und erfahrbar gemacht (2, 36). Und durch den heiligen Geist, dem Schöpfer neuen Lebens, der zu Christus führt, lässt er nun uns Feuer und Flamme sein für das Evangelium.
So ist es die Predigt, die die Glaubens- und Geistgemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus eröffnet.
Diese bewegte und bewegende Botschaft hören wir heute als gottesdienstliche, aber auch musik- und kulturgeschichtliche Ursprungserzählung von Pfingsten. Sie ist auch ein wichtiger Text der pfingstlich-charismatischen Frömmigkeit und Theologie. Diese Erzählung der Apostelgeschichte des Lukas erleben verschiedene Pfingstler unmittelbar als den mit Glossolalie verbundenen “Anfangserweis” der “Geisttaufe”. Indem sie den Text -- über den “garstigen Graben” hinweg -- zu sich sprechen lassen, erleben sie eine “Taufe mit dem heiligen Geist”; dessen Gegenwart läßt in den Wiedergeborenen Früchte des Geistes als verschiedene Gaben, Dienste und Wirkungen zur gegenseitigen Auferbauung und zum Dienst an der Welt erwachsen (BFP, 2003) (1. Kor 12, 4 - 12).
Nun ist ein unmittelbares Geisterlebnis für Andere zunächst kaum nachvollziehbar und Anderen auch kaum zu vermitteln. Erst im Deutungs- und Verstehenszusammenhang des biblisch bezeugten Glaubens kann ein Erlebnis Klärung finden und, in die eigene Lebens- und Glaubensgeschichte hineingenommen, vermittelbare Erfahrung werden. Das gepredigte Wort Gottes schafft den Glauben; dabei korrespondieren Verheißung des Wortes Gottes und unser Glaube.
So erfährt das Pfingsterleben in Apostelgeschichte 2 gerade mit der Predigt des Petrus und von der Predigt des Petrus her Klarheit und Eindeutigkeit.
2. Liebe Gemeinde,
in vielen Stimmen und Bildern verkündigen die biblischen Zeugnisse den heiligen Geist lebensfroh und Zukunft eröffnend als unverfügbaren schöpferischen “Atem des Lebens”, ohne dessen erhaltende Kraft und wundervolle Pracht nichts lebt was ist. Zugleich wird er als Neuschöpfer verheißen, der den Glauben an Christus wirkt, und als vorausgeschenkte Erstgabe die Zukunft Gottes eröffnet. Als “Kyrios, Herr” wird er bekannt, Geber und Gaben verbinden sich. Ganzheitlich “in Herz und allen Sinnen” bewahrheitet er sich mit seinen Gaben: die drei christlichen Kardinaltugenden Glaube, Liebe Hoffnung; die sieben Zeichen des Geistes, die wir mit der messianischen Verheißung von Jes 11, 2 in Luthers Choral “Komm, Gott, Schöpfer heiliger Geist, besuch das Herz der Menschen dein” (EG 126, 3) erbitten, die acht Seligkeiten nach Jesu Glücks- und Heilsrufen der Bergpredigt; die neun Früchte des Geistes (Gal 5, 22); die zwölf Charismen zur Auferbauung der Gemeinde (1. Kor 12, 28f).
Zukunftsträchtig in der Glaubens- und Kulturgeschichte wirken die Bilder und Symbole des Pfingstevangeliums als dynamische und energetische Kraft des Neuschaffens, Heilens und Heiligens: Wasser, Feuer, Erde, Wind, womit die Urelemente der griechischen Naturphilosophen (Empedokles) angedeutet sind.
Bekanntlich erhellen und erstellen Bilder Wirklichkeit; sie erweisen sich als Brücken, die über sich hinausweisen und Neues erschließen. Hier repräsentieren sie Kraft und werden spürbar als lebensnotwendig erfahren; zugleich deuten sie auf die Diskrepanz von Gottes Geist und Ungeist: einerseits das Wasser als Lebensquell, das Feuer als Wärmespender, die Erde als Nährboden, der Wind als Atem des Lebens - mit Goethe gesprochen: “Im Atemholen sind zweierlei Gaben
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen,
Jenes bedrängt, dieses erfrischt.
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich press,
Und danke ihm, wenn er dich wieder entlässt”.
Andererseits ist da die lebenszerstörende Sintflut, die vernichtende Feuerwalze, das zukunftverschließende Erdgrab, der leidbringende Tornado. Geist und Ungeist, Geist der Lebensfülle und Geist der Lebenszerstörung, Geistesgegenwart und Geistlosigkeit, befreiender Geist Gottes und Geist der Sünde und des Bösen erstellen diese Bilder.
In ihrer andeutenden und deutenden Funktion weisen sie über sich hinaus und im biblischen Zusammenhang werden sie als Bildkomplexe aufgebrochen durch ihren Fluchtpunkt Jesus Christus und durch die Grammatik der Liebe Gottes: die Kehre hin zur alles neu machenden Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus offenbart uns durch den heiligen Geist. Denn der heilige Geist ist es, der “zu Christus bringt”, zum Glauben, der der Wirklichkeit des Geistes Gottes im Streit mit den Ungeistern der Menschen gewiss ist. Jesus Christus ist der “Ort”, wie Petrus in seiner Predigt verkündigt, der “Ort” der sich erkennbar- und erfahrbarmachenden schöpferischen und neuschaffenden Liebe Gottes; sie führt die Glaubenden geistesgegenwärtig in die Liebe zu Gott und zum nahen und fernen Nächsten und geistesmächtig ins kritische Unterscheiden der Geistes.
Diese Gewissheit bewahrheitet sich als Glaubens- und Geistgemeinschaft mit dem “eingeborenen Sohn Gottes unserm erstgeborenen Bruder”. Vom heiligen Geist berührt, bewegt, erfüllt - wie es in der Pfingstgeschichte heißt - wird das Herz, unser Personzentrum; denn nicht ich lebe aus mir selbst, sondern im Mich-ver-lassen lebt Christus im mir eigenen Selbst (Gal 2, 20): ein neues Menschen- und Wirklichkeitsverständnis in der Kraft des Geistes Gottes.
3. Liebe Gemeinde,
der heilige Geist ist es, der den Glauben schenkt und ins Leben zieht, gleich wie er -- gegen Individualisierungstrends -- Gemeinschaft und Gemeinde schafft und “bei Jesus Christus erhält im einige Glauben”. Mein Erleben und Erfahren erhält von ihm im Licht unseres auferstandenen Herrn Orientierung und Sinn.
Viele Jahre kam ich als Studienleiter in der Kapelle des Ökumenischen Instituts der Universität Heidelberg zu Gottesdienst und Andacht mit Studierenden aus verschiedenen Ländern und Kirchen zusammen. Unser Blick fiel auf das Glasfenster hinter dem kleinen Altar mit dem Kreuz: das Herabströmen des Geistes Gottes nach Apg. 2, verbunden mit der Belebung der Totengebeine nach Hes 37, von pfingstlichen Rotschattierungen inspiriert. Erkaltetes wird lebendig, Vertrocknetes saftig, Schwaches kräftig, Zerrissenes verbunden. Die Liebesflammen des heiliges Geistes streicheln und die Schwingen der Taube berühren. Und das im gegenüber zum antitypischen Glasfenster des Turmbaus zu Babel: Symbol der Hybris menschlichen Machens, Wollens und Erkennens in Gottes- und Geistvergessenheit mit Zerrissenheit, Hass und Tod in der Folge.
Der Gemeinde vermittelt die Verbindung der beiden Glasfenster Vergewisserung, Hoffnung, Inspiration: der heilige Geist “beruft, sammelt, erleuchtet und erhält” die Gemeinde und die weltweite Kirche Christi. Glut unter der Asche lässt Feuerzungen aufflammen; Gegenwind erweist sich als Aufwind; Feuer und Flamme für das Evangelium bricht hervor. Der heilige Geist verleiblicht sich in der Gemeinschaft der vielstimmigen Gemeinden als Resonanzboden des Wortes Gottes; als sein Charisma erweist sich die christliche Freiheit, grenzüberschreitend gegen Kleinglauben und Kleingeist, abgrenzend und kritisch gegen Geistlosigkeit und Ungeist. An den Früchten und Gaben des Geistes -- auch am “lebendigen Geist” der Wissenschaften -- lässt er teilhaben wie an der faszinierenden Pluralität kultureller und sprachlicher Milieus: konkrete Vielheit und vielfarbige Buntheit der Geistesgegenwart in der weltweiten Kirche. Sie lebt, wie D. Bonhoeffer zeigt, in der stellvertretenden Fürbitte, im Dasein und helfenden Dienst für einander und für Andere, grundgelegt in dem, was der gekreuzigte und auferstandene Christus immer schon “für uns“ getan hat. So “verbindet uns mehr als was uns trennt”.
Liebe Gemeinde des Pfingstfestes,
uns hier und der pluralen Weltchristenheit ist heute die Gegenwart des Geistes Gottes verheißen, Feuer und Flamme durch und für das Evangelium und für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu sein -- u. zw. konkret.. Und das wider Kleingeist, Trägheit und Gleichgültigkeit bei uns und wider die Ungeister der Hybris menschlichen Machens mit Ungerechtigkeit, Krieg und Leid um uns herum.
In kritischer Gemeinschaft mit den pfingstlich-charismatischen Christen in der Ökumene tun wir dies, indem wir den heiligen Geist preisen, “der Herr ist und lebendig macht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und zugleich verherrlicht wird”. Wir danken für seine Gaben bei uns und in den verschiedenen Kirchen. Wir beten sprechend und singend heute und immer neu: “Komm, Schöpfer, heiliger Geist” (EG 126, 1), “O heil´ger Geist, kehr bei uns ein” (EG 130, 1).
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne und euer Tun in der Gewissheit der Wirklichkeit und des Wirkens des heiligen Geistes in und bei uns. Amen.
