Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Elisabeth Tobaben

Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Elisabeth Tobaben
17,1-9

Liebe Gemeinde!

Manches verklärt sich wie von selbst - fernab von der alltäglichen Realität;
Hier auf der Insel, weit draußen am Strand,
auf dem Segelboot draußen auf dem Watt,
und erst recht hoch oben auf dem Gipfel eines hohen Berges!
Die Welt erscheint in einem andern Licht: Gipfelerfahrungen.
Alles sieht ganz anders aus, deutlicher irgendwie, klarer als sonst und als anderswo.
Die Welt hüllt sich in Schweigen,
keine gewohnten, vertrauten Geräusche - und wenn, dann nur ganz aus der Ferne,
von weit vielleicht her  Kuhglocken, das Rauschen eines Wasserfalls, einer tief unten vorbei gleitenden Eisenbahn.
Die Welt erscheint entfremdet. Verändert.
Gipfelerfahrungen verändern.
Nicht unbedingt gleich die ganze Welt,
nicht unbedingt die Realität des gesamten Alltags,
jedenfalls nicht unbedingt direkt und sofort.
Aber wer schon einmal einen relativ hohen Berg bestiegen hat, der weiß, wie anstrengend das ist, aber auch was für ein tolles Gefühl es ist, wenn man es dann geschafft hat -die 2500, 3000 m oder noch mehr!
Alles ist so weit weg, was mich sonst verfolgt, bedrängt oder ablenkt.
Dazu kommt die Klarheit der Farben und Formen, Blumen und Felsen, die Intensität des Lichtes.
Ein gemeinsamer Anstieg verbindet auch, kann die Gipfelerfahrung noch intensiver machen.
Die Erlebnispädagogik macht sich das zu Nutze, gerade mit Jugendlichen, die sonst kaum Erfolgserlebnisse haben, die gerade in den Bergen entdecken können, was es heißt, sich aufeinander verlassen zu müssen, etwas zu schaffen, was man sich selbst nicht zugetraut hatte.
Gipfelerfahrungen können auch erschreckend sein, aufrührend, können alles Bisherige in Frage stellen und mich zweifeln lassen an der Richtigkeit meiner Pläne.
Aus einem ganz andern Blickwinkel taucht das Zurückliegende wieder auf.
Und: Gipfelerfahrungen können auch ausgesprochen ernüchternd sein.
Ich muss schließlich irgendwann wieder runter vom Berg!
Auch die Empfindungen und Erkenntnisse entgleiten mir nur zu schnell wieder, ich kann sie oft genug dann doch nicht festhalten.
Kein Wunder, dass der Evangelist Matthäus diese ganz unerklärliche Erfahrung der Verklärung Jesu auf einem Gipfel spielen lässt, auf einem hohen Berg.

Lesung: Matth. 17, 1- 9

Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg.
Und er wurde vor ihren Augen verwandelt, sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.
Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elia und redeten mit Jesus.
Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.
Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, auf ihn sollt ihr hören.
Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.
Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst!
Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.
Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.


Eine  traumhafte Erfahrung!
So etwas wäre mir unvorstellbar auf einem belebten Marktplatz, in einem großen Einkaufszentrum, in einem Wohnhaus oder auch in einer Kirche.
Die Abgeschiedenheit, die Stille und Klarheit der Berge scheint geradezu nötig zu sein, damit die drei überhaupt wahrnehmen können, dass da etwas Besonderes passiert.
Stellen Sie sich vor, die Verklärung Jesu hätte unter dem Flutlichtscheinwerfer eines Fußballstadions oder vor hell erleuchteten Schaufenstern  stattgefunden, die drei hätten doch gar nicht bemerkt, was für ein Leuchten das in diesem Moment von Jesus ausging!
Außerdem: es geht ja auch um eine sehr intime Erfahrung.
Offenbar will Jesus  gar nicht, dass die Massen  dieses Leuchten um ihn schon  sehen, nein, nur drei Auserwählte nimmt Jesus mit auf den Berg.
Fast kommt es mir so vor wie ein „Probelauf“, als wollte Jesus schon vorab an einigen ihm besonders Vertrauten einmal testen, wie die Menschen auf ihn als Auferstandenen reagieren werden.
Das blendende Licht, leuchtend weiß erscheinende Kleider, Erscheinungen – das alles klingt schon sehr österlich.
Und was geschieht bei den Jüngern in dem Moment? Festhalten wollen sie ihn!
Einer prescht voran, Petrus, der schon bekannt ist für sein vollmundiges Bekenntnis und seine direkte Art.
Ganz pragmatisch packt er die Sache an.
Natürlich ist auch ihm klar, dass er gerade etwas äußerst Ungewöhnliches miterlebt,  und das möchte das er bewahren.
Ich finde es sehr verständlich, dass  er sagt: “Ach, wenn‘s doch immer so sein könnte!
Hier bleiben wir, hier ist es gut!“
„Verweile doch, o Augenblick, du bist so schön.“
Hier, so denken die drei,  kommen wir unserer eigenen Geschichte nahe, den Wurzeln unseres Glaubens.
Die Licht- Gestalten von Mose und Elia verbinden uns mit unserer Geschichte.
Aber Licht festhalten? Das klingt doch schon sehr nach den berühmten Schildbürgerstreichen, und auch dort war es schon nicht gelungen, das Licht in Säcken in ihr fensterloses Rathaus zu tragen.

Auf dem hohen Berg scheinen die drei und Jesus dem Himmel etwas näher.
Zwei Wirklichkeiten schieben sich in der  Verklärungsgeschichte übereinander:
die Macht des Himmels geht auf die Erde über, die Kraft Gottes erreicht diese  Welt – sicher, unverfügbar wie zu Pfingsten – manchmal recht verborgen, aber manchmal auch urplötzlich sichtbar, spürbar!
Jemand hat die Szene der Verklärung Jesu einmal mit einer Ikone verglichen:
Da gibt es eine sichtbare obere Schicht mit bunte Farben und ganz zuletzt aufgetragenen Lacken.
Und es gibt eine Tiefenschicht - den Goldgrund - der bei jeder Ikone zuerst auf das Holz kommt und ihr den Glanz des Echten, Wahren und Wertvollen geben soll.
Durch die darauf  gemalten Bilder und Motive leuchtet  überall immer wieder einmal der Goldgrund hindurch.
Und so leuchtet auch in unserer Welt und in unserem Leben hin und wieder Gottes Gegenwart besonders glänzend durch.
In der Bibel  sind übrigens oft Berge der Ort einer besonderen Begegnung mit Gott.
Gerade die beiden in dieser Erscheinung so unvermittelt aufgetauchten Mose und Elia   bringen ihre ganz eigenen Bergerfahrung mit:
Mose bekommt auf dem Sinaigebirge, die Anweisungen zum Leben und Glauben, die ihn und sein Volk durch Jahrtausende begleiten sollten, die bei uns bis heute Gültigkeit haben als „die 10 Gebote“.
Und Elia kämpft auf dem Berg Karmel gegen fremde Götter, schießt mit seiner Gewalttätigkeit weit übers Ziel hinaus und macht trotzdem gerade in dieser dunkelsten Stunde seines Lebens eine herausragende Erfahrung:
Er weiß sich getröstet, versorgt und erlebt, dass Gott ihm eine neue, schwierige Aufgabe zutraut.
Und da ist die Lichtwolke.
Licht lag schon auf Moses Gesicht, nachdem Gott ihm die Richtlinien für das Leben und das Miteinander gab, als Mose wieder abgestiegen war mit den schweren Steintafeln unter dem Arm, und die Menschen erkennen daran, dass ihm etwas ganz und gar Außergewöhnliches begegnet ist.
Verhüllt geht Gott mit, nur manchmal leuchtet etwas auf, erstrahlt Lebens- und Glaubensgewissheit auf dem Gesicht eines Menschen,
im Regenbogen vielleicht, Glanz- und Hoffnungszeichen Gottes
über einer neu erstehenden Welt.
Es ist ein schöner Gedanke, dass auch wir unser Lebenspanorama auf einen Goldgrund malen können, wie auf einer Ikone!

Petrus bekommt leuchtende Augen: Hier lasst uns Hütten bauen!
Eine für Christus: festhalten, dass er Herr ist über mein Leben, verlässlicher Halt in meiner schwankenden Lebensgeschichte.
Petrus sucht den Weg des Eindeutigen: Hütten für Mose und Elia, ein Heiligtum, etwas zum Festhalten und Anfassen, einen Ort schaffen, wo Gott verfügbar erscheint.
Heute stehen auf dem „Berg der Verklärung“ in Israel nach langer, wechselvoller Geschichte zwei Kirchen - eine griech. orth. und eine röm. kath., man konnte sich nicht einigen im Streit um das Gelände und um die Darstellung der Verklärung...
Für Petrus sind Mose und Elia die Verbindung zum Früher, Garanten dafür, dass Gottes Zusage sich durchhält, auch damals schon war.
Petrus zielt auf End-Gültiges, will Halt bieten, Autorität, religiöse Heimat.
Damit würde er sicher auch heute bei vielen offne Türen einrennen und auf begeisterte Zustimmung stoßen.
Die Sehnsucht ist groß in unseren Zeiten nach Sicherheit, nach unverbrüchlicher Glaubensgewissheit.
Und zugleich ist die Gefahr ist nach wie vor groß, im Vordergründigen stecken zu bleiben,
Hütten auf dem Berg zu bauen und vielleicht gar nicht mehr zu merken, dass sich der Glanz schön längst verflüchtigt hat...
Festhalten und Festschreiben um jeden Preis: So ist es und nicht anders-
Das ist Gewissheit gegen andere, gefährlich erscheinende Überzeugungen.
Sie macht die Angst nicht kleiner, führt eher dazu, dass jede auch noch so leise Anfrage als Angriff erlebt wird, als ungeheuer bedrohlich;
Führt dazu, dass Menschen (oder sogar ganze Gemeinden) sich abschotten.
Sie verstärkt eher die Anstrengung, Glanz aufrecht zu erhalten nach außen.
Keine tragfähige Kraft für das Leben.
So verläßt Petrus der Mut im Sturm.
‚Er kann das Scheitern nicht aushalten in Gethsemane,
der Angst nicht standhalten, als der Hahn kräht.
Gipfelerfahrungen wie diese - sie sind eben gerade nicht herstellbar, zu erzwingen oder einzufordern, sie sind Geschenk und Herausforderung zugleich.
Gott zeigt sich, und für einen Moment scheint der Goldgrund der Ikone durch, erstrahlt Gottes Zusage in deinem Leben.
Die Frage ist: wie ist das Erlebte zu deuten?
Die Stimme gehört dazu, mysteriös aus den Wolken in diesem Fall,
sonst eher in mir selbst, meinen eigenen Überlegungen und Meditationen zu finden, manchmal auch als zufällig hingeworfener Satz eines andern - Wegweisung - gehört dazu, ("Ihn sollt ihr hören!" hatte übrigens auch schon Maria bei der Hochzei zu Kana gesagt.)
Und: „Dies ist mein lieber Sohn“  sagt die Stimme, - wie schon bei der Taufe im Jordan...
Zum Glauben gehört eben auch das Hin- und  -Hergerissensein zwischen Angst und Schrecken und dem Fürchtet - euch - nicht, der österliche Glanz der Verklärung und Erleuchtung und  Karfreitag.
Und die Ernüchterung nach der Gipfelerfahrung folgt auf den Fuß: die Erscheinung ist verschwunden, nur noch Jesus zu sehen, und die drei fragen sich vielleicht: haben wir grad „nur“ geträumt?
Jedenfalls müssen sie wieder herunter vom Berg und –was ich mir ziemlich schwierig vorstelle- dürfen noch nichtmal von dem erzählen, was sie erlebt haben!
Nebenbei: vielleicht lässt es sich auch kaum erzählen? Wenn schon die Erfahrungen einer ganz normalen Bergbesteigung so schwer zu vermitteln sind?
Dennoch sind Petrus, Jacobus und Johannes ganz sicher  nicht so zurückgekommen, wie sie aufgebrochen sind.
Angerührt sind sie.
Wieder aufgerichtet, nachdem der Schrecken sie zunächst umgeworfen hatte.
War nicht die Gipfelerfahrung, die sie gemacht haben, nun tatsächlich so etwas wie eine vorzeitige Ostererfahrung?
So wie sie Jesus gesehen und erlebt hatten, werden sie ihn erst als  Auferstandenen wiedersehen.
Auferstehung mitten im Leben. Aber handfester, alltäglicher jetzt noch: Jesus fasst sie an, um sie aus dem Schrecken zurückzuholen.
Vielleicht legt er ihnen beruhigend die Hand auf die Schulter, ergreift ihre Hand, um sie vom Boden wieder hochzuziehen.
Aber schon Widerspruch gegen die tag- tägliche Gewissheit: "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen..."
Am Übergang von der Epiphaniaszeit zur Passionszeit gewinnt diese Geschichte eine ganz eigene Bedeutung:
Hier schneiden sich die Linien vom herrlich leuchtenden "Morgenstern" und dem elend leidenden Gekreuzigten.
Beides zusammen macht erst das Ganze aus, in Christus wie in jedem einzelnen Menschen.
Gipfel - und Tiefenerfahrungen gehören zusammen.
Sternstunden und der krähende Hahn.
Und manchmal verklärt sich etwas - wie von selbst.
Der Goldgrund scheint durch - Leben wird transparent für Gottes Gegenwart.