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„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ – Predigt zu Apostelgeschichte 1,1-11 von Martina Janßen
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“
I. Ein Regentag wie ihn sich niemand Anfang Mai wünscht. Ich liege auf dem Sofa und lese ein Kinderbuch. „Alberta geht die Liebe suchen“ (Andrea Hebrock / Isabel Abedi). Ein kleines Mäusemädchen erwacht aus dem Winterschlaf. „‘Frühling ist, wenn alles erwacht‘ – sagt Mama Feldmaus. ‚Die Mäuse, die Igel, die Murmeltiere, die Bienen, die Bären, die Blumen ... und die Liebe.‘ – ‚Was ist Liebe?‘, fragt Alberta und reibt sich den Winterschaf aus den Augen. ‚Die Liebe‘, sagt Mama Feldmaus träumerisch, ‚ist etwas Besonderes. Die Liebe macht, dass es in dir flattert und kribbelt. Dass dein Herz Purzelbäume schlägt. Und dass du vor lauter Glück bis in die Wolken springen möchtest.‘ ‚Das klingt schön‘, sagt Alberta.“ Und geht die Liebe suchen. Ein Mäusejunge – Fred – begleitet sie. Sie suchen die Liebe auf den Bäumen, auf der Wiese, an einem See und finden sie nach und nach beieinander. Am Ende „fassen sich die beiden an den Pfoten. Und zusammen tanzen sie am Ufer entlang und hüpfen in die Luft. So hoch als wollten sie bis zum Himmel springen.“
II. Wir feiern Himmelfahrt. Ein Tag im Mai zwischen Frühlingsgefühlen und Vatertagsfreuden. Ein geschenkter Tag Auszeit. Zeit für sich und füreinander: Ausschlafen, ein Bummel in roten Schuhen, Schokoladeneis auf den Lippen. Sonnenstrahlen kitzeln die Nase und Blütenduft liegt in der Luft. Zeit, um eine neue Liebe zu spüren oder die alte ganz neu. Dieser Tag ist ein besonderer Tag, leicht und licht. Fast so als würden sich Himmel und Erde berühren. Hören wir, was es mit diesem Gefühl auf sich hat - und mit Himmelfahrt!
Lesung Apg 1,1-11
Es ist eine anrührende Szene gleich zu Beginn der Apostelgeschichte. Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. 40 Tage ist Jesus nach seiner Auferstehung bei seinen Jüngern gewesen. Gleich fährt er zum Himmel auf, um am Ende der Zeiten wiederzukommen, wenn alles heil sein wird. Doch jetzt ist da Unsicherheit. Schwebende Zeit. Mittendrin Jesus und seine Jünger. Noch einmal sind sie zusammen. Die Jünger spüren: Das ist kein normaler Tag. Etwas liegt in der Luft, irgendetwas zwischen Abschied, Verunsicherung und Hoffnung. „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ Hinter dieser Frage stehen viele Fragen: Ist es jetzt soweit? Steht der Himmel nun offen? Beginnt sie endlich, die Ewigkeit? Wer so fragt, den bewegt die Sehnsucht, vielleicht auch die Angst. In diesen Worten liegt ein Drängen. Wann ist es so weit? Ich kann dieses Sehnen, dieses Drängen verstehen. Leben ist nicht immer einfach. Es gibt so vieles, das einen aus der Bahn werfen kann. Es gibt so viel Unsicherheit. Da wünscht man sich, dass alles gut ist, dass alles sicher und man selber glücklich ist. Wir sind so verletzlich, flüchtig ist das Glück, allzu brüchig erscheint, was sicher schien. Viele sagen mir das zurzeit: Was wird kommen? So viel verändert sich. Kriege, Flüchtlingsströme, ganz neue Töne in der Politik. Viele fragen mich auch: Was passiert gerade in meinem eigenen Leben? Werde ich wieder gesund? Wird alles wieder gut? Solche Worte sind mehr Wunsch als Frage. Ein Lied von Silbermond bringt das auf den Punkt.
„Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist,
und alles Gute steht hier still.
Und dass das Wort, das du mir heute gibst,
morgen noch genauso gilt.
Gib mir 'n kleines bisschen Sicherheit,
in einer Welt, in der nichts sicher scheint.
(…) Gib mir was, irgendwas, das bleibt.“
III. Die Jünger Jesu fühlen nicht anders: „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ Das ist mehr Sehnsucht als Informationsdefizit. „Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist, und alles Gute steht hier still. Und dass das Wort, das du mir heute gibst, morgen noch genauso gilt.“ Die Jünger ahnen: Es verändert sich etwas. Es kommt die Zeit ohne Jesus. Es bleibt nicht so wie es ist. Schwebende Zeit. Unsicherheit. „Gib mir was, irgendwas, das bleibt.“
Eine einfache Antwort gibt Jesus nicht „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen …“ Noch ist es noch nicht soweit. Noch ist sie nicht da, die Ewigkeit, die Zeit, in der alles sicher bleibt und in der das Gute still steht und nie vergeht. Den Himmel auf Erden bekommen die Jünger von Jesus nicht, doch sie bekommen etwas anderes. „Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“ Pfingsten blitzt auf. Gottes Geist liegt in der Luft. Ein bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint.
IV. „Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und von ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Was Lukas in der Apostelgeschichte über die Himmelfahrt schreibt, ist nichts anderes als ein Bekenntnis zur Erde. Zum hier und jetzt. Zu unserem Leben. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ In den Himmel starren und Wolkenschlösser bauen – so soll es nicht sein. Da gilt die Mahnung von Friedrich Nietzsche: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu!“ (Also sprach Zarathustra, 1,3). Jesus gibt keine Versprechungen für die Ewigkeit, keine Vertröstungen auf’s Jenseits oder Durchhalteparolen: „Haltet durch, bald ist es soweit. Bis es gut ist, müsst ihr warten.“ Jesus verdammt uns nicht zum Warten auf die Ewigkeit und zum Hoffen auf bessere Zeiten, sondern setzt uns in Bewegung hier und jetzt. Er gibt uns seinen Geist. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Der Blick geht nicht zu Jesus im Himmel, sondern zu uns hier auf der Erde. Es geht nicht darum, dass Jesus nun weg und im Himmel ist, sondern darum, dass er da war, hier bei uns auf der Erde. Das verändert alles - Himmel und Erde. Gott war hier unter uns. Ganz und gar. Mit Haut und Haar. Das macht den Himmel menschlicher und die Erde himmlischer. Das bleibt für alle Ewigkeit: Jesu Spuren und sein Geist. Das ist der Halt, das ist das, was bleibt in dieser Welt voll Unsicherheit. Ein Hauch von Ewigkeit in dieser Zeit.
„Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“ Jesus hat seinen Geist gegeben. Keine Vertröstung, sondern wahren Trost. Ein bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Das kann helfen gegen die Angst. Wo die Angst schwindet, bekommt die Sehnsucht Raum. Mit dieser Sehnsucht beginnt alles. So wie bei der kleinen Feldmaus Alberta und ihrer Sehnsucht nach der Liebe. Alberta hat nicht nur davon geträumt oder gewartet, dass die Liebe einfach so vom Himmel fällt, sondern hat sich auf den Weg gemacht und mit Fred die Liebe gefunden; ihre Sehnsucht hat sie in Bewegung gesetzt. Damit hat es angefangen. Mit dieser Sehnsucht fängt es immer an. Ein neues Leben hier und jetzt. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Bleibt der Erde treu! Der Himmel ist nicht über den Wolken, sondern in unserem Leben. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ – sagt Jesus. Zeit und Stunde sind jetzt. Es gibt Momente, da spüren wir den Himmel auf Erden. Wie Fred und Alberta wie sie zusammen am Ufer entlang tanzen und in die Luft hüpfen. So hoch als wollten sie bis zum Himmel springen. Es gibt sie, diese Momente „das Gehen ein Tanz, das Wort ein Gesang“ (Michel Houellebecq). Vergoldete Zeit, in der Himmel und Erde sich berühren wie die Pfötchen zweier verliebter Mäuse. Ich trage solche Momente in mir. Bilder, die immer wieder aufblitzen, auch in schwerer Zeit, die mir Sicherheit geben und mein Herz für die Sehnsucht weiten, mit der etwas Neues beginnen kann mitten im meinem Leben.
V. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Schaut einander in die Augen und reicht euch die Hand! Bleibt der Erde treu! Folgt eurer Sehnsucht! Ihr habt die Kraft, denn Gottes Geist ist euch gegeben. Zeit und Stunde sind jetzt. Denn „wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken, und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, das Frieden werde unter uns.“ (Text: Thomas Laubach / Melodie: Christoph Lehmann).
Amen
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Predigt zu Apostelgeschichte 1,4-12 von Frank Hiddemann
Liebe Gemeinde,
zweimal ging der Himmel über ihm auf.
Das war das größte Gefühl, das er je hatte.
Einmal mitten im Leben.
Einmal Ende des Lebens,
denn er musste nicht noch einmal sterben.
...
Sein Leben war nicht einfach gewesen.
Sicher, viele Leute liefen ihm nach.
Aber auch die Dämonen kamen ihm ganz nahe.
„Sohn Gottes!“, nannten sie ihn.
Aber bis er ihnen befehlen konnte,
in die Schweine zu fahren,
souverän befehlen,
musste er mit ihnen kämpfen.
So stelle ich es mir vor.
Es war sein dreißigstes Jahr,
als Jesus anfing zu wirken.
Da gehorchtem ihm Wetter und Elemente.
Die Krankheiten und die Dämonen flohen vor ihm.
Die Menschen begannen ihm zu vertrauen,
und er machte sie satt.
Der Hunger der Seele legte sich,
wenn sie ihm vertrauten,
und die Angst.
Der Hunger und die Verletzungen des Körpers verschwanden,
wenn Jesus ihn berührte.
...
Aber bis dahin, bis er das konnte,
tobten die Elemente in ihm selbst,
versuchten die Dämonen,
ihn zu einem der ihren zu machen,
führte ihn der Teufel auf einen hohen Turm
und sagte ihm:
„Du bist unverletzlich!
Du kannst fliegen!
Engel werden dich tragen!“
Und Jesus hungerte an Leib und Seele
und wusste noch nicht,
wohin er sich wenden sollte.
Woher kam die Macht,
die er in sich erwachen spürte?
An wen sollte er sich wenden,
um diese Macht zu kontrollieren?
Die Versuchungsgeschichte aus der Bibel
zeigt uns den unerschütterlichen Jesus,
der immer korrekt antwortet:
„Gott allein sollst du dienen!“
Aber die Versuchungsgeschichte zeigt uns auch,
wie es vorher in ihm nagte,
welche Wege für sein Leben er noch erwog:
- Machthunger,
- das Gefühl stark und unverletzlich
und auf niemanden angewiesen zu sein,
- Unklarheit über das, was gut und böse ist.
Er hat es dem Teufel gezeigt.
Er hat ihm demonstriert,
dass er die richtigen Antworten wusste.
Aber er hatte noch keine Gewissheit.
...
Und dann am Anfang seines Wirkens
ging der Himmel über ihm auf.
„Gott allein“, hatte Jesus dem Teufel immer wieder gesagt.
Aber als Johannes ihn taufte,
antwortete Gott und nannte ihn so,
wie ihn die Dämonen auch immer genannt hatten: „Sohn Gottes!“
„Dies ist mein geliebter Sohn!“, sagte Gott.
Und Jesus wusste Bescheid.
Das war der Moment der großen Klarheit.
Zur Taufe geht der Himmel auf.
Das ist noch heute so.
Es ist der Moment der großen Klarheit.
Die Entscheidung für Gott
und - wie wir glauben - der Moment,
in dem heute noch Gott antwortet:
„Du bist mein geliebtes Kind!“
...
Ich nehme an,
die wenigsten von uns wissen noch genau,
wovon Jesus spricht,
wenn er am Himmelfahrtstag zwischen seine Jünger tritt.
Ich war auch überrascht.
...
Er spricht von der Taufe.
Vielleicht erinnert er sich an seine eigene Taufe in diesem Moment.
Johannes taufte ihn im Wasser des Jordans
Der Himmel ging auf über ihm.
Das war der Moment der großen Klarheit.
Den brauchen seine Jünger gerade.
Wir erinnern uns.
...
Elf Jünger haben sich eingeschlossen.
Ostern vorbei, aber die Feigheit war geblieben.
Als sie mit Jesus durch das Land zogen,
waren sie fast immer unter Menschen.
Oder es kam ein Gichtbrüchiger oder eine Blutflüssige auf ihn zu
und bat um Heilung.
Das Dorf lief zusammen.
Sie waren nie allein.
Vor allem war Jesus immer in ihrer Mitte.
Dem vertrauten sie sich an,
und er führte sie.
Selten durch Befehle,
mehr durch die Art wie er war.
...
Sie merkten erst, als er weg war, was ihnen fehlte.
Und dann saßen die elf Männer in einem Haus
mit geschlossenen Fenstern und erwogen,
die Gruppe aus taktischen Gründen aufzulösen.
Von der Auferstehung sprachen zuerst die Frauen.
Die Elf witzelten darüber.
Jesus habe schon gewusst,
wie man eine Nachricht am besten verbreitet.
...
Als er selbst erschien, war Thomas gerade einkaufen.
Er war der einzige, der sich traute.
Hinterher schafften die Zehn es nicht,
den elften Jünger davon zu überzeugen,
dass Jesus wieder da war.
...
Vielleicht hatten sie,
selbst als er wieder da war,
noch nicht richtig realisiert,
dass er wieder da war.
Männer sind nicht leicht aus ihrer Trauer zu lösen
und aus dem, woran sie sich gewöhnt haben.
Und so spricht Jesus von diesem Moment der Klarheit,
von dem Moment, als der Himmel aufgeht.
Er kündigt den Jüngern an,
dass sie getauft werden.
Ich lese uns die Szene aus der Apostelgeschichte:
Und als er mit ihnen zusammen war,
gebot er ihnen, von Jerusalem nicht zu weichen,
sondern auf die Verheißung des Vaters zu warten,
die ihr [, sprach er,] von mir gehört habt.
Denn Johannes hat mit Wasser getauft,
ihr aber werdet mit heiligem Geist getauft werden
nicht lange nach diesen Tagen.
Als sie nun zusammengekommen waren,
fragten sie ihn:
Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?
Er sprach zu ihnen:
Euch gebührt es nicht, Zeit oder Stunde zu wissen,
die der Vater nach seiner eigenen Macht festgesetzt hat.
Aber ihr werdet Kraft empfangen,
wenn der Heilige Geist über euch kommt,
und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem
und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Welt.
Und als er dies gesprochen hatte,
wurde er vor ihren Augen emporgehoben,
und eine Wolke nahm ihn auf,
sodass er ihren Blicken entschwand.
Und als sie zum Himmel aufschauten,
während er dahinfuhr,
siehe, da standen zwei Männer in weißen Kleidern bei ihnen, die sagten:
Ihr galiläischen Männer, was steht ihr da und blickt zum Himmel auf?
Dieser Jesus, der von euch weg
in den Himmel emporgehoben worden ist,
wird so kommen, wie ihr ihn habt in den Himmel fahren sehen.
Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berge,
welcher der Ölberg heißt,
der nahe bei Jerusalem ist, einen Sabbatweg weit.
[Apg 1, 4-12, Zürcher (1931)]
…
Ihr werdet getauft werden mit dem Heiligen Geist.
Und sofort nach diesem Satz stellen die Jünger unter Beweis,
dass der Heilige Geist noch nicht bei Ihnen angekommen ist.
Stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?
Sie schauen eben nicht zum Himmel,
der über der Erde aufgeh'n kann, sondern auf die Erde.
Das Reich Davids,
Israel in seiner größten geografischen Ausdehnung,
das Friedensreich mit einem neuen David.
Das trauen sie Jesus zu.
König werden, mehr nicht.
...
Und der spricht noch einmal von der Taufe.
Der Heilige Geist wird über euch kommen
und ihr werdet für mich auf der Erde sein.
Ihr werdet für meine Sache einstehen.
Ihr werdet sein wie ich war - mithilfe des Heiligen Geistes.
Und dann hebt er die Augen der Männer zum Himmel.
Er tut das, indem er selbst - vor ihren Augen - im Himmel verschwindet.
Seht, der Himmel öffnet sich!
...
Die elf starren nach oben.
Und jetzt kommt eine Slapstick-Szene.
Elf Männer aus Galiläa starren in den Himmel,
wo hinein Jesus gerade verschwunden ist,
und zwei Engel, die plötzlich da sind, fragen:
Ihr galiläischen Männer, was steht ihr da und blickt zum Himmel auf?
Ja, was blicken sie zum Himmel auf.
Sollten sie nicht in Jerusalem Jesu Zeugen sein?
Und so gehen sie nach Jerusalem.
Sie sehen zur Erde,
dann zum Himmel
und dann wieder auf die Erde.
So ist es richtig.
Hin- und hersehen.
Zu wissen: Der Himmel öffnet sich zuweilen.
Und mit diesem Wissen auf der Erde leben.
Auf der Erde, die nicht mehr ist wie bisher.
Denn der offene Himmel ist nun keine Metapher mehr.
Er öffnet sich, um Jesus aufzunehmen.
Er öffnet sich bei jeder Taufe.
Und die Jünger setzen sich in Bewegung.
Sie gehen zurück nach Jerusalem.
...
In der lateinamerikanischen Befreiungstheologie
gibt es den Begriff der „Praxis der Füße“.
Wohin geht Jesus?
Wo ist er unterwegs?
Aber auch:
Was tun die Leute in den Evangelien,
ehe sie wissen, was sie tun wollen.
Darauf ist die Antwort:
Jesus ist im ganzen Land unterwegs.
Er mischt sich unter das Volk.
Er geht zu den Armen.
Er geht auch in die Gebiete und die Häuser,
die ein anständiger Jude lieber meidet.
Und auf unsere elf Jünger bezogen heißt das:
Diesmal haben sie es begriffen.
Vielleicht wissen sie noch nicht, was sie tun werden.
Sie wissen noch nicht, wie sie handeln werden
in jener Geschichte, die Lukas geschrieben hat
und die „Die Apostelgeschichte“ heißt.
Aber ihre Füße bewegen sich bereits Richtung Jerusalem,
an den Ort, wo alles endete
und dann wieder alles begann,
an den Ort, wo Jesus sie haben will.
…
Taufe ist eine Mischung aus der Praxis der Füße: Zum Taufstein gehen.
Und einer Bewegung des Himmels: Er öffnet sich.
Und nach der Taufe gehen wir nach Jerusalem (oder wo immer uns Gott braucht).
Und wir wissen: Einmal hat sich der Himmel geöffnet.
…
Und wir leben unser Leben.
Und es ist nicht einfach.
Und manchmal kommen uns die Dämonen sehr nah.
Und öfter wissen wir nicht, was wir tun.
Aber die Füße gehen voran.
Und wir schauen zum Himmel,
wenn wir nicht weiter wissen und fragen uns:
Wann geht der Himmel auf?
Und wir wissen:
Es kann passieren.
Es wäre nicht das erste Mal!
Amen.
...
Und der Friede Gottes,
der weiter ist als unsere menschliche Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
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Ihr werdet Kraft empfangen - Predigt zu Apostelgeschichte 1,1-11 von Mira Stare
Ihr werdet Kraft empfangen
Liebe Schwestern und Brüder,
der erste lukanische Bericht, das Lukasevangelium, erzählt über die Taten und die Lehre des irdischen Jesu und wie die Menschen durch Jesus Heilung und Heil erfahren. Er erzählt vom Weg des irdischen Jesus, der von Galiläa nach Jerusalem führt und wie Jesus immer stärker auch auf Widerstand stößt. In Jerusalem kommt der Leidensweg Jesu zu seinem Ende. Der gewaltsame Tod am Kreuz ist jedoch nicht das Letzte, wovon das Lukasevangelium berichtet. Zuerst die Frauen und dann auch die Apostel erreicht die Osterbotschaft. Noch mehr, der Auferstandene selbst erscheint den Seinen auf dem Weg nach Emmaus und in Jerusalem und lässt sich erkennen. Er versammelt sie wieder, bestätigt sie als seine Zeugen und gibt ihnen seine Zusagen und seinen Segen. Während er sie segnet, wird er in den Himmel emporgehoben. Nun scheint es wirklich, dass die Erzählung hier zu ihrem Ende kommt. Das stimmt jedoch nur teilweise. Denn sie lässt manche Aussagen noch offen. So sollen die Nachfolger/innen Jesu noch solange in Jerusalem bleiben, bis sie mit der Kraft aus der Höhe bekleidet werden. Der Zeuge des irdischen, auferstandenen und erhöhten Jesus zu sein und mit ihm verbunden zu sein, braucht eine neue Kraft, die Kraft von oben. Um mit Jesus über seinen Tod und seine Himmelfahrt hinaus weiter verbunden zu bleiben, braucht es die Kraft von oben.
Und hier, wo der erste lukanische Bericht aufhört, beginnt der zweite lukanische Bericht, die Apostelgeschichte. Diese stellt nicht die Taten der Apostel in den Vordergrund, sondern jene des auferstandenen und erhöhten Jesus, die er durch die Apostel und alle seine Zeugen wirkt. Bevor es aber zu diesem Wirken kommt, wird zuerst erzählt, wie die Zeugen Jesu für ihre Sendung gestärkt und vorbereitet werden. So erscheint der auferstandene und bereits erhöhte Jesus den Seinen 40 Tage hindurch. Die sinnbildhafte Zahl vierzig kann gedeutet werden als Zeit spezieller Gottesnähe, die im Alten Testament bereits Mose und Elija erfahren (vgl. Ex 24,18; 34,28; 1 Kön 19,8). Auch der irdische Jesus verbringt vor Beginn seines öffentlichen Wirkens 40 Tage in der Wüste und damit in besonderer Nähe zu Gott (Lk 4,1-13). Ähnlich erfahren in der Apostelgeschichte die Jünger Jesu vor Beginn ihres Auftretens in der Öffentlichkeit 40 Tage lang besondere Nähe des Auferstandenen.