Amen

Perikope
25.01.2015
17,1-9

Gipfeltreffen - Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Monika Waldeck

Gipfeltreffen - Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Monika Waldeck
17,1-9

Gipfeltreffen

Wer es auf den Gipfel schaffen will, muss sich anstrengen.
Je höher der Berg, desto mehr Kraft und Ausdauer braucht man.
Ein genauer Zeitplan ist nötig, eine gute Ausrüstung und unbedingt: Durchhaltewillen.

Durchhaltewillen braucht jeder, der etwas vorhat in seinem Leben, der sich Ziele gesetzt hat. Die können manchmal sein wie ein Berggipfel, zu Beginn weit entfernt und scheinbar unerreichbar, mit der Zeit immer ein Stückchen näher rückend, langsam, aber sicher.
Rückschläge sind nie ausgeschlossen. Wer trotzdem seine Ziele nicht aus den Augen verliert, kann Überraschendes erleben.

Durchhaltewillen haben sie, die Drei, die Jesus mitnimmt auf den hohen Berg.
Darüber freuen sie sich sicher, dass er sie auswählt, unter allen Jüngern. Die Aussicht, mit Jesus allein, „ganz für sich“ zu sein, das motiviert zum Anstieg.
Mit dem meditativen Pilgern des Jakobswegs hat diese Bergwanderung wenig zu tun. Der Weg ist hier nicht das Ziel.
Die hier unterwegs sind, die wollen oben ankommen, weil sie etwas erwarten.
Etwas soll sich verändern, das ist ihre Hoffnung.
Was war geschehen?

Das Matthäusevangelium erzählt: Die Jünger Jesu sind besorgt in diesen Tagen. Der äußere Druck wird stärker. Die etablierten religiösen Führer, die Ratsältesten, führenden Priester und Schriftgelehrten beäugen misstrauisch, wie die Jesusbewegung grundlegende religiöse Wahrheiten in Frage stellt.
Die Angst unter Jesu Anhängern wächst, dass ihm etwas zustoßen könnte und nun fängt er sogar selbst davon an zu sprechen, dass er bald hingerichtet werden würde.
Seine Freunde und Weggefährten haben Angst: um ihren Meister, aber sicher auch um sich selbst. Was würde aus ihnen werden, wenn Jesus nicht mehr da wäre?

Äußerer Druck erhöht den inneren Druck, das wissen alle, die sich Sorgen machen um einen anderen Menschen, oder auch um das eigene Leben. Äußerer Druck erhöht das Gefühl eigener Hilflosigkeit. Ob es äußere politische Widerstände sind, eine Krankheit, eine Naturkatastrophe oder finanzielle Sorgen, das ist oft zweitrangig, wenn man selbst betroffen ist. Matthäus weiß, wovon er spricht. Seine Gemeinde wurde verfolgt und in den Untergrund gedrängt.
Manche fangen dann an zu beten, andere ignorieren die Angst, begehren auf und funktionieren weiter, wieder andere brechen zusammen oder fühlen sich wie gelähmt.

Was einen hoffen lässt?
Wenn es einen Menschen in der Nähe gibt, der die Zuversicht behält, sich nicht von Ängsten mitreißen lässt, sondern sie aushält und „überlebt“. Dann können sie auch für einen Ängstlichen verdaulich, erträglich werden. Noch besser: Wenn man mit einer hilfreichen Macht rechnen kann, die einen schützt und trägt.

In unserer Erzählung, da lässt der Evangelist Matthäus Jesus denjenigen sein, der die Ruhe behält. Gegen allen äußeren Druck, gegen alle Widerstände und gegen alle Vernunft weiß er: Am 3. Tag nach seinem Tod würde er auferstehen von den Toten, das sei der Wille Gottes.
Jesu Klarheit und Unbeirrbarkeit macht es Petrus möglich, in dieser belastenden Situation zu sagen: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Ein starkes Bekenntnis in einer unsicheren Zeit.

Und jetzt sind die Jünger auf dem Berggipfel angekommen. Sie warten darauf, dass etwas geschehe, das ihnen helfen würde, mehr Sicherheit zu gewinnen, etwas, das ihnen ihr Selbstvertrauen zurückgebe.
Da passiert es: Jesus verändert sich vor ihren Augen, er erscheint in helles Licht getaucht, ein lichtdurchflutetes Wesen, eine Traumgestalt.
So sehen ihn die Freunde und Weggefährten – in einem neuen Licht. Als ob sie plötzlich eine Erkenntnis haben: Das ist nicht Jesus, der Mensch, den sie kennen, das ist eine Erscheinung direkt aus dem offenen Himmel.

Diese Vision gewinnt an Klarheit: Da kommen zwei wichtige Männer der Geschichte auf sie zu. Beide haben ebenfalls nach Gott gesucht, hatten Kontakt mit ihm, haben ihn in ihrem Leben erfahren, auf sehr unterschiedliche Weise.
Mose, der zu ihm betete und mit ihm redete wie mit einem Freund, der aber nur hinter Gott hersehen durfte. Er rechnete mit Gott, konnte seine Gegenwart aber erst im Nachhinein erkennen. So geht es ja manchmal. Das Wirken Gottes begreift man erst, nachdem sich etwas verändert hat.
Und Elias hat erlebt, dass sich Gottes Kraft nicht in dem verheerenden Auftreten vernichtender Naturgewalten zeigt, sondern in dem sanften Säuseln des Windes.
In ganz kleinen, fast unscheinbaren Zeichen, ganz anders als erwartet, kann sich Gottes Macht im Leben zeigen.
Indem diese beiden großen Gestalten Israels in ein lebendiges Gespräch mit Jesus treten, erkennen sie ihn als Gottes Sohn an. Ganz im Gegensatz zu den derzeitigen religiösen Führern.

Diesen besonderen, glücklichen Augenblick will Petrus festhalten. Am liebsten gleich eine Hütte bauen, dort bleiben und wohnen, für immer. Wie ein Foto, das man sich ins Album klebt. Zu Hause im Glück. Ein Menschheitstraum.

Doch dann berichtet die Erzählung etwas, das alles übersteigt und den drei Männern fast den Verstand raubt. Der Himmel öffnet sich und Gott spricht zu ihnen: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb. An ihm habe ich Freude. Hört auf ihn.“ Gott selbst beugt sich herab und spricht zu den Menschen dort auf dem Berg.
Keiner überlebt es, Gott zu sehen. Das wussten die Männer. Sie können sich nur furchtsam auf den Boden werfen, bis Jesus sie aufrichtet und ihnen die Angst nimmt.

Ich muss zugeben, für mich klingt diese Szene aufgeladen, fremd, fast wie aus einem Hollywood-Film. Was ich verstehe: Matthäus will uns zeigen, dass Jesus Gottes Sohn ist. Schon jetzt, vor seinem Tod, soll das ganz klar sein.

Ein Glück, dass die Erzählung nun nicht hier endet, sondern der Abstieg ins Tal beginnt, die Rückkehr in die Realität. Das Gipfeltreffen ist beendet.
Mir ist deutlich: Auf dem Berg des Glücks gibt es kein Zuhause.
Aber die Erinnerung an den Moment des Glücks ermöglicht es, Unglück zu überleben.
Ohne diese Erfahrung fehlt die Kraft für die Zeiten, in denen ich leidvolle Erfahrungen machen muss. Solche Lichtmomente können einen durch lange Durststrecken hindurch tragen.
So werden die Jünger gestärkt für das, was kommt.

Sie werden dem Tod ins Auge sehen müssen, sehr bald.
Sie werden Jesus verraten, und damit alles, was ihnen heute wichtig und wertvoll ist.
Sie werden tiefe Trauer erleben.
Sie werden ihre Gemeinschaft verlieren, einsam und heimatlos werden.

Es ist viel, was man in einem Menschenleben aushalten und ertragen muss.
Niemand kommt darum herum.
Vollständiges Glück, Ganzheit, Beheimatung, wie Petrus sich das wünscht, gibt es nicht.

Manchmal blendet man das aus, wenn man in einer reichen, abgesicherten Gesellschaft wie unserer lebt. Mit wachsender Lebenserfahrung aber wird doch klar: das Leben ist zerbrechlich, fragil, in jedem Moment ist der Tod möglich, Schmerz, Versagen, schuldhaft oder zufällig. Glücksmomente scheinen nicht konservierbar, in der Erinnerung aber wichtig.
Wir leben zwischen Sehnsucht und Verlust, Hoffnung auf Ganzheit und der Erfahrung, dass wir auf andere Menschen angewiesen sind und bleiben.

Und Gott?
Der ist nicht nur stark und vollkommen wie in der leuchtenden Christuserscheinung unserer Erzählung. Schon wenig hängt er zu Tode gefoltert und zerbrochen am Kreuz.
Beides gehört zusammen.
Beide Seiten gibt es in uns, mit beiden müssen wir zurechtkommen.
In beiden Seiten sind wir Ebenbilder Gottes.
Am Widersprüchlichsten ist dabei sicher, dass wir von hierher unsere Menschenwürde erhalten. Seit dem Kreuzestod Jesu wissen wir, dass uns diese Würde zugesagt ist, jedem von uns, ob wir gesund sind oder krank, jung oder alt, weiß oder schwarz, Mann oder Frau.

Und wir sind sie denen schuldig, denen wir begegnen:
Der eigenen Familie und den Flüchtlingen aus Syrien oder Somalia.
Das ist der Grundgedanke unseres christlichen Glaubens, des „christlichen Abendlandes“, von dem auf einmal in letzter Zeit so viel die Rede ist.
Davon zu erzählen ist unsere Aufgabe als Christen, sich davon stärken zu lassen, ist unser Trost.


(Bibelzitate nach der BasisBibel, Das Neue Testament, Stuttgart 2010)
 

Perikope
25.01.2015
17,1-9

Sicherheit in schwierigen Zeiten - Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Michael Rambow,

Sicherheit in schwierigen Zeiten - Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Michael Rambow,
17,1-9

Sicherheit in schwierigen Zeiten

Stars und solche, die sich dafür halten oder gerne wären, sonnen sich gern im Blitzlichtgewitter und Lampenglanz der Fernsehkameras. Wichtige Leute umgibt ein besonderer Glanz.
Als es noch keine Blitzlichter, keinen Medienrummel, „Walk of Fame“ oder Paparazzi gab, da malten alte Meister besonderen Personen einen goldenen Strahlenkranz um den Kopf. Jedem Betrachter wird schnell klar: hier ist mehr als irgendein Mensch. Hier leuchtet eine andere Sonne auf. Ein Licht aus dem Himmel.

Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes sind hoch oben auf dem Berg. Plötzlich leuchtet Jesu Gesicht in einem seltsamen Glanz. Auch die Kleidung wird weiß. Was für eine Erscheinung! Petrus erfasst es wieder mal zuerst. Er sagt gleich: In diesem Himmelsglanz wollen wir immer bleiben.
Eine seltsame Geschichte erzählt  Matthäus vom Licht, vom Himmelsglanz auf der Erde und von der Sehnsucht, dieses Gefühl nie wieder einzutauschen. Keine Finsternis, kein Alltag sollen ihre Schatten je wieder ausbreiten können. Nur Himmel und Glanz und Schein.
Wenige Wochen später sind Petrus und Jakobus und Johannes mit in Gethsemane und teilen mit Jesus die Todesangst der Karfreitagnacht. Werden sie an die Erscheinung auf dem Berg gedacht haben in dieser tiefsten Finsternis?
Auf dem Berg aber erst einmal die Gottesverheißung: „Dem folgt. Er zeigt euch den Weg zum Leben!“ Nichts anderes zeigt sich in Jesus Christus.

Dieser Sonntag schließt die nachweihnachtliche Zeit ab. Kerzen und Lichterglanz sind von den öffentlichen Plätzen, aus Vorgärten und Wohnungen längst wieder verloschen. Die Glühweinstände abgebaut. Die öffentlichen Plätze und Straßen haben Terror und Weltdunkelheiten  zurück erobert. Die ersten finsteren Tage oder gar Wochen des Jahres liegen schon hinter uns.
Wir kommen her aus der Feier der Freude und des Lichtes. Noch einmal leuchtet wie auf einem Höhenzug dieser ferne Glanz von weit her, bevor es endgültig in die Ebene des Alltags und Lebens geht. Gerade darum tragen die eine oder der andere und wir alle miteinander die Erinnerung und die Sehnsucht nach dem besonderen Glanz mit den Worten: Jesus zeigt den Weg zum Leben.

Manchmal wünscht man sich, dem Himmel näher zu bleiben. Wer hat sich noch nicht ein Leben gewünscht, das sich nicht allein dem täglichen Kampf verdankt. Viele Ratschläge, viele „Lebensprogramme“ haben das als Hintergrund. Der Ausstieg aus dem Alltag. Man  nennt das heute „schwammig spirituelle Erlebnisse“ sagte Helge Adolphsen, der frühere Hauptpastor an der Hamburger Michaeliskirche dazu einmal.
Nur von den Höhepunkten des Lebens aus scheinen die normalen Niederungen des Lebens begehbar und erträglich. Wir erleben Zeiten, in den eigener Mut und innere Kraft und Erfolge tragen. Wie beschwingt hüpft man dann gewissermaßen von Gipfel zu Gipfel.
Nächsten Sonntag beginnt die Passionszeit. Leben zwischen Höhen und Tiefen. Nur das Licht aus der Höhe gibt dann noch Orientierung um einigermaßen durchzufinden durch die grauenvollen leidvollen Erfahrungen.
Wie gut könnten wir die Erfahrung gebrauchen, von der die Verklärungsgeschichte erzählt. Hütten bauen und bleiben können, wo es gut ist. Nicht mehr weiter gehen und schon gar nicht abtsiegen müssen in die Grauzonen.