Die Begegnungen mit Jesus in diesen 40 Tagen sind durch drei Elemente charakterisiert: Erstens redet Jesus ihnen vom Reich Gottes, dem zentralen Thema seiner Verkündigung im irdischen Leben. Seine Zuwendung zu Armen, Leidenden und Ausgestoßenen und sein heilendes Wirken ist die spezifische Weise, wie das Reich Gottes erfahrbar wird. Der auferstandene und erhöhte Jesus hat dasselbe Anliegen wie in seinem irdischen Leben: das Reich Gottes und die Frohbotschaft für die Armen, Leidenden und Ausgegrenzten zu verkünden. Das rechte Verständnis des Reiches Gottes ist auch mit dem Osterglauben verbunden. Denn zum Reich Gottes gehört auch der Bereich des unzerstörbaren Lebens in der Gemeinschaft mit dem auferstandenen und erhöhten Jesus.
Zweitens erfahren sie, die Nachfolger Jesu, 40 Tage lang die Mahlgemeinschaft mit Jesus. Wie mit dem irdischen Jesus, essen sie nun mit dem Auferstandenen. Drittens bekommen sie von ihm Zusagen. Wie bis jetzt nur Jesus selbst, werden nun auch die Seinen mit dem Heiligen Geist – und nicht nur mit Wasser – getauft. Sie werden die Kraft, den Heiligen Geist, empfangen. Das ist dieselbe Verheißung, die sie am Schluss des Lukasevangeliums bekommen. In dieser Kraft werden sie die Zeugen Jesu in Jerusalem und in der ganzen Welt sein. Diese Zusagen beginnen sich in der Apostelgeschichte zu verwirklichen, anfangend mit dem Pfingstereignis, bei welchem sich der Heilige Geist auf die junge und schnelle wachsende christliche Gemeinde niederlässt und sie für ihre Zeugnisaufgabe in der Welt „kleidet“ und bestärkt.
Liebe Schwester und Brüder, wir sind heute eingeladen, diesen Schritt vom ersten zum zweiten lukanischen Bericht zu machen, vom irdischen zum auferstandenen und erhöhten Jesus, der geheimnisvoll mitten unter uns ist. Seine Himmelfahrt bedeutet nicht den Abschied, sondern die neue Art seiner Gegenwart. Wie den Seinen teilt er auch uns sein Wort vom Reich Gottes mit und stärkt uns mit seinem Brot. Auch uns öffnet er den Raum des Geistes und stärkt uns durch die Kraft von oben, den Heiligen Geist, damit wir in dieser Kraft und nicht aus eigener Kraft als seine Zeugen in unserer Welt leben.
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"Europa braucht Bereicherung"
Predigt zur Eröffnung des Themenjahres "Reformation und die eine Welt"
Margot Käßmann
Straßburg, 31.10.15
Liebe Gemeinde,
mit diesem Ruf "Komm nach Mazedonien und hilf uns" beginnt die Globalisierungsgeschichte des Christentums. Es ist keine neumodische Erscheinung, sondern ein Kennzeichen des christlichen Glaubens, dass er Menschen in aller Welt erreichen will.
Aber schauen wir erst einmal, wie alles begann: Der Apostel Paulus hatte im Ringen mit den Aposteln in Jerusalem bereits einen entscheidenden ersten Durchbruch errungen. Der Glaube an Jesus Christus sollte nicht nur Jüdinnen und Juden zugänglich sein, sondern sich offen zeigen für alle Menschen. Das war eine fundamentale Entscheidung, die wir heute gar nicht mehr so recht nachvollziehen können. Aber als sich nach dem Tod Jesu und der Erfahrung der Auferstehung erste Gemeinden bildeten, war die Frage: Gehören allein Menschen jüdischen Glaubens zu dieser Bewegung, oder gilt Gottes gute Nachricht für alle? Schon Jesus selbst fiel es zunächst schwer, sich zu öffnen. Eine Frau aus der damaligen römischen Provinz Syrien war es, die ihm zu einer neuen Blickrichtung verhalf. Er sagte, er sei doch nur zu den "verlorenen Schafen Israels" gesandt. Da meinte sie, die Hunde würden doch auch Brotkrumen essen, die vom Tisch der Herren fallen. Ihr Glaube hat Jesus beeindruckt und überzeugt: Gott meint alle Menschen.
Petrus macht einen ähnlichen Prozess durch. Bei ihm ist es ein römischer Hauptmann, der ihm klar macht: Die Botschaft des Jesus von Nazareth bringt Heil und Heilung für alle Menschen. So erlaubt das Apostelkonzil in Jerusalem schließlich Paulus eine vorbehaltlose Verkündigung unter allen Menschen. Und schnell verbreitet er die Botschaft. Seine erste so genannte Missionsreise dauert 15 Jahre, die zweite und dritte etwa 8 Jahre.
Unterwegs trifft er, wir haben es eben gehört, auf den jungen Timotheus. Er verkörpert schon die neue Generation, seine Eltern sind jüdischer und griechischer Abstammung, aber beide Christen. Diese Begegnung muss für Paulus ungeheuer ermutigend gewesen sein, da zeigen sich doch Erfolge all der Mühen. Umso besser, dass Timotheus Paulus nun begleitet, der junge begeisterte und der alte erfahrene Mann – ein gutes Team. Alles läuft großartig. Die Menschen hören auf das Evangelium, die Gemeinden wachsen, eine erfreuliche, ja optimal Situation.
Doch dann geht es plötzlich nicht weiter. Es stellt sich kein Erfolg mehr ein. Da ist kein Weg nach vorn in Sicht. Der Heilige Geist verwehrt ihnen, zu predigen, heißt es im Text. Das ist eine sehr irritierende Vorstellung finde ich. Ermutigt uns der Heilige Geist nicht, zu predigen? Wir lesen doch, dass Gottes Geist brausen, erneuern will. Oder ist unsere Vorstellung da zu eng? Die Erfahrung von Paulus ist, dass es kein Weiterkommen gibt, der Geist Jesu "ließ es ihnen nicht zu" – so erleben die beiden Missionare die Situation. Und sie sind bitter enttäuscht.
Solche Sackgassen kennen wir alle im Leben:
- Du verlierst den Arbeitsplatz und siehst keine Perspektive mehr. Du hast Angst, weil Du nicht weißt, wie es weitergehen soll.
- Oder der Arzt sagt: "Sie haben Krebs!" Ein Albtraum wird Realität und Du kannst nichts mehr planen wie gedacht, alle Sicherheiten scheinen in Frage gestellt.
- Ein Mann eröffnet seiner Frau: "Es gibt eine Neue in meinem Leben, ich werde mich scheiden lassen". Ein Lebensmodell bricht zusammen, alles, was Du gebaut hast an Familie und Heim ist zutiefst erschüttert.
Wer das erlebt, weiß nicht gleich neue Wege in die Zukunft, sondern muss erst einmal ertragen, dass die Lebenspläne radikal in Frage gestellt sind. Erst einmal fassungslos stehen wir da und wissen nicht weiter.
Solches Verzagen gibt es auch mit Blick auf unsere Kirche. Viele Jahrhunderte lang war es beispielsweise selbstverständlich, Kirchenmitglied zu sein. Die Menschen kamen zum Gottesdienst, weil es das zentrale Ereignis war im Dorf, in der Stadt, ja auch, weil sich ausgrenzte, wer nicht dabei war. Da haben sich die Zeiten radikal geändert. In Eisleben, der Stadt in der Luther geboren und getauft wurde, schließlich auch starb, sind heute nur noch sieben Prozent der Bevölkerung Mitglied einer Kirche. Und in Frankreich, wo wir heute Gottesdienst feiern, sind die Christen zu einer Minderheit geworden. Da entsteht Ratlosigkeit. Fragen die Menschen nicht mehr nach Gott? Was können wir tun, um die Sache mit Gott ins Gespräch zu bringen? Schweigt Gottes Geist, statt zu brausen?
Gottes Geist vermuten wir in solchen persönlichen und auch institutionellen Erfahrungen von Ausgebremst-Sein eher nicht. Aber vielleicht steht der Geist Jesu ja dafür, dass wir offen dafür sein können, dass Gott uns in eine solche Sackgasse führt, weil sie ganz neue Perspektiven eröffnet, die wir nur nicht gleich erkennen. Vielleicht waren es unsere Wege, die wir geplant haben, aber nicht Gottes Wege?
Eine Vision zeigt Paulus und Timotheus, dass sich ganz neue Wege eröffnen. Nicht nur sollen sie das Evangelium von Jesus Christus Menschen aus allen Völkern weiter sagen, sie sollen auch den großen Schritt über das Mittelmeer wagen, hin zu neuen Welten, zu bisher völlig unerreichten Welten.
Liebe Gemeinde, wir können heute nicht von einem Ruf sprechen, der Menschen über das Mittelmeer und über die Balkanländer nach Europa kommen lässt, ohne an das beispiellose Flüchtlingsdrama dieser Tage zu denken, das sich im Mittelmeer abspielt. Menschen kommen nach Europa in der Sehnsucht, Krieg, Elend und Zerstörung zu entfliehen, um hier eine Zukunft in Frieden zu finden. Und wir stehen fassungslos da und wissen keine rechte Antwort. Unsere Gesellschaften sind gespalten in jene, die Flüchtlingen Zuflucht und Unterstützung bieten wollen und jene, die sich abschotten, Flüchtlinge anpöbeln und bedrohen. Die Politik hat keine Konzepte, wie sie mit der Not der Menschen umgehen soll. Und dann sind da diejenigen, die schlicht zum Münchner Hauptbahnhof gehen mit Essen, Wasser, Spielzeug und klatschen, um Menschen willkommen zu heißen. Und in Straßburg geben spontan Kinder der Grundschule Albert le Grand den Spendenaufruf ihres Oberbürgermeisters an ihre Eltern weiter und kommen wenige Tage später mit gefüllten Taschen zurück. Mehr als 300 Kinder beladen einen kleinen Lastwagen des Roten Kreuzes mit Gaben für die zu erwartenden Flüchtlinge.
Da weht plötzlich ein Geist der Solidarität und der Freiheit, wie wir ihn kaum erhoffen konnten. Und Menschen in aller Welt stehen staunend vor diesem Zeichen der Mitmenschlichkeit. Ja, es gibt Fremdenhass in Europa, das können wir in diesen Tagen nicht leugnen. Aber auch die christliche Kultur der Barmherzigkeit, die unseren Kontinent geprägt hat, ist hörbar und sichtbar in Europa.
Interessanterweise kommen Paulus und Timotheus nicht als Flüchtlinge nach Europa. Nein, sie werden gerufen. Es ist ein Ruf nach geistlichem Beistand, nach Hilfe zum Leben und Gottvertrauen wie der christliche Glaube ihn bringt, so glauben wir. Wenn wir uns auf dieses Bild einlassen, zeigt der Text eine ganz neue Perspektive. Europa hat Mangel und braucht Menschen, die neue Wege zeigen. Europa braucht Bereicherung! Bereicherung durch kreative junge Menschen, weil uns in Deutschland der Nachwuchs fehlt. Bereicherung durch eine lebensfrohe Kultur, weil wir manchmal allzu eng geworden sind. Bereicherung durch Menschen, die zu schätzen wissen, wie sehr wir in Wohlstand und Sicherheit leben. Wenn wir die Perspektive so wechseln, sind diejenigen, die über das Mittelmeer kommen, keine Gefahr, sie bedrängen uns nicht, sondern wir können uns freuen, dass sie kommen.