Als Petrus und die Brüder Jakobus und Johannes gerade diesem Gefühl nachgeben und Baumaterial zusammenschleppen wollen, hören sie die Stimme: „Das ist mein Sohn. Hört auf ihn“. Jesus erscheint in einem ganz andren Licht. Nicht der Rückzug. Nicht das Aussteigen. Nicht das süße niedliche Kindlein. Hier kommt der Himmel ganz nahe. Und mit ihm steigt man herab von den Höhenzügen, den falschen Sehnsüchten, den irrigen Erwartungen. Mit dem Himmel geht es zurück auf die ausgetretenen Wege durch den Alltag. Der Maßstab christlicher Glaubenserfahrung ist die zuversichtliche Rückkehr in den Alltag. Der verheißungsvolle Weg verläuft hoch und fern über allem, das festgehalten werden will. Er führt durch alles hindurch. Sicherheit und Zuversicht kommen aus der Erfahrung, dass Gott in diesem Jesus da ist.

„In mir ist es finster, aber bei Dir ist das Licht;
Ich bin einsam, aber Du verlässt mich nicht;
Ich bin kleinmütig, aber bei Dir ist die Hilfe;
Ich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede;
In mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld;
Ich verstehe Deine Wege nicht, aber Du weißt den Weg für mich“
dichtete Dietrich Bonhoeffer. Am 9. April vor 70 Jahren war er durch Gott an sein Ende geführt worden und wurde in Flossenbürg hingerichtet (zit. Nach GottesdienstPraxis, 2. Reihe, Bd. 1, 1991, 138f).
Warum die schönen Augenblicke, die erhabenen Gefühle, die glanzvollen Eindrücke nicht bleiben lässt sich kaum begreifen.
Matthäus erzählt, dass die Sicherheit für das Leben aus dem Glauben an Gottes menschgewordenes Wort Jesus Christus kommt. Er bringt uns den Himmel näher und der Sehnsucht, wie Leben sein könnte. Das ist die Voraussetzung für das Leben auf der Erde. Jesu Wort verlockt, gegen den Augenschein zu glauben und gegen manche bittere Erfahrung immer wieder aufzustehen, das Baumaterial der falschen Sicherheit und Zufriedenheit liegen zu lassen. Darum ist christlicher Glaube die Rettung. Es ist diese Spannung zwischen Glauben und Zweifeln, Hören und Sehen, Berg- und Talfahrten, die es anzunehmen gilt. Die mit Jesus auf den Berg steigen – und das können wir uns ja bildlich gut vorstellen – Gott damit ein Stück näher gekommen sind, sie machen diese entscheidende Glaubenserfahrung. Wo Menschen unterwegs sind, Ruhe und Sicherheit suchen, auf den mächtigen bewahrenden Gott hoffen, da sehen sie auf Jesus Christus. In ihm leuchten Gottes Nähe und Bewahrung.
Sonntag für Sonntag und manchmal dazwischen gleichen wir den Dreien ja ein bisschen. Und die Frage ist also, ob es etwas gibt, das auch uns herausholt aus dem Schleier der Ohnmacht und wie von einem hohen Berg Gottes Hilfe und Nähe sehen lässt und Hoffnung gibt unten auf der Erde.
„Fürchtet euch nicht“ sagt Jesus zu seinen drei Begleitern.
„Wir können uns…, von diesem Sonntag aus, erneut dem Leben zuwenden, dem alltäglichen Leben…Glaube bedeutet: Normalisierung…Wir können an unsere Arbeit gehen und von ihr ausruhen, jung sein und alt werden, uns freuen und traurig sein, mit uns selbst einig und auch einmal mit uns selbst zerfallen sein, lieben und auch manchmal kräftig verabscheuen“ (M. Trowitzsch: Die bunte Gnade Gottes. Chr. Kaiser, München 1988, 119).

„Fürchtet euch nicht“ ist der typische, immer wiederkehrende Trost Gottes aus dem Himmel. Gott ist da und geht mit. Das erfuhren die Hirten. Das hören die drei auf dem Berg. Es ist die himmlische Botschaft an uns heute.
Vielleicht ist es der eigene Konfirmationsspruch, in dem sie uns manchmal aufleuchtet, ein Lied oder irgendetwas anderes, in denen wir Jesus neu sehen und durch sie hindurch Gottes Stimme hören.
Auf dem Berg zeigt sich den Jüngern, dass Jesu Weg aus dem Glanz in das Dunkel der Weg ist, auf dem Gott mit unterwegs ist. Die Wirklichkeit wird nicht verklärt.
Das hilft aufzustehen, sicher zu werden, den Überblick zu behalten auch in schwierigen Zeiten.

Amen

Perikope
25.01.2015
17,1-9

Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Walter Meyer-Roscher

Predigt zu Matthäus 17,1-9 von Walter Meyer-Roscher
17,1-9

Liebe Gemeinde,

„Dort oben über den Wolken, so scheint es, liegt der Ort der Glückseligkeit“. Ein hoffnungsvoller Blick über die eigene Begrenztheit hinaus, ein vielversprechendes Bild!

So hat der römische Dichter Petrarca einmal bei einer Bergbesteigung sich und seine Begleiter ermuntert. Dort oben, über den Wolken!

Die drei Jünger, die Jesus bei seinem Aufstieg auf den Berg Tabor begleiten, erleben es ähnlich. Sie sind überwältigt,

Das letzte Gemälde Raphaels, an dem er bis zu seinem Tod 1520 gearbeitet hat, verdeutlicht es. Wir sehen die Jünger auf dem Gipfel des Berges: Atemlos, in sich versunken, nicht mehr gefangen in den Zwängen der Niederungen des Lebens, entrückt in die Nähe Jesu. Der schwebt in strahlendem Glanz eines göttlichen Lichts über ihnen. Neben ihm, auch sie schwebend, sind Mose und Elia zu sehen als Repräsentanten der Glaubenstradition und Gottesverehrung, aus der die Jünger und auch all die anderen in der Umgebung Jesu kommen. Dort oben, über den Wolken, so scheint es, liegt der Ort der Glückseligkeit.

Raphael hat sein Bild Il trasfigurazione, die Verklärung, genannt. Ja, da oben ist alles verklärt, liegt in einem klaren, glänzenden Licht, das aus den menschlich-allzu menschlichen Niederungen des Lebens und aus den Widrigkeiten der Welt befreit.

Und was ist mit denen, die unten, unter den Wolken, zurückgeblieben sind? Raphael hat sie in seinem Bild nicht vergessen. Sie sind in der unteren Bildhälfte zu sehen, in die der Maler jene Szene hineinkomponiert hat, die Matthäus seinem Bericht von der Verklärung Jesu folgen lässt. In meiner Lutherbibel ist sie überschrieben: Die Heilung eines mondsüchtigen Kindes.

In der Mitte steht,  neben dem Vater, der um seinen kranken Sohn bangt, der Sohn selbst – ein junger, kranker, bemitleidenswerter Mensch, der einen Arm hilfesuchend ausstreckt. Seine ganze Gestalt drückt Schmerz und Hilflosigkeit aus.

Jesus ganz oben in Raphaels Bild, zusammen mit seinen drei Jüngern und  den beiden  Glaubenszeugen, der kranke Junge mit seinem Vater ganz unten. Wo ist denn nun der Ort der Glückseligkeit?

Ich habe jetzt noch ein anderes Bild vor Augen – ein Bild aus der Welt von heute, für viele ein Sinn-Bild der Gegenwart. Ich habe es vor wenigen Wochen mit der  Weihnachtspost bekommen. Es zeigt ein Bergpanorama in herrlichem Sonnenschein. Alle Gipfel glänzen  über den Wolken. Auf der Bergspitze im Vordergrund  thront das übermächtige Logo einer globalen Institution der Finanz- und Wirtschaftswelt. Ein einzelner kleiner Mensch steht vor ihm, überflutet vom Glanz dieses quasi-göttlichen Herrschaftszeichens. Er soll wohl denken und glauben: hier oben, über den Wolken, liegt der Ort der Glückseligkeit und ich habe ihn erreicht. Ich bin dabei. Ich will auch mein Glück genießen, das Geld, Wohlstand und Sicherheit bedeutet, auch Erfolg und Anerkennung, ein wenig sogar Macht über andere, die irgendwo da unten sind – unter den Wolken, im Dunkeln. Aber die im Dunkeln, da hat Bert Brecht schon Recht, sieht man nicht. Es ist, als gäbe es sie gar nicht mehr.

Und doch sind sie da und warten auf uns, so wie sie in Raphaels Gemälde auf den verklärten Jesus und auf die drei Jünger warten. Die würden in diesem Augenblick ihres Glücks gern verweilen, eines Glücks in der Nähe dessen, in dem sie Gottes Licht wie das Licht einer leuchtenden, wärmenden, lebendig machenden Sonne sehen und als Nähe, als Zuwendung, als schützende Begleitung erfahren.

 „Verweile doch, du bist so schön“, aber der Augenblick ist nicht von Dauer, auch dieser nicht. Es wird nichts mit den Hütten, die die Jünger da oben über den Wolken gern gebaut hätten. Sie wollen Jesus in dieser verklärten Gestalt, sie wollen die glaubensstarken Zeugen dieses Augenblicks für sich selbst, für den eigenen Glauben festhalten. Gott lässt es nicht zu.

Offenbar liegt ihm nichts an heiligen, weltabgeschiedenen Räumen, an Kathedralen, Kirchen, Häusern und Hütten, in denen Menschen die Glückseligkeit ihres Glaubens festhalten, als unverrückbare Dogmen bewahren und sich damit auch vor den Hilferufen aus der Tiefe unter der Wolke abzukapseln suchen.

Ja, es gibt sie, die Augenblicke des Glücks, Augenblicke der Gewissheit von Lebenserfüllung, von  der Ruhe im Sturm der Anforderungen und Erwartungen an uns, unsere Lebenseinstellung und unsere Lebensleistung. Es gibt die Augenblicke auf dem Gipfel, in denen Menschen trotz aller Angst  den Zuspruch hören: „Fürchtet euch nicht“.

Aber nach jedem Augenblick des Ausruhens geht es weiter. Der Glaube hat weniger mit Besitzen, Festhalten und Konservieren zu tun, auch nicht mit der kritiklosen Unterwerfung unter Lehrsätze und Frömmigkeitsrituale, mehr jedoch mit Weitergehen, der Hoffnung folgen, sein Leben immer wieder an den Worten und Taten dessen ausrichten, der sagt: Fürchtet euch nicht.

Matthäus lässt da Gott selbst zu Wort kommen, der sich zu Jesus und seinem Auftrag bekennt: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören“.  Mit dieser Aufforderung beginnt der Abstieg zu denen, die unten warten.

Dir drei Jünger müssen wieder zurück. Sie müssen absteigen. Jesus, der ihnen für einen entscheidenden Augenblick Gottes Wesen als Licht, als Leben in der Klarheit und in der Wärme einer leuchtenden Sonne enthüllt hat, steigt mit ihnen ab als ihr Menschenbruder. Er steigt ab, um  für das Leiden, die Hilflosigkeit, die Ohnmacht seiner Mitmenschen offen zu sein. Er geht  auf sie zu und ist für sie da - gerade für die im Dunkeln, die so viele andere Menschen gar  nicht sehen wollen.

Die Jünger erleben mit, wie er auf die verzweifelte Bitte eines Vaters eingeht und dessen kranken Sohn heilt. So gibt es der Evangelist wieder. So hat es auch Raphael in seinem Gemälde getan. Die Verklärung da oben über den Wolken wird zu einer Erklärung für alle, die unten warten und auf Hilfe hoffen, zu einer Erklärung Gottes.

Gott erklärt seine Liebe zu dem, an dem er Wohlgefallen hat, Jesus. Er erklärt, dass er auf ihn seine Hoffnung setzt. Und das ist neue Hoffnung auch für alle, denen so viel fehlt zum Menschsein: die Gesundheit und die Kraft mitzuhalten, nicht aufzugeben; die auf menschenwürdige Behandlung warten, um sich in einer solidarischen Gesellschaft aufgehoben zu fühlen,  auf ein Zuhause, aus dem man nicht wieder verjagt und das nicht immer in Frage gestellt wird; die vergeblich nach der  Möglichkeit fragen, sich friedlich untereinander verständigen zu können, ohne sich vor Gewalt und Brutalität ducken zu müssen.

Auf ihn sollt ihr hören, so erklärt sich Gott denen da unten. Er, Jesus, verkörpert Menschsein und Mitmenschlichkeit. Er lebt es und er fordert unsere Zustimmung, unseren Einsatz für Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit.

Diese Erklärung Gottes brauchen wir zum Leben, zur Lebenserfüllung, die mehr ist als ein Augenblick der Glückseligkeit. Gottes Erklärung bedeutet neue Hoffnung auch für die, die angeblich solche Hoffnung gar nicht brauchen,  weil sie schon alles erreicht haben, weil sie doch ihre Glückseligkeit über den Wolken durch Leistung erworben, mit Geld erkauft, mit unerbittlichem Durchsetzungsvermögen verteidigt haben.

Gott sagt: auf ihn sollt ihr hören, der euch aus dieser Verblendung befreien und auch vor dem Absturz in die Unmenschlichkeit eines Lebens im Egoismus bewahren kann. Gottes Erklärung zeigt allen einen Weg, der nicht auf den Gipfeln der Glückseligkeit endet, sondern weiter führt, immer auf andere zu.

Hinter ihnen wird der sichtbar, der Gottes Erklärung angenommen und weitergegeben hat, der den Weg nach Gethsemane und dann nach Golgatha gegangen ist. Dabei hat er wieder gerade die mitgenommen , die seine Verklärung erlebt haben . Er  bleibt für sie der, der ihnen an den Grenzen, die sie erfahren mussten, die wir alle erfahren müssen, gesagt hat: fürchtet euch nicht.

Auf ihn sollt ihr hören, hat Gott erklärt. Das gilt in unseren glücklichen Augenblicken da  oben über den Wolken von Sorgen und Angst, von Schwermut und Niedergeschlagenheit. Das gilt ebenso, vielleicht noch mehr auf den Abstiegen in die Zwänge, auch in die Niederlagen unseres alltäglichen Lebens. Wir brauchen seine Worte des Zuspruchs, die uns die Angst nehmen und Mut machen, weiter zu gehen – auf die zu, die auf uns warten. Dann ist auch jeder Abstieg ein Weg in die richtige Richtung. Dann bleibt es dabei, dass einer auch dann, wenn wir uns schon am Boden wähnen, sagt: „Steht auf und fürchtet euch nicht“. Dann behält der Evangelist Matthäus Recht, wenn er gegen Ende dieser Geschichte von den Jüngern berichtet: „Und als sie ihre Augen hoben, sahen sie niemand als Jesus allein“. Das ist auch genug. Amen

 

Perikope
25.01.2015
17,1-9

18.01.2015, Kiew: "Was ist der Mensch?"

18.01.2015, Kiew: "Was ist der Mensch?"
5/ 2-10

Liebe Gemeinde, wenn ich an das aufregende letzte Jahr hier in Kiew zurückdenke, dann fallen mir immer wieder Bilder und Geschichten von Menschen ein. Da war eine Frau, die ich vorher nicht kannte. Sie kam zu uns in die Kirche und brachte jede Menge Lebensmittel. Sie hat ein kleines Geschäft nicht weit von der Kirche entfernt. Helfen wolle, ja müsse sie, so erklärte sie. Freiwillig. Selbstlose Hilfe. Was ist der Mensch?

Und dann war da jener Mann, der mir am 20. Februar, dem schwärzesten Tag im letzten Jahr, direkt in die Arme lief. Weinend. Sie schießen, rief er. Und gerade habe er zwei seiner Kameraden erschossen von den Barrikaden gezogen. Wer tut so etwas? Fragte er immer wieder. Wer tut so etwas? Was ist der Mensch?

Die Herrschenden nahmen den Willen des Volkes nicht wahr

Größe und Niedertracht. Wir haben beides hier erlebt vor einem Jahr und seither immer wieder. Was ist der Mensch? Jedenfalls ist er ein Wesen, das auf Dauer nicht nur von Tag zu Tag leben kann. Als Ebenbild Gottes, als sein Gegenüber, hat Gott uns Menschen auch Schöpferkraft mitgegeben. Klar, nicht seine großartige und allumfassende Kraft, aber doch eine, die uns dazu treibt, unser Leben gestalten zu wollen. Wir wollen unser Leben planen können, möchten Zukunft in die Hand nehmen können. Wir sind keine Sklaven. Keine Wesen, die sich ewig niedrig halten lassen, ewig unterdrücken lassen.

Diese Freiheit, das eigene Leben zu gestalten, die eigene Zukunft zu planen, ist Millionen von Menschen hier in unserem Land lange Zeit abgesprochen worden. Still sollten sie halten, duldsam sein, sich freuen über die wenigen Brocken, die von der Herren Tische fallen. Und so kann man auch mit Blick auf die Mächtigen fragen: was ist der Mensch?

Die Herrschenden hatten den Willen des eigenen Volkes nicht mehr wahrgenommen, hatten die Lage völlig falsch eingeschätzt. Sie hatten sie beurteilt, wie die Mächtigen das hier immer gewohnt waren: nur vom eigenen Standpunkt aus. Nur von der eigenen Sichtweise aus. Nur aus dem Antrieb heraus, die eigene Macht zu sichern und um sich weiter zu bereichern. Was ist der Mensch?

Mit allem hat uns unser Schöpfer ausgestattet

Eine Qualität, die den Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Die Fähigkeit zu Mitgefühl, zu Verständnis. Irgendwie schienen die Mächtigen hier in der Ukraine diese Fähigkeit verloren zu haben. Es war ihnen egal, wie die Menschen lebten. Wie sie unter der Korruption litten. Es war ihnen egal, dass das Leben der Menschen im Gesundheitswesen davon abhing, ob sie die Leistung bezahlen konnten. Es war ihnen egal, dass das Recht im Justizwesen auf der Seite desjenigen war, der es sich erkaufen konnte. Es war ihnen egal. Was ist der Mensch?

Wer nicht wenigstens versucht, mit den Augen des anderen zu sehen, wird zu keinen Lösungen kommen. Als Menschen  haben wir aber  die Fähigkeit uns die Welt nicht nur von der eigenen Perspektive aus anzuschauen, wir können sie auch aus dem Blickwinkel des anderen sehen. Dazu haben wir Verstand, dazu haben wir Mitgefühl, Empathie. Mit dem allen hat unser Schöpfer uns ausgestattet.

Was ist der Mensch, dass Du – Gott – seiner gedenkst. Das ist ja unser Glaube: Dass Gott unser gedenkt. Dass er sieht, spürt, dass er mitfühlt, wie es seinen Menschen geht. Wir befinden uns ja noch im Weihnachtsfestkreis. Wir haben gerade Weihnachten gefeiert. Für die östliche orthodoxe Tradition liegt das Fest erst wenige Tage zurück. Und das, was wir da gefeiert haben, könnte man als den Perspektiv-Wechsel Gottes bezeichnen. Er wollte sich das Glück aber auch das Leid nicht länger von hoch oben anschauen.

Gefährdeter Frieden

Er hat sich auf die ganze Misere eingelassen. Mit dem Blickwinkel und aus dem Empfinden eines Menschen. Nicht von oben herab. Nicht als Besserwisser. Nicht als derjenige, der sein Recht, seine Einflusssphäre auf den Kleineren, den Schwächeren ausnutzt, weil er ja die Macht hat. Er hat sich schlicht auf die Seite des Menschen gestellt. In Jesus Christus, seinem Sohn.

So wirbt er: er sendet seinen Sohn, wird uns gleich und spricht unsere Sprache, damit wir auch ja verstehen - und er hört uns zu.
Er hat uns als würdevolle Geschöpfe ernstgenommen. Einmal versuchen, mit den Augen des anderen zu sehen, mal für eine Zeitlang versuchen, seine Perspektive einzunehmen: Das ist für mich DER Weg, um Frieden auch unter uns zu bewahren: Frieden im Großen in einem Land und auch im Kleinen.

Frieden in den Familien, in den Gemeinden, in den ökumenischen Gemeinschaften. Frieden ist immer dann gefährdet, wenn das geduldige Werben durch Macht, Druck und Gewalt zur Durchsetzung der Interessen in den Hintergrund gedrängt wird. Das  haben die Menschen hier erlebt, hier in unserem Land, in unserer Stadt. Es hätte nur ein kleiner Perspektivenwechsel notgetan und die Menschen, die Verantwortung für ihr Volk getragen haben, hätten verstanden, warum da hunderttausende nicht einverstanden waren und bei tiefem Frost auf den Straßen und Plätzen demonstrierend verharrten.

"Mich schmerzen die Schicksale"

Zu einem Perspektivenwechsel, der andere Menschen verstehen und vielleicht sogar gewinnen will, gehört die Bereitschaft, mit wohlwollenden Augen auf den andern zu schauen, die Bereitschaft, um ihn zu werben, die Bereitschaft, den anderen auch zu akzeptieren und gemeinsam nach einem Ausgleich zu suchen. Niemals sollte es beim Miteinander von Menschen dazu kommen, dass der vermeintlich Stärkere dem Schwächeren seinen Willen mit Gewalt aufzwingt.

Auch wir Christenmenschen müssen uns anfragen, ob wir selbst bereit sind, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Wie sieht es mit unserer Bereitschaft aus, die Welt aus dem Blickwinkel des anderen zu sehen? Ich wünsche uns den Mut, die Stimme zu erheben, wenn Unrecht geschieht oder, wie es die Ukraine jetzt erlebt, wenn ein Land seinen Nachbarn nicht achtet und es in einen Krieg zieht. Und ich wünsche uns die Bereitschaft, uns nicht vom Hass leiten zu lassen, sondern von der Liebe. So tut es Gott mit uns.

Im letzten Jahr standen tausende Menschen vor unserer Tür hier in St. Katharina. Tausende Menschen von beiden Seiten. Und mit ihnen stand Christus selbst tausendfach vor der Tür. Wir danken Gott, dass in unserem Hause Frieden bewahrt und Hilfe geleistet werden konnte. Und heute sehe ich die Situation der Menschen hier in der Ukraine. Viele sind auf der Flucht. Und mich schmerzen die Schicksale der Menschen.

Gottes liebendes Werben hört nie auf

Doch ich weiß, dass Christus auch ihre Not sieht. Ich weiß, dass es auch hier Leute gibt, die sich in diese Menschen hineinversetzen, denen die Flüchtlinge, die Kinder in den Heimen, die Alten, die hungern, nicht gleichgültig sind. Es gibt sie, die Menschen, die  dem Beispiel Gottes folgen und den anderen Menschen wahrnehmen, ihm würdevoll begegnen und als ein Geschöpf Gottes behandeln.

Es gibt sie, die Menschen, die mutig Gottes Wort ausrichten und auf Sünde hinweisen, die den Frieden gefährdet. Es gibt sie die Menschen, die bereit sind zu hören und die treu und mit Geduld im Gespräch bleiben. Das macht Hoffnung. Auch in dieser schweren Zeit, in der dieses Land durch einen Krieg erschüttert wird. Es macht Hoffnung, weil Gottes liebendes Werben nie aufhört. Christus ist hier, gekommen zu uns und zu ihnen. Öffnen wir ihm die Türen, indem wir selbst uns anderen Menschen zuwenden. Oder wie es auf einer Weihnachtskarte stand: Mach es wie Gott: werde Mensch!

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 


 

Perikope
18.01.2015
5/ 2-10

Was ist Gottes Wille – und was nicht. Predigt zu Matthäus 3,13-17 – auch zum Terroranschlag in Paris - von Christoph Dinkel

Was ist Gottes Wille – und was nicht. Predigt zu Matthäus 3,13-17 – auch zum Terroranschlag in Paris - von Christoph Dinkel
3,13-17

Was ist Gottes Wille – und was nicht
Eine Predigt – auch zum Terroranschlag in Paris

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in Matthäus 3,13-17. Es ist der Bericht über die Taufe Jesu:

Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen. Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Liebe Gemeinde!

1. Jesu Taufe und unsere Taufe. Die Taufe Jesu ist die Urszene der christlichen Taufe. Wie Jesus getauft wurde, so wurde heute M. getauft, so wurden wir selbst einst getauft. Wer getauft ist, gehört zu Jesus. Wer getauft ist, gehört zu Gott. Und was für Jesus gilt, gilt auch für uns: Wir sind Gottes geliebte Kinder, seine Töchter und Söhne. Auf uns ruht das göttliche Wohlgefallen. Auch wir werden mit dem göttlichen Geist ausgestattet. Auch für uns steht der Himmel Gottes offen.

Die Taufe Jesu ist die Urszene der christlichen Taufe. Erstaunlich, dass diese Szene dann aber doch nicht ins christliche Glaubensbekenntnis aufgenommen wurde. Die Taufe hätte an sich gut reingepasst: Geboren von der Jungfrau Maria, getauft von Johannes dem Täufer, gelitten unter Pontius Pilatus – so hätte man das formulieren können. Doch offensichtlich gab es da eine Sperre. Die Taufe Jesu war nämlich für die Kirche der ersten Jahrhunderte schwer zu erklären. Wieso lässt sich der sündlose Gottessohn taufen, wo doch die Taufe nach klassischem Verständnis als Ritus der Sündenvergebung und als Zeichen eines neuen Lebens betrachtet wurde? Hatte Jesus das etwa nötig? Und warum lässt Jesus sich taufen von Johannes dem Täufer, der doch nur irgendein sonderbarer Wüstenprediger war? Auch das musste erklärt werden. Matthäus erklärt beides damit, dass Jesus durch seine Taufe „alle Gerechtigkeit“ erfüllen wollte. Das klingt für uns etwas sonderbar, meint aber, dass Gott es eben so gewollt hat und Jesus als gehorsamer Sohn das dann auch so macht. Die Taufe Jesu ist die Urszene, an solchen Urszenen gibt es nichts zu mäkeln. Der Wille Gottes alleine entscheidet.

2. Gehorsam gegen Gottes Willen. Für den Evangelisten Matthäus ist damit die Debatte beendet. Für uns aber ist daran ein Punkt interessant: Der Gehorsam. Ein schwieriges Wort. Unmittelbar sehen wir vor unserem inneren Auge einen strengen Lehrer, der mit erhobenem Zeigefinger den Schüler zum Gehorsam mahnt. Sollte das gemeint sein? Ja und Nein muss man darauf antworten. Ja, weil es dem Evangelisten wirklich darum geht, dass Gottes Wille gilt und dass Gottes Kinder diesen Willen zu befolgen haben. Jesus ist aus Sicht des Evangelisten Matthäus der eine exemplarische Mensch, der diesen Gehorsam in vollem Umfang leistet. Das zeichnet ihn vor allen anderen aus, das macht ihn zum Gotteskind, deshalb hat Gott an ihm auch sein besonderes Wohlgefallen. Und wir sind aus Sicht des Evangelisten gehalten, es Jesus nachzutun. Auch wir sind vor allem dann Kinder Gottes, wenn wir Gottes Willen tun. Der Evangelist Matthäus ist da tatsächlich wie ein strenger Lehrer. Er hat hohe ethische Maßstäbe und klare Vorstellungen davon, was geht und was nicht.