Aber ein solcher Perspektivenwechsel ist nicht leicht. Ich muss ja erst einmal erkennen, dass ich Hilfe brauche. Heute wie damals ist das vor allem schwer mit Blick auf den Glauben. Paulus hat geträumt, dass seine Mission in Europa weiter geht. Aber er ist auch dort auf Widerstand gestoßen und hat sein Zeugnis von Jesus Christus am Ende mit dem Leben bezahlt. Und doch hat sich das Evangelium in Europa rasant verbreitet, hinein in alle Welt. Heute leben Christinnen und Christen in allen Ländern der Erde. In Westeuropa haben wir mit abnehmendem Glauben zu ringen, in China wachsen die Gemeinden, in Syrien, dem Irak, im Sudan und vielen anderen Ländern werden Christen verfolgt und zahlen auch heute mit ihrem Leben für ihren Glauben.
Was Paulus und Timotheus erlebt haben, das erfahren wir auch heute immer wieder. Wir scheinen in eine Sackgasse zu geraten in unserem Leben, in unserem Glauben, aber auch als Kirchen. Wenn dann eine neue Abzweigung notwendig wird, hadern wir oft damit, es ist ein Ärgernis, Schrecken gar, wahrscheinlich auch angstbesetzt. Finden wir aber neue Wege, so mag es im Rückblick erscheinen, als habe uns Gott mit dem Heiligen Geist den anderen Weg versperrt. Als mussten wir diese Erfahrungen des Scheiterns, des Versagens, der Ausweglosigkeit machen, um offen und frei zu werden für neue Wege. Das gilt in unserem je eigenen Leben, wie für unsere Kirchen, aber auch für die Länder, in denen wir leben. Gerade Deutsche und Franzosen haben manche Sackgassen erlebt in ihren Beziehungen, bevor wir uns wie heute an so großer Gemeinsamkeit und gewachsener Gemeinschaft freuen können.
Die Botschaft aber, sie ist in alle Welt gegangen und das feiern wir heute bei der Eröffnung des Themenjahres "Reformation und die eine Welt". Auch wenn Martin Luther nur einmal nach Rom und ansonsten über die deutschen Lande nicht hinaus kam, so ist doch seine Erkenntnis von der Freiheit eines Christenmenschen und der Rechtfertigung allein aus Glauben für Menschen in aller Welt überzeugend geworden. Wir gehen auf ein Reformationsjubiläum zu, dass wir als internationale Gemeinschaft feiern können. Und wir werden es nicht abgrenzend feiern, sondern in einem ökumenischen Horizont. Denn Gottes Geist ist ein Geist des Friedens, der Liebe, der Gerechtigkeit und der Versöhnung. Das wir uns immer neu dem Wirken dieses Geistes anvertrauen, dazu gebe uns Gott reichen Segen.
Amen.
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Predigt zu Apostelgeschichte 6,1–7 von Gerda Altpeter
1. In jenen Tagen, als es immer mehr Jünger gab, murrten die Griechen gegen die Juden, weil ihre Witwen bei den täglichen Mahlzeiten vernachlässigt wurden.
2.Da riefen die Zwölf die ganze Gemeinde zusammen und sprachen:“Es ist nicht passend für uns, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen, um bei Tisch zu bedienen.
3. Haltet also Ausschau, Brüder, nach 7 Männern unter euch, die einen guten Ruf haben und voll Geist und Weisheit sind, damit sie diesen Dienst tun.
4. Wir aber werden festhalten am Gebet und am Wort.“
5. Die Rede gefiel allen in der Gemeinde. Sie wählten Stefanus, einen Mann voll Glaubens und heiligem Geist, und Philippus und Prochoms und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochien.
6. Diese stellten sie vor die Apostel und legten ihnen die Hände auf.
7. Das Wort Gottes wuchs. Die Zahl der Jünger wuchs in Jerusalem. Viele aus der Menge der Priester hörten auf den Glauben.
Der Weltrat der Kirchen hat einmal alle Mitglieder aufgerufen, sich zu Taufe, Eucharistie und Amt zu äussern. Alle waren sich darin einig, dass die Taufe der Eintritt eines Menschen in die Gemeinde ist.
Bei der Eucharistie suchen wir gegenseitig Gastfreundschaft. Viele Kirchen gewähren sie einander.
Anders sieht es beim Amt aus. Wer ist ein rechter Diener in der Gemeinde? Wer darf die Sakramente verwalten? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit der Dienst in der Kirche gültig getan werden kann? Wie erfolgt die Wahl und die Einsetzung? Wer gibt den Auftrag? Alle diese Fragen müssen beantwortet werden.
Es gibt verschiedene Dienste. Das wird von Anfang an deutlich. Da ist der Dienst am Wort Gottes. Da geht es um soziale Arbeit. Es braucht Leute zum Pflegen und Heilen. Es braucht aber auch Menschen, die arbeiten und Geld verdienen. Je mehr Menschen zur Gemeinde dazu kommen, umso mehr Menschen brauchte es für einen Dienst.
Zunächst gibt es in der Gemeinde nur Juden. Dann kommen Griechen dazu. Heute gibt es viele Sprachen und Staaaten, in denen es Christen gibt.
Es gibt heute das Amt des Predigens und der Verwaltung der Sakramente. Da braucht es den Dienst im sozialen Bereich, im Pflegen und Heilen, in der Versorgung er Armen und in kirchlichen Gasthäusern, in der Verwaltung und in der Reinigung der kirchlichen Räume.
Es gibt verschiedene Dienste.
Für alle Dienste gilt dieselbe Bedingung wie damals. Jeder soll einen guten Ruf haben, sie sollen wohl gelitten sein, Sie sollen Geist und Weisheit besitzen. Sie brauchen ein gütiges Herz und eine scharfe Beobachtungsgabe.
In der ersten Gemeinde finden sich ohne Mühe sieben Männer für den Dienst bei Tisch. Es sind alles griechische Namen. Die Apostel sind Juden. Die 7 Diakone sind Griechen. So kommt es zu einer guten Lösung des leidigen Streites in der Kirche.
Wir heute brauchen auch Männer und Frauen für freiwillige Dienste. Da gibt es die Kirchenräte und die Helfer für Frauen-, Kinder- und Seniorenkreise. Ausflüge werden organisiert. Es gibt Gebets-,Bibel-, Lese- und Literaturkreise. Sie werden hier im Wallis während des Gottesdienstes der Gemeinde vorgestellt und einzeln gefragt, ob sie diese Arbeit übernehmen wollen.
In manchen Kirchen werden den Menscdhen die Hände aufgelegt und sie zu ihrer Arbeit gesegnet. In der orthodoxen, anglikanischen und katholischen Kirche gilt die apostolische Suczession. Dort geht man davon aus, dass seit der Zeit der Apostel immer wieder Menschen die Hände aufgelegt worden sind, so dass dieses Handauflegen in einer Folge von der Zeit der Apostel bis heute erfolgt ist. Der ehemaliche Bischof von Hannover, Hanns Lilje, hat zu seiner Weihe als Bischof einen anglikanischen Erzbischof gebeten, damit er und alle, denen er die Hände auflegt um sie zum Dienst zu weihen, die apostolische Suczession haben. Ich selbst habe sie auf diese Weise durch meine Einsetzung zur Pfarrerin in der Marktkirche Hannover auch bekommen.
Nun suchen wir alle Menschen, die bereit sind, in der Kirche zu arbeiten, sei es nach einem entsprechenden Studium als Pfarrer, als Diakon oder Gemeindeschwester. Es gibt auch die freiwilligen Dienste. Ohne die Freiwilligen würde in der Kirche wie in der öffentlichen Verwaltung in der Schweiz nichts laufen. Wir sind angewiesen auf Freiwillige. Vorläufig gilt es als Ehre, sich in einem solchen Dienst zu bewähren.
Wie sieht es aber bei denen aus, die nun doch Geld zur Seite bringen oder gegen Geld Aufträge vergeben? Das kann vorkommen. Normalerweise müssen diese Menschen zurücktreten und ihren Dienst anderen überlassen. Es wird immer wieder berichtet, dass so etwas geschieht. Es gibt aber Staaten und Kirchen, wo es selbstverständlich erscheint, dass es zu Unregelmässigkeiten kommt.
Wir brauchen Menschen in Staat und Kirche, die ehrlich und weise ihre Aufgabe tun. Es gehört auch der Heilige Geist dazu – wie bei Stephanus – um zu erfahren, was gerade nötig ist.
Möge Gott uns Menschen schenken, die gerne und gut, in Weisheit und Verstand und mit dem Heiligen Geist die notwendige Arbeit bei uns tun.
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"Sieben" - Predigt zu Apostelgeschichte 6,1-7 von Dörte Gebhard
"Sieben"
Liebe Gemeinde,
„ ... wenn das nicht einmal in der Kirche geht – wo dann?“
„Von der Kirche habe ich etwas anderes erwartet!“
Rote Empörung steht der Dame ins Gesicht geschrieben. Sie regt sich auf.
Worüber? Das ist eigentlich weniger interessant, die Geschichte ist auch nicht hier bei uns passiert.
Aber ein herzenskluger Mensch hat einmal gesagt: „Jeder weiss, dass ein Pfarrer auch nur ein Mensch ist, aber wenn es herauskommt, wollen die meisten nichts mehr davon wissen.“[1]
Die Dame ist noch immer sehr aufgebracht – aber ist sie es zu Recht?
Das wissen wir noch nicht, das wird die Predigt weisen. Wir alle müssen noch etwas Geduld haben.
Seit es die Kirche gibt, hat man sich über sie aufgeregt.
Dass sie so weit hinter ihren Idealen zurückbleibt!
Eben, dass der Unterschied zwischen Heiland und Jüngern so groß ist!
Hören Sie von den ersten Aufregungen der jungen Christenheit. Der Predigttext steht in der Apostelgeschichte des Lukas im 6. Kapitel:
Die Wahl der sieben Armenpfleger
1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. 3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. 6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
Liebe Gemeinde,
zwischen den Zeilen steht alles, was wir jetzt noch wissen müssen, damit uns die Kirche in Zukunft nicht mehr Anlass zu Empörungen bietet, damit wir es zuletzt hoffnungsvoller anschauen können.
1. Die Zahl der Jünger nahm zu – die Kirche wuchs. Es wurden immer mehr, aber gerade das schafft auch größere Probleme.
Was bilden wir uns im 21. Jahrhundert eigentlich ein, wenn wir immer betonen, es sei schwierig, wenn die Gemeinden kleiner werden?!