Und dennoch stimmt das mit dem strengen Lehrer dann am Ende nicht. Denn beim Willen Gottes geht es nicht etwa um irgendwelche Kleinigkeiten, die man ausgefressen hat und die besser zu unterlassen wären. Gott ist nicht kleinlich, er ist auch nicht pingelig. Für den Evangelisten geht es beim Gehorsam gegen den Willen Gottes vielmehr um die großen Themen: um Gerechtigkeit, um Frieden, um Barmherzigkeit. In den Seligpreisungen sagt Jesus: Selig sind die Friedensstifter, denn sie sollen Gottes Kinder heißen. Und in seinen Erzählungen zeigt Jesus ja, worum es geht, wenn er Menschen das Leben rettet, wenn er sie gesund macht, wenn er Ausgestoßene in die Gemeinschaft aufnimmt und mit ihnen isst und trinkt, wenn er lebensfeindliche Regeln aufhebt, damit Menschen frei werden und leben können. All das heißt Gott Gehorsam zu sein – und das sind lauter wunderbare Dinge, die die Welt schöner machen und die Menschen zu einem besseren Leben verhelfen. Für den Evangelisten Matthäus zeigt sich der christliche Glaube in der Tat – und Jesus ist uns Vorbild im Tun des Gerechten, des Heilsamen, des Hilfreichen. Denn das ist der Wille Gottes, dem es gehorsam zu sein gilt.

3. Das Gegenteil von Gottes Willen. Es geht dem Evangelisten Matthäus darum, dass wir den Willen Gottes tun. Was das ist wird auch daran erkennbar, wenn man überlegt, was das Gegenteil des Willen Gottes ist. Wenn Gott das Gute ist und das Gute will, dann ist das Gegenteil davon das Böse. Seit alters wird dieses Böse in der Religion in mythologischer Sprache beschrieben. Man spricht vom Satan oder vom Teufel. Dass es den Teufel wirklich gibt, glauben heute in unserem Land zum Glück nur noch wenige. Aber was die Alten mit diesem mythologischen Wort sagen wollten, das verstehen auch wir ganz genau: Der Teufel oder Satan steht für das Böse, für alles Gemeine, für das, was Menschen klein macht und unterdrückt, der Teufel steht für Gewalt und Willkür, für zerstörerischen Mächte und unheilvolle Zusammenhänge, für den Missbrauch von Macht, für Verbrechen und Terroranschläge. Der Terroranschlag vom Donnerstag in Paris gegen die Redaktion des französischen Satireblatts Charlie Hebdo war in der Sprache der Mythologie ein Anschlag des Teufels. Das Morden von Boko Haram in Nigeria, der Krieg in Syrien – all das sind teuflische Anschläge gegen den Willen Gottes, gegen das Gute.

Gleich nach seiner Taufe, so erzählt der Evangelist Matthäus, wird Jesus versucht. Der Teufel erscheint ihm und macht interessante Vorschläge: Jesus soll aus Steinen Brot machen und er soll von der Zinne des Tempels springen. Als Gottessohn müsse er das doch können und Gott habe ihm ja verheißen, dass seine Engel ihn tragen werden. Jesus ahnt schon, dass das keine guten Vorschläge sind und weist sie mit Zitaten aus dem Alten Testament zurück. Da kommt noch ein dritter Vorschlag: Wenn Jesus den Teufel anbete, werde er ihm die Herrschaft über die ganze Welt geben. Auch diese Probe besteht Jesus. Er verweist auf die ersten beiden Gebote: Gott allein soll man anbeten, sonst nichts und niemanden. Da räumt der Teufel das Feld und die Engel Gottes kommen zu Jesus und dienen ihm. (vgl. Matthäus 4,1-11)

Diese mythologische Erzählung macht deutlich: Wer sich erwählt und besonders begnadet fühlt, der ist in besonderer Gefahr: Ich bin Gottes Sohn – was soll mir noch geschehen? Gottes Geist ist mit mir – wie sollte ich mich irren können? Gottes Wohlgefallen ruht auf mir – wie sollte mir nicht alles gehören und alles erlaubt sein? Die Versuchung, die Jesus erlebt, erleben ganz viele Menschen, die sich in besonderer Weise hervorgehoben und auserwählt fühlen, sei es durch Begabung oder durch Erfolg oder durch Herkunft. Ihnen allen zeigt Jesus, welchen Einflüsterungen sie zu widerstehen haben. Maßstab des Guten ist nicht die eigene Großartigkeit, sondern der Wille Gottes, das Tun des Gerechten, des Heilsamen, des Hilfreichen.

4. Gotteskinder – Teufelskinder. Die Taufe Jesu ist die Urszene der christlichen Taufe. An Jesu Taufe sehen wir, was uns Gott verheißt und auch, was damit genau nicht gemeint ist. Gerade auf das Letztere muss heute hingewiesen werden. Es gibt ja in der Kirche die verbreitete Rede, dass Gott alle Menschen bedingungslos liebt und annimmt. „Gott macht keine Unterschiede, Gott hat sie alle lieb“, heißt es im Kinderlied. Das gilt in gewisser Weise tatsächlich: Gottes Liebe gilt den Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Rasse, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung und auch ihrer Religionszugehörigkeit. Wie Christen Gottes Kinder sein können, so können es ganz gewiss auch Muslime, Hindus und Juden sein. Und selbst Menschen, die etwas ausgefressen haben, selbst Verbrecher nimmt Gott an und schließt sie in seine Liebe ein – allerdings nur jene, die ihre Verbrechen bereuen. Wer sich seiner Verbrechen brüstet, wer seine Verbrechen wie die Mörder von Paris gar meint im Namen Gottes zu begehen – der ist kein Kind Gottes, sondern – ich rede in der Sprache des Mythos – ein Kind des Satans und des Teufels. Er ist ein Werkzeug der finsteren Mächte der Zerstörung. Der mythische Ort, an den solche Menschen gehören, ist die Hölle. Dort sind sie dann in der Gesellschaft von Bin Laden, Hitler, Stalin und all den anderen Menschlächtern.

5. Der Glaube der Gotteskinder. Zum christlichen Glauben, zum Leben als Kind Gottes gehört es, dass man den Versuchungen des Teufels widersteht und sich am Willen Gottes orientiert, daran, was gerecht ist, heilsam und hilf-reich für den Nächsten. Zu diesem Glauben wollt Ihr als Eltern und Paten Eure Tochter M. erziehen. Diesen Glauben sollt Ihr als Konfirmandinnen und Konfirmanden verstehen und Euch aneignen. In diesem Glauben bestärken wir uns gegenseitig in diesem Gottesdienst.

Viele von Ihnen und Euch sind erschüttert über die Ereignisse von Paris, über die Welle brutaler terroristischer Gewalt, die seit Jahren über den Globus schwappt. Manchmal fällt es einem schwer, in einem solchen Umfeld die Zuversicht und das Gottvertrauen zu bewahren und auf eine gute Zukunft für die Welt und für unsere Kinder zu hoffen. Die Zeiten, in denen Jesus gelebt hat, werden kaum freundlicher gewesen sein als unsere. Und doch hat Jesus fest daran geglaubt, dass Gottes Macht stärker ist als die des Teufels. In einem Wort Jesu heißt es: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz (Lukas 10,18). Aus diesem mythischen Bild von der schon gebrochenen Macht des Bösen hat Jesus die Kraft geschöpft, den Mächten des Bösen zu widerstehen und entgegenzutreten. Die bösen Mächte sind dabei zu verlieren. Noch toben sie in der Welt, aber wir werden sie zurückdrängen. Für die Getauften steht der Himmel Gottes schon offen, von dort breitet sich Gottes neue Welt aus. Sie nimmt uns in Dienst. Weil ihnen der Himmel offen steht, widerstehen die Kinder Gottes dem Bösen, sie stiften Frieden, wo Gewalt herrscht. Wo Wunden sind, heilen sie, wo Menschen Hilfe brauchen, packen sie tatkräftig an.

Martin Luther hat zur Taufszene Jesu gesagt: „Noch heutigen Tages ist der Himmel offen über die ganze Welt. Merke, dass diese Geschichte nicht zu Ende ist.“ Gottes Geschichte ist nicht zu Ende. Durch die Taufe nimmer er M., nimmt er uns alle mit in diese Geschichte hinein. Er zeigt uns den offenen Himmel und er zeigt uns seinen Willen, damit wir das tun, was gerecht ist, was heilsam ist und was zum Guten hilft. – Amen.

(Zitat von Martin Luther aus Predigt von 1544, zit. nach: Ulrich Luz, Evangelium nach Matthäus, 153, Anm. 25. Auch sonst verdankt die Predigt viele Impulse dem Kommentar von Ulrich Luz)

 

Perikope
11.01.2015
3,13-17

Predigt zu Matthäus 3,13-17 von Ralph Hochschild

Predigt zu Matthäus 3,13-17 von Ralph Hochschild
3,13-17

Liebe Gemeinde,

alle Eltern tun es. Und es beginnt lange vor der Geburt des Kindes. Es begann lange, bevor unser Name über dem Taufstein genannt wurde: das Suchen, Fragen, Überlegen: “Welcher Name ist der richtige für unser Kind?” Und so verschieden, wie Eltern nun einmal sind, so verschieden sind die Gründe für ihre Wahl: der Name, der am schönsten klingt, der Name, der die Familientradition fortsetzt, ein Name, der verkörpert, was die Eltern für ihr Kind erhoffen und anderes mehr. Aber so verschieden die Gründe für Moritz und Marvin, Chantal und Charlotte einmal waren, mit der Zeit und mit den Jahren werden ihre Eltern eine gemeinsame Erfahrung machen: “Typisch für meinen Philipp”, “typisch für meine Chiara”, “typisch für unser Kind” - das denken irgendwann alle Eltern und manchmal seufzen sie es - so wie wir, wenn wir unsere Kinder aufwachsen sehen. Und das signalisiert: Name und Kind haben zueinander gefunden, Leben, Tun und Charakter sind zusammengewachsen, werden in uns zu einem stimmigen Bild von unserem Kind.

Eine ähnliche Erfahrung steht hinter unserem heutigen Predigttext. In dieser Geschichte können Name und Leben als stimmiges Ganzes erkannt werden. Der Evangelist Matthäus erzählt im 3. Kapitel, in den Versen 13 bis 17:

13Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen. 16Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Herr segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

Jesus bedeutet “Gott hilft”, wir könnten seinen Namen auch “Gott ist die Rettung” übersetzen. So alltäglich dieser Name in den Ohren seiner Zeitgenossen klingt, Jesu Name ist ein Bekenntnis: “Rettung, Hilfe - das erwarten wir von Gott.”

“Gott hilft”, “Gott ist die Rettung”, Jesu Name ist ein Signal in einem verunsicherten Land, das seinen politischen Eliten nichts mehr zutraut. Hin- und hergerissen zwischen Anpassung und aggressiver Ablehnung der modernen Kultur, wie sie seit Generationen von außen in das Land hineinströmt. Hin- und hergerissen zwischen Kollaboration und gewalttätigem Widerstand. Hin- und hergerissen zwischen der Öffnung für neue Lebensformen und dem Festhalten an lieb gewordenen Traditionen.

“Gott hilft”, “Gott ist die Rettung”, Jesu Name ist eine Einladung an irritierte Menschen, die ihre innere Mitte verloren haben. Die spüren, dass sie die alten Gewissheiten nicht mehr tragen und doch dem Neuen noch nicht vertrauen können, für die nostalgische Anhänglichkeit an das Alte genauso wenig den Weg in die Zukunft weist, wie die aggressive Ablehnung alles Fremden. Sinn und lohnenswerte Ziele in ihrem Leben finden sie nicht mehr. Es strengt sie an, gegen ihre Mutlosigkeit ankämpfen, einen neuen Anfang für sich zu finden. Sie spüren, dass sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen und ihrem Glauben nicht gerecht werden.

“Gott hilft”, “er wird sein Volk retten von ihren Sünden” - so deutet Matthäus den Namen Jesu. Und Jesus macht sich mit diesem suchenden Volk auf den Weg. Hinunter in den Jordangraben, hinunter zu Johannes, dahin, wo nach dem Bericht des Matthäus so viele aus der Stadt Jerusalem, aus dem flachen Land, aus der gesamten Jordangegend strömen, um seine Kritik zu hören, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen, um neu zu beginnen, um sich taufen zu lassen.

So ungehobelt sich Johannes zeigt, so grob er diese Menschen mit seiner Predigt empfängt, so fordernd er zu ihnen spricht - er hat ein feines Gespür dafür, was sich eigentlich gehört, als Jesus kommt. Es widerstrebt ihm, den zu taufen, der größer ist als er. Er möchte Jesus hindern, sich mit diesen Menschen gemein zu machen, die doch nur Sünder sind. Aber: “Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen.”

Wir sind anders. Wir sagen selten: “Lass es jetzt geschehen!” “Lass Dir nichts gefallen!”, das sagen und hören wir öfter. “Sich durchsetzen können”, sollen Kinder lernen. Wir sind es gewohnt, uns von unserer besten Seite zu zeigen, in den Vordergrund zu kommen, ein schönes Portfolio unseres Lebens zu präsentieren, uns das an Anerkennung zu holen, was uns zusteht.