Wissen wir überhaupt, ob das wahr ist? Ich bin überzeugt, niemals waren so viele Menschen freiwillig da. Ohne sie könnten wir nichts tun.
Früher gehörte es sich, dazuzugehören. Nicht wenig Druck und Zwang wurde ausgeübt, nicht immer war das am Tageslicht, aber dafür nicht weniger spürbar.
Wer heute und hier bei uns kommt, hat sich etwas dabei gedacht. Die Freiwilligen nehmen verhältnismäßig zu.
Wer sich weltweit zu den Christen zählt, muss sich auch etwas dabei denken und inzwischen wieder mancherorts schweres Leiden, sogar Folter gewärtigen, die Verfolgungen und die Gewalttätigkeiten, die Verspottungen und Verleumdungen nehmen auch – wieder – zu. 80% der derzeit um ihres Glaubens willen Verfolgten sind Christinnen und Christen.
Wer damals, zu Lukas’ Zeiten kam, musste sich auch etwas dabei denken,
sie wurden mehr, aber damit auch mehr Drangsalierte, vom Rest der Welt mehr oder weniger Verlachte oder Verachtete.
2. Es erhob sich ein Murren – auch typisch, nicht wahr? Konflikte in Kirchgemeinden brechen in der Regel nicht explosionsartig aus, sondern murren sich so langsam ins allgemeine Bewusstsein und nörgeln sich allmählich ins Empfinden aller Betroffenen und Beteiligten.
3. Griechische Juden gegen hebräische Juden, das können wir heute gar nicht mehr nachvollziehen. Aber wir können es uns nur allzu gut vorstellen! Es gilt für Köln und Düsseldorf, für Basel und Zürich, für ...
Denn überall, wo sich Menschen begegnen, gibt es sogleich die einen und die anderen. Winzige kulturelle und sprachliche Unterschiede reichen schon aus, dass wir sagen „wir hier und die da“. Soziologen ordnen uns heute höflich und vornehm, aber doch deutlich in unterschiedliche Milieus ein.
Die einen hören nur Musik mit Schlagzeug, die anderen immer ‚mit ohne’. Den einen fehlt dann immer genau das, was den anderen besonders lästig ist. Die einen sprechen Mundart, die anderen sehr viele sehr andere Sprachen, verstehen sich auch untereinander nicht gerade leicht. Die einen gingen gern zur Schule, die anderen waren nur froh, als es vorbei war. Die einen fahren ans Meer - oder in die Berge, die anderen verreisen nie, weil sie dazu kein Geld übrig haben. Die einen ..., die anderen ...
Griechische Juden murren gegen hebräische Juden, sie sind einander so ähnlich, aber nahe sind sie einander nicht, nicht einmal in dieser neuen, frischen Gemeinde.
4. Weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
Darauf legt Lukas, der friedliebende und harmoniebedürftige Mensch, wirklich wert! Niemand hatte irgendeine böse Absicht, schon gar nicht in den jungen Gemeinden. Damit ist es Lukas ernst, er ist unter allen Evangelisten derjenige, dem die Sozialkompetenz seiner Gemeinde am meisten am Herzen liegt. Er fördert sie mit allen, ihm verfügbaren Mitteln. Die Beispielerzählung vom Barmherzigen Samariter gibt es zum Beispiel nur bei ihm. Er überliefert sie in seinem Evangelium, weil es ihm so dringend wichtig ist für seine Gemeinde.
Nein, die Witwen werden tatsächlich übersehen. Wenn heute Hilfe ausbleibt, Menschen sich enttäuscht zeigen und abwenden, dann meist auch genau darum, weil sie übersehen wurden, weil sie keine Lobby hatten, die laut für sie rief, weil sie im Hauptwettbewerb unserer Mediengesellschaft, im Wettkampf um Aufmerksamkeit nicht bestehen können.
Übersehen konnte man die griechischen Witwen erst noch, überhören kann man das Murren darüber allerdings nicht mehr. Gottlob! Die Ohren kommen den Augen zu Hilfe. Hilfe kommt nun auch in den Blick:
5. Seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte!
Dass nur Männer gefragt und gesucht werden, hat man inzwischen oft beklagt. Aber die Probleme liegen noch tiefer, als es dass es nur um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ginge. Jesus hätte es den Witwen natürlich selbst zugetraut, sich zu organisieren. Er hätte diese damals besonders rechtlosen Frauen in Ämter und Würden gebracht, sie ermutigt, sich selbst zu helfen, selbst zu erkennen, was hilfreich für sie ist.
Die Jünger bringen das nicht mehr so einfach über’s Herz. Sie hören wieder auf ihre Zeitgenossen, sie machen vieles doch wieder so, wie es die Leute erwarteten. Sie richten sich wieder nach den Üblichkeiten. Jesus war allen unseren Zeiten himmelweit voraus.
Der Abstand zwischen Jesus und seinen engsten Vertrauten war und ist darum auch bleibend groß.
Lange waren die Jünger mit Jesus unterwegs, so haben sie etwas gelernt: sieben Männer müssen sein, sieben sind aber auch genug.
Die Sieben ist seit Jahrtausenden eine bedeutsame Zahl. Sie verbindet die göttliche Drei mit der irdischen Vier. Wir glauben an den dreieinen Gott und haben vier Himmelsrichtungen auf Erden, vier Jahreszeiten und bauen meist Viereckiges.
Himmlisches und Irdisches gibt zusammen etwas Größeres.
Drei und Vier gibt Sieben.
Die Sieben hat sich seit Menschengedenken zu bewähren: beim Siebenkampf und den sieben Weltwundern schon in der Antike, auf den sieben Weltmeeren, bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen und bei den sieben Schweizer Bundesräten (vor den sieben Bergen), es gibt sieben Tugenden und sieben Laster, sieben Todsünden und sieben Sakramente, allerdings nur in der katholischen Kirche, „Über sieben Brücken musst du gehen“[2], es sind sieben Worte Jesu am Kreuz, sieben Wunder im Johannesevangelium, sieben Werke der Barmherzigkeit sind zu tun, es gibt ein Buch mit sieben Siegeln und unsere „Siebensachen“, sieben Streiche von Max und Moritz und das Vater Unser mit sieben Bitten, die Musikgesellschaft besteht aus 3x7 Musikerinnen und Musikern und hier nun werden sieben Armenpfleger eingesetzt.
Sieben ist gerade eben und zugleich auch vollkommen genug.
Unter Umständen haben sich die 12 Jünger aber auch nur überlegt, dass es im Streitfall unbedingt eine ungerade Zahl sein muss, waren sie doch nun neuerdings genau zwölf.
Die Zahl wird selten genannt, aber mit Jesus zusammen waren sie immer dreizehn gewesen und nach dem Tod des Judas und Karfreitag nur noch elf. Gleich aber hatten sie wieder einen zwölften Jünger gewählt. Jetzt, da sie die gesamte Verantwortung allein tragen müssen, sind sie ausgerechnet zwölf, so dass es bei Streitereien unentschieden, unentscheidbar stehen kann.
6. Sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
Diese Namen sprechen Bände. Obwohl sie nur sperrig, altertümlich und harmlos tönen: Stephan, Philipp, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus.
Namen sind manchmal blöd, manchmal passend, aber niemals harmlos. Es sind alles Namen von Menschen, die in die erste, die vorderste Reihe gehören: Stephan ist der, der sich einen Kranz verdient hat, Philipp liebt Pferde, Prochorus ist der Anführer des Tanzes, Nikanor ist zu deutsch der Sieger, Timon der Angesehene, der aller Ehren Werte, Parmenas nennt sich einer, der Durchhaltevermögen hat, der bleibt, wo andere untergehen und Nikolaus ist einer aus einem siegreichen Volk. Gewinnertypen, alle zusammen.
Schon damals ging es um gute Namen und alles, was man mit einem richtigen Namen machen kann. Sie werden nun Armenpfleger und kommen in die erste Reihe - wenn es ums Dienen geht.
Sieben ist gerade eben und zugleich auch vollkommen genug, um die Armut vor Ort gerade nicht zu übersehen, sondern zu überblicken: wo Hilfe dringend nötig ist und wie Gerechtigkeit annähernd herbeigeführt werden kann. Die Bekämpfung der Armut war unter den ersten Christen eine vordringliche Aufgabe, und wir wissen nur zu gut, dass es bis heute so geblieben ist, wenn wir in die große, weite Welt hinausschauen. Manchmal mag man an den Verheißungen Jesu zweifeln, vollkommen überzeugend hat sich bewahrheitet, als er sagte: Arme habt ihr alle Tage bei euch (Mt 26, 11).
Liebe Gemeinde,
der siebte und damit selbstredend letzte Teil dieser Predigt, denn sieben ist gerade eben und zugleich vollkommen genug.
7. Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
Dieser spezielle Moment hat mich besonders berührt. Es wird nicht sogleich und irgendwie gedankenlos losgelegt. Es wird nicht sofort ein Vorsitzender gewählt und eine Sitzung abgehalten. Es wird nicht unmittelbar geleitet und organisiert, es werden nicht zuerst Reglemente erlassen und Formulare geschaffen.
Vor allem anderen steht das Gebet. Auch die besten Leute haben Gebete nötig, wie es hier klingt, gerade sie. Damit bestreite ich nicht, dass alles andere auch sein muss, dass es Regelungsbedarf gibt, dass Entscheidungen gefällt werden müssen, die künftige Willkür verhindern sollen, im Gegenteil. Auch die Kirche auf Erden kommt ohne all das nicht aus, wenn sie Gerechtigkeit üben will, die Betonung liegt auf „üben“, wenn sie versucht, dem himmlisch hohen Anspruch gerecht zu werden und niemanden zu übersehen, sondern die Not, die Armen wirklich zu sehen und zu kennen.
„Von der Kirche habe ich etwas anderes erwartet ...“
Sie erinnern sich an die Dame vom Anfang, mit roten Backen und innerer Hitze vor lauter Wut?
Liebe Gemeinde,
jetzt wissen wir darauf die Antwort: Nicht schon in der Gemeinde, gänzlich erst im Reich Gottes wird es ganz anders werden, zuvor ist es auf der Welt noch wie mitten in der Welt.
Erstaunlich viel Hilfe ist aber schon jetzt möglich, besonders, wenn man Wuthitze in Wärme, Mitgefühl und Energie zur Mitarbeit verwandeln kann.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der wandle in uns alle Wut in Wärme, stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.
[1] Werner Jetter, Homiletische Akupunktur. Teilnahmsvolle Notizen, die Predigt betreffend, Göttingen 1976, S. 139.
[2] Rockband Karat (DDR), später von Peter Maffay (Westdeutschland) nachgesungen.