Jesus macht es nicht so. Er nimmt sich zurück. Er stellt sich nicht nach vorn, er stellt sich in die Reihe der Taufwilligen. Er steht in der Mitte derer, die niedergedrückt sind, die einen neuen Anfang suchen, sich Ermutigung erhoffen. Jesus verzichtet auf das, was ihm zusteht, an Status, an Achtung, an Respekt. Er macht sich frei, von dem, was andere von ihm erwarten. “Gott hilft” ist sein Name und deshalb will er alle Gerechtigkeit erfüllen, Gottes Willen tun. Spüren lassen, wie Gottes Liebe diese Welt verändert, wie Gottes Gerechtigkeit uns zu einem erfüllten, sinnvollen Leben hilft. “Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen”. Dies sind die ersten Worte, die Matthäus von Jesus überliefert und diese Worte sind Programm seines Lebens. “Gott hilft”, indem Jesus uns den Weg der Gerechtigkeit vorangeht. Name und Auftrag, Botschaft und Leben finden jetzt zusammen.

Jesus erfüllt die Gerechtigkeit Gottes und lässt sich taufen. Da öffnet sich der Himmel. Über der Erde wird es hell und klar, Gott öffnet sich für die Erde. Es ist, als stünde ich an einem See. Eine kräftige Wintersonne hat nach einem langen trüben Herbst den Nebel über dem Wasser vertrieben. Das Grau geht, die Farben kommen zurück. In der klaren Luft sehen meine Augen die lange verhüllten Berge am Horizont. All meine trüben Gedanken und Sorgen hat die Sonne mit dem Nebel vertrieben. Ich richte mich auf. Das Alte liegt hinter mir. Eine neue Perspektive tut sich auf. Ich beginne, neu zu leben.

Der Himmel geht auf. Gott öffnet sich für das, was in dieser Taufe geschieht. Jesu Würde wird so offenbar. Das ist Matthäus wichtig. Zwei Mal heißt es “Siehe”, zwei Mal spricht er uns Leser und Hörer direkt an: “Siehe, da tat sich der Himmel auf!” Gottes Geist kommt im Symbol der Taube auf Jesus herab und wird ihn auf seinem Lebensweg beflügeln. “Siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.” Der bei den suchenden, vielleicht auch verzweifelten Menschen am Jordan steht, den liebt Gott. Der mit den Menschen hinunter in die tiefen Täler des Lebens geht, den liebt Gott. Der mit uns in die Untiefen des Lebens hinabsteigt, den liebt Gott.

“Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.” Gott gefällt, dass Jesus alle Gerechtigkeit erfüllt. Gott gefällt, wie er sich zu den Menschen stellt - “als ein Gerechter und ein Helfer”. Jeder kann es hören: Gott steht zu Jesus, Gott steht zu seinem Sohn. Es ist kein intimes Zwiegespräch zwischen beiden, es ist die öffentliche Proklamation. Es macht uns gewiss: Jesus löst mit seinem Leben ein, wofür sein Name steht: “Gott hilft”, “Gott ist die Rettung”.

Liebe Gemeinde,

mit Jesu Taufe beginnt die öffentliche Wirksamkeit Jesu. Mit dem Auftrag an seine Jünger, zu taufen und zu lehren endet sie im letzten Kapitel bei Matthäus. Jesu Taufe ist das Urbild unserer eigenen Taufe. Sie erinnert uns daran, dass wir zu Gottes geliebten Kindern gehören. Wir sind nach Jesu Auftrag getauft. Vertrauen wir darauf, was uns sein Name verspricht: “Gott hilft”. Amen.

Perikope
11.01.2015
3,13-17

Predigt zu Matthäus 3,13-17 von Thomas Bautz

Predigt zu Matthäus 3,13-17 von Thomas Bautz
3,13-17

Damals kam Jesus von Galiläa her an den Jordan zu Johannes, um sich (auch) von ihm taufen zu lassen. Der wollte ihm aber nicht zu Willen sein und sagte: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“

Doch Jesus gab ihm zur Antwort: „Lass es für diesmal geschehen, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Da gab Johannes ihm nach.

Als Jesus aber getauft und soeben aus dem Wasser gestiegen war, siehe, da taten sich die Himmel auf, und er (Johannes oder Jesus) sah Geist Gottes herabsteigen - wie eine Taube auf sich kommen. Und siehe, eine Stimme erscholl aus den Himmeln: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe!“

Liebe Gemeinde!

Diese Geschichte verdeutlicht uns zunächst die Berechtigung und Notwendigkeit historischer Leben-Jesu-Forschung allgemein, wie sie sich in (fünf) verschiedenen Phasen etwa seit 1740 bis heute vollzogen hat. Die Erzählung von der Taufe Jesu sagt enorm Wichtiges über den historischen Jesus und seine Beziehung zu Johannes den Täufer. Sie lässt Klarheit gewinnen über die Verzeichnung beider Personen durch urchristliche Überlieferung und dogmatische Vereinnahmung, wie sie seit dem Frühchristentum in Dogmen- und Theologiegeschichte bis in unsere Zeit waltet. Allerdings ist ein großer Teil der Forschung heute wieder bereit, Jesus von Nazareth in seinem damaligen gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Umfeld nachzuspüren. Das heißt u.a., ihn als Juden anzuerkennen.

Denn die bei den drei Evangelien (Mk, Lk, Mt) überlieferte „Taufe Jesu“ erfährt jeweils charakteristische Veränderungen; bei Joh entfällt sie komplett. Man fügt etwas hinzu, man lässt etwas weg, man interpretiert, man verändert - dabei wird Entscheidendes über die jeweilige Intention der Verfasser und die jeweilige Tradition ihrer Empfänger ausgesagt.

Ein Vergleich der verschiedenen Versionen der Geschichte zeigt, dass der erzählten Taufe Jesu ein historisches Ereignis zugrunde liegt. „Anstößiges“ findet sich nur bei Mk (1,4) und Lk (3,3): der Nazarener begehrt - wie viele andere seiner Landsleute - von Johannes dem Täufer, dem letzten Propheten, Prediger der Umkehr und Buße, der Sinnesänderung und des Umdenkens die „Taufe zur Vergebung der Sünden“. Denn diese hat der Täufer am Rande der Wüste gepredigt.

So hat sich die urchristliche Überlieferung Jesus aber nicht vorgestellt - das passt nicht ins Konzept! Jesus als Täufling des Johannes ist schon schwer verdauliche Kost. Die Tatsache, dass es sich auch noch um einen „Reinigungsritus“ handelt, erklärtermaßen zur „Vergebung der Sünden“, kollidiert mit der konstruierten Vorstellung eines „sündlosen“ Jesus. Im JohEv (1,29ff) geht Jesus „mit Sünden belastet“ zum Täufer, trägt aber nicht seine eigenen Sünden,  vielmehr nimmt er - als „Lamm Gottes“ - hinweg die „Sünden der Welt“!

„Sünde“ meint zunächst nichts Moralisches, so wie wir es meist assoziieren; Sünde bedeutet auch keine metaphysische (übersinnliche) Trennung von „Gott“. Mit „Sünde“ bezeichnet man vielmehr „Zielverfehlung“; das Griechische - von Homer, Aischylos bis zum NT - benutzt den Ausdruck hamartía: wenn ein Bogenschütze ein Ziel verfehlt. Es wird auch metaphorisch gebraucht: das Lebensziel, den Lebenssinn verfehlen. Im Althebräischen meint der Ausdruck chata’a allgemein „Verfehlen eines Ziels“. Später verengt sich die Bedeutung und wird zum moralischen, religiösen Begriff „Sünde“; sogar im Sprachgebrauch des modernen Hebräisch bezeichnet „Chet“ (gleiche Wurzel wie im Althebr.) „Sünde, Vergehen“. Verfehlen Menschen nicht immer wieder ihr Lebensziel, oder gehen sie nicht zumindest streckenweise in die Irre?

Auch der Nazarener läuft Gefahr, sein Ziel zu verfehlen. Johannes der Täufer aber ist sein Lehrer und Jesu Taufe nur konsequent. Für den historischen Jesus gibt es keinen Grund, sich aus der großen Schar der Johannesanhänger zu exponieren oder abzuheben, indem er sich der Taufe entzöge. Auch spricht selbst aus der Überlieferung noch die große Wertschätzung, die der spätere Rabbi Jesus seinem einstigen Lehrer gegenüber bekundet (Mt 11,9f.11.14):

Johannes sei mehr als ein Prophet, bedeutender als irgendein Mensch, der je gelebt hat, und Jesus identifiziert ihn mit Elija, dessen Kommen vorausgesagt war. Damit ist zum Ausdruck gebracht, wie aufrichtig Jesus zu seinem Lehrer Johannes d.T. empor geschaut hat.

Doch hat sich bei Mt ein sog. Taufgespräch zwischen dem Täufer und Jesus „eingeschlichen“. Wenn sich die Taufe Jesu schon nicht ignorieren ließe, so musste zumindest geleugnet werden, dass er ihrer bedurfte. „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?!“, lässt Mt den Täufer sagen und legt Jesus die „fadenscheinige“ wie „nebulöse“ Antwort in den Mund: „Lass jetzt, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ (Mt 3,14f).

Die von Bibelübersetzern verfasste Übertragung der Guten Nachricht trifft den Sinn besser  (Mt 3,15): „Das ist es, was wir jetzt zu tun haben, damit alles geschieht, was Gott will.“

Nicht zufällig ist die Taufe Jesu bei den Evangelien (Mt 4,1-11; Mk 1,12-13; Lk 4,1-13) mit der Erzählung von der „Versuchung Jesu“ inhaltlich verknüpft. Versucht werden kann nur jemand, der auch versuchlich ist. Die Art und Weise der Versuchungen (!) Jesu sagt natürlich auch Richtiges, Wichtiges über die Versuchlichkeit des Menschen schlechthin aus. Aber das ist heute nicht unser Thema. Wir halten lediglich fest: Der Geist, der Jesus bei seiner Taufe „gegeben“ wird, führt ihn anschließend in die Wüste, damit er dort versucht würde (Mt 4,1f).

Wenden wir uns dem Taufgeschehen selbst und den Begleiterscheinungen zu: „Als Jesus aber getauft und soeben aus dem Wasser gestiegen war, siehe, da taten sich die Himmel auf, und er (Johannes oder Jesus) sah Geist Gottes herabsteigen - wie eine Taube auf sich kommen.“

In Vorderasien stand die Taube im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeitsgöttin Ischtar bzw. in Phönikien mit dem Astarte-Kult und diente als Botenvogel der Liebe. In Griechenland war sie der Liebesgöttin Aphrodite zugeordnet. Im Hohenlied Salomos werden die Blicke der Geliebten mit „Tauben" verglichen (Hld 4,1), was so viel bedeutet wie: „Deine Blicke sind Liebesboten; Du bist schön, und deine Blicke künden von Liebe und Bereitschaft zur Liebe“.

So hat Gottes Bestätigung und Erwählung seines geliebten Sohnes bei der Taufe des Johannes auch etwas Zärtliches, Liebevolles. Daher ist es durchaus zulässig, wenn wir uns Gott auch als liebevollen, zärtlichen Vater oder Mutter vorstellen. Wer sich bei Gott geborgen weiß, dessen Leben hat schon eine entscheidende Umkehr, Wende, Erneuerung oder Wiedergeburt erfahren. Die Johannestaufe ermöglicht ein Leben aus Gott, das Früchte der Buße, der Umkehr, Früchte des Heiligen Geistes, trägt.

„Und siehe, eine Stimme erscholl aus den Himmeln: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe!“

Jesus hat die Bedeutung der Johannestaufe sehr ernst genommen; er verbindet sie mit Gottes Willen, dem Gerechtigkeit widerfahren solle; er stimmt dem Grundgedanken des Täufers zu, dass alle Menschen es nötig haben, sich wieder auf ihre wahre Bestimmung zu besinnen und Gottes Kinder zu werden (Joh 1,12). Allerdings ist der Nazarener noch radikaler, denn er weiß, dass es nicht ausreicht, Menschen aufzufordern, ihr Leben zu ändern. Es bedarf vielmehr des neuen Grundvertrauens in die unerschütterliche, unerklärliche Liebe des himmlischen Vaters.

Für Jesus wird die Taufe zu einem Zeichen, sich Gott auf Gedeih und Verderb zu überlassen; so lässt er sich in die Fluten des Jordan ein- und untertauchen. Wieder auftauchend wird ihm bewusst, dass Gott niemals nur gerecht ist, sondern vor allem großmütig, gütig, barmherzig: Menschen dürfen einem Gott vertrauen, der vergibt, der nicht töten und uns nicht in einem todähnlichen, abgestorbenen Zustand belassen, sondern uns beleben und lebendig erhalten will. Es geht Jesus also in keiner Weise darum, lediglich einer Pflicht, nämlich der Teilnahme an einem Taufritual, Genüge zu tun.

Für uns könnte die Taufe Jesu durch Johannes den Anfang all dessen bedeuten, „was Gott uns zu sagen hat in der Person des Jesus von Nazareth als unseres Bruders“ (E. Drewermann). Es wird zugleich deutlich, wie der spätere Rabbi oder Lehrer Jesus sich selbst sieht, und worin er den Kern seiner Botschaft erkennen wird: Es ist die Vorstellung einer neuen Art, wie Gott redet, nämlich in Gestalt des „Sohnes“ oder auf „Sohnesweise“ (Hebr 1,2); ich bevorzuge den heute verständlicheren Ausdruck: „auf kindliche Weise“, schon deshalb, weil Kinder viel eher Vertrauen investieren, als wir Erwachsene jemals bereit sind.

Die brutale Wirklichkeit des Lebens erschüttert - nicht nur in den Krisengebieten, wo Kinder erbärmlich verhungern oder versklavt werden oder als Kriegsopfer verrecken - das nötige Grundvertrauen. In reichen Industrienationen und in wirtschaftlich aufstrebenden Ländern werden immer mehr Kinder und junge Menschen Opfer von Gewaltverbrechen wie sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Zwangsprostitution. Besonders Mädchen und junge Frauen sind betroffen. Die Pädophilie hat längst - im Verbund mit der Pornoindustrie - ins Internet Einzug gehalten. Spezialisten bei Europol und Interpol setzen sich Tag und Nacht den Strahlen ihrer Computerbildschirme aus. Wie sollen all diese Opfer je genesen und noch Vertrauen lernen?

In unserer Erwachsenenwelt spricht man noch gelegentlich vom „Gottvertrauen“, das man etwa in bestimmten Lebenslagen oder Situationen bräuchte; wer es „hat“, wird auch schon mal darum beneidet. Man benötige auch (mehr) Selbstvertrauen, und wie steht es erst mit dem Vertrauen unter einander, in zwischenmenschlichen Beziehungen? Beides scheint nicht ganz so einfach, wie man denken könnte.

Eine materialistische und auf viele Sicherheiten bedachte Erwerbs- und Konsumgesellschaft trimmt ihre Kinder und Jugendliche, Leistungen zu erbringen, sich im Wettbewerb beruflich  zu behaupten, möglichst effektive Rücklagen zu bilden, Kapital Gewinn bringend einzusetzen. Für vertrauensbildende Maßnahmen ist da wenig Platz, oder sie spielen nur vorübergehend für Geschäftsbeziehungen bei gleichstarken Partnern eine Rolle.

Viele Menschen gebärden sich so, als wären sie ständig auf der Flucht - nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Eben deshalb scheint vieles darauf anzukommen - wie Jesus als unser mögliches Vorbild -, die Menschen zu lehren bzw. ihnen zu vermitteln, dass sie nicht mehr länger vor einander und vor sich selbst ausweichen oder fliehen müssen, dass sie nicht an sich selbst vorbeileben - ihr Lebensziel verfehlen - müssen. Vielmehr gilt es, sich zu stellen, ins kalte Wasser zu springen, um womöglich ganz neue Erfahrungen zu machen.

Wir sollten dem Vorbild des historischen Jesus folgen - der nach mehrheitlicher Erkenntnis der Forschung selbst keine christologischen Hoheitstitel wie Sohn Gottes, Messias/ Christus, Menschensohn oder sogar „Gott“ für sich beansprucht hat -, um Menschen heute „etwas von Gott näherzubringen“, ihnen „ein Stück vom Himmel zu öffnen“. Mit jeder Geburt eines Menschleins ist sozusagen etwas vom Himmel auf die Erde gekommen, für uns „unableitbar, unerklärbar“, etwas „Freies, Kostbares und wunderbar Schönes“, ein Geheimnis, das zu schützen und lebendig zu erhalten es uns eigentlich wert sein müsste (Drewermann).

Es gilt, unseren Mitmenschen ihre Würde und Selbstachtung wiederfinden zu lassen - dort wo sie an der Grausamkeit einer Krise zu zerbrechen drohen; wo sie in den Augen anderer schon als gescheiterte Existenzen, als Versager dastehen; wo eine unerbittliche Maschinerie sie im Berufsleben hat ausbrennen lassen, oder wo Langzeitarbeitslosigkeit sie hat müde und mürbe werden lassen, so dass einstige Phantasie, Kreativität und Elan längst abgelöst wurden gegen stupide Belanglosigkeit und Gleichgültigkeit.

Als dankbarer, stolzer Vater eines neunjährigen Jungen wächst in mir von Tag zu Tag der Wunsch, seine Begeisterungsfähigkeit zu fördern und ihm ein erfülltes Leben in dem Sinn zu ermöglichen, den er irgendwann selbst wird finden müssen. Wenn es mir gelingt, ein paar Wegmarken auf der Suche nach seinem Lebensziel noch mit ihm gemeinsam zu entdecken, werde ich sehr glücklich sein. Ich wünsche meinem Sohn ein geistvoll erfülltes Leben, also kein materiell gesättigtes Leben, das man auch schnell satt haben kann. Er sei gesegnet!

Wenn Menschen einander segnen, statt sich mit Flüchen zu bedenken; wenn wir versuchen, einander ernsthaft zu verstehen, statt uns mit Vorurteilen zu begegnen oder uns gegenseitig auf Dauer etwas nachtragen und uns damit unnötig Gewalt antun; wenn wir zuließen, dass jemand uns liebt, können wir allmählich auch wieder Liebe empfinden und weitergeben. Liebe und Güte vertragen sich aber nicht mit Machtansprüchen; wer auftrumpft, zeigt damit, wie unsicher er im Grunde ist und wie wenig er sich akzeptiert und geliebt weiß. Glücklich ist der Mensch, der aus freiem Willen etwas Hilfreiches oder Nützliches tut, ohne dadurch etwas anderes - Geld, Ansehen, Einfluss, Macht - anzustreben oder zu begehren.

Ob sich „Geist Gottes“ auch auf unser Leben herabsenkt, vielleicht auf ungeahnte Weise uns längst begleitet - wir bedürfen keines Zeichens, keiner Gestalt wie eine Taube, aber man kann sich unsere „Seele“ wie Noahs dritte Taube vorstellen, die er nach der Sintflut aussendet und die erst eine Weile unruhig umherflattert, bis sie wieder trockenes Land findet. (Drewermann)

Menschen sehnen sich nach Heimat; wir finden sie am ehesten, indem wir anderen eine Heimat schaffen. Angesichts der heißen Debatten um die Aufnahme der vielen Flüchtlinge und der Diskussionen um eine Änderung des Asylrechts ist das Thema „Heimat“ aktueller, als man es sich hat vorstellen können. Aber ich verstehe „Heimat“ noch in einem tieferem Sinn: Wenn ich für einen Menschen eintrete, ihm Respekt erweise, ihn achte, ihm dadurch seine Würde zeige, betrete ich mit ihm gemeinsamen Raum, schaffe eine Sphäre des Menschlichen. Das Gegenteil wäre Abgrenzung; wir blieben dann einander fremd und jeder lebte weiter in der Fremde, ohne eine Heimat, die man miteinander teilte.

Wenn Vertrauen entstehen oder sogar wachsen soll, dann bedarf es auch der Bereitschaft und des tieferen Interesses als unabdingbare Voraussetzung. Lässt sich das in Kirchengemeinden eher erfahren als andernorts in der Gesellschaft? Sind vertrauensbildende Maßnahmen in den Kirchen eher möglich oder gegeben?

Nun, Kirchengemeinden sind ein Teil der Gesellschaft, ihre Mitglieder - das wird vielleicht allzu oft vergessen oder gar verdrängt - sind Bürger der Gesellschaft, und als solche haben sie auch Teil an kulturellen, wirtschaftlichen, politischen Gegebenheiten. Sie haben sich den gleichen Gesetzmäßigkeiten einer vom Erfolgsdenken und materiellem Konsum geprägten Lebenshaltung angepasst. Kleinere Projekte oder Alternativen ändern nichts im Wesentlichen.

„Aber etwas Entscheidendes muss doch anders sein“, mögen Sie einwenden. Ja, in der Kirche pflegt (!) man ein Denken, eine Sprache, wie ich sie normalerweise andernorts nicht höre. Diese Tatsache wird in neueren praktisch-theologischen Entwürfen sogar als wünschenswert bezeichnet. Ich bin eher für eine radikale Anschauung, wie sie mir bei der Evangelienlektüre hindurch scheint, wenn sie von Johannes dem Täufer und Jesus von Nazareth erzählen.

Wenn wir in der Kirche normalerweise Babys und Kleinkinder taufen, signalisiert das meist zweierlei: (ideelle) Aufnahme des Kindes in die Gemeinde als einer Glaubensgemeinschaft  und Aufnahme des Kindes in den Schutzraum Gottes, unter seinen Segen. Ich freue mich, wenn Eltern ihre Kinder im Konfirmandenalter taufen lassen; dann darf ich eher voraussetzen, dass die Jugendlichen schon ein wenig über Glaubensfragen nachgedacht haben.

Seltener lassen sich Erwachsene taufen; ich bin dann besonders beglückt und empfinde die Gespräche vorher als Bereicherung. Johannes predigt eine „Taufe der Umkehr“ - wahrlich etwas ganz anderes als ein Sakrament. Martin Luther kommt der Intention des Täufers nah, wenn er mit der Taufe eines Kindes die Möglichkeit verbindet, dass sich die Erwachsenen an ihre Taufe im tieferen Sinne erinnern sollen. Die Taufe Jesu durch Johannes könnte uns zu denken geben, insbesondere weil der Nazarener sie begehrt. Wir sollten die Möglichkeit stärker in den Blick nehmen, Menschen erst zu taufen, wenn sie mündig, erwachsen sind.

Den Kindern geht derweil nichts verloren; davon zeugt das Ereignis „Segnung der Kinder“, von dem Mt (19,13-14) erzählt, das aber ungern in unserem Zusammenhang gehört wird:

„Da wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er die Hände auf sie legte und betete. Die Jünger aber fuhren sie an. Doch Jesus entgegnete: Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich.

Es würde also völlig ausreichen, wenn wir - dem Beispiel Jesu folgend - Kinder segneten. Den Segen kann ein Geistlicher spenden, aber vor allem sollten die Eltern ihn praktizieren. Auf keinen Fall möchte ich Eltern suggerieren, ihr Kind ginge oder wäre ohne Taufe „verloren“, es bedürfe durch die Taufe der Errettung, wäre nur kraft dieses „Sakraments“ bei Gott angenommen (o.ä.). Nein! Den Kindern „gehört das Himmelreich“ - was bedarf es mehr; wer vermag das noch zu steigern?! Deshalb sollten wir uns ganz auf eine Taufe zur Umkehr konzentrieren, die freilich nur für Menschen geeignet ist, die eines Umdenkens fähig sind und dies sozusagen auch nötig haben.

Dass Gott das Leben eines Menschen, ob als Kind, Heranwachsender oder Erwachsener mit seinem gütigen Segen wohlwollend begleitet, dessen dürfen wir gewiss sein. Ich gebe aber auch zu, dass mir dabei immer wieder Zweifel kommen, weil ich manche Schicksale, von denen Menschen betroffen sind, unmöglich als segensreich für sie betrachten kann. Aber vielleicht schließt der „Segen Gottes“ auf eine von außen nicht erkennbare Weise sogar die „Hölle“ mit ein. Ermutigend finde ich, dass immer wieder Menschen Beistand und Hilfe geben, selbst Nachteile auf sich nehmend und oft genug unter Einsatz ihres Lebens.

Amen.

Literatur

Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/1 (1985), 150-158.

Gerd Theissen/ Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch (21997), 184-198.

Eugen Drewermann: Das Matthäusevangelium. 1. Teil: Bilder der Erfüllung (1992), 320-324.

Herbert Braun: Jesus - der Mann aus Nazareth und seine Zeit (erw. Studienausgabe, 1984), 34ff, 240ff.

Jürgen Becker: Jesus von Nazaret (1996), 38ff.

Daniel Alain Bertrand: Le baptème de Jésus. Histoire de l’exégèse aux deux premiers siècles (1973), 4-20.

Ernst Käsemann: Exegetische Versuche und Besinnungen. 1. Band (41965): Das Problem des historischen Jesus, erstmals in ZThK 51 (1954), 187-214.

Annette Großbongardt/ Dietmar Pieper (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums (2012): Der Fluch des Täufers (Christoph Türcke), 170-178.

Perikope
11.01.2015
3,13-17

Predigt in einfacher Sprache zu Matthäus 3,13-17 von Christiane Neukirch

Predigt in einfacher Sprache zu Matthäus 3,13-17 von Christiane Neukirch
3,13-17

Hinweis: Predigt in einfacher Sprache für einen Gottesdienst in Gebärdensprache

Liebe Gemeinde!

Ein Vater stellt uns seinen Sohn vor:

Das ist mein Sohn. Ich liebe ihn. Ich freue mich über ihn!

Wie schön sind diese Worte!!! Da ist so viel Wärme und Vertrauen und Freundlichkeit drin. Ich glaube, dieser Vater sieht seinen Sohn gern an. Er muss ganz tief mit ihm verbunden sein. Er kennt die Welt von seinem Sohn. Er kennt seine Wünsche und Gedanken und versteht ihn. Er stärkt ihm den Rücken und gibt ihm Selbstvertrauen und Kraft.

Das ist mein Sohn. Ich liebe ihn. Ich freue mich über ihn!

Ich kann richtig fühlen, wie ein Sohn sich bei solchen Worten des Vaters aufrichtet! So kann er das Leben annehmen. Bei so einem Vater kann jedes Kind – egal, wie alt es ist - ohne Angst offen sein und mit ihm über alles sprechen und ihm seine Sorgen erzählen. So ein Vater kann auch Ratschläge geben und jeder Sohn, jede Tochter wird sie annehmen. Der Vater sieht ja viel weiter als Sohn oder Tochter. Er hat ja viel mehr Erfahrung. Was dieser Vater sagt, ist gut, auch wenn es mal bitter schmeckt.

Das ist mein Sohn. Ich liebe ihn. Ich freue mich über ihn!

Hier redet aber nicht irgendein Vater über irgendeinen Sohn. Das sagt Gott, der Vater im Himmel, über Jesus Christus.