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Der Heilige Geist und die Predigt - Predigt zu Apostelgeschichte 2,22-23.32-33.36-39 von Sibylle Reh
Der Heilige Geist und die Predigt
Liebe Gemeinde,
Wie haben als Predigttext soeben Ausschnitte Ausschnitte aus der Pfingstpredigt des Petrus gehört. Aus dieser ersten Pfingstpredigt, die Petrus vom Heiligen Geist eingegeben wurde, entstand die erste christliche Gemeinde. Deswegen bezeichnet man Pfingsten als Geburtstag der Kirche.
Nach dieser Predigt ließen sich nach Angaben von Lukas 3000 Menschen taufen.
Davon können wir in hier in Strausberg nur träumen. Zum Vergleich: Das sind so viele Menschen, wie in diesem Bundesland (Brandenburg) im ganzen Jahr evangelisch getauft werden. (Quelle: https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/produkte/jahrbuch/jb2013/JB_2013_BB.pdf).
Können wir solche begeisternden Predigten nicht auch brauchen? Wir sind als Christen, nicht mehr so viele, wie wir gerne wären. Und wir werden immer weniger, da gibt es nichts zu beschönigen Hier sterben jedes Jahr mehr als doppelt so viele evangelische Christen oder treten aus der Kirche aus, als Menschen getauft werden.
Wie kann nun eine Predigt Menschen zum Glauben bringen, oder anders gesagt, wie kann der Heilige Geist in einer Predigt wirken?
Und wie bereite ich eine gute Predigt vor, in der der Heilige Geist wirken kann?
Es gibt Prediger, die meinen, man dürfe Predigten nicht vorbereiten, sondern solle wie Petrus darauf warten, was der Heilige Geist eingibt.
Es gibt dazu eine Anekdote, die mal Claus, mal Ludwig Harms zugeschrieben wird. Da wird der Pfarrer gefragt, ob der Heilige Geist nicht auch zu ihm spräche. Er sagte, einmal, als er wenig Zeit zur Predigtvorbereitung hatte, habe er den heiligen Geist um die richtigen Worte gebeten. Und er habe wirklich eine Antwort erhalten. Die Antwort lautete. „Mein Sohn, du bist faul gewesen.“
Darum bereiten die meisten Pfarrer ihre Predigt doch auch am Schreibtisch vor. Im Predigerseminar habe ich viel über Inhalt und Form einer guten Predigt gelernt. Denjenigen, die sich vor lauter Überlegungen dann überhaupt nicht mehr zu predigten trauten, sagte dann unser Pastoralpsychologe: „Es sind auch schon Menschen durch schlechte Predigten bekehrt worden.“
Das sollte natürlich keine Entschuldigung für Faulheit sein, sondern, wie ich es verstanden habe, ein Hinweis darauf, dass der Heilige Geist wirkt, wie er will.
Liebe Gemeinde, aber das ist die Frage: Sollen unsere Predigten in Strausberg Menschen bekehren? Nötig wär‘s, da wir gerade hier ein besonders kleines, immer kleiner werdendes Häuflein sind. Auch wenn an diesem Wochenende wieder junge Menschen in der Strausberger Kirche konfirmiert werden, so ist doch die Liste der Konfirmierten um einiges kürzer als die der Verstorben, die am Ewigkeitssonntag verlesen wurde.
Aber sind die Predigten im Kirchenraum wirklich dazu bestimmt, Menschen zu bekehren? Im Ernst, wie viele Leute sind hier im Gottesdienst, die zum Christentum bekehrt werden sollten?
Hier in dieser Kapelle sind wir doch an diesem Feiertag eine kleine Schar Christen, die sich seit Jahren zur Kirche halten, in guten wie in schlechten Zeiten.
Außerhalb dieser Mauern sitzt eine Mehrheit, von denen vielleicht manch einer eine Bekehrung nötig hätte, die aber weder diese noch irgendeine andere Predigt hören, die hier gesprochen wird. Das ist einfach schon deshalb so, weil ich hier drinnen predige und jene dort draußen irgendwo sind.
Nun zurück zur Predigt des Petrus vor fast 2000 Jahren.
Damals gab es noch keine christliche Kirche, weder das Gebäude, noch die Gemeinde.
Es gab, wie wir aus der Apostelgeschichte erfahren haben, etwa 120 Anhänger Jesu, allesamt Juden, die sich in Jerusalem versammelt hatten. Da Lukas die Apostelgeschichte auf Griechisch geschrieben hat und die griechische Sprache keinen Unterschied zwischen „Geschwistern“ und „Brüdern“ kennt, weiß ich nicht, ob es insgesamt 120 „Geschwister in Christus“ waren, oder 120 „Brüder“ und zusätzlich eine nicht näher genannte Anzahl Frauen. Der Ort, an dem sie sich aufhielten, ist nicht klar. Die Elf verbliebenen der ursprünglich 12 Jünger Jesu hatten zusammen mit der Mutter und den Geschwistern Jesu und einigen Frauen eine Wohnung im „Obergemach“ eines Hauses. Aber 120 Menschen werden dort wohl kaum Platz gefunden haben. Vielleicht versammelten sich die Jünger in einer öffentlichen Säulenhalle, vielleicht im Tempel, Lukas sagt es nicht. Er sagt nur, dass das Haus, in dem sie waren, vom Heiligen Geist erfüllt wurde. Was für ein Haus das war, erfahren wir nicht, aber es muss wohl eher ein öffentlich zugängliches Haus gewesen sein, denn sofort konnte eine Volksmenge herbeieilen, Petrus konnte zu ihnen sprechen, ohne irgendwo anders hingehen zu müssen.
Petrus und die anderen Anhänger Jesu verstanden sich als Juden, die Jesus als den Messias der Juden verehrten. Und Petrus sprach in dieser ersten Pfingstpredigt ausschließlich zu Juden: Juden die in Jerusalem wohnten, teilweise aber auch aus anderen Ländern kamen, denn schon damals lebten viele Juden außerhalb Israels. Es gab auch Proselyten unter den Zuhörern, das heißt Menschen, die nicht als Juden geboren waren, sondern zum Judentum übergetreten waren.
Petrus war kein gebildeter Mensch, davon wird nie berichtet. Er stammte auch nicht aus Jerusalem. Er war Fischer vom See Genezareth, am Rande Israels, bevor er von Jesus berufen wurde. Die Menschen hören es an seinem Dialekt. Aber sie hören ihm zu.
Petrus spricht von Jesus und von der Schuld der Menschen, die die Kreuzigung Jesu zuließen, und ruft zu Buße auf. Zugleich betont er, dass Jesus der verheißene Messias ist, auf den seine Zuhörer gewartet haben.
Ein wesentliches Element der Predigt, das den Juden wichtig war, habe ich hier nicht vorgelesen, weil der Text auch so sehr lang ist. Nicht vorgelesen habe dich die Begründung, warum Jesus der Messias ist. Petrus leitet seine Aussagen von der Auferstehung Jesu aus der Bibel, in diesem Fall aus mehreren Psalmworten her. Ohne eine solche Herleitung hätten diejenigen unter den Juden, die er überzeugen wollte, ihm nicht geglaubt. Die Zuhörer waren Menschen, für die die Bibel im Mittelpunkt ihres Lebens stand.
Vielleicht war das das eigentliche Pfingstwunder, dass die Leute die Predigt hören konnten, da, wo die Jünger gerade standen, und dass sie bereit waren, Fischern vom See Genezareth zuzuhören.
(Es wird zwar von Sprachen gesprochen, in denen die Jünger redeten. Aber fast alle Juden Sprachen zur Zeit Jesu entweder Griechisch oder Aramäisch oder beides, und sie hätten gar kein Sprachenwunder gebraucht, um Petrus, der wahrscheinlich ebenfalls beide Sprachen sprach, zu verstehen, zumindest dem Wortlaut nach, das Verstehen mit dem Herzen ist etwas anderes)
Liebe Gemeinde, um wieder zu uns hier nach Strausberg zurückzukommen:
Wir feiern Pfingsten, und wir brauchen Pfingsten und den heiligen Geist, um hier in Strausberg weiter als Kirche bestehen zu können.
Wie werden Menschen Christen? Christen werden Menschen meist dadurch, dass sie jemandem begegnen, für den Jesus wichtig ist. Eltern, Großeltern spielen in der Vermittlung des Glaubens oft eine wichtigere Rolle als Pfarrer und Lehrer. Außerdem werden auch oft durch Lebenskrisen oder lebensbedrohliche Situationen oder einschneidende Ereignisse Menschen zu Christen.
Den christlichen Glauben weitergeben können und müssen wir deshalb alle, das können wir nicht den Wenigen überlassen, die dafür bezahlt werden. Ich denke, wir überzeugen nicht allein durch Worte sondern auch durch unser Leben, unser Handeln im Alltag.
Heute an Pfingsten ist aber nicht nur das Weitergeben des Glaubens dran, sondern zunächst auch für uns das Zuhören. Wir sind ja dadurch, dass wir den Text hören, auch unter den Zuhörern des Petrus.
Und wir sollten auf den Heiligen Geist hören, der uns ruft. Und der Geist Gottes weht, wo er will.
Wir feiern heute den Geburtstag der Kirche, die geboren wurde aus dem Heiligen Geist.
Und in der Stadt wird die Konfirmation junger Menschen gefeiert, an der hoffentlich auch der Geist mitwirkt.
Wir können uns also freuen, an diesem Pfingsttag und die Sorge um die Zukunft der Kirche einmal ruhen lassen.
„ Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die in der Ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, hinzurufen wird.“ –sagt Petrus.
(Kanzelsegen)
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Petrus riskiert Kopf und Kragen - Predigt zu Apostelgeschichte 2,22f.32f.36-39 von Reinhold Mokrosch
„Petrus riskiert Kopf und Kragen“
Liebe Pfingst-Christen!
Ist Petrus verrückt geworden? Ist er wahnsinnig geworden? Er riskierte Kopf und Kragen, als er öffentlich eine große, die Juden anklagende Pfingstpredigt hielt. In Jerusalem wurde gerade das Schawuot-Fest gefeiert; genau 50 Tage nach dem Pessach-Fest, also sieben Wochen und einen Tag nach Pessach.
Ganz Jerusalem war damals auf den Beinen. Man feierte nämlich gleich zweimal: Zum einen feierten die Juden Erntedank. Die Weizenernte war eingefahren und die ersten Früchte waren geerntet. Das war Grund, Gott zu danken. Zum anderen gedachte man der 10 Gebote, des Dekalogs, die Mose nach seinem zweiten Gang auf den Sinai mitgebracht hatte. Das war ein zweiter Grund, Gott zu danken.