So war es zwischen Gott und Jesus. Das lesen wir an vielen Stellen im Neuen Testament. So eine Wärme, so ein Vertrauen, so eine Freundlichkeit ist da zwischen den beiden. Die haben eine ganz tiefe Verbindung zueinander. Jesus sagt zu Gott „Abba“, das bedeutet: „Liebes Väterchen“!! Gott stärkt Jesus immer wieder und Jesus will immer wieder ganz nah bei Gott sein. Jesus geht in die Wüste oder zieht sich woanders zurück und redet mit seinem himmlischen Vater allein. Jesus nimmt Gottes Willen an – nicht aus Zwang, sondern weil er Vertrauen hat: was Gott will, ist richtig.

Und was will Gott von Jesus? Gott will: Jesus soll mit den Menschen leben und die Liebe des Vaters mit ihnen teilen, sie an sie weitergeben. Jesus soll hingehen, wo die Menschen hingehen, soll tun, was sie tun – nicht das Böse natürlich, sondern das Gute.

Deshalb will Jesus auch: Johannes soll ihn  taufen. Die Taufe von Johannes war gut. „Ihr müsst umdenken!“ hat Johannes der Täufer gesagt. Er meinte damit: ihr müsst zu Gott zurückkehren, ihr müsst euch an Gott erinnern, an seine Treue zu euch und an seine Gebote für euch und nicht meinen, ihr seid selber Gott. Damit hat Johannes der Täufer ganz recht – bis heute – und Jesus sagt dazu mit seiner Taufe ganz klar: stimmt!

Johannes selber ist erschrocken, als Jesus zu ihm kommt. Er weiß: Jesus steht über ihm, deshalb will er Jesus zuerst nicht taufen – aber Jesus hat die Nase nicht oben, er sagt: „Lass gut sein!“

Wir lesen bei Matthäus: da, nach der Taufe, öffnen sich für Jesus die Himmel und Gott selbst kommt zu ihm mit seiner besonderen Kraft, dem Heiligen Geist – wie eine Taube, nicht in einer Taube – er ist auch keine Taube – wie eine Taube, steht da in der Bibel. Und dann sagt Gott diese schönen Worte über Jesus  –

Das ist mein Sohn. Ich liebe ihn. Ich freue mich über ihn!

Das, liebe Gemeinde, soll Gott doch bitte auch über uns sagen! Das brauchen wir! Das stärkt und hilft auch uns, das Leben anzunehmen und macht uns Mut, uns immer wieder von Gott Rat und Kraft zu holen. Gott ist doch auch unser Vater im Himmel und versteht uns besser als wir selber uns verstehen!

Aber vielleicht denken jetzt einige: wir sind doch nicht gut genug dafür. Wir sind doch nicht genauso fromm und gut wie Jesus?! Und darum kann Gott uns doch gar nicht genauso lieben wie Jesus?!

Doch, das kann er: Gott hat über uns gesagt: „Das ist meine Tochter – das ist mein Sohn. Ich liebe sie. Ich freue mich über sie!“ Das hat er gesagt bei unserer Taufe. Er will es auch zu denen sagen, die noch nicht getauft sind. Der Grund ist nicht: wir sind so gut! Kein Mensch braucht und kann sich seine Liebe verdienen! Die schenkt Gott uns ganz frei.

Jesus war treu, hat die Liebe von Gott mit uns geteilt. So hat er auch die Taufe an uns weiter gegeben am Ende vom Matthäusevangelium. Matthäus hat das im 28. Kapitel aufgeschrieben. Da steht: Jesus spricht: „Geht überall hin und tauft alle Menschen und sagt ihnen alles, was ich euch gesagt habe!“.

Jeder Mensch darf zur Familie Gottes gehören, Bruder und Schwester von Jesus sein und mit der Liebe des Vaters leben. Wir auch. Wir dürfen dem Vater so vertrauen wie Jesus ihm vertraut hat, dürfen zum Vater kommen wie heute im Gottesdienst, unsere Sorgen und Gedanken ihm erzählen und uns von ihm stärken und ermutigen lassen. Wir sind nicht wie Jesus und manche Schuld belastet uns – aber die vergibt er uns. Das hat uns Jesus immer wieder gezeigt, deshalb ist er gekommen. Amen.

 

Perikope
11.01.2015
3,13-17

Offen und weitherzig - Predigt zu Matthäus 2,1-12 von Matthias Wolfes

Offen und weitherzig - Predigt zu Matthäus 2,1-12 von Matthias Wolfes
2,1-12

Offen und weitherzig 

Liebe Gemeinde,

„Gold, Weihrauch und Myrrhe“ schenkten sie ihm – sie fielen nieder vor dem Kind und beteten es an, dann taten sie ihre Schätze auf.

Es ist die Geste der unbedingten Anerkennung, die Zeichengebung einer unbeschränkten Heilserwartung, um die es sich hier handelt. Demgegenüber tritt das von Angst und Haß erfüllte Vorgehen des Herodes zurück. Gewiß, wir sehen, daß die Geschichte Jesu von Beginn an umgeben ist von Hinterhältigkeit, Verrat und Zerstörungswut. Er soll nicht leben! – das ist die Devise der Feinde seit dieser ersten Stunde. Aber Gott ist mit ihm, und so wird der Plan zunichte. Untergehen wird Jesus nicht, selbst dann nicht, wenn es zuletzt doch gelingt, seinem irdischen Weg ein Ende zu setzen.

I.

Wir haben es also mit der Erzählung von den „Heiligen drei Königen“ zu tun. Der Evangelist Matthäus kennt sie allerdings nicht als „Könige“, sondern als „Sterndeuter“ oder auch „Magier“. Als Könige werden sie im Neuen Testament nicht bezeichnet, wie auch die Angabe, daß es sich um drei Personen handelt, eine Präzision der späteren Legendenbildung ist. Und daß ihre Namen Caspar, Melchior und Balthasar gewesen wären, wie es die westliche Tradition des Christentums weiß, ist eine Kenntnis, die deutlich jüngeren Datums ist, ebenso wie jene andere, wonach die drei Weisen die Nachkommen der Söhne Noahs, Sem, Ham und Japhet, waren und folglich die universale Kirche darstellen. Noch viel später hat man dann sogar auch etwas über einen vierten König erzählen können, der sich aber auf seiner Reise nach Bethlehem zur Krippe um dreißig Jahre verspätet. Die mitgeführten Gaben gibt er unterwegs für Werke der Barmherzigkeit hin, und als er dann endlich eintrifft, wird er zum Zeugen des Gekreuzigten auf Golgatha.

Matthäus jedenfalls erzählt knapp und nüchtern nichts anderes, als daß Weise aus dem Osten“ durch den Stern von Bethlehem zur Geburtsstätte Jesu geführt werden. Dort erwarten sie, „den neugeborenen König der Juden“ zu finden, den sie anbeten wollen. Hier hat das Prädikat „König“ seinen Sinn, und von ihm aus erklärt sich auch der Schrecken des Herodes, denn er mußte darin ja eine Bedrohung seiner eigenen Autorität sehen.

Mit der Frage, wie es zur Entstehung dieser Erzählung kommen konnte, wollen wir uns nicht weiter aufhalten. Generell geht es in die falsche Richtung, wenn man nach historischen Grundlagen für das erzählerische Material der Evangelien forscht. Man kann das tun, und es ist ja auch an sich ganz interessant. Aber dem Wesentlichen kommt man damit nicht nahe. Die Gefahr ist vielmehr groß, daß man sich auf Nebenfelder begibt und Streit um Dinge führt, die der Sache nach nicht den Mittelpunkt bilden.

Die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland gehört nun einmal einfach zur Weihnachtsgeschichte hinzu. Sie ist ein fester Bestandteil unserer christlichen Überlieferung, und an ihr wollen wir festhalten. Das Historische bewegt uns dabei nicht. Wir fragen nicht, woher diese Sterndeuter denn eigentlich von dem besonderen Kind wissen konnten. Wir fragen nicht, in welchem Verhältnis sie vor und nach der Szene von Bethlehem zum Glauben an den Erlöser standen. Darüber wird bei Matthäus nichts gesagt. Worum es geht, ist die einzigartige heilsgeschichtliche Stellung Jesu, und die Anbetung der Weisen geschieht, weil gezeigt werden soll: Von Anfang an wissen einige Klarsichtige darum.

II.

Der entscheidende Punkt ist, daß es sich bei diesen Klarsichtigen um Menschen handelt, die von weither kommen. Ihre Besonderheit besteht weniger in ihrer Würde als „Könige“, da geht die Legende in die Irre, so sehr auch der prächtige Reliquienschrein im Kölner Dom gerade diesen Umstand den Gläubigen einprägen möchte. Daß sie auf irgendeine Weise von dem heiligen Kind erfahren haben, daß sie dann den Entschluß gefaßt haben, sich auf den Weg zu machen und daß sie ihre Aufgabe in nichts anderem sehen, als diesem Kind eine besondere Ehre zu erweisen, das ist es, was sie auszeichnet.

Und hierin liegt auch die Bedeutung der Erzählung: Die Weihnachtsgeschichte erhält durch sie eine Weite und Offenheit, die aus der Grundkonstellation von Stall und Krippengeburt heraus nicht zu erwarten wäre. Das beschränkt Lokale, das Heimliche, das Anheimelnde – jene Konzentration auf den einen Ort, den wir in unserem Weihnachtsfest so innig nacherleben, wird durch das Eintreffen der Weisen aus dem Morgenland und ihre „Anbetung“ unerwartet, ja sogar plötzlich ins Weltweite hin geöffnet.

Das bedeutet nicht, daß nun das Geschehen im Stall von Bethlehem seine Geschlossenheit verlieren würde. Es kann, wenn man so will, bei der Intimität der Krippe bleiben. Aber es kommt durch die Erzählung eine Horizonterweiterung hinzu. Das christliche Ursprungsfest ist eben sowohl ein Moment besonderer Konzentration wie auch des Bezuges zum Anderen. Hierin sehe ich den Sinn und den Gehalt der Erzählung, und es ist gut, wenn wir uns in diesem Gottesdienst daran auch ausdrücklich erinnern.

Auch unsere gottesdienstlichen Feiern sind ja Momente der religiösen Konzentration. Aber sie sollen eben auch einen Bezug zur Welt um uns her haben. Sie sollen eine Dimension des Offenen aufweisen und uns für den Weg in und durch die Welt stärken. So wie die drei Weisen durch ihr Auftauchen in Bethlehem zu ganz frühen Weggefährten Jesu geworden sind, können sie uns daran erinnern, daß auch wir niemals anders Weggefährten Jesu sein können denn als Bürger und Einwohner dieser Welt.

III.

Der christliche Glaube ist seiner Natur nach offen und weitherzig. Anders sollte man auch die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen nicht verstehen, von denen in der Erzählung die Rede ist. Wenn es heißt, daß die Weisen erklären, sie hätten „den Stern des neugeborenen Königs der Juden im Morgenland gesehen“, so bezieht sich das auf jenes Wort aus dem vierten Buch Mose: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen […]“ (4. Mos 24, 17). Die Geschenke der Weisen sind Zeugnisse dafür, daß Jesus tatsächlich der Messias ist. Auch sie beziehen sich auf alttestamentliche Motive. So heißt es bei Jesaja: „Alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn“ (Jes 60, 6). Gold als Gabe finden wir auch in Psalm 72 (Verse 10 bis 15), und Myrrhe und Weihrauch „umwölken“ die Szenerie im Hohenlied (3, 6). Ganz ausdrücklich läßt dann aber der Evangelist vor allem die Aussage des Propheten Micha in Erfüllung gehen: „Und du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel HERR sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“ (Mi 5, 1). Auch an der immerhin nicht unbedeutenden Veränderung des ursprünglichen Prophetenwortes sollte man keinen Anstoß nehmen; sie ergibt sich aus der im Glauben erkannten Erfüllung jener Verheißung gleichsam von selbst und erweist umgekehrt die produktive Kraft des Alten Testamentes für die Bildung neutestamentlicher und nachneutestamentlicher Legenden.

Religionen sind bewegliche Gebilde. Das gilt für das Christentum genauso wie für das Judentum, und zwar in allen ihren konfessionellen Ausprägungen. Religion ist gestaltetes Gottesvertrauen. Ob wir wollen oder nicht, so sind doch auch wir hineingestellt in die lebendige Bewegung des Glaubens. Die Art und Weise, wie wir heute und hier Christen sind, wie wir uns das christliche Bekenntnis zueigen gemacht haben und es in unserem Leben wirklich werden lassen, ist die Wirklichkeit des Christentums an sich. Es gibt keine abstrakte, dogmatisch richtige oder irgendwie sonst verbindliche Form des christlichen Glaubens, an die man sich als Gläubiger annähern müßte, um im vollen Sinne als Christ gelten zu können. Sind nicht die Weisen aus dem Morgenland wahrhaftige Zeugen Jesu gewesen? Und das, obwohl für sie, diese gottesfürchtigen Heiden, ja nun wohl von einer kirchlichen Frömmigkeit keinesfalls die Rede sein kann.

Lassen Sie uns die Erzählung in diesem Sinne auffassen. Sie kann uns ermutigen, den Weg des Glaubens als lebendige Menschen zu gehen, lebendig in jeder denkbaren Hinsicht, mit dem ganzen Geist, dem ganzen Leib, der ganzen Fülle, die uns gegeben ist, als die irdischen Wesen und Geschöpfe Gottes, die wir sind.

Amen.

Verwendete Literatur:

Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. 1. Teilband: Mt 1 – 7 (Evangelisch-Katholischer Kommentar. Band I / 1). Dritte, durchgesehene Auflage, Zürich und Neukirchen-Vluyn 1992 (hier auch zum komplexen exegetischen Befund hinsichtlich der Wortlautveränderung von Mi 5, 1; siehe Seite 113f.).

Edzard Schaper: Der vierte König. Ein Roman, Köln 1961.

 

Perikope
06.01.2015
2,1-12