Und genau an diesem Tag hielt Petrus in aller Öffentlichkeit seine judenkritische und provokative Predigt. Zuvor hatte sich am gleichen Tag das Pfingstwunder ereignet: Die Apostel waren versammelt, als, wie Lukas berichtet, ein Sturmbrausen ausgebrochen und Feuerzungen erschienen waren, die sich auf die Häupter der Apostel setzten und sie alle mit Heiligem Geist erfüllten. Und jeder der Apostel hatte begonnen, in einer je anderen Sprache bzw. Zunge zu predigen. Die Stadtbewohner Jerusalems, die multikulturell aus vielen Völkern und Ethnien kamen und verschiedenste Sprachen sprachen, waren, wie Lukas berichtet, ob des Sturmbrausens erschrocken herbei gestürzt. Und sie waren noch erschrockener, als sie die Apostel nicht nur aramäisch oder griechisch, sondern in verschiedenen, ja in ihren eigenen Muttersprachen sprechen und predigen hörten. Sie entsetzten sich über solches Wunder. Einige allerdings entlasteten sich und meinten: „Diese Apostel sind voll von süßem Wein“, also sturzbetrunken.
Dieses Pfingstwunder hatte sich 50 Tage nach Jesu Hinrichtung und Auferstehung vollzogen, genau am Schawuot-Wochenfest-Tag der Juden. Das war für die jüdische Bevölkerung fraglos ein maßloses Ärgernis. Und nun setzte Petrus auf diesen Skandal noch einen drauf: Er hielt eine öffentliche Predigt, ja eine Missionspredigt, welche nicht nur die jüdische Öffentlichkeit schwer brüskieren sollte, sondern die auch hoch gefährlich war. Er riskierte mit seinen Anwürfen Kopf und Kragen. Hören wir uns seine Pfingst-Predigt an:
Apg. 2, 22f. 32f. 36-39: (22) „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter Euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr wisst, - (23) diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden (sc. Römer) ans Kreuz geschlagen und umgebracht… (32) Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. (33) Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört…(36) So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat. (37) Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: Was sollen wir tun? (38) Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und jeder von Euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. (39) Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung, und allen, die fern sind, so viel der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“
Noch vor 50 Tagen hatte Petrus aus schlotternder Angst Jesus Christus schmählich verraten: ‚Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet!‘ hatte er der Magd im Gerichtshof versichert, bevor der Hahn dreimal krähte. Und nun, 50 Tage später, bekannte er sich vorbehaltlos zu diesem Jesus Christus; obwohl die Situation genauso gefährlich war wie damals, da die Christen seit Ostern verfolgt und der Zersetzung des jüdischen Gesetzes angeklagt wurden.
Und nicht nur das: Petrus bezichtigte „die“ Juden und „das Haus Israel“, Jesus Christus (illegal und kriminell) ermordet zu haben. Zwar fügte er ein: Ihr habt das getan „durch die Hand der Heiden“, also der Römer. Aber der Vorwurf blieb in voller Härte bestehen. Ja, er nahm die Römer in Schutz, um „die“ Juden noch mehr anzugreifen. Er riskierte Kopf und Kragen, denn gegen solche Beschuldigung hätten die Juden Strafanzeige erheben können.
II.
Auf den grauenhaften Vorwurf eines Justizmordes durch die Juden, der jahrhundertelang die Judenverfolgung bis zum Holocaust begründet hat, gehe ich gleich ein. Vorher frage ich: Was hat Petrus zu solcher mutigen Missionspredigt am Schawuot-Tag bewogen? Die Antwort kann nur lauten: die Wirkung des Heiligen Geistes. „Mut zum Sein“ nannte Paul Tillich das Wesen des Heiligen Geistes. Das traf für Petrus genau zu. Seit seinem Empfang des Heiligen Geistes hatte er Mut zum Leben, zum Dasein und zum Sein insgesamt entwickelt. Eine schöpferische Lebenskraft hatte ihn ergriffen. Und vor allem: Der Heilige Geist hatte ihm seine Angst genommen. Mit seinem Bekenntnis zu Jesus Christus, der um des Reiches Gottes willen das mosaische Gesetz durchbrochen hatte und dafür ermordet worden war, hatte er mutig und angstfrei eine jüdische Strafanzeige riskiert. Der Heilige Geist hatte ihn angst- und sorgenfrei werden lassen. Wahrscheinlich wirkte er bei ihm so, wie das Johannes-Evangelium ihn beschreibt: als ermutigender Tröster, als Gottes Hilfe und Beistand, ja als schöpferische Macht Gottes selbst.
Und der Heilige Geist befähigte ihn zum massiven Protest: Ihr habt Jesus Christus, der von Gott gesandt war, der Taten, Wunder und Zeichen im Namen Gottes und durch Gott getan hat und der Gottes Heiligen Geist auf seine Jünger und Apostel ausgegossen hat, - diesen Jesus Christus habt ihr, ihr Juden vom Haus Israel, brutal gekreuzigt. Allerdings war das, so bekennt er mutig weiter, Gottes Plan und ihr seid nur sein Werkzeug gewesen. Aber ihr seid ein williges Werkzeug gewesen. - Mut zum Protest ist eine Folge des Geistempfangs bei Petrus gewesen. Und solchen Mut zum Protest hatte er sicherlich auch politisch laut werden lassen.
Schöpferische Lebenskraft, Mut zum Dasein, Mut zum Christus-Bekenntnis, Angst- und Sorgenfreiheit und Mut zum öffentlichen Protest gegen Unrecht hatte der Heilige Geist in ihm gewirkt.
Solche Geisterfahrungen, liebe Christen, sollten uns zu denken geben. Unsere schöpferische Lebenskraft, unser Mut zum Dasein und unser Mut zum öffentlichen Einstehen für Recht und Gerechtigkeit sind – wenn wir sie denn haben und in uns fühlen – ein Geschenk des Heiligen Geistes Gottes. „Ihr seid ein Tempel des Heiligen Geistes, den ihr von Gott habt, so dass ihr euch nicht selbst gehört!“ (1. Kor 6, 13) ruft Paulus uns zu. Ich bitte Sie, nicht lange zu fragen und zu suchen, wie und wo ich Heiligen Geist empfangen kann, sondern in der eigenen Lebenskraft – wenn sie denn da ist – Gottes Geist zu entdecken.
III.
Jetzt komme ich aber zu Petrus Vorwurf gegen „die“ Juden. Warum in aller Welt hatte er „die“ Juden so brutal und die Römer kaum beschuldigt? Ist er Antijudaist gewesen? Ist Lukas Antijudaist gewesen? Der Heilige Geist wird auch „Geist der Wahrheit“ genannt. Traf das bei Petrus und Lukas zu? Hatten sie Wahrheiten oder Unwahrheiten verkündet?
Petrus hatte nach diesem (legendären) Bericht in der Apostelgeschichte eine multikulturelle Hörerschaft in Jerusalem vor sich gehabt. Es waren nicht nur Juden. Aber er sprach die Juden besonders an und beschuldigte besonders sie, Jesus gekreuzigt zu haben. Deshalb kann ich, liebe Gemeinde, mich nicht der Auffassung vieler Prediger anschließen, dass Petrus und Lukas zum Ausdruck bringen wollten, dass wir Menschen alle zusammen mit unseren sündigen Verhaltensweisen Jesus Christus gekreuzigt haben und dass sie „die“ Juden nur prototypisch für die gesamte Menschheit nennen wollten. Freilich, Petrus und Lukas klagten die Schuld aller Menschen an Jesu Tod an. Aber sie klagten eben besonders „die“ Juden als Mörder an. Deshalb sind sie m.E. vom Antijudaismus-Vorwurf nicht frei zu sprechen. Denn die Aussage, dass „die Männer Israels durch die Hand der Heiden Jesus gekreuzigt und umgebracht“ haben, stimmt in dieser Form nicht. Da spielte vorurteilsbesetzter Antijudaismus eine große Rolle.
Ist der Heilige Geist bei Petrus also ein „Geist der Wahrheit“ gewesen? Ich wage zu sagen: Hinsichtlich der Verurteilung der Juden nicht. Hier spielte der Zeitgeist der ersten Christen eine entscheidende Rolle. Und dieser Zeitgeist hat grauenhafte Konsequenzen für die Geschichte der Judenverfolgungen gehabt. Der antijüdische Zeitgeist hatte damals und später immer wieder den Heiligen Geist brutal vertrieben. Nicht alles, was dem Heiligen Geist zugerechnet wird, ist Heiliger Geist. Es besteht wahrscheinlich immer ein Kampf zwischen Zeitgeist und Heiligem Geist. Darauf müssen wir achten, liebe Gemeinde: Was sagt der Heilige Geist, was sagt der Zeitgeist? „Unterscheidet die Geister!“ fordert Paulus uns auf! Da müssen wir wachsam sein.
IV.
Die Predigt von Petrus endete mit dem Aufruf: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes“. (V 38) Auch ich komme mit meiner Predigt zum Schluss und erinnere mich an einen Gottesdienste in der afrikanischen Massai-Steppe, bei dem dieser Aufruf von Petrus im Mittelpunkt stand und an dem ich als Pfarrer in Weiß selbst mitgewirkt hatte. Der tanzanisch-lutherische Pfarrer legte zunächst den viergeteilten Petrus-Vers (Buße – Taufe – Sündenvergebung – Empfang des Heiligen Geistes) plastisch und eloquent aus bevor wir ihn mit denjenigen praktizierten, die getauft werden sollten: Die Buße war ein Schuldgeständnis, das die Täuflinge in glossolaler, unverständlicher Sprache abgaben. Ich hielt dabei segnend meine Hand über sie. Danach tauften wir sie im nahe gelegenen Fluss mit Unter- und Auftauchen, - als Sinnbild für Abstieg in das Reich der Sünden und Aufstieg als Gereinigte. Die Vergebung der Sünden sprachen wir jedem auf Kisuahili (oder Englisch) persönlich zu. Und der Empfang des Heiligen Geistes verlief dann wieder durch Handauflegung und beschwörende Worte: Empfange die Gaben des Heiligen Geistes. Aber jetzt folgten Riten, die mir fremd waren: Die getauften und geistbegabten Massai-Männer und Frauen schrien laut und schrill, fielen zu Boden und standen durch Handauflegung von uns Pfarrern wieder auf. Anschließend hoben sie sich gegenseitig auf. Und eine soeben getaufte Massai-Frau ging auf ein krankes Kind zu und segnete es, um es zu heilen.
Warum diese Riten? „Der Heilige Geist muss sichtbar werden“ antwortete mir der tanzanische Pfarrer. ‚Sichtbar werden‘ überlegte ich? Ich persönlich halte es mehr mit der Stille und Verborgenheit des Heiligen Geistes, lehne aber die Riten dieser afrikanischen Pfingstler nicht ab. ‚Gottes Geist weht, wo er will.‘ Entscheidend ist, dass nicht wir meinen, ihn herbeizitieren zu können, sondern einsehen, dass Gott ihn uns schenkt.
„Der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!“
Amen